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Kitabı oku: «Der Ochsenkrieg», sayfa 12

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»Mutter«, fiel Lampert in Erregung ein, »ich bitte dich — das eilt.«

»Ja, ja, ja, Bub! So schau, ich geh doch schon!« Frau Marianne huschte davon und klammerte sich an den Trost von der friedsamen Gegend, obwohl sie nur halb an diese Verheißung glaubte. Während sie in Lamperts Stube den Mantelsack und die Satteltaschen, packte, die nötigste Zehrung in einen Lederbeutel tat und sechs Goldstücke einzeln in den Saum des Wamses nähte, hörte sie unablässig aus der Wohnstube herauf den leisen Summ der beiden Männerstimmen. Was die zwei da bereden mochten? Frau Marianne hätte in der Qual ihrer Muttersorge ein Mäuschen sein und sich durch den Kammerboden hinunterbeißen mögen, um lauschen zu können. Bei solchem Wunsche wurde sie von einer galligen Erbitterung befallen. Diese Zeiten! Und diese Menschen, diese Narren, diese Ochsen! Und weil sie nicht wissen, was Redlichkeit und Frieden heißt, weil sie Torheit und Schlechtigkeit aufeinanderbauen wie Kinder die hölzernen Klötzlein, drum muß eine Mutter ihren Sohn, den sie mit Schmerzen geboren, den sie mit aller Zärtlichkeit einer guten Seele umklammert, hinausreiten lassen in Not, Gefahr und Elend! Bei finsterer Nacht! Denn daß da draußen der Vollmond freundlich schimmerte, das sah Frau Marianne in ihrem sorgenvollen Zorne nicht. Sie sah nur die schwarzen Dinge des Lebens und dachte: Wenn es nach Meinung der Mütter ginge, dann gäbe es bald keinen Krieg mehr, und ewiger Friede wäre auf der schönen Erde. Da sollten sich die Mütter einmal zusammentun, wie die Fürsten ihre Heerhaufen sammeln. Und sollten diesen unsinnigen Mannsbildern und Streithammeln so lange, die naßkalten Putzfetzen um die Ohren schlagen, bis sie zu Vernunft und friedlicher Besinnung kämen.

Als Frau Marianne ihr mütterliches Fürsorgewerk vollendet hatte und hinunterkam zur Tür der Wohnstube, klangen da drinnen noch immer die zwei Männerstimmen. Sie wagte nicht einzutreten. Doch in dieser brennenden Minute ihrer Muttersorge hielt sie es für keine unschöne Sache, an der Tür zu lauschen. Nur lauschen? Frau Marianne war eine von jenen Müttern, die fähig sind, für Wohl und Glück ihres Kindes das schwerste Verbrechen zu begehen und dabei des Glaubens zu sein, daß sie einem heiligen Gebot gehorchen.

Sie hörte Herrn Peter Pienzenauer mit ernsten Worten sagen: »Nein, Lampert! Als redlich fühlender Mensch magst du recht haben: Der Anfang dieses üblen Handels war eine Torheit, die man hätte vermeiden können. Aber nun sind die Dinge so, wie sie sind. Und da muß ich denken und fühlen als Fürst. Stehen große Werte auf dem Spiel, so scheiden Mitleid und Barmherzigkeit mit einzelnen Menschenschicksalen völlig aus. Nach dem, was du mir jetzt über den Runotter sagtest, denk ich anders von diesem wunderlichen Manne als vor einer halben Stunde noch. Aber das zählt nicht mehr. Ein paar Menschen? Was gut das? Jetzt muß ich mich wehren um mein Land. Und ich hoffe, da kann ich mich auf dich verlassen? Nicht?«

»Ja, Herr! Mit Leib und Seele!« klang Lamperts heisere Stimme. »Aber den Gedanken, daß wir an einem Karren ziehen, der mit einem Wirrsal von Recht und Unrecht beladen ist, bringe ich nicht mehr aus mir heraus. Freilich, die andern da drüben, die machen es nicht anders als wir. Aber immer muß ich mich fragen, wie Gott das geschehen lassen kann, daß aus dem Unverstand einer Stunde das Elend vieler Jahre und das Leiden von tausend Menschen wachsen darf.«

Frau Marianne hörte ein kurzes Lachen und dann die Stimme des Fürsten: »Da bin ich überfragt. Und du, Lampert, du bist sehr neugierig, mehr, als nötig ist für die Ruhsamkeit eines Menschenlebens.«

»Herr?«

»Was?«

»In finsteren Nächten muß ich mich immer fragen, ob Gott, während die Menschen sinnlos hadern, in kühlem Schatten ruht oder in heißer Sonne liegt.«

Ein kurzes Schweigen. Und in Mutter Marianne schlugt das angstvolle Herz wie ein schmerzender Hammer.

