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Kitabı oku: «Der Ochsenkrieg», sayfa 25

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Während aus dem niedrig hängenden Graugewölk ein kühles Nebelreißen herunterging, trieb Malimmes den Gäulen die Starrheit aus den Gelenken. Er führte sie an den Halftern auf der Straße hin und her, zuerst im Schritt, dann ließ er sie traben und galoppieren. Es ging. Wieder in den Stall. Er legte das Sattelzeug auf die Gäule. Wo er sie anrührte, schütterten sie mit der wehleidig gewordenen Haut. Und immer ließen sie die Wunden zittern, um die Fliegen von den Blutkrusten zu scheuchen.

Zuerst ritt Malimmes den Falben. Als er auf der Straße schon ein paarmal gewendet hatte, verhielt er plötzlich den Gaul und spähte scharf in die hell gewordene Ferne. Im Galopp zur Haustür hin, ein Schwung aus dem Sattel, ein Griff nach dem Bidenhänder, wieder auf den Gaul, der Straße zu — und jetzt, mit dem Eisen in der Hand, jetzt glaubte Malimmes seinen Augen. Die Reiter, die da geritten kamen, an die vierzig oder fünfzig, brachten keine mordlustige Kriegerseele mit. Sehr friedfertig ritten sie einher, bei gemütlichem Schritt der müden, reichlich verpflasterten Gäule. Keine Waffe blitzte, und kein Harnisch funkelte. Der Glanz des Eisens, das sie trugen, war erloschen unter Staub, Morast und Blutrost. Die meisten hatten ihre Eisenhüte am Sattel hängen. Und neben den bunten Farben der Mäntel und Wämser war sehr viel Weiß zu sehen: Stirnverbände, Backenbinden, Schulterwülste, Armschlingen und Kniebauschen. Die vierzig oder fünfzig, die da kamen, waren Spittelreiter, die der Herzog nach Burghausen schickte.

Malimmes ließ den Falben ein paar Sprünge machen, hob den Bidenhänder und schrie mit gellender Stimme den Namen seines Herrn. Im Reiterschwarm antwortete eine rauhe Kehle, ein Arm erhob sich. Lachend warf Malimmes den Bidenhänder auf den Rasen, sprengte zum Fenster hin und rief in die Stube: »Bub! Auf! Der Bauer kommt.« In der Stube ein erstickter Freudenlaut. »Tu dich rüsten! Steht alles auf der Bank, was du brauchst. Das Eisenhütl häng an den Arm! Das mußt nit aufsetzen. Es tät dich kratzen. Tummel dich! Ich reit dem Bauer entgegen.« Er ließ den steifbeinigen Falben im feinen Geriesel des Regens über die Straße hinausklappern.

Runotter, völlig gerüstet, den rechten Arm in einer breiten Leinenschlinge, kam auf dem starr hopsenden Schimmel dem Schwarm der anderen voraus.

Die erste Frage des Malimmes war: »Herr? Sind am Arm die Flaxen noch ganz?«

»Wohl. Der Knochen hat ausgehalten. Sechs Wochen, meint der Feldscher.« Die heißen Augen des Bauern suchten. »Wo ist der Bub?«

»Der lacht. Wird gleich bei dir sein.«

Runotter atmete tief. »Vergelt’s Gott!« Dann ritten sie nebeneinander zu dem einsamen Bauernhaus.

Der brennende Glanz in den Augen des Runotter schien dem Malimmes nicht zu gefallen. Er fragte in einer seltsamen Spannung: »Herr? Hast du heut schon wieder den Krug gelupft?«

»Heut bin ich nüchtern. Und gestern hab ich gelobt, daß ich außer lauterem Wasser keinen Tropfen nimmer trink, eh mein Krieg nit zu End ist.«

Die Augen des Malimmes erweiterten sich. »Dein Krieg?«

»Mein Krieg! Wohl!« Das erschöpfte Gesicht des Bauern spannte sich zu einer Strenge, die wie Andacht war. Und seine Stimme dämpfte sich. »Lus, Malimmes! Gestern, im Gefecht bei Aufham, bin ich dem Chorherren Hartneid Aschacher begegnet.«

»Hab mir’s eh schon gedacht.«

»Achtzehn Jahr ist’s her. Heut schaut er anders aus. Mir hat’s ein Zittern in meiner Seel gesagt: Der ist’s! Und wie ich das Eisen auflupf, krieg ich von einem anderen den Streich auf den Arm da. Der Aschacher ist mir entronnen. Malimmes! Jetzt weiß ich, warum Krieg ist. Daß ich den Hartneid Aschacher wieder find.«

