Kitabı oku: «Vom glücklichen Leben»

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Über den Autor
Über den Autor

Lucius Annaeus Seneca wird zwischen 2 v.Chr. und 2 n.Chr. in Córdoba geboren. In Rom erhält er in den Bereichen Rhetorik, stoische Philosophie und praktische Politik eine gründliche Ausbildung. Bald wendet sich Seneca jedoch von der Rhetorik ab und beschäftigt sich mit griechischer Philosophie. Später ist er als Anwalt tätig, bekleidet das Amt der Quästur und wird 41 wegen angeblichen Ehebruchs verurteilt. Das Todesurteil des Senates wird von Kaiser Claudius auf Relegation nach Korsika abgemildert. 49 kehrt Seneca aus der Verbannung nach Rom zurück. Im Jahre 50 ist er Prätor und wird bald darauf von Agrippina zum Erzieher des späteren Kaisers Neros berufen. Nachdem Nero den Kaiserthron bestiegen hat, wird Seneca neben Afranius Burrus zum „Minister“ ernannt und führt im Grunde die Geschicke des römischen Reiches. Von 58 an schwindet sein politischer Einfluss, da sich Nero immer mehr von seinem Lehrer distanziert. Zweimal bemüht Seneca sich vergeblich um seine Entlassung aus kaiserlichen Diensten, und zieht sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Nach Entlarvung als Mitwisser der Pisonischen Verschwörung erfolgt der kaiserliche Befehl zur Selbsttötung, woraufhin er sich seine Pulsadern im Kreise seiner Freunde und Frau öffnet.

DR. LENELOTTE MÖLLER studierte Geschichte, Latein und evangelische Theologie in Saarbrücken, Basel und Mainz; die Promotion in Geschichte folgte im Jahr 2000; sie unterrichtet am Gymnasium Schifferstadt im Rhein-Pfalz-Kreis. Im marixverlag sind ihre Übersetzungen der ENZYKLOPÄDIE DES ISIDOR VON SEVILLA und der CICERO-Briefe erschienen. Sie ist Herausgeberin der RÖMISCHEN GESCHICHTE des LIVIUS und Mitherausgeberin der 2-bändigen PLINIUS-Ausgabe.

Zum Buch
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»Das höchste Ziel eines Menschen sollte es sein, durch innere Gelassenheit glücklich zu sein. Es kommt nicht auf die Dinge, sondern auf die Einstellung zu ihnen an.«

Aus Senecas Gesamtwerk enthält dieses Buch vier Schriften, die den Menschen des 21. Jahrhunderts mindestens so sehr betreffen wie die Zeitgenossen des Autors vor 2000 Jahren: Heimatverlust, Streben nach einem glücklichen Leben und was dazu erforderlich ist und was nicht, der sinnvolle Umgang mit der begrenzten Lebenszeit und schließlich der Wert der echten Freizeit werden hier in Texten behandelt, deren Alter nur an den erzählten Fallbeispielen erkennbar ist. Der vorliegende Band enthält folgende Texte:

Vom glücklichen Leben

Von der Kürze des Lebens

Trostschrift aus dem Exil an seine Mutter Helvia

Von der freien Zeit

Haupttitel

Impressum


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH, Wiesbaden Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0050-1 www.marixverlag.de

Inhalt

Über den Autor

Zum Buch

Motto

Vorwort

L. Annaeus Seneca und die stoische Philosophie

Senecas Leben

Seneca und die Stoa

1. Logik (Erkenntnislehre)

2. Physik (Welterklärung)

3. Ethik (Verhaltenslehre)

Aus Senecas Schriften

Vom glücklichen Leben

Einführung

Vom glücklichen Leben

Von der Kürze des Lebens

Einführung

Von der Kürze des Lebens

Trostschrift an Helvia

Einführung

Carmen 236

Carmen 237

Trostschrift an Helvia

Von der freien Zeit

Einführung

Von der freien Zeit

Literatur in Auswahl

Textausgaben und Übersetzungen

Seneca, die Kaiserzeit und die Stoa

Fußnoten

Kontakt zum Verlag

Motto

Leben muss man das ganze Leben lang lernen, und was dich vielleicht noch mehr wundern wird:

Das ganze Leben lang muss man lernen zu sterben.

(De brevitate vitae 7,4)

Vorwort

Ratgeberliteratur zur Erlangung eines glücklichen Lebens erfreuen sich größter Beliebtheit. Die seriöseren der darin enthaltenen Empfehlungen berücksichtigen, dass manche äußeren Umstände des menschlichen Lebens nicht beeinflussbar sind, und die Schlussfolgerungen aus dieser Tatsache decken sich nicht selten mit Lehren der stoischen Philosophie, wenn sie nicht gar direkt auf Senecas Ausführungen zurückgehen. Warum also nicht gleich auf das Original zurückgreifen?

Bereits zu seinen Lebzeiten war Seneca durch seinen Stil einer der beliebtesten Autoren Roms. Senecas Dialoge, aus denen hier vier Schriften vorgelegt werden, sind jeweils aus ihrer historischen Situation heraus entstanden. Die darin behandelten Fragen jedoch sind so grundsätzlicher Natur, die zutage tretende Humanität des Verfassers so eindrucksvoll, dass die Schriften auch nach zwei Jahrtausenden nichts an Aktualität eingebüßt haben. Sie zeigen vielmehr, wie nahe uns die Antike ist.

Das Leben an einem nicht selbst gewählten Ort im eigentlichen wie im übertragenen Sinn, der rechte Gebrauch der Zeit, die Frage, was für ein glückliches Leben maßgeblich ist und was nicht, und schließlich der Wert und die sinnvolle Nutzung der freien Zeit betreffen im 21. Jahrhundert die Menschen mehr denn je.

Der Marix Verlag legt nach einer Gesamtausgabe von Senecas Schriften zur Ethik daher diese Textauswahl in einem eigenen Bändchen vor. Besonderer Dank bei der Umsetzung gilt dem Lektor, Herrn Dietmar Urmes.

Der Übersetzung liegt die Textausgabe von Leighton Reynolds (Oxford 1977) zugrunde.

Speyer, im Juli 2009 Lenelotte Möller

L. Annaeus Seneca und die stoische Philosophie
Senecas Leben

Lucius Annaeus Seneca wurde vermutlich im Jahr 1 v. Chr. in Corduba in Hispanien geboren. Sein Vater, zur Unterscheidung von ihm entweder der Ältere oder wegen einer Schrift über die Redekunst auch Seneca Rhetor genannt, stammte aus dem Ritterstand. In seinem Werk über die Rhetorik, das er seinen drei Söhnen widmete, kritisierte der Vater die Künstelei der zeitgenössischen Redner und forderte die Rückkehr zur Reinheit des ciceronianischen Stils. Gemeinsam mit seiner Frau Helvia hatte Seneca der Ältere drei Söhne: außer dem berühmten Schriftsteller noch den Sohn Lucius Annaeus Novatus, der nach seiner Adoption durch eine kinderlose römische Familie Gallio genannt wurde und als Prokonsul der Provinz Achaia (51/52) die Klage der Juden gegen den Apostel Paulus abwies (Apg 18,12–17). Ihm widmete sein Bruder Seneca der Jüngere zwei seiner Schriften: De ira (Vom Zorn), De vita beata (Vom glücklichen Leben). Der jüngere Bruder des Schriftstellers war Marcus Annaeus Mela, der die Verwaltung des väterlichen Gutes in Corduba übernahm und dessen Sohn, Marcus Annaeus Lucanus, mit seinem Bürgerkriegsepos Pharsalia ebenfalls als Schriftsteller in der römischen Literatur hervortrat.

