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Kitabı oku: «Der Ochsenkrieg», sayfa 16

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11

Unter den peitschenden Regengüssen und prasselnden Hagelschlägen des Gewitters, das über die bayrischen Lande niederging, jagte Lampert Someiner in klebenden Kleidern auf seinem erschöpften, triefenden Rappen der vieltürmigen Stadt entgegen, die wie ein grauer Schemen hinter den Schleiern des vom Himmel fallenden Wassers lag.

Irgendwo in diesem Grau, ganz nahe und dennoch unsichtbar, rauschte die hochgeschwollene Donau so stark, daß auch der rollende Donner dieses Rauschen nicht völlig übertönen konnte. Sooft das blaue oder weißgrelle Leuchten eines Blitzes durch die Lüfte ging, verstärkte sich der in großen Tropfen niederklatschende Regen, oder es prasselte ein neuer Hagelschauer aus den Wolken herunter. Auf der Straße versanken die Hagelkörner in Morast und Pfützen, doch auf den Wiesen und über den zerschlagenen Getreidefeldern neben der Straße lagen sie wie dicker Schnee. Und über diesem Schnee war tischhoch der weißliche Dunst, zu dem die auffallenden Regentropfen auf den harten Eiskörnern zerstäubten.

Moorle jagte mit gesenktem Schädel, keuchend, die Augen vorgequollen, daß man rings um die angstvollen Lichter das blutunterlaufene Weiße sah. Lampert, um sich leicht zu machen und den Winddruck zu verkleinern, lag mit Brust und Gesicht auf der Mähne des Pferdes. Nur sein Schwert hatte er behalten — alles andre, die Packung des Pferdes, den Mantel, die Arm-und Beinschienen, den Plattenküraß und die Stahlhaube, hatte er bei dieser hetzenden Verfolgung fortgeworfen, um die Last für den Gaul zu mindern und diesen sechs rätselhaften Heckenreitern zu entrinnen, die er seit dem Morgen hinter den Fersen hatte. Zwei von den Stiftsgäulen waren niedergebrochen. Nun mußte Moorle seinen letzten Atem hergeben und aushalten bis zum Ingolstädter Tor.

Während Lampert den erschöpften Rappen mit Spornstößen hetzte, wandte er immer wieder das Gesicht. Von seinem Knecht und den sechs Reitern war seit einer Weile nichts mehr zu sehen.

Diese Reiter? Die immer verschwunden waren, um immer wieder aufzutauchen? Lampert wußte nicht, was er von ihnen denken sollte. Manchmal hatte diese Verfolgung sich angesehen wie ein boshafter Narrenstreich, wie ein Blindekuhscherz. Erst waren es nur zwei gewesen, dann viere, dann sechse. Auf offenem Geländ und in der Nähe von Dörfern hatten sie gespielt mit ihm wie Katzen mit der Maus, die nimmer entrinnen kann. Doch sooft sich die Straße in dichtem Wald verlor, war’s Ernst geworden, bei keuchendem Jagen. Und im letzten Wald vor Ingolstadt, bei Ausbruch des Gewitters, hatten sie den Knecht eingeholt und aus dem Sattel gerissen.

Strauchdiebe? Die sich mit einem abgeschundenen Pferd, mit Kittel und Hemd eines Knechtes begnügten?

Ein Blitz fuhr nieder, daß Straße und Wiesen wie in Feuer schwammen. Dann ein Gerassel in den Lüften. Moorle scheute, und seine Hufe hämmerten über die Bohlen der Donaubrücke. Aus den grauen Wassergüssen des Gewitters tauchten die schweren Türme heraus, schwarz vor Nässe.

Lampert mußte auf dem zitternden Gaul eine Weile harren, bis im Tor das schwere Balkengatter aufging.

In der Mauthalle drängte sich ein Schwarm von bunten Söldnern um den triefenden Reiter her.

»Botschaft an Herzog Ludwig! Geleit vom heiligen Peter zu Berchtesgaden!«

Lamperts Stimme klang so heiser, daß die Mautknechte über diese krächzenden Laute zu lachen begannen. Man gab ihm zwei Söldner, die ihn zur Burg des Herzogs führen sollten, und versprach ihm, zehn Reiter auf die Suche nach seinem verschwundenen Knecht zu schicken. Er stieg aus dem Sattel, um den zitternden Gaul zu entlasten. Nach diesem mehr als vierzigstündigen Ritte wurde das Gehen für Lampert eine harte Mühe. Den linken Arm, der heftig schmerzte, konnte er kaum bewegen. Auch Moorle war fertig und kroch wie ein zerprügelter Ackergaul über das grobe Pflaster hin. Die enge Straße war leer, doch unter den Torhallen standen buntgekleidete Menschen dichtgedrängt beisammen, um das Ende des in grauen Schnüren fallenden Regens abzuwarten; sie machten Späße, als die zwei Söldner mit dem gewaschenen Fremden zwischen den plätschernden Dachtraufen und unter den Güssen der Wasserspeier vorübertappten.

