Kitabı oku: «Auch eine Rosine hat noch Saft»
Zeitzeugen
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Auch eine Rosine
hat noch Saft
von
Luise Lunow
oder
80 Jahre zwischen Ost und West, Bomben und Theater
»Einmal am Tag freut man sich,
dass man am Leben ist und noch nicht tot.
Das ist ein unwahrscheinliches Kapital.«
Thomas Bernhard
Inhalt
Kopfüber ins Leben
Es wird dunkel in unserer Stadt
Die Russen kommen
Frieden
Familie
Erna – ein Leben ohne Beine
Der gelbe Stern
Geborgenheit
Ein Spatz, ein Dorf und andere Begebenheiten
Vater
Meine Mutter
Gestörte Träume
Verliebt
Ein Paar rosa Spitzenschuhe
Schock
Kunst im Doppelpack
Pendeln zwischen Ost und West
Riskante Begegnung
Endlich Schauspielerin
Theaterleben
Nach Schwerin ans Staatstheater
Schwierige Zeiten und Neustart
Die Mauer
Gekreuzte Lebenspläne
Neue Erfahrungen
Maxim-Gorki-Theater
Atmosphären
Blick nach drüben
Kontrollierter Urlaub
Fahrrad-Klau in Westberlin
Ferien
Auschwitz
Stahnsdorf
Katzen
Kurioses
Traumwohnung – mit Schönheitsfehler
Leben
Manche Seefahrt, die ist lustig
Harter Entschluss
Abschied
Westberlin
Ankunft
»Wahnsinn«
Neustart
Lehrstunde: Paris
Theater – Theater
Praxis mit Vergangenheit
Publikumsrenner
Kater Moritz
Unheilbar deutsch
Die im Dunkeln sieht man nicht
Drei Fragezeichen und ein Enkelschreck
Fazit
Kopfüber ins Leben
Immer, wenn ich als Kind den Hasensprung durchquerte, einen schmalen Weg, der zwei edle Wohngegenden in Berlin-Grunewald miteinander verbindet, habe ich auf die prachtvollen, parkähnlichen Gärten der Villen rechts und links geschaut, die, durch hohe Zäune gesichert, kaum einen Blick auf die dahinterliegenden Seen freigaben. Ich lief mehrmals wöchentlich nach kurzer S-Bahn-Fahrt zu meiner Tante Alice, die nicht in einem dieser wunderschönen Häuser rund um die Seen wohnte, sondern in einem der kleinen einfachen Siedlungshäuser in der Reinerzstraße, wo es sich in den Gärten voller Apfel- und Kirschbäume, Sträuchern mit Johannisbeeren und vielen bunten Blumen so wunderbar spielen ließ. Mitten im Hasensprung überspannte eine kleine Brücke ein schmales Fließ zwischen Königs- und Dianasee, auf der zwei springende Hasen rechts und links dem Weg seinen Namen gaben.
Nie hätte ich geglaubt, dass ich einmal in einem dieser Häuser am See wohnen würde, und wenn ich heute an meinem Fenster stehe und an sonnigen Tagen die Schwäne auf dem Königssee beobachte, ist dieser Blick fast kitschig schön, beinahe unwirklich und macht mich traurig und glücklich zugleich. In der Großstadt Berlin, nur einen Kilometer vom Ku'damm entfernt, mit so einem Ausblick wohnen zu dürfen, halte ich für ein ganz besonderes Geschenk in meinem Leben, das mir keineswegs in die Wiege gelegt wurde.
Aber – ich bin ein Sonntagskind. Allerdings war es ein Sonntag, der 13., als ich geboren wurde, und so geht es in meinem Leben stets zu, wie auf einer Achterbahn, mal rauf, mal runter und um äußerst gefährliche Kurven. Eben stehe ich noch glücklich in der Sonne, platsch, liege ich in der Pfütze und versuche verzweifelt zu schwimmen. Meine Mutter hat sich während ihrer Schwangerschaft mit mir fast nur von Apfelsinen ernährt und so wurde ich ein Apfelsinenkind, voll südlicher Sonne, heiter, optimistisch und mit großer Lebensfreude. Auch ein bisschen von der kindlichen Naivität ist mir durch all die Jahre erhalten geblieben und der unerschütterliche Glaube an das Unerwartete, das Schöne, das Besondere, das im Leben immer noch kommen könnte …
Schon als Baby im Kinderwagen war ich neugierig auf die Welt und beobachtete mit großen Augen alles, was um mich herum geschah.
Kaum konnte ich laufen, bestand ich darauf, allein zum Bäcker zu gehen und die morgendlichen Schrippen zu holen. Begegnete ich dabei Nachbars Schäferhund, bot ich ihm ein frisches Brötchen aus meiner Tüte an, doch er leckte es nur ab und ließ es fallen, sodass ich es enttäuscht wieder aufhob und zum Frühstück nach Hause brachte.
Geboren wurde ich in Nowawes. Wo das liegt? Zwischen Potsdam und Berlin und es trägt heute den schönen Namen Babelsberg. Friedrich der Große siedelte dort Mitte des 18. Jahrhunderts böhmische Weber mit der Heimatsprache Tschechisch an und nannte es Nowa wes, also »Neues Dorf«. Als kleiner Vorort – dicht angeschmiegt an Potsdam, unmittelbar neben Berlin – trug er fast 200 Jahre bis 1938 diesen Namen und besitzt neben einem prächtigen Rathaus und vielen alten Weberhäuschen einen wunderbaren naturbelassenen Park mit einem verwunschenen Schloss und das berühmte Filmgelände der ehemaligen UFA.
Wir bewohnten dort fernab von allem Glimmer nur eine schmale Stube mit einer nicht beheizbaren Kammer im oberen Stockwerk eines kleinen, zweistöckigen Hauses in der schmalen Gasse Bäckerstraße Nr. 5. Und in dieser Stube erblickte ich das Licht der Welt. Nun ja, von Licht kann man allerdings kaum reden, denn es bestand nur aus einer schwachen Glühbirne, die meine Geburt beleuchtete. Doch ich kämpfte mich tapfer aus dem warmen Bauch meiner Mutter kopfüber hinaus, begrüßte nach stundenlanger harter Arbeit die Welt mit einem hellen Jubelschrei und wurde ihr in die liebevollen Arme gelegt, von denen ich mich zeitlebens gewärmt und beschützt fühlte. Die ersten vier Jahre verbrachte ich in dieser engen, kalten Wohnung im Dachgeschoss, wollte unbedingt in den Kindergarten gleich nebenan, um mit den vielen Kindern zu spielen, packte dort aber bereits am ersten Nachmittag meine Sachen wieder zusammen, nahm meine Mutter an die Hand und sagte fest entschlossen: »Hier gehe ich nie wieder hin, hier ist es doof, hier müssen alle Kinder stillsitzen!« Ich musste auch nicht, denn meine Mutter war wie mein Vater arbeitslos und freute sich darauf, den Tag mit mir verbringen zu können. Es war die Zeit der großen Arbeitslosigkeit und mein Vater, ein gelernter Lackierer, durfte sich wöchentlich ganze fünfzehn Mark für seine Familie von der Stempelstelle abholen. Zwar versuchte meine Mutter unsere Haushaltskasse etwas aufzustocken und ging so oft wie möglich putzen, aber auch das brachte nur wenige Mark ein und half kaum, unsere beständige Geldnot zu verringern.
Doch trotz allem war ich ein gewünschtes, geliebtes und glückliches Kind. Meine Mutter häkelte mir aus bunten Wollresten hübsche Kleider und verwöhnte mich mit ihrer grenzenlosen Liebe. Ihr Schrecken war groß, als ich einmal ausnahmsweise allein auf dem Hof spielte, ein Schwein aus der benachbarten Schlachterei ausbrach und auf mich los stürmte. Ich lief schreiend davon und brach mir beim Hinfallen den Arm. Obwohl ich erst zwei Jahre alt war, kann ich mich noch gut daran erinnern.
Auch den Besuch meiner Großeltern zu dieser Zeit habe ich nicht vergessen. Die Eltern meines Vaters, »Russland-Oma« und »Russland-Opa«, lebten zu dieser Zeit in Moskau und brachten mir wunderschöne rot-golden bemalte Teller aus Holz und Matrjoschkas mit – das waren kleine, ineinandergesteckte Holzpuppen, die lustige Gesichter hatten und jahrelang zu meinem liebsten Spielzeug gehörten. Mein Großvater war 1930 aus der bedrückenden Arbeitslosigkeit einem Angebot aus der noch jungen Sowjetunion gefolgt, die dringend Facharbeiter suchte, und arbeitete dort als Maschinen-Spezialist. Er hatte seine Frau und das jüngste von ihren fünf Kindern, die 17-jährige Tochter Lotte, mitgenommen, ein hübsches, intelligentes, aufgeschlossenes Mädchen, das schnell mit ihm zusammen die russische Sprache erlernte, Arbeit bekam und sich in Moskau bald sehr wohl fühlte. Meiner Großmutter dagegen fiel das Umgewöhnen schwer; sie sperrte sich gegen die fremde Sprache und das ungewohnte Leben, blieb zu Hause, bekam keinen Kontakt zu Nachbarn oder Kollegen und sehnte sich voller Heimweh immer nur nach Deutschland zurück …
Ein schreckliches Unglück beendete wenige Jahre später schneller als geplant den Aufenthalt meiner Großeltern in Moskau. Sie hatten dort eine für damalige Verhältnisse sehr komfortable Wohnung mit Bad und Gas-Durchlauferhitzer. Eines Abends – sie schliefen im Nebenzimmer – hatte Lotte noch gebadet. Die Gasflamme war aber aus irgendeinem Grunde erloschen und während sie badete, strömte das Gas aus; sie wurde bewusstlos und ertrank in der Wanne. Als ihre Eltern sie ein paar Stunden später entdeckten, konnte ihr niemand mehr helfen.
Meine Großeltern hat dieses Unglück völlig aus der Bahn geworfen. Sie kehrten sofort nach Deutschland zurück, obwohl die Nazis inzwischen an der Macht waren und mein Großvater als ehemaliger Stadtverordneter der KPD in Babelsberg unter ständiger Kontrolle stand und sich regelmäßig bei der Polizei melden musste.
Innerhalb weniger Jahre verloren sie auch ihr zweites Kind, ihren Sohn Otto. Er war Anfang 30, charmant, begabt, sehr gut aussehend und äußerst beliebt. Er hatte einen guten Beruf, ging gern aus, verführte hübsche Mädchen und war voller Lebenslust. Plötzlich begann er sich im Wesen zu verändern. Er machte großartige, unsinnige Einkäufe, gab Bestellungen für Dinge auf, die er nie bezahlen konnte. Die unbezahlten Rechnungen stapelten sich, doch er ignorierte sie einfach und war völlig ohne Schuldgefühl. Er machte wertvolle Geschenke an Freundinnen und Freunde – bis eines Tages die Gerichtsvollzieher kamen. Meine Großeltern hatten während der ganzen Zeit verzweifelt versucht ihm zu helfen, aber es war völlig aussichtslos, und so mussten sie ihn schließlich wegen Schizophrenie in die Heilanstalt für Geisteskranke in Brandenburg-Görden einweisen lassen. Sie hofften dabei fest auf seine baldige Rückkehr in ein normales Leben. Aber nur wenige Monate später wurde ihnen die Asche ihres Sohnes übergeben mit der lakonischen Mitteilung, er sei plötzlich an einer »Lungenentzündung« gestorben. Kurz darauf erfuhren sie von einem befreundeten Pfleger, dass er – wie so viele seiner Leidensgenossen – ein Opfer der Euthanasie geworden war, der Massentötung der Nazis von »unwertem« Leben. Seine Asche wurde auf dem dortigen Friedhof beigesetzt. Meine Großmutter und ich haben später oft sein Grab besucht. Bis zum Ende ihres Lebens litt sie darunter, dass es ihr nicht gelungen war, ihre beiden Kinder besser zu beschützen.
Als ich vier Jahre alt war, zogen wir in eine größere Wohnung – zwei Zimmer und Küche, allerdings ohne Bad und die Toilette eine halbe Treppe höher auf dem Außenflur – in der Heinrich-von-Kleist-Straße Nr. 11. Mein Vater hatte in der Lokomotiv-Fabrik Orenstein & Koppel endlich wieder Arbeit als Lackierer gefunden. Wir wohnten nun in einem großen Mietshaus mit vielen Kindern und zwei Aufgängen für 17 Familien. Der rechte Aufgang hatte die größeren und besseren Wohnungen mit Bad und Balkon; wir wohnten in den billigeren Wohnungen im Seitenaufgang links, zweiter Stock. Besitzerin war die alte, sehr strenge Frau Knoop in der ersten Etage im Vorderhaus, vor der wir uns alle fürchteten, die nicht duldete, dass wir Kinder im Hof spielten und streng darauf achtete, dass wir im Treppenhaus ruhig und gesittet die Treppen benutzten, was uns aber – wenn wir uns unbeobachtet fühlten – nicht daran hinderte, die Treppengeländer hinunterzurutschen und dabei einen ohrenbetäubenden Lärm zu veranstalten. Zu ihr trug ich an jedem 1. des Monats die 24,– Mark Miete, die sie würdevoll in unserem Mietbuch quittierte.