Seneca selbst kam schon als Kind nach Rom, um dort die bestmögliche Erziehung zu erhalten und bald die ersten Erfolge als Anwalt zu haben. Seine Lehrer waren Quintus Sextius, der Pythagoreer Sotion, der Stoiker Attalus, der Philosoph Papirius Fabianus und der Redelehrer Mamercus Scaurus. Wie sich schon an den Lehrern zeigt, war für Senecas Leben die philosophische Ausbildung bedeutsamer als seine politische, was den Vater eher verdross. Als junger Mann neigte er sehr zur Kränklichkeit: Asthma und Bronchitis plagten ihn so sehr, dass er erstmals an Selbstmord dachte. Daher wurde er im Alter von 30 Jahren nach Ägypten geschickt, wo Gaius Galerius, der Schwager seiner Mutter, römischer Statthalter war; die Tante pflegte ihn mit Hilfe des trockenen Klimas gesund. Auf der Rückreise nach Italien im Jahr 31 erlitt Seneca mit Onkel und Tante Schiffbruch, wobei Galerius ums Leben kam. Nach der Ankunft in Rom beförderte die Tante Senecas politische Karriere durch ihre Beziehungen. So wurde Seneca 34 oder 35 Quästor und Senatsmitglied. In dieser Zeit entstanden aber auch die ersten Schriften, darunter die Trostschrift an Marcia, die Tochter des Historikers Cremutius Cordus, die er nach dem Verlust ihres Sohnes Metilius tröstete. Seneca selbst war zweimal verheiratet. Von der ersten Frau hatte er zwei Söhne, von welchen einer kurz vor der Verbannung des Vaters starb. Im Senat gehörte Seneca zu den glänzenden Köpfen der Opposition gegen Caligula. Auch unter dessen Nachfolger verbesserte sich das Verhältnis zum Kaiserhaus nicht. Des Ehebruchs mit Iulia Livilla, der Schwester Caligulas, angeklagt, wurde Seneca daher im Jahre 41 ins Exil nach Korsika verbannt, wo er bis 49 bleiben musste. Dort verfasst er zwei weitere Trostschriften, nämlich an seine Mutter Helvia und an Polybios, einen Freigelassenen und an Claudius’ Hof einflussreichen Beamten, der seinen Bruder verloren hatte. Ebenfalls in den 40er-Jahren entsteht die Schrift De ira in drei Büchern, worin Seneca über die Kontrolle der Affekte handelt.

Im Jahre 49 wurde Seneca nach Rom zurückgerufen, in eine ebenso verantwortungsvolle wie brisante Stellung: Agrippina die Jüngere, die Kaiser Claudius geheiratet und ihrem Sohn die Anwartschaft auf die Nachfolge Claudius’ durch Adoption verschafft hatte, wünschte den Philosophen als Erzieher des künftigen Kaisers Nero. Eine Ablehnung dieser Aufgabe war undenkbar. Im Jahre 50 stieg Seneca zum Prätor auf. Jetzt entstand die Schrift De brevitate vitae (Von der Kürze des Lebens), vielleicht stammen aus dieser Zeit auch die ersten Tragödien. Die Stoffe zu seinen Dramen nahm Seneca aus der griechischen Mythologie nach den Vorbildern Aischylos, Sophokles und Euripides. Senecas Tragödien sind die einzigen, die aus der lateinischen Antike erhalten sind. Wichtiger als die äußere Handlung ist die seelische Entwicklung seiner Figuren – durchaus passend zum Menschenbild der Stoa.

Im Jahre 54 starb Kaiser Claudius. Neros Leichenrede auf den toten Vorgänger verfasste Seneca; während er darin das gebotene Lob des Verstorbenen formulierte, schrieb derselbe Seneca auch die Apocolocyntosis (Verkürbissung des Kaisers Claudius), für die er sich später wegen des Widerspruchs zu seinem eigenen Anspruch auf Gelassenheit schämte. In der Zeit um Neros Herrschaftsantritt entstand auch Senecas Schrift De clementia (Von der Güte), die er an seinen Zögling richtete, ebenso verfasste er die sieben Bücher De beneficiis. Die Regierungszeit Neros gestaltete sich in der ersten Jahren unter dem Einfluss Senecas und des Prätorianerpräfekten Sextus Afranius Burrus’, die beide in großer Einigkeit wirkten, vielversprechend. Damals erhielt Seneca auch enorme Schenkungen von Nero, die den Erzieher und Philosophen zu einem sehr reichen Mann machten. 55 wurde Seneca Suffektkonsul. Im Jahr 58 wurde Publius Suillius Rufus in einem Denunziantenprozess angeklagt, der in seiner Verteidigungsrede Senecas Lebensführung aufs Schärfste angriff. Suillius wurde in die Verbannung geschickt. Seneca ging trotz eines formalen Sieges angeschlagen aus der Sache hervor. Ende der 50er, Anfang der 60er-Jahre entstanden De tranquillitate animi und De otio.

Doch allmählich schwand sein Einfluss auf Nero zugunsten von dessen Ehefrau Poppaea Sabina; äußerlich blieb seine Stellung aber unberührt; als Philosoph rechtfertigte er sein Verbleiben am Hofe mit der Möglichkeit, die Lage noch günstig zu beeinflussen. Der von der Stoa geforderte Abstand zu den Niederungen der Tagespolitik, so Senecas Überzeugung, musste nicht durch Rückzug vom Kaiserhof erreicht werden, viel wichtiger war der innere Abstand zu den Geschehnissen. Dazu diente ihm die Philosophie, die in seinen Werken wenig auf Staatspolitik Bezug nimmt.

Tatsächlich soll Seneca bei Neros Muttermord 59 eine Rolle gespielt haben: Tacitus berichtet (Annalen 14,7), dass Seneca – von Nero nach dem ersten, gescheiterten Mordversuch gegen seine Mutter um Rat gefragt – die endgültige Beseitigung Agrippinas als Erster empfohlen habe. Auch das Schreiben, das die Vorgänge gegenüber dem Senat als Notwehr rechtfertigte, soll Seneca noch verfasst haben.

62, in dem Jahr, in welchem Nero seine Frau Octavia ermorden ließ, in dem auch Burrus starb und von dem Bösewicht Tigellinus beerbt wurde, bat Seneca um seinen Abschied von Neros Hof und die Rücknahme großer Teile der Schenkungen des Kaisers an ihn. Die offizielle Antwort lautete: Nero könne Seneca nicht entbehren und die Schenkungen mit Rücksicht auf seinen kaiserlichen Ruf nicht zurücknehmen. Tatsächlich aber war Senecas Einfluss auf den Kaiser damit erloschen. Es folgte der Rückzug ins Privatleben auf sein Weingut Nomentum nordöstlich von Rom. Dort entstanden zunächst De otio (Von der Muße) und De beneficiis (Von den Wohltaten) mit Kritik an Neros Politik. Außerdem konnte Seneca noch zwei große Vorhaben verwirklichen: die Quaestiones naturales (Naturwissenschaftliche Fragen), die wie bei seinem epikureischen Kollegen Lukrez vor allem dazu dienen sollen, die Menschen von ihren Ängsten vor Naturphänomenen zu befreien, und die 124 Ad Lucilium epistulae morales (Philosophische Briefe an Lucilius), die seine in der Regel aus der Situation entstandenen Schriften zu einem Gesamtwerk abrundeten. Denn es ging ihm trotz seines Schwerpunktes auf der Ethik darum, ein geschlossenes philosophisches System zu formulieren. Neros Frau Octavia wurde in der Seneca zugeschriebenen gleichnamigen Tragödie verewigt, deren Verfasserschaft jedoch unter anderem deswegen angezweifelt wird, da auf Ereignisse nach Senecas Tod angespielt wird.

