Kitabı oku: «Ich bin nicht ganz dicht»
Luce Brett
Titel der englischen Originalausgabe: PMSL
Copyright © Luce Brett, 2020
Die englische Originalausgabe mit der ISBN 978-1-4729-7748-9 ist erschienen
bei Green Tree, Bloomsbury Publishing Plc, London, UK.
Verlag und Autorin haben sich um eine inklusive Sprache bemüht. Die englische Sprache kennt keine weiblichen und männlichen Formen von Substantiven, für die deutsche Übersetzung mussten daher Anpassungen vorgenommen werden.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
VAK Verlags GmbH
Eschbachstraße 5
79199 Kirchzarten
Deutschland
www.vakverlag.de
© VAK Verlags GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2021
Übersetzung: Beate Brandt
Lektorat: Nadine Britsch
Illustrationen: Jasmine Parker, Jasmineillustration.com
Layout: Richard Kiefer
Umschlag: Kathrin Steigerwald
Satz & Druck: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
Printed in Germany
ISBN: 978-3-86731-250-9 (Paperback)
ISBN: 978-3-95484-432-6 (ePub)
ISBN: 978-3-95484-434-0 (PDF)
Für alle,
die auch nicht ganz dicht sind.
„Stigma, das“
Substantiv, Neutrum
„Etwas, wodurch etwas oder jemand deutlich sichtbar in einer bestimmten, meist negativen Weise gekennzeichnet ist und sich dadurch von anderem unterscheidet.“1
Duden
„Blasenschwäche betrifft einen von drei Menschen und ist verbreiteter als Heuschnupfen.“2
World Federation for Incontinence
and Pelvic Problems
Inhaltsverzeichnis
Vorwort von Elaine Miller
Wie alles begann, oder: Wie bin ich nur hier gelandet?
Teil 1 Schwangerschaft und Geburt
Kapitel 1: Kein Blatt vor den Mund
Kapitel 2: Geburt – was man erwartet
Kapitel 3: Geburt – was man bekommt
Kapitel 4: Ab nach Hause
Kapitel 5: Sechs Wochen später
Kapitel 6: Schadensmeldung
Teil 2 Nachwehen – was ist aus mir geworden?
Kapitel 7: Depressionen
Kapitel 8: Überleben
Kapitel 9: Alkohol ist (k)eine Lösung
Kapitel 10: Auf ein Neues
Kapitel 11: Das Becken
Teil 3 Zweite Runde – Ich will es noch einmal wissen
Kapitel 12: Vorhang auf für Geburt Nr. 2
Kapitel 13: Physiotherapie
Kapitel 14: Urogynäkologie
Kapitel 15: Geschichte
Kapitel 16: Unters Messer
Teil 4 Das letzte Tabu
Kapitel 17: Töpfchentraining
Kapitel 18: So eine Scheiße
Kapitel 19: Stigma
Kapitel 20: Sex
Teil 5 Lektionen
Kapitel 21: Feminismus
Kapitel 22: Humor ist, wenn man trotzdem lacht
Kapitel 23: Männer
Kapitel 24: Ärzte und Therapeutinnen
Kapitel 25: Bewältigungsstrategien
Ende gut, alles gut – oder: Wie habe ich es bis hierhin geschafft?
Sind Sie auch nicht ganz dicht?
Keine falsche Scham: So sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt
Adressen und Hilfe bei körperlichen Problemen
Adressen und Hilfe bei seelischen Problemen
Literaturverzeichnis
Danksagung
Über die Autorin
Hinweise von Autorin und Verlag
Um die Privatsphäre von Familienmitgliedern, Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Gesundheitswesen zu schützen, bei denen ich in Behandlung war, habe ich persönliche Informationen, Daten und Details zu meinen Klinikaufenthalten teilweise verändert. Der Buchinhalt entspricht trotz dieser Anonymisierung natürlich in allen Teilen der Wahrheit und basiert auf meinen Erfahrungen und Erinnerungen.
Dieses Buch dient der Information über Möglichkeiten der Gesundheitsvorsorge. Wer diese Informationen anwendet, tut dies in eigener Verantwortung. Autorin und Verlag beabsichtigen nicht, Diagnosen zu stellen oder Therapieempfehlungen zu geben. Die vorgestellten Vorgehensweisen sind nicht als Ersatz für professionelle Behandlung bei ernsthaften Beschwerden zu verstehen.
VORWORT
VON ELAINE MILLER
Physiotherapeutin, Comedienne, Fellow-Mitglied der Chartered Society of Physiotherapists
Es gibt Fragen, die man nicht so gerne hört, etwa „Warst du auch mal hübsch, Mama?“ oder „Wer hat Sie denn eingeladen?“ Die Frage „Machen Sie in die Hose?“ stellt alle anderen aber ganz sicher in den Schatten. Das Thema Inkontinenz ist so sehr mit Tabus behaftet, dass eine Frage dieser Art wohl nur selten gestellt wird. Und wenn das Thema doch einmal aufkommt, lachen die meisten Betroffenen wohl am ehesten peinlich berührt kurz auf oder verneinen die Problematik. In meinem Fall sehen die Dinge etwas anders aus, denn als Physiotherapeutin, die auf Beckengesundheit spezialisiert ist, stelle ich diese Frage mehrmals pro Tag.
Die Statistiken zu Inkontinenz sind keine schöne Lektüre – eine von drei Frauen macht in die Hose, und rund jede Zehnte hat Probleme, den Stuhlgang zu kontrollieren.1 Das ist ganz schön schockierend, oder? Schauen Sie sich im Büro, im Bus, Ihrem Yoga-Kurs, Ihrem Zuhause um – sobald drei Frauen anwesend sind, dann denkt aller Wahrscheinlichkeit nach eine von ihnen gerade die meiste Zeit an ihre Blase und ihren Darm. Inkontinenz betrifft Frauen aller Altersstufen, Ethnien und Gesellschaftsschichten – Frauen, die keine Kinder haben ebenso wie Mütter, die von einer Geburtsverletzung betroffen sind, sportliche Frauen ebenso wie Frauen, die vorwiegend sitzen. Statistisch gesehen kann man sagen: Allein die Tatsache, eine Frau zu sein, erhöht Ihr Risiko, inkontinent zu werden.2,3,4,5,6 Ich glaube, dass wir dieses Thema stärker ins Rampenlicht rücken sollten, und deshalb war ich sofort begeistert, als Luce mir von ihren Plänen berichtete, ein Buch darüber zu schreiben.
Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass die Statistiken lügen und die Zahlen zu niedrig sind. Es ist uns peinlich und wir reden nicht darüber. Eher selten wird wohl jemand die Frage „Machen Sie in die Hose?“ laut und deutlich mit Ja beantworten.
Mich bringt so leicht nichts in Verlegenheit. Urin, Stuhl und Sex sind meine Lieblingsthemen. Der Beckenboden ist wie ein verlässliches Rechtssystem – sein Vorhandensein ist uns nicht jeden Tag bewusst, aber ohne dieses Konstrukt versinkt das Leben im Chaos. Die meisten Tage in meiner Praxis verbringe ich damit, armtief in betroffenen Frauen zu stecken und zu versuchen, ihre Kontinenz wiederherzustellen. Bevor Sie das falsch verstehen – ich liebe meine Arbeit. Mit Inkontinenz zu leben, erfordert eine Menge Planung und Organisation, und es ist großartig zu erleben, wenn Frauen das Haus wieder verlassen können, ohne eine riesige Tasche voller Wechselklamotten und einem Plan B im Gepäck. Die Geschichten, die ich in meiner Praxis über die Momente höre, in denen die schlimmsten Befürchtungen Realität wurden, sind immer wieder erschütternd. Inkontinenz kann ein ganzes Leben ruinieren.
Frustrierend ist für mich immer wieder, dass Frauen oft Jahre warten, bis sie sich Hilfe suchen. Das ärgert mich vor allem deshalb, weil Physiotherapie den meisten helfen kann. Ich fragte mich also, ob Humor ein Mittel sein könnte, mit dem Tabu und der Scham zu brechen, und so tat ich das, was auf der Hand lag – mein Hobby Stand-up-Comedy mit meiner Arbeit zu verbinden. Ich schrieb eine Nummer über den Beckenboden für einen Auftritt beim Edinburgh Fringe Festival, in dem Wissen, dass Comedy bei Gesundheitsthemen ein wunderbares Medium sein kann. Man muss lediglich darauf achten, dass das Problem selbst zur Zielscheibe des Witzes wird und nicht die Person mit dem Problem.
Auf der Internetseite Mumsnet finden sich unzählige Geschichten über Geburtsverletzungen, Prolaps (Vorfall von inneren Organen) und Hämorrhoiden. Seiten über Seiten, auf denen Frauen ehrlich über ihre Erfahrungen berichten, aufgrund der Anonymität meist mit brutaler Offenheit.
Hier stieß ich zum ersten Mal auf Luce Brett und ihren Blog über Inkontinenz. Er wirft einen umfassenden, witzigen, schonungslosen und mit Flüchen gespickten Blick auf die üblichen Abläufe in Kliniken und Praxen, und das auf absolut geniale Weise. Ihr Bericht über die einzelnen Untersuchungen fesselte mich. Ich selbst hatte diese Erfahrung noch nicht gemacht, und ich musste laut lachen über die Art und Weise, wie Ärztinnen und Ärzte die Dinge verkomplizieren. Luce war auch bereit, klar und deutlich ihre Wut und Angst zu äußern, sodass ich als Leserin komplett nachvollziehen konnte, wie sie sich fühlte, auch wenn es um schwierige Emotionen ging. Ich wollte diese geniale Frau finden und sie mir zur Freundin machen. Das tat ich dann auch, und seither haben wir unseren Beckenböden mit Lachen und Weintrinken schon so einiges zugemutet.
Es gibt nicht viele Menschen, die so für sich eintreten, wie Luce es für sich – und am Ende für uns alle – getan hat. Sie ist eine Patientin mit Fachwissen und somit laut der hierfür geltenden Definition „ausgestattet mit den Fähigkeiten, dem Selbstvertrauen und dem notwendigen Wissen, um informierte Entscheidungen über ihre eigene gesundheitliche Versorgung und den Umgang mit chronischen Erkrankungen zu treffen.“7 Das Gesundheitswesen braucht solche Patientinnen, die uns zeigen, was man besser machen kann (beispielsweise mit Fragen wie „Wo lege ich meinen Schlüpfer hin, wenn ich ihn für eine Untersuchung ausziehen muss?“) und die uns daran erinnern, auch dann Mitgefühl zu zeigen, wenn Zeit und Ressourcen knapp bemessen sind. (Ein passendes Behältnis mit einem Schild darüber sollte nicht wirklich zur Debatte stehen müssen, finden Sie nicht auch?)
Dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre für alle im Gesundheitswesen Tätigen werden. Es erinnert uns daran, dass hinter jedem Symptom ein Mensch steht. Luce erzählt auch von herausragenden Beispielen für eine gute und mitfühlende Betreuung. Wie Sie noch sehen werden, sollten wir uns alle bemühen, „ein bisschen mehr wie Carol“ zu sein.
Irgendwie ist es Luce gelungen, einer Blasendysfunktion auch eine spaßige Seite abzugewinnen. Sie hat die seltene Gabe, die Peinlichkeit und Belastung eines Lebens mit Inkontinenz mit Humor zu beschreiben, ohne dabei die Herausforderungen herunterzuspielen. Gleichzeitig verleiht sie ihrer Wut darüber Ausdruck, dass statistisch gesehen viele Frauen einer unnötig traumatisierten, deprimierenden und inaktiven Zukunft mit Inkontinenz entgegensehen.
Offenheit ist das Gegenmittel für Tabus, und ich bin mir sicher, dass dieses Buch uns dazu bringen wird, über wichtige und intime Probleme zu sprechen und die Isolation und Scham zu überwinden, die Menschen davon abhält, sich Unterstützung zu suchen.
Wenn Sie eine Blase oder einen Darm haben, dann sollten Sie dieses Buch lesen.
Elaine Miller, Januar 2020
Wie alles begann, oder:
Wie bin ich nur hier gelandet?
September 2007, Nebengebäude, Uniklinik, London
Als ich zum ersten Mal eine Physiotherapeutin für Frauengesundheit treffe, habe ich Angst. Ich bin zudem gestresst, verwirrt und komme zu spät. In meinem Kopf kreisen zahllose Fragen und Ängste, aber ich mache mir vor allem Gedanken über Sprache. Wie, frage ich mich, nenne ich meine beschädigten Körperteile? Sind Physiotherapeuten gesprächiger als Ärzte? Wenn es um die korrekten Begriffe geht, verwechsele ich vielleicht meine Vulva mit den Schamlippen und mache mich zur Idiotin, vor allem, weil ich nicht sicher bin, was wo und wie genäht wurde, wo die Narben beginnen und wo ich ende. Und wenn ich mich nicht richtig ausdrücken kann, was mache ich dann? Verfalle ich in Comic-Sprache? Werde ich womöglich vor lauter Panik platt und vulgär und beschäme beide Seiten?
Ich grübele noch darüber, als ich von einer jungen Frau mit australischem Akzent aufgerufen werde. Ich folge ihr durch einen langen Gang, vorbei an Büros, Fitnessräumen und Räumen voller Krücken. Dies ist ein Ort für Menschen, die echte gesundheitliche Probleme haben. Der Raum meiner Begleiterin ist frei von Krücken. Es gibt ein Waschbecken, eine Liege, einen Schreibtisch mit Stühlen und ein anatomisches Poster an der Wand. Auf dem Poster sieht man in Seitenansicht, wie ein Baby aus dem Geburtskanal austritt. Es flutscht einfach so heraus, ohne Blut oder größere Probleme.
Sie fragt mich nach meiner Erfahrung mit der Geburt und ich rezitiere die Highlights wie ein Gedicht, das ich für die Schule auswendig gelernt habe. Ich bin mittlerweile geübt darin, alles in chronologischer Reihenfolge aufzulisten und weiß genau, welche Fakten Mediziner zuerst hören wollen: erste Schwangerschaft, erstes Baby, voll ausgetragen, Lebendgeburt, Spontangeburt, keine vorherige Inkontinenz. Ich höre mich an wie ein Roboter, aber ich kann es mir einfach nicht erlauben, jetzt emotional zu werden.
Die Haut der Therapeutin, die in den Zwanzigern sein muss, ist glatt und strahlend. Trotzdem glaube ich, dass sie erfahren ist. Wie aufs Stichwort nickt und seufzt sie und hebt die Augenbrauen. Ich schaue nicht zu genau hin, für den Fall, dass sie nett und mitfühlend ist, und erzähle meine Geschichte lieber dem staubigen Plastikmodell einer Hüfte, das in ihrem Regal steht.
Sie fragt nach Situationen, in denen ich den Urin nicht halten kann – meine erste Hausaufgabe im Fach Inkontinenz. Ich zähle auf: gehen, laufen, strecken, husten, niesen, ein Baby hochnehmen, pupsen, rufen, weinen, stehen, große Schritte machen, in den Bus einsteigen, Gymnastik machen, Treppen steigen …
Ich schaue auf und sehe, wie sie mich anstarrt. Spätestens beim Pupsen hatte ich ihre volle Aufmerksamkeit.
Es ist so unglaublich intim, dass mir erst kurz vor der Untersuchung, als ich schon mit nacktem Unterkörper und aufgestellten Knien auf der Papierunterlage liege, bewusst wird, dass ich nicht einmal weiß, wie sie heißt.
Irgendwie fühlt es sich nicht nach dem richtigen Moment an, nach ihrem Namen zu fragen.
„Jetzt wird es ein wenig kalt …“, sagt sie und legt los. Ihre Hand ist zum Pfadfindergruß geformt und fühlt sich durch die Handschuhe und das Gleitmittel kalt und glitschig an. Sie hat „Übungen“ für mich, die ich machen soll. Anheben und Zusammendrücken. Für einen längeren oder kürzeren Moment soll ich ihre Finger mit dem Beckenboden umfassen. Ich kann ihre Fingerknöchel spüren, muss mich aber unheimlich konzentrieren, um sie zusammenzudrücken und wie angewiesen in den Griff zu bekommen, vor allem, weil ich gleichzeitig versuche, auch ihrem anderen Rat zu folgen: „Sie müssen sich nicht schämen, Luce.“
Ich entschuldige mich. Ich möchte alles richtig machen, obwohl ich kaum glauben kann, was mir da gerade passiert. In den Baby-Büchern gibt es kein Kapitel über den passenden Smalltalk, während eine fremde Hand in dir steckt.
„Versuchen Sie sich zu entspannen“, sagt sie, während ich versuche zu ignorieren, dass sie gerade meinen Analreflex geprüft hat und ich spürbar zusammengezuckt bin. Ich sollte das Wort „anal“ nicht so schrecklich finden, ich bin schließlich erwachsen. Aber ich bin auch am Limit. Die vergangenen Wochen waren eine wilde Mischung aus Schock, Erschöpfung, gruseligen Ammenmärchen und Erniedrigung, und ich wünsche mir derzeit vor allem eins: einen Reset-Knopf. Ich möchte mein Leben bis zu dem Moment zurückspulen, in dem ich Mutter wurde. Oder vielleicht zu dem Moment kurz danach, als ich sauber gewaschen im Krankenhausbett lag. Stattdessen liege ich nun hier.
Ich konzentriere mich auf das Baby auf dem Poster. Seine Augen sind geschlossen und es gleitet wie ein kleiner Frosch aus seiner Mutter heraus. Ich bin nervös und gereizt zugleich. Aber ich bin auch von Natur aus fügsam und leicht zu motivieren.
„Wer A sagt, muss auch B sagen“, denke ich und presse und halte und presse und halte, während sie die Sekunden zählt. Ich kann das schaffen. Ich bin eine erwachsene Frau und sie ist nicht die Erste, die meine malträtierte Muschi auf Schäden untersucht. Und vielleicht kann diese junge Frau in ihrem sportlichen Poloshirt mir im Gegensatz zu allen anderen praktische Hilfe bieten. Speziell in punkto Anspannen und Halten.
Meine Gedanken wandern zu meinem Baby, das im Warteraum bei einer Freundin ist. Täglich entfaltet und öffnet mein kleiner Sohn sich mehr, wie ein kleiner Kohlkopf. Er schläft mit weit ausgebreiteten Armen, ein pummeliger Jesus mit neugierigen schwarzen Augen. Beim Gedanken an ihn spüre ich die Milch einschießen. Aber dann blendet mich plötzlich die Sonne, die durch das Fenster fällt, und das gute Gefühl verschwindet jäh. Fenster erinnern mich an den Kreißsaal. Sie machen mir Angst und lösen unangenehme Gefühle aus.
Ich schließe erneut die Augen und reiße mich mit ausgebreiteten Beinen zusammen. Die Physiotherapeutin bittet mich, jetzt ganz fest zuzudrücken. Aus ihrem Mund tönt es: „Halten, halten, halten.“
Ich kann nicht so richtig fühlen, was ich da mache, aber ich lerne schnell, und was mir an Technik fehlt, mache ich durch Willenskraft und Begeisterung wett. Und Angst. Sie hat immer noch die Hand in mir, und ich möchte sie nicht verärgern. Ich drücke und presse und ziehe und halte. Ich liefere eine echte Glanzleistung ab. Ich möchte eine erstklassige Patientin sein, fast so sehr, wie ich wieder ganz ich selbst sein will.
