Kitabı oku: «Markus Blume führt dich durch die Zeit»
Markus Blume
führt dich durch die Zeit.
Von Miri & der Wanderin der Nacht
Schwimmende Welteninseln haben keinen Strand der Ruhe.
Werner Lüerß

Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Worte zum Beginn
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AUS DEM AKTUELLEN VERLAGSPROGRAMM...
Impressum
© 2015 by ANTHEA VERLAG
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D-10365 Berlin
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eMail: info@anthea-verlag.de
Verlagsleitung: DETLEF W. STEIN
www.anthea-verlag.de
Lektorat: Jonas-Philipp Dallmann
Umschlaggestaltung: Hannes Berghof
Korrektorat: Aleksander Abramović
Satz: Thomas Seidel
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-943583-92-2
Dieses Buch ist für meine Eva-Maria.
Danke für alles!
Worte zum Beginn
Dieses Buch soll uns wach halten.
Unsere Gedanken nicht angreifbar machen,
Frei mit seinen gesprochenen Worten umzugehen.
Dies ist die Quelle aller Freiheit!
Wie in dieser Geschichte von Markus.
Ich bin Markus Blume
Mein Leben ist gut, alles ist geregelt. Ich weiß, was gestern war, was heute ist und was morgen vielleicht sein wird.
Jeden Morgen gehe ich zur Arbeit, manchmal fällt es mir schwer, mich aus dem Schlaf zu lösen, in der Regel aber wache ich in eben jenem Augenblick auf, der mir die Zeit gibt, gemächlich die kleinen Handgriffe zu tun, die man braucht, um für einen ganzen langen Arbeitstag gerüstet zu sein.
Diese Tage ähneln oder gleichen sich so sehr, dass ich sie im Gedächtnis nicht mehr auseinanderhalten kann. So muss es wohl sein, anders kenne ich es nicht.
Eigentlich bin ich zufrieden.
Was nagt in mir? Der Lauf eines ganzen langen Tages, die abendliche Ruhe, die Freude am alltäglichen Einerlei - alles wird plötzlich unterbrochen und gestört durch plötzlich aufkeimende Unruhe.
Anfangs wusste ich nicht, was ich selbst davon halten soll, schalt mich, die Ordnung unnütz gestört zu haben, etwas zu dulden, was nur Ärger bringen konnte.
Aber das half nicht.
Der Versuch, alles zurückzudrängen, weckte nur ein Gefühl in mir, etwas zu versäumen, etwas ganz Wichtiges nicht zu Wort kommen zu lassen. Irgendetwas in mir schien zu rufen:
Wach endlich auf und schau dich um!
Ich dachte, es verginge wieder, vielleicht hatte ich in der letzten Zeit zu viel gearbeitet, hatte plötzlich hinter den Akten die Menschen gesehen, deren Schicksal durch meine Arbeit beeinflusst wurde.
Möglich wäre auch, dass ich mir keine Abwechslung gegönnt und sich auf einmal die Menge der Akten in lebendige Vorgänge, erlebt und durchlitten von Menschen, verwandelt hatte. Es musste ja vergehen – aber nein, es kam wieder und drang immer mehr und stärker in mich ein, als suchte es mich zu zwingen, ihm meine Aufmerksamkeit zu schenken.
Eines Nachts wachte ich auf – oder auch nicht, befand ich mich in einer anderen Welt?
Ich stand da und zu mir trat ein anderer Mensch. Nein, es war kein anderer, das war wiederum ich selbst, der mir da entgegen trat, und doch war es ein anderer, heiterer, ernster.
Fest von Gestalt und dennoch nicht greifbar.
Aber dieses gegenüber trat zu mir, streckte mir die Hand hin, mit einer fordernden Geste schien es auf mich einzudringen.
Dann verschwand die Gestalt wieder, ich merkte, dass sie eine Traumfigur war, in mir blieb aber der Gedanke haften, dass es wie eine Herausforderung gewirkt hatte.
Wem galt sie, und wenn sie ganz bewusst zu mir getreten sein sollte? Warum aber sollte ich gemeint sein?
Seit diesem Erlebnis beginnt in mir die Frage zu keimen, warum ich herausgefordert war. Es wächst in mir und verfolgt mich der Gedanke, dass nicht einfach nur Neues auf mich wartet, sondern ich eine Haltung gewinnen müsse, die mich neu und anders zu leben zwinge.
Mich bedrängte von Stunde zu Stunde mehr das Bedürfnis, alles zu prüfen, was mir bisher wichtig und womit mein Tag gefüllt war.
Dafür aber müsste ich meinen eigenen Horizont weiten, ganz andere Dimensionen müsste ich in meinem Blick zu bringen versuchen.
Aber ich lebte nun mal hier, konnte mich nicht einfach lösen, wollte auch nicht so tun, als ob ich einfach alles wegwerfen könne.
Zurück aber konnte ich nun nicht mehr, und so musste ich jeden Tag erneut auf die Frage antworten: Ihr Seelen, die mich bedrängen, die meine ganze Existenz neu in Frage stellen, sucht Ihr mich?
Sucht Ihr mich in meiner Zeit, oder wollt Ihr eine Antwort für euch selber? Seid Ihr es, die ihr den Schrei in mir ausgelöst habt, den Schrei auf der Suche nach Leben, nach dem ganzem Leben? Eigentlich war ich ein gelassener Typ, nichts konnte mich mehr erschrecken als ein Schrei.
Ich geriet langsam vom Gleis, was ich alltäglich eigentlich erledigen wollte, wurde unwichtig, Gedankenwelten, ihr habt euch in meinen Vordergrund geschoben.
Die Begegnung mit meinem Doppelgänger geriet immer wieder in meine Vorstellung, sie schien mir zu sagen, dass ich mich gefälligst auf die Suche begeben müsse, nicht warten dürfe, sonst würde ich mich selbst verlieren. Immer stärker spürte ich den Zwang in mir, jeden Schritt zu fixieren, ihn festzuhalten, um sodann weiter gehen zu können – nur säumen durfte ich nicht.
Der Bruch mit allem, was bisher mein Leben bestimmt und ausgefüllt hatte, wurde mit der Zeit immer deutlicher; ich wusste immer besser, dass ich nicht mehr zurück konnte, sondern die Schritte nach vorn wagen müsste.
Aufzuschreiben, was dann geschah, schien mir von Tag zu Tag mehr die einzige Lösung zu sein. Dieser Weg war auch geeignet, mich zum Tatsächlichen in dieser Welt zu führen, mir zu sagen, was nötig sein musste, um das Rechte zu tun.
Es ist uns Menschen eigen, unsere Gedanken und Empfindungen, unsere Hoffnungen, Träume und Taten an das Schicksal von Menschen zu binden.
So tauchte Miri in der Welt meiner Vorstellungen und Ideen auf.
Ich sah sie, als sie jung war und ich sah sie als einen reifen Menschen, mit einem Schicksal voller Wandlungen.
Das wiederum gab mir die Chance, mich selbst zu neuen Ansichten und Handlungen bewegen zu lassen.
Wie eine Vision leuchtete sie in der Ferne, wie ein Irrlicht geisterte sie durch die Räume der Zeiten.
Weniger genau als Miri vermochte ich eine Gestalt zu fassen, die ich nur als die Wanderin der Nacht bezeichnen kann.
War sie es, die alle Fäden in der Hand zu halten schien und mit unsichtbarer Macht alles lenkte und leitete?
Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass sie zu jeder Zeit und an jedem Ort plötzlich erscheinen konnte:
Einmal sah ich Sie mit einem ratternden Einkaufswagen durch die Straßen rollen, dann schien sie zu wägen, zu richten und zu werten.
Mit ihr entstand und verband sich mein Verlangen, hinter die Erscheinungen dieser Welt zu schauen, ihre geheimen Zusammenhänge zu erkunden und für mich erlebbar zu machen.
Ich begann zu ahnen, wie zerrissen diese Welt war und ist, in der wir zu Hause sind. Die Kraft des Lebens „Miteinander und Füreinander“ schien verlorengegangen zu sein.
Ich spürte plötzlich, welcher Hass in allem steckte, wie es uns sehr schwer nur gelingen wollte, selbst zu einer gestaltenden Kraft zu werden.
Ich suchte mit Miri nach den Sinn des Lebens in der Vergangenheit und wollte so die Spur zum Leben in der Gegenwart finden.
Ich lernte, nicht mehr hilflos und blind durch die Ereignisse zu treiben, nicht mehr ohnmächtig und ohne Halt und Ziel zu existieren, sondern einen neuen Haltepunkt zu suchen und zu finden.
Die Zeitenreise wurde zur Erkenntnisreise. Ich sah, dass Diktaturen das Leben verwüsten konnten, aber ich sah auch, dass sie bezwingbar waren. Miri war es, die zu mir sagte: ``Markus`` schau, sieh dort den ``Völkischen Beobachter`` vom 9. November 1938 vom Winde getrieben durch die Müllerstrasse in Berlin wehen.
Die Menschen treten ihn achtlos beiseite. ``Das Vergängliche`` erkannte ich und das Bleibende, und ich fand im Ansatz den Weg, der es mir ermöglichte, selbst bestimmt und glücklich zu leben.
Gutes zu fühlen und zu tun im richtigen Moment, das verhieß mir die Wanderin der Nacht, sei ein Weg, den ich gehen könnte.
Wie ich zu dieser Einsicht gelangte, das will ich nun erzählen.
1
Der 21. Dezember 1991 begann mit der gleichen Gewalt wie der Vortag. Noch immer tobte über der Stadt ein Schneesturm. Die Menschen auf den Straßen waren schleichende Schatten.
Für mich ein Tag, an dem ich lieber im Bett geblieben wäre. Allein die Vorstellung, dass ich noch bis zum 24. Dezember arbeiten musste, machte mir das Aufstehen nicht gerade leicht.
Meine Wohnung war dunkel, trist. Ich hatte keine Lust auf Weihnachtsdekoration. In den Jahren davor war mein Wohnzimmerfenster immer festlich geschmückt gewesen. Dieses Jahr hatte ich dazu keine Stimmung. Ich fühlte mich leer, ausgelaugt.
„He, alter Junge, was ist mit dir los? Du bist schon fünfunddreißig Jahre auf dieser Welt, und deine Gefühlswelt ist die eines alternden Teenagers, dem gerade sein Idol gestorben ist! Verdammt noch mal, Markus, reiß dich zusammen, lass dich nicht hängen!“ Verschwinde, kümmere dich um deinen eigenen Kram. „Ich kann dich wirklich nicht verstehen, Markus!“ Schön, mein Herr. Ich musste selbst lachen bei diesem Gedankenspiel. Ist schon gut, ich werde mich bessern! „Na, geht doch, alter Junge!“
Zurück aus meinem Ich, führten meine Gedanken mich zu meinem Nachbarn – Jochen Lampe. Der hatte es besser als ich, seit sechs Wochen war er jetzt Rentner, seine Frau Gerda schmückte alles festlich. Sicher, ich mochte die leuchtende Pracht in den Fenstern. Aber ich konnte mich nicht dazu durchringen, es selbst zu tun.
In unserem Haus lebten noch zwei andere Mieter: im Erdgeschoss Heinz Grahn mit seiner Frau Wilhelmine und im zweiten Obergeschoss unsere alte Dame, Fräulein Erika Grüneberg, schon seit 1932 hier ansässig. Ich glaube, sie war die erste Mieterin, die schon als Kind hierhergezogen war. Damals war es noch ein Neubau. Wir pflegten einen guten nachbarschaftlichen Kontakt zueinander. Jeder war für den anderen da, wenn es mal eng wurde.
Es wurde langsam Zeit, dass ich mich fertig machte. Es war schon wieder sieben nach acht, mein Bus fuhr in fünfzehn Minuten an der Ecke Lampesteig, Richtung U-Bahnhof Residenzstraße.
In den letzten Tagen war ich vergesslich. Beim Rausgehen ließ ich meinen Hut liegen, vergaß meine Handschuhe. Am Schlimmsten war es vor vier Tagen gewesen, da hatte ich meine Hausschuhe noch angehabt, als ich das Haus verlassen wollte. Heinz hatte hinter mir hergerufen: „Markus, du hast ja noch deine Hausschuhe an!“
Ich schaute auf meine Füße. „Scheiße, schon wieder was vergessen!“
Beim Hochrennen lachte Heinz mir hinterher: „Markus, renn nicht so schnell, sonst kommst du nicht heil zur Arbeit!“
In die Stiefel und weg war ich, mit großen Sätzen die Treppe runter auf die Straße, dabei riss ich fast zwei Leute um. Ich rief gerade noch „Entschuldigung“, dann war ich schon um die Ecke. Noch hundert Meter, Markus, dann hast du den Bus erreicht!
An der Haltestelle war kein Mensch mehr da. Ein Blick auf die Uhr sagte warum: fünf Minuten zu spät! Verdammt, warum war die Zeit seit einigen Tagen so gegen mich? Was ich auch machte, immer kam ich zu spät!
Der Schneesturm rüttelte mich, als wollte er mich für meine schlampige Tageseinteilung bestrafen. Ach, was sollte das ganze Gejammer? Mit hängendem Kopf machte ich mich zu Fuß auf den Weg zum U-Bahnhof Residenzstraße. Die Minuten vergingen im Schneesturm wie Stunden; dreißig Minuten brauchte ich, um den kurzen Weg zurückzulegen. Einmal war ich kurz davor, mich auf die Nase zu legen. Beim Rutschen und Schlittern tastete ich nach etwas zum Festhalten: Mal war es der Briefkasten am Straßenrand, mal der Arm einer Person, die ich nicht kannte, im Sturm blind unterwegs wie ich. Ich hörte noch ihr Fluchen: „Pass doch auf, du alter Sack!“ Ich tat so, als würde es nicht mich treffen. Markus, nur weiter, noch ein paar Schritte, machte ich mir Mut.
Bevor ich das Ziel erreichte, riss mich das unaufhörlich fauchende Sturmschneegemisch wieder von den Beinen. Vor mir sah ich etwas Dunkles. Ich griff mit beiden Händen danach – eine Laterne. Ich rutschte bis auf die Knie an ihr runter. So ein blöder Tag! So langsam reichte es mir. In mir kochte es; am liebsten wäre ich den Weg zurückgeflogen: rein ins Bett und schlafen bis zum Frühling! Der Verzweiflung folgte auf den Fuß die Ermahnung meiner inneren Stimme: Aber nicht doch, Markus, ab zur Arbeit und kein Weg zurück!
Bei diesem Gedankenspiel meines Seelenfreundes lachte ich aus ganzem Herzen. Ich raffte mich auf, noch ein paar Meter, endlich war mein Ziel, die U-Bahn, erreicht! Ich fühlte schon die Wärme, die mir aus dem Schacht lockend entgegenkam, rannte die Treppe runter. Der Zug stand gerade noch, der Schaffner rief: „Einsteigen, bitte!“
Ein, zwei, drei große Schritte – im letzten Moment geschafft! Ich blickte mich um. Scheibenkleister, der Pöbel hat sich hier breit gemacht, keiner denkt an mich! Einen Platz bekam ich nicht, alles voller Menschen. Markus, ist doch egal, du bist noch jung, hast ja noch Kraft, sprach ich mir Mut zu.
In meinem morgendlichen Durcheinander fiel mir nicht auf, welch schöner vorweihnachtlicher Duft aus den Wohnungen bei mir im Haus in meine Nase drang.
„Komisch, ich stehe hier unter Menschen und spüre meine Nase nach Mandel und Pfefferkuchen suchen“, stehe mit meinen Gedankenbeinen im Treppenhaus.
Der Zug raste von einer Station zur nächsten. Nach der vierten verließen viele die Bahn. Ich sicherte mir erst einmal einen guten Platz. Meinen Nachbarn links musste ich ein bisschen beiseiteschieben – der hatte seine Tageszeitung mit beiden Armen ausgebreitet, als gehöre ihm der ganze Sitz. Er schaute mich grimmig an, als würde er sagen: Das ist mein Platz!
„Widerlicher alter Sack, dachte ich, du solltest dich lieber mal rasieren und deine Wäsche wechseln, hier riecht’s streng!“ Über meine inneren Worte bog ich mich innerlich vor Lachen, ich schmunzelte vor mich hin. Das hatte zur Folge, dass die Dame mir gegenüber, sie war so um die vierzig, mir freundlich zulächelte. Na, geht doch, Markus, lass die Aggressionen anderer nicht an dich ran, und der Tag wird gut! Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, was für ereignisreiche Tage vor mir liegen sollten.
Wie jeden Tag musste ich mehrfach umsteigen. Diese Prozedur spielte sich in meinem Inneren fast automatisch ab: Hier die Rolltreppen runter, da die Treppen wieder rauf, um den nächsten Zug zu erreichen. So kam ich immer, wenn auch mit etwas Glück, pünktlich an.
„Manchen Weg ging ich morgens schnell, ohne ihn zu kennen“. An anderen Tagen rannte ich wie irre, als würde eine Horde wilder Hunde mich durch die Stadt jagen. „Ja, ich hatte meinen Termin beim Grundbuchamt vergessen!“
Manchmal traf mich das, was mit meinen Aufträgen zusammen hing, wie eine Keule.
Schmutz und Dreck war meine tägliche Arbeit, sie begleiteten mich immer, Argwohn und Intoleranz waren meine Widersacher, auf Ämtern und Behörden vor allem.
„Hilfsbereitschaft war für diese Gattung Mensch ein Fremdwort.“
Als ich vor Jahren mit diesem Job angefangen hatte, wollte ich nach ein paar Tagen alles hinwerfen. Dann habe mich so langsam daran gewöhnt. So manches Mal versuchte ich, die Rätsel der Vergangenheit aufzudecken, um meinen Job gut zu machen, ein schweres Unterfangen an Tagen wie diesem! Momentan ging es mir ganz gut von der Hand; ich war wie ein Entdecker in einem fernen Land, der neue Wege sucht. Die ihm neues Wissen bringen, aber auch neue Fragen stellen – hier in meiner, ja, meiner Stadt Berlin. Hier treffen Wellen und Wogen aus allen Teilen des Erdballes aufeinander, keine Welle gleicht der anderen, mal leiser, dann wieder lauter brausen sie dahin, ja es ist gut so …
Der Weckruf der U-Bahn riss mich aus dem Land der Träume: Kochstraße. Ich stürzte aus dem Zug, rannte die Treppe rauf, die Zeit drängte! Nur noch ein paar Straßen bis zu meinem Arbeitsplatz, die Wohnungsgesellschaft BLW. Seit einigen Jahren war ich hier als Wohnungsbetreuer tätig – Hausverwerter, wie meine Arbeit intern genannt wurde.
Im siebten Stock angekommen, entledigte ich mich im Büro erst einmal meiner Sachen. Ich griff den Besprechungs-Aktenordner und ging ins Nebenzimmer. Dort saß mein alter Kollege Ralf Marloff, ihn kannte ich schon seit unserer Betriebs-Wirtschaftslehre, BWL, ein trockenes Studium. Er hatte die Aufgabe, sich um den Verkauf sanierter Wohnungen zu kümmern. Wie er mir mal verriet, auch nicht gerade sein Traumberuf, aber was sollte er machen? Er brauchte halt die Kohle, früh geheiratet, seine Frau war schon schwanger und gleich noch Zwillinge!
Eine schwierige Aufgabe also, aber Ralf ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Seit einem dreiviertel Jahr hatten wir einen neuen Vorgesetzten, Herr Jansen. Ich mochte den Typen nicht. Seine ganze Art war mir zuwider. Auf freier Wildbahn ging ich solchen Menschen aus dem Weg. Ich wollte mir doch nicht den Tag versauen! Aber hier im Job ging es eben nicht, ich versuchte, mich halbwegs auf ihn einzustellen – Augen zu und durch. Auch wenn die Angriffe Jansens manchmal ein wenig weit gingen – Ralf und ich blieben immer gelassen.
Täglich um zehn war Besprechung im zehnten Stock bei Jansen – der ließ vielleicht den Chef raushängen! Er guckte immer in die Runde, als wolle er unsere armen Seelen fragen: „Seid Ihr auch alle fleißig gewesen, habt Ihr für mich brav die heißen Eisen aus den Kohlen geangelt?“
Kein Lächeln lag dabei auf seinem Mund, seine stahlgrauen Augen schauten uns nur grimmig an. Ralf sagte einmal zu mir: „Entweder hat er einen großen Drachen zu Hause oder er verstellt sich nur, um seine Schwächen nicht ans Tageslicht gelangen zu lassen!“
Ich antwortete: „Was er macht oder nicht, ist mir egal, mit dem Typen will ich außerhalb meiner Arbeitszeit nie was zu tun haben!“
*
Ralf und ich betraten das Sitzungszimmer, die anderen Kollegen waren schon da. Ich hörte Jansen von vorn rufen: „Meine Damen und Herrn, es muss besser werden, nehmen Sie Platz!“
Dann ging das Ganze fast eine Stunde, so wie dieses Frage-Antwort-Spiel aus der Grundschule: „Wie weit sind Sie? Was haben Sie gemacht? Welche Strategie verfolgen Sie?“
Ralf fragte er: „Wie sieht Ihre Prognose für die nächsten Tage aus, Herr Marloff?“
„Ganz gut, Herr Jansen“, antwortete Ralf, „ich habe die drei Dachgeschosswohnungen fast verkauft! Notarbedingte Bereiche sind noch abzuklären, aber in zwei Tagen ist die Sache dann erledigt.“
„Mal was Erfreuliches an so einem Tag“, knurrte Jansen lakonisch.