Ein Schauer des brennenden Zornes, der in dieser Stimme zitterte, faßte auch den Malimmes. Doch er zwang sich zu einem heiteren Wort: »Freilich! Wenn nur jedes Häfelein seinen Deckel findt. Nachher ist die Welt so gut eingerichtet, daß sie der Herrgott nimmer besser hätt machen können.« Er wurde wieder ernst. »Verschweigt vor dem Buben! Der hat’s eh schon im Wind gehabt. Ich hab lügen müssen.«

Der Bauer verhielt den Gaul. »Lügen?«

»Bei dem Schwarm, der uns fürgestern vor dem Waginger See in den Weg gerumpelt ist, muß der Aschacher gewesen sein. Ich hab einen adligen Jungherren in den Graben hinuntergeschlagen. Der hat mit einer süßen Stimm gekreistet: Aschacher, hilf mir! — Der und der Aschacher? Brüder sind das nit gewesen.«

»Ich versteh nit. Was meinst?«

»Sei Kriegsknecht an die achtzehn Jahr lang, nachher verstehst du schon. Einmal, da hab ich auch nit verstanden. Und bin neugierig worden. Im Clevischen.« Malimmes plusterte ein bißchen den Hals. »Aber du kommst allein? Wo sind die unseren?«

Erst nach einer Weile gab der Bauer Antwort. »Ich weiß nit. Der Altknecht ist nimmer nachgekommen. Dem Heiner haben sie im ersten Anlauf den Gaul erstochen. Kann sein, die zwei haben sich durchgeschlagen mit den Spießknechten. Kann sein, sie haben saufen müssen — von meiner Treu. Gott soll sie gnädig haben. Jetzt geht’s über alles weg. Bis ich den Aschacher find.«

Von der Bauernstube klang der heiße Schrei einer Mädchenstimme. Doch aus der Haustür kam ein schlanker Bub in schwerem Eisen heraus. Und während Runotter aus dem Sattel stieg, mußte Malimmes lustig lachen, weil Jul in diesem plumpen, unpassenden Wehrzeug aussah wie ein junger Vogel, der mit kurzem Hals aus dem Kobel guckt.

Jul und Runotter standen Hand in Hand; nur ein paar Worte sprachen sie; ihre Augen redeten; und das Gesicht des Buben war weiß wie Linnen, als seine Finger über die Armbinde des anderen herunterstrichen.

Malimmes klaubte in Hast sein Zeug zusammen, hängte die Eisenschaller an seinen Arm, gab der Bäuerin die paar Silberbleche, die er im Hosensack hatte, und holte den Ingolstädter aus dem Stall.

Auf der Straße kroch der Zug der Spittelreiter vorüber; die meisten saßen stumm und gebeugt im Sattel; nur wenige schwatzten; in ihren Stimmen war Galle und Verdrossenheit; von allen, die da redeten oder schwiegen, schien keiner an diesem grauen, rieselnden Morgen den Krieg für eine fröhliche oder notwendige Sache zu halten.

Und weit über den abgemähten Wiesen draußen, gegen Süden, wo die schwarzen Dachstrünke eines als ›Weckfeuer‹ niedergebrannten Bauernhauses gegen den trüben Himmel starrten, erschien auf der Straße ein langer, brauner, wackeliger Wurm: die Reihe der vielen Karren, in denen man die Schwerverwundeten brachte, die nimmer reiten konnten; es waren auch Tote dabei, die man am verwichenen Nachmittage noch als Lebendige in das Karrenheu hinauf gehoben hatte. Manchen von diesen Ungeduldigen, die das Burghausener Spittel nimmer erwarten konnten, hatten die Karrenführer, um ihren Gäulen das Ziehen zu erleichtern, schon hinausgeworfen in die Straßengräben; aber gewissenhaft brachte man von diesen Abgeladenen alles, was Kleidung oder Wehrstück hieß, mit heim in die landsherrliche Rüstkammer. Der herzogliche Zeugmeister nahm es in solchen Dingen sehr genau; nur bei den Hemden, die man den Toten mitgab in die Ewigkeit, hielt er die Führung eines Registers für überflüssig.

Ehe der lange, braun und grau gesprenkelte Karrenwurm zu dem einsamen Bauernhause herangeschlängelt kam, waren die drei Ramsauer schon dem Trupp der Spittelreiter nachgezogen.