Nach langem Weg durch winklige, von gelben Bächen überschwemmte Gassen erreichte Lampert das mit reichgekleideten Wachen besetzte Tor der herzoglichen Burg. Er wurde mit höfischer Umständlichkeit salutiert, und viele Diener stellten sich zu seinem Dienst. Lamperts erste Sorge gehörte dem übel zugerichteten Moorle. Als man den Gaul zu gutem Stall geführt hatte, lief einer von den rotgekleideten Leibtrabanten, die man ›Einrösser‹ nannte, flink davon, um dem Herzog die Ankunft des Berchtesgadnischen Herrn zu melden.

Die langen Hallen, die der Trabant durchschreiten mußte, um dem in die Höfe niederprasselnden Regen zu entgehen, wimmelten von rotgewandeten Söldnern, von grün und braun gekleideten Jägern und Falknern, von Herren in Scharlach und Silbergrau, mit der goldenen Edelmannschnur um die Hüte. In Herzog Ludwigs zahlreichem Hofgesinde diente neben den Soldknechten und Troßleuten ein halbes Tausend von Grafen und Rittern, von beutesüchtigen Abenteurern aus allen Ländern. Neben der heimatlichen Sprache hörte man Italienisch, Flämisch und Ungarisch, das Platt und den schwäbischen Dialekt, die rauhen Laute der Schweizer und am häufigsten das hurtig gleitende Französisch. Zwischen den Herren und Knechten ein Gewimmel von Jagdhunden. Man schwatzte, schrie und scherzte, daß es den Lärm des Regens übertönte; man zechte an langen Tischen bei Saitengeklimper, bei Brettspiel, Karten und Knöchelbecher. Herr Ludwig, der diesen Schwarm von Hofleuten nährte, ließ das viele Gold, das er aus Frankreich nach Ingolstadt verfrachtet hatte und das er im eignen, reichen Lande gewann, durch lockere Finger ins Leere laufen.

In einem kleinen, von hohem Kreuzgang umzogenen Hofe, der mit schönen Steinmetzarbeiten geziert war, standen trotz Regen und Traufe viele Herren, Söldner und Jäger mit Lachen und Schwatzen um große Holzkäfige und Körbe her, in denen Fasanen und ungarische Hirsche gekommen waren, um die Bestände des herzoglichen Tiergartens aufzufrischen. Die Jagdhunde kläfften das Hochwild an und schnupperten gierig den Duft der schönen Vögel.

Der Einrösser eilte durch lichtarme Korridore und über unbequeme Treppen hinauf. Das alte Schloß war düster und winklig in seiner Bauart. Doch die bedrückten Räume waren verschwenderisch ausgestattet, und in allen Gängen standen rotgekleidete Leibtrabanten mit vergoldeten Spießklingen.

Vor der Tagstube des Herzogs lag der einzige große Saal des Schlosses wie eine glitzernde Schatzkammer. Kunstvoll gewebte Bilderteppiche bedeckten die Wände. In verglasten Schränken schimmerte eine Fülle von Kostbarkeiten: Diademe, Gürtel und Kronen aus Smaragden und Saphiren; Heiligenschreine standen umher mit Schnitzereien aus Elfenbein; goldene und silberne Statuen glänzten, Hausaltäre mit Gemälden auf Goldgrund, verschwenderisch umkrustet von Perlen und Edelsteinen; und überall funkelten kristallene Gefäße und emaillierte Geräte, Werke der Schmelzkünstler von Limoges.

Die Heimat dieser Kostbarkeiten war Frankreich. Sein halbes Leben hatte Herr Ludwig in Paris und in französischen Königsschlössern zugebracht, wo die prunkvolle Tobsucht des Königs auf alle lebenden und toten Dinge seiner Umgebung abfärbte und aller höfische Brauch eine verrückte Schamlosigkeit atmete, für welche die Königin, Ludwigs Schwester Isabeau, das Vorbild stellte. Und als Herr Ludwig vor Jahren aus Frankreich flüchten mußte, hatte er diese ›Pfandstücke‹, für die er dem König und der Königin bayrisches Geld geliehen, nach Ingolstadt entführt — nicht adle mit gutem Recht. Seine Freunde nannten ihn drum einen ›klugen Kaufmann‹ — sein Vetter Heinrich zu Burghausen sagte: »Der Ingolstädter Dieb!«