Und dann ist es vorbei.
„Ziehen Sie sich bitte an, dann reden wir über das Ergebnis“, sagt sie und zieht die Handschuhe aus.
Wir tauschen ein paar Nettigkeiten aus, während ich mich anziehe und mit Papierhandtüchern abwische. Es gab nichts, wo ich meine Sachen hätte aufhängen können, also hatte ich sie einfach zusammengeknüllt und zu einem Ball gerollt, aus Angst, sie könne die Einlage in meiner Unterhose sehen. Sie fragt mich, was ich heute noch vorhabe. Die ehrliche Antwort lautet, dass ich den Nachmittag wahrscheinlich damit verbringen werde, mit meinem Sohn unter dem Esstisch zu liegen. Er scheint lieber in Ecken zu starren als auf seinen nagelneuen Spielbogen, und ich mag es dort, weil es kühl und dunkel ist und wir zwei für uns sind. Aber das kann ich ihr nicht erzählen, weil es doch ein wenig gestört klingen könnte.
Dennoch tut das Geplauder seine Wirkung. Es nimmt mir das Gefühl der Erniedrigung, und ich fühle mich fast normal. Deshalb bin ich auf den folgenden Satz nicht vorbereitet.
Kein Getue, keine Vorwarnung. Sie gibt „allen ihren Frauen“ eine Note von eins bis fünf für die Stärke ihres Beckenbodens. Auf der Grundlage dessen, was sie bei einer Frau erwarten würde, bei der die Geburt sechs Wochen zurückliegt, ordnet sie mich, bei der schon nahezu drei Monate seit der Geburt vergangen sind, auf der Skala bei minus drei ein.
„LECK MICH AM ARSCH“, denke ich. MINUS DREI? Ich wusste nicht, dass es ein Test war. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich mich vorbereitet. Ich bekomme keine Minus-Noten. Mein Foto war beim Schulabschluss in der Zeitung. Ich will den Test noch einmal machen und die Bestnote erreichen.
Was ich tatsächlich sage, ist noch schlimmer. Ich stottere so etwas wie: „Nein. Bitte. Ich kann das besser. Bitte … Schreiben Sie das etwa auf? Oh Gott. Bitte schreiben Sie das nicht auf. Wirklich, wir bekommen das hin.“
Und dann höre ich mich sagen: „Was bedeutet fünf? Wie bekomme ich eine Fünf?“
Ich denke nicht einmal darüber nach, wie es sich anfühlt, „eine ihrer Frauen“ zu sein. Ein Mitglied des exklusiven Klubs von Frauen, die sich in die Hose pinkeln. Ich möchte keine schlechte Verliererin sein, aber minus drei klingt katastrophal und suggeriert ganz klar, dass ich es entweder nicht draufhabe oder mich nicht ausreichend angestrengt habe.
Sie spürt meine Angst und überschüttet mich mit aufmunternden Worten. Es gibt so viel, was wir machen können. Ich bin noch jung, erst 30, und das ist großartig, das Spiel ist noch nicht vorbei.
„Die Jüngste im Wartezimmer zu sein, hat sich in diesem Fall nicht so toll angefühlt“, denke ich, während sie weiterredet.
Die Bewertung ist nur eine Basis, und nein, ich bin nicht unwiderruflich kaputt da unten, und, keine Sorge, es bedeutet auch nicht, dass ich kein zweites Kind bekommen kann. Den letzten Satz äußert sie so beiläufig, dass ich nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll. Ich habe das Gefühl, froh sein zu müssen, dass ich wahrscheinlich noch mehr Kinder bekommen kann. Aber es alarmiert mich, dass das überhaupt fraglich war. Womöglich habe ich doch ein echtes Problem?
Ich strahle sie an, bemüht, meine Erleichterung zu zeigen. Hurra! Noch mehr Babys! Und spüre, wie mir das Lächeln im Gesicht einfriert und die Tränen kommen. Ich würde ja versuchen, sie mit einem Husten zu überspielen, aber ich habe gerade meine Leggings angezogen und möchte mir nicht schon wieder in die Hose machen.
„Nun, es könnte wohl schlimmer sein“, sage ich, und schäme mich wegen des leichten Zitterns in meiner Stimme.
Sie schaut mich an und seufzt, als täte es ihr dieser ganze Schlamassel unendlich leid. Dass es da unten so katastrophal bei mir aussieht. Vielleicht ahnt sie, wie es sich anfühlt, wieder hier zu sein, nur ein paar Flure entfernt vom Ort des grausigen Geschehens, wenn ich doch eigentlich beim Babymassagekurs sein sollte. Dieser Anflug von Mitgefühl ist das Schlimmste. Ich fühle mich schutzloser als in dem Moment, als ich nackt auf der Liege lag. Es scheint, als könne sie genau sehen, wie zerbrechlich ich bin in meinem Still-BH, mit den ungewaschenen Haaren und einem Make-up, das nicht mehr zu meinem Gesicht passt.
Sie fügt hinzu, dass ich „30 Prozent Gefühl“ habe. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Sie klingt hoffnungsvoll, doch ich höre schon gar nicht mehr so genau zu.
Sie erzählt etwas von „konservativen Maßnahmen“ und „Beckenbodenübungen“. Über Operationen müssen wir uns noch keine Gedanken machen. Wir können mit dem „Blasentraining“ beginnen, sobald ich mein „Blasentagebuch“ geführt habe.
Ich erhalte einige Infobroschüren. Auf allen steht dick und fett „Blase“. Beim Überfliegen bleibe ich an einigen Worten hängen: trinken, messen, aufzeichnen. Gleichzeitig höre ich sie von Routine, Biofeedback, Ordnung, Aufzug und Ampel reden. Nichts davon ergibt einen Sinn.
Mit schwirren tausend Fragen im Kopf herum, aber ich kann sie nicht stellen. Sie rutschen mir immer wieder durch die Finger. Ich sollte eigentlich ganz woanders sein und meinen Mutterschaftsurlaub genießen, nachdem die Nähte verheilt sind und diese verrückte und schlimme Geburt endlich vorbei ist. Ich hole tief Luft und versuche, gegen die aufkommende Panik anzuatmen. Ich will ihr sagen, dass ich für all diesen Mist keine Zeit habe, dass ich viel zu jung dafür bin. Und selbst wenn da unten alles kaputt sein sollte, habe ich derzeit ganz andere Prioritäten – ich muss schließlich eine neue Identität entwickeln, 10 kg abnehmen und einen kleinen Menschen großziehen.
Aber natürlich kann sie nichts dafür, also tue ich das Einzige, zu dem ich gerade in der Lage bin: Ich setze mein nettestes Lächeln auf, binde mir die Strickjacke um die Hüfte und tue so, als würde mir all das nichts ausmachen. Als gingen mir die Worte „inkontinent“, „vaginal“ und „Riss“ leicht über die Lippen und als wüsste ich genau, was die richtige Tena-Lady-Größe für mich ist.
Ich beschließe, mich bei ihr für ihre Zeit zu bedanken und strecke ihr die Hand entgegen. Aber irgendwie greifen wir aneinander vorbei. Die alltägliche Berührung fühlt sich merkwürdig, unwirklich und falsch an, und nun schäme ich mich wirklich. Aber ich rette die Situation. Ich sage ihr, dass ich mein Tagebuch führen und meine Übungen machen werde. Schauen Sie! Ich habe „3 x 10“ auf meine Broschüren geschrieben, um es ja nicht zu vergessen. Nächste Woche werde ich wieder hier antreten, mit meinem neuen und tapferen Ich. Ich salutiere beinahe.
Als sich die Tür hinter mir schließt, schaue ich auf den blaugrauen Vinylboden und beiße mir auf die Lippe, aber es ist bereits zu spät. Tränen quellen aus meinen Augen und fließen meine Wangen hinunter. Ich kann sie nicht aufhalten, aber ich kann es auch nicht ertragen, dass mich jetzt jemand weinen sieht. Für heute kann ich kein Mitgefühl mehr ertragen. Also suche ich nach der nächsten Toilette. Ich laufe schneller, als ich es seit Langem getan habe. Das war, bevor ich schwanger und unförmig wurde, und es fühlt sich an wie ein anderes Leben. Ich stürme in die Kabine und ignoriere die Urinspur, die ich hinter mir herziehe, und meine nassen Socken und Schuhe.
„Wie zum Teufel bin ich nur hier gelandet?“, denke ich, während ich langsam an der Wand nach unten gleite und auf den Boden sinke. „Und was zum Henker soll nur aus mir werden?“
TEIL 1
Kapitel 1
Kein Blatt vor den Mund
Das Leben verläuft nicht immer so, wie wir es erwarten. Als ich mein erstes Kind zur Welt brachte, kam in den sozialen Medien gerade das Phänomen des „Sharenting“ auf, des Veröffentlichens von Bildern und Informationen über den eigenen Nachwuchs im Internet. Obwohl im Jahr 2007 weder Microblogging noch Fotofilter ein Thema waren, gab es doch zunehmend die Erwartung, dass wir alle ein Leben führen konnten (und sollten), was man auch mit aller Welt teilen konnte. Fotografische Einblicke sollten belegen, dass wir es in jedem Lebensbereich echt draufhatten.
Meine erste Geburtserfahrung passte nicht so ganz in dieses Schema. Mein Körper und mein Verstand stellten ihre Funktion ein, und das zu einem Zeitpunkt, an dem sie eigentlich ihre volle Blüte hätten erreichen sollten. Ich verließ die Neugeborenen-Station im reifen Alter von 30 Jahren mit einer Reihe von Inkontinenzproblemen, die sich in den darauffolgenden 10 Jahren zu einem epischen Drama auswachsen sollten. Der Zusammenbruch meines Entsorgungssystems wurde von einer Kombination aus relativ normalen, aber bleibende Schäden hinterlassenden Verletzungen, Pech und einer vererbten körperlichen Überbeweglichkeit verursacht, die ich immer für eine gute Sache gehalten hatte. Die Tatsache, dass ich als Teenager einen Spagat beherrschte, bedeutete einfach, dass meine Muskeln und Bänder sich leicht überdehnen ließen – vor allem die in meinem Beckenboden, die dafür sorgen, dass im Bauchraum alles an Ort und Stelle bleibt. Nach der Geburt war ich auch mental angeschlagen. Ich erlebte aus erster Hand, warum Inkontinenz zu den letzten medizinischen Tabus zählt – und zu den hartnäckigsten.
In einer Gesellschaft, die die Anzeichen des Alters ebenso fürchtet wie das Altern selbst und sich gerne bewertend und scharfzüngig auf Schwächen und Fehlbarkeiten stürzt, ist kein Platz für das Thema Inkontinenz. Inkontinenz hält uns den Spiegel unserer Ängste vor und macht uns bewusst, dass der körperliche Verfall uns allen droht, und mit ihm die öffentliche Beschämung.
Von Inkontinenz sind mehr Frauen betroffen als Männer – ein weiterer Grund, weshalb das Thema nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient hat. Und es gibt die mehr oder weniger offen geäußerte Ansicht, dass Inkontinenz einfach zum Frausein dazugehört und jeder weibliche Körper früher oder später davon betroffen ist. Sei es aus Unwissenheit oder Streitlust – Mediziner, und auch viele Frauen, halten an der alten Lüge fest, dass Inkontinenz Teil des Älterwerdens ist. Etwas, mit dem Frauen sich einfach abfinden müssen – wie mit Falten oder mit Männern, die uns die Welt erklären.
Es ist im Übrigen ein weltweites Phänomen, das eine Lawine von Kummer, Verzweiflung und Vernachlässigung nach sich zieht. Inkontinenz ist so stigmatisiert, dass die Betroffenen oft keine Stimme haben und an den Rand der Gesellschaft gedrückt oder ignoriert werden. Sie tragen schwer an ihrer Scham und denken häufig, sie hätten keine Behandlung verdient. Laut Forschungen des National Childbirth Trust aus dem Jahr 2016 schämten sich 38 Prozent der Britinnen mit Inkontinenz zu sehr, um sich einer medizinischen Fachkraft anzuvertrauen.1 Manche reden nicht einmal mit dem Partner oder der besten Freundin darüber.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was mit mir passiert war. Ich musste mir die ganze Geschichte wie ein Mosaik aus Krankenhausbriefen, Blogs, Erinnerungen, Arztberichten, hastig gekrakelten Notizen zu Beratungsstellen und gemeinnützigen Vereinen, Medienberichten, medizinischen Forschungsbeiträgen und Aufklärungskampagnen zusammensetzen.
Ich fand jede Menge Informationen darüber, dass Betroffene sich Hilfe suchen sollten und diese auch bekommen würden. Seltener fand ich Berichte, in denen Betroffene ihre eigenen Erfahrungen schilderten oder offen über den Schmerz und das Chaos, die Kosten und die Absurdität des Ganzen sprachen.
Genau das versuche ich nun mit diesem Buch zu tun. Es enthält Momentaufnahmen aus dem vergangenen Jahrzehnt und schildert mein Denken und meine Erfahrungen in einer Zeit, in der meine intimsten Funktionen mehr als einmal für Peinlichkeiten sorgten. Ein Jahrzehnt, in dem ich verzweifelt darauf hoffte, mit diesen Problemen nicht alleine dazustehen. Ich fragte mich, ob auch andere Angst vor den Behandlungen hatten und sich Gedanken um die Auswirkungen auf sie selbst, ihre Kinder und ihr Liebesleben machten.
In die Vergangenheit einzutauchen, war nicht immer leicht. Wie viele Frauen, die eine traumatische Geburt durchlebten, hatte ich Flashbacks. Die plötzlich aufblitzenden Erinnerungen betrafen weniger die Geburt selbst, sondern das, was danach kam. Meine erste (und bei Weitem nicht letzte) Erfahrung, als Erwachsene in einer Pfütze meines eigenen Pipis zu stehen. Ein Samstagmorgen im Hochsommer, als das grelle Sonnenlicht erbarmungslos auf meine Verletzungen schien und das Wasser der Dusche weder das Blut verbergen konnte, das an meinen Beinen herunterlief, noch die wachsende Urinlache zu meinen Füßen.
Ich stand wie gelähmt da und schaute zu. Was war noch übrig von mir in diesem Körper einer „jungen Mutter“? Was genau war kaputt gegangen? Hatte ich das Schicksal irgendwie herausgefordert, indem ich der Geburt leichten Herzens und mit viel Optimismus entgegengesehen hatte? Weil ich nicht wusste, was mich erwartete?
In nur einer Stunde mit Presswehen hatte ich mich von einer gesunden jungen Frau in eine klapprige, undichte Totalkatastrophe verwandelt, und ich hatte viel mehr verloren als nur die Elastizität oder eine glatte Haut. Mir war mein inneres Gleichgewicht abhandengekommen. Erschüttert durch den Schock, den mein Körper erlitten hatte, erhielt ich zusätzlich die Diagnose einer Wochenbettdepression und den Stempel „traumatisiert“. Einige Ärzte sprachen sogar von einer posttraumatischen Belastungsstörung.
Es gibt von diesem Morgen nur ein einziges Foto, das nichts davon anklingen lässt. Auf dem wir das Blut und die Nähte weggeschnitten haben und drei Gesichter in die Kamera starren. Auf dem Schwarzweißfoto, behaupten nette Menschen, sehen ich, mein Ehemann und das Baby ganz reizend aus, aber der panische Blick in meinen Augen lässt sich nicht leugnen. Die einzige Person, die jemals die Farbvariante zu Gesicht bekam, meinte nur: „Verbrenn es, meine Liebe, DU SIEHST AUS, ALS WÄRST DU TAUSEND JAHRE ALT.“
Der größere Schock war jedoch die Erkenntnis, dass unabhängig davon, wie sehr man es bräuchte, die Zeit niemals auch nur einen Moment stillsteht, damit man ein schwieriges Erlebnis in Ruhe verarbeiten kann. Das Leben hat seine eigene Vorstellung, vor allem, wenn es um Geburten geht. Es ist die heftigste Lektion für alle Gebärenden: Die Welt dreht sich auch ohne unser Zutun in schwindelerregender Geschwindigkeit weiter, und unsere Babys wachsen und haben Bedürfnisse, ganz egal, wo uns gerade der Kopf steht.
Und was ich lesen konnte zur kulturellen und historischen Sicht auf Geburtsverletzungen und Inkontinenz, hat mich ebenfalls wütend gemacht. Warum ertragen Frauen das so lange schon klaglos? Obwohl das Ganze wahrscheinlich schon seit der Zeit abläuft, als Eva oder eine ihrer Töchter den ersten Dammriss 3. Grades hatte (oder Schlimmeres) und das Problem ohne Kegel-Übungen (erste Beschreibungen stammen aus dem Jahr 1948)2 oder einen Wäschetrockner in den Griff bekommen musste. Oder seit den Zeiten, in denen jemand zum ersten Mal betrunken war oder alt, in oder nach den Wechseljahren, verletzt oder krank, was einen Großteil der Themen des Alten Testaments recht gut zusammenfasst.
Warum sind nicht schon mehr Menschen an der Last und Einsamkeit der Verkörperung eines Tabus zerbrochen? Wann immer ich das Thema angesprochen habe, berichteten Frauen mir von ihren eigenen Erfahrungen oder denen ihrer Mütter, Großmütter oder Tanten. Einige davon mögen durchaus Stellvertretergeschichten gewesen sein, frei nach dem Motto: „Ich frage für einen Freund.“ Aber ich konnte die Wahrheit heraushören. Es gibt eine Menge Inkontinenzgeschichten da draußen, aber sie werden nur im Flüsterton erzählt, hinter grobem Humor versteckt, wie in Witzen über Einlagen und Trampoline, oder in den lustigen Grimassen, die wir bei Beckenbodenübungen schneiden.
Es gibt ein britisches Lagerfeuerlied mit dem Titel „Seven Old Ladies“, eine grobe Parodie einer Ballade aus dem 18. Jahrhundert. Es ist vor allem für seine erste Zeile bekannt – Oh dear what can the matter be? Seven old ladies stuck in the lavatory – und beschreibt eine Reihe von bedauernswerten Frauen, die auf der Toilette feststecken. Es gibt hundert Varianten dieser Verse, aber die Inkontinenz kommt mehrfach vor, ausgedrückt durch die kleine Miss Murry, die sich beeilt, es aber nicht rechtzeitig schafft, oder Miss Moore, die nicht mehr warten kann und sich in die Hose macht. Es scheint, als seien Frauen mit Toilettenproblemen ein uraltes Thema, ein Teil der Kultur, und dennoch bleibt Inkontinenz ein belastendes und irritierendes Leiden. Nette Scherze übertünchen das echte Problem – Stigmata, die aus den Rissen im Lack der Zivilisation hervorquellen und unsere Definition in Frage stellen, wie ein Körper aussehen und funktionieren sollte.
Es gibt Hilfe. Physiotherapeutinnen, Ärzte und Spezialistinnen können einen sicheren Ort bieten, an dem sich niemand wie eine Idiotin oder Nervensäge vorkommen muss, und sie können gute Ergebnisse erzielen. Leider ist das gesellschaftliche Tabu so groß, dass die meisten Leute nicht einmal hingehen. Nur weil man sagt, dass es in Ordnung ist, sich Hilfe zu suchen, ist ein Teil der Wahrheit dennoch, dass Inkontinenz bitter ist und die meisten Menschen denken, dass nur müffelnde alte Damen und gesellschaftliche Außenseiter davon betroffen sind.
