Kitabı oku: «Anne & Rilla - Zum ersten Mal verliebt»

Zum Gedenken an
Frederica Campbell MacFarlane,
die von mir ging, als der Tag anbrach,
am 25. Januar 1919,
eine treue Freundin,
eine außergewöhnliche Persönlichkeit,
eine treue und tapfere Seele.
„Wer in jungen Jahren so Großartiges vollbracht hat, wird für uns immer jung bleiben.“ Sheard
Notizen aus Glen und anderes
Es war an einem sonnigen, angenehm warmen Nachmittag. Susan Baker, die schon seit sechs Uhr morgens auf den Beinen war, ließ sich erschöpft, aber zufrieden im großen Wohnzimmer von Ingleside nieder. Es war jetzt vier Uhr, und sie fand, daß sie sich eine Ruhepause und ein kleines Schwätzchen redlich verdient hatte. Eigentlich war sie mehr als zufrieden: In der Küche hatte heute alles wie am Schnürchen geklappt, und Dr. Jekyll hatte sich nicht in Mr. Hyde verwandelt und war ihr deshalb auch nicht auf die Nerven gefallen. Von ihrem Sitzplatz aus konnte Susan die Pfingstrosen sehen, die sie eigenhändig gepflanzt und gepflegt hatte. Sie waren ihr ganzer Stolz. Es gab in ganz Glen St. Mary kein zweites Pfingstrosenbeet, das so schön blühte wie ihres: dunkelrote Pfingstrosen, Pfingstrosen in schimmerndem Rosa und Pfingstrosen so weiß wie Schnee.
Susan trug eine neue schwarze Seidenbluse, die war mindestens genauso vornehm wie alles, was Mrs. Marshall Elliott jemals trug. Und sie hatte eine weiße gestärkte Schürze mit aufwendig gehäkeltem Spitzenbesatz an, der mindestens zwölf Zentimeter breit war, vom dazu passenden Spitzeneinsatz ganz zu schweigen. Mit dem königlichen Gefühl einer wohlgekleideten Dame schlug Susan also die Daily Enterprise auf, um sich die Notizen aus Glen vorzunehmen, die, wie sie soeben von Miss Cornelia erfahren hatte, heute besonders ausführlich waren und so ziemlich keinen aus Ingleside ausließen. Auf der Titelseite der Zeitung stand in fetter Überschrift etwas von einem Erzherzog Ferdinand oder so ähnlich, der in Sarajevo – komischer Name – ermordet worden war; aber mit so uninteressanten Nebensächlichkeiten konnte Susan nichts anfangen. Sie interessierte sich nur für das, was um sie herum passierte. Aha, da war sie schon an der richtigen Stelle: Allerlei aus Glen St. Mary. Susan machte es sich gemütlich und fing wißbegierig an zu lesen, und zwar laut, damit sie um so mehr davon hatte.
Währenddessen saßen Mrs. Anne Blythe und ihre Besucherin, Miss Cornelia (alias Mrs. Marshall Elliot) neben der offenen Wohnzimmertür draußen auf der Veranda und plauderten. Eine kühle, angenehme Brise wehte herein und brachte die verschiedensten Düfte aus dem Garten mit sich. Von der Weinlaube, wo Rilla, Miss Oliver und Walter zusammensaßen, drang das Echo ihres fröhlichen Lachens herüber. Wo auch immer Rilla Blythe sich aufhielt, da ging es fröhlich zu.
Im Wohnzimmer lag, zusammengekuschelt auf dem Sofa, ein weiteres Lebewesen, das nicht unerwähnt bleiben darf. Es besaß nämlich einen ganz außergewöhnlichen Charakter. Und es war noch dazu die einzige Kreatur, die Susan auf den Tod nicht ausstehen konnte.
Alle Katzen sind geheimnisvoll, aber Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde – Kurzname Doc – war dreimal so geheimnisvoll. Doc besaß zwei Persönlichkeiten in einer, oder war, daran glaubte Susan felsenfest, vom Teufel besessen. Er hatte in der Tat vom ersten Tag seiner Existenz an etwas Unheimliches an sich.
Vor vier Jahren hatte Rilla Blythe ein allerliebstes kleines Kätzchen besessen, weiß wie Schnee, mit einer vorwitzigen schwarzen Schwanzspitze. Rilla hatte es Jack Frost genannt. Susan konnte Jack Frost nicht leiden, obwohl sie keinen vernünftigen Grund für ihre Abneigung nennen konnte oder wollte.
„Lassen Sie sich’s gesagt sein, liebe Frau Doktor, dieser Kater bringt Unglück“, sagte sie immer wieder mit drohender Stimme.
„Aber wieso glaubst du das?“ wollte Anne (Mrs. Blythe) dann wissen.
„Ich glaube das nicht – ich weiß es“, behauptete Susan.
Doch alle anderen auf Ingleside liebten Jack Frost heiß und innig. Er war so reinlich und gepflegt und duldete nicht einen Schmutzfleck auf seinem schönen weißen Fell. Es war so rührend, wie er schnurrte und sich an einen schmiegte. Und er war die Ehrlichkeit in Person.
Doch dann passierte auf Ingleside das Unfaßbare: Jack Frost bekam Junge!
Susans Triumph braucht man gar nicht näher zu beschreiben. Hatte sie nicht immer und immer wieder gesagt, daß dieser Kater sich eines Tages als trügerisches und hinterlistiges Wesen entpuppen würde? Das hatten sie jetzt davon!
Rilla behielt eines der Jungen. Es war sehr hübsch und hatte ein merkwürdig glattes, glänzendes Fell, dunkelgelb mit orangen Streifen, und große, seidige goldfarbene Ohren. Sie nannte es Goldie, und kein Name hätte besser zu diesem kleinen vergnügten Wesen passen können. Solange es klein war, gab es nicht die geringsten Anzeichen von dem finsteren Charakter, der wirklich in ihm steckte. Susan warnte die anderen natürlich und sagte, von diesem teuflischen Jack Frost könne man nichts Gutes erwarten. Doch niemand hörte auf Susans düstere Prophezeiungen.
Die Blythes hatten sich so daran gewöhnt, Jack Frost für ein Mitglied des männlichen Geschlechts zu halten, daß sie sich auch jetzt nicht umgewöhnen konnten. So redeten sie weiterhin von „ihm“, auch wenn das lächerlich war hinsichtlich dessen, was dabei herausgekommen war. Leute, die zu Besuch kamen, glaubten ihren Ohren nicht zu trauen, wenn Rilla wie selbstverständlich von „Jack und seinem Jungen“ sprach oder wenn sie Goldie befahl: „Geh zu deiner Mutter, und laß dir das Fell von ihm saubermachen!“
„Das ist doch unanständig, liebe Frau Doktor“, jammerte dann die arme Susan. Sie selbst zog sich aus der Affäre, indem sie Jack einfach „es“ nannte oder aber „das weiße Ungeheuer“, und es gab zumindest eine Person, der es nicht leid tat, als „es“ im darauffolgenden Winter unglücklicherweise vergiftet wurde.
Im Verlauf eines Jahres paßte der Name Goldie immer weniger zu dem orangen Kätzchen, so daß Walter, der gerade Stevensons Geschichte las, es in Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde umtaufte. In seiner Dr.-Jekyll-Laune war es ein schläfriges, zärtliches, häusliches Tierchen, das am liebsten in den Kissen lag und sich hätscheln und tätscheln ließ. Es lag besonders gern auf dem Rücken und ließ sich seinen glatten zartgelben Hals streicheln, während es glückselig vor sich hin schnurrte. Sein Schnurren war schon bemerkenswert. Es hatte bisher noch keine einzige Katze auf Ingleside gegeben, die so beharrlich und schwärmerisch schnurren konnte.
„Das einzige, worum ich Katzen beneide, ist das Schnurren“, sagte Dr. Gilbert Blythe einmal, als er Docs dröhnendem Gesang lauschte. „Es gibt keinen Laut auf der Welt, der soviel Zufriedenheit ausdrückt.“
Doc war sehr hübsch, jede seiner Bewegungen war voller Anmut, seine Haltung erhaben. Wenn er seinen langen gestreiften Schwanz um seine Füße ringelte und sich auf der Veranda niederließ, um unbeweglich hinaus in die weite Ferne zu starren, dann fanden die Blythes, daß er aussah wie eine ägyptische Sphinx.
Wenn ihn dann aber die Mr.-Hyde-Laune überkam – was immer dann passierte, wenn sich Regen oder Wind ankündigte –, dann wurde er zum Biest und bekam einen völlig veränderten Blick. Die Verwandlung vollzog sich urplötzlich. Eben noch vor sich hin dösend, schoß Doc wie der Blitz mit wütendem Geknurr hoch und biß nach jeder Hand, die ihn besänftigen oder streicheln wollte. Sein Fell schien sich zu verdunkeln, und seine Augen funkelten wie der Teufel. Er sah dann wirklich ganz unheimlich aus. Wenn sich die Verwandlung in der Abenddämmerung vollzog, dann bekamen es die Ingleside-Bewohner beinahe mit der Angst zu tun. Dann wurde Doc zur furchterregenden Bestie, und nur Rilla verteidigte ihn und sagte, was für ein netter Kater er doch sei. Und wie nett!
Dr. Jekyll mochte gern frische Milch. Mr. Hyde rührte keine Milch an, und wenn es Fleisch gab, knurrte er. Dr. Jekyll kam so leise die Treppe herabgeschlichen, daß niemand ihn hörte. Mr. Hyde kam so lautstark dahergestampft, daß es sich anhörte wie ein Mensch. Susan behauptete, er hätte sie an manchen Abenden, wenn sie allein im Haus war, schon so erschreckt, daß sie beinah „tot umgefallen wäre“. Er hockte dann mitten auf dem Küchenboden und starrte sie mit seinen schrecklichen Augen ununterbrochen an, ohne mit der Wimper zu zucken. Es war kaum zum Aushalten, aber die arme Susan hatte viel zuviel Angst vor ihm, als daß sie versucht hätte, ihn zu verjagen. Einmal hatte sie es gewagt, einen Stock nach ihm zu werfen, mit dem Erfolg, daß er ihr ins Gesicht sprang. Susan hatte daraufhin die Flucht ergriffen und seither nie wieder versucht, sich mit Mr. Hyde anzulegen. Allerdings ließ sie dann den armen, unschuldigen Dr. Jekyll für seine Missetaten büßen, indem sie ihn schimpfend aus ihrem Revier jagte, sobald er sich erdreistete, die Nase zur Tür hereinzustecken, und ihm so manchen Leckerbissen verwehrte, nach welchem er lechzte.
„Miss Faith Meredith, Gerald Meredith und James Blythe“, las Susan und ließ die Namen genüßlich auf ihrer Zunge zergehen, „haben das Redmond College absolviert und sind von ihren Freunden zu Hause herzlich begrüßt worden. James Blythe, der 1913 in den Geisteswissenschaften promovierte, hat sein erstes Jahr in Medizin hinter sich.“
„Faith Meredith mausert sich langsam zum hübschesten Mädchen, das ich je gesehen habe“, kommentierte Miss Cornelia, während sie sich über ihre Filetstickerei beugte.
„Erstaunlich, was aus diesen Kindern geworden ist, seit Rosemary West ins Pfarrhaus gekommen ist. Die Leute haben schon fast vergessen, was für Flegel Jerry, Faith, Una und Carl früher waren, bevor der Pfarrer endlich zum zweiten Mal geheiratet hat. Weißt du noch, liebste Anne, was für ein Theater die immer veranstaltet haben? Wirklich erstaunlich, wie gut Rosemary mit ihnen zurechtgekommen ist. Sie ist auch eher wie eine Freundin zu ihnen als wie eine Stiefmutter. Alle mögen sie sehr, und Una liebt sie heiß und innig. Was den kleinen Stiefbruder Bruce betrifft, muß ich sagen, daß Una sich regelrecht zu seiner Sklavin macht. Er ist zwar ein netter Kerl. Aber seid ihr jemals einem Kind begegnet, das seiner Tante dermaßen ähnlich sieht wie Bruce seiner Tante Ellen? Genauso dunkelhaarig und genauso energisch. Von Rosemary hat er überhaupt nichts, finde ich. Norman Douglas behauptet ja steif und fest, der Storch hätte Bruce eigentlich für ihn und Ellen vorgesehen gehabt und hätte ihn nur aus Versehen im Pfarrhaus abgeliefert.“
„Bruce bewundert Jem“, sagte Anne. „Wenn er zu uns kommt, dann folgt er Jem überallhin, wie ein braver kleiner Hund, und sieht ehrfürchtig unter seinen schwarzen Augenbrauen hervor zu ihm auf. Ich glaube ernsthaft, der würde für Jem alles tun.“
„Wollen Jem und Faith eigentlich heiraten?“
Anne lächelte. Man wußte ja, daß Miss Cornelia – ehemals überzeugte Männerhasserin – mit den Jahren dazu übergegangen war, Ehen zu stiften.