In diesem Schimmersaal, bei der Türe, die zur Tagstube des Herzogs führte, saß ein bejahrter Mann, der Kämmerer Wolfgang Graumann, Herrn Ludwigs getreuer ›Wolfl‹. Neben ihm, auf einem großen, roten Kissen, ruhten zwei schöne, starke Hunde, braun und weiß gefleckte Bärenfinder, die aus dem berühmten Jagdhundzwinger des bayrischen Oberstjägermeisters Kaspar Törring stammten und des Herzogs Begleiter auf allen Wegen waren.

Der Einrösser machte seine Meldung, und Wolfl trat durch die Tür. Eine wohnliche Stube. Wertvolle Gemälde an den dunklen, mit goldbedrucktem Leder überspannten Wänden. Auffällig waren die vielen kleinen Statuetten von Bullenbeißern mit gefletschten Zähnen. Sie ersetzten die Spruchbänder, die in Herzog Heinrichs Stube zu Burghausen waren. Auf dem Marmorgesimse des französischen Kamines stand das größte dieser Bluthundbilder, ein schwerer Bronzeguß, auf dessen Sockel die lateinischen Worte zu lesen waren: »Memento, quia canis est!« Nach der Heimkehr vom Konzil zu Konstanz, als ein von schweren Wunden Genesener, hatte Herr Ludwig bei der Aufstellung dieser Gedächtnisstatue lachend gesagt: »Wenn ich den Mörder Heinrich einmal gebunden da herein schleppe, muß er sich das übersetzen lassen: ›Vergiß nicht, was für ein Hund das ist!‹ Selber versteht er’s nicht.«

Die Stube hatte nur zwei winzige Fenster, bekam aber eine Fülle von Licht durch den neuen Erker, der aus einer Ecke des Raumes gegen die Donau hinausgebaut war. In diesem Erker hingen zierliche Goldkäfige mit fremdländischen Singvögeln, daneben ein größerer Flugkäfig mit kleinen grünen Papageien, die unter ruhelosem Gezwitscher allerlei wunderliche Maschinerien trieben, wenn sie Futter nahmen. Mit diesem steten Vogelgeschwätz und dem Traufengeplätscher des Regens mischte sich der Klang eines kunstvollen Lautenspiels. Der Musikus, in Scharlachfarbe gekleidet, ein Dreißigjähriger mit verschmitztem Geweht, saß in einem Polsterstuhl des Erkers, Peter Nachtigall, der Hoflautner des Herzogs, der Vertraute und geheime Briefbote bei seines Herrn verschwiegenen Zärtlichkeiten. In diesem sekreten Dienste hatte Peter Nachtigall viel zu tun, obwohl Herr Ludwig im Bart, der zu Paris seine beiden Gemahlinnen begraben hatte, schon im sechsundfünfzigsten Lebensjahre stand.

In seinem stattlichen Wuchs und seiner strotzenden Lebenskraft sah der Herzog wie ein Vierziger aus. Sein Vater Stephan war ein zierliches Männchen gewesen und Ludwigs Mutter Taddäa Visconti, die Schwester von Heinrichs Mutter Maddalena, eine schlanke, feingelenkige Südländerin. Und dennoch hatte sich der Sohn solcher Eltern, das Bild des kaiserlichen Ahnherrn wiederholend, zu diesem prachtvollen, mit Stolz und Lachen begabten, ritterlich gestalteten Mannsbild ausgewachsen, während alles Kleine und Lebensdunkle der Eltern auf seine an Gesicht und Körper zierliche Schwester Isabeau gekommen war, die auf dem Throne von Frankreich saß als das übelste Weib ihres Landes. Am Pariser Hof hatte Ludwig, der sich Loys zu nennen liebte, den scharmanten Schliff französischer Sitten angenommen und sich geschult in französischem Mutwillen. Doch er hatte bei seiner Flucht aus Frankreich — neben einer kleinen, häßlichen französischen Narbe am Hals — auch eine zweifelhafte Schätzung des deutschen Wesens mit heimgebracht und eine weitgehende Skrupellosigkeit in der Wahl der Mittel bei seinen zahlreichen politischen Händeln. Es mischte sich in ihm viel Gutes mit viel Bedenklichem: ein reizbares und leichtsinniges Blut mit einem lebhaften, für alles Schöne empfänglichen Gemüt, harter Eigenwille mit rascher Barmherzigkeit, hochfahren des Wesen gegen seinesgleichen mit leutseliger Güte gegen Anne und Niedrige.

