Kitabı oku: «Der Ochsenkrieg», sayfa 19
Herr Jettenrösch, der nicht nur das schmuckste Pfennigweiblein, sondern auch eine poetische Ader besaß, wurde durch die Schilderung der Sackmachergreuel dichterisch angeregt. Während er im Schöße des frummen Fräuleins Rusaley die von den Musen geküßte Stirn ruhen ließ, preßte er seinen Zorn über die Missetaten des Feindes in eine vaterländische Elegie, deren lateinische Hexameter besagten:
»Vierzehnhundert zwanzigundeins, im Jahre des Unheils,
Als die siebzehnte Sonne des Juli aus Nebeln emporstieg,
Wurde mein Berchtesgaden tückisch bekriegt und geplündert.
Gleich einer heidnischen Horde warf sich der Feind in den Tempel,
Raubte den kostbaren Schmuck, entraffte die frommen Geräte,
Schleppte die Meßbücher fort und — leider — die wertvollen Kelche,
Samt den mit edlem Gestein umkrusteten Knöchlein der Heil’gen.
Dreimal weh den Verruchten, die an des Münsters Altären
Häcksel, Hafer und Heu ihren mistenden Rossen geboten!
Solcher Frevel ward noch erhöht durch greuliche Sünde:
Denn die verdammten Halunken — so nicht wissen, wen Gott ist —
Schleuderten nicht nur schändlich fort die göttliche Zehrung,
Nein, sie stahlen — o pfui! — uns auch die Monstranz noch, die goldne.
Zwiefach wurde der göttliche Kult gestört und geschädigt:
Nicht nur die Priester mußten entfliehn, auch die Schwestern, die frommen,
Da sie mit Recht die Schändung der heiligsten Güter besorgten.
Weh! Diesen Greuel verschuldete Herzog Heinrich der Schwarze.
Nennt sich: katholischer Christ! Und ist eine Geißel der Kirche!
Fürst von Bayern, du, hab acht, dein wartet die Hölle!«
Als der Mondschein über die Wipfel des Bergwaldes, hinglänzte und am Feuer die schmorenden Gänse dufteten, trug Herr Jettenrösch mit einer Stimme, die von Ergriffenheit bebte, seine lateinische Dichtung vor. Und als der begeisterte Sänger schloß und in der Stille des Bergwaldes erwartungsvoll umherblickte, erhob sich reichlicher Beifall. Es applaudierten auch jene, die gar nicht Latein verstanden.
Der junge Sigwart zu Hundswieben preßte das Gesicht in die Hände und bewegte schluchzend die Schultern.
»Liebster?« fragte der geschmeichelte Dichter. »Weinst du über das Unglück unsres Landes?«
»Nein!« Hundswieben hob das grinsende Gesicht mit dem Pflasterknoten auf der Nase. »Unser unglückliches Land wird sich in Bälde wieder erholen. Ich weine über deine schlechten Verse, die in Ewigkeit nicht mehr besser werden.«
Herr Jettenrösch ärgerte sich. Alle andern lachten. Die heitere Stimmung mehrte sich noch, während man die am Spieße knusperig ausgefallenen Gänse verzehrte und gegen die Kühle der Bergnacht mit stark gewürztem Glühwein ankämpfte, der nicht nur den Magen wärmte, auch das Blut in allen Adern befeuerte. Gewagte Scherzworte flatterten auf; neben den erlöschenden Feuern begannen allerlei Zärtlichkeiten heimlich zu spielen, und die Töchter der Hofbeamten ließen sich von den Domizellaren in modischen Gebräuchen unterrichten. Sogar die jungen Nönnlein beteiligten sich lebhaft an Gesprächen, wie sie sonst im Schwesternhause niemals geführt wurden. Und sie bekamen glühende Wangen, als die frummen Fräulein Rusaley, Aglaja und Gerilind ein süßes, sehnsuchtsvolles Liedchen mit feinem Dreiklang hinauszwitscherten in die stille, schöne Nacht.
Das Mondlicht tauchte hinter den Watzmann hinunter, das sanft rauschende Dach der Bäume wurde finster, kleine Leuchtkäferchen flogen um, und während es den Anschein hatte, als wäre das Lager der Flüchtigen schon tief in Schlummer gesunken, huschte mit leisem Kichern das ewig Menschliche durch den friedvollen Bergwald — — —
— Um diese dunkle Stunde erwachte zu Berchtesgaden eine Schläferin und fuhr aus den Kissen auf, geweckt durch einen heiser gellenden Schrei der eigenen Kehle.
