Kitabı oku: «Die Pietisterey im Fischbein-Rocke»
Luise Adelgunde Victorie Gottsched
Die Pietisterey im Fischbein-Rocke
Komödie
Herausgegeben von Wolfgang Martens
Reclam
2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2020
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961690-2
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014007-9
www.reclam.de
Inhalt
Vorrede des Herausgebers.
Spielende Personen
Die Pietisterey im Fischbein-Rocke
Erste Handlung.
Andere Handlung.
Dritte Handlung.
Vierte Handlung.
Fünfte Handlung.
Zu dieser Ausgabe
Anmerkungen
Literaturhinweise
Zeittafel
Nachwort

[7]Vorrede des Herausgebers.
Weil es doch eine hergebrachte Gewohnheit ist, daß ein Buch eine Vorrede haben muß; Ich aber dem Geneigten oder Ungeneigten Leser nichts anders zu sagen weiß, als was in folgenden beyden Briefen enthalten ist: So will ich dieselbe ohne fernere Weitläuftigkeit mittheilen.
Der Brief des Herausgebers an den Verfaßer dieses Lust-Spiels.
Hoch-Ehrwürdiger,
Hochgelahrter Herr!
Ich habe die gröste Ursache von der Welt, E. H. für das neulich übersandte Manuscript verbunden zu seyn. Es ist nicht nöthig, daß ich mit vielen Worten bezeuge, wie unvergleichlich es Denenselben gerathen; da dieses ohnedem das gewöhnliche Urtheil ist, welches die Welt von Dero Schrifften zu fällen pflegt. Wenn ich davor nur die ungemeine Freude beschreiben könnte, welche dadurch in einer grossen und aufgeweckten Gesellschafft neulich entstanden, wo ich dasselbe von Anfang bis zum Ende vorzulesen mir die Freyheit genommen. Dieses aber mit Worten zu beschreiben wird mir gantz unmöglich fallen. Und ich will nur so viel sagen, daß auch die allerernsthafftesten Leute mehr als hundert mahl überlaut zu lachen genöthiget worden, und daß ich vor dem unzähligen Händeklatschen der übrigen wohl mehr als hundert mahl im Lesen inne halten müssen. Das ist aber noch nicht alles. Die gescheidesten Köpffe in dieser Gesellschafft traten alsobald zusammen, [8]und beschlossen mit einhelligen Stimmen, daß man der Welt dieses vortreffliche Lust-Spiel nicht mißgönnen müste. Wieder diesen Entschluß hatte die gantze Gesellschafft nichts einzuwenden, als dieses: Wo man denn einen Verleger darzu hernehmen würde. Weil sich so leicht kein Buchdrucker entschliessen würde eine Schrifft zu drucken, die allem Ansehen nach gewissen Leuten sehr mißfallen, und sie zu der empfindlichsten Rache gegen denselben anflammen würde. Doch kaum war dieser Einwurff vorgebracht; so war er auch schon gehoben. Eben diejenigen, so auf den Anschlag gekommen waren, dieses Werck drucken zu lassen, erbothen sich auch die Kosten darzu herzugeben. Ich versetzte hierauf, daß sie die Rechnung ohne den Wirth gemacht hätten, und versicherte, daß E. H. es niemahls zugeben würden, daß diese Schrifft, die sie niemahls zum Drucke bestimmt hätten, ans Licht treten dürffte. Ja ich selbst drohete, mich mit aller Macht darwider zu setzen; weil dasjenige, was mir im Vertrauen überschickt worden, auch nur in meinen Händen bleiben müste: wofern ich nicht bey dem Verfasser den Vorwurff einer Treulosigkeit verdienen wollte. Doch alles vergebens! Man hatte sich einmahl Dero Manuscripts bemächtiger, und es war mir nicht möglich, dasselbe wiederum in meine Hand zu bekommen. Alles was man mir dabey einräumte, war dieses, daß man mir den ersten Abdruck der Bogen zusenden, und mir die Bemühung überlassen würde, für die Ehre meines Freundes dabey zu sorgen; damit nemlich seine Schrifft, so viel als möglich, ohne Fehler ans Licht kähme. Was sollte ich thun? Gewalt gieng vor Recht, und ich muste mir endlich gefallen lassen, was ich nicht hindern kunte. Nunmehro ist Dero Werck würcklich unter der Presse, und [9]ich habe die Ehre, als eine getreue Heb-Amme, dieses so wohl gerathene Kind E. H. ans Tages-Licht zu bringen. Hiermit übersende die ersten Bogen desselben, und bitte über dem ersten Anblick derselben nicht gar zu sehr zu erschrecken, vielweniger einen unverdienten Haß auf mich zu werffen. Ich kan aufs theuerste versichern, daß ich alles gethan habe, was nur in meinen Kräfften gestanden, den Abdruck dieser Schrifft zu verhindern. Ich ergriff auch sogleich die Feder, E. H. Nachricht davon zu geben: Aber ehe der Post-Tag kahm; so hatte ich schon die zwey Bogen zur Ausbesserung der Druckfehler erhalten. So eilfertig sind diese Herren in der Ausführung ihres Vorhabens gewesen. Weil ich also selbst zu geschehenen Dingen das beste zu reden genöthiget bin; so schlage ich mich selbst zu der Parthey, meiner ehemahligen Wiedersacher, und versichere E. H., daß Sie von der Bekanntmachung dieses Meister-Stückes nichts zu besorgen haben. Denn was wollen die Gegner davon sagen? Ist es etwan eine Sünde, lächerliche Leute auszulachen? Warum haben sie in unzehlichen Schrifften sich selbst der klugen Welt zum Gelächter gemacht? Man hat lange genug ernsthafft mit diesen Leuten gestritten: Aber was hats geholffen? Sie sind selber dadurch in dem Wahne bestärcket worden, als ob ihre Neuerungen und Mystische Fantasien was recht wichtiges seyn müssten: Indem sich auch die grössten GOttes-Gelehrten, ja wohl gar gantze Theologische Facultäten die Mühe gegeben, wider sie zu Felde zu ziehen. In diesem Kriege aber ist es gegangen, wie dort bey dem Drachen in der Fabel, dem an statt eines abgehauenen Kopffs allemahl drey andere wieder wuchsen. Daher haben schon längst verständige Männer geurtheilet, man müsse solchen Schwärmern die [10]Ehre nicht mehr anthun, ernstlich wider sie zu streiten; und würde besser thun, wenn man sie mit Satyrischen Waffen zu erlegen bemühet seyn würde. Dieses haben nun E. H. mit so glücklichem Erfolg ins Werck gerichtet, daß dadurch nothwendig einer unzehlbahren Menge verführter Seelen die Augen geöffnet werden können. Wollte man sagen: Daß gleichwohl die Heil. Schrifft und viele Glaubens-Artickel mit dabey etwas leiden, und zum Gelächter werden würden; so wird doch ein Unpartheyischer leicht sehen, daß nicht die Schrifft selbst, auch nicht die Glaubens-Lehren, sondern nur die einfältigste Art, selbige zu mißbrauchen, gemeinet sey. Wäre dieses nicht; so müsste man auch behaupten, der theure Lutherus hätte sich an den Geheimnissen der Religion vergriffen, weil er den Mißbrauch der Papisten in seinen Schrifften lächerlich und verächtlich zu machen gesucht, ja wohl gar die Mönche und Pfaffen vor Ochsen und Esel gescholten, und die Bullen der Päbste Drecketen geheissen. Wem ist es also zu verargen, wenn er nach Nothdurfft dieser Zeiten in die gesegneten Spuren dieses theuren Rüst-Zeugs GOTTES tritt? Mehr darf ich E. H. vermuthlich nicht vorstellen, meine Kühnheit zu entschuldigen; und verharre also mit aller gewöhnlichen Hochachtung
Deroselben
verbundenster Diener,
Der Herausgeber.
