Kitabı oku: «Staubfänger»



LUCIE FAULEROVÁ, geboren 1989 in Pardubice, ist eine tschechische Schriftstellerin, Dramaturgin und Redakteurin. Sie ist Co-Autorin des Buches BRNOX. Ein Führer durch die Brünner Bronx (2016) über ein sozial benachteiligtes Viertel von Brünn, das 2016 mit dem Magnesia Litera Award für Journalismus ausgezeichnet wurde. 2021 erhielt sie für ihren Roman Smrtholka den Europäischen Literaturpreis. Ihr Romandebüt Staubfänger war ein viel beachtetes Ereignis in der tschechischen Literaturszene und ist das erste Werk der Autorin, das ins Deutsche übersetzt wird. Die Literaturkritik vergleicht ihre Texte mit denen von Melissa Broder und Audrey Wollen, der Schöpferin der Sad Girl Theory.
JULIA MIESENBÖCK, geboren 1985 in Freistadt in Österreich, ist Bohemistin und Übersetzerin. Nach dem Studium der Komparatistik und Slawistik an der Universität Wien war sie als OeAD-Lektorin an der Jagiellonen-Universität in Krakau und später am Goethe Institut Prag tätig. Zurzeit lebt sie in Prag als freiberufliche Übersetzerin aus dem Tschechischen und Englischen sowie als Lektorin für Deutsch als Fremdsprache.
LUCIE FAULEROVÁ
STAUBFÄNGER
AUS DEM TSCHECHISCHEN VON
JULIA MIESENBÖCK

Für Jan Černoš, weil er am Anfang stand.
Für Jáchym Topol, weil er es weitergeleitet hat.
Für Hanka und Hájena, darum.
Für Michaela.
Inhalt
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EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
ACHTEINHALB
Gestern bin ich gestorben
Und heut schon wieder
Ich sitz in der Arbeit
Immer hab ich geahnt
Dass es so sein wird
Ich sterbe
Und ein Scheiß passiert
Milan Ohnisko: Milancholia
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Das war der schlimmste Moment ihres Lebens, bis auf all die anderen. Das war der schlimmste Moment meines Lebens, bis auf all die anderen. Bis auf all die Momente, die ich schon hinter mir hatte und die mir zuwinkten, mit zufriedenem Ausdruck nach gut geleisteter Arbeit, und bis auf all die Momente, die sich auf mich freuten, ungeduldig von einem Bein aufs andere traten, mich mit vorgestrecktem Kinn und offenen Armen erwarteten.
Doch das Lustige daran ist, dass man sich wirklich an alles gewöhnen kann. Und so wird es mit der Zeit irgendwie langweilig. Man zittert nicht mehr vor Angst, kaut nicht mehr an den Nägeln, weil man nervös ist, man hält das Gesicht hin, bereit für die Ohrfeige, und mit dem Finger zeigt man sogar auf die Stelle, an die man diesen beißenden Segen dieses Mal bekommen möchte, oh ja, bitte, mehr, mehr, Klatsch auf die eine Seite, Klatsch auf die andere. Und falls es nicht genug wehtut, falls einen das nicht überrascht, bestürzt, in die Knie gehen lässt, die Sporen gibt, zu Boden wirft, nicht beinahe tötet und den Hals zuschnürt, ist man sogar etwas enttäuscht. War das alles …? Im Ernst – das? Mehr hast du nicht zu bieten? Na so was. Daumen runter.
Das aber war der schlimmste Moment meines Lebens. Mit Sicherheit. Voll und ganz. Ohne Wenn und Aber. Also bis auf all die anderen, das versteht sich von selbst.
Über die leere Bühne erklingt ein müdes Schlagzeug, ba-dam tsss, ich mache mich aus dem Staub und schalte die letzte blinkende Leuchtstoffröhre aus.
EINS
Durch die belebte Straße geht eine junge Frau, doch in Wirklichkeit ist sie älter, als ihr sie euch vorstellt. Es ist einer dieser Herbsttage, an denen der Sommer noch einmal zu spüren ist. Ja, Altweibersommer könnte man sagen, aber es war einer dieser Herbsttage, an denen der Sommer noch einmal zu spüren war. Die Sonne war nicht mehr warm genug, damit man im Park auf einer Bank sitzen kann, aber es reichte noch für einen Spaziergang im dünnen Pullover. Und in einem solchen Pullover ging die junge Frau, sie ist aber wirklich älter, als ihr sie euch vorstellt, durch die belebte Straße. Eigentlich trägt sie einen Mantel … nein, einen Pullover. Hm. Die junge Frau ging durch die Straße in einem leichten cremefarbenen Mantel. Es war ein netter Vormittag, so nett, wie ihr euch eben einen netten Vormittag an einem dieser Herbsttage vorstellen könnt, an denen sich der Sommer noch einmal meldet.
