Kitabı oku: «Ringelpietz mit Abmurksen»

Yazı tipi:

»Du kannst den Menschen aus dem Ruhrpott holen, aber niemals

den Ruhrpott aus dem Menschen«, sagt Lotte Minck, und sie

muss es ja wissen: 1960 im Schatten der Zeche General Blumenthal

in Recklinghausen geboren, war sie viele Jahre in Bochums

Veranstaltungs- und Medienbranche tätig. Nach 50 Jahren im

turbulenten Ruhrgebiet entschied sie sich fürs andere Extrem:

Heute lebt sie an der friesischen Nordseeküste, wo sieben Autos an

einer Ampel bereits als Stau gelten. Ihre Heldin Loretta Luchs

und alle Personen in Lorettas Universum sind eine liebevolle

Huldigung an Lotte Mincks alte Heimat.

Besuchen Sie Lotte Minck im Internet:

www.lovelybooks.de/autor/Lotte-Minck/ www.roman-manufaktur.de www.lotteminck.de

Ruhrpott-Krimödien mit Loretta Luchs bei Droste:

Radieschen von unten

Einer gibt den Löffel ab

An der Mordseeküste

Wenn der Postmann nicht mal klingelt

Tote Hippe an der Strippe

Cool im Pool

Die Jutta saugt nicht mehr

Voll von der Rolle

Mausetot im Mausoleum

3 Zimmer, Küche, Mord

Darf’s ein bisschen Mord sein?

Ruhrpott-Krimödien mit Stella Albrecht bei Droste:

Planetenpolka

Venuswalzer

Sonne, Mord und Sterne

Lotte Minck

Ringelpietz
mit Abmurksen

Eine Ruhrpott-Krimödie mit Loretta Luchs

Droste Verlag

Figuren und Handlung dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und

nicht beabsichtigt.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

2020 Droste Verlag GmbH, Düsseldorf

Umschlaggestaltung: Droste Verlag unter Verwendung

einer Illustration von Ommo Wille, Berlin

eISBN 978-3-7700-4178-7

E-Book-Konvertierung: Bookwire Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH

www.drosteverlag.de

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Epilog

Die Liebe in Zeiten des Internets

Prolog

»Und? Was machst du so?«, fragte der Mann, der mir gegenübersaß.

Ich seufzte innerlich.

Ich sitze hier und langweile mich so sehr, dass ich mir am liebsten die Haare anzünden würde, nur damit etwas passiert, hätte ich am liebsten geantwortet, aber ich verkniff es mir, schließlich bin ich ein höflicher Mensch.

Außerdem: Er war hier, wie die anderen auch, um endlich die Liebe zu finden.

Und ich war hier, weil mir meine lieben Freunde Bärbel und Frank einen Gutschein für dieses Speed-Dating geschenkt hatten. Um genau zu sein: Es waren Gutscheine für drei Speed-Datings gewesen, und ich büßte gerade das zweite davon ab.

Sie hatten mir damit eine Freude machen wollen, und dafür liebte ich sie. Sie hatten sich dafür bedanken wollen, dass sie dank meiner Vermittlung nun stolze Betreiber eines kleinen, aber sehr lebendigen Lebensmittellädchens in meinem Viertel waren.

»Unser Leben hat sich um tausend Pimpillionen Prozente verbessert«, pflegte Frank zu sagen, »und dat nur wegen Loretta.«

Sie hatten lange überlegt, wie sie sich bedanken könnten, hatte Bärbel mir verraten, als sie mir den Umschlag mit den Speed-Dating-Gutscheinen übergeben hatten.

Ich hatte nicht gewusst, ob ich lachen oder weinen sollte.

Wirke ich wirklich derart bedürftig?, hatte ich mich spontan gefragt.

Gut, ich war seit einiger Zeit Single, und die glücklichen Paare um mich herum schienen zu glauben, dass dies kein Zustand war, mit dem man zufrieden sein konnte. Das galt nicht nur für Frank und Bärbel, sondern auch für Doris und Erwin sowie für Diana und Okko, die sich allesamt Sorgen um mein Seelenheil machten, wie ich aus Anlass der Gutschein-Übergabe erfuhr. Man hatte konspirativ beratschlagt und war zu dem Schluss gekommen, dass es an der Zeit war, mich auf die Piste zu schicken.

Bei dem Gedanken an die zahlreichen Telefonkonferenzen, bei denen es um mein nicht vorhandenes Liebes- beziehungsweise Sexleben gegangen war, wurde mir ganz anders.

Und jetzt saß ich Marc gegenüber, der bestimmt Muttis Liebling war, wie ich messerscharf aus dem eindeutig selbst gestrickten Pullover schloss, der seinen Oberkörper eine Spur zu knapp umspannte. Mit monoton dahinplätschernder Stimme hatte er mir Auskunft über sich gegeben – Bauarbeiter, siebenundvierzig Jahre –, und seine rot glänzende Halbglatze spiegelte seine Aufregung deutlich wider. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es war nicht sein Äußeres, das diese spontane Abneigung, gepaart mit bleierner Müdigkeit, in mir ausgelöst hatte. Nein, es war seine Stimme. Vor meinem geistigen Auge erschien das Bild, wie er in unserer gemeinsamen Wohnung am Tisch saß und vor sich hin leierte, während ich hinter ihm stand und die hoch über meinen Kopf erhobene Bratpfanne mit Schmackes auf seinen Haarkranz niedersausen ließ. Endlich Ruhe. Hihihi, dann würde Kommissarin Küpper mich verhören und könnte mich endlich in den Knast befördern, was sie sich vermutlich schon etliche Male heimlich gewünscht hatte. Es sei denn, ich käme mit Notwehr durch.

Moment mal. Was hatte er mich gefragt? Genau. Der Gedanke an Notwehr hatte mich erheitert, stellte ich fest.

»Ich arbeite in einem Callcenter«, sagte ich, »für eine Online-Bank.«

»Wow. Das hätte ich nicht gedacht. Du siehst nicht so aus, als hättest du einen seri…« Er brach ab und stierte mich erschrocken an.

»Als hätte ich einen seriösen Job?«, soufflierte ich mit einem Lächeln. »Online-Bank. Alles passiert am Telefon. Ich muss nicht im schicken Kostümchen am Schalter stehen. Außerdem bin ich in der Administration tätig. Ich sitze also nicht an der Hotline und habe keinen Kundenkontakt. Ein ganz normaler, langweiliger Job in der Verwaltung.«

»In meiner Freizeit gehe ich angeln«, sagte er. »Und du? Hast du ein Hobby?«

»Fotografieren«, erwiderte ich.

Sein Gesicht hellte sich auf. »Das passt doch super. Dann kannst du die Fische knipsen, die ich geangelt habe. Weißt du, am liebsten gehe ich auf Karpfen. Und es gibt so eine Website, auf der man seinen Fang posten kann. Das stelle ich mir nett vor, mit dir zusammen loszuziehen und …«

Ein Gutes hatte diese Vorstellung: Er würde beim Angeln nicht reden. Aber alles andere an seiner Fantasie erfüllte mich mit geradezu lähmendem Entsetzen. Im Morgengrauen losziehen, dann stundenlang in der Pampa an irgendeinem Tümpel hocken und darauf warten, dass so ein bedauernswerter Fisch, der bis dahin ein schönes Leben geführt hatte, luftschnappend aus dem Wasser gezerrt wurde, nur um seinen sinnlosen Tod auf einer Website für angelnde Angeber zu dokumentieren? Nur über meine Leiche. Und selbst dann noch nicht.

Ein Glöckchen ertönte, und ich atmete innerlich auf. Denn dieses silberhelle Bimmeln bedeutete, dass Marcs und meine gemeinsame Zeit vorüber war.

»Oh, schon vorbei?« Marc war sichtlich enttäuscht. »Das waren doch nie und nimmer sieben Minuten!«

Doch, mein Lieber, das waren sogar sieben Ewigkeiten, dachte ich, setzte ein bedauerndes Lächeln auf und zuckte mit den Schultern.

Zögernd erhob er sich und trottete zum nächsten Tisch, während sich auf dem nun leeren Stuhl bereits der nächste Kandidat niederließ.

»Hi, ich bin der Jimmy.«

Ein Hauch von Sandelholz wehte mich an.

Auch er bestach optisch durch Gestricktes, allerdings hatte er das ausgeleierte Teil vermutlich selbst geklöppelt, an langen Abenden bei Räucherstäbchen, Fencheltee und indischer Sitarmusik.

Auf seine Frage hin tischte ich auch ihm die Lüge auf, ich sei bei einer Online-Bank angestellt, wie ich es Fremden stets erzählte. Dass ich bei einer Sexhotline arbeitete, wusste nur mein enges Umfeld, und das reichte auch vollkommen.

»Bei einer Baaaaaaank?«, fragte er skeptisch und verzog das Gesicht. »Dann hast du ja voll den kommerziellen Job. Das ist ja noch schlimmer als Sabine – die arbeitet als Bulle, das muss man sich mal vorstellen. Wie kann man für einen solchen Fascho-Verein knechten? Freiwillig? Unfassbar. Mit so einer Frau könnte ich niemals … also, dazu bin ich ein viel zu sensibler Mensch. Ich bin nämlich Künstler.«

Das erklärte seine Miene, denn mein Beruf war aus seiner Sicht offenbar ziemlich uncool. Aber immerhin war ich keine Faschistin.

Was für ein Schwachkopf.

»Künstler? Tatsächlich?« Ich bemühte mich, Interesse zu heucheln.

Jimmy nickte. »Ja, ich bin Lebenskünstler.« Er grinste stolz. »Ich bin Musiker, und bürgerliche Normen finde ich spießig. Das ist nicht so mein Ding.«

Höflich bleiben, Loretta, höflich bleiben … »Du verdienst deinen Lebensunterhalt als Musiker?«

»Mal mehr, mal weniger. Ich wohne zurzeit in der Schrebergartenlaube eines Kumpels, ganz im Einklang mit der Natur. Ich brauche nicht viel, du verstehst?«

Oh ja, ich verstand. Ich ahnte, was er spießig fand: regelmäßig frühmorgens aufstehen und arbeiten gehen, Steuern und Miete zahlen … diese langweiligen, bürgerlichen Dinge halt. Ich konnte ihm nur wünschen, dass er hier eine gleichgesinnte Lebenskünstlerin traf. Dann konnten sie zusammen in der Laube hocken und von dem leben, was sie im Wald an Beeren und Wurzeln fanden. Oder Bienen den Honig klauen.

»Ich finde es übrigens sehr unangenehm, dass du dich mir gegenüber so abfällig über Sabine geäußert hast«, sagte ich, »das gehört sich nicht.«

»Du bist ja noch spießiger, als ich dachte. Ich darf ja wohl meine Meinung sagen.«

»Das finde ich faschistisch, Jimmy: dass du in deinem Hochmut glaubst, das Recht zu haben, andere mit Dreck zu bewerfen. Sag deine Meinung, wem du willst, aber verschone mich mit deinen biederen und gestrigen Parolen über vermeintliche Spießer und angeblich faschistoide Polizisten.«

»Dich würde ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen«, zischte er.

Ich hob die Brauen und grinste. »Ist das ein Versprechen?« Als in diesem Moment das Glöckchen erklang, fügte ich hinzu: »Und jetzt verpiss dich, du Heiopei.«

Ha, das tat gut.

Geh mit Gott, aber geh, dachte ich, und verschwinde rückstandslos aus meinem Leben.

Ich lernte noch den ruhigen Gärtner Kai kennen und traf den sympathischen Rocker Hajo wieder, den ich bereits von letzter Woche kannte. Außerdem waren da noch die Spaßkanone Didi und der sehr gepflegte Dönerbudenbesitzer Cem. Zuletzt saß ich noch einem alten Bekannten gegenüber: Mike, dem ich ebenfalls bereits bei meinem ersten Speed-Dating begegnet war.

»Ich habe mich sehr auf dich gefreut. Was muss ich tun, damit du dich für mich interessierst?«, schmalzte er mich sofort an und blickte mir tief in die Augen.

Eigentlich unnötig, denn wir hatten ja schon bei der ersten Begegnung festgestellt, dass wir uns sympathisch waren.

Aber ich spielte gerne mit und zuckte grinsend mit den Schultern. »Versuchs mit einem Brilli, der die Größe einer Eierkohle hat.«

Er lachte so schallend, als hätte ich den Gag des Jahrtausends gerissen. »Dein Humor ist unwiderstehlich«, schnaufte er, als er sich wieder eingekriegt hatte. Dann wurde er ernst. »Wie sieht es aus: Bekomme ich deine Mail-Adresse?«

»Könnte sein.«

»Das hört sich doch gut an.« Er räusperte sich und deutete auf mein halb volles Glas. »Sag mal, trinkst du das noch? Mein Mund brennt wie Feuer, die ganze Zeit schon.«

Ich hielt ihm mein Glas hin, und er schüttete sich den Inhalt mit einem Schluck in den Rachen.

»Puh, schon besser. Echt erstaunlich, wie viele Gemeinsamkeiten wir haben«, gurrte er dann und sah mir tief in die Augen. »Darüber habe ich während der letzten Woche oft nachgedacht.«

Damit hatte er allerdings recht – verblüffend viele Gemeinsamkeiten sogar. Wir schienen das gleiche Essen, die gleiche Musik und den gleichen schwarzen Humor zu schätzen, und dennoch schlug mein Instinkt plötzlich und vollkommen unerwartet Alarm. War der Blick eine Spur zu feurig? Die Stimme eine Spur zu gurrend? Seine Trinkgewohnheiten eine Spur zu gierig? Seinen Begrüßungssekt hatte er ebenfalls in einem großen Schluck runtergekippt, sich über den Geschmack beschwert und sich dennoch umgehend nachschenken lassen. Wieder hatte er das Glas auf ex geleert.

Loretta, der Typ ist nicht koscher, wisperte ein Stimmchen in meinem Kopf, und ich war geneigt, auf diese Warnung zu hören. Er war wirklich sehr charmant und sehr interessiert, aber trotzdem …

Ich bemühte mich, mir nichts anmerken zu lassen. Die restlichen Minuten plänkelten wir hin und her, bis Denise, die Moderatorin, unter fröhlichem Glöckchenschwenken das Ende der heutigen Dates einläutete.

»Oha, die Totenglocke durchtrennt gnadenlos unsere Schicksalsfäden«, raunte Mike mir mit einem neckischen Zwinkern zu, und ich rang mir ein Lächeln ab.

»Wir machen jetzt eine kurze Verschnaufpause«, zwitscherte Denise. »Ihr könnt euch vorne einen Kaffee holen oder ein Kippchen rauchen. Danach erkläre ich euch, wie es weitergeht. In zehn Minuten sehen wir uns wieder.«

»Meine Beine fühlen sich an, als wären sie eingeschlafen. Ich sollte mich mal ein bisschen bewegen. Ich muss sowieso mal kurz für kleine Königstiger«, sagte Mike, womit er mir eindeutig zu viel Information geliefert hatte. Er stand auf, taumelte ein wenig und musste sich am Tisch festhalten. »Hui … mir ist schwindelig. Du verwirrst meine Sinne.«

Sauf halt weniger, dachte ich gallig.