»Lampert? — Das ist eine seltsame Frage. Vielleicht versteh ich sie. Vielleicht auch nicht. Im kühlen Schatten ruhen die Müden, in heißer Sonne liegen die Trägen. Das sind Eigenschaften des Lebens. Wenn Gott unermüdlich und immer werksam ist, dann müßte ihm das träge, müde Leben eine ferne, gleichgültige Sache sein? Nein! Lassen wir das! Da sind Abgründe. Gott hat uns Wahrheit gegeben. Manchmal fühle ich, wie du, daß sie nicht ausreicht. Aber bessere Wahrheit kann ich als Mensch nicht finden. So muß ich warten, bis Gott sie mir sagt. Schweigt er, so bleib ich ohne Neugier und nehme in Licht und Dunkelheit die Dinge des Lebens so, wie sie mir erscheinen. Aber solche Worte sind unfruchtbar wie alte Frauen. Und die Stunde drängt. Geh und sieh, Lampert, wie weit deine Mutter mit der Arbeit für deine Reise kam!«

Erschrocken, mit verstörten Augen, trat Frau Marianne rasch in die Stube und sah, wie Lampert einen gesiegelten Brief, der auf dem Tische lag, an seiner Brust verwahrte. »Alles fertig!« stammelte sie. »Ist alles schon fertig!«

»Brav, Mutter Marianne!« Der Propst legte ihr lächelnd die Hand auf die Schulter. »Und ganz ohne Sorge! Ich habe deinem Sohne sicheres Geleit verschrieben. Und gebe ihm von meinen Hofleuten den verläßlichsten mit, den Marimpfel.«

»Nein, Herr!« sagte Lampert hart. »Den nicht! Ich nehme Heber den Stallknecht meines Vaters mit. Das ist ein guter und froher Mensch. Aber um drei feste Pferde muß ich bitten. Von unsern Gäulen ist nur der Moorle zu brauchen. Den reit ich, so lang er aushält.«

Fürst Peter nickte. Dann sagte er schmunzelnd: »Bei so langem Ritt in den Mondnächten wirst du Zeit haben, um über die Wahrheit nachzudenken, von der wir sprachen. Bringst du was heraus dabei, so sag mir’s, wenn du wieder heimkommst! Ich werde dir dankbar sein. Und jetzt eile dich, daß du in den Sattel kommst! Gott soll dich schützen auf der Reise — Gott, von dem ich auch nach diesem bösen Ochsenhandel noch glauben werde, daß er nicht trag ist und seiner Liebe nicht müde wird.«

Als Herr Pienzenauer das Haus verlassen hatte, blieb hinter ihm ein hetzendes Gewimmel. Nur Vater Someiner — als er vernahm, um was es sich handelte — beteiligte sich nicht an diesem Aufruhr und kehrte mit dem Anschein unerschütterlicher Ruhe zu seinen Pergamenten zurück. Sein abgemagertes Gesicht war gelb. Er empfand diese dunkle, zwischen Lampert und dem Fürsten spielende Vertraulichkeit, von der er sich ausgeschlossen sah, als eine neue, schwere Kränkung. Und der Sohn begann in des Vaters Augen zu einem wühlenden Feinde zu werden, der ihn aus Amt und Würden wie aus der Gnade des Fürsten zu verdrängen suchte.

Vom Stifte wurden drei gute Pferde geschickt. An zweien war Packung und Sattelzeug mit grauen Reiseschabracken überschnallt.

Mutter Someiners Abschied von Lampert wurde eine lange und harte Sache. Als der Sohn sich vom Vater verabschieden wollte, erhob sich der Amtmann gar nicht von seinem heiligen Sessel. Er nickte nur und sprach: »Ja, ja, schon gut! Reit nur! Auf der hohen Schul zu Prag ist wohl doziert worden, wie man sich schön Kind macht bei seinem Fürsten?«

Wortlos schwang Lampert sich in den Sattel, faßte mit der rechten Faust den Zügel und legte den linken Arm wieder in die schwarze Binde.

»Leb wohl, Mutter!«

Als die Pferde im Mondschein über das grobe Pflaster davonklapperten, kam es in der Amtsstube zwischen Frau Marianne und ihrem Gatten zu einem fürchterlichen Auftritt, der für die sorgenvolle Mutter mit heißen Tränen und für den tiefgekränkten Fürstendiener mit einem vernunftwidrigen Tobsuchtsanfall endete.

Zwischen dem heiligen Peter und dem heiligen Zeno stand der Krieg erst vor der Entwicklung. Doch in dem einst so friedsamen Hause Someiner schlug die um der Ochsen willen aufgebrochene Fehde bereits ihre grimmigen Schlachten.

