Kitabı oku: «Der Ochsenkrieg», sayfa 14
10
Sechs Spießknechte, die der Hauptmann zu Plaien am späten Abend in seine Schlafstube gerufen hatte, verließen nach Einbruch der Nacht die Burg durch eine Schlupftür. Es hieß, sie sollten der nahenden Ablösung entgegenziehen und die Straße sichern.
Um die zehnte Stunde war’s ruhig in den Burghöfen. Droben in der Schlafstube des Hauptmanns brannte noch Licht, und von Zeit zu Zeit deckte der schwarze Schatten eines Mannes die rötliche Fensterhelle. Das war, als träte ein Ungeduldiger immer wieder an das Fenster, um in die Nacht hinauszuspähen.
Im inneren Hofe saß ein Schlafloser vor der Türe des kleinen Gästehauses auf der Steinbank, regungslos, mit der Stirne zwischen den Fäusten.
Jul, in einen Mantel gewickelt, trat aus der Tür und legte dem Gebeugten die Hand auf die Schulter: »Geh, tu rasten ein lützel!«
Runotter nickte. »Ich komm schon. Bald.«
Jul ging in das Haus zurück. Und Runotter saß aufrecht gegen die Mauer gelehnt, mit den Fäusten auf den Knien. Seine Augen suchten in der stahlblauen Höhe, in der die ruhigen Sterne funkelten.
Matter Lichtschein fiel aus den kleinen Fensterluken der Ställe. Manchmal hörte man das Schnauben und Wiehern eines Pferdes das Klirren einer Kette, die müde Stimme einer Stallwache. Und wie ein Chorgesang von tausend sanften Murmelklängen war das Rauschen der Saalach in der stillen Nacht.
Die Felswände der Staufen und die Steinzinnen der Lattenberge wurden weiß vom Lichte des steigenden Vollmonds. Doch über Turm und Dächer von Plaien warf der schwarze Untersberg noch seinen finsteren Schatten.
Oder kam auch da droben auf diesen dunklen Gehängen schon der Mond? Eine wunderliche Helle zitterte über die steilen Wälder hinauf, und schwarze Waldmassen begannen sich mit rötlichem Schimmer zu säumen.
Runotter erhob sich, höhlte die Hände um den Mund und rief gegen den Söller des Turmes hinauf: »Höi! Wächter! Siehst du da droben das Feuer nit?«
Aus der schwarzen Höhe klang eine Stimme: »Wohl, ich schau schon allweil und weiß nit, was ich denken soll.«
Da wurde droben am Haus der Burg das erleuchtete Schlafstubenfenster aufgerissen, und der Hauptmann rief zum Turm hinüber: »Was ist denn?«
Während zwischen Haus und Turm die Stimmen hin und her klangen, wurde es in den Höfen lebendig. Die Söldner sprangen aus der Wachtstube und aus ihren Schlafkammern, die Roßbuben aus den Ställen, die Gesindleute aus dem Haus.
Dann kam der Hauptmann scheltend herunter und bestieg den Turm.
Auf dem Gehäng des Untersberges wuchs die Feuerhelle. Da droben lag der Hirschanger mit sieben bayrischen Bauernhöfen. Und man konnte nimmer zweifeln: Dort oben waren wieder ein paar leuchtende Sterne auf die schöne Erde gefallen. Man sah die Züngelflammen von Heustädeln und Hausdächern. Waren Spießknechte des heiligen Peter von Berchtesgaden brandschatzend auf bayrisches Gebiet geraten? Anders konnte man sich die brennenden Feuer da droben nicht erklären. Aber noch immer schüttelte Hauptmann Grans den struwelhaarigen Kopf: »Die Gadnischen müßt ja doch der Teufel reiten bei so einer Frechheit!«
Da hörte man in der Nacht das Geschrei von Menschen, die durch den Wald herunterflüchteten, hörte das Gebrüll von Rindern, das Gerassel ihrer Schellen, und zwischen den schwarzen Bäumen zitterte ein Schein von Fackeln, die der Plaienburg immer näher kamen.
Während der Vollmond über die Höhe des Gadnischen Hallturmes heraufstieg, das Tal der Saalach mit weißer Milch überflutete und neugierig aus dem ewigen Blau herunterguckte auf das sonderbare Treiben der Menschen, erreichte der Schwarm der Flüchtenden vom Hirschanger, an die dreißig Menschen — Männer, Weiber und Kinder, mit sechzig Rindern — das Tor der Plaienburg. Weil die kleine, enge Feste solchen Zulauf nicht fassen konnte, wurde das Vieh der Flüchtigen in den Baracken untergebracht, die man am Abend für die aus Burghausen angesagte ›Ablösungstruppe‹ aufgeschlagen hatte.