Lucius Annaeus Seneca starb 65 bei Rom. Seinen Selbstmord hatte Nero wegen des Vorwurfs der Beteiligung an der Pisonischen Verschwörung und einem Mordanschlag auf den Kaiser, der kurz vor Vollendung aufgeflogen war, befohlen. Gaius Calpurnius Piso war zum Anführer derer geworden, die den Kaiser nicht mehr ertragen konnten. In der Literatur wird er ebenso anständig wie sympathisch als hilfsbereiter Genussmensch geschildert. Die Anhänger Pisos waren zahlreich und kamen aus verschiedenen Ständen. Als eine Mitwisserin, die Freigelassene Epicharis, bei dem Versuch, in Misenum einen weiteren Anhänger zu gewinnen, verhaftet wurde, entschlossen sich die Verschwörer, Nero schnellstmöglich, am besten bei den Zirkusspielen, zu töten. Der Plan wurde durch einen Sklaven verraten. Epicharis und Piso nahmen sich das Leben. Ob Seneca zu den Verschwörern gehörte, ist in der historischen Überlieferung umstritten. Jedenfalls war er denunziert worden, nachdem Nero durch Folter und durch eine Kronzeugenregelung die Anzeige möglichst vieler potentieller Verschwörer und Unschuldiger gefördert hatte. Die Hinrichtungswelle spiegelte Neros Maßlosigkeit wider. Ein Testament durfte Seneca nicht verfassen. Selbstmordgedanken hatten den Philosophen jedoch schon früh begleitet und waren auch Gegenstand seiner Schriften, besonders der Briefe an Lucilius.

Der Befehl zum Selbstmord erreichte Seneca beim Abendessen in seinem Landhaus vor Rom. Nach dem Vorbild von Platons Phaidon, der Schilderung von Sokrates’ Tod, stellte Tacitus den freiwilligen und würdigen Tod Senecas im Kreise von Freunden dar (Tac. Ann. 15,60), denen er, da er sie im Testament nicht bedenken durfte, das Einzige und Wertvollste hinterlassen wollte, was er besaß: ein Bild seines Lebens. Senecas zweite Frau Pompeia Paulina hatte die Absicht, mit ihm zusammen zu sterben. Beide ließen sich die Pulsadern aufschneiden, Seneca dann auch noch die Adern an Fersen und Kniekehlen, wobei Paulina in ein anderes Zimmer gebracht und später auf Neros Befehl hin am Sterben gehindert wurde. Senecas Abschiedsrede wurde von seinen Freunden aufgeschrieben und veröffentlicht, ist aber leider nicht erhalten. Da der Tod nicht eintreten wollte, ließ sich Seneca schließlich noch einen Giftbecher verabreichen und stieg in ein heißes Bad, um den Blutkreislauf zu beschleunigen. Am Ende erstickten ihn Neros Soldaten. So sehr Senecas Lebensführung bisweilen von seinen ethischen Forderungen abgewichen war, so sehr stellte doch sein Tod in Tacitus’ Überlieferung eine Bekräftigung seiner eigenen Philosophie dar. Für das Verständnis und den heutigen Wert der Philosophie Senecas ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit allerdings zweitrangig.

Seneca und die Stoa

Senecas philosophische Leistung besteht vor allem in der praktischen Darlegung der stoischen Ethik anhand konkreter Lebensfragen und Lebenslagen. Wegen seiner unprätentiösen Sprache, seiner Konzentration auf den philosophischen Teilbereich Ethik und seiner Praxisnähe wurde ihm der Rang eines Philosophen bisweilen auch abgesprochen. Nach seinem Verständnis jedoch bezieht die Philosophie ihren Wert aus dem Nutzen, den sie den Menschen zu bieten hat (vgl. z.B. Ad Lucilium 16,4), sodass zwischen seinem Interessenschwerpunkt und dem Rang eines Philosophen kein Widerspruch besteht.

Senecas philosophische Schule, die Stoa, entstand um 300 v. Chr. in Athen und existierte neben Platons Akademie, Aristoteles’ Schule Peripatos, den Kynikern und der Schule Epikurs. Ihr Begründer war Zenon von Kition aus Zypern. Benannt ist sie nach der Stoa poikile, einer Wandelhalle in Athen, in welcher der Unterricht stattfand. Sie geht auf drei Wurzeln zurück: Sokrates, Heraklits Logos-Lehre und die Güterlehre der Kyniker. Die Stoiker teilten die Philosophie in drei Teildisziplinen, die bildhaft entweder durch einen Garten ausgedrückt wurden – dabei bildete die Logik (Erkenntnislehre) die Mauer des Gartens, die Physik (Natur- bzw. Welterklärung) entsprach den Bäumen des Gartens und die Ethik (etwa: Verhaltenslehre) den Früchten an den Bäumen – oder durch das Bild eines Tieres, dessen Knochen und Sehnen der Logik entsprachen, das Fleisch der Ethik und die Seele der Physik. Über den inneren Zusammenhang der Teildisziplinen wurde bei den Stoikern diskutiert, doch im Idealfall sollten sich die Thesen der jeweils nächsten Teildisziplin aus denen der vorigen logisch ergeben und die beiden erstgenannten der Ethik dienen.1 Zur Logik gehören Dialektik, Rhetorik, Poetik, Grammatik und vor allem die Erkenntnistheorie. Der Dialektik kam dabei die Aufgabe zu, durch vernünftige Beweisführung Erkenntnisse herbeizuführen und Irrtümer auszuschalten. Eine wichtige Rolle spielt auch die Grammatik, da die Stoiker der Sprache eine enorme Bedeutung beimaßen und eine eigene Aussagelogik entwickelten.

Zeitlich unterscheidet man nach den Schulvorstehern und den prägenden Philosophen die Ältere (um 300 – um 130), die Mittlere (um 130 – um 50 v. Chr.) und die Jüngere Stoa (1. und 2. Jh. n. Chr.).