Ihre verstörten Augen irrten in der Finsternis, von der sie umgaben war, und fanden die matte Helle des kleinen, vergitterten Fensters. Mit wirbelnden Sinnen und unter tobenden Herzschlägen begann sie dieses Entsetzliche zu verstehen: Die Feinde hatten sie gefangen, hatten ihr das blutige Eisen aus der Faust gewunden und hatten sie zu ewiger Strafe verdammt; und nun lag sie in diesem finsteren Kerker, zu gerechter Buße für die unmenschliche Tat, die sie begangen hatte im Grausen der Schlacht. Begangen? Wer? Ihre eigne Faust, ihr Herz, ihr Wille? Nein! Nein! Nur dieses schreckliche, von einem bösen Geist geführte Eisen hatte das Grauenvolle verbrochen. Dieses Eisen, das ein lebendiges Ding mit eignem Willen war und immer stach und schlug und mordete! Dieses Eisen, das ein widerstrebendes, von allen Schrecken der Erde gepeinigtes Menschenkind hinter sich her riß und die an den Schwertgriff gebannte Faust mißbrauchte, um eine geliebte Stirn zu spalten.
Zitternd an allen Gliedern, brennend an Leib und Seele, saß die Erwachte in den Kissen, immer gemartert von der Angst, daß sie diesen heiseren Todesschrei des Erschlagenen noch einmal hören müßte.
Die Finsternis eines Kerkers? Nein! Das war die schwere Nacht, die sich über das Schlachtfeld beugte. Mit dunklem Mantel umwickelte sie die vielen noch Lebenden, die sich in Schmerz und Wunden krümmten, und bedeckte schwarz die vielen Toten, die sich nimmer regten. Wie verkohlte Pfähle lagen sie da. Nur ein einziger glich noch einem Menschen, war klar zu sehen, deutlich zu erkennen. Wie in schöner Sonne lag er inmitten dieser grauenvollen Finsternis, hatte einen roten Blutstrom auf der weißen Stirne, war tot und hatte dennoch offene, lebende Augen. Und als die Suchende kam, diese verzweifelt und ruhelos Irrende, da richtete sich der Tote wie durch ein Wunder auf, war anzusehen wie die Lichtgestalt eines Heiligen, streifte mit langsamer Hand das Blut von seiner Stirne fort, lächelte ein bißchen und sagte leis: »Ich bin nicht, was du mich gescholten hast. Warum erschlugst du mich?«
Sie wollte schreien und streckte die Arme. Da zerfloß das leuchtende Bild in der Finsternis. Und die tastenden Hände der völlig Erwachten fühlten die kühle Mauer, fühlten das Tischlein mit Teller und Glas, die Vorhänge des Bettes und die linden Kissen, die heiß waren von der Glut ihres zitternden Leibes. Und da fiel in ihre Seele ein neuer Sturm, der sich mischte aus Schmerz und Sehnsucht, aus Glück und Freude. Jetzt wußte sie, dieses Fürchterliche war nur ein Traum gewesen, ein böser Traum, der sich weitergesponnen hatte vor ihren offenen Augen. Und da wußte sie auch wieder, wem diese kleine Stube gehörte — wußte, in wessen Bett sie lag. Erschrocken und selig preßte sie unter zerbissenem Schluchzen das Gesicht in die Kissen, die naß wurden von ihren Tränen. Und während ein lautloses Schluchzen ihren Körper schüttelte, glitt alles, was seit den Gewitterstunden auf dem Untersberg nur ein unbewußtes Erleben gewesen, in jagenden Bildern an ihr vorüber.