Wir verließen den Raum, und die Gruppe zerstreute sich. Mir war nach einem Espresso, aber ich hatte nicht vor, später zu den anderen zurückzukehren.

Ich ging hinaus auf die kleine und sehr idyllische Terrasse des Cafés und entdeckte einen Tisch, der von üppigen Büschen umgeben und von der Tür zum Innenbereich aus nicht zu sehen war. Rocker Hajo und Lebenskünstler Jimmy standen in einer Ecke, pafften hastig ihre Glimmstängel und waren in ein angeregtes Gespräch vertieft. Ob sie sich wohl über die Auswahl der Damen austauschten? Innerlich zuckte ich mit den Schultern. Konnte mir wurscht sein.

Um diese Zeit – es war beinahe sechs Uhr – waren nur noch wenige Gäste hier. Die Kaffeezeit war vorüber, und das Servicepersonal begann bereits damit, die frühlingshafte Dekoration von den Tischen zu räumen. Ich bestellte einen Espresso und ein kleines Glas Wasser, was mir blitzartig serviert wurde.

Ich lehnte mich zurück, blinzelte in die Sonne und hoffte, dass Mike nicht auf die Idee kam, hier nach mir zu suchen. Irgendwas an ihm hatte mich heute abgetörnt, nachdem ich mich doch zunächst auf unser Treffen gefreut hatte. Merkwürdig. Aber mein Bauchgefühl ließ mich von meinem ursprünglichen Plan, unsere Bekanntschaft zu vertiefen, Abstand nehmen.

Ich griff zum Tässchen und hob es an die Lippen, als ein gellender Entsetzensschrei mich zusammenfahren ließ. Brühheißer Espresso ergoss sich über mein Knie, was höllisch schmerzte. Geistesgegenwärtig sorgte ich mit dem Wasser aus dem Glas für umgehende Abkühlung, während eine Frau kreischte: »Zu Hilfe! Wir brauchen einen Arzt, schnell!«

War etwa jemand ausgerutscht und gestürzt? Ich sprang auf und rannte hinein.

Unablässig kreischte die Frau weiter, und mit mir stürmten etliche Leute in den Gang, der zu den Toiletten führte. Im Vorraum des Sanitärbereichs lag ein Mann auf den Fliesen, der halb von der schreienden Frau verdeckt wurde, die neben ihm kniete. Ich erkannte sie sofort an ihren fusseligen Haaren. Es war Mareile, die sich jetzt zu uns umdrehte und stammelte: »Er ist tot! Mike ist tot! Gerade lebte er noch, und jetzt ist er tot!«

Rasch trat ich zu ihr und streckte die Hände aus, um ihr hochzuhelfen. Taumelnd kam sie auf die Füße und lehnte sich schwer an mich. Ich blickte auf die liegende Gestalt hinunter, deren Haltung sehr steif wirkte. Die Augen waren weit aufgerissen und starrten blicklos zur Decke.

Mir fiel ein, dass er über ein starkes Brennen im Mundraum geklagt und sich über den miesen Geschmack des Begrüßungssekts beschwert hatte. Und jetzt war er mausetot.

Das war kein stinknormaler plötzlicher Herztod, nie im Leben.

Ich tätschelte Mareile die bebende Schulter und richtete mich auf einen langen Abend ein.

Kapitel 1

Wie alles begann: Eine nette Grillparty bei Freunden und die Suche nach einem angemessenen Geschenk

Alles begann mit diesem feuchtfröhlichen Samstagabend bei Bärbel und Frank. Angrillen war angesagt, und gleichzeitig war es die erste offizielle Gartenparty im neuen Domizil.

Vor einem knappen halben Jahr hatten Frank und Bärbel den kleinen Lebensmittelladen von Gitti Scheffer übernommen und waren in die Wohnung über dem Geschäft gezogen. Seither hatte sich eine Menge getan. Um den – mit drei Kindern – viel zu knappen Wohnraum zu vergrößern, war hinter dem Haus ein großzügiger Anbau für Küche, Wohnzimmer und Essbereich entstanden.

Während Profis den Anbau hochgezogen hatten, hatte Frank bei der Terrasse, die wir nun einweihten, auf Eigenleistung – und die seiner Freunde, natürlich – gesetzt. Mein Anteil hatte darin bestanden, dass ich samstags zusammen mit Bärbel den Laden schmiss, damit Frank und Erwin die jeweiligen Großeinkäufe im Baumarkt erledigen konnten. Meine Beteiligung an den Bauarbeiten beschränkte sich auf klugscheißerische Kommentare, das Suchen von abhandengekommenem Werkzeug und das Halten von Balken, während die Männer daran herumnagelten oder wahlweise -schraubten. So war innerhalb von vier Wochenenden eine durchaus beeindruckende, teilüberdachte Terrasse mit einem Grillplatz entstanden.

Für die kleine Party waren die üblichen Verdächtigen zusammengekommen. Die fröhliche Truppe bestand aus Bärbel und Frank, Doris und Erwin sowie Diana und mir. Diana, meine beste Freundin und ehemalige Mitbewohnerin, war extra von der Nordseeküste angereist, um dabei zu sein. Ihr Gatte Okko war leider unabkömmlich gewesen, und auch Gitti fehlte zu unserem Bedauern, aber sie war wieder einmal mit ihrer späten, aber dafür umso größeren Liebe Alfie auf Reisen. Dennis, Doris’ und mein Chef im Callcenter, wollte später auch noch vorbeikommen.

Natürlich standen Frank und Erwin am Grill, während die Damen um den großen Tisch saßen und bereits beträchtliche Mengen von Doris’ Bowle süppelten, die sie mit Waldmeister aus dem eigenen Garten angesetzt hatte. Über die sonstigen Zutaten ließ sie sich nur vage aus, aber dass hochprozentiger Alkohol eine nicht unwesentliche Rolle dabei spielte, stand außer Zweifel.

»Ach, ist das schön mit euch!« Diana streckte sich wohlig und seufzte. »Fast wie in alten Zeiten. So glücklich ich mit Okko auch bin – das hier vermisse ich schon manchmal, um ehrlich zu sein.«

»Ich freu mich total, dass du gekommen bist«, sagte Bärbel strahlend.

Diana lachte. »Als ob ich mir diese kleine, charmante Völlerei entgehen ließe. Außerdem wollte ich unbedingt euer neues Heim sehen. Ach, was sage ich – euer neues Leben! Bisher kannte ich ja alles nur aus Lorettas Erzählungen.«

Natürlich hatte ich sie haarklein über alles informiert, zumal es recht dramatische Ereignisse rund um Gitti und ihren Laden gewesen waren, die zu besagtem neuem Leben geführt hatten: Einmal mehr hatte es einen mysteriösen Todesfall gegeben, bei dem Erwin, Frank und ich tätig geworden waren.

Doris warf einen Blick hinüber zu den beiden Männern am Grill und fragte Bärbel mit gedämpfter Stimme: »Vermisst Frank eigentlich den Kiosk? Er hat sein Büdchen doch so geliebt.«

»Kein Stück.« Bärbel winkte ab. »Jetzt ist er endgültig in seinem Element. Die Kundschaft liegt ihm zu Füßen, besonders die älteren Damen. Außerdem sind die Arbeitszeiten deutlich familienfreundlicher. Und dass ich meinen blöden Job aufgeben konnte, um ihn im Laden zu unterstützen«, sie schnalzte mit der Zunge, »das ist die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Alles hat sich für uns verbessert, stimmt’s, Frank? Absolut jeder Bereich unseres Lebens.«

»Um tausend Pimpillionen Prozent!«, rief Frank und deutete mit der Grillzange auf mich. »Und dat allet nur wegen die Loretta.«

Nun, das sagte er nicht zum ersten Mal. Nein, ich hörte es zum mindestens tausend pimpillionsten Mal, um genau zu sein. So ganz allmählich …

»Jetzt lass mal langsam gut sein«, sagte ich also. »Alles hat sich einfach perfekt gefügt: Gitti weiß ihr Geschäft in liebevollen Händen und kann endlich guten Gewissens ihren wohlverdienten Ruhestand genießen. Ich habe euch nur zusammengebracht, weil ich dachte, es könnte passen. Ende der Geschichte.«

»Und dafür gibt’s auch noch ein dicket, fettet Dankeschön!«, rief Frank. »Meine Süße und ich wissen bloß noch nich, wat.«

»Ich will nichts von euch, hört ihr?«, entgegnete ich. »So weit kommt das noch.«

»Dat wirste ma schön uns überlassen, hömma, da fällt uns bestimmt noch wat …«

»Aber das vertagen wir auf später, okay?«, fiel Erwin ihm rigoros ins Wort. »Das Grillgut ist nämlich beinahe servierfertig, meine Damen.«

»Unser Stichwort, meine Liebe.« Bärbel nickte Doris zu, und sie standen auf, um die beiden Salate zu holen, die im Kühlschrank warteten.

Diana blickte ihnen lächelnd nach und sah mich dann an. »Und wie üblich stellst du dein Licht unter den Scheffel. Irgendwie schaffst du es immer wieder, anderen zu helfen. Aber was ist mit dir?«

Ich verstand kein Wort. »Mit mir? Was soll mit mir sein?«

»Bist du glücklich?«

Ups – das traf mich vollkommen unvorbereitet. »Glücklich? Äh … na klar. Glaube ich wenigstens. Ich bin jedenfalls nicht unglücklich.«

Diana grinste spöttisch. »Na, das ist doch immerhin was. Okay, du hast einen guten Job und eine schöne Wohnung, tolle Freunde und einen charmanten, vierpfotigen Mitbewohner. Das ist mehr, als viele Menschen haben, zugegeben. Aber du bist Single.«

»Na und? Ich brauche keinen Mann, um glücklich zu sein. Das wäre ja noch schöner.«

»Aber mit einem Partner an der Seite ist es so viel netter. Und wenn ich das schon sage …« Sie spielte gedankenverloren an ihrem Ehering und grinste mich an. »Ich muss dich wohl nicht daran erinnern, dass ich mal eine fast schon militante Verfechterin weiblicher Unabhängigkeit war. Aber als ich Okko traf, wusste ich: Er ist derjenige, auf den ich immer gewartet habe – ohne dass ich es überhaupt wusste.«

Ich verdrehte die Augen. »Jetzt werd mal nicht kitschig.«

»Pfff, nur kein Neid, meine Liebe. Sei ehrlich: Fühlst du dich denn niemals einsam?«

Ehe sie mich zu einer Antwort nötigen konnte, erschien Erwin und wuchtete eine große Servierplatte mit Steaks und Würstchen auf den Tisch. Bärbel und Doris brachten Kartoffel- und Nudelsalat – und ich war heilfroh, dass ich fürs Erste nicht weiter über mein Leben als vermeintlich unglücklicher Single Auskunft geben musste.

Außerdem tauchte genau in diesem Moment Dennis auf und lenkte Diana zusätzlich von mir ab. Wie bei jeder Begegnung mit ihr versuchte er auch diesmal, sie zur Rückkehr zu seiner Sexhotline zu bewegen, da er – wie er wortreich versicherte – nie wieder eine so gute Domina-Darstellerin wie sie finden würde. Nachdem er sich die traditionelle Abfuhr eingehandelt hatte, wandte er sich Frank zu, um ihm den mit dem Laden übernommenen Kombi abzuschwatzen, einen ehemaligen Leichenwagen aus den Siebzigern. Auch das hatte er schon mehrfach probiert, und seine Argumente waren in der Zwischenzeit nicht überzeugender geworden.

»Du musst mir den Wagen verkaufen«, sagte er beschwörend und fuchtelte mit seiner Gabel vor Franks Gesicht herum. »Ich zahle dir einen guten Preis, und du kannst dir einen supermodernen neuen Kombi anschaffen. Einen mit allen Schikanen.«

»Brauchinisch«, erwiderte Frank mit vollem Mund.

Dennis seufzte theatralisch. »Überleg doch mal, wie authentisch ich in dem Auto aussehen würde. Sieh mich an – es ist wie für mich maßgeschneidert!«

»Kaum vorstellbar, dass Bestatter in den Siebzigern in solchen Klamotten rumgelaufen sind«, warf ich grinsend ein. »Sooo psychedelisch war dieses Jahrzehnt nun auch wieder nicht, Dennis.«

»Damit dürfte Loretta recht haben«, sagte Doris.

Natürlich hatte ich recht: Dennis’ grasgrünes Hemd war an der Brust großzügig mit Rüschen besetzt, und die Kombination mit seiner veilchenblauen Schlaghose war nur sehr schwer auszuhalten.

»Psychedelisch?« Dennis sah mich erstaunt an. »Ich bin heute geradezu konservativ angezogen, das musst du zugeben.«

Ja, das war wieder ein schöner Beweis für die Relativitätstheorie: Im Gegensatz zu manch anderen Tagen war er tatsächlich relativ konservativ gekleidet. Schließlich sah ich ihn beinahe jeden Tag und hatte einen ziemlich genauen Überblick über seinen Kleiderschrank – und ich hatte schon ganz andere Kombinationen an ihm gesehen. Outfits, mit denen er auf jeder Karnevalsparty den Preis fürs beste Kostüm abstauben würde. Nur, dass es für ihn Alltagskleidung war.

»Dennis, du siehst klasse aus«, sagte Diana. »Du bringst Farbe in unseren tristen Alltag, und allein dafür hast du einen Orden verdient.«

Ich fing Dennis’ triumphierenden Blick auf und grinste innerlich, denn insgeheim bewunderte ich sein Selbstbewusstsein. Vielleicht würde ich es ihm irgendwann einmal sagen. Aber nicht heute.

Wie auch immer – wir schlemmten und tranken und lachten und schwatzten, und es war ein wunderbarer Abend.

Es war bereits nach Mitternacht, als Diana und ich nach fünf Minuten Fußweg bei mir ankamen.

»Ich bin noch nicht müde«, sagte Diana mit leichtem Nuscheln und bückte sich wenig graziös, um Baghira zu streicheln, der maunzend um ihre Beine strich und sie damit aus dem Gleichgewicht brachte. »Hoppla«, konstatierte sie kichernd und stützte sich an der Wand ab. »Wie viele Gläser Bowle haben wir wohl getrunken?«

»Viel zu viele«, entgegnete ich, nicht weniger nuschelnd als sie. Dann kramte ich das kleine Fresspaket für Baghira aus meiner Umhängetasche, ein paar Fitzelchen Fleisch, die ihm nicht schaden würden. Allein das Rascheln der Alufolie weckte die ungeteilte Aufmerksamkeit des Katers, und er trippelte im Zickzack und mit hoch aufgerecktem Schwanz vor mir her zu seinem Napf. Laut schmatzend genoss er die Fleischbröckchen, während ich die Folie zu einem Ball zusammenknüllte, den er später durch die Wohnung dribbeln würde.

»Was zum Naschen und was zum Spielen«, murmelte ich und ließ die silberne Kugel auf den Boden fallen.