Über uns lebte im 3. Stock die noch junge, aber unglaublich dicke Frau Thomas mit ihren beiden Kindern. Sie konnte nur sehr selten ihre Wohnung verlassen, weil sie die vielen Treppen zwar hinunterkam, aber ihren massigen Körper die steilen Treppen nur schwer wieder hinaufschieben konnte. Dabei hatte sie ein sehr hübsches und freundliches Gesicht und einen schlanken, attraktiven Mann, der sie sehr liebte und ihr jeden Weg abnahm, bis er als Soldat eingezogen wurde und sie sich und ihre Kinder selbst versorgen musste. Am Ende des Krieges war sie durch die kärglichen Rationen auf den Lebensmittelkarten und durch die vielen Bombenalarme, bei denen sie gezwungen war, die vier Stockwerke hinunter in den Keller und wieder hinaufzulaufen, gut auf die Hälfte geschrumpft, was sie plötzlich sehr schön machte. Ihr Mann hat das allerdings nicht mehr erlebt; er kam aus dem Krieg nicht zurück.
Daneben wohnte der Milchhändler Sommer mit seiner Frau. Täglich schleppte er die schweren Milchkannen frühmorgens scheppernd durch den schäbigen Hausflur nach oben in den 3. Stock, bevor er sie dann wieder von Wohnung zu Wohnung hinunterbugsierte und die Milch mit Trichter und Messbecher in die bereitgehaltenen Töpfe goss, oft auch das beliebte Leinöl, das zusammen mit Salz und frischen Brötchen noch heute zu meinem Lieblingsessen gehört. Übrigens brachte er auch gleich morgens vom Bäcker die knusprigen Schrippen mit und füllte sie in die an den Türen hängenden Leinenbeutel. Begleitet wurde er dabei immer von seinem Gehilfen Josef, einem leicht debilen, ungepflegten jungen Mann mit strähnigen Haaren, vor dem wir Kinder uns sehr fürchteten. Wenn wir verbotenerweise auf dem Hof spielten, jagte er uns mit seinen gruseligen Grimassen einen so riesigen Schrecken ein, dass wir schreiend auseinanderliefen und uns vor ihm versteckten.
Obwohl kurze Zeit später der Zweite Weltkrieg begann und die Bombennächte kamen, habe ich in diesem Haus eine sehr glückliche und behütete Kindheit verbracht. Von unserer Wohnung blickten wir auf die kleine Straße mit den vielen Rotdorn-Bäumen. Dort spielten wir Kinder Völkerball und Verstecken, liefen zum Baden über die nahen Nuthewiesen zum schmalen, aber mit seiner starken Strömung nicht ungefährlichen Flüsschen Nuthe und nutzten im Winter die überschwemmten Wiesen zum Schlittschuhlaufen. Natürlich hatten wir nicht die entsprechenden Schuhe – ich hatte nur Halbschuhe mit angeschraubten Schlittschuhen, die ich immer wieder verlor –, aber für uns Kinder war das völlig ohne Bedeutung; wir kannten keinen Luxus und fanden unser Leben wunderbar.
Hatte ich Hunger, rief ich: »Mutti, schmeiß mal 'ne Stulle runter!« und Mutti schmierte eine Stulle, wickelte sie in Zeitungspapier und warf sie vom 2. Stock aus dem Fenster.
Ich war ein fröhliches, leicht erziehbares Kind, aufgeschlossen, lernbegierig und neugierig auf alles, was um mich herum geschah. Meine Mutter musste mich nur selten bestrafen und wenn, dann taten es »ein paar hinter die Löffel«, damit ich wieder spurte. Einmal habe ich allerdings eine Tracht Prügel mit dem Teppichklopfer bekommen: Ich war so sechs oder sieben Jahre alt und hatte mit meinen Freunden den ganzen Tag in einem fremden Keller gespielt. Meine Mutter hatte mich stundenlang verzweifelt gesucht und wollte gerade die Polizei einschalten, als ich quietschvergnügt wieder auftauchte. Die Angst und der Frust ließen sie zum Teppichklopfer greifen. Das war die einzige Prügel, die ich wirklich mal bekommen habe, angedroht wurde sie allerdings öfter. Sie hatte aber auch eine nachhaltige Wirkung, denn ich kam später immer zur verabredeten Zeit nach Hause, selbst wenn ich mit meinen Freundinnen zum Tanzen unterwegs war. Ich wusste, dass meine Mutter so lange wach lag, bis sie meinen Schlüssel in der Wohnungstür hörte.
Als ich fünf Jahre alt war, wurde meine Schwester Marianne geboren. Ich freute mich zwar über das neue Baby, aber da ich nicht wie mit eine Puppe mit ihr spielen durfte, erlahmte mein Interesse bald und ich war lieber wieder mit meinen neuen Freunden zusammen. Das blieb auch später so, als wir älter waren. Fünf Jahre Altersunterschied sind schon zu viel, um etwas gemeinsam zu unternehmen. Als ich das erste Mal verliebt war oder tanzen ging, spielte meine Schwester noch mit Puppen. Als sie tanzen ging und ihren ersten Freund hatte, war ich schon ziemlich erwachsen, wohnte in einem eigenen Zimmer bei meinen Großeltern und ging bald in mein erstes Engagement in einer anderen Stadt. So habe ich wenig von ihrer Entwicklung miterlebt. Auch war sie ungeheuer schüchtern und kontaktscheu und wir hatten von Anfang an sehr unterschiedliche Interessen. Während ich schon als Kind Theaterspielen, tanzen, mich verkleiden wollte, war das nicht so ihre Welt; sie war eher sportlich engagiert, spielte mit ihrem Cousin mit Autos oder mit der Eisenbahn, aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich eigentlich viel zu wenig über ihr Leben. Das hat sich auch später kaum verändert. Wir sahen und sehen uns selten und haben nur eine sehr lockere Beziehung, was mich immer wieder traurig macht. Ich hätte mich auch sehr gefreut, wenn sie mal in eine meiner Theatervorstellungen gekommen wäre, aber sie hat trotz unzähliger Einladungen keine einzige meiner Vorstellungen besucht. Warum – das konnte ich bis heute nicht ergründen und nun wird es wohl auch nicht mehr oft die Möglichkeit dazu geben. Wir haben noch nie – außer in oberflächlichen Gesprächen – mal ganz in Ruhe über unser Verhältnis zueinander gesprochen, über eventuelle Verletzungen oder Missverständnisse, die vielleicht schon lange zurückliegen und über die nie geredet wurde. Meine Mutter versuchte immer wieder uns einander näherzubringen, aber leider erfolglos. Seltsamerweise ist unsere Beziehung zueinander nach dem Tod meiner Mutter etwas entspannter geworden. Vielleicht spielt uneingestandene Eifersucht eine Rolle? Ich weiß es nicht und werde es wohl bis zum Ende meines Lebens nicht mehr erfahren. So schrecklich viel Zeit bleibt ja nicht mehr.
Als ich etwa acht Jahre alt war, bin ich mit meiner kleinen Schwester gemeinsam in eine äußerst gefährliche Situation geraten und wäre beinahe ertrunken. Ich war ohne Wissen meiner Mutter mit ihr zum Spielen an die Nuthe gelaufen. Wir warfen eine kleine Puppe immer wieder vom steil abfallenden Ufer ins Wasser und zogen sie anschließend an Land, um sie zu retten. Einmal warf ich sie versehentlich etwas zu weit und beim Angeln nach der Puppe rutschte ich ab und fiel in den Fluss. Er war nicht nur durch seine Strömung gefährlich, sondern auch gleich am Ufer ziemlich tief. Meine 3-jährige Schwester lief weinend am Ufer entlang und drohte ebenfalls in den Fluss zu fallen. Ich konnte zu der Zeit noch nicht schwimmen und wäre sicher ertrunken, hätte uns nicht zufällig eine Frau schon einige Zeit besorgt beobachtet und mich in letzter Sekunde – ich war schon mit dem Kopf unter Wasser – an Land gezogen. Völlig geschockt und ohne mich bei ihr zu bedanken, nahm ich meine Schwester an die Hand und rannte klitschnass nach Hause. Dort kam ich bereits wieder trocken an und erzählte meiner Mutter kein Wort von unserem gefährlichen Erlebnis. Traf ich diese Frau dann später auf der Straße, machte ich einen großen Bogen um sie und würdigte sie keines Blickes. Ich hatte immer Angst, dass sie meiner Mutter davon berichten könnte. Der Vorfall war mir ungeheuer peinlich und ich schämte mich sehr.
Es wird dunkel in unserer Stadt
Der Eckladen in unserem Haus gehörte zu einer Bäckerei. Der Bäcker, Herr Fräßdorf, wurde gleich 1939 zu Anfang des Krieges gegen Polen zur Wehrmacht eingezogen und fiel nach nur wenigen Tagen. Als seine Frau die Todesnachricht erhielt, schwang sie sich sofort aufs Fahrrad, um ihren Schwiegereltern das schreckliche Ereignis mitzuteilen. Es war noch Sommer und sie trug ein weißes Kleid. Eine weinende Frau, ein wehendes weißes Kleid auf dem Fahrrad – so hat sich der Beginn des Krieges bei mir eingeprägt.
Auf einmal wurde unsere Stadt stockdunkel. Um feindlichen Fliegern die Orientierung zu erschweren, musste jeder seine Fenster mit schwarzen Rollos verdunkeln, kein Lichtschimmer durfte abends nach außen dringen, die Straßenlaternen wurden abgeschaltet, Autos mussten mit abgedunkeltem Licht fahren. Ein Blockwart – meist ein älterer Mann mit Parteiabzeichen – kontrollierte streng die Einhaltung dieser Vorschriften! Wer dagegen verstieß, musste mit hohen Strafen, ja sogar mit der Todesstrafe wegen »Feindbegünstigung« rechnen. Kein Wetterbericht verriet mehr die Wetterlage in Deutschland, nichts sollte den feindlichen Bombern ihren Weg weisen. Und große Plakate warnten: »Pst – Feind hört mit – Vorsicht bei jeder Unterhaltung!« Das Leben hatte sich verändert.
Auch mein Vater wurde sofort nach Ausbruch des Krieges zur damaligen Wehrmacht eingezogen und kurz danach an die Front geschickt.
Schon bald bekamen auch wir den Krieg zu spüren. Als die Fliegeralarme begannen, war ich mit unserer Nachbarin Frau Gericke immer die erste, die in den Luftschutzkeller lief. Dieses schreckliche Auf- und Ab-Geheul der Sirenen, das ich noch heute im Ohr habe, machte mir ungeheure Angst; ich musste sofort mit Bauchschmerzen aufs Klo eine halbe Treppe höher im Flur und rannte dann mit meinem Köfferchen und meiner geliebten Puppe Christel im Arm runter in den Keller, den ich sonst furchtsam mied, der immer gruselig und dunkel war und nur bei Alarm eine kleine blaue Notbeleuchtung bekam. Noch heute habe ich den muffigen, modrig-kalten Geruch des Luftschutzkellers in der Nase. Er war, wie in den meisten alten Mietshäusern, nur ganz primitiv mit ein paar Balken abgesteift und wenn uns eine Bombe getroffen hätte, so wären sie sicher zusammengeknickt wie ein paar Streichhölzer. Niemals hätten sie die Trümmer unseres dreistöckigen Hauses abfangen können, doch zur Sicherheit gab es noch einen Durchbruch zum Nebenhaus, der zwar notdürftig zugemauert, aber eine Fluchtmöglichkeit für den Notfall war. Ein weißer Pfeil zeigte von außen, an welcher Stelle des Hauses sich eventuell noch Menschen im Luftschutzkeller befinden. Jeder Hausbewohner hatte im Keller seinen Stuhl, seine Decke – denn es war immer eiskalt in dem unbeheizten Keller –, später sogar noch eine Gasmaske und das wichtigste Stück Handgepäck griffbereit dicht neben sich. Ein Eimer mit Wasser, eine Hacke und ein Beil standen ebenfalls am Eingang. Mit einem kleinen Radio verfolgten wir über Drahtfunk mit angehaltenem Atem den Anflug der englischen oder amerikanischen Bomber und meist hieß es: »Die Bombengeschwader befinden sich über dem Raum Hannover-Braunschweig im Anflug auf Berlin.« Worte, die mich vor Angst fast lähmten, niemand im Keller sprach ein Wort, jeder wartete auf das Brummen der näher kommenden Flugzeuge und das Einsetzen der Flak. Wenn dann die »Weihnachtsbäume« abgeworfen wurden, das waren die Leuchtraketen, die die Ziele für die Bomben sichtbar machen sollten und die Stadt taghell erleuchteten, und der Blockwart selbst im Keller Schutz suchte, der von außen die Lage beobachtet hatte und dafür verantwortlich war, dass jeder rechtzeitig den Luftschutzkeller aufsuchte, dann wussten wir, jetzt geht es los …
Es waren 1940 die ersten Bomben auf Berlin und Potsdam, als in Babelsberg in der Nacht vom 21. zum 22. Juni die Post in der Lindenstraße unmittelbar neben dem Krankenhaus getroffen wurde. Jeden Sonntag pilgerten hunderte Menschen aus der ganzen Umgebung dorthin, um diese erste Bombenruine zu sehen. In der Nacht vom 7. zum 8. August im selben Jahr wurden die Bethlehem-Kirche und auch das kleine Häuschen der Familie Zöllner am Neuendorfer Anger getroffen. Ich kannte die Zwillinge Gerda und Günter gut, denn wir gingen zusammen zum Kindergottesdienst. In dieser Nacht war Fliegeralarm gegeben worden und Frau Zöllner war mit ihren Kindern im Luftschutzkeller ihres Hauses, als sie kurz vor die Tür trat, um zu gucken, ob schon Flugzeuge zu sehen wären. In diesem Augenblick fiel eine Bombe genau auf ihr Haus mit den Kindern. Beide waren sofort tot, die Mutter draußen wurde zur Seite geschleudert, blieb aber fast unverletzt. Ich erinnere mich noch wie heute an die Beerdigung der Kinder. »Gerda, Gerda, komm doch zurück und wenn Du nicht kannst, dann Günter« – gellende, verzweifelte Schreie, bei denen ich mir die Ohren zuhielt und die ich nie vergessen werde.