Diese grauenvolle Nacht! Sie ist wie ein Zorngericht des Himmels, der die sündhafte Erde verdammt. Dieses ohrenbetäubende Rauschen des Regens, der den lohenden Brand des Waldverhaues ertränkt und in der Finsternis auf die Menschen lospeitscht! Dieses Feuerschwimmen der Blitze, das ruhelose Gebrüll des Donners! Zwischen Sturzbächen und springenden Felsbrocken kämpfen sich die Sechsundzwanzig Schritt um Schritt durch die steile Wand, bei jedem Atemzug bedroht von einer unsichtbaren Faust des Todes. Mühsam und keuchend klettern sie. Kein Blitz mehr. Nur manchmal noch ein mattes Aufleuchten. Und immer ferner rollt der Riesenkarren des Donners. Unter dicken Nebelfluten will der Morgen grauen. Die Sechsundzwanzig hocken hinter Steinblöcken, die zum Sturz gerichtet sind, und harren im Gewoge des Nebels auf das Sturmzeichen vom Fuchsenstein. Der Tag wird hell, und sausender Westwind fährt in die Nebelschwaden. Manchmal taucht eine Bergrippe, ein Stück des Tales aus dem wirbelnden Grau heraus. Da dröhnt der erste Schuß der ›Landshuterin‹. Schuß um Schuß, glle mit dem Echo zusammenrinnend zu einem ununterbrochenen Tongebrüll. Jetzt ein dumpfes Gerassel. Ein Turm ist gefallen, ist ein Schutthaufen über zerdrückten Leichen. Verwehte Menschenstimmen, wie das Kreischen lustiger Kinder. Spielen sie Krieg, diese Kleinen? Man hört ein Gemecker wie von winzigen Trompeten. Durch einen Riß des Nebels sieht man drunten im Tal das Aschenfeld des niedergebrannten Waldverhaues. In dieser Asche kriecht eine lange, bunte Raupe mit glänzenden Haarbüscheln — die Kolonne der Stürmenden mit Langspießen und Mauerleitern. Wirres Geschrei, und jetzt ein feines Klingen, als würde ein Sack Münzen ausgeleert. »Achtung!« schreit Malimmes. »Die sind bei der Mauer schon handgemein.« Auf dem Fuchsenstein drei schmetternde Trompetenstöße. »Los! Fürwärts!«
Ein Geklirr der Schienen und Platten. Eiserne Schultern stemmen sich gegen die fällig gestellten Felsblöcke. Sechsundzwanzig Stimmen schreien die Sturmlosung. Die Blöcke fangen zu rollen an, springen und poltern, verschwinden krachend im Nebel. Schreck und Verwirrung rennen dem Häuflein der Sechsundzwanzig als Kampfgenossen voraus. Der Widerstand der Besatzung, von einer dunklen Gefahr im Rücken gefaßt, wird schwächer und zerflattert. Wie ein Schwärm von Flöhen hüpfen die Bayrischen über die zerbröselte Mauer. Und Fünfundzwanzig, die aus dem Wald herausbrechen, schlagen mit blitzenden Schwertern los. Nur einer, ein schlanker Bub, bringt keinen Streich zuwege, ist wie ein Blinder, wie ein halb Ohnmächtiger. Malimmes, der immer lacht und schreit, muß mit dem sausenden Bidenhänder die Hiebe der Gadnischen von dem Buben abwehren und kreischt ihm zu: »Denk an den Jakob!« Und da schrillt die Stimme des Buben: »Jakob, Jakob, Jakob, Jakob!« Jeder Schrei dieses Namens wird ein zorniger Streich mit dem, Eisen. Klirrendes Gemenge. Spritzendes Blut. Braune Gesichter werden bleich. Menschen stürzen und seufzen, winden sich stöhnend unter eisernen Tritten. »Los, los, fürwärts«, brüllt Malimmes, »hinter meinem Herren her, oder mein Herr ist hin!«
Mit dreschenden Hieben hat Runotter eine Gasse durch das kämpfende Gewühl gebrochen. Er schlägt und schlägt. Seine Augen suchen. Jetzt ein Schrei wie in tierischer Freude. Er hat den Gegner gefunden, den er suchte. Prasselnd fallen des Runotters Hiebe auf diesen Keuchenden nieder, der sich verzweifelt wehrt. Die Stahlhaube des Gadnischen Hofmanns geht in Scherben, ein rotes Bächlein fährt ihm über Nase und Bart. Da saust der lange Bidenhänder zwischen die beiden hinein, Malimmes stößt den Bruder seitwärts, faßt den Taumelnden am Bein, reißt ihn zu Boden — »Narr! Bleib liegen!« — und über den Blutenden geht das wüste Gedräng der Kämpfer hinüber. Auf allen vieren fängt Marimpfel zu kriechen an, gewinnt den Waldsaum, reißt einen von den angepflöckten Gäulen los und klettert mühsam in den Sattel des scheuenden Tieres.
