Kitabı oku: «Wenn alles in Scherben fällt»

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Erinnerungen eines Bozner Laubengasslers

Zum Buch:

Luis Seebacher erzählt facettenreich sein Aufwachsen als Laubengassler im Bozen der Zwanziger- und Dreißigerjahre: von Lausbubengeschichten, der faschistischen Schule und seiner Leidenschaft für den Boxsport. Hautnah erlebte er als junger Bub den Besuch des italienischen Königs auf dem Waltherplatz oder den Brand des Vogelweider-Verlages unter den Lauben mit. Auch die Weltwirtschaftskrise von 1929 machte vor Bozen keinen Halt: Hungrig klopfte er an die Pforte des Franziskanerordens und bettelte um „a Schtickl Prout“. Die Optionsnachricht erreicht ihn während seines Militärdienstes in Turin. Er ging und wurde in die deutsche Wehrmacht überstellt. Lebhaft schildert Seebacher die Jahre des Kriegseinsatzes in Russland, den langsamen Rückzug vor den vorrückenden Sowjets, das Bangen und Hoffen, heil zu seiner frisch gegründeten Familie heimzukehren, welche bald selbst dem Bombenhagel der Alliierten ausgesetzt ist.


Luis Seebacher


Wenn alles in Scherben fällt

Erinnerungen eines Bozner Laubengasslers

Bearbeitet von Thomas Hanifle


Mit einem Vorwort von Leopold Steurer


Mit freundlicher Unterstützung der Abteilung Deutsche Kultur in der Südtiroler Landesregierung



Die Buchreihe Memoria mit Aufzeichnungen, Tagebüchern

und Biografien aus dem 20. Jahrhundert

wird von der Stiftung Südtiroler Sparkasse unterstützt



Titelbild: Die bombardierte Bozner Pfarrkirche 1944/1945, Bild im Besitz von Judith Melchiori, Bozen (Foto Fränzl)

Alle Abbildungen im Buch stammen vom Autor bzw. aus seiner Postkartensammlung (die Bilder auf den Seiten 158 u., 159 und 160 o. hat Rudolf Soppelsa aus Bozen fotografiert)

Der Buchinhalt ist urheberrechtlich geschützt.

Nachdruck, Entnahme von Abbildungen, Funksendungen, Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege und Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, auch nur auszugsweise, bedürfen der Genehmigung des Autors bzw. dessen Rechtsnachfolger.


© EDITION RÆTIA; BOZEN 2012

Grafisches Konzept: Dall’O & Freunde

Druckvorstufe: A&D

ISBN e-book: 978-88-7283-487-9

ISBN print: 978-88-7283-302-5

Unser Gesamtprogramm finden Sie unter www.raetia.com

Fragen und Anregungen richten Sie bitte an info@raetia.com

Inhalt

Leopold Steurer:

Ein Krieg kennt nur Verlierer, keine Helden


Da fiel mir meine Kindheit ein

Haus Nummer 57

Durch die Altstadt

Si parla italiano!

Revier Waltherplatz

Ferien im Ländle, Freizeit in Bozen

Über den Gugler und das Stadttheater

Patres als Professoren

Harte Zeiten

Faszination Radio und faschistische Subversion

Leidenschaft Boxen

Servus Bozen

Vom Regen in die Traufe?

Kriegsernst

Gebremster Vormarsch

Wir setzen uns nach Westen ab

München im Bombenhagel

Das Ende naht

Vom Auffanglager in die Freiheit

Vom Neuanfang zur Pensionierung

Markante Erlebensdaten


Thomas Hanifle: Sie sollen wissen, wo ich herkomme

Ein Krieg kennt nur Verlierer, keine Helden

Luis Seebacher und seine Familie gehörten zu jenen circa 75.000 Südtirolern, die im Verlauf von Option und Umsiedlung zwischen 1939 und 1943 ihre „alte Heimat“ Südtirol verließen, um im damaligen Deutschen Reich eine „neue Heimat“ zu finden. Sie waren Teil jenes gigantischen Stroms von Flüchtlingen, Umgesiedelten, Vertriebenen, die die beiden totalitären Regime in Berlin und Rom und der von Hitler entfesselte Krieg verursacht hatten.

Fast 50.000 dieser Südtiroler Umsiedler kehrten nach Kriegsende nicht mehr nach Südtirol zurück, der Großteil von ihnen hatte in den am Rande der verschiedenen Städte und größeren Zentren Vorarlbergs, Tirols und Salzburgs erbauten „Südtirol-Siedlungen“ Unterkunft gefunden, wo nicht selten bis heute noch deren Kinder und Enkelkinder wohnen. „Neue Heimat“ hatte ja auch nicht zufälligerweise jenes NS-Siedlungswerk geheißen, das zumeist noch während des Krieges diese Wohnungen erbaut hatte.

Luis Seebacher war nach seiner Heirat 1940 in München fünf Jahre lang Soldat einer Nachrichteneinheit an den verschiedenen Fronten und fand dann mit seiner Familie zunächst in Bludenz Wohnung und Arbeit. Dort wohnten nämlich die Eltern seiner Mutter, die Familie Fasolini. Diese gehörte zu jenen vielen Familien, die im Zuge der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Trentino, dem „Armenhaus Tirols“, oder aus dem Veneto nach Vorarlberg gezogen waren, um hier als Beschäftigte in der florierenden Textilindustrie des Landes eine bessere Zukunft zu erhoffen. Ein Leben unter sozial prekären Verhältnissen beziehungsweise als „Migranten“ – denn auch seinen Vater hatte es als Zimmerer und Baupolier für einige Jahre nach Bayern verschlagen, wo ja Luis selbst 1920 in Altötting kurz vor der Rückkehr der Familie nach Südtirol geboren wurde – war also Luis Seebacher quasi mit in die Wiege gelegt. Zu den Kindern aus begüterten Familien, „nati con la camicia“ (nicht arm und nackt, sondern eben schon „mit einem Hemd bekleidet geboren“), wie es der italienische Volksmund so schön formuliert, gehörte Luis wahrlich nicht. Er musste sich alles selbst und hart erarbeiten. Dieser sein ausgeprägter Leistungswille, sein Bewusstsein, dass beruflicher Aufstieg über den Weg der Bildung möglich ist, gepaart mit der Überzeugung von der Notwendigkeit größerer sozialer Gerechtigkeit in der Gesellschaft, prägte das ganze Leben Luis Seebachers und findet sich auch auf allen Seiten seiner Erinnerungen wieder. Und so übernahm er gewissermaßen den Beruf des Vaters, wenngleich sozusagen in einer potenzierten Form beziehungsweise auf einer höheren Ebene, denn sein Weg führte ihn zielstrebig von einer kurzen Zeit als Holzfäller und fünf Jahren im Stollen beim Kraftwerksbau über die Betriebsratsfunktion, die Absolvierung der Sozialakademie der Wiener Arbeiterkammer in Mödling, die Funktion eines Landessekretärs für die Arbeiter des Bau- und Holzsektors in Vorarlberg bis zum jahrelangen Einsatz als Anwalt und Interessenvertreter aller Bau- und Holzarbeiter Österreichs in seiner Funktion als Zentralsekretär dieser Kategorie im Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB).

Seebachers Erinnerungen sind vor allem ein nostalgischer Rückblick auf die Zeit seiner Kindheit und Jugend im Alt-Bozen zwischen den beiden Weltkriegen. Aber es ist, bei aller Nostalgie über die Verspieltheit, Unbekümmertheit, Abenteuer- und Unternehmungslust des Jugendlichen, k e i n Blick zurück mit n u r romantisch-verklärendem Anstrich. Stets ist die Schilderung von schulischen und „freizeitlichen“ Erlebnissen und Abenteuern der „Laubengassler-Buben“ um Luis, dessen zwei Jahre jüngeren Bruder Norbert, den unzertrennlichen Freund Rudi Mair und andere Jugendfreunde a u c h ergänzt mit Informationen über die oft schwierige finanzielle Situation der Familie. Ein angenehmes, sorgenfreies oder gar luxuriöses Leben war es zweifellos nicht, dieses Leben der Angestellten, Arbeiter, Beamten, kleinen Ladenbesitzer oder Handwerker im Herzen des deutschsprachigen Bozen, zu denen der Kreis der Verwandten und Bekannten um die Familie Seebacher gehörte. Auch so mancher schon vor ein bis zwei Generationen zugewanderte (und inzwischen weitgehend assimilierte) „Welschtiroler“ aus dem Trentino befand sich darunter, sodass für das Stadtkind Luis der Wechsel vom deutschsprachigen Kindergarten bei den Barmherzigen Schwestern zur italienisch-faschistischen Volksschule ein nicht ganz so traumatischer „Kulturschock“ gewesen sein mag wie für die allermeisten deutschsprachigen Kinder in der ländlichen Peripherie Südtirols.

Oftmals finster, grau und feucht war das Wohnen der kleinen Leute unter sanitär-hygienisch prekären Verhältnissen in den damaligen Bozner Lauben, und wer als Bewohner des obersten Stockwerkes das Glück hatte, Licht, Luft, Sonne und eine schöne Aussicht auf die umliegenden Berge zu haben, musste dafür als Strafe zumindest das Wasser für den täglichen Gebrauch über die engen und steilen Treppen kübelweise hinauf- und wieder hinunterschleppen. Früh schon waren die Kinder mit den Alltagssorgen der Familie konfrontiert, denn der karge Verdienst (Vater Seebacher war immerhin leitender Arbeiter im Baugeschäft, bis er 1934 nach einem Konkurs der Firma, bei der er angestellt war, für einige Zeit arbeitslos wurde) reichte oft kaum zum Bezahlen der Monatsmiete und des Nötigsten an Essen und Kleidung. „Verzichten und Sparen“, so heißt es einmal kurz und bündig in diesen Erinnerungen, war zumeist die notwendige „Überlebensstrategie der Familie“. Dass zur Aufbesserung des oft kaum reichenden Geldes für den täglichen Haushaltsbedarf gelegentlich sogar ein Zimmer der Wohnung an italienische Beamte, die im Zuge der faschistischen Migrationspolitik nach Bozen kamen, „untervermietet“ werden musste, veranschaulicht diesen Sachverhalt recht deutlich.

So ist Luis Seebacher in diesen seinen Memoiren nicht nur ein penibler Chronist der sprachlich-kulturellen Veränderung der Stadt unter dem faschistischen Regime, angefangen von den Umbenennungen von Schulen, Plätzen und Straßen bis hin zu den alltäglichen Erfahrungen Schule und Freizeit betreffend, sondern er gibt auch immer wieder präzise Informationen über Lebensmittelpreise und Löhne, über Eintrittspreise in die Gugler’sche Schwimmschule in Quirein an der Talfermauer, bei kulturellen Veranstaltungen in den Bürgersälen oder im Stadttheater, über die Preise für Trinken und Essen in den Gasthäusern rund um Bozen, in denen bei den sonntäglichen Ausflügen eingekehrt wurde, sowie über die seinerzeitigen Essensgewohnheiten. Da angesichts der damals noch geringen Mobilität der Großteil solcher familiärer Wochenendausflüge von den „Stadtlern“ zu Fuß absolviert wurde, kam diesen Gasthöfen auch eine nicht unerhebliche gesellschaftliche und politische Funktion zu. Solche Landgasthöfe waren beispielsweise das „Scharfeck“ in Gries, die mitten in den Weingärten von Quirein gelegene „Hofer-Katl“ (einige Jahre lang ein Treffpunkt für die Sympathisanten der illegalen NS-Bewegung), vor allem aber die beiden Gasthöfe „Wendlandt“ und „Kohlerhof“ auf dem Virgl, wo für die Familie Seebacher mit der Familie Werner auch verwandtschaftliche Beziehungen bestanden. Als Chronist für das Praktisch-Konkrete vergisst Luis Seebacher natürlich auch nicht uns mitzuteilen, was damals bei den herbstlichen Ausflügen das Herz aller Kinder höher schlagen ließ: Maroni mit Maibutter (gebratene Kastanien mit Schlagsahne und ein bisschen Zimt drauf).

