Kitabı oku: «Little Women: Beth und ihre Schwestern»
Louisa May Alcott
Little Women – Betty und Ihre Schwestern
Inhaltsverzeichnis
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Impressum
Erstes Kapitel
Die Pilger
„ Weihnachten ohne Geschenke ist kein Weihnachten,“ murrte Josephine, auf dem Teppich vor dem Kamin liegend.
„ Es ist so schrecklich, arm zu sein!“ seufzte Margaret, indem sie traurig auf ihr altes Kleid blickte.
„ Es ist nicht recht, dass einige Mädchen eine Menge hübscher Sachen haben, und andere gar nichts,“ fügte die kleine Amy mit beleidigter Miene hinzu.
„ Wir haben Vater und Mutter und haben einander,“ rief Lieschen zufrieden aus ihrem Winkel hervor.
Die vier jungen vom Feuer beschienenen Gesichter leuchteten bei den fröhlichen Worten auf, umwölkten sich aber wieder, als Josephine traurig sagte: „Wir haben den Vater nicht, und werden ihn vielleicht in langer Zeit nicht haben.“ Sie sagte nicht: „vielleicht nie;“ aber jede fügte es im Stillen hinzu, während sie an den Vater in weiter Ferne, wo der Krieg wüthete, gedachte.
Eine Minute lang sprach niemand; dann sagte Margaret in verändertem Tone: „Ihr wisst, warum die Mutter vorschlug, uns diesmal nichts zu Weihnachten zu schenken. Dieser Winter wird für jedermann ein sehr schwerer sein, und sie sindet, dass wir kein Geld für unser Vergnügen ausgeben müssen, während unsere Soldaten soviel zu leiden haben. Viel können wir nicht thun, aber wir können doch auch unsere kleinen Opfer bringen, und das sollten wir fröhlichen Herzens thun. Aber ich fürchte, ich thue es nicht;“ und Margaret schüttelte den Kopf, während sie mit Bedauern an all’ die hübschen Sachen dachte, welche sie sich wünschte.
„Aber ich glaube, das Wenige, was wir ausgeben würden, könnte nicht viel helfen. Wir haben jede einen Thaler, und dem Heere würde damit nicht viel gedient sein, wenn wir ihn hergäben. Ich lasse es mir gern gefallen, von Mutter und euch nichts geschenkt zu bekommen, aber ich will mir Undine kaufen; ich habe es mir schon so lange gewünscht,“ sagte Josephine, die ein Bücherwurm war.
„ Ich hatte mir vorgenommen, für mein Geld neue Noten zu kaufen,“ sagte Lieschen mit einem leisen Seufzer, den niemand hörte, wenn nicht etwa der Kaminbesen und der Kesselhaken.
„ Ich werde mir einen schönen Kasten mit Faber’schen Zeichenbleistiften kaufen; ich habe sie wirklich nöthig,“ sagte Amy entschieden.
„Die Mutter sagte nichts von unserm Gelde, und sie wird nicht wollen, dass wir alles aufgeben. Lasst uns jede kaufen, was wir uns wünschen, um eine kleine Freude zu haben; wir lassen’s uns wirklich sauer genug werden, um sie zu verdienen,“ rief Josephine, indem sie, wie ein Herr, die Absätze ihrer Stiefel untersuchte.
„Ich sicherlich, — muss ich nicht jene schrecklichen Kinder fast den ganzen Tag unterrichten, wenn ich mich so sehr danach sehne, zu Hause vergnügt zu sein,“ sagte Margaret wieder in klagendem Tone.
„Du bist nicht halb so schlimm daran wie ich,“ rief Josephine. „Wie würde es dir gefallen, stundenlang mit einer nervösen, ungemüthlichen Dame eingesperrt zu sein, die ihre Umgebung in steter Bewegung erhält, nie zufrieden ist und einen quält, dass man aus dem Fenster springen oder ihr Ohrfeigen geben möchte?“
„Es ist unrecht, zu klagen, — aber ich glaube, Schüsseln waschen und das Haus in Ordnung halten, ist die schlimmste Arbeit in der Welt. Es macht mich verdriesslich, und meine Hände werden ganz steif, ich kann gar nicht gut üben.“ Und Lieschen betrachtete ihre rauhen Hände mit einem Seufzer, den diesmal jeder hören konnte.
„ Ich glaube, keine von euch hat soviel zu leiden wie ich,“ rief Amy, denn ihr braucht nicht zur Schule zu gehen mit impertinenten Mädchen, die ihre Mitschülerinnen plagen, wenn sie ihre Lectionen nicht wissen, über ihre Kleider spotten, ihren Vater infamiren, wenn er nicht reich ist, und sie beleidigen, wenn sie keine hübsche Nase haben.“
„Was sagst du da von ,infamiren‘, insultiren meinst du wohl“, rief Josephine lachend.
„Ich weiss, was ich meine,“ versetzte Amy mit Würde, und du brauchst nicht ,statirisch‘ zu sein. Es gehört sich, gute Ausdrücke zu gebrauchen und sein ,Vocabilarium‘ zu bereichern.“
„So streitet doch nicht, Kinder. Möchtest du nicht, ,Jo‘, dass Papa das Geld noch hätte, welches er verlor, als wir noch klein waren? Ach, wie glücklich und gut würden wir sein, wenn wir keine Sorgen hätten,“ sagte Margaret, die sich besserer Zeiten erinnern konnte.
„ Du sagtest doch neulich, wir wären weit glücklicher als King’s Kinder, denn sie zanken und klagen den ganzen Tag, trotz ihres Geldes.“
„ Das ist wahr, Lieschen. Und ich glaube wirklich, dass wir glücklicher sind; denn obgleich wir arbeiten müssen, machen wir doch Spass mit einander und sind eine muntere ,Bande‘, wie Jo sagen würde.“
„ Jo braucht so viele Studentenausdrücke,“ bemerkte Amy, mit einem tadelnden Blicke auf die lange Gestalt, die auf dem Kaminteppich hingestreckt lag. Jo richtete sich augenblicklich auf, steckte die Hände in die Schürzentaschen und fing an zu flöten.
„Lass das, Jo; es ist so knabenhaft.“
„Eben darum thue ich’s.“
„Ich hasse unhöfliche Mädchen mit unfeinen Manieren.“
„Und ich hasse zimperliche Zierpüppchen.“
„Die Vögelein vertragen sich in ihrem kleinen Nest,“ sang Lieschen, die Friedensstifterin, mit so schalkhafter Miene, dass die beiden scharfen Stimmen zum Lachen übergingen, und der Streit für den Augenblick ein Ende hatte.
„Wirklich, Mädchen, ihr seid beide zu tadeln,“ sagte Margaret, indem sie begann, sie in ihrer Weise als ältere Schwester zu ermahnen. „Du bist alt genug, um die Knabenmanieren abzulegen und dich besser zu benehmen, Josephine. Es kam nicht soviel darauf an, als du ein kleines Mädchen warst; aber jetzt, wo du so gross bist und dein Haar aufsteckst, solltest du dich doch erinnern, dass du eine junge Dame bist.“
„Das bin ich nicht! und wenn das Aufstecken des Haares mich zur jungen. Dame macht, so will ich es in zwei Zöpfen tragen, bis ich zwanzig Jahre alt bin,“ rief Jo, indem sie ihr Netz vom Kopfe riss und ihre kastanienbraune Mähne schüttelte. Ich hasse den blossen Gedanken, dass ich heranwachsen, Fräulein March genannt werden, lange Kleider tragen, und wie aus der Lade genommen erscheinen muss. Es ist schon schlimm genug, ein Mädchen zu sein, da ich Knabenspiele, Knabenarbeit und Knabenmanieren liebe.
Ich kann mich nicht darüber trösten, dass ich kein Knabe bin, und jetzt weniger als je, denn ich sterbe vor Sehnsucht, an Papa’s Seite zu kämpfen, und muss zu Hause sitzen, und stricken, wie ein jämmerliches altes Weib;“ und Josephine schüttelte den blauen Soldatenstrumpf, dass die Nadeln wie Castagnetten klirrten und ihr Knäuel durch das Zimmer flog.
„ Arme Jo, es ist wirklich gar zu schlimm; aber es lässt sich nicht ändern, und so musst du dich damit begnügen, deinen Namen so knabenhaft zu machen wie möglich und unsern Bruder zu spielen,“ sagte Lieschen, indem sie mit einer Hand, deren Berührung alles Abstäuben und alles Schüsselwaschen nicht unsanft zu machen vermochte, den rauhen Kopf streichelte, der sich an ihre Kniee lehnte.
„Was dich betrifft, Amy, “ fuhr Margaret fort, „so bist du zu eigen und legst zuviel Werth auf Aeusseres. Du giebst dir oft ein ganz kömisches Ansehen und du wirft ein Gänschen werden, wenn du dich nicht in Acht nimmst. Ich liebe deine netten Manieren und deine feine und höfliche Ausdrucksweise, so lange du nicht die Elegante zu spielen versuchst; aber deine albernen gesuchten Ausdrücke sind oft ebenso schlimm wie Jo’s Studentensprache.
„Nun, wenn Jo ein Knabe ist, und Amy eine Gans, was bin ich denn?“ fragte Lieschen, die auch ihren Antheil an der Vorlesung haben wollte.
„Du bist ein liebes Geschöpf, und nichts anderes,“ antwortete Margaret warm, und niemand widersprach ihr, denn die ,kleine Maus‘ war der Liebling der Familie.
Da junge Leser gewöhnlich gern wissen wollen, ,wie die Leute aussehen,‘ so wollen wir diese Gelegenheit wahrnehmen, um ihnen eine kurze Beschreibung der vier Schwestern zu geben, welche im Dämmerlicht da sassen und strickten, während draussen der Decemberschnee ruhig niederfiel und drinnen das Feuer gemüthlich knisterte. Es war ein behagliches altes Zimmer, obgleich der Teppich verblichen, und die Möbel sehr einfach waren; denn einige gute Gemälde hingen an den Wänden, Bücher füllten die Nischen, Goldlack und Weihnachtsrosen blühten vor den Fenstern, und ein wohlthuender Hauch häuslichen Friedens war über dasselbe ausgegossen.
Margaret, die älteste der vier Schwestern, war sechzehn Jahre alt und recht hübsch; sie war rund und hatte die zarte Gesichtsfarbe einer Blondine, grosse Augen, eine Fülle weichen braunen Haares, einen lieblichen Mund und weisse Hände, auf welche sie ein wenig eitel war. Die fünfzehnjährige Josephine war sehr hoch aufgeschossen und braun; sie erinnerte an ein Füllen und schien nicht recht zu wissen, was sie mit ihren langen Gliedern anfangen sollte, die ihr sehr im Wege waren. Sie hatte einen entschiedenen Mund, eine komische Nase und scharfblickende graue Augen, die alles zu sehen schienen und abwechselnd wild, schalkhaft oder gedankenvoll waren. Ihr langes dichtes Haar war ihre einzige Schönheit; aber es war gewöhnlich in ein Netz gesteckt, um ihr nicht im Wege zu sein. Josephine hatte runde Schultern, grosse Hände und Füsse; ihre Kleider hingen lose um sie herum, und sie glich einem Mädchen, das widerwillig rasch zur Frau heranwächst.
Elisabeth, oder Lieschen, wie sie allgemein genannt wurde, war ein rosenwangiges Mädchen von dreizehn Jahren, mit weichem Haar und glänzenden Augen; ihr Wesen war schüchtern, aber ihr friedlicher Ausdruck wurde selten getrübt. Ihr Vater nannte sie ,die kleine Stille,‘ und der Name war sehr bezeichnend für sie; denn sie schien in ihrer eigenen kleinen glücklichen Welt zu leben, aus welcher sie sich nur herauswagte, um sich mit den wenigen zu vereinigen, denen sie vertraute, und die sie liebte.
Amy, obgleich die jüngste der Schwestern, war eine höchst wichtige Persönlichkeit, wenigstens in ihrer eigenen Meinung. Ein rechtes Schneewittchen, mit blauen Augen und goldenem Haar, das in Locken auf ihre Schultern herabfiel. Sie war bleich und schlank und benahm sich immer wie eine junge Dame, die auf ihre Haltung und ihr Wesen achtet. Die Charaktere der vier Schwestern ausfindig zu machen, wollen wir dem Leser selbst überlassen.
Die Uhr schlug sechs, und Lieschen setzte, nachdem sie den Herd abgefegt, ein Paar Pantoffeln an’s Feuer, um sie zu wärmen. Es war, als wenn der Anblick der alten Schuhe eine gute Wirkung auf die Mädchen hätte; denn die Mutter musste gleich kommen, und jede machte ein freundliches Gesicht, um sie willkommen zu heissen. Margaret hielt in ihrer Vorlesung inne und zündete die Lampe an; Amy stand unaufgefordert aus dem Lehnstuhl auf, und Josephine vergass, dass sie müde war, richtete sich auf und hielt die Pantoffeln näher ans Feuer.
„Sie sind ganz abgetragen; die Mama muss ein Paar neue haben.“
„Ich dachte,“ sagte Lieschen, „ich wollte ihr für meinen Thaler ein Paar kaufen.“
„Nein, das werde ich thun,“ rief Amy.
„Ich bin die älteste,“ sagte Margaret, aber Josephine unterbrach sie in entschiedenem Tone: „Ich bin der Mann der Familie, jetzt da der Papa fort ist, und ich werde für die Pantoffeln sorgen, denn er trug mir auf, in seiner Abwesenheit besondere Sorge für Mama zu tragen.“
„Ich will euch sagen, was wir thun wollen,“ sagte Lieschen; lasst uns jede ihr etwas zu Weihnachten kaufen, und nichts für uns selbst.“
„Das sieht dir ähnlich, Lieschen!“ rief Jo. Was wollen wir kaufen?“
Jede dachte einen Augenblick ruhig nach; dann verkündete Margaret, als wäre ihr der Gedanke durch den Anblick ihrer eigenen hübschen Hände eingegeben worden: „Ich werde ihr ein Paar schöne Handschuhe kaufen.“
„Ein Paar Schuhe,“ rief Jo, die besten, die zu haben sind.“
„Einige gesäumte Taschentücher,“ sagte Lieschen.
„Ich werde eine kleine Flasche kölnisches Wasser kaufen; sie liebt es, und es wird nicht viel kosten, so dass mir etwas übrig bleibt, um eine Kleinigkeit für mich zu kaufen,“ fügte Amy hinzu.
„Wie wollen wir ihr die Sachen schenken?“ fragte Magaret.
„Wir wollen sie auf den Tisch legen, dann die Mutter hereinführen und zusehen, während sie die Pakete aufmacht. Erinnert ihr euch nicht, wie wir’s an unsern Geburtstagen zu machen pflegten?“ antwortete Josephine.
„Ich fürchtete mich so, wenn an mir die Reihe war, mit einem Kranze auf dem Kopfe auf dem grossen Sessel zu fitzen und euch alle herankommen zu sehen, um mir die Geschenke mit einem Kusse zu überreichen. Ich liebte die Sachen und die Küsse, aber euer aller Augen auf mich gerichtet zu sehen, während ich die Pakete öffnete, war schrecklich,“ sagte Lieschen, welche ihr Gesicht mit dem Brod zum Thee zugleich röstete.
„ Lasst die Mama denken, dass wir für uns selbst etwas kaufen, und sie dann überraschen. Wir müssen morgen Nachmittag unsere Einkäufe machen, Margaret; das Schauspiel für den Weihnachtsabend wird uns auch noch viel zu thun geben,“ sagte Jo, indem sie, die Hände auf dem Rücken und die Nase in der Luft, auf und abging.
„ Dies wird das letzte Mal sein, dass ich spiele, ich werde zu alt für solche Dinge,“ bemerkte Margaret, die noch ebenso sehr wie je zuvor ein Kind war, wenn es galt, einen Possen zu spielen.