Die Bauern berichteten: Von der Gadnischen Seite wären Spießknechte brandschatzend eingefallen; weil sie zuerst die auf den höheren Wiesen stehenden Heustädel niederbrannten, hätte sich alles Lebendige aus den Bauernhöfen noch rechtzeitig flüchten können, bevor das Feuer in die Häuser geworfen wurde.
Hauptmann Grans brüllte vor Zorn über diesen gottsträflichen Friedensbruch. Und dennoch schien seine tobende Wut eine kühle Sache zu sein, die ihm den Herzfleck nicht heiß machte. Nur die obdachlos gewordenen Bauern hatten das richtige Zornfeuer in ihren Seelen, die Weiber weinten oder schimpften, die Kinder zitterten stumm oder heulten. Und die Söldner, weil sie Arbeit und Beute witterten, schlugen einen Spektakel auf, daß alles Gemäuer der Burg widerhallte von ihrem Geschrei.
Es blieb dem Hauptmann Grans nach Brauch und Gesetz nichts andres übrig, als vier Reiter mit einem scharfzüngigen Sergeanten zum Berchtesgadnischen Hallturm hinaufzuschicken und in Herzog Heinrichs Namen strenge Sühne wegen dieser friedensbrecherischen Brandschatzung zu fordern.
Nach blassen Mondscheinstunden begann der Morgen eines schönen Tages sich rosig zu erhellen.
Die fünf Abgesandten brachten die Meldung: Der Hallturmer schwöre die heiligsten Eide, daß er von der Brandschatzung nichts wüßte und wider Herzog Heinrich schuldlos wäre; keine Seele der Gadnischen Besatzung hatte während der Nacht den Burgfried und die Schanzen verlassen; er müsse nach üblichen Rechten jede Sühne verweigern; diesen brennenden Unfried hätte wohl der heilige Zeno in Falschheit angezunden, um den heiligen Peter von Berchtesgaden bei Herzog Heinrich schlecht zu machen.
Die Antwort wurde von der Plaienschen Besatzung mit Hohn und schreiendem Lärm empfangen. Und während die Söldner und Bauern einen wilden Rumor erhoben und den Hauptmann hetzten, der unentschlossen und schweigsam war, schmetterte plötzlich auf der Turmhöhe der Ruf eines Hornes.
Herr Martin Grans tat einen Atemzug der Erleichterung, sprang zum Turin hinüber und eilte hinauf zum Söller.
Der Hornbläser empfing den Hauptmann mit den drei vergnügten Worten: »Sie kommen, Herr!«
Es ging schon auf die sechste Morgenstunde. Die Höhen der Berge glühten im jungen Sonnenschein, und die Farben der Täler waren hell und leuchtend, obwohl sie noch vom zarten Blauschatten des Morgens umschleiert lagen. In der nördlichen Ferne draußen war das hügelige Land der Tiefe schon eine goldig schimmernde Schönheit. Inmitten dieses friedsamen Erdenleuchtens sah man etwas wunderlich Dunkles. Auf der Pidinger Straße kam’s heran. Und war wie eine lange, lange, bräunliche Schlange, die sich trag bewegte — war wie ein riesenhafter Tausendfüßler, stachlig und borstig — war wie ein rätselhaftes Untier, das sich in Windungen vorwärts schob, einen dicken staubgrauen Dampf aus seinen Ringen und Gliedern ausstieß und unter diesem wehenden Qualm ein Blitzen sehen ließ wie von metallenen Schuppen.