Sie war groß und schlank, vielleicht war sie auch eher mager und lang, und ihre vollen Lippen, auch wenn ihr euch statt eines entenschnabelartig verzogenen Mundes, der trotz eines leichten Lächelns den Eindruck von etwas Aufgeblasenem, Kindlich-Angewidertem erweckt, ganz irrtümlich sinnlich volle Lippen vorstellt – was wir aber nun für den Zweck des Erzählens vergessen und daran denken, dass ihre vollen Lippen ein Lächeln formten, die Mundwinkel leicht hochgezogen, was genauso erfrischend war wie einer dieser Herbsttage, an denen sich blablabla. Stellt euch das einfach vor, diese freundliche Atmosphäre, die sich über die Stadt legt, und der Wind, weder kalt noch warm, weder stark noch schwach, zerzaust ihre Haare, lässt ihren Trenchcoat auseinandertanzen und legt ihre Hüften frei, die weder rundlich noch grazil sind.
Sie wollte die Straße überqueren, blieb am Randstein stehen, blickte in die Baumkronen auf der gegenüberliegenden Seite. Die grünen Blätter wechselten ihre Farbe und wurden gelb. Die gelben wurden orange. Die orangen wurden braun. Die braunen wurden grün. Diesmal konnte sie fast zauberhaft lächeln, doch sich diese Figur zauberhaft vorzustellen ist genauso, als würde man sich Schnee im Juli vorstellen. Oder einen Grizzlybären, der einem über die Haare streichelt. Oder Taubenpärchen, die Samba tanzen. Sie konnte aber fast zauberhaft lächeln, wenn man ein Auge zudrückt und das zweite lieber gar nicht erst öffnet, zauberhaft, als sie auf die Fahrbahn trat, denn sie dachte, dieser Schritt sei ein Schritt, der Hoffnung und Entschlossenheit symbolisierte, ein Schritt in die Zukunft, in der –
Und jetzt kommt’s! Schon ist es passiert. Ein Auto hat sie angefahren, so plötzlich, dass sie keine Zeit hatte, erschrocken in Zeitlupe ins Scheinwerferlicht zu schauen. Auch ihr Leben hatte keine Zeit, an ihr vorbeizuziehen. Was würde da auch vorbeiziehen, wohl eher würden sich nur Abfall und Staub langsam durch ihren Kopf wälzen. Aber auch das geschah nicht. Ganz einfach bumm, zack und aus. Und kein Licht am Ende des Tunnels, noch nicht einmal ein schwaches Aufblitzen. Sie lag regungslos da. Und poetisch rann das Blut über ihren cremefarbenen Mantel, und kein Blättchen rührte sich und die Welt blieb nicht stehen und die Menschen blieben nicht stehen und das Auto, das sie angefahren hatte, blieb nicht stehen, und die Erde drehte sich weiter und der Tag ging weiter und es war immer noch genauso ein schöner Tag, genauso ein netter Vormittag, einer dieser Herbsttage, an denen sich der Sommer noch einmal meldet.
Ich erwachte auf dem Sofa, den Kopf eingekeilt zwischen Lehne und Sitz. Ich befreite meinen Kopf und hob ihn mit der Hand etwas an, um kontrollieren zu können, wie spät es ist. Ich hätte mir merken sollen, welche dieser drei Uhren, die ich hier habe (in der Vitrine, auf der Truhe, auf dem Boden), richtig geht, denn morgens kann man leicht desorientiert und verwirrt sein, auch wenn man immer pünktlich aufwacht, wirklich, ohne Ausnahme immer zur selben Uhrzeit, plus minus fünf Minuten, falls ihr nicht verpennt oder überhaupt erst gar nicht einschlaft, und das schon seit einigen Jahren, dann zögert ihr, ob es wirklich so spät ist, wie ihr glaubt, dass es ist. Und ob ihr wirklich dort seid, wo ihr glaubt, dass ihr seid. Und ich glaube, dass ich dort bin, wo ich sein soll, also in meinem Wohnzimmer, lebendig und gesund, Hurra!, und glaube, dass es so spät ist, wie es sein soll, also zwischen sechs Uhr zweiundfünfzig und sechs Uhr siebenundfünfzig, also falls ich nicht verschlafen habe oder überhaupt nicht eingeschlafen und dann aufgewacht bin. Mein steifes Skelett klappert ins Badezimmer, ich vergrabe die Zahnbürste samt Paste in meinem Mund und setze mich aufs Klo und pinkle. Dann steige ich über meine Unterhose auf dem Boden, stelle mich mit einem Fuß auf die Kloschüssel und lockere das Ventil vom Spülkasten. Das ist meine Routine, wenn ich hinunterspülen möchte, was ich manchmal, pfui pfui, ekliges, ekliges Mädchen, nicht mache. Ich ziehe an der Schnur der Spülung, ziehe am Ventil der rinnenden Toilette, springe runter, spucke ins Waschbecken. Tadaa, das strahlende Lächeln einer Schauspielerin in einer Zahnpasta-Reklame.