Immer dichter fing der Regen zu strömen an. In diesem eintönigen Rauschen erfuhr der Bub über die Sensenschmiede von Piding und Aufham die ganze Wahrheit. Sie war so hart zu hören, daß in die Augen des jungen, schlecht gewaffneten Harnischers ein Entsetzen kam. Seine Zügelhand, an deren Arm der eingebeulte Helm mit den geknickten Reihergranen hing, zitterte wie die Hand eines Fieberkranken, während Runotter in seiner kurzen, strengen Art diese roten Dinge vor sich hin sagte. —

— Hauptmann Seipelstorfer hatte die Verläßlichkeit seines Boten als eine feste Ziffer in die Rechnung jener Nacht und jenes blutigen Morgens eingestellt. Als der Abend dunkelte, ließ er die Fronbauern und den Rest der Troßleute entspringen. Beim Sperrwall blieben nur die zwanzig Schanzleute vom Hirschanger zurück, denen — wie Herr Grans behauptete — der heilige Peter die Höfe gebrandschatzt hatte. Auf den Bauernzorn dieser obdachlos Gewordenen, die den Gadnischen ihre heiße Not auch heiß wieder heimzahlen wollten, konnte Herr Seipelstorfer sich verlassen. Nach der vierten Morgenstunde, als der Himmel sich zu lichten begann, kniff der Hauptmann mit seinen Reitern aus. Das geschah nicht ohne Lärm; man konnte in der windstillen Dämmerung das Hufgestampf und Eisengerüttel weit vernehmen.

Vor den Trümmern des Hallturmes, im Aschenfelde, standen die Salzburger und der heilige Peter schon zum Sturm bereit. Hauptmann Hochenecher witterte die Lunte, die hinter der Sperrschanze brenzelte. Doch weil ihm bang wurde um die Freunde bei Aufham, Piding und Marzoll, wagte er im Vertrauen auf seine Übermacht einen Gewaltstreich und befahl in der ersten Morgenhelle den Sturm. Als die tapferen Springer die Sperrschanze erklettert hatten, sah man, daß die Bayerischen ausgerissen waren. In rasender Hast wurde eine Bresche durch die Schanze gebrochen. Und los mit der ganzen Reiterei, auf der Straße hinter dem Seipelstorfer her! Schon wollte das Fußvolk mit den Büchsen nachrücken. Da glommen kleine Feuerchen in zwanzig Buschverstecken auf, Fackeln flogen in die Reisighaufen der Sperrschanze, eine rasche Flamme rannte quer über das schmale Tal, die Bäume des Walles fingen Feuer, und eine lodernde Flamme legte sich hinter dem Reiterschwarm als unüberwindlicher Riegel vor die Salzburger Büchsen und den Haupthaufen der Spießknechte.

Für den Hochenecher gab’s nur noch einen einzigen Weg: hinaus gegen Marzoll! Als die dicke Reitermasse unter der Plaienburg vorüberklirrte, fingen da droben die Faustbüchsen zu knattern an, brüllend spien die Landshuterin und die Hornaussin schwere Eisenschachteln mit Bleibrocken aus, und ruhelos knarrte die Trommelkanone. Unter schweren Verlusten geriet der Reiterhaufen in Verwirrung, spritzte gegen die schüzenden Wälder auseinander, und bevor er sich bei der Saalach wieder sammeln konnte, begann der Seipelstorfer ein grimmiges Dreinschlagen. Die Sonne war da. Herr Heinrich, den Hinterhalt vom Rücken auseinanderkeilend, rasselte über Piding herein. Und der Boden und die Saalach wurden rot, während die Berge sich einwickelten in den Qualm des flammenden Waldes und in den Rauch der brennenden Dörfer.

Dann war’s gekommen, wie es Malimmes vom Himmel abgelesen hatte. Der Seipelstorfer hetzte mit Eisen und Feuer den flüchtenden Häuf der Chiemseer. Und Herr Heinrich — auch im Jähzorn noch wirtschaftlich seine Kräfte sparend — ließ die Reste vom Reitertrupp des Hochenechers und der Gadnischen hinausbrechen nach Salzburg, gegen dessen Mauern nicht aufgekommen war, und tobte brandschatzend hinter dem Törring her. Die Burg des bayerischen Oberstjägermeisters und seiner weltberühmten Jagdhunde mußte fallen, ehe die Salzburger ihr Fußvolk und ihre Büchsen über Berchtesgaden herausziehen, den Stand der Dinge überschauen und zum Entsatz des Törring heranrücken konnten. —

— Während Runotter, zwischen den beiden anderen reitend, das alles mit harten Worten hersagte, hielt Jul die Stirn so tief gebeugt, daß ihm das schwarze, vom Regen durchnäßte Haar gleich hängenden Rabenflügeln das Gesicht verhüllte. Und als der Bauer schwieg, blieb Jul noch immer so gebeugt. Er fand keinen Laut, tat keine Frage und klagte nicht. Doch die Schulterkacheln seiner Rüstung gingen knirschend auf und nieder. So mühsam atmete er. Immer wieder warf Malimmes einen Sorgenblick zu ihm hinüber.