Als Wolfl die Stube betrat, fand er den Herzog zu einer Stunde, die in Ludwigs großen, dunkelblauen Augen alles Gute seines Lebens glänzen machte. Neben dem reich geschnitzten Tisch, der viele Laden und Geheimfächer hatte, stand er hoch und stattlich, in einem lose gegürteten, aus Gold und Grün gewobenen Brokatrock, die rote, mit Hermelin verbrämte Sammetmütze über dem braunblonden, nur von wenigen grauen Fäden durchzogenen Haar. Der dunkelblonde, nach französischer Art geschnittene Vollbart umrahmte das kräftig gefärbte Gesicht mit der starken Nase und den roten, sinnlich geschwellten Lippen. Eine dicke Narbe ging schräg über die Stirn, und an den schön gepflegten Händen waren die Male schwerer Schnittwunden zu sehen — die Erinnerungszeichen an jene blutige Rächernacht zu Konstanz.

Mit diesen Händen hielt Herr Ludwig in Zärtlichkeit die Hand eines schönen, zwanzigjährigen Jünglings umschlossen, der in dunklen Reisekleidern vor dem Herzog stand wie ein in Jugend erneutes Ebenbild des Fürsten: Jungherr Wieland, Sohn der schönen Jungfrau Canetta, der Tochter des herzoglichen Rates Wieland Swelher zu Neuburg.

Ohne die Hand des Jünglings zu lassen, hob Herr Ludwig das Gesicht. »Mein guter Wolfl, was bringst du?«

»Ein Bote vom heiligen Peter zu Berchtesgaden ist eingeritten, Herr Lampert Someiner, mit einem Brief, der eilig ist.«

»Keine Botschaft ist so eilig, daß sie der Reinlichkeit nicht Zeit gewähren könnte.« Herr Ludwig sah zum Fenster, vor dem der Regen versiegte. »Der Ärmste hatte böses Reisewetter. Man soll ihm ein heißes Bad richten. Laß ihn essen und trinken, was ihm schmeckt. Dann kleid ihn aus meiner Kammer!«

Wolfl Graumann verschwand.

Herr Ludwig zog die Hand des Jünglings näher an seine Brust und sah ihm herzlich in die Augen. »Jetzt geh, mein lieber Junge! Du wirst zum Anfang deiner Reise noch schöne Stunden haben. Das Wetter hat sich ausgetobt, die Sonne will wieder kommen. Reise gut und bleib gesund! Dein Hofmeister weiß, wie es nach meinem Willen auf der hohen Schule zu Bologna mit dir gehalten werden soll. Sei fleißig und lerne tüchtig! Das Leben ist eine zweifelhafte Sache, die nur erträglich wird und Wert gewinnt durch Schönheit, Wissen und Kunst. Geh auch verständig mit deiner Jugend um! Freu dich, vergeude Gold, wenn es dir Spaß macht, aber schone das Beste deiner Lebenskraft! Tue, was ich selbst zuweilen unterließ: Zügle dein junges Blut! Aus Erfahrung weiß ich, daß Sturm in den Adern immer Gefahr ist. Man kann nie voraussehen, ob das einer Tugend zuläuft oder einem Laster! So, lieber Junge! Und jetzt —« Herr Ludwig zog am Tisch eine Lade auf.

Ein leises Knirschen an der Türe. Auch die Vorhänge bewegten sich. Doch niemand kam. Peter Nachtigall hob den Kopf und unterbrach sein träumerisches Saitengezirp durch kräftige Baßklänge. Herr Ludwig, von der Erregung des Augenblicks umfangen, überhörte den klirrenden Wink. Er nahm aus der Lade eine Goldkette heraus, an der ein Taubenblutrubin von seltener Schönheit blitzte. Diese Kette legte er um den Hals des jungen Wieland. »Nimm das! Als Geschenk zum Abschied. Das ist des heiligen Ludwigs achteckiger Rubin, den ihm ein Engel brachte — sagte man.« Der Herzog fand sein frohes und starkes Lachen. »So kommen des Himmels Güter auf uns irdische Sünder.«

»Herr«, stammelte Wieland in Freude, die auch Bestürzung war, »Ihr verschwendet der Güte zu viel an mich Unwürdigen.«

»Unwürdig? Manchmal bist du’s! Es fehlt dir an Stolz und Selbstbewußtsein, zu dem du als mein Sohn ein Recht hast. Drum mißfällst du mir oft. Aber ich liebe dich. Zärtlichkeit, die ihren Gegenstand mit Lügen umschleiert, ist Schwäche. Liebe, die jeden Fehler des geliebten Menschen erkennt und dennoch liebt, ist Kraft.«

In tiefer Bewegung küßte Wieland die Hand des Fürsten. »Herr — wie soll ich danken —«

»Sag Vater zu mir! Mein Sohn bist du! Der andre ist mein Erbe, Gott sei’s geklagt!«

Peter Nachtigall spielte eine sehr lärmende Weise, während die Papageien schrill zu schwatzen begannen.