Das ist der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe: Aus Wut über all die Mythen und die Frauenfeindlichkeit und in der Hoffnung, dass sich einige in dem Wissen, dass sie nicht alleine sind, weniger schlecht fühlen und Hilfe in Anspruch nehmen. Es ist mir wichtig, zu zeigen, dass Inkontinenz in der Regel behoben werden kann, und dass selbst in den Fällen, in denen dies nicht vollständig gelingt, ein gutes Leben möglich ist. Und dass es wirtschaftliche Vorteile hat, wenn wir inkontinenten Menschen helfen, ihre Blasenfunktion wieder in Ordnung zu bringen. Wir müssen alle erwachsen werden und vernünftig darüber sprechen, denn nur das ist angemessen, und es könnte das Leben von Millionen Menschen verbessern, meines eingeschlossen.
Menschen fragen mich häufig, ob es mir schon immer so leichtgefallen ist, über dieses Thema zu reden. Schön wär’s. Ich hatte keine andere Wahl. Mein dreißigjähriges Ich, das durchaus bereit war, eine halbe Fußballmannschaft in die Welt zu setzen, wäre eher im Boden versunken, als in der Öffentlichkeit zu pupsen. Mein vierzigjähriges gebrochenes Ich musste einen Weg finden, mit dem Risiko zu leben.
Körperfunktionen zu erwähnen, galt in der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, als unhöflich. Nicht nur in meiner Familie, sondern praktisch überall. Es wurden klare Grenzen zwischen den Geschlechtern gezogen. Sperma und kleine Jungs, die in der Öffentlichkeit pinkelten, waren witzig. Mädchen durften sich höchstens gut versteckt hinter Büschen zum Pinkeln niederlassen, über andere Ausscheidungen wurde gar nicht gesprochen. Periodenblut erschien in Anzeigen als blaue Flüssigkeit und die Puppen von Tiny Tears™ lehrten eine ganze Generation, dass die Körperfunktionen eines Mädchens unsichtbar sein sollten. Wir durften die Plackerei des Elterndaseins auf uns nehmen, aber sollten darauf achten, dass aus unseren kleinen Löchern nicht mehr als nur gelegentlich ein wenig Wasser floss.
(Un)reinen Tisch zu machen und öffentlich über meinen lädierten Intimbereich zu reden, war so nicht geplant. Ich wurde mit einer feministischen Weltsicht geboren, aber nicht mit absoluter Schamlosigkeit. Ich musste meine Schutzschicht und mein „Draufgängertum“ von Grund auf neu aufbauen. Es begann im Babygeschäft Mothercare. Ich war so gestresst, dass ich ein einziges Leck war – das Gesicht tränenüberströmt, die Füße in einer Urinlache und mit einem Still-BH, der schon anfing, nach Joghurt zu riechen.
Spätsommer 2007, ein großes Geschäft für Babybedarf
Ich bin bei Mothercare. Ich bin nicht hier, um Babyschühchen oder Söckchen oder einen Kinderwagen zu kaufen. Diese aufregenden Momente habe ich schon hinter mir. Ich bin hier, weil ich mich vage zu erinnern glaube, dass sie eine ganze Abteilung mit Dingen haben, die Müttern helfen, all ihre Lecks zu meistern – von herausschießender Muttermilch bis hin zu postnatalen Blutungen und dem, was ich gerade wirklich brauche: eine Lösung dafür, dass ich mir aufgrund meiner Probleme unter der Gürtellinie jedes Mal meine Hose ruiniere, wenn ich den Kinderwagen über die Bordsteinkante schiebe.
Man hat mir gesagt, dass ich ein Problem mit dem Beckenboden habe, und es bereitet mir ziemliches Kopfzerbrechen. Ich habe Überweisungsscheine in meiner Tasche für Gespräche mit einem Spezialisten für Geburtstraumata und ich habe Termine für Physiotherapie-Sitzungen. Ich habe das Gefühl, schrecklich abstoßend zu sein. Es ist anstrengend und peinlich, dass ich immer befürchten muss, in die Hose zu machen, wenn ich mein Baby in einem Tuch trage oder irgendeines dieser Dinge tue, die Mütter eben tun.
Ich habe versucht, mir mit den Monatsbinden zu behelfen, die während meiner Schwangerschaft im Badezimmerschrank Staub angesetzt haben, musste aber feststellen, dass sie schlecht mit Urin umgehen können, denn dieser tropft nicht stetig wie Monatsblut, sondern tritt stark und schnell aus, wenn die Schleusen erst einmal geöffnet sind. Und durchgeweichte Monatsbinden neigen dazu, auf der Haut zu scheuern oder sich aufzulösen.
Ich schiebe meinen Sohn durch die Gänge, vorbei an Kinderkleidung, Turnschuhen und Sonnenhüten, Still-BHs und Kinderkostümen, und mache mir selbst vor, dass ich damit umgehen kann – bis ich zu den Töpfchen und Babytüchern komme. Sie weisen darauf hin, dass wir uns der richtigen Abteilung nähern: dem Gang der Scham, in dem allem geheiligt wird, was Saugkraft hat. Die Regale sind vollgestopft mit Plastikverpackungen in beruhigenden Blau- und Grüntönen, mit Tränen, die für die Urinmenge stehen und großen fetten Buchstaben, die laut davon tönen, wie diskret die Produkte doch sind und wie gut sie Gerüche überdecken.
Es gibt Kartons mit Unterwäsche für Inkontinenz, Auflagen fürs Bett und riesige Binden für die erste Zeit nach der Geburt, die sich verschämt neben den Windeln verstecken. Ich bin blutige Anfängerin auf diesem Gebiet. Mir war nicht bewusst, dass es so viele Arten von Windeln gibt, in jeder vorstellbaren Größe und Form, für Mädchen und für Jungen, zum Schwimmen und zum Schlafen, zum leichten Ausziehen für das Töpfchentraining – und für nutzlose kaputte Abwasserrohre wie bei mir.
Ich denke: „Windeln, Windeln, überall, sogar welche für mich“, und breche unvermittelt in Tränen aus. Mir wird so langsam bewusst, dass dieser beschämende Schlamassel kein kurzzeitiges Problem ist. Ich werde diese Einlagen brauchen, wahrscheinlich auch eine neue Matratze, und eine Methode, die mich davor bewahrt, jemals wieder zu weinen, denn während ich dort stehe, wird mehr als deutlich, dass alles, was über den kleinsten Schluchzer hinausgeht, umgehend eine nasse Unterhose nach sich zieht.
Ich bleibe regungslos stehen und hoffe, dass meine Jeans genügend aufsaugen wird, um meine Würde zu wahren. Auch wenn ich an nichts glaube, bete ich, dass ich es schaffe, den Laden zu verlassen, ohne irgendwelche Bekannte zu treffen. Dass ich es schaffe, zu fliehen, ohne eine Pfütze auf dem Boden zu hinterlassen.
Am liebsten würde ich aufheulen. Es ist einfach nicht fair. Die mit Inkontinenz verbundenen Utensilien sind teuer und unbequem. Außerdem lebe ich in der permanenten Angst vor Missgeschicken in der Öffentlichkeit, die mein Problem für jeden sichtbar machen könnten. Ich scheue mich auch davor, meiner größten Angst ins Auge zu blicken, nämlich dass es nun für immer so bleiben wird und ich alle Marken durchprobieren und herausfinden muss, mit welcher ich wohl am besten zurechtkomme.
Aber es hilft nichts, ich muss das Problem angehen. Ich rufe meine Mutter an. Ihr Besuch war bereits angekündigt und sie hat mir zuvor schon Tampons und Binden besorgt.
Eine Woche später ist der Vorrat bereits aufgebraucht – kein gutes Zeichen. Ich habe immer noch Panik, selbst einkaufen zu gehen (und dass Mothercare mir eine Rechnung schickt, wenn ich eine Pfütze im Laden hinterlasse). Also muss mein Mann ran.
Drei Gehminuten von zu Hause und drei Millionen Lichtjahre außerhalb seiner Komfortzone wird eine kleine Apotheke zu unserer Retterin in der Not. Der ältliche Apotheker steht dem übermüdeten jungen Mann, der mit einem vollkommen neuen Universum voller Stigmata konfrontiert ist, hilfreich zur Seite. Gemeinsam durchforsten sie die gesamte Palette an Windeln für Erwachsene, und mein Mann wird zum Experten. Der Apotheker ist freundlich und tut so, als wüsste er nicht, wer ich bin, auch wenn das, was ich über die Jahre hinweg verschrieben bekomme (an Antidepressiva und Inkontinenzhilfen) immer peinlicher wird. Sanft dirigiert er meinen Mann zu den richtigen Produkten. Ich weiß nicht, wer von uns mehr erleichtert ist, als wir die Möglichkeit des Online-Shoppings entdecken. Es war ein weiterer Rettungsanker.
Ich würde gerne behaupten, dass ich unrealistische Vorstellungen über Körper und Geburten hinter mir lassen konnte und mich weigerte, verschämt über ein Leiden zu schweigen, dessen Name Bilder von Unmoral, Exzessen und Kontrollverlust heraufbeschwört. Dass ich meinen Urinfluss ohne Probleme als „stark“ einstufte und es keineswegs ironisch fand, meine Inkontinenz-Produkte und die Windeln meines Babys in den gleichen Einkaufswagen zu packen. Aber das wäre gelogen. Tatsächlich brach ich angesichts des ganzen Schlamassels zusammen, wurde wieder zum Kind und ließ jemand anderen meine Windeln kaufen.
Es mag komplett lächerlich anmuten, gleich an der ersten Hürde, meinem Missgeschick im Babyfachgeschäft, zu scheitern, aber es zeigt vielleicht auch deutlich, dass die Urangst davor, vor anderen gedemütigt zu werden, uns ein Leben lang begleitet. Alle erinnern sich an das Mädchen in der Grundschule, das sich nicht traute, die Hand zu heben und unter dessen Stuhl sich eine bernsteinfarbene Pfütze sammelte. Dieses Bild als Erwachsene wieder aufleben lassen zu müssen, mitten in einem Laden, trat bei mir eine Lawine des Selbsthasses los. Ich war bei der Geburt nicht gut genug gewesen. Ich wurde dafür bestraft, dass ich eine verschwitzte Katastrophe war, zu selten Yoga machte und keine positiven Gedanken pflegte. Es war der Wahnsinn, der da in mir sprach – und die Konditionierung.
Seit Jahrtausenden wird uns Frauen erzählt, dass das, was wir „da unten“ haben, eklig ist und wir besser nicht darüber reden sollten. Außerdem werden Männer und Frauen, die den Abgang von Urin und Stuhl nicht kontrollieren können, oft auf brutale Weise lächerlich gemacht und in eine Außenseiterrolle gedrängt – obwohl wir alle wissen, dass Körper Schäden erleiden können und Inkontinenz weit verbreitet ist.
Es ist schwer zu verstehen, warum ein Leiden, das so häufig auftritt und so schwerwiegende Folgen hat, nicht mit mehr Ernst und Güte behandelt wird. Selbst wenn darüber gesprochen wird, kommen wir meist nicht über blöde Witze und Ängste hinaus. Beide verzerren das Bild und führen dazu, dass Patientinnen und Patienten keine sinnvollen Entscheidungen über ihre Behandlung treffen.
Ich habe mich auf die Suche nach den Ursachen gemacht. Ich wollte herausfinden, was es in meinen frühesten Erfahrungen – oder unser aller frühkindlichen Erfahrungen – gibt, das uns in dem Denken des kleinen Mädchens gefangen hält und in dem Glauben, dass wir nichts Besseres verdient hätten, als mit einer Art knarzender Matratze zwischen den Beinen herumzulaufen und Jeans, die schon nach kurzem Tragen wieder gewaschen werden müssen.
Es muss einige Gemeinsamkeiten geben, die den perfekten Sturm aus Scham und Verwirrung rund um das Thema Inkontinenz erschaffen haben. Irgendetwas in uns hat uns an den Punkt geführt, an dem ein häufig heilbares Problem schweigend und leidvoll erduldet wird. Ich war einsam, doch ich war nie alleine. Die Statistik sagt: Eine von drei Frauen erlebt Inkontinenz in ihrem Leben, aber viele Tausende versuchen nicht einmal, eine Behandlung zu bekommen. Und selbst diejenigen, die sich darum kümmern, brauchen häufig einen jahrelangen Anlauf. Dass man sich schämt, weil man in die Hose pinkelt, ist verständlich, aber dass eine ganze Gesellschaft Leidende deswegen beschämt? Das ist unverzeihlich.
Wir dürfen nicht zulassen, dass Inkontinenz im Zwielicht von Witzen und Wortspielen stecken bleibt. Es muss sich etwas ändern. Vielleicht können wir damit beginnen, offener über unseren Körper, unsere Vagina, Menstruation und Geburtserfahrungen zu sprechen und Frauen zu versichern, dass sie durchaus ein Aufheben darum machen dürfen, wenn hier irgendetwas schiefläuft.
Ich würde gerne behaupten, dass meine Reise damit begann, dass ich auf ein Paket Einlagen für Blasenschwäche starrte und mir bewusst wurde, dass es für uns alle etwas Besseres geben muss – aber Geschichten beginnen, ebenso wie gesellschaftliche Konditionierung, nie dort, wo man es annehmen würde.
Bei mir reichen die Gründe zurück zu der Zeit, in der ich groß wurde und meinen Körper kennenlernte. Ich gehöre zu einer Generation, der man beibrachte, die Klitoris zu finden, ohne den Beckenboden auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Als ich älter wurde, kam die digitale Welt hinzu, in der die Körper von Frauen einer ständigen kritischen Betrachtung unterliegen, wohingegen ihre Meinungen als rebellisch, abschreckend, unsinnig und hysterisch gelten. Kompliziert wird das Ganze durch den Kampf der unterschiedlichen Vorstellungen unter uns Frauen selbst, bei dem wir versuchen, einander echtes Wissen über unsere Körper zu vermitteln, ohne uns gegenseitig mit dem Wissen über Geburten zu verängstigen oder die Erfahrungen in verschiedene Schubladen zu stecken – die guten, die großartigen, die eher schrecklichen.
Bei mir selbst hat es auch etwas mit eigenem Leugnen zu tun – meiner Zimperlichkeit meinem eigenen Körper gegenüber und der Unfähigkeit zu verstehen, wie diese ganzen Fortpflanzungsorgane eigentlich funktionieren (oder eben gerade nicht).
Nehmen wir die Wochen vor meinem dreißigsten Geburtstag. Unförmig, wild und sehr schwanger stellte ich fest, dass die Fantasien und Widersprüche über Frauen und ihre Körper all meine Vorstellungen vollkommen zum Erliegen gebracht hatten. Ich machte mir nur noch Gedanken darüber, wie man bei einem Baby eine Windel wechselt und welche Art von Roman ich in der Elternzeit schreiben würde. Kurz vor dem errechneten Termin wusste ich zwar, dass ich vor einem Abgrund stand, dennoch war ich lediglich damit beschäftigt, zu planen, wie schnell ich wieder ich selbst sein würde. Ich ignorierte die Möglichkeit, dass ich – unabhängig vom Ausgang der Geburt – für immer verändert aus der Erfahrung hervorgehen würde.
Kapitel 2
Geburt – was man erwartet
Mein Wissen über Geburten war bestenfalls oberflächlich, als ich zum ersten Mal schwanger wurde. Trotz meines feministischen Auftretens wusste ich nur, dass es manchmal Schäden geben konnte und dass ältere Damen zuweilen unter etwas litten, das man als Blasenschwäche bezeichnete. Was ich nicht wusste oder mir gar nicht erst in den Sinn kam, war die Möglichkeit, selbst mit diesen üblen medizinischen Realitäten konfrontiert zu werden.
Ich war auf genau die falsche Weise zu gut informiert.
So verbrachte ich beispielsweise viel Zeit damit, die Art von Schwangerschaftsbüchern zu lesen, in denen man lernt, welche Obstgröße der wachsende Fötus Woche für Woche erreicht. Ich hätte damit problemlos in jedem Quiz antreten können. Bei der Arbeit gaben wir der Reise von der Traube zur Wassermelone lustige Namen wie In Fruitero oder Früchte der Gebärmutter. Ich verdrängte den beängstigenden Gedanken, einen ausgewachsenen Kürbis durch dieses kleine Loch pressen zu müssen, ebenso wie den Gedanken an Hämorrhoiden, Krampfadern und all die Romane, die ich gelesen hatte, in denen Geburten schlimme Folgen hatten. Ich war nicht wirklich bereit für den Geburtsvorgang.
Anfang Juni 2007, ein hübscher Garten voller schwangerer Frauen, für die es kein Zurück mehr gibt
Es ist ein bedeutender, aber auch ein wenig angsteinflößender Tag. Nicht mein Stichtag – um den mache ich mir gar keine Gedanken –, sondern der Frauennachmittag meines Geburtsvorbereitungskurses.

Wir sind alle in etwa der 36. Woche, unsere Babys sind nahezu voll ausgetragen (haben also das Kürbisstadium erreicht). Heute dürfen wir werdenden Mütter all die Fragen stellen, die wir nicht vor den eigenen oder fremden Partnern stellen möchten. Es stellt sich heraus, dass es um starken wässrigen Ausfluss geht (unangenehm, aber okay), Schleimpfropfen im Muttermund (oh GOTT), blutiges oder mit Kindspech behaftetes Fruchtwasser (weder gut noch okay), Schmerzen (pssssst), Hämorrhoiden (iiih!) und den ersten Stuhlgang nach der Geburt (offensichtlich ein großes „Ding“ in Form eines Meilensteins und ein massives „Ding“ in etwa der Form eines Baumstamms). Nichts als die nackte Wahrheit. Ich würde mir am liebsten die Ohren zuhalten.
Der Gemeindesaal, in dem wir uns normalerweise treffen, ist belegt, also sitzen wir im Garten einer der werdenden Mütter. Ich starre in den hübsch angelegten Teich, während um mich herum Geburtsverletzungen und seltene postnatale Albträume diskutiert werden: Nähte, Wochenbettdepression und Wochenbettpsychose.
All das klingt schrecklich und ist mir ebenso unangenehm, wie die Hand oder der Fuß, die da gerade gegen meinen Muttermund boxen. Ich stöhne kurz auf.
Die Situation fühlt sich surreal an. Ich fühle mich, als würden wir nur so tun, als wären wir erwachsen. Wir reden immer noch darüber, welche Hausschuhe wir während der Wehen tragen wollen, während die meisten von uns wahrscheinlich viel lieber andere Dinge wissen wollen: „Müssen wir bei der Geburt wirklich kacken? Wie sehr? Und kann man das verhindern?“
Unsere Kursleiterin sagt uns, dass wir ein Sieb kaufen müssen, wenn wir eine Wassergeburt wünschen. Das klingt nicht gerade gut. Ich überlege zu fragen, wie man die Hebamme dazu bewegen kann, einem einen Einlauf zu geben, wie dies früher üblich war, um das Ganze zu vereinfachen.
