Kitabı oku: «Schach mit toter Dame»

Yazı tipi:

»Du kannst den Menschen aus dem Ruhrpott holen, aber niemals den Ruhrpott aus dem Menschen«, sagt Lotte Minck, und sie muss es ja wissen: 1960 im Schatten der Zeche General Blumenthal in Recklinghausen geboren, war sie viele Jahre in Bochums Veranstaltungs- und Medienbranche tätig. Nach 50 Jahren im turbulenten Ruhrgebiet entschied sie sich fürs andere Extrem: Heute lebt sie an der friesischen Nordseeküste, wo sieben Autos an einer Ampel bereits als Stau gelten.

Ihre Heldin Loretta Luchs und alle Personen in Lorettas Universum sind eine liebevolle Huldigung an Lotte Mincks alte Heimat.

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Ruhrpott-Krimödien mit Loretta Luchs bei Droste:

Radieschen von unten

Einer gibt den Löffel ab

An der Mordseeküste

Wenn der Postmann nicht mal klingelt

Tote Hippe an der Strippe

Cool im Pool

Die Jutta saugt nicht mehr

Voll von der Rolle

Mausetot im Mausoleum

3 Zimmer, Küche, Mord

Darf’s ein bisschen Mord sein?

Ringelpietz mit Abmurksen

Ruhrpott-Krimödien mit Stella Albrecht bei Droste:

Planetenpolka

Venuswalzer

Sonne, Mord und Sterne

Lotte Minck

Schach mit toter Dame

Eine Ruhrpott-Krimödie mit Loretta Luchs

Droste Verlag

Figuren und Handlung dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2021 Droste Verlag GmbH, Düsseldorf

Umschlaggestaltung: Droste Verlag unter Verwendung

einer Illustration von Ommo Wille, Berlin

eISBN 978-3-7700-4179-4

E-Book Konvertierung Bookwire Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH

www.drosteverlag.de

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Epilog

»Altern ist eine Zumutung …«

Kapitel 1

Ohne Neckereien ist das Leben nur halb so schön, findet Loretta – und teilt munter aus

»Du guckst mich an, als hättest du mich noch nie gesehen.«

Dennis’ Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Es war Sonntagmorgen, wir frühstückten gerade. Und es war einer dieser Momente, in denen es mir vollkommen unwirklich erschien, dass er und ich ein Paar waren.

Seit einigen Monaten waren wir nun zusammen, und so natürlich es sich einerseits anfühlte, so absurd fand es ein anderer Teil von mir. Während unser Freundeskreis nur darauf gewartet hatte, dass wir es endlich kapierten, hatten Dennis und ich parallel auf der gleichen Single-Plattform nach der großen Liebe gesucht. Verrückt.

»Ich entdecke ständig Neues an dir«, erwiderte ich. »Jetzt gerade ist es zum Beispiel ein Stück Rührei, das in deinem Pornoschnäuzer hängt.«

»Was?« Hektisch wischte er sich durchs Gesicht, bis er endlich mein diabolisches Grinsen bemerkte und damit aufhörte. »Du kannst es einfach nicht lassen, oder?«

Nein, das konnte ich nicht.

Immerhin waren meine Neckereien jahrelang fester Bestandteil unserer Freundschaft gewesen, die sich wiederum aus einer Arbeitsbeziehung entwickelt hatte. Ich hatte noch immer keine Ahnung, ob es klug gewesen war, mit dem Chef anzubandeln. Aber nun war es zu spät.

Im Callcenter waren wir zunächst ganz diskret mit unserem neuen Status als Paar umgegangen, aber irgendwie hatte es doch die Runde gemacht. Für ungefähr sechs Minuten waren wir allgemeines Gesprächsthema gewesen, dann gingen alle wieder zur Tagesordnung über.

Von meiner Kollegin und Freundin Doris hatte ich dann erfahren, dass die meisten Mitarbeiter ohnehin längst davon ausgegangen waren, dass Dennis und ich heimlich ein Verhältnis hatten, was mich sehr verblüffte. Hatten wir miteinander geflirtet, ohne es selbst zu bemerken? Wir waren jedenfalls ein Paradebeispiel dafür, dass sich aus einer langjährigen, kumpelhaften Freundschaft durchaus mehr entwickeln konnte.

Zugegeben: Vor unserem ersten Kuss – von der ersten gemeinsamen Nacht will ich gar nicht anfangen – hatte ich Muffensausen gehabt, aber hallo. Unter den etlichen Optionen hatte eine darin bestanden, dass es sich anfühlen würde, als würde ich meinen Bruder küssen. Mein Herz hatte vor Nervosität wie verrückt gehämmert. Aber dann war es einfach himmlisch gewesen. (Und alles andere als geschwisterlich.)

Wir ließen es trotz allem langsam angehen. Wir hatten uns gefunden, und das genossen wir mit einer gewissen gelassenen Zufriedenheit. Wir waren beide Mitte vierzig, und wir mussten nichts überstürzen. Darin waren wir uns einig, ohne es aussprechen zu müssen.

Mal übernachtete er bei mir, mal ich bei ihm, aber wir hingen nicht wie Kletten aneinander. Davon, zusammenzuziehen, war bisher keine Rede, auch wenn ich mir deutlich Schlimmeres vorstellen konnte, als in Dennis’ wunderschönem Bauernhaus außerhalb der Stadt zu wohnen. Aber ich liebte meine Wohnung, die mir noch ein gewisses Maß an Unabhängigkeit gewährte. Außerdem: Der kleine Lebensmittelladen meiner Freunde Bärbel und Frank war nur wenige Gehminuten entfernt. Seit sie ihn übernommen hatten, sahen wir uns beinahe täglich, und das bedeutete mir viel.

»Was hast du heute noch vor?«, fragte Dennis. Er beugte sich hinunter und streichelte meinen Kater Baghira, der maunzend um die Tischbeine strich, weil er scharf auf unser Rührei war.

»Cäcilie und Käthe haben mich in die Residenz zum Essen eingeladen. Sie wollen mir irgendetwas erzählen, haben sie gesagt. Sie taten sehr geheimnisvoll.«

Dennis tauchte wieder auf und lächelte. »Du magst die beiden alten Mädchen, oder?«

Seine Frage war rein rhetorisch und bedurfte keiner Antwort. Cäcilie und Käthe – muntere Schwestern jenseits der achtzig – hatten vor einigen Monaten bei der Aufklärung des letzten Mordfalls geholfen, in den ich gestolpert war. Nicht nur das: Sie waren auch live dabei gewesen, als der Fall seinen fulminanten Abschluss gefunden und Dennis mir heldenhaft das Leben gerettet hatte. Seither besuchte ich sie regelmäßig alle drei bis vier Wochen zu einem Plausch bei Kaffee und Kuchen.

»Ich bin nicht zufällig auch eingeladen?«, fragte Dennis.

Ich schüttelte den Kopf. »Sie lieben dich, das weißt du, aber diesmal handelt es sich um ein reines Mädelstreffen. Du wirst dich ohne mich doch nicht etwa langweilen? Ich komme später noch vorbei.«

»Das ist es nicht.« Dennis seufzte theatralisch. »Ich hatte irgendwie gehofft, mich vor der dringend notwendigen Gartenarbeit drücken zu können, die ich mir für heute vorgenommen habe. Es ist Herbst, und es gibt viel zu tun. Blätter zusammenharken, die Äpfel aufsammeln, verblühtes Zeugs abschneiden, ein letztes Mal den Rasen mähen, die Gartenmöbel einmotten, das Hühnerhaus auf Winterfestigkeit checken …«

»… einen Brunnen graben und die Zäune an der Nordweide reparieren«, fiel ich ihm grinsend ins Wort. »Du tust gerade so, als wäre dein Garten so groß wie das Gelände der Ponderosa Ranch.«

»Klein ist er nicht gerade, oder?«

»Du musst ja nicht alles heute erledigen. Und ich könnte dir später noch helfen.«

»Versprochen?«

»Versprochen.«

Nach dem Frühstück trödelte er noch ein wenig herum, aber schließlich verabschiedete er sich. Baghira bekam eine winzige Portion vom übriggebliebenen Rührei, die er begeistert verputzte. Als er sah, dass ich den Staubsauer einstöpselte, floh er Hals über Kopf auf seinen Kratzbaum und beäugte von oben aus sicherer Entfernung, wie ich die lärmende Teufelsmaschine durch die Wohnung manövrierte. Als ich das erledigt hatte, putzte ich das Bad, das es mehr als nötig hatte.

Danach brühte ich mir einen frischen Espresso und lümmelte mich damit aufs Sofa. Kaum saß ich, als das Telefon klingelte: Es war meine beste Freundin Diana.

»Huhu!«, zwitscherte sie aufgeräumt. »Ich habe dich doch nicht etwa geweckt? Oder bei etwas gestört?«

Die Art, wie sie dieses Wort aussprach – gestöööhööört –, ließ eine gewisse Schlüpfrigkeit mitschwingen. Prompt ritt mich der Teufel.

»Nee«, erwiderte ich betont brummig. »Bin gerade mit dem Putzen fertig.«

»Putzen? Wie unsexy. Und das am Sonntagmorgen. Ist Dennis nicht bei dir?«

»Dennis? Mit dem hab ich Schluss gemacht.«

Mit diabolischem Vergnügen genoss ich die fassungslose Stille am anderen Ende der Leitung.

Nach einer angemessenen Pause fuhr ich fort: »Je besser ich ihn kennenlernte, desto langweiliger wurde er. Stink-lang-wei-lig. Wir hatten uns rein gar nichts zu erzählen. Was auch? Schließlich sehen wir uns seit Jahren täglich, da werden die Gesprächsthemen knapp. Ehrlich, ich bin zu alt, um meine Zeit mit einem Langweiler zu verplempern.«

Immer noch Stille.

Schließlich wisperte sie: »Du machst hoffentlich Witze?«

»Wieso – hast du Angst, dass du den anderen das Geld aus der gewonnenen Wette zurückzahlen musst?«

Es hatte sich seinerzeit nämlich herausgestellt, dass meine Freunde um den Zeitpunkt gewettet hatten, wann Dennis und ich zusammenkommen würden. Diana hatte punktgenau geschätzt und ordentlich abgeräumt.

»Quatsch, ums Geld geht es mir nicht. Wie kannst du das nur denken? Aber ich dachte, ihr beide … Ich hab mich doch so für euch gefreut!«

»Ich doch auch, Diana. Zuerst jedenfalls. Aber wie sage ich immer: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.«

Wieder schwieg sie einen Moment lang, dann sagte sie: »Moment mal. Seit wann sonderst du denn derartig bescheuerte Phrasen ab? Zumal zu einem so wichtigen Thema! Weißt du was? Ich glaube dir kein Wort! Und ich kriege selbst durch den Hörer mit, dass dein Grinsen von einem Ohr bis zum anderen reicht.«

Ich musste kichern. »Schon gut, du hast ja recht. Keine Sorge, zwischen Dennis und mir ist alles in Butter. Wir haben uns lieb und sind sehr nett zueinander, wie es sich gehört. Aber er hat in seinem Garten zu tun, und ich bin später mit den beiden Schwestern verabredet.«

Ich musste ihr nicht erklären, wen ich damit meinte, denn selbstverständlich war Diana über jedes Detail meiner letzten Mördersuche informiert.

»Ich würde sie zu gern mal kennenlernen«, sagte sie. »Apropos: Okko nervt mich damit, wann ihr endlich mal zu uns an die Küste kommt.«

»Wer – die Schwestern und ich?«

»Quatsch. Dennis und du natürlich. Dennis war zwar auf unserer Hochzeit, aber Okko erinnert sich nur noch an einen Lulatsch in schrägen Klamotten.«

Lulatsch in schrägen Klamotten – das traf es tatsächlich recht gut, wie ich zugeben musste. Dennis war hochgewachsen und schmal, und er hatte eine Vorliebe für die Siebziger. Das führte zuweilen zu modischen Extravaganzen, die wahrlich nicht nach jedermanns Geschmack waren, aber das war ihm so wurscht wie nur was. Schon immer hatte ich das Selbstbewusstsein bewundert, mit dem er seine leidenschaftliche Liebe zu Schlaghosen, Plateaustiefeletten und überbreiten Krawatten auslebte. Oft genug sah er aus, als wäre er auf dem Weg zu einer Bad-Taste-Party, bei der er hundertprozentig den ersten Preis abgeräumt hätte. Das Beste war, dass er über meine spitzzüngigen und spöttischen Bemerkungen zu seinem Äußeren stets hatte lachen können. Ein Mann mit Selbstironie – das allein wäre ja eigentlich schon Grund genug gewesen, mich in ihn zu verlieben.

»Schönen Gruß an deinen Gatten – ein Besuch bei euch steht ganz oben auf meiner Liste.«

»Super. Aber sag Dennis, er soll mir dann nicht wieder damit auf den Keks gehen, dass ich die beste Domina war, die er jemals hatte, und zurück an seine Hotline kommen soll.«

Tatsächlich gehörte es zum Ritual, dass Dennis sie genau darum bat, wenn er und Diana sich begegneten. Wie ernst es ihm damit war, konnte ich nicht einschätzen, aber sicherlich würde er sich gegen ihre Rückkehr nicht wehren. Okko hatte nie ein Problem damit gehabt, dass Diana an der Sexhotline gearbeitet hatte, aber …

»Okko fände es also nur mäßig komisch, wenn Dennis die Telefondomina in dir wieder heraufbeschwören wollte?«, fragte ich amüsiert.

»Mäßig komisch?« Diana schnaubte. »Du weißt selbst, dass er mehr als entspannt mit meiner Vergangenheit an der Sexhotline umgeht, aber … Sagen wir so: Wenn Dennis in seinem Beisein versuchen würde, mich zu überreden, würde Okko ihm wahrscheinlich weit draußen im Watt bei einem Picknick auf einer Sandbank K.-o.-Tropfen in ein Glas Bier geben und ihn bei der nächsten Flut ersaufen lassen.«

»Und das als Anwalt.«

»Anwälte sind auch nur Menschen. Und zuweilen gleichzeitig Ehemänner, die ihre Frau abgöttisch lieben. Aber sie verfügen manchmal über ein profundes Wissen, wie sie den perfekten Mord begehen können.«

»Profundes Wissen? Ich würde das kriminelle Energie nennen, meine Liebe. Aber die Idee ist tatsächlich hübsch. Auf deinem Mist gewachsen?«

Diana kicherte. »Ja, gerade eben. Okkos Beruf scheint mich irgendwie zu inspirieren.«

»Solange du ihm keine Vorschläge machst, wie er meinen Freund beseitigen kann …«

»Das würde ich niemals tun. Dazu mag ich ihn viel zu sehr. Außerdem bist du wieder viel fröhlicher, seit du mit ihm zusammen bist. Süße, ich muss los, Heini wartet schon ungeduldig auf seinen Strandspaziergang. Grüß den Lulatsch von mir.«

Wir legten auf, und ich musste feststellen, dass ich sie nur zu gern auf dem Strandspaziergang mit Heini, ihrem quirligen Terrier, begleitet hätte. Es wurde wirklich mal wieder Zeit, sie zu besuchen. Zusammen mit Dennis.

Eigentlich hatte ich es sogar ihr zu verdanken, dass Dennis und ich jetzt ein Paar waren. Bei ihrem letzten Besuch bei mir war sie zu dem Schluss gekommen, dass ich einsam und unglücklich war, hatte mich an einem sehr angeheiterten Abend zu einem Profil auf einer Plattform für Singles genötigt, auf der auch Dennis aktiv gewesen war …

Der Rest ist Geschichte.