Und los geht’s, ein neuer Tag zum Kotzen beginnt.
Und ich kaufe mir einen cremefarbenen Mantel.
Bumm, zack und aus.
Klick-klick. Mir fällt kein größeres Vergnügen ein, nach dieser ganztätigen Maskerade, nach diesem Hirn-Ausstopfen mit Plejaden sich öffnender Köpfe, runden bis kantigen, mit spitzem Kinn oder ohne Kinn, mir fällt kein größeres Vergnügen ein, nach dieser mehrstündigen, quälenden Plackerei auf den Brettern meiner Arbeit zwischen Vorgesetzten, Kollegen und Kunden und ihren sich öffnenden Köpfen, klapp klapp, auf den Brettern der Stadt, in der ich lebe, vom Supermarkt über die Straßenbahn bis zur Post, auf den Brettern, die meine Welt bedeuten, ich kenne fast kein größeres Vergnügen als sich nach diesem Tag, nach einem Tag wie jedem anderen, an dem ich schon seit dem Aufwachen die Sekunden bis zu seinem Ende abzähle, die Schuhe von den Füßen zu kicken und ein Kammerspiel zu geben. Also stelle ich mich ins Scheinwerferlicht, in den Kreis, den ein Lichtkegel zeichnet, wo ich von Requisiten umgeben bin. Nach der letzten Inszenierung hat sich niemand die Mühe gemacht, diese Requisiten wegzuräumen. Ich komme hierher, um meine eigene One-Woman-Show aufzuführen, für mich selbst, diesmal auf den Brettern meiner Mikrowelt. Ich verliere mich zwischen den Staubbüscheln, der Lichtkegel wartet schon auf mich, er zeigt direkt auf das imaginäre Zeichen. Dahin, wo mein Hintern hingehört und von wo er sich für den Rest der Aufführung auch kein Stück wegbewegen wird. Genau diese Stelle hier an der Wand ist es, bis hierher reicht der Läufer mit traditionellem, beigem Muster und einem großen Ornament in der Mitte, das die Form einer Raute hat. So ein Läufer, wie ihn die Frauchen von Fabrikarbeitern aus alten Schwarz-Weiß-Filmen in ihren Wohnungen liegen haben. Seine zerzausten Fransen kitzeln mich an den Schenkeln.
Klick-klick. Genau so sitze ich in diesem Moment da, eine Flasche billigen Portwein vor mir und einen Aschenbecher samt einer Schachtel Zigaretten zu den Füßen. In einer Hand halte ich ein Metallfeuerzeug, so eins mit Verschluss, und mit meinem Daumen öffne und schließe ich es ständig, klick-klick, auf-zu. Auf dem Feuerzeug ist ein Totenschädel aus kleinen weißen Steinchen, na, einige Steinchen sind schon rausgefallen. Und der Aschenbecher ist ein kleiner Metallbecher, der in eine Katze aus Keramik eingesetzt ist. Und den Portwein trinke ich für gewöhnlich aus einem Weinglas, einem kleinen und bauchigen, ohne Stiel, aus geschliffenem Glas. Das Feuerzeug habe ich vor einiger Zeit vom Fensterbrett auf dem Klo in der Arbeit mitgenommen, den Aschenbecher habe ich in einem Antiquitätenladen gekauft. Und was das Glas betrifft, da erinnere ich mich nicht mehr, wie das zu mir gekommen ist. Entweder war es ein Geschenk oder ich hab es irgendwo entwendet – das würde vielleicht erklären, warum ich nur ein Stück davon habe. Aber vielleicht habe ich auch eine ansehnliche Geschenkschachtel mit vier Stück von diesen Gläsern bekommen, jedes an seinem abgegrenzten Platz im Karton. Ich stelle mir vor, wie eines von der Küchenzeile fällt und auf den Fliesen zerbricht, ich sehe, wie das