Einmal, nach einem Bombenangriff am Vormittag, ging ich mit meiner Mutter die Großbeerenstraße hinter dem Bahnhof Drewitz entlang. Dort brannten noch die Reste eines Siedlungshauses, das kurz zuvor eine Bombe getroffen hatte. Die Hälfte des Zimmers im ersten Stock stand noch, eine Uhr hing an der Wand und ein Sofa schwebte halb über der zerstörten Vorderwand. Die Mutter wurde tot aus den Trümmern gezogen, während ihr Baby vom Luftdruck in den Garten geschleudert wurde und wie durch ein Wunder unverletzt überlebte. Kurz darauf begegneten wir der 7-jährigen Tochter mit der Schulmappe auf dem Weg nach Hause. Sie ahnte noch nichts von dem Unheil, das sie erwartete. Eine Nachbarin ging ihr entgegen, um sie behutsam auf das schreckliche Ereignis vorzubereiten.
Meine Tante Alice kriegte in einer einzigen Nacht weiße Haare – sie war erst 35 Jahre alt –, als der Luftschutz- und Splittergraben neben ihrem Siedlungshaus in Grunewald einen Volltreffer bekam. Es war der Splittergraben, in dem sie sich sonst immer während der Alarme aufhielt, nur in dieser Nacht war sie nach einer Geburtstagsfeier bei einer Nachbarin im Nebenbunker. Das rettete ihr das Leben.
Nach dem Angriff half sie mir, all ihre toten, entsetzlich verstümmelten Nachbarn aus dem Schutt zu bergen, mit denen sie noch kurz zuvor gelacht und gefeiert hatte.
Während des Krieges mussten wir mit unserer Schulklasse immer wieder in andere Schulgebäude in Babelsberg oder Potsdam umziehen, wo wir – soweit es die Fliegeralarme zuließen – im Schichtbetrieb unterrichtet wurden. Das hieß, je nach Länge des nächtlichen Fliegeralarms begann der Unterricht bei Alarm bis 23 Uhr normal um 8, bis 24 Uhr um 10 und bei Alarm bis 2 Uhr nachts und länger um 11 Uhr mit verkürzten Unterrichtsstunden.
In den letzten beiden Kriegsjahren wurde dieser Unterricht auch noch fast täglich von Tagesalarmen unterbrochen und wir mussten bereits bei »Voralarm« – das waren drei langgezogene Sirenentöne – die meist etwas entfernter liegenden Luftschutzkeller aufsuchen. In den Wochen vor Kriegsende gab es dann schließlich gar keinen Unterricht mehr, denn wir konnten unsere Keller überhaupt nicht mehr verlassen. Schule war unwichtig geworden, jetzt ging es für uns nur noch ums Überleben. Wir Kinder aus diesen Kriegsjahren werden wohl immer mit einem gewissen Defizit an Schulwissen leben müssen – aber reicher als spätere Generationen sind wir sicher an schmerzhafter Lebenserfahrung.
Ich war mit meiner Klasse ab 1942 in Potsdam in der Schule in der Charlottenstraße untergebracht. Für mich war das ein langer Schulweg, den ich mit der Straßenbahn der Linie 4 von Babelsberg in das noch weitgehend unzerstörte Potsdamer Zentrum zurücklegen musste. Ich fuhr über die Lange Brücke durch die schöne Altstadt, vorbei am Schloss und am Palast Barberini, am Kanal entlang und an der beeindruckenden Nikolaikirche bis zum Wilhelmplatz. Bei Voralarm konnten die nahe wohnenden Schüler schnell nach Hause laufen und dort in den Keller gehen, ich aber musste mit anderen in den großen Bunker am Wilhelmplatz. Dort saßen wir verängstigt dicht an dicht in dem völlig überfüllten Luftschutzraum. Noch heute habe ich das durchdringende, fast drohende Heulen der Alarmsirenen nicht vergessen, das dunkle Röhren der anfliegenden Bomber und dazu das ununterbrochene Hämmern der Flak. Uns wurde immer gesagt, wenn du die Bombe heranheulen hörst, dann trifft sie dich nicht. Wie oft haben wir dieses pfeifende Geräusch gehört, den Kopf eingezogen, die Ohren zugehalten und uns auf den Boden geduckt. Dann krachten die Einschläge, der Boden bebte und schwankte wie auf hoher See, die Wände wackelten und wir kannten nur noch ein Gefühl – entsetzliche, hilflose Angst! Jeden Tag Alarme, jeden Tag Bomben und jeden Tag wieder diese Angst – und trotzdem lachten und spielten wir in der Zeit dazwischen, lärmten und zankten uns, streiften durch Ruinen, suchten Bombensplitter als Talisman und waren immer unausgeschlafen.
Ich erinnere mich noch genau an den 14. April 1945, wenige Tage vor Kriegsende, als ein Luftangriff die alte Garnisonstadt Potsdam zerstörte. Es war ein sonniger und schon warmer Frühlingstag und wir sehnten uns danach, endlich wieder draußen spielen zu dürfen, über die Wiesen zu laufen und ohne Angst vor Fliegeralarm und Bomben in der Nacht schlafen zu können. Aber kurz nach 22 Uhr heulten wieder mal die Sirenen und um 22.39 Uhr begann der große Angriff auf die wunderschöne Stadt Potsdam mit all ihren unersetzlichen Kulturdenkmälern. Innerhalb von nur 20 Minuten luden 724 Flugzeuge der Royal Air Force 1752 Tonnen Spreng- und Brandbomben über der Stadt ab.
Unser Haus wogte in Wellen auf und ab, wir lagen auf der Erde, die Decke über den Kopf gezogen, Frau Sommer schrie: »meine Betten, meine Betten!!«, die Schornsteinklappe flog auf, Ruß und Staub drangen heraus, Putz fiel von Decken und Wänden, wir erstickten fast, drückten feuchte Tücher auf unser Gesicht, meine Mutter hielt meine Schwester und mich eng umschlungen, wir alle erwarteten jeden Augenblick das schreckliche Ende. Unerträglich lange erschien uns die Zeit bis die tödlichen Geräusche verebbten und Stille eintrat, Entwarnung … Zitternd schlichen wir vorsichtig aus dem Keller, traten auf der Treppe über zerborstene Fensterscheiben, Kalk und Putz, und waren doch glücklich, dass unser Haus den Angriff überstanden hatte und wir unsere Wohnung im zweiten Stock erreichten. Aus unserem Fenster, das keine Scheiben mehr hatte, sahen wir entsetzt auf die brennende Stadt Potsdam. Qualm und Hitze drangen uns ins Gesicht, wir hörten das knisternde Rauschen der Flammen und dazwischen ständige Explosionen. Alles roch nach Brand und Rauch, grauer Trümmernebel biss uns in Augen, Nase und Mund und machte das Atmen schwer. Aber wir lebten. Mehrere meiner Mitschülerinnen sind bei diesem schrecklichen Angriff ums Leben gekommen, von Trümmern erschlagen und erstickt oder verbrannt von Phosphorbomben.
Am nächsten Tag war Potsdam nicht mehr wiederzuerkennen. Die ganze Innen- und Vorstadt war zerstört, die Straßen, durch die ich jeden Tag mit der Straßenbahn zur Schule gefahren war, gab es nicht mehr, das Schloss, den Palast Barberini, das beliebte Café, das schöne alte Theater, in dem ich jedes Jahr das Weihnachtsmärchen gesehen hatte, die Kirchen, alle Häuser am Kanal und am Wilhelmplatz – nur noch rauchende Trümmer. An ausgebrannten Fassaden, die wie schwarze Skelette in den Himmel ragten, standen oft mit Kreide erste Nachrichten: Wir leben Inge, Heinz und Gabi. Oder: Oma Ursel, wo bist Du? Melde Dich, wenn Du lebst – Zeichen für die verzweifelt suchenden Angehörigen.
Wir liefen vorbei an der zerstörten ehemaligen Tuchfabrik Pitsch in der Wichertsraße in Babelsberg mit den Baracken für die französischen Zwangsarbeiter. Ihnen, wie allen ausländischen Zwangsarbeitern, war es streng verboten, die schützenden Luftschutzkeller aufzusuchen. Jetzt waren die Gebäude zerstört, alles war durch Phosphorbomben verbrannt und überall lagen verkohlte Menschen herum. Sie waren nur noch so groß wie Puppen …
Mitten im Krieg – etwa 1942 – kam ein Mädchen in unsere Klasse; sie war genauso alt wie wir, wirkte aber viel älter, war voll entwickelt, größer und kräftiger als wir und – hatte eine dunkle Hautfarbe. Sie hatte lange schwarze, glatte Haare und wir nannten sie liebevoll Negerbaby. Sie hieß Helga Schulze und kam mit ihren Eltern aus Brasilien. Ihr Vater hatte dort in der deutschen Botschaft gearbeitet. Sie sprach ein völlig akzentfreies Deutsch und wurde in unserer Klasse trotz ihres exotischen Aussehen sofort voll angenommen – was zu dieser Zeit weitaus ungewöhnlicher war als heute. Sie war sehr beliebt und auch unsere Lehrer begegneten ihr mir großer Freundlichkeit. Etwa zwei Jahre blieb sie bei uns, dann war sie plötzlich weg. Niemand sagte uns, wo sie geblieben war, es hieß, sie sei weggezogen … Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.
Die ständigen Fliegeralarme hatten mich doch mehr belastet, als meine Eltern zunächst annahmen, besonders nachdem eine schwere Luftmine in unserer unmittelbaren Nähe im Barberow-Weg einschlug und auch drei meiner Spielgefährten unter den Trümmern ihrer Häuser erschlagen wurden. Ich schrie regelmäßig nachts auf und erwachte schweißgebadet und zitternd. Als ich kurz darauf an hohem Fieber erkrankte und meine Mutter für nur wenige Minuten die Wohnung verließ, um einzukaufen, fand sie nach ihrer Rückkehr ein Chaos in unserem Wohnzimmer vor. Ich hatte in Angst- und Fieberträumen alle Stühle auf unserem Wohnzimmertisch zerschlagen und schlief erschöpft auf der Erde. Ich konnte mich später erinnern, dass ich schreiend und in Panik auf ein schwarzes Loch, in das ich hineinzustürzen drohte, verzweifelt eingeschlagen habe. Meine Mutter zog unseren Hausarzt zu Rate, der ihr dringend empfahl mich in ein Gebiet zu bringen, das nicht durch Bombenangriffe belastet war. Und so wurde ich meiner Schulklasse hinterhergeschickt, die gerade zwei Wochen zuvor nach Neu-Schleffin an der pommerschen Ostseeküste evakuiert worden war und zu der meine Eltern für mich noch ihr Einverständnis verweigert hatten. Wegen der Bombengefahr fuhren die Züge mit den Kindertransporten fast immer nachts los. Es war für mich eine schreckliche Fahrt, so mitten in der Nacht mit Schülern einer fremden Schule und einem Schild um den Hals von Umsteigestation zu Umsteigestation geschleust zu werden, bis mich eine Helferin dann noch bei Dunkelheit in der kleinen Ferienvilla Haus Erika ablieferte, in der sich meine Klasse schon seit zwei Wochen befand. Man brachte mich in ein Zimmer mit drei anderen Mädchen, die am Morgen voller Staunen eine fest schlafende Mitbewohnerin vorfanden. Ich hatte keine Schwierigkeit, mich in der neuen, friedlichen Umgebung einzugewöhnen, und fand mein seelisches Gleichgewicht in kurzer Zeit wieder. Meine Albträume verschwanden, und endlich konnte ich ein normales Leben ohne nächtliche Fliegeralarme führen. Wir hatten vormittags im sonnigen Wintergarten Schulunterricht, nach dem Mittagessen wurden die Hausaufgaben erledigt und dann ging es an den Strand oder wir machten Spiele mit Traudl und Ruth, Studentinnen, die uns betreuten und die wir sehr liebten. Unsere Lehrer kochten für uns und jeder von uns hatte seine Aufgaben, die alle drei Tage wechselten, vom Küchendienst und Servierdienst bis zur Reinigung der Zimmer. Wir lebten wie eine große Familie und endlich wieder wie normale Kinder ohne ständige Bombenangst. Nach dem halben Jahr an der Ostsee sollte es im Winterhalbjahr eigentlich weiter in ein anderes Lager in den Karpaten gehen. Aber glücklicherweise kam diese Reise nicht mehr zu Stande, denn die Front im Osten rückte nun langsam näher und wir wären vielleicht in den letzten Kriegswirren nicht mehr nach Hause zurückgekommen. So wurden wir im Herbst wieder nach Berlin gebracht, mitten hinein in die Bombennächte.
Auch der Weg zu meiner Tante in Grunewald wurde nun von immer mehr Ruinen gesäumt, viele der wunderschönen alten Villen waren von Bomben zerstört, die Gärten waren ungepflegt und verwildert, so auch die Villa Hettlage gegenüber den Siedlungshäusern, in denen meine Tante wohnte und in deren Garten ich oft mit den Kindern gespielt hatte.
Die Russen kommen
Der harte Winter 1942/43 hatte die Wende im Russland-Krieg mit den Kämpfen um Stalingrad und im Februar 1943 mit dem Fall von Stalingrad und dem Tod oder der Gefangenschaft von hunderttausenden deutscher Soldaten gebracht. Ich erinnere mich an den Tag, als die Nachricht von der Niederlage bei Stalingrad kam und unsere Musiklehrerin Frau Lorenz während des Unterrichts weinend vor unserer Klasse stand; sie hatte gerade die Nachricht erhalten, dass ihr einziger Sohn vor Stalingrad gefallen war.