„ Du wirst nicht aufhören, so lange du in einem weissen Schleppkleide mit wallendem Haar und Schmuck von Goldpapier einhergehen kannst. Du bist unsere beste Schauspielerin, und wenn du die Bühne verlässest,“ sagte Jo, „so ist alles zu Ende. Wir müssen eigentlich heute Abend eine Probe haben. Komm her, Amy, und spiele die Ohnmachtsscene, denn du benimmst dich darin so steif wie ein Stock.“
„Ich kann’s nicht ändern; ich habe nie jemand in Ohnmacht fallen sehen und will mich nicht braun und blau fallen, wie du. Ich werde versuchen, leicht hinzusinken, gelingt das nicht, so werde ich mit Grazie in einen Sessel fallen. Es ist mir gleich, ob Hugo mit einer Pistole auf mich zukommt,“ sagte Amy, die nicht mit dramatischem Talent begabt war, und die man nur gewählt hatte, weil sie klein genug war, um von dem Helden des Stückes schreiend hinausgetragen zu werden.
„Mach’ es so; ringe die Hände und wanke durch’s Zimmer, indem du wie wahnsinnig schreist: ,Rodrigo! rette mich! rette mich!‘“ Und Josephine spielte ihr die Scene vor, mit einem herzdurchdringenden Schrei.
Amy folgte, aber sie streckte die Hände steif vor sich her und bewegte sich stossweise wie eine Gliederpuppe. Bei ihrem Schrei dachte man an Nadelstiche, aber nicht an Furcht und Herzensangst. Jo stöhnte verzweiflungsvoll, und Margaret lachte laut auf, während Lieschen über dem Interesse, mit welchem sie dem Spass zusah, ihr Brod verbrennen liess.
„ Es kann nichts helfen, diese Scene noch länger zu probiren, spiele so gut du kannst, wenn der grosse Augenblick kommt, und wenn die Zuhörer dich auslachen, so mache mir keine Vorwürfe. Komm Margaret.“
Alles Uebrige ging ohne Anstoss. Don Pedro forderte in einer zwei Seiten langen Rede die ganze Welt heraus, ohne ein einziges Mal stecken zu bleiben; Hagar, die Hexe, sprach in schauerlichem Tone eine furchtbare Zauberformel über ihrem Kessel voll Kröten; Rodrigo zerriss männlich seine Ketten, und Hugo starb vergiftet unter Gewissensqualen mit einem wilden Schrei.
„ Dies ist das beste Stück, welches wir je gespielt haben,“ sagte Margaret, als der todte Bösewicht sich aufrichtete und sich die Ellbogen rieb.
„ Ich begreife nicht, wie du so herrliche Sachen schreiben und spielen kannst, Jo, du bist wirklich ein zweiter Shakespeare,“ rief Lieschen, die überzeugt war, dass ihre Schwestern mit ganz wunderbarem Genius begabt seien.
„ Nicht ganz,“ erwiederte Jo bescheiden. „Ich finde freilich auch, dass ,der Fluch der Hexe‘ ein ganz hübsches Stück ist; aber ich würde lieber Macbeth versucht haben, wenn wir nur eine Fallthür für Banquo hätten. Ich habe immer gewünscht, die Rolle des Mörders zu spielen. „Ist das ein Dolch, was ich da vor mir sehe?“ murmelte Jo, indem sie die Augen verdrehte und in die Luft griff, wie sie es bei einem berühmten Tragiker gesehen hatte.
„ Nein, es ist die Gabel zum Brotrösten mit Mama’s Schuh anstatt des Brotes. Lieschen ist ganz hingerissen,“ rief Margaret, und die Probe endete mit einem allgemeinen Gelächter.
„ Es freut mich, euch bei so heiterer Laune zu finden, meine lieben Mädchen,“ sagte eine freundliche Stimme auf der Thürschwelle, und Schauspieler und Zuschauer wandten sich um, um eine corpulente Dame zu bewillkommen. Der Ausdruck ihres Gesichtes war ein so mütterlicher und vertrauenerweckender, dass es eine Freude war, sie anzusehen. Sie war nicht eigentlich hübsch zu nennen; aber eine Mutter ist in den Augen ihrer Kinder immer schön, und den Mädchen schien die Mutter im schlichten grauen Mantel und altmodischen Hute die schönste Frau in der Welt.
„Nun, Kinder, wie ist’s euch heute ergangen? Es gab soviel zu packen, damit die Kisten morgen abgehen können, dass ich deshalb zum Mittagessen nicht zu Hause gekommen bin. Ist kein Besuch gekommen, Lieschen? Wie geht’s mit deiner Erkältung, Magaret? Jo, du siehst ja todmüde aus. Komm, Amy, gieb mir einen Kuss.“
Während sie sich so mütterlich nach dem Ergehen ihrer Kinder erkundigte, legte Frau March ihre nassen Kleider ab, zog ihre warmen Pantoffeln an, setzte sich in den Lehnstuhl und zog Amy auf ihren Schooss, um so die glücklichste Stunde ihres geschäftigen Tages zu geniessen. Die Mädchen eilten, jede in ihrer Weise, hin und her, um alles behaglich zu machen. Margaret deckte den Theetisch; Jo brachte Holz herein und setzte die Stühle zurecht, nicht ohne in ihrer unbeholfenen Weise hier einen Stuhl umzustossen und dort ein paar Stücke Holz fallen zu lassen. Lieschen trippelte stillgeschäftig zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her während Amy die Hände in den Schooss legte und ihre Anweisungen gab.
Als die Familie sich um den Theetisch versammelte, sagte Frau March mit besonders glücklichem Ausdruck: „Nach dem Abendessen habe ich etwas Schönes für euch.“
Ein helles lächeln leuchtete wie Sonnenschein auf allen Gesichtern. Lieschen klatschte vor Freude in die Hände, ohne an den heissen Zwieback zu denken, den sie in der Hand hielt, und Jo schleuderte ihre Serviette in die Luft, indem sie ausrief: „Ein Brief! ein Brief! Papa lebe hoch! dreimal hoch!“
„Ja, ich habe einen schönen langen Brief von ihm. Es geht ihm wohl, und er hofft die kalte Jahreszeit besser zu überstehen, als wir fürchteten. Er sendet seine besten Grüsse und Wünsche zum Weihnachtsfeste, und für euch Mädchen enthält der Brief noch eine besondere Botschaft,“ sagte Frau March, indem sie auf ihre Tasche klopfte, als bärge sie einen grossen Schatz.
„Beeilt euch, dass wir fertig werden. Spiele nicht mit deinem kleinen Finger, Amy, und sitze nicht da, in Anschauung deines Tellers versunken,“ rief Jo, indem sie hastig ihren Thee trank und über ihrer Eile, den Brief zu hören, ihr Brot mit der Butterseite auf den Teppich fallen liess. Lieschen ass nicht mehr; sie schlich sich in ihren dunkeln Winkel, um an die kommende Freude zu denken, bis die andern fertig wären.
„ Wie schön war es doch vom Vater, als Feldprediger mitzugehen, da er zu alt und nicht stark genug war, um als Soldat zu dienen,“ sagte Margaret mit Wärme.
„ Ich möchte als Trommler, als Marketenderin, ja als Krankenpflegerin hingehen, könnte ich nur bei ihm sein und ihm helfen,“ rief Jo mit einem tiefen Seufzer.
„ Es muss sehr unangenehm sein, in einem Zelte zu schlafen, allerlei schlechte Kost zu essen und aus einem zinnernen Kruge zu trinken,“ seufzte Amy.
„ Wann wird er wieder heimkehren, Mama?“ fragte Lieschen mit einem leisen Zittern der Stimme.
„ Darüber können noch viele Monate vergehen, liebes Kind, wenn er nicht krank wird. Er wird bleiben, so lange er kann, und treulich seine Arbeit thun, und wir wollen ihn keine Minute früher zurückwünschen, als man ihn entbehren kann. Nun kommt und hört den Brief.“
Sie sammelten sich alle um das Kaminfeuer; die Mutter nahm ihren Platz im Lehnsessel ein, Lieschen setzte sich zu ihren Füssen, Margaret und Amy jede auf eine Armlehne und so stützte sich auf die Rückenlehne des Sessels, wo niemand etwaige Zeichen der Rührung in ihren Zügen bemerken konnte. In jenen harten Zeiten wurden wenige Briefe geschrieben, die nicht rührend waren, besonders wenn sie von Vätern in die Heimat gesandt wurden. In diesem jedoch war wenig von erlittenen Mühseligkeiten, bestandenen Gefahren oder Heimweh die Rede; es war ein heiterer, hoffnungsvoller Brief, voll Lebendiger Schilderungen des Soldatenlebens und Kriegsnachrichten; nur am Ende floss des Schreibers Herz von väterlicher Liebe und Sehnsucht nach seinen kleinen Mädchen in der Heimat über.
„ Bringe ihnen allen meinen innigen Gruss und Kuss. Sag’ ihnen, dass ich bei Tage ihrer gedenke und bei Nacht für sie bete, und dass mein bester Trost ihre Liebe ist. Ein Jahr lang getrennt zu bleiben, scheint uns hart, aber erinnere sie, dass wir alle während dieser Wartezeit arbeiten können, so dass diese schweren Tage nicht verloren sind. Ich bin überzeugt, sie werden sich alles dessen erinnern, was ich ihnen gesagt habe; sie werden dir liebevolle Töchter sein, treulich ihre Pflicht erfüllen, tapfer gegen ihre innern Feinde kämpfen und sich selbst zu überwinden suchen, so dass ich sie, wenn ich zurückkehre, wo möglich, noch mehr als zuvor lieben und auf meine ,kleinen Frauen‘ stolz sein werde.“
Alle räusperten sich bei diesem Theile des Briefes. Jo schämte sich der grossen Thräne nicht, die an ihrer Nase niederrann, und Amy vergass die Sorge für ihre Locken, als sie ihr Gesicht an der Schulter ihrer Mutter verbarg und schluchzend ausrief: „Ja, ich bin ein selbstsüchtiges Geschöpf! aber ich will versuchen mich zu bessern, damit er sich in mir nicht getäuscht sieht.“
„Das wollen wir alle,“ rief Margaret. „Ich denke zuviel an mein Aeusseres und hasse die Arbeit; aber es soll anders werden.“
„Und ich will mich bemühen ,eine kleine Frau‘ zu werden, wie er mich gern nennt. Ich will nicht mehr knabenhaft und wild sein, sondern meine Pflicht hier thun, anstatt mich anders wohin zu wünschen,“ sagte Jo, der es eine schwerere Aufgabe schien, zu Hause sanft und bei guter Laune zu bleiben, als draussen im Süden gegen ein paar Rebellen zu kämpfen.
Lieschen sagte nichts, aber sie trocknete ihre Thränen mit dem blauen Soldatenstrumpf und begann mit aller Macht zu stricken. Sie wollte ohne Zeitverlust die nächstliegende Pflicht erfüllen und beschloss in ihrem kleinen stillen Herzen, bis zur glücklichen Rückkehr ihres Vaters das zu werden, was er sich von ihr versprach.
Frau March unterbrach das Schweigen, welches Josephinens Worten folgte, indem sie in heiterm Tone sagte: „Erinnert ihr euch noch, wie ihr als ganz kleine Mädchen die „Pilgerreife‘ spieltet? Nichts machte euch mehr Spass, als wenn ich euch meine Flickenbeutel als Bürde auf den Rücken band, euch Hüte, Stöcke und Papierrollen gab. und euch vom Keller, ,der Stadt des Verderbens‘, bis oben auf’s Haus wandern liess. Dort oben hattet ihr alle möglichen schönen Dinge zusammengetragen, um eine ,himmlische Stadt‘ daraus zu erbauen.
„ Es war ein herrlicher Spass, besonders an den Löwen vorbeizugehen; dann der Kampf mit Apollyon und die Reise durch das Thal der Kobolde,“ sagte Jo.
„ Mir gefiel die Stelle am besten, wo die Bündel abfielen und die Treppe hinunterpolterten,“ sagte Margaret.
„ Mein Lieblingstheil war der, wo wir auf das platte Dach hinaustraten; dort standen unsere Blumen und hübschen Sachen im Sonnenschein, und wir sangen alle vor Freude,“ sagte Lieschen, die sich in Gedanken ganz in den glücklichen Augenblick zurückversetzte.
„ Ich weiss nicht mehr viel davon, ausgenommen, dass ich mich vor dem Keller und dem dunkeln Eingange fürchtete, und dass mir der Kuchen und die Milch, die wir oben auf dem Dache bekamen, herrlich mundeten. Wäre ich nicht zu alt für solche Dinge, so möchte ich’s gern noch einmal spielen,“ sagte Amy, die in dem reifen Alter von zwölf Jahren anfing davon zu reden, dass sie ,kindischen Vergnügungen‘ entsagen müsse.
„ Für dieses Spiel sind wir nie zu alt,“ sagte Frau March; auf die eine oder andere Weise spielen wir es unser ganzes Leben. Jeder hat seine Bürde zu tragen; der Weg liegt vor uns, und die Sehnsucht nach Güte und Glückseligkeit ist die Führerin, die uns durch viel Trübsal uud Irrthümer zum Frieden, der wahren ,Himmelsstadt‘, geleitet. Wie wäre es nun, meine kleinen Pilger, wenn ihr noch einmal von vorn anfinget, nicht im Scherz, sondern in allem Ernst, um zu sehen, wie weit ihr kommen könnt, ehe der Vater heimkehrt.“
„Ich verstehe dich nicht recht, Mutter; wo sind, denn unsere Bündel?“ fragte Amy, die alles sehr buchstäblich nahm.
„Hat mir nicht noch eben jede von euch gesagt, welches ihre Bürde ist, Lieschen ausgenommen? Ich vermuthe, sie hat gar keine Bürde zu tragen,“ versetzte Frau March.
„O ja, ich habe die meinige auch,“ seufzte Lieschen. „Es sind Schüsseln und Staubtücher und Neid auf junge Mädchen, die schöne Pianos haben, und Furcht vor den Leuten.“
Lieschens Bündel war so komisch zusammengesetzt, dass alle eine grosse Lachlust anwandelte; aber niemand lachte, um des kleinen Mädchens Gefühle nicht zu verlegen.
„Lasst uns an’s Werk gehen,“ sagte Margaret nachdenklich; es ist nur ein anderer Name für das Bestreben, gut zu werden, und die Geschichte hilft uns vielleicht; denn obgleich wir wirklich wünschen, gut zu werden, so ist es doch nicht leicht, und wir vergessen nur zu oft, alle unsere Kräfte daran zu setzen.“
„Heute Abend staken wir in dem Sumpfe der Muthlosigkeit, aber die Mutter kam und zog uns heraus, wie ,Hülfreich‘ es im Buche thut. Wir müssten eigentlich auch einen Führer haben wie Christian.“
„Wie können wir uns den verschaffen?“ fragte Jo, entzückt über diesen Einfall, welcher der einförmigen Aufgabe der Pflichterfüllung etwas Romantisches verlieh.
„Sucht am Weihnachtsmorgen unter euren Kopfkissen, so werdet ihr einen ,Wegweiser‘ finden,“ erwiederte Frau March.
Sie besprachen den neuen Plan, während die alte Hannah den Tisch abräumte; dann kamen vier Arbeitskörbchen zum Vorschein, und die Mädchen setzten ihre Nadeln in Bewegung, um für die Tante March Betttücher zu nähen. Es war eine langweilige Arbeit, aber heute beklagte sich niemand. Jo’s Plan, die langen Näthe in vier Theile einzutheilen und die Viertel Europa, Asien, Afrika und Amerika zu nennen, wurde genehmigt, und so ging die Arbeit trefflich von statten, besonders da sie sich über die verschiedenen Länder unterhielten, während sie mit der Nadel ihren Weg durch dieselben zurücklegten.
Um 9 Uhr hörten sie auf zu arbeiten, um wie gewöhnlich vor dem Zubettegehen ein Abendlied zu singen. Niemand anders als Lieschen konnte dem alten Clavier viel
Musik entlocken; sie aber wusste die gelben Tasten so sanft zu berühren, dass ihr Spiel zu den einfachen Liedern, die sie sangen, eine angenehme Begleitung bildete. Margaret befass eine wahre Flötenstimme, und sie und ihre Mutter leiteten den kleinen Chor. Amy zirpte wie ein Heimchen, und so erging sich nach Gefallen in den Lüften und verfehlte nicht, am unrechten Orte einen Triller oder Vorschlag anzubringen, der der ernstesten Melodie etwas Komisches gab.