Lachend rief der Hauptmann: »Jetzt bin ich erlöst! Jetzt sollen die Berchtesgadner einen Dampf unter der Nase merken.« Er eilte hinunter in den Hof und schrie den Sergeanten an: »Was sagt der heilige Peter?«
»Daß er schuldlos wär und daß er —«
Weiter ließ Herr Grans den Sergeanten nicht reden. »Reit hinauf! Und sag, daß mein gnädigster Herr sich nit abspeisen läßt mit Lügen und Ausflüchten. Meine geschädigten Bauren schwören: Das sind Gadnische Brandschatzer gewesen, zehn oder zwölf oder mehr. Ich will sagen, es sind bloß acht gewesen. Die hat der heilige Peter bis zur neunten Morgenstund gebunden, barhäuptig und barfüßig vor mein Gericht zu schicken. Und bis zur gleichen Stund hat der heilige Peter für den angestifteten Schaden gerechte Buß zu geben: zehn Pfund Pfennig für jeden niedergebronnenen Heustadel, vierzig Pfund Pfennig für jedes gebrandschatzte Bauernhaus. Ist binnen drei Stunden nit glatte Rechnung gemacht, so steht Glock zehne mein gnädigster Fürst, Herr Herzog Heinrich, in gerechter Fehd wider Land und Volk und Hab und Gut des heiligen Peter!«
Beim Austritt des Sergeanten und der vier Geleitsknechte erfüllte ein jubelnder Lärm den Hof der Bürg. Die Söldner schienen verwandelt in einen Schwarm von Betrunkenen. Sie wußten: Für den Hallturmer war’s ein unmögliches Ding, die Forderungen des Hauptmanns von Plaien zu erfüllen; dann würde Glock zehn das Klopfen mit dem Eisen beginnen; lang konnte sich der Gadnische Grenzwall wider einen festen Sturm nicht halten; und vielleicht am Abend schon, doch sicher am kommenden Morgen, gab es ein lustiges Hetzen hinter den Fliehenden, und zu Berchtesgaden gab es Raub und Beute, Wein und Weiber. Freilich, Verwundete und Tote gab es wohl auch! Doch jeder von diesen Hoffnungsvollen dachte: ›Das trifft den andern! Ich leb und raub und sauf und lach und freu mich!‹
Neben dem lärmenden Jubel, der den Burghof erfüllte, stand das Häuflein der sieben Ramsauer stumm beisammen. Sechse hatten ernste Gesichter. Nur einer von ihnen blieb heiter, guckte lachend hinein in das rumorende Gewirr und sagte leise: »Wenn die Herren raufen, muß der Bauer Haar lassen.«
Ein warmer Strahl der Sonne, die ihren Weg zur Höhe nahm, glitt über die Mauerkante in den Hof herunter.
Da klammerte Runotter die Faust um das Handgelenk des Malimmes: »Tu nit lachen, Mensch!«
»Warum denn nit? Narretei macht allweil lustig.«
»Narretei? Sag: Schlechtigkeit und Unrecht!«
»So?« Malimmes lachte. »Merkst, wie der Schneider den Kittel flickt, wenn das Tuch nit reicht?«
»Ich merk: Vor einem schiechen Ding bin ich davongelaufen, in ein schieches Ding bin ich hineingerumpelt.« Mit brennenden Augen sah Runotter den Söldner an. »Mensch? Wo ist denn ein Sträßl, auf dem das Gute lauft?«
»Das ist allweil hinter dem Berg«, Malimmes schmunzelte, »und da muß man halt hinüber.« Ernst werdend, legte er die Hand auf den Arm des Bauern. »Sei gescheit! Nit sinnieren! Tu lieber einen kühlen Trunk! Und bleib das feste Mannsbild, das du gewesen! Bloß für den, der sich selber verliert, ist alles hin.«
Runotter wollte antworten. Aber da trat Herr Martin Grans auf ihn zu, mit verdrießlichem Gesicht, und sagte: »Wie ist das jetzt? Wenn wir losschlagen Glock zehn? Willst du ein verläßlicher Fehdgenoß meines Herrn sein?«
Der Bauer hob den Kopf. In seinem steinernen Gesicht bewegte sich kein Zug. Und seine Augen irrten ins Leere, während er dem Hauptmann die Hand hinstreckte. »Ich muß. Und will. Und mich und die Meinigen darf man hinstellen, wo’s am härtesten ist.«
Da wurde der Hauptmann freundlich und sagte lächelnd: »Gut! So tu dich rüsten!«
Schweigend nickte Runotter und ging zur Türe des Gastbaues.
»Komm, Jul!« Malimmes legte den Arm um den stummen, blassen Buben, dessen Augen seltsam glänzten. Dann sagte er den Knechten, was sie tun müßten. Und während die drei zum Stall hinüberliefen, zog Malimmes den Buben zur Türe. Das blonde Mädel ging hinter den beiden her. Auf der Schwelle drehte Malimmes das Gesicht: »Willst du was helfen, Traudi?«
Das Mädel nickte froh.
»So näh für den Heiner aus lindem Tuch eine Kapp! Daß ihm der Eisenhut die frische Mordauer Narb nit aufdruckt. Geh! Mach flink! Bist ein gutes Maidl!«
Unbeweglich blieb Traudi stehen. Ein jähes Erblassen rann ihr über das müde Gesicht. Langsam glitt ihr Blick von Malimmes zu diesem andern, von dem sie nur wissen durfte, daß er ein Vetter des Runotter war. Und während sie dem schlanken Buben nachsah, der da so fürsorglich in das Dunkel der Türe geleitet wurde, blitzten ihre Augen in Haß und Eifersucht.
Aus der Türe klang es noch heraus: »Hast du das Kappel fertig, so ruf die Unsrigen zusammen und bring uns Trunk und Speis!«
Jul und Malimmes traten in eine kleine, niedere Stube, durch deren Fenster die Sonne mit goldenen Augen hereinblinzelte. Ein Strahl fiel über den Runotter hin, der auf der Wandbank saß und mit dem Wetzstein sein Eisen schärfte, wie er einst bei trockener Mahd die Sense zu schärfen pflegte.
