Kitabı oku: «Die Brille des Nissim Nachtgeist»
Über dieses Buch
Lisette, eine junge Hamburgerin, emigriert im Sommer 1934 aus politischen Gründen nach Zürich, wo sie Arbeit und Unterkunft in der Pension Comi findet. Diese wird vom russisch-jüdischen Ehepaar Paksmann geführt, das einst selbst geflüchtet ist und sich den immer zahlreicher eintreffenden Flüchtlingen verbunden fühlt. In der Pension kommt auch Nissim Nachtgeist unter, Jurastudent aus Deutschland, der gerne Schauspieler geworden wäre und nun illegal Schweizer Berufsmäntel näht. Aber auch Signora Teresa mit den leuchtenden roten Haaren, Jüdin und ausgestossen aus der Kommunistischen Partei, Oberregierungsrat Eiser, der alle, die nach ihm angekommen sind, als persönliche Bedrohung empfindet und Vicky, «eine Achteljüdin» aus dem Rheinland, die samstags die Damen der Pension mit einer Schönheitspflege verwöhnt, leben hier.
Die Pension Comi hat es tatsächlich gegeben, und Lotte Schwarz erzählt die Geschichten der Menschen, die dort Vertreibung und Krieg zu überstehen und jene im Gastland geforderte seelische Schwerarbeit zu leisten versucht haben: «Hoffen, warten, dankbar bleiben.»

Lotte Schwarz (1910–1971), wuchs in einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie in Hamburg auf. Erst Dienstmädchen, später Bibliothekarin. Engagierte sich bei den Guttemplern, der Frauenbewegung und den antistalinistischen Roten Kämpfern. 1934 emigrierte sie in die Schweiz, wo sie zunächst wieder als Dienstmädchen arbeitete. Von 1938 bis 1948 Bibliothekarin im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich. Danach freiberuflich als Werbetexterin und Autorin tätig.
Lotte Schwarz
Die Brille des Nissim Nachtgeist
Roman
Die Emigrantenpension Comi in Zürich 1921–1942
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Christiane Uhlig
Limmat Verlag
Zürich
In Abrahams Schoss
Die Ankunft stand im Zeichen der Geduld: «Pension Comi», sagte eine singende Stimme ins Telefon, «nein, Frau Paksmann ist noch nicht zurück aus dem Spital, bitte, wollen Sie sich noch einen Tag gedulden?»
Pension Comi – ein lustiger Name, der für meine Ohren ungarisch tönte. Ich verliess die Telefonkabine in der Bahnhofshalle, nahm meinen Koffer und ging auf die breite Strasse zu, die Bahnhofstrasse, wie mir Paul gesagt hatte, und die direkt zum See führe.
Mit den Augen des Dienstmädchens sah ich, dass hier gepflegt wurde, was sich pflegen liess. Für die kommende Nacht musste ich ein billiges Hotel finden; woran sollte ich erkennen, dass es billig ist, wenn alle gleich sauber waren? Die Strasse verbreiterte sich gegen den See zu einem Park, in dem musiziert wurde. Ich war den freundlichen Tönen, die mir nun in den Melodien der Barcarole entgegen kamen, schon eine Weile gefolgt. Um einen erhöhten, überdachten Pavillon standen viele Leute, die den Musikern und ihrem wippenden Dirigenten Beifall klatschten. Das Klatschen glich dem knatternden Anflug von Tauben. Ich zögerte, mich unter die Leute zu mischen, und steuerte auf eine Bank zu, die etwas entfernt stand. Die Bank stand vor grossen, mit Buchsbaum bepflanzten Beeten, in die ein findiger Gärtner – in Buchsbaumbuchstaben – «Nationalbank» geschnitten hatte.
… Schöne Nacht, o Liebesnacht, o …, auf den Beifall hin wiederholten die Musiker die Melodien aus «Hoffmanns Erzählungen». Wie schwer mein Koffer war, merkte ich erst, als ich ihn abstellen konnte. Über die Leute hinweg, vorbei an dem kunstvoll geschwungenen Dach des Musikpavillons, sah ich eine blaue Hügelkette, die einem Tierrücken gleich ausgestreckt am Himmel lag. Das ist Berlin, dachte ich, mein Berlin – seit meiner Kindheit war Berlin ein ferner blauer und langgestreckter Dunstzug am Horizont –, ich hatte Berlin nie gesehen.
Die Reise war lang gewesen, ich hatte nur wenig geschlafen. Hatte ich die Augen geschlossen, wollte es mich anfallartig erdrücken. Ich schaute auf die Leute. Im Koffer musste noch ein Stück Brot sein. «Wenn du es isst, wird es Hasenbrot sein, dann bist du schon weit von uns fort», hatte die Mutter gesagt und mit erstickter Stimme hinzugefügt: «Verfluchen werde ich diesen Menschenjäger.» Ihr Weinen hinter der Brille, die ihre Augen immer vergrösserte, war wie ein Regen im Zimmer gewesen. Bevor ich um die Strassenecke bog, hatte ich noch einmal zurückgeschaut, starr war sie am Fenster gestanden, die Hand zu einem schwachen Winken erhoben.
Mein Bruder Hans hatte mir den Koffer getragen und mich auf den Bahnhof begleitet. Er war arbeitslos. «Mach’s gut», sagte er, nachdem er den Koffer ins Gepäcknetz befördert und mich umarmt hatte. Es war das erste Mal, dass er mich umarmte. Um alles zu überstehen, hatte ich geschäftig mit meinem Mantel hantiert und einen Haken dafür gesucht. Ich sollte nicht aus dem Fenster des Zuges schauen und er sich nicht umdrehen, so hatten wir es abgemacht. «Wurst ist nicht gut aus der GEG, ist Massenware, Wurst kaufe ich lieber bei Petersen», war Mutters Devise. Damit meine Finger von Petersens Jagdwurst nicht fettig wurden, hielt ich die Doppelschnitte zusammen mit dem Papier, in das die Mutter das Brot eingewickelt hatte. GEG war in markigen, roten Buchstaben auf das Papier gedruckt, worin das gekaufte Brot stets eingeschlagen wurde. GEG, Grosseinkaufgenossenschaft von Hamburg und Umgebung. Meine Mutter bewahrte das Papier auf, faltete es zusammen und legte es in den weissen Küchenschrank, der ein Stolz der Familie war. Der Schrank war das Gesellenstück von Walter, meinem älteren Bruder. Auch Walter war arbeitslos. Vorbei die Zeit, in der er, noch in der Tischlerlehre, nach Feierabend ein fertiggestelltes Schlafzimmer auf die schottische Karre lud, um die Fracht von der Steilshoperstrasse in Barmbek zum Möbelhändler Schulz nach Wilhelmsburg, Vogelhüttendeich, gegen ein Trinkgeld und ein gutes Abendbrot abzuliefern. Das pergamentartige Papier von der GEG war vom Falten und Zusammenlegen schon etwas mitgenommen, und die zerknitterten Ränder stachen mir ins Gesicht. Ich konnte mich verstecken hinter dem Papier; niemand konnte mein Gesicht sehen, die GEG stand dicht vor meinen Augen, aber die selbstbewussten Buchstaben in Rot sackten zusammen, und ein nasser Schleier rückte sie in graue Ferne.
«Du wirst es schwer haben», hatte Paul gesagt, «die Österreicher sind angesehener im Ausland … schliesslich haben sie sich gewehrt.» Ich sah Paul zum letzten Mal im Hotel Hansa. Sein Zimmer war übersät mit Büchern und Buchumschlägen – damals bereiste er noch als Vertreter eines Verlages das Ausland. Er kannte die Pension Comi in Zürich.
Ich hoffte, Arbeit zu finden. Hoffte auch, dass Pauls Empfehlung mithalf. Ausserdem reiste ich zu einer Zeit in dieses Land, in der alle deutschen Dienstmädchen aufgefordert worden waren, heimzukehren ins Reich.
Der Preis des Hotels betrug Fr. 9.50, aber mit Frühstück. Ich gab meinen Pass einem freundlichen Mann, der hinter einer Art Theke sass und eine grüne Schürze trug. Während er mit meinem Koffer die Treppen hinaufstieg, klapperte bei jedem seiner Schritte ein Schlüsselbund.
Der Mann, über dessen grüne Schürze in weisser Zeile «Limmathaus» lief, gab mir den Rat, noch ein wenig die Stadt anzuschauen. Es schien ihm zu früh, um schon schlafen zu gehen. Ich hätte Zeit gehabt und nichts zu tun, doch legte sich die Müdigkeit in ihrer ganzen Last auf mich.