[11]Antwort des Verfaßers an den Herausgeber.
Hoch-Edler Herr,
Hochgelahrter Herr!
Nichts hat mich jemahls in solche Bestürtzung gesetzt, als Dero letztes Schreiben. Sie können leicht dencken, wie mir zu Muthe gewesen seyn müße, da ich vernommen, daß sie eine Schrifft, die bloß zu meiner eigenen Vergnügung, und höchstens zur Lust einiger vertrauten Freunde bey müßigen Stunden aufgesetzet worden, einer grossen Gesellschafft vorgelesen hätten. Ich bereuete es bey dieser Nachricht schon, daß ich dieselbe Eurer Hochedlen so guthertzig zugesendt. Aber was vor Empfindungen von allerley Arten bemeisterten sich nicht meines Gemüths? als ich aus der fortgesetzten Erzehlung vernahm, was vor ein seltsames Schicksal über mich verhängst sey. Um GOttes Willen! was fangen Sie mit mir an? Ist denn dasjenige Vertrauen, so ich zu Dero auffrichtigen Freundschafft gehabt, einer solchen Straffe wehrt gewesen? was wird die Welt von mir gedencken? von mir, dessen Amt und Lebens-Art am allerwenigsten zu einer solchen Schreib-Art Anlaß geben sollte? Wollen Sie mir noch mehr Verdruß und Streitigkeiten über den Hals laden, als ich schon wegen einiger weit unschuldiger Schrifften wieder dieses Fanatische Geschmeisse bekommen habe? haben Sie nicht bedacht, an was vor einem Orte ich lebe? und wie leicht man auf die Muthmassung fallen wird, daß ich der Urheber dieser Schrifft nothwendig seyn müsse? gleichwol, wenn ich die Wahrheit gestehen soll; so bin ich nicht einmahl dafür anzusehen. Ein gewisser ungenannter Frantzose hat mehr Theil daran, als ich. Und ich bin eher vor einen unschuldigen Übersetzer, als für [12]den Urheber dieses Lust-Spiels anzusehen. Ich sehe mich genöthiget Ihnen dieses zu bekennen: weil ich gemercket, daß Sie mir dieselbe einzig und allein zuschreiben, welche Ehre mir doch gar nicht gebühret. Sie wissens, daß vor etlichen Jahren in den Jansenistischen Händeln zu Paris allerhand Comödien gedruckt worden, diese Secte dadurch lächerlich zu machen. Die allererste und beste darunter hieß: La Femme Docteur ou la Theologie Janseniste tombèe en Quenouïlle. So bald ich diese zu lesen bekam, vergnügte ich mich über die sinnreiche Art, welcher sich der Verfasser bedienet hatte, die Frömmlinge und Scheinheiligen seines Orts zum Gelächter zu machen; Und ich wünschte von Hertzen, daß sich auch in unserer Kirche eine scharffsinnige Feder finden und dem Unheile der Scheinheiligkeit auf gleiche Art steuren möchte. Ich habe etliche Jahre vergebens darauf gewartet, und also endlich selbst den Entschluß gefasset, doch nur zu meinem eigenen Vergnügen, einen Versuch zu thun, in wie weit sich die Erfindungen des Frantzösischen Scribenten auf unsern Zustand schicken würden. Ich kan auch nicht läugnen, daß ich viele Personen und gantze Auftritte seines Schau-Spiels gantz und gar ausgelassen, und hingegen manches von den meinem habe hinzu setzen müssen. Doch wird derjenige, der das Original gelesen, nicht ohne Verwunderung wahrnehmen, daß diese Art von Sonderlingen sich in Paris und Deutschland so sehr ähnlich sehen. Bey dem allen aber ist mirs niemahls in den Sinn gekommen, diesen Versuch einer Comischen Schreib-Art, darinnen ich mich sonst niemahls geübt, und dazu ich mich für gantz ungeschickt halte, weder unter meinem Nahmen, noch ohne demselben ans Licht zu stellen. Doch was wird mir dieses alles helffen? nachdem [13]es mit der Sache einmahl so weit gekommen ist, daß es nicht mehr bey mir stehet, den Druck derselben zu hindern. Soll ich auf Eure Hoch-Edlen losziehen, oder mich selbst anklagen, daß ich ihnen diese Schrifft so treuhertzig anvertrauet? beydes wird umsonst seyn. Und ich sehe also wohl, daß ich mein Schicksal werde erwarten müssen. Wenn es Ihnen aber immer möglich ist; so thun sie mir nur dieses zu Lieb, und verhindern es, daß die Comödie nicht gar zu häuffig abgedrucket, und sonderlich kein Exemplar davon hieher geschicket werde. Dieses ists alles, was ich vor jetzo thun kan, um nicht verrathen zu werden. Übrigens werden Sie meinen Nahmen auf das sorgfältigste zu verschweigen, und in der Vorrede die Welt zu überzeugen wissen, daß ich an dem Drucke dieser Schrifft keinen Theil gehabt, auch meinen Beyfall darzu nicht gegeben habe. Noch eins fällt mir ein: Könnte man nicht, wenn die Herren, auf deren Kosten die Schrifft gedruckt wird, mit einigen Exemplaren versorgt sind, alle übrigen auf meine Kosten erhandeln, und mir selbst zusenden, das Geld soll mich nicht reuen, so ich darauf wenden müste. Doch was wird es helffen; Wenn auch nur ein eintziges Exemplar an einen Gewinnsüchtigen Buchhändler kähme: er würde es doch ohne Zweifel wieder auflegen lassen.