„Bis jetzt sind die beiden nur gute Freunde, Miss Cornelia.“
„Sehr gute Freunde, das könnt ihr mir glauben“, betonte Miss Cornelia. „Mir entgeht nichts von dem, was die jungen Leute so treiben.“
„Ich schätze, dafür wird Ihre geschwätzige Mary Vance schon sorgen, liebe Mrs. Marshall Elliott“, sagte Susan und tat sehr wichtig. „Ich jedenfalls finde, es ist eine Schande, so über Kinder zu reden.“
„Kinder! Jem ist einundzwanzig und Faith neunzehn“, regte sich Miss Cornelia auf. „Vergiß nicht, Susan, daß wir alten Leute nicht die einzigen Erwachsenen sind auf der Welt.“
Susan haßte es, wenn jemand eine Anspielung auf ihr Alter machte, nicht etwa aus Eitelkeit, sondern aus Angst, man könnte sie dann zum Arbeiten für zu alt halten. Wütend vertiefte sie sich wieder in ihre Notizen.
„Carl Meredith und Shirley Blythe sind vergangenen Freitag von der Queens Academy nach Hause zurückgekehrt. Laut unseren Informationen wird Carl nächstes Jahr die Schule in Harbour Head übernehmen. Sicherlich wird er ein beliebter und erfolgreicher Lehrer werden. “
„Den Kindern alles über Käfer beizubringen wird er wohl noch schaffen“, sagte Miss Cornelia. „Jetzt, wo er die Queen’s hinter sich hat, wollten Mr. Meredith und Rosemary ihn eigentlich im Herbst in Redmond weiterstudieren lassen, aber Carl hat seinen eigenen Willen und will erst mal sein eigenes Geld verdienen. Das wird wohl auch das beste für ihn sein.“
„Walter Blythe hat seine Lehrertätigkeit in Lowbridge aufgegeben, wo er zwei Jahre lang tätig war“, las Susan. „Es heißt, daß er im Herbst nach Redmond gehen will.“
„Ist Walter denn schon kräftig genug, um nach Redmond zu gehen?“ wunderte sich Miss Cornelia.
„Bis zum Herbst ist er hoffentlich stark genug“, sagte Anne Blythe. „Ein erholsamer Sommer in frischer Luft und Sonnenschein wird ihm sehr gut tun.“
„Von Typhus erholt man sich nicht so schnell“, bemerkte Miss Cornelia, „schon gar nicht, wenn man wie Walter nur mit knapper Not davongekommen ist. Ich finde, er sollte lieber noch ein Jahr mit dem College warten. Andererseits ist er so ehrgeizig. Gehen Di und Nan denn auch?“
„Ja. Sie wollten beide noch ein Jahr unterrichten, aber Gilbert möchte lieber, daß sie schon diesen Herbst nach Redmond wechseln.“
„Da bin ich froh. Die werden dann ein Auge auf Walter haben und aufpassen, daß er sich nicht überanstrengt“, sagte Miss Cornelia und fuhr mit einem Seitenblick auf Susan fort: „Ich nehme an, daß es für mich nicht ratsam ist, nach der Abfuhr von vorhin die Vermutung zu äußern, daß Jerry Meredith Nan schöne Augen macht?“
Susan ging nicht darauf ein, und Anne mußte lachen.
„Liebste Miss Cornelia, habe ich nicht schon genug Verliebte um mich herum? Es würde mich ja umbringen, wenn ich das alles ernst nähme. Ich tue es nicht, es ist nämlich schon schwer genug, sich damit abzufinden, daß die Kinder erwachsen sind. Wenn ich mir meine beiden großen Söhne so ansehe, kann ich mir gar nicht vorstellen, daß das die süßen, runden Babys waren, die ich doch eben erst geküßt und liebkost und in den Schlaf gesungen habe. Als wäre es gestern gewesen, Miss Cornelia. War Jem nicht das allerliebste Baby in unserem alten Traumhaus? Und jetzt ist er Bachelor of Arts und wird bezichtigt, auf Freiersfüßen zu wandeln!“
„Wir alle werden älter“, seufzte Miss Cornelia.
„Ich fühle mich nur an einer Stelle alt“, sagte Anne, „nämlich an dem Knöchel, den ich mir damals auf Green Gables brach, als Josie Pye mich dazu herausforderte, den Dachfirst von Mr. Barry entlangzumarschieren. Er tut mir weh, wenn der Wind von Osten kommt. Ich will nicht behaupten, daß es Rheumatismus ist, aber es tut wirklich weh. Was die Kinder betrifft, wollen sie mit den Merediths einen fröhlichen Sommer verbringen, bevor sie im Herbst ihr Studium wiederaufnehmen. Sie sind eine so muntere kleine Bande. Mit ihnen geht es immer lustig zu in diesem Haus.“
„Geht Rilla auch auf die Queen’s, wenn Shirley zurückgeht?“
„Das steht noch nicht fest. Ich glaube, eher nicht. Erstens findet Gilbert, daß sie nicht widerstandsfähig genug ist. Sie wächst und wächst. Sie ist wirklich lächerlich groß für ein Mädchen, das noch keine fünfzehn ist. Ich hätte keine Sorge, sie gehen zu lassen, aber es wäre doch schrecklich, nächsten Winter kein einziges meiner Kinder mehr bei mir zu haben. Susan und ich, wir würden uns wahrscheinlich nur noch streiten, um der Eintönigkeit zu entgehen.“
Susan grinste bei dieser Vorstellung. Das war zu komisch, sie und mit der „lieben Frau Doktor“ streiten!
„Will Rilla selbst denn gehen?“ wollte Miss Cornelia wissen.
„Nein. Um ehrlich zu sein, Rilla ist die einzige aus meiner Kinderschar, die keinen Ehrgeiz hat. Ich wünschte wirklich, sie hätte ein bißchen mehr davon. Sie hat überhaupt keine ernsthaften Ziele. Das einzige, was sie anstrebt, ist anscheinend, es sich gutgehen zu lassen.“
„Und was spricht dagegen, liebe Frau Doktor?“ ereiferte sich Susan. Sie konnte es nicht ertragen, wenn über irgend jemanden von Ingleside schlecht gesprochen wurde, auch nicht von einem eigenen Familienmitglied. „Ich finde, ein junges Mädchen sollte sein Vergnügen haben. Für Latein und Griechisch wird schon noch genug Zeit übrigbleiben.“
„Wenn sie wenigstens ein bißchen Verantwortungsgefühl an den Tag legen würde, Susan. Und du weißt doch selbst, wie furchtbar eitel sie ist.“
„Dazu hat sie auch allen Grund“, gab Susan zurück. „Sie ist das hübscheste Mädchen in ganz Glen St. Mary. Ein Mädchen mit einer so zarten Haut wie Rilla hat doch noch keiner von den vornehmen MacAllisters, Crawfords und Elliotts jemals gesehen. Nein, liebe Frau Doktor, ich weiß, es steht mir nicht zu, aber ich kann nicht zulassen, daß Sie Rilla schlechtmachen. – Hören Sie her, Mrs. Marshall Elliott!“
Susan hatte eine Gelegenheit entdeckt, es Miss Cornelia für ihre Bemerkungen über die Liebesaffären der Kinder heimzuzahlen. Sie las den Artikel genüßlich vor.
„Miller Douglas hat sich entschlossen, nicht nach Westen zu gehen. Er sagt, das alte Prince Edward Island sei gut genug für ihn, und er wird weiterhin für seine Tante, Mrs. Alec Davis, die Landwirtschaft betreiben.“
Susan sah Miss Cornelia durchdringend an.
„Mrs. Marshall Elliott, ich habe gehört, daß Miller hinter Ihrem Pflegling Mary Vance her ist.“
Dieser Schuß durchbohrte Miss Cornelias Panzer. Ihr gutmütiges Gesicht lief rot an.
„Das wäre ja noch schöner, wenn Miller Douglas um Mary herumscharwenzelte“, ereiferte sie sich. „Bei der gewöhnlichen Familie, aus der er kommt. Sein Vater war sogar bei den Douglases so was wie ein Ausgestoßener, sie haben ihn nie richtig dazugezählt. Und seine Mutter war eine von diesen schrecklichen Dillons aus Harbour Head.“
„Mrs. Marshall Elliott, soweit ich weiß, stammt Mary Vance aber auch nicht gerade aus einer adeligen Familie.“
„Mary Vance ist immerhin gut erzogen worden, und sie ist ein kluges, tüchtiges Mädchen“, verteidigte sie Miss Cornelia. „Sie wird sich Miller Douglas schon nicht an den Hals werfen, das können Sie mir glauben! Sie weiß, wie ich darüber denke, und bis jetzt hat Mary immer auf mich gehört.“
„Ich glaube, Sie brauchen sich da keine Sorgen zu machen, Mrs. Marshall Elliott, denn Mrs. Alec Davis ist genauso dagegen wie Sie. Sie sagt, es käme überhaupt nicht in Frage, daß einer ihrer Neffen eine so unbedeutende Person wie Mary Vance heiratet.“
Susan kehrte, nachdem dieses Wortgefecht ganz zu ihren Gunsten verlaufen war, wieder zu ihren Notizen zurück.
„Mit Freuden haben wir erfahren, daß Miss Oliver ein weiteres Jahr bei uns unterrichten wird“, las sie vor. „Miss Oliver wird ihre wohlverdienten Ferien zu Hause in Lowbridge verbringen.“
„Ich freue mich, daß Gertrude dableibt“, sagte Anne. „Wir würden sie schrecklich vermissen. Und sie übt einen so erfreulichen Einfluß auf Rilla aus, Rilla verehrt sie geradezu. Sie sind richtige Freundinnen, trotz des großen Altersunterschieds.“
„Wollte sie denn nicht heiraten?“
„Ja, davon war wohl die Rede, aber die Heirat ist um ein Jahr verschoben worden.“
„Wer ist denn der junge Mann?“
„Robert Grant, ein junger Rechtsanwalt aus Charlottetown. Ich hoffe, Gertrude wird glücklich mit ihm. Ihr Leben ist bisher ziemlich traurig verlaufen. Sie hat viele Enttäuschungen durchgemacht, deshalb ist sie besonders empfindlich. Ihre Jugendzeit ist vorbei, und sie ist praktisch allein auf der Welt. Diese neue Liebe ist für sie so überwältigend, daß sie anscheinend Angst hat, sie könnte nicht von Dauer sein. Als die Hochzeit verschoben werden mußte, war sie sehr verzweifelt – obwohl das bestimmt nicht Mr. Grants Schuld war. Es gab Unstimmigkeiten im Testament seines Vaters; sein Vater starb letzten Winter. Bevor die nicht aus dem Wege geräumt sind, kann er nicht heiraten. Ich glaube, für Gertrude war das ein schlimmes Omen, sie hatte Angst, ihr Glück würde ihr jetzt schon wieder weggenommen.“
„Es ist nicht gut, wenn man seine Gefühle zu sehr an einen Mann bindet, liebe Frau Doktor“, bemerkte Susan ernst.