Die Straße zog von der Raitenhaslacher Höhe hinunter in das Tal der Salzach. Für das wundervolle Bild des herzoglichen Schlosses, das wie ein geheimnisvolles Märchen hinter den Schleiern des Regens dämmerte, hatten die drei kein Auge. Sie hörten auch das Geschrei der Menschen nicht, deren wirre, aufgeregte Stimmen von den Torwerken herauftönten.

Warum hatte Runotter von den Gadnischen nichts erzählt? Kein Wort vom jungen Someiner? War da nichts Übles zu berichten? Um dem Buben die Ruhe zu geben, glaubte Malimmes eine Frage, die wie gleichgültige Neugier aussah, wagen zu dürfen: »Hast du nit gesehen, Bauer, was mit den Gadnischen gewesen ist?«

»Wohl! Und da muß ich dir ein Hartes sagen.«

»Mir bloß? Sag’s!«

»Dein Bruder, als ein halb Heiler, ist mit ausgeruckt. Der liegt. Zwei von des Hauptmanns Trabanten haben ihn aus dem Sattel gestochen. Mir hast du ihn genommen. Und recht war’s. Um deintwegen ist mir leid um ihn. Auch muß er arg an seiner Mutter gehangen haben. Wie’s ihn auf dem Gaul überworfen hat, da hab ich ihn dreimal brüllen hören: Mutter, Mutter, Mutter ...«

Das Gesicht des Malimmes verzerrte sich, als möchte jenes wilde Lachen aus seiner Kehle brechen. Dann war’s, als hätte ihm eine unsichtbare Hand über die Augen gestrichen. Er sagte ernst: »Das kommt für jeden, daß er sich seines Bluts besinnt.« Und nach einer Weile: »Red weiter! Von den anderen.«

»Der Fürst hat sich mit dem Hochenecher gegen Salzburg durchgeschlagen. Das muß er dem jungen Someiner danken. Der hat sich für seinen Herren ins Zeug geschmissen wie ein Bärbeißer.« In die Stimme des Bauern kam ein Schwanken. »Mich hat er gemieden. Ich hab ihn auch nit gesucht. Gefechten hat er noch als der Beste, derweil ihm schon wie ein rotes Bächl das Blut über den Schenkel geronnen ist.«

Erschrocken warf Malimmes einen Blick zu dem Buben hinüber. Der saß noch immer tief gebeugt.

Schweigend ritten die drei dem Tor entgegen, bei dem das Häuflein der Spittelreiter schon eingetroffen war. Ein Gewimmel von Menschen. Die fingen zu jauchzen und zu jubeln an, als sie die Nachricht des Sieges hörten.

»Guck«, sagte Runotter, der verwundert aufblickte, »da gibt’s Menschen, die sich freuen.«

Dieses Wort schien den Krampf zu lösen, der den Körper des Buben gefesselt hielt. Er hob das kalkweiße Gesicht mit den verzweifelten Augen, griff über den Gaul des Vaters hinüber, klammerte die Hand an den Ärmel des Malimmes und schrie: »Mensch, Mensch, warum hast du mich bei Aufham nit sterben lassen!«

»Geh, Jul, sei gescheit!« Malimmes befreite seinen Arm und trieb den Ingolstädter neben den Falben hin. »Hätt ich dich sterben lassen, so tat ich liegen, wo du liegst. Und unser Bauer tät nit in Burghausen einreiten als lebendiger Gast des Herzogs.«

»Laß den Buben!« sagte Runotter hart. »Ganz unrecht hat er nit. Hätt ich schmecken können, was herauswachst aus dem gesiegelten Ochsenbrief — ich hätt die siebzehn Küh auf der Mordau niedergestochen, Stuck um Stuck, und hätt mich totschlagen lassen vom Seppi Ruechsam und den andern.« Er streckte sich im Sattel. »Jetzt ist’s, wie’s ist. Jetzt will ich den Kopf aufheben und dem Ding in die Augen schauen, das kommen muß.«

Sie ritten in das Tor. Die Menschen, die sich drängten in der Halle, kreischten den drei Gepanzerten, denen man die Schwere des Krieges ansah, in aufgeregter Freude entgegen. Wie betrunken waren diese Leute. Und hübsche und häßliche Mädchen, die sich wie irrsinnig gebärdeten, warfen dem jungen, leichenblassen Harnischer Kußhände und Blumen zu. Von ihren Hälsen rissen sie die seidenen Tüchlein, die dünnen Silberketten, die Schaumünzen und schleuderten alles vor die Pferde hin — und sahen aus dabei, als wäre ein großes Glück in ihren Herzen.