Eine Stunde später parkte ich mein Auto auf dem Randstreifen in der Straße, an der sich die Seniorenresidenz ›Herbstglück‹ befand. Wie üblich waren die beiden Flügel des schmiedeeisernen Tores, durch das man das weitläufige Gelände betrat, einladend geöffnet. Das Laub der malerischen Allee aus Buchen, die zur Residenz führte, schimmerte goldgelb und orange, wie es sich für den Herbst gehörte. Im Sommer nutzten die Bewohner der Einrichtung ausgiebig den schönen Park, der das Gebäude umgab, aber heute konnte ich niemanden entdecken, denn es war trotz der Sonne herbstlich kühl. Für meine Verabredung war ich etwas zu früh dran, also spazierte ich zunächst zum kleinen Ententeich. Sofort kam das Federvieh hoffnungsvoll zum Ufer gepaddelt, drehte aber umgehend desinteressiert wieder ab, als ich keine Anstalten machte, sie zu füttern. Klare Ansage: Du hast nichts für uns, also existierst du für uns nicht.

Ob Baghira wohl auch nur deshalb so anschmiegsam war, weil ich ihn mit Leckerbissen verwöhnte? Wir vermenschlichen unsere Haustiere ja nur zu gern und bilden uns ein, dass sie uns lieben, aber vermutlich ist das nur eine Mischung aus Kalkül, Bequemlichkeit und Instinkt. So nach dem Motto: Bei der Ollen ist es warm, gemütlich und trocken, und sie kann im Gegensatz zu mir die Dosen öffnen, in denen mein Futter aufbewahrt wird – hier bleibe ich, denn hier ist das Leben viel einfacher und besser als in der freien Wildbahn.

Ich schlenderte weiter.

Überall lag herabgefallenes Laub, auch zwischen den hüfthohen Holzfiguren der beiden großen Schachspiele, deren Partien auf gepflasterten Flächen aus weißen und schwarzen Steinplatten ausgetragen wurden. Auf dem einen Spielfeld standen die Figuren ordentlich aufgereiht am Rand, auf dem anderen waren sie wie bei einer laufenden Partie angeordnet. Aber es konnte natürlich auch sein, dass sie einfach sinnlos irgendwo herumstanden; von Schach verstand ich nichts. Umgeben war das lauschige, vom Hauptweg nicht einsehbare Areal von Büschen, zwischen denen in regelmäßigen Abständen Bänke standen, die interessierten Zuschauern Platz boten.

Die gekiesten Spazierwege wanden sich anmutig durch den idyllischen Park, der auch zu dieser Jahreszeit noch jede Menge Charme besaß. Das Laub der Bäume und Büsche prunkte in traumhaften Herbstfarben, und in den wie zufällig angelegten Beeten blühten farbenfrohe Astern. Ich passierte einen kleinen Minigolf-Platz und diverse hübsche Sitzgelegenheiten. Ich liebte den versteckt liegenden hölzernen Pavillon, der mit Korbmöbeln für vier Personen eingerichtet und von einer Kletterrose umrankt war, die noch etliche Blüten trug. Ein wunderbares Plätzchen, wenn man einen ungestörten Plausch halten wollte.

Nicht der schlechteste Ort, um seinen Lebensabend zu verbringen, dachte ich nicht zum ersten Mal.

Nicht, dass ich mir diese Luxusresidenz jemals würde leisten können, aber ich beglückwünschte jeden, der hier wohnte.

Wie Cäcilie und Käthe zum Beispiel, die bestimmt schon auf mich warteten, wie ein Blick auf die Uhr mir klarmachte.

Ich musste mich sputen, also ging ich quer über den Rasen zur Terrasse ihrer Suite. Dort stand eine pfirsichfarben gekleidete Gestalt und winkte mir schon von Weitem zu.

Kapitel 2

Ein Speisesaal wie in einem Schloss und herrschaftliches Verhalten – Loretta fühlt sich wie in eine andere Zeit versetzt

»Na, dat wurde aber auch Zeit«, begrüßte mich Cäcilie und zog mich ins Haus. »Wir dachten schon, du kommst nich mehr.«

»Tut mir leid, ich war zu früh dran und bin noch im Park spazieren gegangen«, erwiderte ich und hauchte erst ihr, dann ihrer Schwester einen Begrüßungskuss auf die gepuderten Wangen. Beide dufteten stets nach Lavendel, was ich sehr mochte.

Käthe schüttelte missbilligend den Kopf. »Das dachten wir natürlich nicht. Was soll Loretta denn von uns denken? Sie würde eine Verabredung mit uns niemals versäumen, ohne rechtzeitig Bescheid zu sagen. Das ist einfach nicht ihr Stil, Cäcilie, und das weißt du auch.«

»Natürlich weiß ich dat«, sagte Cäcilie. »Wir müssen los, Mädels. Der Gong hat bereits geläutet.«

Oho, die feinen Herrschaften wurden mit dem Gong zum Essen gebeten – ich war beeindruckt.

Bisher hatte ich ihre Kantine noch nicht kennengelernt; entsprechend neugierig war ich. Ich wusste, dass die Bewohner der Residenz morgens beinahe vollzählig dort frühstückten, denn lediglich die vier großzügigen Suiten verfügten über eine eigene kleine Küche, während die zehn Apartments nur aus einem oder zwei Zimmern mit Bad bestanden. Außerdem wurden auf Bestellung Mittagessen, Kaffee und Kuchen sowie Abendessen dort serviert. Diesen Service nutzten die Schwestern nur unregelmäßig, da sie es meist vorzogen, sich selbst zu versorgen oder außerhalb der Residenz essen zu gehen. Sie mochten die Bequemlichkeit der Einrichtung, fanden es dort aber ziemlich langweilig, wie sie mir gleich zu Beginn unserer Bekanntschaft verraten hatten. Das Freizeitangebot war zwar breit aufgestellt, aber für ihren Geschmack bei Weitem nicht unterhaltsam genug.

Ich folgte ihnen durch diverse Flure in einen prunkvollen Raum, der die Bezeichnung ›Kantine‹ wahrlich nicht verdiente. Bodentiefe Sprossenfenster, geschmackvoller Teppichboden, vergoldetes Mobiliar wie aus einem Barockschloss, gigantische Grünpflanzen und monströse Kristalllüster – all das verschlug mir für einen Moment die Sprache. Klassische Musik perlte leise aus verborgenen Lautsprechern; auf den festlich gedeckten Tischen flackerten Kerzen. Nicht schlecht.

Die meisten Tische waren besetzt, einige mit einer Person, andere mit zweien oder mehr.

»Wünsche allseits einen guten Appetit!«, zwitscherte Cäcilie in die Runde, was mit allgemeinem Nicken quittiert wurde.

»Wir haben den da hinten reserviert«, sagte Käthe und deutete auf einen Erker.

Als wir Platz genommen hatten, stellte ich sofort fest, dass die beiden Damen tatsächlich ein Händchen dafür hatten, sich den Tisch mit der strategisch günstigsten Position, sprich: dem besten Blick, auszusuchen. Damit meine ich keineswegs die Aussicht auf Terrasse und Park, oh nein. Von diesem Tisch aus konnte man problemlos den gesamten Raum scannen. Das kannte ich schon von dem Café, in dem ich Cäcilie und Käthe zum ersten Mal begegnet war: Auch dort hatten sie den optimalen Beobachtungsposten bezogen, eine Tatsache, die mir bei der Aufklärung des mysteriösen Todesfalls, der sich dort ereignet hatte, durchaus geholfen hatte. Ich war sicher, dass die Auswahl dieses Tisches kein Zufall war.

»Hier lässt es sich vortrefflich speisen«, sagte ich, »wenn das Essen nur halb so gut ist wie das Ambiente …«

»Ist es, meine Liebe, ist es.« Käthe ließ den Blick durch den Raum schweifen, dann sah sie mich an. »Alle Mitbewohner sind heute anwesend.«

»Alle, die noch leben, wolltest du wohl sagen«, fügte Cäcilie hinzu.

Das hatte gesessen.

Während ich noch damit beschäftigt war, die Detonation dieser wohlplatzierten Bombe zu verarbeiten, kam durch eine Tür am entgegengesetzten Ende des Raums eine junge Frau herein, die einen Servierwagen schob. Sie trug einen schwarzen Rock, eine weiße Bluse und ein spitzenbesetztes Schürzchen. Sie ging von Tisch zu Tisch, stellte Suppenteller vor den Gästen ab und schöpfte aus einer Terrine klare Boullion hinein. Nachdem sie auch uns die Suppe serviert hatte – wir waren die Letzten –, verschwand sie wieder, vermutlich in der Küche.

»Das war Susi«, sagte Käthe. »Eine sehr freundliche Person. Immer gut gelaunt und hilfsbereit. Alle mögen sie. Aber man weiß ja nie.«

»Nein, das tut man wohl nicht«, murmelte ich verdattert. »Aber was meinte Cäcilie vorhin mit …«

»Später, nicht jetzt«, fiel Käthe mir ins Wort. »Hör einfach zu. Also: Der alte Herr am Nebentisch ist Egbert Fröhlich.«

Aus dem Augenwinkel registrierte ich vage eine hagere Gestalt mit Glatze und weißem Kinnbart. Alter Herr, soso. Er wirkte keine Minute älter als die munteren Schwestern – kaum vorstellbar, dass sie sich selbst als ›alte Damen‹ bezeichnen würden.

Meine köstliche Boullion – es war mir gelungen, einen Löffel zu probieren – wurde kalt, während Käthe mir im Stakkato kurze Informationen zu allen Anwesenden vor den Latz knallte. Cäcilie löffelte in aller Seelenruhe ihre Suppe, aber mir rauchte binnen kürzester Zeit der Kopf. Hermine Sanders, die ehemalige Oberstudienrätin, Albert Küppersbusch, Admiral a. D., Berta und Paul Mönchshausen, Fabrikanten im Ruhestand, Olga Krasnaja, Ex-Primaballerina an irgendeiner Staatsoper … Hilfe!

»Stopp«, flüsterte ich irgendwann, »wer soll sich das denn merken? Und warum erzählst du mir das alles?«

»Wirst du gleich erfahren, wenn wir unter uns sind«, erwiderte Cäcilie gleichmütig. »Du wirst staunen.«

Ich staunte ja jetzt schon.

Und in mir keimte allmählich der Verdacht, dass die beiden Damen, mit denen ich gerade zu Mittag aß, einen Kriminalfall witterten. Jemand, der nicht mehr lebte … Diese Formulierung allein sprach Bände. Allerdings jemand, der vermutlich ziemlich betagt gewesen war, und manchmal starben alte Leute halt. Daran war in den allermeisten Fällen nichts geheimnisvoll. Oder kriminell. Ich seufzte innerlich, denn genau das würde ich ihnen wohl gleich schonend beibringen müssen.

»Du musst dir auch gar nichts merken«, sagte Käthe, »wir wollten nur, dat du alle mal in natura siehst. Wir haben für dich natürlich Fotos von sämtlichen Leuten, selbstverständlich auch vom Personal. Außerdem einige Informationen über jeden und eine genaue Liste, wo jeder unserer Mitbewohner in diesem Haus residiert.«

Na, da bin ich aber beruhigt, dachte ich amüsiert.

Selbst wenn nichts dahintersteckte, würde ich Dennis immerhin einiges zu erzählen haben, wenn ich später noch zu ihm fuhr.

Käthes weiteren Ausführungen hörte ich nur noch mit halbem Ohr zu, sah mir die jeweiligen Personen dennoch kurz an. Alle machten einen recht wohlhabenden Eindruck, waren gepflegt und hochwertig gekleidet. Nur einer – Hansi Sommer, Ex-Schlagersänger – fiel durch sein gleichermaßen exzentrisches wie seltsam altmodisches Äußeres aus dem Rahmen: Sein blond gefärbtes Haar war beinahe schulterlang, und er trug einen weißen Anzug mit absurd breitem Revers sowie ein violettes Satinhemd. Ich wusste, Dennis würde das Outfit lieben.

»Er lebt ein bisschen in der Vergangenheit«, erzählte Käthe, »und manchmal gibt er Konzerte für uns.«

»Manchmal?«, raunte Cäcilie mit gehobenen Brauen. »Ein wenig zu häufig für meinen Geschmack. Zumal er beleidigt ist, wenn man nicht erscheint. Dat sind Pflichtveranstaltungen. Dafür müssten wir eigentlich Geld kriegen.«

»Gönn ihm doch sein kleines Vergnügen«, sagte Käthe. »So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Immerhin war er mal recht erfolgreich.«

Sie unterbrach ihren Vortrag, als der nächste Gang serviert wurde: Rinderbraten mit kräftiger Sauce, Kartoffelgratin und grüne Bohnen.

Als hätte sie mir nicht gerade ein ganzes Bündel geheimnisvoller Informationen vor die Füße geworfen, schnitt Käthe unvermittelt ein komplett anderes Thema an.

»Und? Wie läuft es mir dir und dem schillernden jungen Mann? Hoffentlich immer noch verliebt wie am ersten Tag?«, zwitscherte sie und wechselte einen schelmischen Blick mit Cäcilie.

Das konnten sie gut: Blicke miteinander tauschen. Mal schelmisch wie jetzt, mal beredt, mal kaum deutbar. Ganze Unterhaltungen schienen sie völlig ohne Worte zu führen. Das spielte sich vermutlich ein, wenn man so eng miteinander verbunden war.

»Ich bin sehr glücklich mit Dennis«, sagte ich lahm, denn mein Gehirn war noch immer mit der Frage beschäftigt, welche Geschichte sie mir später wohl auftischen würden.

»So ein ritterlicher Mann«, flötete Cäcilie mit leuchtenden Augen. »Ich habe gleich gewusst, dat ihr zusammengehört. Nicht wahr, Käthe? Ich hab gleich gesagt: Die zwei gehören zusammen. Passt wie Arsch auf Eimer, hab ich gesagt. Stimmt doch, Käthe? Dat hab ich gesagt.«

»Ja, das hast du.« Käthe rollte dezent mit den Augen. »Aber ich wäre dir ausgesprochen dankbar, wenn du stattdessen ein Wort wie ›Gesäß‹ verwenden würdest, meine Liebe.«

Ich schmunzelte. Wie unterschiedlich sie sich ausdrückten: Käthe stets makellos und gewählt, während von Cäcilie immer mal recht handfester Ruhrpottslang zu hören war. Eine über achtzigjährige Dame mit weißen Löckchen, pfirsichfarbenem Kaschmir-Twinset und Perlenkette, die eine Formulierung wie ›Arsch auf Eimer‹ benutzte. Ich fand das zum Brüllen. Käthe offenbar weniger.

Kein Treffen mit den beiden, ohne dass sie Hymnen auf Dennis’ Heldenmut sangen und die Tatsache beschworen, dass sie vom ersten Moment an gewusst hätten … Nun ja. Auch Dennis gegenüber machten sie aus ihrer Bewunderung für ihn keinen Hehl, zusätzlich punktete er bei ihnen mit vollendeten Manieren, was sie großzügig über seine exzentrischen Outfits hinwegsehen ließ.

Allerdings wusste ich nun, dass sie diesbezüglich vermutlich durch ihren Mitbewohner Hansi Sommer abgehärtet waren: Seine Frisur kopierte zweifellos diejenige, die Günter Netzer in den Siebzigern getragen hatte – dessen damaligen Stil Dennis übrigens sehr bewunderte.

»Wir freuen uns jedenfalls, dass du einen so netten Gefährten gefunden hast«, sagte Käthe. »Eine so besondere junge Frau wie du sollte nicht allein durchs Leben gehen.«

»Das sollte niemand, oder?«, erwiderte ich.

»Aber viele sind allein.« Mit einer kaum merklichen Kopfbewegung deutete Käthe in die Runde. »Die meisten Bewohner unserer Residenz zum Beispiel. Das macht es ja auch so einfach …« Sie brach ab und fuhr dann fort: »Wo kein Kläger, da kein Richter. Du wirst gleich verstehen, was ich meine.«

Okay – mittlerweile hatten sie mich so neugierig gemacht, dass ich unser Dessert in Windeseile hinunterschlang, ohne es wirklich zu genießen. Dabei hatte die himmlische Pannacotta das nun wirklich nicht verdient. Ungeduldig zappelte ich auf meinem Stuhl herum und sah dabei zu, wie sich die beiden Damen ihre Nachspeise Löffelchen für Löffelchen im Mund zergehen ließen.