»Toll«, sagte Diana hinter mir, »jetzt führt sie sogar schon Selbstgespräche. Oder war diese Information für mich bestimmt?«

»Wie bitte? Du spinnst ja wohl. Ich führe doch keine Selbstgespräche!«

Theatralisch rang Diana die Hände. »Noch schlimmer! Sie merkt es nicht einmal mehr!«

»Könntest du es freundlicherweise unterlassen, über mich zu sprechen, als wäre ich nicht anwesend?«, fragte ich empört. »Und nicht so tun, als hätte ich sie nicht mehr alle?«

»Ach komm, sei nicht eingeschnappt, ich hab nur Spaß gemacht. Schließlich rede ich ja auch manchmal mit mir selbst. Und mit Heini.«

Heini war der entzückende Foxterrier ihres Gatten Okko.

»Wie wäre es noch mit einem kleinen Absacker?« Sie öffnete die Kühlschranktür, spähte stirnrunzelnd hinein und murmelte: »Hm … zwei Flaschen Bier, eine angebrochene und eine volle Pulle Weißwein, irgendein obskurer Schaumwein … zu obskur für meinen Geschmack.« Sie nahm den halb vollen Wein heraus und knallte die Tür zu. Dann schwenkte sie die Flasche auffordernd vor meinem Gesicht.

Ich seufzte ergeben und holte zwei Gläser aus dem Schrank, die sie bis zum Rand füllte.

Wir setzten uns an den Esstisch, stießen an und verplemperten prompt einiges an Wein auf den Tisch. Ich holte einen Lappen und wischte die Bescherung weg, dann setzte ich mich wieder.

»Du bist mir übrigens noch immer eine Antwort schuldig«, sagte Diana.

Argh. Ich wusste sofort, was sie meinte, allerdings hatte ich insgeheim gehofft, dass dieses Thema erledigt war. »Keine Ahnung, wovon du redest.«

»Dann werde ich deinem Gedächtnis mal auf die Sprünge helfen. Meine Frage war, ob du dich nicht manchmal einsam fühlst.« Sie trank einen Schluck und fügte hinzu: »Mir ist klar, dass du es den anderen gegenüber niemals zugeben würdest, damit sie sich keine Sorgen machen. Aber wir zwei Hübschen sind ganz unter uns. Du kannst ehrlich sein; ich werde es niemandem verraten.«

Ha. Das war selbstverständlich eine dicke, fette Lüge, wie sich später herausstellen würde. Aber ich will ihr zugestehen, dass sie es zu diesem Zeitpunkt absolut ehrlich meinte.

»Natürlich gibt es Momente, in denen ich mich allein fühle«, sagte ich nach kurzem Zögern, »aber ich bin nun mal kein Beziehungstyp.« Ich trank einen großen Schluck Wein und war sehr zufrieden mit meiner Antwort. Aber nur kurz.

»Vortrefflich gedroschen, diese hohle Phrase«, erwiderte Diana mit spöttischem Grinsen. »Kein Beziehungstyp zu sein ist nichts weiter als ein urbaner Mythos. Das sagen Kerle, die sich als einsame Wölfe inszenieren, um mit dieser Masche möglichst viele Frauen abzuschleppen. Oder Partyprinzessinnen, die sich alle zwei Nächte einen anderen schnappen und direkt wieder in die Wüste schicken, weil sie Angst haben, dass es irgendwo noch einen Besseren gibt. Du bist weder das eine noch das andere.«

»Na und? Verklag mich doch.« Ich zuckte mit den Schultern. »Ich bleibe dabei: Ich bin kein Beziehungstyp.«

»Blödsinn. Jeder ist ein Beziehungstyp, wenn der oder die Richtige am Horizont auftaucht.«

Sie hatte gut reden, denn sie hatte sich den nettesten Typen der Welt gekrallt. »Jemand wie dein Okko.«

»Genau.« Sie lächelte verträumt, und ihr Gesicht wurde ganz weich. »So jemand wie mein Okko.«

Zugegeben – ich war von glücklichen Paaren umzingelt, und ich war seit meiner Trennung von Pascal Single. Wir hatten uns zu allem Überfluss nicht etwa getrennt, weil wir uns nicht mehr liebten. Ganz im Gegenteil: Er hatte es nicht mehr ausgehalten, dass ich mich bei meinen regelmäßigen Ausflügen in die Welt der Mordermittlungen immer wieder selbst in Gefahr gebracht hatte. Irgendwann hatte er mir ein Ultimatum gestellt: er oder die Mörderjagd.

Und wofür hatte ich mich entschieden? Genau.

Nun ja, das war die Kurzform der Geschichte, aber im Großen und Ganzen war es letztendlich so abgelaufen.

»Für jeden Topf gibt es den passenden Deckel«, deklamierte Diana pompös, »auch für dich. Davon bin ich zutiefst überzeugt.«

»Sagt die Frau, die mich gerade der Phrasendrescherei bezichtigt hat«, gab ich zickig zurück. »Außerdem glaube ich nicht an dieses lächerliche Ammenmärchen vom Topf und dem Deckel. Wenn etwas ein urbaner Mythos ist, dann das. Es ist lediglich der letzte Trost für Leute, die komplett beziehungsunfähig sind. Die können sich immer noch einreden, dass sie hier sind und ihr passender Deckel leider in Australien wohnt. Oder sonst wo im Universum.«

»Aha!« Diana hob den Finger. »Und warum sind diese Leute beziehungsunfähig? Weil sie vielleicht Auswahlkriterien haben, die niemand erfüllen kann. Oder weil kein Mann auf der Welt alle zehn Punkte auf ihrer Liste schafft. Im Prinzip ein echt toller Typ, aber leider disqualifiziert er sich dadurch, dass er gerne Grönemeyer hört. Oder französische Filme liebt. Oder keinen Espresso mag.«

»Du redest nicht zufällig von mir, oder?«, fragte ich misstrauisch. Grönemeyer, französische Filme … das passte.

»Hm … mal überlegen … Rede ich von dir?« Diana legte die Stirn in Falten und blickte nachdenklich ins Nirgendwo. Dann wandte sie sich wieder mir zu und sagte sanft: »Ja, das tue ich, meine Liebe. Ich unterstelle dir, dass du geradezu nach Gründen suchst, um jeden auch nur halbwegs interessanten Mann abzuschießen, der dir zu nahe kommt.«

»Das ist totaler Blödsinn. Ich bin durchaus offen für Bekanntschaften.«

»Und genau das glaube ich dir nicht«, sagte Diana. »Du hast dich hier schön gemütlich eingerichtet in deiner hübschen Singlewohnung. Baghira begrüßt dich, wenn du nach Hause kommst, und leistet dir Gesellschaft, wenn du abends vor der Glotze sitzt. Stell dir dein Leben ohne ihn vor, na los.«

Unwillkürlich blickte ich am Kratzbaum hoch, wo Baghira auf der obersten Plattform leise vor sich hin schnarchte.

»Wie bitte? Warum sollte ich?«

»Natürlich willst du das nicht. Weil du genau weißt, wie öde und leer dein Leben ohne ihn wäre.« Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Eine Zeit lang musterte sie mich, dann sagte sie: »Na gut. Beweise es.«

Ich verstand kein Wort. »Was soll ich dir beweisen?«

»Dass du für neue Bekanntschaften offen bist. Hol deinen Laptop.«

Kapitel 2

Loretta bricht in ein unbekanntes Land auf – gut, wenn man eine Expertin an seiner Seite hat

Alles Sträuben half nichts: Diana blieb knallhart und befahl mir mit einer knappen Geste, mich neben sie zu setzen. Einerseits war ich zu beschwipst, um mich ernsthaft gegen ihren diabolischen Plan zu wehren, aber andererseits war ich bei Weitem nicht beduselt genug, um nicht zu schnallen, was sie vorhatte.

Und richtig. Sie fuhr den Rechner hoch, wählte eine Suchmaschine an und öffnete schließlich die Website einer Plattform für Singles, die sich ›Liebesgarten‹ nannte.

Ich verdrehte die Augen. »Liebesgarten – wirklich? Wie pornös ist das denn bitte? Das klingt wie der Outdoor-Bereich eines Swingerclubs, so mit versteckten Grotten und Whirlpools und so. Für die Muttis und Vattis, die es mal ganz verrückt im Freien treiben wollen, aber zu feige sind, ihre wilde Fantasie im heimischen Naherholungsgebiet umzusetzen.«

»Häuptling Zynische Zunge hat gesprochen«, murmelte Diana und deutete auf die Abbildung eines opulenten Gemäldes. »Da – der Name bezieht sich auf ein Bild von Rubens, das so heißt. Also doch nicht so niveaulos.«

»Das muss sich noch zeigen«, erwiderte ich. »Ein klassisches Gemälde als Namensgeber reicht nicht aus, um eine niveauvolle Auswahl potenzieller Partner zu gewährleisten.«

»Was du nicht alles weißt … Allmählich kriege ich den Eindruck, dass du schon auf Dutzenden dieser Plattformen unterwegs warst.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nee. Noch auf keiner einzigen. Aber das sagt mir der gesunde Menschenverstand.«

»Okay, lassen wir das für den Moment mal so stehen. Also. Das hier ist schon mal nix für allzu junges Gemüse, sondern ausdrücklich auf Ü30-Klienten ausgerichtet. Passt also perf…«

»Hast du mich gerade alt genannt?«, fiel ich ihr ins Wort.

»Jedenfalls alt genug, um hier mitzuspielen«, gab sie zurück. »Ich finde es gut, dass es Plattformen speziell für Leute … äh … unseres Alters gibt.«

»Freut mich, dass dich diese Tatsache so freut. Offenbar hast du vor, Okko gegen was Frisches austauschen«, sagte ich amüsiert, und sie schüttelte lachend den Kopf.

»Nicht ablenken, Schätzchen. Hier geht es einzig und allein um dich.«

Sie hatte ja recht – es konnte nicht schaden, mich mal unverbindlich umzusehen. Die Chancen, meinen Traummann unter meinen Arbeitskollegen zu finden, waren denkbar gering, das musste ich zugeben. Wie sollte das bei mir auch funktionieren? Ich arbeitete in einem Callcenter mit Sexhotline, und das beinahe ausschließlich unter Frauen.

Die Möglichkeit, dass es zwischen Kunde und Dienstleisterin jemals funken könnte, war auch nicht gegeben. Das Ganze war eine Einbahnstraße: Die Damen an der Strippe erledigten ihren Job professionell und ohne Gefühle zu investieren.

Kaum vorstellbar, dass sich eine meiner Kolleginnen – oder ich selbst – jemals in Deckhengst69 oder in BigBoss1980 verknallen würde. Umgekehrt sah das schon anders aus, denn manche der Anrufer nahmen die geheuchelte Leidenschaft für bare Münze. Zumindest war das vereinzelt schon vorgekommen.

Also blieb mir nur noch mein Boss Dennis, den ich zwar sehr mochte, aber nicht unbedingt als Mann an meiner Seite. Objektiv betrachtet, war er durchaus attraktiv: groß und sehnig mit kleinem, knackigem Hintern, außerdem großzügig, humorvoll und schlagfertig. Aber … Dennis? Unter diesem Aspekt hatte ich ihn noch nie betrachtet.

Außerdem hatte ich erst letztens durch eine Reportage erfahren, dass der Arbeitsplatz als klassischer Hotspot für Beziehungsanbahnung längst vom Internet abgehängt worden war. Mittlerweile gab es einschlägige Plattformen nicht nur für jedes Alter und jede nur erdenkliche Variante von Partnerschaften, sondern auch von seriös bis hin zu unverhohlener Suche nach rein sexuellem, kurzfristigem Vergnügen.

»Hallo? Bist du eingeschlafen?«, fragte Diana mich plötzlich. »Du bist ja völlig weggetreten.«

»Nee, ich hab bloß nachgedacht«, erwiderte ich.

Sie deutete auf dem Monitor, und ich sah, dass sie auf den Menüpunkt ›Profil anlegen‹ klickte. Eine kleine Eingabemaske erschien, und der Cursor blinkte auffordernd in einem leeren Feld, unter dem ›Bitte gib deinen Namen ein‹ stand.

»Hoffentlich hast du über den geheimnisvollen Nickname nachgedacht, den du dir geben willst«, sagte Diana. »Ich nehme nicht an, dass du dein Profil unter deinem echten Namen anlegen willst.«

Ups. Nein, das wollte ich tatsächlich nicht, dazu war mein Name viel zu … hm … besonders. Kaum vorstellbar, dass es im Ruhrgebiet noch eine zweite Frau gab, die Loretta Luchs hieß. So ein ungewöhnlicher Name war Fluch und Segen zugleich, wie ich im Laufe meines Lebens festgestellt hatte. Beinahe jeder erinnerte sich daran, wenn er ihn einmal gehört hatte.

Das könnte die einmalige Gelegenheit sein, dieser Situation zu entwischen, ging mir plötzlich auf. Scheinbar nachdenklich sagte ich: »Ich muss mir also einen Nickname ausdenken. Leider habe ich gerade nicht den Hauch einer Idee. Wie ärgerlich. Aber weißt du was? Lass uns die Sache überschlafen. Bestimmt fällt uns morgen ein schöner Name ein.«

Ich wollte den Laptop zuklappen, aber Diana schob meine Hand weg.

»Netter Versuch, Loretta, aber nicht sehr überzeugend. Uns wird schon etwas einfallen. Los, denk nach. Du bist doch sonst nicht so fantasielos.«

»Dann brauche ich noch mehr Alkohol«, murmelte ich ergeben und stand auf, um den Wein aus dem Kühlschrank zu holen.

Während ich mich abmühte, die Flasche zu entkorken, hatte ich eine Eingebung. »Ich weiß, wie ich heißen will – Diana!«, rief ich aus der Küche zu ihr hinüber.

Verblüfftes Schweigen, dann: »Bitte? Du willst meinen Namen benutzen?«

Mit einem satten Plopp marschierte der Korken aus dem Flaschenhals, und ich ging zurück an den Esstisch. »Unsinn. Nicht ›Diana, meine Freundin‹, sondern ›Diana, Göttin der Jagd‹. Würde doch passen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Kommt nicht in die Tüte. Du wirst kein Profil unter meinem Namen anlegen.«

»Nicht dein Name, sondern …«

Diana hob die Hand, um mich zu unterbrechen. »Stopp. Wir denken uns etwas anderes aus, keine Diskussion.«

Ich schenkte uns Wein nach und setzte mich wieder. Ein leises Geräusch ließ mich hoch zum Kratzbaum blicken: Baghiras Kopf erschien über dem Rand seines Schlafkörbchens. Er musterte uns einige Sekunden lang, dann kam er offenbar zu dem Schluss, dass am Tisch gerade nicht gegessen wurde und unsere Aktivitäten für ihn somit nur mäßig interessant waren, denn er verschwand wieder.

