Kitabı oku: «Staubfänger», sayfa 2

Yazı tipi:

»Ich habe nichts gesagt«, protestierte meine Schwester plötzlich.

Habe ich da eben laut gedacht? »Was?«

»Was?«

»Was?«, sagte ich so schnell, dass sich unsere Stimmen fast vermischen. »Und du hast deinen Typen bei einer Tombola gewonnen, oder was?«, fügte ich hinzu, um von meinem inneren Monolog abzulenken.

»Willst du dein Leben lang allein bleiben?« Sie sammelte sich wieder.

Ich seufzte auf, schlürfte Zucker mit Kaffee und zündete mir eine an. Als ich den ersten Zug ausatmete, stand Dana auf, um die Tür zu schließen und das Fenster zu öffnen, bevor der Zigarettenrauch das Zimmer füllte.

»Ich hoffe ja sowieso, dass dir das vergeht, wenn du wen kennenlernst«, fügte sie hinzu.

Und wann geht das in deinen Kopf rein? Im ersten Moment konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, ob ich nicht wieder laut gedacht hatte. Dana reagierte nicht, aber das hieß noch nicht, dass ich etwas wirklich nur in Gedanken formuliert hatte.

Tramtrara. Meine Schwester. Meine hoffende Schwester. Nein, es lohnt sich nicht, sie zu fragen, warum um Himmels willen sie darauf hofft, dass jemand anderes die Meinung darüber ändert, wie er sein Leben führen will. So ist sie einfach. Alle Meinungen und Ansichten über das Leben, die im Widerspruch zu dem stehen, was sie für normal hält und wie es sein soll, sind automatisch verschroben, schlecht, komisch. Und manchmal versucht die Arme sogar, es ernsthaft zu begreifen. Warum das so ist. Die Menschen sind doch nicht so verschieden, dass sie sich nicht nach ein und demselben Ideal sehnen! Dass sie den Sinn des Lebens nicht in einem evolutionär vorgegebenen Modell sehen, das aus Partnerschaft und Reproduktion besteht. Nein, wo denn auch, ich sehe die kleine Karolína, wie sie den Kopf schüttelt, von einer Seite auf die andere, und mit erhobenem Finger sagt sie zu ihrer Puppe: Nein, nein, so nicht, meine Kleine. Na, und wenn das so nicht ist, dann ist das nicht so, und dann bin ich die Komische, Falsche und Verschrobene. Immer schon war ich das störende Element, das unsere geschwisterliche Beziehung verdorben hat. Ich denke, Dana wollte immer, dass wir so ein beklopptes Schwesternduo werden, nicht nur verwandt, sondern auch beste Freundinnen, zwei so Schwestern, die sich gegenseitig Zöpfe flechten, die Nägel feilen, sich zur Begrüßung umarmen und sich gegenseitig die Haare halten, wenn eine mal zu viel getrunken hat. Dass ich ein normales Leben führe, mir einen Kerl suche, mit dem ich dann zusammen bin. Dass ich ein normales Leben will und eine Familie gründe. Dass ich mich mit Danas Lebensstil zufriedengebe. Mich einem Tyrannen unterordne, ihm jeden Tag ein warmes Abendessen koche und Angst habe, einen Fuß vor die Tür zu setzen, um mir nicht anhören zu müssen, was für eine Hure ich sei, und andererseits aufpassen muss, nicht zu lange nicht vor die Tür zu gehen, um mir nicht anhören zu müssen, was für eine faule Sau ich sei. Rechnungen, Kloputzen, Kinder in den Kindergarten, Ćevapčići mit Kartoffeln, Rechnungen, Kloputzen, Flaschenbier und Würste. Nein, leider, davon träume ich nicht. Zur Gänze schuldig. Warum wollen Frauen überhaupt Kinder? Weil sie sich wichtiger und ernster vorkommen, sie haben ja dann Verantwortung. Eine Frau ist erst eine Frau, wenn sie auch Mutter ist. So ein Blödsinn. Ich sehe mich auf meiner Kloschüssel stehen und das Ventil vom Spülkasten lockern, um diese Scheiße tief runterzuspülen. Und vermutlich auch deshalb, weil sie denken, dass sie ihre eigene Traurigkeit in Freude verwandeln, wenn sie ihre Energie in jemand anderen investieren können, der die Dinge so macht, wie sie es wollen. An der Mutterliebe gibt es nichts Natürliches, nichts Instinktives. Vergessen wir Darwin für eine Weile. Mutterliebe wird aus den abartigsten Winkeln gespeist, daran gibt es nichts Reines. Sie entsteht aus der Sehnsucht, lebenslange Macht über das menschliche Leben zu haben.