Plötzlich blickten alle auf: Eine elegante Dame betrat den Raum und grüßte huldvoll in die Runde. Begleitet wurde sie von einem mürrischen Mann Mitte fünfzig, dessen blaue Latzhose und Werkzeugkasten ihn als Handwerker auswiesen. Ganz offensichtlich ging es ihm massiv gegen den Strich, am Sonntagmittag hier antanzen zu müssen.

»Ich will Sie gar nicht lange stören«, sagte die Dame, »aber … Herr Sommer …?«

Der Mann im Schlagersänger-Outfit winkte, tupfte sich dann mit einer Stoffserviette die Mundwinkel ab und erhob sich. »Wunderbar, dass Sie sofort kommen konnten, Herr Meister. Der tropfende Wasserhahn macht mich verrückt.«

Wow, ein tropfender Wasserhahn.

Nicht etwa ein verstopftes Klo oder eine zerbrochene Fensterscheibe, nein: ein tropfender Wasserhahn. Dafür wurde am Sonntag ein Handwerker bemüht? Nun ja, wenn man für den Notdienst seiner Firma eingeteilt war, musste man wohl damit rechnen. Umso saftiger würde die Rechnung ausfallen.

Die drei verließen den Speisesaal, und Käthe beugte sich zu mir. »Das war Frau von Dillingen; sie leitet dieses Haus. Und Herr Meister, unser Hausmeister.«

»Na, sein Name passt ja wie Ar…, äh, wie die Faust aufs Auge«, gab ich leise zurück. »Wohnen die auch hier?«

»Frau von Dillingen bewohnt einige Räume im ersten Stockwerk«, sagte Käthe. Sie deutete auf einen alten Herrn mit grau meliertem Bürstenschnitt und fuhr fort: »Das ist übrigens ihr Vater, Justus von Dillingen. Er lebt auch in der Residenz. Aber Herr Meister natürlich nicht. Er kommt werktags jeden Morgen um sieben und hat um fünf Feierabend.«

Missbilligend schüttelte ich den Kopf. »Heute ist kein Werktag, soweit ich weiß. Und ich bin ein bisschen erstaunt, dass der Mann für einen läppischen tropfenden Wasserhahn hierher zitiert wird. Das kann man ja wohl kaum als Notfall bezeichnen. Sogar mir fallen spontan diverse Möglichkeiten ein, um so ein Tropfgeräusch abzustellen. Da improvisiert man halt ein bisschen und wartet ab, bis der Hausmeister normal zum Dienst kommt.«

Cäcilie lächelte sanft. »Kindchen, lass es mich so sagen: Die meisten Bewohner dieser Residenz sind der Meinung, dat sie nich Unsummen für dat Privileg zahlen, hier einen gewissen Luxus zu genießen, um sich selbst etwas einfallen zu lassen, wenn der Wasserhahn tropft. So simpel ist dat. Die Glühbirne in einer Stehlampe geht am Samstagabend kaputt, und schon wird nach Herrn Meister geschrien. Ehe du dich aufregst – Käthe und ich würden das niemals tun.«

»Herr Meister scheint ja einen echten Traumjob zu haben. So ein verdammter Glückspilz. Ich hoffe, er bekommt für seinen Einsatz heute wenigstens ein großzügiges Trinkgeld.«

Cäcilie schnaubte. »Darauf würde ich nicht wetten. Einige hier sind nicht nur stinkreich, sondern haben auch noch einen Igel in der Tasche.«

Wie überaus sympathisch.

Die schöne Fassade dieser Luxusresidenz bekam in meiner Wahrnehmung erste Risse. Lebte hier etwa ein Haufen bornierter Snobs, die glaubten, die Angestellten herumscheuchen zu können? Bäh. Was gab ihnen das Recht dazu? Ihr Geld? Wohl kaum. Aber Herzensbildung konnte man sich halt nicht kaufen.

»Ach, Cäcilie, das gilt wirklich nicht für jeden. Etliche sind äußerst großzügig, Lucia zum Beispiel, oder Elisabeth. Was soll Loretta nur von unseren Mitbewohnern denken? Sieh nur, jetzt hat sie prompt schlechte Laune gekriegt«, sagte Käthe bekümmert. »Loretta, das wollten wir nicht.«

Ich riss mich zusammen. Mit einem Lächeln winkte ich ab. »Ist ja nicht eure Schuld. Selbst wenn nur zwei oder drei von ihnen sich so hochherrschaftlich verhalten: Da muss ich an Zeiten denken, als Angestellte wie Leibeigene behandelt wurden und rund um die Uhr zur Verfügung stehen mussten. Dafür sind selbst die Bewohner dieser Filmkulisse eindeutig zu jung, was allerdings kein Hinderungsgrund zu sein scheint. Wenn die mit allen so herablassend umgehen, lebt der eine oder andere hier gefährlich, schätze ich mal.«

Zwischen Käthe und Cäcilie flogen die Blicke hin und her wie ein Tennisball beim Finale in Wimbledon.

Sah ganz so aus, als hätte ich ins Schwarze getroffen.

Kapitel 3

Käthe und Cäcilie wittern ein Verbrechen, und Loretta soll es aufklären – aber wie?

»Ich mache uns einen schönen Mokka«, sagte Käthe, als wir wieder in der Suite der Schwestern waren. Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand sie in der winzigen Küche.

Mittlerweile wusste ich, dass die beiden Damen dort einen Kaffee-Automaten stehen hatten, dessen Kaufpreis ich im vierstelligen Bereich vermutete. Die Maschine war zwar relativ klein und kompakt, konnte aber das, was unter dem Oberbegriff Kaffee lief, in vierundzwanzig Variationen produzieren, Knopfdruck genügte. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass mich bei unserer ersten Begegnung eine tiefe Zuneigung zu diesem Gerät ergriffen hatte, was Käthe und Cäcilie ziemlich amüsiert hatte.

Ich stellte mich an eines der bodentiefen Sprossenfenster, von denen zwei auch als Terrassentüren fungierten. Der Ausblick auf den Park konnte sich sehen lassen, und das zu jeder Jahreszeit, wie ich annahm. Selbst im Winter musste die Anlage ihren Reiz haben, zum Beispiel, wenn alles mit Raureif überzogen war.

Da ich den Gebäudekomplex schon früher einmal umrundet hatte, wusste ich, dass es vier dieser Terrassen gab, die vermutlich sämtlich zu Suiten gehörten, wie die Schwestern sie bewohnten. Optisch unterschieden sich diese Außenbereiche stark voneinander: Die vor meiner Nase war von einer hüfthohen Buchenhecke mit einer seitlichen Lücke zum Durchschlüpfen umgeben. Bei meinem ersten Besuch hatte ich mich gefragt, ob ich mich mit einer höheren Hecke wohler fühlen würde, die mir etwas mehr Privatsphäre gewähren konnte. Aber es hatte sich herausgestellt, dass die Leute normalerweise die weiter entfernten Pfade benutzten und nicht – wie ich – quer über den Rasen latschten, um den Weg abzukürzen.

Bei den anderen Terrassen gab es keine Hecken, sondern lediglich vereinzelte am Rand platzierte Kübel mit affig geschnittenen, unecht wirkenden Buchsbaumskulpturen: Kugeln, Spiralen oder Kegel, die genauso gut aus Plastik hätten sein können. Im Sommer waren diese Bereiche mit geschmackvollen Gartenmöbeln und Sonnenschirmen ausgestattet gewesen, die alle gleich aussahen und wahrscheinlich zur Ausstattung der Suiten gehörten.

Ich hätte jede Wette gehalten, dass Frau von Dillingen es den Bewohnern keinesfalls erlaubte, das Gartenmobiliar selbst auszusuchen. Immerhin würde es den harmonischen Gesamteindruck der Residenz massiv stören, wenn einer sich für einen gestreiften Sonnenschirm begeistern würde und ein anderer für einen mit Punkten – undenkbar, schließlich war man hier nicht auf dem Jahrmarkt. Also bekamen alle einheitlich grüne Schirme, farblich passend zu den Polstern der Sitzmöbel.

Sicherlich gab es Schlimmeres, aber mich hätte es genervt, meine Terrasse nicht individuell gestalten zu dürfen.

Käthe brachte den Mokka herein. »Sooooo«, flötete sie dabei, wie weiland Else Tetzlaff.

Wir setzten uns aufs Sofa. Ich nippte an der zierlichen Mokkatasse, dann sagte ich: »Also, meine Damen: Raus mit der Sprache.«

Käthe schüttelte den Kopf. »Wir genießen jetzt erst einmal unseren Mokka, und dann machen wir drei Hübschen einen schönen Verdauungsspaziergang.«

Da in eine Mokkatasse gerade mal zwei oder drei kleine Schlucke passten, waren sie rasch geleert.

»Seid ihr ganz sicher, dass ihr in den Park gehen wollt?«, fragte ich. »Hier ist es so schön gemütlich.«

Um die Wahrheit zu sagen: Ich war diejenige, die keine Lust hatte, mich durch den Park zu quälen. Nicht nach diesem reichhaltigen Mittagessen. Aber keine Chance – die Schwestern waren unerbittlich. Und wenn ich heute noch herausfinden wollte, was sie mir zu sagen hatten, musste ich wohl oder übel in den sauren Apfel beißen.

Sie zogen sich warme Jacken an, und dann schlenderten wir über die gewundenen Wege. Ich verkniff mir weitere Aufforderungen, endlich auszupacken. Sonst plapperten sie zwar immer wie zwei hyperaktive Kanarienvögel, aber wenn sie nichts sagen wollten, war halt Funkstille. Noch.

»Setzen wir uns in den Pavillon, dort sind wir ganz ungestört«, sagte Käthe und deutete in Richtung der kleinen, verschnörkelten Laube, die hinter einigen rot belaubten Büschen zu erahnen war.

Nun, das wären wir in ihrer Wohnung doch auch gewesen, oder? Dennoch: Ich ahnte, dass sie einen triftigen Grund dafür hatten, unser Gespräch nach draußen zu verlegen. Meine Neugier stieg allmählich ins Unermessliche.

Die verblichenen Korbsessel knarrten, als wir uns setzten. Die Sonne schien, und es duftete zart nach den letzten Rosenblüten an den Ranken, die den Pavillon schmückten.

Cäcilie nickte Käthe zu. Die beugte sich zu mir und raunte: »Hier gehen Dinge vor sich, Loretta.«

Aha. »Was für Dinge? Spukt es etwa in dem alten Gemäuer?«

Ich hatte einen Witz machen wollen, aber Cäcilie zuckte nicht mit der Wimper. »Keinen Schimmer, ob Heriberts ruheloser, rachsüchtiger Geist hier spukt. Würde mich aber nicht wundern. Ich an seiner Stelle würde es tun.«

Heriberts … rachsüchtiger Geist?

»Wer ist Heribert?«, fragte ich. »Und warum sollte sein Geist rachsüchtig sein?«

Käthe atmete tief durch. »Heribert wohnte in Suite C. Vor drei Wochen ist er ganz plötzlich gestorben. Über Nacht. Abends haben wir noch zusammen Bridge gespielt, und am nächsten Morgen lag er tot im Bett.«

Du musst zugeben: Das ist seltsam, sagte ihr Blick, und ich wusste, jetzt war ein gewisses Maß an Diplomatie gefragt.

»Mädels, ich will euch nicht zu nahe treten, aber es soll vorkommen, dass ein alter Mann stirbt, auch mal über Nacht«, erwiderte ich also. »Wisst ihr zufällig, was als Todesursache festgestellt wurde?«

»Angeblich Herzstillstand.« Cäcilie schnaubte verächtlich. »Also echt, wat sagt dat schon aus? Bleibt die olle Pumpe etwa nicht immer stehen, wenn einer stirbt?«

»Das ist schon richtig, aber …« Mich fröstelte plötzlich. Während des Spaziergangs war mir warm genug gewesen, aber mittlerweile … »Sagt mal, warum sitzen wir eigentlich hier und nicht in eurer Wohnung?«

Sie wechselten einen Blick. »Damit man uns nicht belauschen kann«, erwiderte Cäcilie leise.

Jetzt kapierte ich gar nichts mehr. Was ging hier ab? Galoppierende Paranoia? Die Schwestern waren fasziniert von Kriminalfällen, wie ich wusste, und deshalb waren sie auch regelrecht aus dem Häuschen gewesen, als sich vor einigen Monaten in ihrem Lieblingscafé direkt vor ihrer Nase ein Todesfall ereignet hatte. Die gesamte Kavallerie war aufmarschiert, sie hatten ihr Glück kaum fassen können. Mit diesem Erlebnis hatten sie in ihrer Seniorenresidenz sogar zwei oder drei unterhaltsame Vortragsabende gestaltet, die sie dort zu Superstars gemacht hatten.

Ich roch die Gefahr, dass sie nun dazu neigten, vermeintlich Kriminelles in völlig harmlosen Vorgängen zu suchen, und da kam ich ins Spiel. Da ich besagten Todesfall aufgeklärt hatte, hielten sie mich nun für eine oberschlaue Super-Detektivin, die der Polizei mal eben zeigte, wo der Frosch die Locken hatte. Obwohl ich mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, ließen sie sich nicht von ihrer Meinung über mich abbringen.

Und jetzt hatte ich den Salat.

»Wer soll uns denn eurer Meinung nach nicht belauschen können?«, fragte ich sanft.

»Wissen wir nicht.« Käthe zuckte mit den Schultern. »Wir sind allerdings ganz sicher, dass die Wohnungen verwanzt sind. Vielleicht nicht alle. Aber zumindest diejenigen, in denen was zu holen ist.«

Sag ich doch: galoppierende Paranoia. Dennoch schien es mir geboten, sensibel damit umzugehen und sie nicht etwa auszulachen.

»In Ordnung«, sagte ich. »Ihr habt bestimmt einen sehr guten Grund für eure Vermutung.«

Erneut warfen sie sich einen dieser Blicke zu und nickten synchron. Dann winkte Käthe mich näher zu sich und raunte: »Heribert besaß eine sehr kostbare antike Kaminuhr aus Porzellan, die stets auf seinem Vertiko gestanden hat. Seit seinem Tod ist sie verschwunden. Stattdessen hat man dort ein billiges, ähnliches Modell platziert, damit das Fehlen des Originals nicht auffällt. Auch sein persischer Teppich wurde ausgetauscht. Weiß der Himmel, was noch alles geklaut worden ist.«

»Könnte es nicht sein, dass irgendwelche Verwandten, also seine Erben, die Uhr und den Teppich genommen haben?«

Vehement schüttelte Käthe den Kopf. »Nie und nimmer. Der Heribert hatte keine Familie mehr. Außerdem: Warum sollten Erben die austauschen? Wenn sie die Sachen doch sowieso erben?«

Das stimmte natürlich.

»Sein Besitz sollte nach seinem Tod einem guten Zweck zugutekommen«, fuhr Käthe fort, »das hat er uns erzählt. Einem Hospiz oder einem Waisenhaus oder dergleichen. Genau hat er sich dazu nicht geäußert.«

»Verstehe. Seid ihr sicher, dass diese Gegenstände wirklich so überaus wertvoll waren? Oder hat er vielleicht nur ein bisschen … Ihr wisst schon.«

»Auf dicke Hose gemacht?«, fragte Cäcilie amüsiert. »Nee. Er hatte dafür sogar Expertisen, die hat er uns gezeigt. Irgendein Zar hat die Uhr irgendeinem von Heriberts Vorfahren geschenkt; für besondere Verdienste oder so. Und der Teppich war ein uraltes Stück aus einem Königspalast. Er hatte uns mal auf eine Tasse Tee eingeladen, dat war kurz vor seinem Tod. Eigentlich lebte er sehr zurückgezogen und lud niemals zu sich ein, aber«, sie kicherte kokett, »ich glaube, der alte Knabe hatte sich in mich verguckt. Ich habe – aus reiner Höflichkeit – die Uhr bewundert, die ich in Wirklichkeit potthässlich fand. Der Teppich war allerdings sehr hübsch, muss ich zugeben. Ich hab ihn gefragt, ob er diese Sendung kennt, die mit diesem kleinen Kerl mit dem Zwirbelschnäuzer. Da kann man hingehen, wenn man Sachen begutachten und schätzen lassen will. Außerdem sind da noch ein paar Antiquitätenhändler, die auf die Gegenstände bieten können.«

Sie blickte mich fragend an, und ich schüttelte den Kopf. Der Tag, an dem ich mich für Antiquitäten interessierte – seien es echte oder vermeintliche –, musste erst noch kommen.