„Mr. Grant ist genausosehr in Gertrude verliebt wie sie in ihn, Susan. Er ist es nicht, dem sie mißtraut. Es ist das Schicksal. Sie hat so etwas wie eine mystische Ader. Manche Leute würden sie wahrscheinlich als abergläubisch bezeichnen. Sie glaubt an Träume, und wir haben es bisher einfach nicht geschafft, sie davon zu überzeugen, daß Träume völlig harmlos sind. Ich muß allerdings zugeben, daß einige ihrer Träume … Aber solche ketzerischen Anspielungen lasse ich Gilbert lieber nicht hören. Na, was hast du denn nun wieder Interessantes gefunden, Susan?“
„Hören Sie her, liebe Frau Doktor!“ rief Susan aufgeregt. „Mrs. Sophia Crawford hat ihr Haus in Lowbridge aufgegeben und wird in Zukunft bei ihrer Nichte, Mrs. Albert Crawford, wohnen. Sophia ist meine eigene Cousine, liebe Frau Doktor! Als Kinder haben wir uns mal um ein Bild von der Sonntagsschule gestritten, mit einem Rosenkranz darauf, und in der Mitte stand: Gott ist Liebe. Seitdem haben wir nie mehr miteinander geredet. Und jetzt soll sie plötzlich direkt auf der anderen Straßenseite von uns wohnen.“
„Da wirst du wohl den alten Streit bereinigen müssen, Susan. Mit seinen Nachbarn sollte man nie auf Kriegsfuß stehen.“
„Cousine Sophia hat damals angefangen, also kann sie auch jetzt den Anfang machen, liebe Frau Doktor“, sagte Susan hochmütig. „Und wenn sie’s wirklich tut, dann kann ich nur hoffen, daß ich christlich genug bin, ihr auf halbem Wege entgegenzukommen. Die kann keinen Spaß vertragen. Als ich sie das letzte Mal sah, war ihr Gesicht von tausend Falten durchzogen. Vielleicht waren’s mehr, vielleicht auch weniger. Bestimmt vor lauter Verdrossenheit und Schwarzseherei. Beim Tod ihres ersten Mannes heulte sie ganz fürchterlich, aber es dauerte kein Jahr, da heiratete sie den Nächsten. – Aha, als nächstes geht es um den Sondergottesdienst, der am Sonntagabend in unserer Kirche stattfand. Die Dekoration wird in den höchsten Tönen gelobt.“
„Apropos Dekoration: Mr. Pryor kann Blumen in der Kirche nicht ausstehen“, sagte Miss Cornelia. „Als dieser Mann aus Lowbridge hierherzog, habe ich schon Ärger kommen sehen. Er hätte hier nie Kirchenältester werden dürfen. Das war ein Fehler, und wir werden schon sehen, was wir davon haben, darauf könnt ihr euch verlassen! Er soll sogar gesagt haben, wenn die Mädchen ‚weiterhin die Kanzel mit Unkraut verunstalten‘, dann käme er nicht mehr in die Kirche.“
„Die Kirche ist früher auch ohne das alte Mondge-sicht-mit-Schnauzbart ausgekommen, also wird sich auch nichts ändern, wenn er wieder weg ist“, sagte Susan.
„Wer hat ihm bloß diesen lächerlichen Spitznamen gegeben?“ wollte Anne wissen.
„Seit ich überhaupt denken kann, haben ihn die Jungen aus Lowbridge schon so genannt, liebe Frau Doktor. Wahrscheinlich, weil er so ein rundes rotes Gesicht hat mit so einem komischen rotblonden Bart außen rum. Er darf es natürlich nicht hören, daß man ihn so nennt. Aber schlimmer als der Bart ist seine Unvernunft. Was dieser Mann für komische Ideen hat! Jetzt ist er Kirchenältester und angeblich sehr fromm. Aber ich erinnere mich noch gut, liebe Frau Doktor, wie er vor zwanzig Jahren dabei ertappt wurde, als er seine Kuh auf dem Friedhof von Lowbridge weiden ließ. Ja, wirklich, das habe ich nicht vergessen, und ich muß oft daran denken, wenn er im Gottesdienst betet. So, das waren die Notizen, und das dürfte wohl schon alles gewesen sein, was an Wichtigem in der Zeitung steht. Ich interessiere mich nie besonders für das, was woanders passiert. Wer ist denn zum Beispiel dieser Erzherzog, der da ermordet worden ist?“
„Was geht das uns an?“ fragte Miss Cornelia, ohne eine Ahnung davon zu haben, auf was für eine schreckliche Art und Weise sie das bald etwas angehen würde. „In diesen Balkanstaaten wird doch andauernd gemordet. Das ist doch schon ganz normal dort, und ich finde nicht, daß unsere Zeitungen über solche schockierenden Dinge berichten sollten. Die Enterprise ist immer auf Sensation aus mit diesen fetten Überschriften. So, jetzt muß ich aber gehen. Nein, liebste Anne, zum Abendessen kann ich leider nicht bleiben, falls du das fragen willst. Wenn ich nicht zum Essen zu Hause bin, dann ißt Marshall nämlich auch nichts. Das lohnt sich nicht, sagt er dann – typisch Mann! Also gehe ich lieber. – Du lieber Himmel, liebste Anne, was ist denn mit diesem Kater los? Kriegt er etwa einen Anfall?“
Doc sprang mit einem Satz vor Miss Cornelias Füße, legte die Ohren zurück, fauchte sie an und machte dann einen weiteren Satz durchs Fenster nach draußen.
„Nein, nein. Er verwandelt sich nur gerade in Mr. Hyde. Das bedeutet, daß es noch vor morgen Regen oder Sturm gibt. Doc ist so zuverlässig wie ein Barometer.“
„Ich bin bloß froh, daß er sich diesmal draußen austobt und nicht wieder in meiner Küche“, sagte Susan. „So, und ich gehe jetzt und kümmere mich ums Abendessen. Bei so einer großen Schar, wie wir hier auf Ingleside sind, muß man schon rechtzeitig ans Essenvorbereiten denken.“
Morgentau
Die Sonne verwandelte den Garten von Ingleside in lauter kleine goldene Seen, die sich abwechselten mit geheimnisvollen Schatten. Rilla Blythe schaukelte in der Hängematte unter der großen schottischen Pinie, Gertrude Oliver saß neben ihr am Fuß des Baumes, und Walter lag ausgestreckt im Gras, vertieft in einen Ritterroman, in dem alte Helden und längst vergangene Zeiten für ihn neu zum Leben erwachten.
Rilla war das „Baby“ in der Familie Blythe. Sie war knapp fünfzehn und ärgerte sich darüber, daß niemand sie für erwachsen halten wollte. Noch dazu war sie fast so groß wie Di und Nan. Und sie war beinah so hübsch, wie Susan es von ihr behauptete. Sie hatte große braune, verträumte Augen, einen zarten Teint mit lauter kleinen goldenen Sommersprossen und fein geformte Augenbrauen, die ihr einen ernsten, fragenden Ausdruck verliehen und die Leute aufmerksam machten, ganz besonders junge Männer in ihrem Alter. Ihr Haar war rötlichbraun, und sie hatte ein Grübchen in ihrer Oberlippe, als wenn eine gute Fee ihr dieses Grübchen bei der Taufe mit dem Finger eingedrückt hätte. Rillas beste Freundinnen, die wußten, daß sie ein wenig eitel war, fanden an ihrem Gesicht nichts auszusetzen. Nur ihre Figur gefiel ihnen nicht recht. Wenn man ihre Mutter doch bloß davon überzeugen könnte, daß ihr lange Kleider besser standen! So dick und rund sie als kleines Kind gewesen war, so unglaublich mager war Rilla jetzt. Sie bestand nur aus Armen und Beinen. Jem und Shirley quälten sie, weil sie sie „Spinne“ nannten. Dabei wirkte sie nicht etwa unbeholfen. Vielmehr hatten ihre Bewegungen den Anschein, als ob sie nicht ging, sondern tanzte. Rilla war immer ein kleiner Sonnenschein gewesen, man hatte sie sogar ein kleines bißchen verwöhnt, aber die meisten Leute fanden, daß sie ein süßes Mädchen war, auch wenn sie vielleicht nicht so klug war wie Nan und Di.
Miss Oliver, die noch am Abend nach Lowbridge aufbrechen wollte, um dort die Ferien zu verbringen, wohnte seit einem Jahr in Ingleside. Die Blythes hatten sie Rilla zuliebe bei sich aufgenommen. Rilla liebte ihre Lehrerin heiß und innig, und da kein anderes Zimmer zur Verfügung stand, war sie sogar bereit gewesen war, ihr eigenes mit ihr zu teilen. Gertrude Oliver war achtundzwanzig Jahre alt, und sie hatte es schwer gehabt in ihrem bisherigen Leben. Sie fiel auf durch ihre traurigen, mandelförmigen braunen Augen, den hübschen, etwas spöttisch wirkenden Mund und die dichte schwarze Haarpracht. Sie war nicht hübsch, aber ihr Gesicht wirkte interessant und geheimnisvoll, und Rilla fand sie einfach faszinierend. Selbst wenn sie gelegentlich trübsinnig und zynisch war, hatte sie für Rilla immer noch etwas Bezauberndes. Solche Launen überkamen Miss Oliver jedoch nur, wenn sie müde war. Sonst war sie sehr umgänglich und steckte voller Ideen, und die fröhliche Schar von Ingleside vergaß dann ganz, daß sie doch um einiges älter war als sie selbst. Miss Oliver mochte Walter und Rilla besonders gern, und sie war die Vertraute ihrer geheimen Wünsche und Sehnsüchte. Sie wußte zum Beispiel, daß Rilla sich danach sehnte „auszugehen“: Parties zu besuchen, so wie Nan und Di, und elegante Abendkleider zu tragen und – warum sollte man um den heißen Brei herumreden – Verehrer zu haben! Im Plural, wohlgemerkt! Und was Walter betraf, so wußte Miss Oliver, daß er eine Reihe Gedichte „an Rosamunde“ (Faith Meredith) geschrieben hatte und daß er es sich zum Ziel gesetzt hatte, an irgendeiner großen Universität Professor für englische Literatur zu werden. Sie kannte seine leidenschaftliche Vorliebe für alles Schöne genauso wie seine tiefe Abneigung gegen alles Häßliche. Sie kannte seine Stärken und seine Schwächen.
Walter war, wie eh und je, der hübscheste der Ingleside-Jungen. Miss Oliver schaute ihn deshalb gerne an. Er sah genauso aus, wie sie es sich für ihren eigenen Sohn gewünscht hätte: glänzendes schwarzes Haar, leuchtende dunkelgraue Augen und klare Gesichtszüge. Und die Fingerspitzen eines Dichters! Seine Gedichte waren wirklich bemerkenswert für einen jungen Mann von gerade zwanzig Jahren. Ohne für ihn Partei ergreifen zu wollen, wußte sie, daß Walter Blythe eine wunderbare Gabe besaß.
Rilla liebte Walter von ganzem Herzen. Er neckte sie nie, so wie Jem und Shirley es gern taten. Er nannte sie nie „Spinne“. Sein Kosename für sie war „Rilla-meine-Rilla“, in Anlehnung an ihren richtigen Namen „Marilla“. Sie war nach Tante Marilla von Green Gables getauft worden, doch Tante Marilla war gestorben, bevor Rilla überhaupt Gelegenheit hatte, sie richtig kennenzulernen, und der Name als solcher war ihr verhaßt. Sie fand ihn schrecklich altmodisch und spröde. Wieso riefen sie sie nicht bei ihrem ersten Namen „Bertha“, der klang doch so schön und würdevoll! Statt dessen immer dieses blöde „Rilla“! Gegen Walters Version hatte sie jedoch nichts einzuwenden, aber außer ihm durfte niemand sie so nennen, höchstens Miss Oliver ab und zu. „Rilla-meine-Rilla“ mit Walters musikalischer Stimme klang einfach wunderschön. Wie das Plätschern und Sprudeln eines glitzernden Baches. Für Walter würde sie sogar sterben, wenn sie ihm damit etwas Gutes tun könnte, sagte sie im Vertrauen zu Miss Oliver. Rilla neigte, wie fast alle Mädchen im Alter von fünfzehn, leicht zu Übertreibungen. Doch am schlimmsten für sie war der Verdacht, daß Walter Di womöglich mehr von seinen Geheimnissen verriet als ihr.