So ging es weiter, ein Kollege nach dem anderen kam an die Reihe. Manch einer hatte einen roten Kopf und Schweißperlen auf der Stirn. Warum sie schwitzten, konnte ich nur zu gut verstehen: Jansen war ein Arsch, er nutzte wirklich jede Schwäche aus. In Gedanken versunken, hatte ich nicht mitbekommen, dass ich selbst längst dran war. Jansen hatte mich angesprochen. Ralf zupfte mich am Ärmel: „He, Markus, du bist dran!“
„Ja, bitte, Herr Jansen, was haben Sie auf dem Herzen“, lächelte ich ihn freundlich an.
Diesen naiven Satz konnte er nicht vertragen, ich sah eine Zornesfalte auf seiner Stirn.
„Herr Blume“, bellte er mich an, „was ich auf dem Herzen habe, werde ich Ihnen ganz gewiss nicht sagen! Passen Sie gefälligst auf, wenn ich hier meine Arbeit mache! Schlafen können Sie zu Haus, ist das klar?“
„Verstanden, Herr Jansen“, rief ich. Bei diesem Typ kam man am besten weiter mit kurzen Sätzen. Ich hatte keine Lust, mich aufzuregen.
Jansen redete weiter. „Herr Blume, ich habe eine Immobilie vom Rathaus Pankow zur Bearbeitung erhalten. Seit mehr als zwei Jahren versucht das Amtsgericht, die Erben einer gewissen Familie Petach ausfindig zu machen. Sollen vor Jahren nach Australien ausgewandert sein. Es gibt hier wahrscheinlich niemand mehr von denen. Kümmern Sie sich mal um diesen Fall!“
Er warf einen halb zerfallenen Aktenordner vor sich auf den Tisch, den ich mir holen sollte. Wie immer war der Vorgang von seinem Büro keineswegs vorbereitet worden – alles war lose in die Akte geworfen. Jansens Sekretärin war selbst beim Laufen eine Bedrohung, eine absolute Null. Im Haus munkelten die Kollegen ohnehin, er habe sie nur zur seelischen und sonstigen Betreuung eingestellt. Wenn ich mir die Dame so ansah, musste es wohl stimmen …
Ich, der Pedant, der Ordnungsmensch, und dann dieses zerfallene Fragment! Es grauste mich schon, wahrscheinlich einen halben Tag an den Papieren zu arbeiten, um eine halbwegs arbeitsfähige Grundlage zu schaffen.
„Meine Damen und Herren, an die Arbeit!“, rief Jansen.
*
Beim Verlassen des Besprechungszimmers wünschte ich allen einen guten Tag. Auf dem Weg ins Büro holte ich mir eine Tasse Kaffee aus dem Automaten. Das Gesöff konnte man eigentlich nicht trinken, aber ich tat es doch immer wieder. Vor meinem Zimmer flog mir der Becher beim Öffnen der Tür aus der Hand, brauner Kaffeeschwall ergoss sich über die Mahagonitür auf den braunen Teppich. Na ja, man sah es eigentlich kaum … Was für ein Mist passiert mir heute wohl noch? Soll sich doch die Putze darum kümmern, mir reicht es jetzt!
Im Zimmer schmiss ich die Akte erst einmal in hohen Bogen auf den Tisch. Ich musste mich für ein paar Minuten entspannen, die Augen schließen. Dann fiel mir ein, dass ich ja noch eine Flasche Wasser im Schrank hatte. Dieses Gesöff aus dem Automaten konnte mir für heute gestohlen bleiben.
Ich trank Wasser, schlenderte im Büro herum, sah aus dem Fenster. Ich hatte keine Lust, mit der Akte anzufangen. So gingen die Stunden dahin. Auf einmal kamen mir meine verflossenen Liebschaften in den Sinn. Alle Frauen, die ich bis jetzt kennengelernt habe, waren nach ein paar Wochen wieder ausgezogen. Im Grunde hatten Sie ja recht gehabt. Immer abwesend, nie Zeit, meine Gedanken immer dabei, andere Dinge zu klären, und die zwischenmenschlichen Beziehungen stets aus den Augen verloren.
„War schon okay, ihr Verhalten mir gegenüber.
Das hatte ich ihnen aber natürlich nicht erzählt; nach meiner Auffassung wäre es eine Bloßstellung gewesen. Nur ich muss wissen, was gut für mich ist. Ich brauche diesbezüglich all meine Kraft! Ha, ha, ich lachte selbst über meinen frauenfeindlichen Spruch.
Markus, mach dir nichts vor, du bist einsam, hörte ich meinen inneren Freund rufen. Ich habe meine Arbeit, basta, keilte ich zurück.
„Petach/Australien“ also war mein neuer Fall. Ich schaute aus dem Fenster. Überall weihnachtlich leuchtende Scheiben, glänzend in allen Farben. Ich seufzte und wandte mich wieder meinem Bürostuhl zu. Meine Hände umfassten die Lehne. Diesen Stuhl hatte ich schon ein paar Jahre, er war mir bei der Besichtigung einer alten Liegenschaft ans Herz gewachsen. Ich hatte ihn mitgenommen und von einem Polsterer aufarbeiten lassen. Wenn ich auf ihm saß und meine Arbeiten verrichtete, fühlte ich mich wohl. Meine Blicke streiften wieder die vergilbten Unterlagen. Minutenlang verharrte ich in dieser andächtigen Stellung, als ob sich eine Aura bilden würde um mich und um die alten Seiten, die da vor mir auf der Tischplatte lagen.
Nach meinen inneren Unterredungen meldete sich endlich Interesse in mir an der Geschichte. Eigentlich gar nicht uninteressant, dieser Fall! Ich musste sofort an die Akte aus Pankow! Seite für Seite durchforschte ich die Papiere, aß dabei mein Pausenbrot und trank wie immer meinen obligatorischen halben Liter Fruchtsaft.
Nachdem ich mich mit den Unterlagen etwas vertraut gemacht hatte, schrieben meine Hände eine Liste der zu klärenden Punkte auf. Ich fange meist mit dem Grundbuch an und setze meinen Weg dann systematisch in die Vergangenheit fort. Irgendwie ist es doch erstaunlich, welche Schaffenskraft der Mensch zu erreichen vermag.
„Komisch, der eine sucht den Weg, allem aus dem Weg zu gehen“. Andere suchen ihr Heil im Streit und Zerwürfnis. Der Dritte ist mehr mein Naturell: Er sucht nach dem verborgenen Schatz. Natürlich nicht den materiellen, nein, dazu ist die Zeit zu schade. Er sucht nach dem, was uns auszeichnet, nach dem Spürsinn, der kleinen Trüffelnase.
Das ist unser Lebenselixier, das lässt uns Freiraum, um von dem Alltäglichen Abstand zu bekommen. Ja, das ist es, was wir suchen, kleine Trüffelsucher in dieser Stadt …
Nachdem ich mir die Eckdaten zusammengestellt hatte, wollte ich mir am nächsten Tag das Grundstück in Pankow ansehen – natürlich nur, wenn der Sturm sich gelegt hatte und ich in der Lage war, den Ort sicher zu betreten. Denn in Gefahr wollte ich mich nicht begeben, dazu hing ich doch zu sehr an meinen Leben.
Wie es aussah, war der Tag fast zu Ende. Die ersten Kollegen verließen ihre Büros. Ralf und ich waren fast immer die Letzten. Heute saßen wir gegenüber von unserem Büro noch ein bisschen im Café und unterhielten uns über die Dinge des Lebens.
*
Ralf brauchte nichts mehr einzukaufen; er hatte für seine Familie schon alle Geschenke beisammen.
„Und, Ralf“, fragte ich ihn, „wie sieht es bei dir aus? Gehst du zu jemand Heiligabend?“
„Nee, ich bleibe zu Haus und werde mich mal so richtig ausschlafen.“
„Was, du besuchst keine Bekannten?“
„Nein, Ich habe dir doch gerade gesagt, ich bleibe zu Haus.“
Als ich durch die Scheibe nach draußen guckte, bemerkte ich, wie Ralf mich anschaute. Er schüttelte den Kopf. Ich tat so, als ginge es mich nichts an.
Wir gönnten uns noch einen Milchkaffee und einen kleinen Kuchen. Draußen schneite es unaufhörlich; der Sturm hatte sich noch nicht gelegt. Nachdem wir ein Glas Barolo getrunken hatten, verließen wir gegen halb sieben das Kaffee. Ralf lief zum Bus. Er brauchte nur drei Stationen zu seiner Wohnung.
Die Akte Petach, die ich für morgen in meine Tasche stecken wollte, suchte ich vergebens. Meine Aktentasche war leer. Ein heißer Blitz durchfuhr mich: Ich hatte sie auf der Heizung im Büro liegengelassen! Also wieder zurück ins Büro. Im Haus war keiner mehr – nur Norbert, der Hauswart. Er wohnte im zweiten Stock. Ich klingelte ein paar Mal kräftig.
„Ja, wer stört mich beim Abendbrot?“
„Ich bin es, Markus!“
„Mann oh Mann, nicht du schon wieder! Warte, ich komme runter!“
Der Sturm schüttelte mich vor dem Eingang durch; die Zeit wollte nicht vergehen. Ungeduldig stand ich vor der Tür – wo er wohl blieb? Es vergingen nur Minuten, bis der Hauswart an der Tür war, aber durch das missliche Wetter wurde die Zeit ellenlang.
Norbert und ich fuhren mit dem Fahrstuhl ins zweite Geschoss. Hier trennten sich unsere Wege. Der Fahrstuhl summte leise bis zum siebten Geschoss. Es waren nur ein paar Schritte bis zum Büro. Ich schloss die Tür auf. Im Halbdunkeln fiel mein Blick auf die Heizung. Hier lagen die Unterlagen.
Beim Einpacken der Akte fiel ein alter Schlüssel aus einem kleinen Seitenfach auf den Boden. Ich hob ihn auf, schob ihn in die Aktentasche und machte mich endlich auf den Heimweg.
Minuten später saß ich entspannt in der U-Bahn. Auf einmal fiel mir der Schlüssel ein. Ich stellte mir vor, morgen in der Frühe in Pankow im Schnee zu stehen, keinen Schlüssel dabei. Das wäre für mich ein Grund gewesen zu hinterfragen, ob das, was mir so alles unterlief, noch ganz normal war. Ich brachte meine Gedanken schnell auf einen anderen Weg und dankte dem Zufall, dass ich meinen Weg noch mal über das Büro genommen hatte.
In der U-Bahn war nicht viel los. Schräg gegenüber unterhielten sich zwei Frauen mit vollen Taschen. Die hatten bestimmt viel Geld für Weihnachten ausgegeben. Ich fühlte Ruhe in mir und diese quirlige Gelassenheit, Menschen zu taxieren. „Ich bin ein Meister in meiner Welt, Markus, eben.“
„Mir gegenüber saß ein Mann, der diese Zeitung zwischen seinen fetten Fingern hielt“. An der linken Hand trug er einen übergroßen Ring mit einem Löwenkopf mit roten Augen. Seine Fingernägel hatten schwarze Ränder. Als ich meine Augen auf seine Schuhe lenkte sah ich, sie waren voller verkrustetem Dreck. Schlampe!
Ich versuchte, mit meinen Blicken die Zeitung zu durchdringen, um in das fette Gesicht dieser Type zu gelangen. Zuerst lief alles gegen mich. Er rührte sich nicht. Ab und zu stiegen kleine Wolken Zigarrenrauch auf. Beim Betrachten der Wölkchen fiel mir auf, dass der Mann die Zeitung auf dem Kopf hielt. Was für eine Kunst! Rauchend im Zug, dazu noch die Zeitung rückwärts lesend, perfekt! Meine Blicke vertieften sich noch mehr in die Zeitung.
„Ich starrte auf ihren Mittelpunkt. Langsam, ganz langsam senkte sie sich, sachte, zuerst sah ich nur die nach Gel triefenden angegrauten krausen Haare am Schädel angepresst, dann erschien das Gesicht. Erst die Stirn mit kleinen Falten, dann die buschigen Augenbrauen, seine stahlblauen Augen passten überhaupt nicht zu diesem Typen.“
Oh Schreck, was für eine rote Nase der hat, dachte ich. Ich sah in sein Gesicht, aufgeblasen wie ein rosa Luftballon und dieses schaute mich über die Zeitung geradewegs an. Dabei zog er kräftig an seiner Zigarre.
„Ich lachte ihn an, sagte fröhlich, wie man eben zu seinen Mitmenschen sein sollte: „Sie haben schon seit zwanzig Minuten Ihre Zeitung auf den Kopf gelesen! Wie machen Sie das denn?“
Der Fette bekam einen hochroten Kopf. Oh Mann, gleich platzt er!
In diesem Moment sprang der Kerl auf. Ich fürchtete, dass er sich mit einem Wutschrei auf mich werfen würde. Aber nein, was tat er? Er nahm die Zeitung, zerriss sie in Fetzen und schmiss sein Werk auf den Boden, um es mit seinen großen Füßen zu bearbeiten. Dann rannte er ans andere Ende des Abteils. Beim nächsten Bahnhof verließ er den Zug. Was es doch für Menschen gibt.
In der Residenzstraße sah ich plötzlich (Wunder gibt’s doch noch, ich habe meinen Bus erwischt!) war alles voll, Leute mit Paketen und Päckchen zogen durch die Straßen, ja, bald war Weihnachten.
Zu Hause zog ich mich erst einmal aus meinen Körperverpackungen, dann kochte ich mir eine Kanne Tee, Friesentee, und machte mir ein paar belegte Brote. Eigentlich wollte ich noch ein bisschen lesen, hatte aber doch keine richtige Einstellung zur Literatur an diesem Tag. Nachdem ich meine Abendpflege erledigt hatte, schlief ich schnell ein.
*
Am nächsten Tag, dem 22. 12. 1991, stand ich gegen sechs Uhr auf und schaltete schlaftrunken das Radio ein, meinen Lieblingssender, RIAS. Laut Wetterbericht sollte es ein schöner Wintertag werden. Ich freute mich. Der Tag konnte kommen! In mir war ein gutes Gefühl, alles lief prima. Ich hatte nichts vergessen und stand mit allem, was ich für den Tag brauchte, vor meiner Wohnungstür. Im Haus roch es nach Zimt und Honigkuchen. Im zweiten Stock öffnete Erika die Tür.
„Markus, könnten Sie mir heute Abend vielleicht ein paar Sachen mitbringen?“
„Aber sicher doch.“ Ich nahm den Einkaufszettel. Erika wollte mir gleich Geld geben.
„Nein, lassen Sie mal, das können wir doch heute Abend abrechnen …“
Ich machte mich auf den Weg nach Pankow. Auf der Straße überlegte ich: Wie kommst du jetzt am besten zur Wandlitzer Allee 32? Es sind von hier nicht mehr als acht Kilometer, aber die Verbindung mit der BVG ist nicht sehr gut. Ich entschloss mich, ein Taxi zu nehmen. Das konnte mit der Spesenabrechnung eingereicht werden.
Ich ging zur nächsten Ecke, winkte mir ein Taxi heran und setzte mich auf den Beifahrersitz. Der Taxifahrer, ein junger Mann mit Zickenbart, begrüßte mich überschwänglich, als wären wir alte Freunde.
Die Fahrt war schwierig. Überall war die Stadtreinigung dabei, den Schnee in den Griff zu bekommen. Etwas später als ich gedacht hatte, erreichten wir das Ziel.
Ich stieg aus und zahlte im Stehen. Nachdem das Taxi weg war, schaute ich mich um. Ich befand mich in einer Vorortstraße. Die Häuser waren groß, dunkel und wirkten irgendwie, als sei die Zeit stehengeblieben. Ein Großteil von ihnen schien leer zu stehen. Mir gegenüber lag das Grundstück Nr. 32. Der schmiedeeiserne Zaun, der ein großes Anwesen einschloss, war an einigen Stellen brüchig, trotzdem ahnte man noch seine alte Pracht. Hinter dem Zaun standen zwei große Tannen, auf ihren Ästen lag Schnee. Sonnenstrahlen glitzerten darauf.
Beim Betreten des Grundstücks verfing ich mich in einer Rosenranke; die versteckt unter einer weisen Wolke aus Schnee lag, ich brauchte einige Minuten, um mich zu befreien. Alles lag unter einem halben Meter Schnee. Ich versuchte einen Rundgang über das Grundstück. Dabei arbeitete ich Punkte auf meiner Liste ab: Baumbestand, Erschließung, Nebengebäude, eventuelle Altlasten, Abwassergruben lagen unter Schnee verborgen, Zustand der Zäune und Mauern … Gott sei Dank, das hatte ich geschafft!
Ich stieg die flache Außentreppe empor und stand vor dem alten Eingang. Nachdem ich den Schlüssel ins Schloss gesteckt hatte, versuchte ich die Tür zu öffnen. Sie klemmte. Als ich mich dagegen presste, ging es auf einmal leicht.
Ich stand in einem halbdunklen Raum und ließ meine Blicke schweifen. Die Scheiben waren durch den Frost mit Winterrosen verziert – ein schöner Anblick. Nachdem ich mich etwas gesammelt hatte, schloss ich die Haustür hinter mir, nahm meine Taschenlampe und suchte den Keller. Meist liegt er hinter der Küche, richtig, ich stand vor der Kellertür! Bei meinen Recherchen hatte ich einen eigenen Bearbeitungsstil entwickelt: Ich durchsuchte erst immer den Keller auf Feuchtigkeit und Schimmel, nahm dann die Wände sorgsam unter die Lupe und stieg schließlich zu den Speichern hinauf. Dabei erledigte ich meine Strichliste, ging mechanisch Raum für Raum ab.
Der Keller war kalt und dunkel, aber das war ich gewöhnt. Ich leuchtete die Wände mit meiner Taschenlampe ab und fand alles so weit in Ordnung. Nachdem der Keller fertig war, kümmerte ich mich um das Dachgeschoss. Das Treppenhaus lag im Halbschatten; mit meiner Taschenlampe leuchtete ich mir den Weg nach oben. Überall waren Spinnennetze, aber sonst war alles, was ich bis jetzt gesehen hatte, in einem erstaunlich guten Zustand.
Oben angekommen, prüfte ich die Sparren des Dachstuhls. Kein Befall vom gemeinen Holzwurm vorhanden! Komisch, so etwas hatte ich noch nicht erlebt, nicht der geringste Befall. Ich machte ein großes Kreuz auf meiner Liste.
Als ich gerade mit den Zimmern im Obergeschoss anfangen wollte, sah ich einen Lichtschein aus einem Türspalt hervorschimmern. Dazu hörte ich leises Summen. Verdutzt drehte ich den Kopf. Sollte die Sonne schon eine solche Kraft haben? Das konnte zu dieser Jahreszeit eigentlich nicht sein! Langsam öffnete ich die Tür einen Spalt weit. Was ich sah, verschlug mir den Atem. Ich schob meine Hände an den Kopf: „Nee, Fieber haste nicht, alles in Ordnung.“ Ich schlug meine Augen wieder auf.
Ein großer Kerzenständer mit neun Kerzen brannte hell und klar mitten im Raum. Auf einem Plüschsessel vor dem Fenster saß ein Mädchen von vielleicht zehn Jahren. Es spielte mit ihrer Puppe, dabei summte es leise ein Lied vor sich hin. Sie trug ein weißes Rüschenkleid mit Spitzen an den Ärmeln. Ihre roten Haare waren zu Zöpfen geflochten; an ihren Enden hingen weiße Schleifen. Die Schuhe glänzten dunkelrot und waren bis eine Handbreit über den Knöcheln geschnürt.
Plötzlich sprang sie vom Sessel auf und rannte auf mich zu. In der letzten Sekunde drehte sie sich jedoch wieder in Richtung Stuhl und ließ sich fallen wie ein Stein.
Ich hörte, wie sie sang – ein Kinderlied, wie meine Großmutter es mir oft vorgesungen hat.
„Hallo, du, wo kommst du denn her?“
Das Mädchen schien mich nicht zu hören. Mein Puls raste. Ich betrat das Zimmer und wollte das Kind an der Schulter berühren. Meine Hand griff ins Leere.
Erschrocken wich ich zurück. Das Mädchen war so angezogen wie vor achtzig Jahren, auch die Umgebung schien alt zu sein. Ich konnte keinen vernünftigen Gedanken fassen.