Im 2. Jh. v. Chr. hielt mit der militärischen Eroberung Griechenlands durch die Römer und der kulturellen Eroberung Roms durch die Griechen die Stoa ihren Einzug in Rom. Dabei wurden einige Schärfen und Extreme der griechischen Version dieser Lehre gemildert. So gab es nun außer den guten und schlechten Faktoren auch noch gleichgültige. Eine besondere Rolle bei der Vermittlung der Stoa nach Rom spielten Panaitios von Rhodos (geb. 185 in Lindos, gest. 109 in Athen) und Poseidonios (geb. um 135 in Apameia, gest. um 51 auf Rhodos). Entsprechend der praktischen Art der Römer interessierten sie sich auch bei der Stoa vor allem für die richtige Lebensweise mit dem Ziel eines glücklichen Lebens, was sich im Schwerpunkt von Senecas Schriften deutlich zeigt, ebenso bei dem anderen römischen Stoiker, Kaiser Marc Aurel. Die Aufnahme der Stoa in der römischen Welt wurde erleichtert durch die Übereinstimmung ihrer ethischen Vorschriften mit vielen altrömischen Tugenden (constantia – Beständigkeit, continentia – Mäßigkeit, dignitas – Würde, pietas – Pflichtbewusstsein, virtus – Tapferkeit), durch die Zustimmung zur vita activa im Staat sowie durch ausgeprägten Ordnungssinn und die naturrechtlichen Vorstellungen.

Die zentralen Einsichten der stoischen Philosophie, die auch Senecas Aussagen in den vorliegenden Texten zugrunde liegen, lassen sich so zusammenfassen:

1. Logik (Erkenntnislehre)

 Die menschliche Seele ist unsterblich und am Anfang bei Gott, zu dem sie am Ende des Lebens zurückkehrt.

 Die Seele ist sowohl rational als auch materiell und durchdringt den Körper vollständig.

 Zur Stoa gehört daher auch ein umfassender Humanitätsbegriff, der die Gleichheit aller Menschen als Träger der Seele mit einem Anteil an der göttlichen Weltseele definiert.

 Bei Seneca ergibt sich daraus die grundsätzliche Gleichstellung von Freien und Sklaven. Nicht übertragen wird die Idee auf Frauen; was sie betrifft, bewegt sich Senecas Geringschätzung stattdessen ganz im Geist der Zeit: Er bezeichnet Frauen als ein »an sich verstandesloses Geschöpf, und wenn ihr nicht Kenntnisse zugeführt werden und ihre Bildung sorgsam gepflegt wird, nichts als ein wildes Tier, das seiner Begierden nicht Meister ist.« (Von der Unerschütterlichkeit des Weisen 14). Die einzigen greifbaren Ausnahmen bildeten für Seneca dabei Marcia und seine Mutter Helvia, an welche er Trostschriften richtet, ebenso seine Tante.

 Bei der Geburt ist die Seele ein unbeschriebenes Blatt (tabula rasa). Äußere Wahrnehmung prägt sich in sie ein wie in eine Wachstafel.

 Durch die Wahrnehmungen entstehen Vorstellungen, die von der Vernunft geprüft werden müssen. Wenn die Vernunft richtig prüft, stellen die als wahr erkannten Vorstellungen sicheres Wissen dar. Wenn die Prüfung durch die Vernunft nicht funktioniert, führt dies zu Begierden und Affekten.

 In der Stoa galt die Lehre vom logischen Schluss, ähnlich wie bei Aristoteles. Alles geht auf geschlossene Kausalketten zurück, auch soweit diese für die Menschen nicht erkennbar sind.

2. Physik (Welterklärung)

 Der Logos (Vernunft) regiert den lebendigen Kosmos (die Welt), die aus den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft besteht, die ständig ineinander übergehen. Der Kosmos ist sinnvoll, vollkommen und zweckmäßig.

 Er stammt aus dem Urfeuer, das nacheinander in die anderen Elemente verwandelt wird, und kehrt am Ende in dieses zurück und entsteht daraus neu.

 Um den Kosmos, ein in sich geschlossenes Ganzes, herum befindet sich ein unbegrenztes Vakuum.

 Erste Ursache und Schöpfer ist Gott, der je nach Zusammenhang als Gott, Götter, das Göttliche, Geist, Vorsehung oder Schicksal bezeichnet wird und den sich die Stoiker als etwas Materielles innerhalb des Kosmos vorstellen.

 Die Natur ist von der Vernunft geprägt. Sie ist durch sie erklärbar und zielgerichtet.

 Die strenge Kausalität und die Vorsehung des Logos ergeben eine Zielgerichtetheit, die sich dem menschlichen Willen entzieht. Diese Vorsehung und die Rationalität des Kosmos mit der Existenz des Übels und dem freien Willen und der persönlichen Verantwortung in Einklang zu bringen, blieb stets eine wichtige Aufgabe der stoischen Philosophen.

 Zweck des Kosmos ist der Mensch. Er ist der Mikrokosmos, der dem Makrokosmos Welt entspricht.

 Neben körperlichen Dingen gibt es auch unkörperliche, nämlich Zeit, Ort, leerer Raum und das Sagbare (der Inhalt des Gesprochenen).

3. Ethik (Verhaltenslehre)

 Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen äußeren, nicht verfügbaren Gütern und der inneren, vom Menschen selbst beeinflussbaren Haltung.

 Höchstes Ziel des Menschen ist die Glückseligkeit, die darin besteht, dass der Mensch gemäß der Natur lebt, und zwar sowohl gemäß seiner eigenen als auch gemäß der des Kosmos, und die dann auch dauerhaft ist. Das ist auch seine Bestimmung.

 Der Weg zum glücklichen Leben ist die Vernunft (Logos, ratio), welche die Vorstellungen prüft und zur Erkenntnis der ursprünglichen Natur und Bestimmung der Menschen sowie des wahren Wertes der Dinge leitet.

 Ein Hindernis für die Glückseligkeit stellen die Affekte dar, weil sie die Seelenruhe stören; unter ihnen verstehen die Stoiker die übersteigerten Triebe: Zorn, Lust, Begierde, Furcht. Der Weg zum glücklichen Leben führt daher über die Kontrolle dieser Affekte.

 Das Individuum aber ist durch seinen Anteil an der göttlichen Vernunft absolut souverän und verantwortlich für sein Handeln.

 Alle konkreten und abstrakten Dinge werden nach ihrem wahren Wert eingeteilt. Gut ist die Tugend (virtus, auch als »moralische Vollkommenheit« übersetzt), besonders die Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Mäßigung, Einsicht und Tapferkeit, woraus sich die übrigen Tugenden ergeben.

 Schlecht sind die Laster der Menschen sowie besonders jede Art von Abhängigkeit von Umständen, Personen oder Dingen.

 Gleichgültig dagegen sind Gesundheit, Krankheit, Tod, Armut, Reichtum, Anerkennung durch andere Menschen und ähnliche äußere Dinge, bei denen es nur eine Rolle spielt, welche Haltung man ihnen gegenüber einnimmt. Wenn man zwischen ihnen zu wählen hat, soll man das jeweils Natürliche wählen.

 Der Tod ist schon deswegen kein Übel, da er die Rückkehr der Seele zu Gott bedeutet. Selbstmord ist unter gewissen Umständen erlaubt.

 Trotz des sich daraus ergebenden Individualismus fordert die Ethik der Stoa Hinwendung zur Gesellschaft. Grundlage der sozialen Prägung des Menschen sind Familie und Kinder.

 Die Anerkennung der Öffentlichkeit dagegen rechnet Seneca sogar eher zu den schlechten als zu den gleichgültigen Dingen, da er die öffentliche Meinung gering schätzt und sich von ihr bewusst abgrenzt. Öffentliche Zustimmung birgt eher den Hinweis, dass man die falschen Entscheidungen getroffen hat, denn die Meinung der Volksmasse ist wechselhaft und oberflächlich.