„Er denkt wohl, ich bin noch nicht erwachsen genug, um ihn zu verstehen“, beklagte sie sich einmal wütend bei Miss Oliver. „Aber ich bin erwachsen genug! Und ich würde niemals etwas weitersagen, noch nicht mal Ihnen, Miss Oliver. Ihnen verrate ich meine eigenen Geheimnisse – ich wäre todunglücklich, wenn ich vor Ihnen Geheimnisse hätte –, aber seine würde ich nie verraten. Ich erzähle ihm alles, sogar mein Tagebuch zeige ich ihm. Aber wenn er mir etwas verschweigt, dann leide ich furchtbar darunter. Er zeigt mir immerhin alle seine Gedichte. Die sind einfach wunderbar, Miss Oliver. Ach, was gäbe ich darum, eines Tages für Walter das zu sein, was Wordsworths Schwester Dorothy für ihn war. Dabei ist das, was Wordsworth geschrieben hat, überhaupt nicht vergleichbar mit Walters Gedichten. Von Tennyson ganz zu schweigen.“
„Das würde ich nicht sagen. Beide haben eine ganze Menge Unsinn geschrieben“, sagte Miss Oliver trocken, fügte aber auf Rillas betroffenen Blick reumütig hinzu: „Aber ich glaube, daß Walter – irgendwann einmal – ein großer Dichter sein wird, vielleicht sogar der erste wirklich große Dichter, den Kanada je gesehen hat. Und wenn du älter wirst, wird er dir auch mehr anvertrauen.“
„Als Walter letztes Jahr mit Typhus im Krankenhaus lag, bin ich fast verrückt geworden“, seufzte Rilla etwas pathetisch. „Niemand hat mir gesagt, wie krank er wirklich ist. Vater wollte das nicht. Ich habe es erst erfahren, als es vorbei war. Aber ich bin froh, daß ich es nicht gewußt habe, das hätte ich einfach nicht ertragen. Ich habe mich ohnehin jeden Abend in den Schlaf geweint. Aber manchmal“, sagte Rilla bekümmert – es gefiel ihr, hin und wieder Miss Olivers Ton nachzuahmen –, „manchmal denke ich, Walter kümmert sich mehr um Monday als um mich.“
Monday war der Haushund von Ingleside. Er hieß so, weil er an einem Montag, als Walter gerade Robinson Crusoe las, in die Familie kam. Eigentlich gehörte er Jem, aber er hing genauso an Walter. Jetzt lag er gerade neben Walter, die Schnauze an seinen Arm gekuschelt, und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz, wenn Walter ihn geistesabwesend tätschelte. Monday war weder ein Collie noch ein Setter, geschweige denn ein Jagdhund oder ein Neufundländer. Er war, wie Jem sagte, „ganz einfach ein Hund“. „Ein äußerst einfacher Hund“, wie unbarmherzige Leute zu bemerken pflegten. Gewiß, Monday sah nicht gerade überwältigend aus. Schwarze Flecken verteilten sich, wild verstreut, auf seinem gelben, mageren Fell. Einer davon saß direkt auf seinem Auge. Seine Ohren sahen aus wie ausgefranst. Ein Schmuckstück war er wirklich nicht. Aber er besaß eine gute Gabe. Er wußte, daß nicht alle Hunde hübsch oder ausdrucksvoll oder siegreich sein konnten, aber er wußte, daß alle Hunde lieben konnten. So reizlos sein Äußeres war, hatte er doch das gütigste, treueste und ehrlichste Herz, das je ein Hund besessen hat. Und er hatte die seelenvollsten Augen, die man sich denken kann. Jeder auf Ingleside mochte ihn, sogar Susan, auch wenn seine Vorliebe, sich ins Gästezimmer zu schleichen, um dort auf dem Bett sein Schläfchen zu halten, ihre Zuneigung empfindlich auf die Probe stellte.
An diesem Nachmittag saß Rilla im Garten und brauchte sich um nichts zu sorgen.
„War es nicht ein wunderschöner Juni?“ sagte sie und blickte verträumt in die Ferne, wo kleine silberne Wölkchen friedlich über dem Regenbogental hingen. „Wir haben soviel Spaß gehabt. Und so schönes Wetter. Es war einfach alles wunderschön.“
„Irgendwie gefällt mir das nicht“, sagte Miss Oliver und seufzte. „Das kann nichts Gutes bedeuten. Wenn alles wunderschön ist, ist das ein Geschenk der Götter, eine Art Ausgleich für das, was hinterher kommt. Mir ist das schon so oft aufgefallen, daß ich nichts darum gebe, wenn jemand sagt, es sei alles wunderschön gewesen. Der Juni war ganz nett, ja, das stimmt.“
„Ich gebe zu, es ist nichts besonders Aufregendes passiert“, sagte Rilla. „Das einzig Aufregende, was im ganzen letzten Jahr in Glen passiert ist, war, als die alte Miss Mead in der Kirche in Ohnmacht gefallen ist. Manchmal wünschte ich, es würde mal etwas richtig Dramatisches passieren.“
„Wünsch dir das lieber nicht! Irgend jemand muß immer unter dem Drama leiden. Was für einen schönen Sommer werdet ihr junges Volk dieses Mal haben! Und ich hocke in Lowbridge und blase Trübsal!“
„Sie kommen uns aber so oft wie möglich besuchen, ja? Ich glaube, wir werden diesen Sommer viel Spaß haben, obwohl ich wahrscheinlich wie üblich wieder nur den Zaungast spielen darf. Ist es nicht furchtbar, wenn die Leute einen immer noch für ein kleines Kind halten, auch wenn man das längst nicht mehr ist?“
„Du hast noch genug Zeit zum Erwachsenwerden, Rilla. Sei froh, daß du jung bist. Die Jugend geht viel zu schnell vorbei. Du wirst bald einen Vorgeschmack vom Leben bekommen.“
„Vorgeschmack! Aufessen will ich es!“ lachte Rilla. „Ich will alles! Alles, was ein Mädchen haben kann. In einem Monat bin ich fünfzehn, und dann kann niemand mehr sagen, ich wäre noch ein Kind. Jemand hat mal gemeint, das Alter zwischen fünfzehn und neunzehn wäre das beste für ein Mädchen. Ich werde eine großartige Zeit daraus machen und einfach nur Spaß haben!“
„Es hat gar keinen Zweck, sich auszumalen, was man machen will, es kommt doch nicht dazu.“
„Aber das Ausmalen allein macht doch schon Spaß!“ rief Rilla ausgelassen.
„Du denkst wohl an nichts anderes als an Spaß, du kleiner Dummkopf“, sagte Miss Oliver nachsichtig und bewunderte dabei heimlich Rillas hübsches Kinn. „Was soll einem mit fünfzehn auch sonst einfallen? Denkst du denn überhaupt nicht daran, diesen Herbst aufs College zu gehen?“
„Nein, diesen Herbst nicht und auch keinen anderen. Ich will einfach nicht. Mich interessieren diese schlauen Wörter nicht, auf die Nan und Di so versessen sind. Außerdem gehen schon fünf von uns aufs College. Das reicht doch wohl. Einen Dummkopf muß schließlich jede Familie haben. Ich bin gern bereit, der Dummkopf zu sein, solange ich hübsch bin und begehrt. Ich kann nicht klug sein. Ich habe für nichts Talent, und Sie können sich gar nicht vorstellen, wie bequem das ist. Niemand erwartet etwas von mir, keiner belästigt mich. Und für hausfrauliche Sachen eigne ich mich auch nicht. Ich hasse Nähen und Staubwischen, und wenn Susan es schon nicht fertigbringt, mir Plätzchenbacken beizubringen, dann lerne ich das auch nie. Vater sagt, ich hätte zwei linke Hände. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als nur schön zu sein“, schloß Rilla und lachte.
„Du bist zu jung, um überhaupt nichts mehr zu lernen, Rilla.“
„Keine Sorge, Mutter will mich im Winter in einen Vorlesekurs schicken. Sie will wohl ihr Ansehen auffrischen. Zum Glück lese ich gern. Jetzt sehen Sie mich doch nicht so traurig und so mißbilligend an. Ich kann eben nicht vernünftig und ernst sein. Alles sieht in meinen Augen so rosarot und himmelblau aus. Nächsten Monat bin ich fünfzehn. Und nächstes Jahr sechzehn. Und übernächstes Jahr siebzehn. Gibt es denn etwas Aufregenderes als das?“
„Hals- und Beinbruch“, sagte Gertrude Oliver halb scherzhaft, halb im Ernst. „Hals- und Beinbruch, Rilla-meine-Rilla!“
Mondscheinparty
Rilla gähnte, reckte und streckte sich und lächelte dann Gertrude Oliver zu. Miss Oliver war gestern abend von Lowbridge herübergekommen, und sie hatte sich dazu überreden lassen, noch bis zur Tanzparty im Leuchtturm von Four Winds dazubleiben.
„Der neue Tag klopft ans Fenster. Was er uns wohl bringen mag?“
Miss Oliver zitterte ein wenig. Ihr gelang es nie, einen Tag mit einer solchen Begeisterung zu begrüßen wie Rilla. Sie war alt genug, um zu wissen, daß ein Tag auch etwas Schreckliches mit sich bringen kann.
„Ich finde, das reizvollste an einem Tag ist das Unerwartete“, sagte Rilla. „Es ist doch lustig, an so einem schönen, sonnigen Morgen aufzuwachen und sich zu fragen, was für ein Überraschungspaket der Tag dir überbringen wird. Ich döse immer noch zehn Minuten vor mich hin, bevor ich aufstehe, und male mir all die wunderbaren Dinge aus, die passieren könnten, bevor es Abend wird.“
„Ich hoffe, daß heute etwas ganz Unerwartetes passiert“, sagte Gertrude. „Ich hoffe nämlich, daß die Post uns die Nachricht überbringt, daß der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich abgewendet worden ist.“
„Ach so – ja“, sagte Rilla etwas unsicher. „Wenn nicht, ist das wahrscheinlich schrecklich, nehme ich an. Aber was wäre eigentlich so schrecklich daran? Ein Krieg wäre vielleicht ganz aufregend. Der Burenkrieg soll doch so spannend gewesen sein, aber das habe ich natürlich alles wieder vergessen. Miss Oliver, soll ich heute abend mein weißes Kleid anziehen oder mein neues grünes? Das grüne ist natürlich viel hübscher, aber ich getraue mich fast nicht, es zu einer Strandparty anzuziehen, es könnte ja kaputtgehen. Würden Sie mir diese neue Frisur machen? Von den Mädchen aus Glen trägt sie bis jetzt keine, das wäre doch die Sensation!“
„Wie hast du denn deine Mutter dazu überredet, daß sie dich zu der Tanzparty gehen läßt?“
„Walter hat sie ein bißchen um den Finger gewickelt. Er wußte, daß ich todunglücklich wäre, wenn ich nicht hingehen dürfte. Das ist meine erste richtige Erwachsenenparty, Miss Oliver, und ich bringe schon seit einer Woche schlaflose Nächte zu, weil ich immer daran denken muß. Als ich heute morgen die Sonne gesehen habe, hätte ich am liebsten einen Freudenschrei ausgestoßen. Wäre es nicht schrecklich, wenn es heute abend regnen würde? Ich glaube, ich riskiere es, das grüne Kleid anzuziehen. Auf meiner ersten Party will ich so schön wie möglich aussehen. Außerdem ist es zweieinhalb Zentimeter länger als das weiße. Und meine Silberschuhe werde ich auch anziehen. Mrs. Ford hat sie mir zu Weihnachten geschickt, und ich habe bisher noch keine Gelegenheit gehabt, sie anzuziehen. Sie sehen wirklich hübsch aus. Ach, Miss Oliver, ich hoffe, daß mich ein paar Jungen zum Tanzen auffordern! Diese Demütigung würde ich nicht überleben, wenn mich keiner auffordern würde und ich den ganzen Abend als Mauerblümchen herumsitzen müßte. Wie dumm, daß Carl und Jerry nicht mittanzen können, weil sie Pfarrerssöhne sind, sonst könnte ich mich wenigstens auf die verlassen und müßte mich nicht so sehr blamieren.“
„Du wirst eine Menge Tanzpartner haben. Alle Jungen aus Overharbour kommen herüber. Es werden sehr viel mehr Jungen sein als Mädchen.“
„Bin ich froh, daß ich keine Pfarrerstochter bin“, lachte Rilla. „Die arme Faith ist so wütend. Sie wird es wohl kaum wagen, heute abend zu tanzen. Una ist es egal. Die macht sich nichts aus Tanzen. Irgend jemand hat zu Faith gesagt, wer nicht mittanzen darf, der darf sich dafür in der Küche Toffees machen, da hätten Sie mal ihr Gesicht sehen sollen! Wahrscheinlich wird sie mit Jem den ganzen Abend draußen auf den Felsen hocken. Übrigens, wissen Sie, daß wir uns alle an dem kleinen Bach unterhalb von unserem Traumhaus treffen und dann zum Leuchtturm hinübersegeln? Ist das nicht absolut himmlisch?“
„Als ich fünfzehn war, habe ich auch so geschwärmt wie du“, sagte Miss Oliver mürrisch. „Für euch junge Leute wird die Party bestimmt ganz lustig. Aber ich werde mich dort langweilen. Keiner von den Jungen wird sich die Mühe machen und mit so einer alten Jungfer wie mir tanzen. Jem und Walter werden mich vielleicht einmal auffordern, aber nur aus Mitleid. Und zum Reden werde ich auch niemanden haben. Also kannst du wohl kaum von mir erwarten, daß ich deine rührende Begeisterung teile.“
„Aber als Sie das erste Mal auf eine Party gingen, hat Ihnen das keinen Spaß gemacht, Miss Oliver?“
„Nein. Es war schrecklich. Ich war so schäbig angezogen und so hausbacken, daß niemand mich zum Tanzen aufgefordert hat, bis auf einen Jungen, der noch schäbiger aussah als ich. Er war so unbeholfen, daß ich ihn haßte, aber selbst der hat mich kein zweites Mal aufgefordert. Ich habe keine richtige Jugend gehabt, Rilla. Das ist schlimm. Deswegen wünsche ich dir eine wunderbare, glückliche Jugend. Und ich hoffe, daß du später mit Freuden an deine erste Party zurückdenkst.“
„Heute nacht habe ich geträumt, ich wäre auf der Tanzparty gewesen und hätte mittendrin plötzlich gemerkt, daß ich meinen Schlafanzug und meine Hausschuhe anhabe“, seufzte Rilla. „Da bin ich vor Schreck aufgewacht.“
„Apropos Traum. Ich habe einen komischen Traum gehabt“, sagte Miss Oliver nachdenklich. „Es war einer dieser sehr lebhaften Träume, die ich manchmal habe. Nicht so ein Wirrwarr wie die üblichen Träume, die man so hat, sondern klar und deutlich wie die Wirklichkeit.“
„Was haben Sie denn geträumt?“
„Ich stand hier auf der Verandatreppe und ließ meinen Blick über die Felder von Glen schweifen. Plötzlich sah ich weit draußen eine breite, silbrig glitzernde Welle, die sich langsam über die Felder ergoß. Das Wasser kam näher und näher. Es waren lauter kleine weiße Wellen, wie sie manchmal an den Strand gespült werden. Ganz Glen wurde nach und nach verschluckt. Ich dachte noch: Die Wellen werden doch wohl nicht bis Ingleside herankommen? Aber sie kamen immer näher, ganz schnell. Bevor ich aufstehen konnte, hatten sie schon meine Füße erreicht. Und alles war weg, nur noch ein aufgewühltes Meer war dort, wo vorher Glen gewesen war. Ich versuchte zurückzuweichen. Dabei sah ich, daß der Saum meines Kleides blutgetränkt war. Und da wachte ich endlich auf – und zitterte. Der Traum gefällt mir nicht. Er hat irgendeine schlimme Bedeutung. Solche lebhaften Träume sind bei mir bisher immer, ‚wahr‘ geworden.“
„Na, hoffentlich bedeutet er nicht, daß sich heute abend ein Sturm zusammenbraut und die Party ins Wasser fällt“, murmelte Rilla besorgt.