»Mach die Schneid nit gar zu fein!« mahnte Malimmes. »Wie gröber, so besser geht sie durch Hauben und Platten.«
Der Bauer nickte. »Ich nimm schon den Faden mit dem Stein wieder weg.« Er tat einen schweren Atemzug. »Und geht mein Eisen in Scherben, so schlag ich mit dem Stumpen zu. Mir grauset vor Welt und Leut.«
»Mir nit.« Malimmes lachte. »Alles ist, wie man’s anschaut. Ein Katzenhaar in der Supp ist ein grauslich Ding. Aber wenn die Katz nackicht wär, so tät sie frieren. Sie will warm haben. Da muß man einsehen, daß sie einen Pelz braucht. Und was ein Pelz ist, muß Haar verlieren. Die Katz kann nit ausschauen, wie sie einer haben möcht, den jedes fremde Härlein kitzelt.« Bei diesem heiteren Schwatzen öffnete er eine Truhe und kramte allerlei Lederwerk und klirrendes Zeug auf den Tisch heraus. »Laß alles sein, wie’s ist, und guck’s lustig an! Ein Fröhlicher verschluckt die haarige Welt, und sie peiniget ihm den Magen nit. Ein Trauriger muß sie wieder speien. Und nachher graust ihm.« Nun schob er den Buben in den Sonnenstreif, der durch das Fenster hereinfiel, und zog am Küraß des Jul die Schnallen auf.
»Den laß mir!« stammelte Jul erschrocken.
»Kriegst ihn schon wieder! Und ist ja doch kein Fremdes in der Stub.« Der Küraß klaffte auseinander, und Malimmes stellte die leere Eisenmuschel auf den Boden hin. »Der Segen kommt von oben, sagen die Frommen. Aber rüsten muß man von unt auf. Erst die Beinschienen. Die müssen fest am Gurt hängen, sonst drucken sie das Knie. Schau nur, wie gut sie passen! Als hätt sie dir der Hofschneider angemessen!« Er lachte. »Und ich hab sie doch in des Hauptmanns Rüstkammer nur nach dem Augenmaß ausgesucht.« Achtsam zog er die Schnallen zu; sie mußten haken und durften nicht drücken. »So, Bub. Die Schuh hab ich dir scharf beschlagen. Auf deine Füß brauchst du nit achtgeben!« Er schnallte den aus feinen Stahlringen geflochtenen Kettenschurz um des Buben Hüfte. »Tu nur nie einen Schritt nach rückwärts! Spring all weil fest voraus! Ein mutiger Sprung ist halb schon der Sieg. Und in der Not kriegen die Füß Verstand. Die laß nur tun, wie sie mögen. Mußt auch dem Feind nit auf die Füß schauen! Dem schau auf die Hand und in die Augen!«
»In die Augen!« wiederholte Jul mit leiser Stimme. Der Bub hatte den Blick eines Fieberkranken, der wach ist und ohne Bewußtsein träumt.
Runotter erhob sich von der Fensterbank. Schweigend schob er das geschärfte Schwert in die Lederscheide und begann sich für die eiserne Arbeit zu kleiden.
»So!« sagte Malimmes. »Jetzt die Armkacheln! Die müssen Luft haben. Versuch’s, Bub, streck die Arm nach aufwärts!«
Jul hob die Arme.
»Gut so! Und vergiß das nie: Ein Streich geht um so tiefer, wie höher als er kommt.« Bei diesen Worten holte Malimmes vom Tisch ein wunderliches Wehrstück; es sah wie eine große lederne Brille aus und hatte Achselbänder wie ein Mieder.
»Was ist das?« fragte Jul.
»Wirst schon sehen! Laß dir’s nur antun! Komm!«
»Nein!« Die Wangen des Buben brannten. »Ich mag das nit!«
»Geh, sei nit unschickig!« mahnte Malimmes herzlich. »Das Pölsterlein hab ich genäht für dich, daß dir die Harnaschplatten nit das Herzl drucken.« Nun lachte er heiter. »Angemessen hab ich’s freilich nit. Aber es wird schon passen. Ich hab ein gutes Augenmaß.«
Jul wehrte mit den Händen. »Ich mag das nit.«
Da sagte Runotter ernst: »Tu folgen Bub! Das Leben dreht sich nit um, wenn auch die Menschenleut alles zu öberst und unterst kehren. Tu, wie er’s haben will! Tät die Mutter noch leben, sie könnt nit treuer sorgen für dich.« Er legte dem Söldner die Hand auf die Schulter. »Vergelt’s Gott, Mensch!« Dann ging er zur Türe. »Ich schau derweil nach den Gäulen.«
Schweigend gehorchte der Bub und ließ sich dieses wunderliche Wehrstück um die Brust schnallen.