Hiermit verharre ich etc.
[14]Spielende Personen
Herr Glaubeleicht.
Frau Glaubeleicht, seine Frau.
Jungfer Dorchen, älteste Tochter des Herrn Glaubeleichts.
Jungfer Luischen, ihre Schwester, und Verlobte des Herrn Liebmanns.
Herr Wackermann, ein Obrister, und Bruder des Herrn Glaubeleichts.
Herr Liebmann, Bräutigam der Jfr. Luischen.
Herr Magister Scheinfromm.
Der junge Herr von Muckersdorff, Scheinfromms Vetter.
der Frau Glaubeleichtin ihre Beth-Schwestern.
Frau Zanckenheimin,
Frau Seuffzerin,
Frau Ehrlichin, eine gemeine Bürgers-Frau.
Cathrine, der Frau Glaubeleichtin ihre Magd.
Frau Bettelsackin, die Allmosen-Sammlerin der Pietisten.
Jacob, ein Pietistischer Bücher-Krämer.
Der Advocat.
Der Schau-Platz ist in Königsberg, in der Frau Glaubeleichtin Hause.
[15]Die Pietisterey im Fischbein-Rocke. Oder: Die Doctormäßige Frau.
[17]Erste Handlung.
Erster Auftritt.
Jungfer Luischen, Cathrine.
JUNGFER LUISCHEN. Cathrine!
CATHRINE. Jungfer Luischen!
JUNGFER LUISCHEN. Was ist das wieder vor ein Pack Bücher, was du da versteckst?
CATHRINE. Ach! frage sie nur nicht; sie wirds schon zeitig genug erfahren.
JUNGFER LUISCHEN. Wie? ists schon wieder eine solche verzweifelte Scarteque, die die Mama mir immer zu lesen giebt?
CATHRINE. Ja, ja! das wäre mir eine rechte Scarteque! Nein, meine liebe Jungfer Luischen! es ist ein schönes grosses Werck in Octav, wenn sie es wissen will: Und dancke sie noch dem Autor, daß er, wie es scheint, des Lügens müde geworden ist; sonst wäre wahrhaftig ein guter Foliante daraus geworden. Lese sie nur den Titul: Fußstapfen der Wunder GOttes im Hällischen Wäysen-Hause. Ist das nicht lustig?
JUNGFER LUISCHEN. Ach Cathrine! ich ärgere mich fast zu Tode.
CATHRINE. Ja, ja! ich glaube es wohl, daß sie lieber einen Roman oder eine Comedie läse; aber ihre Mama versteht das Ding besser: Hübsche Hertzens-Catechismi; ein Heiliger oder ein Vieh; Hoburgs unbekannter Christus; Freylingshausens Grundlegung; das, das gehört zur [18]Erziehung eines Mädgens, welches in der Welt sein Glücke machen soll!
JUNGFER LUISCHEN. Schweige doch nur!
CATHRINE. Ich weiß wohl, daß sie schon seit zwey Jahren an den Herrn Liebmann versprochen ist; und daß die Vollziehung der Heyrath nur auf die Mama ankömmt: Allein, meynt sie, daß die Frau Glaubeleichten sie einem Manne geben werde, ehe sie recht Doctormäßig, und in der Lehre vom wahren innern Christenthume des Hertzens recht befestigt ist? Nicht so, nicht so! Ich wette, daß sie noch nicht einmahl weiß, was Christus in uns, und die Salbung sammt dem Durchbruche sey?
JUNGFER LUISCHEN. Zum Hencker! Wozu soll ichs denn wissen?
CATHRINE. Wie? und sie will heyrathen? Pfuy Jungfer Luischen!
JUNGFER LUISCHEN. Ach! ich bitte dich, stehe doch nur der Mama nicht bey. Ist wohl ein unglücklichers und närrischer erzogenes Mädgen in der Welt, als ich? Meine Mutter, welche selbst nicht mehr weiß, was sie in der Welt für eine Figur machen soll, hat sich die närrischen Grillen der Pietisterey in dem Kopf gesetzt. Was hat sie nicht für einen Character! wie hartnäckigt und eigensinnig ist sie nicht, bey aller ihrer scheinbaren Gelindigkeit!
CATHRINE. Gelindigkeit? Ja! man verlasse sich nur darauf!
JUNGFER LUISCHEN. Zwey Jahre bin ich schon dem Herrn Liebmann verlobt; gleichwohl habe ich kaum die Erlaubniß ihn zu sprechen. Ich sehe niemanden, als allerley Arten von Heuchlern, Canditaten, Magisters, und lächerliche Beth-Schwestern. Zu Hause schwatzt man von [19]lauter Orthodoxen und Ketzermachern; gehe ich aus, so muß ich eben wieder solch Zeug anhören. Du weist, daß ich der Mama zu gefallen Speners Predigten von der Wiedergeburt, und so viel anderes Zeug, gantz auswendig gelernet habe. Ich habe mich bisher gestellt, als wenn ich mit ihr einer Meinung wäre; damit ich sie nur gewinnen möchte: Aber nun bin ichs auch überdrüßig. Ich kanns nicht länger aushalten! Und wo mein Vater nach seiner langen Abwesenheit nicht bald wieder kömmt, und allen diesen Verwirrungen ein Ende macht; so – – –
CATHRINE. O ja doch! Sie ist gewiß von den Leuten, die was rechts unternehmen. Sie hat ja nicht das Hertze der Mama ein Wort zu sagen.
JUNGFER LUISCHEN. Es ist wahr! Aber nun habe ich mir es vorgesetzt: Ich will nicht länger heucheln! Ich will ihr meine Meinung sagen, und wanns noch heute wäre.
CATHRINE. Ich muß gestehen, daß ihr Herr Vater sehr unbillig handelt, daß er uns so lange Zeit dem Eigensinne seiner närrischen Frauen überlässt. Er hat sie verlobet: Sie soll die Hochzeit vollziehen, indessen reiset er seiner Geschäffte wegen nach Engelland. Der liebe GOtt sey mit ihm! Mich dünckt aber er wird bey seiner Wiederkunft sehr erschrecken, wenn er sie noch ledig, und sein Haus in diesem schönen Zustande finden wird. Sein Keller ist zur Buchdruckerey; seine Böden sind zu pietistischen Buchläden; und seine Zimmer zu Winckel-Kirchen geworden. Wie wird er nicht erstaunen, wenn er einen Hauffen begeisterter Böhmisten und Quäcker finden, und seine Frau als eine Päbstin unter ihnen sitzen sehen wird. Die Laquaien selbst zancken sich schon über die dunckeln Schrifft-Stellen; und ich hörte nur noch [20]neulich, daß der Kutscher seine Pferde vor Orthodoxen schalte; weil er kein ärger Schimpf-Wort wuste.