Das war es doch! Ich sah Diana an und sagte: »Baghira.«

Offenkundig verstand sie nicht, worauf ich hinauswollte. »Was ist mit ihm?«

»Nichts. Er schläft. Aber wäre Baghira nicht ein perfekter Nickname?«

»Himmel hilf. Wieso denkst du, dass für dich als Frau der Name eines männlichen Panthers perfekt wäre? Du musst immer an die Assoziationen denken, die der Name auslöst. Oder welche er auslösen könnte. Das Dschungelbuch gehört zur Popkultur unserer Generation. Menschen unseres Alters wissen, wer Baghira ist – ganz eindeutig ein Mann. Also: abgelehnt.«

Ich nahm einen großen Schluck aus dem Weinglas. »Herrje, ist das anstrengend. Wie lange hocken wir hier jetzt schon? Eine Stunde? Zwei? Und wir sind noch keinen Schritt weitergekommen.«

»Das liegt daran, dass du einen Namen brauchst, um das Profil anzulegen. Außerdem sind bisher gerade einmal zwanzig Minuten vergangen.«

»Okay. Dann will ich Miss X heißen. Schreib hin: Miss X. Großes X, bitte.«

Diana rollte derart heftig mit den Augen, dass ich befürchtete, sie könnten aus den Höhlen fallen und über den Tisch kollern. »Miss X? Bist du betrunken?«

Ich hob das Glas und kicherte dämlich. »Ja, stell dir vor, das bin ich tatsächlich.«

»Gut, das lasse ich als Entschuldigung gelten.« Sie prostete mir zu, trank einen Schluck und grinste. »Nichts für ungut, aber dank Madonna klingt Miss X nach nietenbesetzter Augenklappe und viel Leder. Und einer Peitsche. Das schürt Erwartungen, die du nicht erfüllen willst. Oder etwa doch? Gibt es da etwas, das ich wissen sollte?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nee. Und selbst wenn, bliebe die Frage, ob ich eventuelle diesbezügliche Vorlieben tatsächlich mit dir zu teilen hätte.«

»Ich bin immerhin deine Freundin!«

»Auch Freundinnen müssen nicht alles wissen, Schatz. Aber tatsächlich bin ich keine heimliche Domina. Ach, Mensch, warum ist das so kompliziert?«

»Hm, du könntest dich natürlich auch Putzimausi, Naschkatze, Traumfrau oder dergleichen nennen.«

»Eher möchte ich tot überm Zaun hängen.«

Diana kicherte. »Das dachte ich mir schon. Außerdem verwette ich meinen Arsch, dass es davon schon etliche gibt. Und wer möchte schon Traumfrau128 sein?« Sie dachte einen Moment lang nach, dann hellte ihr Gesicht sich auf. »Hast du ein deutsch-englisches Wörterbuch?«

Natürlich hatte ich eins. Gab es überhaupt Leute, die so etwas nicht besaßen? Ich holte es und gab es Diana.

»Lu…, Lu…, Lu…«, murmelte sie, während sie mit dem Finger auf der letztlich aufgeschlagenen Seite nach unten fuhr. »Da … Luchs! Na, das klingt doch gar nicht schlecht!« Sie blickte mich triumphierend an. »Lynx. Luchs heißt auf Englisch lynx. Mit Ypsilon. Was denkst du?«

»Lynx … aha. Lynx. Tatsächlich nicht schlecht. Irgendwie mysteriös, oder? Wie wäre es mit Miss Lynx? Dann ist sofort klar, dass ich eine Frau bin.«

»Ja, eine Frau mit Peitsche.«

»Quatsch. Was hast du denn bloß immer mit der Peitsche? Daran ist nur deine Domina-Vergangenheit schuld. Lynx finde ich gut, aber irgendwie zu kurz, zu hart. Ich möchte ja schließlich nicht Mistress davorsetzen, das bedeutet doch Herrin, richtig? Vielleicht klingt dir die Miss deshalb zu sehr nach Peitsche.«

»Hm. Könnte sein. Also gut, die Entscheidung ist gefallen: Du bist Miss Lynx. Ich gebe den Namen jetzt ein.«

Gespannt sah ich zu, wie sie einen Buchstaben nach dem anderen eintippte. Dann klickte sie auf Okay, und ein neues Eingabefeld erschien: ›Bitte geben Sie ein Passwort ein‹.

Auffordernd sah sie mich an, und ich musste diesmal nicht lange nachdenken. »Baghira. Das kann ich mir leicht merken.«

Sie runzelte die Stirn, erhob aber keinen Einspruch. Tipptipptipptipp … das Passwort war festgelegt. Es musste zur Bestätigung ein weiteres Mal eingegeben werden, und dann waren wir drin.

»So, es kann losgehen«, sagte Diana und rieb sich die Hände. »Jetzt gehen wir ins Detail.«

Es begann damit, was ich suchte – Mann oder Frau. Einen Mann, natürlich. Wie alt sollte er sein?

»Das Alter ist mir egal«, sagte ich.

»Ist es nicht. Es sei denn, du willst mit Kontaktanfragen von rüstigen Rentnern zugeballert werden, die für später eine Pflegerin suchen. Also wäre es klug, nach oben eine Grenze zu setzen. Anfang fuffzig, würde ich vorschlagen.«

Ich zögerte. Über fünfzig – das hörte sich plötzlich uralt an. Gut, ich ging stramm auf Mitte vierzig zu, aber das waren lediglich die Ziffern meines Geburtsdatums. Wie ich dachte, handelte und fühlte, schien sich seit meinen Twen-Jahren nicht verändert zu haben. Gut – eine Sache hatte sich doch verändert: Mit zwanzig war ich davon überzeugt gewesen, dass Frauen in den Vierzigern keinen Spaß mehr hatten, Faltenröcke trugen und sich beim Optiker randlose Brillen aufschwatzen ließen, von der Dauerwelle ganz zu schweigen.

Ja, so hatte ich es mir in meiner jugendlichen Dummheit damals vorgestellt.

Leute in der Disco, die sichtlich jenseits der dreißig waren, hatten sich – so schien es mir – an einen Ort verirrt, an dem sie eindeutig längst nichts mehr zu suchen hatten.

Haha, ihr haltet euch wohl für jung, hatte ich höhnisch gedacht, aber ihr seid es nicht mehr und werdet es nie wieder sein – findet euch damit ab.

Und jetzt? Mittlerweile zählte ich gut doppelt so viele Jahre wie damals, aber jeder, der es wagen sollte, mich auf die Anzahl meiner Lebensjahre zu reduzieren, würde ratzfatz feststellen, wie viel jugendlicher Schwung noch in meiner rechten Faust steckte. Na ja, vermutlich würde ich nicht wirklich zuschlagen, aber ich wäre maßlos empört.

Und doch empfand ich gerade einen Mann mit über fünfzig Jahren als viel zu alt für mich. Andererseits: Warum sollte es nicht Männer in diesem Alter geben, die sich – genau wie ich – fragten, warum da dieses seltsame Datum in ihrer Geburtsurkunde stand, das so gar nichts mit ihrem Selbstverständnis zu tun hatte? Die unkonventionell waren, zerschlissene Jeans und Rockmusik liebten? Die als Jungspunde genauso gedacht hatten wie ich damals und längst wussten, wie unglaublich dämlich das gewesen war?

Also nickte ich. »Anfang fünfzig passt. Zwischen Anfang vierzig und Anfang fünfzig.«

»Gut so, das dürfte alles unterhalb und oberhalb dieser Altersgrenzen automatisch rausfiltern. Haarfarbe, Augenfarbe, Größe, Gewicht?«

»Wie … vom Mann?«

»Klar. Kann doch sein, dass du nach einem blonden Hünen mit grünen Augen suchst, der zwingend ein Sixpack haben muss, weil du dich von allem anderen erotisch nicht angezogen fühlst?«

»Das wäre aber reichlich oberflächlich, oder?«

»Mag sein. Aber wenn du ein bestimmtes Beuteschema hättest, könntest du es hier eingeben.« Diana zuckte mit den Schultern und grinste. »Ich glaube, bei jüngeren Frauen sind gerade tätowierte Vollbartträger angesagt, die ihre langen Haare in einem lächerlichen, kleinen Knödelchen tragen, wahlweise eine beknackte Wollmütze, ohne die sie nicht einmal unter die Dusche gehen. Das alles sind Kriterien, die du hier auswählen kannst. Lange Haare, kurze Haare, Glatze …«

»Ist mir sowat von egal.«

»Dann klicke ich hier genau das an. Größe?«

»Nicht unbedingt kleiner als ich, würde ich sagen, aber das ist es auch schon. Alles andere: schnurz.«

Diana nickte und klickte sich weiter durch die Auswahlfragen, während sie murmelte: »Egal … größer als 1,70 Meter … egal … egal …« Sie blickte hoch und fragte: »Bildung? Beruf?«

»Egal! Sag mal, geht es irgendwann auch um mich?«

Diana lachte, schob den Laptop ein Stück von sich weg und lehnte sich zurück. »Kurze Pause, schlage ich vor. Du musst jetzt über deinen Traummann auch nicht unbedingt alles ausfüllen; das kannst du irgendwann nachholen, wenn du willst. Du hast nicht zufällig eine Tüte Chips oder so im Haus?«

Hatte der Papst einen lustigen Hut auf? Natürlich hatte ich für Notfälle wie diesen – also nächtliche Hungerattacken – stets eine kleine Auswahl möglichst ungesunder und fettiger Snacks vorrätig. Ich füllte eine Schüssel mit Paprikachips und stellte sie auf den Tisch.

Sofort griff Diana zu und stopfte sich den Mund voll, dann stand sie auf und holte eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank. Die Geräusche weckten Baghira, der umgehend von seinem Kratzbaum geklettert kam. Nachdem er begriffen hatte, dass es bei uns keine Chips zu erschnorren gab, marschierte er zur Terrassentür und quäkte dort vor sich hin. Ich öffnete die Tür für ihn, damit er draußen seine Kontrollrunde drehen konnte.

»Du haschesch hier echschön«, nuschelte Diana mit vollem Mund. Sie schluckte runter und fügte hinzu: »Dass du mitten in der Stadt eine Wohnung mit eigenem Eingang und großer Terrasse gefunden hast – doll.«

»Schwein gehabt. Aber du hast recht, und ich fühle mich superwohl hier.«

»Fehlt also nur noch ein netter Typ, obwohl die Wohnung für zwei Personen eigentlich zu klein ist.«

Ich winkte ab. »Punkt eins: nicht unbedingt. Punkt zwei: Wer sagt denn, dass ich wieder mit einem Kerl zusammenwohnen will? Vielleicht ist es ja viel besser, erst einmal Abstand zu wahren.«

»Hm … könnte sein. Aber wir sprechen hier über einen Partner, den es überhaupt noch nicht gibt. Und deshalb …« Sie zog den Laptop wieder zu sich heran. »Deshalb geht es jetzt mit dir weiter, meine Liebe. Wie ist zum Beispiel dein Kleidungsstil?«

»Wieso ist das denn bitte wichtig?«, fragte ich verblüfft.

»Ganz einfach. Ein Mann, der zum Beispiel sogar seine Wohnung im Anzug putzt, sucht vielleicht nicht unbedingt eine Frau, die selten bis nie etwas anderes anzieht als geringelte Pullis, Jeans mit ausgefranstem Saum und derbe Boots.«

»Das ist halt mein Stil.«

»Eben. Und der bevorzugte Kleidungsstil sagt halt auch was über die Persönlichkeit aus. Hier geht es ja nicht um die Kleidung, die man unter Umständen aus beruflichen Gründen tragen muss. Ein Bankbeamter, der nicht ohne Krawatte vor seine Kunden treten darf, steht in seiner Freizeit vielleicht auf Lederjacke und Cowboystiefel aus Schlangenleder. Wenn er sich allerdings nach Feierabend nicht umzieht, sagt das etwas über ihn aus. Und die Tatsache, dass du nicht ein einziges Kleid besitzt, ist ja schließlich auch irgendwie eine Art Statement, nicht wahr?«

Da hatte sie natürlich recht. Und dennoch: Im Gegensatz zu mir liebte sie wallende Rüschenkleider, und doch verstanden wir uns prächtig. Aber das war vielleicht nicht unbedingt zu vergleichen. Wichtig war, dass der Humor stimmte.

Aber wie sollte ich das bei einem mir völlig unbekannten Mann herausfinden? Ihn mit Gags befeuern und abwarten, wie er reagierte? Würde ich etwas mit einem Mann anfangen können, der die Monty-Python-Jungs nicht witzig fand?

Loretta, du galoppierst dem Stand der Dinge schon wieder meilenweit voraus, dachte ich.

Ich schreckte aus meinen Gedanken hoch, als Diana zwitscherte: »Konzentration, bitte! Wir brauchen ein Foto von dir!«

Nie im Leben. »Nur über meine verdammte Leiche, Schätzchen«, blaffte ich. »Kein Foto, selbst wenn ich eins hätte – was leider nicht der Fall ist.«

»Ohne Foto wird sich kein Schwein für dein Profil interessieren. Es gibt sogar einen Button, mit dem man alle Profile ohne Fotos aussortieren kann. Wer will schon die Katze im Sack kaufen? Niemand.«

»Also wirklich, ich komme mir ja vor wie auf dem Viehmarkt.«

»Kein Foto, keine Anfragen.«

»Pfff.« Ich zuckte mit den Schultern. »Na und? Dann eben nicht. Wenn ich mir vorstelle, dass da ein Kerl sitzt, der die Fotos anglotzt und dann …«

»Genau das wirst du auch machen«, fiel sie mir ins Wort. »Du willst dir die Typen doch auch angucken. Sonst könnte ja jeder eine Fantasiebeschreibung in sein Profil setzen. Und dann wartest du bei der ersten Verabredung auf deinen Traummann, und es kommt Quasimodo um die Ecke gehumpelt.«

»Wenn der Charakter stimmt, ist mir das Aussehen egal«, murrte ich bockig.

»Schon klar. Darum geht es auch nicht. Aber ich wette, du möchtest auf Quasimodo wenigstens vorbereitet sein. Aber das bist du nicht, wenn dort kein Foto ist und der Typ eine Eins-zu-eins-Beschreibung von George Clooney in sein Profil geschrieben hat. Comprende?«

»Trotzdem …«

»Und umgekehrt? Wäre es dir nicht lieber, wenn ein Mann, der vielleicht nicht auf Frauen mit dicken Hornbrillen steht, sich gar nicht erst um dich bemüht, anstatt beim ersten Date sein entsetztes Gesicht zu sehen? Und mitzuerleben, wie er sich aus reiner Höflichkeit durch das Treffen quält und nur darauf wartet, sich verdrücken zu können?«

»Wie bitte? Wenn jemand derart oberflächlich ist, mich wegen meiner Brille abzulehnen …«

Sie antwortete nicht, sondern wartete einfach ab, bis der Groschen bei mir von ganz alleine fiel.

Das tat er tatsächlich recht schnell: Natürlich war es deutlich cleverer, wenn diese Typen sich vorher selbst aussortierten. Und weniger demütigend, aber das nur nebenbei.

Sie machte also mit dem Handy gefühlt hundert Porträtfotos von mir, bis ich endlich mit einem einigermaßen zufrieden war. Noch besser gefiel es mir, als Diana es der Länge nach halbierte und dann in Schwarzweiß in mein Profil stellte. Ein Brillenglas, ein Auge und ein halber, lächelnder Mund. Beinahe schon künstlerisch, fand ich.