Als Malimmes die Haken schloß, sagte er lustig: »Gelt, es paßt. Ich verschau mich nit leicht.«
Jul hatte feuchte Augen und sah in den Sonnenschein, der das Fenster umflimmerte.
»So! Jetzt kriegst den Küraß wieder, den du nit lassen magst! Du schämigs Bürschl du!« Malimmes nahm die zwei Eisenmuscheln, legte sie um Brust und Rücken des Buben, schob die Achselkanten unter die Schulterkacheln der Armschienen, ließ die Nuten einschnappen und schloß die Schnallen. »Sitzt alles gut?«
Der Bub nickte.
Und Malimmes fragte lachend: »Sag selber, ob dir der Küraß nit leichter ist, seit du das Pölsterlein hast?«
Wieder nickte Jul.
»Weißt, Bub, allem Hartem muß man was Lindes unterlegen. Sonst druckt’s. — Jetzt heb den Arm und tu einen Streich!«
Die eisernen Platten knirschten, als Jul die Faust hinter den Nacken hob und unter festem Sprung einen Streich ins Leere tat.
»Höia! Gut so!« lachte Malimmes in Freude. »Beim richtigen Hieb müssen Streich und Fürsprung allweil eins sein, wie Männdl und Weibl in der Lieb. Der Streich muß schlagen, der Sprung muß stoßen. Und wenn’s den andern niederreißt — gleich drüber weg und gegen den nächsten los! So springt man all weil der Not davon und dem Leben zu.«
»Wenn es — den andern — niederreißt?« Jul atmete schwer, und ein wehes Suchen war in seinen verstörten Augen. »Das muß hart sein —«
»Was, Bub?«
»Den ersten fallen sehen. Und wissen, man ist schuld an seinem Tod.«
»Da gewöhnt man sich dran. Beim ersten bremselt’s einen. Beim zweiten tut man sich schon leichter. Beim dritten ist’s wie Nußknacken. Und alles schiebt man auf den Krieg. Was willst? So macht halt der Krieg die Leut.«
»Krieg? Das ist ein grausiges Wort!« Wieder atmete der Bub, als lägen ihm schwere Gewichte auf der Seele. »Muß das sein auf der Welt?«
»Meinen sollt man freilich, es wär nit nötig. Von jedem Krieg, der anhebt, könnt ein Gescheiter sagen: ›Das muß nit sein, es geht auch anders.‹ Aber da schreien die unsinnigen Narren gleich: ›Es muß, es muß!‹ Und so geht’s haltlos.«
»Wird das allweil so bleiben?«
»Solang die Menschen nit anders werden. Jetzt sind sie halt noch, wie sie allweil gewesen. Und eh der Maulwurf nit das Graben laßt, wird der Mensch die Rechthaberei und das Zannen nit lassen.«
Malimmes hatte vom Tisch ein stählernes Ringgeflecht genommen, welches Hauptschutz und Halsberge in einem Stück war. Und während er am Fenster in der Sonne stand und immer dieses leisklirrende Flechtwerk schüttelte, damit die Stahlringe sich glatt und gleichmäßig legen möchten, schwatzte er mit ruhigen Worten:
»Freilich, es kann auch anders sein. Was Sicheres weiß keiner. Könnt auch sein, daß Elend, Schreck und Grausen ein notwendig Ding im Leben sind, damit die Menschen merken, was Glück und ruhsame Zeiten wert sind. Bei ewigem Tag müßten die Menschen wie blind sein. Sehen lernt man bloß in den Nächten. Und wie kostbar der Frieden ist, das lernt man bloß im Krieg. Und Katz ist Katz, und Krieg ist Krieg. Schlagt der ander zu, so mußt du dich wehren. Und stehen muß, wer nit fallen will. Noch allweil besser: Ich leb und schnauf, derweil der ander ins Gras beißt. In Gottesnamen, drischt man hak den andern nieder. So muß man’s halten als guter Kriegsmann.«
Er stülpte dem Jul eine leichte, wattierte Leinenkappe übers Haar und zog ihm dann das feine Stahlgeflecht über Wangen und Nase herunter.
Aus dem Oval der Kettenhaube guckte das eng von glitzernden Ringen umrahmte Gesicht des Buben bleich heraus. Seine Augen sahen in die Sonne, während er düstern fragte: »Malimmes?«
»Was, lieber Bub?«
»Glaubst du, daß die Berchtesgadnischen viel gute Kriegsleut haben?«
»Nit viel. Mein Bruder ist keiner.« Lachend kniete Malimmes auf den Boden nieder, weil er an den Beinschienen noch was zu richten fand.