zweite durch die Luft fliegt und an der Wand zerschellt, ich sehe, wie mir das dritte aus der Hand rutscht, als ich besoffen auf der Couch einschlafe. Zum Beispiel. Das ist die Geschichte meiner bauchigen Gläser, meiner Amphoren, die spurlos verschwunden sind. Nur eine blieb übrig. Eine überlebte. Die stärkste. Ich hebe die kleine Amphore hoch, diese Heldin, und betrachte sie. Unten im Glas befindet sich eingetrocknete purpurrote Flüssigkeit, weil mein tapferes Trinkgefäß seit dem letzten Abend auf mich wartet. Blöd, ich würde mir gern die halbe Flasche einschenken, die hier auch auf mich wartet, aber dieser modrige Rest hält mich irgendwie davon ab. Hm? Wie wird sich diese junge Frau – obwohl ihr hier wirklich Fantasien vergeudet, da ihr sie euch jünger vorstellt, als sie tatsächlich ist – wohl entscheiden? Schenkt sie sich in das stinkende Glas nach oder steht sie auf und spült es aus? Mein Erzähler hört das betäubende Ticken der Uhr, das den ganzen Raum meines Wohnzimmers einnimmt, ich höre ein lauter werdendes Ge-Ge-Ge-Ge-Getrommel. Das Ticken wird leiser, wie auch das Getrommel, und ich nehme einen Schluck aus der Flasche. C ist richtig. Der Erzähler winkt angewidert ab und verschwindet wieder für eine Weile. Ich höre ba-dam tsss, den Jingle, der in den kleinen Vorstellungen billiger Entertainer immer bei einem gelungenen Sketch zu hören ist. Ich erwarte auch Lachen und Applaus aus dem Zuschauerraum. Aber es war ein schlechter Sketch. Also: klirr, wumms und aus. Und dann klick-klick.
Ich habe meine üblichen Alltagsgegenstände, die ich benutze; Sachen, die ich trage, Nahrungsmittel und Getränke, die ich esse und trinke. Ich würde sie nicht Lieblings-, sondern nur Alltagssachen nennen. Um zu Lieblingssachen zu werden, müsste ihnen ein Prozess des Beliebtwerdens vorausgehen, ein Prozess des Vergleichens, bei dem sie sich ihre Vorrangstellung in jener Beliebtheit erkämpft hätten. Aber das mache ich normalerweise mit den Alltagssachen nicht. Ich greife nach dem Ersten/Billigsten/ meiner faulen Hand am nächsten, und dem bin ich dann eine gewisse Zeit treu, solange ich nicht auf etwas anderes treffe, das im gegebenen Moment das Erste/Billigste/gerade zur Hand ist. Gegenwärtig sind das also der billige Portwein, die Mentholzigaretten, das Metallfeuerzeug mit dem verblassten Totenschädel, das bauchige Trinkgefäß aus geschliffenem Glas, der Katzenaschenbecher. Und die Lampe mit dem roten Lampenschirm, die garantiert aus irgendeinem Nazi-Bordell stammt, zu der ich mich gerade aufrichte, um sie anzuknipsen, denn auf die Stadt sinkt Dunkelheit, wie mein Erzähler sagt, und sie drängt sich durch die Fenster zu mir herein.
Mein Telefon klingelt gedämpft. Vermutlich ist es in der Manteltasche. Es ist meine Schwester, es zahlt sich nicht aus, aufzustehen und sich davon zu überzeugen. Es ist meine Schwester, es zahlt sich nicht aus, aufzustehen und das Gespräch anzunehmen. Für heute hab ich genug vom Telefonieren. Wie jeden Tag. Ich bin nämlich Callcenteragentin. Schon seit etwa vier Jahren. Die Haltbarkeit von Callcenteragentinnen beträgt angeblich drei Jahre, ich bin also schon drüber.