1945 kam die Front nun unaufhaltsam näher, die Fähnchen auf unserer Landkarte, die den Verlauf der Front anzeigten, rückten täglich ein Stückchen weiter in Richtung Berlin. Ab Januar zogen bei eisiger Kälte wochenlang endlose Trecks mit Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten, aus Ostpreußen oder Westpreußen, aus Pommern und Schlesien durch unsere Stadt, meist zu Fuß mit Kinder- oder Handwagen, vollgepackt mit dem Wenigen, was sie retten und tragen konnten. Die nicht mehr gehfähigen Großeltern und kleineren Kinder saßen oben auf den völlig überfüllten Wagen, die oft genug die Last nicht mehr aushielten und zusammenbrachen. Meist endete ihr Weg am Abend in einer unserer Schulen oder Turnhallen. Wir Kinder sahen voller Staunen auf die erschöpften, ausgehungerten und völlig übermüdeten Menschen, die dann auf Pritschen oder sogar auf der Erde liegend froh waren, sich wenigstens für ein paar Stunden ausruhen zu dürfen, und für die wir zuvor stundenlang Brote geschmiert hatten, bevor sie am nächsten Morgen weiter ins Ungewisse ziehen mussten. Nur wenige hatten das Glück noch irgendwo in einer Wohnung unterzukommen, meist mit der ganzen Familie in einem einzigen Zimmer, aber sie hatten erst einmal ein Dach über dem Kopf und mussten nicht weiter. Alle Einwohner waren bereit zu helfen und rückten enger zusammen, nur der Pfarrer unseres Ortes, der immer so von Nächstenliebe gesprochen hatte, weigerte sich, in seinem Einfamilienhaus Flüchtlinge aufzunehmen. Das konnte niemand verstehen …
Eines Tages hieß es, die Russen sind kurz vor Berlin, aber drei Ausflugsschiffe stehen in Potsdam bereit, um Frauen und Kinder über die Havel nach Brandenburg und weiter Richtung Westen zu bringen. Meine Mutter wollte in Panik sofort mit uns Kindern weg, aber meine Großeltern haben sie angefleht, kein Risiko einzugehen und zu bleiben. Welches Glück für uns, denn alle drei Schiffe wurden bombardiert und sind mit den vielen Flüchtlingen an Bord untergegangen.
Ab Januar '45 wurden die Fliegeralarme zum Daueralarm und wir lebten nur noch notdürftig versorgt Tag und Nacht im Keller. Wir hatten alle schreckliche Angst vor den Russen und haben tagelang im Radio die furchterregenden Nachrichten über die näher rückende Front gehört. Das Wummern der Geschütze in unserer unmittelbaren Nähe wurde immer lauter und hörte bald gar nicht mehr auf. Alle noch verfügbaren Männer – oft noch halbe Kinder von 15/16 Jahren und alte Männer – wurden zum letzten Aufgebot, dem Volkssturm, eingezogen. Schon zuvor wurden die Jungen von der Schule weggeholt und mussten als Flakhelfer die Fliegerabwehrkanonen bedienen helfen, die überall auf den Dächern standen und die bevorzugtes Ziel für Tiefflieger und Bomben waren. Zum Entsetzen der zurückbleibenden Frauen und Mütter wurden sie nun – kaum ausgebildet – mit Panzerfäusten ausgerüstet, sollten Panzersperren errichten und wurden in den Kampf geschickt. Wer sich entziehen wollte, wurde unweigerlich erschossen oder noch in letzter Minute aufgehängt mit einem Schild um den Hals »Ich bin ein Feigling«.
Noch heute erinnert eine Tafel am Berliner Bahnhof Friedrichstraße an zwei junge Soldaten, die unmittelbar vor Kriegsende wegen ihrer »Feigheit« von fanatischen SS- Leuten aufgehängt wurden.
In Schwerin gehe ich bei jedem Besuch zum großen Bahnhofsvorplatz mit der Laterne, an der am 2. Mai 1945, wenige Tage vor Ende des Krieges, die junge Lehrerin Marianne Grunthal für ihre Worte nach Hitlers Tod »Gott sei Dank, dann gibt es Frieden« von entmenschten SS-Leuten aufgehängt wurde. Der Platz trägt heute ihren Namen.
Eines Tages im Frühling vernahmen wir entsetzt die seltsam vibrierenden, singenden Geräusche von Panzern, die immer näher kamen, und dann hieß es plötzlich, die Russen sind bereits am Stadtrand, aber Babelsberg soll kampflos übergeben werden. Es war der 25. April 1945 und der Ring um Berlin war geschlossen worden, vereinzelt liefen noch deutsche Soldaten durch die Straßen, aber die Frauen riefen ihnen zu: »Nicht mehr schießen, nicht mehr schießen!« – schon hingen die ersten weißen Betttücher aus den Fenstern, doch immer wieder wurde aufgeregt gewarnt: »Nehmt die Tücher weg, sonst werdet Ihr aufgehängt!!« …
Dann: Schlagartig Stille. Es war fast kurios: Wir alle – Kinder, Frauen, alte Leute – laufen in dieser höchst gefährlichen Situation aus den Kellern auf die Straße, stehen links und rechts an der mitten durch den Ort führenden Großbeerenstraße und hören die Schreckensnachricht: Die Russen sind schon am Ortseingang!
Es ist unglaublich, aber alle bleiben an der Straße stehen, auch ich stehe mit meiner Mutter und meiner kleinen Schwester am Straßenrand, doch alle hatten wahnsinnige Angst, es könnte noch irgendein Fanatiker aus einem Fenster schießen oder eine Handgranate werfen und damit einen Häuserkampf provozieren.
Plötzlich – kilometerweit zu sehen – ein russischer Soldat – er läuft mit schussbereiter Maschinenpistole mitten auf dem Damm aus Richtung Drewitz kommend an uns vorbei die Großbeerenstraße entlang, gefolgt von einem Offizier auf einem Motorrad und einem Panzer mit oben aufsitzenden Soldaten mit Maschinenpistolen.
Noch heute unvorstellbar: Wir stehen in dieser gefährlichen Situation wie versteinert am Straßenrand, keiner sagt ein Wort, niemand schießt – Babelsberg ist tatsächlich ohne Kampf übergeben worden.
Danach kam die kämpfende Truppe der russischen Soldaten. Wir hatten große Angst vor den doch sehr fremdartig und meist recht furchterregend aussehenden Männern, denen schreckliche Geschichten vorauseilten, und versteckten uns zitternd im Keller. Sie durchkämmten mit der Maschinenpistole in den Händen die Häuser auf der Suche nach deutschen Soldaten und wir hatten großes Glück; in unserem Haus wurde niemand verletzt, niemand vergewaltigt, nur einige Uhren wurden mitgenommen. Im Hause meiner Großeltern aber wurde die dort lebende Nichte ihrer Nachbarn, die 16-jährige, mit ihren langen dunklen Haaren bildhübsche Ellen von russischen Soldaten mitgenommen und, als sie zu fliehen versuchte, auf der Straße erschossen.
Auf unseren Nuthewiesen stellten die Russen ihre berüchtigten Stalinorgeln mit ihrem unerträglich pfeifend, sirenenhaft singenden Geheul auf und dann schickten sie Tag und Nacht ihre Raketen auf die Stadt Potsdam, die noch von deutschen Soldaten verteidigt wurde, und von dort schoss die deutsche Artillerie ihre Granaten zurück. Wir saßen weiter völlig verängstigt im Keller. Kurz darauf wurde von deutschen Soldaten die Lange Brücke gesprengt, um den russischen Truppen den Weg nach Potsdam zu erschweren. Sie war die wichtigste Verbindung über die Havel von Babelsberg nach Potsdam und zu dieser Zeit war sie voll mit Menschen, die vor den Russen flüchteten wollten. Ohne Rücksicht auf die dort laufenden Frauen und Kinder wurde sie einfach in die Luft gejagt. Auch eine Klassenkameradin von mir kam dabei ums Leben.
In den kurzen Feuerpausen stellten wir uns beim Bäcker nach Brot an, immer voller Angst von einer Granate getroffen zu werden. Kaum ging der Beschuss wieder los, stob die ganze Warteschlange auseinander und jeder suchte Schutz in einem nahen Keller. Es war ein verrücktes Leben, aber immer mit der großen Hoffnung, bald ist alles vorüber, bald ist Frieden.
Ein paar Tage später wurde das zerstörte Potsdam von den Russen eingenommen. Aber immer wieder wurden Parolen verbreitet »Der Werwolf kommt zurück, nehmt Eure weißen Tücher von den Fenstern, sonst erschießen sie Euch«. Der Werwolf, das waren fanatische deutsche Soldaten, die nach dem Einzug der Russen Angst und Schrecken unter der Bevölkerung verbreiteten, weil sie androhten jeden zu erschießen, der sich den russischen Truppen ergibt. Auch wir in unserem Haus hatten Angst – aber vor allem vor den russischen Soldaten. Wir schlossen das große Hoftor ab und versteckten alles Wertvollere, was wir noch besaßen, im Keller unter Kohlen oder hinter Bretterwänden, u.a. auch mein Akkordeon, das die ersten durchziehenden Soldaten schon sehr aufmerksam betrachtet hatten, aber als kämpfende Truppe nicht mitnehmen konnten. Eines Tages wummerten wieder Soldaten an das Tor und brüllten, dass wir aufmachen sollten. Nach längerem Herauszögern öffnete ein älterer Mann aus unserem Haus das Tor, worauf sie hereinstürmten und »Akkordeon, Akkordeon« riefen.
Meine Mutter hatte unser Akkordeon zwar inzwischen gut versteckt, aber aus Angst gab sie es gleich heraus und sie zogen glücklich mit ihrer Beute ab. Akkordeons waren bei den russischen Soldaten äußerst beliebt und man hört sie überall bei ihren Siegesfeiern auf der Straße.
Frieden
Bis zum 2. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation, gingen die Kämpfe in unserer näheren Umgebung weiter. Dann war plötzlich Ruhe – kein Geschützdonner mehr, keine Bomben – es ging wie ein Lauffeuer durch die Straßen – es ist Frieden. Keine Glücksschreie, kein Freudentaumel, nur grenzenlose Erschöpfung und Dankbarkeit bei uns, dass wir alles lebend überstanden hatten. Von den russischen Soldaten drangen Freudengesänge, Lachen und Ziehharmonika-Klänge zu uns herüber. Sie waren in einem regelrechten Glücksrausch der Sieger.
Wir krochen endlich aus den Kellern, in denen wir viele Monate fast ausschließlich auf provisorischen Liegen gelebt hatten, zurück in unsere Wohnungen.
Alles war dort sehr ungemütlich: Die Möbel und unsere Betten waren mit Decken und Tüchern gegen die Splitter abgedeckt, alles Entbehrliche wie Geschirr, Wäsche und Kleidung war in den Keller gebracht worden und es gab weder Wasser noch elektrisches Licht. Obwohl die Fenster mit Pappe vernagelt waren, weil alle Scheiben vom Luftdruck der Bomben und Granaten zerborsten waren und überall abgefallener Putz von den Decken und Wänden herumlag, waren wir glücklich, dass unser Haus noch stand, und begannen langsam unser Leben zu normalisieren. Kerzen ersetzten die Lampen und endlich konnten wir uns auch wieder waschen. Weil die Wasserleitungen noch nicht funktionierten, holten wir das Wasser in Eimern von einer Pumpe auf der Straße, vor der wir stundenlang anstanden. Aber nun gab es keine Bombennächte mehr und ich konnte das erste Mal nach Jahren wieder durchschlafen und mich zum Schlafen ausziehen, denn in den letzten Jahren musste ich immer angezogen ins Bett gehen, um bei Fliegeralarm keine Zeit zu verlieren und ganz schnell in den Keller zu kommen.
Ich erinnere mich an meine Geburtstage in der Kriegszeit. Meine Mutter schaffte es immer, uns Kindern trotz der sehr eingeschränkten Lebensmittelzuteilungen eine Geburtstagstorte zu backen. Die stand dann nachts, wenn die Sirenen heulten, schon auf dem Geburtstagstisch – einmal sogar mit Apfelsinen aus der Sonderzuteilung für die schweren Alarme – und wir schleppten sie mit in den Luftschutzkeller, aus Angst, sie könnte von den Bomben getroffen werden.
Wir Kinder eroberten uns nun vorsichtig wieder unsere Wiesen, kletterten waghalsig über die verrosteten Eisenträger der zerstörten Nuthebrücke und sahen mit Entsetzen die vielen Leichen und toten Tiere, die flussabwärts trieben und sich an der Brücke stauten.