Zögernd, immer mit dem Blick an dem leuchtenden Fleck der Sonne hängend, fragte Jul: »Meinst du, daß der Jungherr Someiner ein guter ist?«
Malimmes hob jäh das Gesicht. Seine sonnverbrannte Stirn entfärbte sich, und die große Narbe fing dunkel zu glühen an. Doch ruhig sagte er: »Ein schlechter oder guter — Angst brauchst du nit haben. Wir zwei, wir fürchten uns nit. Wirst du nit fertig mit ihm — ich hilf schon, weißt!«
Da klang es wie ein zorniger Schrei: »Das darfst du nit!«
»Was nit?«
Die Stimme des Buben wurde langsam und schwer: »Den mußt du mir lassen!« Müd machte Jul mit der Faust die Bewegung eines Schlages.
Ein kurzes Schweigen. »Gut!« Und Malimmes mit einem wunderlichen Lächeln, stand vom Boden auf. »Wie’s dir am besten taugt. Man muß nur allweil sagen, wie man’s haben will.« Er ging zum Tisch und holte die eiserne Schaller. »Aber — eins mußt du dir merken, Bub: Was man will, muß man können. Oder man darf nicht wollen, was man nit kann.« Weiter sprach er kein Wort mehr, während er dem Buben den blanken Eisenhut über die Kettenhaube stülpte und unter dem geschützten Kinn die Sturmspange festmachte. Schweigend schnallte er ihm das Dolchgehenk um den Küraß und gab ihm die Schwertkette um die Schulter.
Jul, den Knauf des Schwertes fassend, sagte leis: »Viel Ding im Leben sind hart.«
»Das Härteste sollst du nit kennen lernen.«
Mit großen Augen sah der Bub den Söldner an. »Das Härteste? Was ist das?«
»Wenn einer friert. Und möcht sich wärmen an der besten Glut. Und kann seiner Lebtag nie nit zum richtigen Ofen kommen.«
Jul fragte scheu: »Was tut so einer?«
»Lachen!« Da fand Malimmes wieder seinen heiteren Ton. »Wenn er ein Kluger sein will. Oder heulen — wenn er ein wehleidiges Rindviech ist.«
Runotter trat in die Stube.
»Guck, Bauer! Jetzt schau den Buben an! Allweil heißt’s: Herr Albrecht, der Münchner Prinz, wär von allen fürstlichen Jungherren der Feinste. Aber im Eisen kann er auch nit schöner dastehen als wie der Jul! Und wenn der Bub erst droben hockt auf seinem Burghausener Falben! Gotts Unmut und Schabernack des Lebens — ich freu mich drauf!«
»Geh, du!« sagte der Bub erglühend.
Und Runotter nickte. In dem Lächeln, das seinen schmalen Mund umzuckte, waren Schmerzen. Er faßte die Hand des Buben. »Geb’s Gott, daß wir uns morgen die Hand wieder bieten können. Oder übermorgen. Weiter denk ich nit.«
Die Knechte kamen. Heiner war sehr stolz auf die sauber genähte Leinenkappe, die unter seinem Eisenhut herausguckte. Er rühmte die Geschicklichkeit der weiblichen Hände im allgemeinen, insbesondere die geschickte Hand der guten Traudi. Aber die Traudi, obwohl sie schon in der Stube war, hörte das warme Lob nicht. Schweigend deckte sie den Tisch, brachte das Mahl und den Weinkrug mit dem letzten Trank, den die sieben in der Burg von Plaien nehmen sollten. Immer gingen die zornigen Augen des schweigsamen Mädels zwischen Jul und Malimmes hin und her.
Die sieben beteten. Sechse redeten fromm mit Gott. Das blonde Mädel, das ein keimendes Leben unter dem Herzen trug, erflehte von der Allmacht des Himmels den Tod eines jungen Menschenkindes.
Während die sieben unter sparsamen Worten aßen, rann immer wieder ein feines Zittern durch den Stubenboden, durch alles Gemäuer. Und ein dumpfer Lärm quoll aus dem Tal herauf, das dem Burghügel zu Füßen lag.
Dieses leise Erdenzittern rührte von den schweren Geschützen her, von denen jedes — die beiden Kammerbüchsen, die grobe Farzerin und der schwere Blidenkarren — durch ein Gespann von sechzehn Pferden über die steile Bergstraße gegen den Hallturm hinaufgezogen wurde. Dazu noch zwanzig Kugel- und Pulverkarren, jeder mit zehn Pferden bespannt.