Mit einem Fuß schiebe ich den Aschenbecher näher heran und greife nach der Zigarettenschachtel. Und dann klick, anzünden, klick. Mit der Zehe streiche ich über die abgeblätterte Brustgegend der Katze. Mein Telefon klingelt noch einmal und ich denke daran, dass meine Schwester diesen Aschenbecher hassen würde. Sie würde meine ganze Wohnung hassen, aber ich habe ihr dazu keine Gelegenheit gegeben, sie war noch nie bei mir. So viel Kitsch und Staub, das wäre mehr, als sie ertragen könnte. Diese Konzentration an Geschmacklosigkeit, darin suhle ich mich. Meine Deponie, meine kleine Schundausstellung, meine Sammlung nutzloser Dinge, an denen niemandem, mich eingeschlossen, etwas liegt. Krempel, der ungefähr so notwendig ist wie meine ganze Existenz. Keine Kunst, kein Souvenir, keine Erinnerungsträger, keine Sammlerstücke. Nur Staubfänger, die ich kaufe und stehle. Manchmal bekomme ich etwas, aber meistens kaufe oder stehle ich sie. Meistens stehle ich sie. Auch auf sie legte sich schon beinahe Staub, wie sie da schon über eine Stunde in der Stille des Zimmers saß, sagt der Erzähler. Vollkommene Stille stört mich nie, solange mir nicht bewusst wird, wie vollkommen sie ist. Nur drei Uhren ticken, jede anders, jede hat ihre Zeit und eine von ihnen setzt manchmal aus, sie hat ein Problem, von Dreiviertel auf Zwölf zu ziehen, und dazu das gelegentliche Knarren des Parkettbodens, das Knistern des verglühenden Zigarettenpapiers und klick-klick.
Um sechs Uhr zweiundfünfzig, vielleicht auch siebenundfünfzig, wachte ich auf dem Fußboden liegend auf, und vielleicht wachte ich nicht auf und das Erste, was mir in die Nase stieg, war der säuerliche Gestank, der von dem verschütteten Wein kam. Ich setzte mich auf und ließ meine Halswirbelsäule ein paar Mal knacken. Ich zog mir das T-Shirt über den Kopf und schmiss es über den roten Fleck auf dem Parkettboden neben die umgekippte Flasche. Ich trat mit einem Fuß auf das T-Shirt und wischte den restlichen Wein weg. Das T-Shirt landete im Müll. Zeit für ein neues T-Shirt, Zeit für neue Gewohnheiten. Und wieder ein neuer Tag, ihr kennt das ja schon. Die Zahnbürste ins Maul, Pinkeln, das Ventil, Spülen. Diesmal ergänze ich meinen Reinigungsprozess, ich will den Gestank nach Wein und Rauch loswerden. Direkt von der Kloschüssel, mit der Zahnbürste im Mund, springe ich in die Duschkabine.
Ich erwachte durch Fluorid im Hals und kaltes Wasser. Ich musste wohl in der Dusche in die Hocke gegangen und dabei eingeschlafen sein, mein Schläfchen dauerte die eine oder andere Minute, denn das ganze heiße Wasser war futsch. Mit blau angelaufenen Fingern machte ich die Tür der Duschkabine auf. Sieben Uhr zwanzig. Mein Schläfchen hatte länger gedauert, als ich dachte. Ich spuckte die Sauerei, die sich in meinem Mund angesammelt hatte, aus und machte mich auf den Weg ins Schlafzimmer, wo ich die Sammlung dunkelschwarzer, langweiliger, anständiger, beißender Kleider im Stil von Bibliothekarinnen in den Wechseljahren durchging und mir eins davon aussuchte. Die Haare hinter die Ohren gestrichen. Zum Frühstück hatte ich einen heißen Kaffee und eine Zigarette. Das Knurren im Magen gab mir den Befehl zur täglichen Aufnahme eines Krapfens. Ich frühstücke jetzt nämlich Krapfen.
Du bist, was du isst. Ich bin Mehl und Zucker und Fett mit irgendwas Klebrigem drinnen.
Ich hängte mir den Mantel und die Tasche über die Schulter und ging hinaus in düsteres Wetter. Die Echos des Sommers sind dahin, sagt der Erzähler; den Sommer samt seinen Echos kannst du dir in den Arsch stecken, sage ich. Ich ging in die Bäckerei an der Ecke und kaufte mir einen mit Schokolade und einen mit Heidelbeerfüllung.
Bei meiner Schwester war ich kurz vor fünf. Sie erwartete mich, samt dem Trio ihrer Nachkommenschaft, an der Tür. Die Armen.
»Was, du kannst schon gehen, das ist ja toll«, sagte ich und bemühte mich wirklich, diesen jubelnden Hurra-Ton zu treffen, weigerte mich dann aber, auch noch die Verantwortung dafür zu tragen, wie es wirklich klingt. Marek stützte sich unsicher gegen das Bein seiner Mama, lächelte mich dabei aber mit einem stolzen, kindlichen Ausdruck an.