Ich hatte noch ein Paket Langnese-Keks. Mit «Langnese» stieg mir jener schwere, süsse Geruch in die Nase, der über unserer Wohngegend in Hamburg lag. «Du kannst ja zu den Keksmäusen gehen», hiess es, wenn ich in der Schule nicht lernen wollte. Die Keksmäuse, nach Kakao riechende Arbeiterinnen aus der Keksfabrik Langnese, waren in unserer Gegend auch Uhrenersatz. «Ach, schon Viertel nach fünf», eilig begann meine Mutter das Essen vorzubereiten. Die heimwärts strebenden, schweigenden Keksmäuse zogen mit irgendeiner Tasche am Arm an unserer Wohnung vorbei. Wir nannten diese Taschen Zampelbeutel, ähnlich jenem Sack, den die Hafenarbeiter trugen. In den Zampelbeutel kam alles hinein, was sie als herrenlose Fracht betrachteten und darum nach Hause mitnehmen durften. Sie hatten ein Einheitsmass von Holz bis zu den Bananen. Die Brüder waren zwar der Meinung, dass die Keksmäuse Schokolade und so nicht mehr riechen könnten, «steht ihnen hier oben, sag ich dir». Walter schloss bei diesen Worten die Augen und machte einen Fingerstrich am Hals entlang, ein Grad an Sättigung jedenfalls, den wir drei Geschwister uns gar nicht vorstellen konnten.
Ich hatte das Nachtessen mit den Keksen gespart und zählte mein Geld. Der Mann mit der grünen Schürze hatte inzwischen sicher bemerkt, dass mein Pass am folgenden Tage ablief. Das Federbett schien mir unzweckmässig kurz, es reichte gerade bis zu den Hüften. Ich zog es trotzdem ans Gesicht herauf und dafür die Beine an.
*
Der Mann mit der grünen Schürze deckte bereits den Tisch und fragte mich, ob ich Tee oder Kaffee wünsche. Auf dem Tisch standen Honig und Marmelade. Mit dem Kaffee brachte er eine Zeitung und tippte mit dem Finger auf die Schlagzeile: der Röhm-Putsch. «Was sagt man darüber in Deutschland?» – «Ausser den offiziellen Nachrichten so gut wie nichts.» – «Hier glauben viele Leute, dass der Spuk bald vorbei sein wird.» Sollte das ein Trost sein? Ich ass, aber ebenso gierig las ich die neuen Nachrichten.
Pauls Rat: Trinkgeld immer extra geben. Der freundliche Mann strich es vom Tisch. Mit geübtem Schlag entfernte er mit der Serviette die Brotkrümel vom Tischtuch. Er trug mir den Koffer bis auf die Strasse und zeigte mit erhobenem Arm auf die Haltestelle. «Ottikerstrasse? Fahren Sie von der Haltestelle Limmatplatz in Richtung Bahnhof, dann umsteigen in die Sieben.»
*
Mein Herz klopfte, als ich mit meinem Koffer die steile Steintreppe hinaufstieg. Ein junger Mann mit einem Fahrrad kam mir entgegen, er schob es an der Seite der Treppe, die eine Art Rampe bildete, abwärts. Ich fragte ihn nach der Pension Comi, und mit einer Kopfbewegung seitwärts gab er mir die Richtung an.
Die Pension lag hinter einem Gürtel von Sträuchern. Vor dem Haus sassen einige Leute und spielten Karten. Sie sahen mich kommen, schauten auf, um dann weiterzuspielen. Mir fielen die gepflegten Frisuren der Frauen auf.
Mein Gruss verriet ihnen das Land meiner Herkunft.
Ich musste bis zum eigentlichen Eingang noch einige Stufen hinaufgehen, stellte meinen Koffer auf dem Treppenpodest ab und läutete an der Tür, obwohl sie leicht geöffnet war. Eine kleine Frau erschien – es musste Frau Paksmann sein. «Ah, guten Tag, ich habe Sie erwartet – sind Sie Lisette?»
Ich richtete den Gruss von Paul aus.
«Ein lieber Mensch, er weiss nicht, welchen Gefahren er sich aussetzt. Aber er heisst ja nicht umsonst Paul Kühne.» Ich folgte ihr in ein grosses Zimmer, dessen Tür von einem jungen Mädchen geöffnet wurde. Das Zimmer war mit vielen Möbeln vollgestellt, an den Wänden hingen Fotografien.
«Das ist Helen, meine Tochter» – das junge Mädchen gab mir die Hand.
«Olga soll einen Tee machen», sagte Frau Paksmann zu ihrer Tochter, die daraufhin das Zimmer verliess.
Frau Paksmann setzte sich in die Ecke eines Sofas und lehnte sich zurück; sie war sehr blass. Ich sass ihr gegenüber und schob mit dem Fuss den Koffer hinter meinen Stuhl.
«So jung», sagte sie und schaute mich an, «aber ich weiss, für die Emigration ist keiner zu jung oder zu alt.» Sie fragte nach meinen Eltern und wie viele Geschwister ich habe. «Herrn Kühnes Geschäfte werden schlecht gehen – wer will heute Bücher aus Deutschland kaufen!»
Während sie mit mir sprach, kam sie mir gar nicht mehr so klein vor.
«Meine Pensionäre sind schwierig. Die meisten von ihnen haben alles verloren und mussten aus ihren Heimatländern fliehen. Sie hoffen, nur vorübergehend bei mir zu wohnen; Sie werden es nicht immer leicht haben mit ihnen.»
Es klopfte, ein dunkelhaariges Mädchen brachte Tee für drei Personen.
«Das ist Olga, unsere Meisterköchin.» Frau Paksmann lächelte Olga zu und deutete dann mit ihrer kleinen Hand auf mich. «Lisette, unser neues Zimmermädchen.»
«Wir haben schon am Telefon miteinander Bekanntschaft gemacht», sie stellte das Tablett auf den Tisch und sah mich an. Ich erkannte die singende Stimme wieder.
«Man soll für Lisette das Zimmer in der fünften Etage richten.»
Frau Paksmann sprach meinen Namen anders aus; zu Hause endete Lisette wie Klette oder Wette – es gibt auch Pferde, die Lisette heissen, hatte der Vater einmal zu mir gesagt. Frau Paksmann sprach meinen Namen, als hätte er am Ende kein e, das blieb nahezu unbemerkt, sie zog es weich nach oben. Auf diese Weise ausgesprochen gefiel mir mein Name viel besser.
«Wie kommen Sie zu einem französischen Vornamen?»
«Mein Vater hat französische Vorfahren.»
Wenn dieses Thema zu Hause zur Sprache kam, wies der Vater stets auf die Lübecker Kirchenbücher hin. «Dort steht es klipp und klar», manchmal sagte er auch «schwarz auf weiss», «dass wir einer Hugenottenfamilie entstammen.» Im Anschluss an die Hugenotten erwähnte die Mutter eine geheimnisvolle Verbindung zu einem polnischen Aristokraten, «meine schlanken Hände sind ein Erbteil». Die polnisch aristokratische, wenn auch illegitime Linie bildete, wenigstens geographisch, ein Gegengewicht zu den französischen Vorfahren, ein Gegengewicht, das der Vater zu stören wusste, indem er bemerkte: «Steht aber in keinem Kirchenbuch.» Eine andere Variante unserer Herkunft besagte, dass unser Vorfahre väterlicherseits als französischer Kriegsgefangener bei der Belagerung von Lübeck durch Napoleon von 1805 bis 1807 dort hängen geblieben sein soll.
Walter und Hans umschrieben die Nachrichten über unsere Vorfahren als «Geschichten aus dem Wiener Wald», womit das vom Vater gestörte Gleichgewicht in gewissem Sinne wiederhergestellt wurde, doch das alles zu erzählen, hätte die blasse Frau auf dem Sofa ermüdet.
«Französische Vorfahren? Sie sehen aus wie eine alteingesessene Norddeutsche!»
Wir lachten, der Tee tat gut. Frau Paksmann fragte mich, ob ich Kleider für die Arbeit im Hause mitgebracht habe, was ich bejahen konnte. Meine Mutter hatte mir Kleiderschürzen genäht, «darunter kannst du alles austragen».
Frau Paksmann hatte grosse graue Augen mit Inseln von Bernsteinflecken. «Emigration» hatte sie gesagt – ein neues Wort, das als unbekannte Fracht von den Bernsteininseln zu mir herübergeschickt wurde.
«Warten wir noch», sagte sie, «vielleicht kommt auch mein Mann zu einer Tasse Tee. Mein Mann ist nicht vom Fach, ich selbst bin von Beruf Lehrerin, und es fällt uns nicht leicht, eine Pension zu führen.»
Das Deutsch von Frau Paksmann war für mein Ohr von einer harten Muttersprache durchpflügt.
*
Die Pension Comi verfügte über etwa dreissig Zimmer. Beim Rundgang durch das grosse Haus erklärte mir Helen, dass die Comi eigentlich aus zwei Häusern bestand, die man aber für den Pensionsbetrieb zu einem Haus gemacht hatte, indem man auf jeder Etage die trennende Wand mit einem kleinen, schmalen Gang durchbrach.
«Sie sind ja schlank, wir hatten Pensionäre, die Mühe hatten hindurchzukommen.» Sie lachte und drehte im dunkler werdenden Gang den Kopf zu mir.
Schon am gleichen Tage benutzte ich diesen Gang allein. Ich musste dabei Eimer und Besen vor mir hertragen, so dass am Ende des Ganges zuerst die Putzsachen herauskamen, und dann ich selbst. Und bald hatten auch die Pensionäre zur Kenntnis genommen, dass ich kein neuer Gast, sondern Zimmermädchen war.
Von Olga erfuhr ich, dass die meisten von ihnen jüdische Flüchtlinge waren.
«Sie sind grosszügig zu unsereinem, verwöhnen ihre Frauen und lieben ihre Kinder», sagte Olga. «Ihr seid gemein zu den Juden in Deutschland.» Ich schwieg, und Olga hielt mich womöglich für verstockt, dabei fühlte ich mich wie ein Wasservogel, der Öl an den Flügeln hatte, und doch weiterfliegen wollte. Ich dachte an Ruth Havemann – Gott, waren die Jungs hinter ihr her! Ruth war das schönste Mädchen im Schwimmclub Concordia. Als Ruth mit ihrer Familie Deutschland verliess, sagte sie beim Abschied zu mir: «Es ist, weil wir Juden sind.» Ich schämte mich; hatte ich sie als Jüdin gekannt oder sie mich als Nichtjüdin? Ich hatte sie vor allem wegen ihrer Schönheit beneidet. Ruth war sehr gut auf hundert Meter, sie hatte an den letzten Klubmeisterschaften noch teilgenommen. Durch Ruths Ächtung aber wurde ich geachteter, ich schwamm – nach ihr – Bestzeiten, Bestzeiten der Damen bei der «Concordia», ohne freilich Ruths Zeiten erreicht zu haben. Dabei hatte ich dafür nicht einen Beinschlag mehr gemacht beim Training in den Ohlendorffer Badeanstalten.
Der Vater hatte die Havemanns beneidet. «Es ist ein Glück, dass die Juden überall Verwandte haben. Unsereiner könnte nirgends hin. Ein Mensch ohne Beziehungen ist ein Krüppel sein Leben lang.»
«Hast du bei besseren Leuten in Deutschland gedient?»
Olga sass am langen Küchentisch. Sie trug ein weisses Kopftuch, und schälte rote Beete, die sie Randen nannte.
«Ich fing in einer armen Familie an. Es war eine jüdische Familie, sie hiessen Nissensohn. Grossvater Nissensohn musste die Kinder hüten, seine Tochter stickte Monogramme für ein vornehmes Wäschegeschäft am Jungfernsteg, und ihr Mann war auf Auktionen tätig. Ich blieb nicht sehr lange bei ihnen, weil meine Mutter nicht wollte, dass ich die grosse Wäsche mache.»
«Es gibt immer Familien, die unsereinen ausnutzen wollen.» Olga erzählte mir, dass in der Comi manchmal Pensionäre wohnen, die einen falschen Namen angaben … «Heisst du wirklich Lisette?»
Wie oft habe ich meinen Namen erklären müssen, der das politische Glaubensbekenntnis meines Vaters war: Die französischen Vorfahren – eingehüllt in das geheimnisvolle Wort «Hugenotten» – verarmten. Die Nachfahren waren deutsche Tagelöhner, die im Weltbild meines Vaters wieder zu Motoren der Zeit wurden: als Anhänger und Verehrer von Bebel, Liebknecht und Luxemburg glaubte mein Vater an Gleichheit und Brüderlichkeit. Er glaubte auch an Völkerverständigung, und «Lisette» verband für ihn Deutschland und Frankreich, die beiden ehemaligen Erbfeinde. «Lisette» internationalisierte den in Norddeutschland üblichen Namen Liese und war vor allem nicht zu verwechseln mit Luise. Es verbitterte meinen Vater, dass «mitten in der Republik», im Andenken an die grosse Königin, noch ein Luisenbund existierte, der den Töchtern des Landes zurief: «Werdet Luisenhaft!»
Hinzu kam, dass die Frau von Onkel August, dem ältesten Bruder des Vaters, Luise hiess. Tante Luise hielt nichts von den Ideen meines Vaters, sie nannte ihn einen eingebildeten Städter und einen Roten dazu. Aber prophetisch wiederholte er: «Wissen ist Macht.» Er glaubte an eine Macht der Wissenden, und beim Lesen des «Hamburger Echo» bekam er regelrechte Wutanfälle: «Dabei steht es hier schwarz auf weiss, sie verhöhnen Rosa Luxemburg als Jüdin und meinen die Revolutionärin …» Die Mutter beruhigte ihn, «reg dich doch nicht so auf». – «Ist doch wahr, wann merken unsere Hottentotten in Deutschland diesen Trick?»
In gewisser Hinsicht hatte Tante Luise recht, der Vater war hochmütig in dem Sinne, dass er sich als Schriftsetzer anderen Arbeitern gegenüber für gebildeter hielt und seinen Berufsstand als Aristokratie unter den Arbeitern empfand.
So kam er auf Umwegen seinen französischen Vorfahren wieder näher.
Olgas Hände hatten sich inzwischen von den Randen rot gefärbt, ich erzählte die Geschichte von meinem Vater viel zu ausführlich. Ohne aufzuschauen sagte sie: «Dein Vater hatte viel im Kopf, was sagt er denn jetzt?»
*
Der Tag in der Comi begann mit Paul Eppstein. Früh am Morgen brachte er das Kümmelbrot, das in der Bäckerei seines Vaters in der Zwinglistrasse gebacken und von den Pensionären als Delikatesse sehr gelobt wurde.
«Sechs Stück die Dame», sagte Paul und griff tief in den Korb, den er sonst auf dem Rücken trug und nur für einen Augenblick auf den Podest gestellt hatte. Er trug Halbfingerhandschuhe und einen Pullover mit dem Abzeichen eines Sportklubs. Manchmal trug er auch eine Bäckerjacke, dann sah er viel älter aus. Während er sich über seinen Korb bückte, schaute ich auf seine Rennkappe, die einen schwarzen Haarschopf zu bändigen suchte. Dann sauste er wieder davon, nicht ohne «Adieu die Dame» gesagt zu haben. Sah ich ihm nach, hatte er bald keinen Kopf mehr. Der hohe Korb ragte über den Hals hinaus und verdeckte den Kopf vollends.
Ich kannte bereits den Weg, den Paul nahm, bevor er in der Comi ankam: Er turnte die Kurvenstrasse von der Stampfenbachstrasse her hoch, kreuzte die Weinbergstrasse, und nahm die leichte Steigung der Ottikerstrasse, vorbei an der Rigi-Apotheke und Fumasolis Comestible. Von der Comi ging sein Weg weiter über die Scheuchzerstrasse hinauf bis zur Universitätsstrasse und dann auf den Zürichberg. Den Weg von der Comi über die Scheuchzerstrasse, hinauf zur Universitätsstrasse war ich am zweiten Tag nach meiner Ankunft in dem fremden Land gegangen, weil ich von der Rigi-Post aus einen Brief nach zu Hause aufgab.
Einmal sah ich beim Einkaufen Paul vor dem «Neubad» Ecke Scheuchzer- und Ottikerstrasse stehen. Er lehnte sich an sein Fahrrad, als sei es die Welt. Die Unterhaltung mit dem Mann im weissen Kittel, der vor dem Eingang der Badeanstalt stand, war sehr lebhaft. Über den Köpfen der beiden Männer war eine Glastafel an der Hauswand angebracht: «Fango- und Moorpackungen. Sport- und Heilmassagen. Alle Krankenkassen».
«Ein Mann vom Fach», sagte Paul am anderen Tag. Er gab seiner Rennkappe mit der halb behandschuhten Hand einen kleinen Stoss, was eine Pause in der Tour ankündigte, sein müdes Gesicht erhellte sich: «Interessieren Sie sich für Radsport?»
«Mein jüngerer Bruder ist leidenschaftlicher Radfahrer, er sagt immer, dass ein Fahrrad eine Seele hat. Er möchte einmal ein Fahrradgeschäft mit einer Reparaturwerkstatt haben, später, jetzt ist er arbeitslos.»
Paul nickte, schwenkte dann den hohen Korb auf den Rücken und fuhr weiter, immer kopfloser werdend verschwanden schliesslich auch seine pedalenden Beine hinter dem Korb. Der Spuk wurde vollkommen, wenn sich Ecke Scheuchzerstrasse und Ekkehardstrasse aus dem Korbkörper eine Hand mit einem halben Arm streckte.
Wenn Paul fort war, begann ich den Speisesaal in Ordnung zu bringen. Office, Salon und ein winziges Büro befanden sich ebenfalls auf dem Stockwerk. Das grosse Zimmer mit den vielen Möbeln lag direkt neben der Eingangstür, und da Herr und Frau Paksmann um diese Zeit noch schliefen, versuchte ich leise zu arbeiten.
Ob die Kinder von Paksmanns die Pension wohl gernhatten? Sie konnten nur selten mit ihren Eltern allein sein. Vielleicht aber empfanden sie die Pensionäre als Abwechslung. Helen war ernst, doch Monika, die jüngere Schwester, war heiter. Die Söhne Benno und Leo hatten, wie die Töchter, in den oberen Etagen gemeinsame Zimmer, doch sah man die Söhne seltener im Haus als die Töchter. Auch die alte Mutter von Frau Paksmann lebte im Haus. Sie hatte ihr Zimmer auf der anderen Seite des Hauses, und wenn man zu ihr wollte, musste man durch den dunklen Gang hindurch. Frau Paksmanns Schwester erteilte Klavierunterricht; ausgebildet am Zürcher Konservatorium kamen ihre Schüler zu ihr in die Comi, und wie immer die Stimmung in der Comi sein mochte, aus dem Zimmer der unverheirateten Musiklehrerin drangen Töne und Takte.