Zumindest erahnen lässt uns so manche Erzählung Seebachers, inwieweit der gesellschaftliche „Modernisierungsschub“, den die faschistische Politik in den Dreißigerjahren auslöste, vor allem bei Jugendlichen auch auf Zustimmung stieß, trotz aller Unterdrückungsmaßnahmen im sprachlich-kulturellen Bereich. Dies war in erster Linie die bewusste Forcierung des Sports in Schule und Freizeit, die Einrichtung der „Gratis-Ferienkolonien“ am Meer als Prämie für begabte und fleißige Schüler, das neue Wahrnehmungsgefühl von Raum und Zeit, das mit einer größeren Mobilität und dem technischen Fortschritt, den ersten Stummfilmen im Kino, mit Motorrad, Auto und Radio verbunden war. Auch wenn all dies für die breite Masse der Bevölkerung zumeist noch unerschwingliche Luxusgüter waren (ein Telefunken-Radio, so erfahren wir, kostete ungefähr die Summe von drei durchschnittlichen Monatslöhnen eines Arbeiters!), so war die Faszination, die davon ausging, wahrscheinlich umso größer.

Wichtige und große, explizit politische Ereignisse und Veränderungen der Bozner Stadtgeschichte jener Zeit bleiben in den Erinnerungen von Seebacher eher ausgeblendet. Dies ist wohl eine bewusste Entscheidung, denn ihm geht es nicht um eine (weitere) wissenschaftlich-historiografische Rekonstruktion der Veränderungen des Stadtbildes von Bozen zwischen den beiden Weltkriegen, sondern vielmehr darum, wie sich diese in der subjektiven Wahrnehmung eines Jugendlichen von damals ins Bewusstsein einprägten.

Erst die in Zusammenhang mit dem Baubeginn der Industriezone und dem Abessinienkrieg stehenden Propagandaveranstaltungen des Regimes in den Jahren 1934 und 1935 sowie die fast zeitgleich und vor allem durch die Saar-Abstimmung vom Jänner 1935 verstärkt ausgelösten Hakenkreuzschmierereien vonseiten der entstehenden autochthonen nationalsozialistischen Bewegung finden Erwähnung. Nicht zuletzt mag das auch damit zu tun haben, dass die Welt des heranwachsenden Luis Seebacher zunächst einmal hauptsächlich durch das schulische und soziale Ambiente des Franziskaner-Gymnasiums – und das hieß durch eine von den großen politischen Umwälzungen der Zeit zwar nicht unberührte, aber im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Bereichen doch eher nur marginal betroffene Welt – geprägt wurde. Hier galten denn auch spezielle Regeln, von denen die beiden wichtigsten „Disziplin und Subordination“ hießen, um das Studium bis zur Matura erfolgreich bestehen zu können.

Nichtsdestoweniger kann der Leser dieser Memoiren die radikalen Veränderungen städtebaulicher, sozialer und ökonomischer Natur, die seit der Erhebung der Stadt in den Rang einer Provinzhauptstadt im Jahre 1926 und sodann seit Beginn der Dreißigerjahre mit der Ausarbeitung eines neuen Bauleitplans, gemäß dem Bozen nach den Intentionen der faschistischen Machthaber zur „Città di Druso“ mit 100.000 Einwohnern werden sollte, zumindest ansatzweise mitvollziehen. Geradezu symbolisch und stellvertretend für diese Veränderungen auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene kann es wohl gelesen und verstanden werden, wenn die Gruppe von deutschsprachigen Jugendlichen um Luis Seebacher (die „Schcolaparkler“) mit den gleichaltrigen italienischsprachigen Jugendlichen um die Brüder Pietro und Andrea Mitolo (beide nach 1945 charismatische Leader der neofaschistischen Partei des MSI) sozusagen in einem „Kampf um die Besetzung eines öffentlichen Raumes“ sich um den zwischen Franziskaner-Gymnasium, Jahn-Turnhalle und Goethe-Schule rund um die Mariensäule liegenden Spielplatz rauften. Während die (vom deutsch-national-liberal ausgerichteten Turnverein 40 Jahre zuvor errichtete) Jahn-Turnhalle inzwischen längst vom Regime enteignet und dem faschistischen Jugendverband der „Gioventù del Littorio“ übertragen und die Goethe-Schule in eine faschistische Volksschule mit dem Namen „Adelaide Cairoli“ umbenannt worden war, hatte nur das Franziskaner-Gymnasium diese Auswirkungen der „nationalfaschistischen Säuberung“ einigermaßen unbeschadet überstanden. Dies dank des guten Einverständnisses und der weitgehend konfliktfreien „Kollaboration zum gegenseitigen Vorteil“ zwischen faschistischem Staat und katholischer Kirche, wie sie mit den Lateranverträgen von 1929 sanktioniert worden war und damit in Südtirol für die kirchlichen Schulen (das Franziskaner-Gymnasium ebenso wie das Vinzentinum in Brixen und das Johanneum in Dorf Tirol) einen beschränkten „Schonraum“ unter ethnisch-weltanschaulichem Aspekt eröffnete.

Anlässlich der Option des Jahres 1939 gehörte die Familie Seebacher wahrscheinlich zu jener Gruppe von Optanten, denen aufgrund ihrer sozialen Lage (städtische Arbeiterfamilie mit prekären Zukunftsaussichten und ohne jeglichen Immobilienbesitz) die Entscheidung nicht unbedingt schwer fiel. Ob dabei die langjährige Mitgliedschaft von Vater Seebacher im bekannterweise deutschnational ausgerichteten Turnerbund und Männergesangsverein von Bozen diese Entscheidung begünstigt und beschleunigt hat, kann nicht mit Eindeutigkeit gesagt, sondern nur vermutet werden. Jedenfalls entschied sich Vater Seebacher als einer der ersten Optanten in Südtirol für sich und seine Familie, die Ehefrau und die drei noch minderjährigen Kinder Norbert, Helma und Hermann, schon im September 1939 für die Auswanderung. Luis Seebacher selbst absolvierte damals gerade seinen Militärdienst in Turin. Den Südtiroler Wehrpflichtigen war schon im Sommer 1939 – wenngleich sie formalrechtlich gesehen noch nicht volljährig waren – das Recht auf die persönliche Entscheidung für die italienische beziehungsweise deutsche Staatsbürgerschaft zuerkannt worden. So wie bei fast allen damaligen Südtiroler Rekruten war das Erlebnis der als vollkommen chaotisch und persönlich ganz unangenehm empfundenen Zustände beim italienischen Heer ausschlaggebend für eine relativ schnelle und spontane Entscheidung für die deutsche Staatsbürgerschaft und Auswanderung. Wie wir aus der historiografischen Forschung wissen, hat diese (weil von den realen Bedingungen der Auswanderung noch gänzlich unberührte und daher) überstürzte Entscheidung der jugendlichen Südtiroler Rekruten die spätere Entscheidung der Familie in so manchen Fällen vorweggenommen. Im Falle der Familie Seebacher war dies allerdings nicht der Fall.

Die fünf Jahre Weltkrieg verbrachte Luis Seebacher als Soldat einer Nachrichteneinheit, die meiste Zeit davon an der Ostfront. Mit Glück und Geschick hat er sich gewissermaßen durch diese schreckliche Zeit „gewurstelt“. Dass er dabei als Teil einer Nachrichteneinheit nicht an vorderster Front agierte, hat Seebacher vielleicht das Leben gerettet. Die Gräueltaten und Verbrechen des Kriegsalltags zu erleben, blieben aber auch ihm nicht erspart – und haben sich tief in sein Gedächtnis gemeißelt. Seebacher war kein Kriegsheld, zumindest nicht nach nazistischer Definition. Er hat einfach versucht, zu überleben. Ein Krieg, zumal immer unmenschlich, kennt auch keine Helden, sondern nur Verlierer. Ob bei der Schilderung von Kontakten mit der russischen Zivilbevölkerung, des Umgangs mit den Kameraden der eigenen Einheit oder mit Kriegsgefangenen, der Bombardierung Münchens und dabei der Zerstörung des Hauses, in dem seine Frau mit ihren Eltern lebte, oder der abenteuerlichen Heimkehr nach Bludenz bei Kriegsende, nie verfällt Luis Seebacher in den apologetischen Ton und militaristischen Stil eines „Landser-Romans“. Eine gewisse kritische Distanz zu den Propagandaparolen des NS-Regimes und ein humanitären Werten verpflichtetes Verhalten waren nicht nur Grundprinzipien seines Denkens und Handelns, sie prägen auch seinen Rückblick auf diese schwierige Zeit. Andeutungen heroischen Widerstandsgeistes oder gar Beschreibungen heldenhafter Einsatzbereitschaft gehören jedenfalls nicht zum Charakterzug und Lebensstil Luis Seebachers.

Publikationen von betroffenen Zeitzeugen zur „Erinnerungskultur“ Südtirols in den letzten Jahrzehnten, ob von Intellektuellen, „einfachen Leuten“ oder Politikern verfasst, sind eher rar. Luis Seebachers Erinnerungen bilden daher einen neuen wertvollen Beitrag und eine wichtige Bereicherung für eine differenziertere Sichtweise auf die Südtiroler Zeitgeschichte.

Leopold Steurer

Meran, Dezember 2011

Da fiel mir meine Kindheit ein

Versuche, Erinnerungen aus frühester Kindheit wachzurufen, scheitern meist am Fehlen handfester Anhaltspunkte. An das elementarste Ereignis, den Eintritt ins Leben zum Beispiel, kann sich nicht einmal das Unterbewusstsein erinnern. Es ist wie weggewischt.

Im Alter von dreizehn Monaten wurde ich Opfer eines Hundeangriffs. Unser Rattler hat sich meine Sekkaturen nicht länger gefallen lassen und sich in meine Backe, die linke, verbissen. Eine böse Geschichte, laut meiner Mutter, und gebrüllt soll ich haben wie eine Horde „tifosi“ auf dem Fußballplatz. Die ganze Baumannschaft samt Kapo (das war mein Vater) ließ die Arbeit liegen und rannte zur Unfallstelle. So passiert auf dem Hof eines Fabrikareals in Sinich bei Meran, wo Vater nach seiner Bewährungsprobe im bayrischen Burgkirchen eine Großbaustelle zu leiten hatte. So sehr ich mein Gedächtnis auch anstrenge, kein Fünklein eines Erinnerungsblitzes leuchtet auf. Wäre da die Narbe nicht, man könnte den Vorfall als ein Fantasiegebilde abtun.

1922 war ich zwei, als mich die Masern befielen. Wir hatten bereits unser Zuhause in Bozen, eine Wohnung in der Laubengasse Nummer 57. An dieses Ereignis erinnere ich mich genau: Wir wohnten im ersten Stock, zur Laubengasse hin. Ich lag im vorderen der beiden großen Zimmer, in einem großen Bett. Mama hatte das Zimmer vorsorglich abgedunkelt, weil mir die Augen brannten, und sie hat mich gesund kuriert. Dann bricht der Faden der Erinnerungen ab. Das Nächste, woran ich mich erinnere, sind Szenen einiger weniger Meter eines Stummfilmes, der in den Bürgersälen aufgeführt wurde und den ich auf Mamas Schoß sitzend miterleben durfte. Das war bald nach der Geburt meines Bruders Norbert.

Sehr deutlich erinnere ich mich an meine Versuche, auf dem Waltherplatz einer Taube habhaft zu werden; zweieinhalb war ich. Von da ab reiht sich Erinnerung an Erinnerung, als hätte ich das Markanteste in einem Tagebuch aufgezeichnet.