Ich habe tatsächlich eine Frage, aber ich traue mich nicht, sie zu stellen. Ich habe von einer jungen Mutter, an deren Lippen ich jetzt hänge wie an denen einer Wissenden, ganz nebenbei etwas über Dammschnitte aufgeschnappt. Ein Dammschnitt ist ein Schnitt, mit dessen Hilfe der Eingang zur Vagina (beziehungsweise der Ausgang für das Baby) ein wenig vergrößert wird. Genau wie Einläufe waren Dammschnitte in den 1970er- und 1980er-Jahren gang und gäbe, während sie heute nur noch erfolgen, wenn Instrumente bei der Geburt verwendet werden müssen oder das Baby sehr groß ist. Bei meiner Freundin klang es so, als wäre der Schnitt mit einer Schere gemacht worden. Bei dem Gedanken möchte ich am liebsten meine Beine zusammenpressen, aber mein hüpfballgroßer Bauch ist leider im Weg. Ich nehme all meinen Mut zusammen und stelle die Frage in einem Rutsch, in der wahnsinnigen Hoffnung, dass Einhörner auf magische Weise dafür sorgen, dass völlig naht- und schmerzfrei große Öffnungen entstehen.

„Ja, wir verwenden Scheren“, sagt die Kursleiterin, die auch als Hebamme arbeitet. „Was haben Sie denn gedacht, was wir nehmen?“
Ich denke nur: „Ach du Scheiße.“
Wenn ich ehrlich bin, bin ich ein wenig verängstigt und finde das Ganze extrem peinlich. Es fühlt sich an, als würden wir das Schicksal herausfordern, indem wir über all diese Schwierigkeiten und Probleme reden, und ich bin nicht die Einzige, die beim Wort „Damm“ (mehr dazu in Kapitel 6) und der Empfehlung, ihn mit Mandelöl geschmeidig und dehnbarer zu machen, eher gequält lächelt. Es erscheint mir auch nicht unbedingt sinnvoll, mir jetzt noch etwas über die Risiken anzuhören, nachdem ich aus der Nummer ohnehin nicht mehr rauskomme.
Gegen Ende der Stunde bemüht sich die Kursleiterin, uns Beckenbodenübungen ans Herz zu legen und zeigt uns, wie man sie durchführt. Ich lächle selbstzufrieden. Ich kann beim Pinkeln mittendrin stoppen und den Urin einhalten, also muss ich mir darum wohl keine Gedanken machen. (Erst später finde ich heraus, dass das Anhalten des Strahls, um zu testen, wie viel Kontrolle man hat, aufgrund von Infektionsrisiken nicht mehr empfohlen wird, also bitte nicht zu Hause nachmachen!)
In jedem Fall möchte ich nicht über das Zusammenpressen nachdenken, sondern viel lieber im Park sitzen und Eis essen.
Aber die Kursleiterin lässt nicht locker. Wir sollen uns einen Aufzug vorstellen, der Stockwerk für Stockwerk nach oben fährt, und das Ganze in unserem Inneren nachstellen. Jetzt. Alle um mich herum bekommen einen versonnenen Blick. Ich werde diesen Blick, diese Mischung aus Konzentration und Überraschung, erst beim Töpfchentraining meines ersten Sohnes wieder erleben und in Panik verfallen, dass er gleich auf den Boden kackt.
Es ist die einzige Gelegenheit, an die ich mich erinnere, dass während der Schwangerschaft einmal das Wort Inkontinenz gefallen ist, abgesehen von den ominösen Einlagen, die mir für die Krankenhaustasche empfohlen werden. Ich versuche es mit dem Aufzug, habe den Dreh aber irgendwie nicht raus. Also lege ich den Gedanken beiseite und freue mich auf die nächste Woche. Es wird unsere letzte Stunde sein, und wir werden lernen, in welche Positionen wir uns am besten bei der Geburt begeben.
Später werde ich ziemlich gut bei den Kegel-Übungen, nachdem mir eine Physiotherapeutin gesagt hat, ich solle mir vorstellen, dass ich einen nicht weit genug eingeführten Tampon verschieben will, ohne meine Finger zu verwenden. BINGO! Aber da weiß ich auch schon, was eine Geburt bedeuten kann und wie zutreffend Metaphern sein können.
Nach der Geburt war mein Körper die denkbar beste Metapher für das Mutterwerden – der Beweis, dass es eine Verwüstung gegeben hatte, die dauerhaft und allgegenwärtig war: meine Vagina, mein persönlicher Raum, meine Bücherregale, mein Esszimmer, meine Brüste, nichts wurde ausgespart. Alles wurde durch ein magisches Wesen, das sich seinen Weg nach draußen bahnte, gedehnt und neu geformt. Wie konnte ich nur so schlecht darüber informiert sein, was mir bevorstand?
Ich habe nicht erwartet, dass eine Geburt so schrecklich sein konnte. Tatsächlich habe ich mein Leben lang die Tatsache ignoriert, dass Geburten verrückt, grauenhaft, ermüdend und schier endlos sein können. Auch wenn ich nicht so naiv war zu glauben, dass sie leicht oder toll sind oder wunderbar bestärkend, war ich doch in keiner Weise auf die hüftsprengende Explosion gefasst, die meinen Körper und mein Selbstbild zerstörte. Oder das epische Aufräumen nach der Veranstaltung. Man denkt ja immer, Frauen könnten mit jedem Schlamassel umgehen. Ich bin da wohl eher die sprichwörtliche Ausnahme.
Meine ausgeprägtesten Vorstellungen von einer Geburt zog ich aus denen, die ich selbst „miterlebt“ hatte – im Fernsehen oder in Romanen und Gedichten –, obwohl ich mir selbst da schon die Rosinen herauspickte. Während meiner Schwangerschaft war ich nahezu süchtig nach Geburten im Fernsehen. Die reale und fiktionale Ankunft eines neuen Lebens in einfach erzählten Geschichten. Beginnend mit einem hoffnungsvollen Bauchansatz und endend mit einem Baby. Die meisten waren entweder romantisch verklärt oder hoch dramatisch und ließen die banalen Details ebenso aus wie all das, was auf die Geburt folgte.
Erst im Jahr 2012, als die TV-Serie Call the Midwife – Ruf des Lebens radikale Ehrlichkeit ins britische Sonntagabendprogramm brachte, sah ich Bilder, die erahnen ließen, dass sowohl die Geburtserfahrung als auch der Schwangerschaftsbauch selbst nach Verlassen des Kreißsaals noch Spuren hinterließen. Die Geschichten, inspiriert von den Memoiren einer Hebamme, erforschen die schönen und schrecklichen Seiten der Geburt als Teil des gesamten Lebens einer Frau – von gefährlichen illegalen Abtreibungen und Blutvergiftungen bis hin zu Inkontinenz, Geburtstraumata, Adoption, Prolaps, Verbluten, Schlaganfällen bei der Geburt und Depressionen.
Ich will nicht unfair sein. Die Serie behandelt auch weniger dramatische und wichtige Situationen nach der Geburt und zeigte uns jede Woche neue Frauen. Einsame Mütter, glückliche Mütter, erleichterte Mütter, knapp mit dem Leben davongekommene Mütter, traumatisierte Mütter, gramgebeugte Mütter, bestärkte Mütter. Nette Frauen, böse Frauen, glückliche Frauen. Vor allem aber zeigten die Geschichten eines: Eine Geburt verändert alles, also ist es nahezu unmöglich, das frühere Leben einfach weiterzuführen, als wäre nichts geschehen. Diese Lektion hätte ich gerne schon gelernt, bevor ich zum ersten Mal schwanger wurde.
Die Landschaft der Fiktion bietet uns verschiedene Versionen unserer selbst, Vorstellungen davon, wie wir sein könnten oder sollten (oder auch nicht). Sie haben nichts mit dem echten Leben zu tun, und dennoch setzen sich diese Vorstellungen in uns fest, geben uns Hoffnung und unterhalten uns, fördern aber auch ein träumerisches Anhaften an ein Leben, das wir in Wirklichkeit nicht leben können.
Während meiner Schwangerschaft gab es auf einem Sender eine Babystunde, die ich andächtig verfolgte. Und als bei Abby aus der Serie Emergency Room frühzeitig die Wehen einsetzten, heulte ich auf dem Sofa wie ein Schlosshund, bis mein Mann mir anbot (mich anflehte?) den Fernseher auszuschalten.
„Neeiiiiiiin“, jaulte ich und bekam prompt Schluckauf. „Wenn Du den Fernseher ausschaltest (hicks), werde ich niemals (kurzer Schauer) erfahren (tiefer Atemzug), wie (tiefer erschaudernder Atemzug) es ausgegangen ist!“
Die Charaktere von Emergency Room haben mich durch meine Zeit als Mädchen und Frau begleitet, mich bei Beziehungsschmerz getröstet und mein Singledasein versüßt. Auch beim ersten Zusammenziehen, meiner Hochzeit und nun meiner ersten Schwangerschaft sind sie meine treuen Begleiter.
Es gibt Untersuchungen dazu, inwieweit die traumatische Natur von Geburten in Film und Fernsehen sich auf die Angst vor der Geburt bei werdenden Müttern auswirkt.1 Bei mir trat, glaube ich, trotz Abbys schrecklicher Geburtserfahrung die gegenteilige Wirkung ein. Meine geheimen Fantasien rankten sich nämlich eher um die Erfahrung von Daphne aus der australischen Serie Nachbarn, die ihr Baby vollständig bekleidet am Straßenrand bekam. Sobald Geburten begannen, wirklich angsteinflößend auszusehen, schaltete ich einfach innerlich ab und konzentrierte mich auf die nächste Episode, in der alles wieder gut war.
Es war nicht so, dass ich noch nie zuvor Geburtsgeschichten gehört hatte, aber die Erzählungen waren eher lückenhaft, vielleicht weil die Menschen automatisch einiges auslassen, um schwangere Frauen (oder alle Frauen) nicht zu verängstigen. Hinzu kommt natürlich, dass Geburten seltsam sein können, man teils unter Medikamenteneinfluss steht und die Zeit sich ziehen kann. Wie erklärt man etwas, das chaotisch, medizinisch, natürlich, emotional, linear, episodenhaft, körperlich, traumgleich, religiös, langweilig, friedlich, beängstigend, leicht und schwierig zugleich ist?
Als ich noch ein Kind war, erzählte meine Mutter mir geschönte Versionen ihrer Geburten, was für mein damaliges Alter ja auch besser geeignet war. Babys flutschten ihrer Aussage nach einfach so raus, ohne größere Probleme, ganz anders als bei den angsteinflößenden Geburten mit Notfällen und Geschrei in TV-Serien wie EastEnders oder Brookside. Ich konnte die Geschichten meiner Mutter auswendig aufsagen. Wie ihr bei mir die Fruchtblase geplatzt war und ich gleich darauf geboren wurde. Wie die Zwillinge am einem frostigkalten Aprilmorgen beinahe im Auto zur Welt gekommen wären. Und wie meine mittlere Schwester wie Supergirl mit ausgestreckter Hand aus ihr herausflog. Ich liebte diese Geschichten, weil sie so aufregend und schön waren. Nach den Details fragte ich nicht und lebte fröhlich mit diesen Familienschnappschüssen, bis ich selbst in den Wehen lag.
Heute wünschte ich, ich hätte mehr gewusst. Vielleicht hat meine Generation frühere Generationen, die nicht mithilfe von Sex and the City oder später Girls gelernt haben, offen über ihre Geschlechtsteile zu reden, ein wenig belächelt. Womöglich haben wir uns sogar für besser gehalten mit all unseren Gesprächen über Orgasmen, G-Punkte (erinnern Sie sich?), Cunnilingus und die Vagina-Monologe. Aber sie, unsere Großmütter und deren Großmütter, waren zumindest klug genug, um vernünftig über Geburten miteinander zu sprechen, und sei es hinter verschlossenen Türen. Nun ja, zumindest diejenigen von ihnen, die sie überlebt hatten.
Sie waren sogar bei Geburten anwesend oder bekamen zumindest die ganze Aufregung mit. Sie waren nicht vollkommen unvorbereitet. Und da war ich: In der einen Minute noch eine Karrierefrau, die kurz davor war, alles zu haben, mit einem prachtvollen Bauch, einem hübschen, aber ein wenig vagen Geburtsplan (ich wollte mich ja nicht aufspielen oder die Expertin raushängen lassen) und der Hoffnung auf eine stinknormale Wassergeburt. In der nächsten Minute: PENG! Kaputt.
Ich kenne einige Frauen, die sich schrecklich von der Welt betrogen fühlten, weil niemand ihnen die Wahrheit gesagt hatte. Meine Wut richtete sich mehr dagegen, dass meine Mutterschaft nicht nur mit Blumensträußen, sondern auch mit zerstörten Körperteilen eingeläutet wurde. Ich hätte mich ausführlich informieren können, aber ich habe die Realität ignoriert und mich lieber an die geschönten Geschichten gehalten, die ich als Kind schon geliebt hatte.
In der Woche, bevor ich meinen Sohn zur Welt brachte, erzählte meine Mutter mir, dass sie während der schlimmsten Momente auf ein Stück Stoff beißen musste, eine Art weiche Trense zwischen den Zähnen. Aber ich wollte zu dem Zeitpunkt schon nichts mehr hören, auch wenn ich später in ihre Fußstapfen treten sollte und so stark auf ein Mundstück eines Sauerstoffschlauchs biss, dass ich mir einen Backenzahn damit ruinierte.
Wenn ich das, was mir widerfahren ist, mit ein wenig Abstand betrachte, stelle ich erstaunt fest, dass mir tatsächlich jemand während der Schwangerschaft ein Beispiel für einen Film lieferte, der die wahren Bilder einer Geburt zeigte, und zwar in Technicolor. Es war eine Freundin von der Arbeit, die gerade entbunden hatte, als ich im fünften Monat war.
März 2007, eine Straße in London, ich tue so, als würde ich nicht die Augen vor der Wahrheit verschließen
Es ist ein freundlicher Wintertag und der in meinem Bauch heranwachsende Fötus hat die Größe einer Mango erreicht. Meine Kollegin Cat, die sich eigentlich in Elternzeit befindet, schaut im Büro vorbei und wir essen zusammen zu Mittag. Wir sind vertieft in ein Gespräch über Geburten und ignorieren die Blicke, die uns auf der Straße treffen, wenn wir über Vagina und Co. reden. Die letzte Ultraschalluntersuchung hat gezeigt, dass ich einen Jungen erwarte, und ich fühle mich irgendwie erwachsen und nahezu selbstbewusst.
Cat berichtet mir lebhaft von ihrer Wassergeburt, einschließlich Rissen, Nähten, inneren Untersuchungen, Hebammen mit Wurstfingern und einer Spinalanästhesie. Obwohl sie mir sehr viel erzählt, habe ich das Gefühl, dass sie etwas auslässt, mich irgendwie schonen will. Ich spüre eine innere Spannung, es fühlt sich an, als wäre ich zurück in der Schule und würde mir ausmalen, wie das Leben als Erwachsene wohl sein wird. Und dann bleibt Cat plötzlich mitten auf dem Bürgersteig stehen. Sie starrt mich an und ihr wird wohl bewusst, wie verängstigt und schlecht vorbereitet ich bin. Sie sagt, sie müsse mir etwas erzählen, das eine andere Frau ihr gesagt habe, als sie ungefähr so weit gewesen sei wie ich. Ich habe solche Panik, dass es um den Stuhlgang während der Geburt geht, dass ich fast in Tränen ausbreche.
Aber es kommt noch schlimmer.
„Du weißt doch, dass viele behaupten, die Geburt ihres Kindes sei der schönste Tag im Leben. Dass es eine großartige Erfahrung ist, die sie genossen haben. Du weißt aber auch, dass es in Ordnung ist, wenn es nicht der beste Tag deines Lebens ist, oder? Wenn du es nicht großartig findest, also die Geburt meine ich. Versteh’ mich nicht falsch, es ist großartig, ein Baby zu haben und ich liebe meines sehr, aber es war wirklich nicht der beste Tag in meinem Leben, Luce. Und das ist ok. Vielen Frauen geht es so. Du musst dich nicht verpflichtet fühlen, es toll zu finden.“
Das fühlt sich so erschreckend wahr an, dass mir der Kopf schwirrt. Ich schaue auf meinen Bauch, der noch frei von Dehnungsstreifen ist, aber schon Kugelform erreicht hat. Ich nehme all meinen Mut zusammen, um diesen Moment der Ehrlichkeit zu nutzen, und platze mit der Frage heraus, die ich schon längst jemandem hätte stellen sollen, und bin fest entschlossen, die Antwort zu glauben.
„Wie war es denn nun tatsächlich?“, frage ich. „Wie ist so eine Wassergeburt?“
„Der weiße Hai“, sagt sie, ohne zu zögern. „Es ist wie bei Der weiße Hai.“ Alles wird schwarz.
Sommer 2007, die letzte Chance, alles zu erfahren: ein Gemeindesaal voller Frauen kurz vor der Geburt und ihre nervösen Partner
Wir sind zurück in der Kirche und sitzen auf einem Nylonteppich. Maria und Josef schauen auf uns herab. Unsere Kursleiterin hat uns eingeladen, einen Kaiserschnitt nachzustellen, zum Glück ohne Requisiten, aber es fühlt sich trotzdem angesichts der Erfahrungen von Maria im Stall ein wenig ungehörig an.
Wir werden gefragt, wie viele Menschen wohl bei einem Kaiserschnitt anwesend sind und auf welche Weise sie uns unterstützen. Ich denke an die arme Maria, allein in einem Stall zwischen all den Kuhfladen. Ich hoffe, Josef war die Art von Partner, die einem die Hand hält, anstatt grün anzulaufen, und dass die Frau des Herbergsbesitzers sie für ihre Tapferkeit gelobt hat, als sie beim Durchtrennen der Nabelschnur half. Es fühlt sich bescheuert an, eine Operation durchzuspielen, aber es soll sich noch als hilfreich erweisen. Nicht, weil ich mich an irgendwelche Einzelheiten erinnere, sondern weil es dann kein so großer Schock mehr war, zu realisieren, wie viele Menschen auf deinen nackten Intimbereich starren, wenn jemand auf den roten Knopf gedrückt hat.
Wir reden über Geburtspositionen und stellen sie nach. Es ist genauso quälend, wie es klingt. Wir sind mit unseren Schwangerschaften schon zu weit fortgeschritten, um einander auf den Rücken zu klopfen und so zu tun, als hätten wir Wehen. Unsere Kursleiterin spürt unsere Unruhe und zeigt uns ein paar Diagramme auf Arbeitsblättern. Bei einer Position sitzt man rittlings auf einem Stuhl „wie ein Cowboy“, aufrecht, das Becken nach vorne gekippt und offen. Ich finde das alles sehr merkwürdig. Die Kursleiterin, die uns die Stellungen zeigt, sagt, dass sie alle auch gut auf der Toilette funktionieren.
„Oh Gott“, denke ich. „Auf dem verdammten Klo?“
In der folgenden Woche treffe ich eine andere schwangere Frau, die gerade mit ihrem dritten Kind schwanger ist. „Oh ja“, sagt sie, als ich ihr entsetzt von der Klo-Bemerkung erzähle. „Ich habe Stunden auf dem Klo verbracht. Es war der einzige Ort, wo ich eine bequeme Position finden konnte.“

Ich stelle mir vor, wie ich rittlings auf dem Klo hocke und mich an den Spülkasten klammere. Ich finde die Idee abstoßend, auf der Toilette zu sitzen und zu pressen, als sei mein Kind ein besonders großer Haufen. Und was, wenn das Baby ins Klo fällt? Ich will nicht, dass mein Mann mich so sieht. Wie ich die Toilette reite, als wäre sie ein Pferd. Das wäre wirklich das Unwürdigste überhaupt.