JUNGFER LUISCHEN. Aber du selbst schmeichelst der Mama am allermeisten in dieser Thorheit.
CATHRINE. O! davon habe ich meinen guten Nutzen. Die Mama traut mir. Es wirfft allerley ab; und ich kriege selbst ein Ansehn im Spiele. Glaubt sie wohl, daß Herr Magister Hängekopf mit mir schöne thut? und daß die Schuld nicht an ihm liegt; wenn ich keine handgreiffliche Ketzerey begehe. Aber GOtt sey Danck! Ich bin sehr Orthodox auf meine Ehre!
JUNGFER LUISCHEN. Du bist nicht klug! was meinst du aber von meiner Schwester? mich dünckt sie sucht der Mama meine Heyrath aus dem Sinne zu reden.
CATHRINE. Sollte nicht etwas Neid mit unterlauffen? Vielleicht wohl gar einige Neigung gegen den Herrn Liebmann.
JUNGFER LUISCHEN. Was sagst du? Meine Schwester ist so tugendhafft! Sie ist mit lauter Religions-Zänckereyen beschäfftiget. Es scheint, daß sie die Welt recht ernstlich hasset. Sie kan sich ja kaum entschliessen einen Fischbein-Rock zu tragen.
CATHRINE. Das ist wahr! Aber die strengste Tugend hat ihre schwache Seite.
JUNGFER LUISCHEN. Mich tröstet die Hoffnung, daß mein Vater bald wieder kommen wird.
CATHRINE. Er wird ja freylich bald kommen müssen: Und es heist auch in dem letzten Briefe: Er würde mit ehesten eintreffen.
JUNGFER LUISCHEN. Wenn er aber nicht käme? Könnte nicht auch mein Vetter die Mama bewegen, daß sie [21]meine Heyrath vollzöge? Er hat mir versprochen, noch heute mit ihr davon zu sprechen. Was meinst du?
CATHRINE. Wer? der Herr Vetter Wackermann? Nein, Jungfer Luischen! Herr Wackermann ist ein Officier, ein redlicher, vernünfftiger, verständiger Mann, der mit ihrer Mama – – – nur klug und vernünfftig redet: Aber damit nimmt sie kein Mensch ein! Doch ich muß gehen.
JUNGFER LUISCHEN. Höre doch! Es fällt mir ein, ob wir nicht den Herrn Scheinfromm gewinnen könnten? Er gilt viel bey der Mama.
CATHRINE. Ja! das weiß ich! aber trau sie ihm nicht. Die Mama thut nichts, als was dieser heilige Mann ihr einbläset: Es ist also sehr wahrscheinlich, daß er wohl gar selbst die Ursache ihrer verzögerten Hochzeit ist. Wer weis, was er für einen Nutzen darunter sucht? Er hat einen Vetter.
JUNGFER LUISCHEN. Nun? Er hat einen Vetter?
CATHRINE. Geb sie acht! Er hat sich wohl gar in den Kopf gesetzt, daß sein Vetter ihr Mann werden soll: Und wenn er es erst beschlossen hat; an der Mama wird es nicht fehlen. Denn es ist erschrecklich, der Mensch hat keine Verdienste, er hat keinen Verstand, es ist gar nichts an ihm: Und er hat mit seinen heuchlerischen Mienen und Reden die Frau so eingenommen. Dem sey wie ihm wolle; Ich mercke daß er seit einiger Zeit gegen mich sehr höfflich thut. Vielleicht hat er mir etwas zu entdecken. Ich wills abwarten. Aber stille! Da kömmt ihre Mama mit der Jungfer Schwester.
[22]Zweyter Auftritt.
Frau Glaubeleichtin, Jungfer Dorchen, Jungfer Luischen und Cathrine.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Nun Cathrine! du bringst uns keine Antwort?
CATHRINE. Ach es geht viel neues vor!
JUNGFER DORCHEN. Sags doch geschwinde!
CATHRINE. Es steht sehr schlecht mit der Orthodoxie.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Das glaube ich wohl; aber wie?
CATHRINE. Man sagt, etliche Hällische Juristen – – –
JUNGFER DORCHEN. Nun die Hällischen Juristen?
CATHRINE. Man sagt, die Hällischen Juristen haben eine neue Schrifft wider sie heraus gegeben.
JUNGFER DORCHEN. Ey! Mama, das ist schön! das ist schön! Nun werden die Wittenberger anders pfeiffen müssen.
CATHRINE. Noch viel ärger! man sagt, die Mediciner werden sich auch drein mengen, und man will die Land-Pachter zu Richtern annehmen.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Das hat keine Noht! die Juristen werdens schon machen. Aber wo hast du das gehört?
CATHRINE. Der dicke Geistliche, da – – – der so wider die Schrifft- und Bibel-Theologie predigt – – – je! der so lustig ist – – – Herr – – – Herr Weinfaß hats mir gesagt.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Gut, gut! da haben wir in unserer Zusammenkunfft wieder was zu plaudern. Ist dirs nicht lieb Dorchen?
JUNGFER DORCHEN. Ungemein! liebe Mama!
FRAU GLAUBELEICHTIN. Und dir Luischen?
[23]JUNGFER LUISCHEN. Ja! Mama!
FRAU GLAUBELEICHTIN. Was hast du mehr gehört Cathrine?
CATHRINE. Man sagt, die Wächter haben diese Nacht auf der Lestadie1 einen Geistlichen zu packen bekommen, den man für einen Priester aus dem Löbenicht gehalten hat.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Verzweifelt! seht! das sind Leute! der wird was schönes im Wercke gehabt haben.
CATHRINE. Es hat sich aber befunden, daß er aus dem Collegio Fridericiano gewesen.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Ach der arme Mensch! Er hat gewiß ein gottseelig Vorhaben gehabt! Hast du nicht den Herrn Scheinfromm gesehen?
CATHRINE. Ja! Er hat sich die Nacht schlecht befunden, weil er gestern Abend die drey ersten Seiten aus Neumeisters Priesterlichen Lippen gelesen hat.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Der heilige Mann! Warum liest er auch solch armseeliges Zeug?