»Du wirst immer dünner«, hieß mich meine Schwester willkommen. Oh Gott, hat ihr jetzt schon wirklich jemand diesen übermütterlichen und vorwurfsvollen ich-mein’s-doch-nur-gut-Ausdruck ins Gesicht geheftet oder was ist da los? Am schlimmsten ist, dass ich sie aber eigentlich schon seit jeher so in Erinnerung habe. Diesen Gesichtsausdruck hatte sie schon, als sie zehn war.
»Du hast ein bisschen zugenommen«, sagte ich. Nach dieser herzlichen schwesterlichen Begrüßung setzte ich mich in die Küche und wartete darauf, dass sie mir einen Kaffee machte.
»Wo ist er?«, fragte ich sie und begann, in der Boulevardzeitung zu blättern, die auf dem Tisch lag.
»Zdeněk?«, sie drehte sich zu mir und wieder zurück zum Wasserkocher. Diese Alchemie, die sich in dem Gefäß aus Plastik abspielte, verdiente ganz einfach mehr Aufmerksamkeit. Es gibt Zeiten, da hat meine Schwester sehr viel zu tun, wenn wir uns sehen – und für gewöhnlich bedeutet das, dass sie mir den Rücken zudreht. »Er ist auf ein Bier gegangen.« Schockierend! verkündete die Überschrift auf der ersten Seite. Ich nickte. Da wird er also länger weg sein.
Karolína kam zu mir gelaufen. Sie hatte ihre Puppe dabei und fing an, mir etwas zu erklären, mit einem wichtigen Gesichtsausdruck und weniger wichtigen Gesten. Ich nickte nur verwirrt, denn es überraschte mich, wie so ein kleines Mädchen fähig ist, die gleiche besorgte Miene wie ihre Mutter aufzusetzen. Wie gut, dass meine Schwester uns den Rücken zudrehte, denn ich wette, es wäre ihr nicht entgangen, dass sich in mir alles zusammenzog, als würde ich mir einen Löffel Essig in den Hals gießen. Normalerweise lachen die Leute über so was, oder? Wenn die Kinder die Miene von Erwachsenen aufsetzen und Sätze sagen, die auch Erwachsene sagen, die sie sich von ihnen abgeschaut haben, und wenn sie dann sogar noch die Kleider von der Mama anziehen, also sofern das keine Jungs machen, denn darüber lacht dann kaum noch jemand. Ich wurde dadurch aber lediglich nervös und es widerte mich ein bisschen an. Es überraschte mich sogar, dass es etwas gab, das mir irgendwie unangemessen erschien, genau das ist das Wort, mir kommt nicht einfach so etwas unangemessen vor, nein, so einfach bin ich nicht aus der Ruhe zu bringen. Mit diesem Lamentieren erinnerte mich Karolína an eine Sendung, die ich vom Herumzappen durchs Kabelfernsehen kenne, das ich mir damals, als ich mit Salmonellen zu Hause lag, anschaffte. Da lief eine Übertragung von irgendeiner Wahl zur Kinder-Miss. Das Ganze spielte sich ab in einer gottverlassenen Stadt im Süden der USA. Kleine Mädchen stolzierten über eine Bühne, sie waren zwischen vier und acht Jahre alt. Ihre kindlichen Gesichter verschwanden unter einer Tonne Make-up, ihre kindlichen Haare unter protzigen Toupets. Und als wäre das nicht schon genug gewesen, stellten sie sich auf dem Laufsteg zur Schau, mit hohen Schuhen und ausgestopften Brüsten, kreisten mit ihren kindlichen Hüften und schickten laszive Küsschen ins Publikum. Und um sie herum liefen ihre hysterischen Mütter, die sich in drei Kategorien unterteilen ließen: In der ersten Gruppe waren außergewöhnlich hässliche Mütter, die das kompensieren mussten, wozu sie selbst nicht in der Lage waren. In der zweiten Gruppe waren außergewöhnlich junge Mütter, die das kompensieren mussten, was sie selbst nicht geschafft hatten. In der dritten Gruppe waren alte, ehemalige Misses vom Arsch der Welt, die kompensieren mussten, dass sie das alles schon hinter sich hatten. So oder so, es ist klar, dass alle drei Gruppen von Müttern diese Wettbewerbe vor allem aus einem Grund abklapperten. Klar, sie bekommen Geld dafür, klar, sie sind mächtig stolz, bum, aus, bussi, baba, seien wir uns ehrlich, da steht noch etwas anderes dahinter, ganz einfach: Vorwürfe. Ein schlechtes Gewissen. Alle wollen sie mit dieser Maskerade versuchen, etwas zu übertönen: Ihre Gewissensbisse nämlich, die davon kommen, dass sie es manchmal heimlich bereuen, Kinder zu haben. Niemals würden sie zugeben, dass sie manchmal daran denken, zumindest eine Sekunde, zumindest in einem einzigen schwachen Moment, während sie, nach Erbrochenem stinkend, beim Anblick alter Fotos vom Abschlussball heulen, wie es wäre, wenn sie sich nochmals entscheiden könnten.