9

In der gleichen Vollmondnacht, in welcher Lampert Someiner dem Salzburger Grenzwall am Hangenden Steine zujagte, erreichte Franzikopus Weiß mit seinem Gesandtschaftswagen das steile Ufer der Salzach. Die Räder knatterten sanft auf schöner Straße. In Herzog Heinrichs Landen gab es gut gepflegte Wege. Die hatte er nötig für seine vielen Truppenzüge. Auch sonst noch hatten diese guten Straßen einen Nutzen. Sie lenkten fast den ganzen italienischen Handel durch niederbayrisches Gebiet und zu Herrn Heinrichs ertragsreichen Mautschranken. Viel Geld verdiente er an diesen guten Straßen, die seine fronenden Bauern bauen und erhalten mußten. Und in keinem Reichsland gab es Wege, die so sicher waren. Machte sich ein Straßenräuber unliebsam bemerkbar, so hatte er flink die Harnischreiter Herzog Heinrichs auf den Fersen und wurde ohne juristische Umständlichkeiten an den nächsten Baum befördert. Der unversöhnliche Vetter Ludwig zu Ingolstadt, der kein Freund von Todesurteilen war, hatte über den Vetter Heinrich das bissige Wort geprägt: »Zu Landshut und Burghausen henkt man, wie man im Spittel hustet!« Aber die Handeltreibenden rühmten es dem Herzog Heinrich nach, daß man in seinem Lande reise wie in einem Rosengarten. Freilich, viele rote Blutrosen hatten im Straßenstaube blühen müssen, bis der niederbayrische Rosengarten so sicher wurde.

Auf solch einer sicheren Straße konnte auch Franzikopus reisen, ohne viel Geleit zu führen. Er hatte nur zwei gewaffnete Reiter und zwei dienende Brüder mit aufmerksamen Gesichtern bei sich. Seine beiden Läufer hatte er schon am Nachmittage vorausgeschickt, um dem Herzog seine Ankunft melden zu lassen. Das Geschäft, das Franzikopus brachte, war es wert, daß Herr Heinrich für eine halbe Nacht des Bettes vergaß.

Von der hohen Waldböschung, über die sich die Straße zum Tal der Salzach hinuntersenkte, konnte man im hellen Mondlicht die befestigte Stadt Burghausen, Herzog Heinrichs Sommerresidenz, gut überschauen.

Gleich einer langen steinernen Schlange zog sich da drüben die Doppelzeile der Bürgerhäuser am Ufer des rauschenden Flusses hin. Zwischen den Dächern stand die Pfarrkirche wie ein hochgewachsener Hirte zwischen kleinen Schafen. Von der Salzach bog sich ein breiter Wasserarm um den steilen Schloßberg herum, auf dem sich mit Wällen, Palisaden, Mauern, Türmen und vielen Dächern das herzogliche Schloß erhob gleich einer zweiten kleinen, langgestreckten Stadt, die von fünf Schluchten in sechs getrennte, durch Fallbrücken verbundene Festungen zerschnitten wurde. Die vielen Dächer waren überleuchtet vom friedlichen Glanz des Mondes. Kleine Fenster schimmerten wie blanke Silbermünzen; andre, hinter denen noch Licht war, blinkten rötlich wie Sterne bei dünnem Nebel.

Vor dem untersten Burgtor kletterte Franzikopus aus dem Wagen und ließ einen schön geschnitzten, mit blauem Stahl beschlagenen Schrein herausheben, der die Geschenke des heiligen Zeno von Reichenhall enthielt.

Seinen Troß mußte der Kaplan bei der Torwache zurücklassen. Zwei Soldknechte des Herzogs trugen den Schrein.

Auf langem Wege ging es durch fünf Burghöfe, die beim Geflacker der Pfannenfeuer von Wachen wimmelten. Es ging vorbei an hohen Kornkammern, Haferkästen und Arsenalen. Fünf Zugbrücken fielen vor Franzikopus und stiegen hinter ihm wieder auf.

Unter dem Tor des Schloßhofes empfing ihn der Kastellan, führte ihn zu einer trüb erleuchteten Halle und verschwand, um den Gast bei Herzog Heinrich zu melden.