„Du unverbesserlicher Kindskopf!“ sagte Miss Oliver trocken. „Nein, Rilla-meine-Rilla, mit so etwas Schlimmem brauchst du wohl nicht zu rechnen.“
Seit einigen Tagen herrschte auf Ingleside eine unausgesprochene Spannung. Nur Rilla bemerkte vor lauter Aufregung nichts davon. Gilbert machte ein ernstes Gesicht und sprach wenig, wenn er die Zeitung las. Jem und Walter waren höchst interessiert an den Neuigkeiten, die darin standen. An diesem Abend kam Jem aufgeregt zu Walter gelaufen.
„Hast du gehört, Deutschland hat Frankreich den Krieg erklärt! Das bedeutet, daß England wahrscheinlich beteiligt sein wird. Und wenn dem so ist, na, dann kommt der Pfeifer aus deinem alten Traum wohl doch noch zum Zuge.“
„Das war kein Traum“, sagte Walter versonnen. „Das war eine Vorahnung, eine Vision. Jem, ich habe ihn damals wirklich einen Augenblick lang gesehen! Was ist, wenn England wirklich mitkämpft?“
„Na, dann werden wir wohl helfen müssen!“ rief Jem erfreut. „Wir können doch nicht die ‚alte graue Mutter des Nordmeeres‘ im Stich lassen, oder? Aber du kannst sowieso nicht mitmachen. Der Typhus hat schon dafür gesorgt. Schade, oder?“
Walter gab keine Antwort. Er blickte nachdenklich hinaus auf das glitzernde blaue Meer am Horizont.
„Wir sind die Abkömmlinge. Wir müssen mit Händen und Füßen kämpfen, falls es zu einem Familienkrach kommt“, redete Jem munter weiter und fuhr sich mit seiner starken, feinnervigen Hand durchs Haar, die Hand des geborenen Chirurgen, wie sein Vater oft dachte. „Das wäre doch ein Abenteuer! Aber wahrscheinlich werden Grey oder ein paar andere von diesen alten, besonnenen Burschen kurz vor Toresschluß die Dinge schlichten. Aber es wäre schon eine Schande, wenn sie Frankreich im Stich ließen. Wenn nicht, dann kann es heiter werden. So, wir sollten uns langsam für die Leuchtturmparty fertigmachen.“
Damit ging Jem fröhlich pfeifend hinaus, während Walter noch eine ganze Weile regungslos dastand. Er machte ein ernstes Gesicht. Das alles war über ihn hereingebrochen wie eine schwarze Gewitterwolke. Vor wenigen Tagen hatte noch kein Mensch an so etwas gedacht. Es war auch unsinnig, jetzt daran zu denken. Irgendeinen Ausweg würde man doch finden! Krieg – das war doch etwas ganz Entsetzliches. So etwas Entsetzliches konnte doch unmöglich im zwanzigsten Jahrhundert unter zivilisierten Völkern vorkommen! Der Gedanke allein war schon entsetzlich und machte Walter ganz unglücklich. Das Leben mit all seiner Schönheit stand auf dem Spiel. Er würde einfach nicht daran denken, den Gedanken aus seinem Gehirn ausschalten. Wie schön die reifen Getreidefelder von Glen aussahen, die laubenähnlichen alten Gehöfte, die Heu wiesen und stillen Gärten! Der Himmel sah im Westen aus wie eine große goldene Perle, und weit draußen senkte sich der Mondschein auf den Hafen herab. Die Luft war angefüllt mit den wohlklingendsten Tönen: dem Pfeifen der schläfrigen Rotkehlchen, dem traurigen, sanften Murmeln des Windes in den schattenhaften Bäumen, dem Rascheln der Zitterpappeln, die einander zuwisperten und ihre zierlichen, herzförmigen Blätter schüttelten, und dem fröhlichen Lachen aus den Fenstern, hinter denen sich die Mädchen auf die bevorstehende Tanzparty vorbereiteten. Die Welt war so voller unglaublich lieblicher Klänge und Farben! Nur daran wollte er denken und sich mit ganzem Herzen daran erfreuen. Von mir wird sowieso niemand erwarten, daß ich gehe, dachte er. Wie Jem schon sagte, der Typhus hat dafür gesorgt.
Rilla lehnte sich aus ihrem Zimmerfenster, bereit zum Ausgehen. Ein gelbes Stiefmütterchen löste sich aus ihrem Haar und fiel wie ein goldener Stern über das Fensterbrett hinaus. Sie versuchte vergeblich, es noch zu erhaschen. Aber es waren noch genug andere übrig. Miss Oliver hatte ihrem kleinen Liebling einen Blumenkranz fürs Haar geflochten.
„Ist es nicht herrlich ruhig und still? Es wird ein wunderbarer Abend werden. Hören Sie doch mal, Miss Oliver! Die alten Glocken im Regenbogental, ich höre sie ganz deutlich! Seit mehr als zehn Jahren hängen sie nun schon dort.“
„Ihr Windspiel erinnert mich immer an die überirdische Musik, die Adam und Eva in Miltons Paradise lost hörten“, sagte Miss Oliver.
„Wir hatten soviel Spaß im Regenbogental, als wir noch Kinder waren“, sagte Rilla verträumt.
Jetzt spielte niemand mehr im Regenbogental: keine Meredith-Kinder mehr und keine Blythe-Kinder. Im Sommer war es abends ganz still dort. Walter ging gern dorthin, um zu lesen. Jem und Faith trafen sich oft dort, und Jerry und Nan führten im Regenbogental endlose Diskussionen über irgendwelche tiefgründigen Themen, was anscheinend ihre bevorzugte Art des Flirtens war. Auch Rilla hatte sich dort eine hübsche bewaldete Stelle ausgesucht, wo sie sich einfach gern alleine hinsetzte und träumte.
„Bevor ich gehe, muß ich unbedingt noch schnell in die Küche und mich Susan zeigen. Sie würde mir das nie verzeihen, wenn ich es vergesse.“
Damit wirbelte Rilla hinunter in die dämmerige Küche, wo Susan mit Strümpfestopfen beschäftigt war, und erhellte den Raum mit ihrer strahlenden Schönheit. Sie trug ihr grünes Kleid mit den kleinen rosaroten Gänseblümchengirlanden, ihre Seidenstrümpfe und ihre silbernen Stöckelschuhe. Im Haar und um den Hals trug sie goldene Stiefmütterchen. Sie sah so schön und jung aus, daß selbst Sophia Crawford nicht umhinkonnte, sie zu bewundern. Und Sophia Crawford bewunderte nur sehr wenige irdische und vergängliche Dinge. Cousine Sophia und Susan hatten mittlerweile ihren alten Streit beigelegt, das heißt, sie sprachen einfach nicht mehr darüber, seit Cousine Sophia nach Glen gezogen war. Cousine Sophia kam sogar häufig abends auf ein nachbarschaftliches Schwätzchen herüber. Susan war davon nicht immer begeistert, denn Cousine Sophia sorgte nicht eben für Erheiterung. „Es gibt kurzweilige und langweilige Besuche, liebe Frau Doktor“, sagte Susan einmal und legte damit die Vermutung nahe, daß letztere sich auf Cousine Sophia bezogen.
Cousine Sophia hatte ein langes, blasses, faltiges Gesicht, eine lange, dünne Nase, einen langen, dünnen Mund und sehr lange, dünne, blasse Hände, die sie gottergeben auf ihrem schwarzgekleideten Schoß zu falten pflegte. Alles an ihr wirkte lang und dünn und blaß. Jetzt musterte sie Rilla mit trübsinnigem Blick und sagte düster: „Sind deine Haare alle echt?“
„Was glaubst du denn!“ rief Rilla empört.
„Oje!“ seufzte Cousine Sophia. „Es wäre besser für dich, wenn das nicht alles deine wären. So viele Haare zehren an der Kraft. Das deutet auf Schwindsucht hin, habe ich gehört, aber ich hoffe, daß das bei dir nicht stimmt. Ich nehme an, ihr geht heute abend alle tanzen, wahrscheinlich auch die Pfarrers jungen. Ich kann nur hoffen, daß die Pfarrerstöchter nicht so weit gehen. Oje, ich habe noch nie viel vom Tanzen gehalten. Ich kenne ein Mädchen, das ist tot umgefallen, während es tanzte. Wie jemand nach einer solchen Strafe Gottes noch tanzen gehen kann, ist mir schleierhaft.“
„Ist sie denn wieder tanzen gegangen?“ fragte Rilla vorlaut.
„Ich habe dir doch gesagt, daß sie tot umgefallen ist. Natürlich ist sie nie wieder tanzen gegangen, du Dummkopf. Sie war eine Circe und stammte aus Lowbridge. Du willst doch wohl nicht mit so nackigem Hals unter die Leute gehen, oder?“
„Es ist heiß draußen!“ protestierte Rilla. „Aber auf dem Wasser werde ich mir einen Schal umlegen.“
„Vor vierzig Jahren ist schon mal ein Boot voller junger Leute über den Hafen gesegelt, es war genauso ein Abend wie heute – ganz genauso ein Abend wie heute“, sagte Cousine Sophia mit kummervoller Stimme. „Und dann sind sie umgekippt und ertrunken, allesamt. Nun ja, ich hoffe, daß euch so was heute abend nicht auch passiert. Unternimmst du denn gar nichts gegen deine Sommersprossen? Ich fand Wegerichsaft immer ganz gut.“
„Du mußt dich ja auskennen mit Sommersprossen, Cousine Sophia“, sagte Susan zu Rillas Verteidigung. „Du warst doch als junges Mädchen scheckiger als jede Kröte. Rillas Sommersprossen kommen wenigstens nur im Sommer zum Vorschein, aber deine klebten doch jahraus, jahrein an dir. Und du hattest nicht so eine schöne Gesichtsfarbe darunter wie sie. Du siehst wirklich hübsch aus, Rilla, und deine Frisur steht dir gut. Aber du hast doch nicht vor, in diesen Stöckelschuhen zum Hafen zu laufen, oder?“
„Nein, nein. Bis ans Wasser tragen wir alle unsere alten Schuhe, und die guten nehmen wir mit. Gefällt dir mein Kleid, Susan?“
„Es erinnert mich an ein Kleid, das ich als junges Mädchen getragen habe“, seufzte Cousine Sophia, ehe Susan antworten konnte. „Es war auch grün mit rosaroten Blumensträußchen, und es war von der Taille bis zum Saum mit Volants besetzt. Wir trugen damals nicht solche Fähnchen wie die Mädchen heutzutage. Oje, die Zeiten haben sich geändert, und das nicht zum Besten, fürchte ich. An jenem Abend riß ich mir ein großes Loch in das Kleid, und jemand verschüttete eine Tasse Tee darauf. Es war völlig ruiniert. Aber ich hoffe, daß dir mit deinem Kleid nichts passiert. Ein bißchen länger könnte es allerdings sein, finde ich, deine Beine sind so furchtbar lang und dünn.“
„Mrs. Blythe mag es nicht, wenn kleine Mädchen sich wie Erwachsene anziehen“, sagte Susan, nur um Cousine Sophia zurechtzuweisen. Aber Rilla war gekränkt. Kleine Mädchen, ha! Wütend rauschte sie aus der Küche. Noch mal würde sie nicht auf die Idee kommen, sich vor Susan zu zeigen, bevor sie ausging. Für die war man doch erst mit sechzig erwachsen! Und diese schreckliche Cousine Sophia erst mit ihren Sticheleien von wegen Sommersprossen und langen Beinen! Wie kam so eine alte – so eine alte Bohnenstange wie die dazu, bei jemand anders etwas lang und dünn zu finden! Rillas gute Laune und Vorfreude auf den Abend waren dahin. Sie war so getroffen, daß sie sich am liebsten hingesetzt und losgeheult hätte.