Langsam verließ ich das Zimmer wieder, verschloss die Tür bis auf einen Spalt. Wo war ich bloß gelandet? Auf der Treppe setzte ich mich auf die Stufen. Ich versuchte, meine Sinne in normale Bahnen zu lenken, schaffte es aber nicht. Den Handlauf schon in der Hand, sah ich gegenüber aus einer anderen Tür Licht. Meine Neugierde war größer als meine Furcht.
Meine Trüffelnase wurde wach; vorsichtig öffnete ich die Tür. Im Schaukelstuhl wippend, saß ein Mann von etwa siebzig mit einer Pfeife in der Hand, aus der unentwegt Wölkchen stiegen. Langsam bewegte er sein Bein hin und her, im Rhythmus mit seinem sich hebenden und senkenden Brustkorb.
Auf einmal stieg mir ein Duft von Kaffee und Kuchen in die Nase, der von unten zu kommen schien. Was war das jetzt wieder? Ich ging langsam die Treppe nach unten. Durch eine Glasscheibe sah ich altmodisch gekleidete Menschen in einem Raum, der einer Konditorei ähnelte. Sie saßen an Tischen und tranken Kaffee und Kuchen. Markus, du bist in einer Bäckerei gelandet!
Mein Herz schlug schneller. Ich öffnete die Tür. Niemand drehte sich nach mir um. In der Ecke neben der Tür stand ein Weidenkorb, in ihm schlummerte ein kleiner brauner Hund mit schwarzen Augen. Ich winkte ihm zu, aber auch er konnte mich nicht sehen. Was für eine unglaubliche Geschichte!
Immer wieder kamen Menschen, holten Brot und Stollen, ein reges Treiben. In dem Raum, der etwa vierzig Quadratmeter groß sein mochte, leuchteten überall kleine Sterne. Auf einem Tisch in der Mitte stand ein Adventskranz mit drei brennenden Kerzen. Ich blickte auf den Kranz als stände ich unter einem Narkotikum. Hier ist ja die gleiche Zeit wie bei uns 1991!
Neben mir öffnete sich die Tür. Das Mädchen und der alte Mann von oben kamen herein, gingen an mir vorbei, setzten sich an den einzigen noch freien Tisch und sangen Weihnachtslieder. Der alte Mann spielte auf seiner Mundharmonika. Ein schönes Bild. Ich fühlte mich wohl, Tränen traten aus meinen Augen, rollten meine Wangen entlang, fielen zu Boden und platzten wie Knospen im Frühling. Dabei benetzten sie den Raum und berührten den Weidenkorb unter mir.
„Welcher Frieden auf dieser Gemeinschaft ruht, dachte ich.“
Die Zeit ging dahin; langsam wurde es dunkel. Ich bemerkte es nicht. Beiläufig schaute ich auf meine Uhr: Was, schon Viertel nach Vier? Bin ich schon sechs Stunden hier? Ich konnte es mir nicht erklären. Ich musste mich schleunigst auf den Heimweg machen.
Ich hatte überhaupt nicht bemerkt, dass der kleine Hund mir nachlief. Am Ausgang, für den ich immer noch den Schlüssel hatte, stand er neben mir, schaute hoch und roch an meinen Schuhen. Dabei wedelte er mit dem Schwanz.
Was ist geschehen, Markus, fragte ich mich? Es kann doch nicht sein, dass ein Hund mich erkennt, aber all die anderen nicht? Ich trug den Kleinen zurück in den Verkaufsraum, ging schnell zur Tür und verschloss sie hinter mir. Auf der Straße angekommen, konnte ich links neben dem zweiten Eingang an der Scheibe eine Aufschrift erkennen:
Bäcker und Konditormeister Petach
Meine Erlebnisse – „waren sie real gewesen, oder hatte ich mich überarbeitet und sah nun Gespenster?“
Ich ging zur nächsten Bushaltestelle und stieg ein. Auf dem Weg nach Hause fiel mir der Zettel von Erika in die Hände: Schillerstraße bei Edeka: Brot - Butter - Honig - Flasche Rotwein, lieblich stand auf den Zettel, und: schwarzen Tee besorgen. Diese Dinge kaufte ich schnell ein.
Im Haus angekommen, ging ich gleich zu Erika in den zweiten Stock, um ihr ihre Sachen zu bringen.
„Na, Markus, Sie sehen aber ganz schön abgekämpft aus! Was haben Sie denn den ganzen Tag gemacht, dass Sie so fertig sind?“ Sie zog mich in ihre Wohnung. Im Wohnzimmer neben dem Klavier musste ich mich erst einmal setzen.
„Hier, Markus, trinken Sie erst mal einen Tee, dann werden Ihre Lebensgeister schon wieder erwachen!“ Erika lachte.
Auf dem großen Eichentisch stand ein Bunter Teller mit Pfefferkuchen und ein Weihnachtskranz aus Holz, den Erika sich in den zwanziger Jahren bei einem Winterurlaub im Erzgebirge gekauft hatte. In den vergangenen Jahren hatte ich mich hier oft nach schweren Tagen eingefunden. Ich fühlte mich wohl bei ihr, eigentlich wie früher – daheim. Erika setzte sich mir gegenüber an den Tisch, schaute mich durch ihre starke Brille an. Schon als kleines Kind hatte sie Augengläser (Brille) tragen müssen.
„Markus, etwas stimmt nicht mit Ihnen! Möchten Sie darüber sprechen?“
Ich nickte, zum Sprechen war ich in diesem Moment nicht fähig. Erika war eine Frau, die warten konnte – oh ja, und wie! Es war ruhig im Haus, nur von weitem hörte man ab und zu ein Auto. Durch den Schnee war alles leiser als sonst. Ich versuchte, die Ereignisse in meinem Inneren chronologisch zu ordnen, schaffte es aber nicht. Ich räusperte mich noch einmal. Markus, lass einfach los!
Ich begann ihr alles zu erzählen: von dem Haus, dem Kind, dem Mann, von der Bäckerei, von meinen Tränen und von den vielen Menschen. Zum Schluss vergaß ich natürlich auch nicht den Hund: wie er mich erkannt hatte und alles andere. Nachdem ich fertig war, ging Erika in die Küche und schenkte uns erst einmal einen großen Pott Tee ein.
„Markus, was Sie mir da erzählen, das ist ja eine unglaubliche Geschichte.“
„Ja, aber … Erika glauben Sie mir?“
Sie sah meine flehenden Augen. Ein Lächeln huschte über Ihr Gesicht. „Markus, ja, ich fühle, dass Sie die Wahrheit sagen.“
„Ich möchte wissen, warum der Hund mich erkannt hat. Erika, haben Sie dafür eine Erklärung?“
„Dazu, Markus, fällt mir eine Geschichte ein. Vor langen Jahren war mein Vater mit seinem Bruder in den Bergen. Das Wetter änderte sich schlagartig: Sturm kam auf und die beiden waren den Unbilden der Natur hilflos ausgeliefert. Stunde um Stunde tobte der Sturm durch den Wald. Rennend erreichten Sie ein altes moosbewachsenes Haus. Fenster und Tür waren geschlossen. Beide waren völlig durchnässt und warfen sich gegen die Tür, die sofort aufbrach. Vor Schwäche stürzten sie zu Boden und lagen dort bestimmt einige Stunden. Vater ist dann als erster wach geworden, sein Bruder lag neben ihm, weiß im Gesicht. Vater hörte keinen Atem, er schüttelte ihn, aber er wurde nicht mehr wach. Vater weinte bitterlich, er hatte nicht erwartet, in dieser Stunde seinen Bruder zu verlieren! Auf einmal veränderte sich alles: Die Tür ging auf, zwei Männer kamen auf meinen Vater zu, hoben seinen Bruder empor, legten ihn auf den Eichentisch mitten im Raum und sprachen mit sonderbaren Lauten zueinander. Der eine hob seinen Kopf und flößte ihm einen Trank ein.
Innerhalb weniger Sekunden war Vaters Bruder wieder wach, als wäre nichts geschehen. Seine roten Backen strahlten, wie immer. Die Gestalten aber, die dem Bruder neues Leben eingehaucht hatten, verschwanden im Nebel! Das Zimmer wurde wieder zur Nacht. Nachdem der Sturm sich am Morgen gelegt hat, sind beide wieder wohlbehalten zu Haus angekommen. Beide, Vater und Bruder Gustav, lebten noch viele Jahre in Berlin. Er hat mir dies alles erst an seinem Todestag erzählt.“
„Vielleicht ist es die Magie der Tränen, welche die Menschen schützen und in sie dringen, an das Gute zu glauben?“
„Ja, Markus, deine Tränen, sie haben diesen Hund zu deinem Freund gemacht! Lass nicht los, geh wieder hin! Mach deine Arbeit weiter! Aber erst müssen Sie mir eins versprechen, Markus: Erzählen Sie nur mir Ihre Geschichte. Sonst wird alles umsonst sein.“
*
Am nächsten Tag, dem 23. Dezember, meldete ich mich in der Firma und sagte, dass ich noch einen zweiten Außentermin in Pankow bräuchte, weil das Anwesen unerwartet weitläufig sei. Ich wollte die Akte „Wandlitzer Allee 32“ noch bis zum Heiligen Abend fertig stellen.
Gegen zehn war ich wieder vor Ort. Der Schlüssel passte. Die Tür ging leicht auf. Sie klemmte nicht wie gestern. Alles war still. Ich ging nach oben, um meinen Bericht zu vervollständigen. An der Tür angekommen, wo gestern das Mädchen gespielt hatte, klopfte ich. Niemand antwortete. Mit Herzklopfen öffnete ich die Tür. Ich fand alles leer. So begann ich damit, Zimmer für Zimmer in meinen Protokollen festzuhalten.
Zum Schluss vermaß ich den Verkaufsraum. Auch hier war alles leer – fast alles. In der Ecke, wo gestern das Mädchen mit dem alten Mann gesessen hatte, lag eine weiße Schleife. Ich bückte mich und steckte sie in die Seitentasche meines Mantels. Ich war glücklich, weil ich nun wusste, dass alles, was ich erlebt hatte, vielleicht doch real gewesen war.
So verging der Tag.
Ich wollte auch morgen nicht in die Firma. Ich hatte einfach keine Lust mehr, morgen noch für fünf Stunden ins Büro zu fahren! Ich rief Jansen an und meldete mich krank. Er war stinkig, schwafelte was von der Weihnachtsfeier. Mir doch egal, soll er doch seine blöde Weihnachtsfeier ohne mich machen! Ich hatte keine Lust, mir immer die gleichen Redensarten anzuhören. Der Typ ging mir wirklich auf den Keks.
2
Endlich, der 24. Dezember. Weihnachten war da! Ich lag bis um zwei Uhr mittags im Bett und ließ fünfe gerade sein – das hatte mein Großvater immer gesagt, wenn er seine Seele baumeln lassen wollte. Nachdem ich mich so gegen drei fertig machten wollte, klingelte es an der Tür.
Jochen stand draußen. „He, Markus, hast du vergessen, dass wir dich zum Essen eingeladen haben?“
Ich wurde rot. „Scheiße, Jochen, ich habe es wirklich vergessen!“
„Macht“ ja nichts. Los, altes Haus, rein in die Hosen und ab nach unten in die gute Stube!“
Rums, und schon war er wieder weg. Ja, diese Rentner hatten wirklich keine Zeit!
*
Im Treppenhaus fühlte ich zum ersten Mal Weihnachten. Bei Lampe im Erdgeschoss klingelte ich nur einmal. Frau Lampe machte die Tür auf.
„Kommen Sie rein, Markus.“
Im Wohnzimmer waren alle da: Erika saß mit roten Wangen am Ofen, Heinz Grahn und seine Frau links neben Erika. Ich nahm den Platz rechts daneben. Vor dem Essen sangen wir. Es gab Ente mit Rotkohl und Wein. Der Nachtisch bestand aus Mandelpudding mit Sahne und einem kräftigen Schuss Rum.
Wir redeten und lachten, es wurde ein schöner Abend. Schnell verging die Zeit; gegen neun verabschiedete ich mich. Ich wollte noch ein paar Briefe schreiben.
In meiner Wohnung angekommen, fiel mir die weiße Schleife ein, die ich gestern gefunden hatte. Behutsam nahm ich sie aus der Seitentasche des Mantels und hielt sie in meinen warmen Händen. Ich wurde müde und ging schlafen. Lange lag ich auf dem Bett, konnte aber nicht einschlafen. Dreimal stand ich wieder auf.
Markus, was ist mit dir? Wenn du nicht schlafen kannst, geh ein wenig spazieren und lass das Grübeln! Schon gut, hast ja Recht!
Ich zog wieder meine Sachen an und machte mich daran, die Nacht meiner Seele zu spüren. Innerlich war ich von Unruhe erfüllt. Ich ging nach unten auf die Straße. Kein Mensch weit und breit. In den Fenstern leuchteten Sterne und Engel. Wie die Uhren die Zeit ließ mich ein innerer Antrieb einen Straßenzug nach dem anderen ablaufen, ohne Ziel. Als ich endlich auf die Uhr schaute, war es kurz vor zwei. Ich musste zurück nach Hause.
Als ich meinen Kopf hob, oh Schreck, stand ich vor der Haustür Nr. 32! Das alte Haus lag im Dunkeln. Meine Hände tief in den Taschen meines Mantels vergraben, wollte ich mich auf den Weg nach Hause machen – da fühlte ich den Schlüssel in der linken Tasche. Ich zog ihn hervor und hielt ihn fest umschlossen in meiner Faust.
Wie unter einem inneren Zwang bewegte ich mich auf die Tür zu, schloss sie auf und trat in das dunkle Haus. Es war totenstill. Langsam suchte ich meinen Weg in den großen Raum der Konditorei. Die Tür war nicht zu. Langsam öffnete ich sie. Alles war dunkel und leer.
Ich setzte mich in die Mitte des Raumes und sang mein Lieblingslied, das ich schon als Kind in der Familie gesungen hatte: Stille Nacht, Heilige Nacht. Dabei hielt ich die kleine Schleife in meiner Hand. Tränen liefen mir die Wangen herab.
Ich war allein und sang in einem leeren, kalten Haus ein Weihnachtslied! Wenn mich jemand hören würde, dachte ich. In meiner Hand aber spürte ich Wärme, die meinem Körper, meine Seele traf wie ein Pfeil der Glückseligkeit.
Ein Licht durchfuhr meine Faust, erschrocken öffnete ich sie. Der Raum wurde von Sekunde zu Sekunde von meiner linken Hand aus, in der die Schleife lag, heller, strahlender. Ich sah plötzlich Konturen von Möbeln und Menschen. Zuerst waren sie nur schattenhaft sichtbar, aber Sekunden später konnte ich alles klar erkennen.
An den Tischen saßen die gleichen Menschen wie bei meiner ersten Begegnung: der alte Mann und das Mädchen. Alle im Raum sangen mein (unser!) Weihnachtslied. „Ich spürte etwas Feuchtes meine Hand berühren.“ Es war die Nase meines Freundes, der kleine braune Hund mit den schwarzen Augen. Ich saß noch immer auf dem Boden. Ich nahm den Hund auf meine Arme und streichelte ihn. Gemeinsam sangen wir. Ich war glücklich. Ja, in mir waren nicht die Zweifler am Werk.
Zum Ende des Liedes erhoben sich alle und drückten mir die Hand. Das kleine Mädchen lachte mich an: „Markus, habe keine Angst, wir möchten uns bei dir bedanken für das Lied, das du für uns gesungen hast! Als Zeichen unserer Liebe möchten wir dir etwas geben, das dich immer an diesen Tag erinnern wird. Unser Weihnachtsgeschenk hast du schon auf den Arm. Es wird dich immer lieben – bis zu seinem letzten Atemzug!“
Langsam verschwanden die Gestalten. „Zuletzt war auch das Mädchen mit den roten Zöpfen fort.“
Ich war glücklich und zufrieden. Ich machte mich auf den Weg nach Haus. Es war schon spät. Der kleine Hund, den ich von jetzt an „Prinz“ nannte, begleitete mich.
Er lief neben mir im Schnee, sprang hier und dort in eine Schneeverwehung.
Ich war ein zufriedener Mensch. Mich konnte jetzt nichts mehr aus der Ruhe bringen! Prinz sollte von diesem Tag an viele Jahre bei mir leben. Über diese Geschichte habe ich noch mit keinem Menschen gesprochen – nicht einmal mit Erika.
*
Zu Hause angekommen, war alles still. Alle schliefen schon. Prinz und ich machten uns daran, die Etagen zu erklimmen. Sein kleiner Stummelschwanz wackelte hin und her, wenn er an den Wohnungstüren der Nachbarn schnupperte. Oben angekommen, blieb er vor meiner Tür stehen. Hier wurde er richtig wild, sprang an der Tür hoch.
„Schon gut, Kleiner, wir sind gleich drin!“
Ich schloss auf. Ich trocknete Prinz erst einmal sein Fell und reinigte ihm die Füße. Danach war ich dran: Ich setzte mir Wasser für eine Tasse Grünen Tee auf.
„Na, Prinz, hast du noch einen Wunsch?“
Prinz schaute an mir hoch, seine Zunge hing aus seiner Schnauze. Was er mir wohl sagen wollte? Ich musste erst einmal nachdenken: Was braucht mein Kleiner? Ein Tier hatte ich bis jetzt noch nicht gehabt. „Meine Gedanken zogen mich wieder in eine andere Zeit.“ schweiften zurück in die Vergangenheit, ich hörte dieses Bellen schon von Weitem mir in der Gedankenwelt entgegen rufen, unser Junge ist zurück.
Hier fiel mir mein Großvater ein, der früher Hunde gezüchtet hatte. Harte Burschen, bissfreudige Monster, gute Auslese für Munitionslager der Armee, ich war ein Mitglied Ihres Rudels geworden. „Damals als Junge …“
Natürlich Markus, ein Hund muss essen und trinken!
Ein Trinkgefäß fand ich im Schrank der Spüle und füllte es mit Wasser. Als Fressnapf nahm ich eine alte Edelstahlschale, die brauchte ich nicht mehr. Was aber sollte ich meinem Hund geben? Hundefutter hatte ich nicht, ich hatte ja noch nie einen eigenen Hund gehabt! Meine Gedanken suchten verzweifelt nach Essbarem. Ich mischte dem Kleinen schließlich ein Fressen à la Markus zusammen: Thunfisch mit Haferflocken und Mohrrüben. „So, mein Kleiner, an die Arbeit!“
Ich war gespannt, wie Prinz diese meine Kreation finden würde.
Seine Nase schnüffelte am Topf. Er drehte sich zu mir um und ich hörte zum ersten Mal sein Bellen – leise, aber wohlwollend. Er ließ nichts übrig, alles wurde mit der Zunge blank geputzt.
Danach gingen wir schlafen. Ich überließ Prinz meinen alten Waschkorb, in den ich noch eine Decke gelegt hatte.
In dieser Nacht begann für mich ein anderes Leben. Die vergangenen Tage ließen mich im Traum alles noch einmal erleben. Schweißgebadet schwamm ich in meiner Traumwelt. Irgendetwas hat mich in seinen Bann gezogen - Das fühlte ich, wer seid Ihr, diesen Hauch, der mich in seine Welt zog, kannte ich noch nicht. sollte ich das noch zu spüren bekommen, oh ja.
*
Am anderen Morgen, als ich meine Augen öffnete, stand Prinz mit seiner feuchten Schnauze am Bett. Als er merkte, dass ich wach wurde, sprang er am Bett hoch, als wollte er sagen: Raus hier, genug geschlafen!
Müde und unausgeschlafen begrüßte ich meinen neuen Freund. Schwankend betrat ich den neuen Tag, tollte mit ihm durch die Wohnung. Laut bellend raste er hinter mir her.
„So, Kleiner, erst mal Pause!“
Ich machte mir einen Tee und verrichtete meine morgendliche Körperpflege. An Essen war noch nicht zu denken, mir war schlecht.
Leise versuchte ich, das Haus allein zu verlassen. Natürlich klappte es nicht: Prinz raste die Treppe runter, dabei sah ich es schon kommen: Seine Krallen versuchten, sich in den Boden zu verkrallen, aber er hatte keine Chance, der Boden wurde von unserer Hauswartsfrau zu gut gebohnert. Prinz purzelte die Treppe runter, ich hörte ihn quieken. Er rappelte sich wieder auf. Jetzt bewegte er sich bedächtiger.
Vor dem Haus Eiseskälte. Prinz stürzte sich in den erstbesten Schneehaufen und forderte mich auf, bei seinem wilden Treiben mitzumachen. Natürlich hatte ich keine Lust, mich am frühen Morgen in einen Schneehaufen zu werfen. Wir gingen die Straße entlang, alles lag noch in stillem Frieden. Ich jagte Prinz mit Schneebällen durch den nahen Park.