Der Falbe, als er aus dem Torbogen herausstampfte auf die Straße, fing hell zu wiehern an, weil er seine Heimat erkannte und den gewohnten Stall in der Nähe wußte. Und der Ingolstädter, den das Geschrei der Menschen zapplig machte, begann trotz seiner schweren Verwundung zu tänzeln und wollte schneller vom Fleck. Lachend sagte Malimmes: »Du Rössel aus Ingolstadt! Jetzt reitest du ein bei Herzog Heinrich in Burghausen! Und du wehrst dich nit. Wär’s dein Ingolstädter Herzog, der tät sich spreißen!«

Das jubelnde Geschrei der vielen Leute, immer wachsend, schob sich durch die enge Häuserzeile gegen den Marktplatz hin. Und schöne Glocken fingen zu läuten an.

Draußen vor dem Stadttor keuchte eine zerrissene Reihe von schweigsamen Menschen über die steile Straße hinauf, alte Mütter mit suchenden Augen, junge Frauen mit verstörten Gesichtern, täppelnde Kinder mit ratlosem Blick. Sie rannten gegen Raitenhaslach hin, immer schneller, schneller, schneller, dem langen, braun und grau gefleckten Karrenwurm entgegen, der die Sterbenden brachte und die Toten schon abgeladen hatte.

4

Herren-Chiemsee brannte.

Und rings um den See herum stiegen die Feuersäulen der geschatzten Dörfer auf, wie kleine Kerzen einen schimmernden Altar umglänzen.

Damit Herrn Heinrichs Schwur — »Gott soll’s wollen!« — Erfüllung fände, ließ der Seipelstorfer zwei junge Chorherren, die man hinter Aufham gefaßt hatte, in den See stoßen. Drei, die man im Stift gefangen, mußten je tausend Dukaten Lösegeld bezahlen. Jene, die auf guten Gäulen entronnen waren — unter ihnen Bischof Engelmar und der Chorherr Hartneid Aschacher — flüchteten nach Ingolstadt.

Eine lange Reihe von Bauernkarren unter scharfer Bewachung, mit Plündergut aus Stift und Münster, mit Lösegeldsäcken und Sackmacherbinkeln, wurde nach Burghausen geschickt. Dann zog der Seipelstorfer mit dem zusammengeschmolzenen Trupp seiner Harnischer nach der Burg des Kaspar Törring, um den Belagerungshauf seines Herrn zu verstärken. Da kam er gerade noch recht, um das Ende der flinken Arbeit zu sehen, die Herzog Heinrich geleistet hatte.

Tag und Nacht waren die Büchsen und Bliden in ruheloser Tätigkeit gewesen und hatten vierzehnhundert Steinkugeln in die Burg geworfen. Die Antwerke hatten pechgetränkte Strohbauschen und glühende Lumpensäcke geschleudert und alles Brennbare der Burg in Flammen gesteckt. Nur der starke, aus gewaltigen Quadern erbaute Wachturm Hochtörring stand noch — ohne der Besatzung viel Schutz zu bieten; in diesem sicheren Turme hatte Kaspar Törring seine sechzig geliebten und berühmten Leithunde mit ihren Wärtern, mit ihrem Koch und ihrer Küche untergebracht. Schauerlich klang mit dem Gebrüll der Hauptbüchsen das tobende Hundegeheul zusammen, das immerzu aus den Wehrscharten des Hochtörring herausscholl. Neben diesem Turme, der die zentnerschweren Steinkugeln wie dürre Kletten von sich abschüttelte, war alles andere der schönen, stolzen Burg, die vor wenigen Tagen noch als ein steinernes Kleinod hinausgefunkelt hatte über die waldreichen Lande, eine qualmende Brandstätte und ein formloser Schutthaufen geworden.