CATHRINE. Heute befindet er sich schon besser. Wie ich kam, saß er eben mit zwey andern strengen heiligen Geistlichen bey einem guten Früh-Stücke.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Der Mann ist wohl ein rechtes Vorbild der ersten Gläubigen, der Herr Scheinfromm! Er hat mir zuerst die Lehren von Natur und Gnade, und vom innern Wesen der Ichheit beygebracht. Er hat mich gelehrt, wie man allezeit mit Sanftmuth und Gelindigkeit reden, wie man den Frieden lieben, und die Salbung des Geistes schmecken soll, welche in den Schrifften [24]unserer Hällischen Männer GOttes befindlich ist. Gewiß! der Mann besitzt den Geist der ersten Kirche in einem hohen Grad! Doch ihr kennt ihn alle. Wo bist du mehr gewesen?
CATHRINE. Ich habe die Frau Plappergern gesprochen, welche einen neuen Krafft- und Kern-Catechismum für ihr Haus verfertigt. Ich bin bey der Frau Zanckenheimin gewesen, welche eben mit einem Magister disputirte. Frau Seuffzerin saß mit einem Geistlichen beym Nacht-Tische. Herr Magister Trincklieb gieng eben ins Weinhaus; und Herr Magister Klapperstorch untersuchet eine Wittenbergische Disputation. Sie lassen sie alle schönstens grüssen, und werden bald in der Zusammenkunfft erscheinen. Ich habe auch den Herrn Obristen Wackermann, ihren Herrn Schwager, angetroffen; er fragte mich: Ob sie diesen Morgen zu sprechen wären? Ich glaube, er wird auch kommen.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Ach! er kan immer da bleiben! Was hast du denn da vor ein Buch?
CATHRINE. O das ist ein Buch! daran werden sie sich ergötzen! Herr Magister Ungestüm schickt es ihnen.
FRAU GLAUBELEICHTIN (lieset.) Fußstapffen der Wunder GOttes im Hällischen Wäysenhause. Ach meine Kinder! das ist ein herrliches Werck.
JUNGFER DORCHEN. Das wird schön zu lesen seyn.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Da habt ihrs, lieben Kinder! Ihr sollet es zuerst lesen, so gern ich es auch selbst lesen möchte.
JUNGFER LUISCHEN. Wenn meine Schwester es gern bald lesen will, so will ich schon warten.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Nein! nein! ihr könnts beyde [25]zusammen lesen, damit ihr die Lust mit einander theilet. Ich habe was anders zu lesen, davon ich nicht gerne eine Zeile überhüpffen wollte. Wenn mein Schwager kömmt, so rufft mich. Cathrine komm! räume meinen Nacht-Tisch auf! (Gehen ab.)
Dritter Auftritt.
Jungfer Dorchen, Jungfer Luischen.
JUNGFER DORCHEN. Mich dünckt, Schwester, daß du nach dem Lesen dieses Buchs eben kein grosses Verlangen trägst.
JUNGFER LUISCHEN. Was soll ich denn lesen? Ich sehe, daß alle die Schrifften immer einerley sagen. Ein erschrecklich Klagen über die Orthodoxen; etliche Sprüche aus der Heil. Schrifft, oder aus Doctor Luthern, wohl oder übel angewandt; ein Hauffen Geschrey vom verborgenen inneren Funcken, und allerley Geschwätze, was ich nicht verstehe; das ist alles, was ich darinnen finde.
JUNGFER DORCHEN. Was du nicht verstehst. Du must sehr dumm seyn.
JUNGFER LUISCHEN. Das kan wohl seyn. Mein Trost ist aber, daß ich hierinnen vielen andern Personen gleich bin, die man doch eben nicht für so gar dumm hält.
JUNGFER DORCHEN. Ja! aber sie beschäfftigen sich mit lauter Kleinigkeiten.
JUNGFER LUISCHEN. Es ist wahr, sie bemühen sich nur, ihre Haushaltung zu bestellen; ihre Kinder zu erziehen; [26]ihre Bediente zu regieren; und auf diese Art theilen sie ihre Zeit in die Häußlichen und Christlichen Pflichten ein: Ich glaube aber, daß man sie deswegen eben so hoch hält, als diejenigen, welche sich bemühen über Dinge zu vernünffteln, die sie nicht verstehen.
JUNGFER DORCHEN. Meine liebe Schwester, das heisst so viel: daß du lieber mit dem Herrn Liebmann redest, und daß du ihn besser verstehest?
JUNGFER LUISCHEN. Es ist wahr! bedencke aber auch, daß ich meines Vaters Erlaubniß dazu habe; welcher mir befahl, den Liebmann als meinen bestimmten Mann anzusehen.
JUNGFER DORCHEN. Schwachheit!
JUNGFER LUISCHEN. Das kan wohl seyn, meine Schwester; aber du kanst sie mir leichtlich vergeben: Die Eigenschafft mit lauter himmlischen Sachen umzugehen, ist nicht allen Leuten gegeben, so, wie dir.
JUNGFER DORCHEN. Das heisst so viel: Ich könnte gar nicht ans Heyrathen gedencken, wenn ich wolte? O! nein! du irrest dich sehr. Ich halte den Ehestand an sich selbst für keine Schwachheit; sondern das kömmt mir nur nicht billig vor, daß man ihn als eine ernsthaffte und wichtige Sache ansieht, und darüber die Erkänntniß des innern Christenthums aus den Augen setzet.
JUNGFER LUISCHEN. Es ist wahr! die irrdischen Gedancken kommen dir gar nicht in den Sinn. Doch hoffe ich nimmermehr, daß du dir auf den Liebmann einige Rechnung machen wirst.
JUNGFER DORCHEN. Warum nicht? du bildest dir ein wenig zu viel auf deines Vaters Einwilligung ein!
JUNGFER LUISCHEN. Wie! Dorchen? willstu mir den [27]Bräutigam abspänstig machen, den mir mein Vater gegeben hat?
JUNGFER DORCHEN. Das sage ich eben nicht; aber ich verstehe mich wohl. Doch da kommt der Vetter und die Mama. Sie kommen als wie geruffen! Wenn du willst, so wollen wir gehen, und unser Werck zu lesen anfangen.
Vierter Auftritt.
Frau Glaubeleichtin, Herr Wackermann.
HERR WACKERMANN. Nun Jungfer Muhmen! jage ich sie weg?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Lassen sie sie nur gehen: Sie wollen etwas mit einander lesen; sie aber, Herr Bruder, werden mir vielleicht wieder eine Predigt zu halten haben?
HERR WACKERMANN. Ja! Frau Schwester! Ich habe ihnen einen sehr vernünfftigen Vorschlag zu thun; nemlich daß sie ihre Tochter Luise verheyrathen sollen. Ich kan den langen Aufschub einer Sache nicht begreiffen, die schon vor zwey Jahren sollte geschehen seyn.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Ists nicht wohl schon das hundertste mahl, daß sie mir davon sagen?