Im Gedächtnis verankert ist auch jenes Schreiben vom 29. September 1939, mit dem der Präfekt von Bozen, Giuseppe Mastromattei, meinem Vater mitteilte, dass er dessen Entscheidung, den italienischen Staatsverband samt Familie verlassen zu wollen, zur Kenntnis genommen hatte und die nötigen Maßnahmen veranlassen würde. Eines jener unzähligen gleichlautenden Schreiben, die in jenen Tagen und Wochen Südtiroler Landsleute als Adressaten erreicht haben. Mit zwanzigjähriger Verzögerung schien sich nun auch das zu erfüllen, mit dem Mussolini-Handlanger Ettore Tolomei seit der Zerreißung Tirols unablässig beschäftigt war: das Land an und ober der Etsch bis zum Brenner von den „Barbaren“ zu säubern und für alle Zeiten zu italianisieren. Gelegenheit dafür bot die Umsiedlungsvereinbarung zwischen Italien und Deutschland, der zufolge alle Südtiroler, so sie sich der Italianisierung nicht beugen wollten, in deutschen Landen jenseits des Brenners angesiedelt werden sollten. Das Resultat ist bekannt: Rund neun von zehn Südtirolern entschieden sich fürs Gehen.

Ich habe von der teuflischen Intrige gegen unser Volk von einem Kameraden während meines Militärdienstes in Turin erfahren. Oberto Chiap war stets über alles informiert; er schöpfte sein Wissen aus Quellen, die mir verschlossen waren. Chiap warnte mich vor den Ränken Mussolinis und Hitlers, zumal der Führer auf Krieg aus sei und reichlich Kanonenfutter brauchen würde. Hitler war für mein Dafürhalten weit weg, und an Krieg wollte ich nicht glauben, trotz des deutschen Angriffs auf Polen am 1. September 1939. Ob auch uniformierte Südtiroler den Weg der Optanten gehen könnten? Sie konnten. Hierzu bedurfte es lediglich einer Erklärung vor dem zuständigen Militärkommando.

Soll ich, soll ich nicht? Ich schwanke zwischen der Chance, dem Turiner Militärchaos zu entrinnen, ohne fahnenflüchtig zu werden, und dem Festhalten am Heimatboden. Bleibe ich, begehe ich Verrat an meinem Tiroler Deutschtum; gehe ich, verliere ich meine Heimat. Eine schlimme Situation, in der ich mich plötzlich befand. Das deprimierende Milieu des Turiner Militäralltags gab schließlich den Ausschlag. Ich ging!

Noch zum Unteroffizier befördert, meldete ich meinen Optionsentscheid an. In der zweiten Dezemberwoche von 1939 wurde ich in Ehren aus dem italienischen Wehrverband verabschiedet, vom Regimentskommandeur höchstpersönlich. 14. Dezember: Endlich wieder daheim, und Weihnacht steht vor der Tür. In die Freude, dem Turiner Albtraum entronnen zu sein, mischt sich Traurigkeit. Mein Bruder Norbert ist nicht mehr da, Rudi Mair, Freund seit Kindestagen, auch nicht mehr. Und nicht mehr da sind die beiden Kasseroler Brüder Fritz und Karl, Teddy Maier aus der Goldschmiededynastie, und viele andere. Wo sind sie? Schon in den Fängen des Raubvogels jenseits der Alpen?

Ich irre durch die Straßen der Stadt meiner Kindheit. Wie leergefegt kommen sie mir vor. Alle, die mir etwas bedeutet haben, sind weg. Ich vermisse ihren Klatsch, ihre „Narreteien“, die „Salta-la-Mula“ und die „Määässen“-Rufe, ihr Mogeln beim Kartenspielen. Und plötzlich fühle ich mich einsam und elend. Mir ist zum Heulen. Da fiel mir meine Kindheit ein! Den Unzähligen, die das Ende des Vernichtungswahns im letzten Weltkrieg nicht mehr erlebt haben, sind meine Aufzeichnungen gewidmet.

Mein Dank gilt allen, die mir vom Kindergarten an bis in die heutige Zeit Freunde geblieben sind. Wenige genug sind es, die die Zeitläufte unbeschadet überstanden haben und mir als Zeitzeugen manch wertvollen Hinweis geben konnten. Mein Dank gilt auch meiner Tochter Heidi; sie war es, die Ordnung in meine „Zettelwirtschaft“ gebracht hat.

Luis Seebacher

Haus Nummer 57

Was heute am unteren Ende des Eisacktales als Bozen figuriert, das ist längst nicht mehr Bozen, das ist für mich Bolzano. Das wirkliche Bozen war das merkantile Zentrum des Tirols unterhalb des Brenners, wie es trotz der zunehmenden Italianisierung ab Beginn der Zwanzigerjahre noch heute im Alt-Bozner Stadtteil unverkennbar und spürbar ist: eine sich um die Laubengasse, diese von Ost nach West ausgerichtete Handelszeile, entwickelnde Metropolis, überschaubar und ökologisch vertretbar. Von der Talfer im Westen, dem Eisack im Süden, dem „Dorf“ und St. Oswald im Norden und Zwölfmalgreien im Osten geografisch umzingelt ist der Standort meiner Stadt. Dort habe ich meine Kindheit und meine Jugend verbracht.

Den genauen Zeitpunkt des Transfers von Altötting in Bayern über Sinich bei Meran nach Bozen in das Haus Nummer 57 unter den Lauben habe ich wohl mitgekriegt, aber nicht behalten. Wenn ich ein bisschen zurückrechne, komme ich auf das Jahr 1921. Wie dem auch sei: In der „Beletage“ habe ich den Keuchhusten überstanden, die Masern überwunden und meine erste Influenza gemeistert, und das alles innerhalb eines einzigen Jahres, von meinem zweiten zum dritten Lebensjahr. Mama, die in diesem Zeitraum mit meinem ersten Bruder schwanger ging, hatte alle Hände voll zu tun. Norbert kam am 6. Juli 1922 in Bozen zur Welt: Getauft wurde er auf Josef, was Vater aber absolut nicht in den Kram passte. „I will koan Seppl!“, sagte er, deshalb wurde er einfach Norbert gerufen.

Im Oktober des gleichen Jahres lernte ich Schwester Davida kennen, im Kindergarten der „Barmherzigen“ in der Franziskanergasse, wohin mich Mama brachte, kaum war ich stubenrein geworden. Zwei Kindergartenjahre war ich mit einer Schar gleichaltriger und älterer Buben und Mädchen der Schwester anvertraut gewesen. Und wie elend war mir zumute, als ich den Klosterkindergarten mit dem städtisch-faschistischen an der Vintlerstraße, nächst dem Marienplatz, tauschen musste. Das mir völlig fremde Milieu traf mich wie eine harte Strafe, für die ich nicht die geringste Schuld trug. Per Dekret wurden alle privaten und geistlichen Kindergärten gesperrt und die Eltern verpflichtet, ihre Kinder mindestens ein Jahr vor Beginn des Schuljahres 1926/27 in öffentliche Kindergärten zu schicken. Dort sollten sie quasi spielerisch im Kontakt mit Kindern zugewanderter Italiener mit der fremden Sprache vertraut gemacht werden. Denn in der Volksschule war es mit unserer Muttersprache aus und vorbei.

Drei Stockwerke ragt das Haus Nummer 57 laubengassenseits der Sonne entgegen und hat ein zur Wohnung ausgebautes Dachgeschoss, das bis zur Lichthaube reicht. Der gegen Süden ausgerichtete Trakt ist um eine Etage höher, was wohl mit der Konstruktion der Lichthaube zusammenhängt; zudem birgt er noch den geräumigen Dachboden. In der Laube, dem Gewölbe im Erdgeschoss, war das damals wohl größte und schönste Blumengeschäft Bozens untergebracht, der Detailhandel der Großgärtnerei Streiter. Das Streiter’sche Anwesen lag im „Dorf“ am Oswaldweg und erstreckte sich bis zur Oswaldpromenade, wo die „Wildn Mandr“, zwei spitzkegelförmige Porphyrriesen, aus dem Berg ragen und auf die zu ihren Füßen liegende Stadt herunterschauen.

Dem „Blumendoktor“ Streiter gehörte auf Nummer 57 nicht nur das ganze Parterre bis hin zum Hof des Nachbarhauses an der Silbergasse, sondern auch die ganze Kelleranlage, sodass den Mietern der sieben Wohnungen der Gang in den Keller erspart geblieben ist. Diese „Wohltat“ war dadurch eingeschränkt, dass jedem der Kellerlosen eine Ablage hinter einem Lattenverschlag auf dem Dachboden zugestanden worden war. Etwa zwei Quadratmeter Bodenfläche hatten die „Holzlegen“, gerade ausreichend, unverzichtbaren Krimskrams unter Verschluss zu halten. Wir hatten Glück: Unsere Holzleg war gemauert, hatte ein Fenster zum Stiegenhaus und eine volle Tür. Dieser Umstand kam Vater ganz besonders entgegen, denn er konnte dort vor fremden Zugriffen ziemlich sicher seinen umfangreichen Bestand an teuren Werkzeugen aufbewahren.

Unser Domizil umfasste zwei große Zimmer und eine um die Hälfte kleinere, dunkle Küche; Wasser und Klo befand sich auf dem Gang. Wenn man durch eines der Küchenfenster schaute, sah man den gitterbewehrten „gläsernen“ Flur und das Treppenhausvisavis: düster und unbesonnt, denn von oben durch das Glasdach reichte kein Sonnenstrahl bis zu uns herab. Sonne und Grün konnten wir nur im Freien genießen, abseits der romantischen Gassen, Durchgänge und Winkel der Altstadt, im Marienpark zum Beispiel.

Irgendwann im Laufe des Jahres 1924 sind wir von dem an und für sich bequemen, aber düsteren ersten Stock in den dritten gezogen, und zwar in dem südseitig gelegenen Trakt, wo nicht lange vorher die Wohnung frei geworden war. Sie entsprach schon eher den Vorstellungen meiner Eltern von Wohnwert und Wohnkultur: viel Himmel, viel Sonne, mit Blick auf Kohlern, einen der schönsten Hausberge der Bozner. Sogar die Spitze des Turmes der Pfarrkirche mit der großen goldenen Kugel, in der angeblich ein Erwachsener sitzend Platz hätte, und dem Kreuz darauf war zu sehen.

Kaum mehr als einen Katzensprung betrug die Distanz vom Streiter-Haus zum Kindergarten. Uns gegenüber war der Durchgang zum Fischmarkt/Dr.-Streiter-Gasse, die kürzeste Verbindung zur Franziskanergasse und sicher genug, mich nach einer gewissen Übergangszeit allein auf den Weg zu den frommen Schwestern zu schicken. Den besagten Durchgang gibt es heute noch, wie eigentlich alle Passagen von den Lauben zur Silber- und zur Dr.-Streiter-Gasse. Ursprünglich waren die Durchgänge als strategische Passagen zum Ringwall in die beiden Häuserzeilen, die heutige Laubengasse, eingeplant worden, vor beinahe tausend Jahren.

Bei den frommen Schwestern entwickelten sich die ersten Freundschaften, die bis ins Pflichtschulalter hinein und auch darüber hinaus, ja ein Leben lang hielten. So die mit Rudi Mair, der, sieben Monate älter als ich, mir immer eine Schulklasse voraus war. Unsere Mütter (Rudi nannte seine „Minca“, wohl dem kosenden slawischen Diminutiv von Matka: „Mamuschka“, „Maminka“, nachempfunden) kannten einander wegen der Kindergartenkontakte und waren befreundet. Kaum war Norbert im „Mitzieh-Alter“, ergab sich aus ihm, Rudi und mir ein schier unzertrennliches Freundestrio, voller Lebenslust und Lebensfreude, ständig auf Achse und Abenteuer ausheckend, keiner Lausbüberei abhold, sofern sie das Beichtgeheimnis unserer Seelsorger nicht allzu sehr strapazierten. Es war unsere „glorreiche“ Zeit nach dem Kindergarten. Ich will uns nicht besser machen, als wir waren, aber es ist schon so: Wir waren im Grunde brave und folgsame Lausbuben. Der quirligste war Norbert, dem die Lust nach Abenteuer geradezu in die Augen geschrieben stand.