Dennoch befahl Herr Heinrich den Sturm nicht. Er wollte sein Volk schonen. Durch die Geschütze des Törring und bei den verzweifelten Ausfällen, mit denen die Besatzung den feuerspeienden Ring zu sprengen versuchte, hatte der Herzog schon ein halbes Hundert seiner Leute verloren. Aber auch die Besatzung der Burg hatte sich um mehr als die Hälfte vermindert; ihre Toten schwammen im braungewordenen Wasser des Burggrabens; und siebenunddreißig, die lebendig in die Fäuste der Herzoglichen gefallen waren, hingen an der Eiche, die das Zelt des Burghausener Profosen beschattete — eines Profosen, der seinem Salzburger Amtsbruder an Wohlwollen bedenklich nachstand. Die Äste des Baumes bogen sich unter dem Gewicht der vielen zweibeinigen Früchte. Manche von diesen sanft und schweigsam Schaukelnden hingen so tief herunter, daß die Gehilfen des Profosen, wenn sie aus dem Zelte heraus oder in das Zelt hinein wollten, sich bücken mußten, um nicht an die schwankenden Füße der Gerichteten zu stoßen. Wenn die noch Lebenden der Besatzung das bunt gesprenkelte Grün dieser Eiche sahen, dachten sie: »Die haben’s überstanden!«

Die Übergabe des unhaltbar gewordenen Trümmerhaufens war stündlich zu erwarten. Aus Sorge vor dem Anrücken der Salzburger wollten die Belagerer das Letzte beschleunigen und nützten zu diesem Zweck eine alte Erfindung des Büchsenmeisters Kuen, der jetzt in der Plaienburg unter den heißen Luftwellen brennender Wälder schwitzte. Man nannte das in der Kriegssprache: ›den Dachs ausschwefeln‹. Aller Unrat des Belagerungsheeres, fest und flüssig, dazu noch alle Jauche der benachbarten Bauernhöfe wurde in Fässer geladen und aus den Antwerken in die Höfe der qualmenden Burgruine und in die Turmscharten hineingeschleudert. Das war nicht nur den Leuten des Törring, auch seinen edlen, an Reinlichkeit gewöhnten Hunden zu viel. Sie heulten und winselten, als wären die Steinkammern des Hochtörring die qualvollsten Höllenschlünde.

Es war am Nachmittag. Eine Schönwettersonne begann schon den lieben Weltboden und sein lebendes Gewimmel rot zu vergolden. Da verstummte das Gebrüll der Belagerungsgeschütze.

Herzog Heinrich, der in seinem großen, durch einen Wall geschützten Zelte angekleidet auf dem Feldbett lag, fuhr aus den Kissen auf und kreischte lachend: »Käsperlein? Kommst du?« Er saß und lauschte mit vorgestrecktem Hals, heißen Glanz in den Augen, die hageren Wangen von einer krankhaften Röte glühend, den kleinen Kopf umstarrt von dem dicken, kräuseligen Schwarzhaar.

Erschöpft durch die schweren Strapazen, denen sein zierlicher Körper nicht gewachsen war, litt Herr Heinrich seit dem verwichenen Abend wieder an einem Anfall seines rätselhaften Fiebers, das die Ärzte bald als Folge geistiger Übermüdung, bald als Wirkung eines schleichenden Giftes, bald als welsches Erbgut des Hauses Visconti erklärten, ohne ein Mittel dagegen zu finden. In aufgeregten Zeiten erschien das Fieber. Wurden die Tage ruhig, so verschwand es wieder. Im Volke tuschelte man, das käme von dem Fluch, den die Wittib des an einem Ostertage geköpften Landshuter Ratsherrn Leitgeb über den damals vierundzwanzigjährigen Herzog gesprochen. In jener Osterwoche — während der Herzog zu Regensburg turnierte — wurden vierundfünfzig Landshuter Bürger, weil sie aus der herzoglichen Residenz eine freie Reichsstadt machen wollten, um Haus und Habe gebüßt. Dreißig wurden verbannt, einem Dutzend stach man die Augen aus, ein Dutzend wurde hingerichtet, ihre Witwen und Kinder wurden des Landes verwiesen. Aber das war schon lange her. Genau zwölf Jahre. An dieses Vergangene dachte Herr Heinrich selten. Und was nach seinem Glauben notwendige Gerechtigkeit gewesen, beschwerte ihm die Seele nicht und beschleunigte ihm keinen Pulsschlag seines Blutes. Nur daß er seit damals nicht gerne in Landshut residierte. Er zog das verläßliche Burghausen vor.

Der jüngste Anfall seines rätselhaften Fiebers war so hitzig, daß die Sache dem Leibarzt bedenklich wurde. Herr Heinrich selbst war sorglos. Er hatte das unbequeme Leiden noch immer überstanden. Jetzt spielte zu seiner Beruhigung auch ein bißchen Aberglaube mit: Jener Nürnberger Galgenvogel, der ihm vor Jahren zu Landshut die lustige Botschaft von der Himmelstür gebracht, und dem er in diesen Tagen einen kostbaren Vorsprung gegen die Ingolstädter verdankte, der saß, wenn auch etwas beschädigt, doch ganz lebendig in einer gesunden Stube des Burghausener Schlosses.