Das geschah ›zu heilsamer Verwarnung‹ — um den heiligen Peter wegen seiner ›friedensbrecherischen Brandschatzung bayrischer Bauernhöfe‹ zu nachgiebiger Reue und zu schuldiger Buße zu bewegen.
Vor und neben und hinter diesen dröhnenden, rasselnden Kriegsfahrzeugen marschierte und ritt ein Heerhaufe, der sich, seit er von Burghausen eingetroffen war, um zwanzig Reiter, sechzig Spießknechte und sechs Faustbüchsen vermindert hatte. Die waren mit Franzikopus Weiß am Ufer der Saalach abgeschwenkt, um unter Befehl des heiligen Zeno den Inhalt jenes Schatzkoffers abzuverdienen, der das kostbare Eingeweide des ›runden Turmes‹ von Burghausen vergrößert hatte.
Kurz vor der neunten Morgenstunde rückte auch die Wehrmacht von Plaien aus. Hinter den Mauern blieben nur ein paar Helme als Besatzung und Torwache zurück. Die gebrandschatzten Bauern vom Hirschanger, wie alle Mannsleute von den Bauernhöfen im Umkreis der Feste, mußten als Schanzgräber mit ausrücken.
In dem Raiszuge, der von Plaien hinaufklirrte zum Hallturm, hielt sich das Häuflein der Ramsauer dicht hinter dem Hauptmann Grans und seinem Sergeanten: Jul auf dem zierlichen Falben, Runotter auf dem flinken Schimmel, der seinen Ramsauer Heubauch völlig verloren hatte, und Malimmes auf dem noch übrigen Ackergaul, bei dem die Künste des Reiters die Fälligkeiten des Kriegsrosses ersetzen mußten. Die drei Knechte schritten als Spießleut hintendrein.
Runotter und Jul waren schweigsam. Hauptmann Grans tuschelte leis mit dem Sergeanten. Doch sonst ging ein heiteres Schwatzen, Lachen und Singen durch den frisch marschierenden Zug, für den in die ser reinen Morgenluft eine Witterung von Beute war.
Der Berchtesgadnische Hallturm lag versteckt, weil der Weg durch dichten Hochwald führte. Als der Zug schon bald zur Paßhöhe kam, holte er den Burghausener Heerhaufen ein, dessen Spießknechte auf einem neben der Straße gelegenen Hügel Auf dem ›Fuchsenstein‹, die Bäume niederschlugen, um die drei Geschütze und das Schleuderwerk in gute Stellung zu bringen, achthundert Schritte von der Gadnischen Grenzmauer entfernt.
Der Hall der Axtschläge, das Dröhnen der stürzenden Bäume, die aufgeregt durcheinander schreienden Menschenstimmen, das Stampfen, Keuchen und Wiehern der Pferde, das Rädergeknatter und die Kommandorufe übertönten das Murmellied der klaren Bäche und das schöne Rauschen des Waldes, über dessen Wipfel ein scharfer Ostwind herblies. Und die heiß werdende Sonne glänzte herunter auf ein Geblitze von Waffen und auf ein Gewimmel tollgewordener Farben, die so lustig durcheinander leuchteten, als sollte inmitten des ernstgrünen Bergwaldes eine bunte Faschingsmette ihren Anfang nehmen.
Hauptmann Grans war mit dem Büchsenmeister Kuen und dem Hauptmann Seipelstorfer zu einem geheimen Kriegsrat zusammengetreten, abseits vom Gewimmel des Heerhaufens und vom Geschrei der Burghausener Gelägerdirnen, die ihre Huschelzelte und Zapfbuden aufschlugen, schon Feuer machten und zu kochen begannen.
Die drei Herren, die sich da berieten, waren so guter Laune, als vertrieben sie sich die Zeit mit dem Erzählen lustiger Geschichten.
Auch bei den Geschützen gab’s eine Heiterkeit. Die Bauern, von denen die meisten noch nie eine Bumbarde gesehen hatten, drängten sich mit Hacken und Spaten auf den Schultern um die zwei Kammerbüchsen und die plumpe Trommelkanone, die sechs Rohre hatte, mit Hilfe des Springfeuers einer Zündschnur in flinker Folge sechs faustgroße Kugeln schoß — pu pu pu pu pu pu — und von diesem hurtigen Gepummer ihren Namen hatte. Die kleinere der beiden Kammerbüchsen hieß die ›Hornaußin‹, und auf der größeren war in schwer entzifferbarer Spiegelschrift ein Vers in Metall gegossen:
Die Landshuterin heiß ich
Auf den Ingolstädter pfeif ich.
Als die Bauern das Sprüchlein enträtselt hatten, begannen sie eine derbe Debatte über die Frage, ob dieser unreine Reim als sinngemäß zu erachten wäre. Lang hatten sie nicht zu lachen; sie mußten gleich die Schanzarbeit auf dem Fuchsenstein beginnen.