Obwohl in der Wohnung über den Lauben die Küche nicht viel Platz bot, spielte sich trotzdem ein Gutteil des Familienlebens dort ab. Einmal war ich gerade erst vom Kindergarten heimgekehrt und schnupperte Rasierwasser an Vaters frisch rasiertem Gesicht. Auch er dürfte gerade erst vom Friseur heimgekommen sein; diesen Luxus leistete sich Vater jeden Samstag, solange er sich’s eben leisten konnte. Er war gut gelaunt, zeigte sich übermütig, schnappte sich Norbert, der sich schon aufrecht halten konnte, schubste ihn gegen den Plafond und fing den Kleinen im Fallen wieder auf. Norbert machte es hörbar Spaß: Er quietschte derart vergnügt und laut, dass man es bis auf den Gang hinaus hörte. Mama gefiel das Treiben der beiden ganz und gar nicht. „Hear decht au, i konn schun nimmer zuaschaugn!“, mahnte sie Vater. Und dann war es passiert: Norbert rutschte dem Vater durch die Hände und klatschte bäuchlings auf dem Küchenboden auf. Das vergnügliche Gequietsche war urplötzlich einem gotterbärmlichen Gebrüll gewichen. Ich selber blieb vor Schreck ein paar Augenblicke regungslos stehen, hörte noch Mama, wie sie händeringend dem Vater die heftigsten Vorwürfe an den Kopf warf. Während sie Norbert aus seiner jämmerlichen Lage zu sich ans Herz nahm, rannte ich in panischer Angst zur Tür und auf den Gang hinaus. Norbert war Gott sei Dank nichts weiter passiert, keine innere Verletzung, kein Knochenbruch, „nur“ ein handtellergroßer Bluterguss auf Brust und Bäuchlein zeugte von dem Unfall, der sehr bös hätte ausgehen können. Ober uns ordinierte der Zahnarzt Dr. Dejaco, 1928 wechselte er seine Ordination in die Nähe der Buchhandlung Vogelweider. Ober dem Zahnarzt, im dritten Stock, wohnte das kinderlose Ehepaar Giovannini (keine Italiener, wie der Name vermuten ließe). Wenn die Frau nach „Guiidooo!“, also ihrem Mann, rief, dann hörte sich das wie „aiuto“ an. Giovanninis bestritten ihren Unterhalt mit einem Wasch- und Bügelservice. Noch ein Stückchen weiter oben, schon unter dem Dach, wohnte bis Ende 1933 das Ehepaar Pancheri, kinderlos auch sie; dann zog das jungvermählte Paar Füller ein, froh, ein Nest unter dem Dach gefunden zu haben. Sie, italienischen Ursprungs, hütete das Heim und sehnte sich nach Mutterschaft; er, Blumengärtner beim Streiter, beherrschte das Okulieren und Kopulieren, sorgte für blühenden Flieder und duftende Maiglöckchen zur Weihnachtszeit und trieb in dunklen Kanälen Importazaleen bis zur Blüte, außerdem war er Herr über eine Vielzahl von Kakteen.

Im südseitigen Trakt wohnte im vierten Stock die Familie Franceschi mit Söhnchen Bruno, Welschtiroler und lange vor dem Ersten Weltkrieg in Bozen ansässig. Mamma Franceschi, ganz Mutter und Hausfrau, sprach nur sehr gebrochen Deutsch. Sie war blond, vollschlank (gut zweimal unsere Mama, was Fülle und Gewicht betrafen) und hatte ein sonnig-warmes Gemüt. Der Babbo Franceschi, mindestens fünfzehn Jahre älter als seine Gattin, war Schuhmacher und hatte seine Werkstätte in der Gerbergasse, ein nicht gerade nobles Viertel. Die Gerberei dort verbreitete zuweilen einen pestigen Gestank.

Die Franceschis hatten die Etage nicht allein; am Ende des Flurs zum Abort bewohnte eine alte Jungfer namens Berta ein Kabinett genau über unserer Küche. Berta, sie arbeitete in der Süßwarenfabrik Ringler, hatte einen steifen Nacken, weswegen sie den Kopf nicht drehen konnte – wollte sie das trotzdem, musste sie den ganzen Oberkörper drehen. Das sah recht eigenartig aus. Obendrein hatte sie nach einem Arbeitsunfall eine verkrüppelte Hand. Berta war Einzelgängerin und kapselte sich so gut es ging von den übrigen Hausparteien ab. Auch mit uns Kindern mied sie jeden Kontakt. Ein einziges Mal hat sie mich zu sich in ihr Kämmerlein gerufen, da war ich schon zwölf, und bat mich, ihre verstorbene Katze zu beseitigen. Ich nahm den in Packpapier gewickelten Kadaver und trug ihn in den Haslacher Wald, wo ich die Katze zur ewigen Ruhe bettete.

Im dritten Stock, direkt unter den Franceschis und der Berta, waren ab Mitte 1924 wir zu Hause; von den Vormietern weiß ich nichts. Die Wohnung einen Stock tiefer, mit einer Terrasse, die die ganze Hausfront einnahm (das wäre ein Tollplatz für uns Kinder gewesen!), war vom Senioren-Ehepaar Streiter, mit den Blumen-Streiters weder verwandt noch verschwägert, bewohnt.

Unser Haus war kein kinderreiches. Außer Bruno Franceschi, im Alter von Norbert, meinen drei Geschwistern (Norbert 1922, Helma 1926 und Hermann 1932 zur Welt gekommen) und mir gab es da zu meiner Zeit keinen Nachwuchs, der unsere Hausgemeinschaft vergrößert hätte.

Soweit ich zurückdenken kann, hatten wir stets einen Abreißkalender im Blickpunkt des Wohngeschehens hängen: in der Küche, meinem Sitzplatz am Esstisch gegenüber, an der Wand. Hoch genug vom Boden weg, dass wir Kinder nicht dran konnten, solange wir nicht durften. Um den Wechsel der Tage hatte sich Mama gekümmert, jedenfalls bis zu jenem Tag, da ich die Zettelchen ohne Fußschemel erreichen konnte. Der Kalender war nicht nur der „Geburtshelfer“ für mein Zahlenverständnis, sondern machte mir auch den Wechsel vom Werktag zum Sonn- und Feiertag – schwarze und rote Ziffern –, den Wechsel der Jahreszeiten und den Jahreswechsel begreiflich. Ich brauchte nur zum letzten Tag des Jahres einen Tag hinzuzählen, und schon war ich von einem Tag auf den anderen um ein Jahr älter geworden – nicht ganz, aber fast.

Bis zum zehnten Lebensjahr etwa war für mich der Jahreswechsel lang nicht so bedeutend wie das Osterfest oder gar das Christkind. Wir haben das alte Jahr auch nie mit „Bomben und Granaten“ verabschiedet. Knallereien hatten die neuen Machthaber für unser Gebiet per Dekret verboten. Sonstige Feiern zur Jahreswende hat es in unseren vier Wänden auch keine gegeben. Die Silvester meiner Kindheit und meiner Jugend bis zum neunzehnten Lebensjahr waren die ruhigsten meines Lebens.

Neujahr wurde in der Kirche gefeiert: zumindest solange ich die Schulbank drückte im St.-Nikolaus-Kirchlein hinter dem Dom. Wir nannten sie die „alte Pfarrkirche“. Der romanische Bau diente exklusiv den Gottesdiensten für Kinder der Heimat. Fliegerbomben haben ihn im Mai 1944 dem Erdboden gleichgemacht. Nur noch die Silhouette des Grundrisses gibt Zeugnis von dem kleinen Gotteshaus. „Hausherr“ war dort mein Katechet, Pfarrer Kofler. Er zelebrierte meist selber die Messe und hielt die Predigt. Außerdem kümmerte er sich um den geordneten Ablauf des Gottesdienstes. Hochwürden war auch Präses des katholischen Lehrlingsvereines, bis er aus Bozen verbannt wurde, strafweise. Mein Verhältnis zu ihm war die längste Zeit ein ungestörtes, bis er mir einmal kurz vor Schluss des Gottesdienstes („Großer Gott wir loben Dich …“) und dem „Ite missa est!“ eine Watsche auf die linke Gesichtshälfte knallte, dass es nur so patschte. Und Mama, die in der letzten Bankreihe, für Begleitpersonen reserviert, saß, hatte meine Demütigung miterlebt. Wahrscheinlich hatte sie auch mitgelitten, nicht, weil mich die Ohrfeige geschmerzt haben könnte, sondern wegen der Schmach, die sie meinetwegen hatte erleiden müssen. Nach dem Ende der Messe wartete ich auf Hochwürden und stellte ihn zur Rede. „Herr Katechet, warum haben Sie mir eine Watsche gegeben?“, fragte ich recht forsch.

„Da fragst du noch? Du hast doch dauernd getratscht und die heilige Messe gestört!“

„Na, des isch net wohr!“ Vor Aufregung und Wut war ich in den Dialekt gefallen. „Nix hon i trotscht, net oanmol net. Frogn s’ lai die Puam, de nebm miar gschtondn sain …“

„Hast dir’s halt für ein anderes Mal verdient!“, seine lapidare Antwort.

Eine Rechtfertigung aus geistlichem Mund, der ich nichts mehr entgegenzusetzen wusste. Der Priester verdrückte sich ins Pfarrhaus und ließ mich in meiner Blamage stehen. Derart belastet und mit dem Makel der Ohrfeige gezeichnet, drückte ich mich nach Hause. Mamas Scham hatte sich in Wut gewandelt, und die ergoss sich über mich wie ein Wasserfall: „A Watschn, in dr Kirch, vor olle Lait. Des holt i net aus!“ In dieser Tonart ging es weiter.

„I pin unschuldig!“, hämmerte es in meinem Schädel.

Ich gab mir einen Ruck und stoppte Mamas Schimpforgie. Während sie sich am Herd zu schaffen machte, trug ich ihr meine Version vom Ärgernis vor. Und überzeugte sie, dass ich Opfer geworden war.

„Wos? Des isch jo net zun glabm! Des zohlt er mr hoam. Weahrlose Kindr, unschuldige, haun, in dr Kirch a no. Na, na, na … Von dr Konzl oer muaß er’s verkindn, dass ’r dr Unrecht getun hot.“

Ob sich Mama gegenüber dem Hochwürden durchgesetzt hat, das wissen die Götter. Meine Rehabilitierung von der Kanzel herab, so es überhaupt eine gegeben hatte, habe ich boykottiert und das Kirchlein mehrere Sonntage gemieden.

Pfarrer Koflers Auszug aus Bozen erfolgte einige Jahre nach diesem Vorfall; irgendwohin wurde er versetzt, wo er keinen Schaden mehr anrichten könne, wie es hieß. Als pädophiler Rückfalltäter war er der kirchlichen Obrigkeit nicht mehr „koscher“ genug; den Eltern auch nicht. An mir hatte er sich, von jener Ohrfeige ganz abgesehen, nicht vergriffen.

Durch die Altstadt

Stets am ersten Neujahrstag gingen Norbert und ich, später auch Helma, zur in Bozen ansässigen Verwandtschaft, das neue Jahr „owinschn“: aus Tradition, „wail si des keart“ und weil es was eingebracht hat. Die Eltern meines Vaters kamen als Erste dran. Sie wohnten in der Weintraubengasse auf Nummer 6, ganz oben, im letzten Stock. Was die Ausbeute betraf, war das kein besonders lohnendes Ziel, denn unsere Glückwünsche trugen nicht mehr als eine einzige Lira ein, für beide. Sie waren ja nicht begütert, die Großeltern; alt und kränklich, waren sie auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen. Sie deswegen nicht aufzusuchen, das hätte uns Vater nie verziehen. Ich bin eigentlich gern hingegangen, nicht nur am Neujahrstag. Mich faszinierte die Einrichtung des großen Zimmers, das zur Weintraubengasse hin gerichtet war. Da standen sehr alte Stühle mit handgeschnitzten Lehnen, massiv und schwer. Außerdem war das Fertigungsjahr in die Herzen der Lehnen geschnitzt: 1779, das Geburtsjahr des Großvaters meiner Großeltern, Peter Simon Seebacher. Und da stand auch eine Bank, uralt und mit reichlich geschnitztem Dekor. Und eine Truhe mit handgeschmiedeten Beschlägen und einem Wunderwerk an Schloss. Die Truhe dürfte das Hochzeitsgeschenk der Sippe an das Ururbrautpaar gewesen sein, denn sie trug deren Hochzeitsjahr – 1805 – in gotischen Ziffern aufgemalt. Die Truhe und die Stühle hatten es mir mehr angetan als die Aussicht auf ein paar Centesimi. Artig machten wir unseren Diener, sagten zur Vorsicht noch einmal „Donkschian“ und trollten uns zur nächsten Station: Bindergasse Nummer 11, zweiter Stock. Dort wohnten Tante Luise, Onkel Peppm und Kusinchen Mädi. Die Tante, ein Wiener Kind, haben wir selten zu Gesicht bekommen. Sie war schwer lungenkrank und verbrachte viel Zeit in Sanatorien und Lungenheilanstalten, ohne zu gesunden. Noch jung an Jahren, mit achtunddreißig, ist sie hinweggerafft worden. Der Onkel überlebte Tante Luise knapp vier Jahre. In der Bindergasse wurde uns eher fürstlich für die Glückwünsche gedankt: fünf Lire für Norbert und einen Fünfer auch für mich. Fünf Lire, dafür musste damals ein Facharbeiter eineinhalb Stunden arbeiten.