Heiter lachte Herr Heinrich vor sich hin, als er die klirrenden Schritte vernahm, die sich dem Zelte näherten. Was da kam, erriet er. »Loys! Denk an den heutigen Tag! Du Starker! Heut hab ich dir deinen Besten auf Mus zerrieben. Gott hat’s wollen.«

Einer von den schwergepanzerten Leibtrabanten trat in das Zelt.

»Das weiße Fähnl?«

»Ja, gnädigster Herr! Auf dem Hochtörring haben sie’s ausgesteckt.«

»Der Dachs will frische Luft haben?« Ein Lachen. Und während sein Körper im Fieber schauerte, nahm Herr Heinrich den schwarz umstruwwelten Kopf zwischen die glühenden Hände. Nach kurzem Nachdenken rief er ruhig: »Oswald!«

Ein schmucker, dreißigjähriger Mann, der hinter dem Bett gestanden, trat schnell herbei: »Oswald Aheimer, des Herzogs Marschalk.«

»Geh hinauf zu diesem wilden Jäger! Ich möchte wetten, er denkt zuerst an seine berühmten Hunde und dann erst an Weib und Gesind. Ist binnen einer halben Stunde die Übergab vollzogen, so will ich ihm das gewähren —« Der Herzog schwieg eine Weile. »Seine Leute haben sich rechtschaffen gehalten, sie sollen freien Abzug auf Urfehd haben. Seiner edlen Hausfrau schwör ich Leben und Ehre zu. Dem Kaspar Törring geb ich ritterliche Freiheit nach demütiger Kopfbeugung vor meinem Bett.« Herrn Heinrichs Stimme wurde langsam: »Und wir wollen ihm gestatten, daß er — seine berühmten Hunde mitnimmt. Alle!« Er lächelte. »Wiederhole mir das!«

Der Marschalk hatte gut aufgepaßt. Er konnte den Willen seines Herrn wörtlich nachsagen. Der Herzog nickte heiter.

»Die Burg wird geplündert. Das hab ich meinen braven Blutzapfen versprochen. Viel werden sie nimmer finden in dem Mus da droben. Jetzt geh! Wenn’s dem Käsperlein taugt, dann soll er kommen. Mißfällt’s ihm, so wird weitergeschwefelt.«

Als der Marschalk das Zelt verlassen hatte, kam der Leibarzt mit vier Dienern, reichte dem Herzog unter Ruhemahnungen einen Kühltrank, entblößte ihm den Oberkörper bis zum Gürtel und wusch diese zarte Knabenbrust und den schmalen Rücken mit Essig, dessen Sauerduft durch feine Wohlgerüche gemildert war.

Herr Heinrich, sobald er wieder in seinem grauen Kittel stak, legte sich still und geduldig auf die Kissen hin. Immer lächelte er. Und wartete.

Man öffnete die Zelttücher, um die letzte Sonne hereinzulassen. Wie goldroter Sammet lag ihr Glanz auf dem zertretenen Rasen des Zeltbodens. Und der Lärm des Lagers da draußen glich dem Rauschen einer großen Mühle.

Nun ein lustiges Geschrei von vielen Stimmen.

Der Herzog setzte sich auf. Eine dürstende Spannung war in seinem Gesicht. Mit erloschener Stimme befahl er seinem Diener: »Schau, was los ist!« Dann griff er nach seinem schwarzen Mantel und wollte sich erheben. Der Leibarzt beschwor ihn, seiner Gesundheit zu denken und sich ruhig zu halten. Herr Heinrich nickte und blieb in den Kissen sitzen, den Mantel über dem Schoß. Da kehrte der Diener in das Zelt zurück. »Kommt er?«

»Ja, gnädigster Herr! Und zehn von den Unseren führen die vielen Hund gekoppelt über den Burgberg herunter.« Man hörte schon das näher kommende Gekläff wie eine fröhliche Jagd.