Jetzt war der Krieg vorbei, aber der Hunger war groß und wir mussten sehen, wo wir was zu essen herbekamen. Wenn es hieß, heute gibt es beim Bäcker Brot, dann standen wir oft viele Stunden in einer langen Schlange, um ein halbes Brot zu ergattern. Die Brote wurden meist noch geteilt, damit möglichst viele in der Warteschlange etwas abbekamen. Oft waren sie dann noch ganz klitschig, das heißt innen nass, weil sie nicht richtig durchgebacken wurden, doch wir haben sie mit Heißhunger gegessen, auch wenn uns danach schlecht wurde. Mit dem Zentimetermaß haben wir zu Hause abgemessen, wie viel jeder in der Familie vom Brot abbekommen konnte, und wir hungrigen Kinder wurden dabei immer etwas besser bedacht als Mutter oder Großeltern. Doch wie oft war es ausverkauft, wenn wir an der Reihe waren, und wir mussten hungrig nach Hause gehen …
Alles war zerstört, viele Fabriken brannten. Aber es waren auch Lager mit Lebensmitteln darunter und so holten wir aus einer halb ausgebrannten Mühle in der Babelsberger Straße unter Lebensgefahr einen halben Sack Mehl und ein paar Tüten Zucker und mein Großvater ergatterte eine kleine Kiste Margarine. Natürlich waren überall noch die Plakate, dass Plündern unter Todesstrafe verboten sei, aber es gab nur die Alternative zu verhungern oder zu plündern. In der Nähe vom Brauhausberg brannte eine Fabrik mit jeder Menge Büchsen mit Fleisch, Gemüse, Obst, Marmelade und Suppen. Meine Mutter, meine Tante Alice, mein Cousin Hans-Joachim und ich liefen mit einem Handwagen dorthin; wir kletterten über Schutt in die noch brennende Fabrik, stiegen über die heißen Büchsen hinweg, die unentwegt kochend zerknallten, verbrannten uns die Hände, aber luden trotzdem, so viel wir tragen konnten, auf unseren Wagen. Meine Mutter und meine Tante stellten uns Kinder dann mit dem gefüllten Handwagen etwas seitlich ab, um noch weitere Lebensmittel zu holen, als mein Cousin und ich durch eine Detonation zur Erde geschleudert wurden. Ein Junge hatte ganz in der Nähe von uns mit der überall herumliegenden Munition gespielt. Sie war explodiert und hatte ihn schwer verletzt. Wir sahen entsetzt, wie er schreiend mit großen Brandverletzungen im Gesicht, an Armen und Beinen auf einen Handwagen geladen und weggefahren wurde. Es ist für mich heute noch unfassbar, wie wir Kriegskinder mit der unmittelbaren Gefahr umgingen, in brennende, explodierende Fabriken kletterten und unsere Mütter, die immer so besorgt um uns waren, das als selbstverständlich duldeten.
Übrigens war meine Tante Alice eine sehr couragierte Frau. Sie hat bei aller Gefahr im Krieg den kriegsgefangenen Russen durch den Zaun oft Brot und andere Lebensmittel zugesteckt und die haben ihr dann aus Dankbarkeit selbstgefertigte Taschen aus Stroh geschenkt. Einmal hab ich auch eine davon bekommen, wobei mir eingeschärft wurde, mit niemandem darüber zu sprechen.
Mit ihr bin ich unmittelbar nach den Kriegshandlungen nach Potsdam gelaufen, um Brot zu besorgen. Neben der zerstörten Langen Brücke hatten die Russen ein Brücken-Provisorium über die Havel aufgebaut. Überall auf der Straße lagen erschossene Pferde mit aufgeblähten Kadavern, die in der Mai-Hitze jeden Augenblick zu zerplatzen drohten, und an der Ecke, wo das zerstörte Schloss begann, lag mitten auf dem Weg ein junger toter Soldat; er lag da wie im Schlaf, ohne sichtbare Verletzungen, und die Menschen liefen einfach vorbei. Ich musste immer wieder hinsehen und konnte es nicht fassen, dass sich niemand um ihn kümmerte, niemand deckte ihn zu, niemand begrub ihn. Sein Gesicht hat sich mir eingeprägt.
Am nächsten Tag war ich mit meiner Tante im Wald von Steinstücken, wo zuvor die letzten großen Kämpfe zwischen den deutschen und den russischen Soldaten stattgefunden hatten. Das war äußerst gefährlich, denn überall lag Munition herum und wir hätten von russischen Soldaten entdeckt, erschossen oder vergewaltigt werden können. Doch wir begegneten keinem lebenden Menschen. Die Russen hatten ihre Toten bereits weggeschafft, aber überall in den Unterständen, oft noch an Geräten sitzend, in Gräben und davor, lagen die toten deutschen Soldaten. Es waren hunderte. Sie hat ihnen die Erkennungsmarken abgenommen und an eine Sammelstelle gegeben. Wir waren ganz allein dort zwischen den Toten und den Spuren einer der letzten Kämpfe rund um Berlin. Eindrücke, die ich nicht vergessen kann.
Kurze Zeit später wurde im damaligen Ufa-Stadt, einem Teil von Babelsberg, wo die Filmateliers standen und viele der Stars wohnten, ein großer Teil der Villen von den Russen beschlagnahmt. Die Bewohner mussten ihre Häuser sofort ohne Mitnahme ihres Eigentums verlassen und das ganze Gebiet wurde danach weiträumig eingezäunt. Tagelang fuhren russische Lastwagen vollgeladen mit Büchern, Einrichtungsgegenständen und Kleidung in den Wald von Steinstücken und luden dort den Inhalt der Häuser ab. Nur wenige wussten davon und kaum jemand traute sich damals aus Angst vor den russischen Soldaten in den Wald, um von den Sachen etwas für sich nach Hause zu holen, denn Schilder in russischer und deutscher Sprache untersagten das »Plündern« mit der Androhung »Wer plündert, wird erschossen«.
Auch das Haus, in dem meine Großeltern in Babelsberg lebten, wurde zu dieser Zeit von den Russen beschlagnahmt und sie mussten ihre Wohnung nur mit etwas Handgepäck sofort verlassen. Ihre Nachbarin, Frau Richter, wollte noch ihr Silber retten und in den Keller tragen und wurde dabei auf der Kellertreppe erschossen. In das Haus zogen russische Offiziere mit ihren Frauen ein. Nur wenige Wochen später wurde ein Teil der Wohnungen wieder frei gegeben und meine Großeltern konnten in ihre alte Wohnung zurück.
In der Nebenwohnung lebte noch die russische Offiziersfamilie Besarab mit ihrem wenige Monate alten Sohn Wladimir. Da ich sehr kinderlieb war, habe ich nur kurz nach Beendigung des Krieges das russische Baby spazieren gefahren und einen sehr freundschaftlichen Kontakt zu den Eltern gehabt. Sie luden mich ein, gaben mir von ihrer Offiziersverpflegung zu essen und wir konnten uns sogar verständigen, denn sie hatten in der Schule ein wenig Deutsch gelernt. Als sie nach einiger Zeit in eine andere Stadt versetzt wurden, musste ich wieder Abschied nehmen von meinem kleinen Freund Wladimir und von liebenswerten Menschen, die noch wenige Monate zuvor meine Feinde waren.
Familie
Wir waren eine große, harmonische Familie – meine Großeltern mütterlicherseits, ihre beiden Töchter Alice und Hertha, ihr Sohn Berthold und die fünf Enkelkinder, von denen ich die älteste war, sowie die Schwiegersöhne Alfred und Fritz und die Schwiegertochter Anni. Wir kamen zu jedem Fest, zu jedem Geburtstag bei den Großeltern zusammen. Frisch gebadet und in unseren Sonntagskleidern feierten wir den Heiligabend gemeinsam und hatten Spaß am Respekt gebietenden Weihnachtsmann, den jahrelang meine Mutter Hertha spielte, die immer gerade dann noch ein paar Besorgungen machen musste, wenn in der Zwischenzeit der Weihnachtsmann erschien. Alle haben wir brav unsere Gedichte aufgesagt und gemeinsam Weihnachtslieder gesungen und auch später, als wir wussten wer der Weihnachtsmann war, haben wir dieses Spiel mitgemacht, weil es so aufregend war und erst die richtige Weihnachtsstimmung verbreitete.
Selbst in der Kriegs- und Nachkriegszeit gab es – woher auch immer – Mohnpiel, unser traditionelles Gericht aus geriebenem Mohn, eingeweichten Brötchen, Milch, Rosinen, Zucker und Nüssen. Eine große Reibesatte stand extra dafür bereit und in ihr wurde der Mohn stundenlang mit einer dicken Keule »weichgerieben«. Ich weiß nicht, wie unsere Oma damals die Zutaten heranschaffte, aber sie war eine Zauberkünstlerin im Überleben, und selbst in der schlechten Zeit wurden immer Plätzchen gebacken, zuerst sogar aus Kartoffeln, Mohrrüben, Rübensirup und Bucheckern. Immer stand etwas zu essen auf der Weihnachtstafel und der Weihnachtsbaum, den wir aus dem Wald holten – manchmal war es nur eine ziemlich verwachsene »Krücke«, die wir fanden – wurde von meiner Oma mit besonders schönem, alten Baumschmuck geschmückt, mit bunten Körbchen aus Blech, originellen Kugeln, viel Lametta und natürlich mit echten Kerzen. Dazu klimperte ein altes Symphonium Weihnachtslieder. Unsere Puppen hatte der Weihnachtsmann ein paar Wochen vorher abgeholt, um sie uns dann neu eingekleidet wiederzubringen. Auch ein von meiner Mutter aus einem alten aufgetrennten Pullover neu gestrickter Pulli für mich, ein paar eingetauschte, fast neue Schuhe, ein aus einer alten Decke genähter Mantel oder auch ein Buch waren wunderbare Geschenke, über die ich glücklich war. Natürlich haben auch wir Kinder damals in den Wochen vor dem Fest gebastelt, gesägt und gemalt, um Eltern und Großeltern eine Freude zu machen.
Und alles spielte sich in einem einzigen Zimmer, dem Wohn- und Schlafzimmer meiner Großeltern, ab; in einem zweiten Zimmer lebte damals ihre Untermieterin Fräulein Helene Ließner, eine alleinstehende ältere Dame. Während der letzten Kriegsjahre lebten auch noch mein Cousin und meine Cousine bei ihnen, weil deren Wohnung in Berlin durch Bomben schwer beschädigt worden war. Aber komisch, es war immer genug Platz für alle da, wir hatten nie das Gefühl, dass es zu eng sei, und benutzten den langen Korridor für unsere Spiele – sicher nicht gerade zur Freude der Nachbarn, die sich aber erstaunlicherweise nie beschwert haben.
Das alte Fräulein von Puttkammer wohnte über meinen Großeltern; sie war die ehemalige Hausdame bei Familie Pitsch, über die noch zu reden sein wird. Sie kam nachmittags oft zu uns ins Wohnzimmer und dann spielten wir gemeinsam mit meiner Oma Karten oder »Mensch ärgere dich nicht«. Sie war eine sehr vornehme alte Dame mit weißem Haar und legte besonderen Wert auf gute Manieren. Wir Kinder fanden das zwar lästig, aber so manche Lektion ist dabei doch bei uns angekommen, und um sie nicht zu verstimmen, haben wir uns bemüht, uns wenigstens einigermaßen gut zu benehmen – und nur hin und wieder zu schummeln.
Freitags war bei meinen Großeltern stets das Badefest für die gesamte Familie. Dann wurde der Badeofen geheizt und wir Enkel kamen nacheinander ins Badewasser, manchmal auch miteinander und das war dann immer ein großes Geschrei und Gespritze, bis das ganze Badezimmer zum Entsetzen meiner Großmutter unter Wasser stand. Anschließend zogen wir uns frische, wunderbar duftende Wäsche an und alle drei Wochen oder vier Wochen wurden an diesem Tage die Betten neu bezogen und das wohlige Gefühl in frisch gewaschener Bettwäsche schlafen zu dürfen, hat sich bis in die heutige Zeit erhalten.
Zum Wäschewaschen mussten wir – das heißt meine Oma und meine Mutter – hinunter in die Waschküche im Keller, wo der große Waschkessel stand, der mit Holz und Kohle beheizt wurde und wo sie die Wäsche noch per Hand mit Kernseife auf dem großen Waschbrett bearbeitet haben. Eine schwere, anstrengende Arbeit war das, denn die Waschküche stand nur alle drei bis vier Wochen für die einzelne Wohnung zur Verfügung und entsprechend groß war der Wäscheberg für die ganze Familie. Je nach Jahreszeit wurde die Wäsche dann im Hof oder oben auf dem Wäscheboden zum Trocknen aufgehängt, was allerdings im Krieg wegen der Brandbomben-Gefahr verboten war, sodass die Wäsche im Winter draußen oft steif gefroren war und wir Kinder aus Spaß Hosen und Hemden wie Figuren auf die Erde stellten.
Anschließend fuhren wir sie mit dem Handwagen zur Rolle, wo dann die großen Stücke wie Bettwäsche oder Tischtücher mit einer schweren Handkurbel glatt gerollt wurden. Kein Wunder, dass die Waschtage zu den gefürchtetsten in jedem Haushalt gehörten.
Zu den Festtagen wurde eine große Tafel gedeckt und dabei ging es oft sehr lustig zu – besonders Tante Anni aus Prenzlauer Berg mit ihrer großen Berliner Schnauze trug zur allgemeinen Erheiterung bei und erzählte unzählige spannende Geschichten aus ihrem Leben, die uns Kinder vor Lachen fast unter den Tisch warfen. Die Männer spielten stundenlang Schach – mit Zigarette oder noch besser Zigarre im Mund, und Opa rauchte seine Pfeife, die er selten ausgehen ließ und immer wieder bedächtig neu stopfte, später, nach dem Krieg, sogar mit selbst gezogenem und auf einer Leine im Wohnzimmer getrocknetem Tabak.