Ein letzter, wilder Kampf um Hof und Torhalle der Feste. Wieder sucht Runotter. Und findet. Jetzt fährt ihm auch kein Bidenhänder vor die dreschende Klinge hin. Unter dem lallenden Todesschrei »Herr Jesus!« bricht der Gadnische Vogt wie eine klirrende Eisensäule unter den Streichen des Bauern zusammen. Ein wirres, jubelndes Geschrei. Das Tor ist genommen. Die Brücke fällt. Durch die Torhalle drängen Herzog Heinrichs Harnischer. Der alte Hauptmann des Hallturms, Herr Armansperger, wird vom Gaul gerissen und gefangen. Mit drängendem. Gewirre — halb noch Kampf, doch halb schon eine schauerliche Posse — beginnt die Flucht der Überwundenen, umschleiert von wehenden Nebelfetzen, umwirbelt vom Qualm der brennenden Gebäude. Die Sieger sind verwandelt in gierige Sackmacher. Hundert Stimmen schreien? »Die Gaul! Die Gaul!« Rennende Troßknechte. Ein Gewühl von Rossen, die man vom Aschenfeld hereinbringt durch die mit Leichen und Verwundeten gepflasterte Torhalle. Hinter den Flüchtenden geht ein grausames Jagen und Hetzen her. Und der schlanke Bub, ohne Eisenhut, mit blutbespritzter Kettenhaube, den Küraß und die Schienen von Schmutz und Asche umkrustet, rennt und schreit, findet den Falben, zerrt sich in den Sattel, taumelt auf dem Gaule, den er hetzt und mit schmeichelnden Lauten kost — und hinter dem Buben schreien zwei Erschrockene in Sorge: »Jul! Jul! Jul!« —
Vor der Seele des gequälten Menschenkindes, das in dunkler Nacht unter ersticktem Schluchzen das Gesicht in die Kissen wühlte, erlöschen die Bilder. Alles Geschehene wird ein Wirres und Unbegreifliches, ein Schauder und Grauen, wird eine müde Dumpfheit ohne Sinn und Willen, wird zur Marter einer hilflosen und verstörten Sehnsucht.
Um das kleine, vergitterte Altanenfenster dämmert das Erwachen des Tages.
Und irgendwo ist ein leises, ruheloses und wunderliches Tönen. Das klingt, wie wenn ein Schnitter seine Sense dengelt — und klingt, als wär’s der hastige Schlag eines stählernen Herzens gegen eine Brust von Eisen.
Zweites Buch
1
Die erste Stimme des jungen Morgens, der zu Berchtesgaden erwachen wollte, war ein dünnes Pochen und Klingen, das sich flink und ruhelos wiederholte.
Im Flur des Someinerschen Hauses saß Malimmes rittlings auf einer Holzbank und klopfte mit dem Hammer an des Buben Küraß die Dullen aus.
Auch von den Nachbarhäusern war das gleiche Hämmern und Pochen zu hören. Gepanzerte Wachen klirrten auf der Straße vorüber; Gäule wurden hin und her geführt; verstörte Weibsbilder huschten vorbei; und von irgendwo hörte man den johlenden Gesang bezechter Kriegsleute.
Malimmes hob das Eisenzeug auf den Arm und ging zur Amtsstube. Die zwei Knechte waren schon im Stall; Runotter schlief noch und lag auf dem Heu wie ein regungsloser Klotz. Um Ruhe zu finden, hatte dieser sonst so Mäßige am verwichenen Abend schwer gebechert, bis spät in die Nacht hinein. Der Soldknecht beugte sich nieder und rüttelte den Schlafenden am Arm. Runotter hob den Kopf; sein stumpfer Blick ging langsam über die hellen Fenster hin. »Herr«, sagte Malimmes, »der Morgen ist da.« Dann stieg er die zwei Treppen hinauf, stellte die blanken Wehrstücke des Buben auf den Boden hin und ließ das Eisen ein bißchen klirren. Er lauschte.
In dem weißen Stübchen da drinnen blieb es still.
Als Malimmes wieder hinunterstieg, begegnete ihm die Amtmännin, die verschüchtert die böse Narbe des Söldners anstarrte. Sie schien diesen schreckhaft aussehenden Kerl, obwohl er lachte, nicht unter die guten Seelen zu rechnen. Er sagte: »Frau! Für den Buben da droben müsset Ihr was tun!«
Frau Marianne nickte gleich.
»Er hat bei der Hallturmer Mauer das Helmdach verloren. Jetzt braucht er ein neues Eisenhütl.«
Die Amtmännin stammelte: »Ach, Mensch, da weiß ich aber nicht —«
»Geh, Frau! Ihr habt doch einen ausgewachsenen Sohn.«
Schweigend ging Frau Marianne davon. Und sie hatte nasse Augen, als sie einen zierlichen Stahlhelm mit grauem Reiherbusch aus der Stube brachte.