HERR WACKERMANN. Freylich!
FRAU GLAUBELEICHTIN. Nun? haben sie etwas damit ausgerichtet?
HERR WACKERMANN. Zum Hencker? was sollte ich ausrichten?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Warum geben sie sich denn immer vom neuen die Mühe?
[28]HERR WACKERMANN. Je! warum kan man sie gar nicht überreden?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Warum? was haben sie denn für Recht darzu? sind sie mein Vormund? mein Gevollmächtigter? sie sind doch nichts mehr, als mein Schwager?
HERR WACKERMANN. Das ist freylich wenig genung! Wir wollen aber vernünfftig reden, ohne uns zu ärgern.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Ich? ich sollte mich ärgern? Ach! die Schwachheit der verderbten Natur habe ich längst abgelegt! dem Herrn Scheinfromm sey Danck dafür.
HERR WACKERMANN. Sehr schön! aber mit aller vorgegebenen Sanfftmuth sind sie im Stande die gantze Welt tolle zu machen. Ich muß bekennen, der Herr Scheinfromm bringt ihnen schöne Sachen bey.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Ey, Herr Bruder! seyn sie doch sanfftmüthig und liebreich. Sie hassen den Hrn. Scheinfromm, weil er ein Heiliger ist.
HERR WACKERMANN. Sie irren sich sehr! Ich habe die Tugend jederzeit geehret und geliebet: Aber, wenn ich ihnen die Wahrheit sagen soll, diejenige, so Scheinfromm ausübet, hat mir niemahls gefallen wollen.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Warum denn nicht?
HERR WACKERMANN. Ich will nicht sagen, daß Scheinfromm ein dummer Mensch ist, der nichts weiter als einige heilige Geberden an sich hat. Ich sage nur, daß, seit der Zeit die Frau Schwester ihr Vertrauen auf ihn gesetzt haben, ihr gantzes Haus-Wesen im Verfall geräth. Das Gesinde kriegt keinen Lohn; die Töchter werden nicht versorgt; ihr Haus ist der allgemeine Sammelplatz von [29]den närrischsten Schmieralien und Leuten, die nur in der Stadt sind: Und da sie vormahls auf meinen Rath noch etwas gaben, so geben sie sich jetzo kaum die Mühe, mich anzuhören.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Ey, Herr Bruder! ein wenig Sanfftmuth und Liebe! Sie kennen die wahre Tugend noch sehr schlecht.
HERR WACKERMANN. Es sey drum. Aber kurtz von der Sache zu reden, der arme Liebmann jammert mich. Lassen sie sich doch erbitten, Frau Schwester! Was haben sie davon, zwey junge Leute zu quälen?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Herr Liebmann mag sich quälen, wie er will. Was aber meine Tochter betrifft, so bin ich von ihr eines gantz anderen überführt. Sie kennen sie und ihre Erziehung gewiß sehr schlecht. Das arme Kind denckt viel ans Heyrathen. Behüte GOtt! seit dem sie unsere Schrifften gelesen hat, so beschäfftiget sie sich mit viel ernsthaffteren Sachen.
HERR WACKERMANN. Sie meynen also, die Jungfer Muhme sey mit ihren Zänckereyen so gar beschäfftiget, daß sie darüber das Heyrathen vergisst? Wenn sie das glauben, so kan ich ihnen berichten, daß sie von uns zweyen diejenige Person sind, welche sich irret.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Nun gewiß, sie sind recht halßstarrig! Ich will sie herruffen, damit ich den Herrn Bruder nur überzeuge. Komm her, Luischen! man hat dir was zu sagen.
HERR WACKERMANN. Meinetwegen. Allein erlauben sie ihr auch, ihre Gedancken frey zu sagen: Und, wenn sich die Sache so verhält, wie ich dencke, so willigen sie endlich in unsere Bitte.
[30]FRAU GLAUBELEICHTIN. O! wenn sich die Sache so verhält, so werde ich schon selbst wissen, was zu thun ist.
Fünfter Auftritt.
Frau Glaubeleichtin, Herr Wackermann, Jungfer Luischen.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Luischen! Glaubst du wohl, daß dich hier der Herr Vetter je eher je lieber an den Herrn Liebmann verheyrathet wissen will? Antworte! ich bin gewiß versichert, daß es dir nicht in den Sinn kömmt.
JUNGFER LUISCHEN. Was würde es mir helffen, wenn ich gleich daran gedächte?
FRAU GLAUBELEICHTIN. So denckst du nicht mehr daran?
JUNGFER LUISCHEN. So wenig, als möglich ist.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Nun, Herr Bruder! da sehen sie es.
HERR WACKERMANN. Wie? sehen sie denn nicht, daß sie nur nicht das Hertz hat zu reden?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Mein GOTT! wie eigensinnig sind sie! Luischen! ich sage es dir noch einmahl, und befehle es dir, sage uns deine rechte Meynung.
JUNGFER LUISCHEN. Mama! wenn ich sähe, daß es ihnen ein Ernst wäre, mich zu verheyrathen, so wollte ich ihnen gantz gerne meine rechte Meynung sagen: Da ich aber weiß, daß dieß nicht ist; so ists unnöthig, ihnen meine Gedancken zu entdecken.
[31]HERR WACKERMANN. Nun! da hören sie es.
FRAU GLAUBELEICHTIN. So! so! du bist sehr vorsichtig, wie ich sehe. Erkläre dich, und sage uns deine Meynung.
JUNGFER LUISCHEN. Ich darf nicht.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Wie? du darffst nicht?
JUNGFER LUISCHEN. Nein, Mama! sie möchten böse werden.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Ach! ich verstehe dich nur gar zu wohl, du Raben-Aas! Du willst deine eigene Schande nur nicht bekennen. Der Liebmann ist dir ans Hertze gewachsen. Alle die heiligen Leute, welche bey mir aus und eingehen; alle die Frauen, welche wider die Orthodoxie und für die Gnade so sehr eifern; alle die bedeuten nichts bey dir gegen deinen Liebmann. Das ist der Gegenstand deiner irrdischen Lüste, welche im Hertzen herrschen; das sind die Gedancken, womit du umgehst, an statt, daß du höhern Dingen nachstreben, und die heiligen Bücher, welche man dir in die Hände liefert, geniessen solltest. Hast du wohl schon das geringste in dem Buche gelesen, was ich dir gab?
JUNGFER LUISCHEN. Ja, Mama! aber – – –
FRAU GLAUBELEICHTIN. Nun! was aber?