Heiter stieß der Herzog die kleinen Fäuste vor sich hin. »Gott hat’s wollen!« Er wurde ernst. »Zehn schwere Parzer mit blankem Eisen zu meinem Bett! Der Kaspar Törring ist einer von den Starken, die gern gewalttätig werden.« Nun lachte er wieder und streckte dem Leibarzt die Hand hin. »Fühl den Puls! Ich spür, daß mein Fieber minder wird.«

Der Doktor machte ein freudig staunendes Gesicht. »Wahrhaftig, gnädigster Herr, die Krise scheint überstanden zu sein.«

»Scheint mir auch so!« Herr Heinrich schüttelte das Haar und streckte sich. »Ob’s nicht ein Wechselfieber ist? Mich verläßt es heut. Einen anderen wird es packen. Gott soll’s wollen!«

Die zehn Harnischer traten an, postierten sich zu Füßen und Häupten des Bettes, zogen vom Leder und stellten die blanken Schwerter vor sich hin. Hinter den Gepanzerten war einer mit der Hauptmannsbinde gekommen. Der flüsterte dem Herzog ein paar Worte zu.

»Oh? Guck! Die Salzburger!« Herr Heinrich hatte vergnügte Augen. »Daß die Freunde des Loys doch immer zu spät kommen! Du sagst, sie stehen beim Waginger See? Da brauchen sie noch zwei Stunden.« Wieder nahm er den Kopf zwischen die Hände. »Eine halbe Stunde für die Plünderung. Sag meinen braven Blutzapfen, sie sollen sich eilen. Dann laß Alarm blasen. Das Fußvolk mit Troß und Geschütz voraus im Flinkmarsch. Mich soll man in einem Stangensessel tragen. Mein Roß bleibt neben mir. Der Seipelstorfer mit der ganzen Reiterei deckt mir den Rücken. Weiter!« Der mit der Hauptmannsbinde sprang davon, während man das Kläffen und Winseln der vielen Jagdhunde schon nahe vor dem Zelt vernahm. Lachend faßte der Herzog einen Diener an der Kittelfalte, zog ihn zu sich her und tuschelte ihm ein paar flinke Worte ins Ohr. Erschrocken sah der Diener seinen Herrn an, wagte aber keinen Widerspruch und ging mit verstörtem Gesicht davon.

Unter dem Lärm, den die vielen Hunde aufschlugen, hörte man weit und verschwommen vom Burgberg her das Toben und lustige Schreien der Sackmacher und das angstvolle Kreischen weiblicher Stimmen.

Mit vorgebeugtem Kopfe lauschend, regungslos, die Fäuste in den schwarzen Mantel geklammert, saß Herr Heinrich auf dem Feldbett.

Der Marschalk Oswald Aheimer, von draußen erscheinend, schob das Tuch des Zeltspaltes noch weiter auseinander. In der dunkelroten Sonne vor dem Zelte sah man ein Gewühl von rostbraunen, von schwarz und weiß, von weiß und braun gefleckten Jagdhunden. Die vielen, aufgestarrten und hurtig wedelnden Schwänze gaben dem Gewühl der kläffenden Bracken das Bild eines wunderlich bewegten Ährenfeldes. In diesem Gekläff war eine rauhe, von Zorn bebende Stimme zu hören: »Eures Herrn Wort ist Bürge. Wer meine Hunde nicht redlich betreut, versündigt sich wider seines Fürsten heilig Wort.«

Herr Heinrich lächelte. »So? Meinst du?«

Da trat in die purpurne Sonne des Zeltspaltes ein hochgewachsener, sehniger Mann mit sonngebräuntem, verwittertem Gesicht und grauem Knebelbart, ohne Hut und ohne Waffen. Er war wie ein alter Jäger, aus einem Forsthaus der Berge hausgeholt. Nur kostbarer gekleidet. Doch diese grüne Seide war nicht reinlich und verbreitete einen schlechten Geruch. Der sie tragen mußte, war der ›ausgeschwefelte Dachs‹, der Oberstjägermeister der bayerischen Herzöge, Herr Kaspar Törring, den der Volksmund den ›Teufel von Jettenbach‹ nannte. Man verstand dieses Volkswort, wenn man des Törring kühne Adlernase und seine funkelnden Augen sah.

Als er stumm, mit übereinandergebissenen Zähnen und geballten Fäusten auf das Feldbett des Herzogs zuging, ließ Oswald Ahaimer das Tuch der Zeltspalte fallen. Eine violette Dämmerung war in der großen Leinwandstube, deren Ritzen wie feurige Linien schimmerten.

Törring wollte sich neigen. Herr Heinrich winkte ab und sagte freundlich: »Laß die Förmlichkeit, mein guter Kaspar! Unter uns Jägern ist das entbehrlich. Wir wollen uns daran genügen, daß du gekommen bist. Wie geht’s dir? Wir haben uns lange nicht gesehen. Seit dem Scharmützel bei Piding nimmer.«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
700 s. 1 illüstrasyon
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