Malimmes lachte. »Gelt? Wenn man will, geht alles. Jetzt tragt ihm das Hütl aber auch selber hinauf! Mit einem rechtschaffenen Frühmahl!« Er nickte der Amtmännin lustig zu. Drunten im Hofe fand er den Runotter, der sich am Brunnen wusch. »Recht so, Herr! Kalt Wasser ist gut. Des Weins, mein’ ich, ist dir gestern ein Kitzel zu viel worden? Nit?«
»Ich hab schlafen können.« Runotter richtete sich auf. Seine nassen, völlig ergrauten Haare tropften, und dünne Glitzerfäden liefen ihm über das müde Gesicht. »Jetzt bin ich wieder nüchtern. Und da ist mir allweil eine Frag im Hirn.«
»Was für eine?«
Mit schwerer Trauer in den Augen sah Runotter den Söldner an. »Was besser ist: Unrecht leiden oder Unrecht tun?«
»Herr! Da ist eins so dumm wie das ander. Der richtige Weg geht zwischendurch.«
»Den finden bloß die Glückhaften.«
»Nit wahr ist’s. Man muß halt suchen. Aber komm! Eins nach dem andern. Jetzt essen wir zuerst die Supp.«
Als sie bei der Schüssel saßen, kamen zwei von den Plaienschen Soldknechten und holten den Malimmes zum Hauptmann Grans. Er schien diesen Weg nicht gerne zu machen. Und flüsterte dem Runotter zu: »Laß den Buben nit aus dem Haus! Und die Gäul müssen unter Zaum und Sattel sein. Den ganzen Tag.«
»Was fürchtest?«
»Geforchten hab ich noch nie was. Aber gestern hab ich allerlei gemerkt, das mir nit gefallen hat. Wir reden noch drüber. Jetzt muß ich zum Hauptmann. Hauptleut warten nit gern.«
Als Malimmes das Haus verlassen hatte, legte Runotter seine Platten an und ging zum Stall. In den kleinen Hof, wo der Brunnen war, fiel schon die Morgensonne herein. Runotter guckte am Haus hinauf und sah auf der Altane des zweiten Stockes den Buben stehen, in Küraß und Schienen. Jul, ganz in Sonne, das schmale Gesicht umschattet von den dichten Strähnen des schwarzen Haares, beugte sich über das Geländer, nickte dem Gepanzerten im Hof da drunten zu und wollte in die weiße Stube treten. Doch heiß erschrocken blieb der Bub auf der Altanenschwelle stehen, ein schlanker Schatten vor dem Glanz der Sonne.
Frau Marianne, den zierlichen Stahlhut mit den grauen Reiherfedern auf dem Arm, und die alte Magd, mit Wein und Mahl für den Durst und Hunger eines Riesen, kamen zur Tür herein. In ängstlicher Hast bestellte die Magd den kleinen Tisch und surrte davon. Die Amtmännin machte erstaunte Augen, als sie das säuberlich bedeckte Bett und das sorgfältig aufgeräumte Stübchen sah. Zum erstenmal, seit die Kriegsleute in ihr Haus gefallen, bekam ihr Gesicht einen ruhigen, fast frohen Ausdruck. Der rätselhafte Schutz, der ihrem Haus zu Hilfe gekommen war, hatte ihr Herz nicht so zutraulich berührt wie die Ordnungsliebe dieses gepanzerten Knaben. »Junger Mensch«, sagte sie, »dich hat deine Mutter gut erzogen.« Weil der Bub gegen die Sonne stand, konnte sie die Erschütterung nicht gewahren, die den Wortlosen befiel. Sie reichte ihm den schmucken Helm mit den Reiherfedern hin. »Der Soldknecht mit der bösen Narb hat mir gesagt, du tätst ein Eisenhütl brauchen. Da ist eines. Ich hätt’s keinem anderen gegeben. Dir geb ich’s gern.« Sie sagte herzlich. »Komm, tu dein junges Köpfl her! Ob das Hütl paßt?«
Jul beugte den Kopf. Und von den Schultern fiel ihm das schwarze Haar um die heißen Wangen.