Beim Eingang in den Speisesaal befanden sich an der Wand viele Holzfächer, die mit den Nummern der Zimmer versehen waren. Es war der grosse Briefkasten der Comi, der mehr in die Breite als in die Höhe ging und an eine grosse Schürze mit vielen Taschen erinnerte. Die hölzerne Schürze sah lustig aus, wenn bunt geränderte Luftpostbriefe mit grossen, fremden Marken in ihren Taschen steckten. Jedermann in der Comi wartete auf Post. Von der Eingangstür her erkannten die Pensionäre, ob Post für sie angekommen war oder nicht, und während sie frühstückten und die Post lasen, versuchte ich, die Zeit ihrer Abwesenheit zu nutzen, und brachte einige Zimmer in Ordnung.
Die Comi hatte gute und schlechte Zimmer. Gut waren die ehemaligen Wohn- und Schlafzimmer, schlecht die früheren Küchen und Dienstbotenzimmer. Das schönste Zimmer im Hause bewohnte Signora Teresa, die eine Freundin der Familie war. Sie bewohnte Nummer 30 auf der vierten Etage und verfügte über einen der zwei Balkone, welche die Comi zu vergeben hatte. Signora Teresa schaute von ihrem Zimmer aus über die Dächer von Zürich, und bei gutem Wetter konnte sie den See und die Berge sehen.
Die vierte Etage hatte im Gegensatz zur fünften vollwertige, noch nicht abgeschrägte Zimmer; die Zimmer lagen unter dem Dachfirst. Unter dem Dachfirst aber nisteten die Tauben, und obwohl die Tauben als Symbol des Friedens gelten, lag Signora Teresa mit ihnen in Fehde.
«Die Tauben sind laut und unsozial – sie vermehren sich ständig. Man kann nachts nicht schlafen, und mit der Zeit werden sie die Comi ruinieren.»
Wenn ich auf ihren Balkon ging, um den Flaumer auszuschütteln, musste ich ihr recht geben: Flügelschlagend verliessen die Tauben die Balkonbrüstung, die, grünlich-silbern bekleckst, nicht dazu einlud, die Landschaft zu geniessen.
«Ich gehe nie auf den Balkon», klagte Signora Teresa, und von verschiedenen Pensionären unterstützt hatte sie eine regelrechte Aktion gegen die Tauben gestartet, woraus die Tauben aber als Sieger hervorgingen: «Bei den von Ihnen beschriebenen Tauben kann es sich nicht um Militärtauben handeln, sodass die Stadtverwaltung eingreifen könnte. Militärtauben fliegen niemals auf Bäume und nisten nie unter fremden Dächern – vielmehr bleiben diese über Nacht in ihrem Schlag und haben erst morgens um acht Uhr ihren Freiflug. Da Sie aber auch nachts von den Tauben gestört werden, handelt es sich um sogenannte Türkentauben, welche vor etwa zwanzig Jahren aus dem Balkan einwanderten, und bei uns heimisch wurden. Sie werden vom Bund geschützt und dürfen keinesfalls vernichtet werden.»
Die Tauben waren Emigranten mit Niederlassungsbewilligung.
Von Olga erfuhr ich, dass Signora Teresa eine weitgereiste Dame sei und sechs Sprachen spreche.
«Schau, sie hat halt etwas gelernt.» Olga schlug die Augen nieder, wenn sie etwas gesagt hatte, und das gab ihren Mitteilungen etwas Unwiderrufliches. Signora Teresa hatte herrliche, tizianrote Haare, die wie eine Dauerglut auf ihrem Kopf leuchteten, und wenn sie mit ihrer leicht angerauhten Stimme sprach, glaubte man ein Knistern zu hören, das die Glut in Flammen aufgehen lassen könnte.
«Ich kenne Ihr Land», sagte sie zu mir, «vor vielen Jahren war ich in Berlin. Mussolini war an die Macht gekommen, und ich hatte auf einem Meeting die Rede eines jungen italienischen Antifaschisten zu übersetzen. Ein trauriges Land», sagte sie und hielt wie abwehrend ihre rosafarbenen Handflächen gegen mich, «die Polizei führte die Strassendemonstration an, und Genossen, versehen mit einer Armbinde, worauf ‹Ordner› stand, sorgten dafür, dass kein öffentlicher Rasen beschädigt wurde. Nie wird es in Ihrem Land eine echte Revolution geben!» Sie schüttelte dabei die rote Glut auf ihrem Kopf und lachte.
«Ich kenne Berlin nicht», antwortete ich und dachte an mein Berlin, an einen fernen, blauen Dunst am Horizont …
Als Freundin der Familie aber war Signora Teresa um Ordnung im Hause besorgt. «Sagen Sie dem Studenten von Nummer 29, dass die vierte Etage empört ist!»
Der Student hatte das Badezimmer in einem ungehörigen Zustand hinterlassen, und entrüstet fragte mich Signora Teresa, zu welchem Zwecke dieser Kretin Architektur studiere – sein Benehmen sei ein Hohn auf seinen herrlichen zukünftigen Beruf.
In Nummer 29 herrschte eine Anarchie von Kleidern, Büchern und Toilettenartikeln, der Student selber war ein Monument an Pflege. Der junge Mann schien ausgehen zu wollen, doch nicht ohne Freundlichkeit hörte er den Vorwürfen zu, die ich im Auftrage von Signora Teresa zu übermitteln hatte.
«Sauberkeit macht noch kein Kulturvolk, und zudem – liebes Kind – dürfte es in Ihrer Sprache auf der ganzen Welt schwierig sein, Beschwerden anzubringen …» Duft hinter sich lassend verliess er sein Zimmer und strebte dem Treppenhaus zu. Ich hatte Lust, dem Lackaffen mit meinem Flaumer die tadellose Frisur zu verderben, «Poussierstengel» riefen wir als Kinder jungen Männern nach, die nach Parfüm rochen.
Frau Paksmann schaute mich müde an, als ich ihr von den Frechheiten des Studenten erzählte. «Ich weiss nicht, ob es je Ordnung geben wird – unbefohlen – immer stimmt etwas im Hause nicht, es gibt keine Ruhe für mich.»
Ruhe für die Familie, wenn auch nur für kurze Augenblicke, konnte allein Cherili vermitteln. Cherili, besser Chärrilie, ein langhaariger grauer Dackel. Cherili musste nur auftauchen, und schon trat Glanz in die Augen der geplagten Pensionsbesitzer. Cherili verteidigte die Familie gegen die dauernden Begegnungen mit den Pensionären und deren Angelegenheiten durch ihre einfache Existenz. In einer Mischung von Souveränität und Melancholie liess sich Cherili die Liebe der Familie gefallen. Herr Paksmann sprach manchmal russisch mit dem geliebten Tier. Zu seiner Zerstreuung ging er manchmal mit Cherili auf den Uetliberg; man nannte ihn in der Nachbarschaft den grauen Herrn mit dem weissen Haar. Er war von hoher Gestalt und trug mit Vorliebe graue Sportanzüge mit Knickerbocker, doch wirkten die englischen Sporthosen an ihm wie schlechter Wille. Es konnte aber auch sein, dass die Hosen ihn nicht mochten. Sein aufrechter Gang jedoch, die jugendliche Gesichtsfarbe und das volle Haar triumphierten schliesslich über die Verdriesslichkeiten machtpolitischer Natur, handelte es sich bei seiner äusseren Erscheinung doch um eine russisch-englische Allianz.
Frau Paksmann benutzte die Abwesenheit ihres Mannes manchmal dazu, einen säumigen Zahler zu mahnen. «Sie sind doch ein gebildeter Mensch und wissen, dass ich keine Geschäftsfrau bin», so entschuldigte sie sich, klagend, bei dem Säumigen. Herr Paksmann duldete es nicht, dass ein Pensionär gemahnt wurde, er ignorierte die finanzielle Seite seines Unternehmens. Gewiegt zog er die Augenbrauen hoch und sagte: «Der Arme – er wird kein Geld haben.» Er sass oft in seinem Büro, ein pompöser Name für den gefangenen, handtuchgrossen Raum ohne Fenster, der früher einmal ein Aufbewahrungsort für Putzutensilien gewesen sein mochte. Er sass dort vor aufgespiessten Lieferscheinen, und niemand konnte die Gefühle erraten, die er dem Pensionsunternehmen gegenüber empfand. Einmal suchte ihn Signora Teresa in seinem Büro auf, um ihren monatlichen Pensionspreis zu zahlen. Sie hielt ihm das Geld entgegen, er aber deutete gereizt auf die Brusttasche seines Sportanzuges und sagte ungeduldig: «Stecken Sie es hinein, Teresa», und sah nicht einmal hin, wie viel Geld sie in den wollenen Schlitz versenkte. Dabei schien er das Büro sehr wichtig zu nehmen, nur er besass einen Schlüssel dazu, den er ernst in den tiefen Taschen der Knickerbockerhose aufbewahrte.
Allen bekannt aber waren die Gefühle, die Herr Paksmann Cherili gegenüber empfand; ihm war der Gedanke peinlich, dass sich die Reinrassige mit einem Partner ohne Stammbaum und Ansehen den Hundehimmel teilen könnte, und er führte Cherili beim Spaziergang immer an einer kurzen Leine.
Ihr Lieblingsplatz im Hause war die Heizung im Office neben dem «Pass». Schwer geprüft lag Cherili auf den warmen Röhren und schnupperte dem Geruch der Speisen nach, der durch den Pass von der Küche herauf an der Hundenase vorbeizog. Der Pass, eine Schlucht von braunen Brettern, verband das Office mit der Küche, die im Erdgeschoss des Hauses lag. Hier am Pass brandete das Leben der Comi wohl am heftigsten, hier am Pass verlor sogar Olgas Stimme ihren Charme, ihre Mitteilungen von unten herauf hatten nur noch etwas von einem eigenartigen Röhren. Ich weiss, dass sie unten ihren Kopf schräg in die Schlucht hält, damit Herr Paksmann sie oben besser verstehen kann. Er gab seine Befehle zurück, aber man wusste nie, ärgerte er sich über Olga oder beleidigte ihn diese Beschäftigung.
Herr Paksmann war sehr unzufrieden mit mir, wenn ich Cherili von der Heizung hinunterjagte.
«Ein wertvolles Tier», sagte er, aber ich hatte die Teller dort vorzuwärmen. Vor dem Mittagessen waren wir alle in Zeitnot. Herr Paksmann wartete am Pass auf die Speisen, die Olga hinaufschickte; seine Knickerbockerhosen waren um diese Zeit mit einer weissen Schürze gedeckt. Cherili aber fortzujagen, war aussichtslos. Nachdem sie von der Heizung hinuntergesprungen und beleidigt ins Treppenhaus gewackelt war, kam sie mit dem nächsten Pensionär, der dem Speisesaal zustrebte, wieder zurück in das Office. Sie nahm Herrn Paksmanns nervösen Schrei: «Geh weg – was ist los?» als Aufforderung zu bleiben.
Von Signora Teresa erfuhr ich, dass Herr Paksmann als junger Mann Geheimliteratur aus der Schweiz nach Russland geschmuggelt hatte, um die Revolution gegen den Zaren zu unterstützen. Er war ein Mitarbeiter Lenins gewesen.
«Lenin lebte während seiner Emigration in Zürich und Genf; Sie können das in den Memoiren von Frau Krupskaja nachlesen; auch die Kurierdienste Ihres jetzigen Brotgebers sind dort erwähnt.»
In der ihr eigenen Erzählfreude schmückte Signora Teresa die Ereignisse, die mehr als dreissig Jahre zurücklagen, in historischer Freiheit aus und beförderte den Kampfgenossen Lenins zum Kurier des Zaren, und mit ironischem Vergnügen zum Zaren selbst. Folgerichtig wurde für sie Frau Paksmann zur Zarin, und wenn ich mit Wischer und Papierkorb bis zur vierten Etage vordrang, begrüsste Signora Teresa mich vergnügt und fragte: «Nun, wie geht es heute dem Herrscherpaar?»
Nicht alle Pensionäre hatten den Humor und die Phantasie, über die Signora Teresa verfügte. Die wenigsten von ihnen wussten die Anstrengungen des Herrscherpaares zu würdigen. Laut sagte ein Pensionär am Frühstückstisch: «Noch immer habe ich in meinem Zimmer kein Bett, das ein Bett zu nennen wäre.»
Allabendlich aber lud die Familie eine kleine Gefolgschaft zu sich in den Salon, in dem Tee getrunken wurde. An der Anzahl der Gläser sah ich, wie gross die Gefolgschaft gewesen war. Es war ein privater Tee, den die Familie servieren liess, und unter den Pensionären wurde eifersüchtig darüber gewacht, wer die Ehre hatte, geladen zu sein. Manchmal holte Herr Paksmann einen für den kommenden Tag bestimmten Dessert aus dem Kühlschrank, um seinen Gästen etwas Besonderes bieten zu können.
«Ich bitte dich, Leone, was wird die Köchin sagen», Frau Paksmann versuchte, Einspruch zu erheben, doch der Gastgeber, dessen Gesicht schon von Freude überzogen war, antwortete, während er den Dessert bereits in kleine Schalen verteilte: «Soll sie sehen, was wird.»
Ich ging nicht gern in den Salon, wenn alle dort versammelt waren. Oft aber gab mir Frau Paksmann gerade dort noch einen Auftrag, der erledigt werden musste, bevor sie am Morgen aufstand. Sie läutete dreimal kurz, wenn sie nach mir suchte.
Ich wusste, dass eine Dame aus Hamburg angekommen war, und ich sah sie zum ersten Mal abends im Salon.
«Lisette, holen Sie aus der Apotheke Sedrol – nehmen Sie Cherili mit», sagte Frau Paksmann. Auf dem Tisch stand der Samowar, und die Dame aus Hamburg sass in einem der tiefen Sessel, die Signora Teresa immer die «Fallen der Comi» nannte. Ich wollte auf sie zugehen, sie begrüssen, als ein Überfall von Zuckungen ihr Gesicht verzerrte. Nase und Kinn stiessen auf die Brust, sodass Haar und Antlitz wie wild geschüttelt wurden. Die entfesselte Unruhe wurde von den Anwesenden übersehen, und mit rascher Hand führte die Unglückliche eine Zigarette an ihrem Oberkörper vorbei, als könne sie mit einem raschen Zug die wilden Bewegungen abfangen. Tatsächlich beruhigte sich das Gesicht.
Cherili zog mich zur Rigi-Apotheke hinunter. Ich fürchtete mich zurückzukehren, fürchtete mich vor einem neuen Anfall, solange ich im Salon war. Welche Anstrengung, das wilde Schütteln zu übersehen, Cherili zog mich im Zickzack hin und her. Die Dackelohren hingen wie Puppenstubenportieren an dem schnuppernden Kopf und halfen mit, die Zeichen der Sympathie ausfindig zu machen, die ein Casanova auf der feuchten Strasse hinterlassen hatte.
Olga hatte erfahren, dass die dunkle Frau aus Hamburg auf schreckliche Weise ihren Mann verloren hat: «Alles Unglück kommt jetzt über die Juden.» Der Mann war seit längerer Zeit verhaftet gewesen, eines Tages aber habe sie die Nachricht erhalten, dass er entlassen werde. Als sie ihren Mann abholen wollte, erhielt sie den Bescheid, dass er tot sei. Gestorben an Herzschlag und bereits begraben.
*
Wer war ihr Mann gewesen – ich hatte nicht den Mut, danach zu fragen. Ich musste an den wütenden Ausspruch meines Vaters denken: «Sie verhöhnen in Rosa Luxemburg die Jüdin und meinen die Revolutionärin …» – «Weil wir Juden sind» hatte auch Ruth Havemann gesagt, und ich konnte beim Abschied nicht die befreiende Wut aufbringen und schämte mich nur. Ahnte ich, dass kein Mitleid umfassend genug war, um einen Menschen trösten zu können, der verfolgt wurde wegen seiner Geburt? Und nicht weil er dachte, was der Verfolger zu denken verboten hatte? Lag das Mitleid deshalb wie eine Lähmung auch zwischen dem Bürger des Gastlandes und dem Flüchtling, dessen Gesichtsausdruck sagte: verfolgt, weil geboren? War Mitleid die Furcht, das Unglück könnte auch über den Mitleidigen kommen, zog das Unglück des anderen das eigene Unglück an? Und erklärte diese Angst erst die Entlastung, die alle empfanden, wenn ein Flüchtling weiterreisen konnte?
*
Mein Zimmernachbar auf der fünften Etage hatte sich als Nissim Nachtgeist vorgestellt. In seinem Zimmer lagen viele kleine, kurze weisse Fäden auf dem Fussboden – und als er mich beim Zusammenfegen antraf, schaute er mich beinah freundlich an: «Nehmen Sie diesen Stall nicht zu ernst – die Comi – ein Ort für die Verlorenen.» Er stellte einen grossen Koffer ab, den er fünf Treppen hinaufgetragen hatte. «Verstehen Sie mich nicht miss, ich gehöre auch dazu.»
Dieses Zusammentreffen war weit freundlicher gewesen als meine erste Begegnung mit ihm, die am Tage nach meiner Ankunft, nachts, auf dem dunklen Korridor der fünften Etage stattgefunden hatte.
Er hatte sich anderntags bei Frau Paksmann darüber beklagt, dass «die deutsche Bohnenstange» ihn nicht gegrüsst habe, und ausdrücklich dazu bemerkt, «dass zum Hochmut kein Anlass vorliegt».
Nissim Nachtgeist öffnete seinen grossen Koffer, der mit verschiedenen zugeschnittenen Stoffteilen vollgepackt war. «Vorderteil, Rücken, Kragen, Taschen, Gürtel mit Einlage, Knopflochleiste, schweizerische Qualitätsarbeit, Gütezeichen, verehrte Nachbarin. Die Schweizer müssen ein Volk in Berufsmänteln sein.» Nissim Nachtgeist sortierte die zugeschnittenen Teile und legte sie zu kleinen Stapeln.
«Ich teile mein Leben zwischen Heimarbeit und Hochschule. Was die Heimarbeit betrifft, Sie sehen es ja, ich lasse Fäden …, mein Hochschulleben? Schwamm drüber.»
Wenn ich abends in seinem Zimmer die Nähmaschine surren hörte, wusste ich, dass Elisabeth, Nissim Nachtgeists Braut, vor der «Bernina» sass und Berufsmäntel nähte. Im Zuge einer rationellen Arbeitsweise trennte sie die zusammengenähten Stücke nicht voneinander, sodass die einzelnen Teile die «Bernina» verliessen wie Wäsche an der Leine. Surrend rannten die Kragen und Ärmel davon, als wollten sie vor den Taschen und Gürteln ans Ziel kommen. Nissim Nachtgeist trennte die einzelnen Teile dann voneinander, durchschnitt den zu einer dünnen Kordel gedrehten Ober- und Unterfaden der «Bernina» und säuberte von zu langen Fäden. Er legte die Teile wieder zu kleinen Stapeln, damit Elisabeth in bequemem Griff «fertig machen» konnte.
Manchmal half ich ihnen.
«Was sagte heute der Herbst?»
Nissim Nachtgeist hörte auf zu schneiden und sah Elisabeth an. Die Schere war für sein handwerkliches Unternehmen viel zu klein, blieb halbgeöffnet und ruhte einem Metallkreuz gleich zwischen seinem Daumen und Zeigefinger: «Die Frage nach dem Wohltäter macht den stärksten Mann hilflos. Aber, geehrte Nachbarin, da Sie Fäden mit uns ziehen, sollen Sie wissen, wer Herbst ist: ein reicher Altwarenhändler, der Kunst und Literatur liebt. Ich habe die Aufgabe, ihm Bücher aus den Bibliotheken zu holen, er verlässt sich auf mein Urteil; das macht mir den Freitisch in seinem Hause erträglich.»
Die von Elisabeth fertig genähten Berufsmäntel wurden von Nissim Nachtgeist noch rasch überbügelt und wanderten dann wieder in den Koffer. Wenn Elisabeth abends in die Comi kam, hatte sie, als Bürgerin des Landes, immer schon einen Arbeitstag als Schneiderin hinter sich, doch setzte Nissim Nachtgeist sie immer unter leichten Druck, was das Arbeitstempo betraf. Wollte er dem Fabrikanten zeigen, dem er pünktliche Arbeit versprochen hat, dass auf einen Flüchtling Verlass war? Gerade weil er Schwarzarbeit leistete?
«Curt hilft auch vermögenden Studenten bei ihren Doktorarbeiten.»
«Mein Vater meinte es gut mit mir, als er mich Jura studieren liess.»
«Dabei wärst du doch lieber Schauspieler geworden!»
Nissim Nachtgeist war genauso alt wie ich. Olga sagte: «Er heisst gar nicht Nissim Nachtgeist, besteht aber auf diesen Namen. Er will nach Amerika auswandern und Deutschland nie wieder sehen. Er ist immer fidel.»
Tatsächlich nannten ihn die Pensionäre den fidelen Studenten, für mein Gefühl aber versteckte er sich hinter diesem Klischee. Mit seinen kurzen, manchmal lustigen Bemerkungen hielt er sich nur die Leute vom Leib. Verfolgt, weil geboren – und unerwünscht im Land seiner Jugend –, woher nahm er die Kraft, seine Trauer zu verbergen?
Im Faltenrock Helvetias
Nissim Nachtgeist nannte die Comi einen Ort für die Verlorenen. Die Umschreibung schien mir zu pessimistisch – vielmehr verwandelten die Verlorenen die Comi in ein Floss, das sie über Wasser hielt. Emigration ist die Fahrt mit einem Floss auf einem Meer, von dem keiner weiss, wie gross das Meer und wie lang die Reise.
«Die Schweiz ist ein kurzer Rock voller Falten, eine Art geologisch erstarrter Sturm», philosophierte Nissim Nachtgeist, «die Falten laden ein, sich darin zu verstecken. Aber schon andere vor uns kamen auf diese Idee, und zur Zeit bauscht sich das plissierte Land wieder mächtig.»
Er hielt wenig von politischer Tätigkeit; umgeben von weissen Ärmeln, Kragen, Gürteln und Rücken unterhielt er Elisabeth und mich in sorgenvoller Miene. «Was der Emigrant am meisten braucht, ist Windschatten. Es ist ein Glück, dass er hierzulande nicht öffentlich auftreten darf. Auf diese Weise bleibt es ihm erspart, Mitleid zu begegnen … Mitleid in der Öffentlichkeit – ein halber Tod.»
Frau Paksmann hatte das Land Pestalozzis schon als Studentin kennengelernt, sie verehrte es, dessen Ruhm bis zu ihr in das unfreie Polen gedrungen war. Manchmal, wenn wir im Office die Wäsche sortierten, erzählte sie aus jener Zeit. Im Office roch es um diese Zeit nach Seifenwasser, und die Spuren der täglichen Schlacht, wie Signora Teresa das Mittagessen nannte, waren getilgt. Kein Lärm am Pass, Ruhe in der Küche, Stille vom Speisesaal her.
«Ich lebte als junges Mädchen in der Nähe der Universität. Wenn die Tramhaltestelle Winkelried ausgerufen wurde, stimmte mich das jedes Mal ganz feierlich. Durch meinen Mann hatte ich führende Männer aus der sozialistischen Bewegung kennengelernt, Plechanow, Martow, Axelrod. Axelrod?», rief Frau Paksmann aus, während wir an den Betttüchern zogen, «Axelrod wurde von uns verehrt wie ein Vater. Er arbeitete oft nachts, sodass er am Tage schlafen musste. Auf Zehenspitzen gingen wir herum, wenn es hiess: Pawel schläft.»
Mechanisch schob sie mir die eingefeuchteten Kopfkissen zu, so dass sich der Korb für die Glätterin langsam füllte.
«Es mag 1909 gewesen sein. Bei einer Kontrolle an der russischen Grenze hat man es meinem Mann auf den Kopf zu gesagt: Du bist Leone Paksmann, dich suchen wir schon lange. Es nützte ihm nichts, dass er mit einem österreichischen Pass reiste. Man arrestierte ihn für die Nacht in einem Grenzhotel, um ihn am folgenden Morgen der russischen Sicherheitspolizei übergeben zu können. Noch während der Nacht konnte er ausbrechen und fliehen. Das Zentralkomitee seiner Partei, damals in Paris, schlug die Emigration vor.» Das Gesicht nach innen gerichtet fuhr sie fort: «Die Heirat war möglich geworden, eine Möglichkeit, die es bei fortgesetzter Untergrundarbeit nicht gegeben hätte; ich liebte meine Kinder, bevor sie geboren wurden.»
«Auch die Comi hätte es nicht gegeben!»
«Die Comi – aber das war ja später – wir wohnten in den ersten Jahren unserer Ehe in einer Vierzimmerwohnung im Universitätsviertel. Mein Vater lebte damals noch, die Kinder waren klein. Mein Mann erhielt von einem Tabakhändler russischen Tabak, und er drehte daraus lange Zigaretten, für die es Liebhaber gab. Später allerdings, 1914, blieb mit dem Ausbruch des Krieges der russische Tabak aus. Ich erteilte polnischen Studenten Deutsch- und Französischunterricht, und gab ihnen manchmal zu essen. Sie rühmten meine Küche – gute polnische Küche – und sagten eines Tages: Gebt uns jeden Tag zu essen, und ihr werdet mitessen. Es kamen neue Studenten, bald brauchte ich ein junges Mädchen, das in der Küche half, damit war eigentlich der Grundstock für die heutige Comi gelegt.»
Einer jener Studenten von «damals» wohnte in der Comi, bis die Comi aufgehört hatte zu existieren. Er gehörte zur engen Familie, sass jeden Abend beim Samowar im Salon und genoss das Ansehen einer Person, die unter Denkmalschutz stand.
Der Bruch, von dem Frau Paksmann als einem Schicksalsschlag sprach, war die Trennung von Lenin und seinen langjährigen Kampfgenossen.
«Nächtelang wurde in Genf diskutiert – aber der Bruch war unvermeidlich. Mein Mann entschied sich in diesem Kampf für Axelrod, er blieb seinem verehrten Lehrer treu, blieb Sozialdemokrat.»
Das Telefon läutete – die Flüchtlingshilfe verlangte nach Frau Paksmann. Eben noch hatte sie von Venedig erzählt: «Ich war wie betäubt von Venedig», nun lehnte sie sich gegen das Gebirge von einem Küchenbuffet und glich einer von Strassenarbeitern schräg gestellten kleinen Fahne, die für die Umleitung des Verkehrs benutzt wird, die Hörmuschel des Telefons in der kleinen Hand:
«Pension Comi …
…
Ich denke, ja
…
Sind es viele?
…
Gut.»
«Lisette, ist 28 in Ordnung? Morgen kommt eine Ärztin aus Wien, sie bringt ihre Möbel mit.»
*
Im leeren Zimmer Nummer 28 sass erschöpft Frau Doktor Horvath in einem tiefen Sessel. Die Reise hatte sie mitgenommen. Sie erzählte, dass sie für einen Besuch bei ihrem Bruder in Indien vorbereitet gewesen wäre, doch der Bruder sei plötzlich verstorben.
Olga hatte recht, Frau Doktor Horvath hatte etwas Hoheitsvolles; wir nannten sie deshalb die Ahnfrau der Comi. Ihre schönen weissen Haare trug sie aus der Stirn gebürstet, um sie dann wie eine Krone um den Kopf zu legen. Die Transportarbeiter brachten grosse Spiegel herein, und eine Büste der Eleonora Duse stellten sie in eine Ecke des Zimmers.
«Die Statue der Göttlichen», flüsterte Frau Doktor, «in meiner Jugend wurde ich bis zum Überdruss mit ihr verglichen.»
Die Kisten waren mit grosser Sorgfalt gepackt worden. Das Geschirr und Silber, die Vasen und die Teppiche deuteten auf grosse Räume hin, worin sich die neue Pensionärin der Comi bewegt haben mochte. Während ich die Gläser mit dem Seidenpapier, worin sie liebevoll eingewickelt worden waren, wieder blank rieb, erzählte Frau Doktor Horvath, dass sie in Wien im letzten Weltkrieg Soldaten gepflegt hätte. In Erinnerung daran lächelte sie, und einem Wunder gleich gehorchten ihr die Falten in ihrem Gesicht.
«Ein englischer Arzt verliebte sich in mich – unglücklich natürlich», ob aus Erschöpfung oder in Erinnerung an ferne Leidenschaft begann Frau Doktor Horvath wieder zu flüstern. Sie hatte die Reise nach Indien erfunden. Um den Schock zu überwinden, in der Vaterstadt unerwünscht zu sein, wurde die Notlandung in der Comi von ihr in ein privates Missgeschick umgedeutet. Die Spiegel vergrösserten das Zimmer, alle Bewegungen, ihre und meine, die Vasen und die Duse verdoppelten und verdreifachten sich. Signora Teresa kam herein, sie war unmittelbare Nachbarin, und begrüsste den neuen Gast, der verloren und hoheitsvoll inmitten ihrer holden Art von Anarchie sass. Signora Teresa erzählte von ihren Übersetzungsarbeiten, die sie für einen Schriftsteller ausführe, und Frau Doktor Horvath deutete auf eine unmöglich gewordene Reise hin …
Signora Teresa stand in dieser Welt von Andenken und ehemaligem Reichtum wie ein blühender Baum. Durch ihre lebensvolle Erscheinung aber wurde der neue Gast zu einer schönen Ruine. Auf den Wogen einer ersten Sympathie schenkte Frau Doktor Horvath Signora Teresa einen wundervollen, seidenen Schal, der mit feinen Goldfäden durchwirkt war, aber noch am gleichen Abend verlangte sie ihn mit Bestimmtheit zurück: «Wie konnte ich», hauchte sie, «ein Andenken meines Bruders», und bat mich inständig, das der Signora zu sagen. Signora Teresa lachte, sagte dann aber ernst: «Ach – die Arme.»
Der Schal roch muffig, wie alles im Zimmer der Ahnfrau; schade, am Halse der Signora Teresa wäre er zu neuem Leben erwacht.
Jede neue Ankunft in der Comi war eine Art Wellengang, heimlich aber hoffte jeder Ankommende, bald ein Wellenreiter zu sein. Niemand aber war aus eigener Kraft Welle geworden, und die Vorstellung mochte frivol sein, auf ihrem Kamm oder ihrer Spitze reiten zu wollen. Keine Welle aber kann verharren, sie muss auslaufen, sich überschlagen oder niedergehen – sie kann nicht warten. Das Gastland aber erwies sich als geiziger Strand und versuchte, wenn immer möglich, sich den Wellen zu verweigern. Dabei war nirgends eine abweisende Küste sichtbar, und doch stemmten sich ihnen – jede Welle spürte das einzeln – unsichtbare Eisberge entgegen.
*
Nissim Nachtgeist nannte die fünfte Etage den Taubenschlag von «Fiedler und Genossen», tatsächlich aber war Herr Fiedler wohl der Einsamste unter uns. Er bewohnte das schlechte Nordzimmer neben dem WC. Seine Sprache war schwer zu verstehen, sie hatte für mein Ohr, das in der Comi an verschiedene Akzente gewöhnt wurde, steiermärkische Reste. Seine schwarzen Zähne glichen den schwarzen Krusten jener getrockneten Pilze, die er Frau Paksmann zu verkaufen versuchte. Die städtische Fürsorge hatte ihn in die Comi geschickt. Gelb im Gesicht schimpfte er auf seine Kinder, die ihn verlassen hätten. Er betätigte sich auch als Maler, und hängte manchmal eines seiner Bilder in den dunklen Korridor. Seltsam war, dass er sehr gereizt reagierte, wenn man das Bild anschaute. – «Sie wollen das wohl nachmachen, he?», rief er Nissim Nachtgeist nach, der es betrachtete.
Trotzdem lud ihn Nissim Nachtgeist zu einem Abend in sein Zimmer ein, zu einer Gala-Vorstellung für die «Erniedrigten und Beleidigten».
«Kommen Sie auch?», fragte mich Nissim Nachtgeist. «Gern, aber erst nach dem Nachtessen.»
Meinetwegen begann er mit der Vorstellung erst gegen halb neun Uhr. Er war wütend auf mein «Uhrwerk», das er ein deutsches nannte: «Vor dem Essen lief es mir leicht – jetzt – Sie werden es sehen – wird es eine mechante Quälerei. Ihr Deutschen mit eurem Einteilen, einteilen ist das halbe Leben, aber eben, nur das halbe!»
«Es ist Lampenfieber», flüsterte mir Elisabeth zu, «er muss für das Studententheater eine Szene ausprobieren.»
Ausser Olga, Herrn Fiedler und Elisabeth war noch der Italiener anwesend, der seit einiger Zeit auf der fünften Etage wohnte. Nissim Nachtgeists Darbietungen waren Lieder ohne Worte, jeder von uns konnte ihn verstehen. Er begann, indem er die Brille abnahm – wir hatten dabei das Gefühl, dass er von uns abrückte, und dadurch erschien uns das Zimmer grösser. Mit seinen Fingern, die er ein wenig vorstreckte, zeichnete er eine Kommode, ein Bett, Tisch und Stuhl; mit beiden Händen hielt er eine Lampe, und obwohl von alldem nichts zu sehen war, überflutete uns alle behagliches Licht. Nissim Nachtgeist war mittelgross, mit wenigen Bewegungen verwandelte er sich in ein junges Mädchen …
Das Mädchen in dem gezauberten Zimmer war müde; in Ruhe und mit althergebrachten Bewegungen deckte es das Bett auf und schüttelte sachte, wie Frau Holle, das Kopfkissen. Er schüttelte das Handgelenk, und obwohl nichts von einem Mädchenarm und einer Uhr zu sehen war, hörten wir ein feines Gezirpe beim Aufziehen. Stück um Stück entledigte sich das Mädchen seiner Kleider. Nissim Nachtgeist war im Kampf mit dem Nichts; er war höchstens zwei Meter von uns entfernt, und wir fühlten seine Anstrengung um Abstand und Raum. Sein einziger Helfer war die fehlende Brille, sie gab ihm einen übermächtigen und distanzlosen Blick, sodass ihm seine Zuschauer entrückten, und das klägliche Zimmer zu einer Bühne werden liess.
Lange bürstete das Mädchen das lange Haar; mit erhobenen Händen liess die Gezauberte ein Nachthemd auf sich herabfallen. Die Ruhe des Mädchens war hinreissend, und Nissim Nachtgeist steigerte die Pedanterie des Vorgangs, indem er verweilte. Dann schob er seine runden Hände in gezauberte Seidenstrümpfe … prüfend hielt er das Gewebe gegen das Licht, das uns wie zarter Schaum erschien und zerstört werden konnte bei zu heftigem Zugriff … endlich legte sich das Mädchen schlafen.
Nissim Nachtgeist lag auf dem Fussboden, mit dem Kopf auf dem Wachstuchüberzug der «Bernina». Tastend richtete er sich auf und suchte nach der Brille … «Quälerei!» brüllte er, «ich wusste es!» – er will von unserem Lob gar nichts hören; für einen Augenblick hatte sich sogar auf Herrn Fiedlers gelbes Gesicht ein Lächeln geschoben, aber Nissim Nachtgeist drückte jedem von uns ein Teeglas in die Hand und hatte dabei den besorgten Gesichtsausdruck einer Hausfrau.
*
Aus Österreich waren neue Gäste angekommen, sie waren kinderreich und vermögend und bewohnten die grossen Zimmer im zweiten Stock. Endlich kam Geld in die Comi, die neuen Gäste zahlten sogar im Voraus.
«Jetzt gibt es wohl gute Trinkgelder», bemerkten die alten Pensionäre. Im Treppenhaus noch freundlich und gesellig, wirkten sie – allein in ihren Zimmern – schweigsam und verlassen. Einige von ihnen waren Bürger des Landes geworden, waren aber Dauermieter der Comi geblieben. Ihre Kinder waren im Lande Pestalozzis aufgewachsen und hatten manchmal selbst schon Kinder. Wenn die Enkelkinder die Grosseltern besuchten, lachten sie über deren Sprache.
Das Warten auf Nachrichten gehörte zum Lebensstrom der Comi. Sorgfältig wurden die Zeitungen gelesen; manchmal ungeduldig auf den nächsten Stuhl geworfen, oft auch schweigend zusammengelegt. Die neuen Gäste warteten auf den Bescheid der Fremdenpolizei oder die Entscheide der Flüchtlingshilfe. Nissim Nachtgeist, das wusste ich, verschwieg Elisabeth Vorladungen auf die Fremdenpolizei, damit sie sich nicht aufrege. Das Warten war wie eine Farbe, die überall durchschlug, ein Geruch, der sich ausbreitete. Wer wartete, kämpfte auch um das Vertrauen auf den eigenen Schlag, auf den er sich verlassen musste wie auf seinen Charakter, nachdem er alles andere verloren hatte.
«Wer wartet, wird blind für die nächste Umgebung», sagte Doktor Bardach, als ich ihn beim Fensterputzen auf die schöne Aussicht aufmerksam machte; man sah den See und die Berge, die wie aus Übermut mitten im Sommer Schneekappen trugen.
«Der Anblick einer schönen Landschaft kann sogar schmerzen»; der stille Mann ging nie spazieren. Wenn ihn seine kränkelnde Frau entbehren konnte, ging er eilig und mit kurzen Schritten in die Bibliothek, die sich im Innern der Stadt befand. Dort konnte er besser untertauchen als in der Comi unter seinesgleichen, und vielleicht war die Stadt barmherziger mit ihm als die schöne Aussicht, die ihm irgendwie seine Heimatlosigkeit vorhielt.
Zusammen mit Doktor Bardach wohnte auch der Oberregierungsrat Eiser auf der zweiten Etage, doch war er im Gegensatz zu dem stillen Doktor Bardach bei den Pensionären nicht beliebt. Vor allem kommentierte er die politische Lage in einer Weise, die allen auf die Nerven ging.
«Wir werden diesen Krieg, wenn er vom Zaun gebrochen werden sollte, verlieren.» – Herr Paksmann, der sich an den Gesprächen unter den Pensionären nur selten beteiligte, sah den kahlköpfigen Regierungsrat mit glühenden Augen an und sagte: «Was heisst hier wir, wir sind hier in der Mehrzahl doch vor allem Flüchtlinge. Sie entschuldigen», und verschwand in seinem Büro.
Völlig unerwartet für mich kam die Nachricht von Herta: «Liebe Lisette! Deine Mutter gab mir Deine Adresse. Ich mache eine Reise in die Schweiz, und unsere Gesellschaft macht Station beim Landesmuseum in Zürich. Gern möchte ich Dich wiedersehen. Deine Herta.»
Die Postkarte versetzte mich in Unruhe, obwohl ich an Herta seit meiner Ankunft hier nicht mehr gedacht hatte. Herta war die Älteste in der «Concordia» gewesen, und ihre Fettpolster hatten ihr den Spitznamen «Kanalschwimmerin» eingebracht. Sie war gut im Rückencrawl. Herta stammte aus Wismar und jaulte das L, wie es alle Mecklenburger tun. Zuletzt war sie in einer Gastwirtschaft in Altona als Küchenmädchen tätig gewesen.
Schwerfällig kam der deutsche Reisebus beim Landesmuseum an, Herta winkte mir zu – sie war dicker geworden.
«Gott sei dank sind wir mit dem Autobus gefahren und nicht mit dem Zug! Wer mit dem Zug fährt, riskiert, dass er am Bodensee ohnmächtig hinausfällt. Weisst du, sie nehmen für diese KdF-Reisen nicht die neuesten Züge.»
Herta trug ein Dirndlkleid.
«Du bist dünner geworden. Wohin gehen wir? Weisst du einen netten Ort?» Wir gingen ins Bauschänzli, das war ein bisschen wie Hamburg, mitten in der Stadt das Wasser.
«Wie lange hast du Zeit?»
«Zwei Stunden.»
Herta winkte zum Autobus zurück. Wir gingen das Limmatquai entlang.
«Schön ist es hier.» Sie schaute mich durch ihre dicken Brillengläser an: «Oder hast du manchmal Heimweh?»
«Manchmal – aber wie geht es dir?»
«Ich bin schon lange nicht mehr in Altona. Seit einiger Zeit bin ich Lehrschwester, und nach dem Examen wird mich die Organisation ‹Mutter und Kind› für den Lehrgang als Hebamme vorschlagen. Es wird viel getan. Du hättest nicht weggehen sollen. Als Oberhebamme, und darauf will ich mich vorbereiten, verdiene ich gut. Auch werde ich ein eigenes Zimmer haben.»
«Glaubst du, dass es zum Krieg kommt?»
«Wo denkst du hin – Deutschland ist arm.»
Wir sprachen von der «Concordia», und ich erinnerte sie an Ruth Havemann.
«Wie recht sie hatte, aus Deutschland wegzugehen.»
Herta nickte, ohne zu antworten. Ein Klecks Schlagsahne war auf ihr Dirndlkleid gefallen, und bekümmert versuchte sie, die Spuren zu entfernen.
Sie klagte über ihr Gewicht.
«Dabei arbeite ich wie ein Pferd.»
«Als Hebamme darfst du gar nicht schlank sein.»
«Weisst du, in der ‹Concordia› ist es auch nicht mehr wie früher. Alle haben zu tun, es gibt keine Arbeitslosen mehr. Bist du hier bei reichen Leuten?»
«Ja. Aber weisst du noch den Streit darüber, ob Ruth Havemann beim Wettkampf noch starten sollte oder nicht? Die Mehrzahl der Klubmitglieder war dann dafür.»
«Ja, dafür. Aber du – ich muss langsam zurück zu meinen Leuten.»
Ich zahlte den Coupe Melba für Herta mit, sie hatte kein gültiges Geld. Ich zahlte selbstsicher, was mir nachträglich ihr gegenüber als schofel erschien – ich wollte, dass sie mich wenigstens in jenem Augenblick für einen Bürger des Landes hielt.
Wir gingen über den Bürkliplatz und dann auf die Bahnhofstrasse, in entgegengesetzte Richtung als bei meiner Ankunft … «Mensch, die Preise!», rief Herta beim «London-House». Bei «Salamander» blieben wir vor den grossen Schaufenstern stehen.
«Ich dachte, «Salamander» gibt es nur in Deutschland? Wunderbare Schuhe, schick.» Sie kramte in ihrer Tasche, die an einem langen Lederriemen über ihrer Schulter hing. «Hier – ein Brief von deiner Mutter, du kannst ihn ja nachher lesen, und das Päckchen …»
Wir gingen eilig zum Landesmuseum, die Mitreisenden schienen auf Herta zu warten. Als sie sie sahen, stiegen sie rasch ein.
Herta sass direkt hinter dem Fahrer und nickte mir von dem hohen Sitz herunter ernst zu. Sie hatte sich ein weisses Kopftuch umgebunden. Der ungelesene Brief gab dem Abschied Unruhe, ihr nachwinkend wartete ich darauf, dass sie sich schneller entferne.
«Mein liebes Kind! Herta weiss nichts vom Inhalt dieses Briefes, es ist besser so. Hans ist verhaftet worden. Wir haben herausbekommen, dass er nicht in Fuhlsbüttel, sondern an den Hohen Bleichen, im Stadthaus ist. Ich bitte Dich: Kannst Du ihm helfen? Jetzt bin ich doch froh, dass Du im Ausland bist. Dabei wollten sie ihn für die SS anheuern, wegen seiner Grösse, er war sehr froh um diese Geschichte damals mit dem Kartoffeldiebstahl in Glinde, der Bauer hatte ihn angezeigt, und so war er doch nicht ‹würdig›. Um auf andere Gedanken zu kommen, mache ich Dir schon im Voraus Dein Geburtstagsgeschenk, auch, weil Herta es mitnehmen kann. Ich komme mit den Zollvorschriften nicht zurecht und möchte jetzt so wenig wie möglich auffallen. Du wirst, wie ich, Dein Leben lang prünen müssen, und darum wirst Du das Nadelbuch gebrauchen können. Bitte, schreibe uns bald, und sei vorsichtig.»
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