Während Franzikopus in einem Lehnstuhl ruhte, überlegte er seine Anrede. Die ersten Worte verlangten Vorsicht. Sprach man den Herzog lateinisch an, so wurde er verdrießlich, weil er kein Latein verstand und das bekennen mußte. Und begrüßte man den Herzog in deutscher Sprache, so wurde er ärgerlich bei dem Gedanken: »Der redet Deutsch, weil er weiß, daß ich Lateinisch nicht verstehe.«

Franzikopus grübelte. Inzwischen stieg der Kastellan über zwei Wendeltreppen hinauf zu einem weißen, kahlen Korridor, dessen einziger Schmuck aus großen Hirschgeweihen bestand; Herzog Heinrich war ein leidenschaftlicher Jäger, der in seinen Wäldern das Hochwild überreichlich hegte und den Bauern nicht erlaubte, daß sie Hunde hielten oder ihre Felder durch Zäune schützten.

Eine schmale, niedere Tür führte zu einem großen, vielfenstrigen Raume. Rote Kerzen brannten mit starkem Harzgeruche auf vier Hirschgeweihen, die an eisernen Ketten unter der Balkendecke hingen. Um die Wände zog sich mannshoch eine braune, plumpe Täfelung mit Bänken und schweren Kästen. An der Mauer, die über diesem Holze frei blieb, war kein Bild, kein Schmuck, keine Kostbarkeit, nur eine Reihe handwerksmäßig gemalter Wappenschilder mit Spruchbändern. Auf jedem dieser Bänder wiederholten sich in großer Schrift die gleichen drei Worte: »Denk des Loys!«

Stühle wie in einer Bauernstube. Und in der Mitte des Raumes stand ein großer, schwerfälliger Tisch mit Papierrollen, Urkunden und Plänen, mit kleinen Modellen von Schanzen, Kammerbüchsen und hussitischen Heerwagen. An diesem Tasche, schreibend, saß ein Kahlköpfiger in schwarzem Ordenskleid, Nikodemus, des Herzogs geheimer Rat und kluger Finanzmann. Und neben dem Tische — mit den Fäusten am Gürtel, in roten Strumpfhosen und grauem Kittel, der nach Art der Bauernröcke geschnitten und mit Marderpelz gesäumt war — ging Herzog Heinrich auf und nieder, ein kleiner, frischer, brauner Herr von fünfunddreißig Jahren, zart gewachsen und flink beweglich, mit steil herausstechender Nase, mit den Aderwülsten des Jähzornigen an Hals und Schläfen. Dickes, streng gescheiteltes Schwarzhaar, das in kräuseligen Wülsten nach beiden Seiten strebte, umschattete das schmale, olivenfarbene Gesicht, aus dem die Augen eines Menschenverächters dunkel, stolz und lauernd herausbrannten. Er glich einem Südländer. Von seinem Urgroßvater. Kaiser Ludwig wiederholte sich kein Zug an ihm. Alles an Heinrich kam aus dem Blute seiner zierlichen Mutter Maddalena, die ein Kind des Barnabas Visconti war.

Dieser kleine Herzog, ein großer Fürst und kühner Kriegsmann, schien so scharf zu hören wie ein Iltis. Bevor die Tür sich öffnete, hatte er schon den leisen Schritt des Kastellans vernommen. Und kaum schob der alte Mann den Kopf zur Türe herein, da fragte Herr Heinrich: »Kam er?«

»Ja, Herr!«

»Wie sieht er aus?«

Der Kastellan zögerte mit der Antwort. »Wie einer, vor dem man sich hüten muß.«

»Dann flink herauf mit ihm!« Der Herzog wurde heiter. »Gott soll’s, wollen!«

Bei der Türe fragte der Alte: »Soll man ihm Dach und Zehrung im Schloß bieten?«

»Nein! Der soll in der Herberg bleiben. Da verdient der Leutgeb, und ich spare mein Geld.«

Der Kastellan wollte gehen. Da klang durch die offene Tür, vom Korridor herein, ein tollendes Kinderlachen, das immer näher kam.

Der Herzog fuhr auf: »Was soll das? Warum ist der Junge zu so später Stunde nicht im Bett?«

Das feine, helle Lachen war schon nahe vor der Türe. Dazu klang eine leise, ängstliche Mädchenstimme: »Kind, Kind, Kind!« Lachend kam was Kleines über die Schwelle gewirbelt, in langem Hemdlein und mit nackten Füßen, ein vierjähriges Bübchen, gesund und kräftig, das glühende Gesichtl von wirren Locken umflogen.

In Zorn schrie der Herzog: »Man soll das pflichtvergessene Weibsbild stäupen und hinauswerfen!«

Erschrocken blieb das Bübchen stehen. Bei seinem Anblick schmolz der Zorn des Vaters. Er raffte einen schwarzen Mantel auf, der über der Lehne eines Sessels hing, umhüllte den Knaben, trug ihn zum Tisch und stellte ihn auf die Platte, so daß die Gesichter der beiden einander gegenüber waren.