Von der Bindergasse schwenkten wir in die Dr.-Streiter-Gasse ein, wo auf Nummer 17 eine Innenhofwohnung im dritten Stock von einem weiteren Sippenmitglied bewohnt wurde: von Tante Pepi, (der um zwei Jahre älteren Schwester unseres Vaters), Onkel Heinz (dem Italiener aus der unteren Stiefelregion, den die Sippe der Tante nie verzeihen wollte), Kusine Pepi (ein lediges „Tschopperl“ der Tante) und Bubi, dem legitimen Sohn beider, der eigentlich Enrico wie der Vater hieß. Der Onkel, ein seelenguter Mensch, ein zärtlich liebender Vater, auch dem Pepperl gegenüber, hat keine wirtschaftliche Krise erfahren. Den Torris (der Familienname, mit dem Onkel Heinz die Tiroler Tradition durchbrochen hatte) ist es immer recht gut gegangen, besser, ja viel besser als uns zuweilen. Das hat sich auch bei unserem „olles Guate und viel Glick in naien Johr“ ausgewirkt.

Von der Wohnung der Torris konnte man über ein Gänge- und Stiegengewirr in die Laubengasse gelangen. Es war ein für die Bauweise des späteren Mittelalters typisches Durchhaus, von denen es in den Lauben genug gab: sowohl zur Dr.-Streiter-Gasse als auch zur Silbergasse hin. Im Laufe der Zeit lernten wir Laubengassler die meisten dieser Schleichwege kennen und nutzten sie für spielenden Zeitvertreib, wenn uns das Wetter keine andere Möglichkeit ließ. Diese Abkürzung nahmen wir, um zur nächsten „Inkassostelle“ zu gelangen, dem Domizil unserer Großtante Anna, einer Schwester der Mutter unseres Vaters. Wir hatten es nicht weit zu ihr: zwei, drei Häuser Richtung Rathausplatz zu wohnte und werkte sie. „Tante“ Anna, damals schon betagt und seit einem Jahrzehnt Witwe, hatte auf mich immer schon wie eine uralte Frau gewirkt. Sie betreute ihre zwölf Bienenstöcke, deren Honig sie preisgerecht an Mann und Frau zu bringen verstand, und sie schneiderte. Ein Besuch bei dieser Großtante war nie vergeblich; meist trug er dir eine Schnitte Bauernbrot vom Laib ein, mit Bienenhonig aus eigener Produktion bestrichen. Auch Neujahrswünsche wurden mit Honigbrot bedankt, was uns nur recht sein konnte, denn Hunger hatten wir immer.

Von den Lauben ging es zur Rauschertorgasse, einem Seitengässchen der Museumstraße, wo die Familie meines späteren Firmpaten zu Hause war: Tante Sofie, Onkel Franz, der Tischlermeister mit Briefmarkenhandel-Ambitionen, und deren beiden Kinder, Herbert und Irmgard; diese verstarb im Alter von fünf Jahren an einem Blinddarmdurchbruch. Die Tante war Vorarlbergerin: unverkennbar ihr Idiom, das sie dem Boznerischen nicht opfern wollte oder konnte. Auch unser Vater hatte sich Mama aus Vorarlberg geholt, aber Mama war im Nu eine waschechte Tirolerin geworden. Dass Tante Sofie und Mama im gleichen Milieu, fast miteinander aufgewachsen waren, das wäre uns nie in den Sinn gekommen. Mamas Ausdrucksweise verriet nichts. War sie aber im Kreise ihrer Geschwister, dann war sie wieder ein Bludenzer Kind und palaverte in deren Mundart.

Mein bester Freund Rudi Mair, wie wir ein Laubengassler, wohnte unweit der Waaggasse – ein Gässlein in Wirklichkeit nicht länger als zwanzig Meter und eng genug, für eine Haus-zu-Haus-Passage gehalten zu werden. Die Waaggasse führte, von den Lauben kommend, auf den Kornplatz zum Waaghaus, dem die Fronwaage vorgelagert war, ein vom 12. Jahrhundert bis 1633 verhasstes und verfluchtes Instrument zur Bewertung der Abgaben aus der Handelsware an den Landesherrn.

Das Waaghaus steht nach wie vor dort, wo es im Mittelalter errichtet worden war, und zählt zum wertvollen historischen Bestand Alt-Bozens. Soweit ich zurückdenken kann, war im Parterre des Waaghauses das Fotogeschäft Gostner untergebracht. Das Haus erscheint wie ein Denkmal. Steht man auf dem Kornplatz vor dem Waaghaus und schaut rechts davon zur Laubengasse hin, dann sieht man auf der linken Seite die Winkel zweier vorspringender Häuser, Anbauten späterer Jahrhunderte an das Waaghaus. In einem dieser Winkel war zu unserer Kinder- und Jugendzeit der Stand eines Händlers postiert, der antiquarische Bücher, Zeitschriften, Kurzromane und anderes Les- und Schaubares feilbot, aber auch kaufte und tauschte. Auch wir gehörten damals zu seinem Kundenstock: „Tom Shark“, „Lord Lister, der Gentlemandieb“, „Jörn Farrow“ und was es sonst noch alles von diesem Einstunden-Roman-Schmarren auf dem Büchermarkt gegeben hat, konnte man beim sogenannten „Piachrjud“ preiswert erwerben. Alte „Schwarten“ – keine antiken – und abgegriffene Heftchen zum schnellen Schmökern hatte er in Griffweite gelagert, wohl eingedenk des Mottos: „Mit Speck fängt man Mäuse!“. Da lag auch ein „Doktorbuch“ zur Ansicht, reich bebildert mit ganzseitigen Darstellungen des menschlichen Körpers, in den man buchstäblich hineinschauen konnte. Das Werk kam mir so groß vor wie ein Messbuch auf dem Altar beim Gottesdienst; vielleicht nicht ganz so dick. Der Händler hatte es mit den Buben wohl etwas zu gut gemeint, denn das „Doktorbuch“ hat nichts verborgen gelassen. Eine wahre Fundgrube an Anschauungsmaterial. Der Händler ließ die Knaben bei solchen „Studien“ ungestört, zog sich diskret in die Deckung seines Standes zurück und lugte verstohlen zwischen den Spalten des bunten Zeitschriftenvorhangs hervor. Es schien ihn zu amüsieren, den noch nicht oder gerade schon stimmbrüchigen Buben beim Begaffen verbotener Ansichten zuzuschauen und den einen oder anderen erröten zu sehen.

Der Kornplatz war die Drehscheibe zur Silbergasse und über die Gumergasse zum Rathausplatz, oder zur Laubengasse und zum Waltherplatz. Ihn säumten mehrere Gasthöfe und Wirtshäuser, von denen der Unterhofer, den eingesessenen Boznern besser als „Schlutziger Luis“ bekannt, zu den frequentiertesten zählte. Dort konnte man Bozens „beschtes Greaschtl“ schlemmen.

Zum rechten Rand des Kornplatzes hin, Richtung Silbergasse, stand schon damals der „Figl“, ein Zwei-Sterne-Gasthof altbürgerlicher Tradition und mit gutbürgerlicher Küche, zumindest wurde das behauptet. Mit Beginn der wärmeren Jahreszeit expandierte der Figl in den Kornplatz hinein. So seine Aufnahmekapazität verdoppelnd, wurde er ein Tummelplatz für Fremde, die nach strapaziösem „Sightseeing“ und hitzegeplagt bei einem oder mehreren Glas Forster Bier Labung fanden. Übrigens, mit dem Werbeslogan „Trinkt Bier, Bier ist flüssig Brot!“ hat das Forster dem Wein echte Konkurrenz gemacht.

In der Altstadt „daheim“, zumindest nachts, waren unterstandslose „Zoggler“, Stadt- und Landstreicher, meist Strandgut des verlorenen Krieges und der verlorenen Existenz. Italiener waren keine darunter. Diese Zoggler, ohne Heim, ohne Arbeit, ohne Zukunft, bettelten sich tagsüber durchs Leben, und nachts suchten sie irgendwo Unterschlupf. Während der warmen Jahreszeit schliefen sie in Hütten aus Blech und Zweigen im Talferbett oder in einer der geräumigeren Höhlen auf den Anhöhen zum Virgl oder Ritten und in den Burgruinen. In der kalten Jahreszeit zogen sie sich in die Hausgänge der Altstadt zurück, wo sie auf ein paar Lumpen unter den Treppen im Parterre oder in den Gängen zu schlafen versuchten. Man sah sie nicht, es war ja stockfinster in diesen unwirtlichen Winkeln; aber man roch sie, wenn man in ihre Nähe kam, und man konnte ihren Atem hören, wenn sie eingeschlafen waren. Harmlose arme Teufel. Trotzdem war ich jedes Mal heilfroh, wenn ich bei einem Botengang zu den Großeltern, zu Tanten oder Onkeln, die alle im engsten Altstadtbereich wohnten, ungeschoren geblieben war.

Zum Inventar der Altstadt gehörten auch sogenannte „Ritschen“, das waren ursprünglich offene Wasserläufe, etwa achtzig, neunzig Zentimeter breit und ebenso tief, die im Mittelalter entlang der Gassen des damaligen „Botzens“ angelegt worden waren und bis ins zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts herauf genutzt wurden. Dieses Kanalsystem hatte mehrfachen Zweck: Löschwasserlieferant bei Bränden, Kühlung der engen Gassen im Sommer, Waschwasser für die Großwäsche und nicht zuletzt Sammler jeder Art von Unrat, einschließlich der Fäkalien. Das Wasser wurde von der Talfer zugeleitet und verlor sich nach seiner Stadtdurchquerung irgendwo im Eisack. Die Ritschen haben im Laufe der Zeit ihre ursprüngliche Bedeutung, so etwa als Wäschestelle, verloren. In Rentsch hatte man deshalb als kommunale „Sozialeinrichtung“ eine Waschanstalt errichtet, ein „Ring-Ritschen-Waschzentrum“, zur Nutzung ohne Gebühr für die Not leidenden Bürger der Stadt. Das Waschzentrum war ein mit Betonmauern eingefriedetes Rondell, einem Freibad nicht unähnlich, nur viel kleiner. Gespeist wurde die „Großwäscheanlage“ mit Talferwasser, das ununterbrochen durch eine Ritsche rauschte, die kreisförmig angeordnet war und an die fünfzehn, zwanzig Waschplätze hatte. Diese waren mit Eisenrechen gegen das Fortschwemmen von Wäschestücken abgesichert. Ich habe Mama oft in diese Waschanlage begleitet und das Leiterwagerl mit dem Schaff voll Schmutzwäsche gezogen. Zwei Stunden und auch länger hat Mama dort jedes Mal am Waschplatz kniend Leintücher, Bett- und Polsterüberzüge mit Kernseife und Waschlauge bearbeitet und gerumpelt. Mitte der Dreißigerjahre wurde die kommunale Waschanlage für sozial Bedürftige dem technischen Fortschritt geopfert. Aber das nur nebenbei.

Unsere Ritsch kam uns aus der Museumstraße entgegen und plätscherte sich die Lauben entlang in die Weintraubengasse hinein, wo sie sich mit ihresgleichen aus der Bindergasse und der Karnergasse, der heutigen Dr.-Streiter-Gasse, vereinte und via Zollstange zu anderen Ufern strömte. Mit der Zunahme der Wohnbevölkerung wuchs auch der Unrat; die Ritschen wurden zur stinkenden Brühe, zur Kloake der Stadt. Dies und die Tatsache, dass das offene Gerinne eine Falle für nicht ganz standfeste Heimkehrer nach durchzechten Abenden und Nächten war, hatte die Stadtverwaltung im 19. Jahrhundert bewogen, die Ritschen mit Eichen- oder Lärchenbohlen abdecken zu lassen. Die Bohlen ließen sich abheben – aber nicht überall: In der Laubengasse war die Ritsch zugenagelt worden. In Abständen von zwanzig Metern waren jedoch schwere Deckel aus Bohlenholz eingepasst worden. Was sich darunter verbarg, machte uns Buben natürlich neugierig.

Unsere Ritsch führte schon damals, als es uns Lausern gelungen war, in sie hineinzusteigen, kaum noch Wasser. Und zu Beginn der Dreißigerjahre hatte die Stadtverwaltung entschieden, die Ritschen in das Kanalisierungskonzept mit einzubeziehen und so die Entsorgung der Abwässer und Fäkalien aus den Wohn- und Geschäftshäusern der Altstadt zu gewährleisten. Eines Tages machten sich Kanalräumertrupps daran, unserer Ritsch die Geheimnisse zu entreißen. Relikte aus dem Ersten Weltkrieg, zumindest im Abschnitt vor dem Streiterhaus, kamen zum Vorschein: Gewehre, Säbel mit und ohne Scheide, Sporen, Bajonette und unzählige Emaillebroschen mit dem Konterfei des Kaisers Franz Joseph. Für Norbert und mich war der Haufen Unrat, der zum Vorschein kam, die Fundgrube schlechthin. Aus der Fülle des Kriegsabfalls haben wir heraussortiert, was uns von Wert schien: Säbel, Bajonette und zwei Handvoll Franz-Joseph-Broschen, wenngleich die Anstecknadeln völlig weggerostet waren. Die Schätze packten wir in einen Rupfensack, trugen sie heim und legten sie zum Trocknen auf dem Söller aus. Mama zeigte sich von unserer gesteigerten Sammeltätigkeit gar nicht begeistert. Ihre Aufforderung, mit dem „Glump“ zu verschwinden, haben wir aber ignoriert. Meine Sammelleidenschaft konnte mir Mama nicht ausreden. Alles, was alt war, faszinierte mich; je älter, desto mehr. Das konnten Bücher ebenso sein wie versteinerte Muscheln, alte Waffen oder Urkunden aus vergangenen Jahrhunderten. 1932 wurde unweit des italienischen Siegesdenkmals, dieses provokanten Marmorklotzes die Baugrube für die Handelsschule ausgehoben. Wann immer es die Zeit erlaubte, war ich dort auf der Grieser Seite der Talfer und habe den frischen Aushub abgesucht. Und ich hatte Glück: Ich fand eine schöne verzierte Schelle aus Bronze, wie sie Hofnarren an ihren Kappen und Gewändern hängen hatten.

Auch habe ich die Burgruinen und Schlösser rund um Bozen abgeklappert, eine Münze oder ein paar Scherben aus der Minnezeit zu finden oder eine Inschrift zu entdecken, die von Rittersleuten oder Söldnerhänden in die Wände der Burgen gekritzelt worden war. Insgeheim hoffte ich damals, dass es auch in meiner Ahnenreihe einen Edelmann gab. Erst Jahrzehnte später wurde mein Kindheitstraum erfüllt.

Da gab es den Johann Anton Pliger, der „Pfleger“ zu Altenburg bei Kaltern gewesen war. Mit kaiserlichem Dekret vom 31. Jänner 1735 wurde ihm und über Antrag des Grafen Franz Anton von Khuen das begehrte Wappen verliehen. Eine Kopie des Wappenbriefs habe ich aus dem Österreichischen Staatsarchiv erhalten. Dieser Pliger ist einer meiner Urahnen. Das Geschlecht der Pliger geht zurück bis in das Jahr 1393. Der Name ist von Palluger über Palüger (1466) und Plüger (1547) auf Pliger mutiert. Die Mutter meines Urgroßvaters aus der Werner-Linie war eine Pliger.

Das Geschlecht der Werner, dem die Mutter meines Vaters entstammt, hat auch alte Wurzeln: Jäclin Perner von Severs (1375), Berner de Severs (1440), Wartleme Werner (1486) und Christian Werner, der 1585 eine Margaret heiratete. Seit 1778 hat es in Gries den „Wernerhof“ gegeben. Direkte Nachfahren bewirtschaften noch heute den „Kohlerhof“ und den „Wendlandhof“ auf dem Virgl.

Was das Geschlecht, das meinen Familiennamen begründet hat, betrifft, so war ein Martin Seebacher schon 1680 als in Bozen ansässig registriert. Auch dieser Name ist im Laufe der Jahrhunderte mutiert, und zwar von Sepach und Seypach im 15. Jahrhundert über Seebach im 16. Jahrhundert (da gibt es einige gewappnete und geadelte) zu Seebacher im 17. Jahrhundert.

Si parla italiano!

Ich hab ihn persönlich nie zu Gesicht bekommen, diesen Tolomei. Als ich dem schützenden Mutterschoß entrissen worden war, war Tolomei mit seinen fünfundfünfzig Jahren bereits ein – nach damaligen Maßstäben – alter Mann. Ich kann mich auch nicht erinnern, seine für unser Volk fatale Existenz dem Namen nach damals registriert zu haben. Dennoch war er überall präsent. Straßen- und Wegbezeichnung wie Via Portici (Laubengasse), Vicolo Conciapelli (Gerbergasse), Viale Venezia (Venediger Straße) oder sonstige Markierungen und Benennungen öffentlicher Institutionen, Schulen, Handelshäuser oder Grabstätten – Tolomeis höhnisches Grinsen traf einen fast überall. Und nicht nur dort: Mit Beginn des Schuljahres 1923/24, ohne Ausnahme, hatte in allen Schulen Italienisch als Unterrichtssprache zu gelten; schrittweise sozusagen, bis zur völligen Abschaffung der sogenannten Anhangstunden in der zweiten, dritten und allen höheren Klassen per Dekret vom 22. November 1925.

Ich war noch keine drei, als ich begann, Kindergartenluft zu atmen. Sie hat mir gut getan. Nicht so gut bekommen ist mir der erzwungene Wechsel vom Klosterkindergarten der Barmherzigen Schwestern in der Franziskanergasse in den „asilo“, den Kindergarten, in der Vintlerstraße. Mit Bächen von Tränen, hauptsächlich wegen Schwester Davida vergossen, und großem Kummer habe ich den Hort vis-à-vis der Franziskanerkirche verlassen. Die meisten meiner bisherigen Gespielen haben den Transfer mitgemacht, ebenso Rudi Mair, mit dem ich schier unzertrennlich war. Allerdings hatte Rudi bald nach dem Milieuwechsel und einem kleinen Händel mit einem um einen Kopf größeren Buben beim „Soldatenspielen“ seinen Abschied genommen und war für immer aus dem „asilo“ verschwunden.

Anderthalb Jahre hatte ich Zeit, im steten Kontakt (sieben Stunden am Tag) mit Kindern italienischer Zuwanderer, mit „bambine“ und „bambini“, das auf das Tirolerische fixierte und trainierte Ohr an die uns völlig fremde Sprache zu gewöhnen. Natürlich reichten die achtzehn Monate Vorschule längst nicht aus, das Sprachenmanko wettzumachen, aber empfänglich für das Neue, das hatte es uns Südtiroler Kinder schon gemacht. Hierzu verhalfen die von den „Tanten“ raffiniert eingefädelten Paarungen einheimischer Kinder mit Kindern zugezogener Eltern.

Der neue Kindergartentyp war als Ganztagsheim ausgelegt: Die Kinder wurden um neun Uhr früh gebracht und um vier Uhr Nachmittag abgeholt. Man blieb über Mittag, wurde abgespeist und unter der Obhut rein italienischsprachigen Personals zu möglichst brauchbaren Bürgern herangezogen.

Am 3. Oktober 1926 begann mein erstes Schuljahr. Ging es im Kindergarten noch gemischt zu, waren die Geschlechter in der Schule streng getrennt. Die Mädchen hatten ihre Schule am Marienplatz, ein Prachtbau, noch unter österreichischer Domäne errichtet und dem letzten Monarchen gewidmet. Tolomei ließ sich einen neuen Namen einfallen: Adelaide Cairoli. Wer es sich leisten konnte, der schickte seine Tochter in die Marienschule, die als Internat geführt wurde.

Die Buben gingen entweder in die Regina Elena, die bis vor Kurzem noch Elisabethschule hieß (auch ein Prachtbau österreichischer Architektur), oder in die Weggensteinschule, je nachdem, in welchem Stadtteil sie wohnten. Erstere lag in der Sparkassenstraße, Letztere in der Weggensteinstraße. Ich war der Elena-Schule zugeteilt, Norbert musste in die Weggensteinschule. Wahrscheinlich lag unsere Wohnadresse im Grenzbereich beider Schulzonen, soweit es die Stadt zwischen Talfer und Eisack betraf.

Was sich mir von Anfang an nachhaltig eingeprägt hatte, war meine Lehrerin, Pia Fontana, und ihr liebevolles Bemühen um die Gunst der deutschsprachigen Kinder und um deren Schulerfolge. Frau Fontana war drei Jahre lang meine Erzieherin, und ich habe sie gemocht, wie ich einst meine kleine Kindergartenschwester Davida gemocht hatte. Ich glaube, dass es eine Sympathie auf Gegenseitigkeit war, denn ich habe sie in all den Jahren unseres Zusammenwirkens nie enttäuscht.

Es war Silvester 1926, ein Schultag wie jeder andere, denn Weihnachtsferien bis ins neue Jahr hinein hat es damals nicht gegeben. Ich tippelte die Defreggerstraße entlang und fror. In der Nacht hatte es geschneit, ein paar Zentimeter nur, wie am Heiligen Abend. Aber es reichte, mich zum Bibbern zu bringen. Ich trug keinen Mantel und keine warmen Schuhe, nur eine Pudelmütze – Mamas Eigenfabrikat – auf dem Kopf und war froh, die Schule erreicht zu haben.

Im geheizten Klassenzimmer wurde ich das Bibbern bald los. Stehend leiteten wir den Schultag mit einem kurzen Gebet ein. Das „Setzen!“ der Lehrerin veranlasste uns, ohne weitere Aufforderung zunächst „Horchposition“ einzunehmen. Hierzu hatte man uns von allem Anfang an zwei Disziplinen beigebracht: Zum einen kerzengerade dasitzen, die Arme auf dem Rücken verschränkt; zum anderen kerzengerade dasitzen, die Hände auf die Schulbank gelegt, die Daumen gegen den Boden gerichtet. Dressuren, die auch zu einer strammen Haltung verhelfen und das Rückgrat entlasten sollten.

Die Lehrerin nutzte diesen letzten Tag des Jahres, die Kinder mit dem Wesen des Jahreswechsels vertraut zu machen. Kapiert habe ich nichts. Dazu reichten die im „asilo“ erworbenen Italienischkenntnisse natürlich nicht aus: Außer, dass wir einen neuen Kalender aufhängen müssen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass es unter den Fittichen von Lehrerin Fontana je einen Versager gegeben hätte. Ihre Mühen waren dabei nicht nur auf das Erlernen von Kalligrafie, Lesen, Rechnen und auf alle anderen Fächer, die sie lehrte, beschränkt. Sie kümmerte sich auch um die Hygiene der Kinder: Sie führte uns einmal in der Woche in den schuleigenen Duschraum, wo die Kinder sich mit Seife und Bürste gründlich waschen konnten. Zumal damals in den meisten Wohnungen der alten Häuser das Bad fehlte (auch wir hatten keines), war die obligate Säuberung geradezu eine Wohltat für alle. Sie war auch um das Wohlbefinden, um die Gesundheit der Kinder besorgt und veranlasste sie, vollzählig an den Untersuchungen des Schularztes teilzunehmen – damals keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Sie kümmerte sich um die sozialen Belange der Kinder im Elternhaus und schaltete karitative Organisationen ein, um den Ärmsten aus ihrer Not zu helfen. Auf ihre Interventionen hin wurden unzählige Kinder Not Leidender Familien kostenlos in Ferienlager geschickt. Norbert und ich haben auch davon profitiert, sogar mehrmals. Der Lido von Venedig, Riccione und Palmschoß unweit der Plose im Brixner Raum haben uns viele erholsame Tage beschert. Ich glaube, die Lehrerin, die „maestra“, liebte uns, als wären wir ihre eigenen Kinder. Sie hat meinen Fleiß genährt und den Ehrgeiz ohne Drill herausgefordert und gefördert. Die Eins als Zensur war nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die beiden Auszeichnungen für meinen Lernerfolg in der zweiten und vierten Klasse habe ich auch ihr zu verdanken. Meine Freude, prämiert zu werden, war groß, und auch mein Stolz. Als „Prämie für besondere Leistungen“ gab es in der zweiten Klasse einen silbernen Zehner, in der vierten Volksschulklasse habe ich ein Sparbuch der Sparkasse Bozen mit einer Einlage von zehn Lire kassiert.

Ich habe das Sparbuch kurzfristig Mama zu „treuen Händen“ überlassen, dann unten auf dem Boden der Schublade meines Nachtkästchens fixiert. In der Zeit unserer ärgsten Not, 1934, ist es aufgelöst worden. Immerhin bekam man damals für zehn Lire zehn große Wecken Brot oder acht Kilo Weizenmehl oder zwölf Kilo Polentagrieß oder einen Sack Kartoffeln. Den silbernen Zehner habe ich gehütet wie meinen Augapfel und über viele Hürden hinweg gerettet. Erst als Mama auf dem Höhepunkt der wirtschaftlichen Krise in unserem Haushalt weder ein noch aus wusste und der Not ein gewaltsames Ende bereiten wollte, drückte ich ihr das Geldstück in die Hand.

In der vierten Klasse bekamen wir einen neuen Lehrer, Martignoni hieß er. Er war nicht nur mir kein vollwertiger Ersatz für unsere „maestra“. Er war anders, ganz anders als Frau Fontana, seine Ausstrahlung war die eines Eisblocks.

Im Februar 1930, wir hatten gerade das halbe Schuljahr hinter uns gebracht, wurden an einem Nachmittag alle Klassen samt dem Lehrkörper in die Turnhalle beordert. Der Direktor erschien, eskortiert von seinem Stellvertreter und dem Direktionssekretär. Er pflanzte sich vor uns auf, wartete ein paar Minuten, bis kaum noch das Atmen der Schulgemeinde zu hören war und donnerte dann los: „Schimpf und Schande über den Schüler Wieser der Klasse 4a, der es gewagt hat, Ungeheuerliches gegen den Duce auszusprechen! Das Lehrerkollegium und die Direktion haben entschieden, Wieser von der Schule auszuschließen!“ Soweit ich mich erinnern kann, war betretenes Schweigen die Reaktion auf diese wohl härteste Disziplinierung, die einem Schüler widerfahren konnte. War sie auch gerechtfertigt? Wieser hatte während einer Auseinandersetzung mit dem Lehrer Martignoni wutentbrannt geschrien: „Dem zelm on dr Wond tat i om liabschtn ins Gfrieß schaißn!“ „Der dort“ an der Wand des Klassenzimmers, das war der konterfeite Duce.

Während meiner Volksschulzeit gab es gemäß faschistischer Diktion keinen Deutschunterricht. Abhilfe gegen diese Liquidierung schafften die sogenannten Katakombenschulen. Die spärlichen Lehrmittel, die uns aus der Zeit der Monarchie herübergerettet worden waren, wurden zum Teil durch Schmuggelgut aus Deutschland und Österreich ergänzt. Geschrieben wurde mit Griffeln auf Schiefertafeln, da mit einem nassen Schwamm die Spuren des Deutschunterrichts im Nu gelöscht werden konnten. Und die Faschisten hatten das Nachsehen, wenn sie nachsahen.

Ich bin vier Jahre lang im Untergrund auf Deutsch getrimmt worden: vom Eintritt in die Pflichtschule an bis zum Übertritt ins Gymnasium der Franziskaner. Rudi Mair, Teddy Maier, David Casna, Heinrich Trenk, mein Bruder Norbert und ich gehörten der gleichen Gruppe an. Unsere „Katakombe“ war im Palais der Grafen Forni verborgen, in nächster Nachbarschaft der Grafen Toggenburg (wo auch mit mehreren Gruppen „subversiv“ gearbeitet wurde) und des Franziskanerklosters. Das Palais war von einem großen Park umgeben, der von der Franziskanergasse bis hin zur Rauschertorgasse reichte. Heute gibt es den Park nicht mehr, er ist völlig verbaut. Vom Palais sind nur noch kümmerliche Reste nach einem Bombenangriff in den letzten Weltkriegstagen übrig geblieben. Ich bin dort gern ein und aus gegangen. Das vornehme Haus, das vornehm-edle Wirken der gräflichen Familie, die frohen Partys im Park, zu Ostern etwa, wenn wir Kinder dort bunt bemalte Eier, Konfekt und Osterfladen suchen durften. Unter dem wachsamen Auge der Gräfinmutter haben wir mit den Komtessen, bildhübschen Mädchen im Alter von sechzehn, siebzehn und neunzehn Jahren, und dem achtzehnjährigen Grafen gespielt – Spiele, die uns bislang unbekannt waren. All das hat mir mächtig imponiert und meine Träume von den Ahnen „edlen Standes“ regelrecht angeheizt.

Ostern war immer etwas Besonderes, auch wenn der Pomp nicht so spektakulär war wie jener zur Geburt des Heilands.

„Wonn kimmp dr Oschtrhos, ha?“, so die Frage schon bald nach dem Christkind. Der „Osterhase“ war gefragt, nicht die Auferstehung. Dabei waren wir im Religionsunterricht auf die Karwoche mit den Leiden Jesu, seinem Kreuztod und die wundersame Auferstehung gründlich vorbereitet worden. So erfuhren wir, dass die Jungfrau Maria den Sohn Gottes geboren hatte und diesem auf Verheiß des Gottesboten der Name Jesus gegeben wurde.

„Jesukindlein komm zu mir…“ lehrte uns Mama beten. Wir sangen zur Weihnachtszeit „Jesus, der Retter ist da!“ Und wir erneuerten im Nikolaus Kirchlein den Eid zum Tirolertum gemäß dem Gottesbund vom 1. Juni 1796: „So geloben wir aufs Neue, Jesu Herz Dir ew`ge Treue!“ Wir nahmen an den Jesu-Andachten teil, den ganzen Monat Juni. Wir mühten uns den Kalvarienberg hinauf bis zur Grabeskirche, wo wir vergeblich Einlass suchten.

Mit zehn, zwölf Jahren waren Norbert und ich schon so weit, die „Seligkeiten“ der Kirche zu begreifen, also schickte uns Mutter am Karfreitag Abend zu den Gräbern Jesu in diverse Kirchen im Stadtbereich, um dort sein Leiden zu beklagen und seinen Kreuztod zu betrauern. Die Herz-Jesu-Kirche am Ende der Rauschertorgasse war eine der Bastionen des Glaubens, die wir aufzusuchen hatten; dort lag im Schummerlicht einiger Kerzen auf einem fußhohen Katafalk der Gekreuzigte. Die erste Begegnung dort mit dem Leichnam Christi, an die ich mich erinnere, zeigte mir eine vielköpfige Menschenschlange: sie reichte bis zur Kommunionbank beim Hauptaltar; da mussten Norbert und ich uns anhängen. Eine „Galgenfrist“ von etwa zwanzig Minuten, bis wir an der Reihe waren, es den Vorbildern gleichzutun.

„Galgenfrist“? Als solche habe ich die Zeitspanne von der letzten Position in der Menschenschlange bis hin zum Katafalk gewertet, denn, was ich trotz andächtigem Vorbeigleiten mitbekommen hatte, das waren die Praktiken der Gläubigen, wenn sie das Kruzifix erreicht hatten: Sie ließen sich in die Knie fallen und küssten die Wunden des Heilands an Händen und Füßen aufwärts. Manches Weiblein schmatzte so laut, dass es sich anhörte, als wollte es das Blut Jesu aufsaugen.

Mir ekelte bei dem Gedanken, ich könnte mit dem möglichen „Gesabber“ der alten Frau vor mir in Berührung kommen. Statt in Andacht zu versinken, sann ich nach Abhilfe. Es fiel mir nichts Besseres ein, als die Küsserei zu simulieren und so kontaktfrei zu bleiben; dunkel genug war es ja, dass meine Camouflage nicht auffiel. Wie sich Norbert hinter mir über den frommen, aber gar nicht appetitlichen Brauch hinwegschwindelte, das war sein Geheimnis.

Zu besonderen Anlässen – Ostern war ein solcher und Weihnachten – waren die Kinder aller geheimen Schulgruppen, an die dreißig Buben und Mädchen, im Palais oder im Park der gräflichen Familie versammelt. Wir haben dort miteinander Weihnachten gefeiert, haben kleine Krippenspiele aufgeführt, fromme und frohe Lieder gesungen und sind mit schönen, guten, vor allem aber mit praktischen Dingen beschenkt worden.

Deutsch haben wir gelernt, wie es unsere Eltern schon gelernt hatten: aus Büchern, bedruckt mit gotischen Lettern, und geschrieben haben wir kurrent. Ich kann es heute noch, obwohl aus der „Katakombe“ heraus kein Kurrent mehr auf dem Lehrplan der Patres im Gymnasium stand. Unter der Ägide Franz Josefs, des jungen Grafen, haben wir ministrieren gelernt: „… Introibo ad altarem Dei – ad Deum qui laetificat juventutem meam …“

Die Bedeutsamkeit der Untergrundschule für das patriotische Bewusstsein der unterdrückten Südtiroler ist nicht unumstritten – es gibt Politologen, die behaupten, dass die Untergrundschule den Chauvinismus unserer Jugend geschürt hätte. Für meine Person kann ich nur sagen, dass mir auf diese Weise Deutsch zwar nicht bis zur Perfektion vermittelt wurde – dazu hätten die wenigen Stunden pro Woche in den vier Jahren nie ausgereicht –, aber missen möchte ich keine der im gräflichen Milieu verbrachten Stunden: Sie haben mein Kindsein verschönert und nachhaltig geprägt.

Revier Waltherplatz

Den Waltherplatz habe ich in mir aufgenommen, da war ich noch keine drei Jahre alt. Unter Mamas oder Tante Pepis Obhut bin ich auf ihm herumgetrippelt, im Samthöschen und Blusenhemdchen, dem „Ausgehgewand“. Ich hatte nur Augen und Ohren für die Tauben – unzählig viele schienen sie mir, und es faszinierte mich, wie sie sich ohne Scheu aus Menschenhand füttern ließen.

Der gute Walther, etwa sechs Meter über dem Boden auf seinem Denkmal stehend, in nachdenklicher oder durchgeistigter Pose, den Blick nach Süden gerichtet, hatte mich damals noch nicht berührt. Auch nicht das ganze Drumherum, außer der Trambahn und deren Gebimmel, wenn sie einspurig sich der Weiche näherte, dem Gegenzug ihr Kommen signalisierend. Oder wenn sie in die Mustergasse einbog und mit „bimm, bimm“ meinen Augen entschwand.