 Die Tugend versetzt in die Lage, die Affekte zu beseitigen (und nicht nur wie in anderen Philosophenschulen zu beherrschen), d.h. nichts zu fürchten, nichts zu hoffen und nichts zu begehren. So entstehen Autarkie (Selbstgenügsamkeit), Apathie (Freiheit von Leidenschaft) und Atarxie (Unerschütterlichkeit, innere Gelassenheit, die sprichwörtliche stoische Ruhe).

 Wer dieses Ideal erreicht hat, ist ein Weiser (sapiens). Beim Weisen stimmen Vernunft und Affekte überein. Der Weise wendet sich dem zu, was zu ihm gehört, letztendlich die ganze Menschheit, der Kosmos. Daraus ergibt sich auch die Pflicht, sich für den Staat einzusetzen.

 Das Ideal des Weisen wird nur selten erreicht, was aber seinen Wert nicht mindert. Die übrigen Menschen müssen weiter nach diesem Ideal streben und ihre Affekte beseitigen.

Neben der Stoa sind aber bei Seneca auch andere philosophische Einflüsse erkennbar: Gerne zitiert er Epikur, besonders in den ersten Büchern der Lucilius-Briefe. Die Ablehnung von Extremen deutet auf Einflüsse von Aristoteles’ Lehre der goldenen Mitte.

Aus Senecas Schriften

Vom glücklichen Leben
Einführung

Schon zu Lebzeiten Senecas wurde ihm vorgeworfen, wie sehr die von ihm vertretene Philosophie mit ihrer bescheidenen und genügsamen Lebensweise und sein eigener Lebenswandel im Reichtum an Neros Hof im Gegensatz zueinander stünden.

Am nachhaltigsten betonte dies Senecas Widersacher Publius Suillius Rufus. Dieser war mit Ovids Stieftochter verheiratet und stand wohl mit dem Dichter bis zu dessen Tod in Briefkontakt. Jedenfalls bat ihn Ovid im Jahre 15 nach Augustus’ Tod, sich für seine Rückkehrerlaubnis einzusetzen (Epistulae ex Ponto 4,8). Ovid starb allerdings im Exil 17 n. Chr. Im Jahre 24 wurde Suillius überführt, in einem Prozess bestochen worden zu sein, weshalb er von Kaiser Tiberius auf eine Insel verbannt wurde (Tacitus Annales 4,31). Von dort durch den neuen Kaiser Caligula zurückgerufen, wurde er Konsul und in den 50er-Jahren Prokonsul in der Provinz Asia. Unter Kaiser Claudius betätigte sich Suillius vor allem als Denunziant, dem als Erste Iulia, Drusus’ Tochter, und Poppaea Sabina (Tac. Ann. 13,43) aus dem Kaiserhaus zum Opfer fielen. Dann sorgte er für die Bestrafung der Verschwörer, die sich gegen die Entmachtung des Senates durch Kaiser Claudius wehrten, wobei Suillius auch vor ehemaligen Konsuln nicht Halt machte. Auch römische Ritter ließ er anklagen. Als Ankläger eines Ritters namens Samius ließ er sich allerdings mit 400 000 Sesterzen dazu bewegen, die Anklageschrift so zu verfassen, dass keine Verurteilung stattfinden würde. Die Bestechung kam ans Tageslicht und Samius beging Selbstmord. Von Kaiser Claudius in Schutz genommen, entging Suillius einer Bestrafung und musste nur die Bestechungssumme zurückzahlen.

Nach Neros Amtsantritt beleidigte Suillius dessen Erzieher Seneca auf schwerste Weise: Sein Exil unter Claudius sei rechtmäßig gewesen, da er das Kaiserhaus durch Ehebruch – Suillius spricht sogar im Plural – entehrt habe. (Tac. Ann. 13,42) Nach diesen und anderen Anwürfen suchte man in Neros Umgebung nach einem Grund, Suillius anzuklagen und mundtot zu machen. Da der Vorwurf der Ausbeutung der Provinz Asia die Erreichung dieses Ziels nicht versprach, wurden ihm die Denunziationen unter Claudius zur Last gelegt, die von vielen Zeugen bestätigt wurden. Anzeige gegen Geld war seit 204 v. Chr. durch die Lex Cincia verboten, das auf Senecas Drängen hin im Jahre 54 n. Chr. verschärft worden war. In seiner Verteidigungsrede berief sich Suillius nicht nur auf Befehlsnotstand, indem er erklärte, auf Anweisung Messalinas, Claudius’ dritter Frau, gehandelt zu haben, sondern versuchte auch erfolgreich, seinen Widersacher Seneca erneut zu diskreditieren, indem er dessen Reichtum – sein Vermögen soll 300 000 000 Sesterzen wert gewesen sein – und die Widersprüchlichkeit zwischen Philosophie und Lebenswirklichkeit beklagte. Der inzwischen ungefähr achtzigjährige Suillius wurde 58 verurteilt und auf die Balearen verbannt (Tac. Ann. 13,43).

Tatsächlich war Seneca durch Schenkungen Neros reich geworden. Reich waren aber einerseits auch andere Minister Neros geworden, andererseits wurde Seneca als einflussreiche Persönlichkeit nach den Gepflogenheiten der Zeit auch von anderen Personen als dem Kaiser testamentarisch bedacht. Ferner stimmte es, dass er Geld gegen Zinsen auslieh (Tac. Ann. 14,53,5), ob diese Zinsen, wie ihm vorgeworfen wurde, überhöht waren, ist ungewiss. Seneca wird sonst eher als großzügig geschildert. Er besaß gewiss mehrere Villen in und um Rom und in den Albaner Bergen, ebenso wohl Land in Ägypten, und er verlieh nachweislich Geld in Britannien, durch dessen Rückforderung er sogar den Aufstand Königin Buodiccas gegen Rom ausgelöst haben soll.

Senecas Schrift De vita beata ist oft als Rechtfertigung gegen die Vorwürfe Suillius’ verstanden worden, zumal sie insbesondere auf die Vereinbarkeit zwischen Reichtum und stoischer Philosophie verweist. Der Weise dürfe sehr wohl Reichtümer besitzen, solange er nicht von ihnen besessen werde. Inhaltlich widerlegt er damit Suillius’ Aussagen über seine Lebensweise jedoch nicht. Auch verlässt den Philosophen im Laufe des Textes streckenweise die stoische Gelassenheit, und statt des Bruders spricht er die Ankläger direkt an: Hör auf, den Philosophen das Geld zu verbieten! (Kap. 23) Daher wohl waren die Vorwürfe auch langfristig wirkungsvoll: Erstens bezeichneten sie den Anfang von Senecas Machtverlust am Kaiserhof, zweitens wurden sie von späteren Historikern wiederholt (z.B. von Cassius Dio 61,10) und schließlich in der Neuzeit wieder aufgegriffen, so etwa in Petrarcas Brief Ad familiares 24,5, in welchem der Humanist allerdings besonders die Hinwendung zu Nero tadelt.