JUNGFER LUISCHEN. Der blosse Titel des Buchs kömmt mir schon so grob und eifrig vor, daß ich das Werck unmöglich werde lesen können? Und was lerne ich auch daraus?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Was du daraus lernst? du dummes Thier!
HERR WACKERMANN. O schön! das nennt man Sanfftmuth und Liebe!
FRAU GLAUBELEICHTIN. Daraus lernst du, was die [32]Wittenberger für gefährliche und der wahren innern Religion schädliche Leute sind.
HERR WACKERMANN. Gut! das nennt man das Christenthum!
FRAU GLAUBELEICHTIN. Welche die Sittenlehre verderben; die Sitten selbst verkehren, den gantzen innern Menschen zernichten, und die Liebe zu GOtt nicht dulden können.
HERR WACKERMANN. Mein GOtt! was Liebe und Sanfftmuth!
JUNGFER LUISCHEN. Aber liebe Mama – – –
FRAU GLAUBELEICHTIN. Nun?
JUNGFER LUISCHEN. Was brauch ichs, die Orthodoxen zu kennen?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Wie? du ungelerniges Thier? Christus in uns; die Freyheit der Kinder GOttes; die Gesetze der Liebe; der unumstößliche Grund des gantzen Christenthums; die unbefleckte Lauterkeit des Hertzens; ist dir das alles gleich viel?
HERR WACKERMANN. Potz tausend, Frau Schwester! wo nehmen sie alles das schöne Zeug her? das sind ja Wörter, womit man vier Theologische Responsa ausspicken könnte.
JUNGFER LUISCHEN. Behüte mich GOtt dafür, Mama. Ich verehre alles das, als heilige Sachen; aber ich sehe nicht, was ich mich drein zu mischen habe; und ob überhaupt ein Frauenzimmer – – – –
HERR WACKERMANN. Warhafftig, sie hat recht! und wenn ihr wollt, daß sie das alles wissen soll; so müßt ihr sie nach Wittenberg oder Rostock schicken.
FRAU GLAUBELEICHTIN. A ha! Du siehst nicht? dein [33]Liebmann hindert dich ohne Zweifel daran! Nun, es ist schon gut! weil du so gerne verheyrathet seyn willst; so kan es noch eher geschehen, als du denckest; aber nicht mit deinem Liebmann, das berichte ich dir.
JUNGFER LUISCHEN. Ach, Mama!
FRAU GLAUBELEICHTIN. Bekümmere dich nicht! man hat mir einen jungen Menschen vorgeschlagen, der sich viel besser für dich schickt, als Liebmann. ich werde darauf dencken. Itzt kannst du gehen; aber schicke mir Cathrinen her.
JUNGFER LUISCHEN. O mein GOtt! (Geht ab.)
Sechster Auftritt.
Frau Glaubeleichtin, Herr Wackermann, Cathrine.
HERR WACKERMANN. Sie sehen also wohl, daß ich recht habe.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Ja, ich sehe, daß sie sich um meine Sachen ein wenig zu sehr bekümmern: Sie könnten mich mit meinen Kindern nur zu frieden lassen, wenns ihnen beliebt.
HERR WACKERMANN. Wie? soll denn der arme Liebmann gar nichts zu hoffen haben?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Gantz und gar nichts! Cathrine, vergiß nicht den Herrn Scheinfromm zu mir zu bitten.
HERR WACKERMANN. Ist ers vielleicht, der ihnen den jungen Menschen zum Schwieger-Sohne vorgeschlagen hat?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Was geht es ihnen an? Ja, er ists, [34]wenn sie es wissen wollen; geben sie sich nur zu frieden. Ich weiß schon, was ich zu thun habe. Und damit ich sie nur mit einem mahle stumm mache: So kan die Hochzeit vielleicht noch heute vor sich gehen.
HERR WACKERMANN. Ich seh es freylich wohl, daß sie lieber dem Rathe ihrer frommen Brüder folgen wollen, als dem meinigen. Denn deren Eingebungen sind von GOtt; alles, was sie sagen, sind lauter Orakel; die Wahrheit redet nur durch ihren Mund; Wir andere sind alle dumm und närrisch.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Gut, gut! da sind wir auf einer andern Materie. Fahren sie fort, wenn sie belieben; nun will ich ihnen gerne zuhören.
HERR WACKERMANN. In Wahrheit, Frau Schwester! sie haben von ihrer Aufführung schlechte Ehre in der Welt. Sie thäten viel besser, wenn sies wie andere Frauens machten, die sie kennen; welche, ohngeacht sie sehr klug sind, sich dennoch eine Ehre daraus machen, von den Religions-Streitigkeiten nichts zu wissen. Wozu Hencker stecken sie denn immer mit allerley Weibern und Pietisten zusammen, mit welchen sie die Theologischen Facultäten, die Schrifften der Wittenberger und Rostocker, und sonst hundert andere Dinge, davon sie nichts verstehen, verachten oder loben? Was würde doch die Welt sagen, wenn sie sich eben so in die Juristerey mischen wollten, als in die Theologie? Würde man sie nicht auslachen?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Sie müssen uns für sehr dumm halten.
HERR WACKERMANN. Für dumm? Nein! Sie wissen alles, was sie wissen sollen: Nehen, stricken, sticken, und viele [35]andere Sachen, die ihrem Geschlechte zukommen. Sie haben auch Verstand; und ich glaube, daß sie mehr haben, als viele andere Frauen, ja, als viele Männer: Aber von der Theologie wissen sie nichts.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Und warum nicht? Vielleicht weil ich nicht in Rostock studiret habe? Giebt denn der schwarze Priester-Rock und Mantel diese Gelehrsamkeit? Muß man denn so gar gelehrt seyn, um die Geheimnisse und Grund-Sätze der Religion zu wissen? und die Sätze von dem innern Funcken, von der Versenckung der Seelen in GOtt, von der Unmöglichkeit, daß ein Wiedergebohrner sündigen könne, einzusehen? Ach, Herr Bruder! wer die Bücher von unsern Herren gelesen hat, der versteht von der Theologie viel mehr, als sie dencken. Fragen sie nur Cathrinen.
CATHRINE. Ja, gewiß! Ich habe zwar nicht so viel Verstand, als Frau Glaubeleichtin, daß ich die Theologie so gut fassen könnte; aber so viel getraue ich mir doch zu, daß ich ein Advocat beym Hof-Gerichte seyn könnte.
HERR WACKERMANN. Ha! ich sehe, daß sie alle beyde sehr viel verstehen. Aber woher wissen sie, daß das, was sie behaupten, wahr oder falsch sey? Denn darauf kömmts an.
FRAU GLAUBELEICHTIN. Woher ichs weiß? das ist eine artige Frage! Weiß ichs nicht aus Spenern, Taulern, Francken, und Jacob Böhmen, deren Schrifften mir unsere Herren gegeben haben? Cathrine! antworte ihm doch.
CATHRINE. Ey! schämen sie sich doch, Herr Obrister! Sie dencken gewiß, wir sind wie das Orthodoxe Frauenzimmer, welches nichts anders weiß, als den Catechismum und die Gebethe. Uber diese Kleinigkeiten sind [36]wir längstens weg. Hätte ich nur eines von der Frau Glaubeleichtin ihren Büchern hier, so wollte ich ihnen Stellen aufschlagen, daran sie bis Morgen Abend genug zu lesen hätten.
HERR WACKERMANN. Gut! wenn aber eure Herren die Stellen übel auslegen?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Das werden sie mir wohl nimmermehr beweisen.
HERR WACKERMANN. Sie haben Recht. Denn da ich kein so grosser GOttes-Gelehrter bin, als sie; so kan ich sie freylich nicht überzeugen. Aber ich weiß doch, daß eine grosse Menge anderer GOttes-Gelehrten, welche wenigstens eben so geschickt sind, als die ihrigen, dafür halten, daß diese Stellen übel verstanden werden; und mich dünckt, dieß wäre allein genung zu ihrer Überzeugung.
FR. GLAUBELEICHTIN, (spöttisch lächelnd.) Das werden mir schöne GOttes-Gelehrten seyn! Ha! ha! ha! ha! Die schwülstigen rasenden Calovianer etwan?
HERR WACKERMANN. Wie Frau Schwester? Alle unsere GOttes-Gelehrten, alle Theologische Facultäten, unsere Lehrer, unsere Prediger sollten, ausser einer geringen Anzahl Heuchler, schwülstige und rasende Calovianer seyn?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Ey! ey! das waren wieder schöne Leutchen.
CATHRINE. Warum nehmen sie nicht auch den Doctor Luther noch darzu, mit seinem gantzen Anhange? Ho! ho! ho! ho!
FRAU GLAUBELEICHTIN. Cathrine! was sagst du darzu?
CATHRINE. Gewiß, Madame, ich glaube, daß sie alleine [37]zwantzig Orthodoxen GOttes-Gelehrten die Wage halten, und ihre übrigen Freundinnen nach Proportion. Was mich betrifft; so müste es gewiß sehr schlecht seyn, wenn ich nicht wenigstens so gut wäre, als ein halb Dutzend solcher Herren. Wenn wir nun so rechnen wollen; so haben wir die meisten GOttes-Gelehrten auf unserer Seite.
HERR WACKERMANN. Wahrhafftig! ihr seyd alle beyde närrisch! Ich bedaure euch!
FRAU GLAUBELEICHTIN. Ach! wir sind närrisch. Ha! ha! ha! Cathrine, wir sind närrisch! was sagst du doch darzu? Er bedauret uns. Ach Herr Bruder! was wir sagen, das übersteiget ein wenig die Fähigkeit eines Soldaten: Wenigstens müssen sie mit uns keinen Streit anfangen. Wie würden sie nicht erschrecken, wenn sie in unsern Versammlungen manche Frau hören sollten, wenn sie ihre Gedancken von der Reinigkeit der allerersten Kirchen Lehrer, und von der Christlichen Sitten-Lehre ihre Gedancken auslässt. Kommen sie doch nur einmahl herein: Und denn sagen sie, ob wir die Theologie verstehen, oder nicht?
HERR WACKERMANN. Potz tausend! das will ich thun. Die Sache ist sehenswerth, denn sie kömmt nicht ofte vor. Ich will gewiß hinein kommen. Ich wollte zwar in die Comödie gehen; allein ich werde nichts dabey verliehren. Die wackern Orthodoxen werden gewiß von euch nicht verschonet werden; und GOtt weiß, wie es dem armen Fechten und Wernsdorffen gehen wird.
FR. GLAUBELEICHTIN, (fällt in Ohnmacht.) Ach Cathrine! halt mich! Ach! – – – Ach! – – – ich sterbe! – – –
CATHRINE. Zum Hencker! wen haben sie da genennt! Sie [38]hätten lieber den Beelzebub und seine Engel ruffen mögen. Da bleibt mir die arme Frau unter den Händen todt.
HERR WACKERMANN. Wie denn? bey Fechtens und Wernsdorffs Nahmen fällt sie in Ohnmacht?
CATHRINE. Allerdings! Sie thut es allezeit. Diß ist schon das drittemahl.
HERR WACKERMANN. Ja! das weiß ich nicht. Bestreichet sie geschwinde mit Ungarischem Wasser: Da habt ihr welches.
CATHRINE. O! das hilfft gar nichts. Dieß ist ihre Artzeney! Schreyen sie brav mit mir: (Sie schreyt.) Arnold! Petersen! Lange! Gichtel! Francke! Tauler! Gnade! Wiedergebuhrt! Der innere Funcke! Die geistliche Salbung! Zum Hencker! so schreyen sie doch mit.
HERR WACKERMANN. Ich glaube, ihr seyd rasend.
CATHRINE. Nein, nein, mein Herr Obrister; sie werdens sehen, daß sie wieder zu sich kommt. (Sie schreyt:) Die Gnade! der innere Mensch! der heilige Jacob Böhme! Sehn sie! sehn sie! sie erholt sich.
FR. GLAUBELEICHTIN, (richtet sich auf.) Ach, Herr Bruder! ich entschuldige ihre Unwissenheit! Aber hüten sie sich ins künfftige.
HERR WACKERMANN. Ich bitte sie um Verzeihung, Frau Schwester. Ich wuste nicht, daß Werns- – – Potz tausend! bald hätte ich mich wieder verredet.
CATHRINE. Nun! Madame, wie ists?
FRAU GLAUBELEICHTIN. Es wird wohl vergehn. Nun, Herr Bruder! ich erwarte sie in einer halben Stunde in unserer Versammlung. Und du Cathrine schicke zum Herrn Magister Scheinfromm und lasse ihn herbitten. [39]Ich hoffe, er wird mir die Luise zu rechte bringen helffen. (Geht ab.)
HERR WACKERMANN. Ich gehe auf die Post! Man hat mir gesagt, daß von meinem Bruder Briefe an mich wären. Wollte GOtt, daß er mir seine Zurückunfft berichtete! Denn dieß ist ein verlohrnes Hauß, wo er nicht bald wiederkömmt. (Geht ab.)
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