Eine junge Magd mit bleichem Gesicht wollte eintreten; auf der Schwelle wurde sie zurückgezogen, und es erschien eine fünfundzwanzigjährige Frau, schlank, mit einem roten, pelzverbrämten Mantel über dem dünnen Nachtgewande. Scheue, verschüchterte Augen glänzten groß in dem blassen Rundgesichtchen dieser Frau, die mit siebzehn Jahren zum ersten Male Mutter geworden und nach acht Geburten in sieben Jahren schon vorzeitig zu altern drohte. Der Schreck vor dem Muttergespenste war in diesem kindhaften Frauenblick. Zwei Söhne starben im ersten Lebensjahr; zwei Söhne kamen verfrüht und tot zur Welt. Drei Mädchen lebten. Und dieser gesunde, blühende Knabe.

Lautlos war der Kastellan davongegangen. Und Nikodemus verschwand durch eine Seitentür, die man, als sie geschlossen war, in der Täfelung nicht mehr sah.

Herzogin Margarete, weil der Gemahl ihre Nähe nicht zu bemerken schien, blieb scheu und fröstelnd bei der Mauer stehen.

Herr Heinrich hatte die Hände unter den Mantel geschoben, der das Kind umhüllte, knutschte vergnügt das kräftige Körperchen des Knaben und fragte mit gespielter Strenge: »Du Wildfang, warum schläfst du nicht? Kinder, die gesund sein wollen, müssen schlafen.«

Leise sagte das Büblein: »Hab zum Vatti wollen.«

Die Augen des Herzogs glänzten auf. Seine Stimme blieb streng. »Zum Vatti sollst du kommen, wenn die Sonne scheint. Jetzt stehen Mond und Stern am Himmel. Da sollst du schlafen.« Er küßte den Knaben auf die Wange, und seine Stimme verwandelte sich. »Jung, hast du mich lieb?«

Lachend streckte das Kind die Händchen nach Haar und Nase des Vaters.

Der fragte heiter: »Wer bin ich?«

»Vatti.«

»Ja. Auch. Aber sag mir, wie ich bei den dummen Menschen heiße?«

»Heinich der Swazze.«

»Wie noch?«

»Heinich Bluthund.«

Der Herzog lachte. »Wie noch?«

»Heinich der Filz.«

»Stimmt! So muß es sein. Dean du, mein lieber Junge, sollst ein Reicher werden! Du kleiner Herkules! Gott soll’s wollen! Und Geld ist Macht.« Wieder küßte Herr Heinrich den Knaben auf die Wange. »So! Und jetzt geh schlafen! Und machst du nicht gleich die Augen zu, so hau ich dir ein paar feste auf dein dickes Quartier.«

Der Knabe klammerte die Ärmchen um des Vaters Hals.

»Laß luck! Jetzt mußt du schlafen gehen. Also! Wie sagt mein Jung beim Schlafengehen zum Vatti?«

»Gut Nacht!«

»Nein! Besinn dich! Wie sagt mein Jung?«

Der Knabe zog die Brauen zusammen und sprach langsam die drei schwierigen Worte: »Denk — des — Lllloys!«

»Ja, mein Jung!« Die Augen des Herzogs funkelten. »An den will ich denken. Heute mehr als je!« Er drehte das Gesicht über die Schulter. »Komm! Und nimm ihn!«

Schweigend trat die Herzogin zum Tische, löste das schwarze Tuch von dem Knaben und umhüllte ihn mit ihrem roten Mantel.

»Das unverläßliche Weibsbild soll man fortjagen. Der Jung braucht eine sichere Wartung. Der da soll mir am Leben bleiben. Gott soll’s wollen!«

Leise sagte die Herzogin: »Das Mädchen hat nichts verbrochen. Die Schuldige war ich.«

»Das hättest du verschweigen sollen. Wer seine Schwächen und Fehler eingesteht, ist dumm. Für die eigne Torheit läßt man andre leiden, wenn man herrscht. Zur Fürstin taugst du nicht, als Frau bist du kalt wie eine Suppe von gestern. Hast du den Ehrgeiz, auch noch als schlechte Mutter zu gelten?«

Ein weher Kampf war in dem verstörten Gesicht der jungen Frau. Ihre zitternden Arme umklammerten das Kind. Nach kurzem Schweigen sagte sie tonlos: »Ich sehne mich heim.«

»Das ist zwecklos.«

»In deinem Hause bin ich wie eine Magd und Gefangene. Ich! Das Weib des Fürsten.«

»Weib? Du? Ein Weib? Nein, gute Gretl! Du bist wie eine steyrische Mehlspeis. Bring den Jungen ins Bett und leg dich schlafen! Sonst hast du morgen wieder die blauen Ringe um die Sehnsuchtsaugen.« Herr Heinrich ging voran und öffnete vor der Herzogin die Türe. Die junge Frau, die den Knaben an ihrer Brust umklammert hielt, verschwand wie eine Flüchtende.