Vom glücklichen Leben

Übersetzung

(1) Leben, mein lieber Bruder Gallio, wollen alle glücklich, doch wenn es darum geht zu durchschauen, was es ist, das ein glückliches Leben bewirkt, tappen sie im Dunkeln; es ist so schwierig, ein glückliches Leben zu erlangen, dass sich jeder umso mehr davon entfernt, je mehr er ihm nachjagt, wenn er einmal gestrauchelt ist. Sobald der Weg in die Gegenrichtung führt, wird die Schnelligkeit zum Grund eines immer größeren Abstandes. Man muss sich daher zuerst klarmachen, was es ist, das man erstrebt; dann muss man sich umsehen, wie wir am schnellsten dorthin eilen können, indem wir auf dem Weg – wenn er denn der richtige ist – begreifen, wie viel man jeden Tag schaffen kann, und wie viel näher wir an dem sind, zu dem uns unsere natürliche Begierde treibt. 2 Solange wir freilich allenthalben umherschweifen, ohne einem Leiter zu folgen, sondern dem Getöse der Menge und dem wirren Geschrei der durcheinander Rufenden, wird unser kurzes Leben zwischen Irrtümern zerrieben, auch wenn wir Tag und Nacht um die gute Gesinnung bemüht sind. Es muss daher erstens entschieden werden, wohin wir streben, zweitens, wodurch, und zwar nicht ohne jemand Erfahrenen, der das erforscht hat, worin wir vorankommen wollen, da ja hier nicht dieselben Bedingungen wie in sonstigen Reisen vorliegen: Bei jenen verhindern ein entdeckter Grenzstein oder Einwohner, die man fragt, dass man in die Irre geht, hier aber täuscht selbst die ausgetretenste und belebteste Straße am meisten. 3 Nichts muss man also dringender sicherstellen als eben gerade nicht nach der Gewohnheit des Viehs der Herde der Voranschreitenden nachzutraben, wobei man nämlich nicht dahin fortmarschiert, wohin man eigentlich gehen soll, sondern dahin, wohin die Allgemeinheit nun einmal geht. Und keine Tatsache verwickelt uns in größere Übel als die, dass wir auf die öffentliche Meinung hin orientiert sind, indem wir das für das Beste halten, was mit der größten Zustimmung aufgenommen wird. Und weil wir viele Vorbilder haben, leben wir nicht nach der Vernunft, sondern auf die Ähnlichkeit zu ihnen hin. Daher die so große Menge von Menschen, in der die einen über die anderen stürzen. 4 Was sich in einer großen Menschenmasse ereignet, wenn das Volk sich selbst bedrückt (niemand fällt, ohne einen anderen mit sich hinabzuziehen, die Ersten sind der Untergang der Nachfolgenden), kannst du in jedem Leben geschehen sehen: Niemand irrt für sich allein, sondern er ist Grund und Urheber fremden Irrtums. Es schadet nämlich, sich den Voranschreitenden an die Füße zu heften. Und während jeder Einzelne lieber glauben will statt zu entscheiden, wird niemals über das Leben entschieden, sondern immer geglaubt, und der von Hand zu Hand weitergegebene Irrtum quält uns und richtet uns zugrunde. Durch fremde Vorbilder scheitern wir. Wir werden geheilt werden, wenn wir uns nur von der Masse trennen. 5 Nun aber steht gegen die Vernunft als Verteidiger seines eigenen Übels das Volk. In Volksversammlungen, in denen Prätoren gewählt worden sind, wundern sich dieselben Menschen, die sie gewählt haben, über ihre eigene Entscheidung, wenn die wechselhafte Gunst sich geändert hat: Dasselbe, was wir gutheißen, verwerfen wir. Es ist das Ende jeder Urteilskraft, wenn das Urteil sich nach der Mehrheit richtet.

(2) Wenn über das glückliche Leben gehandelt wird, darfst du mir nicht wie bei den Volksabstimmungen antworten: »Diese Seite scheint mir die Mehrheit zu sein.« Dann ist sie nämlich schlechter. Mit den menschlichen Angelegenheiten wird nicht so gut umgegangen, dass die besseren Dinge jeweils den meisten gefallen. Die Zustimmung der Masse ist vielmehr der Beweis für die Schlechtigkeit einer Sache. 2 Wir wollen daher fragen, was am besten zu tun ist, nicht am nützlichsten, und was uns in den Besitz ewigen Glücklichseins versetzt, nicht was dem Volk, dem schlechtesten Deuter der Wahrheit, günstig erscheint. Volk aber nenne ich auch die im feinen Umhang und die Gekrönten. Denn nicht die Farbe der Kleider, in die jemand gehüllt ist, schaue ich an; den Augen der Menschen traue ich nicht, ich habe ein besseres und sichereres Auge, mit dem ich Wahres von Falschem unterscheide: Die Seele findet das Gute in der Seele. Wenn sie jemals frei ist, aufzuatmen und sich zurückzuziehen – o wie sehr wird die sich selbst Quälende die Wahrheit bekennen und sagen: 3 »Was ich auch immer bislang getan habe – ich wollte, es wäre nicht getan worden; wenn ich überlege, was ich bisher gesagt habe, beneide ich die Stummen; was immer ich gewünscht habe, halte ich für eine Verfluchung von Seiten meiner Feinde; was immer ich gefürchtet habe – gute Götter! Um wie viel unbedeutender war es als das, was ich anstrebte! Mit vielen habe ich Feindschaft gepflegt und brachte ihnen dann wieder Wohlwollen entgegen (soweit es unter Feinden überhaupt Wohlwollen geben kann): Mir selbst bin ich noch nicht Freund geworden. Alle Mühe gab ich mir, um mich gegen die Menge abzusetzen und durch irgendeine treffliche Eigenschaft Aufmerksamkeit zu erlangen – was habe ich anderes getan, als mich Geschossen auszusetzen und der Schadenfreude zu zeigen, dass sie an mir nagt? 4 Siehst du jene, die jemandes Beredsamkeit loben, die seinem Reichtum nachjagen, um sein Wohlwollen buhlen, seine Macht rühmen? Alle sind in Wirklichkeit entweder seine Feinde, oder, was dasselbe ist, sie könnten es wenigstens sein. So groß wie das Volk der Bewunderer, so groß ist das der Neider. Warum suche ich nicht eher etwas aus Erfahrung Gutes, was ich selbst verstehe, statt etwas, was ich anderen vorweisen kann? Das, was man anschaut, bei dem man stehen bleibt, was einer dem anderen staunend zeigt, glänzt außen, innen aber ist es armselig.«