Frau Marianne hob den Stahlhelm über die Stirn des Buben. »So ein junges Köpfl muß guten Schutz haben!« Sie seufzte schwer. »Ach, der Krieg!« Da wurde sie wieder heiter. »Guck nur, wie das Hütl sitzt!« Sie trat zurück und betrachtete den Buben mit Wohlgefallen. »Meinem Sohn hat’s auch so gut zu Gesicht gestanden. Der hat’s gekriegt, wie er wehrhaft worden ist.«
Erschrocken nahm Jul den Helm herunter. »Das Hütl nimm ich nit. Ich bin kein Sackmacher.«
»Du? Ein Sackmacher? Und hast meinem Haus den Fried geschenkt. In einer schiechen Zeit.«
Hastig sagte der Bub: »Bloß weil ich den flinkeren Gaul hab, bin ich der erste beim Tor gewesen. Daß Eurem Haus nichts Ungutes widerfahren soll, das hat mein — — Wahr ist’s, Frau! Das hat der Runotter so haben wollen, mein Vetter.«
Frau Marianne beugte den Kopf, wie um hinunterzulauschen nach der üblen Leidenskammer ihres Mannes. Dann sagte sie ernst: »Was man deinem Vetter getan hat, ist ohne Verstand gewesen. Und da vergilt er’s an unserem Haus mit gütigem Fried! Dein Vetter ist ein redlicher Mann. Soll ihn der schieche Krieg nicht anders machen. Der Krieg ist ein Leutverderber.« Während Frau Marianne diese Goldmünze ihrer Weisheit prägte, hatte Jul mit zitternden Händen den Helm auf die Bettkissen hingelegt, in die das blinkende Eisen lautlos versank. »Aber komm, Bub, jetzt tu dich hersetzen! Ganz wohl ist mir, daß ich ein lützel plauschen kann. Dein Mahl hab ich selber gekocht. Da möcht ich auch zuschauen, wie’s dir schmeckt. Greif zu! Es ist dir vergönnt.« Sie legte ihm vor, füllte das Weinglas und redete dem Zögernden herzlich zu. Und immer betrachtete sie den Buben, während er aß. »Vor sieben Jahr, bei einem Richtmannsfest in der Ramsau, da hab ich deines Vetters Mädel gesehen. Ist selbigsmal noch ein halbes Kind gewesen. Und so viel trutzig gegen meinen Buben. Ich muß dran denken, weil ich mein’, du ähnelst ihr ein lützel.«
Jul beugte das Gesicht über den Zinnteller. »Oft sagen’s Leut.«
»Wo ist das Mädel jetzt?«
Mühsam antwortete der Bub: »Es heißt, die hat der Vetter hinübergeschickt ins Pondau — zu seiner Schwägerin —«
»Ist das deine Mutter?«
Der Bub schüttelte den Kopf.
»Wo lebt deine Mutter?«
Jul hob den Kopf. »Meine Mutter hat sterben müssen. Schon lang.«
»Ach —« Mit beiden Händen griff Frau Marianne über den kleinen Tisch hinüber. Und während sie die zitternde Faust des Buben streichelte, sagte sie: »Dir lebt deine Mutter noch allweil. Sonst wärst du nicht, wie du bist! Aber komm, tu trinken und essen! Mein armer Ruppert sagte allweil: Trauer därf nie des Hungers Feind sein. Und du bist mir nicht bös? Gelt, nein? Ich hab gemeint, ich tu dir was Liebes an, wenn ich von deiner Mutter red.«
»Ja, Frau!« sagte der Bub mit seiner schönen dunklen Stimme. »Tausend Vergeltsgott — weil Ihr so gut seid — zu mir —«
»Du gefällst mir. Und schau, ich bin doch auch eine Mutter und hab einen Buben.« Frau Marianne tat einen schweren Seufzer. »Der muß jetzt umeinandreiten in der Welt, ich weiß nicht, wo! Und kann in Fahrnis und Kriegsnot kommen. Gott verzeih mir die Sünd — ich denk oft: Der Herrgott ist auch bloß Mannsbild. Sonst müßt er doch dreinschlagen mit dem himmlischen Besen. Bei so viel Narretei auf der Welt! Aaaah, freilich! Brandschatzen, Kästen zerschmeißen, Weiber nöten, mit Pulver pumpern, mit Eisen scheppern — und nachher brüsten: Hui, was ist der Krieg für ein lustig Ding! Und was eine Mutter ist, die kann derweil versterben vor lauter Angst um ihren Buben. Kein Stündl bei Tag und Nacht, wo man nit fürchten muß, jetzt, jetzt, jetzt rumpelt so ein Haufen Lauskerl über meinen Buben her und metzget ihn nieder. Wegen siebzehn Ochsen! Ja, Ochsen! Wer sind denn die Ochsen? Die den Krieg machen, die sind’s!« Frau Marianne mußte für ein Weilchen verstummen, um ihre reichlich fließenden Tränen zu trocknen; bei dieser feuchten Beschäftigung gewahrte sie nicht, daß auch dem gepanzerten Buben zwei schwere Perlen herunterkollerten über den Mund. »Ach, Bub — freilich, du, ein junges Mannsbild im ersten Eisen, du denkst wohl anders — aber tu’s einer Mutter nicht verübeln, was sie leiden muß!«
Jul schüttelte den Kopf.