Es dauerte noch eine Weile, bis Franzikopus eintrat. Während er sich tief und ehrfurchtsvoll verneigte, stellten die zwei Spießknechte den Schrein auf die Bank.

Franzikopus fing zu reden an und gab sich mit schauspielerischem Geschick als Ehrgeizigen, der gerne wie Cicero reden möchte, die schwierige Sache nicht fertigbringt und sich mit bäuerischem Deutsch behelfen muß.

Das dunkle, strenge Gesicht des Herzogs wurde vergnügt. In Neugier betrachtete er den ungeschickt erscheinenden Redner und fing zu lachen an. »Pfäfflein, du bist ein verflucht schlaues Luder!«

Schmunzelnd verbeugte sich Franzikopus, als hätte ihm Herr Heinrich ein große Schmeichelei gesagt.

»Und das dort?« Der Herzog deutete auf den Schrein. »Soll das mir gehören?«

Franzikopus öffnete die Schatztruhe. Teller, Platten, Becher und Kannen funkelten. »So grüßt der heilige Zeno.«

Schweigend nahm Herr Heinrich eine Kostbarkeit um die andre aus dem Schrein und prüfte sie als Kenner, der nach dem Gewichte geht. Als er den letzten Becher zurückstellte, sagte er: »Schön! Im Himmel des heiligen Zeno wohnen gute Goldschmiede! Jetzt sind sie Meister. Als sie den Leidenskelch des Heilands schmiedeten, waren sie noch Lehrlinge.«

Im Anschluß an das Bild von den Goldschmieden des Himmels fand Franzikopus Weiß sehr salbungsvolle Worte und sagte schließlich: »Gott ist wunderbar in allen Plänen und Werken. Seinen treuen und rechtschaffenen Diener gewährt er Gnade und Hilfe. Die Ruchlosen aber straft er nicht nur im Jenseits, auch schon hier auf Erden.«

»Und da leben wir beide noch?« Lachend musterte Herr Heinrich das verdutzte Gesicht des Franzikopus. Dann gab er den beiden Soldknechten einen Wink. »Man soll das in meinen Turm hinüberschaffen.« Die Knechte schlössen den Schrein und trugen ihn davon. Herr Heinrich sah ihnen nach. Als sie verschwunden waren, sagte er: »Den Gruß des heiligen Zeno schätze ich auf Sold und Zehrung für hundertzwanzig Mann mit vierzig Pferden auf sieben Tage, mit Pulver und Bespannung für eine Büchse, die hauptgroß schießt.« Als Franzikopus, der etwas unsicher geworden, noch immer stumm blieb, fragte der Herzog: »Wird das dem heiligen Zeno genügen?«

»Herr«, flüsterte Franzikopus und deutete mit dem Finger, »da draußen lauscht einer.«

»Wo?«

»Dort! Er hat den Holzzapfen aus einem Astloch genommen. Ich sehe vom Kerzenschein sein Auge glänzen.«

»Nikodemus!« rief der Herzog heiter. Der Kahlköpfige erschien. »Dieser kluge Mann da wünscht, daß du hier in der Stube hören sollst, was er mir zu sagen hat.« Nikodemus lachte, und Franzikopus errötete wie ein Mädchen, während eine Zornlinie um seine Mundwinkel spielte. »Also?« sagte Herr Heinrich und ließ sich nieder. Auch Franzikopus und Nikodemus nahmen Platz. »Was will dein Heiliger kaufen von mir?«

Der Gesandte sprach. Er hatte an Herzog Heinrich und Nikodemus zwei aufmerksame Zuhörer, die mehrmals einen raschen Blick miteinander tauschten.

Franzikopus log nicht. Er blieb bei der Wahrheit des heiligen Zeno. Doch die Geschichte von den Folgen des Mordauer, alias Hängmooser Ochsenhandels bekam jetzt ein viertes Gesicht.

Als der Kaplan verstummte, blieb Herr Heinrich eine Weile nachdenklich. Dann sagte er: »Deiner dreihundert andächtigen Ramsauer, die noir beten wollen, erbarmt sich mein christlich Gemüt. Aber freien Durchlaß durch mein Land von Plaien gewähr ich euch nicht. Aus Barmherzigkeit für den heiligen Zeno, den ich als ungefährlichen Nachbar liebe. Der heilige Peter von Berchtesgaden würde ihm das geschorene Haardach bös verprügeln. Darunter würden meine Reichenhaller, mein Salzhandel und meine Saalacher Sassen leiden. Und euch Hilfe schicken, um den heiligen Peter zu klopfen, der ein lieber Patron ist? Das muß ich mir sehr überlegen. Was meinst du Nikodemus?«

Der Kahlköpfige sagte ruhig: »Herr, da muß ich dringend abraten.«

»Hörst du, Pfäfflein?«

Franzikopus begann in Hast zu reden.