„Markus, hörte ich seine, diese bestimmenden Worte, ab nach Hause, deine Füße sind kalt und dein Hunger ist auch nicht ohne!“
Wir machten uns auf den Weg zurück. An der Haustür begegnete uns Heinz Grahn. Erst bemerkte er meinen Hund nicht – als wir allerdings beide im Hausflur waren, spürte er, dass etwas an seinem Hosenbein zupfte. Heinz musste lachen, als er meinen Kleinen sah.
„Mann, wo kommt der denn her? Markus, wie bist du denn auf den Hund gekommen?“
Ich musste innerlich lachen. „Tja, Heinz, eine lange Geschichte.“
*
In den nächsten Tagen wurde unsere Wohnung zur WG. Alle meine Nachbarn wollten Prinz sehen! Hier war es, das Leben im Einklang, das ich mir so wünschte. Nach einigen Tagen normalisierte sich unsere Hausgemeinschaft leider wieder.
Die Tage vergingen; das neue Jahr begann mit Alltag. In der letzten Nacht meiner Freiheit beschlich mich eine seltsame Beklemmung. „Was wollt Ihr von mir?“ In mir sollte sich etwas breit machen, das ich noch nicht kannte. Was es war, wusste ich nicht. Nur spüren konnte ich es. Ich versuchte, meine Gedanken noch ein wenig auf Schlaf zu stellen und mich zu lösen. Ich war angekommen in meiner zweiten Lebenswelt.
Am Morgen machte ich mich auf den Weg zur Arbeit. Alles normal, kein Schneesturm. In der U-Bahn benahm Prinz sich, als wenn er hier zu Hause wäre. Komisch, dachte ich, machte mir aber keine Gedanken darüber. Gelassen schaute sich Prinz die Menschen an, bei einigen verharrte er länger. Manchmal, wenn er die Leute betrachtete, wedelte er leicht mit dem Stummelschwanz, als würde er in ihre Seele schauen und die Guten und weniger Guten erkennen. Welch eine Gabe, dachte ich versunken.
In meinem Inneren merkte ich nicht, wie sich jemand neben mich setzte. Ich hörte ein leises Knurren, augenblicklich erwachte ich. Prinz fixierte mit seinem feinen Gespür einen Mann. Neben mir, oh Schreck, hat sich, dieser aus der Vergangenheit über Kopf lesende Fette niedergelassen! Seine stahlgrauen Augen taxierten mich.
Gott sei Dank mussten wir umsteigen. Wir rannten den Bahnsteig entlang, um den Anschlusszug zu erreichen. So schafften wir in kurzer Zeit den Weg zum Büro.
Hier gab es erst einmal ein großes Hallo. Wir wünschten uns alle ein neues Jahr. Prinz stand natürlich im Mittelpunkt. Er genoss es. Allen musste er Hallo sagen – außer Jansen. Ich sah in seinen Augen Missgunst. Er wollte nicht eine gute, freundschaftliche Atmosphäre – nein, er wollte der Boss sein, ignorant gegenüber dem Normalen, Zwischenmenschlichen. Der Tag konnte nicht gut werden. Scheiße, nicht schon am ersten Tag!
Ich vermisste meinen alten Freund Ralf, hörte, er sei mit Fieber zu Hause geblieben.
Im Büro entledigte ich mich erst einmal meiner Winterklamotten. Am Schreibtisch ordnete ich meine Unterlagen. Prinz legte sich unter meinen Tisch und döste.
Es klopft. Ich rief: „Herein!“ Ich wollte meinen Augen nicht trauen: Jansen stand im Raum an meiner Bürotür! Ich spürte Unheil aufziehen. Seine Augen flackerten nervös und seine Mundwinkel hingen herab wie bei einem Boxer, der sich nach einem Niederschlag aufrappelt.
Ich hörte ihn schwer atmen. „Herr Blume, welche Frechheiten erlauben sie sich eigentlich noch? Erst kommen sie nicht zur Weihnachtsfeier, dann melden sie sich einfach krank und jetzt schleppen sie mir auch noch diesen Köter ins Büro! Es reicht mir mit Ihnen, Blume!“ Seine Gesichtshaut verfärbte sich bläulich.
Ich dachte, er fällt um – sicher sein Herz. Ich merkte: Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Prinz lag immer noch unter dem Bürotisch. Ich sah, wie er Jansen fixierte. Markus, hörte ich meine innere Stimme, Mach was, sag was, du musst jetzt die Initiative übernehmen!
Ich sprang auf. „Was ist bloß mit Ihnen los, Herr Jansen? Sie kommen einfach in mein Büro und machen mich am ersten Tag hier fertig? Eine verdammte Sauerei ist das!“
Jansens Gesichtshaut verfärbte sich erneut; aus dem Blauton wurde ein schönes tiefes Rot. Er schnappte nach Luft, gleichzeitig fing er an, zu stottern: „Herr Blu-hume, Herr Blu-hume, nicht in diesem Ton mit mir, ha-haben sie mich verstanden!!“
Ich nickte, drehte mich um und ließ mich auf den Bürostuhl fallen. Ruhig, Markus, ruhig, lass den Arsch, ist doch nicht deine Art, dich wegen diesem Blödmann aufzuregen! Ach ja, stimmt, du hast auch recht, was soll’s …
Ich lächelte Jansen an. „Was nun, Herr Jansen?“, fragte ich.
„Was nun, was nun“, quatschte er mir nach, „morgen ist der Köter nicht mehr hier, ist das klar? Oder sie können gleich mit zu Hause bleiben!“
Ich lächelte immer noch. „Aber Herr Jansen, soll ich vielleicht Ihre Worte so zu verstehen wissen: Komme ich morgen noch mal mit meinen Begleiter (wohlweislich nahm ich den Begriff Hund nicht in den Mund), dann schmeißen sie mich raus?“
Jansen schaute mich grimmig an. „Worauf sie Gift nehmen können, Blume! Und einmal raus ist immer raus! Haben wir uns verstanden, mein Freund?“ Türenknallend verließ er mein Büro.
Markus, durchatmen, Fenster auf, lass die negativ geladene Luft entweichen! Mein Kleiner stand neben mir, als würde er mich auffordern, an positive Dinge zu denken.
Na, Lust auf Arbeit? fragte ich mich. Ich hörte mich antworten: Die kannst du für heute ja wohl vergessen! Dabei musste ich so laut lachen, dass einige Kollegen ins Zimmer stürmten und mich verwundert anschauten.
„Markus, alles in Ordnung?“
„Ja“, lachte ich, „alles im grünen Bereich!“ Auf die Attacken Jansens hatten sie überhaupt nicht reagiert. Ja, wie traurig hat sich hier alles zur „Normalität“ entwickelt!
*
Ich fühlte mich gut. Mein Kleiner schlummerte unter dem Tisch, meine Tasche lag noch immer verschlossen vor mir. Mutig zog ich sie an mich, spürte das alte Leder in meinen Händen. Ich wollte sie nicht mehr loslassen. Ach, die vielen Jahre, die sie mit mir meine Wege gegangen ist und mit meiner Trüffelnase die Welt erforscht hat! Ich fühlte die Vergangenheit; in ihr war ich meiner Seele nah. Die Zeit meiner inneren Reise wollte sich in mir austoben. Ich musste mich wieder einmal höllisch zwingen, diesen Weg nicht zuzulassen. He, Markus, du bist auf deiner Arbeit! Schweren Herzens löste ich mich, ja, ich machte mich an die Arbeit – an meinen Auftrag, die Akte Petach.
3
Der Winter war gegangen. Mein erster Blick an diesem Morgen führte mich in mein Selbst. Ordne dich, Markus! Was machen wir mit der Zeit nach dem Aufstehen? He, das fragst du mich jeden Morgen! Hör auf, mich zu bevormunden! Mein Lachen brachte Prinz auf den Plan. Er sprang mit einem Satz auf mein Bett, seine braunen Augen suchten mich. Ach, du meine Güte, Prinz will raus in die Natur!
Noch müde, gerade der Nacht entsprungen, in den Knochen noch halb taub, ungewaschen, nur die Augen leicht mit Wasser gespült, halb angezogen, stolperte ich über den Stuhl in der Küche. Meine Hände konnten gerade noch die Tür umklammern und den Sturz abdämpfen. Ein Glück!
Auf der Straße führte Prinz seinen morgendlichen Tanz auf. Jedem Baum schnüffelte er mit der Nase am Boden entgegen. Er las die Zeitung seiner Hunde Welt: neue Spuren, andere neue Markierungen, wer seid ihr.
Am Kiosk holten wir eine Zeitung. Der Mann hinter dem Tresen nuschelte ein „Juten Morgen“, mehr nicht. Viel redete ich nie mit ihm, manchmal ein paar Worte mehr, wenn ich meinen Lottogewinn abholte. Dann sagte er: „Soll ick et verrechnen?“ Und meine Worte waren, außer einem kurzen „ja“, auch nicht viel mehr.
Draußen hörte ich meine innere Stimme: He, Markus, der will mit dir nicht reden! Na und? Ist mir doch egal! Es ist Sonntag und mir geht es mit meinem Freund gut! Der Winter ist vorbei, ein langer und harter noch dazu, wir haben ihn überstanden, dachte ich.
Der Tag war so richtig etwas für meine Seele. Am Teich in der Morgensonne fühlte ich mich wohl. Meine Augen gingen neugierig umher, sahen Schwäne mit einer kleinen Bugwelle durch den Teich paddeln, ein paar Erpel stritten sich um ein Entenweibchen.
Im Haus gegenüber im zweiten Stock öffnete meine alte Dame Erika gerade die Fenster, der Duft des Morgens zog an ihr vorbei, die Gardinen flatterten, legten sich mächtig ins Zeug. Komisch, hier unten am Teich spürte ich nichts davon. Plötzlich meldete sich mein Magen, tanzte Boogie-Woogie und knurrte wie im Kampf – Hunger!
„Prinz, komm jetzt!“
Wir machten uns auf den Weg. Im Treppenhaus hörten wir leise Musik. Oben angekommen, machte ich mich erst einmal daran, meinem Freund Futter zu geben.
Ich bin auch noch da, rief er in mir. Na, klar doch, aber erst ab in die Dusche, mir ist kalt. Schnell noch Kaffee aufgesetzt! Der Kessel summte seine Melodie.
Ein Brausen am Morgen im nassen Element, stehend im Wellenbad der Gefühle! „Heiß und kalt im Wechsel der Zeit geschafft“, blicke ich in den Spiegel, noch mit einem leichten Hauch Duschnebel behangen, Tropfen rannen dem Boden entgegen. Hier sah ich mich selbst in meiner Verschwommenheit. Meine Hände befühlten meinen Bart.
Rasieren? Nein, morgen, Markus, ich habe Hunger jetzt! Na gut, dann eben nicht.
Nach einer Tasse Kaffee und einer Scheibe Schwarzbrot mit einem Becher Quark war mein Hunger schon so gut wie gestillt. Noch ein Apfel und ich hatte genug. Müdigkeit machte sich in mir breit, ein Blick auf die Uhr: dreiviertel acht. Ja, wenn man einen Freund wie Prinz hat, vergeht die Zeit eben anders!
Ich machte mir ein Zwischenlager fertig. Beim Lesen eines Berichts aus Lateinamerika fiel mir die Lektüre aus der Hand. Schlaf, Markus, schlaf!, hörte ich wie ein Echo meine innere Stimme, ruh dich aus, deine Kraft braucht dich noch!
Im Schlaf erwachten die Erinnerungen. Sie führten mich wie auf einem vorbestimmten Weg in die Welt des anderen Lebens. Es begann wieder der Kampf mit den anderen. Wellen schlugen hoch über mir zusammen, Stürme und Donner peitschten meine Seele. Ich rief mich, aber ich war nicht da. Da und dort sah ich meinen Freund Prinz, wie er von Wellen erfasst wurde. Er trieb in den Zeiten des Jetzt, des Gewesenen dahin.
Schweißnass, hustend und mit Krämpfen stürzte ich von einem Grauen ins nächste. In mir wollte die Lunge alles ausstoßen, was ich nicht brauchte. Mein Herz kämpfte wie ein Schiff in einem Sturm auf dem Meer. Es ließ mich nicht los. Was war es, was mich trieb? Wer zeigte mir dieses Leben, das ich nicht kannte? Leidend in den Zuckungen des Jetzt, die Lebenskraft gemindert, versank ich in Tiefschlaf.
Es war schon tiefe Nacht, halb eins, als ich wieder ins Leben zurückfand. Ich hatte den ganzen Tag geschlafen! Prinz lag am Fußende. Als ich ihn mir so betrachtete, war er noch auf einer Reise: Seine Pfoten rannten um die Wette.
Mit den Füßen wieder auf dem Boden der Tatsachen, machte ich mich daran, den Abendspaziergang mit meinem Freund vorzubereiten. Prinz lugte aus müden Augen herüber.
„Los, komm schon!“, rief ich.
Mit einem Satz sprang er aus dem Bett und rannte zur Tür. Er hatte es gut: Seine Garderobe war immer dabei! Treppab ging es der Nacht entgegen.
*
Am nächsten Morgen gab ich Prinz, wie immer während der Woche, bei meinem alten Freund Heinz ab. Manchmal dachte ich schon: He, gib mir meinen Hund zurück, das ist meiner! Aber nein, im Ernst: Ich durfte stolz sein auf meinen hilfsbereiten Nachbarn. In die Firma durfte ich ja nicht mehr mit dem Kleinen; Jansen hatte mit Kündigung gedroht.
Der Bus hatte drei Minuten Verspätung. Die U-Bahn war an diesem Morgen nicht so voll, ich fand einen Platz. Meine Blicke erfassten ein junges Paar beim Turteln, schön wie am Teich am Sonntag dachte ich, hm.
Der Weg war lang, aber gewohnt. Trübsal und Gedankenspiel mit Markus gab es heute erstaunlicherweise kaum, ich versuchte es mehrfach, aber mein Ich war noch nicht in Form.
Im Büro war alles wie immer, ich warf meine Sachen auf den Kleiderständer.
„Mein Alter, wie geht es dir?“
Eine Antwort bekam ich nicht von meinem Sessel, er wartete geduldig auf mich. Ohne ein weiteres Wort ließ ich mich in ihn fallen. Knarrendes Geräusch des Leders und ein Ächzen des Gestelles entlockten meinem Sitzkameraden doch noch eine Antwort.
Gedankenverloren tat ich nicht viel, spielte an meiner Aktentasche herum, roch das alte Leder, den Geruch der Gegenwart und des Vergänglichen. Dann öffneten meine Finger endlich den Verschluss der Tasche.
Die Akte Petach lag in einem vergilbten Aktenordner ganz vorn. Dies hier also war mein Leben: Trüffelspüren am Tag, sein Zeichen der anderen Vergangenheit spielten mit meinen Fingern, den Seitenzahlen tackt gebend, welche es wenige gab, sie spielten offenbar keine eklatante Rolle in den Räumen des Lebens …
Markus? Ja? Komm jetzt zurück! Der Termin Tagesbesprechung drohte. Ich machte mich auf den Weg. Ralf war auch wieder vom Lehrgang zurück.
*
Der Besprechungsraum. Jansen wippte mit seinen Füßen dem Wellengang der Nordsee nach. Er war ruhelos. Dann ging es los: Frage- und Antwortspiel, wie eh und je. Heute erfassten seine Blicke nicht mich, sondern einen blonden jungen Mann, erst seit zwei Wochen im Dienst. „Herr Zerner, sie kommen wohl noch aus der Zeit der Schreiberlinge?“
Der junge Mann errötete. Jansen, hörte ich mich innerlich rufen, halt deine Schnauze, alter Sack, lass den jungen Mann zufrieden!
Jansen aber drehte weiter auf: „Zerner, sie schmeißen mir einen handgeschriebenen Vorgang auf den Tisch, was soll ich damit anfangen? Haben Sie keinen PC, keinen Drucker?“
Kleinlaut hörte ich ihn „doch“ antworten. Armer Junge, dachte ich.
„Jansen hat eine unheilbare Bewusstseinsspaltung“, hörte ich Ralf mir ins Ohr flüstern.
„Meinst du?“
„Na klar, so wie der sich aufspielt. Sein Job ist seine Spielwiese!“
„Was hat er, was wir nicht haben?“
„Wir haben keinen Hausdrachen der Tyrannei zu ertragen!“
Ralf und ich konnten uns das Prusten nicht verkneifen. Unser Lachen erfüllte den Raum, Tränen wollten mit im Spiel sein. Da hörten wir Jansens lauter werdende Stimme und auch die Kollegen mahnten besorgt zur Ruhe. Jansen stand mit Zornesfalten vorn. Oh Mann, wenn Blicke töten könnten!
„Kann ich nach der Lachübung der beiden Herren jetzt wohl in meiner Unterredung fortfahren?“
Nach zehn Minuten war der Spuk endlich vorbei.
*
Wir wanderten die Flure entlang, unseren Büros entgegen. Auf zu neuem Tatendrang! Normalerweise hätte Jansen uns zusammengeschissen – heute nicht, komisch.
Meine treue Sitzgelegenheit wartete schon auf mich. Ich ließ mich fallen: Augen zu und durch! Aufgeschlagen lag wieder die alte Akte vor mir. Seit Monaten versuche ich zu ermitteln, wo die Familie geblieben war … Die Welt in den Katakomben der alten Zeit, staubverhangen, sichteten ich und mein innerer Freund Markus ein Grundbuchamt in Pankow nach dem anderen.
Hier führte mich der Weg in den kommenden Tagen in sonderbare Lebenswelten.
Manchmal glaubte ich mich schon weiter in meinen Nachforschungen, dann aber schlug mir wieder die Macht des Vergessens ins Gesicht.
Verdammte Kacke, Markus, du bist auf dem falschen Weg! Hör doch auf, das bringt nichts! Da kannst du sämtliche Kirchenbücher durchforsten – es gibt hier nichts mehr! Mach Schluss! Du hast gut reden, ich muss mir dann das Gerede von Jansen anhören, nicht du! Schweigen. Markus? Was noch? Entschuldige bitte. Oh, ist schon in Ordnung. Hast ja Recht, ich reiße mir hier den Hosenboden auf für diesen Arsch!
Ich machte mich an die Arbeit, den Bericht fertigzustellen. Kalkulatorisch war ich auf dem besten Weg – aber meine Seele rebellierte. Sie führte mich sozusagen in andere Bewegungswelten – Gründe dafür wuchsen mit dem gelesenen, Menschen erscheinen mir, ich fühlte Ihre Feder in Dokumenten, dieses Kratzen lag in meinen Ohren, wie sie dadurch diese Tintenschwärze in den Unterlagen veränderten. Ich wollte, ich konnte nicht lassen von dem, was ich erlebt hatte. Ich war allein mit meinem Ich und spürte, fühlte: Es gab nur den einen Weg. Aber hier im Haus hatte ich einen Arbeitsvertrag unterschrieben, daran musste ich mich halten.
Mein Bericht war fertig. Ich heftete die Unterlagen in einen neuen Aktenordner, dann machten sie sich auf die Reise – Jansens Büro entgegen. Den alten Aktensammler behielt ich, als Erinnerung. 365.000 Mark sollte der Erlös aus dem Verkauf bringen.
Der Rest des Tages zog sich dahin; allein im Büro meinen Gedanken folgend, war ich schon gar nicht mehr hier.
„Feierabend! Los, alter Junge!“, hörte ich Ralf plötzlich an der Tür rufen.
Wir verabschiedeten uns von den Kollegen und gingen noch eine Kaffee trinken im Café gegenüber.
„Na, hast du deinen Bericht geschafft?“
„Ja, hab ich! Und was macht dein Verkauf?“
„Läuft nicht wirklich gut, Markus.“
„Bei den Preisvorstellungen im Haus – kein Wunder!“
Heute wollte ein Gespräch nicht wirklich gelingen.
Wir machten uns auf den Weg nach Hause. Im U-Bahnhof Kochstraße roch es nach Erbrochenem – oder so ähnlich. Ich wollte weg. Versunken in Gedanken, füllte sich der Bahnsteig. Ein ratternder U-Bahn-Wurm des Lebens zog sich dahin im Grau des Untergrunds. Mit einem Quietschen kündigte der Zug sich an. Lichter tanzten an den Tunnelwänden entlang, dann stand er vor mir, die Türen öffneten sich.
Los, Markus, rein jetzt! Ich hörte ein Atmen neben mir. Ein angenehmer Geruch strömte in meine Trüffelnase. Ich sah mich um. Meine Augen fanden eine Frau, die ich nicht kannte, aber trotzdem oder gerade deswegen anziehend fand. Ein Buch lag in ihren Händen - Reisen in die Welt des Lebens. Schöner Titel, dachte ich. Ich konnte sie sehen im Tunnel der Nacht, von einer Station zur anderen gleitend, Spiegelbilder einer Frau im Tanz des Abends …
Ich musste umsteigen. Draußen hörte ich meine innere Stimme. Warum hast du sie nicht angesprochen, du Egoist, du Einsiedler? Mann, ich verstehe dich wirklich nicht! Hör bitte auf, so mit mir zu reden! Ich kann und will einfach nicht – ich bin noch nicht bereit für einen Neuanfang, hast du verstanden? Schweres Atmen meines Selbst.