(3) Wir wollen etwas suchen, was nicht vom Anblick her gut ist, sondern von Grund auf und gleichbleibend und auch auf der verborgenen Seite wohlgestaltet. Das wollen wir herausfinden, und es ist nicht weit von uns weg: Man kann es finden, man muss nur wissen, wohin man die Hand ausstreckt. Nun durchwandern wir unsere Umgebung in Dunkelheit, indem wir genau das zurückweisen, was wir eigentlich suchen. 2 Um dich aber nicht auf Umwege zu locken, werde ich die Meinungen der anderen übergehen (denn sowohl, sie aufzuzählen, dauert lange, als auch, sie zu widerlegen): Vernimm stattdessen meine Überzeugung. Indem ich sie aber die meine nenne, binde ich mich nicht an irgendeinen einzelnen meiner stoischen Vorgänger: Auch ich besitze das Recht, selbst zu urteilen. Daher werde ich dem einen folgen, dem anderen befehlen, seine Meinung genauer darzulegen, vielleicht aber werde ich auch, nach allen anderen zur Stellungnahme aufgerufen, nichts von dem zurückweisen, was die vor mir Berufenen verkündet haben, und sagen: »Dies denke ich noch weiter.« 3 Inzwischen halte ich es mit der Natur der Dinge, worüber alle Stoiker einig sind. Von dieser nicht abzuweichen und gemäß deren Gesetz und Vorbild sich einzurichten, ist Weisheit. Glücklich ist also ein Leben, das mit seiner Natur übereinstimmt, was nicht anders erlangt werden kann als dadurch, dass der Geist erstens wohlauf und zweitens im dauernden Besitz seiner Gesundheit sein muss, ferner stark und tatkräftig, in der richtigen Weise leidensfähig, angepasst an die Anforderungen der jeweiligen Zeit, achtsam mit dem Körper und dem, was zu ihm gehört, aber nicht ängstlich, sodann sorgfältig in den übrigen Dingen, die das Leben beeinflussen, ohne Bewunderung für irgendetwas, die Geschenke des Schicksals nutzend, nicht ihm unterworfen. 4 Du begreifst, auch wenn ich es nicht ausdrücklich hinzufüge, dass dieser Freiheit dauernde Gelassenheit folgt, wenn beseitigt ist, was uns verwirrt oder zutiefst erschreckt. Denn auf die Gelüste und Verlockungen, die klein und zerbrechlich sind und uns eben dadurch schädlich, folgt eine riesige Freude, unerschütterlich und gleichbleibend, dann Frieden und Eintracht im Herzen und Seelengröße mit Beständigkeit; denn alle Wildheit erwächst aus Schwäche.

(4) Unser Gut kann freilich auch anders definiert, d.h. derselbe Sinn durch andere Wörter begriffen werden. Genauso, wie derselbe Heereszug sich einmal breiter ausdehnt und einmal eng zusammengezogen wird oder einmal zu Flügeln gebogen und der Mitte gekrümmt oder in gerader Linie entfaltet ist, und wie ihm, wie auch immer aufgestellt, dieselbe Kraft eigen ist und derselbe Wille, für dieselbe Aufgabe einzustehen, so kann die Bestimmung des höchsten Gutes einmal ausführlich und ausgebreitet, einmal zusammengefasst und verkürzt dargestellt werden. 2 Es wird daher dasselbe sein, wenn ich sagen werde: »Das höchste Gut ist ein froher Geist, der in Tugend die Zufälle des Lebens gering schätzt.« Oder: »Es ist die unbesiegte Kraft des Geistes, in den Dingen erfahren, im Handeln angenehm zu sein, voller Menschlichkeit und Sorge gegenüber seiner Umgebung.« Man kann es auch so definieren, dass wir den Menschen glücklich nennen, für den nichts gut oder schlecht ist außer einem guten oder schlechten Sinn, den Verehrer des Ehrenvollen, dem durch Tugend sich aufrecht Haltenden, den die Zufälle des Lebens weder übermütig machen noch zerbrechen lassen, der kein größeres Gut kennt als das, was er sich selbst erschaffen kann, dem die wahre Lust die Verachtung der Lüste sein wird. 3 Erlaubt ist, wenn du abschweifen möchtest, dasselbe in eine andere Formulierung, und die andere wiederum mit unveränderter und unversehrter Ausdruckskraft zu übertragen, denn was hindert uns, als glückliches Leben einen freien Geist zu bezeichnen, der aufrecht und unerschrocken ist und standhaft, der außerhalb von Furcht und außerhalb von Begierden gestellt ist, für den das einzige Gut die Ehrenhaftigkeit ist, das einzige Übel die Schändlichkeit, alles Übrige eine unbedeutende Ansammlung von Dingen, die dem glücklichen Leben weder etwas entziehen noch etwas zufügen, die ohne Mehrung oder Verlust des höchsten Gutes kommen und verschwinden? 4 Dem, was so begründet ist, folgt, ob man will oder nicht, eine beständige Fröhlichkeit und tiefe Zufriedenheit, die auch aus tiefstem Innern kommt, sodass man sich an dem Seinen freut und nicht mehr als das Eigene begehrt. Warum sollte dies nicht gut die kleinen und leichten und vergänglichen Regungen des Körpers aufwiegen? An dem Tag, an dem man der Begierde unterliegen wird, wird man auch dem Schmerz unterliegen. Du siehst aber, welch übler und schädlicher Knechtschaft der unterliegt, den Lüste und Schmerzen, höchst unsichere und machtlose Herren, abwechselnd beherrschen: Daher muss man aus ihnen heraustreten in die Freiheit. 5 Diese aber gewährt niemand anderes als die Geringschätzung des eigenen Schicksals: Dann entsteht jenes unschätzbare Gut, die Ruhe der Seele, die in Sicherheit ruht, und die Erhabenheit nach Vertreibung aller Schrecken durch die Erkenntnis der Wahrheit, die gewaltige Freude, die unerschütterliche Annehmlichkeit und die Erleichterung des Herzens, durch die man nicht wie durch Güter erfreut wird, sondern wie aus dem, was aus dem eigenen Gut entstanden ist.

(5) Da ich ja meine Darlegungen ziemlich ausführlich begonnen habe: Glücklich kann genannt werden, wer durch die Gabe der Vernunft weder begehrt noch fürchtet. Auch die Felsen, die der Angst wie der Traurigkeit entbehren, nicht weniger als das Vieh. Dennoch wird man nicht jemanden glücklich nennen, der kein Bewusstsein des Glücklichseins hat. 2 An denselben Ort setze Menschen, welche die Natur durch deren Stumpfsinn und die Unkenntnis ihrer selbst in die Reihen des Viehs und der unbelebten Dinge gewiesen hat. Kein Unterschied besteht zwischen diesen und jenen, weil jene gar keine Vernunft besitzen, diese aber eine schlechte, verkehrte und zu ihrem eigenen Übel einfallsreiche. Glücklich kann nämlich niemand genannt werden, der außerhalb der Wahrheit steht. 3 Glücklich also ist ein Leben, das im rechten und sichern Urteil gefestigt und unveränderlich ist. Dann nämlich ist der Sinn rein und von allen Übeln gelöst, wenn er sich nicht nur Zerfleischungen, sondern auch Herabsetzungen entzieht, wenn er stets feststeht, wo er sich hingestellt hat, und seinen Standort verteidigt auch bei zürnendem und dahineilendem Schicksal. 4 Denn was die Lust anbelangt, mag sie uns von allen Seiten umgeben und auf allen Wegen zu uns herfließen und den Geist mit ihren Verlockungen erweichen und das eine aus dem anderen veranlassen, wodurch sie uns ganz oder in Teilen erregt: Wer von den Sterblichen, der je eine Spur des Menschen aufweist, wollte sich Tag und Nacht reizen lassen und während der Geist wüst wird, Mühe auf den Körper verwenden?