Und die Amtmännin klagte weiter: »Tätst du nur wissen, was für ein richtiges Leben in meinem Lampert ist! Und schau, wenn ich gut bin zu dir, als Mutter zu einem fremden Buben — es muß doch, noch irgendwo ein lützel Gerechtigkeit geben — schau, da darf ich mir denken: Was ich tu an einem Fremden, das kommt in der schiechen Welt da draußen meinem Buben wieder heim von einer fremden Mutter.«
Da flüsterte eine dunkle Stimme voll Inbrunst: »Gott soll’s geben!«
»Gelt, ja?« Und Frau Marianne, in einem Sprudel zärtlicher Worte, schüttete das Lob ihres Sohnes aus bedrückter Seele heraus. Wie aufrecht, fest und redlich er wäre, wie herzlich zu seiner Mutter, wie fleißig und tüchtig in seiner Wissenschaft, wie klar und reinlich in seinem Leben, wie geschickt und klug in allen Dingen, zu denen man Vernunft benötigt. »Und wär’s meinem Buben nachgegangen, so hätt das ganze Elend mit dem Ochsenkrieg nie angehoben. Der Bub hat allweil dawider geredet. Aber nein! Recht muß Recht sein! Und da schreien die Bänkelsänger aus, wir Weibsleut wären so —« Frau Marianne hob in Zorn die Arme über den Kopf und machte die berühmte Bewegung des Knickens auf dem Daumennagel. »So? Ja? Und wie sind denn die Mannsleut? Die fahren doch gleich mit Kammerbüchsen los gegen jeden Rechtsfloh, der in ein Gräsl beißt. Mein Bub hätte den Unsinn noch hindern mögen in der letzten Stund. Jesus, wenn ich drandenk, wie er auf seinem Rössel hinausgesurrt ist zum Haustor! Da hat kein Schrei seiner Mutter nimmer geholfen. Weißt, er hätt die Pfändleut noch gern überholt. Und wie ist er heimgekommen am Abend! Das Gesicht so weiß wie das Bett da! Und den linken Arm haben sie ihm ausgeschmissen, die Unmenschen. Und schier kein richtiges Wörtl nimmer hat er im Hals gehabt. Weißt, beim Burgstall am Gwöhr, da hat er die Pfändleut noch gesehen, hoch droben auf der Bergschneid. Und da hat mein Bub in seiner Sorg einen Schrei getan, der ihm die Stimm zerrissen hat. Das ist noch allweil nicht gut.«
Erschrocken verstummte Frau Marianne und betrachtete ratlos den schweigsamen Buben. Der zitterte so heftig, daß die Stahlschienen an seinen Armen knirschten. Sein Gesicht war entstellt, und die weit geöffneten Augen brannten wie der Blick eines Fiebernden.
»Bub? Um Christi willen? Bist du krank?«
Er schüttelte den Kopf und bewegte die Lippen. Reden konnte er nicht.
»Aber ich seh’s doch, Bub! Dir muß was fehlen! Tu deine Hand her! Laß schauen, ob du fieberst?« Frau Marianne war aufgesprungen und wollte die Hand des Buben fassen.
Da scholl durch den Treppenschacht die Stimme des Runotter herauf: »Jul? Höi? Wo bist?«
Der Bub sprang auf. Mit zitternden Händen warf er das Sehwertgehenk über den Küraß, faßte die Kettenhaube und wollte zur Türe. Die aufgeregte Frau vertrat ihm den Weg, raffte den blinkenden Helm aus den weißen Bettkissen, drückte dem Buben das feine Stahldach auf das schwarze Haar und stammelte: »Das Hütl! So nimm doch das Hütl! Dein junges Leben muß doch bin Schirmdach haben!«
Als Jul hinunterkam in den Flur, fragte Runotter erschrocken: »Bub? Was ist dir?« Ohne zu antworten, fiel Jul auf die Steinbank hin. Und als Runotter diese verstörten Augen sah, schrie er ratlos dem Heiner zu: »Spring, Mensch! Such den Malimmes!«
Der junge Knecht mit dem blutfleckigen Stirnband sprang auf die Straße hinaus und rannte zum Stift. Auf dem Marktplatz war ein Gewimmel von Menschen. Aus allen Fenstern guckten die Leute in Sorge und Neugier. Und die Straße war angefüllt mit vier langen Reihen von Spießknechten, die vom Hauptmann Seipelstorfer gemustert wurden. Ein ähnliches Bild fand Heiner im Stiftshofe. Nut standen hier die Reiter mit ihren gesattelten Gäulen. Und Pferde wurden aus der offenen Torhalle des Münsters herausgeführt. Der Krieg hatte die schöne Kirche in einen wüsten Stall verwandelt.