Zu Hause angekommen, freute ich mich auf Prinz. Nachbar Heinz öffnete. „Willst du noch reinkommen, Markus?“
„Nein, danke.“ Prinz zog an meiner Jacke. „He, ich bin auch noch da!“ Ich sah seine funkelnden Augen im Treppenlicht.
Nach oben wollte ich noch nicht. Ich setzte mich auf meine Bank am See, spürte die Nacht heranziehen. Prinz suchte nach den besten Stellen im Unterholz für sein Geschäft – nicht auf Straßen und Parkanlagen wie die anderen Vierbeiner!
Trunken vor Müdigkeit, zog es mich schließlich ins Bett. Beim Abspülen des Schmutzes des Tages und beim Zähneputzen im Spiegel verging die Tageslast. Prinz hatte sich schon nachtfein gemacht, sein Lager war fertig. Ich noch nicht – mein Teewasser kochte; heiß ergoss es sich über die Ostfriesenmischung. Im Bett schaffte ich es nicht einmal mehr zu trinken. Doch es war Markus in mir, der müde war – ich nicht.
Ein Schrei riss mich zurück ins Wachsein: Prinz stand vor dem Bett und zog an meiner Hand, als würde er sagen: Komm schnell, ich muss mal! Sein Wesen hatte sich völlig verändert: Wolfsähnlich rannte er durch die Zimmer, drehte sich vor mir weg, führte einen verrückten Tanz auf.
Was war los, brannte es vielleicht? Ich öffnete die Wohnungstür und schnupperte im Treppenhaus herum: Es roch nach Bohnerwachs. In diesem Augenblick rannte mein Freund an mir vorbei die Treppe hinunter; ich hörte ihn an der Haustür fiepen, nicht dieses wilde Bellen.
Es dauerte zwei Minuten, meinen alten Wintermantel überzuwerfen. Dann stürzte ich die Treppe hinunter. Draußen zog Prinz mich mit dem Maul meine Hand ergreifend weiter, immer weiter; Straßenzüge um Straßenzüge, die Ecken der Nacht entlang.
Als ich den bekannten Straßennamen sah, wusste ich, was sein Ziel war. Dunkle Nacht, Nieselregen, vom Wind getragene Schwaden benetzten mein Gesicht. Als ich die Straße überquerte, erwischte mich fast ein Auto, es ging gerade noch mal gut. Dann standen wir vor dem alten Haus.
Prinz kratzte an der Tür zum Nebeneingang: Sie war verschlossen. Was keiner wusste: Ich hatte mir zwei Ersatzschlüssel fertigen lassen. Einen hatte ich hier im Garten versteckt, am alten Brunnen unter einer Fuge. Ich zog ihn hervor. Natürlich übersah ich im Dunkeln einen Rosenstrauch. He, wohin des Wegs? Lass mich los, hörte ich in mir Markus rufen. Meine Finger griffen etwas, rostiges altes Eisen, um sich festzuhalten – Dornen! zogen an meiner Kleidung, ich schüttelte die Ranken ab – frei, na endlich!
In dem alten großen Haus war es still wie bei meinem letzten Besuch. Prinz stürmte in den Keller, an mir vorbei durchsuchte er alles, weiter, immer weiter rannte er hinauf ins Obergeschoss. Ich folgte seinem Tanz. An einer geschlossenen Tür kratzte er mit der Pfote, seine Augen riefen: Komm, mach schon auf!
Ich öffnete.
Gefangen in der Zeit des Überganges.
Hier waren sie wieder, die Bewohner des Hauses, der Weihnachtszeit. Ihre Blicke trafen mich. Ich spürte: Sie wollen dich, Markus! Prinz setzte sich vor sie, ihr Blick fiel auf mich, ich geriet fest in ihren Bann.
„Was ist los, Prinz, was wollen diese Menschen aus dem anderen Leben von mir?“
Das Mädchen mit den Zöpfen und der weißen Schleife schob sich nach vorn. Ich sah ihr Sommersprossengesicht. Der sechsfache Leuchter übergoss es mit weichem, gelblich schimmerndem Kerzenlicht. Ihre Lippen bewegten sich, aber ich konnte nichts verstehen. Auf ihren Lippen, die im Kerzenlicht flackerten, las ich plötzlich das Wort: „Hilf uns, Markus!“
Ich ging dichter an sie heran, sah ihre dunklen Augenränder, schaute auf die geräuschlos sich bewegenden Lippen. Ich hatte verstanden.
Sie verschwanden. Im Schattenspiel des Kerzenlichtes wichen sie zurück in die Dunkelheit, die Kerzen erloschen. Nacht erfüllte wieder den Raum.
Was meinten die Seelen der Vergangenheit damit: „Hilf uns, Markus“? Ich konnte doch nichts tun! Ich war doch selbst gefangen! Das Haus gehörte mir nicht einmal und ich konnte es auch nicht kaufen – mein Arbeitsvertrag untersagte mir jegliche geschäftliche Aktivität außerhalb der Firma.
Wir machten uns auf den Heimweg. Es war nass; aus dem Nieselregen war ein Schauer geworden. Gott sei Dank hatte ich meine alte Kutte. Regennass zogen wir der Heimat entgegen. Nachtwandler im Regen der Zeit.
*
Am nächsten Tag taumelte ich müde und gereizt durch den Morgen; stumm in mir gefangen, lief ich die Wege wie im Schlaf. In der U-Bahn kauerte ich im grellen Licht der Neonröhren und erwachte nur langsam aus dem Koma der Nacht. Gewaltsam in den Tag geschoben, fügte ich mich ein in den Tanz der Massen.
Fahrstuhl, 7. Etage. Ich taumelte meinem Büro entgegen, rannte im Vorbeigehen fast den alten Kopierer um, blieb mit dem Oberkörper auf ihm liegen.
Schlaf … Nein, geht jetzt nicht! Ich kannte den Tanz: Ich gegen mich! Los, Alter, an die Arbeit!
Im Büro lag eine neue Akte auf meinem Tisch, dick und schmutzig. Beim lustlosen Durchblättern stellte ich fest: ein Komplex alter Industrieanlagen. Meine Güte, was für einen Mist bekomme ich hier noch auf den Tisch? Markus? Ja – was ist denn? Abwechslung tut gut – Ha-ha! Scherzkeks. Aber mal im Ernst, Markus – hier hast du doch etwas, das dich ablenkt! Ich blätterte herum, versuchte, mir eine erste Meinung zu bilden. In mir wollten die Dinge nicht mit, aber ich setzte mich mal wieder durch. Bitte, es geht doch!
Mittag! In der Kantine gab es Linsen mit Speck, Seelachs mit Salat und Bratwurst, geröstete Kartoffelscheiben mit Speck und Zwiebeln. Ich entschied mich für Fisch – leichte Kost.
Im Fahrstuhl traf ich Jansen. „Blume, Ihre Arbeit war gut.“
Was, loben kann der auch?
„Das Haus Petach in der Wandlitzer Allee wird demnächst übrigens versteigert. Dem Termin am 24. Mai im Rathaus Pankow wohnen Sie dann bitte bei.“
Ich verstand noch nicht, wollte nicht begreifen. „Mein Haus soll versteigert werden?“
Jansen nickte, der Fahrstuhl hielt.
Er war weg. Markus, das ist nicht dein Haus! Erzähl mir nicht solch einen Schmarren! Pass auf deine Worte auf, sie könnten dich Kopf und Kragen kosten! Wieso, hört doch eh keiner!
Ich konnte mich nicht mehr von meinen Gedanken lösen. Mein gefangenes Ich spielte verrückt. Ich suchte einen Ausweg, um an mein Ziel zu gelangen. Ich dachte und plante. Ohne Wissen der anderen schmiedete ich einen Plan, der meiner Seele Rettung versprach – aber auch die Büchse der Pandora öffnete.
Ich machte mich an die Arbeit: Kommando WA 32. Ich hatte nun zwei Aufgaben zu bewältigen – eigentlich drei. Wieso drei, Markus? Erstens das neue Arbeitsgebiet, dann die WA 32 (was mich besonders berührte) und dann – mich selbst! An der letzteren Baustelle bist du nicht ganz schuldlos, mein Kleiner. Ich bin nicht dein Kleiner, ich bin ich selbst.
*
Das Nachtschwimmen im schweißnassen Nachtlager zog mich wieder in seinen Bann. Innere Kämpfe durchschüttelten mich. Ich suchte einen Weg aus meinem Schlamassel, aber fand nicht die Tür mit dem grünen Licht – überall nur Dunkelheit, die vom Nebel durchzogen wurde. Die Menschen aus dem alten Haus, ihre Gesichter – fragend sahen sie mich an und verstanden doch nicht. Schloss ein Nachtkreis sich um meine Seele?
Jeden Morgen fühlte ich die Schwäche eines alten Mannes, der seinen Körper sucht, ihn zusammensetzt wie ein Puzzle, dessen Teile er in der Nacht verloren hat. Wenn ich nicht Prinz und meine Freunde im Haus gehabt hätte, wie wäre es mir wohl ergangen? Wahrscheinlich wie im Mischwerk eines Betonwagens!
Am Abend, nachdem ich eine Runde im Park gegangen war, führte mein Weg mich in den zweiten Stock. Ich klingelte; es dauerte etwas, bis Erika öffnete.
„Hallo, Markus, wie schön, Sie zu sehen!“
Prinz begrüßte seine Freundin herzlich.
„Los, kommt rein in die gute Stube!“
Tee trinkend erzählte ich ihr von meinen Sorgen der Nacht. Es sprudelte wie ein Wildbach aus mir heraus und ich sah Erikas Augen durch die dicken Brillengläser leuchten. Sie war jetzt mit im Boot – ich war erleichtert, meinen Seelendruck verringert zu haben. Sofort ging es mir besser. Nachdem ich alles erzählt hatte, schwiegen wir.
„Wie wollen Sie das denn bewerkstelligen, ohne erwischt zu werden, Markus? Eine verdammt knifflige und zugleich auch spannende Aufgabe! Markus, Markus, nehmen Sie sich da nicht etwas zu viel vor?“
„Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich kann und will nicht als Versager meiner Seelenwanderung dastehen!“
„Seelenwanderung, aha. Auf mich können Sie jedenfalls zählen.“
Ein mutiger Entschluss meiner alten Dame!
„Aber: Ein richtiger Plan muss her, junger Freund, sonst geht die Sache nicht gut aus!“
Erika besorgte einen alten Schulfreund, einen Notar, seit langem schon im Ruhestand, aber blitzgescheit. Bernstein hieß er. Wir weihten ihn ein – na ja, nicht ganz, Erika war vorsichtig. Sie sagte ihm nur das, was er wissen musste – mehr nicht.
Alles lief wie ein Uhrwerk: Ich besorgte mir von meiner Bank eine schriftliche Zusage über 200.000 Mark, und Erika steuerte 80.000 Mark als Sicherheit bei – ein toller Zug meiner Nachbarin.
*
Der 24. Mai – mein Tag war gekommen!
Im Gerichtssaal 458 füllten sich langsam die Reihen. Mein Blick schweifte in die Runde: viele Alte, wenig Junge, da und dort ein paar Anzugträger. Die Versteigerung begann. Angebot um Angebot wurde in fliegende Worte gepackt, und Schlag auf Schlag wurde der Preis nach oben getrieben.
Zwischenstand: 215.000 Mark. Die Sitzung wurde unterbrochen für eine halbe Stunde. Jetzt konnte noch schriftlich nachgeboten werden. Zweifel packten mich: Welchen Betrag würde Bernstein auf die Liste schreiben? Mein Limit hatte er, aber was würde er wirklich bieten?
Die Versteigerung ging weiter. Angebot sechs: 225.000 Mark. Ein Herr Wagner hatte Pech. Angebote 4 und 5: beide genau 245.000 Mark. Auch die hatten verloren im Kampf um mein Haus.
Angebot 3 : 255.000 Mark. Bernstein saß da, ruhig, ich in meiner inneren Aufgewühltheit glich dem Stromboli: Anspannung bis zum Hals! Atmen, Markus, jetzt nur nicht schlapp machen! Eine Stimme im Hintergrund. Verzerrt durch das Pfeifen meiner Ohren hörte ich den vorletzten Bieter: „260.000 Mark, Notar Bernstein.“
Alles verloren, Markus, Bernstein ist nicht Sieger! Ich hörte gar nicht mehr hin. Raus, nichts wie raus hier, Luft für meine Lungen! Verfluchter Mist, ich hatte verloren! Tränen der Ohnmacht in den Augenwinkeln, lief ich den Weg vom Amtsgericht zurück, allein mit mir.
*
Erika klingelte spät am Abend. Sie fragte mich, warum ich einfach aus dem Gerichtssaal abgehauen war. Den Zuschlag hatte Bernstein bekommen. Der Richter hatte die letzten beiden Namen vertauscht!
Mein Kreislauf versagte; ich musste mich abstützen. Ich hatte gewonnen, ohne es zu wissen! Wie würde man sagen: dumm gelaufen! Für 279.500 Mark bekamen wir die Bäckerei und Konditorei Petach. Die Engel der Nacht schlafen auch am Tage nicht.
Der nächste Schritt: Mein Notar reichte seinen Deal weiter an mich. Es dauerte nur noch vier Wochen, dann war ich stolzer Besitzer einer Traumimmobilie – mit allem, was dazugehört, im wahrsten Sinne des Lebens.
Die Kosten für den Umbau und die Renovierung würden noch einmal 90.000 Mark betragen, na gut, 12.000 Mark hatte ich gerade noch auf dem Sparbuch. Das reichte bei weitem nicht. Mein innerer Schweinehund verhielt sich verdächtig ruhig – die inneren Streitgespräche blieben aus.
In dieser Woche war Erika dran, sich um Prinz zu kümmern. Die Schlüssel von meiner Wohnung hatte sie. Auf der Arbeit lief alles wie immer. Meine Aufgabe, den Industriepark zu taxieren, lief seinem gewohnten Ende entgegen. Die Tage vergingen. An einem Samstag Ende Juni hatte ich alles zusammen: Mein Lebenswerk konnte beginnen!
In der Zwischenzeit hatte ich mir einen alten VW Bully gekauft, 1.850 Mark, ein Schnäppchen mit vielen Beulen, aber der Motor war noch super. Damit konnte ich Baumaterial heranschaffen.
In der ersten Juliwoche begann ich damit, den Garten in Ordnung zu bringen, alte Hecken einzukürzen oder zu beseitigen. Prinz war ein gutes Arbeitstier. Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten sah ich, wie der Berg aus Pflanzenabfällen an der Straße wuchs. Rosensträucher rauszureißen war unsere Aufgabe, nicht Prinz´ Sache; einmal zuckte er zusammen, als die Dornen seine Zunge anbohrten. Na, das war etwas für mich mit meinen dicken Handschuhen!
Der Tag war lang und hart. Müde blickten wir am Abend in die Runde. Stolz konnten wir beide sein.
*
Am nächsten Tag auf der Arbeit traf ich Ralf. Sein Blick sagte mir nichts Gutes, was, wusste er auch nicht – es ging nur das Gerücht um, dass einer in unserer Mannschaft falsch spielte. Ich machte mich auf den Weg zum Meeting, am Morgen zehn Uhr.
Jansen war sonst immer muffig gestimmt – heute nicht, er lachte, als ginge es ihm gut. Es war eine angespannte Sitzung. Endlich war ich an der Reihe.
„Und, Herr Blume, was macht Ihr Industrieprojekt?“
„Oh, sehr gut im Fluss, Herr Jansen!“
Ein eigenartiges Lächeln umspielte seine Lippen.
„Na toll, Herr Blume! Und was macht Ihr Projekt Wandlitzer Allee 32?“
Wumm! Der Schuss traf mich im falschen Moment!
Ungläubig blickende Kollegen zerlegten mich in Scheiben. Körperwelten in mir veränderten sich, Krämpfe zucken wie unter Strom durch meine Lebensbahnen, Hamburger Bahnhof, ich dachte daran. Heiß brannte meine Lunge, wie ein Rentier wollte ich Kälte suchen im Hohen Norden. Die Hitze brannte sich in mich ein, mein Blick suchte einen Ausgang, einen Fluchtweg … Totenstille im Raum. Jansen hatte kein Lächeln mehr auf dem Gesicht, Zornesröte raste durch seinen Kopf wie ein Dampfkessel.
Ich fing an, mich zu verteidigen: „He, was soll der Scheiß hier? Welcher Kollege ist hier auf einem Geistertrip? So einen Mist habe ich noch nie gehört!“ Gut, Markus, gib Ihnen Saures!
„Herr Blume, in der letzten Woche hat ein Kollege Sie in der Wandlitzer Allee arbeiten gesehen!“
„Na und?“
„Wir haben das Grundbuch eingesehen: Sie stehen als Besitzer im Grundbuch – und sonst kein anderer!“
Sie war offen, die Büchse der Pandora. Hilfesuchend blickte ich zu Ralf. Natürlich konnte er mir nicht helfen; er wusste überhaupt nicht von meinem Plan.
„Herr Jansen, ich habe das Grundstück von einem Notar Bernstein gekauft, der es vorher ersteigert hatte.“
Jansen lachte. „Haben Sie mal in Ihren Vertrag gesehen, Herr Blume? Unter Punkt 4, Absatz 3, steht: Ein Mitarbeiter darf ein Objekt aus seinem Bestand nicht erwerben. Eine Sperrklausel von einem Jahr ist bindend verankert!“
„Ich möchte aus meiner Sicht zu der Situation nichts mehr sagen.“ Schweigend verließ ich den Raum.
Bestürzung, Zukunftsangst durchzog mich – der Lotse ging von Bord auf stürmischer See. Ich spürte das Salz des Ertrinkenden. Im Zimmer verging die Zeit, sie zog wie im Schneckentempo einher.
Ein Klopfen riss mich zurück ins Jetzt. Die blöde Sekretärin von Jansen stand in der Tür. „Der Chef möchte sie sprechen, Herr Blume.“
Ich folgte ihr, nein, meine Füße folgten ihr Schritt um Schritt – dem unvermeidlichen Abgrund entgegen. Im Vorzimmer ließ mich der Sack eine Stunde warten. Dann war ich an der Reihe.
„Herr Blume, ich möchte Ihnen hiermit vorab die mündliche Kündigung aussprechen. Sie haben in eklatanter Manier unserem Ansehen in der Abteilung geschadet …“
Halt deine Fresse, hörte ich meine innere Abwehr sich melden.
Ein Schwall von Vorwürfen ergoss sich über mich; schließlich unterbrach ich ihn schroff. „Es reicht, Herr Jansen, ich nehme die Kündigung an! Auf sechs Monate haben Sie meine Kündigungszeit festgeschrieben. Bis Dezember also!“
Ich ging, ohne ein weiteres Wort, ging …
… einer unbekannten Zukunft entgegen.
Markus – Markus? Bitte sei still!
*
Im Vorzimmer sah ich meine Akte liegen. Die dusslige Sekretärin war nicht da. Mein Blick erfasste den Moment fingerschnell – ich blätterte durch die Seiten, dem Verräter auf der Spur. Der Name sagte mir alles: blutjung, unschuldiges Gesicht, aber schon ein Arsch, der Kollegen anscheißt!
Auf dem Flur, nur zwei Meter von meinem Büro entfernt, lief er mir über den Weg, mein junger Kollege Zerner. Sein Blick berührte mich nicht, er schaute an mir vorbei. Blitzschnell zog ich ihn rücklings am Kragen, packte ihn in mein Zimmer und schubste ihn in die Ecke neben dem Aktenschrank. Die Tür flog hinter mir zu.
„Zerner, du Verräterschwein! Verdammt noch mal, warum hast du nicht mit mir gesprochen, bevor du mich ans Messer geliefert hast? Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass so ein junger Talentierter ein Spion sein kann!“
Nach Atem ringend versuchte er, mir seine Situation zu erklären. Er scheiterte kläglich; seine Beweggründe waren zu banal, um bei mir Mitleid zu erregen. Ich wurde zornig. Er giftete zurück: Ich, nicht er, sei ein Verräter des Teams!
Ich rief: „Was weißt du junger Kerl schon davon?“
Die Situation eskalierte. Er bedrängte mich, wollte mich aus dem Weg haben. Nein, Markus, gib nicht auf! Ich stürzte über den Tisch, landete auf dem Boden. Du brauchst nicht zurückstecken, alter Freund!, hörte ich meinen inneren Schweinehund bellen. Ich schubste zurück, er fing an, mich mit den Fäusten zu bearbeiten. Es wurde ein Ringkampf. Ich schmeckte Blut, ein Schlag traf meine Nase. Dann wurde ich zum Stier: Schlag auf Gegenschlag prasselten meine Fäuste nieder, ich wollte meinen letzten Kampf gewinnen, wenn auch nur für kurze Zeit! Bei einer rechten Geraden auf sein Kinn wurden seine Beine weich; blutend sank er mir zu Füßen.