Sie hatten so jeden Abend gesungen, seit die Kinder
„ Binke, Binke, keiner Tern,“
hatten sagen können, und es war nach und nach eine Sitte des Hauses geworden, denn die Mutter war eine geborene Sängerin. Der erste Ton, den man des Morgens hörte, war ihre Stimme, wenn sie, wie eine Lerche singend, durchs Haus ging, und der letzte Ton des Abends war ihr Schlummerlied, für welches die Mädchen nie zu alt wurden.
__________
Zweites Kapitel
Fröhliche Weihnachten
Die erste, welche im grauen Dämmerlichte des Weihnachtsmorgens erwachte, war Jo. Es hingen keine Strümpfe am Kamin, und einen Augenblick fühlte sie sich ebenso sehr getäuscht wie vor langer Zeit, als ihr kleiner Socken auf die Erde fiel, weil er so voll Bonbons war. Aber plötzlich erinnerte sie sich des Versprechens ihrer Mutter; ihre Hand glitt unter ihr Kopfkiffen und zog ein kleines Buch in rothem Einbande darunter hervor. Sie kannte es sehr wohl, denn es war jene schöne alte Geschichte von dem besten Leben, das je gelebt wurde, und so fühlte, dass es der rechte Führer für jeden Pilger fei, der auf die lange Reife ging. Sie weckte Margaret mit einem ,fröhlichen Weihnachten!‘ und forderte sie auf, auch unter ihrem Kopfkissen zu suchen. Ein grüngebundenes Büchlein kam zum Vorschein, mit demselben Bilde darin und einigen von der Mutter geschriebenen Worten, welche ihr einziges Geschenk in ihren Augen noch kostbarer machten. Nun erwachten auch Lieschen und Amy, um ihre Bücher zu suchen und zu finden. Das eine war grau, das andere blau. Alle sassen eine Zeitlang in Betrachtung ihrer Büchlein versunken, und während sie dann ihre Gedanken darüber austauschten, begann der Himmel im Osten sich rosig zu färben.
Trotz ihrer kleinen Schwächen, hatte Margaret ein freundliches, frommes Gemüth, welches unbewusst einen grossen Einfluss auf ihre Schwestern übte, besonders auf Josephine, die sie zärtlich liebte und ihr gehorchte, weil sie ihre Rathschläge auf so freundliche Weise gab.
„Mädchen“, sagte Margaret, indem sie von dem rauhen Kopfe neben ihr zu den beiden andern kleinen Köpfen in weissen Nachtmützen hinüberblickte, „die Mutter wünscht, dass wir diese Bücher lieben, sie lesen, und das Gelesene zu Herzen nehmen; lasst uns damit gleich anfangen. Früher versäumten wir das nie; aber seit der Vater fort ist, und dieser böse Krieg uns beunruhigt, haben wir vieles vernachlässigt. Mein Buch soll jedenfalls hier auf dem Tische seinen Platz haben, und ich will jeden Morgen, sobald ich erwache, einen kurzen Abschnitt darin lesen, denn ich weiss, es wird mir gut sein und mir helfen, meine Pflichten zu erfüllen.“
Dann schlug sie ihr Buch auf und fing an zu lesen. Jo lehnte ihren Kopf an den ihrer Schwester, schlang ihren Arm um sie und folgte ihrem Beispiel mit einem so ruhig ernsten Ausdruck, wie man ihn in ihren beweglichen Zügen selten sah.
„Wie gut Margaret ist! Komm, Amy, wir wollen es ebenso machen wie sie. Ich will dir bei den schweren Worten helfen, und die Schwestern werden uns erklären, was wir nicht verstehen,“ flüsterte Lieschen, auf die die hübschen Bücher und das Beispiel ihrer Schwestern einen tiefen Eindruck machten.
„Ich freue mich, dass meins blau ist,“ sagte Amy, und nun wurde es still in den Zimmern, während die Seiten leise umgeschlagen wurden, und der. Wintersonnenschein durch die Fenster drang und den finnigen und doch so fröhlichen Kindergesichtern auch seinen Weihnachtsgruss zulächelte.
„ Wo ist die Mutter?“ fragte Margaret, als sie und Jo eine halbe Stunde später hinuntereilten, um ihr für ihr Geschenk zu danken.
„ Gott weiss es. Ein armer Knabe kam und bettelte, und gleich darauf ging Frau March aus, um zu sehen, wie sie am besten helfen könne. Eine solche Frau hat’s nie gegeben. Es ist unerhört, was sie an Nahrungsmitteln, Kleidern und Feuerung fortgiebt,“ sagte Hannah, die seit Margaret’s Geburt in der Familie diente und deshalb von allen mehr als Freundin, denn als Dienerin betrachtet wurde.
„ Ich denke, sie wird bald zurückkommen; backe also nur deine Kuchen und halte alles bereit,“ sagte Margaret, während sie die Geschenke besah, die in einem Korbe unter dem Sofa standen, um zu geeigneter Zeit zum Vorschein zu kommen. „Wo ist denn aber Amy’s kölnisches Wasser?“ fragte sie, als sie das Glas nicht fand.
„ Sie hat es vor einem Augenblick aus dem Korbe genommen, um es, glaube ich, mit einem Bande zu verzieren,“ versetzte Jo, die in den neuen Pantoffeln im Zimmer herumtanzte, um ihnen die erste Steifigkeit zu nehmen.
„Wie hübsch meine Taschentücher aussehen, nicht wahr? Hannah hat sie gewaschen und geplättet, und ich habe sie selbst gezeichnet,“ sagte Lieschen, mit Stolz die etwas ungleichen Buchstaben betrachtend, welche ihr soviel Mühe gekostet hatten.
„Welches Kind! da hat sie statt Frau March ,Mutter‘ hineingezeichnet!“ rief so lachend. „Das ist doch gar zu komisch!“
„Hab’ ich’s verkehrt gemacht?“ rief Lieschen bestürzt. Ich glaubte, es wäre besser, sie so zu zeichnen, weil Margaret’s Anfangsbuchstaben auch ,M. M.‘ sind, und ich möchte nicht gern,“ fügte sie zögernd hinzu, „dass jemand anders als Mama diese Tücher gebrauchte.“
„ Das hast du ganz hübsch ausgedacht, Lieschen; denn nun kann keine Verwechslung vorkommen. Mama wird sich sehr darüber freuen,“ sagte. Margaret mit einem vorwurfsvollen Blicke auf so und einem Lächeln für Lieschen.
„ Da kommt die Mutter! Versteckt den Korb, schnell!“ rief so, als man eine Thür zuschlagen und Schritte auf dem Vorplatz hörte.
Amy in Mantel und Kapuze trat hastig herein und war etwas betroffen, als sie ihre Schwestern schon alle versammelt fand.
„ Ei, bist du’s, Amy.“ Woher so früh? und was versteckst du hinter dir?“ fragte Margaret.
„ Lach mich nicht aus, Jo,“ sagte Amy; „ es sollte eigentlich niemand wissen, bis der Augenblick gekommen war; ich wollte nur die kleine Flasche gegen eine grosse umtauschen und habe nun all’ mein Geld ausgegeben, um sie zu bekommen. Ich will wirklich versuchen, nicht mehr selbstsüchtig zu sein.“
Bei diesen Worten zeigte Amy das hübsche grosse Glas, und in ihrem Bestreben, sich selbst zu vergessen, sah sie so ernst und demüthig aus, dass Margaret sie umhalste, und Jo sie für ein ,prächtiges Mädchen‘ erklärte, Lieschen aber lief ans Fenster und pflückte ihre schönste Rose, um die stattliche Flasche damit zu schmücken.
„ Ich schämte mich meines Geschenks, nachdem ich heute Morgen in meinem Buche gelesen hatte,“ sagte Amy; „ich lief also, sobald ich aufgestanden war, um die Ecke und tauschte das Glas um; und ich freue mich sehr, dass ich’s gethan habe, denn mein Geschenk ist nun das hübscheste.“
Jetzt hörte man die Thür von neuem zuschlagen, der Korb flog unter das Sofa, und die Mädchen eilten an den gedeckten Tisch, denn es war längst über die gewohnte Frühstückszeit hinaus, und sie waren sehr hungrig.
„ Fröhliche Weihnachten, Mama! Fröhliche Weihnachten! und tausend Dank für die schönen Bücher. Wir haben schon darin gelesen und werden es alle Tage thun,“ riefen sie im Chor.
„ Fröhliche Weihnachten, liebe Kinder! Es freut mich, dass ihr gleich angefangen habt, und ich hoffe, ihr werdet so fortfahren. Ehe wir uns niedersetzen, möchte ich euch gern ein Wort sagen. Nicht weit von hier liegt eine arme Frau mit einem neugeborenen Kindlein. Sechs grössere Kinder liegen in einem Bette zusammengedrängt, um sich zu erwärmen, denn sie haben kein Feuer und nichts zu essen. Der älteste Knabe kam herüber, um mir zu sagen, wie sehr sie durch Hunger und Kälte litten. Was meint ihr, Kinder, wollt ihr ihnen euer Frühstück zu Weihnachten schenken?“
Sie waren alle ungewöhnlich hungrig und hatten sich sehr auf ihr Frühstück gefreut, und eine Minute lang sprach niemand; aber nur eine Minute; dann rief Jo:
„Wie freut es mich, dass wir noch nicht angefangen hatten!“
„Darf ich helfen, den armen Kindern die Sachen hinzutragen?“ fragte Lieschen eifrig.
„Ich nehme die Sahne und die Milchbrödchen,“ sagte Amy, heldenmüthig entschlossen, gerade das fortzutragen, was sie am liebsten ass.
Margaret deckte die Buchweizenkuchen zu und häufte Brot auf einen grossen Teller.
„Ich dachte wohl, dass ihr’s thun würdet, sagte Frau March zufrieden lächelnd.“ Ihr sollt alle mitgehen und mir helfen, und wenn wir zurückommen, wollen wir Milch und Brot frühstücken; heute Mittag wollen wir uns dann zu entschädigen suchen.“
Sie waren bald fertig, und der Zug setzte sich in Bewegung. Glücklicherweise war es früh am Tage, und da sie durch Nebenstrassen gingen, so wurden sie von wenigen Leuten gesehen, und niemand lachte über die komische Gesellschaft
Es war ein ärmliches, kahles, elendes Zimmer mit zerbrochenen Fensterscheiben, ohne Feuer, mit zerlumpten Betten, wo sie die kranke Mutter mit dem schreienden Säugling und eine Schaar bleicher hungriger Kinder fanden. Letztere waren unter eine alte Decke gekrochen, um sich gegenseitig, warm zu halten. O, wie die grossen Augen die hereintretenden Mädchen anstarrten, und die blauen Lippen sie anlächelten!
„ Ach, mein Gott! es sind gute Engel, die zu uns kommen!“ rief die arme Frau unter Freudenthränen.
„ Komische Engel in Kapuzen und Handschuhen,“ sagte Jo lachend.
Nach wenigen Minuten aber schien es wirklich, als ob gute Geister in dem ärmlichen Zimmer geschäftig gewesen wären. Hannah, die Holz gebracht hatte, machte Feuer an und verstopfte die zerbrochenen Fensterscheiben mit alten Hüten und mit ihrem eigenen Tuche. Frau March gab der Mutter Thee und Hafergrütze und tröstete sie mit dem Versprechen, ihr nach Kräften zu helfen, während sie das kleine Kind mit so zärtlicher Sorgfalt ankleidete, als wäre es ihr eigenes gewesen. Mittlerweile deckten die Mädchen den Tisch, setzten die Kinder um das Kaminfeuer und fütterten sie unter freundlichem Gespräch und Lachen wie eben so viele hungrige Vögel.
„ Die Engelskinder!“ riefen die armen kleinen Dinger, während sie sich’s gut schmecken liessen und ihre rothen Hände vor dem behaglichen Feuer wärmten. ,Engelskinder!‘ waren die Mädchen noch nie genannt worden; aber der Name klang ihnen süss, besonders Jo, für die er am wenigsten zu passen schien. Das war ein glückliches Frühstück, obgleich sie nichts davon bekamen; und als sie fortgingen mit dem Bewusstsein, eine Hungernde Familie gesättigt und getröstet zu haben, da gab es wohl in der ganzen Stadt keine glücklichere Leute als die vier hungrigen kleinen Mädchen, die ihr Frühstück weggegeben hatten und sich am Weihnachtsmorgen mit Milch und Brot begnügten.
„ Ich denke, das heisst „unsern Nächsten lieben wie uns selbst“, und ich freue mich, dass Mama uns dazu Gelegenheit gegeben hat,“ sagte Margaret, als sie und ihre Schwester die Geschenke für die Mutter ordneten, welche hinaufgegangen war, um Kleider für die arme Familie zusammenzusuchen.
Der Weihnachtstisch war kein reichbesetzter, aber eine grosse Schale mit Rosen und andern Blumen verliehen demselben ein ganz festliches Ansehen, und die Liebe, mit welcher die kleinen Gaben dargebracht wurden, gab ihnen ihren inschätzbaren Werth.
„ Da kommt sie! Fang an, Lieschen! Oeffne die Thür, Amy! Mama lebe hoch!“ rief Jo, im Zimmer herumspringend.
Lieschen spielte ihren lustigsten Marsch, Amy riss die Thür auf, während Margaret der Mutter entgegen ging und sie triumphirend an den Ehrenplatz führte. Frau March war sehr überrascht und gerührt und unter Thränen lächelnd, besah sie ihre Geschenke und die denselben angehefteten kleinen Zettel. Die Pantoffeln mussten gleich anprobirt werden; eins der schönen Taschentücher wurde mit Amy’s kölnischem Wasser parfümirt, und die Rose vor die Brust gesteckt. Die seinen Handschuhe dagegen wurden für die nächste passende Gelegenheit bei Seite gelegt.
Und nun gab’s viel zu lachen und zu erklären in jener einfachen, liebevollen Weise, welche solchen Familienfesten einen so grossen Reiz verleihen und noch nach langen Jahren die Erinnerung daran so süss machen.
Die Ereignisse des Morgens hatten soviel Zeit in Anspruch genommen, dass der übrige Theil des Tages unter Vorbereitungen zu den Festlichkeiten des Abends verging. Da sie noch zu jung waren, um oft ins Theater zu gehen, und nicht reich genug, um für ihre kleinen Aufführungen kostspielige Einrichtungen zu machen, so bedurfte es seines geringen Aufwandes von Phantasie, um das Fehlende zu ersetzen. Aber auch hier traf das Sprichwort zu. ,Noth ist die Mutter der Erfindung.‘ Aus Pappe, Gold- und Silberpapier und allerlei andern Kleinigkeiten wurden die prächtigsten Aufzüge zu Stande gebracht, und das grosse Zimmer war es schon gewohnt, das Unterste zu oberst gekehrt zu sehen. Wie oft war es schon der Schauplatz solcher unschuldigen Feste gewesen!
Herren wurden nicht zugelassen, und so konnte Jo nach Herzenslust Männerrollen spielen, wobei es ihr Hauptvergnügen war, in einem Baar ungeheuren Lederstiefeln einher zu stolzieren; sie waren das Geschenk einer Freundin, welche sie sich durch eine Dame verschafft hatte, die einen Schauspieler zu ihren Bekannten zählte. Diese Stiefel, ein altes Rappier und ein geschlitztes Wamms, welches einst von einem Künstler zu einem Gemälde benutzt worden war, waren Jo’s Schätze und kamen bei jeder Gelegenheit zum Vorschein. Da das Theaterpersonal so wenig zahlreich war, so mussten die beiden Hauptpersonen verschiedene Rollen übernehmen, und die Gewandtheit, welche sie im beständigen Wechseln der Costüme und in der Anordnung der Bühne entfalteten, war höchst anerkennenswerth. Es war eine treffliche Uebung für ihr Gedächtniss, ein unschuldiges Vergnügen und füllte manche Stunde aus, die sonst vielleicht auf weniger angenehme Weise und in minder guter Gesellschaft zugebracht worden wäre.
An diesem Weihnachtsabend nun sassen zehn bis zwölf junge Mädchen zusammendrängt auf einem Bette, welches die Zuschauerloge vorstellte. Ein blau und gelb gestreifter Vorhang von Möbelkattun, hinter welchem man viel Rauschen, Flüstern, Hin- und Herlaufen und gelegentlich ein unterdrücktes Sichern hörte, trennte sie von der Bühne. Doch jetzt hörte man schellen; der Vorhang wurde aufgezogen, und das Trauerspiel begann.
Der auf dem Theaterzettel angedeutete ,düstere Wald‘ wurde durch einige Gesträuche in Töpfen, eine grüne Fussdecke und eine Höhle im Hintergrunde dargestellt. Das Dach dieser Höhle bildete ein Kleiderhalter, die Wände, zwei Büreaux; in derselben befand sich ein Ofen in voller Glut, und eine alte Hexe stand über einen schwarzen Kessel gebeugt. Die Bühne war dunkel, was die Glut des Ofens und den aus dem Kessel aufsteigenden wirklichen Dampf um so effectvoller machte. Einen Augenblick liess man die Versammlung ungestört dieses überraschende Schauspiel geniessen, dann trat der Bösewicht Hugo auf, mit klirrendem Säbel, breitkrämpigem ins Gesicht gedrücktem Hut, schwarzem Bart, weitem Mantel und den bekannten grossen Stiefeln. In heftiger Aufregung geht er auf der Bühne auf und nieder, dann giebt er in einem wilden Gesange seinem Hasse gegen Rodrigo und seiner Liebe für Zara Ausdruck und endet mit dem Entschlusse, den Einen zu ermorden und die Andere zu gewinnen. Der rauhe Ton seiner Stimme machte einen tiefen Eindruck, und die Zuhörer benutzten einen Augenblick, wo er Athem schöpfte, um ihren lauten Beifall kund zu geben. Er verbeugte sich mit der Miene eines an die Gunst des Publitzums gewöhnten Künstlers, trat an den Eingang der Höhle und rief in gebieterischen Tone:
„Halloh! mein Schatz, hieher! ich brauche deine Hülfe.“
Auf diesen Ruf trat Margaret als Hexe aus der Höhle. Sie trug ein Kleid aus rothem und schwarzem Stoff, und einen Stab in der Hand. Graues Pferdehaar hing um ihr Gesicht, und ihr Mantel war mit kabbalistischen Zeichen bedeckt. Hugo verlangte einen Zaubertrank, der Zara mit Liebe zu ihm erfüllen sollte, und einen zweiten, um Rodrigo zu vergiften. Hagar versprach beide in einer effectvollen Arie, welche damit begann, dass sie den Geist heraufbeschwor, der ihr den Liebestrank bringen sollte:
Hieher, hieher, luft’ger Geist,
O komm’ aus den himmlischen Auen!
Rosenkind, von Thau gespeist.
Kannst Zaubertränke du brauen?
Bringe doch mit eil’gem Fuss
Den Trank mir, den ich haben muss!
Süss mach’ ihn, stark und wirksam, schnell
Gieb Antwort mir, o Elf, zur Stell’!
Es ertönte eine sanfte Melodie, und aus dem Hintergrunde der Höhle trat eine kleine Gestalt in duftigem weissen Gewande mit glänzenden Flügeln, goldenem Haar und einem Rosenkranze auf dem Haupte. Sie schwang ihren Zauberstab und sang:
„ Hier komm’ ich aus meinem luft’gen Haus,
Weit, weit in dein silbernen Mond.
Nimm hin den Trank,
Nur zögre nicht lang,
Denn schnell ist sein Zauber dahin!“
Der Geist liess eine kleine vergoldete Flasche zu den Füssen der Hexe niederfallen und verschwand. Eine zweite Arie von Hagar beschwor eine neue Erscheinung herauf; — diesmal aber war’s ein hässlicher schwarzer Kobold; unter donnerähnlichem Getöse erschien er, schleuderte, einige unverständliche Worte krächzend, dem Hugo ein schwarzes Fläschchen zu und verschwand mit einem heisern und höhnischen Lachen. Hugo sang seinen Dank, steckte jeden der Zaubertränke in einen seiner Stiefel und entfernte sich. Nun erzählt Hagar dem Publicum, dass Hugo vor Jahren mehrere ihrer Freunde getödtet, dass sie ihn deshalb verflucht hat und, um sich zu rächen, seine Pläne durchkreuzen will. Hierauf fällt der Vorhang, und die Zuhörer ruhen sich aus, essen Confect und bewundern die Schönheiten des Stückes.
Man hörte nun viel Geräusch und Hämmern, ehe der Vorhang wieder aufgezogen wurde, aber bei dem Anblick der neuen prächtigen Decorationen verstummte jedes ungeduldige Murren.
Ein Thurm erhob sich bis unter die Decke; in halber Höhe befand sich ein Fenster, vor dem eine Lampe brannte, und hinter dem weissen Vorhange erschien die liebliche Zara in blauem mit Silber verzierten Gewande, auf Rodrigo wartend. Endlich kam er, seine kastanienbraunen Locken beschattete ein Hut mit wallendem Federbusch, die Schultern deckte ein rother Mantel, er trug eine Guitarre im Arm, und an den Füssen natürlich — die grossen Stiefel. An Fusse des Thurmes niederknieend, sang er in schmelzenden Tönen ein Ständchen; Zara antwortete, und nach einem Wechselgesange willigte sie ein, mit Rodrigo zu entfliehen. Nun aber kam der Haupteffect des ganzen Stückes. Rodrigo wirft Zara das eine Ende einer Strickleiter zu und fordert sie auf, herabzukommen. Diese steigt ängstlich aus dem Fenster, stützt ihre Hand auf Rodrigo’s Schulter und ist im Begriff leicht hinabzuspringen, aber — o weh! ihre Schleppe war am Fenster hängen geblieben, der Thurm wankte, neigte sich auf eine Seite, stürzte und begrub die unglücklichen Liebenden unter seinen Trümmern.
Ein allgemeiner Schrei ertönte, als die grossen Stiefel sich aus den Ruinen erhoben, und man Zara’s Stimme rufen hörte: „Hatte ich’s euch nicht vorher gesagt?“ Mit wunderbarer Geistesgegenwart stürzte Don Pedro, der grausame Vater, hinein, zog die Tochter unter den Ruinen hervor, und nachdem er ihr mit leiser Stimme befohlen, nicht zu lachen und weiter zu spielen, als sei nichts vorgefallen, gebot er dem Rodrigo zornig, aufzustehen und verbannte ihn aus seinem Gebiet. Obgleich durch den Fall des Thurmes augenscheinlich erschüttert, widersetzt sich Rodrigo dem alten Edelmann, und rührt sich nicht von der Stelle. Seine Unerschrockenheit giebt auch Zara Muth. Sie wagt es, ihrem Vater zu trotzen, und dieser befiehlt, sie beide in den tiefsten Kerker des Schlosses zu werfen. Ein kleiner Gefängnisswärter trat mit Ketten herein und führte sie ab, sah aber dabei selbst höchst erschrocken aus und vergass offenbar, die seine Handlung erklärenden Worte zu sprechen oder zu singen.
Der dritte Act beginnt. Die Scene stellt die Schlosshalle vor. Hagar erscheint, um die Liebenden zu befreien und sich an Hugo zu rächen. Als sie ihn kommen hört, verbirgt sie sich und steht nun, wie er die Zaubertränke in zwei Becher mit Wein gietzt und dem schüchternen kleinen Gefängnisswärter gebietet: „Bringe sie den Gefangenen in ihre Zellen und sage ihnen, dass ich augenblicklich kommen werde.“ Der Diener ruft Hugo bei Seite, um ihm eine Mittheilung zu machen, und Hagar benutzt diesen Augenblick, um die beiden Becher gegen zwei unschädliche zu vertauschen. Ferdinando, der Page, trägt sie fort, und Hagar stellt den für Rodrigo bestimmten Giftbecher auf den Tisch. Hugo, von einer langen Arie, die er gesungen, durstig, trinkt den Inhalt des Bechers, stürzt bewusstlos nieder und giebt unter heftigen Qualen seinen Geist auf, nachdem Hagar dem auf einen Augenblick wieder zum Bewusstsein Erwachten in einer grossen Arie offenbart hat, was sie gethan hat.
Dies war eine wirklich ergreifende Scene. Der Held wurde herausgerufen und erschien mit grosser Würde, Hagar an der Hand führend, deren Gesang fast noch mehr als Hugo’s Spiel das Publicum zur grössten Bewunderung hingerissen hatte.
Der vierte Act zeigt den verzweifelnden Rodrigo im Begriff, sich zu tödten, weil man Zara der Untreue beschuldigt. Er zückt eben den Dolch gegen die eigene Brust, als man eine liebliche Stimme unter dem Fenster ertönen hört. Das Lied versichert ihn, dass Zara treu aber in Gefahr ist, und dass er sie retten kann, wenn er will. Es wird ein Schlüssel in den Kerker geworfen, welcher die Thür öffnet. Die unverhoffte Freude giebt ihm Kraft, seine Ketten zu zerreissen, und er stürzt hinaus, um seine Geliebte zu retten.
Der fünfte Act beginnt mit einer stürmischen Scene zwischen Zara und Don Pedro. Er verlangt, sie solle im ein Kloster gehen; sie aber weigert sich standhaft. Vergeblich sucht sie den Vater zu erweichen und ist einer Ohnmacht, nahe, als Rodrigo hereinstürzt und um ihre Hand wirbt. Don Pedro verweigert sie ihm, weil er nicht reich ist. Der Streit wird immer heftiger, und schon ist Rodrigo im Begriff, die völlig erschöpfte Zara fortzutragen, als der schüchterne kleine Diener hereintritt, mit einem Brief und einem Sacke von Hagar, die auf geheimnissvolle Weise verschwunden ist. Der Brief enthält die Mittheilung, dass Hagar dem jungen Paare unermessliche Schätze hinterlässt, dem Don Pedro aber ihren Fluch, falls er nicht einwilligt, die Liebenden glücklich zu machen. Man öffnet den Sack und der Anblick der darin enthaltenen Reichthümer rührt den gestrengen Vater, der nun ohne Murren seine Einwilligung giebt, und während alle Betheiligten einen freudigen Chor anstimmen, fällt der Vorhang, im Augenblick, wo das junge Paar vor Don Pedro niederkniet, um seinen Segen zu empfangen.
Rauschender Beifall folgte; ein lautes Krachen aber machte demselben ein plötzliches Ende. Das Bett, worauf die Zuschauerloge gebaut war, brach zusammen, und ein Theil der begeisterten Zuschauer verschwand. Aber Rodrigo und Don Pedro eilten zur Hülfe herbei, und alle wurden unversehrt unter den Trümmern hervorgezogen, wenn auch einige vor Lachen dem Ersticken nahe. Die Aufregung war kaum vorüber, als Hannah erschien, um die Gesellschaft in Frau March Namen zum Abendessen einzuladen.
Dies Abendessen war selbst für die Schauspieler eine Ueberraschung, und als sie den reichbesetzten Tisch erblickten, sahen sie einander mit Staunen und Entzücken an. Es sah der Mama ähnlich, ihnen eine besondere Freude machen zu wollen; aber etwas so Schönes und Feines war seit den Tagen ihres verlorenen Reichthums unerhört. Zwei Schüsseln Eiscrême, weiss und rosa, Kuchen, Früchte, seine Bonbons, und in der Mitte des Tisches vier grosse Bouquets von Treibhausblumen! Sie konnten sich von ihrem Erstaunen kaum erholen und starrten erst den Tisch und dann ihre Mutter an, welche die ganze Scene höchlich zu ergötzen schien.
„ Haben gütige Feen den Tisch gedeckt?“ fragte Amy.
„Der Weihnachtsmann hat uns die schönen Sachen beschert,“ sagte Lieschen.
„ Die Mutter hat’s gethan,“ rief Margaret mit ihrem süssesten Lächeln, trotz ihres grauen Bartes und der weissen Augenbrauen.
„Die Tante March hat einen guten Einfall gehabt,“ rief Jo, als sei ihr plötzlich ein Licht aufgegangen.
„ Alle auf dem Irrwege,“ sagte Frau March. „Der alte Herr Lorenz hat diese Leckerbissen geschickt.“
„ Der Grossvater des jungen Lorenz? Wie in aller Welt kommt er auf diesen Gedanken! Wir kennen ihn ja gar nicht,“ rief Margaret.
„ Hannah hatte seiner Köchin die Frühstücksgeschichte erzählt, und durch sie scheint er sie erfahren zu haben. Er ist ein sonderbarer alter Herr, aber dies hat ihm gefallen. Er hat meinen Vater gekannt, so dass wir uns nicht ganz fremd sind. Heute Nachmittag nun schickt er mir ein sehr höfliches Billet, in welchem er mich bittet, ihm zu erlauben, dass er seiner freundlichen Gesinnung für meine Kinder Ausdruck gebe, indem er ihnen zu Ehren des Festes einige Bonbons sende. Ich glaubte das nicht ablehnen zu dürfen, und so habt ihr heute Abend ein kleines Festmahl, um euch für euer einfaches Frühstück zu entschädigen.“
„ Auf diesen Einfall hat ihn sein Enkel gebracht, das könnt ihr glauben! Er ist ein prächtiger Junge; ich wollte, wir könnten mit einander näher bekannt werden! Er sieht aus, als ob er’s auch wünschte; aber er ist schüchtern, und Margaret ist so zurückhaltend. Sie will mich nie mit ihm sprechen lassen, wenn wir vorbeigehen;“ sagte Jo, während die Schüsseln und Teller in Bewegung waren, und der Eiscrême unter Ausrufungen der höchsten Befriedigung hinwegzuschmelzen begann.
„Ihr meint die Leute, welche in dem grossen Hause nebenan wohnen, nicht wahr?“ fragte eins der jungen Mädchen. „Meine Mutter kennt den alten Herrn Lorenz, aber sie sagt, er sei stolz und verkehre nicht gern mit seinen Nachbarn. Er hält seinen Enkel fast immer zu Hause, wenn er nicht mit seinem Hauslehrer ausgeht oder reitet, und der arme Bursche muss entsetzlich studiren. Wir luden ihn zu unserer Gesellschaft ein, aber er kam nicht. Mama sagt, er sei ganz nett, obgleich er nie mit uns Mädchen spricht.“
„ Eines Tages lief unsere Katze fort,“ sagte Jo, „und er brachte sie zurück. Wir sprachen über die Hecke von Cricket und andern Dingen, aber als er Margaret sah, ging er fort. Ich muss durchaus seine Bekanntschaft machen, denn es fehlt ihm an Zerstreuung.“
„ Sein Wesen gefällt mir,“ sagte Frau March, und er sieht wie ein kleiner Gentleman aus. Ich habe also nichts dagegen, dass ihr seine Bekanntschaft macht, wenn sich dazu eine passende Gelegenheit bietet. Die Blumen brachte er selbst, und ich würde ihn gebeten haben, zu bleiben, wenn ich gewusst hätte, was da oben vorging. Er warf so sehnsüchtige Blicke nach oben, als er die fröhlichen Stimmen hörte.“
„ Welches Glück, Mama, dass du ihn nicht eingeladen hast,“ sagte Jo lachend, indem sie auf ihre Stiefel blickte; „aber wir wollen einmal etwas aufführen, das er sehen kann. Vielleicht kann er selbst eine Rolle übernehmen. Das wäre ein rechter Spass!“
„ Ich habe noch nie ein Bouquet zu Weihnachten bekommen; wie hübsch es ist!“ sagte Margaret, indem sie ihre Blumen mit grossem Interesse betrachtete.
„Sie sind sehr schön, aber Lieschen’s Rosen sind mir noch lieber,“ sagte Frau March mit einem Blick auf die halbwelken Rosen in ihrem Gürtel. Lieschen legte ihren Kopf an der Mutter Schulter und flüsterte: „Ich wollte, ich könnte mein Bouquet dem Vater schicken. Ich fürchte, er hat kein so fröhliches Weihnachtsfest wie wir.“
__________
Drittes Kapitel
Der junge Lorenz
„ Jo! Jo! wo bist du?“ rief Margaret am Fusse der Bodentreppe. Hier“, antwortete eine heisere Stimme von oben. Margaret eilte hinauf und fand ihre Schwester, in einen Shawl gehüllt, auf einem dreibeinigen alten Sofa am sonnigen Fenster, Aepfel essend und über dem ,Erben von Redclyffe‘ Thränen vergiessend. Dies war Jo’s Lieblingsplätzchen; dorthin zog sie sich gern mit einem halben Dutzend schöner Aepfel und einen interessanten Buche zurück, um sich in Ruhe ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Lectüre, und der Gesellschaft einer zahmen Ratte zu erfreuen, die sich durch ihre Gegenwart nicht im mindesten stören liess. Als Margaret erschien, schlüpfte das Thier in sein Loch; Jo trocknete ihre Thränen und fragte ihre Schwester, welche Nachricht sie ihr bringe. „Sieh nur, welcher Spass! Eine Einladung von Frau Gardiner auf morgen Abend! rief Margaret, indem sie der Schwester das kostbare Billet zeigte und es mit Entzücken las.
„Frau Gardiner sendet Fräulein Margaret und Josephine March ihre Freundlichen Grüsse und bittet sie, am Neujahrsabend bei, ihr Thee zu trinken. Es wird ein wenig getanzt werden. Mama erlaubt uns, hinzugehen; aber was werden wir anziehen?“
„ Welche Frage! Haben wir denn etwas Anderes als unsere halbseidenen Kleider?“ antwortete Jo mit vollem Munde.
„ Wenn ich doch ein seidenes Kleid hätte!“ seufzte Margaret, „die Mutter hat mir eins versprochen, wenn ich achtzehn Jahr alt bin; aber noch zwei ganze Jahre warten, das ist eine Ewigkeit.“
„ Tröste dich, Margaret, unsere Popelinekleider sehen aus wie Seide und sind schön genug für uns. Deines ist ja so gut wie neu; meines freilich — ich hätte den Riss und die verbrannte Stelle darin fast vergessen. Was fange ich an? die verbrannte Stelle ist sehr sichtbar, und herausnehmen kann ich sie nicht.“
„Du musst so viel wie möglich sitzen bleiben, so dass man die Rückseite nicht sieht. Von vorn sieht das Kleid noch ganz hübsch aus. Ich werde ein neues Band ins Haar machen und Mama will mir ihre schöne Perlnadel leihen. Meine neuen Schuhe sind sehr hübsch, und meine Handschuhe können sich auch noch sehen lassen; so schön wie ich sie haben möchte, sind sie freilich nicht.“
„Meine haben leider Limonadenflecke, und neue kann ich mir nicht anschaffen; ich werde also wohl ohne Handschuhe gehen müssen,“ sagte Jo, die sich über ihre Toilette nie viel Sorgen machte.
„Handschuhe musst du haben, sonst gehe ich nicht mit,“ rief Margaret entschieden. „Handschuhe sind wichtiger als alles Andere.“
„Nun, so bleibe ich zu Hause, du weisst, diese Tanzgesellschaften sind für mich kein grosses Vergnügen.“
„Warum musst du auch so nachlässig sein! Handschuhe sind ein so schöner Artikel, und die Mutter hat gleich gesagt, sie würde dir diesen Winter keine neue wieder kaufen. Lassen sich die Flede denn gar nicht herausbringen?“
„Ich kann sie in die Hand nehmen, so dass niemand sieht, wie fleckig sie sind; einen andern Rath weiss ich nicht. Nein! ich will dir sagen, wie wir’s machen können: jede von uns, zieht einen guten Handschuh an und nimmt einen schlechten in die Hand; was meinst du dazu?“
„Deine Hände sind grösser als meine, und du wirst meinen Handschuh schrecklich aufweiten,“ sagte Margaret, die in Bezug auf ihre Handschuhe sehr eigen war.
„Nun, dann gehe ich ohne Handschuhe, es ist mir gleich, was die Leute sagen,“ rief Jo, indem sie zu ihrem Buche griff.
„Nein, ich werde dir einen von meinen leihen, aber mache ihn nicht schmutzig, halte dich gut und lege die Hände nicht auf den Rücken.“
„Mach’ dir meinetwegen keine Sorgen; ich werde mich musterhaft benehmen. Nun geh’ hin, um das Billet zu beantworten und lass mich dieses herrliche Buch beendigen.“
Margaret ging also hinunter, nahm ,die freundliche Einladung mit vielem Dank‘ an; besichtigte ihren Anzug und und sang vor Freude beim Anblick ihres ächten Spitzenkrageris, während Jo ihre Geschichte zu Ende las und dabei ihre vier Aepfel aufass.
Am Neujahrsabend war das Wohnzimmer verödet, denn die beiden jüngeren Schwestern spielten Kammerfrauen, und die beiden älteren waren ganz von ihren Toilettenangelegenheiten hingenommen. So einfach ihre Anzüge auch waren, gab es doch viel hin und her zu laufen; es wurde viel berathen und gelacht, und einen Augenblick war das Haus von einem starken Geruch verbrannten Haares erfüllt. Margaret wollte gern das Haar und die. Stirn gekräuselt haben, und Jo hatte es übernommen, die Papilloten zu brennen.
„Wie kommt es, dass sie so rauchen?“ fragte Lieschen, die auf einem Bette sass und zusah.
„ Das kommt von dem feuchten Haar, welches durchs Brennen trocknet,“ ersetzte Jo.
„ Was für ein sonderbarer Geruch! ganz wie wenn Federn verbrennen,“ bemerkte Amy, indem sie ihre eigenen hübschen Locken nicht ohne Befriedigung glatt strich.
„So, nun will ich die Papilloten los machen, und du wirst sehen, welche schöne Locken ich machen kann,“ sagte Jo, das Brenneisen, niederlegend. Sie nahm die papiernen Papilloten ab, aber ach! es kamen keine Locken zum Vorschein; das Haar blieb im Papier, und die entsetzte Friseuse legte eine Reihe kleiner versengter Bündel auf die Commode vor ihrem Opfer.
„O, was hast du gemacht? Ich bin ganz verunstaltet! Ich kann nicht hingehen,“ rief Margaret in Verzweiflung.
„O, das ist wieder meine unglückliche Hand! du hättest dich mir nicht anvertrauen sollen; ich verderbe alles. Ich kann dir nicht sagen, wie leid es mir thut; das Brenneisen muss zu heiss gewesen sein, stöhnte Jo mit Thränen in den Augen.
„Das Unglück ist nicht so gar gross,“ sagte Amy, sie tröstend; kräusele das kurze Haar ein wenig und binde das Band so, dass die Enden ein wenig auf die Stirn fallen. Das ist die allerneuste. Mode; ich habe viele junge Mädchen so frisirt gesehen.“
„Es ist die Strafe für meine Eitelkeit,“ rief Margaret. „Ich wollte, ich hätte mein Haar in Ruhe gelassen.“
„Das wollte ich auch, es war so glatt und hübsch. Aber es wird bald wieder wachsen,“ sagte Lieschen, indem sie das geschorene Schaf zärtlich küsste.
Nach verschiedenen kleinen Unfällen war durch die vereinigten Bemühungen der Familie die Toilette der Schwestern beendigt. Sie sahen in ihren einfachen Anzügen sehr niedlich aus. Margaret im silbergrauen Kleide mit blauem Sammetband im Haar, einem Spitzenkragen und der schon erwähnten Perlnadel. Jo im braunen Kleide, mit einfachem leinenen Kragen und einer weissen Blume im Haar. Jede von ihnen zog einen saubern Hellen Handschuh an und trug einen schmutzigen in der Hand. Alle fanden, dass sie sehr niedlich aussahen. Margarets hübsche Schuhe drückten sie sehr, obgleich sie es nicht zugestehen wollte, und Jo’s neunzehn Haarnadeln quälten sie nicht wenig, aber das waren unvermeidliche Uebel. Hoffart muss Bein leiden.
„ Ich wünsche euch einen vergnügten Abend, liebe Kinder,“ sagte Frau March, als die Schwestern auf den Fussspitzen durch den Garten gingen. „Esst nicht zuviel und kommt um elf Uhr zu Hause, wenn ich Hannah schicke.“
Als die Thür hinter ihnen zuschlug, rief eine Stimme aus dem Fenster:
„Kinder, habt ihr beide nette Taschentücher?“
„O ja, sehr hübsche, und Margaret’s Tuch ist obendrein mit kölnischem Wasser parfümirt,“ rief Jo, und fügte lachend hinzu: „Ich glaube, Mama, würde diese Frage nicht vergessen, wenn wir auch vor einem Erdbeben flüchteten.“
„Mama hat einen ächt aristokratischen Geschmack. Eine feine Dame erkennt man gewöhnlich an ihrem Fusszeug, Taschentuch und ihren Handschuhen,“ erwiederte Margaret, die selbst einen ziemlich aristokratischen Geschmack hatte.
„ Nun vergiss nicht, die verbrannte Bahn möglichst zu verbergen, Jo. Ist mein Gürtel gerade, und sieht mein Haar sehr auffallend aus?“ fragte Margaret, als sie sich nach langer Beschauung in Frau Gardiner’s Ankleidezimmer vom Spiegel abwandte.
„Ich fürchte, ich werde es vergessen. Wenn du siehst, dass ich irgend etwas Verkehrtes thue, so gieb mir nur einen Wink,“ sagte Jo, indem sie ihr Haar hastig bürstete.
„Ich werde die Augenbrauen zusammenziehen, wenn irgend etwas verkehrt geht, und nicken, wenn alles in Ordnung ist. Halte dich gerade und mache kleine Schritte. Schüttele auch nicht allen Leuten, denen du vorgestellt wirst, die Hand; das gehört sich nicht.“
„Wie fängst du es an, alle diese Dinge zu lernen? ich werde es nie so weit bringen,“ seufzte Jo. „Wie lustig die Musik klingt!“
Sie traten nicht ohne Herzklopfen in das Gesellschaftszimmer, denn sie nahmen selten an solchen Vergnügungen Theil, und so einfach auch diese kleine Abendgesellschaft war, für sie war sie doch ein Ereignis. Frau Gardiner, eine stattliche alte Dame, begrüsste sie freundlich und führte sie zu der ältesten ihrer sechs Töchter. Margaret kannte Sally und fühlte sich bald ganz heimisch; Jo aber, die an mädchenhaftem Geplauder nicht viel Geschmack fand, stand da, den Rüden ängstlich gegen die Wand gekehrt, und fühlte sich in dieser Umgebung so wenig zu Hause wie ein Füllen in einem Blumengarten. Ein halbes Dutzend munterer Knaben unterhielten sich in einem andern Theile des Zimmers von Schlittschuhen, und so hatte die grösste Sehnsucht, sich zu ihnen zu gesellen, denn sie war eine leidenschaftliche Schlittschuhläuferin. Sie telegraphirte Margaret ihren Wunsch, aber die Augenbrauen zogen sich so bedenklich zusammen, dass Jo sich nicht von der Stelle zu rühren wagte. Niemand kam zu ihr, um sich mit ihr zu unterhalten; eine Gruppe nach der andern verschwand, bis sie ganz allein blieb. Wegen der verbrannten Bahn in ihrem Kleide konnte sie nicht umhergehen; sie betrachtete also die Leute und fühlte sich ziemlich verlassen, bis der Tanz anfing. Margaret wurde sofort aufgefordert und tanzte in den engen Schuhen so leicht dahin, dass niemand die Schmerzen ahnte, welche die Tänzerin lächelnd ertrug. Jo sah einen dicken rothhaarigen Knaben auf ihre Ecke zukommen, und da sie fürchtete, er möchte sie zum Tanz auffordern, schlüpfte sie hinter einen Vorhang in eine Vertiefung des Zimmers, in der Hoffnung, sich dort in aller Stille amüsiren zu können. Unglücklicher Weise aber hatte schon ein anderes schüchternes Wesen sich denselben Zufluchtsort ausersehen; denn als der Vorhang hinter ihr siel, stand sie dem jungen Lorenz gegenüber.
„ O! ich dachte nicht, dass irgend jemand hier wäre,“ stammelte Jo, die ebenso schnell zurückgehen wollte, wie sie hineingestürzt war.
Aber der Knabe, obgleich ein wenig überrascht, lachte und sagte freundlich: „Lassen Sie sich durch mich nicht stören, bleiben sie doch, wenn Sie Luft haben.“
„Werde ich Sie nicht stören?“
„Durchaus nicht; ich kam nur hierher, weil ich nicht viele Leute kenne und mich erst ein wenig fremd fühlte.“
„Mir ist’s ebenso gegangen. Bitte gehen sie nicht fort, wenn Sie’s nicht vorziehen.“
Der Knabe setzte sich wieder und versenkte sich in die Betrachtung seiner Stiefel, his Jo sagte:
„Ich glaube, ich habe schon das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen; Sie wohnen in unserer Nähe, nicht wahr?“
„Im nächsten Hause;“ und er sah auf und lachte, denn Jo’s zurückhaltendes Wesen kam ihm sehr komisch vor, wenn er daran dachte, wie sie miteinander geplaudert hatten, als er ihr die Katze wiederbrachte. Sein Lachen machte sie zutraulicher; sie stimmte ein und sagte in der herzlichsten Weise: „Wir haben uns so sehr über ihr schönes Weihnachtsgeschenk gefreut.“
„Grosspapa hat es geschickt.“
„Aber Sie haben ihn auf den Einfall gebracht, nicht wahr?“
„Wie geht es Ihrer Katze, Fräulein March?“ fragte der Knabe, der sich bemühte, ein ernsthaftes Gesicht zu machen, während der Muthwille aus seinen schwarzen Augen blitzte.
„Ich danke Ihnen, ganz wohl, Herr Lorenz; aber ich bin nicht Fräulein March, ich bin ,Jo‘,“ erwiderte die junge Dame.
„Ich bin nicht ,Herr Lorenz‘; ich bin nur ,Lori‘.“
„Lori Lorenz, welch’ sonderbarer Name!“
„Mein eigentlicher Name ist Theodor, aber ich mag ihn nicht leiden, denn die Knaben nannten mich Dora; deshalb lasse ich mich Lori nennen.“
„Ich hasse meinen Namen auch; er ist so sentimental! Ich wollte, jedermann nennte mich Jo, statt Josephine. Aber wie gewöhnten sie es den Knaben ab, Sie Dora zu nennen?“
„ Ich prügelte sie durch.“
„ Die Tante March kann ich nicht durchprügeln; ich werde mich also in mein Schicksal ergeben müssen,“ sagte Jo mit einem Seufzer.
„ Tanzen sie nicht gern, Fräulein Jo?“
„Ich tanze gern, wenn’s recht lebhaft dabei zugeht, und man reichlich Raum hat. Hier würde ich sicherlich etwas umstossen, den Leuten auf die Füsse treten oder sonst etwas Schreckliches, begehen. Ich halte mich deshalb klüglich fern und überlasse es Magaret, die Liebenswürdige zu spielen. Aber tanzen Sie denn nicht?“
„Zuweilen wohl. Ich bin viele Jahre im Auslande gewesen und bin noch nicht genug in Gesellschaft gewesen, um zu wissen, wie man sich hier bei solchen Gelegenheiten benimmt.“
„ Im Auslande!“ rief Jo; „o, erzählen sie mit etwas davon! Ich höre so gern Reisen beschreiben!“
Lori schien erst nicht recht zu wissen, womit er anfangen sollte; aber Jo’s eifrige Fragen brachten ihn bald in Gang, und er erzählte ihr, er sei in Vevey in Pension gewesen, wo die Knaben nie Hüte trügen, wo sie eine kleine Flotte von Böten auf dem See gehabt, und in den Ferien mit ihren Lehrern Fusstouren in der Schweiz gemacht hätten.
„O, da möchte ich auch gewesen sein!“ rief Jo. „Sind Sie nicht in Paris gewesen?“
„Wir haben den Winter dort zugebracht.“
„Können sie Französisch sprechen?“
„Wir durften in Vevey nichts Anderes sprechen.“
„Bitte, sprechen Sie ein wenig. Ich kann wohl Lesen, aber nicht richtig aussprechen.“
„Quel est le nom de la jeune demoiselle qui a de si jolis souliers?“
„Wie gut sie sprechen! Sie sagten: ,Wie heisst die junge Dame mit den hübschen Schuhen?‘ nicht wahr?“
„Oui, Mademoiselle.“
„Es ist meine Schwester Margaret, und Sie wussten es wohl. Finden Sie sie hübsch?“
„Ja, sie erinnert mich an die deutschen Mädchen; sie sieht so frisch und ruhig aus und tanzt mit soviel Anstand.“
Jo erröthete vor Freude, als sie ihre Schwester rühmen hörte und nahm sich vor, Margaret alles treulich zu berichten. Beide beobachteten, kritisirten und plauderten, und bald war es ihnen, als hätten sie sich schon lange gekannt. Lori’s Schüchternheit verschwand; denn Jo’s knabenhaftes Wesen belustigte ihn, und so fand ihre fröhliche Laune wieder, denn ihr Kleid war vergessen, und niemand zog die Augenbrauen zusammen. Der junge Lorenz gefiel ihr mehr als je; sie betrachtete ihn genau, um ihn ihren Schwestern beschreiben zu können; denn sie hatten keine Brüder und sehr wenige Vettern! Knaben waren ihnen daher fast unbekannte Wesen.
Krauses schwarzes Haar, braune Gesichtsfarbe, grosse schwarze Augen, lange Nase, hübsche Zähne, kleine Hände und Füsse, so gross wie ich; sehr höflich für einen Knaben und ganz lustig. Ich möchte wol wissen, wie alt er ist?
Die Frage schwebte ihr auf der Zunge; aber sie besann sich noch zur rechten Zeit eines Bessern und versuchte mit ungewöhnlichem Takt, auf Umwegen ihren Zweck zu erreichen.
„Ich denke, Sie werden bald auf die Universität gehen; ich sehe Sie nicht anders als mit der Nase über den Büchern, ich wollte sagen, eifrig studirend,“ sagte Jo, indem sie über ihren wenig gewählten Ausdruck erröthete. Lori lächelte, schien aber nicht verlebt und, antwortete achselzuckend:
„Das hat wenigstens noch zwei oder drei Jahre Zeit; ich gehe keinenfalls auf die Universität, ehe ich siebzehn Jahr alt bin.“
„ Sind Sie denn erst fünfzehn Jahr alt?“ fragte Jo, indem sie den Hochgewachsenen Jüngling betrachtete, den sie für wenigstens siebzehn Jahr alt gehalten hatte.
„Im nächsten Monat werde ich sechzehn.“
„Wie würde ich mich freuen, wenn ich zur Universität gehen könnte! Sie sehen nicht aus, als ób Sie sich darauf freuten.“
„ Der blosse Gedanke daran ist mir verhasst. Das Leben der jungen Leute hier zu Lande scheint mir unerträglich.“
„ Was möchten Sie dann?“
„ In Italien wohnen und mein Leben auf meine eigene Weise geniessen.“
Jo hätte gern gewusst, was er unter seiner eigenen Weise verstand, aber seine zusammengezogenen schwarzen Augenbrauen sahen etwas drohend aus; sie lenkte daher die Unterhaltung auf einen andern Gegenstand über.
„ Das ist eine herrliche Polka,“ sagte sie, indem sie mit dem Fusse den Takt dazu schlug. „Warum tanzen Sie nicht?“
„ Ich will wohl tanzen, wenn Sie auch kommen,“ antwortete er mit einer ganz französischen Verbeugung.
„ Ich kann nicht, denn ich habe Margaret versprochen, nicht zu tanzen, weil —“ Jo stockte, unentschieden, ob sie sprechen oder lachen sollte.
„ Nun weil?“ fragte Lori neugierig.
„Versprechen Sie mir, zu schweigen?“
„Gewiss.“
„Nun, ich habe die schlechte. Gewohnheit, mich vor’s Feuer zu stellen und so meine Kleider zu verbrennen; auch dieses habe ich auf solche Weise versengt, und obgleich es gut ausgebessert ist, so sieht man’s doch. Margaret sagte mir deshalb, ich sollte sitzen bleiben, dann würde es niemand sehen. Nun lachen Sie, wenn Sie wollen; denn es ist wirklich komisch genug.“ Aber Lori lachte nicht; sah nur eine Minute vor sich hin, und der Ausdruck seines Gesichts machte Jo betroffen, als er frenndlich sagte:
„Machen Sie sich darüber keine Sorgen; ich will Ihnen sagen, was wir thun können; draussen ist ein langer Vorplatz; dort können wir prächtig tanzen, ohne dass uns jemand sieht. Bitte kommen Sie.“
Jo dankte ihm und ging fröhlich mit ihm hinaus, konnte aber nicht umhin, zu wünschen, sie möchte zwei saubere Handschuhe haben, als sie sah, dass ihr Tänzer ein Paar schöne perlgraue anzog. Der Vorplatz war leer, und sie tanzten nach Herzenslust Polka. Lori tanzte sehr gut und lehrte sie die schwungvolle deutsche Weise, was ihr viel Vergnügen machte. Als die Musik aufhörte, setzten sie sich auf die Treppe, um Athem zu schöpfen, und Lori war mitten in der Beschreibung eines Studentenfestes in Heidelberg, als Margaret erschien, die ihre Schwester suchte. Sie winkte Jo, und diese folgte ihr mit Bedauern in ein Seitenzimmer. Hier fand sie Margaret auf dem Sofa; sie hielt ihren Fuss in der Hand und sah sehr bleich aus.
„ Ich habe mir den Fuss verstaucht, die dummen hohen Hacken sind schuld daran. Es thut mir so weh, dass ich kaum stehen kann, und ich weiss nicht, wie ich nach Hause kommen soll,“ sagte sie, indem sie sich vor Schmerzen hin und her bewegte.
„Ich dachte wohl, dass dich diese dummen Dinger peinigen würden. Es thut mir leid, aber ich weiss nicht, was wir anders thun können, als uns einen Wagen verschaffen oder die ganze Nacht hier bleiben,“ antwortete Jo, indem sie den schmerzenden Fuss sanft zu reiben begann.
„Ein Wagen würde sehr theuer kommen; auch weiss ich nicht, wie ich einen solchen bestellen sollte; denn die meisten Leute sind in ihren eigenen gekommen, und ich habe niemanden zu schicken.“
„Ich will hingehen.“
„Nein, es ist schon nach zehn und eine ägyptische Finsterniss. Hier kann ich nicht bleiben, denn das Haus ist voll. Sally hat in diesem Augenblicke Hausbesuch von einigen Freundinnen. Ich will mich ausruhen, bis Hannah kommt und dann sehen, was ich thun kann.“
„Ich will Lori bitten; er wird hingehen,“ sagte Jo, deren Herz sich durch diesen Gedanken erleichert fühlte.
„Um alles in der Welt nicht! Sag niemanden etwas davon. Hole mir meine Gummischuhe und stelle diese Schuhe mit unsern Sachen zusammen. Tanzen kann ich nicht mehr; sobald das Abendessen vorüber ist, sieh zu, ob Hannah da ist, und sag es mir gleich.“
„Man geht jetzt zu Tisch, aber ich will lieber bei dir bleiben.“
„ Nein, liebe Jo; geh hin, du kannst mir dann eine Tasse Kaffee bringen. Ich bin so müde, dass ich mich nicht rühren kann.“
Margaret legte sich auf’s Sofa, indem sie ihre Gummischuhe unter ihren Kleidern verbarg, und Jo ging fort, um das Speisezimmer zu suchen, welches sie endlich fand, nachdem sie ein Zimmer geöffnet hatte, wo der alte Herr Gardiner eben in der Stille eine kleine Erfrischung, einnahm. Sie näherte sich dem Tische und nahm eine Tasse Kaffee, goss aber leider einen Theil des Inhalts über ihr Kleid, wodurch die Vorderseite ebenso hässlich würde wie die Rückseite.
„O, ich Unglückskind!“ rief Jo, indem sie ihr Kleid mit Margaret’s sauberem Handschuh abwischte.
„Kann ich Ihnen behülflich sein?“ fragte eine freundliche Stimme, und neben ihr stand Lori, mit einer vollen Tasse in der einen Hand, und einer Portion Eis in der andern.
„Ich wollte für Margaret etwas holen, weil sie sehr müde ist, da hat mich jemand angestossen, und nun bin ich schön zugerichtet,“ antwortete Jo, mit einem trostlosen Blicke auf die Flecke in ihrem Kleide und ihren kaffeefarbenen Handschuh.
„Wie unangenehm! Ich sah mich gerade nach jemandem um, dem ich dies bringen könnte. Darf ich es Ihrer Schwester hintragen?“
„Sie sind sehr freundlich, ich nehme es mit Dank an und will Ihnen zeigen, wo sie ist. Ich wage nicht, mich zu erbieten, es selbst hinzubringen; ich würde nur noch mehr Unheil anrichten.“
„Jo zeigte Lori den Weg, und als wäre er’s gewohnt, Damen zu bedienen, setzte er einen Tisch zurecht, brachte eine zweite Tasse Kaffee und eine zweite Portion Eis für Jo, und war so ausserordentlich gefällig und liebenswürdig, dass selbst die schwer zu befriedigende Margaret ihn für einen ,netten Jungen‘ erklärte. Es kamen noch einige Freunde und Freundinnen zu ihren, und unter Scherz und Spiel verging ihnen die Zeit sehr angenehm, bis Hannah erschien. Margaret vergass ihren Fuss und stand rasch auf, schrie aber vor Schmerz auf und musste sich an Jo halten, um nicht zu fallen.
„Still! sage nichts,“ flüsterte sie, indem sie laut hinzufügte: „Es ist nichts; ich habe mir nur den Fuss verstaucht,“ und sie hinkte die Treppe hinauf, um sich anzukleiden.
Hannah schalt, Margaret fing an zu weinen und Jo wusste nicht, was sie thun sollte. Endlich entschied sie sich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie eilte hinunter und fragte einen Diener, ob er ihr nicht einen Wagen bestellen könne. Der Gefragte aber wusste in der Nachbarschaft nicht recht Bescheid, und Jo sah sich nach anderer Hülfe um, als Lori auf sie zukam und ihr seines Grossvaters Wagen anbot, der eben angekommen war.
„ Aber es ist ja noch so früh; es kann nicht Ihre Absicht sein, die Gesellschaft schon zu verlassen,“ sagte Jo, die sich durch das freundliche Anerbieten sehr erleichtert fühlte, aber noch nicht recht wagte, es anzunehmen.
„Ich gehe immer früh nach Hause; bitte, erlauben Sie mir, Sie zu begleiten. Sie wissen, es ist ganz mein Weg, und es regnet, wie ich höre.“
Jo machte nun keine Schwierigkeiten mehr; sie erzählte Margaret’s Unfall und nahm das Anerbieten dankbar an. Sie eilte hinauf, um Margaret und Hannah zu holen. Letztere fürchtete den Regen fast ebenso sehr, wie die Katzen und liess es sich gern gefallen, mitzufahren. Lori stieg auf den Kutschersitz, damit Margaret ihren Fuss stützen könnte, und so rollten sie dahin in dem prächtigen bequemen Wagen und fühlten sich ganz festlich und vornehm. Sie begannen nun, über ihre Gesellschaft zu plaudern.
„Ich habe mich köftlich amüsirt; und du, Margaret?“ fragte Jo, indem sie sich das Haar zurückstrich und sich’s in der Wagenecke bequem machte.
„Ich auch,“ antwortete Margaret, „bis ich mir den Fuss verstauchte.“ Sally’s Freundin, Anna Moffat, war sehr freundlich gegen mich. Sie hat mich eingeladen, sie im Frühling mit Sally eine Woche zu besuchen. Wir könnten dann auch miteinander die Oper besuchen. O, es wäre herrlich! Wenn Mama mir nur erlaubt, die Einladung anzunehmen! sagte Margaret, die bei diesem Gedanken ihre Schmerzen vergass.
„Ich sah dich mit dem rothhaarigen Jüngling tanzen, vor dem ich weglief; war er nett?“
„Sehr nett. Sein Haar ist goldbraun, nicht roth, und er war sehr höflich. Ich habe eine köstliche Redowa mit ihm getanzt.“
„Er sah aus wie ein Grashüpfer, der Krämpfe hat, als er den neuen Pas versuchte. Lori und ich konnten das Lachen nicht lassen. Habt Ihr uns gehört?“
„Nein, aber es war sehr unhöflich. Was habt ihr denn die ganze Zeit in eurem Winkel getrieben?“
Jo erzählte nun ihre Abenteuer, und sie war noch nicht damit zu Ende, als sie zu Hause ankamen. Mit vielen Danke wünschten sie ihrem freundlichen Begleiter ,gute Nacht‘ und schlichen sich ins Haus, in der Hoffnung, niemanden zu stören; allein sobald die Thüre knarrte, fuhren zwei kleine Köpfe in die Höhe und zwei schlaftrunkene aber eifrige Stimmen riefen: „Erzählt uns von eurer Gesellschaft! Seid ihr recht vergnügt gewesen?“
Jo hatte für die kleinen Schwestern einige Bonbons mitgebracht, was Margaret höchst unfein fand. Nachdem sie sich sie interessantesten Begebenheiten des Abends hatten erzählen lassen, verschwanden die Kleinen mit ihren Süssigkeiten.
„Es ist wirklich, als wäre ich eine vornehme junge Dame. Ich komme in ,meinem Wagen‘ aus der Gesellschaft und sitze nun hier und lasse mich von meiner Kammerfrau bedienen,“ sagte Margaret, die sich von Jo den Fuss mit Arnica verbinden und ihr Haar bürsten liess.
„Ich glaube nicht, dass vornehme junge Damen sich besser amüsiren können als wir, trotz unseres verbrannten Haares; unserer alten Kleider und engen Schuhe, in denen man sich die Füsse verstaucht, wenn man thöricht genug ist, sie anzuziehen.“ Und ich glaube, Jo hatte Recht.
__________
Viertes Kapitel
Lasten
„O, wie schwer ist es doch, seine Last wieder auf die Schultern zu packen und weiter zu wandern,“ seufzte Margaret am Morgen nach der Gesellschaft; denn die vergnügten Ferien, die nun zu Ende waren, hatten ihr die ohnehin wenig angenehme Aufgabe nicht lieber gemacht.
„Ich wollte, es wäre immer Weihnacht oder Neujahr!“ antwortete Jo gähnend.
— „Wir würden uns dann nicht halb so sehr darauf freuen, wie jetzt. Aber es ist gar zu schön in Gesellschaften zu gehen, Bouquets geschenkt zu bekommen, in einem schönen Wagen nach Hause zu fahren und sich auszuruhen, statt sich zu quälen. Man kommt sich mehr vor wie andere Leute, und du weisst, ich beneide immer andere junge Mädchen, die es so gut haben. Ich liebe nun einmal den Luxus,“ sagte Margaret, während sie untersuchte, welches von zwei abgetragenen Kleidern das am wenigsten abgetragene sei.
„Luxus ist uns nun einmal nicht beschieden, darum lass uns nicht murren, sondern unser Bündel aufpacken und munter weiter wandern, wie die Mama. Tante March ist sicherlich keine leichte Bürde, wenn ich gelernt habe, sie ohne Klage zu tragen, so wird sie von selbst von meinen Schultern gleiten, oder so leicht werden, dass ich sie nicht mehr fühle.“
Diese Idee gefiel Jo und heiterte sie auf; aber auf Margaret hatte sie nicht denselben Einfluss; ihre Bürde, die aus vier verzogenen Kindern bestand, schien ihr schwerer als je. Sie hatte nicht einmal, wie gewöhnlich, Lust, sich mit einem blauen Bande zu schmücken und ihr Haar auf die kleidsamste Weise zu ordnen.
„Wozu nützt es, mich hübsch zu machen, es sieht mich ja niemand als die vier ungezogenen kleinen Geschöpfe, und niemand kümmert sich darum, ob ich hübsch bin oder nicht,“ murmelte sie, indem sie ihre Schublade heftig zustiess. „Ich werde mein Leben lang zu arbeiten und zu quälen haben, nur dann und wann ein kurzes Vergnügen, werde alt und hässlich und bitter werden, weil ich arm bin und mich meines Lebens nicht freuen kann, wie andere junge Mädchen. Es ist eine Schande!“
So fuhr Margaret fort, sich ihrer verdriesslichen Stimmung hinzugeben und war beim Frühstück sehr wenig liebenswürdig. Alle schienen mehr oder weniger verstimmt. Lieschen hatte Kopfweh und lag auf dem Sofa wo sie sich mit der Katze und ihren drei jungen Kätzchen zu trösten suchte. Amy war verdriesslich, weil sie ihre Aufgaben nicht gemacht hatte und ihre Gummischuhe nicht finden konnte. So konnte das Flöten nicht lassen und machte ihre Vorbereitungen mit möglichst grossem Geräusch, während Frau March damit beschäftigt war, einen Brief zu beendigen, der gleich abgehen musste. Auch Hannah war übellaunig; sie konnte kein spätes Aufbleiben vertragen.
„Ich habe nie eine mürrischere Familie gesehen!“ rief Jo ausser sich, nachdem sie ein Dintenfass umgestossen, ihre beiden Stiefelbänder abgerissen und sich auf ihren Hut gesetzt hatte.
„Du bist die übellaunigste von allen!“ rief Amy, indem sie mit den Thränen, die auf ihre Schiefertafel sielen, ihr ganz verkehrtes Exempel auslöschte.
„Lieschen, wenn du diese abscheulichen Katzen wieder mit heraufbringst, so werde ich sie ertränken lassen,“ rief Margaret ärgerlich, während sie sich bemühte, sich einer jungen Katze zu entledigen, die ihr auf den Rücken geklettert war und ihren Platz gerade so gewählt hatte, dass sie sie nicht erreichen konnte.
Jo lachte, Margaret schalt, Lieschen flehte und Amy meinte, weil sie sich nicht besinnen konnte, wieviel neunmal zwölf sei.
„Mädchen! Mädchen! verhaltet euch doch einen Augenblick ruhig. Ich muss diesen Brief mit der ersten Post abschicken, und ihr bringt mich mit eurem Streit und eurer bösen Laune um Sinn und Verstand,“ rief Frau March, indem sie zum dritten Male ein verkehrtes Wort in ihrem Briefe durchstrich.
Es trat eine augenblickliche Stille ein, bald von Hannah unterbrochen, die hereinfuhr, zwei heisse Apfelbröte auf den Tisch legte und ebenso wieder hinaus stürzte. Es war in der Familie eine hergebrachte Sitte, diese Apfelbröte zu backen, und die Mädchen nannten sie ,Muffs‘, denn sie hatten keine andere und fanden die heissen Pasteten an kalten Tagen sehr angenehm für die Hände. Hannah vergass nie, sie zu backen, wie viel sie auch zu thun haben, und wie verdriesslich sie auch sein mochte, denn der Weg war lang und kalt, die ,armen Dinger‘ bekamen kein anderes zweites Frühstück und kehrten selten vor drei Uhr nach Hause zurück.
„Verziehe deine Katzen und verabschiede deine Kopfschmerzen, Lieschen. Adieu, Mama, wir sind heute Morgen eine nichtswürdige Bande; aber wir wollen als wahre Engel wieder heimkommen. Schnell, Margaret!“ Und so ging hinaus, mit dem Gefühl, dass die Pilger diesen Morgen ihre Wanderung nicht in der rechten Weife antraten.
Sie wandten sich immer um, ehe sie um die Ecke bogen, denn sie wussten, ihre Mutter stand am Fenster, um ihnen zuzulächeln und mit der Hand zu winken. Es war ihnen, als hätten sie’s ohne diesen Gruss nicht aushalten können, für den ganzen Tag, fortzugehen; denn in welcher Stimmung sie auch sein mochten, der Anblick dieses mütterlichen Gesichtes wirkte auf sie wie Sonnenschein.
„Wenn Mama uns mit der Faust drohte, anstatt uns Kusshände zuzuwerfen, so geschähe uns ganz recht; denn undankbarere Geschöpfe, als wir sind, hat es nie gegeben,“ rief Jo, die in dem schmutzigen Wege und dem scharfen Wind eine Art bitterer Befriedigung empfand.
„Ich bitte dich, verschone mich mit deinen Kraftausdrücken,“ sagte Margaret, dicht verschleiert wie eine weltmüde Nonne.
„Ich liebe gute starke und bezeichnende Ausdrücke,“ sagte Jo, indem sie ihren Hut festhielt, der ihr eben vom Kopfe flog.
„Nenne dich selbst wie’s dir beliebt; aber ich bin kein undankbares, nichtswürdiges Geschöpf und will mich nicht so nennen lassen.“
„Du bist ein stiefmütterlich behandeltes Wesen und heute entschieden übellaunig, weil du nicht allezeit dem Glücke im Schosse sitzest. Du Aermste! warte nur, bis ich mein Glück gemacht habe, dann sollst du in Wagen, Eisrahm, Schuhen mit hohen Absätzen und schönen Bouquets schwelgen und rothhaarige Jünglinge in Menge haben, mit denen du tanzen kannst.“
„Wie albern du bist, Jo;“ aber Margaret konnte es nicht lassen, über den Unsinn zu lachen, und das that ihr wohl.
„Es ist ein Glück für dich, dass ich noch zuweilen einen Scherz mache, denn wenn ich mir auch das Ansehen einer geknickten Blume geben und den Kopf hängen lassen wollte wie du, so würden wir schön berathen sein. Freue dich, dass ich noch an allem eine komische Seite finden kann, um mich aufzuheitern. Höre nur auch auf zu klagen, komm fröhlich nach Hause und sei ein gutes Mädchen.“
Jo klopfte der Schwester mit einem ermuthigenden Blicke auf die Schulter, als sie sich für den Tag trennten, um jede ihren Weg zu gehen, jede an ihrem warmen Apfelbrot sich die Hände erwärmend und sich bemühend, fröhlich zu sein, trotz winterlichen Wetters, schwerer Arbeit und unerfüllter jugendlicher Wünsche.
Als Herr March sein Vermögen verlor, indem er einem unglücklichen Freunde aufzuhelfen versuchte, baten die beiden ältesten Töchter, man möge ihnen erlauben, etwas zu unternehmen, um ihren eigenen Unterhalt zu verdienen. Da ihre Eltern der Ansicht waren, dass sie nicht zu früh anfangen könnten, ihre Willenskraft zu üben und durch Fleiss sich eine unabhängige Stellung zu schaffen, so willigten sie ein, und die beiden Mädchen begannen ihr Werk trotz aller Hindernisse mit soviel gutem Willen, dass es gelingen musste. Margaret fand eine Stelle als Erzieherin kleiner Kinder und fühlte sich mit ihrem kleinen Gehalte ganz reich. Sie liebte, wie sie sagte, den Luxus, und ihr grösster Kummer war ihre Armuth. Es wurde ihr schwerer, sie zu tragen, als den anderen, weil sie sich der Zeit erinnern konnte, wo ihr Haus schön, ihr Leben voll Behaglichkeit und Vergnügen, und Mangel irgend einer Art ihr unbekannt war. Sie bemühte sich, nicht neidisch und unzufrieden zu sein, aber es war natürlich, dass das junge Mädchen sich nach hübschen Sachen, munteren Freundinnen, Gelegenheiten ihre Talente auszubilden und einem glücklichen Leben sehnte. Bei der Familie King sah sie täglich alles, was sie sich wünschte, denn die ältern Schwestern ihrer Zöglinge waren in die Gesellschaft eingeführt, und Margaret sah häufig elegante Ballkleider und Bouquets, hörte lebhafte Unterhaltungen über Theater, Concert, Schlittenpartien und Freuden aller Art, und sah, wie für Kleinigkeiten Summen verschwendet wurden, die sie reich gemacht haben würden. Die arme Margaret klagte selten, aber sie konnte sich nicht immer einer gewissen Bitterkeit erwehren; denn sie hatte noch nicht erkannt, wie reich sie gerade an den Segnungen war, welche allein das Leben glücklich machen können.
Jo wurde Gesellschafterin bei ihrer Tante March, die lahm war und ein thätiges, munteres Wesen um sich zu haben wünschte. Die kinderlose alte Dame hatte sich erboten, eins der Mädchen an Kindesstatt anzunehmen, als das Unglück über sie hereingebrochen war, und fühlte sich sehr beleidigt, als das Anerbieten abgelehnt wurde. Gute Freunde sagten der Familie March, sie habe durch ihre Weigerung alle Aussicht verloren, in dem Testament der alten reichen Dame bedacht zu werden. Herr und Frau March aber erwiederten nur: „Wir können unsere Kinder nicht für eine Million hingeben. Reich oder arm, wir wollen zusammenhalten und in und mit einander glücklich sein.“
Die alte Dame wollte einige Zeit lang nichts von ihnen wissen, aber als sie eines Tages Jo bei einer gemeinsamen Freundin traf, fühlte sich die Tante durch das komische Gesicht und das eigenthümliche gerade Wesen des jungen Mädchens so angezogen, dass sie ihr den Vorschlag machte, ihre Gesellschafterin zu werden. Das war durchaus nicht nach Jo’s Geschmack; aber sie nahm die Stelle an, da nichts besseres sich bot, und wurde zu jedermanns Erstaunen mit ihrer reizbaren Verwandten sehr gut fertig. Ein Sturm dann und wann blieb nicht aus, und einmal war Jo nach Hause gekommen und hatte erklärt, sie könne es nicht länger aushalten. Aber die Tante March besann sich immer bald wieder und liess ihre Nichte so dringend bitten, wiederzukommen, dass sie’s nicht abschlagen konnte; denn im Grunde mochte sie die scharfe alte Dame doch recht gern leiden.
Der Hauptmagnet aber war wohl eine grosse schöne Bibliothek, die seit des Onkels Tode dem Staube und den Spinnen preisgegeben war. Jo erinnerte sich des freundlichen alten Herrn, der sie mit seinen grossen Wörterbüchern Eisenbahnen und Brücken bauen liess, ihr Geschichten über die sonderbaren Bilder in seinen lateinischen Büchern erzählte und ihr Pfefferkuchen kaufte, wie sie ihm auf der Strasse begegnete. Das düstere staubige Zimmer, wo Büsten von den hohen Bücherschränken herabstarrten; die behaglichen alten Stühle, die Globen, besonders aber die Massen von Büchern, unter denen sie nur zu wählen brauchte, machten die Bibliothek für sie zu einem Paradiese. Sobald Tante March ihr Mittagschläfchen hielt oder Besuch bekam, eilte Jo an diesen stillen Ort, warf sich in einen grossen Kessel und verschlang Poesie, Profa und Romane, Geschichte und Reisebeschreibungen wie ein ächter Bücherwurm. Aber auch dieses Glück dauerte nie lange; gerade wenn sie die spannendste Stelle der Geschichte, den schönsten Vers eines Gedichtes oder das gefährlichste Abenteuer eines Reifenden erreicht hatte, rief eine schrille Stimme: „Jose—phine! Jose—phine!“ und sie musste ihr Paradies verlassen, um Garn zu winden, den Pudel zu waschen, oder stundenlang Belsham’s Abhandlungen zu lesen.
Jo’s höchster Wunsch war, irgend etwas Herrliches zu vollbringen; was dies sei, davon hatte sie selbst noch keine Idee; die Zeit sollte es lehren; inzwischen bestand ihre grösste Prüfung darin, dass sie nicht soviel lesen, laufen, ausfahren und reiten konnte, wie sie gemocht hätte. Ihr heftiges Temperament, ihr unruhiger Geist und ihre scharfe Zunge bereiteten ihr oft Unannehmlichkeiten, und ihr Leben war eine Reihe von Freuden und Leiden, die oft tragikomisch waren. Aber die Erziehung, welche sie bei der Tante March erhielt, war gerade, was sie bedurfte, und der Gedanke, dass sie etwas that, um ihren eigenen Unterhalt zu erwerben, machte sie glücklich, trotz des beständigen „Jose—phine! Jose—phine!“
Lieschen war zu schüchtern um zur Schule zu gehen; man hatte es versucht, aber sie litt so sehr darunter, dass es aufgegeben wurde, und ihr Vater sie zu Hause unterrichtete. Selbst als er fortging, und ihre Mutter ihre Geschicklichkeit und Energie einer Gesellschaft widmen musste, die sich zur Unterstützung der im Felde stehenden Soldaten gebildet hatte, fuhr Lieschen fort, so gut sie konnte, allein zu arbeiten. Sie war eine kleine ,Hausfrau‘ und half Hannah, das Haus in Ordnung halten und es den Andern behaglich machen. Dabei dachte sie nie an einen andern Lohn als ihre Liebe. Sie brachte lange, ruhige Tage zu, fühlte sich aber nicht vereinsamt oder müssig, denn ihre kleine Welt war mit Freunden bevölkert, von denen viele freilich nur in ihrer Einbildungskraft existirten, und sie war von Natur eine kleine geschäftige Biene. Sie hatte jeden Morgen sechs Puppen zu versorgen und anzukleiden, denn Lieschen war noch ganz Kind und liebte ihre Puppen wie je zuvor. Und doch war nicht eine einzige hübsche oder heile darunter; alle waren verstossene Wesen, bis Lieschen sich ihrer annahm; sie waren von ihren Schwestern auf sie übergegangen, denn Amy wollte nichts Altes oder Hässliches haben. Lieschen liebte sie aus diesem Grunde nur um so zärtlicher und gründete ein Hospital für kranke Puppen, wo sie mit der grössten Sorgfalt gepflegt wurden. Eine derselben hatte Jo gehört und war nach einem stürmischen Leben in einen Flickenbeutel verbannt worden, aus welchem Lieschen sie befreit hatte. Um ihren verwundeten Kopf und ihren arg verstümmelten Körper zu verdecken, setzte sie ihr eine niedliche Müsse auf, wickelte sie in eine Decke, legte sie in ihr bestes Bett und pflegte sie mit rührender Zärtlichkeit. Sie brachte ihr Blumen, las ihr vor, trug sie, in ihr Kleid gehüllt, hinaus; damit sie die frische Luft geniessen konnte, sang sie in Schlaf und ging nie zu Bette, ohne ihr mit einem Kuss auf ihr schmutziges Gesicht zugeflüstert zu haben: ,Schlaf sanft, mein Liebling.‘
Aber auch Lieschen hatte ihren Kummer wie die Andern; und da sie kein Engel war, sondern ein sehr menschliches kleines Wesen, so weinte sie auch oft ihre bittern Thränen, weil sie keine Musikstunden nehmen und sein schönes Pianoforte bekommen konnte. Sie liebte die Musik so sehr, gab sich soviel Mühe und übte sich so geduldig auf dem alten schlechten Instrument, dass sie manchmal dachte: es könnte ihr wohl jemand (sie sagte nicht gerade die Tante March) zur Erfüllung ihres Lieblingswunsches behülflich sein. Aber niemand dachte daran, und niemand sah, wie Lieschen vor den gelben verstimmten Tasten ihre Thränen abwischte, wenn sie ganz allein war. Trotzdem sang sie bei ihrer Arbeit wie eine kleine Lerche und war nie zu müde, um ihrer Mutter und den Schwestern etwas vorzuspielen. „Eines Tages werde ich doch noch Musik lernen, wenn ich gut bin,“ sagte sie hoffnungsvoll zu sich selbst.
Es giebt viele kleine „Lieschen‘ in der Welt, die schüchtern und still in ihrem Winkel sitzen, bis man ihrer bedarf, und so freudig für Andere leben, dass niemand die Opfer bemerkt, die sie bringen, bis das Heimchen am Herde aufhört, zu zirpen und Stille und Leere zurücklässt.
Wenn man Amy gefragt hätte, welches ihr grösster Kummer sei, so würde sie ohne Zögern gesagt haben: „Meine Nase.“ Als kleines Kind hatte Jo sie in einen Kohlenkasten fallen lassen, und Amy behauptete, dieser Fall habe ihre Nase für immer ruinirt. Sie war nicht dick, auch nicht roth, wie die der armen ,Petrea‘, sie war nur ein wenig platt, und alles Drücken konnte ihr keine aristokratische Form geben. Niemand anders als sie. dachte daran; Amy aber empfand den Mangel einer griechischen Nase tief und zeichnete ganze Bogen voll schöner Nasen, um sich zu trösten.
„Klein Raphael“, wie ihre Schwestern sie nannten, hatte entschiedenes Talent zum Zeichnen und fühlte sich nie glücklicher, als wenn sie Blumen zeichnen, oder zu den Geschichten, die sie gelesen hatte, allerlei sonderbare Illustrationen machen konnte. Ihre Lehrer klagten, dass sie, statt ihre Exempel zu rechnen, ihre Tafel mit Zeichnungen von Thieren bedeckte, auf die weissen Blätter in ihrem Atlas wurden Karten gezeichnet, und aus ihren Büchern flogen oft sehr zur Unzeit die allerkomischsten Carricaturen. Ihre Arbeiten machte sie so gut es gehen wollte und wusste gewöhnlich durch musterhaftes Betragen Tadel zu vermeiden. Bei ihren Mitschülerinnen war sie sehr beliebt, denn sie war gutmüthig und besass die Kunst, zu gefallen, ohne dass es ihr viel Mühe kostete. Ihr anmuthiges Wesen und ihre Talente wurden sehr bewundert; sie konnte zeichnen, zwölf Melodien spielen, häkeln und Französisch lesen, ohne mehr als zwei Drittel der Wörter falsch auszusprechen. Es klang sehr rührend, wenn sie im klagenden Tone sagte: „Als Papa reich war, thaten wir dies und jenes;“ und ihre langen gewählten Worte wurden von ihren Gespielinnen sehr vornehm klingend gefunden. Amy war auf dem besten Wege verzogen zu werden, denn sie war jedermann’s Liebling, und die Eitelkeit und Selbstsucht der keinen Damne waren im raschen Wachsthum begriffen. Eins aber war ihr ein Dorn im Auge, sie musste ihrer Cousine die Kleider nachtragen, und unglücklicherweise hatte Florentinens Mutter keine Idee von Geschmack. Amy fühlte sich höchst unglücklich, dass sie, statt eines blauen Hutes, einen rothen, und hässliche Kleider und Schürzen tragen musste, die ihr nicht recht passten. Alles war von gutem Stoff, gut gemacht und wenig getragen; aber es verletzte Amy’s Schönheitssinn, wenn sie, wie z. B. diesen Winter ein hässliches violettes Kleid mit gelben Punkten und ohne Besatz tragen musste.
„Mein einziger Trost ist,“ sagte sie mit Thränen in den Augen zu Margaret, „dass Mama in meine Kleider keine Aufnähen macht wie Maria Parks Mutter. Es ist wahrhaft schrecklich, wie sie oft aussieht; zuweilen reicht ihr Kleid nur bis auf die Kniee, und sie kann nicht zur Schule kommen. Wenn ich an diese Demüthigung denke, so kann ich sogar meine platte Nase und mein violettes Kleid mit gelben Punkten ertragen.“
„Margaret war Amy’s Vertraute und Rathgeberin, und durch eine seltsame Anziehungskraft entgegengesetzter Naturen war Jo die des sanften Lieschen. Der Schwester Jo allein theilte das schüchterne Kind seine Gedanken mit, und unbewusst übte das sanfte Lieschen über ihre unruhige Schwester mehr Einfluss als alle andern. Die beiden ältesten Schwestern standen sich sehr nahe, aber jede von ihnen nahm sich einer der jüngeren an und wachte in ihrer Weise über sie; sie nannten das ,bemuttern‘ und adoptirten ihre kleinen Schwestern mit dem mütterlichen Gefühle kleiner Frauen, anstatt der verschmähten Puppen.
„Hat niemand etwas zu erzählen? Der ganze Tag ist so trübe gewesen, dass ich mich danach sehne, etwas Belustigendes zu hören,“ sagte Margaret, als Mutter und Töchter am Abend, mit Näharbeit beschäftigt, bei einander sassen.
„Ich hatte heute ein komisches Abenteuer mit Tante, und da ich stegreich daraus hervorgegangen bin, so will ich’s euch erzählen,“ sagte Jo, die gar zu gern Geschichten erzählte. Ich las diesen ewigen Belsham und dröhnte wie gewöhnlich, denn die Tante schläft häufig bald ein, und dann nehme ich irgend ein schönes Buch und lese wüthend, bis sie aufwacht. Heute nun hatte ich mich, fast selbst in Schlaf gelesen, ehe die Tante anfing, zu nicken, und ich gähnte so sichtbar, dass sie mich fragte, was mir in den Sinn käme, ob ich das ganze Buch mit einem Male verschlingen wollte, dass ich den Mund so aufrisse.
„Ich wollte ich könnte es,“ erwiederte ich, dann wäre ich damit fertig.“ Da hielt sie mir eine lange Strafrede über meine Sünden und gab mir anheim, über dieselben nachzudenken, während sie ein wenig schlummerte. Sie erwacht nie sehr schnell. Sobald also ihre Müsse anfing, zu nicken wie eine Georgine, deren Kopf für den Stengel zu schwer ist, zog ich meinen Vicar of Wakefield aus der Tasche und fing an zu lesen, das eine Auge auf mein Buch, das andere auf die Tante geheftet. Ich war gerade bis zu der Stelle gekommen, wo sie alle ins Wasser fallen, da vergass ich mich und lachte laut auf, Die Tante erwachte und, nach ihrem Schläfchen gutmüthiger als vorher, forderte sie mich auf, ein wenig zu lesen, damit sie sähe, welches leichtfertige Buch ich ihrem würdigen und lehrreichen Belsham vorzöge. Ich that mein Bestes, und sie hörte mit Vergnügen zu, obgleich sie nur sagte: „Ich verstehe nicht, wovon die Rede ist, fang wieder von vorne an, sind.“ Ich fing also an und machte die Familie Primrose so interessant wie möglich. Einmal war ich boshaft genug, an einer spannenden Stelle aufzuhören nnd demüthig zu sagen: „Ich fürchte, es ermüdet Sie, liebe Tante; soll ich das Buch nicht lieber weglegen? Sie nahm ihr Strickzeug, das ihr aus der Hand gefallen war, wieder auf, sah mich durch ihre Brille scharf an und sagte in ihrer kurzen Weise: „Lies das Kapitel zu Ende und sei nicht impertinent.“
„Gestand sie ein, dass sie das Buch gern hörte?“ fragte Margaret.
„O nein, so weit ging sie nicht; aber sie liess den alten Belsham ruhen, und als ich zurücklief, um meine Handschuhe zu holen, die ich vergessen hatte, fass sie da, so vertieft in den ,Vicar‘, dass sie mich nicht lachen hörte, als ich vor Freuden über die guten Tage, die nun kommen sollen, im Vorplatz einen Hopser tanzte. Welch angenehmes Leben könnte sie führen, wenn sie nur wollte! Ich beneide sie nicht, trotz ihres Geldes, denn am Ende haben die reichen Leute ebenso viele Sorgen wie die armen,“ sagte Jo.
„Das erinnert mich daran, dass ich auch etwas zu erzählen habe,“ sagte Margaret. Es ist nicht komisch, wie Jo’s Geschichte, aber ich habe auf meinem Heimwege viel daran gedacht. Bei Kings war heute alles in Aufregung, und eins der Kinder sagte, ihr ältester Bruder habe etwas Schreckliches gethan, und ihr Papa habe ihn deshalb fortgeschickt. Ich hörte Frau King weinen, Herr King laut sprechen, und Grace und Ellen wendeten sich ab, als sie an mir vorbeigingen, damit ich die rothgeweinten Augen nicht sähe. Ich fragte natürlich nicht, was geschehen sei, aber ich bedauerte sie, und freute mich, dass ich keinen leichtsinnigen Bruder habe, der seiner Familie Schande machen kann.“
„Ich glaube, in der Schule Schande zu erleben, ist schlimmer, als irgend etwas, das böse Knaben thun können,“ sagte Amy, indem sie den Kopf schüttelte, als ob sie sehr ernste Erfahrungen gemacht habe. „Suste Perkins kam heute mit einem reizenden Carneolringe zur Schule. Ich beneidete sie sehr und wünschte mich an ihre Stelle. Da zeichnet sie ein Bild von Herrn Davis mit einer ungeheuern Nase und einem Buckel. Aus seinem Munde kam eine Art Ballon hervor, auf welchem die Worte standen: ,Kinder, meine Augen sind auf euch gerichtet.‘ Wir konnten natürlich das Lachen nicht lassen, als wir plötzlich seine Augen wirklich auf uns gerichtet sahen. Er befahl Susie; ihm ihre Tafel zu bringen. Sie war wie gelähmt vor Schrecken, aber sie gehorchte, und — o, ihr könnt euch nicht denken, was. Herr Davis that. Er fasste sie beim Ohr, denkt nur, beim Ohr! und führte sie an den Platz, wo wir gewöhnlich beim Declamiren stehen. Da liess er sie eine halbe Stunde lang ihre Tafel halten, so dass alle sie sehen konnten.“
„Lachten die Mädchen nicht alle laut auf, als sie das Bild sahen?“ fragte Jo, die sich über die Geschichte belustigte.
„Lachen! keine einzige; sie sassen alle still wie die Mäuse; und Susie vergoss Ströme von Thränen. Ich beneidete sie nun nicht mehr, denn Millionen von Carneolringen hätten mich nach einem solchen Vorfall nicht glücklich machen können. Eine solche Demüthigung hätte ich nie überwinden können,“ fügte Amy im stolzen Bewusstsein ihrer Tugend hinzu.
„Ich habe heute Morgen etwas gesehen, das mir sehr gefiel, und es war meine Absicht, es euch zu erzählen, aber ich habe es ganz vergessen,“ sagte Lieschen, indem sie Jo’s unordentlichen Arbeitskorb aufräumte. „Als ich nach dem Fischladen ging, um für Hannah einige Austern zu holen, war Herr Lorenz dort, aber er sah mich nicht, denn ich blieb hinter einem Fass stehen, und er war mit Herrn Cutter, dem Fischhändler, im Gespräch. Da kam eine arme Frau mit einem Eimer und einem Scheuertuch herein und fragte, ob er sie nicht für etwas Fisch scheuern lassen wolle; sie habe für ihre Kinder kein Mittagessen und finde keine Arbeit. Herr Cutter, der sehr beschäftigt war, gab ihr in ziemlich verdriesslichem Ton eine abschlägige Antwort, und sie war schon im Begriff, traurig hinauszugehen, als Herr Lorenz mit seinem Hakenstocke einen grossen Fisch nahm und ihr denselben reichte. Sie war so froh und überrascht, dass sie den Fisch fast zärtlich in ihre Arme nahm und dem Geber nicht genug danken konnte. Dieser sagte: ,Geht heim, gute Frau und kocht euren Fisch.‘ O, wie glücklich eilte sie fort! War das nicht schön von ihm? Die arme Frau sah so komisch aus, wie sie den grossen glatten Fisch in ihren Armen hielt und Herrn Lorenz ein weiches Lager im Himmel wünschte.“
Die Schwestern lachten herzlich über Lieschen’s Geschichte, und dann baten sie ihre Mutter, ihnen etwas zu erzählen.
„Als ich heute im Comité blaue Flanelljacken zuschnitt,“ sagte sie, konnte ich nicht umhin, mit grossen Sorgen an den Vater zu denken und mir vorzustellen, wie einsam und hülflos wir sein würden, wenn er uns entrissen würde. Da kam ein alter Mann mit einem Schein, gegen welchen ich ihm verschiedene Sachen einzuhändigen hatte. Er setzte sich zu mir, und ich begann eine Unterhaltung mit ihm; er sah arm, müde und sorgenvoll aus.
„Habt ihr Söhne in der Armee?“ fragte ich, denn der Schein, den er brachte, war nicht an mich adressirt.
„Ja, Madame,“ antwortete er ruhig; „ich hatte vier Söhne im Heere; aber zwei sind gefallen, einer ist gefangen genommen, und ich gehe zu dem vierten, der im Hospital in Washington schwer krank danieder liegt.“
„Dann habt ihr viel für euer Vaterland gethan,“ sagte ich, und mein Mitleid verwandelte sich in Achtung.
„Nicht mehr als meine Schuldigkeit, Madame. Ich würde selbst mitgegangen sein, wenn meine Dienste von Nutzen gewesen wären. Da dem nicht so ist, so gebe ich meine Söhne, und thue es von Herzen.“
Dabei sah er so aufrichtig aus und schien so freudig sein Alles hinzugeben, dass ich mich schämte. Ich hatte über die Trennung von eurem Vater gemurrt, während dieser Mann willig seine vier Söhne hingab; meiner warteten daheim meine vier Töchter, die mich lieben und mein Trost sind, während sein letzter Sohn in weiter Ferne sich danach sehnt, ihn zu sehen und ihm vielleicht ein letztes Lebewohl zu sagen. Ich fühlte mich so reich und glücklich bei dem Gedanken an alle Segnungen, die Gottes Güte mir noch gelassen, dass ich ihm ein nettes Bündel zurecht machte, etwas Geld hinzufügte und ihm für seine Lehre herzlich dankte.“
„Erzähle uns noch eine ähnliche Geschichte, Mutter; ich denke nachher gern darüber nach, besonders wenn sie aus dem Leben gegriffen ist,“ sagte Jo nach kurzem Schweigen.
Frau March lächelte und begann sogleich. Sie kannte ihre jungen Zuhörerinnen, denen sie seit Jahren erzählte, und sie wusste immer etwas, das sie interessiren konnte.
„Es waren einmal vier kleine Mädchen, die hatten reichlich zu essen und zu trinken; auch an Kleidern fehlte es ihnen nicht. Sie hatten, gute Freunde und Eltern, die sie zärtlich liebten; daneben erfreuten sie sich mancher andern Segnungen, und doch waren sie nicht zufrieden.“ (Bei diesen Worten warfen sich die Zuhörerinnen verstohlene Blicke zu und begannen fleissig zu nähen.) „Diese Mädchen bestrebten sich ernstlich, gut zu sein und fassten viele vortreffliche Entschlüsse, aber leider führten sie dieselben nicht immer aus und sagten beständig: Wenn wir doch nur dies und jenes hätten!“ Wie viel Gutes sie besassen, und wie mancher Annehmlichkeiten sie sich erfreuten, vergassen sie völlig. Sie fragten also eine alte Frau, ob sie nicht einen Zauber wisse, der sie glücklich machen könne. „O ja,“ antwortete diese; „wenn ihr euch unzufrieden fühlt, so denkt über alle Segnungen nach, mit denen Gott euch überschüttet hat, und seid dankbar.“ (Hier blickte Jo rasch auf, als ob sie sprechen wollte; da sie aber merkte, dass die Geschichte noch nicht zu Ende war, schwieg sie.)
„Da sie vernünftige Mädchen waren,“ fuhr die Erzählerin fort, so beschlossen sie, ihrem Rathe zu folgen, und bald waren sie erstaunt, zu sehen, wie gut sie’s hatten. Die Eine entdeckte, dass der Reichthum nicht vor Kummer und Schande schützt; eine Andere fand, dass sie trotz ihrer Armuth durch Gesundheit, Jugend und frohen Muth weit glücklicher sei, als eine gewisse grämliche alte Dame, die sich ihres Reichthums und ihres schönen behaglichen Hauses nicht freuen konnte; eine dritte sah ein, dass, wie unangenehm es auch sein möchte, das Mittagessen besorgen zu helfen, es doch noch viel härter sei, es erbetteln zu müssen; und die vierte erkannte, dass selbst Carneolringe weniger werthvoll seien, als gutes Betragen. Sie nahmen sich also vor, nicht mehr zu klagen, das Gute, das sie befassen, zu geniessen und zu verdienen, damit es ihnen nicht noch genommen würde; und ich glaube, sie haben es nie bereut, dem Rathe der alten Frau gefolgt zu sein.“
„Wie schlau du bist, Mama, unsere eigene Geschichte gegen uns zu kehren und uns eine kleine Predigt zu halten,“ rief Margaret.
„Ich liebe diese Art von Predigten, solche hielt uns der Vater auch,“ sagte Lieschen nachdenklich, indem sie Jo’s Nadeln ordentlich auf das Kissen steckte.
„Ich klage lange nicht soviel wie die Andern, und werde mich von jetzt an noch mehr in Acht nehmen, denn Susie’s Schicksal ist eine Warnung für mich gewesen,“ sagte Amy höchst verständig.
„Die kleine Vorlesung that uns noth, und wir wollen sie nicht vergessen; sollten wir es dennoch thun, so sag nur, wie die alte Chloe in Onkel Tom „Tink ob Yer marcies, chillen, tink ob Yer marcies,“ fügte so hinzu, der selbst die kleine Predigt Gelegenheit zu einem Scherz geben musste, obgleich sie die Worte der Mutter nicht weniger zu Herzen nahm als irgend eine ihrer Schwestern.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.