Doch später, als sie sich zu der fröhlichen Gruppe gesellte, die zur Leuchtturmparty aufbrach, hob sich ihre Stimmung wieder sehr schnell.
Begleitet von Mondays traurigem Geheul – man hatte ihn in der Scheune festgebunden – verließen die Blythes Ingleside. Im Dorf holten sie die Merediths ab, und andere schlossen sich nach und nach an, während sie die alte Hafenstraße hinabmarschierten. An Miss Cornelias Tor kam, ganz in blauen Spitzenkrepp gehüllt, Mary Vance hinzu und hängte sich an Rilla und Miss Oliver, die nebeneinander hergingen und Mary nicht gerade herzlich begrüßten. Rilla konnte Mary Vance nicht sonderlich gut leiden. Sie hatte ihr nie verziehen, daß Mary sie einmal mit einem getrockneten Dorsch durchs ganze Dorf gejagt und schrecklich blamiert hatte. Um die Wahrheit zu sagen, Mary Vance war bei keinem Mädchen besonders beliebt. Aber ihre Gesellschaft war trotzdem oft ein Genuß, weil sie so eine derart scharfe Zunge hatte, daß es eine Freude war. „Mary Vance ist wie eine Angewohnheit: Wir kommen ohne sie nicht aus, selbst wenn wir wütend auf sie sind“, hatte Di Blythe einmal gesagt.
Die meisten aus der Gruppe gingen aus Gewohnheit paarweise. Jem ging natürlich mit Faith Meredith, und Jerry Meredith mit Nan Blythe. Di und Walter waren in ein vertrauliches Gespräch vertieft, was Rillas Neid hervorrief.
Carl Meredith ging mit Miranda Pryor, hauptsächlich, um Joe Milgrave damit zu quälen. Jeder wußte, daß Joe nach besagter Miranda schmachtete, doch seine Schüchternheit hinderte ihn immer und immer wieder daran, seiner Neigung freien Lauf zu lassen. Den Mut, im Stockfinstern neben ihr einherzuschlendern, mochte er vielleicht gerade noch aufbringen, aber hier, in der Mondscheindämmerung, war das ein Ding der Unmöglichkeit. Aus diesem Grund trottete er der Prozession hinterher und dachte sich für Carl Meredith Sachen aus, die man lieber nicht laut sagt. Miranda war die Tochter dieses Mondgesichts-mit-Schnauzbart. Sie war zwar nicht so unbeliebt wie ihr Vater, aber es liefen ihr auch nicht viele hinterher, da sie ziemlich blaß und nichtssagend aussah und zu einem nervösen Kichern neigte. Sie hatte silberblondes Haar, und ihre Augen glichen kobaltblauen Kugeln, die den Eindruck erweckten, als hätte man sie zu Tode erschreckt. Eigentlich wäre sie viel lieber mit Joe gegangen als mit Carl, in dessen Gegenwart sie sich nicht gerade wohl fühlte. Aber schließlich war das auch eine Sache des Ansehens, einen College-Jungen neben sich zu haben, und einen Pfarrerssohn noch dazu.
Shirley Blythe ging mit Una Meredith, und beide verhielten sich ziemlich still, weil das nun mal in ihrer Natur lag. Shirley war ein Junge von sechzehn Jahren, ruhig, empfindsam, nachdenklich, mit verstecktem Humor. Er war immer noch Susans „kleiner brauner Junge“ mit seinem braunen Haar, seinen braunen Augen und seiner klaren braunen Haut. Er ging gern mit Una Meredith spazieren, weil sie nie versuchte, ihn zum Reden zu zwingen, und weil sie selbst auch nicht ständig auf ihn einquasselte. Una war immer noch so süß und scheu wie damals, als sie zusammen im Regenbogental spielten, und ihre großen dunkelblauen Augen sahen immer noch genauso verträumt und sehnsuchtsvoll aus. Sie hatte eine geheime, sorgsam gehütete Vorliebe für Walter Blythe, aber niemand außer Rilla hatte bisher Verdacht geschöpft. Rilla gönnte es ihr und wünschte, Walter würde diese Zuneigung erwidern. Sie mochte Una lieber als Faith, die mit ihrer Schönheit und ihrer selbstbewußten Art leicht die anderen Mädchen in den Schatten stellte. Und Rilla mochte es gar nicht, in den Schatten gestellt zu werden.
Doch im Augenblick war sie richtig glücklich. Wie schön war es, zusammen mit ihren Freundinnen den dunklen, schillernden Weg hinabzuschlendern und den harzigen Duft der kleinen Tannen und Fichten einzuatmen, der die Luft erfüllte. Hinter den verblassenden Hügeln war noch das Nachglühen des Sonnenuntergangs zu sehen. Vor ihnen leuchtete der Hafen. Eine Glocke ertönte von der kleinen Kirche aus Overharbour, und die nachklingenden, zauberhaften Töne erstarben hinter den langsam verschwindenden Landspitzen. Der Golf glitzerte immer noch silberblau in der Dämmerung. Ach, es war alles so herrlich: die klare, salzige Luft, der Tannenduft, das Lachen der Freundinnen. Rilla liebte das Leben, seine Frische und seinen Glanz. Sie liebte das Murmeln der Musik, das Summen einer fröhlichen Unterhaltung. Am liebsten wäre sie für immer und ewig diesen glitzernden, schattenhaften Weg entlanggelaufen. Es war ihre erste Party, und ihr stand ein herrlicher Abend bevor. Sie brauchte sich um nichts auf der Welt zu sorgen, nicht einmal um Sommersprossen und überlange Beine. Um nichts, außer vielleicht die Ungewißheit, ob sie auch wirklich zum Tanzen aufgefordert würde. Es war schön und tat gut, einfach nur zu leben, fünfzehn zu sein – und hübsch noch dazu. Rilla tat einen tiefen Atemzug – und hielt mittendrin inne. Jem erzählte Faith gerade eine Geschichte, die sich im Balkankrieg zugetragen hatte.
„Der Doktor verlor beide Beine, sie wurden ihm zerquetscht, und man ließ ihn einfach liegen. Er schleppte sich kriechend von einem Mann zum andern, zu all den Verletzten um ihn herum, solange es ihm noch möglich war. Er tat alles, was er konnte, um ihre Schmerzen zu lindern, ohne dabei einen Augenblick an sich selbst zu denken. Er wollte gerade einem Mann das Bein verbinden, als ihn seine Kräfte verließen. Dort fand man sie, die toten Hände des Doktors hielten immer noch den Verband fest, die Blutung hatte aufgehört, und der andere Mann wurde gerettet. Wenn das kein Held war, Faith? Ich kann dir sagen, als ich das gelesen habe –“
Damit gerieten Jem und Faith außer Hörweite. Gertrude Oliver zitterte plötzlich. Rilla drückte ihr mitfühlend den Arm.
„War das nicht schrecklich, Miss Oliver? Mich wundert es nicht, daß Sie zittern. Ich weiß gar nicht, warum Jem solche grauenhaften Sachen immer ausgerechnet dann erzählen muß, wenn wir uns ein bißchen amüsieren wollen.“
„Du findest das schrecklich, Rilla? Ich finde es wunderbar! Wenn man so etwas hört, muß man sich doch schämen, jemals an der Natur des Menschen gezweifelt zu haben. Was der Mann da getan hat, war wie eine Tat Gottes. Und wie die Menschlichkeit übereinstimmt mit dem Ideal der Selbstaufopferung! Warum ich zittere? Das weiß ich selbst nicht. Es ist sicher warm genug heute abend. Vielleicht geht gerade jemand über das dunkle, sternenbeschienene Stück Erde, das einmal mein Grab sein soll. Das ist die Erklärung, die der alte Aberglaube liefern würde. Aber ich glaube, ich denke lieber nicht mehr über solche Sachen nach an so einem schönen Abend. Weißt du, Rilla, wenn es Abend wird, dann bin ich immer froh, auf dem Land zu leben. Wie zauberhaft ein Sonnenuntergang ist, das erfahren doch Stadtbewohner nie. Jeder Abend ist schön auf dem Land, sogar wenn es stürmt. Wenn der Sturm abends die Küste entlangfegt, das gefällt mir. Ein Abend wie heute ist allerdings fast zu schön. Er gehört der Jugend und den Träumen, und ich habe ein wenig Angst davor.“
„Mir kommt es vor, als sei ich ein Teil davon“, sagte Rilla.
„Natürlich, du bist jung und fürchtest dich noch nicht vor der Vollkommenheit. So, jetzt sind wir am Traumhaus angekommen. Es sieht verlassen aus diesen Sommer. Sind die Fords denn nicht gekommen?“
„Nein, zumindest nicht Mr. und Mrs. Ford und Persis. Nur Kenneth war da, aber der hat sich bei den Verwandten seiner Mutter in Overharbour aufgehalten. Wir haben ihn diesen Sommer kaum gesehen. Er hinkt ein bißchen, deshalb ist er auch nicht viel unterwegs gewesen.“
„Er hinkt? Was ist denn mit ihm passiert?“
„Er hat sich letzten Herbst beim Fußballspielen den Knöchel gebrochen und mußte fast den ganzen Winter über liegen. Seitdem humpelt er, aber es wird nach und nach besser, und er meint, daß er bald wieder ganz gesund ist. Er ist nur zweimal in Ingleside gewesen.“
„Ethel Reese ist ganz verrückt nach ihm“, sagte Mary Vance. „Dabei ist er ihr haushoch überlegen. Neulich hat er sie nach der Gebetsstunde begleitet, seitdem ist sie so eingebildet, daß es einem schlecht wird davon. Als ob einer aus Toronto wie Ken Ford auch nur im Traum daran denkt, sich mit einem gewöhnlichen Mädchen vom Lande abzugeben!“
Rilla wurde rot. Ach was, selbst wenn Kenneth Ford hundertmal mit Ethel Reese nach Hause ging, das war ihr doch egal, und ob ihr das egal war! Was er tat, kümmerte sie überhaupt nicht. Er war schließlich um Jahre älter als sie. Er war befreundet mit Nan und Di und Faith, aber sie, Rilla, war in seinen Augen doch noch ein Kind, das er höchstens einmal neckte, wenn überhaupt. Und sie konnte diese Ethel Reese nicht ausstehen. Nur, wieso sollte die denn gleich unter Kenneth Fords Würde sein, bloß, weil sie ein Mädchen vom Lande war? Also wirklich, diese Mary entwickelte sich anscheinend immer mehr zum Klatschmaul und hatte nur noch eins im Kopf, nämlich, wer mit wem nach Hause ging.