Kapitel 3
Geburt – was man bekommt
Ich verbrachte die ersten Stunden meiner Wehen auf einer Toilette sitzend, stöhnend und im Cowboy-Stil den Spülkasten umklammernd. Und das war noch der am wenigsten entwürdigende Teil dieser schrecklichen 19 Stunden, und wahrscheinlich auch der folgenden zwei Jahre.
Der ganze Vorgang von Anfang bis Ende ist eine Mischung aus Schock, endlosem Warten und Erniedrigung. Als es vorbei ist, schreibe ich als erstes eine SMS an Cat. Kein Name, kein Gewicht, keine Details. Nur eine Zeile: „ES IST EINE GOTTVERDAMMTE VERSCHWÖRUNG.“
Wie nicht anders zu erwarten, beinhaltet diese Verschwörung Schreien, Muhen, Betteln und Wimmern, garniert mir körperlichem Zerfall und Warten. Das einzig Überraschende ist, dass ich ein paar derbe Witze reiße, deren Timing nahezu perfekt ist.
Das ist alles, woran ich mich kurz nach der Geburt erinnern kann. Alles andere ist weg. Ich stehe neben meiner Pferdetoilette, die sich in einem an den Kreißsaal angeschlossenen Waschraum befindet, und schaue in einen Spiegel, der den gesamten Raum dominiert und eindeutig von einem Sadisten angebracht wurde. Da stehe ich, ein verrücktes, geisterhaftes Abbild meiner selbst, und starre auf eine schlaffe Parodie meines süßen runden Babybauchs. Meine Knie sind blutverschmiert, Pipi und Blut laufen mir an den zittrigen Beinen hinunter. Die warme Dusche hilft nicht wirklich. Wie sehr mein Intimbereich lädiert ist, wird erschreckend klar, als selbst das Naturkosmetik-Duschgel höllisch brennt. Am schlimmsten aber ist mein Gesicht, das zwar noch schön, jung und strahlend ist, aber plötzlich vor allem alt, verbittert und frustriert wirkt.
Hitze und Dampf und der Geruch nach Rost. Meine Sinne sind überaktiv. Ich höre die Hebamme draußen im Kreißsaal fast so gut wie mein eigenes Herz, das vor Liebe zu meinem Sohn Purzelbäume schlägt. Nicht die Art von Liebe, die aufregend ist und einen überwältigt, sondern etwas, das die Zeit überdauert und verbindet, wie Haut, die nach einer Verbrennung wieder neu zusammenwächst. Die Hebamme klingt aus irgendeinem Grund, den ich mir nicht erklären kann, besorgt. Ich habe Angst, dass sie mit mir schimpfen wird. Vielleicht bin ich schon zu lange hier drin oder brauche das ganze heiße Wasser auf. Vielleicht schließt die Tür, die ein wenig klemmt, nicht richtig und sie befürchtet, dass die blutige Pfütze (halb Pipi, halb Überreste) in den Korridor hinausläuft und eine arme Schwangere erschreckt, die gerade erst angekommen ist. Sie fragt, ob sie mir helfen könne. Ich weiß nicht, ob ich Hilfe brauche und wie diese aussehen könnte. Ich fühle mich, als hätte es mich entzweigerissen. Ich wünsche mir, dass niemand jemals Zeuge des Zustands sein muss, in dem ich mich befinde. Aber ich wünsche mir auch, dass mich jemand berührt, um mich daran zu erinnern, dass ich ein Mensch bin.
Als ich mich schließlich an all das erinnere, was zuvor geschehen ist, ist es kein schönes Gefühl.
Juli 2007, in die Jahre gekommene Entbindungsstation, große Uniklinik
Die Wehen haben eingesetzt. Ironischerweise eine Viertelstunde, nachdem mein Mann in die U-Bahn gestiegen ist, um zur Arbeit zu fahren. Mit zunehmender Stärke der Kontraktionen vergesse ich, was Ironie bedeutet, ebenso wie meinen Namen und alles, was ich je gelernt habe. Ich existiere in meinem eigenen Universum.
Wir kommen vormittags in der Klinik an, und man sagt mir, der Muttermund sei drei bis vier Zentimeter geöffnet und alles sehe „gut“ aus. Wir dürfen entscheiden, ob wir bleiben oder noch einmal nach Hause gehen wollen. Mein Facebook-Status, im Jahr 2007 noch etwas relativ Neues, lautet bereits: „Luce Brett liegt in den Wehen.“ Mich packt die Sorge, dass ich versagt haben könnte, wenn ich jetzt nicht im Krankenhaus bleibe, und es alle wissen werden. Ich wäre ein Weichei und unfähig, die Regeln zu befolgen, die ich im Vorbereitungskurs gelernt habe.
Wir beschließen zu bleiben.
Wir erfahren, dass bei unserem Baby eine hintere Hinterhauptslage vorliegt, was bedeutet, dass sein Kopf falsch herum liegt und es mit dem Gesicht nach oben als Sternengucker geboren werden wird, wenn es sich nicht noch dreht. Mir läuft ein Schauer über den Rücken und ich verbringe einige Stunden und Wehen damit, meinen Sohn zu einer Drehung zu bewegen.
Es wird Abend, und die Hebammen schicken meinen Mann nach Hause. Auf der Entbindungsstation ist viel los, und da sich mein Muntermund nur um einen weiteren Zentimeter gedehnt hat, nehme ich anderen einen Raum weg.
Sie bringen mich auf den Korridor einer anderen Station und sagen mir, ich könnte ein wenig schlafen. Eine Lüge, wie sich herausstellt. Hier findet man keine Ruhe zum Schlafen, nicht zwischen all diesen Frauen in den Wehen, kranken Frauen, weinenden Babys und dem Personal, das mich tadelt, weil ich zu wimmern beginne, sobald mir das Lachgas-Sauerstoff-Gemisch ausgeht.
Zwischen den qualvollen Wehen packe ich meine Sachen und Notizen zusammen und biete an, nach Hause zu gehen. Ich weiß, dass mein Mann nicht hundertprozentig erfreut wäre, aber er wäre zumindest nett zu mir. Ein Arzt rollt mit den Augen und sagt mir, ich müsse bleiben. Ich fühle mich bestraft. Ich bin in Hinblick auf meinen Muttermund im Niemandsland. Zu wenig für den Kreißsaal, zu viel und zu schmerzgeplagt für dieses Höllenloch. Und keiner hilft mir. Nicht einmal dann, als meine ganze Welt in Scheiße versinkt in der ekligsten Toilette, die ich je gesehen habe.
Ich muss an den Film Trainspotting denken, als ich das erste Mal unter den strengen Blicken der Nachtschwestern hineintaumele. Die Toilette würde einen Oscar für Schmutz gewinnen.
Zuerst denke ich, dass sie gar nicht so schmutzig ist, sondern einfach nur alt und abgenutzt. Der Boden ist mit Toilettenpapier bedeckt und Papierhandtücher, teilweise benutzt, quellen aus dem Mülleimer. Eine Lampe flackert und brummt, die andere funktioniert gar nicht. In der Ecke stehen Kisten mit einem Energydrink. Ich spiele mit dem Gedanken, eine Dose zu stibitzen (ich war noch nie sehr brav, daran ändern auch die Wehen nichts), aber ich möchte mir nicht noch mehr Ärger einhandeln. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich überhaupt etwas trinken sollte, weil ich nicht richtig pinkeln kann, obwohl ich das Gefühl habe, gleich zu platzen.
Ich schaffe es, eine kleine Menge herauszubekommen, aber es tut ziemlich weh. Ich gehe wieder ins Bett und stütze mich dabei an der Wand des Korridors ab. Dann muss ich schon wieder.
So geht das rund zwei Stunden lang. Ich quäle mich auf Krankenhausbetten und Toiletten und wieder von ihnen herunter. Die Nacht fühlt sich seltsam gefährlich an. Jedes Mal, wenn ich über den Korridor wanke, bin ich fasziniert und verängstigt wegen der Geräusche, die mein Körper von sich gibt, und den immer neuen Formen meines Bauchs. Ich stöhne und pruste und stütze mich an den Wänden ab. Ich gehe schwerfällig. Mein Bauch ist zum Zerreißen gespannt und schwer. Und sehr hart. In meinem Inneren ist so viel Druck. Mein Rücken krümmt sich und meine Knie zittern.
Bei meinem letzten Besuch sitze ich auf dem Klo und starre den tropfenden Wasserhahn an, den ekligen Durchlauferhitzer, die schmutzigen Wände mit den Aufklebern, die zu Reinlichkeit und Händewaschen auffordern. Ich will gerade über die Ironie des Ganzen lachen, aber mir fällt das Wort nicht ein und plötzlich kippe ich nach vorne.
Ich gebe einen lauten gutturalen Schrei von mir. Ich weiß nicht, ob ich das Bewusstsein verliere. Mein Körper zieht sich spastisch zusammen. Ich verrenke mich, übergebe mich, pinkle mich voll und ein Häufchen scheint auch mitgekommen zu sein. Als ich wieder zu mir komme, sind meine Beine komplett mit warmer Flüssigkeit bedeckt. Blut? Pipi? Fruchtwasser? Fruchtwasser mit Blut und Pipi vermischt? Ich kann es wegen des mangelnden Lichts nicht erkennen. Alles sieht irgendwie bräunlich aus.
Ich spucke so viel aus, wie ich kann, und versuche dann die Bescherung aufzuwischen. Ich krieche auf dem Boden herum, die Haare hängen mir ins Gesicht, die Lippen sind aufgeplatzt. Ich verwende Papierhandtücher, um den Boden zu säubern, und hoffe, dass zumindest ein Teil der Kacke meine eigene ist und nichts von meinem Baby stammt. Eines weiß ich: Wenn mein Fruchtwasser voller Kindspech ist, also dem ersten Stuhlgang eines Babys, dann ist das kein gutes Zeichen. Wenn das Baby schon kackt, bevor es überhaupt auf der Welt ist, dann hat es Stress.
Ich denke: „Den haben wir gerade beide, Kleiner.“
Es ist zu dunkel in der Toilette, um den Schlamassel aufzuräumen, und ich krieche zurück dahin, wo es ein Bett gibt und Licht. Bestimmt ist es dort sicherer.
„Vielleicht sterben wir hier“, flüstere ich meinem Sohn beinahe zu. „Ich auf allen vieren, du zur Hälfte aus mir heraus, in einer Toilette und bedeckt mit Scheiße.“ Stattdessen sage ich laut „Bitte stirb nicht“, als die Schmerzen stärker werden und mir schon wieder übel wird. Es fühlt sich nicht wie ein guter oder produktiver Schmerz an. Es fühlt sich so an, als säße etwas fest.
Als ich beim Bett angelangt bin, zittere ich am ganzen Körper. Ich will die beiden Frauen in der Schwesternstation beschimpfen, die mich den ganzen Weg haben kriechen lassen. „Vielleicht haben sie uns nicht gesehen“, denke ich hoffnungsvoll, aber um zu überleben, erniedrige ich mich noch mehr. Ich beginne zu betteln.
Entschuldigungen quellen aus mir hervor: „Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid. Bitte helfen Sie mir. Ich glaube meine Fruchtblase ist geplatzt. Tut mir leid. Ich glaube, es könnte sich Kindspech im Fruchtwasser befinden. Ich glaube, ich habe in die Hose gemacht. Ich konnte nicht alles aufwischen. Da ist immer noch Kacke auf dem Boden. Bitte helfen Sie mir. Bitte. Es tut mir so leid.“
Von irgendwoher kommt eine Hebamme angerannt. Sie ignoriert mich nicht, wie all die anderen es getan haben. Sie ist für mich da. Sie spritzt mir ein Schmerzmittel, aber bei den nächsten Wehen beginne ich zu schreien. Ich lege mir sogar die Hand, die sich nicht am Seitenteil des Betts festklammert, über den Mund und versuche die Geräusche, die aus meinem Mund kommen, zu unterdrücken, aber es gelingt mir nicht.
Das Geräusch ist so schrecklich, dass mein Mann es im Hintergrund hören kann, als die Hebamme ihn anruft und bittet, ins Krankenhaus zu kommen. Seine ersten Worte, als er mich sieht, sind: „Was zum Teufel haben Sie mit ihr gemacht?“
Im Kreißsaal bin ich jetzt bei achteinhalb Zentimetern angelangt. Obwohl ich mir bei dem halben Zentimeter nicht ganz sicher bin. Auf jeden Fall geht es jetzt schnell vorwärts. Ich schreie und verdrehe die Augen, als sei ich besessen. Wie Jamie Lee Curtis in Halloween und Linda Blair in Der Exorzist knurre und brülle ich. Eine Hebamme zeigt sich besorgt um meinen Kehlkopf.
„Ich mache mir eher Sorgen um meine Muschi“, antworte ich ihr.
Die Hebamme ignoriert meine derbe Antwort, notiert aber, dass ich „sehr verzweifelt“ wirke. Man einigt sich auf eine Epiduralanästhesie.
Die Wirkung setzt so unmittelbar ein, dass ich anbiete, vor der Anästhesistin einen Kniefall zu machen. Später kommt wohl noch eine Spinalanästhesie hinzu, aber ich verliere ein wenig den Überblick. Ich weiß nur eins: Ich nehme alles, ich bin willenlos. Ich habe jetzt einen Katheter, der sich zwischen meinen Beinen hinausschlängelt und Zugänge an den Händen. Und plötzlich wird mir bewusst: Ich schreie nicht mehr. Es herrscht Stille.
„Na also, eine ganz andere Frau“, sagt eine erfahrene Hebamme, als sie mich an eine Hebammenschülerin namens Kay übergibt. Ich bin ruhig, sogar gesprächig, ein wenig benebelt. Mein Mann und ich hören uns auf unserem neuen iPod einen Beatles-Song an, während der Morgen anbricht. Das rettet uns erst einmal. Mein Mann singt mit und hält mich im Arm. Wir tun so, als sei nichts Schlimmes passiert und hoffen das Beste. Eine Stunde später ist der Muttermund zehn Zentimeter eröffnet und die Epiduralanästhesie wird leider abgestellt, damit ich pressen kann. Ich will gerade meinen Unmut darüber äußern, dass ich jetzt, wenn es am schlimmsten wird, die Unterstützung durch die Schmerzlinderung verliere, aber die Ereignisse sind wieder einmal schneller als ich und … zack! Ich bin wieder mitten im Schlachtgetümmel.
Blut spritzt aus meiner Hand, weil ich es geschafft habe, die Kanüle herauszureißen. Immer mehr Leute kommen und gehen. Ich sehe den Arzt, der mich nicht mehr nach Hause gehen lassen wollte. Jetzt ist er auf einmal freundlich und sieht besorgt aus. Die Gerüche und das allgegenwärtige klebrige Gefühl sind überwältigend. Der Raum ist so hell, klar und laut, dass ich nahezu hören kann, wie meine Haut reißt.
Zwei behandschuhte Hände begeben sich zwischen meine Beine und kommen rot mit Blut wieder hervor. Ich glaube, sie gehören einer anderen Ärztin, einer älteren Frau, aber ich habe den Überblick verloren. Sie beugt sich vor, eine Schere in der Hand, und sagt dann, ein Dammschnitt sei nicht notwendig. (Die Größe der Öffnung ist nicht mehr das Problem, weil mein Scheideneingang bereits weiter aufgerissen ist, als sie es überhaupt schneiden würden – Bravo, Luce!) Sie müssen allerdings eine Saugglocke verwenden, wenn ich das Baby nicht innerhalb der nächsten Minuten herauspresse, weil sein Herz zu schnell schlägt. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.
Kay schaut mich verschwörerisch durch meine Beine an, ignoriert das ganze Drama rundum und spricht nur zu mir. Ich kann Ihren Atem auf meinem Oberschenkel spüren. „Du kannst das alleine schaffen, Luce. Ich weiß das.“
Ich schließe die Augen und presse, während sich auf der dicken Unterlage, die sie mir unter den Hintern geschoben hat, eine warme Blutlache bildet.
Aber es ist nicht nur ein Drama, es hat auch etwas Heiteres. Es ist neun Uhr morgens an einem Tag im Juli und ich kann die Sonne auf meiner linken Wange spüren und riechen, dass jemand draußen vor dem Fenster raucht. Das stört mich nicht weiter. Ich würde jetzt ganz gerne selbst eine rauchen. Eine Zigarette und eine Tasse Tee und dann einfach zuschauen, wie die Leute kommen und gehen. Bereiten sie da gerade etwas vor? Einen Kaiserschnitt vielleicht? Oder kommt jetzt die Zange? Es ist mir egal. Ich will einfach nur, dass es vorbei ist. Ich mache genau das, was Kay mir sagt, weil sie die Einzige ist, die mich mit Namen anspricht.
Später erzählt Kay mir, wie stolz sie auf mich ist, weil ich während der Presswehen so stoisch und tapfer war, trotz des Risses. Sie gratuliert mir. Ich traue mich nicht, ihr die Illusion zu nehmen und zu sagen, dass ich einfach davon ausgegangen bin, dass ich und mein Sohn sowieso sterben. Und dass es mir egal war. Von Tapferkeit keine Spur.
Und dann: Wow! Mein Sohn wird geboren. Ich berühre seinen Kopf, als er aus mir herauskommt, nachdem ich es abgelehnt habe, ihn im Spiegel zu sehen. Auch das Berühren möchte ich zunächst nicht, aber Kay nimmt einfach meine Hand und schiebt sie mir zwischen die Beine. Sie sagt, das würde helfen, und tatsächlich ist es so. Sein Kopf fühlt sich uneben, merkwürdig und vertraut zugleich an. Und warm und nass zwischen den Büscheln meiner Schamhaare. Das Innere kommt nach außen. Ich kann fühlen, dass er fast da ist, und ich gebe noch einmal alles.
In den kommenden Jahren werde ich immer wieder meine Handfläche auf seinen Kopf legen, um es zu überprüfen. Ja, er fühlt sich immer noch gleich an, hat die gleiche Form. Es tröstet mich und ich bin traurig, als er sieben ist und ich die Konturen nicht mehr ausmachen kann, selbst wenn ich ihm verstohlen über die Haare streiche und ihm einen Kuss gebe, wenn er schläft.
Er ist so wunderschön, dass mir der Atem stockt, aber das Leben wirft mich erbarmungslos in die Realität des Kreißsaals zurück, mit zugeschnürter Kehle, weil ich keine Wahl habe. Sie heben ihn hoch und geben ihn mir. Mir ist übel. Ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll.
Was mir auf der Zunge liegt ist „Scheiße, was haben wir nur gemacht“, aber das kann ich nicht sagen. Ich möchte, dass er etwas Wichtiges hört. Das ist schließlich unser erster Mutter-Sohn-Moment.
Ich blicke auf ihn, seine winzigen, lilafarbenen Schultern, spüre ihn warm auf meiner Brust und flüstere: „Hallo, Kleiner.“
Kay kümmert sich um die Nachgeburt und mir ist weiterhin übel. Überall sind Schläuche und Schüsseln voller Blut. Ich spreche undeutlich und meine Beine zittern. Mein Mann zieht sein Hemd aus und nimmt unseren Sohn an seine Brust, damit er den Herzschlag hören kann. Wir sagen unseren Familien Bescheid, aber ich bin nicht wirklich anwesend.