»Du wirst in kommenden Zeiten nicht gut fahren mit meinem Erben, diesem Höckerlein von Gottes Gnaden. Drum hab ich für alle Fälle gesorgt.« Der Herzog sprach immer rascher. »Ich habe dir das Donaumoos verliehen. Die Feste Hohenstein sollst du haben. Auch sind zwölftausend rheinische, sechstausend ungarische Gulden und dreitausend Dukaten bei der Stadt Regensburg hinterlegt für dich. Und zwanzigtausend Gulden liegen bei den Stadtvätern in Lauingen, leider in Landshuter Silber. Die kleine Burghausener Laus versteht sich darauf, mir Nissen in den Pelz zu legen. Aber noch besser versteht sie sich auf schlechtes Münzen. Um den Schaden für dich auszugleichen, hat ich dir zu Straßburg etliche Kostbarkeiten hinterlegt, die meine Schwester an mich verpfändete: die Krone vom Tag, der Königin Schapel mit sechzig Rubinen und zweihundert Perlen, der Königin Rosenkranz und Gürtel. Urkund über alles liegt zu Neuburg bei deinem Großvater Swelher. Nein — du sollst nicht danken! Ich gebe, weil ich liebe. Laß dich küssen! Und geh!«

Herr Ludwig faßte den schönen Jüngling mit beiden Händen am Blondhaar, zog ihn ungestüm zu sich her, küßte ihn auf beide Wangen, schob ihn heftig von sich fort, wandte sich ab und trat zum Fenster. Der junge Wieland ging mit glühender Stirn zur Türe. Als er die schweren Vorhänge beiseite schob, erschrak er, daß sein Gesicht sich entfärbte. Peter Nachtigall ließ crescendo die Laute schnurren. Und da wurde Herr Ludwig aufmerksam. Er wandte sich vom Fenster und sah, wie der junge Wieland sich gegen den Türbehang verneigte und mit jagendem Schritt davonging. Der Herzog warf einen fragenden Blick zu Peter Nachtigall hinüber, trat auf die Türe zu und guckte hinter den Vorhang. »Du! — — Was machst du da?«

Eine hohe, glatte Knabenstimme: »Ich habe der holden Musik deines Peter Nachtigall gelauscht. Freude an schönen Klängen — du weißt doch, das ist das einzige, worin ich dir gleiche.«

Dem Herzog stieg es heiß in die Stirne. »Stehst du schon lange da?«

»Schon ein hübsches Weilchen.«

Herr Ludwig, gegen das Fenster schreitend, sagte mit unverhehlter Verachtung: »Lungern und lauschen! Wer auf der faulen Haut liegt, kommt zu bösen Gedanken.« Er drehte das zornrote Gesicht über die Schulter. »In deinem Alter, mit achtzehn Jahren, hab ich meinen ruhmvollen Feldzug gegen Flandern ausgefochten.«

»Du hattest gerade Glieder.«

Aus den Vorhängen, die sich beiseite schoben, trat in reicher Kleidung ein junger mißgestalteter Mensch hervor, mit großem Kopf, der von dünnen, braunen Haarsträhnen umhangen war, mit kleinem, hinter den Schultern wunderlich gehörntem Rumpf und mit langen, mageren Beinen — ähnlich einem langfüßigen Käfer, der aufrecht schreitet. Aus dem breiten, blassen, immer lächelnden Gesicht sprach eine frühreife Klugheit. Und unheimliche Dinge blitzten in diesen dunklen, spähenden Augen.

Das war Prinz Ludwig, den sie den ›Buckligen‹ und ›Ludwig Höckerlein‹ nannten, des Herzogs Erbe, der eheliche Sohn seiner ersten Gemahlin Anna von Bourbon.