Bei einem solchen Fest an einem Nachmittag langweilten wir Kinder uns und kamen auf den Einfall, zum gegenüberliegenden Bahnhof zu gehen, mit der S-Bahn nach Potsdam zu fahren, dort in den Fernzug Richtung Berlin zu steigen, der in Wannsee halten musste, und dann mit der S-Bahn zurück nach Babelsberg zu kommen. Wir waren drei, vier, sechs, sieben und neun Jahre alt, lösten also zwei Fahrkarten nach Potsdam zu je 20 Pfennige für uns beiden Größeren, stiegen in die S-Bahn und in Potsdam in den nächsten D-Zug Richtung Berlin. Wir blieben im Gang stehen und kein Kontrolleur befragte uns, da man glauben konnte, wir gehörten zu den übrigen Fahrgästen. Wir fuhren an Omas Wohnung vorbei und freuten uns wie die Schneekönige, als wir die nichtsahnende Verwandtschaft durchs offene Fenster im Zimmer sitzen sahen. Gleich würden wir in Wannsee sein und umsteigen in die S-Bahn, um zurückzufahren. Aber – oh Schreck – der Zug durchfuhr den Bahnhof Wannsee und hielt auch nicht in Grunewald oder Charlottenburg. Langsam verging uns das Lachen. Endlich Bahnhof Zoo – der Zug hielt. Wir rannten zum S-Bahnsteig, aber – wir hatten keine Fahrkarten für die Rückfahrt und kein Geld!! Und es war inzwischen auch schon dunkel geworden, die Familie würde uns suchen! Damals gab es ja noch die Sperre mit einem Knipser und Kontrolleur am Eingang zum Bahnsteig. Wir überlegten aufgeregt und kamen endlich zu dem Schluss: Wir müssen betteln! Also gingen mein ältester Cousin und ich zu den Leuten am Bahnhof und sagten: »Entschuldigen Sie, haben Sie vielleicht zehn Pfennige für uns, wir haben keinen Fahrschein und müssen nach Hause.« Einige Leute schüttelten den Kopf, aber andere gaben uns das Geld, beobachten aber genau, ob wir wirklich Fahrkarten kaufen würden. Glücklich und erleichtert fuhren wir die 40 Minuten lange Strecke nach Babelsberg zurück, klingelten zu Hause und sahen, dass alle noch am Kaffeetisch saßen, plauderten und nicht mal bemerkt hatten, dass wir fast drei Stunden lang verschwunden waren. Erzählt haben wir die Geschichte erst viel später – sonst hätte es wohl doch noch ein Donnerwetter gegeben.
Erna – ein Leben ohne Beine
In dieser Zeit war eine Freundin meiner Mutter – unsere Tante Erna – eng mit unserer Familie verbunden. Sie war als 17-jähriges Mädchen von ihrem Freund schwanger geworden – zu jener Zeit eine unerhörte Schande. Ihre Eltern waren entsetzt und machten ihr schwere Vorwürfe. Und obwohl ihr Freund sie liebte und sie schnell heiraten wollte, stürzt sie sich eines Abends verzweifelt und voller Panik vor einen Zug, der ihr beide Beine bis obenhin abfuhr. Bewusstlos blieb sie eine ganze Nacht lang unbemerkt im Gebüsch neben den Gleisen liegen. Erst am nächsten Morgen entdeckte man sie und wie durch ein Wunder war sie nicht verblutet. Sie wurde gerettet, aber das Kind musste ihr abgenommen werden und ihr Freund trennte sich von ihr. Trotz ihres schweren Schicksals imponierte sie mir meine ganze Jugend hindurch mit ihrem Optimismus, ihrer Lebensfreude und ihrem Lachen, das sie wiedergewonnen hatte. All ihre Kraft, die sie für ihr ungeborenes Kind gebraucht und nicht gehabt hatte, fand sie nun zurück. Mit ihren beiden Prothesen und zwei Krücken stieg sie jede Treppe hoch, kam zu unseren Geburtstagen, unternahm mit ihrem Rollstuhl Reisen, ging ins Theater und konnte selbst nicht mehr begreifen, wie leicht sie einmal ihr Leben wegwerfen wollte. Wenn sie bei uns übernachtete, schnallte sie ganz selbstverständlich ihre Beinprothesen ab und bat mich, sie an die Wand zu lehnen. Etwas beklommen sah ich dann auf ihre Beinstümpfe und die Prothesen, aber sie machte ein paar witzige Bemerkungen über ihre »Holzstelzen«, lachte und machte sie damit ganz selbstverständlich zur Normalität. Nur wenig später im Krieg begegnete ich überall auf den Straßen verwundeten Soldaten, die Arme oder Beine verloren hatten, und auch dieser Anblick gehörte bald zum Kriegsalltag.
Meine Tante lernte nach dem Krieg einen Mann kennen, dem eine Granate beide Arme weggerissen hatte. Sie heirateten und haben sogar ihren Haushalt selbst bewältigt, gekocht, sauber gemacht, Wäsche gewaschen und gemeinsam eingekauft. Sie fuhr mit ihrem Rollstuhl und lud ihn voll mit den Einkaufstaschen, die sie dann beide in die Wohnung schleppten. Und da er keine Arme hatte und sie an zwei Krücken ging, benutzten sie Umhängetaschen. Mit einer erstaunlichen Geschicklichkeit und großem Einfallsreichtum schafften sie sich trotz ihrer Behinderungen ein glückliches und selbständiges Leben. Später, als sie alt waren und nicht mehr allein für sich sorgen konnten, mussten sie in ein Pflegeheim, aber da es damals in der DDR nur getrennte Heime für Männer und Frauen gab, bekamen sie kein gemeinsames Zimmer, sondern wurden in verschiedenen Häusern untergebracht. Alt und behindert war es ihnen unmöglich, sich gegenseitig zu besuchen, und so wurden sie für das Ende ihres Lebens getrennt. Jeder starb für sich allein – ohne dass sie sich noch einmal wiedersehen konnten.
Der gelbe Stern
Mein Großvater war gelernter Gärtner und hat fast sein ganzes Leben lang für die jüdische Familie Pitsch in Neubabelsberg – später hieß es Ufa-Stadt und heute Griebnitzsee – als Privatgärtner gearbeitet, erst bei den Eltern, dann beim Sohn Ernst und dessen junger Frau und den zwei Kindern.
Die Familie Pitsch hatte eine Textilfabrik in Babelsberg und war mit meinen Großeltern zeitlebens sehr befreundet. Mein Großvater legte die wunderbare, riesige Gartenanlage mit Tennisplatz und Spalierobst an, betreute Haus und Garten und blieb auch bei der Familie, als sie von den Nazis gezwungen wurde, ihr großes Haus abgeben und ins Gartenhaus zu ziehen und ihr Leben von unzähligen Schikanen bedroht wurde. In der Progromnacht im November 1938 wurde Ernst Pitsch verhaftet, sein Auto angesteckt und verbrannt. Mein Großvater erzählte damals aufgeregt, dass selbst die Schulmappe des kleinen Sohnes Werner mit allen Schulbüchern mitverbrannt sei und die Familie von SA-Leuten bedrängt wurde. Meine Tante Alice fuhr daraufhin stundenlang mit seiner Frau und den beiden Kindern mit dem Fahrrad durch den Wald, um sie vor weiteren Übergriffen zu schützen. Familie Pitsch hatte zu der Zeit bereits ein Visum, eine Ausreisegenehmigung mit dem Schiff nach Australien und die Schiffspassage war schon gebucht. Dem unerschrockenen und geradezu hochstablerischen Einsatz von Luise Brandt, die gerade das Gartenhaus von Familie Pitsch zu einem normalen Preis gekauft hatte – was bei jüdischen Immobilien zu dieser Zeit absolut nicht selbstverständlich war –, und ihren guten Verbindungen zu höchsten Naziverantwortlichen ist es zu verdanken, dass Ernst Pitsch noch aus dem Konzentrationslager auf das Schiff gebracht werden konnte und so mit der ganzen Familie, mit Frau Gerda und den Kindern Aenne und Werner in Australien überlebte. Sofort nach Ende des Krieges nahmen sie die Verbindung zu meinen Großeltern wieder auf, schrieben viele Briefe und schickten trotz ihrer eigenen schwierigen Situation einige liebevoll gepackte Pakete.
Die Eltern von Ernst und Gerda Pitsch hatten sich aufgrund ihres Alters nicht mehr zur Emigration entschließen können, wurden ins KZ Theresienstadt gebracht und sind in der Gaskammer umgekommen.
Übrigens war Aenne ein bildhübsches, blondes, völlig »arisch« aussehendes Mädchen, das einem Fotografen, der sie auf der Straße fotografierte und nichtsahnend als deutsches Mädchen in seinem Schaufenster in Babelsberg ausstellte, erheblichen Ärger einbrachte. Aenne und Werner leben noch heute mit ihren Familien in Sydney und mein Kontakt zu Aenne ist sehr eng geblieben. Jedes Jahr kommt sie nach Deutschland und besucht uns in Berlin.
Auch Günter Thomas Meyer, ein naher Verwandter der Familie, der damals im Haus neben meinen Großeltern wohnte und dessen gesamte Familie ebenfalls beim Holocaust ermordet wurde, überlebte als Dirigent in Amerika und dirigierte Anfang der achtziger Jahre ein Konzert in Ostberlin mit dem Sinfonieorchester Berlin, zu dem er mich und meinen Mann einlud. Es war der Beginn einer engen Freundschaft bis zu seinem Tode im Jahre 2004.
Etwa 1940 sah ich übrigens zum ersten Male bewusst zwei junge Frauen mit dem gelben Stern auf der Brust. Ich weiß es noch genau, ich war auf dem Weg zu meiner Tante Alice, als ich im »Hasensprung« den zwei Frauen begegnete und ihr anschließend aufgeregt davon berichtete. Zu dieser Zeit lebten noch viele jüdische Familien im reichen Grunewald, deren Leben in dieser Zeit besonders bedroht war, und auf meine aufgeregten Fragen erzählte mir meine Tante mehr über das Schicksal und gefährdete Leben von Juden in dieser Zeit. Nach dem Krieg hat mich der Defa-Film »Ehe im Schatten« von Kurt Maetzig mit Ilse Steppat und Paul Klinger in den Hauptrollen tief beeindruckt. Ich habe ihn mindestens zehnmal gesehen und er hat mich immer an diese Begegnung erinnert. Ich habe oft darüber nachgedacht, welches Schicksal diese beiden unbekannten Frauen wohl erlitten haben. Auch das Gleis 17 auf dem Bahnhof Grunewald, von dem aus von 1941 bis 1945 über 50.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder in die Vernichtungslager geschickt wurden, erinnert mich immer wieder an das grausame Schicksal dieser Menschen in der Nazizeit.
Ungefähr 1949 geriet ich als ganz junges Mädchen durch Zufall in eine Lesung von »Korczak und seine Kinder« mit Ilse Steppat in einem Saal in der Fasanenstraße in Berlin. Ich hatte auf einem Plakat von dieser Lesung erfahren und saß nun allein zwischen all den Menschen im Saal, die sich alle zu kennen schienen und sich sehr emotional umarmten und begrüßten. Ich glaube, ich war in eine Veranstaltung der jüdischen Gemeinde geraten, hinter mir saßen Arthur Brauner und seine bildhübsche junge Frau Maria. Ich glaube, fast alle in diesem Saal hatten nahe Angehörige, Eltern, Kinder, Geschwister oder Freunde in den Vernichtungslagern verloren. Bei »Korczak und seine Kinder« geht es um den Weg von jüdischen Kindern in die Gaskammer, auf dem ihr Lehrer sie begleitet. Mit kleinen Geschichten versucht er sie von der schrecklichen Realität abzulenken und ihnen ihre Angst zu nehmen. Es ist eine unglaublich erschütternde Erzählung, die im Saal unter all den betroffenen Menschen eine tiefe Trauer und Verzweiflung hervorrief; alle weinten und ihr verzweifeltes Schluchzen habe ich nie vergessen können. Durch diesen Abend begriff ich zum ersten Mal bewusst viel von dem Leid und der unfassbaren Grausamkeit gegen jüdische Menschen in Nazideutschland.
Geborgenheit
Ich muss noch etwas über die Eltern meiner Mutter erzählen, die mein Leben prägten und bei denen ich einen großen Teil meiner Kindheit und Jugend verbrachte.
Mein Großvater war ein Mann mit eisernen Prinzipien: Täglich um 7 Uhr begann er als Gärtner bei der Familie Pitsch mit der Arbeit, um 11.40 Uhr machte er Mittagspause, Punkt 12 Uhr saß er zu Hause am Mittagstisch, 10 Minuten nach 12 Uhr war er mit dem Essen fertig, 10 Minuten ruhte er auf dem Sofa, 5 Minuten vor halb 1 Uhr fuhr seine Bahn zurück und pünktlich um 12.40 Uhr begann er wieder mit der Arbeit. Er sprach wenig, liebte seine Ruhe und Behaglichkeit und ließ sich rundum von meiner Oma verwöhnen.
Übrigens, während die Familie Pitsch im Sommer im Urlaub war, wohnte einmal eine Familie aus der japanischen Botschaft in ihrem Haus, die eine kleine Tochter in meinem Alter hatte. Mein Großvater wurde gebeten, mich täglich als Spielgefährtin für die kleine Yoshi mitzubringen. Ich war so vier oder fünf Jahre alt und wir spielten wunderbar zusammen, fuhren die Katze im Puppenwagen spazieren, malten und hatten jeden Nachmittag eine Stunde Akrobatik mit einer extra dafür ins Haus kommenden Lehrerin. Ich fand alles aufregend schön. Zu Mittag aßen wir meist auf der Terrasse Gerichte, die ich nicht kannte, aber die ich neugierig probierte. Einmal gab es leckere Eierkuchen, als sich plötzlich eine Biene auf Yoshis Eierkuchen setzte; sie wurde vertrieben, aber sofort wanderte der gesamte Eierkuchen in den Müll und ein neuer wurde serviert. Ich konnte es nicht fassen, der ganze wundervolle Eierkuchen wurde weggeworfen – nur weil eine Biene davon gekostet hatte! Am Abend erzählte ich es aufgeregt meiner Oma, die kopfschüttelnd sagte, ja, Kind, das ist sehr traurig, denn man hätte den schönen Eierkuchen ruhig weiteressen können – auch wenn genug Geld für viele neue da ist. Und Essen wegzuwerfen, das wäre bei meiner sparsamen Oma nie passiert.