Am 28. April 1924 machte der Kronprinz dem Waltherplatz seine Aufwartung. Zu dieser Zeit hatte ich schon anderthalb Jahre Kindergarten hinter mir. Einander an den Händchen haltend und von zwei Nonnen geleitet, erreichten wir am besagten Tag den Platz. Von den Ordnungshütern wurden wir angewiesen, mit Schulklassen und faschistischen Jugendorganisationen ein Spalier entlang der Fahrroute des königlichen Konvois zu bilden. Man hatte uns grün-weiß-rote Papierfähnchen, die unentwegt zu schwingen waren, in die Hand gedrückt. So standen wir dort und warteten ungeduldig bis Fanfarenstöße das Herannahen des Erhabenen ankündigten. Wir reckten unsere Hälschen und sahen eine Fahrzeugkolonne die Bahnhofsallee herauf zum Waltherplatz fahren. Der königliche Spross stand in einem der Autos und grüßte in die Menge. Vor dem Gebäudekomplex des ehemaligen Hotels Europa – ab 1921 Sitz der Zweigstelle der Bozner Sparkasse – war ein Podium errichtet worden, auf dem sich Prinz Umberto in der Uniform eines Offiziers des Heeres zur Schau stellte, umringt von zivilen, militärischen und faschistischen Würdenträgern. Auch der Klerus durfte nicht fehlen. Der „Podestà“, also der von den Faschisten eingesetzte Amtsbürgermeister der Stadt, Augusto Guerriero, überreichte dem Gast eine Urkunde über die Umbenennung der Mustergasse in Via Principe di Piemonte.

Vier Jahre nach dem Königsspross traute sich der König höchstpersönlich auf jenen Platz, den Waltherplatz, der seit dem 11. November 1925 nun seinen Namen trug: Piazza Vittorio Emanuele III. Anlass seines Besuches war die Inauguration des Siegesdenkmals: Mussolini hatte den provokanten Bau in Gedenken an die „Märtyrer des Ersten Weltkriegs“ angeordnet. Provokant schon deshalb, weil abgesehen vom Namen des Denkmals und der dem Geiste des italienischen Faschismus entsprechenden Inschrift, das Monument genau dort hinplatziert wurde, wo das halbfertige österreichische Kaiserjägerdenkmal stand.

Rund um das Waltherdenkmal war eine Tribüne errichtet worden, von der herab „Seine Majestät“ dem herbeidirigierten und herbeigeeilten Volk Huld vorheuchelte und dafür marktschreierische Ovationen entgegennahm: „Viva il re!“ „Viva l’Italia!“ („Es lebe der König!“ „Es lebe Italien“) Wir Kinder mussten diesmal nicht Spalier stehen, denn die Volksschulen hatten an den Donnerstagen schulfrei. Was uns nicht hinderte, Viktor Emanuel III zu Gesicht zu bekommen: vor allem weil wir neugierig waren, ob er wirklich nicht viel mehr als anderthalb Meter maß, wie kolportiert wurde. Wie er so an der Brüstung der Tribüne auf dem Waltherplatz stand, merkte man von seinem Mangel an körperlicher Größe nichts. Ein Mann mit Bart hinter mir lästerte aber: „Der schteaht jo auf an Kischtl drobm.“ So wird es wohl gewesen sein.

Zum Waltherplatz zog es uns auch, wenn es sich in Bubenkreisen herumgesprochen hatte, dass dort ein besonders schönes Auto parkte. Einmal stand ein Acht-Zylinder-Horch, Baujahr 1930, dort. Ein Haufen Erwachsener und Kinder umstanden das Fahrzeug, bestaunten es und gaben ihre Kommentare ab. Mitte der Zwanziger- bis Anfang der Dreißigerjahre war es noch allemal eine kleine Sensation, wenn sich ein Automobil der Luxusklasse in unsere Gefilde verirrte.

Der „Walther“ selbst wurde von den Faschisten am 21. Juni 1935 abgetragen und im Roseggerpark aufgestellt. Erst lang nach dem Zweiten Weltkrieg, genau fünfunddreißig Jahre nach seiner Verbannung, ist das Denkmal auf seinen ursprünglichen Platz zurückgebracht worden. Das Denkmal hat mein und meiner Kindesfreunde Interesse erst dann gefunden, als die Kraft unserer Arme ausreichte, die großen Wasserbecken zu erklimmen und dort die nackten Beinchen hineinzuhängen, wenn es die Jahreszeit zuließ. Wir erklommen die zweite „Etage“, wo auf der Höhe der sitzenden Markuslöwen zwei kleinere Becken, mit wasserspeienden Löwenköpfen verbrämt, angebracht waren. War in den unteren Becken genügend Wasser drin, dann ließen wir uns in sie von oben hineinplumpsen. Das bescherte uns bei sommerlicher Hitze wohlige Abkühlung und brachte uns scheele Blicke, Gesten des Unmuts und missbilligende Worte von vorbeispazierenden „Herrschaften“ ein. War ein uniformierter Ordnungshüter in Sicht, dann verdrückten wir uns, pudelnass wie wir waren, so unauffällig und so geschwind wie nur möglich.

Abgesehen vom Palais Campofranco mit seiner pompösen Aussichtsterrasse für Gäste, das den Waltherplatz von der Mustergasse bis zum Pfarrplatz hin flankiert, gab es im Norden des Platzes das Café Hotel Stadt beziehungsweise Città (die einstige Mädchenschule) und das Gebäude das der Familie Kräutner gehörende Hotel Europa, auch Hotel de l’Europe genannt, mit Bierhalle, das nach dem Krieg abgerissen und von der Südtiroler Sparkasse wieder aufgebaut wurde. Die linke Flanke des Platzes war vom Hotel-Café Schgraffer und dem „noblen“ Schwarzen Greif dominiert. Das Bristol in der Raingasse existiert heute auch nicht mehr; es musste einer Geschäfts- und Wohnanlage weichen, nachdem es von Fliegerbomben schwer getroffen worden war.

Das Hotel Greif war damals deshalb von besonderer Bedeutung, weil es neben dem Hotel Mondschein das einzige Bad (Wannen, Brause) der Stadt beherbergte. Ein Bad in unserer Wohnung hat es nicht gegeben – solange wir Kinder ins Blechschaff passten, gab es das obligate „Gepritschel“ einmal wöchentlich in der Küche. Mit zunehmendem Alter war das Schaff aber nur noch für Fußbäder ausreichend. Deshalb drückte mir Mama jede Woche einmal eine ganze Lira in die Hand, mit der das Entree zur Badeanstalt im Hotel Greif für Norbert und mich gesichert war. Mama gab uns nicht nur Seife und Handtuch mit, sondern auch frische Unterhosen. Damals und noch lange Zeit danach war es unschicklich, sich nackt und bloß in öffentlichen Bädern oder Badeanstalten unter die Brause zu stellen oder in die Wanne zu steigen. Also behielt man die Unterhose an.

Immer schon beherbergte die Laubengasse die nobelsten und mächtigsten Handelsunternehmen: Mumelter, Tachezy, Comploi, Eccel, Kußtatscher, Valier, Delazer, Streiter und Anfang der Dreißigerjahre seinen Konkurrenten Psenner, der sich genau vis-à-vis in die Lauben gesetzt hat. Mitten unter den Lauben, auf der rechten Seite vom Obstplatz aus gesehen, ist das Geschäft des Vogelweider-Verlages gelegen, dessen Verkaufsräume heute bis zur Silbergasse reichen. Anno dazumal gab es diese weitläufigen Geschäftsräumlichkeiten nicht; die Verkaufsfläche endete an einem Lichthof vor den Silbergasse-Bauten. Der Sitz des Verlages – vormals Tyrolia und später Athesia – war in der Museumstraße, aber letztlich nicht weit vom Namensgeber am Waltherplatz entfernt.

Das Verlagshaus Vogelweider übte damals eine eigenartige Faszination auf mich aus, allein schon seines Namens wegen. Im Namenspatron nämlich, diesem Walther von der Vogelweide, sah ich als Bub all das, was Michael Gaismair gewesen war: ein Rebell gegen Unfreiheit, Ausbeutung und Unterdrückung. Doch dies war der minnesingende Ritter nicht; im Gegenteil: Walther soll es blendend verstanden haben, sich’s mit den jeweiligen Machthabern zu richten. Seine wirklichen Verdienste, die fast siebenhundert Jahre später in Bozen bedenkmalt wurden, lagen lediglich in der Revolutionierung des Minnesangs. Was mich aber zusätzlich faszinierte, war das Gerücht, dass der Vogelweider-Verlag in seinen Kellerarchiven echte Handschriften des minnesingenden Namensvetters aufbewahrte: einen Schatz von unermesslichem Wert, wie es hieß. Es war aber nur ein Gerücht.

8. Februar 1934: Wir hatten am Vormittag Schularbeit in Mathematik. Kein gutes Gefühl begleitete mich mittags nach Hause. Der Geruch vom Küchenherd her war auch nicht so, dass er meine Laune hätte bessern können: Saure Kutteln und Polenta gab’s. Wenig später stürmte Norbert völlig aufgebracht zur Tür herein.

„Mama, dr Voglwaidr prennt!“, sagte er.

„Dr Voglwaidr? Untr die Laubm?“

„Frailich der, wo sunscht? I hon’s selbr gsehgn, jetz, wia i hoamkemmen pin … Die Fuierweahr hot olles ogschperrt und schprizt wia net gschait. Luisl, giahmr schaugn?“

Ruckzuck hatten Norbert und ich die Teller leer gegessen, und draußen waren wir bei der Tür. Wie im Tandem sausten wir die kurze Strecke die Lauben zum Vogelweider hinunter. So weit kamen wir gar nicht, denn schon zwei Gewölbe vorher war alles abgesperrt, von Feuerwehr und Polizei. Vom Brand selbst war noch gar nichts zu bemerken, und wäre nicht die hektische Aktivität der Wehrmänner gewesen, man hätte eher an ein harmloses Manöver glauben können. Die Gasse also bot uns mitnichten das erhoffte schaurige Erlebnis. So zogen wir enttäuscht von der Brandstätte ab und machten uns auf den Heimweg.

Was mir nicht aus dem Kopf ging, das waren des Minnesängers Handschriften, die ich in höchster Gefahr wähnte. Mittlerweile hatten wir unser Haus erreicht. Norbert, dem die Nase tropfte, zog zum x-ten Mal sein Schnäuztuch und meinte dann unvermittelt: „I woaß, wia mr’s Fuier sehgn: mir giahn holt aufs Doch aui und oi pis zun Voglwaidr.“

Unsere Dächer waren leicht begehbar, insbesondere, wenn man baren und leichten Fußes von Ziegel zu Ziegel stieg. Kurze Zeit später waren wir bereits Richtung Vogelweider unterwegs; siebeneinhalb Dächer waren zu überwinden, eine Kleinigkeit für uns, wo wir schon reichlich Übung in solchen Exkursionen hatten. Von dort oben lernten wir die Laubengasse von einer anderen Seite kennen, aus einer Perspektive, wie sie sonst nur Dachdeckern, Spenglern und Kaminkehrern, vielleicht noch flüchtenden Einbrechern, allenthalben aber einem tief fliegenden Aeroplan dargeboten wird.

Am Rand zum Hof des Vogelweidertraktes angelangt, legten wir uns auf das Dach, pressten die Bäuche auf die kalten Ziegel und bestaunten das Geschehen tief unter uns. Da brannte es lichterloh. Offenbar war das Feuer in einem der Souterrainlager ausgebrochen und schaffte sich nach oben Luft. Die Flammen schlugen aus geborstenen Fenstern und suchten sich züngelnd einen Weg entlang der Hausmauer in die höher gelegenen Stockwerke. Man hörte das Zischen des Löschwassers, und der Rauch, der zu uns heraufdrängte, brannte in Lunge und Augen. Damit war unsere Neugier auch schon gestillt, und wir zogen uns in unsere Gemäuer zurück.

Die Folgen des Brandes waren für die Buchhandlung verheerend: Was die Flammen nicht vernichtet hatten, besorgte schließlich das Löschwasser. Das ganze Inventar, alle Lagerbestände waren ruiniert. Lediglich die Handschriften Walthers von der Vogelweide sollen gerettet worden sein, im letzten Augenblick.

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