Zufrieden lehnte sie sich zurück und deutete auf den Bildschirm. »Siehst du? Das wirkt spannend und ein bisschen exzentrisch, also entspricht es deiner Persönlichkeit. Mit Sicherheit unterscheidet es sich von den Fotos der meisten anderen Frauen, die ihr Porträt so lange bearbeiten, bis es wie eine utopische Modelversion von ihnen aussieht. Ein Versprechen, das sie nicht halten können. Du versprichst überhaupt nichts. Dein Bild hingegen sagt: Was ihr seht, ist genau das, was ihr kriegt. Ich habe es nicht nötig, mich künstlich zu verschönern.«

Doch, ja, damit konnte ich gut leben. Wem dieses Foto zu schräg war, konnte mir ohnehin gestohlen bleiben, beschloss ich. Und jetzt sollte ich mir Gedanken darüber machen, was ich am liebsten aß – denn diese Frage hatte Diana mir gerade eben gestellt.

Kapitel 3

Der Zug ins Ungewisse nimmt langsam Fahrt auf, und Loretta muss eine erste Auswahl treffen

Sonntagvormittag – strahlendes Wetter.

Wir deckten den Frühstückstisch auf der Terrasse unter dem Dach des Pavillons, dessen Seitenwände ich gar nicht erst installiert hatte. Das Gestänge mit Dach reichte mir völlig als Regenschutz oder Schattenspender, je nachdem, was benötigt wurde. Sogar mitten im Winter saß ich dort manchmal mit einer heißen Tasse Kakao, gemütlich in eine warme Decke gekuschelt, und schaute den tanzenden Schneeflocken zu.

Ich hatte blühende Sträucher und schöne Gräser in große Kübel gepflanzt, und es gab zwei hölzerne Gestelle in Treppenform, auf denen diverse Kräutertöpfe und Balkonkästen mit Blumen standen, die Bienen und zahlreiche andere Bestäuber anlockten.

Diana saß bereits draußen am Tisch, als ich die frisch aufgebackenen Brötchen aus dem Ofen holte und mich zu ihr gesellte.

»Hast du gut geschlafen?«

Diana nickte. »Ganz hervorragend. Zwar hat Baghira versucht, mich vom Sofa zu vertreiben, aber wir haben relativ schnell geklärt, wer wo schläft.«

»Er wollte nur in deiner Nähe sein. Er pennt nämlich nur dann auf dem Sofa, wenn er Gesellschaft sucht, schließlich hat er sein Krähennest.«

»Verstehe. Dann war das nervtötende Herumtrampeln auf mir also ein Kompliment.« Lächelnd sah sie dem Kater dabei zu, wie er am anderen Ende der Terrasse halbherzige Versuche unternahm, eine beeindruckend dicke Hummel zu fangen. »Hast du keine Angst, dass er gestochen wird?«

»Nicht die Bohne. Erstens stechen Hummeln meines Wissens nur im alleräußersten Notfall, und zweitens hat er noch nie ein Insekt gefangen. Er ist ja nicht wirklich ambitioniert; Baghira agiert lediglich uralte, archaische Instinkte aus, die irgendwo in den Tiefen seines limbischen Systems vergraben sind. Reines Triebverhalten, das ihn nach etwas schlagen lässt, das durch die Luft fliegt. Ich wette, er hat keinen Schimmer, was er da tut. Oder warum er es tut. Glaub mir, gleich wird sein Interesse an dem hübschen Spiel schlagartig nachlassen.«

Und richtig – als hätte er meine Worte verstanden, kam Baghira zu uns getrottet, reckte die Nase interessiert hoch und inhalierte. Dann setzte er sich auf seine vier Buchstaben, guckte ungeheuer niedlich und miaute los.

»Darf er ein Fitzelchen Kochschinken haben?«, wollte Diana wissen. Als ich nickte, riss sie ein schmales Stückchen von der Scheibe ab und hielt es dem Kater hin, der sich sofort possierlich auf den Hinterbeinen aufrichtete und mit den Vorderpfoten nach dem Schinken tatzelte.

Ich hätte jetzt sagen können, dass er normalerweise natürlich nichts direkt vom Tisch bekam, aber wem wollte ich etwas vormachen? Schließlich kam es auch bei mir vor, dass ich ihn so fütterte, anstatt besondere Leckereien in seinen Fressnapf zu tun, wo sie hingehörten. Außerdem wurden meine Erziehungsversuche ohnehin regelmäßig von Doris und Erwin torpediert, die manchmal auf den Kater aufpassten und ihn dann nach Strich und Faden verwöhnten. Ich hatte sie sogar im Verdacht, dass er bei diesen Gelegenheiten seine eigene Miniportion ihres normalen Mittagessens bekam. Gulasch mit Kartoffeln, Möhreneintopf … na gut. Solange er nicht ausschließlich mit Currywurst oder Stulle mit Nutella gefüttert wurde, würde er diese Ausrutscher überleben. Und ein wenig Kochschinken vom Biometzger würde dem Kater ganz sicher nicht schaden.

»Das Sortiment in Bärbels und Franks Geschäft ist klasse«, sagte Diana, »ich bin beeindruckt. Klein, aber erlesen. Läuft der Laden gut?«

»Soweit ich weiß, können sie gut davon leben. Sie haben von Gitti ja nicht nur das Geschäft, sondern auch einen riesigen Kundenstamm übernommen, der nicht abgewandert ist. Und die Lieferanten, mit denen sie teilweise schon seit Jahrzehnten zusammengearbeitet hat.«

»Glück gehabt. So, wie ich es verstanden habe, war Gitti hier die graue Eminenz im Viertel, oder?«

Ich registrierte sehr wohl, dass sie Baghira unter dem Tisch heimlich weiterhin mit Schinkenstückchen beglückte, aber ich tat so, als würde ich es nicht bemerken.

»Das stimmt. Viele Leute sind praktisch mit ihr aufgewachsen, sie haben schon als Kinder von ihr diese Kirschlollis bekommen, die jetzt ihr Nachwuchs abstaubt. Aber sie haben bei Gitti nicht nur deshalb eingekauft, weil sie bei allen so beliebt war, sondern auch, weil die Kunden qualitativ hochwertige Ware zu schätzen wissen. Alles ziemlich gutbürgerlich hier in der Gegend; die geben für Koteletts vom Biobauern mit Freude ein paar Euro mehr aus, als sie beim Discounter zahlen würden. Und es gibt zwar nicht zwölf verschiedene Sorten Äpfel, aber dafür weiß man, woher das Obst stammt – und dass es nicht mit Pestiziden besprüht ist.«

»Ich freue mich so für die beiden«, sagte Diana, »ich habe ihnen gestern Abend angemerkt, wie zufrieden sie mit ihrem Leben und wie unglaublich dankbar sie dir sind.«

Ich seufzte. »Zu dankbar für meinen Geschmack. Mir ist das mittlerweile schon ein bisschen peinlich.«

»Aber vergiss nicht: Sie haben mit dem Geschäft eine echte Zukunftsperspektive; es bietet schon ein wenig mehr Stabilität als der kleine Kiosk. Kleine, gut sortierte Tante-Emma-Läden sind wieder voll im Trend. Und ich wette, Gitti hat ihnen gute Konditionen gemacht.«

»Ich kenne keine Details, aber ich denke schon. Gitti benötigt die Pacht nicht für ihren Lebensunterhalt; außerdem kennt sie die Umsätze und somit Franks finanzielle Möglichkeiten. Ganz sicher hat sie null Interesse daran, ihn ausbluten zu lassen. Ihr war besonders wichtig, dass der Laden nicht dichtgemacht werden muss, wenn sie in Rente geht – deshalb hatte sie sich ja bisher nicht dazu entschließen können. Jetzt hat sie endlich Zeit, ihre frisch erblühte Liebe mit Herrn Wüllenhorst – Alfie – zu genießen.«

Diana griff nach ihrem zweiten Brötchen und schnitt es auf. »Gutes Stichwort, Schätzchen. Wir werden gleich nach dem Frühstück mal nachsehen, was sich in der Zwischenzeit bei Miss Lynx getan hat.«

Verdutzt ließ ich die Tasse sinken, aus der ich gerade hatte trinken wollen. »Jetzt schon? Bist du sicher?«

»Na klar. Wir haben Wochenende. Was glaubst du wohl, wie viele einsame Herren gerade im Liebesgarten unterwegs sind und nach interessanten Damen Ausschau halten? Hunderte. Ach, was sag ich: Tausende!«

»Du machst Witze.«

Diana schüttelte den Kopf. »Niemals war mir etwas ernster.« Sie kicherte. »Na ja, zugegeben, das war vielleicht etwas übertrieben formuliert. Aber es wird bereits etliche Anfragen geben, darauf wette ich jede Summe.«

»Ich kapiere noch immer nicht, wieso du darüber derart gut Bescheid weißt, meine Liebe. Ist es das, womit du dich beschäftigst, wenn Okko mal keine Zeit für dich hat?«

»Oh nein, dann hält Heini mich auf Trab. Außerdem finde ich deine Frage reichlich frech. Ich weiß deshalb so gut Bescheid, weil ich die ganze Ochsentour vor ein paar Monaten mit einer alten Freundin von Okko durchexerziert habe. Sie war seit drei Jahren Single, weil ihr Mann sie verlassen hatte. Und sie war todunglücklich. Sie hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, ihr dabei zu helfen, ein Profil bei einer ähnlichen Plattform anzulegen und sie beim Bewerten der Anfragen zu unterstützen.«

Ich verstand nur Bahnhof. Und realisierte, dass ich wirklich überhaupt keine Ahnung hatte, wie das mit diesen Single-Plattformen funktionierte. Das schien ja eine richtige Wissenschaft zu sein … »Wie darf ich das denn verstehen? Was gibt es denn daran zu bewerten?«

Diana stierte mich entgeistert an. »Herrje – bist du wirklich so naiv, oder tust du nur so? Was glaubst du eigentlich, wie viel Elend du zu sehen und zu lesen bekommen wirst?«

»Und? Hatte Okkos Freundin Erfolg?«

Diana nickte. »Letztendlich schon. Aber mit etlichen Höhen und Tiefen. Dreimal glaubte sie, den perfekten Mann gefunden zu haben, aber …« Sie zuckte mit den Schultern.

»Was ist passiert?«

»Alle drei haben sich von einem Tag auf den anderen nicht mehr gemeldet – nachdem es einen täglichen Austausch gegeben hatte, bei dem sie mit Komplimenten überhäuft worden war. Zack – stumm. Einfach so, ohne Erklärung. Manche Männer sind so.«

Wie ätzend war das denn bitte? »Klingt nicht sehr ermutigend. Wie kann ich mich davor schützen?«

»Kannst du leider nicht. Zumal dann nicht, wenn du so einen Typen richtig klasse findest. Und gerade deshalb ist eine zweite, objektive Meinung – wie meine – Gold wert.«

»Na toll. Du fährst morgen zurück an die Küste, und das war’s dann mit einer zweiten Meinung.«

»Das denkst auch nur du. Schließlich kenne ich dein Passwort. Ich werde immer auf dem Laufenden sein, Schätzchen.«

Das konnte ja heiter werden.

Nach dem Frühstück räumten wir den Tisch ab. Diana kochte frischen Espresso, während ich schon mal den Laptop nach draußen brachte, aufklappte und hochfuhr. Das Pavillondach spendete genug Schatten, dass ich trotz der Sonne alles auf dem Monitor erkennen konnte.

Mit zwei Bechern Kaffee kam Diana auf die Terrasse und setzte sich neben mich. »Showtime«, sagte sie grinsend. »Los, Miss Lynx, einloggen.«

Sekunden später waren wir auf meinem Profil, und eine Zahl in einem roten Kreis neben dem Menüpunkt ›Kontaktanfragen‹ informierte mich darüber, dass 32 Männer sich für mich interessierten. Ich war baff.

Diana wollte sich über meine offenbar nicht allzu gut verborgene Verblüffung schier kaputtlachen.

»Hab ich dir doch gesagt!«, quiekte sie vergnügt. »Du bist neu auf der Plattform, und schon stürzen sich alle auf dich wie Wespen auf Apfelkuchen. Gratuliere, du hast die freie Wahl, Schätzchen. Aber ich wage mal die verwegene Prophezeiung, dass höchstens drei von ihnen nicht durch dein Raster fallen werden.«

»Wieso?«

Dianas Grinsen war geradezu diabolisch. »Warte es ab. Ich sagte ja schon: Du wirst eine Menge Elend zu sehen bekommen. Und zu lesen.«

Ich klickte die Liste mit den Anschreiben der hoffnungsvollen Bewerber an. Schon als ich die ersten las, wusste ich, was sie meinte. Denn: Wie sollte ich zum Beispiel auf eine Nachricht reagieren, die lediglich aus dem Wort hallo bestand? Oder aus der kryptischen Mitteilung Kaffe trinken – wobei mich nicht nur die mangelhafte Rechtschreibung irritierte, sondern auch die Unvollständigkeit des Satzes und das Fehlen von Satzzeichen. Handelte es sich hier um eine Frage, eine Bitte oder gar um einen Befehl?

Natürlich bemerkte Diana meine Irritation. »Du solltest dir die Profile der Herren angucken«, sagte sie.

»Auch die von denen, die nicht mehr als zwei oder drei Silben zustande kriegen?«

»Also, speziell denen unterstelle ich ja, dass sie täglich Dutzende ihrer dämlichen Hallos verschicken – irgendeine wird schon anbeißen. Aber auch die solltest du dir näher ansehen, schon allein, um einen möglichst breit aufgestellten Überblick zu bekommen.«

Also klickte ich das nächstbeste Profil an, das mit einer derartigen Nachricht verlinkt war: Wolfgang, Mitte vierzig, Beruf: Lebenskünstler.

»Ah – direkt ein Volltreffer.« Diana nickte zufrieden. »Mit ein wenig Übung kannst du eine Menge aus dem herauslesen, was im Profil steht. Lebenskünstler sind meist arbeitslose Loser, die eine Frau suchen, die sie durchfüttert.«

»Ist das nicht ein bisschen sehr verallgemeinernd?«, fragte ich zweifelnd.

»Mag sein, dass ich dem einen oder anderen Unrecht tue. Aber ich bitte dich: Was verstehst du denn unter einem Lebenskünstler? Sehen wir uns doch mal an, was der gute Wolfgang sonst noch über sich preisgibt.« Sie studierte die Angaben im Profil. »Hm … soso. Keine Auskünfte zur Körpergröße, also ist er ein Zwerg. Ein paar Pfund zu viel auf den Rippen? Also ist er ein kugelrunder Zwerg. Auf die Frage, was er gerne liest, hat er geantwortet: deine SMS. Jesses. In seiner Wohnung dürfte kein Bücherregal zu finden sein. Und wie verbringt er seine Freizeit? Am Computer, aha. Wie dein Tom damals. Erinnerst du dich?«

Blöde Frage. Natürlich erinnerte ich mich. Bis Tom es mir demonstriert hatte, war mir nicht klar gewesen, wie viel Zeit man mit Online-Rollenspielen wie World of Dingsbums verbringen konnte – der sichere Todesstoß für jede Partnerschaft.