(6) Aber die Seele, so sagt man, wird ihre eigene Lust haben. – Sie mag sie freilich haben als Teilhaber an Schwelgerei und Gelüsten; mag sie sich mit allen jenen Dingen füllen, die den Geist zu erfreuen pflegen, dann mag sie auf Vergangenes zurückblicken, und die Erinnerung an die dahingegangenen Lüste erhebe sie durch das Gewesene, und auf Künftiges freue sie sich und richte ihre Hoffnungen darauf aus, und während der Körper in der gegenwärtigen Mästung schwelgt, mag sie ihre Überlegungen auf Künftiges vorauslenken: Dies wird mir umso armseliger erscheinen, da Übel anstelle von Gütern zu sammeln, Irrsinn ist. Und weder ist jemand ohne Gesundheit glücklich, noch jemand gesund, der Widriges als das Beste anstrebt. 2 Glücklich also ist, wer zutreffend urteilt. Glücklich ist, wer mit den gegenwärtigen Verhältnissen, wie auch immer sie sind, zufrieden und ein Freund seiner eigenen Situation ist. Glücklich ist, wer die gesamte Handhabung seiner Angelegenheiten der Vernunft überlässt.

(7) In diesen Dingen sehen auch die, welche die Vernunft das höchste Gut genannt haben, an welch niedriger Stelle sie sie angesiedelt haben. Daher leugnen sie, dass Lust von Tugend abgeleitet werden könne, und sagen, dass weder jemand ehrenvoll leben kann, ohne lustvoll zu leben, noch jemand lustvoll leben kann, ohne ehrenvoll zu leben. Ich sehe allerdings nicht, wie diese beiden so unterschiedlichen Dinge in einer solchen Verbindung zusammengebracht werden können. Was ist der Grund, ich bitte euch, warum man Lust von Tugend nicht trennen können sollte? Offensichtlich, weil für Güter jeder Anfang aus der Tugend erwächst, aus deren Wurzel auch entsteht, was ihr liebt und erstrebt? Wenn diese aber vermischt wären, könnten wir nicht sehen, dass manches zwar lustvoll, aber nicht ehrenvoll ist, anderes jedoch ehrenvoll, aber nicht lustvoll und nur mit Schmerzen auszuführen. 2 Füge nun hinzu, dass die Lust auch einem höchst schändlichen Leben zukommt und die Tugend ein schlechtes Leben unmöglich macht und einige nicht ohne Lust, sondern gerade durch die Lust unglücklich sind, was nicht geschehen könnte, wenn sich Tugend und Lust mischen könnten, da die Tugend der Lust oft entbehrt, während sie ihrer aber niemals bedarf. 3 Was verbindet ihr also Unähnliches, ja Entgegengesetztes? Etwas Hohes ist die Tugend, erhaben und königlich, unbesiegbar und unzerbrechlich. Die Lust ist niedrig, knechtisch, schwach und hinfällig, ihr Standort und ihre Heimat sind Bordelle und Garküchen. Tugend wirst du im Tempel finden, im Forum, im Rathaus, vor den Mauern stehend, staubig, verfärbt, mit Hornhaut an den Händen, die Lust öfter verborgen und lichtscheu, bei den Bädern und Saunen und an Orten, wo man die Polizei fürchtet, verweichlicht, nervös, nach Wein und Salben duftend, blass oder angemalt und von Schminke beschmiert. 4 Das höchste Gut ist unsterblich, kennt weder Übertretung noch Übersättigung noch Reue. Niemals nämlich wird der rechte Sinn umgewendet noch hasst er sich selbst noch ändert er an der besten Lebensweise etwas ab; die Lust aber wird in dem Augenblick, da sie sich am meisten erfreut, ausgelöscht. Sie hat nicht viel Inhalt, füllt einen schnell ab und verursacht daher Ekel und wird kraftlos schon beim ersten Anlauf. Und niemals ist das sicher, dessen Natur in der Bewegung besteht. So kann das, was sehr schnell aufkommt und vergeht, nicht einmal einen festen Stoff haben und wird bei seinem Gebrauch zugrunde gehen. Dorthin nämlich gelangt die Lust, sobald sie aufhört, und während sie anfängt, zielt sie schon auf das Ende.

(8) Was soll das, dass Lust sowohl in guten wie in schlechten Dingen liege und die Schändlichen ihre Zierde nicht weniger als die Ehrenvollen ihr Ruhm erfreut. Daher zogen es die Alten vor, das beste Leben anzustreben, nicht das angenehmste, sodass die Lust nicht Anführer, sondern Begleiter des rechten und guten Willens war. Die Natur nämlich muss man als Anführer nehmen, denn sie wird von der Vernunft beachtet und um Rat gefragt. 2 Es ist also dasselbe, glücklich zu leben und nach der Natur zu leben. Was dies ist, habe ich schon offengelegt: Wenn wir die Geschenke des Körpers und das der Natur Angemessene sorgfältig und unerschrocken bewahren, und unerschrocken gleichsam als etwas von Tag zu Tag neu Gegebenes und Vergängliches, wenn wir uns nicht in deren Knechtschaft begeben und nicht fremde Einflüsse uns beherrschen, wenn die dem Körper angenehmen und von außen an ihn kommenden Dinge für uns die Stelle einnehmen, die im Kriegslager die Hilfstruppen und die Leichtbewaffneten besetzen (jene sollen nämlich dienen, nicht befehlen), dann schließlich sind sie dem Geist nützlich. 3 Unversehrt von äußeren Einflüssen und unbesiegbar mag der Mann sein, der nur das Seine bewundert, auf den Geist vertraut und in beide Richtungen bereit ist, ein Lebenskünstler; sein Vertrauen entbehre nicht des Wissens, das Wissen nicht der Beständigkeit: Bestehen bleiben soll, was ihm einmal gefallen hat, und nichts an seinen Beschlüssen soll je korrigiert werden. Man begreift, auch wenn ich es nicht extra hinzufügen werde, dass ein solcher Mann ausgeglichen und planvoll sein wird und in dem, was er macht, großartig durch seine angenehme Art. 4 Eine durch Empfindungen gereizte Vernunft mag fragen, und indem sie von da ihren Ausgangspunkt nimmt (denn sie hat nichts anderes, von wo aus sie ihren Anstoß zum Wahren nehmen könnte), mag sie zu sich selbst zurückkehren. Denn die Welt, die freilich alles umfasst, bzw. Gott, der Lenker des Universums, wendet sich zwar nach außen, aber dennoch kehrt er von überall her nach innen zu sich zurück. Dasselbe soll unser Geist tun: Wenn er seinen Empfindungen gefolgt ist und sich durch diese zu äußeren Dingen vorgestreckt hat, mag er sowohl diese als auch sich selbst beherrschen. 5 So werden gleichzeitig Kraft und Macht einig mit sich, und so entsteht jene sichere Vernunft, die nicht abweicht und nicht stecken bleibt in Meinungen oder Auffassungen noch in Wahnvorstellungen, welche, wenn sie sich aufgestellt hat und in ihren Teilen übereinstimmt und sozusagen stimmig ist, das höchste Gut bedeckt hat. Nichts Schlechtes nämlich, nichts Wankendes bleibt übrig, nichts, worauf sie ausgleiten oder fallen könnte. 6 Alles wird sie tun aus eigenem Antrieb, nichts Unerwartetes wird ihr zustoßen, sondern was auch getan wird, wird ohne Mühe günstig ausgehen, geplant und ohne Flucht des Handelnden; denn Trägheit und Feststecken zeigen inneren Konflikt und Unentschlossenheit. Daher darf man bekennen, dass das höchste Gut die Einmütigkeit des Geistes ist. Die Tugenden aber werden zwangsläufig dort sein, wo Übereinstimmung und Einheit herrschen werden, während Schwächen voneinander abweichen.

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