„Das hast du nun davon, Zerner!“
Die Tür schwang auf, Ralf stürzte ins Zimmer. „Oh mein Gott, Markus, was ist denn hier los?“
„Der kleine Verräter hier wollte nicht zuhören! Er hat mich angegriffen! Übelste Beschimpfungen musste ich ertragen!“
Mein Adrenalinspiegel sank endlich, meine Beine und mein Körper begannen zu zittern. Ich war fertig mit mir – und auf dem Weg in eine andere Zeit.
Mein Zimmer füllte sich. Ich musste das Gebäude auf der Stelle wegen dieser Tätlichkeiten verlassen. Na und! Meine Habseligkeiten unter dem Arm, verließ ich mein altes Leben. Im Fahrstuhl traf ich meinen alten Freund H. W. Norbert. Sein Blick fiel auf meine Nase.
„Die ist aber dick, Markus. Hast du etwa mit Jansen geboxt?“
„Nein, alter Junge, mit jemand anderem. Bis dann!“
Die Straße war voller Leben. Junge Menschen im Jetzt gingen durch das Licht der Sonne. Ich ordnete meine zerrissenen Gedankenfetzen. Es war schwierig.
*
Meine ordentliche Kündigung wurde in eine fristlose umgewandelt. Mein Trotz war stärker als meine Angst: Ich war jetzt ich – allein. Na und?
In der U-Bahn spürte ich die Menschen um mich herum stärker als sonst. Die Unbekannten der Unterwelt, Reisende, die fremden Zielen entgegenfuhren. Meine Augen waren geschlossen. Ich hörte den Klang fremder Stimmen, die wellenartigen Geräusche im Zug. Es tat gut, jetzt nicht Ich zu sein, sondern nur ein Teilchen zwischen anderen. Hier lebte eine andere Kultur als unter der Sonne – sonderbare Wesen, Verhaltensregeln einer anderen Spürbarkeit des Seins. Markus, du bist schon wieder ganz der Alte. Ein Lächeln im Spiegel des Tunnels, mit meinen eigenen Augen. Ich weiß.
Ich betrachtete meine Begleiter. Ein Mann las seine Abendzeitung wie das Dossier eines Geheimdienstes, ängstlich, dass jemand neben ihm ein einziges Wort stehlen könnte. Ich war da anders: Meine Zeitung ließ ich die anderen oft mitlesen, aber auch nicht immer: Nicht jeder Nachbar war ein wirklicher. Die Menschen lesend zu betrachten war eine Erquickung: Da gab es Schnellleser, Langsamleser, Ritualleser und Kaumleser, viele Arten traf man hier an.
Der Kaumleser ist eine seltene Gattung; schlafend schafft er schon die erste Seite nicht. Der Ritualleser nimmt sein Buch wie eine Bibel in die Hand und versucht den letzten Seitenanschlag zu spüren, den er gelesen hat, um mit dem Aufschlagen fortzufahren. Der Langsamleser schaut immer auf die Uhr und verliert das Geschehen um ihn herum nie aus den Augen. Mein liebster Kandidat aber ist der Schnellleser: Stoppuhrgleich versucht er, jede Lesung mit einem besseren Quotendurchschnitt zu gewinnen …
Markus? Was ist? Wir müssen raus!
Leopoldplatz, umsteigen in die U 9, zwei Stationen bis Osloer, dann wieder umsteigen in die U 8, dann zwei Stationen bis Residenzstraße. Endlich aussteigen, der Sonne entgegen!
Die Oberwelt hatte mich wieder. Dieser Abschnitt da unten war Vergangenheit: verlorener Job, gewonnen eine andere Welt. Ich muss mich finden, hörte ich. Neue Schritte in eine unbekannte Zeit. Bäume rauschten, bunter Blätterwald, Blumen am Wegesrand. Herzzerreißend war der Tag, was mir die Zukunft wohl bringen würde? Komm, Markus, wir schaffen das! Nimm dich zusammen, wir brauchen Kraft für das, was vor uns liegt!
Der Haustürgriff grüßte mich wie einen alten Kumpel, kalt war seine Berührung, aber herzlich. Im Treppenhaus das schwache Licht der Abendsonne, leise Musik. Wohlriechende Düfte riefen in meiner Trüffelnasse Verlangen hervor, Magensäfte meldeten sich rebellisch: Wir haben Hunger!
Die Wohnung im ersten Stock. Als ich den Löwenkopf zog, erklang ein schnarrendes Klingeln. Heinz machte auf. „He, wie siehst du denn aus, Markus? Bist du etwa gestürzt?“
„Nein. Wo ist Prinz?“
„Draußen mit meiner Frau, im Park. Am See.“
Ich ging durch den Park, da sah ich die beiden schon von weitem auf einer Bank. Die Begrüßung war eine Freude, wie am Morgen. Zu dritt gingen wir den Weg Richtung Heim. Wilhelmine war eine schweigsame Frau. Prinz ging uns immer einen Augenblick voraus. Abschied im Treppenhaus, ihr Blick fragend auf mich gerichtet. Schweigend ging sie zurück in ihre Wohnung.
Ich war müde und fertig, fühlte den Schlaf, aber der Hunger, ein wütender sogar, stellte seine Forderungen. Ich gab mich geschlagen.
In dieser Nacht gegen zwei weckte mich Prinz, er zog an meiner Decke. Schweiß bedeckte meinen Körper. Na, schlecht geträumt? Nein, wirklich nicht.
Am Morgen nach dem ersten Tag danach machte ich mich an die Arbeit – Tragweite der Zukunft, den kommenden Tragödien nicht im Geringsten bewusst.
4
Das Programm Wandlitzer Allee 32: Rettung der Seelen lief an. Was kann ich, wie viel bin ich zu geben bereit?
Ich spürte, dass ich allein war. Ja, es war meine Entscheidung, diesen Weg zu gehen. Mehr als scheitern in den Phasen des wirklichen Lebens und den Zwischen-Lebenszeiten kann man nicht. Ich hoffte, ich sei ein Kämpfer. Mit dem Blick eines Menschen mit Fantasie war ich zu allem bereit. Ich machte Kassensturz: Konto und Sparbuch 18.000 Mark, dazu der Dispo von 4.000, machte zusammen 22.000 Mark. Markus, damit kannst du kein Haus ausbauen, das reicht nicht, du musst auch an die laufenden Ausgaben denken! Ich wurde wütend. Wie der mit mir sprach – als wäre ich ein Schuljunge!
*
Ich besuchte Erika, berichtete ihr von dem, was geschehen war. Sie staunte.
„Mein Junge, da haben sie aber wirklich einen Waggon voll Probleme! Ich kann ihnen, wenn Sie wollen, ein wenig helfen, aber nur, wenn sie mögen. Ich möchte ihre Kassenaufsicht übernehmen. Um Sie vor sich selbst zu schützen!“
Ich nickte. „Ist gut. Aber Sie haben mir schon so viel geholfen.“
„Ich habe doch keinen mehr auf dieser Seite des Lebens. Ich habe dadurch auch wieder neue Qualitäten des Lebens zu entdecken.“
Ein wolfartiger Gesang zog durch die Wohnung: Mein kleiner Prinz war im Land der Träume angekommen.
Eine Nacht lang, bei vielen Gläsern Rotwein, schmiedeten wir einen Plan. Wir hatten nichts zu verlieren. Die Zukunft war unser Ziel. Ja, wir konnten es schaffen!
*
Tage später klingelte es an der Tür. Es war schon spät.
„Mensch, Ralf Marloff, was treibt dich denn nachts durch die Stadt?“
Prinz stürzte sich auf den Gast, begrüßte den späten Gast auf seine Art.
„Ich bin gekommen, um dir als Bote einen Brief der Firma zu übergeben. Hier, unterschreib bitte den Zettel.“
Ich unterschrieb. „Muss ich den auch gleich lesen?“
„Nein.“
Wir redeten im Flur noch ein bisschen; Beklemmung spürte man schon ein wenig. Ralf machte sich auf den Weg, ein letztes Mal gaben wir uns die Hand – Abschied von der Vergangenheit. Hatten wir noch eine gemeinsame Zukunft? Ich wusste es nicht.
Im Zimmer öffnete ich den Brief. In kurzen Sätzen wurden meine Verfehlungen aufgeführt. Mir doch egal, Schnee von gestern, meldete sich mein Inneres. Plötzlich stutzte ich:
Des Weiteren möchten wir Ihnen mitteilen, dass die Fristlose Kündigung in eine Ihrem Vertrag entsprechende Kündigung umgewandelt wird.
Begründung:
Herr Ralf Marloff hat mir gegenüber glaubhaft erklärt, dass Sie sich in einer Notwehrlage befanden und sich gegenüber Herrn Zerner nur verteidigt haben. Aus diesem Grund haben wir die Kündigung umgewandelt.
Unterschrift der Geschäftsleitung
Dr. Quanterna
Personalaufsichtsrat
Ralf, alter Junge, das werde ich dir nie vergessen! Tränen der Dankbarkeit rannen über meine Wangen. Ich hatte jetzt viel Zeit, um meinem Ziel entgegenzuarbeiten – sechs Monate! Aus- und Umbau, der neuen Heimat entgegen! Tatendrang, Wagemut und Kämpferherz, eine gesunde Mischung, die alles Fragende zurücklässt, manchmal auch Bindendes. Es gab nur ein Ziel!
Mein Lebensmittelpunkt änderte sich, wanderte hinüber in die Welt des Handwerks – anders, aber nicht schlecht, das merkte ich schon nach kurzer Zeit. Programm bedeutet Organisation und Vordenken. Ich war in einem neuen Leben angekommen.
Im Keller strich ich alles weiß, der Boden aus Beton bekam einen hellgrauen Anstrich, ich verlegte Leitungen für Licht und Steckdosen.
Toll, im Baumarkt gibt ist alles, was die Arbeitshände so brauchen können!
Markus, ich finde dich manchmal ja gar nicht wieder.
Mein Inneres fühlte sich nicht mehr ganz gleichberechtigt, kam kaum mehr zu Wort – wie auch, so müde wie ich nun immer war!
Tage des Schaffens vergingen.
Am Samstag hatte ich den Keller fertig, die Heizung konnte eingebaut werden. Der Stromanschluss im Keller wurde durch eine Fachfirma angeschlossen und abgenommen. In einem Raum hinten links neben der Heizung zeigte der Elektriker mir, dass ich ab der Verteilerdose die elektrische Leitung vergessen hatte.
Beim Anbauen der Deckenlampe vergaß ich, den Strom abzustellen. Ein furchtbarer Schlag durchzuckte mich, als ich das Kabel berührte. Ein Unsichtbarer holte mich, ich kämpfte, aber meine Finger klebten an der Leitung, ich kam nicht von ihr los. Zitternd, in unsichtbaren Schmerzen, fiel ich ohnmächtig von der Leiter.
Ich sah mich selbst kalt am Boden liegend; schmerzendes Licht durchdrang meine Augen. Im Schleier des Vergehens sah ich plötzlich wieder die weißen Schleifen, die zum Zopf gebundenen roten Haare des Mädchens aus jener anderen Welt. Es kniete vor mir und seine grünen Augen schauten mich fragend an. War ich etwa auch schon dort, wo sie war? Sorgenfalten zierten ihre Stirn. Nein, Markus, du musst zurück in deine Welt! Dein Leben hier ist noch nicht gekommen!
Die feuchte Zunge und ein Fiepen mit Knurrlauten vermengt zeigten mir, dass ich noch auf dem Boden der Tatsache lag, wie kommst du hier her. Fragend entsagte ich mir diese Antwort, die Hände in meinen Haaren, grübelte ich der realen Welt entgegen. Hatte ich wirklich verstanden?
Du hast Mist gebaut, Markus, verdammten sogar, mein Alter. Willst du mich etwa umbringen?
Er war auch wieder voll im Einsatz, Strom kann auch Leben retten, ha, ha.
Vorsicht wurde ab jetzt mein Begleiter. Die Möglichkeit weiterer Unachtsamkeiten ließen mich weniger sorglos arbeiten als zuvor.
Wochen vergingen, Monate. Die Zeit war eine Reise von einem Baumarkt zum anderen; hinter mir brummte Bullys Boxermotor im Heck. Mein Heim erstrahlte Raum für Raum in neuem Glanz. Keller und Obergeschoss waren bald fertig, die Heizung mit einem 300-Liter-Speicher baute ein alter Freund mir ein.
Ich war voll Tatendrang. Erika bremste mich vorsichtig: „Pass auf, das Geld wird langsam knapp!“
Hörte ich ihre mahnenden Worte? Ich wollte weiter, sie nicht. Bremsspuren überall um mich herum!
Es wurde Oktober, die Nächte merklich kühler. Manchmal zweifelte ich, dann aber kippte ich die Karre mit meinen Sorgen einfach beiseite. Gut so, Alter, das gefällt mir, wie dein Dickschädel mit dir im Clinch ist! Dieses Lachen – Schadenfreude, oder? Nein, Markus, bestimmt nicht.
*
Ein lauer Oktobertag; die rote Sonne schimmerte, die Fenster glänzten. Ich war auf dem Weg zu Besorgungen. Bully sprang sofort an, keineswegs die Regel. Er war eben in die Jahre gekommen.
Für das Erdgeschoss wurden mir von meiner strengen Buchhalterin Erika letztmalig tausend Mark bewilligt – nicht gerade viel, aber auch nicht schlecht! Dennoch: Ich sah schon die Sorgen auf mich zukommen – Verdrängung nennt man das wohl.
Weiter, immer weiter ging ich den Weg der Fertigstellung meiner neuen Heimat. Der Umzug rückte heran. Meine alten Nachbarn waren traurig, mich verlassen zu müssen.
Im Baumarkt war es heute voll. Ich ließ Prinz im Wagen und machte mich daran, Objekte und Armaturen für das Gästebad zusammenzustellen. An der Kasse war Gedränge; überforderte Kassiererinnen motzten die Kunden an.
Meine Kassendame war eine füllige, etwa Dreißigjährige mit schlecht gefärbtem Haar. Mein Gott, dachte ich, sieht das Scheiße aus!
Ich stellte mir vor, sie fordere mich zum Tanzen auf, du aber bitte nicht …
Lass das!
Sie stellte sich wirklich blöd an: Die Ware lag auf meinem Wagen und sie tanzte mit dem Lesegerät um den Wagen herum, um die Preisschilder zu finden. Ich hielt mich schön heraus. Sie schnaubte und prustete. Toll, wie sie das machte, das WC-Becken zu drehen, um den Preis zu finden: Ihre fleischigen Wurstfinger befühlten das Etikett. Ich sah es, na und? Die Schlange wurde länger und länger: ich war in einer guten Position, sie nicht. Endlich, geschafft! Die Dame wollte von mir 685,25 DM. Ich forderte eine Rechnung. Schweißperlen an ihren Nasenflügeln, ihr flauschiger Oberlippenbart sog sie genüsslich auf. Ich sah in ihre Augen, sie waren nicht freundlich.
Sie findet dich scheiße, Markus. Du hättest ihr doch helfen können! Warum? Ich bin Kunde, nicht sie! Na, wieder dieser Machtausdruck „ich habe die Knete.“
Am Wagen zog ich die Schiebetür auf. Pass auf! Zu spät: Die Tür fiel mir auf die Füße. Seit Wochen schon war die Aufhängung kaputt gewesen. Bleibt so, dachte ich, dafür habe ich jetzt kein Geld. Mein Freund Prinz lachte mich an mit weitem Maul und hängender Zunge: Super, dass es endlich weiterging!
Die Straßen im Grau des Nachmittags, fuhr ich mit meinem treuen Bully los, mein Kleiner lag auf der Rückbank.
In der Müllerstrasse gab es einen Knall, der Auspuff flog vom Wagen. Mein Blick sah ihn noch gerade im rechten Außenspiegel verschwinden. Ich trat auf die Bremse, hielt, stieg aus und suchte die Straße ab. Schleifspuren von frischem Rost zeigten mir den Weg, führten mich zu einem U-Bahn-Eingang. Da lag das verbeulte Stück! Beim Zupacken spürte ich die Hitze der Arbeit, die es vor kurzem noch verrichtet hatte …
Los jetzt, weiter!
Ich packte den Auspuff in den Wagen und gab Vollgas. Laut knatternd überholte ich nach Atem ringende Bürger. Bully war in seinem Element: Mal richtig die Sau rauslassen!
Die Wandlitzer Allee lag im Dunkeln. Ich machte das Tor auf, der Wagen rollte auf seinen gewohnten Platz. Endlich Stille. Es roch nach Öl, Nebelschwaden stiegen aus der Bodenabdeckung, klar, ohne Auspuff kein Wunder – mein VW-Bus war eben in die Jahre gekommen!
Der Wagen war schnell leergeräumt. Wir hatten Hunger, machten uns etwas warm: Linsensuppe mit Würstchen, Hundefutter mit Hähnchen.
Los, an die Arbeit, Markus! Hör zu: Ich will mich nicht treiben lassen von dir! Ich bin der einzige, auf den du dich verlassen kannst.
Die Tage vergingen schnell, manchmal zu schnell. Aber ich hatte eben einen guten inneren Schweinehund – und Prinz.
Dann war alles fertig. Erdgeschoss, Obergeschoss, Garten und Keller erstrahlten in neuem Glanz. Ich war glücklich und lud meine alten Nachbarn ein, um ihnen mein neues Heim zu zeigen. Es war toll, sie herumzuführen, ihnen dies und jenes zu erklären. Erika schmunzelte durch ihre dicken Augengläser. Beim Abschied flüsterte sie mir ins Ohr: „Markus, du hast noch was vergessen!“
„Ich weiß.“
5
In der ersten Dezemberwoche sollte der Umzug sein. Aber ich wollte nicht Abschied nehmen, nicht fertig werden; Bindungen, dick wie Stricke, die sich beim Zerschneiden lianengleich wieder erneuerten, hielten mich fest. Ich fühlte eine tiefe Dankbarkeit, unter dem Dach des Lebens Freunde zu haben, die mich so liebten, wie ich war – manchmal auch unmöglich. Eben gleich wie ich nun mal bin!
Dennoch drängte die innere Uhr: Mein Mietvertrag lief aus, ich musste raus. Beim Einzug in mein neues Heim versuchte ich, so schnell wie möglich fertig zu werden. Vieles verschwand rasch in den Zimmern; das Haus war riesig gegenüber meiner alten Bleibe. Prinz suchte sich den besten Platz: Er schlug sein Lager in der Diele zum Nebeneingang auf.
In der ersten Nacht leuchtete der Mond wolkenverhangen. Sterne glitzerten im Schleier der Vergänglichkeit … Schlaf, Markus! Ich war schon auf meiner Trauminsel angekommen, er noch nicht.
Träume suchten mich heim. Ich durchlebte noch einmal die letzten Monate und Wochen, rege Begegnung der Seelen der Vergangenheit. Mein Leben hatte neuen Sinn bekommen. Ich war ein anderer.
*
Ein paar Tage später schaute Erika vorbei. Sie hatte Briefe unter dem Arm. Auf den ersten Blick Rechnungen und anderes dummes Zeug.
„Ich glaube, Markus, es gibt Ärger!“
„Warum das denn?“
„Lies, dann verstehst du!“
Atemstillstand.
„Setz dich Markus, schau dir an, was ich meine!“
Scheibenkleister, darauf hätte ich auch kommen können: 14.500 Mark Grunderwerbsteuer – Grundbucheintragung! Ich hatte gepennt! Ich wollte alles zu schnell.
„Ich hab dir von Anfang an gesagt …“
„Langsam, Markus.“
Erika wusste genau, ich hatte verstanden – Bremsspuren. Unsere Kasse zeigte noch genau 6.500 Mark – mehr hatten wir nicht!
„Markus, du bist ab Januar arbeitslos, deine Bezüge brechen weg!“
Ich wurde rot. Verdammt, lebte ich in einer Traumwelt? Wahrscheinlich, Markus. He, ich möchte nicht immer von dir bevormundet werden!
Frieden hatte ich nun nicht mehr. Es begann ein Ritt auf einem Mustang, ungebrochen und wild. Meine Nächte, bislang ruhig und friedlich, kehrten sich um ins Gegenteil. Angst hatte ich, oh Mann, die als Banker verkleideten Plagegeier zogen ihre Bahnen um mich! Pläne mussten her, aber welche? Geld, dieser Moloch, verlangte nach mir und meiner Seele: Komm! Befriedige meine Forderungen, ich habe lange Arme, mir entkommt keiner! Banken mit ihren Geldeintreibern kreisten durch mein Gehirn. Sie marterten mich; meine Gefühle wurden stumpf, verfielen in Winterschlaf, Worte anderer verhallten im Raum der Zeit. Markus, vorwärts jetzt, es muss weitergehen! Ich wollte nicht. War zerrissen. Erika war meine letzte Instanz. In einer langen und kontroversen Runde öffnete sie mir einen Ausweg. Ich musste mir Arbeit suchen – aber wo?