Ich kann nicht sagen, dass ich Danas Kinder nicht mag. Ich kann aber auch nicht sagen, dass ich ihnen gegenüber irgendeine intensive Zuneigung verspüre. Ich weiß eigentlich nicht einmal, wie ich ausdrücken könnte, was sie für mich bedeuten. Wie soll man das beschreiben, wenn man ganz einfach nichts fühlt? Wenn ich sie anschaue, ist es, als würde ich Fische beobachten, die in einem Aquarium schwimmen. So irgendwie ist es. Mein Interesse für sie gleich dem für Regenbogenforellen oder einen Piranha – aber das werde ich meiner Schwester bestimmt nicht erzählen und auch sonst niemandem. Niemand würde das begreifen, sofort würde man diese Äußerung als großkalibrige Widerwärtigkeit abstempeln, denn einem vierjährigen Spross den Brustkorb auszustopfen und ihm die Haut, die Haare, die Figur und den Charakter zu verhunzen, das geht; aber sagt um Himmels willen auf keinen Fall, dass euch an Kindern in etwa so viel liegt wie an Skalaren. Nicht, dass es darauf ankommt, was die Leute denken, aber ich muss es nicht unbedingt unterstützen, dass es fremde schlechte Meinungen über mich gibt. Das Leben ist viel einfacher, wenn man solche Sorgen nicht hat. Und darum geht es mir in erster Linie. Ich mache mir nichts vor, so nach der Art: Sollen doch die Leute über mich denken, was sie wollen. Klar, sollen sie doch denken, was sie wollen. Aber dieser um eine Nummer kleinere Schuh (das Leben also, eine Metapher also) ist bequemer, solange sie nichts denken. Wenn wir jedenfalls in Betracht ziehen, dass ich meine Neffen und meine Nichte insgeheim mit Fischen in einem Aquarium vergleiche, dann könnte man den Ältesten, Zdenda, als meinen Lieblingsfisch bezeichnen. Nächstes Jahr soll er in die Schule kommen. Im Unterschied zu den anderen Kindern plappert er keinen Unsinn, stattdessen ist er manchmal in Gedanken versunken. Er ist anders, was meiner Schwester, im Gegensatz zu mir, Sorgen macht. Wir sind immer unterschiedlicher Ansicht. Wenn ich nächstes Mal nicht weiß, was ich fühlen denken oder sagen soll, schaue ich einfach Dana an und überlege, was sie fühlt. Errate, was sie denkt. Höre zu, was sie sagt. Und wähle dann das exakte Gegenteil.
Ich habe nie verstanden, warum meine Schwester alle drei Kinder so kurz nacheinander bekommen hat. Noch dazu mit diesem Kuřinec, diesem Hühnerdreck. Ja, sein Name kommt mir irgendwie gerade recht. Das, wofür sich Zdeněk Kuřinec, Zdeněk Hühnerdreck, das ganze Leben lang schämte, weswegen er als Kind ausgelacht und in der Pubertät schikaniert wurde, und was jetzt taktvoll umgangen wird, das wird in meiner Macht zum Spaten, mit dem ich in sein Ego steche. Ich trat ihm auf sein Hühnerauge, sozusagen. Verschmierte die Hühnerscheiße.
Der alchemistische Prozess erreichte seinen Höhepunkt. Das Wasser kochte, das Wasser blubberte. Ich beobachtete den Rücken meiner Schwester und ihre zurückgekämmten Haare. Knips. Und ich schaue wieder auf die Cellulitis der Sängerinnen auf Seite sechs.
Noch bevor sie überhaupt verheiratet waren, erzählte sie mir, dass er sie geschlagen hatte. Sie hatte ein geschwollenes Auge und blaue Flecken an der Hand. Zunächst weinte sie stundenlang, erst dann war sie überhaupt fähig, etwas zu sagen. Bis in die Nacht hinein saßen wir dann da, wir planten, dass sie für eine Weile zu mir ziehen würde und dass sie gleich am nächsten Morgen, während er in der Arbeit ist, alle ihre Sachen abholt. Doch der Hühnerdreck, also der Kuřinec, ging nicht in die Arbeit. Er wartete zu Hause auf sie. Nüchtern, mit einem Strauß Rosen, als Sargnagel. Und weniger als ein Jahr später war Zdenda auf der Welt.