Sie war stets der Mittelpunkt in unserer Familie, meine über alles geliebte Großmutter, meine Oma Luise, deren Namen ich eigentlich als Zweitnamen führe, aber den ich inzwischen in liebevoller Erinnerung an sie zum Erstnamen gewählt habe. Zu ihr ging ich täglich nach der Schule, aß dort zu Mittag, machte meine Schularbeiten am großen Küchentisch, und dann wartete sie oft schon feingemacht mit alter, goldener Halskette und Handtasche auf mich, um zu »verreisen«, das heißt, wir fuhren mit der S-Bahn zu Geburtstagen oder den verschiedensten Anlässen in allen Teilen Berlins und ich durfte sie begleiten. Einmal waren wir bei ihrer Schwester Linda in Stahnsdorf zum Geburtstag, die einen Bauernhof mit Kuhstall hatte. Als ich die Kühe im Stall besuchte, rutschte ich aus und fiel in die Abflussrinne voller Kuhscheiße. Mein schönes weißes Kleid war hin, ich stank entsetzlich, alle lachten, ich wurde in den Wasserkübel gesteckt, abgeschrubbt und musste in geliehenen Sachen nach Hause fahren. Meine Oma hatte später viel zu tun, um den Gestank wieder aus meiner Kleidung herauszuwaschen.
Sie ist bei bester Gesundheit und klarem Kopf genau wie mein Großvater 92 Jahre alt geworden. Sie war witzig, einfallsreich, stets guter Laune und eine wunderbare Zauberköchin, die auch in schlechtesten Zeiten immer etwas Gutschmeckendes – meist Eintopf – auf den Tisch brachte. Selbst Kohlrüben, Brennnesseln als Spinat gekocht, Wirsing- und Weißkohl wurden zum Leibgericht von uns Kindern. Besonders »schmackhaft« allerdings wurde uns das Essen sehr oft durch meine Mutter gemacht, die alle Kinder um sich herum versammelte, mit dem Löffel rundum fütterte und dabei die von ihr selbst erdachten Geschichten von Paul und Klärchen erzählte. Die waren für uns so spannend, dass wir immer noch um Nachschub bettelten, nur um weiter zuhören zu können. Als besondere Belohnung gab es sogar hin und wieder Kompott, aber immer nur in kleinsten Portionen, und so war mein sehnlichster Traum als Kind, mich einmal an Erdbeerkompott satt essen zu können. Als ich mein erstes eigenes Geld verdiente, habe ich diesen Traum wahr gemacht, habe mir ein großes Glas Erdbeerkompott gekauft und es hintereinander aufgegessen, bis mir schlecht wurde.
Aber meine Oma hatte auch so einige »Scherze« drauf. Als später einmal ein Freund bei mir übernachtete, schüttete sie ihm, als er morgens leise aus der Haustür trat, einen Topf Wasser über den Kopf – zur »Abkühlung«, wie sie lachend zugab. Zum Glück hatte er Humor und ertrug die kleine Morgenwäsche mit Fassung – abgekühlt hat sie seine leidenschaftliche Liebe zu mir allerdings nicht.
Ein Spatz, ein Dorf und andere Begebenheiten
In meine Klasse ging während der Kriegsjahre ein Mädchen, das aus einem Dorf bei Stendal kam und das vorübergehend bei ihrer Tante in Potsdam lebte, um eine bessere Schulbildung zu erhalten. In ihrem Dorf Niedergörne bei Arneburg gab es nur eine Ein-Klassenschule, in der ihr Vater der Schulmeister und zugleich der Schäfer des Dorfes war. Sie hieß Edith Baucke, war ein liebes, intelligentes, rotbäckiges Mädchen, und wir freundeten uns bald an.
Kurz vor Ende des Krieges, als Potsdam bei dem großen Bombenangriff zerstört wurde, holten ihre Eltern sie besorgt wieder nach Hause zurück. Wir schrieben uns regelmäßig, und ein paar Monate nach Ende des Krieges lud sie mich ein, in den Ferien ein paar Wochen in ihrem Dorf zu verbringen, um mich mal wieder richtig satt essen zu können. Ich freute mich wahnsinnig, denn trotz der bei Kriegsende erbeuteten, gehamsterten oder auf andere Weise herangeschafften Lebensmittel litten wir unter großem Hunger. Selbst Kartoffelschalen und Brennnesseln wurden gekocht, Bucheckern gesucht und mühsam ausgepalt. Alles, was irgendwie entbehrlich war – Wäsche, Bestecke, Teppiche, Kleidung, Schmuck – wurde unter großen Schwierigkeiten auf dem Lande beim Bauern gegen etwas Essbares, also Kartoffeln, Eier, Speck oder Mehl getauscht, meist weit unter dem Wert, aber wir hatten keine Wahl und wollten leben. Wir hingen dabei wie die Affen auf Trittbrettern und Dächern der völlig überfüllten Vorortzüge, die aber glücklicherweise nicht sehr schnell fuhren, sonst hätten sie uns unterwegs wie reife Pflaumen abgeschüttelt. Wie stolz waren wir, wenn wir einen halben Rucksack mit Kartoffeln nach Hause brachten, und oft waren die sogar geklaut, das heißt, wir haben sie heimlich von den Feldern gestoppelt und durften uns dabei nicht von den Bauern erwischen lassen.
Ich erinnere mich, dass ich in dieser Zeit bei einer anderen Schulfreundin, die aufs Land gezogen war, zum Essen eingeladen wurde. Wir aßen im Wohnzimmer und auf jedem Teller lag ein kleiner Braten, also in dieser Zeit eine große Delikatesse, und wir verspeisten alles bis auf den letzten Brocken. Kurz nach dem Essen brachten wir das Geschirr in die Küche. Dort sah ich auf dem Tisch einen ganzen Berg dunkelgrauer Federn liegen. Ich fragte, was das für Federn seien. Meine Freundin sagte, ach, das sind nur die Federn von den Spatzen, die wir eben gegessen haben … Mir ist noch heute übel, wenn ich daran denke, obwohl ich zugeben muss, dass mir der kleine Spatz damals sehr gut geschmeckt hat.
Eines Tages, in den Herbstferien, fuhr ich der Einladung meiner Freundin Edith folgend allein mit dem Zug bis nach Arneburg bei Stendal, wo mich meine Freundin und ihr großer Bruder Fritz mit dem Pferdefuhrwerk vom Bahnhof abholten und mit mir nach Niedergörne fuhren. Es war ein ganz winziges Dorf mit nur wenigen Häusern, selbst die Einklassenschule war inzwischen stillgelegt worden. Die Eltern hatten einen kleinen Bauernhof, empfingen mich dünnen, blassen Stadtmenschen sehr liebevoll und warmherzig und wollten mich erst mal wieder aufpäppeln. Natürlich musste jeder auf dem Hof und auf dem Feld mithelfen, und so ging ich mit aufs Feld, half auf dem Hof, hütete die Schafe und sah zu, wie man »butterte«, also in einem Holzgefäß aus der Sahne die Butter schlug. Ich bekam frische Milch zu trinken, wunderbare nahrhafte Eintöpfe und Kartoffeln mit Fleisch und Gemüse zu essen, alles Dinge, die es zu Hause schon lange nicht mehr gab. Ich fühlte mich richtig wohl.
Nur einmal erlebte ich Stadtmensch einen Schock. Die große Schäferhündin hatte Junge bekommen. Sechs süße kleine Knuddeltiere. Eines Tages waren sie verschwunden. Ich fragte, wo sie denn seien. Ach, die sind weg, wurde mir geantwortet. Etwas später brachte ich Abfall zum Misthaufen. Dort lagen die sechs, erschlagen, mit blutigen Mündern. Ich war entsetzt. Aber man sagte mir, so sei das nun mal auf dem Land mit jungen Hunden – und junge Kätzchen würden in der Wassertonne ertränkt …
Die ersten zwei Wochen vergingen wie im Flug. Ich schlief mit Edith in ihrem Bett und abends redeten wir noch stundenlang, bis wir todmüde einschliefen. Eines Tages bemerkte ich, dass es an meinen Beinen und Armen zu jucken begann und sich rote Stellen bildeten, die sich zu schmerzenden Eiterbeulen entwickelten. Ich fühlte mich hundeelend und schwer krank. Auch Edith und ihre Eltern waren erschrocken. Sie vermuteten, dass ich das ungewohnte gute Essen nicht vertrage und deshalb mein Körper rebellierte. Ich musste unbedingt zu einem Arzt und so beschlossen wir, dass ich am besten auf schnellstem Wege nach Hause zurückkehren sollte. Sie fuhren mich wieder mit dem Pferdefuhrwerk bei strömendem Regen zum Bahnhof und ich nahm todkrank den nächsten Zug nach Stendal und von da aus den Zug nach Berlin. Dort kam ich aber erst mitten in der Nacht an, und vom Bahnhof Westkreuz fuhr keine S-Bahn mehr nach Babelsberg. Ich war ganz allein auf dem Bahnsteig. Also legte ich mich frierend im Wartehäuschen auf die Bank, deckte mich mit einer Zeitung zu und versuchte trotz der Kälte und des Regens, der durch das Dach tropfte, zu schlafen. Nach einiger Zeit entdeckte mich bei seinem Rundgang die Bahnhofsaufsicht und nahm mich mit in den warmen Aufsichtsraum, wo ich dann bis zum ersten Zug gegen 5 Uhr bleiben durfte. Natürlich war meine Mutter entsetzt, als sie mich sah. Sie ging sofort mit mir zum Arzt, ich fühlte mich sehr krank, hatte Fieber, Schmerzen und konnte meine geschwollenen Beine und Arme kaum noch bewegen. Glücklicherweise schlugen die Medikamente und Salben, die mir der Doktor verordnete, bald an und die schrecklichen Beulen heilten ab. Die Narben konnte man noch lange sehen. Welche Nachkriegsseuche ich mir da aber eingefangen hatte, weiß ich bis heute nicht. Sicher hatte sie etwas mit meinem Aufenthalt auf dem Lande zu tun.
Ein paar Wochen später erwachte ich morgens mit Fieber und starken Halsschmerzen. Zuvor hatte ich oft in dem Buch »Unser Hausarzt« gestöbert und über allerhand Krankheiten und ihre Anzeichen gelesen. Ich schaute also in den Spiegel und sah im Rachen dicke weiße Beläge, worauf ich zu meiner Mutter sagte: »Mutti, ich habe Diphtherie!« Meine Mutter lachte ungläubig und sagte: »Woher willst du denn das wissen«, aber sie ging doch sofort mit mir zu unserem Hausarzt. Der guckte mir in den Hals und sagte kurz und knapp: »Diphtherie. Muss sofort ins Infektionskrankenhaus. Ist sehr ansteckend.« Also fuhr ich mit meiner Mutter trotz des hohen Fiebers und der großen Ansteckungsgefahr für alle anderen Fahrgäste mit der vollbesetzten Straßenbahn nach Potsdam ins Krankenhaus, denn eine andere Fahrgelegenheit gab es damals nicht. Dort landete ich in einem riesigen Saal mit etwa 20 Betten und lauter erwachsenen Frauen, hörte tolle Liebes- und Lebensgeschichten und weniger für Kinderohren Geeignetes, sodass ich nach zwei Wochen in ein Kinderzimmer mit einem 2-jährigen kleinen Mädchen verlegt wurde. Ich musste insgesamt sechs Wochen in diesem Krankenhaus bleiben, ohne Besuche, denn da es ein Infektionskrankenhaus war – untergebracht in einer alten Schule –, durften Besucher nur unten auf der Straße stehen. Auch meine Mutter musste draußen bleiben, und so konnten wir uns über all die Zeit nur durch Winken oder lautes Rufen aus dem Fenster verständigen.
Als ich wieder zur Schule durfte, hatte ich eine Menge nachzuholen, denn niemand hatte mich in diesen Wochen mit Hausaufgaben versorgt und meine Lehrerin hat nur kühl gesagt, ich müsste mich allein drum kümmern, den Stoff nachzuholen, sie hätte keine Zeit dafür. Glücklicherweise hatte ich eine Mitschülerin, die mir half den Anschluss zu finden, sonst hätte ich es wohl kaum allein geschafft.
Wie wenig sich unsere damaligen Klassenlehrerinnen um das Wohl der ihnen anvertrauten Schülerinnen kümmerten, bemerkte ich auch am Beispiel einer Mitschülerin, die von der ersten Klasse an ungewaschen und in schmutziger Kleidung in die Klasse kam. Ihr Kopf hatte eine dunkle Dreckkruste, die Haare strähnten und ihr Kleid wurde nie gewaschen, bis es ihr quasi vom Körper fiel. Nie hat eine der Lehrerinnen die Eltern aufgesucht oder die Mutter zu einem Gespräch gebeten, um das an sich intelligente, aber durch ihr Äußeres abstoßende und ausgegrenzte Kind aus ihrer schrecklichen Situation zu befreien. Erst als Inge älter und selbstständiger wurde, hat sie selbst mehr auf ihr Äußeres geachtet und sich und ihre Kleidung selbst gewaschen. Als ich sie einmal nach Hause begleitete, war ich über den Zustand der Wohnung entsetzt, in der sie mit ihren Eltern und drei Geschwistern lebte. Die ungemachten Betten hatten keine Bezüge, sie schliefen alle in den schmutzigen Inletts, die Mutter saß im Zimmer und las oder strickte, während alles um sie herum verdreckt und unaufgeräumt war. Als die Kinder größer wurden und selbst ihre Umwelt wahrnahmen, haben sie alle mitgeholfen, sich und die Wohnung einigermaßen in Ordnung zu halten, aber die körperliche Verwahrlosung ihrer frühen Jahre hatte niemand verhindert.