Was würde Mercedes dazu sagen? Sie würde vermutlich sagen: »Und was ist denn rein, mein goldiges Schätzchen? Reines Gold?« Und Ondřej würde sagen: »Wer nicht beleidigt werden will, den beleidigt niemand.«

Ich ging von meiner Schwester nach Hause und bereute es, dass ich nicht mit dem Auto unterwegs war. Ich ging ungefähr drei Kilometer zu Fuß, unglaublich schnell wurde es dunkel und auch immer kälter. Ich erinnerte mich daran, dass mir, als ich klein war und in der Dämmerung nach Hause ging, oft eine Geschichte, eine Vorstellung durch den Kopf ging: Der ganze Stadtteil mit seinen identischen Straßen hatte sich in eine Parallelwelt verwandelt, in der alles haargenau gleich, aber doch auch ganz anders war. Und von dieser Transformation wusste nur ich, denn nur ich verwandelte mich nicht. Auf einmal war alles dunkel und fremd. Ängstlich ging ich durch die Dunkelheit und stellte mir vor, wie anders alle sein werden, sobald ich nach Hause komme. Mutter, Vater, Schwester. Ich würde nach Hause kommen und wissen, dass das nur Nachbildungen meiner Familie sind. Mechanische Maschinen vielleicht, die aussehen wie Menschen, oder Außerirdische, die aussehen wie Menschen, oder Teufel aus der Hölle, die aussehen wie Menschen. Und das Schlimmste daran war nicht, dass sich alles änderte und entfremdete, dass alles dunkel wurde, wie die Straßen, durch die ich ging. Das Schlimmste daran war, dass nur ich dieselbe war. Und dass ich es niemandem sagen konnte. Dass ich es nicht einmal versuchen konnte, weil alle sich verwandelt hatten. Und weil sie wussten, dass ich ich geblieben war. Das beunruhigte mich am meisten. Als ich dann nach Hause kam, fragte ich meine Mutter und meine Schwester immer und manchmal auch meinen Vater (und die waren davon meist ziemlich genervt) nach Sachen, die nur meine »echten« Familienmitglieder wissen konnten.

Da war ich ungefähr sieben oder acht.

Und als ich dann so nach einiger Zeit wieder durch die still gewordenen Straßen nach Hause ging, war ich von dieser Vorstellung nicht mehr beunruhigt. Ich wünschte mir sogar, es wäre so. Mir wurde klar, dass sie sich in nichts Schlimmeres mehr verwandeln konnten. Dass ich sogar froh wäre, wenn sich die Welt ändern würde, während ich nicht zu Hause war. Vielleicht wäre sie dann ein Ort, an dem ich gern bleiben würde.

Das war, bevor Miriam meinen Vater umgebracht hat.

Ba-dam tsss.

Ich bin Callcenteragentin mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum und arbeite für eine private Informationshotline. Ich informiere Menschen. Über alles. Wenn ihr etwas nicht wisst, zögert nicht und ruft mich an. Ich sage euch echt alles. Also, alles, was sich in unseren Datenbanken und im Internet finden lässt, also wenn ihr kein Geld ausgeben wollt, sucht es euch lieber selber raus. Ich sage euch, wie viele Zähne ein Eichhörnchen hat, um wie viel Uhr euer Bus fährt, wie der gegenwärtige Kurs des amerikanischen Dollar ist, auf welcher Autobahn es gerade staut, wie schwer Justin Bieber ist, welche Filiale eurer Bank gerade am nächsten ist, was für eine Telefonnummer die Post hat, wie spät es gerade in Arunachal Pradesh ist. Ich bin eure obligate Instantantwort. Den ganzen Tag lang mache ich nichts anderes, als mir anzuhören, was die Leute wollen, suchen und brauchen. Die Welt stellt Fragen, ich antworte. Arbeit, so notwendig wie Annas gesamte Existenz, denkt mein Erzähler, in Zeiten des Internets und der maximalen Zugänglichkeit allgemeiner Informationen spiele ich hier das Universalgenie. Die Rettung der analphabetischen Bevölkerung, auf Abruf. Ich sage euch alles, und wenn ich etwas nicht weiß, verbinde ich euch weiter.