»Was gibt es Neues? Hast du endlich jemanden?«, fragte sie, als sie mir einen Instantkaffee und sich selbst einen Tee aufgoss.
Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Nein, es ging gar nicht um diese Frage. Beziehungsweise ging es nicht darum, was für eine Frage sie gestellt hatte. Das wird Dana wohl nie aufgeben – sich in mein Privatleben einzumischen. Aber dieses »endlich«. Danas endlich. Ein bedeutungsvolles endlich. Eins muss ich meiner Schwester lassen: Sie hat die Begabung, eine Menge Information in ein unauffälliges Füllwort hineinzucodieren. Ein Mensch, der sie nicht kennt, würde das gar nicht erst bemerken. Es geht nicht um den Ton, den sie verwendet. Es geht nicht um den Ausdruck, den sie dabei im Gesicht hat, diese Miene, mit der sie eine Tasse mit stinkender Flüssigkeit vor mich hinstellt. Es gibt kein Bedeutungswörterbuch für diese einerseits nichts und andererseits allessagenden Wörter. Sie können jedes Mal etwas anderes bedeuten, lassen sich nur durch das Prisma des Kontexts entziffern, der sehr weit zurückreicht. Weit nach hinten. Ich bin schon so bekontextet, dass ich mir den wahren Sinn ihrer Äußerung immer automatisch übersetze. Ich dechiffriere alle Bedeutungen, die das jeweilige endlich, übrigens, beziehungsweise, vielleicht hat. Und was sage ich darauf? Ich zahle es meiner Schwester immer heim, indem ich vortäusche, dass endlich nur endlich ist, und es nicht nötig ist, darauf zu reagieren.
»Ja, letzte Woche hab ich mit jemandem geschlafen.«
Dana warf einen Blick auf Karolína, die mit der hundert Jahre alten Stoffpuppe unterm Arm immer noch die kleine Version meiner Schwester spielte, schwer zu sagen, ob diese Version komischer oder tragischer war, und schickte ihre Tochter aufs Zimmer.
»Und, wird etwas daraus?«, fragte sie, als sie mir gegenüber Platz nahm.
»Ich hoffe nicht, ich nehme die Pille.«
»So wirst du den Rest deines Lebens alleine bleiben.«
»Naja, verdammt«, sagte ich und riss meine Augen weit auf. Das war mir bisher gar nicht bewusst.
»Du wirst draufzahlen«, Dana überging meine Spielerei und griff nach dem Papieretikett ihres Teebeutels.
»Bei mir wird es keine Fische geben.« Zum Glück schaffte sie es nicht einmal, mich verwirrt anzuschauen, denn ich verzog mein Gesicht wegen des scheußlichen Gesöffs, das sie mir serviert hatte. »Um Gottes willen, was kaufst du denn da für verkohltes Zeug?«
»Du bist ein hoffnungsloser Fall«, seufzte sie und zog an ihrem Teebeutel, holte ihn mit einem regelmäßigen Auf und Ab aus dem Wasser und tauchte ihn wieder in die Tasse zurück.
»Das glaube ich auch«, nickte ich und gab ein paar Löffel Zucker in den Kaffee.
»Ich dachte, du trinkst ihn ohne Zucker.«
»Kaffee schon«, sagte ich, den bitteren, verkohlten Geschmack immer noch auf der Zunge.
Sie wiederholte ihre Mutmaßung über den hoffnungslosen Fall. Dieses Mal ohne Worte.
Ich dachte mir dasselbe. Aber über sie. Dana war ein hoffnungsloser Fall. Mein Erzähler hat die Hände in die Hüften gestützt und schüttelt den Kopf, er ist verwirrt. Was du da zusammenlügst, du bringst die Leser durcheinander, jetzt werden sie sich die Frage stellen, welche der beiden Schwestern verdammt noch mal der hoffnungslose Fall ist. So wie ich ihn kenne, würde er das anders sagen. Er würde sagen: Liebe Leserinnen, liebe Leser, erwähnenswert ist vor allem, dass jede der beiden einen ganz anderen Lebensstil mit Hoffnungslosigkeit gleichsetzt. Und wenn wir noch bedenken, dass jede der beiden einen ganz anderen Lebensstil hat, dann haben wir es mit einem Konflikt zweier Mutmaßungen über zwei hoffnungslose Existenzen zu tun. Das würde er sagen. Halt die Klappe, sage ich und vertreibe ihn aus meinem Kopf raus, raus, raus.