Vor der zehnten Morgenstunde wurde der Sergeant mit dem weißen Fähnlein und einem Geleit von vier Knechten ausgeschickt, um sich beim heiligen Peter nach dem letzten Worte zu erkundigen.
»Geh mit!« sagte Hauptmann Grans zu Malimmes. »Du bist einer, der weiß, wie man eine Mauer angucken muß!«
Malimmes empfing diesen Auftrag wie eine willkommene Sache. Er ließ den Ackergaul galoppieren, um das Häuflein der Parlamentäre einzuholen. Das war ein kurzer Ritt. Schon nach hundert Schritten, an der Grenze des bayrischen Landes, ging der Wald zu Ende. Am Saum des Gehölzes liefen alte Schanzgräben durch das Tal und erzählten von Fehden vergangener Zeiten.
Vor wenigen Tagen war da ein dichter Hochwald noch ein paar hundert Schritte weiter gegen den Hallturm hin gestanden. Die Berchtesgadnischen hatten quer durch das schmale Tal, von Bergwand zu Bergwand, diese tausend hundertjährigen Bäume niedergeschlagen, um für die Angreifenden die Deckung zu mindern. Dadurch hatten sie für sich selbst den Schutz eines fast unüberwindlichen Verhaues gewonnen; in mannshohem Wuste lagen, jedem Ansturm wehrend, die niedergeschlagenen Bäume wirr durcheinander, den Waldgrund des engen Tales und die Straße bedeckend mit einem Gefilze starrender Äste. Wo die Straße unter diesem grünen und braunen Chaos verschwand, da standen friedlich drei Grenzpfähle in bunten Farben beisammen; der eine trug das Wappen mit den Schlüsseln des heiligen Peter, der andre zeigte das Wappen des heiligen Zeno, an den dritten war eine Tafel mit der Inschrift genagelt: »Hie Paierlant!«
Und hinter dem braunen und grünen Gewirr von Stämmen und Ästen erhob sich die lange, nach links und rechts gegen die unwegsamen Felswände kletternde, durch sieben feste Türme gestützte Mauer des Gadnischen Grenzwalles am Hallturm, mit dem klobigen Torbau in der Talsohle, mit der hochgezogenen Brücke zwischen den beiden Tortürmen.
Auf den Zinnen sah man viele kleine, zierliche Figürchen, die von Waffen blitzten. Steile, sonnbeglänzte Dächer stiegen hinter der Mauer auf. Die Sonne vergoldete alles Gestein und Gemäuer, machte alle Kanten gleißen wie poliertes Metall und zeichnete die Schatten der Türme wie blaue Bilder in dieses Gold. Ein so farbenschöner, wundersamer Anblick war’s, daß man hätte träumen mögen: »Hier steht die Pforte eines paradiesischen Landes!« Doch ums Träumen war es dem Sergeanten mit dem weißen Fähnlein, seinen vier Geleitsknechten und dem Malimmes in dieser Stunde nicht zu tun. Sie hatten die Pferde zurückgelassen, und während der Sergeant, der diesen üblen Weg seit Mitternacht schon zum fünften Male machte, das weiße Fähnlein mit den Zähnen festhielt, quälten sich die sechse unter Schwitzen, Lachen und Fluchen durch das Gewirr der Äste. Je näher sie dem Tor des Hallturmes kamen, um so deutlicher hörten sie die Spottreden der Gadnischen Herren und Knechte, die auf der Mauer waren und mit Heiterkeit der mühseligen Kletterei der Parlamentäre zuguckten. Aber diese Heiterkeit und ihre Späße hatten etwas Gezwungenes. Den Gadnischen war nicht sonderlich wohl zumute. Ein mächtiger Fürst, den man ernster nehmen mußte als den heiligen Zeno, war ihnen bös geworden, bedrohliche Dinge schienen da im Dunkel zu spielen, und eine schwere Übermacht lag vor der Mauer. Diese Mauer war von erfahrenen Kriegsleuten angelegt, war gut und konnte auch einem harten Sturme trotzen. Und der Weg zur Mauer war vorerst noch gesperrt durch diesen niedergeschlagenen Wald. Das Gewirr dieser hunderttausend Äste war aber nur ein Schutz, solang gut Wetter blieb und dieser scharfe Ostwind blies. Da würde der Hauptmann Grans sich hüten, Feuer in diesen Verhau zu werfen. Der Ostwind würde die Flammen hinunterblasen in die bayrischen Wälder, gegen den Heerhauf, der da drunten lagerte und sich eingrub mit seinen Geschützen, und gegen die Höfe und Mauern von Plaien.