»Kapiert?«, fragte Diana. »Der kugelrunde, garantiert vollbärtige Zwerg hockt Tag und Nacht vor seinem Rechner und spielt den Helden, weil er im wahren Leben nichts auf die Reihe kriegt. Ich wette, seine Spielfigur ist ein muskulöser Riese, der aussieht wie der junge Dolph Lundgren. Und er ist damit derart ausgelastet, dass er hier nichts weiter hinkriegt als ein dürres Hallo. Erbärmlich.«

»Wenn du mir Hoffnung darauf machen wolltest, auf dieser Plattform einen netten Mann zu finden – das ist gründlich fehlgeschlagen.«

»Du willst doch nicht sofort wieder die Flinte ins Korn werfen? Nach einer Niete? Was ich dir demonstrieren wollte, ist Folgendes: Du brauchst einen ganz klaren Katalog an Kriterien, und den benutzt du, um gnadenlos auszusieben. Du bist nicht hier, um irgendwelche Kerle zu therapieren. Oder um in jemanden Zeit und Energie zu investieren, der es dir niemals danken wird. Du bist eine gestandene, selbstständige, wundervolle Frau. Vergiss niemals: Du suchst jemanden auf Augenhöhe. Wer sich keine Mühe gibt, fliegt raus, ganz einfach. Es ist dein gutes Recht, alles zu löschen und dir vom Leib zu halten, bei dem du kein gutes Gefühl hast. Es ist dein gutes Recht, an dich zu denken. Und daran, was das Beste für dich ist. Was würde dich denn ansprechen?«

Ich dachte nach. Worauf würde ich anspringen? Der erste Kontakt war entscheidend, um mich abzutörnen oder mein Interesse zu wecken.

»Ich möchte in ganzen Sätzen angesprochen werden. Kein hingegrunztes Wortfragment, sondern vernünftige Anrede, Text und Verabschiedung. So viel Zeit muss sein.«

»Ganz deiner Meinung. Ich gehe sogar noch weiter: So viel Respekt muss sein. Zu den Grundformen zivilisierten Umgangs miteinander gehört schließlich, dass man sich die Tageszeit sagt, wenn man sich begegnet. Wir sind hier eben nicht beim Austausch von Textnachrichten am Handy, die traditionell möglichst knapp gehalten werden. Der Mann soll dir das Gefühl geben, dass er sich mit deinem Profil beschäftigt hat, richtig?« Ich nickte, und sie fuhr fort: »Er muss ja beim ersten Mal keine Romane schreiben, das verlangt kein Mensch. Aber ein paar nette Zeilen solltest du ihm wert sein. Außerdem würde ich an deiner Stelle nur auf Anfragen von Männern reagieren, die ein Foto von sich auf ihrem Profil haben. Damit hast du schon mal zwei Kriterien, mit denen du deine ersten Anfragen aussieben kannst.«

Gemeinsam arbeiteten wir uns durch die Liste. Keine vernünftige Nachricht, kein Profilfoto – alles wurde gnadenlos gelöscht. Kaum fünf Minuten später stand fest, dass Dianas Prophezeiung exakt stimmte: Es blieben drei Männer übrig, die mich in freundlichen Worten angeschrieben und eingeladen hatten, im Gegenzug ihr Profil zu besuchen und bei Interesse zu antworten.

»Ich brauche dringend eine kurze Pause«, sagte ich mit einem Stöhnen und klappte den Laptop zu. »Das muss ich erst mal verarbeiten.«

»Willkommen in der wunderbaren Welt der virtuellen Partnersuche«, erwiderte Diana. »Betrachte es als Spaß und nette Beschäftigung für deine Freizeit. Aber wenn du deinen Traummann finden solltest … Bingo.«

»Hm. Sag mal, muss ich eigentlich auch selbst aktiv werden? Profile durchforsten und Kerle anschreiben?«

»Nee. Du musst gar nichts. Du kannst absolut passiv bleiben und warten, wer sich bei dir meldet. Aber wenn du mal tierische Langeweile hast, kannst du diverse Auswahlkriterien angeben und schauen, wer übrig bleibt. Das Angebot ist überwältigend groß. Deine Aufgabe ist es, buchstäblich die Nadel im Heuhaufen zu finden, die wenigen aufrichtigen Männer im gigantischen Heer der Aufschneider, Lügner und Betrüger. Leider sind diese Single-Plattformen ein Schlaraffenland zum Beispiel für untreue Ehemänner, die ein Abenteuer suchen, und für die liebenswerten Mitglieder der überaus sympathischen Spezies, die allgemein als Heiratsschwindler bezeichnet werden.«

»Aber wie identifiziert man diese Leute?«, fragte ich kleinlaut. Herrje, diese ganze Sache wurde immer komplizierter.

»Also, ein Mann der ausschließlich tagsüber zu normalen Arbeitszeiten mit dir kommuniziert, hat mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zuhause ein Frauchen sitzen. Das kennen wir doch von der Hotline, richtig? Am meisten ist tagsüber los.«

»Und die Heiratsschwindler?«

»Oh, die sind wahnsinnig charmant und schmieren dir tonnenweise Honig ums Maul. Die Liebe zu dir trifft sie wie ein Blitzschlag, und natürlich bist du die Frau, nach der sie ihr Leben lang gesucht haben. Sie werden ziemlich schnell konkret, was eine feste Beziehung angeht. Sie sind darauf spezialisiert, einsame und bedürftige Frauen zu finden, die besonders empfänglich für ihre Schmeicheleien sind. Und dann, wenn die Frauen vollkommen blöd vor Verliebtheit sind, geht es plötzlich um Geld.«

»Das ist ja abartig. Aber woher weißt du darüber so viel? Ist das deiner Bekannten passiert?«

Diana schüttelte den Kopf. »Nein. Aber Okko hatte zwei Mandantinnen, die sogar auf ein und denselben Kerl reingefallen sind. Es war extrem schwer, ihm die Betrugsabsicht nachzuweisen, denn schließlich gaben die Frauen ihm freiwillig das Geld. Natürlich wurden sie in dem Moment abgeschossen, als das Konto leer war. «

»Freiwillig?« Ich schüttelte den Kopf. »Ich nenne das Betrug. Immerhin hat der Mann ihnen Gefühle vorgegaukelt, die nicht echt waren.«

»Und wie willst du das beweisen? Beziehungen enden halt manchmal, oder? Hast du von Pascal alle Geschenke zurückgefordert, als ihr euch getrennt habt? Natürlich nicht. Und genau damit argumentieren die Männer: Sie sagen, die Frau war halt großzügig. Geld geliehen? Nein, das war geschenkt. Und innerhalb einer Beziehung werden eher selten Verträge abgeschlossen, da man sich ja vertraut. Die Dunkelziffer ist hoch, denn vielen Frauen ist es peinlich, dass sie sich haben abzocken lassen. Aber Okko hatte Glück, denn er konnte weitere Frauen auftreiben, die der Mann gerade in der Mangel hatte. Seine bevorzugten Jagdgründe waren Speed-Datings und Single-Partys, und er hatte immer mehrere Damen parallel am Start. Der Mann kann froh sein, dass die Frauen sich nicht zusammengetan, ihn erschlagen und dann irgendwo verscharrt haben. Da dürfte eine Verurteilung wegen gewerbsmäßigen Betrugs und die zumindest teilweise Rückzahlung des ergaunerten Geldes eindeutig das kleinere Übel gewesen sein.«

Da hatte sie wohl recht.

Kapitel 4

Eine »Begegnung« an überraschender Stelle und ein Streit, bei dem die Fetzen fliegen

»Hallöchen! Ich werd nicht mehr – Loretta sucht einen Mann!«, johlte Dennis direkt hinter mir.

Ich zuckte erschrocken zusammen. Wie zum Henker hatte er es geschafft, sich vollkommen geräuschlos anzuschleichen? Üblicherweise hörte man ihn bereits kommen, wenn er noch kilometerweit entfernt war, schließlich hatte er eine Vorliebe für Schuhe mit Plateausohlen, wahlweise eisenbeschlagene Cowboystiefel aus Reptilienleder. Klomp, klomp, klomp – Achtung, Dennis ist im Anmarsch. So war ich es gewohnt.

Unwillkürlich blickte ich hinunter zu seinen Füßen: Heute trug er Schuhe mit dicken Gummisohlen, das erklärte einiges. In Zukunft musste ich vorsichtiger sein, wenn ich mich während der Arbeitszeit im Liebesgarten umzusehen gedachte.

Mit fast schon arroganter Selbstverständlichkeit zog er sich einen Stuhl heran, setzte sich neben mich und starrte ungeniert auf das, was gerade auf meinem Monitor zu sehen war.

»Soso, du bist im Liebesgarten, die Plattform kenne ich. Ich bin da auch unterwegs. Der Heiopei da, den du dir gerade anguckst, ist ’ne Wurst, das sehe ich sofort. Zeig mal dein Profil.«

Wie bitte? Vor Empörung blieb mir glatt einen Moment lang die Spucke weg. Ich sollte ihn so tief in meine Privatsphäre lassen? Wohl kaum.

Natürlich bemerkte er mein Zögern und fuhr fort: »Komm, Loretta, zier dich nicht. Zeigst du mir deins, dann zeig ich dir meins.«

»Diese ziemlich schmierig klingende Aufforderung könnte man auch falsch verstehen, Chef. Für mich schrammt das nur haarscharf an sexueller Belästigung vorbei.«

Brüllend vor Lachen schlug er sich auf die Schenkel und wischte sich schnaufend die Lachtränen aus dem Gesicht. »Mach mal halblang«, keuchte er dann. »Wir sind hier unter Erwachsenen und nicht im Kindergarten. Oder soll ich zuerst? Na, ist das ein Angebot?«

Noch immer war ich nicht restlos überzeugt, nickte aber. »Wie finde ich dich? Du musst mir schon deinen Nickname sagen. Oder bist du unter deinem echten Namen angemeldet?«

Dennis grinste breit und schüttelte den Kopf. »Ich bin doch kein Idiot. Rate doch mal meinen Nickname.«

Ich grinste zurück. »Koteletten-Ömmes? Mister Breitcord? Rüschen-Honk? Nein, ich gebe auf. Wie soll ich denn bitte erraten, was dein kleines, verdrehtes Hirn ausgebrütet hat? Das ist unmöglich.«

»Gecko.«

Meine Gesichtszüge drohten zu entgleisen, aber ich riss mich zusammen. »Wie das kleine Echsentier oder wie der große, böse Finanzhai aus diesem Film, dessen Titel mir gerade nicht einfällt?«

»Du meinst Wall Street. Gordon Gecko. Das wäre allerdings reichlich plump. Nee, wie das Tier. Im Fernsehen lief gerade eine Tierdokumentation über Geckos, als ich mein Profil angelegt habe. Ich war ziemlich beeindruckt von der Fähigkeit einiger Arten, kopfüber an Glasscheiben hinabzulaufen. Das sind Lamellengeckos, um genau zu sein. Aber Lamellengecko fand ich dann doch eine Spur zu schräg. Klingt irgendwie voyeuristisch, oder? Ein reptilienköpfiger Schrat, der ahnungslose Frauen durch die Spalten einer Jalousie hindurch beobachtet. Also nur Gecko. Und rate mal: Weitere Geckos gab es nicht.«

»Ist den meisten Männern wohl zu uncool, sich nach einem kleinen Kriechtier zu benennen.«

Dennis zuckte mit den Schultern. »Kann nicht feststellen, dass es mir schadet. Okay, vielleicht hätte ich Hunderte Anfragen mehr, wenn ich Alligator oder Hammerhai heißen würde, aber hey – ich habe nur zwei Hände.«

»Was soll das denn heißen?«

»Was nutzen mir unzählige Anfragen, wenn ich doch nur einer Frau meine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken möchte? Ich bin keiner von der Sorte, der mit mehreren gleichzeitig jongliert. Wenn mir einmal eine Frau gefällt, kümmert mich keine andere.«

»Das ist sehr löblich, Chef.« Ich nickte anerkennend. »Wie sieht deine Erfolgsbilanz aus?«

Wieder zuckte er mit den Schultern. »Ein paar Treffen, die zum Teil ganz nett waren, aber nicht zu mehr geführt haben. Wenn man sich nichts zu erzählen hat, sollte man realistisch sein und die Reißleine ziehen, bevor es zu spät ist. Das ist nicht zuletzt der Frau gegenüber fair. Vielleicht hätte ich die eine oder andere ins Bett locken können, mit ziemlicher Sicherheit sogar. Aber das gibt nur unnötigen Stress.«

»Du müsstest nur kopfüber an einer Scheibe runterlaufen. Also, mich würde das extrem beeindrucken.«

Wir kicherten eine Runde, dann sagte er: »Und danach? Danach wird es unschön, wenn du die Sache nicht fortsetzen willst. Ich habe keine Lust, Frauen gegenüber gemein zu sein, die sich vielleicht mehr versprochen haben. Außerdem bin ich kein Mann für eine Nacht.«

»O edelster aller Geckos!«, deklamierte ich übertrieben theatralisch, dann gab ich seinen Namen in die Suchmaske ein.

Und da war er auch schon: mein Chef in seiner ganzen Pracht. Sein Profil zeigte sogar mehrere Fotos: nur das Gesicht mit den schicken Koteletten, Dennis mit Elvis-Sonnenbrille, dann in einigen seiner spektakulärsten 70er-Jahre-Outfits … Mir gefiel, wie selbstironisch er auf seine große Liebe zu diesem Modestil einging und darauf hinwies, dass man mitnichten gerade Bilder irgendwelcher Mottopartys sehe.

Tatsächlich war seins ein gutes Beispiel für ein Profil, das mein Interesse geweckt hätte. Ausgerechnet Dennis!

Mein Chef war – so kannte ich ihn – derart selbstbewusst, dass er mich nicht einmal fragte, was ich von seinem Profil hielt.

»So. Du bist dran«, sagte er stattdessen.

Ich gab meinen Namen ein, und er beugte sich interessiert vor. »Soso, Miss Lynx also«, murmelte er. »Luchs auf Englisch, nehme ich mal an.«

»Korrekt. Hättest du mich auf dem Foto erkannt?«

»Aber selbstverständlich. Ein schönes Bild, nebenbei bemerkt. Ungewöhnlich. Anders als die anderen.«

»Hat Diana geknipst. Sag mal, lässt du dir Vorschläge machen, oder suchst du lieber selbst?«

Dennis winkte ab. »Die Vorschläge sind manchmal derart absurd, dass ich die Funktion deaktiviert habe. Komisch, dass wir uns auf der Plattform noch nicht begegnet sind. Eigentlich hätte ich längst über dich stolpern müssen.«

»Mir fallen auf Anhieb zwei Gründe ein, warum das nicht passiert ist. Erstens: Ich bin erst seit Sonntag dabei. Also seit gerade mal drei Tagen.«

»Hm … besonders bei den Neuen sehe ich mich regelmäßig um. Das ist es also nicht. Und Grund Nummer zwei?« Er musterte mich neugierig.

»Gegenfrage: Welches Alter gibst du bei deiner Suche ein? Also, als Obergrenze, meine ich.«

»Mitte dreißig.«

Na also, hatte ich’s mir doch gedacht. Mit hochgezogenen Brauen sah ich ihn an. Ob er von selbst draufkam? Nein, kam er nicht.