Seit ich hier angefangen habe, hat sich die Frequenz, mit der die eingehenden Anrufe in die Leitung kommen, mehrere Male geändert, und auch die Art der Fragen ändert sich. Als ich angefangen habe, riefen die Leute ständig an und fragten nach allem. Zwar kannten schon alle das Internet, aber nicht alle mochten es und fast niemand hatte es am Handy. Es gab eine Zeit, wo ich unter anderem bei der Lösung von Kreuzworträtseln half, Hausaufgaben und Referate schrieb, Vorträge über historische und geografische Besonderheiten hielt, Kinoprogramme und Inhaltsangaben von Büchern vorlas, Theaterkarten bestellte. Dann lernten die Menschen das Internet zu benutzen, auch am Handy, und brachten dadurch die Hälfte der Callcenter-Herde um ihren Job.

Ich bin zwar über mein Dienstalter hinaus, ich strotze auch nicht vor sympathischem Gezwitscher, doch habe ich bestimmte Qualitäten, die für Teamleader von Callcenteragenten wichtig sind. Ich bin einer der leistungsfähigsten Mitarbeiter, mache jeden Monat Überstunden, arbeite an Feiertagen, welche die anderen mit Menschen verbringen wollen, die sie ihre Nächsten nennen, drücke mich präzise aus und bin kein Hitzkopf, ich kann ohne Weiteres auch mal ein unfähiger Trampel sein, so was bringt mich nicht aus der Ruhe, und schönen Tag und auf Wiederhören. Also, meine Chefin hat hinter ihrem Kopf eine Pinnwand hängen, mit optimistischem Quatsch und aufmunternden Zitaten, und in der Mitte ist ein Foto von mir, ein Polaroid, auf dem schaue ich aus, als hätte ich gerade einen Krampf in der rechten Gesichtshälfte, weil ich mich nicht entscheiden kann zwischen einem höflichen Lächeln, panischem Verschwinden durch den nächstgelegenen Notausgang und unappetitlichem Rülpsen, und oberhalb des Fotos klemmt ein Zettel mit rosaroter Aufschrift: Mitarbeiter des Jahres.

Ich sage es euch ganz ehrlich, so eine Arbeit ist nichts für Sensibelchen. Wenn eine Zwölfstundenschicht zu Ende geht und ihr das fünfhundertste Gespräch führt, in dem euch ein grimmiger Rentner dermaßen beschimpft, dass ich es nicht einmal wiedergeben kann, denn eine derbe Ausdrucksweise versaut das Karma, dann kann man schon mal die Nerven verlieren. Und wenn man sie Tag für Tag verliert, dann bekommt man mit der Zeit Minderwertigkeitskomplexe, man wird ein Nervenbündel, das nichts mehr aushält, weder den Druck der Anrufer, damit die ja nicht denken, man sei eine blöde … (drei Punkte = karmische Zensur), noch den Druck des Chefs, der meint, man müsse die Anrufer schneller abfertigen, oder den Druck des Ehemanns und der Familie, die meinen, man sollte ausgeglichener sein, oder den Druck der eigenen Nerven, die meinen, man soll auch in der Freizeit mit seiner Umgebung kommunizieren. Und wenn ihr diese Frettchen auf Speed nicht aushaltet, die euch leiten und euch zwingen, bei jedem Teambuilding-Scheiß mitzumachen, und die euch zwingen, sonnig und herzig zu sein, weil wir alle an einem Strang ziehen, und blableblibloblu, dann bleibt gleich erstmal lieber draußen. Nein, ich bin wirklich nicht sonnig und auch nicht herzig und an einem Strang ziehe ich schon gar nicht, aber ich kann das alles sehr gut spielen oder ich kann mich so geschickt rausreden, dass sie mich in Ruhe lassen.

»Guten Tag, Anna Kaplanová am Apparat, wie kann ich Ihnen helfen?«, frage ich, die Finger auf der Tastatur bereit. Alle zehn. Meine gefeilten Nägel warten nur darauf, eine Symphonie für diese Idioten zu spielen. Mit der rasenden Fahndung nach Wahrheit und Informationen loszulegen. Meine zehn gierigen Helfer. Wir sind da. Wir warten. Gierig nach einer Frage. Ihr braucht mich. Also fragt mich.

»Ich bräuchte die Zugverbindung von Ostrava-Poruba nach Prag.«

Ich suche die nächste Verbindung und beim Vorlesen der Abfahrtszeiten beiße ich von einer Lakritzstange ab. Die mehrjährige Praxis lehrt einen, wie man isst, ohne dass es in der Stimme zu erkennen ist. Außerdem, wir Mitarbeiter des Jahres dürfen das. Meine Chefin winkt mir von ihrem Tisch aus zu, tippt mit dem Finger auf ihre Armbanduhr und wartet, bis ich nicke. Diese Geste ist ihr Code, mit dem sie mich an unsere Besprechung erinnert. Ja, so aktiv sind wir hier. Wir deuten uns zu, denn es gibt nicht genug Zeit, um miteinander zu sprechen. Ich sehe, wie mir meine dicke, vierzigjährige, in einen Militäranzug gezwängte Chefin mit schwarzer Vaseline unter den Augen zuwinkt; sie springt zu Boden, rollt Fässer zur Wand, wo sie unbeholfen in die Hocke geht, ein Tier imitiert, etwa eine Ente, mir dann unlogische Signale mit den Fingern gibt, das Schattenbild einer Giraffe an die Pinnwand wirft, sich zum Schluss auf die Armbanduhr klopft und durch die gläserne Tür davonschleicht. Ich hole eine Granate aus meiner Hosentasche, ziehe ihre Sicherung mit den Zähnen heraus und werfe sie ins Besprechungszimmer.

Ich vergeude eine Stunde meines ansonsten gänzlich vollwertigen Lebens voller Höhen und Tiefen, Aktion und Reaktion, Reproduktion und Reinkarnation, und nach der Besprechung, wo sich alle mit allen beraten, sonnig, und schwupps, so ein Mist und noch einer dieser witzigen Slogans, ich halte mir den Bauch vor Lachen, ba-dam tsss, als würde ich auch so witzig sein wollen, ach ja, nach der Besprechung gehe ich zurück in mein Gehege. Für heute ist Feierabend, also packe ich meine Sachen, aber da spüre ich, wie mir jemand auf die Schulter tippt. Ich zucke zusammen. Meine Chefin zwitschert mir zu, sie würde mir gern noch ein Feedback geben, was bedeutet, dass sie einen an ihren Schreibtisch führt, da nach oben, da zu den Fenstern, an ihren Thron an der Stirnseite des Callcenters. Das bedeutet, dass man in einem Sessel Platz nimmt, der größer und bequemer ist als der, den man in seinem Gehege stehen hat, und dass sie einem samtgepolsterte und mit Edelsteinen besetzte Kopfhörer aufsetzt, schöner und hochwertiger als die, die man in seinem Gehege trägt, und dann spielt sie einem ein Gespräch vor oder zwei; ein Gespräch, das man an diesem Tag geführt hat und das sie sich angehört hat, zu dem sie einem etwas sagen will, einen loben will, gewöhnlich jedoch im Gegenteil, gewöhnlich hat man es vermasselt und die Sonne verschwindet hinter kleinen schwarzen Wolken, nein, das ist keine Schikane, das ist doch Feedback. Ich setze die Kopfhörer auf und meine Chefin spielt das Gespräch ab. Ich habe gewusst, dass sie mir genau dieses eine vorspielen würde.

Seine Stimme klang, als würde man mit einem Teelöffel gegen eine Karamellkruste klopfen, und ich wollte, dass er mir für einen Moment direkt ins Ohr knuspert.

Ich fragte ihn: »Was, wohin?«

»Zur Esplanade.« Krach.

»Entschuldigen Sie bitte, können Sie das wiederholen? Die Verbindung ist irgendwie schlecht.«

»Sicherlich«, krach. »Zur Esplanade.«

»Können Sie mir das buchstabieren?«

»E, S, …«

»E wie Emil?«

»Ja, E wie Emil, S wie Samuel.«

Dann sagte er P wie Paula. L wie Ludwig. Krach krach.

Er sagte: »Wissen Sie, ich bin nicht aus Prag.« Und dann: »Das wäre lieb von Ihnen, ich bin schon ganz verzweifelt.«

»Wissen Sie, warum ich Ihnen das vorspiele?«, fragt mich meine Chefin.

»Ich weiß es nicht. Ich habe ihm den Weg später richtig erklärt.«

»Haben Sie ihn wirklich nicht gehört? Ich verstand ihn sofort.«

»Entschuldigung, ich nicht. Sonst hätte ich ihn doch nicht gebeten, mir den Ort zu buchstabieren.«

Meine Chefin schaut etwas verwirrt, vielleicht hätte sie auch das Gesicht verzogen, wenn sie es könnte.

»Das Vorgehen war korrekt, oder?«

»Das Vorgehen war korrekt, doch dauerte das Gespräch zwei Minuten länger als nötig gewesen wäre.«

»Aber ich habe ihn nicht verstanden.«

Ein geschlossener Kopf. Sie macht eine abwinkende Geste. »Ich werde das nicht bewerten. Es war nicht schlecht, aber nächstes Mal hören Sie besser zu. Hm?« Zum Schluss fügt sie ein bisschen zwitscherndes Gezwitscher hinzu. Ich nicke.

»Gut, das ist alles.«

»Ich würde es gern noch einmal hören, wenn ich kann.«

Meine Chefin zieht überrascht die Augenbrauen zwei Stufen höher, dann lächelt sie mich an. »Damit müssen Sie sich nicht quälen, es geht doch um nichts.«

Ich werde mich nicht quälen.

»Ich weiß, aber trotzdem würde ich es gern noch einmal hören, wenn es nichts ausmacht.«

»Gut. Aber Sie wissen, es ist Freitag? Sie sollten nach Hause gehen.«

»Keine Angst«, ich nicke.

»Fahren Sie nicht wieder mit Ihrem Freund in den Böhmerwald?«, fragt sie mich, als sie aufsteht und sich die Handtasche, eine falsche Louis Vuitton, über ihren fleischigen Arm schiebt.

»Doch, doch, ich gehe gleich.«

»Gut. Sie haben nichts zu befürchten. Sie wissen ja«, dabei streckt sie das Kinn zur Pinnwand mit meinem Foto und zwinkert mir verschwörerisch zu. Ja, das weiß ich. Sie winkt mir zu und geht und ich werfe die zweite Granate über meine Schulter. Ich setze die Kopfhörer wieder auf. Er sagte: »Ich bin verzweifelt« und ich, nur ich konnte ihn aus dieser Verzweiflung befreien. Er sagte: »Das wäre lieb von Ihnen«, und ich lächelte über seine Verwirrtheit. Ich sollte los, ich fahre doch in den Böhmerwald. Verzweifelt, verzweifelt, verzweifelt.

Ja, das hätte ich fast vergessen. Ich klopfe mir gegen die Stirn, während ich die Kopfhörer abnehme. Ich lüge manchmal.

ZWEI

Es ist zwei Uhr früh, mein Arsch ist aus Holz, genauso wie der Parkettboden hier, auf dem ich schon seit einer Weile sitze. Sonst schlummere ich um diese Zeit meist voller Zufriedenheit in die Decke eingewickelt, und warte geduldig auf einen Albtraum. Aber heute kommt die Müdigkeit nicht. Die unendlich ruhige One-Woman-Show wird langsam langweilig und grenzt an Peinlichkeit, das unendlich ruhige Leben, ich, unendlich langweilig, über mich gibt es nichts zu erzählen, im Ernst, der Erzähler wartet mit verschränkten Händen oder schenkt mir Portwein nach, um meinen Abgang in den Limbus zu beschleunigen. Er langweilt sich. Mein Erzähler langweilt sich und ich habe Angst, dass er mich vielleicht verlässt, dass er vielleicht eine andere Anna findet, eine, die ihm nicht so viel Arbeit macht. Der Parkettboden knarrt, die Knochen knacken. Ba-dam tsss. Ein nervöses Husten und ein Knarzen der Sessel unter den Allerwertesten meiner zappelnden Zuschauer. Die Uhren wispern Sekunde für Sekunde, stoßen sich gegenseitig mit dem Ellbogen an und zeigen auf mich, sie synchronisieren einen Stummfilm für mich, im Fernsehen sind Köpfe, die sich öffnen. Versucht mal, ohne Ton fernzusehen. Ich möchte wetten, dass die Figuren auf dem Bildschirm dann etwas anderes sagen werden, ähnlich ist das auch umgekehrt, wenn ihr nur die Stimmen hört, ohne Bild, dann passieren in diesem Film auf einmal ganz andere Sachen. Die Leute, die mich anrufen, machen ganz verschiedene Sachen. Einige haben das Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt und kochen dabei, und ich koche mit ihnen. Die Hühnerbrühe wird kräftiger, wenn man das Fleisch samt Knochen zuerst in den Backofen gibt oder in einer Pfanne anbrät. Aber ich habe keine Lust, mit ihnen eine Suppe zuzubereiten. Sie zwingen mich jedoch dazu. Sie brauchen mich. Ich bin ihre einzige Hoffnung auf eine ordentliche hausgemachte Brühe. Manche rufen mich auch über eine Freisprechanlage an und ich mache einen Ausflug mit ihnen. Von Velká Bíteš nach Znojmo kommen sie entweder über Brno oder über Hrotovice. Über Hrotovice ist es kürzer, über Brno ist es schneller. Solche normalen Sachen mache ich. Ich koche und backe und reise und schicke einen Eilboten, der einen Strauß Pfingstrosen bringt, und ich gehe zum Arzt und ins Kino und zum Friseur. Vielleicht war ich sogar schon mal ein Wochenende im Riesengebirge mit jemandem, mit dem ich davor schon mal Sushi gegessen hatte in diesem neuen Restaurant am Hauptplatz von Jičín. Wer weiß. Es gibt dutzende, hunderte, tausende Stimmen, die meisten fließen zusammen in zwei, drei universelle Töne. In einen verzerrten Ton, den mir elektronische Signale ins Ohr schicken. De facto schicken sie mir ihre tēle phōnē, also aus dem Griechischen: tēle bedeutet so viel wie fern, phōnē so viel wie Stimme. Und manchmal kriegt ihr so eine tēle phōnē nicht mehr aus dem Kopf.

Ich blicke auf den stummen Fernseher. Ein schwarzbebrillter Gauner spricht mit einem anderen Gauner, der seinen Kopf eingezogen hat. Ich synchronisiere sie, das Glas auf dem Bauch, den Kopf gegen die Wand gelehnt, bis dem ohne Hals eine Kugel durch den Kopf fliegt. Und mir fliegt eine Erinnerung durch den Kopf, die ich sofort (huschsch, das Klowasser strudelt) hinunterspüle. Doch als ich am Ventil ziehe und von der Kloschüssel runterspringe, ist alles immer noch da. Und ich bin fünf, sechs Jahre alt. Und genauso wie im Fernsehen läuft der Abspann, ich sehe einen Samstagvormittag oder Sonntagvormittag, als sich mein Vater vor den Fernseher gesetzt hat, um sich die Zeit bis zum Mittagessen zu vertreiben. Das weiß ich, denn meine Mutter war in der Küche und schälte Kartoffeln, auf dem Herd blubberte eine Suppe, aus dem Backrohr strömte der Geruch von Fleisch, oder auch nicht, oder es stank auch nach Erbsensuppe, je nachdem, ob der Monatslohn gerade überwiesen wurde oder nicht. Dana panschte entweder bei meiner Mutter herum und störte sie beim Kochen, oder sie spielte mit ihren Puppen. Sie hatte schon von klein an drei Puppen, mit denen sie ständig spielte, die sie fütterte und erzog, die sie ärgerte und kämmte, denen sie auf ihren Plastikhintern klopfte und die sie tröstete, sie sollen nicht weinen, es werde alles wieder gut, und denen sie den imaginären Rotz von der Nase wischte. Das hielt sie ziemlich lange durch, vermutlich bis zu dem Tag, als man uns wegbrachte. Dann hatte sie mich statt der Puppen. Nur eine, die Stoffpuppe, behielt sie. Aber das ist eine andere Erinnerung. Huschsch. Mein Vater saß im Wohnzimmer und schaute fern. Zu Hause hatte er oft nur eine Unterhose an. Dieses klassische tschechische Ideal eines Manns. Ein Dolm in einer ausgeleierten Unterhose, aus der immer etwas rausschaut, was von selbst nie rausschauen sollte, mit einer Flasche Bier in der Hand. Manchmal nickt er ein, der Kopf fällt auf die Schulter, er rülpst, im Sessel versunken, die Füße ausgestreckt, Knöchel über Knöchel. Jedes Mal, wenn er die Beine übereinanderschlug, donnerte er mit seinen enormen Füßen gegen den Teppich, und die rissigen Fersen raschelten, wenn sie aneinander rieben. Und ich langweilte mich, wie immer. Ich gab mir selbst einen Tritt in den Hintern, nichts machte mir Spaß und ich wusste nicht, was ich tun könnte. Die meiste Zeit verbrachte ich eigentlich damit, genervt in der Wohnung herumzugehen, nach einem Versteck zu suchen, oder damit, Dana zu ärgern, und meistens kam ich damit durch, weil ich die Kleinere war. Und vor allem, weil mich niemand bemerkte.

Auch damals ging ich in der Wohnung herum, doch ich mied die Küche, um nicht irgendeine Aufgabe zu bekommen, für die ich dann nicht klein genug war. Ich landete im Wohnzimmer und beobachtete das Mufflon-Ballett der Füße meines Vaters. Irgendein Männerfilm lief. Zwei Banditen, die sich gegenseitig jagen und einer will den anderen umbringen. Er schaute sich nur solche Filme an. Oder schien es nur so, weil immer nur solche Filme am Wochenende im Fernsehen liefen, ich weiß es nicht. Manchmal war es ein Western, manchmal ein »Indianerfilm« oder ein Klassiker mit Segal, mit Van Damme, jede Menge Muskeln und Hohlköpfe und Waffen und harte Sprüche. Wie das wohl ist, wenn dieser Kerl (peng-peng-bumm zisch-zwisch bang-bumm) diese Kerle verfolgt (bang-bumm tusch-tusch bang-bumm). Manchmal fragte ich ihn, wer der Gute sei und wer der Böse. Und manchmal sagte er es mir. Wenn er wollte, sagte er: »das ist der Gute«, und deutete mit dem Kopf auf einen schmierigen Typen mit gegelten Haaren. Damals fragte ich ihn das auch, wer der Gute sei und wer der Böse. Einen Moment lang schwieg er, ich dachte schon, er würde nicht mehr antworten, und auf einmal sagte er, dass beide gut seien. Das brachte mich durcheinander. Zu wem sollte ich jetzt halten? Wer soll gewinnen? Warum kämpfen denn zwei Gute gegeneinander? Das ergibt keinen Sinn, sind nicht eher beide böse?

Finito. Ende.

Dana wartet selbstverständlich schon an unserer üblichen Stelle. Sie kommt immer rechtzeitig. Nein, anders, sie kommt immer zu früh, damit ich es bin, die zu spät kommt, auch wenn ich rechtzeitig komme. Wir treffen uns im obersten Stockwerk des Einkaufszentrums. Ein Kompromiss zwischen einem Rauchercafé und einem Ort mit Kinderecke. Das Wild wird ins Gehege gelassen, ich klick-klicke schon und Dana hustet aus Gewohnheit. Alles ist genauso wie immer. Ich weiß, dass sie es stört, wenn ich rauche. Nie wird sie müde, mir das bei jedem unserer Treffen zu versichern. Aber ich weiß, was sie noch mehr stört. Dass sie hier nicht aufstehen kann, um das Fenster zu öffnen und die Tür zu schließen.

»Warst du in der Nacht irgendwo?«, fragt sie mich.

»Na klar war ich irgendwo.«

»?«

»Jeder ist irgendwo.«

»Irgendwo unterwegs«, ergänzt sie.

»Ich war ganz normal zu Hause. Warum?«

»Du hast Augenringe.«

»Ich weiß, die fallen mir gleich runter.«

»Du bist blöd«, sagt sie und lächelt.

»Hm, sag mir doch, was bin ich noch alles?«

»Sag du es mir«, sagt sie und nimmt einen Schluck von ihrem Tee. Im ersten Moment kam das einfach so aus ihrem Mund, Konversationsautomatik, im zweiten stutzt sie irgendwie komisch und lässt ihren Blick schweifen. Sie hat etwas Seelengas in die Luft gelassen, einen Gedankenfurz, kaum hörbar, aber wenn dieses Gas entweicht, ist es draußen und kann nicht mehr zurückgenommen werden. Und man weiß nicht, ob man nur selbst davon weiß, oder ob es die anderen auch bemerkt haben, und man hat keine andere Wahl, als auf die Reaktion zu warten. Sie hat Seelengas in die Luft gelassen, und wir werden uns dessen erst eine Sekunde später bewusst, in dieser Sekunde, wo es den Raum zwischen uns ausfüllt, und es zerfließt wieder, wie der Rauch, vor dem sie für gewöhnlich die Tür schließt und den sie zum Fenster hinauslässt.

Karolína hüpft auf den Plastikkugeln herum oder dem Sand oder den Scherben oder was auch immer die da in diesem Becken haben, was weiß ich. Selbstverständlich heult sie sofort los, aber erst, als Dana bemerkt, dass sie hingefallen ist, nach der Intensität ihrer Schreie handelt es sich wohl um Scherben. Sie läuft zur Mama, um sich trösten zu lassen, und ich würde ihr am liebsten entgegenlaufen, um ihr ein Bein zu stellen.

Mit dem Stummel der ersten Zigarette zünde ich mir eine zweite an, und etwas neurotisch wackle ich unter dem Tisch mit einem Bein und spiele mit dem Feuerzeug. Klick-klick.

»Ich bitte dich«, sagt sie, während sie die Miniversion von sich selbst tröstet, »was wirst du denn machen, wenn du eigene hast.« (Ich falle von einem dreißig – na, lieber fünfzig Meter hohen Turm.) »Kája, ist ja gut, es ist gar nichts passiert.« (Ich klatsche zu Boden. Ich bewege mich nicht. Es ist gut.)

»Das passiert, wenn man nicht aufpasst«, sage ich leise.

»Ja, da hat die Tante recht.« Dana schaut auf den schreienden, fließenden Minikopf. »Du musst aufpassen.« Auch so lässt sich die Situation betrachten. Jeder soll sich aussuchen, was einem passt.

»Naja«, sie schnuppert an ihrem Pullover, als Karolína getröstet und zurück ins Gehege gelassen wurde. »Man riecht es schon. Stört dich das gar nicht, dass du ständig so nach Rauch stinkst?«

»Nein, das koste ich aus«, sage ich.

Meine Schwester schüttelt den Kopf.

»Manchmal erwische ich mich sogar dabei, wie ich den Aschenbecher mit meinen Haaren auswische.«

Danas Köpfchen rauscht noch einmal durch die Luft, von links nach rechts von links nach rechts. Dank meiner Anwesenheit ist die Halswirbelsäule meiner Schwester immer perfekt gedehnt.

Tramtrara. Meine Schwester. Wie gern würde sie alles erziehen, was ihr in die Quere kommt. Alle gleichmachen. Ein Taschentuch ablecken und allen damit den schmutzigen Mund abrubbeln, sie in den Kanal auf der Straße pinkeln lassen und abklopfen und die Unterhose hochziehen, bis sie ganz fest sitzt, ihnen eine hinters Ohr geben, das macht man nicht, den Stuhl an den Tisch rücken und ihnen den Latz um den Hals binden, du musst draufblasen, es ist heiß, meine Schwester, über mich kann sie nur mehr kraftlos den Kopf schütteln. Die Welt will sie nicht anhören. Aber zumindest ihrem Sohn steckt sie das T-Shirt in die Strumpfhose.

Sie erzählt mir von meinem Lieblingsfisch Zdenda. Davon, dass er ein bisschen blöd ist, nur sagt sie das mit anderen Worten, und davon, dass sie sich Sorgen um ihn macht.

»Denk nicht, dass das Zdeněks Idee war … Es war eigentlich meine. Ob das nicht irgendwie mit mir oder unserer Familie zu tun haben könnte. Ob das nicht etwas Genetisches ist, was ich auf ihn übertragen habe …«

»Die Gene vom Hühnerdreck werden aber nicht gerade ein Musterbeispiel sein.«

»Zdeněks Gene sind vielleicht kein Musterbeispiel, aber offensichtlich weniger schlecht als unsere.«

»Da geht es aber nicht nur um die Gene, oder?«

»Was meinst du?«

»Erziehung zum Beispiel.« Klick-klick.

»Na, entschuldige, willst du mir damit sagen, dass ich meine Kinder falsch erziehe?«

Ich halte mein Lachen nicht zurück. Ich denke, der Satz geht so weiter: Du, wo du selbst keine Kinder hast? Ich denke, der Satz geht weiter mit irgendwelchem Quatsch über Verantwortung und Reife.

»Entschuldige, aber erziehst du deine Kinder etwa im Alleingang?«, frage ich sie.

»Was willst du mir damit sagen?«

»Ich sage, wenn du deine Kinder« (ja, deine Kinder, Dana, es sind deine Kinder, nicht meine, ich weiß, eigentlich weiß ich nichts – was weiß ich denn schon) »nicht gemeinsam mit einem despotischen Idioten aufziehen würdest, der dir einreden will, dass du und dein Sohn verrückt seid, dann müsstest du dich nicht fürchten, ob mit Zdenda alles in Ordnung ist.«

»Hör auf, mit diesem Feuerzeug zu spielen! Mir dir kann man darüber ja überhaupt nicht reden.«

»Dann rede halt nicht mit mir darüber.«

Beide verstummen wir für eine Weile. Diesmal ist sie von irgendeinem Grünzeug aus Stoff fasziniert, das zur Dekoration in der Mitte des Tisches steht. Ich mache nichts, aber nach einer halben Minute stelle ich fest, dass die Innenseiten meiner Wangen zerkaut sind.

»Dann sprich doch mit jemandem über ihn. Es gibt jede Menge Psychologen, Erziehungsberater …«, sage ich nach einer Weile.

»Ja, das hab ich schon.«

»Und?«

»Na, das war kein Kinderpsychologe … nur ein Bekannter, mit dem ich darüber gesprochen habe.«

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254 s. 8 illüstrasyon
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9783946120605
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