Noch eine schreckliche Erinnerung habe ich an Inge und ihre Familie. Ich hatte mir als etwa 8-jährige von meinem Taschengeld zwei weiße Mäuse gekauft, mit dem zur Aufbewahrung geeigneten Glasbehälter und etwas Spielzeug für sie. Ich fütterte die beiden lustigen Mäuse und beobachtete sie voller Freude bei ihrem Spiel mit dem Laufrad. Was ich allerdings nicht bedacht hatte, war, dass sie sich in Windeseile vermehrten und ehe ich mich versah, hatte ich statt der zwei Mäuse zehn, zwanzig, ja, immer mehr kamen hinzu. Meine Mutter sah das mit Sorge und empfahl mir, die Tiere doch auch an Schulfreundinnen zu verschenken. Inge war gleich bereit, die gesamte Mäusefamilie zu übernehmen, und nahm sie freudestrahlend mit nach Hause. Ihr Vater sah die Mäuse, nahm ihr den Behälter aus den Händen und schütte den gesamten Inhalt mit den Tieren in den brennenden Ofen. Weinend erzählte mir Inge am nächsten Tag die Geschichte und mir wird noch heute schlecht, wenn ich an diese schreckliche, grausame Handlung ihres Vaters denke. Obwohl ich ihn kaum kannte, habe ich ihn dafür gehasst.
Vater
Mein Vater spielte in meinem Leben leider nur eine untergeordnete Rolle. Ich kann mich nicht erinnern, jemals mit ihm gespielt oder sonst etwas zusammen mit ihm unternommen zu haben – außer, dass wir, als ich noch sehr klein war, ein- oder zweimal mit den Fahrrädern zum Pilze sammeln in den Wald und an den Teufelssee gefahren sind. Er war ja fast meine ganze Kindheit hindurch nicht zu Hause. Gleich am Anfang des Krieges wurde er zur Wehrmacht eingezogen, nach einem Jahr für kurze Zeit reklamiert, weil er als Lackierer in einer kriegswichtigen Fabrik arbeitete, aber dann kam er wieder an die Front, diesmal in Russland, geriet in russische Gefangenschaft und kehrte erst 1948 krank, aufgeschwemmt und völlig verändert nach Hause zurück. Die Ehe mit meiner Mutter, die in den Kriegs- und Nachkriegsjahren allein für sich und uns Kinder gesorgt hatte, die arbeitete und inzwischen gewohnt war, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, sich nicht mehr unterzuordnen, wie sie es in den ersten Jahren ihrer Ehe getan hatte, war nicht mehr zu retten und nur wenige Jahre darauf wurde sie geschieden. Ich lebte zu dieser Zeit bereits bei meinen Großeltern und sah meinen Vater nur selten. So blieb er immer ein Fremder für mich und der Kontakt zu ihm war auch später auf wenige Begegnungen beschränkt. Heute weiß ich, wie sehr mir mein Vater in meiner Entwicklung gefehlt hat, wie sehr ich seine Geborgenheit, seine Sicherheit, seine Liebe und seinen Rat gerade als Kind und auch später als Heranwachsende gebraucht hätte. Als er aus der Gefangenschaft nach Hause kam, hatte auch er Hemmungen, auf seine inzwischen fast erwachsenen Töchter zuzugehen, deren Kindheit er durch den Krieg nicht miterleben durfte und die ihm nach seiner Rückkehr als fremde junge Mädchen gegenüberstanden. Besonders als es eine neue Frau in seinem Leben gab, scheute er den Kontakt mit uns; ich hatte den Eindruck, es war ihm peinlich uns seine neue Lebensgefährtin vorzustellen. Er heiratete sie kurz nach der Scheidung von meiner Mutter. Christa war seine große Liebe, eine junge Mitarbeiterin Mitte 20; er war damals Anfang 50. Beide bezogen eine gemeinsame Wohnung, meinem Vater ging es wieder gut, sie waren glücklich und sparten für eine AWG-Neubauwohnung. Seine junge Frau verschwieg ihm aber, dass sie kurz nach der Heirat an Unterleibskrebs erkrankte, verschwieg es ihm aus Liebe bis zuletzt. Erst als sie wenige Tage vor ihrem Tod mit unerträglichen Schmerzen in eine Klinik eingeliefert werden musste, erfuhr mein Vater geschockt, dass seine geliebte Frau sterben würde. Er hat ihren Tod nie überwunden. Kurz darauf war seine AWG-Wohnung bezugsbereit, für die er jahrelang eingezahlt hatte. Sie durfte aber nur mit zwei Personen bezogen werden. Er heiratete also eine flüchtige Bekannte, bezog mit ihr die Wohnung, erkrankte kurz danach ebenfalls an Krebs und starb ungeliebt und vereinsamt in seiner Wohnung. Ich hab ihn während dieser Monate ein paar Mal besucht, aber uns blieb nur noch wenig Zeit Versäumtes nachzuholen – der Krieg mit all seinen Folgen hatte unsere Familie zerstört.
Meine Mutter
Meine Mutter hatte in unserer Familie für mich die dominierende Rolle. Sie war meine ganze Kindheit hindurch meine engste Bezugsperson, die mich beschützte, ernährte, die mir die ersten Märchen vorlas und viele selbst erdachte Geschichten erzählte. Die Scheidung von unserem Vater nach vielen Ehejahren, von denen sie allerdings durch Krieg und Gefangenschaft nur wenige miteinander verleben konnten, hat sie nur schwer verkraftet und ihm nie verziehen. Zu hart traf sie die Demütigung, schon bald nach seiner Rückkehr aus Russland wegen einer wesentlich jüngeren Frau verlassen worden zu sein, ohne Anspruch auf irgendeine finanzielle Unterstützung durch ihn – wie es bei Scheidungen in der DDR damals üblich war. Jeder hatte anschließend nur für sich selbst zu sorgen, sogar nach einer lange bestehenden Ehe mit Kindern. Glücklicherweise hatte sie schon früh und in den Kriegsjahren ihr Leben selbst in die Hand genommen. Um für uns Kinder tagsüber da zu sein, trug sie jahrelang frühmorgens Zeitungen aus. Damals musste man die Zeitungen noch bis in die obersten Etagen der mehrstöckigen Häuser bringen, die Briefkästen unten im Hausflur, so wie heute meist üblich, gab es noch nicht. Wie oft habe ich ihr vor der Schule, am Wochenende oder in den Ferien beim Zeitungsaustragen in aller Frühe geholfen. Der schwere Zeitungsberg wurde aufs Fahrrad geladen und dann ging es von Haus zu Haus, treppauf-treppab, immer bis unters Dach der oft vierstöckigen Häuser – das war Schwerarbeit. Viele Jahre später konnte sie dann glücklicherweise einen körperlich leichteren Job bekommen und arbeitete als Kassiererin bei einer großen Firma in Babelsberg.
Uns Kindern gegenüber war sie immer offen für alles, was wir unternahmen, versuchte unsere Wünsche und Wege zu verstehen und zu unterstützen, auch wenn sie für sie völlig unbekannt waren. Sie war eine wunderbare, äußerst aktive, allem Neuen zugewandte Frau. Aber in dieser für sie sehr kräftezehrenden Zeit des Krieges und der Nachkriegszeit, wo es darum ging, das Lebensnotwendige zu organisieren, blieb wenig Kraft für ihre eigenen Interessen und so auch kaum Zeit, ein Buch zu lesen. Bei uns zu Hause gab es in meiner Kindheit überhaupt nur drei Bücher, die einsam in unserem Schrank standen. Ich erinnere mich an »Drei Männer im Eis«, »Unser Hausarzt« und den »Knigge« – wer weiß, woher sie den hatten –, den ich schon im Alter von acht oder neun Jahren aufmerksam studierte und dabei die Grundbegriffe des menschlichen Miteinander erlernte. Von da an beobachtete ich interessiert, wer wem in den Mantel half, die Tür öffnete und den Vortritt ließ. Ich konnte es nicht erwarten lesen zu lernen, und kaum konnte ich erste Sätze entziffern, stürzte ich mich auf jedes Buch, wurde schnell regelmäßiger Gast in der Leihbücherei und streifte auf eigene Faust quer durch die Weltliteratur. Bücher begannen mich zu faszinieren, ich verschlang sie regelrecht. Ich nutzte jede Minute, um in irgendeiner Ecke zu »schmökern« – wie meine Mutter immer sagte und warnte: »Du verdirbst Dir die Augen!!« Trotzdem hat sie mir später zu jedem Fest Bücher geschenkt und noch heute ist es so, dass ich die Welt vergesse, wenn ich mich in ein fesselndes Buch vertiefen kann, da können sich neben mir Menschen unterhalten, der Fernseher oder das Radio laufen, es stört mich nicht. Damals aber halfen mir Bücher, mich aus der Wirklichkeit des schrecklichen Krieges und der Nachkriegszeit in die wunderbaren und faszinierenden Geschichten fremder Personen, Welten und Orte hineinzuträumen.
Meine Mutter begann erst spät im Alter, als sie endlich mehr Zeit für sich selbst hatte, begeistert Bücher zu lesen und mit uns darüber zu sprechen. Als ihre Augen schlechter wurden und ihr das Lesen schwer fiel, brachte ich ihr oft Hörbücher und interessierte sie für das Hören von Konzerten und ganzen Opern. Es war eine späte, aber sehr glückliche Erfahrung für sie. Übrigens fuhr sie bis ins hohe Alter von über 95 Jahren täglich mit zwei Bussen zu uns in die Wohnung, machte sich nützlich soweit es ging und war glücklich, während unserer Reisen unsere Wohnung und die Katze hüten zu dürfen. Nur selten ließ sie sich mit dem Auto abholen oder nach Hause fahren. Sie genoss es, dass sie sich mit den Leuten unterwegs im Bus unterhalten konnte und dass sie erstaunt gefragt wurde: »Was, Sie sind schon über 90 und noch so fit und unternehmungslustig?« Sie war von einer unglaublichen Vitalität, sehr phantasiereich im Erfinden von Geschichten und – schauspielerisch recht begabt, wie wir erst spät feststellten. Dann führte sie uns perfekt gespielt und mit großer Ernsthaftigkeit aufs Glatteis und genoss amüsiert unsere Verblüffung.
Gestörte Träume
Das große Mietshaus, in dem meine Großeltern wohnten, hatte einen Hof, der unmittelbar an den Schulhof des Beethoven-Lyzeums grenzte, und ich konnte den Mädchen täglich in ihren Pausen beim Spiel zusehen. Mein sehnlichster Wunsch war es, ebenfalls dort zur Schule zu gehen. Von den Schulleistungen her wäre das kein Problem gewesen, aber meine Eltern und auch meine Großeltern hatten nicht den Mut, mich auf ein Lyzeum zu schicken; für sie war es etwas für die »besseren« Leute, da gehörten wir nicht hin. Niemand in unserer Familie hatte zuvor ein Lyzeum besucht und das Abitur abgelegt und so befürchteten sie, dass man mich dort ausgrenzen würde und ich es nicht schaffen könnte. Außerdem kostete es Schulgeld!! Ich teilte ihre Sorgen nicht, hätte es zu gern probiert und war todunglücklich. Aber gerade zu dieser Zeit wurde für begabte Kinder, die nicht zum Lyzeum durften, ein neuer Schulstrang eingerichtet, der ohne Schulgeld mit einem breit gefächerten Stundenplan bis zur Mittleren Reife führte. Ich wurde dafür ausgewählt und war froh über diese für mich unerwartete Möglichkeit.
Ich habe von meiner Mutter und meinen Großeltern unendlich viel Liebe empfangen und viel Verständnis gefunden für alles, was ich anstrebte, aber ich wollte Wege gehen, die sie nicht kannten, die ihnen Angst machten, weil sie sie nicht kannten und bei denen sie mir nicht helfen konnten. So stand ich bei allen für mich lebensweisenden Entscheidungen immer wieder alleine da und musste mir schon als Kind und junges Mädchen mühsam jeden Schritt vorwärts selbst suchen. Ich habe in meiner Unerfahrenheit unendlich viele Fehler und Umwege gemacht und auf dem Weg zu meinen Berufswünschen viel kostbare Zeit verloren, die mir später immer wieder fehlte und die ich nie mehr aufholen konnte.
Ich wollte unbedingt Tänzerin werden, aber niemand in meiner Familie oder näheren Umgebung hatte damit Erfahrung. So habe ich erst über einen großen Umweg zur Stoll-Peterka-Schule in Westberlin gefunden und später, als die Staatliche Ballettschule in Ostberlin gegründet wurde, war ich schon zu alt für die 6- oder 7-jährige Ausbildung, für mich kam nur noch die 3-jährige in Frage, die meine berufliche Karriere als Tänzerin von vornherein eingrenzte. Daneben spielten natürlich Krieg und Nachkriegszeit eine entscheidende Rolle; es war die denkbar ungünstigste Konstellation für den Beginn eines Lebens mit Zerstörung, Neuorientierung, den erst langsamen Wiederaufbau und letztendlich mit der Teilung unseres Landes, bei der ich in den östlichen Teil Deutschlands gehörte, die Grenze zu Westberlin lag direkt vor unserem Wohnort.
Bei meiner Schwester fünf Jahre später war alles schon besser geordnet, die Chancen für Arbeiterkinder waren größer und sie hat – auch durch Ansporn und Wegbereitung durch ihre Klassenlehrerin – den Weg zu Abitur und Studium geschafft; sie ist Journalistin geworden.
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