Die Zeitachse begann sich neu zu justieren. Tagelang suchte ich in der Vergangenheit nach einer Lösung. Dieter, der aus der dunklen, vergangenen Jugend, Discofieber-Dieter, der verrückte Dieter, fiel mir ein. Ich hörte, er sei Installateur geworden: „Gas – Wasser – Scheiße.“
Gott sei Dank fand ich ihn schnell. Er erkannte mich nicht. Zeiten verändern die Hülle des Lebens. Es war gut, meine Fehler einfach erzählen zu können, ohne Wenn und Aber. Mehr als auf die Schnauze kriegen war bei ihm nicht möglich. Discofieber-Dieter war seinem Motto treu geblieben: Lachen hilft! Er bot mir schließlich an, bei ihm zu arbeiten – Bingo!
Es war eine schwere Zeit der Umgewöhnung. Einen neuen Job einfach nur ausüben ist es nicht; du musst ihn spüren und annehmen, nur dann wird etwas daraus. Ich wollte und konnte es – sechs Wochen Schnellkurs Löten und Schweißen, ich war ein Naturtalent! Die Lötspitze „6 - 9“ wurde mein Liebling, schnelle Bewegungen erlaubten mir viel. Ich war glücklich, nicht versagt zu haben. Für Markus und seine Seele ein Neubeginn.
In der Heinrich-Müller-Straße wuchs ein Neubau empor – meine erste Bewährungsprobe. Ich zauderte, Disco-Dieter nicht. Im Bauwagen ging es fröhlich zu und ausgelassen. Ich fühlte mich gut. Meine Ausgeglichenheit war zurück. Mein Prinz und auch Erika fühlten es. Ich auch. Lebenslust war mein Begleiter, lachend ging ich meinem Tag entgegen. Gute Erfahrungen soll man spüren und leben! Markus? Bist du noch bei mir? Ja doch. Du hast dich in der letzten Zeit so richtig wichtig gemacht. Ich wollte dich nicht stören, ich war nur begeistert. Veränderungen sind eine geile Sache. He, du bist ja gut drauf! Na, klar doch.
*
Montag unterschrieb ich meinen Arbeitsvertrag bei der Firma Peugaß. Ich als Schweißer – welche Veränderungen die Wege des Lebens machen können! Dieter stellte mir meinen Arbeitsort vor, einen großen Komplex.
„Hier entsteht etwas Neues für unsere Alten – für unsere Senioren, meine ich. Mal reingucken?“
„Klar, mach auf.“
Eine Tür zum Untergrund öffnete sich: Dunkelheit, spartanische Beleuchtung, Kriechkeller. Höhe: ganze 90 cm. Mein neues Arbeitsgebiet. Besprechungen an der Öffnung zur Unterwelt. Schock, Klaustrophobie, weiche Knie. Der Boden unter mir öffnete sich. Ich lächelte Dieter an.
„Ich dachte …“
„Dieter, meine Angst verstehst du nicht. Ich lächle aus Verzweiflung, nicht aus Freude!“
Eintauchen in eine unbekannte Welt: Rohrleitungen aus Kupfer, glänzend, kilometerlang, in verschiedenen Dicken, 15 mm bis 110 mm, durch Absperrventile unterbrochen, ungelötet. Na, mal sehen.
Tage im Reich der Unterwelt erwarteten mich.
„Montag in einer Woche fängst du hier an, Markus. Atze und Sauerstoffflaschen sind bestellt, nebst Schläuchen und Brenner.“
Ich nickte ihm zu. Aber ich fühlte Angst.
*
In der Nacht fingen die Alpträume an. Schweißnass wanderte ich durch unbekannte Räume, öffnete Türen, wanderte über nächtliche Treppen. Was ist es, was du suchst, Markus? Angstgeräusche erfüllten meine Seele. Was suchst du? Hör auf, mich mit deinen Fragen zu martern, ich kann nicht mehr!
Nasser Schlafanzug, kalter Körper. Prinz blinzelte mich an mit müden Augen.
„Komm, leg dich schlafen alter Knabe, mein innerer Schweinehund hatte genug!“
Ich hörte Worte – diese verstehen? Nein, nicht wirklich! Markus ist wieder auf seinem alten, schlimmen Trip. Drogenähnlich. Nein. Noch schlimmer.
*
Ein müder Samstag. Der Dezember war da. Verdammt warm draußen, Sonne, kein Regen, Südwestwind, leichte Brise. Tannenrauschen vor dem Haus.
„Guten Morgen, Prinz!“
Er wollte raus, ich nicht. Ich öffnete schlaftrunken die Hintertür zum 2000-Quadratmeter-Garten, Prinz tobte sich aus. Ich fühlte mich noch nicht danach, er war eben etwas verrückt. Kaffee am Tisch ist immer toll, den Blick in die Sonnenwelt gerichtet. Plötzlich war wieder Ruhe, stille in mir. Seltsam, Markus. Findest du? Ich führte meine Seele aus im friedlichen Zwiegespräch. Kein Streit, wie so oft. Wollen wir die Fenster weihnachtlich schmücken? Willst du? Schon, ein wenig. Na, dann los.
Ich holte die Kiste aus dem Keller, schmückte die Fenster, viel war nicht übriggeblieben, der Umzug hatte in meinem Weihnachtsschmuck gewütet, schade. Der Tag ging schnell dahin, die Nachmittagssonne verschwand im Schatten. Ich ging ins Bett, Stille lag im Raum, es fühlte sich gut an - diese Ruhe.
Plötzlich riss mich diese helle Stimme aus einer anderen Zeit: Komm. Das ist Sie mit dem roten Haar „Markus – Markus, hilf uns!“ Wer bist Du.
Herzrasen, Herzpoltern, Schwindel. „Was ist, warum ruft mich jemand, den ich nicht sehen kann? Wo bist du?“
„Ich bin hier, im Haus!“
Gedankenkreisen – Kloß im Hals. Schlaf, komm Markus! Nein, ich wollte nicht mit, lasst mich hier, „Ich möchte nicht mehr wandern durch das dunkle Brunnental.
Verzweifelt wankend verließ ich das Bett, mit wildem Haar rannte ich ins Bad. Kaltes Wasser ergoss sich über mich. Saukalt. Ich schrie mich aus: „Ist mir kalt, furchtbar kalt!“
Schwankend, dem gefühlten nassen Satan entsprungen, mit einem Badetuch die Kälte aus dem Körper reibend, kehrte langsam Wärme zurück. Plötzlich stand ich am Ende des Flures. Hier gab es noch immer kein Licht.
Dort, hinter der Rigipswand, war die Tür zu der anderen Welt. Ein Schaudern stieg an mir hoch, Markus lass das, dieser wilde Drang schob alles beiseite!
Den Arm erhoben, zum Schlag ausholend, sauste diese alte rote Feuer-Axt in die Trennwand. Ich hatte sie vergessen, verdrängt, jene andere Welt! Laut wurde es durch die Hiebe meiner Hände. Ja, gib es frei, weiter so, Markus! Dumpfer alter Kaffeegeruch drang durch die Tür dahinter mir entgegen.
Ein Haufen Schutt wuchs zu meinen Füßen. Prinz beobachtete mich; er setzte sich am anderen Ende des Flures auf sein Hinterteil.
Endlich hatte ich ein breites Loch geschlagen. Ein erster Blick durch die Tür, diese alte verräucherte Glasscheibe lag im dunklen Schattenland:
Dunkelheit. Ach ja, die Scheiben hatte ich seinerzeit ja mit weißer Kreide bestrichen, zum Schutz und gegen die Verwitterung!
Dunkelheit, ein Druck meiner Hand auf die Tür, knarrendes Geräusch der Scharniere, ungeölt. Ein leerer Raum. Prinz rannte hinein, ich hörte ihn fiepen, er wanderte in seine Vergangenheit – und dann wieder zu mir zurück. Seinem Fiepen folgend, lief ich in diese künstliche Nacht.
Stolpernd tastete ich mich durch den Raum, fühlte das Fenster. Die Flügel waren kalt, die Scheiben rau von der Kreide. Meine Fingernägel kratzten über das Glas, ein Lichtstrahl des neuen Tages drang hindurch, wurde stärker. Ich kratzte immer weiter, das Licht entfaltete sich, meine Hände schmerzten.
Hol dir lieber warmes Wasser, Markus, es ist Sonntag! Wenn du so weitermachst, wird dein erster Arbeitstag schmerzhaft! Schau auf deine Finger! Ich will dich nicht immer an alles erinnern müssen!
Ich schwieg, die Idee war gut. Das heiße Wasser bewirkte Wunder: Der Raum tauchte ins Jetzt. Reinigende Strahlen, staubbehangen das Gewesene. Ich fühlte: Es ist nicht sichtbar, aber da. Im Sonnenlicht an der Tür drehte ich den Schlüssel nach links. Sie öffnete sich nach innen. Ein Windhauch schoss an mir vorbei. Herbstblätter vermischten sich mit Wind.
Bis zum Mittag schuftete ich, dann hatte ich Hunger.
Nach dem Essen machte ich mich weiter an die Arbeit: Ein scharfer Besen für das Grobe, Wischwasser für den Staub der Zeit. Ein großer Raum, vierzig Quadratmeter, über mir die Pracht der alten Stuckdecke. Hinter einer Tapetenwand hörte ich ein dumpfes Geräusch. Mit dem Taschenmesser schlitzte ich die Tapete auf – eine verborgene Tür!
Das Schließblech war nicht mehr da, nur die kleine Öffnung der Klinke war noch zu sehen. Ich zog einen Schraubendreher aus der Werkzeugtasche. Als ich ihn nach rechts drehte, öffnete sich die Tür nicht, aber als ich mich mit der Schulter dagegen warf, sprang sie auf.
Ein dunkler Raum. Wo führte sie mich hin? Im Licht der Taschenlampe erblickte ich eine seit ewigen Zeiten schlafende Backstube: Spinnennetze, staubverhangen. Verdammt, Markus, das alles gehört dir! Zwick dich mal! Aua, ich bin doch da!
Ich schloss die Tür wieder. Alles langsam, mein Lieber.
Beim Blick zur Decke fehlten etwa vier Quadratmeter Putz. Die mussten mal rausgefallen sein. Komm, wir machen jetzt noch die Decke zu. He, alter Streber, es ist Sonntag, der erste Advent! Na los, komm schon!
Ich ärgerte meinen inneren Schweinehund, holte Leiter, Baustrahler, Rigipsplatten und Schrauben. Deckenreste rausschlagen, altes Stroh entfernen, Rigipsplatten anschrauben. Meinen Kopf als Stütze benutzend, versenkte der Akkuschrauber eine Rigipsschraube nach der anderen, fast fertig! Fugenfüller hast du vergessen, stellte ich fest.
Ein Schmerz durchzuckte mich. Der Akkuschrauber stürzte zu Boden, mein Blick erfasste die Situation sofort: Ich war gefangen an der Decke, eine verdammte Schraube hatte sich durch meinen Zeigefinger geschraubt! Es begann zu pochen wie der Briefträger mit einem Einschreiben vor der Tür.
Schmerzen verzerrten mein Gesicht, Angst durchraste meinen Körper, Blut tropfte auf mein Gesicht. Gefangen blickte ich der Nacht entgegen.
Meine Blase meldete sich zum Rapport: Bald konnte ich das Wasser nicht mehr halten. Auf der obersten Stufe der Leiter stehend, zitternd, ergoss mein Inneres sich warm plätschernd meine Beine entlang über die Schuhe. Die Flüssigkeit wurde vom alten Boden aufgesogen wie von einem Schwamm.
Schmerzen durchschüttelten meine Seele. Markus, hörte ich mich, mach was, du musst hier weg! Eine Ohnmacht kommt dich holen! Verdammt, nein, ich wollte nicht daran denken: Ich sah meinen abgerissenen Finger, angeschraubt an der Decke – und ich am Boden mit gebrochenem Bein, gestürzt aus vier Metern Höhe!
Ich versuchte, das Taschenmesser aus der Hose zu holen. Endlich, geschafft! Die Klinge, mit den Zähnen gepackt, öffnete sich aus der Griffschale. Pochende Schmerzen, Schaum im Mundwinkel, ein geschlagener Boxer in seiner letzten Runde, so schwankte und taumelte ich auf der Leiter.
Mein Messer setzte an zum Befreiungsschlag. Als die Klinge in den Kreuzschlitz drang, drehte ich nach links. Schmerzen durchzuckten mich bis in die Fußspitzen, Blut spritzte mir in die Augen. Fast blind war ich nun, mehr fühlend als sehend! Beiß die Zähne zusammen, altes Haus! Schreiend drehte ich das Messer dem Leben entgegen.
Prinz bellte wie verrückt, stützte die Vorderpfoten auf die Leiter, mein Gott, diese Schmerzen, wie eine Geburt zu neuem Leben! Es dauerte und dauerte, die Schraube drehte sich Windung um Windung aus dem alten Holz durch mein Fleisch.
Die Klinge war tapfer, obwohl sie sich schon verbog. Nicht brechen, bitte! Geschafft! Endlich! Mein Finger war befreit von der Decke des Grauens. Noch zwei letzte Umdrehungen, die verfluchte Schraube war mit Blut getränkt. Ich stolperte die Leiter hinunter, stürzte durch den Raum, zurück ans Licht, in meine Welt.
Ohnmächtig vor Schmerzen, fiel ich mit nasser Hose auf den Boden. blieb erst mal liegen, Taube Mattigkeit zogen mich in Ihre Momente.
*
Es wurde dunkel. Prinz, mein alter Freund, wärmte mich. Ich lag auf dem Boden zwischen Schutt. Etwas zog an mir vorüber; fast unwirklich spürte ich eine Berührung auf meiner Wange. Ich fühlte: Ich war behütet. Der Schmerz klopfte im Takt, aber nicht mehr so heftig, dass ich aus meiner Ohnmacht erwacht wäre. Ein Singen führte mich zurück ins Leben. Meine Augen öffneten sich schwer. Blut klebte in meinen Wimpern. Im Schleier des Lichtes sah ich sie neben mir sitzen – das kleine Mädchen aus der Vergangenheit. Ihre Augen lachten. Rote Haare, diesmal nicht zum Zopf geflochten, bildeten einen Lockenkopf. Ihr Lächeln sah mich.
Mein Blick ging an ihr vorbei zur Decke – Blut! Ich wusste wieder Bescheid. Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder. Sie war immer noch da. Meine Gedanken, zum Wort des Sprechens verpackt, fragten sie: „Wo kommst du denn her?“
„Ich lebe hier im Haus meiner Eltern.“
„Du auch?“
Ich war sprachlos und griff nach ihr. Meine Hände gingen nicht durch sie hindurch wie vor einem Jahr. Ich wollte sie fragen, wie sie hieß; meine Gedanken wurden getragen ohne Worte.
„Ich bin Miriam. Und du bist der durchgeknallte Markus mit der schönen Stimme.“ Ein Lächeln von mir.
Was war nur geschehen? Wir verstanden uns.
„Markus, das war nicht geschickt von dir, dich an die Decke zu nageln! Es war ein Geschrei, furchtbar, du hast mir richtig Angst gemacht! Das hatte ich schon lange nicht mehr gespürt.“
„Tut mir leid, Miriam, ich habe mich sehr ungeschickt angestellt.“
„Schon gut.“
Ich versuchte mich aufzurichten, schwankte durch den Raum. Miriam folgte mir bis an die Tür.
„Komm mit.“
„Nein, Markus, ich kann nicht.“
Sie verschwand im Raum der Zeit.
Mir ist kalt, Markus! Ich ließ die Badewanne volllaufen. Heiß war das Wasser des Lebens; mein verletzter Finger pulsierte, schwoll an. Scheißfinger! Ich stieg aus der Wanne, ein warmes Frotteehandtuch umhüllte mich.
Prinz war nicht gut drauf, er mied meine Nähe.
Schließlich konnte ich die Schmerzen nicht mehr ertragen und ging zum Notarzt. Er legte mir einen Verband an und gab mir eine Tetanusspritze. Morgen, am Montag, sollte ich wiederkommen, zum Verbandswechsel.
*
Als ich zurückkam, lag das Haus im Dunkeln. Ich rief nach Prinz, er antwortete nicht. Komisch, dachte ich. Da zupfte es an meiner Hand.
„Prinz, verdammt - hast du mich erschreckt!“
Es zog mich in die Vergangenheit, dem „Blutraum“ entgegen. Ängstlich öffnete ich die Tür.
Mein Atem stockte. Die andere, ferne Zeit war wieder da. Auf dem Tisch stand ein Adventskranz, die erste Kerze brannte, sonst war Stille. Alles war, wie ich es vor einem Jahr gesehen hatte. Und ich konnte es fassen, berühren – eine reale andere Welt!
Ich packte den ersten Kaffeehausstuhl, musste mich setzen, befühlte meine Stirn. Fieber? Nein! Pochender Finger? Ja! Ich bin hier, bin angekommen.
Ungläubige Blicke führten mich durch den Raum. Ich stand auf, wanderte umher, berührte alles mit den Fingern: Furchen in den alten Eichenplatten zeigten mir das Leben, das einmal an diesem Ort pulsiert hatte. Der Verkaufstresen, die alte Kasse, die Schubkästen mit den Messingbeschlägen, die Spiegel, am Rande schon blind werdend – eine vergessene Welt lebte hier weiter. Ich bückte mich, öffnete einen Schrank – leer! Beim Schließen bemerkte ich einen weißen Zipfel an der rechten Seite im Schrank. Ich zog daran, aber es geschah nichts. Ich schlug mit der gesunden Hand dagegen und eine geheime Tür öffnete sich. Ein gerahmtes Bild und eine alte, dunkelblaue Kladde lagen dort verborgen. Ich schlug das Heft auf – Gräser, getrocknete Blumen, in Zeitungspaper eingeschlagen.
Lokal-Anzeiger der Reichshauptstadt/Montag, der 17. Mai 1920.
„Markus, du hast mein Geheimnis gefunden.“
Ich zuckte zusammen.
„Miriam, das hat mich jetzt wirklich zusammenzucken lassen!“
„Ich habe die Sachen schon vermisst.“
„Wer ist das da auf dem Bild?“
„Das bin ich, da war ich vier Jahre alt.“
„Ein hübsches Mädchen.“
„Mein Vater hat immer zu mir gesagt: Du bist mein Goldschatz.“
Wir lachten, sie zeigte mir ihre Sammlung, erklärte, wo und wie sie alles gefunden hatte. Auf der nächsten Seite lag das gleiche Bild von ihr zwischen getrockneten Pflanzen – wie auf einer Blumenwiese liegend. Eine Seite weiter, zwischen der Judenkirsche, war ein anderes Bild eingefügt. Sie lachte.
„Das bin ich auch, mein erster Schultag.“
„Warum hast du die Bilder zwischen getrocknete Blumen gelegt?“
„Weil die nicht so vergänglich sind wie Menschen.“
Wir blätterten weiter, ich hörte sie lachen. „Das hier ist mein Vater, Gustav.“
Ich sah einen Mann, halb verborgen hinter einem Farn. „Warum denn so?“
„Weißt du, im Wald beim Blaubeersammeln, da habe ich mich immer versteckt! Vater und Mutter suchten mich.“
Auf der letzten Seite noch einmal das gleiche Bild mit einem kleinen Zweig, dazwischen Blätter und zwei Blüten.
„Warum ist dies hier anders, Miriam?“
„Ich habe sie vom Grab meiner Mutter. Ich wollte, dass mein Papa nicht mehr traurig ist.“
„Du, Miriam?“
„Ja, was ist?“
„Du bist ein tolles Mädchen.“
Sie lachte, wir lachten. Ich wollte sie in die Arme nehmen, doch sie wich zurück.
„Miriam, wie heißt dein Vater eigentlich?“
„Gustav Petach – meine Mutter Frida, ich“, erklärte sie Markus, „ich bin die Miriam-Magdalena. Mein Kosename ist Miri.“
„Ich habe euch gesucht.“
„Warum, Markus?“
„Monatelang – aber niemanden von euch gefunden!
„Wir sind in der anderen Zeit. Deshalb musste dein Suchen nach uns erfolglos bleiben.“
Ich schüttelte mit dem Kopf.
Unser Gespräch wurde lang. Nächte wurden zu Tagen und schließlich Wochen des Kennenlernens. Vertrauen wurde unser Herzschlag; unser Seelentakt stimmte sich aufeinander ein. Wie oft wollte ich sie in die Arme nehmen und drücken! Es blieb immer ein Abstand zwischen uns. Sie vertraute mir – aber ihre Seele war nicht frei. Sie war klein mit einem großen Herzen, ich war es „noch“ nicht!