Heiner fragte sich bis zum Quartier des Plaienschen Hauptmanns durch. Das war im zweiten Stockwerk des Stiftes, in den Fürstenzimmern. Als der Knecht über die Treppe hinaufkeuchte, kam Malimmes ihm entgegen, sehr schlecht gelaunt. Die große Narbe war wie ein Blutstreif. »Heimkommen sollst! Der Bub ist letz.«
Zuerst erschrak Malimmes. Doch er wurde ruhig, als er hörte, wie der Bub aus seiner Quartierstub herunter gekommen wäre. »Da weiß ich schon, was los ist. Komm!«
Die beiden mußten zu ebener Erde einen langen Korridor durchschreiten, der erfüllt war von einem grauenhaften Spittelgeruch. An die vierzig Kranke und Blessierte waren hier auf unreinlichen Kissen, auf Stroh und Pferdekotzen schlecht gebettet. Wehleidige und wirklich Erkrankte, schwer und leicht Verwundete, Genesende und Sterbende, adlige Herren und niedrige Knechte, Sieger und Besiegte — alles lag da friedlich nebeneinander. Der eine hatte seinen Küraß, der andere ein Bündel Kleider unter dem Nacken. Hier wurde einem eine Pfeilspitze aus dem Fleisch geschnitten, dort zog man einem eine Kugel aus den Knochen. Hier gab ein Priester einem Sterbenden das Sakrament und redete ihm zu, an Gottes Barmherzigkeit zu glauben. Dort waren zwei mit verpflasterten Köpfen nahe zusammengerückt und würfelten. Zwischen den Lebenden lagen ein paar Tote, die man noch nicht hinausgetragen hatte. Letztes Röcheln und schmerzvolle Seufzer mischten sich mit Gelächter und heiterem Geschrei. Dazu hörte man von irgendwo die lustigen Trommeln und Pfeifen. Und in der leeren Zeile zwischen den Strohbetten eilten gesunde Kriegsknechte mit fröhlichem Schwatzen hin und her. Von denen, die es nicht anging, hatte keiner Mitleid mit dem andern. »Narr! Hättst du dich besser gedeckt!«
Dem Malimmes, als er schon zum Tore hinaus wollte, flog ein nasser Klumpen Leinewand gegen den entblößten Nacken. In Zorn drehte er sich um — und mußte lachen. Was ihm da an den Hals geflogen, das war ein brüderlicher Gruß. Auf einer Strohgarbe saß Marimpfel mit verbundenem Kopf, den Bart verkrustet von Blut, das Gesicht gesprenkelt mit blauen Flecken. Malimmes trat auf den Bruder zu und streckte die Hand. Marimpfel nahm sie nicht. Mit grober Stimme fing er zu schimpfen an. Landesverräter, Spion und Lumpenkerl — das waren unter seinen brüderlichen Zärtlichkeiten die mildesten. Malimmes lachte. »Geh, Bruder, was redest du denn für Narretei?«
»Hast mich nit am Fuß gepackt?« brüllte Marimpfel. »Hast mich nit tückisch niedergerissen? Grad wie ich dem Ramsauer Gauch den Garaus hab geben wollen!«
»Geh, du Fasnachter!« Malimmes blieb noch immer heiter. »So ist doch das nit gewesen. Laß dir sagen —«
»Willst mir predigen, du?« Es folgte ein Schimpfwort, das auch den Malimmes ernst machte, weil es dem Schoß des alten Weibleins am Taubensee einen bösen Irrtum nachredete.
»Predigen? Dir?« sagte Malimmes hart. »Bloß wünschen will ich, daß du bald gesund wirst. Solche, wie du, müssen rumlaufen auf der Welt. Da sterben die Redlichen lieber.« Er ging davon.
Im Stiftshof war noch immer das Gewühl von Pferden und Gepanzerten. Doch die Spießknechte, die auf dem Marktplatz gestanden, waren verschwunden. Von der Hallturmer Straße hörte man Trommeln und Pfeifen, die sich entfernten. Malimmes lauschte, mit schweren Furchen auf der Stirn. »So, so?« Alt er im Someinerschen Haus den Flur betrat und den Runotter auf der Steinbank sitzen sah, mit dem Kinn auf dem Schwertknauf, fragte er: »Wo ist der Bub?«
»Im Stall bei den Gäulen.«
»Was ist denn gewesen mit ihm?«
»Ich weiß nit. Jetzt ist er schon wieder in Ruh. Da er grad.« Aus dem sonnigen Hof trat Jul in die dämmerige Flurhalle herein, über der Kettenhaube den zierlichen Helm mit dem Reiherbusch. Malimmes, so ernst sein Gesicht war schmunzelte ein bißchen. Da fragte Runotter müd: »Was bringst du vom Hauptmann?«