Unterhalb vom Traumhaus war eine kleine Landungsbrücke, wo zwei Boote befestigt waren. Eines der Boote wurde von Jem Blythe gesteuert, das andere von Joe Milgrave, der sich mit Booten bestens auskannte und damit nicht ungern vor Miranda Pryor angab. Sie segelten den Hafen hinunter um die Wette, und Joes Boot gewann. Von allen Seiten kamen nun Boote herbei, und von überall drang Lachen herüber. Der große weiße Leuchtturm von Four Winds war hell erleuchtet, und oben blitzte das Leuchtfeuer mit jeder Umdrehung auf. Eine Familie aus Charlottetown, Verwandte des Leuchtturmwächters, verbrachte den Sommer dort und hatte alle jungen Leute aus Four Winds, Glen St. Mary und Overharbour zu der Party eingeladen. Als Jems Boot unterhalb des Leuchtturms an Land schwankte, riß Rilla sich verzweifelt die Schuhe von den Füßen und zog hinter Miss Olivers schützendem Rücken ihre Silberschuhe über. Ein Blick hinüber zu den felsigen Stufen zum Leuchtturm hoch hatte genügt, um festzustellen, daß dort überall Jungen herumstanden und alles mit Lampions erleuchtet war. Eins stand fest: In den Trampelschuhen, mit denen sie hergekommen war, würde sie da nicht hinaufmarschieren! Die Stöckelschuhe drückten ganz erbärmlich, aber niemand schöpfte Verdacht, als Rilla lächelnd die Treppe hinaufhüpfte, mit ihren leuchtenden dunklen Augen und dem fragenden Blick und ihren zarten runden Wangen, die sich sichtlich röteten. Kaum war sie oben angekommen, wurde sie auch schon zum Tanzen aufgefordert, und im nächsten Augenblick waren sie in dem Pavillon, der auf der Seeseite des Leuchtturms eigens für Tanzparties erbaut worden war. Es war ein entzückender Platz, überdacht von Tannenzweigen und geschmückt mit Laternen. Darunter lag das glitzernde Meer, links die Kämme und Mulden der Sanddünen im Mondlicht, rechts die Felsküste mit ihren pechschwarzen Schatten und kristallenen Buchten. Rilla und ihr Partner mischten sich unter die Tanzenden. Rilla war ganz hingerissen. Was für eine bezaubernde Musik Ned Burr aus Upper Glen seiner Geige entlockte! Es klang wirklich wie die Wunderflöten aus dem alten Märchen, die alle, welche die Musik hörten, zum Tanzen verführten. Wie kühl und frisch der Wind vom Golf her blies. Wie hell und wunderbar der Mond herabschien! Das war das Leben. Ein aufregendes Leben! Rilla hatte das Gefühl, als hätten ihre Füße und ihre Seele Flügel bekommen.
Der Pfeifer spielt sein Lied
Rillas erste Party war ein großer Erfolg, zumindest sah es zunächst so aus. So viele junge Männer wollten mit ihr tanzen, daß sie mitten im Tanz den Partner wechseln mußte. Ihre Silberschuhe tanzten fast wie von selbst, und obwohl ihr die Zehen weh taten und sie Blasen an den Fersen bekam, ließ Rilla sich davon nicht beeindrucken. Nur Ethel Reese fuhr einmal störend dazwischen, als sie Rilla aus dem Pavillon winkte, nur um sie mit süßlichem Lächeln darauf hinzuweisen, daß ihr Kleid hinten auseinanderklaffen würde und der Volant einen Fleck hätte. Rilla eilte daraufhin entsetzt in ein Zimmer, das vorübergehend als Ankleideraum für die jungen Damen diente, und stellte fest, daß der „Fleck“ ein winziger Grasfleck war und der „Riß“ nichts weiter als ein Häkchen, das sich gelöst hatte. Irene Howard machte es ihr wieder zu und bedachte sie mit ein paar gönnerhaften Komplimenten. Rilla fühlte sich geschmeichelt. Irene war neunzehn und schloß sich anscheinend gern jüngeren Mädchen an. Um vor ihnen die große Dame zu spielen, wie gehässige Zungen behaupteten. Doch Rilla war begeistert von Irene und ließ sich gern von ihr bemuttern. Irene war hübsch und elegant gekleidet. Sie konnte geradezu göttlich singen und nahm jeden Winter in Charlottetown Gesangsunterricht. Sie hatte eine Tante in Montreal, die ihr wunderbare Kleider schickte. Es hieß, sie hätte eine traurige Liebesaffäre gehabt. Niemand wußte Genaueres, aber gerade das machte sie so interessant. Für Rilla waren Irenes Komplimente die Krönung des Abends. Beglückt lief sie zurück zum Pavillon und verweilte einen Augenblick am Eingang im Schein der Laternen, um den Tanzenden zuzusehen. Als die wirbelnde Menschenmenge eine kurze Pause einlegte, erspähte sie für einen Augenblick Kenneth Ford am anderen Ende des Saales.
Rillas Herz machte einen kleinen Sprung. Also war er doch gekommen. Sie war davon ausgegangen, daß er nicht kommen würde, was ihr natürlich völlig gleichgültig war.
Ob er sie sehen würde? Ob er sie wohl beachten würde? Natürlich würde er sie nicht zum Tanz auffordern. Das brauchte sie sich nun wirklich nicht zu erhoffen. Er hielt sie ja immer noch für ein Kind. „Spinne“ hatte er sie genannt, als er abends mal in Ingleside gewesen war. Es war noch keine drei Wochen her. Sie hatte hinterher deswegen in ihrem Zimmer geweint und ihn dafür gehaßt. Da machte ihr Herz wieder einen Sprung, als sie sah, daß er sich in Bewegung setzte und in ihre Richtung steuerte. Kam er etwa zu ihr? Kam er? Kam er wirklich? Ja, er kam! Er wollte zu ihr. Er stand neben ihr, und er schaute auf sie herab mit einem Blick, den Rilla noch nie in seinen dunklen Augen gesehen hatte. Oh, das war fast zuviel für sie! Und alles ging weiter wie bisher: Die Tänzer drehten sich im Kreis, die Jungen, die keine Partnerin fanden, lungerten im Pavillon herum, Pärchen hockten schmusend draußen auf den Felsen. Und niemand schien das überwältigende Ereignis zu bemerken!
Kenneth war ein großer, sehr gutaussehender junger Mann und hatte eine unglaublich lässig-charmante Art, gegen die alle anderen Jungen steif und plump wirkten. Er galt als ungeheuer klug und verbreitete einen Hauch von Großstadt und Universität. Allerdings hatte er auch den Ruf eines Herzensbrechers. Aber der wurde ihm wahrscheinlich angedichtet, weil er so eine anregende, samtweiche Stimme besaß, die bei jedem Mädchen Herzklopfen hervorrief, und noch dazu eine ganz gefährliche Art zuzuhören, so, als ob sein weibliches Gegenüber ihm genau das sagte, wonach er sich sein Leben lang gesehnt hatte.
„Bist du Rilla-meine-Rilla?“ fragte er leise.
„Ja, bin iss“, sagte Rilla und hätte sich im selben Augenblick am liebsten von den Felsen gestürzt oder in Luft aufgelöst.
Als Rilla noch ein kleines Kind war, hatte sie die Angewohnheit gehabt zu lispeln. Aber mit der Zeit hatte sich das gelegt. Nur wenn sie aufgeregt war oder sich anstrengen mußte, kam diese Neigung wieder durch. Dabei hatte sie schon ein Jahr lang nicht mehr gelispelt. Und jetzt, ausgerechnet in diesem Augenblick, als sie sich nichts sehnlicher wünschte, als endlich erwachsen und intelligent zu erscheinen, da mußte sie lispeln wie ein Baby! Es war zum Aus-der-Haut-Fahren! Sie war den Tränen nahe. Gleich würde sie losflennen, ja, losflennen. Wenn Kenneth doch nur gehen würde, am besten wäre er gar nicht erst hergekommen! Die Party war verdorben. Der Spaß war ihr gründlich vergangen.
Dabei hatte er sie „Rilla-meine-Rilla“ genannt und nicht „Spinne“ oder „Kindchen“ oder „Kleines“ so wie sonst, falls er sie überhaupt beachtet hatte. Daß er sie jetzt mit Walters Kosenamen ansprach, nahm sie ihm kein bißchen übel. Es klang so schön mit seiner leisen, zärtlichen Stimme und der winzig kleinen Betonung auf „meine“. Es wäre so schön gewesen, wenn sie sich nicht so schrecklich blamiert hätte. Sie wagte nicht aufzusehen, bestimmt lachte er sie aus. Sie hielt den Blick gesenkt. Ihre langen dunklen Wimpern und ihre schimmernden Augenlider wirkten bezaubernd und herausfordernd. Kenneth dachte bei sich, daß Rilla Blythe auf dem besten Wege war, das schönste Mädchen von Ingleside zu werden. Wenn sie doch bloß aufsehen würde, damit er noch einmal diesen ernsten, fragenden Blick erhaschen könnte. Sie war wirklich die Hübscheste auf der ganzen Party, kein Zweifel.
Was sagte er da? Rilla glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.
„Willst du mit mir tanzen?“
„Ja, will ich“, sagte Rilla. Dabei achtete sie mit solcher Entschlossenheit darauf, nur ja nicht zu lispeln, daß es fast wie ein Ausruf klang. Wieder surrte es in ihrem Kopf. Wie dreist das klang, wie fordernd, als ob sie sich ihm geradezu an den Hals werfen wollte! Was sollte er bloß von ihr denken? Warum mußten solche Mißgeschicke denn ausgerechnet immer dann passieren, wenn sie sich von ihrer schönsten Seite zeigen wollte?
Kenneth zog sie mit sich auf die Tanzfläche.
„Eine Runde Hüpfen wird mein angeknackster Knöchel wohl mitmachen“, sagte er.
„Ja, wie geht es denn deinem Knöchel?“ fragte Rilla. Konnte ihr denn wirklich nichts Klügeres einfallen! Sie wußte doch genau, daß er es nicht mehr hören konnte, wenn jemand sich nach seinem Knöchel erkundigte. Als er in Ingleside war, hatte er das gesagt. Zu Di hatte er sogar gesagt, er werde sich ein Plakat vor die Brust hängen, auf dem alle lesen könnten, daß es seinem Knöchel besserging. Und jetzt mußte sie ihn schon wieder mit dieser abgedroschenen Frage nerven.
Kenneth hatte es in der Tat satt, über seinen Knöchel zu reden. Allerdings hatte noch niemand mit einem so bezaubernden Mund und einem so verführerischen Grübchen in der Oberlippe danach gefragt. Vielleicht antwortete er deshalb so überaus geduldig, daß es seinem Knöchel besserginge und er kaum noch Schmerzen hätte, solange er nicht zu lange herumlief oder stand.
„Der Knöchel wird bald wieder so kräftig sein wie früher, aber auf Fußball muß ich diesen Herbst wohl verzichten.“
Sie tanzten zusammen, und Rilla spürte, wie die Mädchen in ihrer Nähe sie beneideten. Nach dem Tanz gingen sie hinab zu den Felsstufen, und Kenneth fand ein kleines Boot, mit dem sie im Mondschein zur Sandküste hinüberruderten. Dort spazierten sie am Meer entlang, bis Kenneths Knöchel nicht mehr mitmachte. Sie setzten sich zwischen die Dünen, und Kenneth sprach mit ihr wie sonst nur mit Nan und Di. Rilla, von plötzlicher Schüchternheit ergriffen, brachte kaum ein Wort hervor und dachte, er müsse sie wohl für schrecklich dumm halten. Trotzdem war alles so schön: die herrliche Mondnacht, das schimmernde Meer, die kleinen Wellen, die schäumend an Land spülten, der kühle, launenhafte Wind, der durch die Dünengräser summte, die süße Musik, die übers Wasser herüberdrang.
„,Ein fröhliches Mondscheinlied für der Meerjungfrauen Fest‘“, zitierte Kenneth leise aus einem von Walters Gedichten.
Und sie beide ganz allein inmitten dieser Herrlichkeit! Wenn bloß ihre Stöckelschuhe nicht so drücken würden! Und wenn sie doch bloß so klug reden könnte wie Miss Oliver. Ach was, wenn sie wenigstens so normal reden könnte wie sonst mit anderen Jungen! Aber es fiel ihr nichts ein, sie konnte nur zuhören und hier und da irgendwelche belanglosen Sachen dahermurmeln. Aber vielleicht waren ja ihre träumerischen Augen, ihr reizender Mund und ihr schlanker Hals ausdrucksvoll genug. Jedenfalls schien Kenneth es mit der Rückkehr nicht eilig zu haben, und als sie dann doch gingen, war das Abendessen schon in vollem Gange. Er entdeckte für sie einen Platz am Fenster der Leuchtturmküche und setzte sich neben sie aufs Fensterbrett, während sie Eiskrem und Kuchen verspeiste. Rilla schaute umher und dachte, wie schön doch ihre erste Party war! Nie würde sie diese Party vergessen! Das Lachen der Partygäste drang bis in die Küche. Blicke aus schönen Augen funkelten und leuchteten. Vom Pavillon draußen hörte man das fröhliche Lied der Geige und die rhythmischen Schritte der Tänzer.
In einer Gruppe von Jungen, die an der Tür standen, wurde es plötzlich unruhig. Ein junger Mann drängte sich durch, blieb auf der Schwelle stehen und blickte mit ernstem Gesicht um sich. Es war Jack Elliott aus Overharbour, ein McGill-Medizinstudent, ein sehr ruhiger Mensch, der sich nicht viel aus geselligen Zusammenkünften machte. Er war zwar zu der Party eingeladen worden, aber keiner rechnete mit ihm, weil er bis spät abends in Charlottetown zu tun hatte. Doch da stand er jetzt, mit einem zusammengefalteten Stück Papier in der Hand.