6
Ich war wieder gesund. Mein kranker Finger unterstützte mich wieder tatkräftig. Nur meine Geldbörse wurde langsam sauer auf mich. Aber was sollte ich machen? Es war so, wie es war. Scheißzeit. Noch mal würde ich es nicht so machen. Du spinnst, Markus! He, du bist ja früher wach als ich! Ich sah in den Spiegel. Ja, da war er. „Mein Freund.“
„Guten Morgen, Prinz. Gut geschlafen?“
Ich schaute in sein Hundegesicht. Kleine Falten regten sich auf seiner Stirn, er dachte nach. Zweifelte er auch schon an meinem Verstand? Manchmal, wenn ich mich gegen Markus 2 auflehnte, drehte Prinz sich auf der Straße um. Er suchte ihn in mir.
„Prinz, was ist los, mein Großer?“
Ich war noch müde. Es war kalt am Morgen. Ich schloss die hintere Gartentür auf. Montag früh, kurz nach sieben, graues Januarwetter, brrr!
Ein neues Jahr hatte begonnen. Meine Wünsche? Miri sollte mich wieder besuchen. Und das Haus sollte endlich fertig werden.
Die Stadtreinigung fuhr durch die Straße, der Müllwagen sammelte die Überreste der Woche ein. Ich ging mit Prinz um den Block. In der Brandenburger Straße besuchte ich den Bäcker. Warmer Raum – ein neuer Pächter. Die alten Verkäuferinnen waren entlassen worden, hörte ich. Aus Kostengründen.
Die Schrippen noch warm in der Tüte, verließ ich wortlos den Raum. Markus? Ja, was ist? Lass mich, ich will noch schlafen! Du hast doch auch eine Bäckerei und Konditorei! Ja doch, aber die ist in Rente.
Glatt waren die Wege. Wenig Schnee, weiß lagen die Straßen im Grau des Morgens.
Prinz und ich waren wieder zu Hause. Ich fütterte ihn und füllte meine Arbeitstasche mit einer Thermoskanne Kaffee und zwei Schrippen mit Belag: roher Schinken und Camembert. Dann schloss ich Bully auf. Raureif auf den Scheiben.
Heute habe ich meinen ersten Arbeitstag, Markus! Endlich, Wochen zu spät! Aber mein bescheuerter Finger wollte es so. War es Vorsehung? Schicksal? Quatsch nicht rum, komm in die Hufe, alter Freund!
Prinz musste allein bleiben, er war ein guter Wächter. Bully fühlte mich in sich, er war gut drauf. Den Zündschlüssel nur einmal gedreht und er lief – toller Tagesbeginn! Ich fuhr vom Grundstück, schloss das Tor. Prinz stand am Zaun, bellte mir hinterher: Komm gut zurück!
Mein Weg führte mich durch die Stadt. Menschen waren unterwegs – ich auch. Die Autofahrer fuhren ihren Weg, viele wie immer in einer Richtung, zur Arbeit. Hinter mir glühte Blaulicht. Bully wurde langsamer, ein Rettungswagen raste an uns vorbei. Das Radio spielte Elvis, ich fühlte mich gut am Morgen.
An der Ampel sah ich eine junge Frau im Auto neben mir. Sie hörte Musik, aber in einem anderen, schnelleren Takt. Ihr Haar glänzte im roten Licht der Ampel. Es war leicht gegelt. Die Ampel erwachte, wir fuhren weiter. An der Ecke stand ein Rettungswagen an einem Lichtmast neben einem zerbeulten Motorrad. Ein Autofahrer hockte blass hinter dem Lenkrad. Ich glaube, dieser Tag wurde für beide schlecht!
Mein Ziel war erreicht: Heinrich-Müller-Straße, mein neuer Arbeitsplatz. Mein Finger war schnell geheilt. An den Stellen, wo die Schraube mich im Griff gehabt hatte, sah man nur noch zwei kleine hellrote Narben.
Ich parkte am Bauwagen. Kaltes Land, brach lag es da, gefroren, in Raureif getaucht. Ein Bagger stand stumm. Es war zu kalt, um Rohre zu verlegen. Ich klopfte an der Bauwagentür.
„Markus“, hörte ich von innen rufen, „Komm rein!“
Der Bauwagen war warm, die Begrüßung freudig. Das Innere war eingerichtet wie eine Gartenlaube. Es fehlte nur noch der Blumenkasten am Fenster mit Tannengrün. Dieters neue Perücke hing im offenen Spind. Er hatte sie, wie er erzählte, aus dem Europacenter.
„Die haben was drauf, da“, meinte Dieter. „Na, wenn es schön macht, warum nicht?“ Dieter war ziemlich eitel.
„Dieter, wo sind unsere Kollegen?“
„Die haben noch eine Woche Urlaub.“
„Und was macht dein Akkordeon?“
„Ach“, er lachte. „Ab und zu spiele ich „Onkel Pelle.“ Für die Kinder in der Gartenkolonie.“
Ich schwitzte, zog meine Daunenjacke aus, die hatte ich einem Russen abgekauft – armeegrün, egal, warm ist immer gut!
In der Wärme des kleinen Raumes breitete Dieter Zeichnungen aus und ich machte eine Reise in die Sanitärinstallationspläne des Gebäudes. Ich verstand noch nicht so viel davon. Diese Arbeitswelt wollte ich verstehen lernen. Ich begriff, dass jeder Farbstrich ein anderes Medium darstellte. Toll! Augen zu und durch!
Wir machten uns auf zu meinem künftigen Arbeitsplatz, fuhren Sauerstoff- und Azetylen-Flaschen mit dem Flaschenwagen zu einer Luke. Ich schleppte meine neue Lebensaufgabe auf dem Rücken: blaurot, zwei Manometer-Einheiten und eingebautes Rückschlagventil, fünfzig Meter weit. Ich hatte meine Last zu tragen – wie jeder. Dieter sah, wie ich mich abschleppte.
„He, Markus, alles okay?“
„Jo!“ Die Asbestplatten zur Sicherung der Elektroleitungen lagen schon im Kriechkeller. Jetzt fehlten nur noch Hartlot, Fontargen-Silberlot und meine Schweißerbrille.
Dieter öffnete die Stahltür zur Unterwelt – muffiger Metallgeruch mit Lehm gemischt schlug uns entgegen. Dahinter ein schwarzes Nichts. Neben der Tür waren innen ein Lichtschalter und zwei Steckdosen. Dieter griff um die Ecke und die Unterwelt leuchtete fahl im Schein der Schildkröten-Beleuchtung – mit 60-Watt-Lampen, im Dämmerlicht nicht gerade berauschend!
„Dieter, warum bauen diese blöden „Architekten keinen richtigen Keller“ sondern nur so ein fieses Kriechloch?“
„Der Senat hat einfach keine Kohle.“
„Ach, alles auf die Knochen der Arbeiter.“
„Klar, Alter, die Lasten tragen immer wir!“
Ich richtete mir meine Schweißerwelt ein. Ich sollte Abschnitt 3 vorziehen, denn der würde nach dem Frost als erster weitergebaut werden. Vier Stockwerke waren schon fertig. Na ja, wenigstens kalt war es hier drinnen nicht. Aber verdammt niedrig. Ich konnte nicht mal aufrecht stehen. Markus, du schwitzt ja! Ich weiß. Markus 2 hatte Angst.
„Sonst alles in Ordnung, Markus? Ich muss los, ich fahr noch mal in die Firma.“
„Alles okay, Dieter. Grüße auch an den Boss von mir.“
„Okay. Tschüß!“
Dieter war weg – und ich allein. Ich hatte bisher keinen einzigen Tag gearbeitet und war schon einmal krank geworden. Dennoch hatte ich den Job nicht verloren. Selten so was heutzutage. Gute Firma!
Kriechkeller, ich bin da! Mein Atem wurde schwer. Klaustrophobie! Markus, hier musst du jetzt durch, sonst verlieren wir alles, auch deine Heimat! Ich legte mich flach auf den Rücken, schob mich auf einem Brett mit Rollen langsam ins Innere der Unterwelt. Über mir rotes Rohr, überall rotes Rohr. Kupferrohr-Welten durchzogen die Schatten der Unterwelt. Die Rohre fühlten sich gut an, glatt. Meine Arbeitsschläuche hatte ich in der Hand, rollte sie auf dem gestampften Lehmboden aus. An der Wand spärliche Beleuchtung, dunkle Kammern.
Ich erreichte meinen Arbeitsplatz. Los! Die Spitze zischte, Atze und Sauerstoff vereinten sich, mein Feueranzünder spendete Funken, eine blauweiße Flamme erhellte den Raum. Ich nahm den Sauerstoffanteil etwas zurück, es wurde heller.
Ich sah mich um. In der Ecke stiegen drei Leitungen empor. Kalt-Warm-Zirkulationsleitung - Sie riefen meiner Flamme zu: Löte mich, nein, mich! Jeder will hier der erste sein ich lachte. Auf dem Weg zu ihnen tanzte das Licht vom Brenner, zischte. Schattenspiele auf den Wänden. Ich, Markus, der Mann auf dem Rollwagen, bestimmte, wer als Erster dran kam und wer warten musste! Dennoch, auch Angst war da.
Die Flamme umschmeichelte das erste Rohr. Es veränderte sein Aussehen, wurde dunkler, rot. Das dünne Hartlot schmolz, wurde in die offene Muffe gesaugt – Kapillarwirkung, gut für mich, gut für das Rohr! Langsam vergaß ich meine Angst. Markus der Störenfried, schlief in mir ein. Es war ihm, dem Sensibelchen, zu laut. Aber da musst du durch – wie ich auch! Altes Haus, ich sang mein neues Rohrleger Lied von der tanzenden Lichterflamme.
Ich lötete Naht um Naht. Bald war der Raum fertig. Ich auch. Schwitzend im Januar auf einem Holzbrett liegend, auf Rollen im Kriechkeller … Markus, hör auf zu singen! Ich brauche meinen Kopf frei! Er verstummte, spielte die beleidigte Leberwurst.
Etwas huschte an mir vorbei. Ich erschrak. Ratten? Ein Schaudern durchlief meinen Körper. Nicht gut, Markus, gar nicht gut! Ruhig, mein Lieber! Ich entspannte mich. Plötzlich hatte ich Hunger, musste zur Toilette. Ich legte meine Sachen ab, rollte zurück zum Eingang.
Draußen war es hell. Ich säuberte meine Hände im neuen Schnee, öffnete die Hose. Er wollte nicht, es war zu kalt hier. Aber die Blase drückte mit Macht, sie war stark. Ich pinkelte in diese freie Natur, zeichnete mit meiner Innenfarbe den Schnee, dieser gefror sofort.
Im Bauwagen stand meine alte Tasche, die viel gesehen hatte: Wanderungen an Aktenschränken vorbei in die Welt der Dokumente verlorener Zeiten, stille, staubige Welten. Ich entführte sie in eine andere, neue Welt – in die Wandelzeit des Entstehens.
Auf einem Balken sitzend verspeiste ich meine Schrippen. Kaffeedampf stieg mir in die Nase. Gute Wahl, der neue! Ich war gemeint. Im Bauwagen war es mir zu warm, lieber hier sitzen und keine Erkältung bekommen. Von weitem hörte ich gedämpft die Straße. Ein knarrendes Geräusch über mir: Der Baukran stand in der steifen Brise, das Stahlseil tanzte im Wind.
Miri war schon einige Zeit nicht mehr bei mir gewesen. Wir hatten doch so viel zusammen unternehmen wollen. Ja, genau, aber du hast es übertrieben mit deinem Finger. Dein Geschrei ging ihr auf die Nerven – und mir auch. Sie konnte abhauen. Aber ich musste dich ertragen! Sei still, Markus.
Ich musste weiter, der Brenner wollte wieder tanzen, und ich war gut bei der Sache, arbeitete. Plötzlich rief mein wilder Magen: He, habe noch Hunger! Was hörte ich mich, immer noch? Na klar! Ich habe aber nichts mehr! Doch! In deinem Overall steckt doch noch eine Packung Erdnüsse!
Stimmt, die hatte ich ganz vergessen. Ich machte sie auf. Verdammt, die Tüte riss. Einen Teil davon konnte der Lehmboden haben oder die Ratten. Ich lachte. Na und? Du hast doch Hunger, nicht ich!
Er hatte wieder einmal seinen Willen bekommen.
Ich wurde besser, täglich überrascht, ich wurde immer schneller. Jede Naht schaffte ich „immer“ -oftmals ein bisschen schneller. Den Abschnitt bekommst du heute noch fertig! Langsam, Knabe, langsam!
Ich drehte mich auf die Seite, um besser an eine versteckte Lötstelle zu kommen. Mein Blick huschte durch den Schattengang, es war nicht viel zu sehen, meine Lötbrille verrutschte, sie verfing sich an einer Rohrschelle über mir. Da sah ich sie, auf dem Boden kauerten zwei graubraune Feldmäuse, hielten meine Nüsse in den Pfoten und ließen es sich schmecken. Ich war froh – wenigstens keine Ratten.
Diese mochte ich nicht.
Die Zeit verging, das erste Paket Hartlot war fast verbraucht. In Gedanken hörte ich eine Stimme: Markus – Markus! Ich erschrak, die Brennerspitze berührte das Kupferrohr, ein Tropfen Hartlot fiel auf meine Brust. Platsch, er fühlte sich wohl beim Eindringen in meine Haut. Der Brenner flog mir aus der Hand. Mit Spucke versuchte ich den Schmerz zu lindern. Es half ein wenig, doch das Brennen blieb – die Kupferkugel ließ sich nicht leicht entfernen. Begegnungen dieser Art und noch heftigere lagen vor mir.
Dieter rief mir vom Eingang aus zu, ich schaute in sein rundliches Gesicht.
„Na, hat alles geklappt?“ Er sah meine Brust – der Reißverschluss stand offen. „Brennt ganz schön, was?“
„Aber klar doch!“
„Gut, Markus, mach jetzt Feierabend. Es ist gleich vier. Und es wird bald dunkel.“
Wir ketteten den Flaschenwagen ans Gerüst, verstauten die Schläuche im Kriechkeller, verschlossen die Tür und machten uns auf den Weg – jeder in seine eigene Welt. Außer dem Pochen auf meiner Brust ging es mir richtig gut. Die Anspannung löste sich langsam. Ich atmete frische Januarluft, die Sonne versank in den Schatten. Bully wartete schon. Er sah nichts, Frost hatte ihn erblinden lassen. Scheibenkratzen! Ich wollte starten, er nicht.
„Komm, Alter!“
„Mach mich nicht an!“
„Ich weiß, du musstest lange auf mich warten. Aber bitte lass uns jetzt hier abhauen!“ Er spielte den Beleidigten, wie so oft. Aber er hatte nicht mit mir gerechnet. Der Anlasser hörte nicht auf, seine Runden zu drehen, gute Batterie! Im Wagen stank es schon nach Benzin, der Vergaser hatte die Schnauze voll und die Zündkerzen waren am Ertrinken.
„Bully, komm bitte, lass den „Schmock!“
Mit einem lauten Knall erhörte er mich endlich.
„Na bitte!“
Blöde Kacke, die Straße war blockiert von einer Autokarawane ohne Ausgang. Im Kriechgang ging es in Richtung Heimat. Dunkelheit, sternenverhangener Abend um uns, Ampellichter im Streit mit den Rücklichtern der Wagen. Schattenhafte Menschen huschten an hell erleuchteten Schaufenstern vorbei, fremden Zielen entgegen. Mein Bus war ruhig.
Er liebte es, an Ampeln zu stehen und den anderen beim Brummen zuzuhören. „Tolle Motoren, aber auch Schrott unterwegs“, meinte er.“
Bei dir müsste mal die Steuerkette erneuert werden“, rief er einem vornehmen Daimler-Motor zu.
„Mir doch egal“, erwiderte der, „schau dir doch den alten Knacker am Steuer an! Der versucht seit dreißig Jahren, mich umzubringen. Wenn ich Öl brauche, steht er an der Tankstelle und kauft sich den Playboy. Erst wenn ich die Warnlampe anschmeiße und beim Starten mit lautem Geschrei um Hilfe rufe, wird er hektisch und haut mir einen Liter Motorenöl aufs Haupt. Meist zu wenig.“
„Verstehe. Aber du da, ja, dich, meine feine Dame, meine ich: Du bekommst bald Probleme mit deinem Auslassventil!“
Der Renault, mit dem mein Bus sprach, war etwas in die Jahre gekommen, war alt und weise geworden. Er säuselte: „Lass mich doch, ich kann das eklige Parfum der blonden Zicke sowieso nicht mehr ab.“
Bully fühlte sich gut. Er hatte ja auch mich, den Richtigen, am Lenker. Markus, wie lange dauert es noch? Weiß ich nicht. Prinz wartet! Fang bitte nicht an, mir schlechte Gedanken einzureden. Er schwieg.
Wieder eine Umleitung, Straßensperrung wegen Wasserrohrbruch. Winterzeit, Rohrbruchzeit. Na super.
Die rechte Fahrbahn war gesperrt, ich musste warten: roter Pfeil bei mir. Die anderen hatten den schwarzen. Verdammt, keiner hält an, alle sehen doch die Baustelle, ich will auch durch! Mein Hals schwoll an. Ja, hurra, eine Lücke! Bully, auf die Spur, schön! Es ging weiter. Plötzlich grelles Fernlicht hinter mir, ein Daimler erhöhte seine Geschwindigkeit, versuchte mich zu stoppen. Ging nicht, nur eine Spur.
Ein Mann saß am Steuer. „Ich komme nicht vorbei!“
Gnädig legt er den Rückwärtsgang ein – aber nur ein wenig. Ich öffnete das Fenster an der Fahrerseite.
„Muss das denn sein?“
„Hirnie!“ Seine Miene sprach Bände.
Als Hirnie hat er mich betitelt! Also, als doof bezeichnet zu werden, nur, weil man auch weiterfahren will, ist schon sehr dumm …
„He, Knabe, lass mich lenken, lass das hier, ich wurde nervös!“ Bully versuchte, den alten Sack zu rammen. „Hör auf, ich muss dafür gerade stehen, nicht du!
Meinen Lappen will ich behalten. Die Punkte bekomme ich in Flensburg! Wenn du ihn einfach rammst, ist das ein Vorsatz!“
Aber er gab nicht nach. Der Verkehr stockte, ein Hupkonzert begann.
„Hör auf, mir das Lenkrad zu entreißen, ich bin es, Markus!“ dein Kumpel.
Bully war manchmal sehr sensibel.
Endlich waren wir da. Prinz stand mit den Vorderläufen auf dem Zaun, sein Oberkörper darüber. Das Tor war offen, Prinz war schneller als ich. Bully schnurrte auf den Weg zu seinem Platz, ich bremste. Prinz hing mir im Gesicht, sah mich an. He, das hat aber gedauert! Seine Zunge liebkoste meine Schweißerohren.
*
Der erste Tag hatte es in sich gehabt. Noch vier Tage, dann war erst Wochenende! Ich duschte mir den Dreck vom Leib. Es war gut, das warme Wasser zu spüren, ich fühlte doch die Last des Tages. Die Stelle auf der Brust brannte, verlangte nach Kühlung. Wundsalbe hatte ich noch reichlich von meiner Baustelle. Tatsächlich, das Brennen ließ nach.
Ich hatte Hunger, Prinz auch. Er zupfte an meiner Hose. Ich machte uns was zu essen und wir speisten. Dabei schauten wir uns an. Dann holte er die Leine vom Flur und raste damit zur Tür, ich hinterher.
Wir gingen die Straße entlang. Am Haus war die Laterne defekt, sie flackerte im Gleichklang, ein, aus, ein, aus. Es regnete und ein starker Nordwind ließ mich frösteln. Ich roch frische Winterluft, geschwängert mit einem Schuss Feuchtigkeit. Auf der anderen Seite der Straße ging ein Mann; er schob einen Einkaufswagen vor sich her. Es war komisch anzusehen: im Korb volle Plastiktüten, darunter ein dunkelgrüner Schlafsack. Ein Mann sucht Wege, ist auf der Suche nach einem Schlafplatz. Er schaute zu mir rüber.
„Schönen Abend“, hörte ich.
Ich erwiderte den Gruß. Moment mal, Markus, das ist ja gar kein Mann der Wege! Das ist eine Wanderin der Nacht! Ja, ich hatte die Frau schon oft gesehen in unserem Kiez. Wo sie nur lebte?
Prinz hatte inzwischen alle Möglichkeiten genutzt, seinen Drang zu stillen: toben, pinkeln, Zeitungslesen, Haufen ins Gebüsch setzen. Wir wollten zurück, waren müde. Moment mal, he, Markus, bist du auch noch da? Ich spürte ihn, aber er schlief schon.
Eine Tasse Tee stand dampfend am Bett. Ich schloss ab, Prinz lag in der Tür, ich kletterte über ihn. Ich legte mich ins Bett, mein Blick führte mich weit weg. Ich spürte, wie Müdigkeit sich in mir ausbreitete wie ein Schleier, die Albtraumphase des Übergangs. Wir schliefen ein – keine Anfeindungen oder Disharmonien. Prinz ging, wie meist, auf die Pirsch. Er fiepte und rannte seine Runden im Schlaf.
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