Mir geht durch den Kopf, dass William Blake in seinem Gedicht Kindliches Leid1 ganz schön untertrieb, als er davon sprach, wie die Mutter stöhnte, der Vater weinte und das Kind nur so in die gefährliche Welt sprang.
Meine Aufmerksamkeit kehrt in den Raum zurück und ich denke: „Warum legen all diese Leute den Kopf so schief und starren auf etwas?“
Später wird mir klar, dass sie den Schaden begutachten und nach einer Hebamme suchen, die erfahren genug ist, um mich wieder zusammenzuflicken. Im ersten Moment wirken sie aber eher wie merkwürdige Pantomimen.
Kay zieht unseren Jungen an und singt „Happy Birthday“ für ihn. Mir wird bewusst, dass ich nicht einmal weiß, welcher Tag heute ist, aber ich darf jetzt nicht zusammenbrechen, denn für einen kurzen Moment ist die Welt perfekt: die Melodie und Kays Stimme bringen uns in Berührung mit dem alltäglichen Wunder einer Geburt. Wir alle atmen die Schönheit einer wilden Kreatur, die ihre ersten zaghaften Schreie ausstößt und die Welt für immer durch ihre Geburt verändert.
Ich denke: „Wenigstens ist es jetzt vorbei.“
Am nächsten Nachmittag, wahrscheinlich zu früh, stolpern wir ins Tageslicht, das verändert aussieht, und werden zum Klischee eines Paares, das wegen des Kindersitzes streitet. Wir probieren herum und geraten in Panik, hilflos im Angesicht so vieler Gurte und Sicherheitswarnungen. Meine Hände zittern, aber ich bin jetzt sowieso nicht mehr wichtig. Ich weine und rede zusammenhangloses Zeug. Ich weiß nicht mehr, ob mein Baby ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich weiß nicht mehr, was man mir gesagt hat oder ob ich immer noch Ärger mit den Schwestern habe. Als wir das Baby endlich angeschnallt haben und losfahren können, sage ich:
„Jetzt wird alles gut, oder? Es wird doch alles gut, oder?“
„Ja“, sagt mein Mann. „Wir müssen nie wieder dahin zurück.“
Kapitel 4
Ab nach Hause
Der folgende Tag, Juli 2007, ein Wohnzimmer voller Blumen und Geschenke
Heute stellen wir unseren kleinen Sohn unseren Lieblingsmenschen vor. Ich habe immer noch ein Schwangerschaftsoutfit an, aber ich lächle für die Kameras und wir bewundern seine perfekten kleinen Füße. Er ist rosig und zart und etwas von seinem Glanz fällt auch auf uns ab.
Meine Eltern, gerade erst 50 geworden, bringen einen ihrer alten Freunde von der Uni mit. Er hat mich im Krankenhaus besucht, als ich 1977 geboren wurde, und es fühlt sich an wie eine Art von Familienzusammenführung. Meine Schwestern küssen ihren neugeborenen Neffen, der jedes Mal seine Augen schließt und unmutig die Lippen schürzt, während meine Mutter nach meinen Nähten fragt. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt davon anfangen soll, inmitten von so viel Liebe und Glück. Ich gebe kleine Bruchstücke der ganzen Katastrophe zum Besten, beschränke mich aber größtenteils darauf zu sagen, ich sei noch ein wenig „wund“, entschlossen, das Beste aus den Dingen zu machen, die bereits gut laufen.
Ich muss das Stillen nicht lernen, weil mein Sohn das für mich erledigt. Das Glücksgefühl beginnt mit dem Milcheinschuss. Er findet zielsicher meine Brust und beginnt sofort, kräftig zu saugen. Meine Mutter zuckt kurz zusammen, als sie sieht, wie gierig er mich attackiert und gesteht mir, dass ich genauso war. Das hatte die Hebamme damals sogar schriftlich festgehalten.
Meine Stiche verheilen gut, mein Bauch bildet sich zurück. Das einzige Problem ist, dass ich mir dauernd in die Hose mache. Man versichert mir mehrmals, das sei normal. Die Familie ist wieder weg und wir sind kurz davor, einen Strich unter die Krankenhausgeschichte zu ziehen, als etwas Schreckliches passiert.
Ich stille meinen Sohn in der Küche, inmitten von abgekochtem Wasser und Olivenöl, womit wir ihn Empfehlungen zufolge beim Windelwechseln säubern sollen, anstatt Babytücher zu verwenden. Urplötzlich verspüre ich den starken Drang zu pressen. Es fühlt sich merkwürdig an und schmerzhaft. Ich habe Angst, meinen Sohn fallen zu lassen. Ich gebe ein animalisches Geräusch von mir, wie in der Krankenhaustoilette, und dann beginnen all diese Blutklumpen aus mir herauszufallen.
Der Wochenfluss (die periodenähnliche Blutung nach der Geburt) war schon recht heftig, aber das hier sind große ölige Klumpen, die mir aus der Hand glitschen wie Innereien. Ich krieche nach oben ins Badezimmer und versuche, sie irgendwie aufzufangen. Trotzdem bekommt der Teppich Blut ab.
Ich denke komischerweise vor allem daran – an meinen ruinierten Treppenabsatz.
Wir rufen auf der Entbindungsstation an. Diesmal sind sie ausgesprochen nett zu mir. Ich soll die Klumpen anhand von Gegenständen einordnen. Nein, nicht so groß wie ein Essteller, eher wie ein Apfel, etwas größer, aber flacher, nicht so glatt.
„Sieht ein bisschen aus wie sonnengetrocknete Tomaten“, bemühe ich mich, die Form zu erklären. Vor allem aber fühle ich mich ziemlich elend.
Mein Sohn und ich werden wieder ins Krankenhaus aufgenommen. Wir bekommen Patientenarmbänder mit dem gleichen Namen. Da wir ihn noch nicht beim Standesamt angemeldet haben, existiert er offiziell noch gar nicht. Wir sind immer noch eins. Sie sagen mir, ich solle schlafen, aber ich bin wieder auf dieser Station mit der furchtbaren Toilette und den Frauen, die die ganze Nacht über jammern und schreien. Diesmal habe ich zumindest mein eigenes Zimmer, meine „Privatsphäre“. Stündlich wird der Raum von Ärzten, Hebammen und Auszubildenden bevölkert, die schauen, wie viel Blut sich in meiner Binde befindet und sie wiegen. Sie prüfen, ob noch mehr Plazentastücke in mir stecken. Es gibt Visiten, bei denen die Horden dem behandelnden Arzt lauschen. Bei einer zeigt man meinem Mann einen Blutklumpen, der am Spekulum hängengeblieben ist. Ich würde am liebsten davonlaufen, aber ich hänge an einem Infusionsschlauch.
„Wenigstens liegt mein Baby jetzt in einem Babybett, anstatt halb aus mir herauszuhängen“, denke ich.
Sie entlassen uns nach Hause, mit der Auflage, dass wir sofort wiederkommen sollen, wenn das noch einmal passiert. In diesem Fall sollen wir außerdem möglichst einige der Blutklumpen mitbringen.
Ich denke: „Echt jetzt?“ Aber als es dann tatsächlich noch einmal passiert, sammle ich alles brav ein und packe es in einen Plastikbehälter.
Schon wieder bin ich auf der Entbindungsstation. Ich fühle mich irgendwie betrogen. Eigentlich sollte ich jetzt Besuche genießen und Spaß haben. Ich möchte allen stolz meinen Sohn zeigen, anstatt mit einer Kanüle im Krankenhaus zu liegen.
Als es zum dritten Mal passiert, wächst eine neue Angst in mir heran. Kann es vielleicht sein, dass ich mich einfach nur anstelle? Niemand hat damit gerechnet, dass es noch einmal dazu kommt, weshalb ich keinen Eingriff mit Ausschabung hatte. Ich habe keine Ahnung – sterbe ich jetzt oder bin ich eine Versagerin? Oder mache ich einen Aufstand wegen etwas, das ganz natürlich ist und allen Frauen so geht?
Ich zeige die neuerlichen Klumpen meiner Mutter und meiner Schwester im Teenageralter, die gerade zu Besuch sind. Meine Mutter, die vier Kinder zur Welt gebracht hat, sagt, wir müssen ins Krankenhaus. Und zwar SOFORT.
Meine Schwester fügt hinzu: „Und zeig mir nie wieder so etwas Ekliges!“
Ich lehne den Krankenwagen ab, den die Hebamme schicken will, weil sich das blöd anfühlt. Ich weiß nicht, ob es Erschöpfung ist oder die erneute Rückkehr ins Krankenhaus, aber ich bin so fertig bei dem Gedanken an weitere Nächte in der Klinik, dass der sympathische Arzt mit einem Blick auf mich meint, ich könne zu Hause auf meine Blutergebnisse warten.
Als wir nach Hause kommen, stehle ich mich davon, in die Toilette, mein letzter Zufluchtsort. Mein Intimbereich ist jetzt seit Tagen auf dem Präsentierteller, da ist nicht mehr viel zu retten, aber ich muss jetzt einfach einmal kurz alleine sein.
Mein Mann bricht mir das Herz mit seinen Bemühungen, so etwas wie Alltag und Normalität zu schaffen. Er hat den ganzen Binden- und Einlagenkram in einen Korb gepackt und auf dem Fensterbrett platziert, und nach der letzten großen Blutung hat er Wände und Boden gewischt. Alles duftet nach Liebe und Meister Propper.
Es sind seit der Dusche nach der Geburt die ersten Minuten, die ich alleine in einem Raum verbringe, ohne dass jemand meinen Körper antatscht. Alleinsein ist wunderbar. Mir tut alles weh, aber heute habe ich gesiegt. Wir sind der Station entkommen. Wir sind zu Hause. Unten weint das Baby. Ich habe ein schlechtes Gewissen, bleibe aber in meinem Versteck. Die Schreie nehmen an Intensität zu.
Mein Mann kommt und klopft an die Tür. Er will mir nicht immer hinterherlaufen, aber wir sind Anfänger und unser Sohn denkt gar nicht daran, seinen Unmut darüber zu verbergen, dass er so inkompetente, unsichere Kandidaten wie uns als Eltern hat.
Ein erneutes Klopfen an der Tür. Er weiß, dass ich Angst habe, aber das Baby schreit sich mittlerweile die Seele aus dem Leib.
Ich lasse beide hinein und mein Sohn stürzt sich als echtes Säugetier auf meine Brust, während ich noch auf der Toilette sitze. Er schließt die Augen und saugt und gibt kleine, angestrengte Seufzer von sich, während sich sein Bäuchlein füllt. Tränen kleben wie Juwelen an seinen Wangen. Ich schaue zu meinem Mann hoch. Wir haben es geschafft, wir konnten ihn trösten. So unperfekt die Situation auch ist, sie ist dennoch eine Art Sieg. Vielleicht können wir uns langsam vom Geburtsdrama verabschieden und die Sümpfe der Scham hinter uns lassen.
Ich schaue hoch. Aus dem Augenwinkel kann ich gerade noch einen blutigen Handabdruck auf dem Türrahmen erkennen.
Ende Juli 2007, Warten auf das OK der Hebammen
Ich bleibe noch wochenlang Patientin. Dem Baby geht es zum Glück gut. Es schreit kräftig und ist kerngesund in diesen wunderbaren Sommerwochen. Die ambulante Hebammenversorgung findet immer noch jeden zweiten Tag statt, obwohl sie die Geschichte sicher langsam leid sind. Ich habe keine Ahnung, wie es anderen Müttern drei Wochen nach einer Spontangeburt geht, aber ich schaffe es immer noch nicht in den ersten Stock, ohne dass ein warmer Schwall Pipi in meiner Hose landet.
Ich versuche mit den Hebammen darüber zu sprechen, dass mit meinem lädierten Intimbereich irgendetwas nicht stimmt und sich alles komisch anfühlt, aber sie versichern mir, dass die Inkontinenz sich bald geben wird. Sie scheinen vor allem extrem beeindruckt davon zu sein, dass wir noch nicht komplett zusammengebrochen sind, und halten das alles wahrscheinlich für Nachwirkungen des Schocks.
Auch sonst fühle ich mich nicht ganz so sicher auf den Beinen. Mein kleiner Sohn hat noch nie länger als zwei Stunden durchgeschlafen, und wenn er schläft, scheint er sicherstellen zu wollen, dass ich auf jeden Fall wach bin. Alle versichern mir, dass es nach so einer schrecklichen Geburt normal sei, verunsichert und ein wenig weggetreten zu sein und nah am Wasser gebaut zu haben. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich fange an, mir mein Leben in meinem Kopf zu erzählen, als ob ich in der realen Welt gar nicht existieren würde …
Anfang August 2007, Küche, abends, im Radio läuft „Here comes the sun“
Das Lied schwebt durch die Luft, es ist wie ein Film. Du erinnerst dich, wie du es während der Wehen gesungen hast, im netten Teil der ganzen Geschichte, als dein Mann wieder da war. Ein kitschiges Pärchen vor einem Abgrund, dessen Untiefen es nicht kennt. Singend versuchen wir, unser Baby herauszulocken.
Ist es wirklich so gewesen? Oder hast du es nur geträumt? Du fragst deinen Mann, ob er sich erinnern kann. Er nimmt dein Gesicht in seine Hände und sagt: „Natürlich kann ich das.“
Vielleicht gibt es noch Hoffnung. Es fühlt sich an wie ein guter Moment, der alles verändern könnte.
Und dann kommt sie. Eine Flutwelle an Traurigkeit. Sie trifft dich ähnlich, wie es wohl Tsunamis tun: Eine Wand aus Wasser, die in dich hineinkracht und dich nach unten reißt, aber nicht mehr an die Oberfläche kommen lässt. Du verlierst beinahe den Boden unter den Füßen. Du weißt jetzt, du weißt einfach, dass Witze und gute Momente keine Chance haben gegen dieses Gefühl des Weltuntergangs. Und auch wenn du deinen Mann liebst und dein Baby all deine Erwartungen übertrifft, kommst du nicht mehr dagegen an, du kannst nicht mehr kämpfen.
In deinem Kopf tobt ein Krieg und du kannst nicht einmal mehr den kleinen Finger heben. Du bist nicht du selbst, du steckst fest, glaubst zu ersticken. Du stehst auf einem Magneten und hast eine Tonne Blei gegessen. Es zieht dich nach unten. Es ist ein körperliches Gefühl, und du weißt, dass es nur noch stärker werden wird, wenn du versuchst, dagegen anzugehen. Du wirst unter dem Gewicht zusammenbrechen und in zwei Teile gespalten. Du kannst diese Situation, dieses Leiden nicht für immer für dich behalten. Für den Moment hältst du die Klappe und hoffst, dass dir nichts herausrutschen wird, denn darüber zu sprechen, wird es nicht besser machen.
Aber es ist bereits größer als du. Du stehst in der Küche und machst dir in die Hose wie ein Kind. Irgendetwas beim Weinen, entweder die körperliche Auswirkung oder das Gefühl, stößt etwas an, und du kannst erst aufhören, wenn du leergeweint bist.
Die Erkenntnis, dass du dich irgendwann irgendjemandem anvertrauen musst, gestehen musst, dass du es nicht mehr schaffst, ist kaum zu ertragen. Du versuchst deinem Mann zu erklären, warum du plötzlich ein verschrecktes, zitterndes, heulendes Bündel Elend bist. Du hörst dir selbst zu, wie du an der Oberfläche kratzt und versuchst, es verständlich zu machen. Aber im Grunde quält dich ständig die Angst, dass sie dich mitnehmen und wegsperren werden. Man wird dich ausradieren und vergessen wie alle Verrückten, und du wirst in deinem eigenen Dreck sitzend protestieren, dass du ganz normal bist.
Als du das erzählst, nimmt er dich in den Arm und sagt dir, dass er das nicht zulassen wird. Er sagt, er liebt dich und hasst dich nicht. Er weiß, dass du seit Wochen kaum geschlafen hast, und obwohl es ihm kaum anders geht, wird er die heutige Nacht übernehmen. Er bringt dich ins Bett und wechselt deine Klamotten. Als er dich abwäscht, nennt er deine Socken „Schühchen“. Nur ein kleiner Versprecher eines jungen übermüdeten Vaters, der neuerdings Worte benutzt wie Windeln und Säugling. Aber du fragst dich, ob er bereits befürchtet, dass er demnächst auch dich rundum versorgen wird müssen.
So oder so, der Wahnsinn und die Inkontinenz verschmelzen, Körper und Geist sind in Auflösung begriffen. Und selbst im verwirrten Zustand des Halbschlafs beginnst du dich zu fragen: Ist die Inkontinenz eine Begleiterscheinung dieses Zustands der Auflösung oder ist sie die Ursache?
Kapitel 5
Sechs Wochen später
Weil ich nicht so schnell wieder auf die Beine komme, verpasse ich das erste Treffen mit den anderen frischgebackenen Müttern aus dem Geburtsvorbereitungskurs. Ich habe das Gefühl, dank meines blöden Körpers und seiner schleimigen Blutungen bereits im Rückstand zu sein und die vielen kleinen Erfolge der ersten Wochen verpasst zu haben.
Donnerstag, Ende August 2007, Café mit acht Müttern und acht Kinderwagen, die um einen Tisch voller Stilleinlagen geparkt sind
Mein Blick schweift über die Runde der Frauen aus meinem Geburtsvorbereitungskurs. Wir flüstern, als wären wir Komplizinnen bei einem Verbrechen oder Geschworene, die eine schreckliche Wahrheit erfahren haben und nun damit leben müssen. Wir erzählen unsere Geschichten. Die Geburt war eine Schlacht und die Zeit danach ein wildes Durcheinander. Diejenigen von uns, die am meisten betastet und untersucht wurden und deren Geburten am schwierigsten waren, fühlen sich ein wenig wie Relikte, fast so, als wären wir als Person gar nicht mehr vorhanden.
Es tut gut zu hören, dass ich nicht die Einzige bin, die auf dem falschen Fuß erwischt wurde. Obwohl ich mich nicht ganz wohl fühle bei dem Gedanken, für die obligatorische Untersuchung sechs Wochen nach der Geburt wieder an den Ort des Geschehens zurückzukehren, höre ich von allen Seiten, dass wir alle Anfängerinnen sind und die Geburt nun endgültig vorbei. Es ist Zeit, unsere Babys zu genießen.
Ich blicke auf meinen Sohn. Er sieht recht glücklich aus, auch wenn er seine Socken einfach nicht anbehält, egal wie viele ältere Damen mich an der Bushaltestelle tadeln. Die anderen meinen es natürlich gut – wir kennen einander kaum, aber sie sagen mir, ich werde das mit Bravour bestehen. Nur noch diese Untersuchung und dann kann es wieder vorwärts gehen.
Ich hole tief Luft. Vielleicht ist heute der Anfang vom Ende dieses ganzen medizinischen Wahnsinns und ich kann weiter auf der Woge des Selbstvertrauens reiten, das die frischgebackenen Mütter mir vermittelt haben. Außerdem habe ich mir den Tag in weiser Voraussicht – und weil ich am Rande des Wahnsinns stehe, auch wenn ich verzweifelt versuche, es mir nicht anmerken zu lassen – mit Aktivitäten vollgepackt, damit ich nicht ins Grübeln komme. Ich ignoriere den Ratschlag unserer Kursleiterin, dass EINE Sache am Tag mehr als genug ist und wir uns in den ersten Wochen darauf konzentrieren sollten, wieder zu Kräften zu kommen. Schon bevor das „Fear of missing out“-Phänomen in den sozialen Medien auftaucht, leide ich eindeutig an FoMO – der Angst etwas zu verpassen.
Der heutige Plan sieht vor:
1. Frischgebackene junge Mütter zum Kaffee treffen – ERLEDIGT
2. Meinen Intimbereich vom Expertenteam absegnen lassen – IN PLANUNG
3. Kinovorstellung für Mütter mit Babys besuchen – WARUM NICHT? Und …
4. Mit meinem Vater auf die Isle of Wight fahren. WAS. FÜR. EINE. SCHEISSIDEE.
Innerhalb der nächsten Stunde ist Punkt 2 auf der Liste in Arbeit.
Ich sitze in dem nüchtern eingerichteten Behandlungszimmer und versuche, nicht auf die vergitterten Fenster zu schauen, während eine geschäftig wirkende Ärztin ihre Liste durchgeht und ich ihr erzähle, was heilt und wo ich Schmerzen habe. Sie wirft einen kurzen Blick in meine Vagina und zeigt sich angetan von den sauber ausgeführten Nähten.
An diesem Punkt breche ich dann doch zusammen und weine leise vor mich hin, während ich von den vergangenen Wochen erzähle, die mich hierhin gebracht haben, in den Raum für die komplizierten Fälle, anstatt zu meiner freundlichen Ärztin, die ich normalerweise aufsuche. Ich höre erst auf zu heulen, als wir über meine Psyche sprechen und ich beruhige uns beide mit den furchtbar klingenden (aber wahren) Worten: „Nein, natürlich möchte ich meinem Kind nichts antun. Mein Sohn ist wunderbar und er kann ja auch gar nichts dafür.“
Ich habe bereits zugegeben, dass ich ein wenig Angst davor habe, depressiv zu werden. Die Ärztin widmet mir noch ein wenig mehr von ihrer Zeit, auch wenn sie bestimmt wie alle anderen gedanklich schon beim morgigen Feiertag ist.
„Sie hatten keine einfache Geburt, Luce“, sagt sie mitfühlend. „Ich glaube, dass das niemand so leicht wegsteckt.“
Irgendwie läuft dieses Gespräch zu glatt. Obwohl ich ihr nichts erzähle von den Wellen der Traurigkeit, den Flashbacks und den Albträumen, und obwohl wir die Möglichkeit einer Wochenbettdepression ausschließen, habe ich das Gefühl, sie versteht mich nicht richtig. Niemand versteht mich: Es fühlt sich da unten wirklich sehr, sehr anders an als zuvor. Sie beginnt mir zu erzählen, dass es eine Weile dauern kann, bis sich wieder alles normal anfühlt und verheilt ist und dass ich Beckenbodenübungen machen soll.
„Ich versuche es ja …“, setze ich an.
„Ich weiß, es ist nicht leicht, aber Sie werden sehen, dass es hilft“, fährt sie fort und schaut auf meine überquellende Akte. „Am besten suchen Sie sich etwas aus, das sie regelmäßig tun, wie beispielsweise morgens die Waschmaschine befüllen oder Abwaschen oder Zähneputzen, und machen dabei Ihre Übungen.“
Ich sage nichts. Schließe meine Augen. Spüre, wie meine Wangen beginnen zu glühen.
Es ist etwas an diesem Moment der Stille. Vielleicht weckt er Erinnerungen an den Kreißsaal an jenem Morgen. Vielleicht ist es auch der Blick auf das erhöhte Arbeitspensum, das die Mutterschaft mit sich bringt. Mittlerweile ist ermüdende Hausarbeit so alltäglich wie es zuvor, keine Ahnung, Masturbieren oder eine neue Folge von Inspector Barnaby waren. Vielleicht ist es das leichte Zittern im Atem meines Sohnes, wenn er im Schlaf seufzt, weil er meinen Duft wahrnimmt – diese pummeligen Kinderfäustchen, das Gesicht so selig wie ein schlafender Papst – oder es sind die Milchflecken, die sich auf meinem Top bilden. Oder der Sonnenstrahl, der in mein Auge und auf meine Akte fällt. Vielleicht bemerke ich auch erst jetzt, dass ich eher entnervt bin als müde. Jedenfalls fällt mir plötzlich auf, wie verrückt ich mich verhalte. Ja, ich möchte diesen Ort nie wieder sehen. Aber es muss auch endlich jemand die ganze Wahrheit hören. Ich KANN mir nicht länger eine Litanei von Standardratschlägen anhören, die sich so anfühlen, als wären sie für jemand anderes gedacht.
„Darum geht es nicht. Ich mache die Übungen jeden Tag. Aber, also es ist so … Selbst wenn ich sie mache, kann ich nichts spüren. Also nicht so richtig. Beim Zusammendrücken fühlt es sich so an, als wäre da – gar nichts.“
Sie legt den Kopf schräg und den Stift hin. Und versucht ihre Frustration darüber zu verbergen, dass ihre Patientin ihr, gerade als sie die Untersuchung eigentlich abschließen will, noch mit so etwas kommt. Vor allem eine Patientin, deren Nähte sie sich schon angeschaut hat.
„Beschreiben Sie das einmal genauer“, sagt sie. „Wie anders fühlt es sich an?“
„Als wäre es kaputt. Als könnte ich gar nichts steuern. Manchmal bemerke ich gar nicht, dass ich pinkle. Es läuft einfach los und ich bemerke es erst, wenn es schon zu spät ist. Ich weiß auch nicht, ich habe einfach das Gefühl, dass ich sehr oft in die Hose mache. Aber vielleicht bin ich nur übermüdet. Das ist ganz normal, oder?“
„Mist“, denke ich, während ich mich reden höre. Gleichzeitig wird mir klar, dass ich vielleicht eine dieser Frauen bin, über die in meiner Kindheit hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde. Die geflüsterten Bemerkungen über Tante X oder Frau Soundso, die nicht für Kinderohren gedacht waren. Die mitfühlenden Blicke für die still vor sich hin leidenden Frauen, die ein Baby bekamen und danach „nie wieder die alten“ waren. Panik steigt in mir auf, aber mein Mund scheint auf einmal das nächste Organ zu sein, dessen Überlaufen ich nicht verhindern kann. Ich blicke in eine Zimmerecke, als es aus mir herausplatzt:
„Ich kann den Urin einfach nicht halten. Wenn ich lache oder die Treppe hochsteige. Manchmal geht es einfach los, wenn ich stille oder das Baby halte. Ich kann nichts dagegen tun. Und nichts ist mehr an seinem richtigen Platz.“
„Legen Sie sich noch einmal auf die Liege“, sagt sie, weniger salopp, als ich es mir wünschen würde, aber dafür mitfühlend. „Es wird Ihnen nicht gefallen, aber …“
„Oh Gott!“, denke ich. Panik ergreift mich. Sie wird mir sagen, dass meine Scheide zu groß oder zu eimerartig ist, um ihre Hand hineinzustecken, oder dass meine arme kleine Vagina aussieht wie eine zusammengefaltete Salamischeibe, weil sie irgendetwas falsch zusammengenäht haben, oder dass da ein Abszess ist, den ich zu schlampig war zu bemerken, oder noch mehr blutige Plazenta – und ich muss womöglich wieder auf die Entbindungsstation. Oder, schlimmer noch, dass ich schon wieder schwanger bin oder die ganze Zeit noch ein weiteres Baby in mir steckte.
Die Wahrheit ist noch viel schlimmer.
„Husten Sie bitte einmal“, sagt sie. „Ein kräftiger Huster.“
Ich zucke innerlich zusammen. Bis zu diesem Moment war eigentlich nichts peinlich, sondern eher ungewohnt. Ich bin von all diesen medizinischen Vorfällen so traumatisiert und der Erfahrung, wie ein Stück Fleisch auf Liegen und Betten bearbeitet zu werden, dass ich vergessen habe, wie es ist, ein Mensch zu sein, ein soziales Wesen, das ganz normale Dinge vor anderen Menschen tut. Mir wird klar, dass ich beschützt werden will. Ich kann jetzt nicht husten – der Urin wird aus mir herausschießen wie aus einem Springbrunnen und meine Nähte werden schmerzen und meine Innereien sich so anfühlen, als würde alles aus mir herausfallen, nur mit einer Pfütze Pipi als Belohnung anstatt eines wunderbaren Babys. Außerdem wird die ganze Bescherung an mir hinablaufen und sich am Rücken sammeln und mein T-Shirt versauen. Zum Kino muss ich den Bus nehmen, und ich habe keine Ersatzklamotten dabei.
„Ich weiß, dass Sie wissen, was jetzt passiert, aber halten Sie sich bitte nicht zurück“, sagt sie mit Nachdruck.
Ich huste vorsichtig und es tröpfelt aus mir heraus.
„Das können Sie besser“, ermuntert sie mich.
Nachdem sie sich alles gründlich angeschaut hat, ich von den Tröpfchen zum Schwall gelangt bin und sie mich (sehr vorsichtig) abgetastet hat, lehnt sie sich zurück, zieht die Handschuhe aus und wäscht sich die Hände.
„Sie haben einen Prolaps“, sagt sie seufzend und wendet mir mitfühlend den Rücken zu. Ich habe das Gefühl, sie irgendwie enttäuscht zu haben, obwohl ich im Rückblick glaube, dass sie wusste, dass es einfach nur ein Schuss ins Blaue war. Und dann geht es los. Anatomische und diagnostische Begriffe schwirren durch den Raum. Die Rede ist von „schwer“ und „Belastungsinkontinenz“, „Harndrang“ und „Blasenentleerung“. Ich werde gefragt, wie viele Einlagen ich am Tag verbrauche und ob ich nachts ohne auskomme. Trotz der Lawine an Worten höre ich ein Maß an Mitgefühl heraus, das mich erschaudern lässt.
„Es fühlt sich so an, als würde etwas aus mir herausfallen“, werfe ich ein.
Sie erklärt mir, was ein Vorfall (oder eben Prolaps, um den medizinischen Begriff zu benutzen) ist. Meine Gebärmutter drückt auf die Wand der Scheide, sodass eine Ausbeulung entsteht. Sie erklärt es genau und klar und unter Verwendung medizinischer Begriffe.
Ich denke nur: „MEINE VERDAMMTE GEBÄRMUTTER FÄLLT AUS MIR HERAUS.“
„Was führt sonst noch dazu, dass Urin abgeht?“, fragt sie mich, während ich unbeholfen von der Liege klettere und einen weiteren Schwall Urin verliere.
Und dann erinnere ich mich an das Schlimmste. Irgendwo in der verschwommenen Welt der Vorbereitungskurse, Gespräche mit Freunden und vorsichtigen Fragen in Online-Foren habe ich den Eindruck gewonnen, man sollte vor der Sechs-Wochen-Untersuchung Sex haben, um herauszufinden, ob alles ohne Probleme funktioniert. In Wahrheit ist das kein so großartiger Tipp, vor allem deswegen, weil wir alle anders sind und die Ärztinnen und Ärzte schon wissen, was zu tun ist. Aber ich wollte einfach nur normal sein. Mein Mann ist von Natur aus ebenfalls fügsam. Beide haben wir in der Grundschule die Milch verteilt und wir halten uns an Regeln. Außerdem hatte der Quickie, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung ist, spaßig geklungen, als wir im Geburtsvorbereitungskurs Witze darüber gerissen hatten. Als wir noch dachten, dass wir für alle Eventualitäten vorgesorgt hätten.
Natürlich haben wir uns brav an die Empfehlung gehalten. Auf dem Treppenabsatz, im Halbdunkel, mit jeder Menge Kissen und überschaubarer Romantik. Unser Schlafzimmer war von unserem schlafenden Baby in Beschlag genommen. Soll ich ihr erzählen, dass es auch dabei passiert ist? Oder ist das selbst für eine Ärztin zu viel Information? Ich traue ihr schon zu, sich das anzuhören – schließlich redet sie tagtäglich über gedehnte und eingerissene Genitalien (was für ein Job!). Ich weiß nur nicht, ob ich das packe.

Ich nehme all meinen Mut zusammen und beschließe, mich nicht mehr zurückzuhalten und mich ganz zu zeigen. Unsere Augen treffen sich.
„Ich mache mir bei allem in die Hose, bei einfach allem“, höre ich mich sagen, und meine Stimme klingt blechern und trotzig zugleich.
Sie nickt, um anzudeuten, dass Mitgefühl angebracht ist, auch wenn sie es nicht geben kann. Wir haben beide keine Zeit dafür, dass ich noch einmal in Tränen ausbreche. Vielleicht höre ich dann nie wieder auf. Sie nimmt den Stift in die Hand und fängt an zu planen.
„Sie brauchen auf jeden Fall schnellstmöglich einen Termin bei den Physiotherapeutinnen hier“, sagt sie. „Ich stelle die Überweisung gleich aus.“
Ich starre sie fassungslos an. Ich kann nicht noch einmal hierherkommen. Auf gar keinen Fall. Das würde sich anfühlen wie Tod oder Folter. Ich werde in der Eingangshalle hyperventilierend zusammenbrechen.
„Man kann da heutzutage schon viel machen“, sagt sie. „Machen Sie sich keine Sorgen, wirklich.“ Wahrscheinlich denkt sie, ich würde mich schämen.
„Das ist es nicht. Ich …“
„Es gibt Kurse im Übungsraum …“
ES GIBT KURSE? IN EINER ART TURNHALLE? Wir pinkeln uns alle zusammen in die Hose? Wir sind die Übriggebliebenen von der Resterampe, die niemand in seiner Mannschaft haben will? Meine Panik erreicht einen neuen Höhepunkt. Ich bin inkontinent und ich muss zurück in die Turnhalle?
„… aber ich denke, in Ihrem Fall ist ein Einzeltraining wohl besser.“
Ist es das?
Mein Sohn quäkt. Ich sehe seine Zehen unter der gelben Decke herauslugen. Umwerfend. Zum Anknabbern. Meins.
Ich muss fast lächeln. Ich bin tapfer. Ich kann das alles für ihn durchstehen, für uns. Ich kann es zumindest versuchen.
„Die Kolleginnen hier sind wirklich kompetent.“
Ich schließe die Augen, doch ich kann ihren Blick durch meine geschlossenen Lider wahrnehmen. Sie versucht einzuschätzen, wie aufgelöst ich bin.
„Ich glaube, sie brauchen vielleicht auch eine Traumatherapie“, fügt sie hinzu und greift nach einem weiteren Überweisungsblatt.
Sie glaubt?
Dieser Tag, an dem mir klar wurde, dass mein Problem über seltene „Hoppla“-Momente hinausging, hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ein Jahr später schrieb ich einer Freundin:
„Ich schätze mal, es wird ganz nett auf der Isle Of Wight, aber ich bin ein wenig nervös, weil – und ich weiß, dass das Unsinn ist –, wir genau das auch letztes Jahr gemacht haben, und der damalige Donnerstag war einer der schrecklichsten Tage meines Lebens.“
Wahrscheinlich ist das gar nicht so überraschend. Eine Diagnose wirft einen immer aus der Bahn, selbst wenn man schon länger geahnt hat, dass irgendetwas nicht stimmt.
Donnerstag, Ende August 2007, auf dem Weg zum Baby-Kino und einem Ausflug
Als mein Sohn und ich auf den riesigen, ächzenden Klinikaufzug warten, fühle ich mich irgendwie beraubt. Bestraft für meine Ehrlichkeit. Mein Herz auszuschütten, hat mir gerade einen Bonus an Schmach gebracht. Physiotherapie. Traumatherapie.
Nach drei Treppen und einer Gebärmutter, die irgendwo auf Höhe meiner Knöchel zu hängen scheint, bin ich am Kino angelangt und schaue mir in der Baby-Vorstellung Das Bourne Ultimatum an. Ich weine, als Paddy Considine erschossen wird und störe mich an der fehlenden Hintergrundgeschichte von Jason Bourne. Mein Sohn liebt das Spiel von Licht und Schatten und lächelt zum ersten Mal richtig, als Matt Damon jemanden zusammenschlägt. Vielleicht übt es auf ihn eine ebenso befreiende Wirkung aus wie auf mich.
Ich schaue mir die attraktiven und adretten jungen Mütter um mich herum an. In meinem klebrigen T-Shirt (Milch) und mit feuchtem Hintern (Pipi) habe ich das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Erst später wird mir bewusst, dass es Nannys sind, eine ganz andere Spezies. „Wahrscheinlich hatten sie heute Morgen sogar Zeit, sich die Zähne zu putzen“, denke ich. Das waren die goldenen Zeiten.
Und dann treten wir unsere Reise auf die Isle of Wight an: drei Stunden Fahrt, eine Fähre und als Zugabe noch eine Kettenfähre. Kein Problem. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich es geschafft habe. Mein Vater holt mich und meinen Sohn zu Hause ab und wir machen es uns auf dem Rücksitz bequem. Das Baby weint. Es hört nur damit auf, wenn wir schneller als 100 km/h fahren. Damit wird die Stunde im stockenden Verkehr wegen Bauarbeiten hinter London zu einer komischen Variante von Speed, nur dass ich weder Keanu Reeves noch Sandra Bullock küsse, sondern mich in den Sicherheitsgurten halb stranguliere, als ich versuche, meinen Sohn in seinem Kindersitz zu stillen, während er vor Wut explodiert.
Meine chaotischen ersten Wochen der Mutterschaft erreichen einen Höhepunkt, als wir das Schiff verpassen. Wir hören noch das Klappern der sich schließenden Tore und sehen, wie die majestätische Fähre ablegt. Mein Vater macht etwas unglaublich Nettes. Er kauft mir ein Ticket für eine Personenfähre und sorgt dafür, dass meine Mutter mich und das Baby auf der anderen Seite abholt, während er auf die nächste Autofähre wartet. Das Wasser erscheint im Dunklen wie ein solider schwarzer Block. Aber ihm haftet noch die Erinnerung des sommerlichen Glanzes an, des Schimmers eines Abends am Meer, wenn der Sand noch warm ist und die Sonnenanbeter sich verzogen haben. Ihm fehlt das Beißende des Winters. Es ist groß und weit und glänzend genug, um mich in eine ruhige Stimmung zu versetzen.
Ich lasse den Tag Revue passieren und klammere mich an der ersten Einschätzung der Ärztin fest, dass zwar großer Mist passiert ist, ich aber wahrscheinlich nicht depressiv bin. Ihre Bemerkung über das Trauma habe ich bereits vergessen. Ich bin unendlich erschöpft. Meine Mutter serviert mir warmes Krebsfleisch. Ich bin heute zu viel herumgelaufen, um noch eine gute Gesprächspartnerin zu sein, habe zu viel geredet und in die Hose gemacht und mich erinnert. Zu viel Angst wirft mich aus der Bahn wie eine Art schwammiger Kopfschmerz.
Es ist ein denkwürdiges Wochenende. Ich erlebe unvergleichliche Freude, reiße den ersten Witz über meine lädierten Rohrleitungen und fange an, den Verstand zu verlieren. Und ich dachte schon, meine ursprüngliche Aufgabenliste wäre anspruchsvoll gewesen.
Ich sehe, wie viel Freude andere Menschen an meinem Baby haben. Es ist der beste Teil des Mutterdaseins und er trifft mich völlig unvorbereitet – all diese Einblicke in die Liebe. Ein Freund der Familie findet meinen Sohn „bezaubernd“ und löst damit ein Feuerwerk in meinen Eileitern aus. Mein Vater beugt sich vor und küsst ihn auf die Stirn, und ich sehe all die Liebe, die er für mich und meine Schwestern hatte und von seiner eigenen Familie bekommen hat. Die Liebe, die er sich mit meiner Mutter aufgebaut hat. Die Vergangenheit und die Zukunft der Liebe, gebündelt in diesem einen kleinen Kuss.
Den ersten Witz über meinen lädierten Unterleib reiße ich am folgenden Morgen. Das Ganze ähnelt ein wenig dem ersten Stuhlgang nach der Entbindung – schmerzhafter als erwartet und mit unangenehmen Folgen. Alles in allem keine schöne Erfahrung und nur mäßig witzig obendrein.
Humor dient häufig als Schutzwall und ich fühle mich gerade ziemlich wehrlos. Ich sitze in einem wunderschönen Garten, der dank des milden Klimas der Insel eine grüne Oase bildet. Er liegt hinter einem kleinen einfachen Haus aus dem 19. Jahrhundert und vereinigt Feigenbäume und Tomaten, Statuen und Bonsai-Bäume, eine wilde Wiese und einen Steingarten, aus dem es grün und lila sprießt. Blumen wiegen sich in der sanften Brise, ihr Duft liegt in der Luft. Es ist ein Garten, der mit Liebe angelegt wurde, hinter einem Haus, das die Hoffnung und Erwartung ausstrahlt, dass es Freunde, Kinder und Überraschungsgäste empfangen darf. Auch wenn Tassen, Teller und Besteck nicht zusammenpassen, sind Stärke und Güte im Überfluss vorhanden.
Es war also nicht wirklich fair, dass ein Freund der Familie (der mich seit Kindertagen kennt), eine Geschichte erzählte, in dem es darum geht, dass jemandem „der Arsch aufgerissen“ wurde. Das Gespräch fand am anderen Ende des Gartens statt und ich war gar nicht beteiligt. Dennoch fühlte ich mich aufgerufen, laut und spitz zu antworten:
„Das reicht jetzt aber. Einigen von uns wurde wirklich der Arsch aufgerissen – und er ist noch nicht einmal wieder ganz zusammengewachsen.“
Nun gut, es war ein Anfang.
Ich glaube, mir wurde in diesem Moment bewusst, dass Humor sowohl meine Rettung als auch mein Verderben sein würde. Diesmal fing mich die Liebe der Familie auf, und ich dachte nicht weiter darüber nach, dass ich mich ganz beiläufig zur Zielscheibe des Spotts gemacht hatte. Ein Sündenbock für alles. Es fiel mir auch nicht auf, dass ich begonnen hatte, öffentlich grobe Dinge über meinen Körper zu sagen, als Auslassventil für meinen Schock und meine Wut. Ganz sicher war mir nicht klar, dass gar keine Notwendigkeit dafür bestand, denn die meisten Menschen sind nett genug, dir zuzuhören, dein Entsetzen zu teilen und dir mit Güte zu begegnen, wenn es dir wirklich richtig dreckig geht. Du musst nicht fluchen und herumschreien.
Doch selbst in meinen traurigsten Momenten bleibe ich eine ewige Romantikerin und Optimistin. Als die Sonne untergeht, denke ich: „Es wird alles wieder gut, oder?“
Ich klammere mich an die positiven Dinge, so gut es geht. Ich habe ein Baby. Und es ist Sommer. Und es gibt sogar Eiscreme. Mein Sohn ist die Raupe Nimmersatt, rosig in einem grünen Strampler. Ein neugieriger Kurgast aus dem 19. Jahrhundert im Schatten des viktorianischen Hauses. Ich bin immer noch in der Lage, die Schönheit der Welt zu sehen.
Am nächsten Morgen stille ich meinen Sohn auf einer Terrasse an der Seemauer, im blauen Licht der Dämmerung. Die Welt schläft, aber das Meer ist wach und immer da.
Die frische klare Luft erinnert mich an Sylvia Plath und ihr Gedicht „Morgenlied“, in dem sie beschreibt, wie sie „kuhschwer und blumig“ in ihrem viktorianischen Nachthemd aufsteht, bezaubert von der „Handvoll Musiknoten“ ihres Babys, dessen Vokale „schweben wie Luftballons“. Sylvia hat keinerlei Zweifel daran, dass die Liebe es aufgezogen hat wie eine „dicke goldene Uhr“.1 Ich denke einige Sekunden über Plath nach, aber sie scheint mir eher ein unheilvoller Bezugspunkt zu sein und ich schiebe die Gedanken beiseite.
Ich erlerne an diesem Wochenende auch praktische Fertigkeiten, wie man beispielsweise offene Arme entdeckt, die bereit sind, ein Baby eine halbe Stunde lang zu halten, wenn man vor Müdigkeit selbst fast umfällt.
Größtenteils aber löse ich mich auf. Tief in meinem Inneren, als ich ins Meer steige, die Brüste hart und schwer mit Milch. Es sticht, aber ich weiß, dass nicht das Salzwasser das Problem ist. Ich kann den Spinnaker Tower sehen, der auf dem Festland gleich gegenüber vom Strand aufragt. Der Kanal zwischen Insel und Festland ist zu schmal, um mich zu verschlingen. Ich wünsche mir, dass das Meer sich ausdehnt und alles überschwemmt. Als wir zum Haus meiner Eltern zurückkehren, folge ich den Geräuschen meines Babys wie einem Lied, das in meinem Kopf festhängt, während ich herumirre. Ich weiß, dass irgendetwas in der Luft liegt.
Bei den Recherchen für dieses Buch gehe ich meine E-Mails und Entwürfe durch und finde eine der wenigen Sachen, die ich während des Mutterschaftsurlaubs geschrieben habe:
Du liegst auf dem Boden im Haus deiner Eltern und es bedrängt dich von allen Seiten. Du denkst: „Ich könnte mich einfach unter die Wellen legen.“
Deine Arme und Schultern spüren die Schwere, noch bevor du den Gedanken zu Ende gedacht hast. Deine Knie schmerzen. Es ist keine Selbstmordabsicht, kein Plan, nicht einmal ansatzweise. Aber es ist real und es hängt in der Luft.
Du weißt, dass du nicht hingehen und dich ertränken würdest. Du würdest nicht von der Kaimauer springen oder dich von der Fähre stürzen. Aber wenn du stillstehst, kommst du nicht gegen das Gefühl an, dass du es tun könntest.
Ein Schalter in deinem Bauch wird umgelegt. Tief in deinem Inneren weißt du bereits, dass du es niemals wirst vergessen können. Du gehst hinüber zu deinem Baby, das auf dem Boden liegt, und legst dich daneben.
Aus der Stereoanlage deines Vaters ertönt Macy Grays „I try“. Du denkst nach über den Song, du schaust auf dein perfektes Baby, und du entspannst dich. Das Gefühl des Unwohlseins beginnt sich aufzulösen. Es besteht eine Chance, eine winzige Chance, dass das Lied, der Moment, die Liebe für deinen Sohn dich gerettet haben. Du schaust auf dein Kind. Seine Schönheit und Perfektion übersteigen deine Vorstellungskraft. Es ist mehr, als du dir erhofft hast. Du denkst, dass dies das Ende ist. Aber dieser Gedanke war erst der Anfang.
Ich denke oft an sie, die frischgebackene Mutter, gezeichnet von den Nachbeben der Geburt, in die Dunkelheit entschwebend. Es erfüllt mich mit Trauer, dass sie einfach nicht wusste, wie sie all dem Ausdruck verleihen sollte.
Ich möchte sie in den Arm nehmen und ihr übers Haar streichen, weil sie allen Grund hatte, sich zu fürchten. Denn es war erst der Anfang.
Kapitel 6
Schadensmeldung
Die wichtigsten Erkenntnisse meiner Elternzeit fanden nicht im Behandlungsraum eines Arztes oder einer Physiotherapeutin statt, sondern in meinem eigenen Wohnzimmer, in dem ich mich vor der Welt versteckte und heulend auf dem Sofa sitzend Gameshows guckte.
Oktober 2007, Nachmittag, Channel 4 läuft, ein Zimmer voller Windeln und Arztbriefe
Dr. Phil Hammond sitzt in der Wörterbuchecke, gleich neben dem Nationalheiligtum Susie Dent. Susie hält die gesamte Show (Countdown) zusammen, indem sie lange Worte findet, von denen niemand je zuvor gehört hat, und unheimlich gut in Grammatik ist. Hammond ist Mediziner, Comedian und Autor und trägt den Spitznamen „Dr. Phil“. Normalerweise kann ich ihm durchaus das Wasser reichen, wenn ich von zu Hause aus mitrate, aber heute habe ich keine Chance.
Ich frage mich gerade, ob die Veränderungen, die im Gehirn von Schwangeren stattfinden sollen, tatsächlich vorhanden oder lediglich eine sexistische Erfindung sind, als plötzlich aus dem Mix von Vokalen und Konsonanten ein Wort mit acht Buchstaben entsteht und mich regelrecht anspringt: PERINEUM. Bumm.
Ich notiere mein Ergebnis mit bitterem Geschmack im Mund und versuche das Baby nicht zu wecken. Zumindest haben mich die Erfahrungen der letzten Wochen gelehrt, wie man den medizinischen Begriff für den Damm buchstabiert.
Dr. Phil hat ihn auch erspäht. Natürlich. Und macht dann den Witz, dass die meisten Frauen keine Ahnung haben, wo ihr Perineum liegt, bis sie ein Baby bekommen. Das Publikum lacht, als die beiden Moderatoren Des O’Connor und Carol Vorderman einen schrägen Seitenblick austauschen. Susie und ich verziehen peinlich berührt das Gesicht.
Susie deshalb, weil sie bei jedem Wort auf die Definition auf ihrem Laptop schauen muss und diese wahrscheinlich lautet: „Der Bereich zwischen Anus und Hodensack oder Vulva.“
Ich, weil Dr. Phil gerade mein Unwissen über meinen Intimbereich im Fernsehen bloßgestellt hat. Ich nehme es sehr persönlich, dass ich so ein williges Ziel bin. Schlimmer noch ist, dass ich mich nicht einmal auf mein feministisches Podest schwingen und über das Patriarchat maulen kann, weil er tatsächlich Recht hat. Wo genau ist (oder war?) mein Perineum? Hatte ich das irgendwann einmal gewusst?

Gehört hatte ich jedenfalls schon einmal davon. Wahrscheinlich hatte ich mich, als es im Geburtsvorbereitungskurs eine gruselige Diskussion darüber gab, ob man den Damm massieren sollte, vor lauter Horror und Ekel ausgeklinkt. Und was meinen Beckenboden anging, so war ich zwar in Therapie, um ihn wieder flott zu kriegen, aber ich hatte keinen blassen Schimmer, wie das Ding eigentlich aussah.
Gab es noch mehr Lücken in meinem Sexualwissen, das mir, als ich es Revue passieren lasse, vorkommt wie ein Flickenteppich aus TV-Serien, Büchern, Zeitschriften, Freunden, schrecklichen Stunden mit peinlich berührten Biologielehrern und hormongesteuerten männlichen Teenagern, die auf ein Diagramm starren, in dem die Gebärmutter aussieht wie ein wütender Widder.


Ich habe im Laufe der Jahre definitiv etwas über die Periode und Schwangerschaften gelernt, aber die anatomischen und hormonellen Grundlagen sind noch immer böhmische Dörfer für mich – also die Dinge, wegen derer Frauen wie ich auf einem Handtuch sitzen, damit das Sofa nichts abbekommt.
Frühjahr 1988, Schulbus, windige Landstraße in der Nähe von Loughborough, auf dem Weg zum Schwimmunterricht
Ich mag Schwimmen, weil wir uns nicht zusammen mit den Jungs umziehen müssen. Beim normalen Sportunterricht ziehen wir uns alle gemeinsam im Klassenzimmer um, und alle können deinen Schlüpfer, dein Unterhemd und deine Windpockennarben sehen.
Von den fünf Mädchen in meinem Jahrgang trägt eine bereits einen BH, und wir glauben, dass eine Drittklässlerin auch schon einen braucht (sie könnte aber auch einfach nur pummelig sein). Meine Mutter hat mir ein Bustier gegeben, obwohl meine Brüste nur ganz wenig wackeln, wenn ich sie schüttele. Außerdem bekomme ich Haare.
Ein sicheres Zeichen, dass die Pubertät bevorsteht, und das bedeutet Pickel, Jungs, der Abschlussausflug in der vierten Klasse und Zungenküsse. Ich glaube, es bedeutet auch, dass ich Babys bekommen kann.
Ich weiß eine Menge über Babys, weil meine Mutter gerade schwanger ist mit Zwillingen. Ich war beim Krankenhaus-Rundgang mit dabei und habe mich freiwillig bereit erklärt, den Geburtsstuhl zu testen, als keine der Frauen das wollte. Außerdem besitze ich ein Buch, das einen Fötus in verschiedenen Wachstumsphasen zeigt. Er hat ein Gesicht wie ein Außerirdischer und merkwürdig durchscheinende Finger. Babys im Bauch ihrer Mütter sehen aus wie E.T. – der Außerirdische.
Ich bin bereit, eine Frau zu werden, und ich stecke keine Kissen mehr unter meinen Pulli, um so zu tun, als sei ich schwanger. Ich weiß, woher Bauchnabel stammen und warum sie aussehen wie der Knoten eines Luftballons. Ich finde, dass der lateinische Name für Nabelschnur, Funiculus umbilicalis, irgendwie lustig klingt.
Ich bin mir nicht ganz sicher, wo ich meine Eizellen aufbewahre, aber heute wird sich das alles ändern.
Die große Schwester meiner Freundin hat ihr eine Broschüre gegeben, die sie extra bei der Mädchenzeitschrift Jackie angefordert hatte. Ich bin so neidisch, dass meine Augen fast zu Schlitzen werden.
Es ist die verruchteste Sache, die jemals in unserer langweiligen Ecke in den East Midlands passiert ist. Jemals. Wir lassen die Broschüre auf der Fahrt zum Schwimmen und zurück von Hand zu Hand wandern.
Die von einem Tampon-Hersteller herausgegebene Broschüre besteht aus beschrifteten Zeichnungen in Pastellfarben. Sie ist wirklich gut gemacht. Das Perineum gehört nicht zu den Highlights.
Wir erfahren etwas über den Monatsfluss (schwer und leicht) und bekommen gezeigt, wie unsere Eierstöcke aussehen (wie Bonbons) und unsere Röhre, die man „Vagina“ nennt. Die Röhre ist das Wichtigste, denn da kommen die Tampons rein. Die Broschüre teilt uns mit, dass Tampons die ganze Bescherung problemlos aufsaugen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so ein Faden aus mir heraushängen soll.
Wir versuchen uns die Worte zu merken. Es gibt neue wie „Eierstöcke“, „Menstruation“ und „Applikator“, aber auch altbekannte, wie „Binde“ und „monatlich“, die eine neue Bedeutung bekommen. Noch nie zuvor war ich dem Teenagerleben so nah.
Wir erfahren etwas über Schmierblutungen, den Beginn der Periode und die 28 Tage. Die wissenschaftlichen Erklärungen begeistern uns. Selbst das Erwähnen von Krämpfen kann unsere Vorfreude nicht dämpfen. In der Broschüre ist keine Rede von starken Blutungen oder Zervixschleim, der wie Eiweiß aussieht, oder der Hoffnung, dass der Tampon auch ja weit genug oben sitzt. Das ist jetzt auch nicht wichtig. Das Universum lädt uns zweifelsohne ein, einem geheimen Club beizutreten. Wir stehen an der Schwelle zu etwas Großem.
Meine Aufklärung in Sachen Sex und Fortpflanzung erfolgte eher klassisch. Ich lernte etwas über meine Anatomie, indem ich heimlich die feministischen Bücher meiner Mutter las. Für das Internet war es noch zu früh, also reimte ich mir den Rest mithilfe der Gerüchteküche in der Schule und von Artikeln aus Zeitschriften zusammen. Derbere Begriffe lernte ich erst im Alter von 26 Jahren beim Lesen eines Callgirl-Blogs mit dem Titel Belle de Jour.
Das beste Buch meiner Mutter war Unser Körper, unser Leben, ein gebundenes Exemplar, das stolz neben anderen stand wie Der weibliche Eunuch von Germaine Greer, Frauen von Marylin French, Jane Fondas Fitness-Buch und einem Buch der britischen Anthropologin und Autorin Sheila Kitzinger (leider war es nicht ihr Klassiker Das Erlebnis der Geburt: Mütter und Väter berichten, der mir möglicherweise für die Geburt geholfen hätte).
Die Ausgabe von Unser Körper, unser Leben meiner Mutter stand schon mein gesamtes Leben lang im Regal. Es wurde gemeinsam verfasst von einer Gruppe von Frauen, und sein Erfolg liegt in der Kombination aus den gesammelten Erfahrungen vieler Frauen und klaren medizinischen Fakten. In den 1990er-Jahren wirkte es ein wenig wie ein kurioses Relikt, wohingegen es sich heute anfühlt wie die Blaupause für die moderne Frauenrechtsbewegung – von der Entmystifizierung von Menstruationsblut in den sozialen Medien bis hin zum Aufstellen von Suffragetten-Statuen in der Nähe des britischen Parlaments.
Wenn ich als Teenager alleine zu Hause war, verbrachte ich Stunden auf dem Fußboden des Esszimmers und starrte auf die zahlreichen Diagramme und Zeichnungen und Fotos. Schamlose Schamhaare, die sich stolz zwischen Frauenbeinen kräuselten, und Zeichnungen von Brüsten. Es gab auch ausführliche medizinische Beschreibungen von Geburten und Fotos von schreienden Babys, eingerahmt von den Beinen ihrer Mütter, aber ich dachte nicht darüber nach, wie sich das wohl anfühlt oder wie anstrengend es sein mag oder was eine Öffnung von zehn Zentimetern Durchmesser bedeutet.
Ich bestaunte das alles, auch wenn ich fand, dass der Vorschlag, mir mithilfe eines Spiegels meinen Muttermund anzusehen, ein bisschen weit ging. Allein schon aufgrund des Winkels erschien mir das undenkbar.
Das erste Mal, dass ich überhaupt in Betracht zog, diese Region in Augenschein zu nehmen, war um 9 Uhr morgens am Tag, nachdem die Wehen begonnen hatten, als die Hebamme Kay mir anbot, mithilfe eines Spiegels zu sehen, wie mein Sohn aus mir herauskam. Aber das Risiko, mein bestes Stück in diesem Zustand zu betrachten, erschien mir, selbst wenn ich das Zittern hätte beenden können, einfach zu groß. Ich versuchte zu scherzen und meinte, der Zeitpunkt, an dem noch irgendetwas hätte bewundert werden können, sei wohl definitiv verstrichen, aber ich sprach wohl so undeutlich, dass mein Mann für mich übersetzen musste: „SIE WILL ES NICHT SEHEN.“

Selbst in diesem Moment, vollgepumpt mit Pethidin, traumatisiert, triefend und pressend, wusste ich es bereits. Ich wusste, dass etwas kaputt gegangen war und dass nicht nur die Hebammen alle Hände voll zu tun haben würden, um mich zusammenzuflicken. Ich wusste allerdings nicht, dass es gar nicht so einfach ist, den Schaden zu beurteilen, wenn man nicht weiß, wie es vorher da unten aussah.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.