»Was?«, fragte er, als ihm mein beredtes Schweigen offenbar zu lange dauerte. »Warum guckst du so?«

Ich seufzte innerlich. »Erneut eine Gegenfrage: Was denkst du wohl, wie alt ich bin?«

»Keine Ahnung«, erwiderte er. »Neunundzwanzig?«

»Ja, genau. Und das schon seit circa fünfzehn Jahren, du Honk. Kapierst du jetzt, warum wir uns im Liebesgarten noch nicht begegnet sind? Weil du mich zu alt für dich findest.« Ich stockte und fügte dann hinzu: »War das ein grammatikalisch korrekter Satz? Ist aber auch wurscht. Du wirst verstanden haben, was ich meine.«

»Ja, das habe ich. Und es ist totaler Quatsch! So würde ich niemals von dir denken! Du bist doch nicht zu …«

Ich hob die Hand, um ihn zu stoppen. »Das sagst du, weil du mich kennst. Und weil das Alter für unser Verhältnis zueinander nie eine Rolle gespielt hat. Aber bei deiner Suche nach einer potenziellen Partnerin kommt eine Frau ab Anfang vierzig offenbar nicht mehr infrage, obwohl du selbst in diesem Alter bist. Dafür kann es nur eine Erklärung geben: deine unstillbare Sehnsucht nach eigenen Kindern. Beziehungsweise nach einer Frau, die im besten gebärfähigen Alter ist.«

Sein verständnisloses Gesicht sprach Bände: Kinderwunsch? Äh … nein. Davon konnte nicht die Rede sein.

»Das ist es also nicht«, fuhr ich fort. »Aber es ist doch ein interessantes Phänomen, findest du nicht? Während eine Frau eher nach einem gleichaltrigen bis älteren Partner sucht, wünschen Männer sich jüngere Frauen an ihrer Seite.« Ich kramte ein lokales Monatsmagazin aus meiner Tasche und warf es auf den Schreibtisch. »Da. Hunderte Kontaktanzeigen. Da haben Männer mit Ende vierzig kein Problem damit, eine Frau zwischen zwanzig und dreißig zu suchen. Mal ernsthaft: Was sollte eine Zwanzigjährige von einem fast Fünfzigjährigen wollen?«

»Lebenserfahrung. Souveränität. Klugheit.« Grinsend strich er sich über seine buschigen Koteletten. »Nicht zu vergessen: Stil und Geschmack.«

»Blödsinn.«

»Na gut: sein Geld.«

»Schon realistischer.« Ich nickte. »Aber Männer mit Geld inserieren wohl kaum in derartigen Magazinen, in denen die meisten Kontaktanzeigen so sexy Texte haben wie Kuschelbär sucht Kuschelmaus und dergleichen. Das heißt: Entweder leiden diese Männer unter einer völlig gestörten Selbstwahrnehmung und halten sich für deutlich attraktiver, als sie sind – jedenfalls aus dem Blickwinkel einer Zwanzigjährigen. Oder sie hoffen auf junge Mädchen, die eine psychische Fehlschaltung haben und sich insgeheim nach Sex mit ihrem Vater sehnen.«

»Buäh.« Dennis schüttelte sich. »Ich wusste gar nicht, dass du derart unappetitlich sein kannst. Ich werde nie wieder Sex mit einer Frau haben können, die halb so alt ist wie ich.«

»Kam das schon mal vor?«

Er schüttelte den Kopf. »Nee. Mädchen in dem Alter sind mir zu anstrengend. Die wollen nächtelang in Discos tanzen, und für den Scheiß bin ich längst zu alt.«

Ich hätte nicht benennen können, was es war, aber irgendetwas an dieser Aussage nervte mich kolossal. »Du Ärmster. Jemand sollte den Discobetreibern mal vorschlagen, einen Raum einzurichten, in dem alternde Sugardaddys wie du sich auf bequemen Sofas ausruhen können, während ihre jungen Häschen munter über die Tanzfläche hoppeln.«

Dennis verzog das Gesicht. »Gott, nicht nur unappetitlich, sondern auch noch gehässig.«

»Natürlich bin ich gehässig gegenüber Kerlen, die eine Frau in meinem Alter schon zum alten Eisen zählen. Das ist mein gutes Recht.«

»Tu, was du nicht lassen kannst. Aber lass deinen Frust bitte nicht an mir aus.«

»Wie – hast du mich etwa nicht aussortiert?«

»Ja, aber doch nicht dich persönlich! Ich habe doch niemals gesagt, dass du …«

»Dennis, du suchst eine Frau bis Mitte dreißig!«, fiel ich ihm mit frostiger Stimme ins Wort. »Damit hast du mich aussortiert, oder etwa nicht?«

»Worum geht es dir hier eigentlich?«, blaffte er mich an. »Dass ich dich wieder einsortiere? Dass ich die Altersangabe nach oben korrigiere, damit ich dich finde? Ist es das, was du von mir willst?«

»Ja, das würde mich auch interessieren«, sagte Doris, die lässig am Rahmen meiner offenen Bürotür lehnte.

Huch – seit wann hatte sie dort schon gestanden und zugehört? Dennis und ich, die wir – wie mir erst jetzt klar wurde – mittlerweile beinahe Nase an Nase an meinem Schreibtisch saßen und uns angifteten, fuhren auseinander, als hätte jemand einen Kübel Eiswasser zwischen uns geschüttet.

»Wie lange … Seit wann …«, stammelte ich los.

»Seit wann ich hier gestanden habe?«, fragte Doris grinsend und kam einige Schritte näher. »Lange genug, um ein paar wirklich interessante Dinge zu hören, aber leider längst nicht lange genug, um zu wissen, worum es genau geht.«

»Loretta ist sauer auf mich, weil sie denkt, sie ist mir zu alt«, sagte Dennis. »Aber das stimmt überhaupt nicht. Das bildet sie sich nur ein.«

»Zu alt wofür?«, fragte Doris verdutzt.

»Als potenzielle Partnerin«, erwiderte ich beleidigt. »Und das ist ja wohl die Höhe.«

Doris’ Brauen schossen hoch und verschwanden unter ihren knallrot gefärbten Stirnfransen. »Wie bitte? Ich scheine da was verpasst zu haben. Seit wann seid ihr … ich meine, seit wann ist das ein Thema zwischen euch beiden? Ich hatte ja keine Ahnung, dass ihr euch derart nahegekommen seid.«

»Sind wir nicht!«, brüllten Dennis und ich synchron, und ich fügte in normaler Lautstärke hinzu: »Doris, das ist ein Missverständnis. Es ging nur ganz allgemein um … na ja …« Ich brach ab, weil ich nicht weiterwusste.

»Besonders allgemein klang euer Disput aber nicht«, sagte Doris gedehnt. »Ganz im Gegenteil: Für mich klang es echt persönlich.«

»Also gut.« Ich seufzte. »Dennis und ich haben festgestellt, dass wir auf derselben Partnerschaftsplattform für Singles sind.«

»Na und? Ist doch kein Grund, sich zu streiten, oder?«, fragte Doris.

»Nee, das allein noch nicht«, erwiderte ich. »Aber die Tatsache, dass Dennis, der ja in meinem Alter ist, nur nach Frauen sucht, die höchstens Mitte dreißig sind.«

Doris rollte mit den Augen. »Ich wiederhole: Na und? Oder bist du scharf auf Dennis und denkst jetzt, du hast keine Chance bei ihm?«

Wie bitte? Absurder ging es ja wohl nicht. »Nein! Aber mich nervt einfach, dass manche Männer gleichaltrige Frauen für zu alt halten.«

»Pffff. Ist halt ihr persönlicher Geschmack«, sagte Doris. »Mir sind gleichaltrige Männer ja auch zu alt. Für mich sind das langweilige Tattergreise, die nur noch auf Parkbänken rumhocken, Enten füttern und darüber lamentieren, dass früher alles besser war.«

Da hatte sie natürlich recht. Sie war jenseits der siebzig, und Erwin, der ihr vierter Gatte war, zählte ganze zehn Jahre weniger als sie selbst. Jeder, der sie kannte, würde bestätigen, dass der Altersunterschied bei ihnen keine Rolle spielte.

»Siehst du, Schätzchen«, fuhr sie fort, »in der Liebe gibt es keine Regeln. Und wer weiß, wie viele supertolle Frauen in den Vierzigern Dennis nicht kennenlernen wird, weil er für sich diese Altersgrenze festgesetzt hat – könnte glatt eine der dümmsten Entscheidungen seines Lebens sein.«

Ich kicherte. »Allerdings. Aber vielleicht trifft er ja tatsächlich eine Zwanzigjährige, die sich in ihn verknallt. Eine, die nicht die Nächte durchtanzen will.« Dennis warf mir einen giftigen Blick zu, den ich geflissentlich ignorierte. »Und jetzt erkenne ich auch den Plan, der dahintersteckt. Die ist dann nämlich später, wenn er gebrechlich wird, noch jung genug, um ihn zu pflegen und im Rollstuhl durch die Gegend zu schieben.«

»Genau«, fauchte Dennis. »Und dafür bist du definitiv zu alt, meine Teure.«

Strahlend blickte Doris von Dennis zu mir. »Sooo«, flötete sie munter, »dann hätten wir das also geklärt, wunderbar. Jetzt könnt ihr Kinder euch wieder vertragen, in Ordnung? Ich bin auch nur hier, um euch zu sagen, dass Apfelkuchen im Kühlschrank steht. Wer Appetit hat, kann sich gerne bedienen. Bis später.«

Sie drehte sich um und ging hinaus.

Reichlich bedröppelt saßen Dennis und ich nebeneinander am Schreibtisch und schwiegen.

Schließlich räusperte er sich und sagte: »Also, ich weiß gar nicht, wie das so eskalieren konnte. Wir sind doch sonst nicht so blöd.«

»Wir könnten einfach so tun, als hätte es diesen doofen Streit nie gegeben«, erwiderte ich.

»Da gibt es nur einen kleinen Haken.« Dennis kicherte. »Wir müssten Doris töten, denn sie wird es garantiert weitererzählen.«

»Dann sind wir verloren. Sag mal, warst du schon mal auf so einer Party für Singles?«

»So einem Topf-sucht-Deckel-Schwof? Nee.«

»Warum nicht? Weil du eigentlich ein Ü40-Kandidat bist, aber Schiss hast, dass da nur alte Weiber rumlaufen? Und eine Ü30-Party kommt erst recht nicht infrage, denn dort würdest du doppelt antik wirken: erstens durch dein reales Alter und zweitens durch deinen Style. Immerhin siehst du aus, als wärest du bei einer Episode von Starsky & Hutch aus dem Fernseher gefallen. Obwohl – diese jungen Dinger wissen ja nicht, wer oder was Starsky & Hutch überhaupt ist. Die wissen heutzutage ja kaum noch, was ein Fernseher ist!«

Dennis musterte mich stirnrunzelnd. »Was stimmt nicht mit dir, Loretta? Warum hackst du derartig auf mir rum?«

Gute Frage – warum hackte ich so auf ihm rum? Ich wusste es selbst nicht.

»Keine Ahnung, tut mir leid. Ehrlich. Vielleicht, weil mir das ganze Thema ein bisschen peinlich ist. Ich habe mich vorhin von dir so ertappt gefühlt.«

Lächelnd schüttelte er den Kopf. »Aber das ist doch Unsinn. Eigentlich finde ich es sogar ganz nett, dass wir eine Gemeinsamkeit haben: Wir sind beide auf der Pirsch. Ist doch witzig.«

»Hab schon lauter gelacht«, brummte ich.

»Wir könnten ja mal zusammen auf so eine Veranstaltung gehen«, sagte er. »Dann kannst du mir dabei zugucken, wie ich mich zum Affen mache, und mich hinterher monatelang damit verhöhnen, wie schlecht meine Anbagger-Skills sind.«

»Aber nur, wenn es eine Ü40-Party ist.«

»Einverstanden.« Er stand auf und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um. »Und jetzt: ausloggen, bitte. Die Arbeit wartet.«

Ach ja, richtig – ich war bei der Arbeit. Und Dennis war mein Chef. Hatte ich beinahe vergessen.

Aber nur beinahe.

Kapitel 5

In Lorettas Leben taucht jemand auf, den sie eher im Sherwood Forest vermutet hätte

Ich ahnte nichts Böses, als ich zwei Tage später nach Feierabend bei Bärbel einkaufte. Sie und Frank hatten Gittis Geschäft behutsam renoviert, ohne ihm den etwas altertümlichen Charme eines klassischen Tante-Emma-Ladens zu nehmen. Nicht nur, dass der Laden nur fünf Gehminuten von meiner Wohnung entfernt lag – ich sah Bärbel und Frank jetzt viel häufiger.

»Hast du später Zeit?«, fragte Bärbel beiläufig, während sie mir an der Schneidemaschine ein paar Scheiben Tilsiter vom Laib säbelte.

»Klar.«

»Was dagegen, wenn Frank und ich vorbeikommen?«

»Natürlich nicht! Wie komme ich zu der Ehre?«

»Och … uns ist aufgefallen, dass wir noch nie bei dir auf der Terrasse gesessen haben.«

»Soll ich was kochen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nicht nötig, wir essen mit den Kindern. So gegen neun? Auf ein Fläschchen Pils?«

Das Sixpack Bier für später packte sie mir zu meinen Einkäufen, ohne dass sie es mir berechnete. Es hat jede Menge Vorteile, wenn deine Freunde einen Lebensmittelladen betreiben, stellte ich mal wieder fest.

Eigentlich könnte ich mal wieder nachsehen, was bei Miss Lynx so los ist, dachte ich, als ich Baghira gefüttert und mir einen Espresso gemacht hatte.

Ich setzte mich an den Esstisch und fuhr den Rechner hoch. Seit meiner kleinen Szene mit Dennis war ich nicht mehr im Liebesgarten gewesen, und siehe da: Es gab tatsächlich diverse Kontaktanfragen.

Die meisten löschte ich umgehend, aus den bekannten Gründen: zu knapp, zu dämlich oder zu dreist. Ich halte nichts von endlosen Nachrichten, schrieb einer, das sei pure Zeitverschwendung. Was, wenn man dann beim Treffen feststellte, dass es nicht funkte? Man solle sich besser sofort treffen, um zu sehen, ob etwas laufen könne.

Leider war ich da gänzlich anderer Meinung. Wer nicht einmal das kleine bisschen Zeit investieren wollte, damit er und ich uns ein wenig kennenlernten, konnte mir getrost gestohlen bleiben. Erst schreiben, dann vielleicht telefonieren, und dabei sollte sich doch wohl abzeichnen, ob man sich sympathisch war oder nicht. Hatten wir uns etwas zu erzählen? Mochten wir die Stimme des anderen? Waren wir neugierig aufeinander?

Neugier war im Übrigen etwas, das ich bei vielen Männern echt vermisste. Die wenigsten stellten Fragen und reagierten nur knapp auf Dinge, die ich schrieb. Offenbar wurde allgemein von der Frau erwartet, dass sie die Unterhaltung am Laufen hielt, was mir schwer auf den Geist ging. Ich war doch nicht auf dieser Plattform, um die Kerle zu unterhalten! Ich wollte jemanden treffen, der sich ernsthaft für mich interessierte. Und umgekehrt, natürlich.

Noch während ich darüber nachdachte, erschien mit einem leisen Pling eine neue Nachricht in meinem Posteingang. Ich klickte sie an und fand die Kontaktanfrage eines gewissen Robin Hood.