Der Herzog hob die Hand. »Laß gut sein! Was Neues sagst du mir nicht. Du weißt nur, was gestern in der Nacht und früher geschah. Ich weiß, was heute geschehen ist und was jetzt geschieht.«

Die Augen des Kaplans erweiterten sich.

Herr Heinrich lachte. »Bleib ohne Neugier! Ich sage dir nicht, was ich weiß. Nein, Mann! Den goldenen Gruß des heiligen Zeno müssen wir als Vorschuß für andre Dinge nehmen. Jetzt kann ich nickt helfen. Der Ingolstädter lauert. Der schlägt an der Donaulos, wenn ich mich an der Saalach schwäche. Zwischen Burghausen und Ingolstadt liegt altes Stroh. Fliegt hier im Süden ein Funke, so schlägt im Norden das Feuer auf. Wenn ich euch helfe, weck ich Gefahren für mein Land und Volk. Auch für mich selbst. Ich stehe wegen jener Dummheit zu Konstanz unter weltlichem und geistlichem Gericht.« Die Züge des Herzogs verzerrten sich. Dann lachte er wieder. »Soll ich meine Richter durch Unbequemlichkeiten erbosen? Auch hab ich König Sigismund mein Wort gegeben, daß ich Frieden halte, solange mich der Loys nicht angreift. Du wirst mir bezeugen können, daß ich mich dieses Worts in Ehrfurcht vor dem König erinnere.«

Wieder sprach Franzikopus, rasch und erregt. Hilfe für den heiligen Zeno wäre kein Friedensbruch, sondern ein christliches Werk. Und alte Mißwirtschaft könnte hier geregelt werden. Die Ramsau gehöre durch natürliche Lage zum Schwarzenbachtal des heiligen Zeno. Und das Berchtesgadnische Land, verwüstet durch schlechte Führung und bedrückt von Schulden, könnte sich nur unter Schutz und Hand eines starken Fürsten wieder zu gedeihlichem Leben erholen.

»So? Die schone Ramsau wollt ihr haben?« unterbrach der Herzog. Er gähnte. Und klopfte sich ein paarmal mit der schlanken, braunen Hand auf den offenen Mund. »Und ich soll nehmen, was übrig bleibt? Teilen? Nein! Mit dem Teilen hab ich schlechte Erfahrungen gemacht. Teilen heißt unzufrieden werden. Man muß klug auf das Ganze gehen.«

Franzikopus erblaßte. Bevor er sprechen konnte, sagte der Herzog:

»Für solche Dinge gehört ein waches Gehirn. Heute bin ich, müd und schläfrig. Ich brauche Ruh und will mich zu Bett legen. Morgen früh wird der heilige Zeno Bescheid erhalten.« In Herrn Heinrichs ruhige Stimme kam ein Klang von Erregung. »Gott soll’s wollen!« Er stand vom Sessel auf, nickte zum Abschied, ging auf ein Finster zu, legte die Hände hinter den Rücken und sah unbeweglich in die Nacht hinaus.

Der Kaplan, als er sich von seiner Verblüffung erholt hatte, wollte sprechen. Da machte Nikodemus mit gut gespieltem Schreck ein Schweigezeichen, nickte bedeutungsvoll, führte den Gesandten höflich aus der Stube, übergab ihn dem Kastellan und schloß die Türe.

Herr Heinrich drehte sich mit einer raschen Wendung vom Fenster weg. Seine Augen brannten, eins wilde Erregung zitterte in seinem Gesicht, und die Oberlippe zog sich von den Zähnen zurück. »Nikodemus!« Die Stimme war ein rauhes Flüstern. »Diese Gelegenheit hat mir Gott geschickt!« Mit stoßenden Fäusten schien er etwas Unsichtbares zu fassen. »Jetzt hab ich den Loys! Und will ihn rupfen, daß nur ein paar Flocken noch übrigbleiben von seiner Pariser Wolle!« Der Herzog wollte lachen. Das wurde nur ein heiserer Laut. Er riß ein Fenster auf, atmete tief, und mit den Fäusten am Gürtl begann er durch das Zimmer zu schreiten, die Züge des Gesichtes hart gespannt von wühlendem Denken.