Gertrude Oliver erblickte ihn von ihrem Platz aus und fing wieder an zu zittern. Immerhin hatte auch sie die Party genießen können, nachdem sie jemanden aus Charlottetown kennengelernt hatte. Es war ein Fremder und viel älter als die meisten Gäste, weshalb er sich zunächst als Außenseiter fühlte und froh war, auf diese kluge junge Frau zu treffen, mit der man sich so angeregt über Dinge unterhalten konnte, die draußen in der Welt passierten. In seiner angenehmen Gesellschaft hatte sie ihre bösen Vorahnungen vergessen. Jetzt kamen sie plötzlich wieder. Was waren das für Nachrichten, die Jack Elliott da brachte? Die Zeilen aus einem alten Gedicht schossen ihr unwillkürlich durch den Kopf: „Tumult war plötzlich in der Nacht – still! Horch! Dunkel ertönt es wie Grabgeläut.“ Warum mußte sie ausgerechnet jetzt daran denken? Wieso sagte Jack Elliott nichts, er wollte doch etwas sagen?! Warum stand er einfach nur so da?
„Frag ihn, frag du ihn“, sagte sie aufgeregt zu Allan Daly. Aber es war ihm schon jemand zuvorgekommen. Plötzlich wurde es ganz still im Raum. Im Pavillon hatte der Geiger einen Augenblick aufgehört zu spielen, und es wurde auch dort still. Weit draußen hörten sie das dunkle Murmeln des Meeres, die Vorzeichen eines Sturms, der schon den Atlantik heraufzog. Von den Felsen her ertönte das Lachen eines Mädchens, das in der plötzlichen Stille abrupt aufhörte.
„England hat Deutschland heute den Krieg erklärt“, sagte Jack Elliott ganz langsam. „Die Nachricht wurde telegraphisch übermittelt, gerade, als ich die Stadt verließ.“
„Gott steh uns bei!“ flüsterte Gertrude Oliver erschrocken. „Mein Traum – mein Traum! Die erste Welle ist herangekommen.“ Sie blickte Allan Daly an und versuchte zu lächeln.
„Ist das der Berg Harmageddon?“ fragte sie.
„Ich fürchte, ja“, sagte er ernst.
Alle riefen durcheinander. Die meisten klangen allerdings nur überrascht oder etwas verwundert. Nur wenige erkannten die Tragweite dieser Botschaft, den meisten bedeutete sie nichts. Es dauerte nicht lange, da wurde weitergetanzt, und es ging wieder genauso fröhlich zu wie vorher. Gertrude und Allan Daly jedoch sprachen besorgt über die Neuigkeit. Walter Blythe war blaß geworden und ging hinaus. Draußen traf er auf Jem, der gerade die Felsenstufen heraufeilte.
„Hast du gehört, Jem?“
„Ja. Der Pfeifer ist gekommen. Hurra! Ich habe doch gewußt, daß England Frankreich nicht im Stich lassen würde. Ich wollte Captain Josiah bitten, die Flagge zu hissen, aber er sagt, das gehöre sich nicht vor Sonnenaufgang. Jack sagt, daß morgen die ersten Freiwilligen aufgerufen werden.“
„Wie kann man wegen nichts so einen Aufstand machen“, sagte Mary Vance verächtlich, als Jem vorbeirannte. Sie saß mit Miller Douglas auf einer Hummerfalle, was eigentlich nicht nur ziemlich unromantisch, sondern auch sehr unbequem war. Doch Mary und Miller waren glücklich, da, wo sie saßen, und das war die Hauptsache. Miller Douglas war ein großer, stämmiger, ungehobelter Kerl, der Mary Vances Ausdrucksweise ungeheuer talentiert fand und eine Schwäche hatte für Mary Vances Augensterne. Und keiner von beiden hatte auch nur die geringste Ahnung, warum Jem Meredith die Leuchtturmfahne hissen wollte. „Was macht das schon, wenn es da drüben in Europa Krieg gibt? Uns betrifft das doch nicht.“
Walter schaute sie an und hatte plötzlich wieder eine seiner merkwürdigen Visionen.
„Bevor dieser Krieg zu Ende ist“, sagte er oder eine Stimme, die aus ihm sprach, „wird ganz Kanada – jeder Mann, jede Frau und jedes Kind – ihn zu spüren bekommen. Auch du, Mary, wirst ihn zu spüren bekommen, bis auf den Grund deines Herzens. Du wirst blutige Tränen weinen. Der Pfeifer ist gekommen. Und er wird spielen, bis seine schreckliche, unwiderstehliche Musik bis in die entlegensten Winkel der Erde gedrungen ist. Es wird Jahre dauern, bis der Totentanz zu Ende ist. Jahre, Mary! Und in diesen Jahren werden Millionen Herzen brechen.“
„Was du nicht sagst!“ erwiderte Mary, wie immer, wenn ihr nichts Besseres einfiel. Sie wußte nicht, was Walter meinte, aber ihr war unbehaglich zumute. Walter Blythe sagte immer so sonderbare Sachen. Dieser alte Pfeifer, von dem er sprach – das letzte Mal hatte er in ihren Kindertagen im Regenbogental von ihm gesprochen, und jetzt tauchte der plötzlich wieder auf. Das gefiel ihr überhaupt nicht, und sie hatte keine Lust, sich solchen Unsinn anzuhören.
„Nun mal nicht den Teufel an die Wand, Walter“, sagte Harvey Crawford, der gerade dazukam. „Dieser Krieg wird doch nicht Jahre dauern. In ein, zwei Monaten ist alles vorbei. England wird Deutschland in Null Komma nichts von der Landkarte verschwinden lassen.“
„Glaubst du wirklich, ein Krieg, auf den Deutschland sich seit zwanzig Jahren vorbereitet hat, könnte in ein paar Wochen vorbei sein?“ ereiferte sich Walter. „Das ist nicht so ein schnödes Gerangel wie im hintersten Balkan, Harvey. Hier geht es um Leben und Tod. Deutschland wird siegen oder sterben. Und weißt du, was passiert, wenn es siegt? Kanada wird deutsche Kolonie!“
„Na, da müssen wohl noch ein paar andere Dinge passieren, bevor es soweit kommt“, sagte Harvey und zuckte mit den Schultern. „Erstens müßte die britische Armee geschlagen werden, und zweitens würden wir beide, Miller und ich, eine ganze Menge Staub aufwirbeln, was, Miller? Die Deutschen haben in diesem alten Land nichts zu suchen, oder?“
Harvey lief lachend die Treppe hinunter.
„Ich stelle fest, ihr Kerle redet den größten Blödsinn daher“, sagte Mary Vance verärgert. Sie stand auf und zog Miller zur Felsküste hinunter. Wann würden sie je wieder die Gelegenheit bekommen, sich ungestört miteinander zu unterhalten? Mary hatte jedenfalls nicht vor, sich diese Gelegenheit durch Walter Blythes dummes Geschwätz von Pfeifern und Deutschen und sonstigem Kram verpatzen zu lassen. Sie ließen Walter auf den Felsstufen stehen, wie er hinausschaute auf Four Winds. Doch seine brennenden Augen konnten die Schönheit nicht mehr erkennen.
Auch für Rilla war das Schönste des Abends vorbei. Seit Jack Elliotts Ankündigung hatte sie das Gefühl, daß Kenneth nicht mehr an sie dachte. Sie fühlte sich plötzlich einsam und unglücklich. Das war schlimmer, als wenn er sie überhaupt nie beachtet hätte. War denn das das Leben? Da passierte etwas Schönes, und dann, wenn man so richtig im Glück schwelgte, dann entwischte es einfach wieder? Erschüttert stellte Rilla fest, daß sie sich um Jahre älter fühlte als zu dem Zeitpunkt, als sie – nur vor wenigen Stunden – das Haus verlassen hatte. Vielleicht kam ihr das nur so vor, vielleicht stimmte es aber auch. Wer weiß? Über die Seelenqualen der Jugend sollte man nicht lachen. Sie sind schrecklich, denn die Jugend hat nicht gelernt, daß „das auch vorübergeht“. Rilla seufzte und wünschte, sie wäre zu Hause in ihrem Bett und könnte in ihr Kissen weinen.
„Müde?“ fragte Kenneth ganz freundlich, aber geistesabwesend – ach, so geistesabwesend! Es kümmerte ihn doch gar nicht, ob sie müde war oder nicht, dachte sie.
„Kenneth“, sagte Rilla zaghaft, „du glaubst doch auch nicht, daß wir hier in Kanada viel mit dem Krieg zu tun haben werden, oder?“
„Ob wir viel damit zu tun haben? Natürlich, zumindest die Glücklichen, die in der Lage sind mitzumachen. Ich falle ja aus. Und schuld daran ist nur dieser verdammte Knöchel. So ein Mist!“
„Aber ich verstehe nicht, wieso wir Englands Schlachten austragen sollen!“ rief Rilla. „Wieso kann England nicht für sich alleine kämpfen?“
„Das ist eben der Punkt. Wir sind Teil des britischen Reiches. Das ist eine Familienangelegenheit. Wir müssen einander beistehen. Das schlimmste ist, daß alles vorüber sein wird, ehe ich mich nützlich machen kann.“
„Soll das heißen, du würdest dich freiwillig melden, wenn das mit deinem Knöchel nicht wäre?“ fragte Rilla ungläubig. Der Gedanke kam ihr so – so lächerlich vor.
„Natürlich. Zu Tausenden werden sie losziehen. Jem wird bestimmt gehen, da wette ich mit dir. Walter wird allerdings noch nicht kräftig genug sein. Und Jerry Meredith, der geht mit Sicherheit! Oje! Und ich habe mir Gedanken gemacht, weil ich dieses Jahr nicht Fußball spielen kann!“
Rilla fehlten die Worte. Jem! Und Jerry! Was für ein Unsinn! Vater und Mr. Meredith würden das doch gar nicht erlauben. Sie waren doch noch nicht mal mit dem College fertig. Konnte denn Jack Elliott diese schreckliche Nachricht nicht für sich behalten?
Da kam Mark Warren und forderte sie zum Tanz auf. Rilla ging mit ihm, sie wußte ja, daß es Kenneth egal war. Dabei hatte er sie eben noch am Strand unten so angesehen, als wäre sie das einzige Wesen auf der Welt, das ihm irgend etwas bedeutete. Und jetzt war sie plötzlich niemand mehr. Seine Gedanken kreisten nur um dieses große Spiel, das da auf blutgetränkten Spielfeldern ausgetragen wurde und bei dem Weltreiche auf dem Spiel standen. Ein Spiel, bei dem das weibliche Geschlecht plötzlich nicht mehr wichtig war. Den Frauen, dachte Rilla unglücklich, blieb nichts anderes übrig, als zu Hause zu sitzen und zu weinen. Das war doch alles verrückt. Kenneth konnte nicht gehen. Das hatte er ja selbst gesagt. Und Walter zum Glück auch nicht. Jem und Jerry würden Verstand genug besitzen, sich nicht anzuschließen. Warum also sich Sorgen machen? Nein, sie wollte sich amüsieren! Wie ungeschickt sich dieser Mark Warren anstellte! Einen Patzer nach dem anderen machte der. Warum, um Himmels willen, mußte einer unbedingt tanzen, wenn er keine Ahnung davon hatte, noch dazu mit solchen Quadratlatschen! Da, jetzt stieß sie auch noch mit jemandem zusammen wegen ihm! Vielen Dank, mit dem würde sie nicht noch mal tanzen!
Dafür tanzte sie mit anderen, auch wenn sie keine rechte Lust mehr dazu hatte und ihre Stöckelschuhe sie entsetzlich drückten. Kenneth war anscheinend gegangen. Zumindest war er nirgends zu sehen. Ihre erste Party war ein Reinfall. Dabei war es vorhin noch so schön gewesen. Rilla hatte Kopfschmerzen, und ihre Zehen brannten. Aber es sollte noch schlimmer kommen.
Sie war mit ein paar Freundinnen zur Felsküste hinuntergegangen, während oben immer noch weitergetanzt wurde. Es war angenehm kühl hier unten, und sie waren alle müde. Rilla saß schweigend da und beteiligte sich nicht an der fröhlichen Unterhaltung der anderen. Sie war froh, als jemand von oben rief, daß die nächsten Boote gleich abfahren würden. Eine fröhliche Kletterpartie vom Leuchtturm herab begann. Einige Paare drehten im Pavillon immer noch ihre Runden, aber die Menge hatte sich gelichtet. Rilla hielt Ausschau nach der Gruppe, die aus Glen kam. Niemand war zu sehen. Sie lief in den Leuchtturm. Niemand da. Verzweifelt rannte sie zur Felstreppe, wo die Gäste aus Overharbour hinunterliefen. Unterhalb konnte sie die Boote sehen. Aber wo war Jems Boot und wo Joes?
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