Aha. Ob er wohl jemand war, der die Reichen beklaute und die Armen mit der Beute beschenkte? Beziehungsweise mit diesem Namen ausdrücken wollte, dass er hohe moralische Prinzipien hatte? Obwohl – dieses Ammenmärchen vom edlen Dieb mit dem goldenen Herzen hatte ich insgeheim nie geglaubt, um ehrlich zu sein. Und dieser Robin? War es sein Hobby, Herzen zu stehlen?

Wie auch immer.

Hallo, Miss Lynx, schrieb Robin, der Dieb, du bist gerade online, wie ich sehe. Dein Profil ist interessant, finde ich, und ich möchte sehr gern mehr von dir erfahren. Magst du meins besuchen und dann entscheiden, ob du meine Anfrage annimmst? Das würde mich sehr freuen. Einstweilen beste Grüße … und vielleicht bis später.

Hm … da hatte ich den Salat. Der Nachteil daran, dass ich keine monatliche Gebühr für die sogenannte ›Premium‹-Nutzung der Plattform zu zahlen bereit war, bestand unter anderem darin, dass ich sie nicht anonym besuchen konnte: Wenn ich online war, leuchtete neben meinem Namen ein kleines grünes Licht. Auch meine Besuche auf anderen Profilen wurden angezeigt. Das führte leider auch dazu, dass ich, wenn ich online war, mit Nachrichten wie Hallo Süße zugeballert wurde, auf die ich aber nie reagierte.

Aber Robin, der Herzensdieb, hatte deutlich mehr als nur Hallo Süße geschrieben. Er hatte sogar sehr respektvolle und höfliche Worte gefunden, die mir sehr gefielen, wie ich zugeben musste. Genau so wünschte ich mir eine erste Kontaktaufnahme, auf die ich zu reagieren bereit war. Er war der Erste, der dieses Kunststück fertiggebracht hatte.

Ich klickte also sein Profil an, auch wenn mir bewusst war, dass er genau das gerade mitbekam. Ein seltsames Gefühl, aber ich ließ mir Zeit, mir alles durchzulesen. Er war achtundvierzig, größer als ich, arbeitete als Werbegrafiker, war geschieden und kinderlos. Er mochte italienisches Essen, las gerne Krimis und hörte am liebsten Rockmusik. Das klang ja schon mal nicht schlecht, fand ich. Von seinem Profilfoto lächelte mich ein nettes Gesicht mit Dreitagebart an, sein Haar war schon ziemlich grau. Blieb die Frage, warum dieses Sahneschnittchen noch in freier Wildbahn unterwegs war. Ob das Foto wohl echt war? Falls nicht, hatte er es geschickt ausgewählt: nicht übertrieben attraktiv, aber offen und sympathisch. Genau wie sein Anschreiben. Doch – der Mann auf dem Foto war Robin, ich war sicher.

Ich überlegte einen Moment lang. Er gefiel mir, warum also sollte ich ihm nicht antworten? Mir fielen keine guten Gründe ein.

Also schrieb ich: Hallo, Robin! Ich freue mich, dass du dich bei mir gemeldet hast. Dein Profil gefällt mir tatsächlich. An dieser Stelle wusste ich nicht weiter. Ratlos starrte ich auf die Tastatur. Sollte ich ihn irgendetwas fragen? Und wenn ja – was? Ich beschloss, aus meinem Herzen keine Mördergrube zu machen. Darf ich dich fragen, warum du auf diesem Weg nach einer Partnerin suchst? Ich freue mich auf eine Antwort … Miss Lynx.

Es dauerte zwei oder drei Minuten, dann kam schon seine Antwort: Sonst hätte ich dich ja nicht gefunden … Nein, Spaß beiseite: Ich mag es, Menschen langsam kennenzulernen, Fragen zu stellen, Antworten zu bekommen, sodass nach und nach ein Bild entstehen kann. Ich halte nichts davon, abends am Kneipentresen zu stehen und flüchtige Bekanntschaften zu machen. Und wo sonst kann man Leute treffen? Kegelclub? Sportverein? Alles nicht mein Ding; ich bin eher ein Eigenbrötler, um ehrlich zu sein. Deshalb bin ich Freiberufler und arbeite zuhause. Es ist keineswegs so, dass ich nicht gerne ausgehe, aber ich ziehe es vor, dabei in netter Gesellschaft zu sein. Und du?

Bevor ich antworten konnte, musste ich mich erst einmal sammeln. Der Mann war zu perfekt, um wahr zu sein. Er schrieb in nicht nur ganzen, sondern auch noch grammatikalisch korrekten Sätzen, das allein fand ich schon mehr als betörend.

Ja, vielleicht war es oberflächlich, darauf so viel Wert zu legen, aber das war mir nun mal wichtig. In meiner Welt war ich Gott, und Gott legt die Regeln fest, basta. Vielleicht fiel dadurch der eine oder andere, der zwar nichts von Grammatik hielt, aber trotzdem theoretisch gut zu mir passen würde, durchs Raster. Aber ein bisschen Schwund war ja immer.

Sieht so aus, als hätten wir die eine oder andere Gemeinsamkeit, antwortete ich ihm. Ich bin ebenfalls kein Typ für Vereine. Ich muss gestehen, ich scheue vor der Verbindlichkeit zurück, die bei einer Mitgliedschaft entsteht. Abends alleine losziehen, um jemanden kennenzulernen? Ehrlich, ich bin zu alt für diesen Scheiß. Nicht, dass ich mich alt fühle, aber ich mag nicht (mehr) in lärmigen Kneipen oder Discos rumhängen, in denen man sein eigenes Wort nicht verstehen kann. Wie soll man sich dort unterhalten? Also – machen wir uns nichts vor – läuft es an solchen Orten darauf hinaus, andere primär nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Diese Art von Fleischbeschau fand ich noch nie besonders sexy. Ich stimme dir zu: immer schön langsam. Schließlich sollte es nicht darum gehen, möglichst schnell zum Schuss zu kommen. Außerdem: Je schneller, desto größer ist die Gefahr, dass der Schuss danebengeht. Das wird dir jeder Jäger bestätigen.

Ich schickte die Nachricht ab und lehnte mich zurück.

Ich hatte geschrieben, wie mir der Schnabel gewachsen war, und ich konnte nur hoffen, dass ihn das nicht abtörnte. Entsprechend gespannt war ich auf seine Reaktion … die allerdings auf sich warten ließ. Nichts geschah. Kein Pling, keine Antwort. Hatte ich ihn mit meiner unverblümten Art, mich auszudrücken, verjagt?

Ich starrte auf den Monitor, ohne dass sich etwas tat. Die Wanduhr tickte langsam die Minuten weg. Und sie erinnerte mich daran, dass ich in nicht allzu ferner Zukunft Gäste bekam.

Ich seufzte und stand auf. Wäre ja auch zu schön gewesen. Ich holte Gläser aus dem Küchenschrank, brachte sie hinaus auf die Terrasse und setzte mich unters Pavillondach. Baghira war mir nach draußen gefolgt und erledigte nun seine Patrouille, die ihn wie üblich eng an der dichten Hecke entlangführte, die meine Terrasse umgab.

Ich stand wieder auf, weil es mich zum Laptop zog. Baghira kam zu mir, setzte sich auf seine vier Buchstaben und sah mich mit zuckendem Schwanz erwartungsvoll an. Was denn nun, schien sein Blick zu fragen, rein oder raus? Wo soll ich mich hinlegen? Aufs Sofa oder auf einen Gartenstuhl?

In seinem kleinen Katzenuniversum war das sicherlich eine superwichtige Frage, aber ich hatte gerade ganz andere Prioritäten.

Ich ging also hinein und weckte meinen Rechner aus dem Tiefschlaf. Mit klopfendem Herzen wartete ich darauf, dass der schwarze Monitor ein Bild zeigte, stellte dann aber enttäuscht fest, dass Robin nach wie vor nicht geantwortet hatte.

Verdammt.

Ich hatte es verbockt, ich dumme Nuss. Ich bin zu alt für diesen Scheiß … was hatte mich nur geritten, Fäkalsprache zu benutzen? Und das jemandem gegenüber, der sich durchaus gewählt ausdrückte?

Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich noch rasch duschen konnte, bevor meine Freunde eintreffen würden. Als ich ihnen eine Viertelstunde später die Tür öffnete, duftete ich hervorragend und hatte ein Frotteehandtuch wie einen Turban um mein nasses Haar gewickelt.

»Gar nich mal so schick«, kommentierte Frank meinen Aufzug, »wie direkt aussem miesen Bollywood-Film. Fehlen bloß noch ’n paar fette Klunker.«

»Es gehört sich nicht, das Aussehen einer Dame zu kommentieren, die gerade aus der Dusche kommt«, entgegnete ich würdevoll.

»Allerdings«, sagte Bärbel. »Du bist doch sonst nicht so uncharmant. Nicht, dass Loretta uns direkt wieder vor die Tür setzt …«

»Keine Sorge«, erwiderte ich lachend, »ich bin hart im Nehmen.«

Dennoch zog ich mir das Frotteegebirge vom Kopf, damit mein Haar an der Luft trocknen konnte. Als wir durchs Wohnzimmer in Richtung Terrasse gingen, fiel mir auf, dass ich meinen Laptop nicht ausgeschaltet hatte.

»Geht schon mal nach draußen«, sagte ich, »ich will nur schnell den Rechner runterfahren.«

Um das zu tun, musste ich ihn erneut wecken – und da war sie, die Antwort.

Sorry, dass es so lange gedauert hat, stand da, das war unhöflich, aber ich hatte gerade einen wichtigen geschäftlichen Anruf. Das ist der Fluch der Arbeit im heimischen Büro, so bist du immer verfügbar. Na ja, was beschwere ich mich? Schließlich habe ich es mir selbst so ausgesucht. Deine Nachricht hat mich sehr amüsiert, muss ich gestehen. Ich mag deine Art, zu schreiben. Ich wage mal die Vermutung, dass du viel Humor hast, das gefällt mir außerordentlich, denn ich lache gern! Du bist noch online, wie ich sehe. Ich kann nur hoffen, dass mir in der Zwischenzeit kein anderer Mann den Rang abgelaufen hat. Ich möchte mich weiter mit dir unterhalten. Ich warte sehr gespannt auf deine – hoffentlich positive – Antwort!

Die konnte er kriegen, aber damit war Schluss für heute, was ich insgeheim sehr bedauerte.

Tatsächlich wollte ich mich gerade ausloggen, da ich vor ein paar Minuten von Freunden Besuch bekommen habe, schrieb ich hastig im Stehen. Ich fasse mich also kurz: Ich finde es klasse, dass wir uns hier begegnet sind, und ich freue mich auf weiteren Austausch. Gleich erlischt also das grüne Licht neben meinem Namen, und die kleine Ampel schaltet auf Rot – aber nur für den Moment. Bis bald, Robin, ich wünsche dir einen schönen Abend.

Ich loggte mich aus und klappte den Laptop zu. Dann holte ich drei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und ging hinaus zu meinem Besuch.

»Du grinst wie ein Honigkuchenpferd«, sagte Bärbel, als ich mich setzte.

»Was?« Unwillkürlich betastete ich mein Gesicht. Tatsächlich – meine Mundwinkel zeigten steil nach oben. Huch. Hatte ich gar nicht bemerkt.

Frank musterte mich interessiert und kicherte. »Und jetz haste auch noch ’n Kopp wie ’n Himbeerlolli gekricht«, konstatierte er dann. »Als hätten wir dich mittem Finger im Honichtopf ertappt. Na komm, sach schon: Bei wat hamwa dich erwischt?«

Nun, eigentlich hatten sie mich bei gar nichts erwischt; jedenfalls würde ich es nicht so nennen. Aber uneigentlich hatte mir der nette Kontakt zu diesem Robin offenbar ein verräterisches – und vermutlich reichlich debiles – Grinsen ins Gesicht gezimmert, was mir selbst gar nicht bewusst gewesen war.

»Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich vermuten, du bist frisch verliebt«, sagte Bärbel.

»Verliebt? Ich? Wohl kaum«, gab ich möglichst lässig zurück.

»Aber könnte doch sein, dat die Miss Lynx verliebt is, oder etwa nich?« Frank gackerte albern und zwinkerte mir zu.

Ich schwöre, es klang wie faaaliii-hiiiept, und er zerdehnte dieses Wort zu einem spöttischen Singsang, dem er dadurch die Krone aufsetzte, dass er zu allem Überfluss auch noch den Mund spitzte und bescheuerte Kussgeräusche machte.

»Frank!«, zischte Bärbel warnend. »Wie alt bist du? Fünf? Reiß dich bitte zusammen, ja? Du hast Loretta beleidigt! Guck dir ihre Miene an!«

Ich konnte mir gut vorstellen, wie mein Gesicht aussah: kein debiles Grinsen mehr, sondern pures Entsetzen. Deutlich mehr als Franks kindisches Benehmen störte mich allerdings die Tatsache, dass die Worte ›Miss Lynx‹ gefallen waren. Unter meinen Freunden gab es also einen Verräter. Aber wer hatte getratscht: Diana oder Dennis? Oder Doris? Wer auch immer es gewesen war: Ich würde ein sehr, sehr ernstes Gespräch zu führen haben.

»Mensch, Loretta, dat wollte ich nich«, murmelte Frank betroffen. »Ich wollte einfach nur ’n Spässken machen, kennz mich doch.«

»Krieg dich wieder ein, alles bestens«, erwiderte ich. »Ich will nur eins wissen: Wer hat es euch verraten?«

»Ich weiß dat vom Erwin«, sagte Frank, und Bärbel fügte hinzu: »Mir hat es Diana erzählt.«

Himmel – warum setzten sie nicht gleich eine ganzseitige Anzeige in die Tagespresse? Aber was hatte ich eigentlich gedacht? Hatte ich wirklich gehofft, meine Aktivitäten könnten ein Geheimnis bleiben? Dass die gute Doris es Erwin gegenüber nicht für sich behalten würde, war ja eigentlich klar gewesen, aber …

»Hat Diana dich dafür extra angerufen?«, fragte ich entgeistert. »Ich wusste nicht, dass sie eine derartige Klatschbase ist.«

»Du tust ihr Unrecht«, erwiderte Bärbel. »Sie hat es nur gut gemeint.«

Das wurde ja immer doller.

»Wie – damit ich eine eingeweihte Freundin in der Nähe habe, bei der ich mich zeitnah ausheulen kann, wenn ich mich unglücklich verliebt habe?«

Frank schüttelte den Kopf. »Nee, deswegen nich.« Er zog ein kleines Kuvert aus der Innentasche seiner Jeansjacke, das er zwischen uns auf den Tisch legte. Dann zeigte er darauf und fügte hinzu. »Sondern deswegen. Dat is nämlich unser Dankeschön für dich, Loretta, und die Diana hatte den Einfall dafür. Na los, kuck rein.«

Hinterher wusste ich, dass ich diesen Umschlag lieber sofort hätte zerfetzen oder verbrennen sollen, und zwar ohne vorher reinzugucken.

Aber hinterher ist man ja immer schlauer.

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