Das Volk erzählte: Als Herzog Ludwig um der Sünden seiner Schwester willen vor einer Meuterei des französischen Adels flüchten mußte, hätte man das Knäblein Ludwig in einem kleinen, engen Maultierkorbe von Paris bis Ingolstadt gesäumt; bei diesem wochenlangen, gekrümmten Liegen in dem drückenden ›Kretzen‹ hätte sich das Körperchen des Knaben so häßlich entstellt. Aber die Ärzte des Herzogs wußten es anders. Sie wußten auch, daß der schöne Sohn der Jungfrau Canetta zwei Jahre vor Ludwig Höckerleins Geburt zur Welt gekommen war, ab Herzog Ludwig — damals noch Prinz — die heimatlichen Lande bereiste und an seinem Hals die häßliche französische Narbe noch nicht hatte.

Nach dem Wort des Buckligen — »Du hattest gerade Glieder!« — war langes Schweigen in der Stube. Ludwig Höckerlein blieb unbeweglich neben der Türe stehen, in den Augen die Pein seines entstellten Leibes, seinen funkelnden Haß und seine brennende Eifersucht. Der Herzog stand bei dem kleinen Fenster und sah in Mißmut zu, wie die goldschöne Abendsonne aus den verziehenden Wetterwolken blinzelte. In weiter Ferne — von Süden her, wo die Berge lagen — klang zuweilen noch ein Murren des Donners.

Herr Ludwig fragte heftig: »Was willst du jetzt? Bleiben? Oder gehen?«

Der Prinz lächelte steinern. »Bleiben. Meister Nachtigall hat wieder eine süße Weise gefunden — nach jenem lärmenden Zwischenspiel.« Er ging mit langen, langsamen Spinnenschritten auf den Tisch zu. »Es war nicht lärmend genug.« Sein Gesicht verzerrte sich, während seine Stimme glatt und freundlich blieb. »Ich konnte bemerken, daß heute bei dir ein Schenktag ist. Willst du deinen einzigen Sohn nicht auch bedenken?«

Herr Ludwig fuhr auf: »Deinen ewigen Geldhunger vergnüg ich mit keinem Pfennig.«

»Schade! Einer liebt zu sagen: Geld ist Macht.«

Jetzt brannte der Zorn im Herzog. »Mahne mich nicht an diesen Filz!«

»Die Leute sagen, er hätte viel Macht in seinem Schatzturm.«

»Meinst du?« Herr Ludwig wurde ruhig. »Aber frag nicht, wie er zu solcher Macht gekommen. Einer hat Gold aus einem Federbett gestohlen. Als er flüchten mußte, warf er den Raub ins Wasser. Die Goldstücke sanken unter, die Flaumen schwammen. So kommen die Wertlosen obenauf. Ein Witz dies Lebens.«

»Ich danke dir.«

»Weshalb?«

»In deinem Gleichnis ist eine Hoffnung für die Stiefkinder des Glücks.« Der Bucklige fand ein spielendes Lächeln, das sein Gesicht beinahe männlich machte. »Du bist Gold. Ich bin ein Fläumchen. Wenn ein helfender Wind bläst, will ich fliegen.«

Der Herzog sah den Lächelnden forschend an. »Höckerlein! Du weißt, ich mag dich auch um deiner übelsten Bosheit willen nicht strafen. Ich spreche keinen Verbrecher zum Tode. Soll ich nicht geduldig sein gegen meinen Sohn? Aber eine Wespe, die stechen will, verscheucht man.«

»Oder man beschäftigt sie und legt ihr eine süße Birne hin — süß, auch wenn sie schon ein bißchen faul ist.« Mit einem wunderlichen Schupf des mißförmigen Körpers setzte sich Prinz Ludwig auf die Lehne eines Stuhles, der vor dem Tische stand. »Vater?«

»Was?«

»Gefällt dir die Wickerspacherin noch immer?«

»Welche meinst du?« Herr Ludwig lachte kurz. »Die Mutter oder die Tochter? Schön sind beide.«

»Welche du willst.« Die Stimme dies Prinzen zitterte von einer dürstenden Gier seines Blutes. »Laß mir die andre!«

Der Herzog wurde heiter. »Höckerlein, du redest Unsinn. Such dir was Eignes!«

»Ich finde nichts. Die Häßlichen mag ich nicht. Die Schönen nimmst du!« Der Blick des Prinzen glänzte von Bosheit. »Nun bist du schon bald ein Greis. Dich sollte der Liebe genügen. Leidenschaft in deinen Jahren ist noch drolliger als mein Höcker. Laß die Jungen werben!«

Da stieg dem Herzog der Ärger in die Kehle. »Wirb! Ich selber möchte das erleben, daß dich eine nimmt. Dann wollte Ich versuchen, dich mit ihren Augen au sehen, damit du mir besser gefällst. Du bist mein Sohn. Gott und mein Herz sagen: Ich muß dich lieben. Aber du hinderst mich.«