»Nicht? Da hast du was verpasst. Käthe und ich raten immer, was die Sachen wohl wert sein könnten. Wie auch immer: Mein Vorschlag hat den guten Heribert sehr amüsiert«, fuhr Cäcilie fort. »Alle Händler zusammen hätten nicht genug Geld für seine Uhr dabei, und für den Teppich auch nicht, sagte er. Zack, schon hatte er die Expertisen aus dem Sekretär gezaubert und hielt sie uns unter die Nase. Der war stolz wie Oskar, sag ich dir. Und wat ich da gelesen hab, hat mich glatt aus den Socken gehauen: Die Uhr wurde auf 30.000 Euro geschätzt, der Teppich auf 55.000. Na, wat sagst du jetzt?«

Ich sagte gar nichts. Erst mal musste ich diese unglaublichen Summen verkraften. So etwas hatte ich nicht im Traum erwartet.

Käthe erzählte weiter. »Außerdem besaß er wohl noch eine Sammlung antiker Taschenuhren, die mal irgendwelchen Persönlichkeiten gehört hatten: Zaren, Königen und Politikern. Die sollen ein kleines Vermögen wert sein.«

»Und diese kostbaren Dinge hatte er einfach so in seiner Suite?«, fragte ich ungläubig. »War das nicht sehr leichtsinnig? Ich dachte immer, so etwas bewahrt man in Bankschließfächern oder dergleichen auf.«

»Das haben wir ihn natürlich auch gefragt«, erwiderte Käthe ernst. »Aber davon wollte er nichts wissen. Er wolle seine Schätze um sich haben und jederzeit ansehen können, hat er gesagt. Er wolle die Uhr schlagen hören und den Teppich unter seinen Füßen spüren, das waren seine Worte. Das war ein wenig exzentrisch, zugegeben, aber tatsächlich fand ich das sehr sympathisch. Er besaß diese Dinge, weil er sie wirklich liebte. Und nicht etwa als Geldanlage, die in irgendeinem Tresor vor sich hin schimmelt. Sein Plan war, das alles am Ende seines Lebens in einem Auktionshaus versteigern zu lassen und den Erlös so zu verteilen, wie er es in seinem Testament festgelegt hatte. Oder festlegen wollte.«

Die Schwestern sahen mich gespannt hat, und ich sagte: »Aber dazu ist es nicht mehr gekommen. Hat er erwähnt, wann er die Dinge verkaufen wollte?«

Synchron wurden zwei silberlockige Köpfe geschüttelt, dann holte Cäcilie tief Luft. »Für ihn gab es keinen Grund zur Eile. Er war ja gesund und fit. Tägliches Powerwalking durch den Park, und zwar bei jedem Wetter. Gymnastik und Training in unserem Fitnessraum, gesunde Ernährung … Sein Arzt hatte ihm gerade erst die Konstitution eines Mannes von höchstens Ende sechzig attestiert – und Heribert war Mitte achtzig. Verstehst du jetzt, warum wir misstrauisch sind?«

»Lasst mich einen Moment nachdenken.« Ich stand auf und ging ein paar Schritte, um das Gehörte zu sortieren.

Tatsächlich war nicht zu leugnen, dass Heriberts Besitz für Diebe durchaus reizvoll gewesen wäre. Ebenso wenig war zu leugnen, dass der wirkliche Wert der Sachen vermutlich nur einem Kunstexperten klar gewesen sein dürfte.

Oder hatte besagter Heribert nicht nur die Schwestern eingeweiht, sondern überall mit seinen Kostbarkeiten geprahlt? Eventuell aber hatte irgendjemand – Personal, Besucher, was weiß ich – Fotos von der Uhr und dem Teppich gemacht und diese dann einem Experten vorgelegt. Aber war es möglich, aufgrund von Fotos wirklich verbindliche Aussagen zu machen?

Ich setzte mich wieder und fragte: »Seid ihr wirklich sicher, dass Heribert mit dem Wert der Sachen diskret umgegangen ist?«

Beide nickten, dann erwiderte Käthe: »Er war kein geschwätziger Mensch, das mal vorweg. Außerdem: Wenn er es herumerzählt hätte, wäre es mit Sicherheit in der Residenz ein beliebtes Tratschthema gewesen – die Klatschtanten hier stürzen sich auf alles, was nur halbwegs interessant ist. Dazu kommt: Bei unserem Gespräch bat er uns dringend um Stillschweigen, da niemand davon wisse. Das sicherten wir ihm natürlich zu.«

»Und woher wisst ihr so genau, dass die besagten Dinge ausgetauscht wurden? Nach seinem Tod durfte doch bestimmt niemand in seine Suite, oder?«

Käthe kicherte. »Man kann durchs Fenster nicht nur raus-, sondern auch reingucken. Wir zwei waren neugierig, das gebe ich gerne zu. Eigentlich gab es nicht einmal einen besonderen Grund, denn wir haben ja erst dann entdeckt, dass dort eine andere Uhr stand. Cäcilie fiel dann auf, dass auch der Teppich anders aussah. Und was bedeutet das wohl, liebe Loretta? Welches eindeutige Signal sendet dein kriminalistischer Instinkt?«

Ich wusste genau, worauf sie hinauswollten. »Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätte es keine Notwendigkeit gegeben, die Gegenstände auszutauschen, dann wären sie einfach weg gewesen. So wurde zumindest auf einen flüchtigen Blick der Eindruck erweckt, dass sich nichts verändert hat. Und deshalb denkt ihr auch, dass …«

»Dat jemand unser Gespräch mit ihm belauscht haben muss«, raunte Cäcilie. »Wir waren in seiner Suite, alle Fenster und Türen waren geschlossen, auch die Wohnzimmertür. Und wir haben natürlich nicht herumgekreischt wie hyperaktive Kindergartenkinder. Selbst wenn jemand an der Wohnungstür gelauscht haben sollte, konnte man uns nicht verstehen, da bin ich sicher.«

»Haben alle Suiten denselben Grundriss?«, fragte ich.

Die Schwestern nickten.

Das bedeutete: Wie hier gelangte man vom Wohnzimmer in einen Flur, von dem zwei Schlafzimmer und das Bad abgingen. Es war schlicht unmöglich, von der Wohnungstür aus durch die geschlossene Wohnzimmertür ein Gespräch zu belauschen, das war Fakt.

»Deshalb denkt ihr also, dass die Wohnungen dieser Residenz verwanzt sind. Vielleicht hätten wir uns dann besser woanders treffen sollen, meint ihr nicht auch?«

Käthe beugte sich nah zu mir und flüsterte in mein Ohr: »Wir haben bei uns schon alles abgesucht und nichts gefunden. Aber man weiß ja nie, deshalb unterhalten wir uns hier und nicht in der Suite. Reine Vorsichtsmaßnahme. Außerdem denken wir, dass vielleicht nur die Wohnungen verwanzt sind, in denen was zu holen sein könnte, und wir haben nicht gerade haufenweise Juwelen rumliegen. Da gibt es ganz andere Kaliber in dieser Residenz. Allerdings auch Bewohner, deren Kinder das Apartment bezahlen.«

Dass sie nichts gefunden hatten, musste nichts bedeuten – es gab sicherlich winzige Abhörgeräte, die nur mit speziellen Geräten aufzuspüren waren.

Und hier draußen? Hatte man uns heimlich verfolgt? Tatsächlich hoffte ich spontan, dass niemand im Gebüsch hockte und wir leise genug geredet hatten.

Huch? Hieß das etwa, dass ich den Schwestern glaubte? Dass es hier tatsächlich einen Fall zu lösen gab?

»Was genau wollt ihr denn jetzt von mir?«, fragte ich die Schwestern.

»Du musst rausfinden, wat mit Heriberts Sachen passiert ist«, erwiderte Cäcilie ernst. »Und ob Heribert wirklich einfach nur gestorben ist oder ob jemand nachgeholfen hat.«

Natürlich hatte ich bereits geahnt, dass es genau darauf hinauslaufen würde. Aber wie stellten sie sich das vor?

Du musst rausfinden … Leichter gesagt als getan.

Am liebsten hätte ich ihnen gesagt, dass ich keine Möglichkeit sah, Heriberts Tod aufzuklären. Wenn es dabei überhaupt etwas aufzuklären gab.

Zudem hatte ich nicht den Hauch einer Idee, wie ich hier in der Residenz irgendetwas herausfinden sollte; schließlich konnte ich nicht einfach von Tür zu Tür gehen und die Bewohner ausquetschen. Oder überall herumschnüffeln. Mit welcher Berechtigung auch?

Beim Personal konnte ich erst recht nichts ausrichten. Was besonders dumm war, denn wo würde ich einen eventuellen Dieb zuerst vermuten? Innerhalb des Personals. Vielleicht nicht fair, aber durchaus naheliegend, wenn ich mich an die Szene vorhin im Speisesaal erinnerte. Vielleicht sollte der Schlagerfuzzi mal nachsehen, ob seine Rüschenhemden noch vollzählig waren.

»Du glaubst uns nicht«, sagte Käthe. »Du denkst, wir haben zu viel Fantasie. Das sehe ich deinem Gesicht an, Loretta.«

»Nein, das ist es nicht«, erwiderte ich. »Ich zermartere mir den Kopf, wie ich unauffällig etwas herausfinden soll. Denn nichts, was ich tun könnte, wäre unauffällig – weder wohne ich, noch arbeite ich hier. Außer zu Besuchen bei euch kann ich mich hier nicht aufhalten, ohne dass Fragen aufkämen.«

»Also kannst du nichts tun?« Cäcilie klang enttäuscht.

»Ich denke darüber nach, einverstanden? Und ihr schickt mir die Informationen und Fotos. Wer weiß – vielleicht habe ich ja einen überraschenden Geistesblitz.«

»Wer, wenn nicht du?«, sagte Cäcilie, die jetzt wieder lächelte.

Tja, wer?

Kapitel 4

Perlen subtilen Humors und Spaghetti mit Tomatensauce – es kann viele Gründe dafür geben, mit jemandem zusammen zu sein

Als ich bei Dennis eintraf, hatte er schon einiges im Garten geschafft. Ich hatte wenig bis gar keine Lust, mich körperlich zu betätigen, aber er forderte mich auch nicht dazu auf.

Mit baumelnden Beinen saß ich auf dem Gartentisch, mampfte einen Apfel und berichtete ihm, was die Schwestern mir erzählt hatten, während er mit einem Rechen Blätter und abgeknipste Blüten zu mehreren Haufen zusammenharkte.

Als ich geendet hatte, lehnte Dennis den Rechen an einen Baum und kam zu mir herüber. »Klingt ja abenteuerlich. Glaubst du ihnen?«

Ich zuckte mit den Schultern und warf das Kerngehäuse des Apfels zielsicher auf den nächstbesten Laubhaufen. »Gute Frage – nächste Frage. Sie halten den plötzlichen Tod ihres Mitbewohners Heribert für fragwürdig, das glaube ich ihnen unbesehen. Ob es ein natürlicher Tod war – keine Ahnung. Ich werde kaum zur Küpper gehen können, um sie zu bitten, mal eben seine Leiche ausbuddeln und obduzieren zu lassen.«

Bei der bloßen Vorstellung zuckte ich zusammen. Kommissarin Astrid Küpper würde mich nicht einmal zu Ende erzählen lassen, bevor sie mich aus ihrem Büro jagte. Was die Sache nicht eben besser machte: Sie kannte die Schwestern von ihren letzten Ermittlungen, bei denen sich unsere Wege einmal mehr gekreuzt hatten. Und todsicher erinnerte sich die Küpper an die Leidenschaft der Schwestern für Kriminalfälle.

Ich seufzte. »Wahrscheinlich wird man nie herausfinden können, ob Heribert ermordet wurde oder nicht. Aber …« Ich brach ab.

»Aber?«, fragte Dennis nach, als ich schwieg.

»Das mit den verschwundenen Sachen lässt mich nicht los, um ehrlich zu sein. Das bilden sie sich nicht ein. Die Uhr und der Teppich wurden offenbar wirklich ausgetauscht.«

Er nickte und rieb sich mit der Hand die Stirn, was einen breiten Streifen Schmutz hinterließ. »Wir vertiefen das später, okay? Ich wäre dir ewig dankbar, wenn du mir kurz hilfst, das Laub in Säcke zu stopfen. Der Wetterbericht hat für heute Nacht starken Wind angekündigt, und ich schieße mir eine Kugel in den Kopf, wenn das Zeug morgen früh wieder über den ganzen Garten verstreut ist.«

Ewige Dankbarkeit?

Wie könnte ich mir das entgehen lassen?

Ich hielt die großen Plastiksäcke auf, und Dennis schaufelte die verblühten Pflanzen und abgefallenen Blätter hinein. Die perfekte Arbeitsteilung; außerdem ging es so bedeutend schneller, als wenn er es alleine erledigt hätte. Nach kaum einer halben Stunde waren wir fertig, und Dennis sah sich zufrieden im Garten um.

»Ich füttere noch meine Schätzchen, und dann springe ich rasch unter die Dusche«, sagte er. »Ich bin völlig verschwitzt und stinke wie ein Iltis.«

Er gab mir einen Kuss und ging dann zu seinen ›Schätzchen‹, bei denen es sich um seine geliebten Zwergseidenhühner handelte. Sie residierten in einem großzügigen, teilüberdachten Gehege mit einer luxuriösen Hütte, die eine detailgetreue Miniaturnachbildung von Dennis’ Bauernhaus war. Allein dafür musste man diesen Mann lieben, fand ich.

Von der Küche aus hörte ich ihn liebevoll mit seinen Hühnchen sprechen, die ihm leise gackernd antworteten. Die kleinen Tiere waren so zutraulich, dass sie sich von ihm sogar auf den Arm nehmen und streicheln ließen.

Durch die Hintertür kam er in Haus, nahm erfreut zur Kenntnis, dass ich mit Kochen beschäftigt war, und stapfte die Treppe hinauf in den ausgebauten Dachboden, wo sich Schlafzimmer und Bad befanden. Sekunden später hörte ich die Dusche rauschen.

Als er wieder herunterkam, goss ich gerade die Spaghetti ab.

»Kann ich irgendwas helfen?«, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. »Der Tisch ist gedeckt, der Parmesan ist geraspelt. Du könntest den Wein einschenken; ich bringe die Nudeln.«

Ich füllte zwei tiefe Teller mit Spaghetti und Sauce, dann folgte ich ihm in den Nebenraum und stellte das Essen auf unsere Plätze.

Dennis beugte sich über seinen Teller und schnupperte genießerisch. »Hmmm, köstlich … Du weißt, wie du mich glücklich machen kannst: ein paar Nudeln, dazu Tomatentunke und Parmesan. Gut, früher habe ich mich mit Ketchup zufriedengegeben, aber diese Version … Es gibt nichts Besseres.« Konzentriert wickelte er Spaghetti auf die Gabel und schob sich den Riesenbissen in den Mund.

Ich musste grinsen. »Ich konnte nichts falsch machen, schließlich handelt es sich dabei um das Lieblingsessen aller Kinder.«

»Na, na, na – nicht frech werden, Frolleinchen. Wäre ich ein Kind, dann wäre unsere Verbindung höchst unstatthaft, das musst du zugeben.«

»Nicht nur kindisch, sondern auch noch geschmacklos.« Ich seufzte theatralisch. »Sieht so aus, als wäre es Zeit, unsere Beziehung neu zu buchstabieren.«

Dennis warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend.

»Und auch noch überaus leicht zu erheitern«, fügte ich amüsiert hinzu.

Schnaufend winkte er ab. »Ach komm, nur deshalb hast du mich doch genommen. Weil ich über deine schrägen Witze lache.«

»Schräge Witze?« Ich hob die Brauen. »Ich muss doch sehr bitten. Das sind Perlen subtilen Humors, funkelnde Diamanten intelligenter Geistesblitze, und du hast das Privileg, den lieben langen Tag in ihren einzigartigen Genuss zu kommen. Nur deshalb hast du mich genommen.«

Wieder prustete er los. »Ich kann nur hoffen, dass uns nicht irgendwann mal jemand heimlich belauscht, wenn wir so einen Quatsch erzählen.« Er stockte. »Apropos: Denkst du, die Wohnungen in der Residenz sind tatsächlich verwanzt?«

»Für die Schwestern ist das die einzige Möglichkeit, wie jemand vom Wert der Uhr und des Teppichs erfahren haben könnte. Und ob die Taschenuhren auch verschwunden sind, wissen wir nicht.«

»Hm. Hast du nicht vorhin erwähnt, dass dieser Heribert die Sachen versteigern und den Erlös über sein Testament gemeinnützigen Zwecken zukommen lassen wollte? Dann müsste doch spätestens dem Testamentsvollstrecker aufgefallen sein, dass weder die kostbaren Gegenstände noch das Geld existieren.«

»Sehr guter Punkt«, sagte ich anerkennend. »Aber die Schwestern sind nicht sicher, ob er das Testament schon verfasst hatte. Zwar wollte er die Sachen eigentlich noch zu Lebzeiten versteigern lassen, aber zur Sicherheit hätte er es bestimmt im Testament festgelegt, dass sein Plan umgesetzt wird, falls er vorher sterben sollte. Also: Was schließen wir daraus?«

»Dass es kein entsprechendes Testament gibt, denn sonst wäre das Verschwinden der Gegenstände ratzfatz aufgeflogen«, erwiderte Dennis wie aus der Pistole geschossen. »Wer weiß – vielleicht hat ihn sein unfreiwilliges Ableben daran gehindert, das Testament zu verfassen?«

Erwartungsvoll sah er mich an, aber ich zögerte, ihm zuzustimmen. Ich wollte einfach nicht, dass es sich so abgespielt hatte. Denn das bedeutete, dass eventuell noch weitere Leute in der Residenz in Gefahr waren. Vielleicht sogar die Schwestern, weil sie zu viel wussten.

Herrje, was für ein Schlamassel.

»Überleg doch mal«, fuhr Dennis fort, »gehen wir mal davon aus, dass die Wohnung von Heribert tatsächlich verwanzt war. Und gehen wir weiter davon aus, dass jemand das besagte Gespräch zwischen ihm und den Schwestern belauscht hat. Es wird rasch gehandelt, und Heribert kriegt ein Kissen aufs Gesicht gedrückt. Wenn er die Kaminuhr und den Teppich um sich haben wollte, gilt das bestimmt auch für seine Taschenuhren. Ich wette, die lagen in einer Schublade seines Wohnzimmerschranks.«

»Aber die Täter mussten doch damit rechnen, dass der Diebstahl nicht unentdeckt bleibt. Ein Mord vielleicht, aber das Verschwinden der Kostbarkeiten? Mussten sie nicht davon ausgehen, dass es dieses Testament gibt?«

Dennis zuckte mit den Schultern. »Was wissen wir schon, was die alles mitgehört haben? Vielleicht ja auch ein Telefonat mit seinem Anwalt, bei dem es ums Testament ging? Sprich: um einen Termin, um es zu verfassen?« Er grinste breit und fügte hinzu: »Mannomann, Ermitteln macht echt durstig. Ich hole den Wein.«

Er stand auf und ging rüber in die Küche. Ich hörte die Kühlschranktür und das Klirren von Flaschen, dann kam er wieder herein. Seine Augen funkelten, seine Wangen glühten: Dennis war Feuer und Flamme bei der Vorstellung, dass es in der Residenz für uns – uns! – tatsächlich einen Kriminalfall aufzuklären gab.

»Und wenn nicht?«, fragte ich, als er eingeschenkt und mir gegenüber wieder Platz genommen hatte. »Wenn es das Testament doch schon gab? Was dann?«

Dennis zuckte mit den Schultern. »Heribert wäre vermutlich nicht der Erste, der Besitztümer für kostbar hält, bei denen sich dann herausstellt, dass es sich nur um wertlosen Plunder handelt. Und wenn er tatsächlich keine Verwandten hatte, die etwas dazu sagen können … tja.«

Unsere Nudeln wurden langsam kalt, aber wir hatten unser Essen längst vergessen.

Dennis’ Enthusiasmus freute und verwirrte mich gleichermaßen. Zum ersten Mal waren wir in der Situation, gemeinsam einen eventuellen Fall zu konstruieren und uns über eine mögliche Lösung beziehungsweise Aufklärung Gedanken zu machen. Er schien es kaum abwarten zu können, sich mit kriminellen Halunken anzulegen.

Mit Pascal, meinem Ex-Freund, war es komplett anders gewesen. Er hatte es gehasst, wenn ich bei ungeklärten Todesfällen tätig geworden war. Nein, ›gehasst‹ ist das falsche Wort – er hatte Angst um mich gehabt. Und das nicht ohne Grund, denn ich war dabei einige Male durchaus in Lebensgefahr geraten, und das hatte er irgendwann nicht mehr ausgehalten. Vor die Wahl gestellt, mich zwischen ihm und meinen Ermittlungen zu entscheiden … Nun, wir haben uns getrennt, und das sagt wohl alles.

Dennis dagegen war von meinen Aktivitäten stets fasziniert gewesen und hatte sie unterstützt; meist indem er mich vom Dienst freistellte, wenn ich die Zeit brauchte. Nicht zuletzt deshalb, weil ich auch ihm mal sehr geholfen hatte: Damals hatten wenig zimperliche Ganoven mit erheblicher krimineller Energie alles darangesetzt, in den Besitz des Callcenters zu gelangen. Unseren Einsatz hatten Frank und ich zu Dennis’ großer Bestürzung nur knapp überlebt.

Aber die bösen Buben – und Mädchen! – waren geschnappt und das Callcenter gerettet worden, wodurch Dennis sich mir gegenüber zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet fühlte. Ich sah das nicht ganz so dramatisch, aber schon seinerzeit hatte sich unser Chef-Angestellte-Verhältnis in eine sehr freundschaftliche Beziehung verwandelt. Und jetzt waren wir ein Paar, verrückt.

»Loretta! Träumst du?«

Dennis’ Stimme riss mich aus meinen Gedanken, und ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe über den Fall nachgedacht«, erwiderte ich nicht ganz wahrheitsgemäß. »Ich frage mich, was wir tun könnten. Zu diesem Fräulein Rottenmeier von Heimleiterin gehen und sie bitten, die Wohnungen nach Wanzen durchsuchen zu dürfen? Das ist nicht realistisch.«

»Ich wüsste momentan auch noch nicht, wie wir aktiv werden können. Vielleicht sollten wir morgen mal mit Erwin darüber sprechen.«

»Gute Idee. Hör mal, ich fahre jetzt nach Hause, Baghira wartet bestimmt schon. Außerdem müssten die Schwestern mir jede Menge Informationen geschickt haben. Zumindest haben sie es versprochen. Fotos von allen, Informationen über die Bewohner und das Personal, wer wo wohnt … Ich muss das erst mal sortieren.«

Ich merkte Dennis an, dass er mich ungern gehen ließ, aber weder versuchte er, mich aufzuhalten, noch wollte er mich zu mir begleiten.

Kluger Mann.

Als ich meine Wohnung betrat, kam kein Baghira angelaufen, um mich zu begrüßen. In seinem Krähennest hoch oben auf dem Kratzbaum war er nicht, also schaute ich im Schlafzimmer nach. Das Bettzeug lag als zerwühlter Haufen auf dem Bett, und bei genauerem Hinsehen entdeckte ich die kleinen, dreieckigen Spitzen schwarzer Katzenohren, die verräterisch herauslugten. Ich setzte mich auf die Bettkante, und Baghiras Kopf fuhr hoch. Der Kater miaute leise, rollte sich auf den Rücken und ließ beim Gähnen prachtvolle Reißzähne aufblitzen.

Ich kraulte seinen Bauch, dann stand ich auf und sagte: »Komm, Dicker. Du hast doch bestimmt Hunger.«

Trippelnd folgte er mir in die Küche und wartete erstaunlich ruhig ab, bis sein Napf gefüllt auf dem Boden stand.

Ich sah ihm beim Fressen zu und spürte wieder einmal mein schlechtes Gewissen ihm gegenüber. Seit ich mit Dennis zusammen war, musste mein Kater durchaus mal auf meine Gesellschaft verzichten. Eigentlich gehörte es nicht zu seinen Angewohnheiten, in meinem Bett zu schlafen, jedenfalls nicht, wenn ich darin lag. Bedeutete die Tatsache, dass ich ihn in letzter Zeit mehrfach dort entdeckt hatte, dass er mich vermisste? Anderseits brachte er gefühlt zwanzig von den vierundzwanzig Stunden eines Tages im Tiefschlaf zu, und ich fragte mich, ob er meine Abwesenheit überhaupt bemerkte.

Ich hatte sogar schon überlegt, ihn bei Frank und seiner Familie einzuquartieren. Die Kinder liebten ihn abgöttisch, außerdem könnte er dort durch den Garten stromern – ein deutlich größeres Revier als meine Terrasse. Hatte Frank nicht letztens von Mäusen im Lagerschuppen gesprochen? Baghira könnte dort als offizieller Mäusejäger anheuern.

Ich kicherte und schüttelte den Kopf. Baghira und jagen, das konnte ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Außer, man würde die Mäuse in Alufolie wickeln, die nach Döner duftete. Und selbst dann würde mein träger Kater die Beute vermutlich lediglich durch die Gegend dribbeln, bis er das Interesse daran verlor.

Aber was wusste ich schon? Vielleicht schlummerte in ihm ja doch ein gefährlicher Kleinwildjäger, der in Franks Schuppen zu ganz großer Form auflaufen würde?

Man wusste es nicht.

Man wusste überhaupt so wenig.

Die Schwestern hatten mir tatsächlich tonnenweise Informationsmaterial geschickt. Von den Bewohnern gab es exzellente Fotos; offenbar hatten alle bereitwillig für ein Porträt posiert. Beim Personal waren die Bilder von ganz unterschiedlicher Qualität; zum Teil sah man ihnen an, dass sie heimlich geschossen worden waren. Die beiden Gärtner – Vater und Sohn Wohlfahrt – hatten sie bei der Arbeit erwischt, und es ragten einige Blätter ins Bild, denn vermutlich hatten die Schwestern sie aus der Deckung einiger Büsche heraus geknipst. Den glatzköpfigen Koch, Micky Thomsen, schienen sie überrumpelt zu haben – er streckte sogar abwehrend die Hand aus, war aber trotzdem ganz gut zu erkennen. Serviererin Susi lächelte offen in die Kamera, während ihre Kollegin Janina aussah, als hätte sie am liebsten zugeschlagen. Den Hausmeister hatte ich ja ohnehin schon gesehen, und die Küchenhilfe war ein farbloses Mädchen mit langem Zopf, das im Moment der Aufnahme in der Küche am Arbeitstisch stand und überrascht in die Kamera guckte.

Ich verbrachte den Rest des Abends damit, alles zu sortieren und ein Dossier zu erstellen, das ich an meinen Rechner im Callcenter schickte.

Es war bereits weit nach Mitternacht, als ich den Laptop zuklappte und ins Bett ging.

Kapitel 5

Es kann durchaus schwierig sein, Dinge herauszufinden – auch wenn Breitcord-Boy bereits in den Startlöchern steht

Natürlich verschlief ich am nächsten Morgen, und so war es bereits neun Uhr, als ich ins Callcenter schlurfte.

»Dornröschen ist also endlich aufgewacht«, sagte Erwin, der wie hingezaubert in der Tür meines Büros materialisierte, kaum dass ich am Schreibtisch saß.

»Zum Dornröschen fehlt ein ganz wesentliches Merkmal: Ich wurde heute Morgen nicht durch einen Kuss geweckt«, erwiderte ich.

»Ach, das können wir ganz leicht nachholen!« Dennis spähte über Erwins Schulter und machte alberne Kussgeräusche, die mich zum Lachen brachten.

Bedauernd schüttelte ich den Kopf. »Viel zu spät, Wächter meines Herzens, die holde Prinzessin ist ja bereits wach. Beim nächsten Mal wieder.«

»Nein, genau jetzt.«

Dennis drängte sich an Erwin vorbei ins Büro, beugte sich über mich und gab mir einen Kuss.

»Ich will ja nicht stören, aber …« Erwin grinste und sah uns auffordernd an.

»Warum tust du es dann?«, fragte Dennis.

»Weil du vorhin elektrisierende Andeutungen zu mysteriösen Vorkommnissen in einem gewissen Seniorenstift gemacht hast, mein Bester.« Erwin verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. »Also wirklich. Glaubt ihr etwa, ich sitze danach in aller Gemütsruhe herum und warte geduldig darauf, bis die gnädige Prinzessin sich endlich dazu herablässt, mir alles im Detail zu erzählen? Dann kennt ihr mich aber schlecht.«

Eines war damit klar wie Kloßbrühe: Erwin würde so lange herumnerven, bis wir in sein Büro kamen und ausführlich Bericht erstatteten.

»Also gut«, sagte ich ergeben. »Ich brauche einige Minuten, um alles auszudrucken, was ich vorbereitet habe.«

Dennis strahlte und rieb sich voller Vorfreude die Hände. »Und dann planen wir die Ermittlungen!«

Ich konnte es noch immer nicht glauben. Neben mir, dem Hornbrillen-Girl, Erwin alias Minipli-Man und Frank, dem Incredible Flying Ninja, gab es offensichtlich nun tatsächlich ein viertes festes Mitglied im Club der kriminalistischen Superhelden: Dennis. Natürlich brauchte auch er einen passenden Namen. Hmm … mal nachdenken … Captain Kotelette vielleicht? Oder doch lieber Breitcord-Boy?

Ich kicherte noch immer albern vor mich hin, als ich eine Viertelstunde später Erwins Büro betrat.

»Und diese Informationen haben die legendären Schwestern dir geschickt?«, fragte Erwin ungläubig, nachdem er die ausgedruckten Seiten durchgeblättert hatte. »Das ist ja fantastisch. Wie viel Zeit würde es wohl kosten, das alles auf normalem Weg herauszufinden?«

»Wir werden es niemals wissen«, gab ich grinsend zurück.

»Ich muss die beiden unbedingt kennenlernen«, sagte Erwin verträumt. »Solche Zeuginnen hätte ich mir damals zu meiner aktiven Zeit als Polizist gewünscht.«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen«, sagte ich. »Und das mit dem Kennenlernen lässt sich ganz schnell arrangieren. Du hast doch bestimmt ein Gerät, mit dem man Abhörgeräte aufspüren kann, oder? Einen Wanzendetektor oder wie auch immer die heißen.«

Erwins Lächeln war mindestens so geheimnisvoll wie das der Mona Lisa. »Was ich nicht selbst in meinem Fundus habe, kann ich besorgen.«

Das konnte er zweifellos, denn nach wie vor verfügte er über exzellente Kontakte nicht nur zu ehemaligen Kollegen bei der Polizei, sondern auch zu allerlei Figuren mehr oder weniger guten Rufes, zu denen er sich allerdings niemals konkret äußerte. Was Verbindungen zur Halbwelt anging, war er verschlossener als eine Auster.

»Funktionieren die auch von draußen, oder musst du im verwanzten Raum sein, um die Dinger aufzuspüren?«, fragte Dennis.

Erwin schüttelte den Kopf. »Nee, die Detektoren erfassen das Signal der Wanzen auch durch Mauern. Umgekehrt funktionieren Hochleistungswanzen übrigens ebenfalls von außen.« Ernst sah er mich an. »Du möchtest also, dass ich den Seniorenstift nach Wanzen checke?«

»Das wäre jedenfalls ein guter Start«, erwiderte ich nachdenklich. »Aber ich erzähle einfach mal von Anfang an.«

»Bleibt die Frage, womit wir es hier zu tun haben«, sagte Erwin, als ich geendet hatte. »Geht es tatsächlich um einen Mord oder nur um Diebstahl?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Keinen Schimmer. Ich bin allerdings dafür, dass wir uns auf den Diebstahl konzentrieren beziehungsweise zunächst einmal rausfinden, ob es tatsächlich Wanzen in der Residenz gibt.«

»Haben die beiden einen konkreten Verdacht geäußert, wer darin verwickelt sein könnte?«, fragte Erwin.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich soll mir zunächst selbst ein Bild von den Leuten machen, die in der Residenz leben und arbeiten, haben sie gesagt. Aber dazu bin ich bisher noch nicht gekommen, denn gestern Abend reichte es nur dazu, die ganzen Informationen zu sortieren und den Fotos zuzuordnen. Beim Essen im hauseigenen Restaurant habe ich zwar die Bewohner und zwei Leute vom Personal gesehen, aber viel mehr als flüchtige Eindrücke sind bei mir nicht hängen geblieben. Nein, es waren drei, wenn wir die Leiterin der Residenz dazurechnen, diese Frau von Dillingen. Aber da ahnte ich ja noch nicht, welche Geschichte sie mir später auftischen würden.«

»Und selbst wenn.« Demonstrativ blätterte Dennis durch die ausgedruckten Seiten. »Wir haben es hier mit mehr als zwanzig Personen zu tun – da müssen wir erst einmal aussortieren. Am besten zusammen mit den Schwestern. Wer kommt als Bösewicht infrage und wer nicht? Ein knapp neunzigjähriger Tattergreis käme bei mir nicht unbedingt in die engere Wahl, um ehrlich zu sein.«

Erwin hob den Finger. »Spontan würde ich sagen, wir haben drei Möglichkeiten. Erstens: Es ist jemand vom Personal, der seine Zugehörigkeit zum internen Kreis der Residenz und seine Kenntnisse ausnutzt, um zu klauen. Zweitens: Es ist ein Angehöriger eines der Bewohner, der weiß, dass dort leichte Beute zu machen ist. Drittens: Es ist jemand, der überhaupt nicht zum Kosmos der Residenz gehört.«

»Zum Beispiel?«, fragte ich alarmiert, denn ›Drittens‹ hörte sich nach einer unüberschaubaren Menge potenzieller Verdächtiger an. Vielen Dank auch.

»Ganz einfach«, erwiderte Dennis. »Paketdienste, Handwerker, Postboten, Dienstleister – schlicht und ergreifend jeder, der mal ins Haus gekommen ist und sofort gerafft hat, dass dort keine armen Leute wohnen. Dort stinkt es nach Geld, Loretta. Das ist eine verdammte Luxus-Residenz. Und wer sich so etwas leisten kann …« Er zuckte mit den Schultern.

»Der hat auch einen Koffer voller Goldstücke unter dem Bett, wolltest du sagen?«, fragte ich süffisant. »Du verwechselst da was – das war Pippi Langstrumpf.«

Dennis rollte mit den Augen. »Der verblichene Heribert latschte immerhin über einen 55.000-Euro-Teppich, oder etwa nicht? Und wer weiß, welche anderen Kostbarkeiten in der Residenz noch darauf warten, geklaut zu werden? Hier, diese Frau zum Beispiel, diese …« Er durchstöberte die Seiten und tippte dann auf ein Bild. »Die meine ich, diese russische Primaballerina! Vielleicht hat sie ja millionenschwere Juwelen unter ihrer Matratze versteckt.«

»Ja, vielleicht«, sagte ich. »Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist sie ja schlauer als Heribert und bewahrt ihren Schmuck, falls derartige Klunker überhaupt existieren, in einem Bankschließfach auf, wie es sich gehört.«

»Und wenn nicht?«, blaffte Dennis.

»Und wenn doch?«, blaffte ich prompt zurück.

»Nanu – Streit im Paradies?« Amüsiert schüttelte Erwin den Kopf. »Abgesehen davon seid ihr bereits zehn Schritte zu weit. Noch wissen wir nicht einmal, ob die Bewohner der Residenz überhaupt abgehört werden, das müssen wir als Erstes herausfinden.«

»Okay. Und falls sich die Vermutung der Schwestern als wahr herausstellt, was tun wir dann?«, fragte ich.

»Ist doch ganz klar!«, rief Dennis mit blitzenden Augen. »Wir schleusen jemanden in die Residenz ein und …«

Erwin hob die Hand. »Ach ja? Und als was? Als Bewohner? Wie stellst du dir das vor? Soll mein Täubchen etwa dort einziehen und herumschnüffeln?«

Ich unterdrückte ein Kichern.

Sein Täubchen – meine Arbeitskollegin Doris – war zwar bereits über siebzig, aber sie würde ihren zehn Jahre jüngeren Gatten Erwin um einen Kopf kürzer machen, würde er sie in einer Seniorenresidenz einquartieren wollen. Außerdem war es organisatorisch viel zu kompliziert und langwierig, denn man zog nicht einfach von einem Tag auf den anderen irgendwo ein. Abgesehen davon würde Erwin seine Liebste um nichts in der Welt irgendeiner Gefahr aussetzen.

»Genau über dieses Problem zerbreche ich mir den Kopf, seit die Schwestern mir alles erzählt haben«, sagte ich. »Selbstverständlich kommt nicht infrage, Doris einzuschleusen, zumal wir dann vermutlich auch die Heimleiterin einweihen müssten, oder? Und was, wenn sie diejenige welche ist? Das ist viel zu riskant.«

»Die Heimleiterin?«, fragte Dennis verblüfft.

Ich zuckte mit den Schultern. »Warum denn nicht, kann doch sein? Skrupellosigkeit gibt es überall, das ist doch nicht von der Position in einer Hierarchie abhängig.«

»Ich schlage Folgendes vor«, sagte Erwin. »Die beiden Damen kommen in mein Büro, und wir unterhalten uns über die Personen, die in diesem Dossier aufgeführt sind. Wer von den Bewohnern ist ein potenzielles Opfer, weil er – oder sie – reich ist? Oder sogar, was optimal wäre, reich ohne Angehörige. Wer vom Personal kommt infrage?«

Spontan fiel mir die Szene mit dem Hausmeister ein. Würde ich mich rächen wollen, wenn ich so herablassend behandelt würde? Diebstahl als kleine Wiedergutmachung? Gingen die Bewohner – oder besser: einzelne von ihnen – auch mit dem restlichen Personal so unhöflich um? Dem Service, dem Gärtner, dem Küchenpersonal? Gab es jede Menge Motive, von denen wir momentan noch nichts ahnten?

»Aber dann machen wir sofort einen Plan für unsere Ermittlungen«, sagte Dennis.

Erwin musterte ihn mit mildem Lächeln. »Immer einen Schritt nach dem anderen, mein Junge. Immer einen Schritt nach dem anderen.«

Nach Feierabend fuhr ich zu mir und rief als Erstes die Schwestern an, um mich mit ihnen zu verabreden. Das war nicht ganz einfach, wie ich feststellte, denn ihr Terminkalender war randvoll: Arzttermine, langfristig gebuchte Tagesausflüge und diverse andere Verpflichtungen bedeuteten, dass wir uns erst am Mittwoch treffen konnten.

»Dann also Mittwochvormittag«, sagte ich. »Ich stehe um Punkt elf vor der Residenz auf der Straße und warte auf euch.«

»Und dann besprechen wir den Fall mit einem echten Polizisten?«, fragte Käthe aufgeregt. »Und dann gibt es echte Ermittlungen?«

»Erwin war früher Polizist«, sagte ich.

»Na und? Er wird wohl kaum so senil sein, dass er alles vergessen hat, was zu einer professionellen Ermittlung gehört, oder?«

»Natürlich nicht. Aber es ist nicht so, als könnte er den Polizeiapparat benutzen, verstehst du?«

»Aha. Und diese nette Kommissarin vom letzten Mal? Kann die nicht ermitteln?«

Ich seufzte innerlich. »Wir müssen zunächst einmal herausfinden, ob es überhaupt einen Fall gibt, Käthe. Außerdem ist Kommissarin Küpper nicht für Diebstahl zuständig, das ist ein anderes Dezernat.«

»Wie bitte?« Käthe klang empört. »Und was ist mit dem Mord an Heribert?«

»Käthe, ich enttäusche euch wirklich nicht gerne, aber wir haben keine Ahnung, ob es bei seinem Tod mit rechten Dingen zugegangen ist oder nicht. Falls nicht, wird es sich vielleicht niemals beweisen lassen. Offenkundig ist dem Arzt, der den Totenschein ausgestellt hat, nichts Ungewöhnliches aufgefallen.«

Was nichts heißen musste, wie mir nur allzu klar war. Tatsächlich gab es eine hohe Dunkelziffer an unentdeckten Morden, bei denen bloß ›Herzversagen‹ im Totenschein stand. Aber das würde ich den Schwestern nicht auf die Nase binden.

Musste ich auch nicht, wie sich bei Käthes nächsten Worten herausstellte.

»Du machst wohl Witze«, sagte sie spitz. »Jeder weiß, dass längst nicht jeder Mord entdeckt wird, wenn nicht gerade ein riesiges Küchenmesser deutlich sichtbar in der Brust des Opfers steckt. Ärzte sind auch nur Menschen, oder? Da liegt ein alter Mensch tot im Bett, und schon scheint alles klar zu sein. Bloß kein Aufheben darum machen, was übrigens auch ganz im Sinne der hochwohlgeborenen Frau von Dillingen sein dürfte. Für das Ansehen der Residenz ›Herbstglück‹ ist es nicht gerade die beste Werbung, wenn sich herumspricht, dass man dort ermordet und bestohlen wird.«

Das wartende Schweigen am anderen Ende der Leitung erforderte eine diplomatische Antwort.

»Da bin ich ganz deiner Meinung«, erwiderte ich also. »Aber wie ich schon sagte: Vielleicht wird ein eventueller Mord sich nicht beweisen lassen, so schlimm das auch sein mag. Wir können nicht zur Kommissarin gehen und erwarten, dass sie sofort tätig wird. So einfach ist das nicht. Dazu braucht sie echte Beweise oder wenigstens überzeugende Verdachtsmomente.«

»Dass der Teppich und die Uhr verschwunden sind, findest du also nicht verdächtig?«, fragte Käthe.

»Doch, das tue ich sehr wohl. Aber darum geht es nicht, die Kommissarin muss es verdächtig finden. Nicht nur das: Sie müsste es auch als mögliches Motiv für einen Mord anerkennen. Und jetzt kommt das größte Problem: Ihr beide seid vielleicht die Einzigen, denen das Verschwinden aufgefallen ist. Vorschlag: Ich bitte Erwin, beim zuständigen Dezernat nachzufragen, ob ein Diebstahl der Gegenstände angezeigt wurde.«

Sofort besserte sich ihre Laune wieder. »Das könnte er tun?«, zwitscherte sie. »Das ist ja wunderbar!«

»Er kann es versuchen«, sagte ich. »Ich will euch nichts versprechen, was dann ein anderer halten muss. Bitte, ihr müsst noch ein wenig Geduld haben. Lasst uns in Ruhe überlegen, was wir tun können, um eventuelle Beweise zu sammeln. Genau aus diesem Grund treffen wir uns am Mittwochvormittag mit Erwin.«

Als wir aufgelegt hatten, lehnte ich mich im Sofa zurück und atmete tief durch.

Dass Käthe und Cäcilie ungeduldig waren, konnte ich sehr gut verstehen. Aus ihrer Sicht hatten sie einen sehr konkreten Verdacht, und sie wollten so schnell wie möglich handeln. Ein wenig erinnerten sie mich an mein früheres Ich. Auch ich hatte eine ganze Zeit gebraucht, um zu kapieren, wie die Ermittlungen der Polizei funktionieren.

Noch heute erinnere ich mich mit Grausen an meinen allerersten Besuch im Präsidium bei Kommissarin Küpper, um ihr von meinem Verdacht gegenüber einigen Hausfrauen zu berichten, die ich für Mörderinnen hielt. Auch ich war damals fest davon ausgegangen, damit einen Einsatz auszulösen. Okay, vielleicht nicht gerade eine Hundertschaft vermummter Spezialkräfte und zwei Helikopter, aber doch immerhin intensive Befragungen derjenigen, auf die ich mit meinem kleinen, schmutzigen Finger gezeigt hatte.

Minuten später war ich wie ein geprügelter Hund mit eingezogenem Schwanz aus ihrem Büro geschlichen.

Sie hatte mir umstandslos und nicht sonderlich höflich verklickert, dass haltlose Anschuldigungen gegen missliebige Personen zu ihrem Alltag gehörten – zu ihrem größten Leidwesen. Zu viele Krimis – ob in bewegten Bildern oder als gedruckter Text – führten bei ›besorgten Bürgern‹ wie mir ihrer Erfahrung nach gerne mal zu überbordenden Fantasien, was vermeintliche Kriminalfälle anginge. Sehen Sie sich gerne Krimiserien an, Frau Luchs?, hatte sie mich süffisant gefragt.

Immer wieder war ich mit ihr zusammengestoßen, und immer wieder hatte ich mir Zurechtweisungen und Vorträge über korrekte Polizeiarbeit anhören müssen. Sie hasste es, wenn ich amateurhaft ermittelte, und noch mehr hasste sie es, dass ihr Patenonkel Erwin sich daran zu beteiligen pflegte.

Eines war für mich klar: Kommissarin Küpper würde keinen Mucks von den Vorgängen in der Residenz erfahren. Jedenfalls nicht, solange wir keine hieb- und stichfesten Beweise im Gepäck hatten.

Den Rest des Abends verbrachte ich damit, die Unterlagen zu studieren, was allerdings nicht besonders viel brachte. Außer Cäcilie und Käthe hatte die Residenz dreizehn Bewohner, und zwar sieben Frauen und sechs Männer. Noch waren die Informationen über die Personen recht spärlich, aber es ergab sich ein erstes Bild: Beinahe alle schienen in gut bezahlten Berufen gearbeitet zu haben. Es gab ein Fabrikantenehepaar, zwei wohlhabende Witwen, zwei ehemalige Berufssoldaten hohen Ranges, eine ehemalige Primaballerina, diesen Ex-Schlagersänger, der mir beim Essen durch sein Verhalten dem Hausmeister gegenüber unangenehm aufgefallen war, eine exzentrische Künstlerin … Es war ein ziemlich buntes Durcheinander verschiedenster Persönlichkeiten.

Ich fragte mich, ob sich alle untereinander gut verstanden. Aber würde es für den Fall überhaupt eine Rolle spielen, ob in der Residenz Harmonie oder doch eher Zwietracht herrschte? Beinahe ärgerte ich mich jetzt, dass ich beim Essen am Sonntag nicht darauf geachtet hatte, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich ja noch nicht ahnen können, was die Schwestern mir später erzählen würden.

Vielleicht ergab sich ja noch eine Gelegenheit, alle zusammen zu erleben?

Nur zu bald würde ich erfahren, dass Wünsche manchmal schneller in Erfüllung gehen, als man denkt.

Kapitel 6

Ausgestopfte Fische, echter oder falscher Schmuck, Goldene Schallplatten – potenzielles Diebesgut oder nicht?, fragt sich Loretta

Erwin, Dennis und ich hatten beschlossen, nicht weiter zu spekulieren, sondern das Treffen mit den Schwestern abzuwarten. Entsprechend gespannt war ich am Mittwoch, als die beiden an der Straße vor der Residenz in mein Auto stiegen. Und nicht nur ich, wie ich umgehend erfuhr.

»Loretta, wir sind ja so aufgeregt!«, zwitscherte Käthe, die hinten saß, und Cäcilie neben mir nickte.

»Müsst ihr nicht sein«, sagte ich. »Erwin ist ein extrem netter Mann, und Dennis kennt ihr ja bereits. Wir sind also ganz unter uns.«

»Und wir haben eine tolle Überraschung für dich«, jubilierte Cäcilie. »Aber die heben wir uns für später auf!«

Sie drehte sich nach hinten um und zwinkerte ihrer Schwester verschwörerisch zu, dann seufzte sie zufrieden und schaute wieder nach vorne. Vom Rücksitz erklang leises Kichern, und prompt läuteten bei mir die Alarmglocken.

Da war doch was im Busch!

Obwohl Erwins Büro innerhalb der Räumlichkeiten des Callcenters lag, hatte es zusätzlich einen eigenen Eingang. Den benutzten wir stets, wenn wir in Begleitung von Leuten waren, die mit den Gegebenheiten nicht vertraut waren. Bei einer Sexhotline konnte es durchaus laut werden, und wir wollten niemanden unvorbereitet dieser Woge aus Liebesschwüren, Stöhnen und vorgespielten Orgasmen aussetzen. Dazu kam, dass wir mit dem, was wir da taten, sehr diskret umgingen. Außenstehenden erzählten wir meistens, dass wir für eine Online-Bank arbeiteten.

Ich klingelte also an der Seitentür, und schon wenige Sekunden später öffnete Dennis, der in Cordanzug und Rolli nicht nur sehr schick, sondern auch äußerst seriös aussah, wie ich fand. Guter Junge.

»Welch Glanz in dieser bescheidenen Hütte, da geht doch glatt die Sonne auf«, schmalzte er, was bei mir Augenrollen, bei den Schwestern allerdings kokettes Kichern auslöste. Er lächelte ein Lächeln, das einen dahinschmelzen ließ, und bat uns mit einer galanten Handbewegung herein.

Die Schwestern trippelten an mir vorbei in Erwins Büro und blickten sich neugierig um. Sie klatschten entzückt in die Hände, als sie an einem Flipchart die von mir erstellten Seiten des Dossiers entdeckten.

»Wir haben also alles zu Ihrer Zufriedenheit vorbereitet?«, sagte Erwin mit seiner schönsten sonoren Stimme und kam hinter seinem Schreibtisch hervor.

Ich übernahm es, ihn und die Schwestern einander vorzustellen. Zwei formvollendete Kusshände später lagen Cäcilie und Käthe ihm zu Füßen und ließen sich wie betäubt aufs Besuchersofa sinken. Als er ihnen auch noch Kaffee und Kekse servierte, waren sie vollends hingerissen.

Dennis setzte sich auf die Armlehne meines Sessels, und Erwin nahm den Schwestern gegenüber Platz.

»So«, sagte er, »Loretta hat mir bereits alles erzählt, und ich muss sagen, dass die Geschichte recht aufregend ist.«

»Nicht wahr?«, kiekste Käthe, und ihre Wangen färbten sich rosa – farblich perfekt passend zu ihrem Seidenpullover. »Was werden Sie unternehmen?«

Erwin lachte sein Guter-Bulle-Lachen, das seine grauen Minipli-Löckchen lustig tanzen ließ und das einem Weihnachtsmann gut zu Gesicht gestanden hätte. »Immer langsam mit den jungen Pferden. Ihr Temperament beeindruckt mich, aber hier ist Besonnenheit gefragt, meine Damen. Was ich Ihnen jedoch vorab schon sagen kann: Meine Nachforschungen haben ergeben, dass kein Diebstahl angezeigt wurde. Jedenfalls keiner, der eine antike Uhr und einen kostbaren Teppich beziehungsweise die Residenz betrifft.«

»Sie zweifeln also nicht daran, dass es diese Dinge gab?«, fragte Käthe.

Erwin schüttelte den Kopf. »Warum sollte ich? Ich wette, Ihre Beobachtungsgabe ist hervorragend. Außerdem gab es ja dieses Gespräch zwischen Ihnen und dem mittlerweile verblichenen Besitzer, bei dem es konkret um besagte Gegenstände ging. Dabei werden Sie sich die Uhr und den Teppich mit Sicherheit ziemlich genau angesehen haben, nicht wahr?« Auf das synchrone Nicken der Schwestern hin fuhr er fort: »Sehen Sie? Also musste Ihnen selbstverständlich auffallen, dass beides nach seinem Tod ausgetauscht worden war.«

»Aber bedeutet dat nicht automatisch, dat Heribert ermordet wurde?«, fragte Cäcilie.

»Ich fürchte nein«, erwiderte Erwin. »Es könnte ja sein, dass ein verbrecherischer Bestatter alles eingesackt hat.« Er lächelte. »Obwohl es natürlich unwahrscheinlich ist, dass ein Bestatter auf Verdacht einen Teppich und eine Uhr im Auto hat, falls es etwas zu klauen beziehungsweise auszutauschen gibt. Aber es könnte jemand vom Personal gewesen sein, der schlicht die Gelegenheit genutzt hat. Das muss nicht zwingend mit einem eventuell gewaltsamen Tod Ihres geschätzten Mitbewohners zusammenhängen. Wir sollten uns davor hüten, vorschnell Verbindungen zu konstruieren, wo es in Wirklichkeit gar keine gibt.«

Verzagt fassten die Schwestern sich bei den Händen. »Aber wir dachten, der arme Heribert musste wegen seines Besitzes sterben«, murmelte Käthe.

Erwin lächelte strahlend. »Es ist gut, dass Sie aufmerksam waren – und vermutlich nach wie vor sind. Deshalb benötigen wir jetzt Ihre Expertise zu allen Personen, die Sie uns aufgelistet haben. Dann überlegen wir weiter, einverstanden?«

Er gab ihnen eine Liste mit den Fotos und Namen der Bewohner, und ich ging zum Flipchart und nahm einen Stift zur Hand.

»Alles klar, Mädels«, sagte ich, »es kann losgehen.«

Zwei silberhaarige Köpfe beugten sich über die Liste, dann blickte Käthe hoch. »Der Reihe nach?«

Ich schüttelte den Kopf. »Muss nicht sein. Ganz wie ihr wollt. Wir könnten zum Beispiel auch mit denen anfangen, die nicht reich sind, um sie gleich als potenzielle Opfer eventuell noch geplanter Diebstähle auszuschließen. Wisst ihr über die finanziellen Verhältnisse der Leute Bescheid?«

Die Schwestern blickten sich amüsiert an. »Hat der Papst ’nen lustigen Hut auf?«, fragte Cäcilie. »Wir wissen es sicher nicht auf den Cent genau, aber ob einer wat auf der Naht hat oder nicht, ist uns natürlich bekannt.«

Natürlich. Wie hatte ich auch nur eine Zehntelsekunde lang daran zweifeln können?

»Beginnen wir mit Egbert Fröhlich und Johannes Blum«, sagte Käthe. »Rüstige Rentner, wie sie im Buche stehen. Bei beiden zahlen die Familien die Kosten der Residenz, bei ihnen ist also nichts zu holen. Außerdem wäre da noch Rosamunde Maier. Sie war ihr Leben lang als Haushälterin und Kinderfrau bei einem international tätigen Architektenehepaar angestellt, hat auch dort im Haus gewohnt. Ihre ehemaligen Arbeitgeber wollen, dass sie im Ruhestand alle Bequemlichkeiten genießt, die möglich sind. Weil Rosamundes Rente natürlich nicht ausreicht, übernehmen sie einen Großteil der Kosten.«

»Ganz schön nobel«, murmelte Dennis, »da hat die gute Rosamunde großes Glück gehabt.«

Cäcilie lächelte. »Es ist ihr zu gönnen, nicht wahr? Wenn man sich sein ganzes Leben für eine fremde Familie beziehungsweise deren Kinder aufopfert, hat man sich ein bisschen Dankbarkeit redlich verdient, finde ich.«

Ich hatte die Informationen in Stichpunkten bei den betreffenden Personen an dem Flipchart notiert; jetzt sah ich die Schwestern an. »Die drei können wir also ausschließen, einverstanden? Sonst noch jemand?«

Die Schwestern nickten, dann sagte Cäcilie: »Unser Schlagerheini, Hansi Sommer. Residiert pompös in einer Suite, ist aber arm wie eine Kirchenmaus.«

»Ach was?« Erwins Brauen verschwanden unter seinen Löckchen. »Das müssen Sie mir genauer erklären.«

»Der hat alles, wat er jemals verdient hat, gnadenlos verballert«, erwiderte Cäcilie kichernd. »Für Weiber, Schampus und Glücksspiel, und da ist er auch noch stolz drauf. Der hat nix mehr außer seinen alten Bühnenklamotten und ein paar verstaubten Goldenen Schallplatten. Aber«, sie senkte verschwörerisch die Stimme, »es gibt da einen Fanclub, rein weiblich, natürlich. Allesamt sehr wohlhabende Damen gesetzten Alters, die angeblich mal seinen Schampus schlürfen durften«, sie zwinkerte in die Runde, »wenn ihr versteht, wat ich damit sagen will.«

Käthe zuckte zusammen und lief tiefrot an. »Cäcilie!«, zischte sie entrüstet.

Cäcilie zuckte mit den Schultern. »Ist doch wahr! Der geht mit seinen Gönnerinnen doch überall hausieren. Samt und sonders Ex-Geliebte. Angeblich. Wie auch immer: Die dummen Weiber schmeißen zusammen und ermöglichen ihm ein Leben wie Gott in Frankreich.«

»Der würde dir übrigens gefallen, Dennis«, sagte ich, während ich mir Notizen zu Hansi Sommer machte. »Am Sonntag trug er einen weißen Anzug und ein lila Satinhemd, strictly seventies.«

»Und einen exzellenten Haarschnitt hat er außerdem!«, rief Dennis und lachte schallend. »Ein Mann von Stil und Geschmack, wie es scheint.«

»Und? Sind das alle, die wir ausschließen können?«, fragte Erwin die Schwestern.

»Nein, Hermine Sanders gehört noch in diese Gruppe«, erwiderte Käthe. »Sie ist eine ehemalige Oberstudienrätin und hat ihr Leben lang jeden Pfennig auf die Seite gelegt, um ein Polster für ihren Ruhestand zu haben. Sie hat sich nie etwas gegönnt und tut es nach wie vor nicht, weil sie Angst hat, das Geld könnte ihr ausgehen, bevor sie stirbt.«

»Verstehe«, sagte Erwin. »Sie hat also vermutlich einen ordentlichen Batzen auf dem Sparbuch beziehungsweise irgendwie angelegt, aber keine … wie soll ich sagen … beweglichen Kostbarkeiten wie Schmuck oder dergleichen, die ihr geklaut werden könnten.« Er musterte forschend die Schwestern. »Und was ist mit Ihnen, meine Damen?«

»Ich besitze tatsächlich ein wenig Schmuck«, antwortete Käthe, »natürlich keine Fünfkaräter oder so. In unsrer Suite gibt es einen eingemauerten Tresor, in dem ich den Schmuck einschließe.«

»Käthes Perlen sind echt – meine nicht!«, verkündete Cäcilie fröhlich. »Und es ist kein Unterschied zu sehen, nicht wahr?«

Ich verglich die Perlenketten, die beide aktuell trugen. Tatsächlich: Ich konnte keinen Unterschied erkennen. Nun war ich kein Juwelier … aber das waren die wenigsten Leute. Man könnte also zu dem Schluss kommen, dass beide Ketten echt waren. Dass die Schwestern stets hübschen Schmuck trugen, wurde mir erst in diesem Moment bewusst: Ringe, Armbänder, Broschen und Ketten. Ob echt oder unecht, hatte ich mich nie zuvor gefragt. Für jemanden, der nach Beute Ausschau hielt, war diese Frage schon deutlich interessanter.

Die Schwestern gehörten eindeutig zur Risikogruppe. Verdammt.

»Okay, machen wir weiter«, sagte ich und nickte den Schwestern zu.

»Mal sehen«, erwiderte Käthe und studierte wieder die Liste. »Wir hätten da noch zwei Künstlerinnen, zwei wohlhabende Witwen und zwei hochrangige Militärs. Und das Fabrikantenehepaar natürlich: die Mönchhausens, Berta und Paul. Antike Möbel, schöne Gemälde, kostbares Geschirr. Beide sind sehr gesellig und laden gerne zu sich ein. Mal ein guter Wein auf der Terrasse, mal eine feine Kaffeetafel im Salon – man wird dort ganz hervorragend bewirtet. Sie spielen gerne Gesellschaftsspiele, fällt mir ein. Kurzum: Sie führen ein recht offenes Haus.«

»Klingt sympathisch«, warf Dennis ein, und die Schwestern nickten.

Cäcilie übernahm. »Unterhalten wir uns über die beiden Künstlerinnen, Olga Krasnaja und Lucia de Vitello. Olga hat eine glanzvolle Karriere als Primaballerina assoluta in mehreren großen Häusern hinter sich. Sie besitzt sehr schönen Schmuck, und das weiß jeder. Olga ist sehr diszipliniert …« Sie kicherte und fuhr fort: »Seien wir ehrlich: Sie ist ein staubtrockener, humorloser Stockfisch, eine echte Spaßbremse. Schrecklich langweilig. Lucia ist das genaue Gegenteil. Welche Kunst sie genau ausgeübt hat, ist sehr nebulös. Fakt ist wohl: Berühmte Maler haben sie porträtiert, berühmte Fotografen fotografiert. In den Swinging Sixties hat sie angeblich dem internationalen Jetset angehört und zum Beispiel in London mit bekannten Bands herumgehangen, und mehr als ein Song soll für sie geschrieben worden sein. Sie scheint genug Geld zu haben, um ein sorgenfreies Leben führen zu können, aber Genaues ist nicht bekannt.«

»Vielleicht bezahlt ja Mick Jagger ihre Miete«, sagte Dennis verträumt, »oder irgendein anderer steinreicher Mäzen. Tolle Vorstellung!«

»Und was wissen Sie über den Besitz der beiden?«, fragte Erwin die Schwestern.

Käthe zuckte mit den Schultern. »Olga soll von Bewunderern mit sagenhaften Juwelen beschenkt worden sein, aber ich weiß wirklich nicht, ob das nicht nur eine Legende ist, mit der sie ihre Vergangenheit aufpeppt. Herrje – Hansi erzählt ja auch immer die wildesten Geschichten, so sind Künstler halt. Wenn man mal in Applaus gebadet hat und berühmt war, ist es sicher schwer zu ertragen, wenn man in Vergessenheit gerät. Olgas Apartment ist übrigens zwar recht hochwertig, aber karg eingerichtet. Bei Lucia hängt ein riesiges Warhol-Porträt von ihr als junger Frau, aber ob das echt ist? Keine Ahnung.«

»Die beiden können sich übrigens nicht ausstehen«, verkündete Cäcilie mit einer gewissen Schadenfreude, wie mir schien. »Aber dummerweise leben sie in nebeneinanderliegenden Apartments, und es gibt ständig Streit zwischen ihnen, weil beide gerne laut Musik hören. Bei Olga ist es Klassik, bei Lucia eher Led Zeppelin.« Sie warf ihrer Schwester einen schelmischen Blick zu. »Genau wie bei uns, nicht wahr? Allerdings benutzen wir Kopfhörer, um die andere nicht zu stören.«

Es bedurfte nicht viel Fantasie, um darauf zu kommen, wer von ihnen was mochte. Trotzdem fand ich es witzig, wie selbstverständlich eine Achtzigjährige über Led Zeppelin sprach. Aber wieso auch nicht? 1960 war Cäcilie in ihren Zwanzigern gewesen – warum sollte sie nicht auf Rockmusik stehen? Oder zumindest darüber Bescheid wissen?

Erwin stand auf und kam zu mir an das Flipchart. Konzentriert studierte er meine Notizen, dann wandte er sich zu den Schwestern um. »Bleiben noch die beiden wohlhabenden Witwen und die beiden Militärs.«

»Wanda Dehring und Elisabeth Hennig«, sagte Käthe. »Unterschiedlich wie Tag und Nacht. Elisabeth genießt ihr Leben und verprasst ihr Vermögen, als hätte sie einen Gelddrucker in ihrem Apartment. Mindestens einmal pro Jahr richtet sie sich komplett neu ein, zu jeder Saison geht sie Kleidung nach der neuesten Mode shoppen und verschenkt die alten Sachen. Immer vom Feinsten.«

»Aber nicht gerade Dinge, die für Diebe interessant sind«, warf ich ein. »Es sei denn, sie hat eine Sammlung dieser absurd teuren Designer-Handtaschen.«

»Nee, sie ist keine klassische Sammlerin«, erwiderte Cäcilie. »Sie mag die ständige Veränderung. Sie ist sehr großzügig mit den Dingen, die sie aussortiert. Es kann durchaus vorkommen, dat unsere Servicekraft Susi in einer von Elisabeths abgelegten Designerblusen zur Arbeit kommt. Ausgemusterte Möbel spendet sie der Diakonie, Kleidung geht an gemeinnützige Kaufhäuser, die den Erlös behalten dürfen. Wanda dagegen trägt ihre altmodischen Röcke, bis sie ihr in Fetzen vom Hintern fallen. Wenn jemand einen Igel in der Tasche hat, dann sie. In ihrem Apartment ist es ähnlich. Da ist gar nichts, dat irgendwie nach Geld aussieht. Sie hat mal gesagt, sie habe alles in Aktien angelegt.«

Erwin hatte in der Zwischenzeit frischen Kaffee zubereitet und kam mit der Kanne zurück an den Tisch. Er schenkte nach und setzte sich wieder.

»Aus dem, was Sie uns bisher erzählt haben, ergibt sich schon ein sehr lebendiges Bild Ihrer Mitbewohner«, sagte er mit charmantem Lächeln zu den Schwestern. »Das machen Sie sehr gut, meine Damen. Zwei Herren fehlen noch, wenn ich richtig gezählt habe.«

Käthe nippte an ihrem Kaffee, und Cäcilie nickte. »Unsere beiden wackeren Zinnsoldaten. Man merkt ihnen an, dass sie beim Militär waren, immer zackig und diszipliniert, die Jungs. Albert Küppersbusch ist jahrelang zur See gefahren, zuletzt als Admiral. Er weiß recht unterhaltsam zu erzählen, dat muss man ihm lassen. Justus von Dillingen ist der Vater unserer hochwohlgeborenen Residenzleiterin. Viel ist über ihn nicht zu sagen, denn er macht sich selten mit dem niederen Volk gemein, um es höflich zu formulieren. Ich bin sicher, dat ihre Bezüge hoch genug sind, um den kostspieligen Aufenthalt in der Residenz locker zu bezahlen. Ob sie irgendwelche wertvollen Gegenstände besitzen, entzieht sich meiner Kenntnis.« Sie dachte kurz nach und fügte hinzu: »Kann ich mir aber nicht vorstellen. Männer, die ihr Leben lang Uniform getragen haben und von Standort zu Standort gezogen sind, häufen nichts an. Dat ist für sie nur Ballast, könnte ich mir denken.«

»Albert hat einige Souvenirs von Einsätzen im Ausland«, fügte Käthe hinzu, »aber die sind eher von sentimentalem Wert und meist ziemlich skurril. Schrumpfköpfe, ausgestopfte Fische und dergleichen.«

Ich ging zu meinem Sessel und setzte mich, ich brauchte dringend eine Pause. Viele neue Informationen ratterten durch meinen Kopf. Automatisch dachte ich bereits darüber nach, wer ein potenzielles Opfer war und wer nicht. Am liebsten hätte ich mich in mein Büro zurückgezogen und alles ganz in Ruhe durchdacht.

Nur am Rande nahm ich wahr, dass Doris hereinkam und von Erwin mit den Schwestern bekannt gemacht wurde. Zwischen ihnen entspann sich ein lebhaftes Gespräch, von dem ich allerdings nur Wortfetzen mitkriegte, während ich vor mich hin brütete, wessen Wohnung wohl verwanzt war und wo sich vielleicht noch unbekannte Schätze versteckten.

Ob bei der Künstlerin, von der man nicht wusste, welche Kunst sie ausgeübt hatte, wirklich ein echter Warhol hing? Der wäre einiges wert, aber man würde so ein großformatiges Bild kaum unauffällig verschwinden lassen können.

Was war mit den kostbaren alten Möbeln der Mönchshausens? Auch nicht ganz einfach zu klauen, zumal sie so gesellig waren, dass viele Leute das antike Mobiliar kannten.

Doris verabschiedete sich wieder, und ich musterte unauffällig das muntere Quartett aus ihr, den beiden Schwestern und Erwin … Vielleicht sollten wir ja doch darüber nachdenken, sie in der Residenz einzuquartieren? Aber dann würde bis zu ihrem Einzug viel zu viel kostbare Zeit vergehen, ehe sie sich umhören konnte.

Nein, das war wirklich kein guter Plan.

Kapitel 7

Gut, wenn man Freunde hat, die mit weißen T-Shirts aushelfen können, stellt Loretta fest

Dennis, der zwischendurch hinausgegangen war, um zu telefonieren, kehrte in diesem Moment zurück. »Na, wie weit sind wir?«, fragte er munter. »Sind wir schon fertig?«

»Das Personal fehlt noch«, erwiderte ich. »Und ich zermartere mir bereits das Hirn, wie wir unauffällig näher an sie herankommen.« Ich sah die Schwestern an. »Ich kann ja nicht plötzlich anfangen, euch täglich zu besuchen. Das wäre viel zu auffällig.«

»Oh, dafür haben wir eine ganz einfache Lösung!«, tirilierte Cäcilie aufgeräumt. »Du wirst begeistert sein! Willst du es ihr sagen, Käthe?«

Beide Schwestern strahlten über das ganze Gesicht, und erneut – wie schon bei ihrer kryptischen Ankündigung im Auto – schrillten meine Alarmglocken.

»Du wirst in die Residenz eingeschleust, Loretta«, verkündete Käthe triumphierend. »Es ist bereits alles arrangiert.«

Ich konnte sie nur blöde anglotzen, aber Dennis rieb sich erfreut die Hände. »Was haben Sie eingestielt, Sie zwei Teufelsweiber?«

Nun, ich konnte seine Begeisterung nicht teilen – zumindest noch nicht. Und ich bezweifelte stark, dass sich das noch ändern würde. Ich warf Erwin einen hilfesuchenden Blick zu, aber er signalisierte mir mit einer unauffälligen Handbewegung: Abwarten, Loretta.

Also zwang ich mir ein erwartungsvolles Lächeln ins Gesicht und sagte: »Spannt mich bitte nicht länger auf die Folter. Ich platze vor Neugier.«

Käthe holte tief Luft. »Wie es das Schicksal will, hat sich die Küchenhilfe heute das Handgelenk gebrochen und fällt eine Zeit lang aus. Frau von Dillingen stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch, denn am Freitagabend ist ein großes Dinner für alle Bewohner geplant, das sie keinesfalls absagen will. Micky – der Koch – schafft das unmöglich alleine. Und genau da kommst du ins Spiel, Loretta.«

Das konnten sie nicht ernst meinen.

»Ich soll in der Küche anheuern?«, fragte ich entgeistert. »Was denken die denn, wer ich bin? Kennen eure Mitbewohner mich nicht von euren Vorträgen über den Mord beim Speed-Dating? Außerdem haben etliche mich am Sonntag beim Essen gesehen!«

Gleichmütig zuckte Cäcilie mit den Schultern. »Na und? Wir haben der von Dillingen gesagt, du bist die Tochter einer guten Bekannten und hast ein paar Wochen Zeit, bis du einen neuen Job antrittst. Und bei unseren Vorträgen über den Mord haben wir selbstverständlich nie deinen Namen genannt oder ein Foto von dir gezeigt. Wir sind schließlich diskret und wissen, was sich gehört.«

Tatsächlich fand ich, dass es sich keinesfalls gehörte, mich ungefragt als Küchenhilfe zu verschachern. »Kann ich darüber nachdenken?«

»Nein«, wurde mir freundlich von Käthe mitgeteilt. »Du fängst morgen an. Näher kannst du nicht an unsere Mitbewohner rankommen, vom Personal ganz zu schweigen. Und wir müssen nicht einmal vorgeben, uns nicht zu kennen. Ist das nicht wunderbar?«

Wunderbar wäre jetzt nicht das Wort meiner Wahl gewesen, wirklich nicht. Aber wider Willen musste ich zugeben, dass sie die Sache durchaus geschickt eingefädelt hatten.

»Wann ist morgen dein Dienstbeginn, meine kleine Kaltmamsell?«, fragte Dennis mich später.

Ich konnte mir einen flammenden Blick in seine Richtung nicht verkneifen. »Kaltmamsell? Mach nur so weiter, dann ist das Nächste, was du spürst, ein Nudelholz, das ich dir über die Rübe ziehe.«

Ich saß am Rechner in meinem Büro und übertrug die neuen Informationen ins Dossier. Erwin hatte sich angeboten, die Schwestern zurück in die Residenz zu fahren; so könne er sich gleich ein Bild von den Örtlichkeiten machen. Er hatte seine kleine Digitalkamera eingesteckt, um Fotos zu knipsen, die später unsere Planungen unterstützen sollten.

»Warum bist du so sauer?«, fragte Dennis. »Wir haben uns den Kopf zerbrochen, wie wir es schaffen können, in der Residenz zu ermitteln. Also läuft doch alles in unserem Sinne, oder nicht?«

»Pff. Du hast leicht reden. Du bist nicht derjenige, der völlig unvorbereitet ab morgen in einer Küche schuftet. Weißt du, ich schätze es einfach nicht sonderlich, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden.«

»Seltsam«, sagte Dennis, »ich hätte deine Reaktion ganz anders eingeschätzt. Die Loretta, die ich kenne, hätte doch sofort diese unglaubliche Chance ergriffen, um undercover tätig zu werden.« Er musterte mich mit zusammengekniffenen Augen. »Moment mal. Nervt dich etwa, dass diese Idee nicht auf deinem Mist gewachsen ist? Ist es das?«

Ertappt. Ich wandte den Blick ab.

O Mann, der Kerl kannte mich wirklich in- und auswendig. Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen: Ja, es fuchste mich gewaltig, dass diesmal nicht ich diejenige mit dem genialen Plan gewesen war, der die Nachforschungen vorantreiben würde.

Gleichzeitig schämte ich mich, so kleingeistig zu sein. Die Schwestern hatten eine sensationelle Gelegenheit beim Schopfe gepackt, das war Fakt.

Sie hätten wenigstens anrufen können, um mich zu fragen, wandte eine meiner inneren Stimmen beleidigt ein. Aber dazu war vermutlich keine Zeit gewesen; immerhin mussten sie ausschließen, dass die Rottenmeier – pardon: Frau von Dillingen – sich in ihrer Not ans Arbeitsamt wandte und nahm, wen sie von einem Tag auf den anderen kriegen konnte. Natürlich konnte sie nicht darauf warten, wie ich mich entscheiden würde. Kurzum: Die Schwestern hatten alles richtig gemacht.

»Ich bin eine blöde Kuh.« Ich seufzte und grinste schief.

Dennis schüttelte den Kopf. »Nein, das bist du nicht. Eine blöde Kuh würde ich nämlich nicht mal mit der Kneifzange anfassen. Aber du bist daran gewöhnt, in solchen Fällen das Zepter in der Hand zu halten und beinahe alle Entscheidungen selbst zu fällen. Und jetzt sind da diese beiden Miss Marples, die dir in diesem winzigen Detail eine Nasenlänge voraus waren. Gib zu: Du hättest dir niemals die Möglichkeit entgehen lassen, in der Küche der Residenz zu arbeiten.«

»Nee, das hätte ich natürlich nicht.«

»Siehste? Also freu dich gefälligst, dass du ab morgen an der optimalen Stelle hockst, um die Leute zu beobachten und gefahrlos herumzuschnüffeln, ohne dass jemand misstrauisch wird. Niemand wird es merkwürdig finden, wenn du ein wenig neugierig bist.«

Dein Wort in Gottes Ohr, Dennis, dachte ich.

Als er gegangen war, vertiefte ich mich in die Informationen, die ich von den Schwestern über meinen zukünftigen Arbeitskollegen, den Koch, bekommen hatte. Micky Thomsen war mit geschätzten Mitte vierzig in meinem Alter. Das Foto – es sah aus, als hätte ein Paparazzo es geschossen – zeigte einen Glatzkopf mit dunklen Bartstoppeln und grimmigem Blick in einer weißen Kochjacke, die seinen bulligen Oberkörper knapp umspannte. Laut den Schwestern galt er als cholerisch, denn man hatte ihn mehrfach in der Küche herumbrüllen hören, woraufhin die Küchenhilfe jedes Mal schluchzend herausgestürzt gekommen war. Aber er war stets pünktlich und verwöhnte die Bewohner mit exzellentem Essen.

Kein Wunder, denn es war bekannt, dass er früher in den besten Häusern gearbeitet und dazu beigetragen hatte, dass diese mit einem oder mehreren Michelin-Sternen ausgezeichnet wurden. Sein zuweilen unbeherrschtes Temperament hatte ihn allerdings von der Karriereleiter abstürzen lassen. Bei einer feinen Veranstaltung mit wichtigen Gästen sollte er die Fassung verloren und einer stadtbekannten Dame der Gesellschaft einen Krug Vanillesauce über die festliche Frisur gekippt haben. Und warum? Weil besagte Dame mit seiner Zuteilung der süßen Tunke nicht einverstanden gewesen war und lautstark seine Kompetenz angezweifelt hatte.

Schon mal nicht schlecht, wie ich fand.

Eine andere Version seines dramatischen Absturzes besagte, er hätte den Küchenchef bei dessen Inspektion des gerade aufgebauten kalten Büfetts mit erlesensten Spezereien auf selbiges geschubst. Daraufhin war die ganze Pracht krachend umgestürzt und hatte seinen Chef nicht nur unter einer Unzahl von Platten mit exquisiten Häppchen und exotischem Fingerfood, sondern auch unter der turmhohen Eisskulptur begraben. Und warum? Weil besagter Küchenchef irgendetwas zu nörgeln gehabt hatte.

Welche der beiden Versionen auch immer stimmen mochte oder ob es noch eine dritte gab – ich war auf diesen Kerl verdammt neugierig. Und sehr gespannt, ob ich ihn der Gruppe der Verdächtigen zuteilen würde.

Der Hausmeister, Herr Meister, schien dagegen unauffällig zu sein: Er erschien zur Arbeit, erledigte seine Aufgaben rasch und kompetent – und ließ sich ansonsten herumschubsen, wie ich selbst erlebt hatte. Ob er wohl frustriert war? Insgeheim auf eine Gelegenheit wartete, es allen heimzuzahlen? Aber würde er dann nicht eher … keine Ahnung … die Residenz abfackeln oder so? Und vom Pavillon aus kichernd dabei zugucken, wie alles zu Asche zerbröselte? Oder hatte seine Persönlichkeit genug devote Anteile, um diese Behandlung klaglos auszuhalten und vielleicht sogar als unvermeidlich hinzunehmen?

Dann waren da noch die zwei Mädels, die für den Service zuständig waren: Susi und Janina. Die Erstere hatte ich am Sonntag selbst in Aktion erlebt, sie war fröhlich, höflich und geschickt, wie ich mich erinnerte. Ich schätzte sie auf Anfang dreißig, und sie genoss laut Cäcilie und Käthe das Privileg, sich bei den abgelegten Designerklamotten der lustigen Witwe Elisabeth Hennig bedienen zu dürfen. ›Abgelegt‹ im Sinne von ›aus der letzten Saison‹ wohlgemerkt, also keineswegs ein Fall für den Altkleidersack. Vermutlich war sie die am teuersten gekleidete Servicekraft im gesamten Ruhrpott.

Janina wirkte auf dem Foto zehn Jahre älter und mindestens zwanzig Kilo schwerer als ihre Kollegin. Die Schwestern hatten erzählt, dass alle sich freuten, wenn Susi Dienst hatte, denn Janina war mürrisch und einsilbig. Außerdem schien sie ihren Job nicht sonderlich zu mögen. Oder die Leute, für die sie arbeiten musste. Für die ausgemusterten Designerblusen kam sie wohl nicht infrage, denn die großzügige Spenderin war, genau wie Susi, sehr schlank. Vielleicht ein zusätzlicher Grund für ihre latent schlechte Laune? Konnte glatt sein.

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