In Sorge betrachtete Nikodemus den Fürsten. Er wußte, aus welchen Erinnerungen der Aufruhr dieses Augenblicks quoll und was in Herzog Heinrich ruhelos brannte. Das war nicht die Erinnerung an jenen Schimpf, den der mit Worten flinke Ingolstädter vor vier Jahren zu Konstanz Herrn Heinrich bei einem Handel um alte Schulden ins Gesicht geworfen hatte, vor König Sigismund, in Gegenwart des mit der ehemals bayrischen Mark Brandenburg belehnten Fritz von Zollern, des Gemahls der schönen, Else, der Schwester Heinrichs. »Sohn eines Kochs?« Dummes, häßliches Gesindegeschwätz, das ein Denkender nicht hätte auf die Zunge nehmen sollen! Herzog Friedrich, Heinrichs Vater, war nicht der Mann, um sich betrügen zu lassen von seinem Weibe, Sohn eines Kochs! Der sinnlose Schimpf war gerächt, mit sieben blutigen Schwertstreichen und brannte nicht mehr in Heinrich. Dieser Schimpf war eine Lächerlichkeit geworden, seit zwischen den Särgen von Geschwistern dieser ›kleine Herkules‹ heranwuchs, dieser lachende, blühende, von Gesundheit und Lebenskräften strotzende Knabe, in dem die wittelsbachische Art das Blut der Visconti übersprungen und des Vaters makellose Abstammung erwiesen hatte.

Dieser Knabe, in dessen frischem, rosigem Gesichtlein die Augen des wittelbachischen Ahnherrn glänzten, hatte einen quälenden Zorn aus der Seele des Vaters hinausgelacht. Doch in dem Herzen, in dem dieser große Zorn getobt hatte, war eine kleine, stumme, brennende Scham, zurückgeblieben. Und dieses Kleinere war das Härtere, war unerträglich, war wie der ruhelose Schrei einer Eifersucht, deren schmerzendem Griff Herr Heinrich sich nick entwinden konnte.

Meuchelmord? So nannten es die andern, wenn sie von jenem nächtlichen Überfall zu Konstanz redeten. Herzog Heinrich lachte dieses Wortes. Kampf oder Mord? So läppische Unterschiede macht die Rache nicht. Die Rache will schlagen, töten. Aber sie muß das können! Nicht schwach darf sie sein — nicht so schwach, wie zu Konstanz die Faust dieses von Zorn geschüttelten Rächers war!

Seit vier Jahren ist kein Tag und keine Nacht vergangen, ohne daß jenes wirre, von Blut übergossene, von Scham überglühte Bild in Herzog Heinrich erwachte.

Die dunkle, stille Gasse zu Konstanz. In finsterem Winkel steht und lauert dieser Kleine, dieser Schlanke und Zierliche, der in der Größe seines Zornes ein Rächer werden will. Er und seine Helfer, alle gepanzert und bewaffnet bis an die Zähne. Und da kommt in stiller Nacht dieser Eine geritten, geschützt durch den Frieden des heiligen Konzils, kommt von einem heiteren Königsmahl, ein Lachender und Sorgloser, ein Lebensfroher, mit glühendem Wein im Blute, prunkvoll gekleidet, ohne Waffen, ohne Gefolge, auf ruhig schreitendem Zelter, nur geführt von zwei fackeltragenden Edelknaben. Heiter, nach Art eines Trunkenen, plaudert er mit den beiden Buben; noch ehe man ihn sieht Zitterschein der Fackeln, vernimmt man sein starkes, frohes Lachen schon. Ein Fünfzigjähriger! Und hat noch immer das Lachen eines Jünglings!

In der finsteren Ecke schlagen dem lauernden Rächer beim Klang dieses hellen Lachens die Zähne aufeinander. Waren diese beiden nicht Söhne von Schwestern? Nicht die Nachkommen des gleichen Ahnherrn? Warum ist der eine seiner zarten Mutter Bild, der andre das Bild seines kraftvollen Ahns? Warum hat dieser Zierliche nur das Zähneschauern seiner körperlichen Schwäche? Warum jener Starke dieses helle, frohe, sorglose Lachen — in der Nacht des gleichen Tages, an dem er den andern gedankenlos und ungerecht beschimpfte? Und kommt geritten. Und lacht. Und schwatzt mit den Edelknaben und prahlt von einem französischen Feste, das er dem König Sigismund geben will. »Das soll ein Fest werden, wie man Feste nur in Paris zu rüsten versteht! Die deutschen Bären sollen noch ein Jahr lang an ihren Tatzen lecken. Und rennen und stechen laß ich bei meinem Fest. Und bin ich der Sieger, wie immer, dann wird sich einer ärgern, bis er Galle speit! So ein Kleiner! O du Laus du!« Er lacht — und wird stumm — hebt sich im Sattel und lauscht.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
700 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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