Von diesen heftigen Worten des Vaters schien Prinz Ludwig nur das erste gehört zu haben. »Werben? Ich bin ungeschickt. Es wäre deine Pflicht, mich in die Schule zu nehmen. Du bist sehr erfahren in diesen Dingen.« Der Bucklige drehte das entstellte Gesicht zur Türe hin, durch die der junge Wieland ver schwunden war. Dann lächelte er wieder, mit einem Lauern in den Augen. »Ist das wahr, Vater, was die Mägde von dir erzählen?«

»Was erzählen sie?«

»Daß du das Unmögliche wahr machen kannst. Unter den zahllosen Mädchen, die du verführtest, soll auch eine Cisterciensernonne gewesen sein?« Im Blick des Buckligen war Freude, als er sah, wie tief er den Vater verwundet hatte.

Herr Ludwig hob die Faust, als möchte er sie niederschmettern auf die Stirn seines Sohnes.

Der Bucklige saß unbeweglich und sah den Vater neugierig an.

Mühsam sagte der Herzog: »Ich glaube stark zu sein wider eine Welt. Gegen deine kindische Schamlosigkeit bin ich machtlos.« Er tat einen Gang durch die Stube und blieb beim Erker stehen. »Nachtigall? Hast du das gehört? Was der Junge in seiner bösen Knabentorheit schwatzt, ist eine Komödie, daß meine Pariser Fratzenschneider mir keine lustigere vorspielen könnten.«

Langsam streckte sich der Bucklige. Seine Zunge, wie die Zunge eines Dürstenden, leckte über die bläulichen Lippen. Und seine Augen brannten. »Ich wüßte dir eine, die noch lustiger wäre.«

»Spiele sie!« schrie Herr Ludwig.

In die Wangen des Prinzen stieg eine krankhafte Röte. »Um diese Komödie für deine heiteren Nächte schreiben zu können, müßt’ ich erst wissen, wie es der Oheim Galeaz Visconti machte, als er zu Mailand deinen Großvater Barnabas von der Herrschaft wegschob. Hat er ihn nicht auch im Kerker erwürgen lassen?«

Herr Ludwig stand eine Weile regungslos, in Entsetzen den Sohn betrachtend. Dann drehte er das Gesicht zum Erker. »Schweig, Nachtigall!« Die Laute verstummte. »Und verhänge die Käfige! Meine Vögel sollen nimmer singen. Aber bleibe bei mir! Ich mag nicht allein sein — mit diesem Kind!«

Während Peter Nachtigall mit dunkelroten Tüchern die Käfige verhängte, ging Herzog Ludwig rasch auf den Prinzen zu und schrie: »O du Laus du!« Er wurde ruhig. Die Kraft seines Lieblingswortes schien den wühlenden Zorn in ihm beschwichtigt zu haben. Ernst, beinahe traurig, sagte er: »Höckerlein! Laß dich warnen! Die Geschichte ist ein Schulmeister. Ermuntern soll das Vorbild der Guten. Das Schicksal der Bösen soll abschrecken.«

Der Bucklige lächelte fein. »Das ist eine bequeme Lehre für solche, die bös gewesen. Wenn die Maus satt ist, erzählt sie, das Mehl wäre bitter.«

Die Augen des Herzogs erweiterten sich. »Was soll das heißen?«

»Ich habe heut in alten Pergamenten gekramt. Da fand ich eine Urkund, in der sich dein Vater eidlich von dir versprechen ließ, daß du ihn zeitlebens ungekränkt bei Gewalt und Fürstentum lassen solltest.«

Dem Herzog fuhr eine heiße Blutwelle ins Gesicht.

Und freundlich fragte Prinz Ludwig: »Ist diese Urkund eine Fälschung?«

Ein wühlender Kampf im Herzog. »Nein.«

»Also hatte dein Vater Ursache, sich das von dir versprechen zu lassen? Wenn es dich beruhigt, Vater, unterschreib ich dir das gleiche Pergamente.«

In der Stube war dumpfe Stille. Verschwommen klang aus den Höfen das Geläut der Jagdhunde und die lärmende Heiterkeit des großen Menschenschwarmes. Sich nach vorne beugend, sagte Herr Ludwig mit zerdrückter Stimme: »Kind! Sieh meine Augen an! Sind sie naß?«

Heiter lächelte der Bucklige. »Ich weiß ein Sprichwort: Besser, es weint der Vater als das Kind. Oder heißt es anders?«

Lange schwieg der Herzog. Dann sagte er, äußerlich ruhig, doch mit einem Beben in der Stimme: »Höckerlein! Mir graut vor deiner Seele. In dir verbindet sich mein Mutwille und meine Gewalttätigkeit mit Vetter Heinrichs Niedertracht und Schläue. In jeder List und Verschlagenheit bist du so wohl unterrichtet wie deine Tante in Frankreich. Du kannst ein Fürst werden, von dem die nachkommenden Ge schlechter viel erzählen«

»Meinst du, viel Gutes?«

»Nein! Empörung und Meineid stehen auf deiner Stirne. In seltener Mischung! Die solltest du fortpflanzen. Um der Rarität willen! Wirb! Wirb! Wirb! Er wäre möglich, daß eine dich nimmt. Dir fehlen Herz und Bauch, du hast nur Hirn und Geschlecht. Für gesunde Weiber ist das zu wenig. Aber ich habe Weiber kennengelernt, die am kranken Grauen und am körperlichen Widersinn eine Freude hatten. Ein Weib wirst du also finden. Aber keine wird dich mit einem Sohn beschenken. Das Weib, das du zur Mutter machst, wird Katzen gebären. Oder sie müßte dich mit ihrem Koch betrügen. Da gibt es Beispiele.« Herr Ludwig atmete tief. »Böse? Ja, mein zärtliches Kind! Man darf böse sein. Wenn das Notwendige nicht im Guten vorwärts will. Aber können muß man’s. Nicht schwach darf man sein. Wie die kleine Laus von Burghausen. Fäuste muß man haben und Herz und Blut und Knochen! Und ein Lachen muß man besitzen, das die guten, dummen Menschen versöhnt. Du bist ein armseliger Tropf im schwächlichen Hunger deiner kranken Knabensinne, die faul geworden, ehe sie noch reif wurden. Geh aus meiner Stube! Flink! Und greif dir eine von meinen Badmägden, die mir nur die Waden kneten dürfen und die Sohlen schaben! Geh! Ich mag dich heut nimmer sehen.«

Mit aschfarbenem Gesicht, doch immer lächelnd, machte Prinz Ludwig seinen langsamen, wippenden Käferschritt und verließ die Stube.

»Nachtigall, spiele mir was, und laß die Vögel wieder singen!« Herr Ludwig ging erregt in der Stube auf und nieder. »Drei Kinder wurden mir in Paris geboren und starben jung. Ihre zwei Mütter hatten zu wenig Sonne im Leib, um meine Kinder für das Leben reif zu machen. Nur diesen einzigen, der noch lebt —« Der Herzog sprach den Satz nicht zu Ende. Seine Schritte wurden schneller, und in Zorn murrte er vor sich hin: »Allerlei Kostbarkeiten habe ich aus Paris davongetragen.« Er sah zur Türe hinüber. »Um eine zu viel!« Ein schwerer Atemzug hob seine breite Brust. »Wahr ist’s, Nachtigall! Ich hab viel gesündigt an meinem Haus.« Er deutete nach der Türe. »Der da sieht aus, als sollte er’s vergelten an mir.«

Die Vögel zwitscherten wieder, und Nachtigall spielte die zärtlichste seiner Weisen. Herr Ludwig schüttelte den Kopf: »Laß gut sein! Mein Gehör ist verdorben, alles klingt mir falsch«.

Der Kämmerer Wolfl brachte eine Meldung. Und dann trat ein kleiner, hochbejahrter Mann mit weißem Faltengesicht in die Stube, dunkel gekleidet, mit einer seidenen Schaube: Herzog Ludwigs Geheimschreiber, der Stadtpfarrer Gabriel Gleslin. Ihm folgte ein Laienpriester, vierzigjährig, in langem Schwarzkleid; eine gesunde, derbe Gestalt war’s, mit sonnverbranntem Gesicht und groben Fäusten; doch unter der braunen Haut an Stirn und Wangen war dem Manne das Blut entronnen, eine wehe Angst bettelte in seinen Augen, und seine Fäuste zitterten. Er neigte sich tief.

»Wer ist das?« fragte der Herzog.

Gleslin erwiderte: »Einer, der den gnädigsten Herrn um Gnade bitten möchte.«

Herr Ludwig betrachtete den Mann, schickte den Meister Nachtigall mit einem stummen Wink aus der Stube und fragte wieder: »Wer ist das?«

»Der Pfarrer von Kösching.«

»Sooo?« Der Herzog nickte heiter. »Von Kösching? Der, als der Papst den Bann über mich verhängte, so flink seine Kirche schloß, die Lichter ausblies und das Sakrament versperrte?«

»Ich mußte, Herr!« Der Pfarrer kämpfte um jedes Wort. »Als Priester! Nach meinem Eid!«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
700 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain