Kitabı oku: «Gertrud»

Yazı tipi:

Gertrud

Roman

von

Luise Reinhardt


Inhaltsverzeichnis

Erster Teil.

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Zweiter Teil.

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Dritter Teil.

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Vierter Teil.

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Impressum

Erster Teil.
Erstes Kapitel.

D er Landstrich im mittleren Deutschland, welcher sich vom Elbstrome bei Dresden, westlich hinüber nach Kurhessen zieht, ist stets vorzugsweise von den bedeutendsten adeligen Familien bewohnt gewesen. Nirgends fand man so viele Barone, Grafen und Herzöge, wie dort, und auch das geistigere Leben schien sich in diese Landesdistrikte geflüchtet zu haben, als Deutschlands Genius sich zu regen begann.

Ohne auf einen wild romantischen Charakter Anspruch zu machen, ziehen sich die Ebenen voll fruchtbarer Üppigkeit, durchschnitten von einer Menge kleiner Flüsse und oftmals von Höhen unterbrochen, die teils mit uralten Waldungen gekrönt, teils mit Wein bebaut sind, von dem Elbestrand bis zu den Ufern der Werra und Fulda hin, und die Saale mit ihren anmutigen Ufern durchschneidet in fast lächerlichen Krümmungen das Land, bis sie sich einige Meilen vor Magdeburg in die Elbe ergießt.

In den anmutigen Tälern sowohl, als auf den waldumkränzten Hügeln lagen zerstreut die Wohnungen reicher und armer Edelleute, die in frühern Jahrhunderten bei weitem weniger als jetzt geneigt waren, die patriarchalische Würde gegen ein Hofamt oder gar gegen Militär- und Zivilkarrieren zu vertauschen. Sie thronten, bevorzugt und mit Privilegien aller Art ausgerüstet, als Herren auf ihren Edelsitzen und glaubten sich Könige. Was manchem an Reichtum abging, das hatte er dafür an Ahnen aufzuweisen, und die Zahl derselben, in unentweihter Reihenfolge, war wohl im Stande einen leeren Beutel und ein zerfallendes Schlossgebäude mit dem Glanze irdischer Hoheit zu verklären. Aber auch reiche Edelleute von untadelhaftem Stammbaume gab es in den Gauen des kleinen Landstrichs, den wir bezeichnet haben, und unter diesen zeichnete sich das Geschlecht Bünau von RittbergenNote 1) als ein von Gott reich gesegnetes und auch reich begabtes aus. Von allen Standesgenossen geachtet und von allen Untergebenen geliebt, lebte der Stammherr Reinhard Bünau von Rittbergen seit Jahresfrist mit seiner jungen, wunderschönen Schwester Margareth auf dem väterlichen Schlosse, das von alter Bauart, umgeben von den Trümmern einer stolzen und mächtigen Vergangenheit, dennoch nicht ohne Ansprüche auf Pracht war. Der Charakter der Landschaft, die Üppigkeit des Waldgrünes und der Wiesen, von einem kleinen, rasch rieselnden Gewässer verschönt, milderten das Raue und Altritterliche des Rittberg’schen Ahnensitzes, und die Überbleibsel einstiger Barbarei waren von der Hand der Zeit sowohl, als von der Mildherzigkeit der Mutter Natur so hinlänglich und entsprechend vorbereitet gewesen, dass es dem jungen Schlossherrn nur wenig Mühe und Geld gekostet hatte, um der ›Burg seiner Väter‹ zu einem bewunderungswürdigen Aussehen zu verhelfen. Das antike, mit Seitentürmen versehene Schloss lag gleichsam auf einem Vorsprunge des Gebirgszuges, der sich dicht hinter demselben, aber abgetrennt, in kühnen und hohen Bergrücken, schön bewaldet am westlichen Horizonte entlang zog, während der Osten eine freie Ebene mit Baumgruppen, Wiesengrün und Kornfeldern darbot. Der Lärm der Arbeit und das rüstige Leben der Tätigkeit entwickelte sich in ergötzlicher Nähe vor den spiegelhellen Fenstern der Schlossbewohner, ohne doch die würdige Ruhe in demselben Maße zu beeinträchtigen, und es konnte gewiss kein friedvolleres Glück geben, als abends von den hohen Bogenfenstern hinab auf die lichtgrünen Wiesen zu schauen, wenn die Herden mit ihren weithin schallenden Glocken am Ufer des silberhellen Flusses hinzogen. Die etwas sentimentale Schwärmerei für solche Naturschönheiten hinderte zur Zeit, als Margareth von Rittbergen mit ihrem stolzen und zugleich liebevollen Bruder im väterlichen Schlosse hausete, die junge Dame nicht, sich ihr mit ganzer Seele hinzugeben und das tägliche Schauspiel als das reizendste zu preisen, was ihr geboten werden könne. Nach solchen Beteuerungen zu schließen, gehörte Fräulein Margareth schon damals dem Kreise jener überschwänglichen Frauen an, wie sie um einige Jahrzehente später das ganze liebe Deutschland dergestalt überfluteten, dass man nach einer vernünftigen Frauenseele und nach einem nüchternen Frauenverstande vergeblich suchte. Es war dies der erste Anlauf einer weiblichen Geisteskultur, die sich in entsetzlicher Übertreibung als schäfermäßige Süßlichkeit und hochtrabendes Phrasentum Bahn zu brechen strebte. Man konnte es vielleicht dem Umstande zuschreiben, dass den deutschen Frauen seit lange wieder von der Literatur gehuldigt ward. Es war dies das erste Stadium der weiblichen Bildung, wo man sich in süßer Schwermut den Dichtern des Vaterlandes zuneigte und sich in ihrer Wertschätzung bis zu einer rührenden Anbetung verstieg. Dem gefunden Kerne der Vernunft konnte die krankhafte Überspannung solcher weiblichen Seelen nicht lange widerstehen, aber dem weichen, nach Übersinnlichkeit schmachtenden Herzen war der ganz falsch beurteilte Bildungsgrad der damaligen Zeit oftmals ein Gift, das seinen eigenen Untergang herbeiführte.

Die duftige, herzerweiternde Frische eines Herbstmorgens lag auf der Flur, welche sich vor dem Schlosse Rittbergen ausbreitete, als eine Equipage mit der bezeichnenden Bedächtigkeit des achtzehnten Jahrhunderts durch die abgemäheten Kornfelder fuhr und bald darauf seine Insassen vor der gotisch gewölbten Haustür ab lieferte. Ein fröhliches Willkommen tönte ihnen entgegen, und man sah alsbald den jungen Schlossherrn mit ganz besonderm Eifer eine junge hübsche Dame vom Wagentritte hinabheben und voll ehrerbietiger Zärtlichkeit von dem Gesindepersonale begrüßen.

Nach dieser Dame, die Elvire von Uslar hieß und seit wenigen Wochen Herrn Reinhard Bünaus Braut war, entstieg ein kriegerisch aussehender Herr mit einem schmalen schwarzen Pflaster über der linken Wange bis zum Kopfe hinauf, der Karosse, und wendete sich sogleich hilfreich, um seiner lebhaft sprechenden und laut lachenden Frau und einem noch sehr jungen Fräulein, Gertrud von Spärkan, gleichfalls ritterliche Dienste zu weihen.

Während Rittbergen seine Braut unter leisen zärtlichen Worten in die Vorhalle geleitete und sich in dem glücklichen Lächeln des Mädchens sonnte, begrüßte Fräulein Margareth unter Erröten die Vorläufer der großen Festlichkeit, die in wenigen Tagen auf Schloss Rittbergen stattfinden sollte, und empfing mit Herzklopfen die Glückwünsche zu ihrer bevorstehenden Vermählung von den Ankommenden. Ja, es sollte Hochzeit auf Schloss Rittbergen sein – Margareth wollte das Vaterhaus und ihren Bruder verlassen, um nach einer sehr kurzen, stürmischen Werbung die Gattin des Grafen Levin von Brettow auf Brettowroda zu werden.

Man erwartete viele Gäste zu dieser Hochzeitsfeier. Man erwartete sie von nah und fern. Der militärisch aussehende Herr mit dem schwarzen Pflaster kam weit her. Es war der Oberst von Pröhl aus dem Sachsenlande, der im letzten Kriege sein Herz an eine allerliebste Preußin verloren und ihre Hand endlich nach verschiedenen Kapitulationen unter der Bedingung erworben hatte: als Ehegatte seiner lustigen Elisabeth nur französisch zu fluchen!

Im Anfange hatte sich die anmutige Frau von Pröhl wirklich das Ansehen gegeben, als wolle sie ernstlich dem ›Donnerwettern‹ ihres ehrenwerten Gemahls ein Ziel setzen, allein mit der Zeit war ihre Opposition gegen die kriegerische Koketterie des guten Obersten, der da glaubte, im Fluche stecke die Grundidee einer richtigen Courage, eingeschlafen und wurde jetzt nur noch als Neckerei von ihr benutzt. Zu ihrer Freude hatte der leidige Streit zwischen Preußen, Sachsen und Österreich gleich nach ihrer Vermählung mit einem Frieden ihres Vaterlandes aufgehört. – Die Siege ihres Königs, denen sie mit dem angeborenen Patriotismus einer echten Preußin enthusiastischen Beifall zollte, machten endlich diesem Kriege ein Ende, und beruhigten mit dem Friedensabschluss des Jahres 1745 ihr Gemüt so weit, dass sie wohlgemut von Preußen nach dem Sachsenlande übersiedelte. In der Schlacht bei Kesselsdorf hatte der Oberst aber einen so entstellenden Hieb über das Gesicht er halten, dass die junge Frau es nötig fand, ihm ein für alle Mal jeden künftigen Kriegsdienst zu untersagen und anzuordnen, dass er zur Verbergung der abscheulichen roten Narbe einen schmalen, höchst kleidbaren schwarzen Pflasterstreif trug. Alle Demonstrationen des würdigen Kriegsmannes, der sich schön mit einem blutroten Malzeichen der persönlichen Tapferkeit fand, halfen ihm nichts, und wenn sie auch endlich bisweilen zugab, dass er im Hause, also sozusagen im Negligee, unbepflastert erschien, so gehörte doch zum Galaanzuge und den gesellschaftlichenDehors das Pflaster ganz unvermeidlich, und wurde zuletzt dem Obersten so notwendig, wie einem Kahlkopfe die verschönernde Perücke.

Das Pröhl’sche Ehepaar blieb kinderlos. Um diesem Übelstande, aber mehr der entstehenden Langeweile, als dem sehnsüchtigen Bedürfnisse abzuhelfen, warf sich Frau Elisabeth zur Beschützerin und Erzieherin zweier jungen Damen auf, die ihrer Eltern beraubt, durch geschwisterliche Verwandtschaftsbande zu der Familie ihres Mannes gehörten. Elvire von Uslar war die ältere ihrer Pflege befohlenen, seit acht Jahren unter ihrer Obhut und ganz ohne Zweifel der Stolz ihrer noch jugendlichen Pflegemutter. Gertrud von Spärkan befand sich erst seit einigen Jahren bei ihr, und wurde ihr immer zeitweise entzogen, wenn der Vormund des holden Kindes, der großmächtige, stolze und oft misslaunige Feldmarschall von Spärkan in Dresden sich des jungen Mädchens einmal erinnerte und sie ›zu sich befahl‹.

Im Stillen ärgerte sich Frau von Pröhl entsetzlich über die Sultanlaunen des gnädigen Herrn Vormund, und hatte oft nicht übel Lust, durch Vorspiegelung von Krankheit ihre kleine hübsche Gertrud dem steifen Zwange des vormundschaftlichen Befehles zu entziehen, allein hier eröffnete sich ein Feld, wo sie mit all ihren Herrscherkünsten nichts gegen ihren Gemahl auszurichten vermochte.

In einer Anwandlung von Respekt und schuldiger Subordination stemmte sich der Oberst stets gegen solche Machinationen und forderte unbedingten Gehorsam, wenn die Karosse des allgewaltigen Feldmarschalls vom nahen Dresden vorfuhr, um das Fräulein Gertrud von Spärkan in die Arme ihres gnädigen Herrn Vetters und Vormunds zu holen. Die kecke, schelmische und dabei höchst entschlossene Miene der Frau von Pröhl bei solchen Gelegenheiten zeigte, dass sie sich mit Plänen trug, die den besorglichen Anordnungen des Feldmarschalls geradezu entgegen liefen. Er, das wusste sie, wollte die kleine Gertrud, die Erbin großer Reichtümer, vor der zu intimen Verbindung mit der preußisch gebliebenen Frau von Pröhl bewahren, obwohl er dem Aufenthalte derselben bei ihr nichts anhaben konnte, weil das Fräulein näher mit Pröhl, als mit ihm verwandt war, dessen Namen sie zwar trug, allein ohne anders, als durch weithergeholte Abstammung, zu seiner Familie zu zählen. Und Frau von Pröhl? Nun, das lag klar zu Tage, sie hatte gar nichts dagegen, wenn sich eines Tages ein hübscher preußischer Vetter in das hübsche reiche Sachsenkind verliebte und dasselbe trotz aller Feldmarschall-Taktik auf das Schloss seiner Ahnen entführte. Es herrschten also zwischen den Preußen- und Sachsenplänen immer noch die feindseligen Elemente vor, trotzdem der König von Preußen im guten Glauben lebte, ›Frieden geschlossen‹ zu haben. Es waren nur Kriege anderer Art, als sie der tapfere Friedrich zu führen pflegte.

Für den Augenblick war es der Frau von Pröhl gelungen, hinter dem Rücken des Feldmarschalls das Fräulein zu entführen, um sie teilhaft der großen, glänzenden Hochzeitsfeierlichkeiten werden zu lassen, die im Schlosse Rittbergen vorbereitet wurden.

Graf Levin Brettow gehörte zu den hervorragenden Persönlichkeiten seines Vaterlandes, und es ließ sich bei diesem Stande des Bräutigams und der glänzenden Lebensstellung der schönen Braut etwas Grandioses erwarten. Hierin sowohl, als in dem bräutlichen Verhältnisse ihrer Pflegetochter Elvire von Uslar zu Herrn Reinhard Bünau von Rittbergen, lagen die Entschuldigungsgründe seiner Hochzeitsreise, zu der allerdings der Feldmarschall gewiss niemals eine Einwilligung gegeben haben würde, wenn man ihn sonst befragt hätte. Frau von Pröhl kümmerte sich nicht um das Ungewitter, das sie mit ihren sehr geheim gehaltenen Plänen zu dieser Hochzeitsreise angerichtet hatte. Sie war auf Schloss Rittbergen angelangt, hatte lachend und voll mutwilliger Einfälle der schönen Margareth ihre diplomatischen Kunststücke gebeichtet und ihre frommen, sehnlichen Wünsche ausgesprochen, dass sich ebenfalls ein so ›stürmischer Bewerber‹, als der Bräutigam Graf Levin, finden möchte, der ihre kleine Gertrud im Sturm seiner Gefühle ohne weiteres auf preußischen Grund und Boden zu verpflanzen, Lust bezeige. Was nun noch im Schoße der Zukunft lag, das überantworte sie der Vorsehung, die, wie sie in ihrem Glaubensbekenntnisse aussprach, ›stets das vorbereite, was dem Menschen von Gott als ein Schicksal bestimmt sei.‹

Unter diesen freundschaftlichen Mitteilungen, denen Fräulein Margareth mit merklicher Zerstreutheit lauschte, hatte Frau von Pröhl ihre Reisetoilette mit eigenen Händen etwas verbessert und schickte sich nun an, in Margareths Gesellschaft das Zimmer zu verlassen, wo sie während der Zeit ihres Aufenthaltes mit ihrem Gatten wohnen sollte, während den beiden Pflegetöchtern ein Kabinett im nördlichen Turme angewiesen worden war, von wo man weit hinaus ins Land schauen konnte.

Sie hatte, ganz eingenommen von ihrem gelungenen Staatsstreiche, übersehen, welch’ ein reizendes, aber sichtlich verlegenes Lächeln über Margareths Antlitz flog, als sie ›die stürmische Bewerbung‹ des Grafen Levin hervorhob, und es fiel ihr bei ihrem leichten Sinne nicht ein, dass das Fräulein einen Vorwurf der Übereilung aus ihren Worten interpretieren könne. Harmlos, weil eine schnell entstandene stürmische Liebe ganz ihren Beifall hatte, nahm sie die kleine Verwirrung der jungen Dame, die sie späterhin zu bemerken noch Gelegenheit fand, für bräutliche Scham, welche unter den vorliegenden Verhältnissen noch natürlicher und verzeihlicher als sonst wohl war. Margareth kannte ihren Verlobten kaum zehn Wochen, war seit acht Wochen seine Braut und sollte in einigen Tagen seine Frau werden. Allerdings musste jeder zugeben, dass man kaum schneller die nötigen Schritte und Stadien vor einer lebenslänglichen Vereinigung, wie die Ehe, absolvieren konnte, und es musste jeder glauben, dass nur mächtige und leidenschaftliche Gefühle von beiden Seiten das Brautpaar zu der Abkürzung aller üblichen Formalitäten veranlasst hatten. Frau von Pröhl war auch einige Minuten lang sehr verwundert gewesen, dass die zarte blonde Margareth, mit dem sanften süßen Gesichtchen, das so durchsichtig weiß wie Alabaster war, so stark leidenschaftlich für ihren Levin entbrannt erschien, um alle Prüderie des jungfräulichen Sinnes zu überwältigen; allein die Herzensfreude über die damit eingestandene Wahrhaftigkeit ihrer Liebe half sogleich der momentanen Verwunderung ohne weiteres ab und brachte sie auf immer zur Ruhe. Liebe musste der Beweggrund dieser Eile ein – Liebe von Seiten des Verlobten, der in der ersten stürmischen Herzenswallung darnach dürstete, sein errungenes Kleinod sicher in Besitz zu nehmen, Liebe aber auch von Seiten der Braut, die mit vollkommener Willensfreiheit diesen lebhaften Forderungen des Bräutigams Folge geleistet hatte. Und wo die Liebe siegend ihr Panier schwang, da war nach Frau von Pröhls Glaubensbekenntnis: ›nichts zu fürchten!‹

Vertraulich, Arm in Arm, verließ die Dame, in ihren weiten Lebensregeln sicher, mit Margareth das Gastzimmer, um sich zum Frühstück zu begeben, das ihrer wartete. Sie traten unmittelbar von dem Zimmer in die Halle, welche im Mittelpunkte des untern Geschosses lag, und stiegen langsam die mit pomphafter Bequemlichkeit angelegte breite Treppe hinauf, welche sich ganz dicht an diesen nördlichen Flügel des Schlosses anlehnte, während vom südlichen Flügel eine gleiche Treppenflucht aufwärts lief, um sich mit jener unweit der zweiten Etage in einem Balüstre zu vereinen. Schon auf dem Wege vernahmen beide Damen ein lebhaftes Gespräch, mit Beifall und jugendlichem Frohsinn geführt, und Frau von Pröhl wandte ihren Blick fragend auf die Schlossdame, da die hervortönende Männerstimme weder ihrem Gemahle noch dem Hausherrn angehörte.

»Ist das Graf Levin?« fragte sie endlich, als sie das Balüstre erreicht hatten und von dort in den Korridor zu treten Anstalt machten. -

Margareth schüttelte den Kopf.

»Es ist Levins Vetter, Junker Wolf! Er ist unser Hausgenosse seit längerer Zeit und wird auch das Schloss so bald nicht verlassen.«

»Junker Wolf?« fragte Frau von Pröhl, indem sie das Wort ›Junker‹ stark betonte.

»Levins Großvater wurde in den Grafenstand erhoben, als er sich mit einer fürstlichen Dame vermählte. Die andern Linien der Brettows sind Freiherren,« erklärte Margareth.

In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür des Salons, wo das Frühstück eingenommen werden sollte, und Fräulein Gertrud flog, wie ein Schmetterling, der gehascht zu werden fürchtet, heraus, gerade der Treppe zu. Ein Kavalier von auffallend schönem Äußern folgte ihr, einen Myrtenzweig in der Rechten, den er augenscheinlich zu leichtsinnigen Zwecken hoch emporhielt.

»Nur eine Minute – nur eine Sekunde, Fräulein Gertrud!« rief er dabei schmeichelnd.

»Nein, nicht eine halbe Sekunde,« entschied das junge Mädchen fliehend.

»Ich möchte nur sehen, wie Ihnen ein Myrtenkranz kleiden würde, gnädiges Fräulein,« bat er weiter, und wurde nun erst der Damen ansichtig, die voller Erstaunen die kleine Szene belauschten.

Sogleich besonnen, wenn auch noch das verklärende Lachen jugendlichen Übermutes in den schönen Gesichtszügen, trat der Junker auf Frau von Pröhl zu und drückte sein Bedauern aus, dass er nur einige Minuten zu spät von der Jagd zurückgekommen sei, um die Herrschaften empfangen zu können, und stellte sich selbst als den Premierminister des Herrn Reinhard Bünau von Rittbergen auf Rittbergen vor. Eine anmutige Gebärde der Frau von Pröhl zeigte ihre Geneigtheit, auf den scherzhaften Ton dieser Präsentation einzugehen, und sie nahm seinen Arm an, den er ihr voll ritterlicher Galanterie darreichte, um sie in den Salon zu führen. Gertrud und Margareth folgten. Die Erstere erzählte die Veranlassung ihrer Flucht vor dem Junker. Sie hatten zusammen vor den kolossalen Myrtenbäumen, welche eine Zierde des großen Familiensaales abgaben und mit der Vergangenheit des Rittberg’schen Stammes verknüpft waren, gestanden. Scherze, wie die leicht vertrauliche Jugend gern zu machen pflegt, flogen von den Lippen der jungen Damen, und plötzlich bog Herr von Rittbergen einen Zweig des Baumes mit vielsagendem Lächeln zu der Stirn seiner errötenden Braut nieder, um zu sehen, wie ihr das dunkle Grün zu Gesichte fände. Junker Wolf fühlte ein unbezwingliches Verlangen zu einer gleichen Probe. Da aber Gertrud nicht so nahe zum Baume fand, so brach er mit räuberischer Hand einen Zweig und verfolgte das fliehende Mädchen. Das war die große Geschichte des ersten Krieges zwischen diesen beiden Leutchen, die in allen andern Punkten sehr gut zu einander passten, nur in Hinsicht der Geldverhältnisse nicht. Junker Wolf von Brettow war der dritte Sohn seines Vaters, welcher nur ein Gut zu vererben hatte und zwar ein Lehngut. Allodialvermögen besaß dieser Zweig der Familie gar nicht.

Der älteste Junker präparierte sich also zum Schlossherrn, der zweite Junker studierte und ging als Attaché in die weite Welt, um sich einsort zu machen, und der dritte Junker lebte bald hier, bald da, wo er sich mit seinen Kräften nützlich machen konnte. Am liebsten wäre er Offizier geworden. Aber da das ganze heilige deutsche Reich jetzt in einem ewigen Frieden versunken zu sein schien, so sagte es ihm nicht zu, sich in die Reihen derer zu stellen, die beim leidigen Kamaschendienst Zeit genug behielten, sich von der fürchterlichsten Langeweile geplagt zu fühlen.

Er lebte seit einigen Jahren auf Rittbergen, hatte während der kürzlich erst beendigten Reisen des jungen Schlossherrn das ganze Hauswesen administriert, und konnte sich also mit Fug und Recht als den Premierminister des Herrn Reinhard Bünau präsentieren. Durch und durch ehrlich und brav, ziemlich unterrichtet, gescheit und praktisch, sozusagen das Ideal eines tüchtigen und ehrenwerten Landjunkers, dabei heiter, für Schönheit, und Anmut empfänglich, allein ohne besondere Anlage zum sogenannten ›Verlieben‹, und schließlich viel zu ehrlich, um sich aus Eigennutz zu poussieren – das waren ungefähr die Grundelemente seines Wesens. Im Hinter halte schlummerten freilich noch die Stammeigentümlichkeiten: ›Ungeduld und aufbrausende Hitze‹; da jedoch seine ganze Erziehung darauf hingewiesen hatte, sich unter der Herrschaft bevorzugter Edelleute zu beugen, so war Junker Wolf zu einer weit größeren Selbstbeherrschung gelangt, als irgendein Brettow vor ihm. Er hatte, vielfach schon, Proben seiner ungestörten Seelenruhe abgelegt, und er war zu dem Selbstvertrauen gekommen, selbst ›die Kämpfe mit einem rebellischen Herzen als Narrenspossen zu betrachten und die Macht der Liebe zu bezweifeln, wenn der Mann nur richtig mit sich fertig werden wollte.‹

Freilich hatte er die Erfahrung für sich. Er war der schönste Mann seiner Zeit, und die Jungfrauen seines Standes nicht allein, sondern die reizendsten Mädchen in allen Schichten der Bevölkerung waren bereit sich von ihm lieben zu lassen. Da der schöne Junker Wolf nun eben kein Weiberfeind war und den warmen Blicken ein waches Herz entgegentrug, so kam er oft in Gefahr, einem reichen Vater oder einer hochmütigen Mutter Todesangst einzuflößen. Man fürchtete eine Liaison, die den allgemein geachteten und beliebten jungen Edelmann zu einer gerechten Anfrage verhelfen konnte, und wenn man damals, noch weniger als jetzt, auch nicht geneigt war, sich der tränenreichen Liebe eines Töchterchen zu fügen, so scheute man doch die Konflikte mit dem angesehenen Stamme Brettow, der es bis zum Grafentume gebracht hatte. Junker Wolf zog sich aber aus allen diesen Affären stets ehrenhaft und mit unverletztem Herzen zurück, weil er, wie er sagte, ›recht gut wisse, dass er den Eltern schöner, liebenswürdiger Mädchen ein geeigneter Kavalier sei, aber keineswegs ein geeigneter Schwiegersohn.‹

Durch Junker Wolf war ein Vetter, der Graf Levin Brettow, auf Rittbergen eingeführt. Er hatte im Sturme das stille, sanfte Herz der schönen Margareth genommen, ohne ihr eigentlich Zeit zur Prüfung zu gestatten. Graf Levin war keineswegs so schön, wie sein Vetter, und ihm mangelte vor allen Dingen die heitere Selbstverleugnung, die dem armen Junker zum Schmuck gereichte. Wild, ungestüm, verwegen bis zur Tollkühnheit, ein Feind aller Verfeinerung, aller Schwärmerei und aller Geisteserhabenheit, aber dabei ein edler, hochsinniger Mann im wahren Sinn des Wortes, dem die Koketterien des Weibes ein Gräuel waren, der Wahrheit und Recht liebte und die Lüge verabscheute – so war der Graf Levin beschaffen. Ob er in dieser Eigentümlichkeit fähig war, das sensible Gemüt und das zartfühlende Herz Margareths zu beglücken, blieb fraglich. Margareths Ausbildung war von einer Tante besorgt, die nicht hinter dem Zeitfortschritt zurückzubleiben Lust hatte; sie gehörte also zu den schwärmerischen Seelen, die in der Verzückung über erhabene Gemütsregungen vergessen, dass Steine auf dem Lebenswege liegen, worüber man fallen kann, wenn man zu viel himmelwärts schaut. Margareth war von der Poesie der Liebe für den Augenblick berauscht, sie verwechselte vielleicht die Herzensglut des Grafen Levin mit Geistesflammen, weil die Beredsamkeit wie ein frischer, belebter Quell aus seinem jähe erweichten Innern hervorbrach und seine Worte färbte. Sie erkannte vielleicht zu spät ihren Irrtum, um den Missgriff wieder gutzumachen, der sie nahe an den Rand des Verderbens bringen konnte. Ihre jungfräulich zarten Begriffe von Erdenglück fanden für jetzt Befriedigung in dem überschwänglichen Reichtume seiner Empfindungen, aber was wurde daraus, wenn eines Tages der Schleier von ihren Augen fiel und sie sich mit all’ ihren Lieblingsträumereien an einem jenseitigen Ufer fand, getrennt durch brandende Lebenswellen von dem, den sie zärtlich zu lieben meinte? Ihr Himmel, den sie azurblau für Ewigkeiten glaubte, hatte Wolken von drohendem Inhalte am Horizonte lagern, und ein einziger Windstoß vermochte sie zu ihrem Entsetzen hinaufzutreiben.

Ihr Bruder Reinhard wäre vielleicht im Stande gewesen die Misslichkeit ihrer eingegangenen Liebesverhältnisse richtig zu beurteilen, da er die genügende Weltkenntnis erlangt hatte, um die heterogenen Charakterbildungen des Brautpaares zu durchschauen, allein sein eigenes Herz war für den Augenblick zu tief beschäftigt, und die Überzeugung von dem Werte des Grafen stillte die auftauchenden Zweifel, die sich seiner bisweilen blitzähnlich bemächtigten. Er hielt überdies eine edle und zärtliche Liebe für mächtig genug, um jede Verschiedenartigkeit der Naturen auszugleichen, und er wusste, wie recht weiblich hingebend seine schöne Schwester zu sein vermochte. Was sich in geistiger Beziehung Abweichendes vorfand, das berücksichtigte er gar nicht. Die Zeitperioden lagen auch zu nahe, wo es dem Edelmanne nur nötig schien, sich äußerlich als Ritter zu zeigen und außerdem dem wilden und ungezügelten Leben eines Jägers obzuliegen, ohne daran zu denken, dass Lesen, Schreiben und Rechnen edle Wissenschaften seien, die einstmals jedes Kind im Volke begreifen könne. Herr von Rittbergen hatte sich befleißigt eine höhere Stufe der Bildung zu erlangen. Er war in den Jahren einer Studien mit Männern zusammengetroffen, die, späterhin zu geistigen, Größen seines deutschen Vaterlandes emporgewachsen, schon in ihrer jugendlichen Strebsamkeit auf ihre Kommilitonen eingewirkt hatten; aber er schlug solche Verstandesbeschäftigungen nicht so hoch an, um davon ein Erdenglück abhängig zu machen. Graf Levin verstand vortrefflich zu rechnen, las und schrieb hinlänglich gut, um seinem Stande gemäß überall auftreten zu können. Dass er zu abstrakt dachte, um sich für Klopstocks ›Messiade‹ begeistert zu fühlen oder des jungen schwärmerischen Wielands ›Platonische Betrachtungen über den Menschen‹ zu studieren, dies gereichte ihm in den Augen Rittbergs nicht zum Schaden, obwohl er für diese Geistesproduktionen schwärmte und mit allen Dichtern und Schriftgelehrten seiner Zeit im engsten Verbande stand. Der gesunde Verstand des Grafen Levin glich den Abstand einer Universitätsausbildung mit seinem untergeordneten Wissen durch anderweit hervorragende Geschicklichkeiten aus, und er bewies durch die Vorliebe, die er für die Gellert’schen Dichtungen zeigte, dass er keineswegs unempfindlich für den Aufschwung der deutschen Literatur war. Nach seiner Meinung musste man aber verstehen, was man las. Die ›Fabeln‹ von Gellert mit ihrer unausbleiblichen Moral verstand er und ergötzte sich daran, weil er den Nutzen der Satire darin erkannte. Weniger sagten ihm die damals in Umlauf gesetzten ›Satyrischen Briefe‹ Rabeners zu, obwohl er sie ebenfalls begriff und vorzugsweise auch mit Andacht durchstudierte. Gellert blieb ein Ideal, und er ruhte nicht, bis er die persönliche Bekanntschaft dieses Lieblingsdichters gemacht hatte.

In diesem kleinen Charakterzuge fand Rittberg eine Art Garantie für die Wärme einer Geistesempfänglichkeit, und glaubte es ruhig der Gemeinschaft mit seiner exzentrisch-poetisch erzogenen Schwester überlassen zu können, die nötigen Berührungspunkte zwischen ihren ungleich kultivierten Seelen herauszufinden. Genug, er machte sich wenig Sorge wegen der Verstandesverfassung des Brautpaares, nachdem er einige schlagende Beweise für die Sympathie ihrer Herzen erhalten hatte.

Die Eile, womit Graf Levin seine Verheiratung betrieb, war ihm im Grunde sehr lieb, weil seine eigene Vermählung auch dadurch beschleunigt wurde. Er hatte in einer romantischen Laune seinem Vater das Versprechen geleistet, nicht eher eine Gattin auf Schloss Rittbergen einzuführen, als bis eine junge schöne Schwester es als glückliche Frau verlassen hätte. Wenn ihn auch kein Schwur an diese Verheißung band, so stand er doch zu sehr unter der Einwirkung einer phantastischen Schwärmerei, die ihn zu einem ritterlichen Beschützer der verwaisten Schwester stempelte, als dass er sich sophistisch seinem Gelübde entziehen sollte. Er hatte Fräulein Elvire von Uslar schon früher kennen gelernt, aber eine direkte Bewerbung um ihre Hand verschoben, bis Margareth Braut geworden war. Die Hochzeit der Schwester sollte jetzt die Veranlassung geben, das Verlöbnis mit ihr zu veröffentlichen und zugleich die Zeit zu verkürzen, die Frau von Pröhl mit der ganzen Gravität einer Pflegemutter zum Brautstande ihres Pflegetöchterchens festgesetzt hatte.

Frau von Pröhl betrat unter bedeutenden Anwandlungen von Neugier das Besitztum der Familie Rittberg, von welchem fabelhafte Beschreibungen im Umlaufe waren. Man pries das Schloss als eines der romantisch gelegensten und luxuriös ausgestatteten, und schon die ersten Wahrnehmungen der scharf und heimlich um sich blickenden Dame bestätigten diese Erzählungen. Wie fürstlich schön waren die Hallen und die Korridore des Schlosses, nachdem man durch antike Mauerwerke und über eine Zugbrücke hinweg in den engen Schlosshof bis vor die ganz altertümliche gotisch gewölbte Haustür gedrungen war. Gleich beim ersten Eintritte überfiel sie eine Empfindung, die an Erstaunen und Ehrfurcht grenzte, als sie die kolossalen Hallen betrachtete, die einst den Vorfahren Rittbergs zum Versammlungsorte gedient hatten, jetzt aber nur noch als eine Verbindung der beiden neuern Flügel benutzt wurden. – Eine Reihe korinthischer Säulen, von denen man nicht sagen konnte, ob sie zur Zierde der Halle selbst dienen sollten, oder ob sie zur Stütze der oberhalb liegenden Räume nötig waren, zogen sich bis zu den Treppen hin, wo sie in einem schönen Halbbogen mit Balustraden versehen, als Treppeneinfassung paradierten.

Frau von Pröhl ließ ihre Blicke mit unverkennbarer Bewunderung nochmals nach dem prächtig verzierten Treppenbalkon, der auf einem Trupp eben solcher Säulen ruhte, zurückschweifen, bevor sie am Arme des Junker Wolf den rechts liegenden Korridor entlang ging, und ihr erstes Wort an Rittberg war ein lebhaftes Lob des imposanten Aufganges zum zweiten Stockwerk.

»Tod und Hölle,« brach der Oberst laut lachend heraus, »mein Lischen betrachtet sich also ganz gemütlich die architektonischen Wunder des Schlosses Rittbergen, während wir hier mit dem Frühstück warten und beinahe verhungert sind. Es ist Zeitgeist, dass unsere Frauen mehr betrachten, als handeln. Lieber Rittberg, gewöhnen Sie Ihre Braut früh genug daran, dass sie mehr an Ihr Frühstück denkt, als an den Turmbau zu Babel. Himmelsapperment–«

Frau Lischen sah ihn schelmisch an und hob drohend den Finger auf –

»Mille tonnerres « verbesserte er sich in komischer Verzweiflung, »ich sitze nun eine volle Stunde vor dem besetzten Frühstückstische und labe mich am Dufte des gekochten Schinkens. Himmelelement – wenn ich nur satt davon würde! «

Die Damen hatten Erbarmen mit dem hungrigen Oberst und verschoben die Bewunderung der prachtvollen Myrtenbäume bis zu einer gelegenern Zeit.

Während er seinem Appetite folgte und dem Geschäfte des Sättigens mit allem Eifer oblag, plauderten die Damen mit Junker Wolf und dem Schlossherrn von den bevorstehenden Festlichkeiten, und Elvire bemerkte schlau lächelnd:

»Sie erwarte etwas ganz Besonderes von Poesie, denn der Professor Gellert habe sie ausführlich über alle Umstände der Verlobung und über den Charakter des Bräutigams befragt.«

»Er hat unsern Vetter Levin vor zwei Jahren kennengelernt,« fiel Junker Wolf ein, »und ihn damals etwas urwüchslich gefunden. Vielleicht liegt hierin das Motiv seiner wissbegierigen Forschungen, mein gnädiges Fräulein, und Sie irren sich in Ihrer Voraussetzung, als habe er die Notizen zu einem Hochzeitscarmen gesammelt. Mein Vetter Levin verehrt den Professor als Menschenkenner und als Dichter, allein ich muss befürchten, die Verehrung ist nicht gegenseitig.«

Margareth hob ihre sanften blauen Augen unwillig zu dem Junker auf:

»Gellert würde einem Ruhme als Menschenkenner keine Ehre machen, wenn er meinen Verlobten nicht als einen Edelstein anerkennen wollte,« sprach sie rasch einfallend.

»Nun, nun, Margareth,« scherzte der Junker, »kommt einmal eine Fabel von einem ungeschliffenen Edelsteine ans Tageslicht, so weiß ich, wer damit gemeint ist.«

Rittberg lächelte zu diesem Einfalle und nickte zustimmend mit dem Kopfe. Eine Feuerglut überströmte das schöne, weiße Gesicht der jungen Braut, als sie dem Beifallsblicke ihres Bruders begegnete, und sie wendete sich in großer Bewegung zu Frau von Pröhl, indem sie eine ganz abweichende Frage an sie richtete.

Diese beobachtete sie scharf.

»Woher die Aufregung?« fragte sie sich heimlich. »Ist Graf Levin ein roher Landjunker? Hat sie Ursache, sich ihrer Wahl zu schämen? Was hat sie, die Überfluss an Bewerbern erwarten musste, dazu vermocht, sich einem Manne zu verloben, der ihr an Bildung nachsteht? Nun, wir werden ihn ja sehen und werden selbst beurteilen können, wie sich die Fäden des Netzes um dies schöne Mädchen geschürzt haben. Gott gebe nur, dass er ihrer würdig ist, denn jetzt ist alles zu spät!«

»Wir erwarten heute auch noch unsere Tante Wallbott von Gotha,« unterbrach Rittberg die schwermütige Gedankenflut, welche Frau von Pröhl zu überschwemmen drohte. -

Der Oberst ließ mit gut gespielter Verzweiflung Messer und Gabel fallen und schrie kläglich:

»Was Teufel! Donnerwetter –diable –wollt’ ich sagen! Heute schon? Bringt sie den Leibaffen des Königs von Preußen, der sich zu ihrem und zu aller Entzücken jetzt in Gotha aufhält, mit?«

»Sie meinen Voltaire?« fragte Junker Wolf.

»Voltaire ist schon abgereist,« berichtete Rittberg unangenehm berührt.

»Schon abgereist?« fragte der Oberst verwundert. »Himmelelement, Lischen, wollte nicht Professor Gellert seinetwegen nach Gotha? «

»Allerdings, « antwortete Frau von Pröhl. »Ich werde ihn sogleich davon zu benachrichtigen suchen, damit er den Weg nicht vergeblich macht. Geht Voltaire nach Berlin zurück?« fügte sie zu Rittberg gewendet hinzu.

»Schwerlich! Der König wünscht es nicht, sagte mir der Präsident von Maupertuis.«

»Er wünscht es nicht!« wiederholte der Oberst im Tone übermäßiger Verwunderung. »Hölle und Teufel, das muss einen verwünscht tüchtigen Haken haben! «

»Was wird es weiter für Gründe haben,« meinte Frau von Pröhl. »Wahrscheinlich haben sich die ›großen Geister‹ gezankt, und da der König nicht fortgehen kann, so schickt er seinen guten Freund fort.«

»Vielleicht ärgert sich der König von Preußen nur über Frankreich, weil es sich von dem schlauen Diplomaten Kaunitz für Österreich interessieren lässt, und der arme Untertan Frankreichs muss für die böse königliche Laune büßen,« warf Junker Wolf ein.

»Mir wäre es ganz gelegen, wenn unser König sich überhaupt dermaßen ärgerte, dass er alle Friedensbeschlüsse über den Haufen würfe. Österreich hält doch keine Ruhe, bis es Schlesien wieder hat; es verlautet, dass Kaunitz seine ganze Macht aufbietet, um Maria Theresia zur Allianz mit Frankreich zu bewegen.«

»Es ist möglich, dass Voltaires Ungnade mit diesen politischen Ereignissen teilweise zusammenhängt,« unterbrach ihn Rittberg, »allein im Grunde ist das Zerwürfnis zwischen dem Könige und Voltaire rein persönlicher Natur. Er soll bei einer Gelegenheit, wo es sehr unpassend war und den König ganz besonders kompromittierte, gesagt haben: ›Man solle es nur mit den Verordnungen des hohen Herrn machen, wie er es mit seinen französischen Aufsätzen zu machen pflege, in welchen er das Gute ungeheuer hervorstreiche und das Schlechte still durchstreiche.‹ Der König erfuhr den Ausfall sogleich wieder, und da ihm mehrfach Dinge vorgekommen waren, die ihm seinen Günstling widerwärtig machten, so sendete er ihm seine Entlassung. Wie gesagt, es ist aber möglich, dass unser König die Veranlassung benutzte, um Voltaire loszuwerden, weil er sich über die französische Wetterwendigkeit ärgerte.«

»Was sagt aber Frau von Wallbott zu der extravaganten Ungnade des Preußenkönigs?« fragte der Oberst. »Mich wundert nur, dass die Dame, deren Mund Frankreichs Sprache redet, als sei sie nicht im lieben Deutschland geboren, zur Hochzeit nach Rittbergen kommen will, statt dass sie ihren angebeteten Philosophen, der durch seine Geisteskraft der ganzen französischen Nation ein Übergewicht über alle andere zivilisierten Völker Europas verliehen hat, nach Frankreich begleiten sollte.«

Frau von Pröhl brach in ein heiteres Lachen aus.

»Das musst Du auswendig gelernt haben, lieber Pröhl!« rief sie und wiederholte den ganzen Satz sehr pathetisch.

»Der Ärger hat es mir eingeprägt, Lischen,« erwiderte der Oberst. »Ich weiß es noch wie heute – Kreuzbataillon, wenn ich daran denke, schwillt mir der Kamm. – Es war Soiree bei Lischens Bruder, und der ganze gelehrte Kram tat sich dabei auf. Herr von Voltaire kam spät und schlich wie eine Meerkatze, buckelnd, wenn er mit einer Durchlaucht oder einer Exzellenz sprach, und naseweis gegen denjenigen, welcher mit ihm gleichen Standes war, im Saale umher. Nachdem er eine Menge Sottisen gesprochen, die nur halb verstanden wurden, entfernte er sich wieder, weil der König nach ihm verlangte. War es doch gerade, als wären wir alle miteinander dumme Jungens gegen diesen Kerl mit seinem französischen großen Geiste. Die Damen, wie immer bei solchem Geistesfirlefanz taten ganz verrückt, und da war es, wo Ihre gnädige Tante von Wallbott den erhabenen Ausspruch tat. «

»Meine Tante mag aber nicht Unrecht haben, lieber Oberst,« entgegnete Rittberg von dem Zeloteneifer des Herrn von Pröhl ergötzt. »Die Zeit wird es lehren, dass Voltaire von bedeutendem Einflusse auf die menschliche Geistesbildung gewesen ist. Er gehört doch unbestritten zu den scharfsinnigsten Männern der ganzen, weiten Welt, und Frankreich wird dereinst stolz darauf ein, die Wiege dieses großen Geistes –«

»Donner und Blitz, Rittberg,« unterbrach der Oberst seine Rede, »mögen die Franzosen den Kerl wiegen bis zur Ewigkeit, ich habe nichts, gar nichts dagegen und bin froh, wenn ich nicht dabei sitzen muss, um alle die Wiegenlieder für ihn mit anzuhören. Dereinst? – Dereinst? – Warten wir es ab, ob es ein ›Dereinst‹ für ihn gibt. Die Franzosen haben kein ›Dereinst‹. Sie müssen sich mitavoir undêtre begnügen.«

Ein helles Gelächter belohnte ihn für diesen guten Einfall, und man erhob sich gutgelaunt von der Frühstückstafel, um sich in einzelne Gruppen zusammenzustellen. Das allgemeine Gespräch hörte dadurch natürlich auf und man wählte zwanglos das Thema nach den verschiedenartigen Gemütszuständen. Frau von Pröhl versuchte jetzt mit einigen feinen Wendungen die Gefühle Margareths zu sondieren, allein ihre Bemühungen zerschlugen an dem geflissentlichen Ausweichen der jungen Dame, so dass sie zuletzt davon abstand, und das Nutzlose solcher Einmischungen einsehend, ihre Wissbegierde beschränkte.

Man trennte sich bald, teils um von der Morgenfahrt auszuruhen, teils um die Sehenswürdigkeiten des Schlosses in Augenschein zu nehmen. Der Oberst wollte ein Schläfchen versuchen, wie er sagte. Ehe er aus dem Kreise schied, wendete er sich mit neckischer Geheimniskrämerei an den Schlossherrn und fragte:

»Ein Wort im Vertrauen, lieber Rittberg! Muss ich denn lispeln,« – er sprach das Wort aus, als fehle ihm wenigstens die ganze Zungenspitze – »wenn Frau Tante von Wallbott hier ist?«

»Nein! Nein!« erklärte Rittberg lächelnd. »Tante Wallbott gehört nicht zur Union der Sprachverbesserer.«

»Doch, lieber Rittberg, doch! Sie ist die schlimmste gelehrte Dame, die ich kenne, und am Hofe zu Gotha soll schon stark ›gelispelt‹ werden, auch in Weimar und in Kassel! «

»Natürlich,« fiel Junker Wolf ein. »An allen kleinen Höfen, wo nicht viel Platz für die Füße ist, recken sie umso mehr den Kopf in die Höhe, dem Himmel und ihrem eigenen Ruhme entgegen.«

»Ich sage es Ihnen, Frau von Wallbott in ihrer Geistesmajestät ist eine gefährliche Dame, lieber Rittberg, gefährlicher, als jede Intrigantin, und ich wette darauf, dass sie jetzt lispelt.«

»Sie scheinen den Begriff des Lispelns mit dem der modernen Bildung zu parallelisieren,« rief Junker Wolf ihm nach, als der Oberst nach diesen Worten eilig den Saal verließ.

»Wir werden doch keinen Skandal vom Obersten zu erwarten haben?« fragte der Schlossherr besorgt.

»Tragen Sie keine Sorge, « beruhigte ihn Frau von Pröhl. »Er wird bei der Anwesenheit Ihrer Tante für nichts Augen haben, als für diese gefährliche, gelehrte und schlimme Dame, denn es gehört, wie die leidige Angewohnheit des Fluchens zu seinen seltsamen Eigentümlichkeiten, eine unbedingte und respektvolle Verehrung für geistig bevorzugte Damen zu haben. Natürlich ist ihm, wie jedem Manne, die Subordination eines geistigen, Wesens fatal, und er sucht sich durch tadelnde Worte zu rächen, allein immer nur hinter den Rücken der gelehrten, Damen. Fürchten Sie keine Betisen von ihm. Er wird der eifrigste Kavalier für Frau von Wallbott sein.«

Frau von Pröhl schickte sich nun an, dem Professor Gellert eine schleunige Benachrichtigung über die erfolgte Abreise des Herrn von Voltaire zukommen zu lassen, um womöglich dem kränklichen Manne die Strapazen einer Reise zu ersparen. Sie liebte den sanften, geistvollen Mann mit der Hingebung einer zärtlichen Schwester, und sie verfehlte bei ihren gelegentlichen Besuchen der Stadt Leipzig niemals ihn aufzusuchen. Ihre harmlose Heiterkeit sagte dem hypochondrischen Dichter sehr zu, und es gelang ihr jedes Mal, seine Stimmung auf einige Zeit zu verbessern. Zweimal hatte sie ihn auch schon überredet, einen kurzen Aufenthalt in ihrer angenehmen Häuslichkeit zu versuchen und sich durch ihre zartsinnigen Bemühungen zerstreuen zu lassen, allein für die Dauer halfen alle Zerstreuungen nichts. Seine Gesundheit war schwach und das Übel, das ihn folterte, trotzte allen ärztlichen Mitteln. Es war wohl selten ein Mann in dem hohen Grade, wie Professor Gellert, der Gegenstand einer all gemeinen Liebe und Verehrung, und er verdankte diese Auszeichnung nicht allein den hohen Eigenschaften eines Geistes, sondern auch dem reinen Wohlwollen einer Gesinnungen und der Liebenswürdigkeit eines bescheidenen Benehmens.

Frau von Pröhl hielt es für angemessen, einen Eilboten mit ihrem Briefe abzusenden, und diesen genau über den Weg zu instruieren, den er zu nehmen hatte, um, im Falle Gellert schon von Leipzig aufgebrochen war, ihn noch unterwegs über die Nutzlosigkeit seiner Reise zu unterrichten. Sie beschrieb dem Boten Gellerts Persönlichkeit mit der Umsicht eines Polizeiagenten, und sie überließ sich ganz unbedingt dem Vertrauen, dass ihre beeilten Maßregeln einen günstigen Erfolg haben würden.

Freilich, in unserem Zeitalter der Geschwindreisen und Dampffahrten möchte ein solches Vertrauen ans Lächerliche grenzen, allein damals drängten sich die Reisenden nicht massenhaft in die Gasthofsräume, nahmen nicht in fliegender Eile ein Mittagsessen an dertable d’hôte ein und befanden sich schon wieder unterwegs, wenn es dem Wirte einfallen wollte, irgendjemanden näher in Augenschein zu nehmen. Damals reiste man gemütlich von einem Gasthofe zum andern, wie es die Kutscher und die Pferde gewohnt waren, und es war Tausend gegen Eins zu wetten, dass sich der Professor Gellert, wenn er um zehn Uhr morgens von Leipzig weggefahren war, sich punkt zwölf Uhr in irgendeinem ›weißen Löwen‹ oder ›wilden Bären‹ der nächsten Landstadt befinden würde, seelenruhig ein Süppchen mit dem Wirte verzehrend.

Auf diese feststehende Lohnkutscherpraxis baute Frau von Pröhl die Gründe ihrer Hoffnung, und es war anzunehmen, dass sie richtig kalkuliert hatte.


Note 1

es wird von vornherein darauf aufmerksam gemacht, dass bei dem Tatsächlichen des Romans die Namen und Örter teilweise verstellt werden mussten

Back

Zweites Kapitel.

E inige Stunden später saßen die beiden Pflegetöchter der Frau von Pröhl, etwas ermüdet vom vielen Schauen, nebeneinander in der weichen Ottomane ihres Turmzimmers und plauderten nach Mädchenart über das Gesehene und Geschehene.

Wie alles im ganzen Schlosse, so war auch dies runde Kabinett mit geschmackvoller Bequemlichkeit eingerichtet und gestattete selbst von der Ottomane aus einen ergreifenden Überblick in die Weite.

Gertrud, ganz erfüllt von dem bezaubernd schönen Schlosse, achtete nicht auf das Schauspiel, das sich vor ihren Blicken entfaltete, sondern schwelgte in der Rückerinnerung der prächtigen Dinge, die sie besichtigt hatte, während Elvire, träumerisch versunken, aber mit wohl zufriedenem Lächeln zuhörte und dabei das schöne Panorama vor sich betrachtete. Ein duftiger Hauch hüllte die Ferne in ein unbestimmtes Licht und zog selbst um die näher gelegenen Gegenstände einen leichten Schleier. Der Fluss, von Baumgruppen bald versteckt, bald aber in silberhellem Glanze zwischen grünen Wiesen sich dahin schlängelnd, war von kleinen Kähnen belebt, und eine Fähre durchschritt schwerbeladen mit Holzwagen in träger Langsamkeit das seichte und sumpfige Gewässer. Ihr Blick durchflog die weite Landschaft, und ihr Herz klopfte stärker bei dem Gedanken, dass dies ihre künftige Heimat sei.

Zur Eintracht und zur vertraulichen Schwesterliebe erzogen, legte sie endlich die Arme um Gertruds Nacken und flüsterte ihr etwas von ihren glückseligen Empfindungen zu. Es war eine Ehre für dies junge, eben aufgeblühte Mädchen, dass sie in die Gefühle einer Braut eingeweiht wurde, und sie richtete auch ganz stolz ihr Köpfchen in die Höhe und legte ihre Stirn an Elvirens Stirn, schelmisch in deren Augen schauend. Es waren ein paar hübsche Mädchen, aber nicht aristokratisch bleich und fein, sondern mit echt bürgerlich blühenden Gesichtern, lebhaftem Mienenspiel und sehr feurigen Augen. Es waltete zwischen ihnen eine gewisse Ähnlichkeit vor, so dass man sie dreist für Schwestern hätte halten können, obwohl sie nur von mütterlicher Seite Geschwisterkinder waren. Elvire war etwas größer und schlanker und der Ausdruck ihrer Augen weniger keck, sonst aber von derselben lebhaften Zärtlichkeit, wie die ihrer Pflegeschwester.

»Du kannst lachen!« rief Gertrud halb schmollend. »Den schönsten, reichten, besten und klügsten Mann auf der ganzen Welt hast Du erobert! Wärest Du es nicht Elvire, ich könnte Dich beneiden!«

»Ahme mir doch nach,« scherzte Elvire, indem sie die langen Nackenlocken des jungen Mädchens um den Finger drehte und sie wieder am Chignon befestigte. »Es hat Dich ja heute ein noch schönerer Mann schon mit der Myrte krönen wollen.«

Gertrude schlug mit kindischem Trotze nach Elvirens Hand und richtete hochmütig ihre Stirn auf.

»Der Junker?« rief sie bei diesem, entschiedene Abneigung ausdrückenden Manöver. »Wie? Ist das Dein Ernst? Was würde wohl Onkel Exzellenz zu diesem Junker Habenichts aus Preußen sagen!«

Elvire sah frappiert von der Seite zu ihr auf.

»Du hast ja Vermögen,« warf sie ein.

»Ach so, und da meinst Du, der Junker Wolf könne sich auf meine Güter niederlassen, da er selbst keinen Platz auf der Erde hat, den er sein nennen kann. Nein, Elvire, daraus wird nichts. Ich habe im Sinne, zu einem Ehegemahle hinaufzusteigen, wie Du, aber nicht hinab. Während Du als Freifrau Bünau von Rittberg in der Welt paradieren willst, soll ich Frau Junker Wolf Brettow von Habenichts vorstellen? O bewahre! Den Gedanken schick’ schlafen. «

Im Grunde war Elvire mit dieser Antwort sehr zufrieden. Sie hatte schon gefürchtet, das junge Herz ihrer Cousine in Gefühlen verstrickt zu sehen, die ihr für späterhin schwere Kämpfe hätten bereiten können, da ihr Vormund noch für lange Jahre eine Stimme bei ihrer Verheiratung abzugeben hatte. Aber mit dem Instinkt des Weibes erlaubte sie sich weder einen Widerspruch, noch eine Billigung der hochfahrenden Aussprüche Gertruds, sondern begnügte sich, sie neckend mit einigen zärtlichen Scheltworten abzufertigen.

Gertrud fuhr aufgeregt und sehr lebhaft sprechend fort:

»Nein, Elvirchen, darauf mache Dich nur gefasst, dass Du mich einst noch auf irgendeinem Herzogen- oder doch mindestens auf einem Erbgrafensitz zu besuchen hast. Ich tue es nicht anders, und Onkel Exzellenz hat mir neulich auch gesagt, er wüsste in Schlesien einen Prinzen oder Grafen, – ich weiß nicht mehr genau – der mein Gemahl zu werden verdiente. Aber erst müsse Schlesien dem garstigen Preußenkönig wieder abgenommen werden, wozu auch alle Aussicht vorhanden sei.«

»Schilt mir den Preußenkönig nicht, Du Kobold,« wandte Elvire lachend ein. »Ich bin in kurzer Zeit eine Untertanin und werde kühn für ihn in die Schranken treten!«

»Du? Ach, mach’ mich nicht bange!« spottete Gertrud kindisch. »Du wirst mein Lebtag keine Preußenfreundin und der garstige Fritz wird nimmermehr Dein Ideal der Ritterlichkeit. Pfui – er schnupft Tabak! – Überdies, sagt Onkel Exzellenz, hat er sich benommen wie ein Räuber, indem er der armen österreichischen Kaiserin ihre schönen schlesischen Fürstentümer abgelistet hat. Aber, sagt Onkel Exzellenz, sie sind jetzt dabei, ihm ein tüchtiges Schnippchen zu schlagen. Unser Churfürst hat sich schon bereitfinden lassen für Österreich, und Maria Theresia will mit Hilfe Frankreichs die schlesischen Fürstentümer wieder erobern. Ist das nicht schön ausgedacht, Elvirchen?« fügte sie altklug hinzu und lachte herzlich, als ob es sich hier um Wiedererlangung eines Butterbrotes handle.

»Es mag schön ausgedacht sein,« erwiderte Elvire mit eigener Achtlosigkeit, aber doch im richtigen Verständnis des Gehörten. »Aber recht ist es von Maria Theresia nicht, dass sie hinterrücks ihre Friedensverträge mit dem Preußenkönig verletzt, da sie ihm doch eigentlich dankbar dafür sein muss, dass er ihr geholfen hat, ihren Lothringer Herzog Franz zum deutschen Kaiser zu erheben.«

»So – dankbar soll die Kaiserin noch dazu sein, obgleich sie diese Gefälligkeit teuer hat bezahlen müssen? Geh’, Elvire, Du fängst an preußisch zu werden!«

»Nein, Gertrud, das ist nicht preußisch, das ist nur menschlich gedacht,« entgegnete Elvire ernsthaft. »Denk’ Dir ‚mal, Du hättest mir ein Stück von Deinem Gärtchen unter der Bedingung überlassen, dass ich Dir dafür irgendetwas erzeigte, was Dir recht angenehm wäre –«

»Ja–ich denk’ mir das schon,« fiel. Gertrud keck die runden Arme über der Brust kreuzend mit herausfordernder Gebärde ein.

»Denk’ Dir, dass ich mein Wort gehalten hätte, und dass Du trotzdem ohne mein Wissen zur Mama Pröhl schlichest und sie bätest, Dir doch Dein Gärtchen wieder zu verschaffen, da es Dir leid sei, dass Du ein Stück davon weggegeben hättest. Nun, wäre das schön von Dir gehandelt?«

»So! Was gab Dir denn aber ein Recht an mein Gärtchen?« fragte das kleine Fräulein störrisch. »Wie kamst Du denn darauf, ein Stück davon zu verlangen? Und warum benutztest Du denn den Zeitpunkt, wo Du wusstest, dass ich zur Erreichung eines andern Wunsches gern bereit sein würde, für den Augenblick mein Gärtchen zu verkleinern?«

Elvire sah die junge Politikerin mit großen Augen an, dann lachte sie hell auf.

»Höre, Trudchen, Du hast bei Deinem letzten Besuche in Dresden ungeheuer viel gelernt!« rief sie aus; »Onkel Exzellenz hat mit seiner Diplomatie eine feurige und empfängliche Schülerin in Dir gefunden!«

»O, irre Dich nicht! Onkel Exzellenz weiß gar nicht, dass ich im Nebenzimmer alles gehört habe, was er mit dem Geheimsekretär Menzel gesprochen hat. Aber ich fand, dass er ganz Recht hatte, als er sagte: Preußens König verdiene es nicht anders, als dass ihm mit List das wieder entrissen werde, was er sich durch Schlauheit und Gewalt genommen habe. Wenn ich also, um bei Deinem Vergleiche zu bleiben, zu Mama Pröhl ginge und ihr heimlich vorstellte, wie sehr im Vorteile Du wärest und wie unrecht es von Dir sei, Dir mein liebes Gärtchen räuberisch zugeeignet zu haben, so bin ich ganz in meinem Rechte. Und wenn Mama Pröhl mir dann wieder zu meinem Eigentum verhälfe, ob durch List oder durch Gewalt, bleibt sich gleich, so verdiente sie eine Krone!«

»Schöne Grundsätze!« meinte Elvire heiter. »Und wenn Mama Pröhl, um bei meinem Gleichnisse zu bleiben, zur Erreichung ihres Zweckes zu tadelnswerten Mitteln ihre Zuflucht nimmt, zum Exempel zur Versöhnung mit einer alten Feindin, die nichts taugt und anmaßend ist–«

»Zum Exempel mit Frau von Wallbott,« unter brach Gertrud sie.

»O, nicht gerade diese, denn die gleicht meinem Bilde nicht.«

»Ich aber denke sie mir böse und anmaßend,« beharrte das kleine Fräulein.

»Das darf ich nicht zugeben,« eiferte Elvire. »Es ist die Tante meines Bräutigams – lassen wir also das Gleichnis lieber fallen.«

»Nein!« trotzte das hübsche Kind. »Ich will Frau von Wallbott als ein böses Prinzip aufgestellt wissen. Also wenn Mama Pröhl die alte, hässliche, anmaßende, gelehrte, unausstehliche Tante Wallbott zu Hilfe ruft, um mir mein Gärtchen wieder zu verschaffen, so ist mir dies ganz recht, obwohl ich diese Dame von Grund meiner Seele hasse und verachte. Wenn ich mein Gärtchen wieder erobert habe, dann weise ich ihr die Wege und sage: Bleib’ mir aus den Augen, so lang’ ich Dich nicht brauche!«

Elvire lachte diesmal nicht, sondern wandte sich mit den Worten zum Fenster: »Du bist kindisch und albern, liebe Gertrud!«

»So! Weil ich nicht preußisch denke, etwa?«

»Nein! Weil Du eine Frau verunglimpft, die Deine Ehrerbietung zu fordern berechtigt ist.«

»O, ich werde ihr den allertiefsten Knix machen,« spottete das Fräulein. »Ich werde ihr die Hand küssen! Ich werde ihr die hochzeitliche Schleppe nachtragen! Ich werde ihr zu gefallen ›bon jour ‹ und ›bon soir ‹ sagen! Ich werde ›lispeln‹! Ich werde mit Enthusiasmus vom Leibaffen Voltaire parlieren! Ich werde von Cato, Plato und Sokrates sprechen, obwohl ich nicht mal weiß, wo und wann diese Männer gelebt haben –«

»Da würdest Du sehr schlecht ankommen, denn Frau von Wallbott würde Dich mit einer einzigen Frage demütigen,« fiel Elvire ein. »Mich demütigen? Mit einer Frage? Elvire, Du dauerst mich! Gertrud von Spärkan ist die Verwandte eines sächsischen Feldmarschalls! Was ist denn Frau von Wallbott?«

»Eine sehr kluge, gebildete und herrschsüchtige Dame!« antwortete Elvire.

»Pah! Klug bin ich auch! Gebildet? Nun, das kann ich noch werden, wenn ich sonst Lust habe – und herrschsüchtig?«

Sie stemmte lachend die Arme in die Seiten. »Ich habe Courage für einige fünfzig kluge und gebildete Damen, die ›lispeln‹! Aber, apropos – kennst Du denn Frau von Wallbott? Ich dächte nicht!«

»Doch! Sie besuchte mit ihrer Nichte Margareth Dresden vor ungefähr drei Jahren, und da sah ich sie auf einem Feste beim Grafen von Brühl. Ich erinnere mich noch, mit welcher Ehrfurcht selbst die Herrschaften ihr huldigten.«

»Narrenspossen, wenn sie keine Durchlaucht oder Exzellenz ist. Ich verlache solche Huldigungen, die man der bloßen Klugheit zollt. Was ist Klugheit? Was ist Bildung? Was ist Gelehrtheit?«

Sie pustete verächtlich über die Flächen ihrer kleinen, weichen Kinderhände und hob sich dann majestätisch auf die Fußspitzen.

»Aber was ist Reichtum? Was ist Geburt? Was ist Rang und Stand? Das sind Güter des Lebens, die uns hoch stellen, das sind Vorzüge, die nicht jeder Handwerker erreichen kann, das sind die Süßigkeiten der Erde, wonach selbst die sogenannten ›großen Geister‹ streben.«

»Nicht immer, Gertrud,« wendete Elvire mit stillem Erstaunen zuhörend ein.

»O, hast Du nicht gehört, was Papa Oberst vom großen Voltaire erzählte: er buhlt auch um die Gunst und Bekanntschaft der Exzellenzen und Durchlauchten? Ah, Elvire, ich – ich möchte eine Königin sein – eine Kaiserin, wie Maria Theresia!«

Elvire sah sie starr und erschrocken an.

»Kind – es rappelt!« sprach sie dann ruhig und legte sich zum Fenster hinaus, um die frische Luft mit tiefen Atemzügen einzusaugen.

»Verstelle Dich nicht, Elvire,« plauderte das Fräulein ungestört weiter. »Auch Du möchtest herrschen –«

»O ja,« entgegnete Elvire zurückschauend, aber im Fenster liegen bleibend. »Ich möchte ewig im Herzen meines Reinhard herrschen.«

»Narrenpossen! Herrschen im Herzen des Mannes? Egal! Ist nicht der Mühe wert! Du verstellst Dich auch nur. Du möchtest ebenso gern einen Thron besteigen.«

»Hier im Hause als Hausfrau – o, ja!«

»Möchtest Völker beglücken.«

»Es müsste mir vom Schicksale ein Völkchen Kinder beschieden sein – dann ganz gern!«

»Kinder? Pfui, Du redest als Braut schon von Kindern? Elvire, wir passen nicht zusammen!«

»Das merke ich auch, nachdem Du mir entwickelt hat, wie ein Schmetterling aus einer Puppe kriecht.«

»Meinst Du mich mit dem Schmetterlinge?« fragte das Fräulein indigniert. »Dein Gleichnis hinkt. Ich fühle Adlerskräfte und meine Adlersfittiche werden mich zu einer Höhe tragen! Verlass’ Dich darauf!«

»Ei – mit dieser schön gelungenen Phrase kannst Du immerhin vor Frau von Wallbott erscheinen,«„ spöttelte Elvire und bog sich schnell weiter hinaus. »Ich sehe einen Wagen daherrollen – vierspännig – sie wird es sein! – Wie? Ein Mann bog sich eben aus der Karosse? Wahrhaftig, es ist ein Herr bei ihr!«

»Voltaire? Ist es Voltaire?« fragte Gertrud, schnell von ihren Adlersträumen genesend und zu einer neugierigen Kindlichkeit überschweifend. Sie riss das andere Fenster auf und heftete die scharfen Augen aufmerksam auf den ziemlich schnell näherkommenden Wagen. Der Herr tat ihr den Gefallen nicht, noch einmal hinaufzublicken. Sie nahm jedoch an, dass es kein anderer als Voltaire sein könne, und stürzte mit dem Ausrufe:

»Ich muss es der Mama Pröhl melden!« zur Tür hinaus.

Mittlerweile rollte der Wagen in den ersten Hof ein, passierte die Zugbrücke und langte gerade vor dem Portale an, als sich der Schlossherr, Junker Wolf und einige der vornehmern Hausbeamten zum Empfange der verehrten Verwandtin des Hauses Rittberg aufgestellt hatten.

Die Benachrichtigung des Fräuleins hatte natürlich die Meinung verbreitet, in dem Begleiter der Frau von Wallbott den fremdländischen Philosophen und Satiriker begrüßen zu müssen, und Herr Reinhard Bünau von Rittberg hatte momentan mit einer kleinen ärgerlichen Verlegenheit zu kämpfen, als er über die Worte nachdachte, die er zur Bewillkommnung des Franzosen für nötig hielt.

Wer malt ein Erstaunen, als sich ihm aus dem Wagenfenster ein liebes, wohlbekanntes Gesicht entgegenstreckte und eine Stimme voll liebenswürdiger Heiterkeit ihm zurief:

»Eheu !Carissime ! Wen glaubt Ihr hierzu sehen? Der ungebetene Gast muss an der Türe stehen!«

»Gellert!« schrie Rittberg im Entzücken ganz ungebührlich laut und sprang allenDehors zuwider mit einem Satze an den Wagenschlag.

»Gellert!« tönte es wie im Echo von Junker Wolfs Lippen, und »Gellert! Gellert! Gellert!« ging es wie ein Lauffeuer bis in die Gemächer der Damen, dass sie alle herbeistürzten, um den geliebten, hochverehrten Mann gleich zu begrüßen. Auch Gertrud eilte herbei und drängte sich heran, bis sie eine Hand fassen und küssen konnte. Mit rührender Freundlichkeit empfing der Professor die Huldigungen der reinsten Freundschaft, welche schärfer als sonst in der Überraschung hervortraten, und Frau von Wallbott weidete sich sichtlich bewegt an der anmutigen Fröhlichkeit, die sich in Gellerts Worten und Bewegungen kundgab. Sie trat willig und gern in diesem heitern Tumulte zurück und wartete lächelnd des Momentes, wo man sie auch eines Willkommens wert halten möchte. Das geschah endlich, als der Professor von allen Händen gestreichelt und geliebkost aus dem Wagen gestiegen war, und sie auch Anstalt traf, denselben zu verlassen.

»Ins Teufels Namen, Gnädigste,« schrie der Oberst mit devotem Handkuss, »wo haben Sie denn diesen seltenen Vogel flügge gemacht?«

»In Leipzig, verehrter Freund,« antwortete die Dame freundlich, und ihr Blick fiel dabei auf Gertrudens Gesicht, das einen bedeutenden Anflug von Erstaunen aufwies. Sie nickte dem jungen Mädchen huldvoll und ungeniert zu, denn sie konnte, ohne sie zu kennen, erwarten, dass jetzt nur Stammverwandte im Schlosse Rittberg anzutreffen sein würden. Ein glühendes Rot überzog Gertrudens Wangen. So hatte sie sich Frau von Wallbott nicht gedacht. Freilich, das war eine geborene Kaiserin! Welche imposante Gestalt! Welch’ ein herablassend gütiger Blick – welch’ ein huldvolles Lächeln!

»Wie heißt Du, Kleine?« fragte sie leutselig und reichte ihr die Hand zum Kusse. Demütig, wie eine Klosternovize legte das kleine Fräulein die Lippen auf diese prächtig weiße Hand und flüsterte: »Gertrud von Spärkan!« -

»Ah – so! Ihre Schwestertochter, Herr Oberst!«

Eine entlassende Miene beendete die kurze Szene und sie referierte dann in kurzer, prägnanter Weise, wie sie nach Leipzig gemusst habe und dort ihrem guten Gellert begegnet sei, reisefertig, um zu ihr nach Gotha zu fahren.

»Es lag in der Natur der Sache, dass ich die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen wollte, um von der einmal rege gewordenen Reiselust unsers Freundes, sowohl für mich selbst, als auch für Euch, alle Vorteil zu ziehen,« schloss die Dame sehr gut gelaunt. »Hier habt Ihr ihn! Nun mögen die Grazien« – ihr Auge streifte flüchtig über die drei schönen Mädchen hin, die dicht bei Gellert Posto gefasst hatten – »ihr Amt antreten und die Penaten richtig unterweisen, damit es unserm Freunde hier wohlig erscheine.«

Sie grüßte mit graziösem Kopfneigen jeden Einzelnen des Kreises und stieg in königlicher Haltung am Arme ihres Neffen die südlich gelegene Treppe hinauf, um ihr Zimmer im südlichen Turme aufzusuchen.

Margareth hatte sich gleich anfangs mit einer krampfhaften Hast an ihre Brust geworfen, und von allen Umstehenden waren die seltsam betonten Worte vernommen worden:

»Warum hast Du mir das getan, Margareth?«

Jetzt traf die junge Dame, augenscheinlich beängstigt, Anstalt, ihre Tante zu ihrem Zimmer hinaufzubegleiten. Aber ein bedeutungsvoller Blick aus den dunkeln Augen derselben bannte sie erschrocken auf ihrem Platze, und sie senkte wie eine arme Sünderin auf einen Moment die Stirn, um sie dann aber wieder mit allem Ausdrucke fester Entschlossenheit empor zu richten. In diesem verhängnisvollen Augenblicke wendete sich Frau von Wallbott und betrachtete verwundert die blitzartige Verwandlung des schönen Gesichtes.

»In einer Stunde erwarte ich Dich, mein liebes Kind,« sprach sie mit milder Freundlichkeit. »Für jetzt muss ich ruhen – den Abend hoffe ich im Kreise meiner Lieben heiter verleben zu können!«

Sie verschwand. Gertrud schlich sich leise zu Margareth heran, die innerlich von der Einladung ihrer Erzieherin eben nicht erbaut schien, obgleich sie sich bemühete, eine heitere Miene zu zeigen. -

»Margareth,« flüsterte Gertrud, »Margareth – liebt Dich Deine Tante Wallbott? «

Margareth wendete sich rasch zu ihr um.

»Ja, Gertrud! Sie liebt mich ebenso – nein, mehr noch, als eine Mutter mich hätte lieben können,« entgegnete sie mächtig von Erinnerungen bewegt.

»Dann bedauere ich Dich! « sprach Gertrud mit weiser Miene.

»Warum? « fragte Margareth befremdet.

»Weil es mir vorkommt, als wäre man besser daran, wenn man von Frau von Wallbott gehasst würde,« antwortete das junge Mädchen voller Würde.-

Der Professor Gellert sah sie überrascht an und neigte gedankenvoll mehrmals sein Haupt, bevor er zu Frau von Pröhl halblaut sagte:

»Mir ist’s, als entschleiere sich mit Gertruds Worten die Zukunft Fräulein Margareths. Wer weiß, ob sie nicht durch Frau von Wallbotts Liebe ein leidenvolles Leben führen muss. «

Frau von Pröhl konnte nicht danach forschen, worauf er seine Mutmaßung stütze, denn Rittberg kam zurück und machte den Vorschlag, wenn Gellerts Kräfte es erlaubten, sogleich zusammen zu bleiben und im gewöhnlichen Speisesaal ein Vesperbrot einzunehmen.

Der Vorschlag wurde genehmigt. Man verfügte sich in den Speisesaal, der zu ebener Erde im nördlichen Flügel lag, und die jungen Fräulein ließen es sich angelegen sein, mit tausend schmeichelhaften Aufmerksamkeiten das Herz des ›ungebetenen Gastes‹,wie Gellert sich scherzhaft immer aufstellte, zu erfreuen. Besonders war es hier Gertrud, die mit ganz besonderem Treffer auf passende Bemerkungen die Fabeln des Dichters rezitierte und durch ihre komischen Nutzanwendungen die Gesellschaft zum Lachen und den Professor zum Lächeln brachte.

Frau von Pröhl, nach Mentorart, glaubte endlich dem übermütigen Treiben ihrer Pflegetochter ein Ziel setzen zu müssen. Gellert bemerkte den Wink, der dazu dienen sollte.

»Missgönnen Sie dem armen Autor das Vergnügen, seine Dichtungen selbst vom Kindessinne richtig verstanden zu sehen, meine Gnädige? « fragte er mit sanfter Stimme.

Als Frau von Pröhl ihn schweigend, aber deutlich fragend anblickte, fuhr er fort:

»Sie meinen, des Kindes Freude an meinen Werken könne mir nicht genügen? O, wie irren Sie sich in den Gefühlen des Dichters. Der Beifall ist unser schönstes Glück! Schon die zufriedene Miene eines Lesers wird uns eine Belohnung, und unser stolzestes Verlangen erfüllt sich, wenn wir mit unsern Ideen das Gemüt erweichen und erwecken. Sehen Sie das strahlende Auge meiner kleinen Freundin – glänzt es nicht von dem Bewusstsein so hell, dass es ihr gelungen ist, mir ihren Beifall kundzutun? Dieser belebte und glänzende Blick ist mir das schönsteApplaudissement .«

Sie lächeln über die Eitelkeit des Dichters.

»Lachen Sie immerhin, meine Teure. In der Einsamkeit meiner Schmerzensstunden wird mir das Licht dieses Auges ein Balsam werden und meine sinkende, umhüllte Seele erleuchten. Gott segne dies Kind!«Note 2)

Frau von Pröhl horchte gerührt auf ihres Freundes Erklärung. Seine sprichwörtlich gewordene Bescheidenheit machte es fast unmöglich, ihm irgendeine Verherrlichung angedeihen zu lassen; umso lieber musste es ihr sein, dass er diese Befriedigung bei so geringer Anerkennung zeigte.

»Warum aber, mein hochverehrter Freund, entziehen Sie sich so beharrlich jeder öffentlichen Auszeichnung, wenn es Ihnen doch Vergnügen bereitet, sich anerkannt zu sehen?« fragte sie herzlich.

»Weil die Auszeichnung sehr oft mit kaltem Herzen vorbereitet wird, und derjenige, der sie in Anregung brachte, mehr sein liebes Ich dabei ins Licht des Ruhmes setzen will, als den, welchen er auf das Piedestal der Öffentlichkeit zu stellen Miene macht.«

»Es mag sein, dass Sie Recht haben,« meinte sie nachdenkend, »aber von den meisten Menschen wird Ihre Bescheidenheit als eine Nichtbeachtung beurteilt.«

»Als eine Nichtbeachtung?« wiederholte Gellert mit schwerer Betonung, und legte eine schmalen, weißen Hände gefaltet in den Schoß. »Nein, gnädige Frau, wir Dichter lieben unsere Bewunderer, denn sie geben unserm Geiste den Honig, welcher die Gedanken in uns versüßt und sie in der Zusammenstellung der Dichtung flüssig und geschmeidig macht. Wenn wir dichten wollten, ohne uns im Geiste mit denen zu beschäftigen, die uns unserer Produktion wegen geneigt werden sollen, so würde ein harter und ungenießbarer Teig aus unserm Gemüte hervorgehen. Nein, meine Gnädige, die stolze Demut, womit wir ein Geisteswerk in die Welt senden, das wir unter den furchtsamen Bemühungen, es für Lobspruch und Beifall reif zu machen, aus den widerstrebenden Händen geben, diese stolze Demut zwingt uns, unsere Persönlichkeit aus dem Bereiche jeder Kritik zu ziehen, auch wenn sie günstig ist. Dem Kreise liebenswürdiger Freunde aber leihe ich mich mit froher Unbefangenheit, wenn er mich lobpreisend umgibt!«Note 3)

Gertrud störte dies Gespräch. Mit dem ihr eigenen Ungestüm trat sie auf beide zu, zeigte rückwärts mit der Hand und flüsterte:

»Mama – sehen Sie Margareth!«

Frau von Pröhl folgte ihrer Weisung, und erblickte das schöne Mädchen in einer tiefen Versunkenheit, totenbleich von innerlich nervösen Aufregungen unweit der Tür stehen, bereit das Zimmer zu verlassen und von innerm Widerstreben zurückgehalten.

»Sie fürchtet sich,« flüsterte Gertrud, und Frau von Pröhl musste sich zugestehen, dass ihre Stellung gar nicht anders gedeutet werden konnte. »Sie fürchtet sich,« wiederholte das junge Fräulein mitleidig nochmals. »Könnte ich für sie hinaufgehen zu der königlich-kaiserlich stolzen Dame, ich würde ihr besser gegenüber stehen!«

»Meinen Sie, liebes Kind?« fragte Gellert freundlich. »Ihr Mut würde später sinken, aber er sänke gewiss vor der Geistesmacht dieser Dame! «

»O Herr Professor!« schmollte die Kleine. »Ich habe Courage! Wie sollte Frau von Wallbott es wohl anfangen, mich zur Furcht zu bringen, da ich ihre Liebe nicht wünsche und nicht besitze. Margareths Furcht liegt in der Liebe, das ist sicher!«

Gellert tauschte einen Blick mit Frau von Pröhl, der von Lächeln und Verwunderung gemischt war.

»Mir wird selbst ganz bange,« flüsterte die Letztere und der Professor holte tief Atem. Wusste er, was dem armen schönen Mädchen für Kämpfe bevorstanden?

»Sie geht!« riefen sie alle drei, als Margareth plötzlich die Tür öffnete und verschwand.

Rittberg, der mit seiner Braut kosete, und Junker Wolf, der mit dem Obersten über die Bodenkultur sprach, sahen sich um und blickten sich dann scharf und bedeutungsvoll in die Augen. Beide waren von diesem Momente an zerstreut. Gertrud aber presste ihre Hände gegen die Brust und stöhnte ganz pathetisch:

»Ach, Mama Pröhl – wie mir mein Herz klopft! Mama, sie wird Margareth doch nichts zu Leide tun?«

»Seien Sie unbesorgt, mein kleines mutvolles Fräulein,«„ scherzte Gellert.

»Herr Professor, Ihre Hand darauf, dass Sie der lieben Margareth ein treuer Beistand sind, wenn die majestätische Dame ihr Herzleidzufügen sollte. – Sie müssen Margareths Ritter werden!« befahl sie komisch ernsthaft.

Gellert reichte ihr die Rechte.

»Hier meine Hand zum Pfande, kleine Freundin!«

»Ich werde Sie an dies Wort mahnen!« sprach sie mit Pathos und ging zu Elvire.

Frau von Pröhl schwieg eine lange Zeit unter verschiedenartigen Gefühlen. Sie begriff nicht, wie Gertrud zu der sichtlichen Abneigung gegen Frau von Wallbott kam, da in ihrem Familienzirkel von dieser ausgezeichneten Frau nur mit Achtung gesprochen worden war, bis am Morgen dieses Tages sich ihr Gemahl den scherzhaften Ausfall auf sie erlaubte.

Frau von Wallbott war eine entschieden geistig imponierende Dame von einer merkwürdigen Anziehungskraft. Sie war noch immer eine schöne Frau, groß, stolz und von kleidbarer Fülle. Sie liebte es freilich, sich als erhaben über irdische Verhältnisse und irdische Urteile zu betrachten, aber davon wusste doch die kleine Gertrud nichts! Sie kokettierte auch stark mit ihrer Geistesmacht, allein auch das konnte ihre Pflegetochter nicht wissen. Worauf stützte dies junge Mädchen also ihre Furcht? Leitete sie ein Instinkt oder eine höhere Eingebung? Sie rüttelte sich gewaltsam aus ihrem Grübeln auf und fragte den Professor, der auch tief versunken gewesen war:

»Woher schreibt sich Ihre Bekanntschaft mit Frau von Wallbott, lieber Professor?«

»Diese Bekanntschaft ist schon vor vielen Jahren geschlossen, und späterhin durch den Umstand befestigt, dass ich sie in Frankfurt einer großen Verlegenheit ausgesetzt fand und dass ich im Stande war ihr zu helfen. Sie begleitete ihren Neffen – nicht den Herrn von Rittberg, sondern den Baron Alexander von Lottum auf seinen ersten Reisen. Er war noch sehr jung, und sie hatte nicht ohne Grund Furcht, ihn allein reisen zu lassen, weil er von ihr mit jener echt weiblichen Sorgsamkeit erzogen war, die einen jungen Kavalier bei aller seiner Erziehung für alle Weltverhältnisse unbehilflich macht. Sie hatte diese Reise eben erst begonnen, als sie an einem Leiden erkrankte, das ihr jede weitere Reise unmöglich machte. Der Zufall oder Gottes Fügung brachte mich mit ihr zusammen. Ich hatte damals die Begleitung der beiden Barone von Einsiedel übernommen und wollte ziemlich dieselbe Tour machen, wie Frau von Wallbott. Natürlich erbot ich mich, den Baron Alexander als Reisegefährten mitzunehmen, und seitdem nun stehe ich in Verbindung mit dieser Dame.«

»Aufrichtig, Herr Professor,« entgegnete Frau von Pröhl mit nachdrücklichem Wesen, »Sie verehren Frau von Wallbott?«

»Ja! Ich erkenne, wie überwiegend das Edle in ihr ist. Sie zeigt Schwächen – wer hätte die aber nicht, meine Gnädige?«

»Dann bin ich zufrieden!« sprach Frau von Pröhl mit erleichterter Brust. »Sie ist früh verwitwet? Hat nie Kinder gehabt?« forschte sie leiser sprechend.

»Nein, ihr Gatte hinterließ ihr ein ziemlich bedeutendes Vermögen, aber keine Kinder. Da erschien es ihr als eine Himmelsfügung, dass eine Schwester ihres verstorbenen Gemahls sechs Knaben geboren hatte, wovon sie den jüngsten an Kindes statt annahm. Sie hat diesen Knaben Alexander ihren Prinzipien gemäß erzogen, und er soll jetzt, nach ihrer Meinung und den Urteilen aller jetzt lebenden Schöngeister zufolge, das Ideal einer weiblichen Mustererziehung sein.«

Frau von Pröhl verkannte den leisen Spott nicht, der aus den letzten Worten hervorleuchtete. Gellert schlug lächelnd vor ihrem fragenden Blicke das Auge nieder.

»Seine Grundsätze waren schon damals, wo ich ihn mit unter meine Fittiche nahm, ganz vortrefflich,« fuhr er fort, »und seine Selbstbeherrschung bewunderungswürdig! Das feurige Blut der Jugend war durch die Kunst der Erziehung zu einer Quelle voll Ordnung und Pracht geworden. Was es dadurch an Kühle gewonnen, das ersetzt die Hitze des Geistes. Jetzt lebt er nur in höhern Sphären und glaubt an keine irdische Frivolität mehr!« schloss er mit sarkastischem Lächeln.

»Er ist also zu gut für diese Welt,« scherzte mit Anspielung Frau von Pröhl. Gellert nickte.

»Haben Sie schon von dem jungen Wieland gehört?« fragte er plötzlich.

»Nein! Von Wieland?«

»Von Geist ein Edelmann, doch von Geburt wohl nicht!« antwortete Gellert prompt. »Kaum zweiundzwanzig Jahre alt, und doch an Kenntnissen unerreichbar groß, verspricht dieser junge Mensch die höchste Kulturstufe zu erreichen, die hier im deutschen Reiche wohl jemals erreicht werden kann, und dabei durchdringt der reinste Enthusiasmus für Wahrheit und Tugend sein ganzes Wesen. Dieser Wieland ist unseres Barons Alexander Intimus. Mit ihm hat er jetzt die Schweiz nach allen Richtungen durchstreift, denn Wieland lebt zeitweise in Zürich.«

»Das ist denn auch wohl der Grund, weshalb er seine Tante nicht begleitet hat zu diesem Hochzeitsfeste?«

Gellert wiegte bedenklich sein Haupt.

»Hier scheint mir die Gewitterwolke zu drohen, worin der Blitzstrahl für die schöne Margareth noch verborgen schlummert,« sagte er dann sehr leise.

»Mein Gott, so hätte Gertrud ja prophetischen Sinn?« antwortete Frau von Pröhl ebenso leise.

»Das Kind hat instinktmäßig die Natur der Frau von Wallbott erkannt.«

»Natürlich, liebster Herr, weil diese Natur der ihren gleicht.«

»Es bleibt dennoch bewunderungswürdig und muss mehr auf Zufall beruhen, denn der Dämon des Trotzes in Frau von Wallbott hat sich in wundersam schöne Gewänder gekleidet. Weniger würde es mich Wunder nehmen, wenn die Dame des jungen Fräuleins Naivität auf der Stelle durchschaut hätte, als dass es umgekehrt der Fall ist.«

»Ein Dämon des Trotzes in Frau von Wallbott? Unglaublich!« murmelte Frau von Pröhl und setzte lachend hinzu: »Ich möchte, die kluge, hochgebildete Frau wüsste um Ihren Vergleich und sähe dann meine Gertrud in jenem Paroxysmus des Eigenwillens, wo sie mit dem Fuße stampft!«

»Still – wecken Sie die Geister der Vergangenheit nicht,« warnte Gellert ebenfalls lächelnd, »denn ich bin überzeugt, dass Frau von Wallbott zeitweise noch sehr gern mit dem Fuße stampft, allein für jetzt nur innerlich!«

Ein Geräusch von außen richtete plötzlich die Aufmerksamkeit aller nach dem Eingange, allein als niemand erschien, übergaben sich alle der Unterhaltung wieder, die fesselnd für sie geworden war, nur Gertrud schlüpfte bald darauf hinaus und kam nicht wieder.


Note 2

Wörtlich einem Briefe von Gellert an eine Edeldame entlehnt, deren Familie in der hier geschilderten Beziehung zu dem Dichter stand.

Back

Note 3

Desgleichen dem vorerwähnten Briefe Gellerts entlehnt.

Back

Drittes Kapitel.

Der Abend brach herein. Die Sonne stand golden am nebligen Horizonte und färbte die Gegend mit ihrem Glutlichte.

In diesem goldenen Abendlichte sprengte ein Reiter wild und unbändig durch die Felder und Wiesen, die sich vor dem Schlosse Rittberg in malerischer Abwechslung ausbreiteten. Sein Gesicht glühte, aber nicht von dem Lichte, das außer ihm lag, sondern von den Gefühlen, die wie Sonnenglanz seine Brust durchzogen. Der Reiter war Graf Levin von Brettow, und sein feuriges Ross hatte ihn im Fluge von der fernen Heimat hergetragen, um die Geliebte noch am Abend zu überraschen.

Graf Levin war nicht schön, nicht fein, aber ebenmäßig geformt. Die Flammen der Jugend leuchteten aus den prächtigen dunklen Augen, lagen auf der hohen, kühn gewölbten Stirn, und verliehen seinem ganzen Wesen den Charakter einer gewaltigen Kraft. Seine Erscheinung war imposant und würde an eine echt germanische Abkunft erinnert haben, wenn nicht das Haar und die Augen einen südlichen Typus aufgewiesen hätten. Von zauberhafter Wirkung war sein Lächeln, wenn es blitzartig über die streng männlichen Züge flog.

Bald lag das Schloss, das seine Margareth in sich barg, im vollen Abendglanze vor ihm, und die weit geöffneten Fenster der Besuchszimmer redeten ihm von dem Feste vor, das man dort vorbereitete. Ein losgelöster Vorhang hatte sich vom Winde herauslocken lassen und wehte wie eine Willkommenfahne hin und her, als winke er ihm zu eilen. Glückselig nickte der Graf mit dem Haupte und schaute ringsum, als wolle er die Fluren, wo eine Geliebte gewandelt hatte, im Übermaße des Glückes an eine breite Brust ziehen, um ihnen zu danken, dass sie Segen und Freude gespendet hatten ihr zur Lust.

Verwegen setzte er mit seinem mutigen Pferde mitten durch den morastigen Fluss an einer Stelle, wo weder eine Furt, noch ein Wahrzeichen zu sehen war. Das treue Tier trug ihn schnaufend hindurch und brachte ihn im Galopp auf den Schlosshof, wo seiner endlich Ruhe als Belohnung warten sollte.

Graf Levin sprang hastig ab, und nahm sich kaum die Zeit, seinen Lieblingsrenner der Sorgfalt des Stalldieners zu empfehlen, denn er hatte oben im Fenster ein helles Gewand gesehen, und sein Herz sagte ihm: dass es seine Braut gewesen sei

Wie auf Sturmesflügeln erreichte er das Balüstre, zähmte aber dann seine Hast, um sein Mädchen nicht zu erschrecken. Er trat leiser auf – seine Sporen klirrten kaum – und er schaute spähend den Korridor nach Süden und nach Norden entlang, um sie nicht zu verfehlen. Es rührte sich nichts!

Die feierliche Stille einer Kirche waltete in dem obern Raume. Schon wollte er wieder hinab, um sie in ihrem Zimmer, das im südlichen Flügel lag, zu suchen, als ihm beifiel, dass sie im Salon oder im Turmkabinett weilen könne. Er trat ein. Der festliche Schmuck des schönen Saales beklemmte seine Brust mit süßen Schauern, weil er sich bewusst war, weswegen die Räume von Blumen dufteten und eine ungewöhnliche Eleganz aufzeigten. Die Bedeutung des wichtigen Tages, der seine Wünsche zu krönen verhieß, trat ihm näher, als sein Blick auf die Gruppe der Myrtenbäume fiel, unter deren grünem Blätterdache schon mehrere Generationen des Hauses Rittberg den Segen der Kirche zu ihrem ehelichen Bündnisse empfangen hatten. Gerührt hing er einem Gedanken darüber nach und legte schon jetzt im Stillen das Gelübde einer ewig unveränderten Liebe für sein teures Mädchen ab. Plötzlich entdeckte sein scharfes Auge, dass hinter der Myrtenwand die Tür des Kabinettes zum südlichen Turme geöffnet war, und dass sich in dem venezianischen Spiegel, der den Hintergrund dieses prächtig ausgestatteten Kabinettes zierte, zwei weibliche Gestalten widerspiegelten, die, ihm nicht sichtbar, unweit der Tapetentür und zwar hinter derselben Platz genommen zu haben schienen. Er blickte schärfer hin, um etwas zu erkennen. Richtig. Es war Margareth und eine stolz blickende Dame, die sich eben mütterlich neigte, um in das Auge des Fräuleins zu blicken.

»Es ist die erwartete Tante!« dachte Graf Levin. »Ja, ja, dies Turmkabinett ist ihr fest bestimmtes Quartier für immer – es ist Frau von Wallbott! Was sie reden mögen? Natürlich, von unserer schnell entstandenen Liebe! Ich möchte hören, was mein liebes, zartsinniges Mädchen sagt – dass sie mich liebt, das weiß ich – ja ich weiß es – ich fühle es in ihrem Anschmiegen, in ihrer lieblichen Schüchternheit, womit sie meinen Augen ausweicht, aber wie sie mich liebt! Wie diese Liebe in ihr erwacht ist? Wird sie dies nicht ihrer Erzieherin, ihrer Vertrauten, ihrer mütterlichen Freundin beichten? Gewiss! Sie spricht von Dir, Du glücklicher Mensch, und Du willst hier stehen kalt, wie eine Bildsäule, während die Seligkeit Dir winkt?«

Er tat einige Schritte vorwärts, blieb aber wieder stehen und beschloss, den Weg durch den Korridor zu wählen.

Der Graf kannte die Lokalität doch nicht so genau, wie er gedacht hatte, deshalb befand er sich endlich nach einigen Versuchen, die rechte Tür zu finden, in der Verlegenheit, nicht mehr zu wissen, wo er eigentlich war. Leise schlich er vorwärts, ungeduldig aufs äußerste und doch immer in Furcht, ein indiskretes Eintreten riskieren zu müssen. Unhörbar durchschritt er zuletzt ein schmales Zimmer. Seine Sporen nur klangen leise und melodisch auf dem getäfelten Fußboden. Er blieb vor einer Portiere stehen, die eine halbgeöffnete Tür verdeckte. Er war am Ziele. Die Stimmen der beiden Damen drangen klar und deutlich zu ihm heraus.

Lächelnd, mit der Zuversicht eines glückseligen Herzens blieb er stehen und hörte, wie Frau von Wallbott mit gütigem Tone sagte:

»Warum hast Du mir aber nicht gleich nach der ersten Bewegung geschrieben, meine liebe Margareth?«

»Was sollte ich denn schreiben, beste Tante?« erwiderte Margareth mit ihrem klingenden silberhellen Tone, der immer die Herzensfibern des Grafen aufregte.

»Was Du mir soeben gestanden hat, dass Du uneinig mit Dir selbst seiest!«

»Hätte mir mein Schreiben etwa geholfen?« fragte Margareth leise klagend.

»Allerdings, mein teures Kind! Es würde eine einzige Erinnerung an jene selig reine, schöne Zeit, wo wir unsers jungen hochbegabten Wielands ›Platonische Betrachtungen über den Menschen‹ lasen, genügt haben, um die irdische Beimischung Deines Wesens wieder zu entfernen und Dich in Deinen Gefühlen zu läutern!«

»Nein, liebe Tante – so müssen wir meinen Seelenzustand nicht betrachten –« flüsterte Margareth kleinlaut und kaum hörbar. »Du irrst, wenn Du glaubst – Du irrst!«

Frau von Wallbott hörte gar nicht auf diese Worte, sondern fuhr fort:

»Weißt Du wohl, dass diese seligschöne Zeit Dir eine Verantwortung auferlegt hat? Glaubst Du nicht, dass Alexander Rechte auf Dein Herz hat?«

Margareth hob rasch den Kopf auf und sah ihre Tante besorgt an.

»Ich sehe, Du verstehst mich, und ich habe somit Dir nicht zu erklären, dass die tiefgewurzelte Neigung zu Alexander den Hauptgrund zu Deinem innern Zwiespalte gegeben hat. Die veredelte Männlichkeit dieses jungen Mannes, sein Zartgefühl, eine Selbstbeherrschung, die er in Folge seiner Bestrebungen errungen, hat Dir vorgeschwebt und Dich zu Vergleichungen bewogen, die jedenfalls dem rohen Sitten- und Wissenszustande des kühnen, voreiligen Bewerbers ungünstig sein mussten. Seine wilde Leidenschaft musste Dich verletzen – seine heiße Liebe Dir zuwider sein.«

Margareth machte während dieser Rede mehrmals eine abwehrende Gebärde, die natürlich von dem entsetzt lauschenden Grafen nicht gesehen werden konnte. Jetzt erhob sie sich zu dem Mute, ihre Tante zu unterbrechen.

»Bitte, beste Tante, höre auf mich zu quälen!« flüsterte sie mit ganz klangloser Stimme.

»Nein,« erwiderte Frau von Wallbott mit harter Unerbittlichkeit gehobenen Tones fort, »nein, Du musst hören, ehe es zu spät ist, wie unverzeihlich Du gegen mich und gegen den Mann, den ich für Dich erzogen und bestimmt hatte, gehandelt hast. Nicht Dein Glück allein hast Du gestört–«

»O Tante – Tante!« unterbrach Margareth sie schüchtern. »Mein Glück–«

»Schweige, mein teures Mädchen – beteuere nicht, dass Du glücklich seiest in Deinem bräutlichen Verhältnisse. Es ist nicht wahr! Keine Braut, die mit vollem befriedigten Herzen ihrer Ehe entgegengeht, zieht so verzagt und verschüchtert die Gefühle in sich zurück, als schäme sie sich der Liebe, die sie fühlt. Liebe macht stolz und Liebe macht selbständig! Du hingegen zitterst vor der Beurteilung Deiner Gefühle, und das allein belehrt mich über die Natur derselben.«

»Was wird sie sagen,« dachte der Graf voller Entsetzen, und ein Grimm ohnegleichen erfasste sein tief gekränktes Herz, als er die Beschaffenheit von Margareths Zurückhaltung dergestalt zerlegt sah, dass ihm kein Zweifel mehr bleiben konnte. Leider sagte das Fräulein, im Bewusstsein ihrer geistigen Hilflosigkeit, dieser wetterdrohenden Versuchung gegenüber nichts, sondern schlug beide Hände vor das schöne, totenhaft bleich werdende Gesicht. Dass ihr ganzer Körper unter der innerlichen Empörung und Aufregung erzitterte, beschwichtigte ihre Peinigerin nicht, denn sie fuhr fort:

»Und nicht Dein Glück allein hast Du gestört, liebes, teures Kind – nein, auch Alexander ist vernichtet vor Schmerz über diesen unvermuteten Verlust. Er behauptet, Du gehörest ihm mit allen Fasern Deines Seins! Er hielt sich Deiner versichert ohne Erklärung. Zwischen Euch seien keine Liebesbeteuerungen nötig – Eure Seelen seien verschmolzen – Eure Herzen einig.«

Graf Levin fand erstarrt. Sein Auge sprühte Flammen, seine Faust ballte sich und sein Fuß stampfte den Boden, so dass die Sporen hart erklangen. Die Damen waren zu vertieft. Sie hörten es nicht.

»Nun ermesse aber die Seelenstärke dieses schmählich von Dir betrogenen Mannes,« fügte Frau von Wallbott mit tief bewegtem Tone hinzu. »Alexander wird morgen früh eintreffen.«

»Allmächtiger Gott!« schrie Margareth auf. »Er hat seine Rückkehr aus der Schweiz beschleunigt, um Dich, die Blume seines Daseins, zum Altare führen zu sehen!«

»Um Gottes Willen, Tante, verhindere seine Ankunft! Ich ertrage seinen forschenden Blick nicht!« flehte das Mädchen, in der Exaltation der unverstandenen Herzensqual ihre Worte nicht bedenkend, nicht überlegend.

»Er wird – er muss kommen!« erklärte die Dame mit der vollen Kraft des geistigen Übergewichtes. »Er wird morgen kommen, um Zeit zu haben, Dein Inneres zu sondieren–«

»Das bricht mir das Herz!« stieß Margareth, machtlos ihrer Verwirrung hingegeben, in herzzerreißendem Tone hervor.

Ein Geräusch lenkte im gleichen Momente ihre Blicke auf die Tür – dort stand der Graf, hoch aufgerichtet und mit niederschmetternder Hoheit seine flammenden Augen zu ihr niederlenkend.

»Beruhigen Sie sich, mein gnädiges Fräulein,« sprach er schnell einige Schritte vortretend mit harter, fester und lauter Stimme. »Beruhigen Sie sich, Ihr Herz soll nicht gebrochen werden. Hier ist Ihr Ring! Geben Sie ihn dem Glücklichen, der sich Alexander nennt! Es wird dann ein Leichtes sein, die Pläne auszuführen, die diese Dame zu beabsichtigen scheint!«

Margareth stand starr und erschrocken da, und blickte in das von Schmerz, Wut und Leidenschaft verzerrte Gesicht des jungen Mannes. Ihre Hand streckte sich mechanisch nach dem Ringe aus, den er ihr entgegenhielt, aber sie fasste mit dem Ringe zugleich seine Hand und hielt sie in furchtbarer Kraft fest.

Graf Levin wollte sich losringen.

»Die Heiratsdokumente sind bereit,« sprach er fort, »ob ich, oder ob der Mann, der Alexander heißt, sie unterschreibt, wird sich gleich bleiben!«

»Levin!« rief Margareth kaum ihrer Sinne mächtig. »Levin, hören Sie mich!«

»Pardon! Ich habe genug gehört, gnädigstes Fräulein, genug für mein ganzes Leben! Werden Sie glücklich!«

»Levin, Du musst mich hören!« flehete sie ihn noch immer festhaltend.

»Ich will nichts hören!« rief der junge Mann wild und entriss seine Hand mit Gewalt ihren zarten Händen, die sie umklammert hielten.

»Ich will nichts hören! Wer kann mich zwingen, das noch einmal zu vernehmen, was mein Herzblut stocken gemacht hat!«

Er stürzte hinaus und ließ Margareth vernichtet zurück. Als der Graf, schwankend, wie ein Halbberauschter den Ausweg aus dem Labyrinthe der Zimmer und Kabinette wieder gewonnen und endlich das Balüstre erreicht hatte, stieg der Schlossherr, von unbestimmten Ahnungen aus der Unterhaltung mit seiner Braut aufgescheucht und zu dem Turmkabinette hinaufgetrieben, gerade die nördliche Treppe hinauf, und sah, wie der Graf sich auf die Balustrade stützte, um nicht umzusinken. In derselben Minute stand Rittberg aber auch neben ihm und sah ihm besorgt in das entsetzlich verstörte Gesicht.

»Wohin wollen Sie, Levin? Was ist Ihnen?« fragte er hastig eine Hand fassend.

»Wohin ich will?« wiederholte der junge Edelmann im dumpfen Bewusstsein seines ewigen Unglückes. Er schien nachzudenken.

»Am liebsten aus der Welt – am liebsten in ein kühles, stilles Grab,« setzte er dann eintönig, aber sehr fest hinzu. »Doch seien Sie unbesorgt, Rittberg, ich will jetzt nur zu Haus!«

»Was soll dies bedeuten, Graf? Was ist vorgefallen? Wilder, leidenschaftlicher Mann –fassen Sie sich! Es muss sich ja zwischen uns ein Weg der Verständigung finden lassen!«

»Verständigung?« fragte Graf Levin ganz gefasst und kalt. »Ich habe hinreichend gut alles verstanden und begriffen! Leben Sie wohl!«

»Ich kann, ich darf Sie nicht gehen lassen, Graf,« erklärte Rittberg aufgeregt. »Meine Ehre – meiner Schwester Ehre steht auf dem Spiele!«

»Fragen Sie nur die, welche ich noch vor wenigen Minuten ›meine weiße Taube‹ genannt, welche ich unsäglich geliebt, welche ich wie Gott selbst angebetet habe. Fragen Sie Margareth!«

Er wendete sich, eilte die Treppe hinab und warf sich, zum Schrecken des Stalldieners, auf sein erschöpftes Pferd. Wie weit er auf diesem treuen Tiere gekommen ist, weiß keiner. Es fand sich am andern Tage, fast zu Tode gehetzt, an seiner Stalltür ein. Vom Grafen Levin aber wusste niemand, wo er geblieben sei.


Viertes Kapitel.

Von Befürchtungen gefoltert, schritt Rittberg merklich beeilt den Korridor entlang auf das Turmzimmer seiner Tante zu. Er kannte nur allzu wohl die dämonische Einwirkungskraft der nach den höchsten Bildungsstufen ringenden Frau, um nicht alles Schreckliche erwarten zu müssen, und seine Einbildung malte ihm einen Auftritt, der sich auf dieses Feld ihrer Herrscherlaune bezog. Dass die Beleidigung seines Schwagers weit tiefer ins Herz schneidend sein könne, dachte er trotz der sichtlichen Verstörtheit des Grafen doch nicht.

Indem er im Begriffe war die Türe des Kabinetts zu öffnen, hörte er sich rufen, und zurückschauend bemerkte er den Junker Wolf, der, ebenfalls von einer Unruhe seltsamer Art befallen, den Ess-Saal verlassen hatte und auf den Hof getreten war, als der Graf jagend das Schloss verließ. Rittberg ging ihm entgegen.

»Um Gotteswillen!« rief der Junker bestürzt, »was ist vorgefallen? Mein Vetter hat in einem Zornanfalle seine Braut verlassen! Was ist geschehen?«

»Ich weiß es nicht!« berichtete Rittberg. »Eilen Sie Ihrem Vetter nach – halten Sie ihn irgendwo auf - benachrichtigen Sie mich – nehmen Sie meinen treuen Johann mit – die schnellsten Pferde – nur schnell – schnell, damit Sie ihn einholen, Wolf!«

Der Junker verbeugte sich und sprang die Treppen wieder hinab.

»Ich fürchte, hier hilft keine Eile,« murmelte er unterwegs; »mir scheint bei dem Brettow’schen heißen Blute alles verloren. Arme Margareth!«

Rittberg trat unverzüglich in das Kabinett. Er fand seine Tante ruhig im Kanapee sitzend, das Lächeln innerlicher Befriedigung auf dem stolzen, noch immer schönen Antlitze, während Margareth mit krampfhaft verschlungenen Händen am Fenster stand und unverwandt ins Tal hinabschaute.

Die Sonne war nun ganz hinabgesunken und nur ein roter Streifen am Horizonte bezeugte noch ihr Verschwinden. Der Nebel breitete seine grauen Flügel über die Erde hinweg, eine heilige Stille begann einzukehren und eine erquickliche Ruhe waltete bald überall. Herr von Rittberg legte im Impulse seiner brüderlichen Würde den Arm um Margareth und sah seine Tante mit einem ziemlich strengen und herausfordernden Blicke an.

Margareth blickte wie eine Träumende in die Weite, wo eben ein Ross mit einem Reiter im Nebellichte des dämmernden Abends verschwand. Ihr Finger deutete dorthin, als sie sich hilfsbedürftig an die Brust des Bruders lehnte und leise flüsternd zu ihm sprach:

»Verloren! Alles verloren!«

Frau von Wallbott kam seiner Frage nach der schweren Bedeutung dieser Worte zuvor, und setzte ihren Neffen mit kurzen, beflügelten Worten von dem Vorgefallenen in Kenntnis.

»Keine Klagen und keine Szenen, mein bester Reinhard,« schloss sie befehlend. »Ich wünsche, dass sich Margareth von jetzt an bis zur Ankunft Alexanders überlassen bleibt, damit sich ihre Seele erst wieder zurechtfindet, damit sich ihr Gemüt beruhigt.«

»Und mein Herz?« fragte das junge Mädchen bitter.

»Dein Herz wird unter den Beschwichtigungen der wiederhergestellten Seelenruhe bald wieder vernünftig pulsieren,« entschied Frau von Wallbott kurz. »Übernimm meine Entschuldigung bei Deinen Gästen, lieber Neffe, und schweige, selbst gegen Elvire, von dem, was hier geschehen ist. Morgen wird sich das Weitere finden. Margareth kann bei mir bleiben.«

Ob Margareth bei ihr zu bleiben Lust hatte, danach fragte sie gar nicht. Aber Rittberg kam seiner Schwester zu Hilfe.

»Wenn Margareth ungestört ihre Seelenruhe wiederzuerlangen suchen soll, so muss sie allein bleiben, und nicht unter den Ratschlägen einer Tante, die ihr Empfindungssystem lenken und leiten kann,« sprach er ernsthaft. »Ich werde meine Schwester in ihr Zimmer geleiten und bei unsern Gästen ihre Abwesenheit durch Kopfweh entschuldigen.«

»Das ist mir auch genehm, denn ich liebe es, meine Gedanken auszuruhen, nachdem ich etwas erlebt habe, was mich tief zu beschäftigen vermag. In einer einsamen Stunde gelingt mir dies besser und außer für Margareth würde ich mein Zimmer für jedermann verschlossen gehalten haben,« entgegnete die Dame etwas pikiert von dem Ernste ihres Neffen, der sich anschickte, mit Margareth das Zimmer zu verlassen.

»Noch eine Frage, liebe Tante, bevor ich Sie verlasse,« sagte er dicht an der Tür stehenbleibend. »Verbinden Sie eine Absicht mit dem für mich unerwarteten Eintreffen des Herrn Alexander von Lottum?«

»Ja, mein hochgeschätzter Neffe,« antwortete sie hochfahrend.

»Sie können doch nicht wollen, dass sich Margareth so leichtsinnig beweisen sollte, statt des Grafen Levin, jetzt den Herrn Alexander von Lottum zu heiraten?«

»Wäre dies leichtsinniger, als eine Heirat mit einem ungebildeten, roh leidenschaftlichen Manne, den Margareth erst seit Wochen kennt, während sie mit Alexanders Individualität seit Jahren vertraut ist?« fragte die Dame mit einer so abweisenden Härte, dass man an Herzlosigkeit dabei denken konnte. »Übrigens habe ich nicht Lust, mich in Antworten zu verstricken, die für ein Verhältnis, das ich nicht bestimmen, sondern nur wünschen kann, ganz unwesentlich sind. Ich enthalte mich aller Einwirkungen auf Margareths Gemüt und fordere von Dir dasselbe. Was dann kommt, ist Gottes Bestimmung!«

Sie reichte dem jungen, still nachsinnenden Mädchen die Hand, küsste sie auf die Stirn und sagte mit ganz verändertem Tone: »Du weißt, ich liebe Dich, mein Kind – schlafe ruhig und süß!«

»Was dann kommt, ist Gottes Bestimmung!« murrte der junge Schlossherr, als er seine Schwester schweigend in ihr Zimmer gebracht und den bestimmten Befehl erteilt hatte, »sie nicht zu stören und niemanden, wer es auch sei, zu ihr zu lassen.« -

»Mir scheint hier eine Gottesbestimmung von Menschenworten zertrümmert zu sein! Hätte ich nur den Grafen nicht fortgelassen! Meine Bestürzung hat mir einen üblen Streich gespielt. Warten wir ab, was Junker Wolf ausrichtet.«

Mit diesem Selbstgespräche schloss er für den Augenblick jeden Gedanken an die fatale Unterbrechung seines Seelenfriedens und bemühte sich, seine Gemütsstimmung vor seinen Gästen zu verbergen.

Es gelang ihm ganz gut. Professor Gellert war in sehr guter Laune und der Oberst von Pröhl schwelgte ordentlich in der Freiheit, an diesem Abende noch ungestört ›donnerwettern und sakrieren‹ zu können. Man trennte sich früh, weil man ermüdet war, und als der Schlossturm die zehnte Stunde verkündete, herrschte schon der lautlose Frieden einer gewünschten Nachtruhe in allen Räumen des Schlosses. Ob aber alles schlief, was still war?

Im nördlichen Turme seufzte ein junges, zartes Stimmchen ganz vernehmlich, als es zehn Uhr schlug, und dasselbe Stimmchen fragte schüchtern: »Schläfst Du, Elvire?« -

»Nein, noch nicht, mein Trudel –« entgegnete Elvire schmeichelnd. »Ich betrachte mir nur still die Bilder, welche der Mond auf meinem Bettvorhang malt.«

Gertrud richtete sich furchtsam in die Höhe.

»Ach! Elvire – mir ist mein Herz so schwer, so übervoll! Ich habe ein Geheimnis! Ich möchte es Dir vertrauen! Ich kann nicht davor schlafen.«

»Nun, so beichte los, Du närrisches Kind,« rief Elvire ermunternd. »Warum hast Du Dein übervolles Herzchen denn nicht schon früher geöffnet?«

»Ach, Elvire – es ist etwas Erschreckliches, was ich Dir zu sagen habe – die Wände dürfen es nicht hören. Erlaubst Du, dass ich zu Dir hinüberkomme?« fragte das Mädchen kindlich.

Elvire lachte.

»Darauf läuft es ’mal wieder hinaus, das Kind fürchtet sich!«

»Nein, gewiss nicht!« beteuerte Gertrud eifrig, verließ aber dessen ungeachtet schleunig ihr großes, mit Vorhängen gespenstisch drapiertes Bett, und nahm eilig von dem Plätzchen Besitz, das Elvire ihr bereitwillig einräumte.

Es fiel dieser jungen Dame gar nicht ein, dass sich wirklich in dem kindischen Herzen der Pflegeschwester ein Geheimnis befinden könne, sie hielt dies Vorgeben nur für einen Kunstgriff, das Alleinschlafen in dem breiten fremden Bette zu umgehen, und war umso mehr erstaunt, als Gertrud heimlich flüsternd begann:

»Hast Du denn nicht bemerkt, dass ich den Speisesaal gleich nach Margareth verlassen habe? Ach, die arme, arme Margareth!«

Elvire stutzte und fragte weiter. Ihr war der leichte Schatten der Verstörung, der das Schloss zu durchdringen schien, nicht ganz entgangen, allein sie schob den Grund dazu auf die Ankunft der Frau von Wallbott, die als höchst anspruchsvoll geschildert wurde.

»Denke Dir, ich war hinaufgegangen in den Salon, um mir mein Klöppelzeug zu holen, das ich auf dem Tische unter den Myrtenbäumen liegen gelassen hatte. Aber, ich will Dir’s gestehen, ich war auch etwas besorgt und neugierig, was Frau von Wallbott zu Margareth sagen würde.«

»Das kann ich mir denken!« schaltete Elvire ein.

»Als ich mich eben hinter der Myrtenwand, wo der Altar stehen soll, niederlassen wollte, da sah ich einen Reiter durch den Fluss sprengen. Ich sage Dir, Elvire, mit einer Hast und Kühnheit, als gälte es sein Leben zu retten, und in demselben Augenblicke öffnete auch Frau von Wallbott eine Tapetentür dicht neben mir, von deren Dasein ich gar keine Ahnung gehabt hatte. Was sie bis dahingesprochen haben, das hatte ich nicht verstehen können, aber was sie jetzt sprachen, das verstand ich, ohne es zu begreifen. Darauf kommt aber gar nichts an, liebste Elvire. Das Schlimmste war, dass ich still hinter der Fensterdraperie sitzen bleiben musste und dass ich plötzlich den Reiter in den Salon treten sah. Es war also der Graf Levin gewesen.«

»Kind, Kind, Du träumtest wohl?« fragte Elvire, sich aufrichtend und dem jungen Mädchen ins Auge schauend. Gertrud schüttelte aber traurig lächelnd den Kopf und versicherte aufs Gewissen, wach gewesen zu sein. Sie erzählte nun die ganze Szene, wie sie sich zugetragen und wie sie geendet hatte, wobei sie nicht unterließ, offenherzig zu erörtern, dass sie zuletzt so kühn geworden wäre, durch die Ritze der Türe zu blicken.

»O, Elvire, und Du hättest den Grafen sehen sollen,« schloss sie begeistert ihre Hände zusammenpressend. »Er sah so prächtig aus, wie ein Gott, als er mutig den Ring in Margareths Hand legte, als er sagte, dass er genug gehört hätte für sein ganzes Leben! Aber Elvire – der Graf Levin tat Margareth Unrecht! Glaube mir, sie liebt ihn viel, viel mehr als den hässlichen, abscheulichen Alexander, den ihre Tante zu ihrem Gatten bestimmt hat.«

»Kennst Du denn Herrn Alexander von Lottum?« fragte Elvire frappiert von den Bezeichnungen, die das junge Mädchen gebrauchte. »Hässlich und abscheulich ist er?«

»Das weiß ich nicht, sondern ich denke mir’s bloß,« eiferte das junge Fräulein. »Hättest Du den Grafen nur gesehen, wie er vor Margareth stand und seine Augen lauter Flammen und Blitze waren. Wenn er nur wüsste, dass nur die weise Dame Wallbott die ganze Verwirrung angerichtet hätte. Margareth konnte ja gar nicht zu sich kommen. Ihre Tante redete immerzu und solche hochtrabende Dinge, dass Margareth gewiss erst erkannt hat, wen sie mehr liebt, als es zu spät war.«

»Ja wohl – zu spät!« entgegnete Elvire trauervoll, tadelte jedoch im Innern die Zaghaftigkeit einer Braut, die nicht gewagt hatte, mit einem Worte voll Energie den Wert des Mannes zu verteidigen, den sie sich zum Gatten erwählt hatte.

»Siehst Du, Elvirchen, das ist mein Geheimnis, weshalb ich nicht schlafen konnte, aber auch meiner Entschlüsse wegen musste ich Dich noch sprechen, bevor ich einschlief. Margareth muss der Frau von Wallbott zum Trotze den Grafen heiraten und muss ihr zum Ärger unaussprechlich glücklich mit ihm leben!«

»Zu der Verwirklichung dieser Träume ist aber blutwenig Aussicht, Kleine!«

»Oho, höre nur meine Entschlüsse!« fiel das Mädchen pathetisch ein. »Ich wähle mir einen Vertrauten. Entweder den Junker Wolf oder den Professor Gellert. Denen sage ich, dass Margareth keineswegs den Alexander von Lottum lieb hat.«

»Wodurch willst Du denn diese Behauptung beweisen?«

»Dadurch, dass ich es behaupte, Elvire!« trotzte Fräulein Gertrud.

»Ach so! Ja, ob jedoch Graf Levin Deinem Worte Gewicht beilegen wird?«

»Elvire, beleidige mich nicht!« fuhr das Fräulein heftig auf. »Der Graf wird und muss mir glauben, wenn ich es sage.«

»Ja freilich, der Verwandtin des Feldmarschall Exzellenz glaubt er es sicher!« spottete Elvire. »Und wenn er es nun auch glaubt, was nützt ihm das bei der Aussicht, Margareth in nächster Zeit als Frau von Lottum begrüßen zu müssen?«

»Eben, Elvire, um dies zu verhindern, muss ich mich schnell einem Vertrauten entdecken und diesen Vertrauten an den Grafen absenden.«

»Zu solchen Missionen möchte sich der Professor Gellert schwer bereitwillig finden lassen, kleine Heldin,« meinte Elvire; »denn da der Graf auf den Flügeln der Abendröte fortgeflogen ist, so möchten wohl die Flügel der Morgenröte nötig sein, um ihn einzuholen.«

»Du hast Recht! Es wird mir nichts anderes übrig bleiben, als den Junker ins Vertrauen zu ziehen!«

»Hast Du dazu Mut?«

»Warum denn nicht?« fragte Gertrud unbefangen. »Onkel Exzellenz würde tüchtig lachen, wenn ich einem Junker gegenüber keinen Mut hätte.«

»Still, still! Dem Onkel Exzellenz dürftest Du mit dieser Geschichte wohl kaum unter die Augen treten, ohne einen Verweis befürchten zu müssen.«

Gertrud schwieg und dachte nach.

»Was fange ich nur an, um Margareth mit dem Grafen verheiratet zu sehen. Sie müssen sich durchaus heiraten! Ich ruhe nicht eher!«

»Vor allen Dingen würde dazu nötig sein, dass sich Margareth nicht überreden lässt, ein neues Bündnis zu schließen,« meinte Elvire. »Das Weitere würde der Zukunft anheimfallen müssen.«

»Ja, Elvire! Du hast das Rechte getroffen!« rief Gertrud lebhaft angeregt. »Überredungskünste der weisen Tante Wallbott müssen außer Kraft gesetzt werden, und dazu kann der Professor uns verhelfen. Ich werde ihm in frühester Frühe einen Besuch auf seinem Zimmer machen, ihm meine Erlebnisse mitteilen–«

»Ganz speziell?« fragte Elvire dazwischen.

»Ja, ganz speziell und ohne Rückhalt. Nicht ein Wort werde ich ihm verhehlen. Ganz ehrlich, wenn ich mich auch meines Horchens schämen muss, will ich ihm die Wahrheit sagen und es ihm überlassen, auf welche Weise er helfen will. Er muss Margareths Ritter werden, denn er hat es mir gelobt!« schloss Gertrud mit Begeisterung und schmiegte ihren Kopf sehr zufrieden mit sich selbst in die weichen Kissen.

»Bist Du fertig mit Deiner Beichte, Kleine?« fragte Elvire, die ihre Anstalten zum Schlafen sehr gut zu deuten wusste.

»Ja, Elvirchen, ja! Nun bin ich müde!« antwortete sie schon schlaftrunken.

»Dann wirst Du gut tun, erst wieder Dein Bett aufzusuchen!«

»Ach – lass’ mich hier schlafen – wir haben Platz – bitte, schönste Elvire!«

Elvire lachte, erteilte der Schmeichlerin einige Klapse auf die Hände, welche sie um ihren Hals zu schlingen suchte, und spottete: »Du rühmst Dich beständig Deines Mutes, und fürchtest Dich, allein zu schlafen?«

»Ja, das ist auch ganz etwas anderes,« seufzte das Fräulein und legte ihr Köpfchen dicht an ihre Pflegeschwester heran. Noch eine Minute – und ihr tiefes Atmen zeigte, dass der Schlummergott sie herzhaft geküsst hatte.

Elvire betrachtete mit stiller Freude das frische, rosige Gesicht neben sich, das selbst in der halben Beleuchtung des Mondes nichts von seinem lebensvollen Reize einbüßte. Eine Flut von Gedanken überstürzte sie dabei und ihr Herz bebte im Mitgefühle, wenn sie der Trostlosigkeit Margareths gedachte, die durch eigene und fremde Schuld in eine Lage versetzt worden war, welche keinen erfreulichen Ausweg zeigte.

»Ob Margareth wohl schläft?« fragte sie sich gedankenschwer, und der Wunsch stieg in ihr auf, das Vertrauen ihrer zukünftigen Schwägerin gewinnen zu können, um ihr mit Rat und Tat zu helfen. –

Als der erste Morgensonnenstrahl vom nordöstlichen Horizonte sich durch das Fenster stahl, über das Bett hinflog und das Gesicht der beiden holden Schläferinnen streifte, da schlug Gertrud verwundert die Augen auf, und fand sich zu ihrem Erstaunen neben Elviren. Schnell schlüpfte sie in ihr eigenes Bett zurück und kroch sogleich lachend unter die Bettdecke, als Elvire ihr spottend nachrief:

»Was würde wohl der sächsische Feldmarschall zu der Tapferkeit seiner Muhme Gertrud von Spärkan sagen, wenn er dies nächtliche Abenteuer erführe!«–

Um dieselbe Zeit, wo Fräulein Gertrud mit erleichtertem Herzen den Armen des Schlummers sich übergab, saß Margareth von Rittberg noch immer bewegungslos in ihrem Zimmer und grübelte über die Tagesereignisse nach.

In der nächtlichen Stille sammelten sich die Geister der Erinnerung und bestürmten ihr Herz mit tausend süßen Verheißungen. Die Schwerkraft des Kummers läuterte ihre Zweifel und erleuchtete die dunkeln Stellen ihres Innern, die ihre Entzweiung mit sich selbst veranlasst hatten. Ihr Charakter bildete sich in dieser nächtlichen Selbstschau schneller und sicherer aus, als durch jahrelanges Stillleben.

Was sie dabei litt, wurde ihr durch Hoffnungen versüßt, und selbst für den Fall, dass sie die Vereinigung mit demjenigen, welchen sie liebte, noch auf unbestimmte Zeit vertagt sah, fühlte sie in der Gewissheit seiner leidenschaftlichen Zärtlichkeit einen Balsam, der ihr genügsam wünschendes Herz befriedigte.

Aber es türmten sich Berge von Widerwärtigkeiten vor ihr auf, wenn sie die notwendige Sichtung ihrer Verhältnisse überblickte, und die eben gemachten Erfahrungen hatten sie belehrt, welch’ ein schwaches Rohr sie im Sturme des Konfliktes abgab. Was dunkel als Wunsch den ganzen Abend über in ihr geschlummert hatte, das wachte in der heimlichen Ruhe der Nacht zu einem leidenschaftlichen Verlangen auf. Sie musste ihren Bruder sprechen! Sie musste an seinem treuen, liebevollen Herzen Schutz suchen und ihr Herz mit allen Falten vor seinen Augen entschleiern. Dass er nicht zu ihr gekommen und sie mit zarter Sorge befragt und beruhigt hatte, das lag in dem Versprechen, welches er seiner Tante geleistet; aber was band sie denn, den Platz zu suchen, wo die reinste Zuneigung ihr eine Stätte bereithielt. Was hinderte sie, jetzt in der ungestörten Einsamkeit der Nacht ihn aufzusuchen zu ihrem Troste?

Lauschend trat sie an die Tür. Kein Laut drang zu ihren Ohren. Das Gesinde hatte die Räume des Schlosses längst verlassen. Totenstille lagerte in den weiten Hallen. Rasch entschlossen nahm sie eine Kerze vom Tische und ging durch die Vorhalle hindurch nach dem andern Flügel, wo ihr Bruder wohnte. Sie klopfte leise an seine Tür – er öffnete sogleich, und ein freudig aufglänzender Blick bewies, dass er denselben Gedanken gehegt hatte, wie sie.

Einige Fragen und einige Antworten genügten, um zwischen den Geschwistern alles klar zu machen, und wenn Graf Levin jetzt Ohrenzeuge bei diesem Gespräche hätte sein können, so würde er zufriedener gewesen sein.

Die Mitternachtsstunde war längst vorüber, als Rittberg seine Schwester sorgsam wieder zu ihrem Zimmer begleitete. Margareth hatte geweint, heftig, anhaltend und bitter geweint, aber ihre Tränen waren geflossen, als sie von eines Bruders Armen umschlungen an einem teilnehmenden Herzen geruht hatte.

»Bete zu Gott, dem starken und mächtigen Vater aller Wesen, um Gnade, meine teure Margareth,« flüsterte er beim Abschiede. »Er allein kann die Wirrnisse eines unseligen Augenblickes zum Guten wenden. Dein Unglück kann ich verhindern, allein das verscherzte Glück zurückrufen kann, darf und werde ich nicht! Wir wollen tragen, was das Schicksal für uns bereithält, und Dein frischer Jugendmut wird vielleicht die Wunde leichter heilen, als wir jetzt hoffen. Deine Wünsche, die Du jetzt in meine Brust niedergelegt hast, werde ich treulich erfüllen! Ruhe sanft aus von dem ersten schweren Lebenstage, der mit einem schwarzen Kreuze gezeichnet ist!«

Er küsste sie innig und ließ sie in großer Bewegung aus seiner brüderlichen Umarmung.


Fünftes Kapitel.

D er neue Tag war angebrochen – ein Tag voll wolkenloser Heiterkeit. Blitzend fuhren die Sonnenstrahlen in dem Fluss entlang, wenn ein frischer Windhauch das Wasser bewegte, und ellenlange Sonnenfäden zogen Netze vor dem Turmfenster, an welchem Elvire stand und ihr reiches braunes Haar flocht. Gertrud lag noch schläfrig und unlustig zum Auf stehen in ihrem großen Gardinenbette, das sie jetzt im Sonnenscheine ganz ausgezeichnet fand. Sie definierte eben ihrer Pflegeschwester höchst weise den Begriff ›furchtsam‹ und stellte ihn als weit edler auf, wie ›feige‹, was Elvire widerstritt und beides gleichbedeutend fand, als es ziemlich bemerkbar an ihre Tür pochte und der würdige alte Kammerdiener des Hauses von außen »ein Kompliment von einem gnädigen jungen Herrn an Fräulein Elvire von Uslar bestellte, und ein gnädiger Herr ließe das gnädige Fräulein um einen Morgenspaziergang ersuchen!«

»Alter Herr,« schrie Gertrud mit Aufbietung aller Lungenkraft. »Alter Herr, und das gnädige Fräulein Gertrud soll nicht mit spazieren gehen?«

»Nein,« entgegnete der Kammerdiener sehr bestimmt, »der gnädige Herr hat mir ausdrücklich befohlen: ›nur Fräulein Elvire von Uslar!‹«

Ärgerlich warf sich das Fräulein in ihr Bett zurück und schmollte:

»Gut, so stehe ich gar nicht auf, schlafe den ganzen Tag und bekümmere mich nie wieder um Dich! Rittberg ist unerträglich langweilig – ich begreife nicht, wie Du den lieb haben kannst. Ich kann ihn durchaus nicht leiden! Ich hasse – ich verachte ihn!«

»Das freut mich!« erklärte Fräulein von Uslar lakonisch.

»Das freut Dich?« wiederholte Fräulein von Spärkan ärgerlich und richtete sich von ihren Kissen straff in die Höhe.

»Ja wohl, denn mir war bange, weil ich den ›schönsten‹ Mann mein nennen sollte –«

»Den schönsten,« schrie Fräulein Trudchen, ganz vergessend, was sie tags zuvor erklärt hatte. »Bilde Dir doch nichts ein. Junker Wolf ist hundertmillionen Mal hübscher, als Rittberg.«

»Oder den klügsten?«

»Unsinn! Unsinn! Junker Wolf ist weit geistreicher und klüger.«

»Oder den reichsten?«

»Narrenspossen! Wenn Junker Wolf mich heiratet, ist er ebenso reich!«

»Oder den besten Mann,« schloss Elvire mit merklicher Innigkeit ihre Rekapitulation.

»So? Wer ist denn hinter dem Grafen Levin her geritten wie eine Windsbraut,« höhnte Fräulein Gertrud, »der armen Margareth zu Liebe? Kein anderer, als der reizende, vortreffliche Junker Wolf, während Herr Reinhard Bünau von Rittberg kaltherzig zu Haus blieb und heute Morgen mit Fräulein von Uslar ganz gemütlich spazieren gehen will!«

»Hierin kann ich Dir nicht widersprechen, kleine Rechthaberin,« lachte Elvire, »allein da Du Dich des selben Egoismus schuldig zu machen gedenkst, so hast Du alle Veranlassung, meinem Verlobten Verzeihung zu gewähren.«

»Ich soll mich des Egoismus schuldig zeigen, Elvire?« fragte Gertrud entrüstet. »Wieso denn? Er kläre mir doch, was Du meinst?«

»Mit wenigen Worten! Rittberg geht spazieren, statt sich für das Unglück seiner Schwester zu interessieren, und Du beschließest zu schlafen, statt die Hilfe des Professors für Deine arme Margareth in Anspruch zu nehmen!«

Mit einem zierlichen, aber für die Dezenz etwas gewagtem Sprunge war das junge Mädchen aus dem Bette und zog sich in fliegender Eile an. Elvire sah ihr ganz erstaunt zu.

»Ach, das hatte ich ja ganz verschlafen, Elvire!« stöhnte sie kläglich. »Ja, ich muss sogleich hin zum Professor, ehe es zum Frühstück läutet! Ach, hilf mir doch!«

»Lass’ doch die Kammerjungfer kommen!« meinte Elvire kaltblütig.

»Die Kammerjungfer? Wie dumm Du bist! Wenn die mich anputzt und dann sieht, dass ich spornstreichs zum Professor laufe, so macht sie doch gewiss ihre Randglossen, und eine Kammerjungfer behält ihre Randglossen nie für sich. In einer halben Viertelstunde wüsste Frau von Wallbotts Zofe von meinem Besuche, und die ganze Geschichte käme eher der superfeinen, überklugen Dame zu Ohren, als Gellert handeln könnte.«

Fräulein von Uslar musste zugeben, dass ihre Pflegeschwester weit mehr Anlage zur Diplomatie habe, als sie. Stillschweigend unterzog sie sich jeder Hilfe, die Gertrud notwendig war, ordnete ihr zierliches Negligee, legte ihr das Haar in frische Flechten und entließ sie endlich mit einem ermunternden Kusse, als die Kleine sagte:

»Weißt Du, Elvire, jetzt beginne ich Herzklopfen zu fühlen. Wenn der Professor nur nicht verdrießlich aufgestanden ist.«

»O, Du bist ja doch sonst die tapfere Verwandte eines sächsischen Feldmarschalls,« wendete Elvire ein, und klopfte ihr die etwas stark geröteten Wangen.

»Ja, Elvirchen – aber vor verdrießlichen Männern und vor Gespenstern fürchte ich mich!«

Sie eilte aber dennoch an die Tür, horchte ein Weilchen nach dem Korridor hinaus und flog wie ein schüchternes Vögelchen blitzschnell durch die verschlungenen Gänge des Schlosses nach dem Zimmer zu, das ihr tags zuvor als das von Gellert bezeichnet worden war.

Während Gertrud ihrer Mission sich entledigte, kleidete sich Elvire auf das sorgfältigste an. Ganz den Regeln der gewöhnlichen Negligeetoilette zuwider schlug sie selbst die langen Paradelocken, die von beiden Seiten dicht über den Ohren von oben aus dem Chignon fallen mussten, um die Finger, und ließ sie selbstgefällig im Sonnengolde sich schaukeln. Ein zärtliches Verlangen, ihrem Verlobten, der eine so schöne Schwester besaß, gefallen zu wollen, machte sie wählerisch und vorsichtiger in ihrem Anzuge, und da sich ihr guter Geschmack nicht vergriffen hatte, so war sie nach kurzer Zeit, verklärt von der Erwartung der Liebe, eine der hübschesten Bräute, die jemals zu einem Morgenspaziergange sich gerüstet haben mögen.

Sie war fertig und bereit, wagte aber noch immer nicht die Klingel ertönen zu lassen, die dem Kammerdiener das Zeichen geben sollte, seinen Herrn zu benachrichtigen, weil sie Gertrudens Zurückkunft für nötig hielt, bevor sie ihr Zimmer verließ. Unruhig ging sie hin und her, nur zuweilen von der Schokolade nippend, die ein Bedienter auf einer mit kochendem Wasser gefüllten Präsentierwanne während ihres Ankleidens im Vorzimmer serviert hatte. Endlich, endlich kam Gertrud zurück – hochrot vor innerer Aufregung und ganz außer sich vor Freude.

»Ah, das ist gut!« rief sie entzückt an den Schokoladentisch tretend. »Ich bin fürchterlich hungrig, Elvire. Der Professor hat mich sehr, sehr gelobt,« fügte sie hinzu. »Er hat mir die Hand geküsst, Elvire, und mir gedankt. Aber ich – ich? Nun, was siehst Du mich so bänglich an? Du denkst gewiss, ich habe wieder einen dummen Streich gemacht! O nein, die Zeiten sind vorbei, Elvirchen! Der Professor hat mich eine kluge, besonnene Dame genannt, die den einmal begangenen Fehler – das Horchen nämlich – zum Besten gekehrt hätte. Pass’ mal auf – der Professor macht nächstens ein Gedicht auf mich!«

»Vielleicht eine Fabel mit sehr schönen moralischen Nutzanwendungen,« fiel Elvire mit affektiertem Ernste ein.

»O, das erlaube ich ihm auch!« rief Gertrud mit einem schönen, ehrlich glänzenden Blicke. »„Wenn er durch mein Beispiel Nutzen stiftet, so hab’ ich nicht umsonst dumme Streiche gemacht.«

»Und was wird der Professor nun tun?«

»Ja, das hat er mir nicht gesagt,« antwortete Gertrud gezogen. »Er hat mir bloß die Hand geküsst, und ich? Nun – ich?«

»Nur heraus mit der Sprache!« rief Elvire lachend. »Nun Du? Du bist gewiss wieder so kindisch und so albern gewesen, wie nur möglich!«

»O nein, Elvire!« beteuerte das Fräulein, wurde aber plötzlich noch röter. »Ich bin ihm nur um den Hals gefallen und habe ihn geküsst!«Note 4)

»Was?« rief Fräulein von Uslar mit lachendem Entsetzen. »Du hast Gellert geküsst? Auf die Wange oder auf die Stirn?«

Gertrud schüttelte verschämt das Köpfchen und neigte sich tief über den Frühstückstisch: »Auf den Mund, Elvire, dreimal recht tüchtig!«

Elvire wollte sich ein ernsthaftes Ansehen geben. Es gelang ihr schlecht.

»Auf die Lippen hast Du ihn geküsst, auf die Lippen? Nein, es ist unmöglich, Kleine!«

»Doch, doch, es ist wahr,« beteuerte Gertrud. »Ich weiß nicht, wie es kam, Elvire. Ich hätte ihn aufessen können vor Liebe, als er mich lobte. Lass’ Dich nur erst einmal von dem Professor loben – ja, ja, lache nur, aber ein Lob von Gellert ist süßer als Schokolade und berauschender als Wein!«

»Aber, bestes Kind, wie konntest Du es wagen, einen Mann zu küssen, der Deinen Kuss gar nicht verlangt, ja nach meiner Meinung eher verabscheut hat? «

»Nein, o nein, Elvire,« rief das Fräulein begeistert, »der Professor hat sich darüber gefreut, wahrhaftig gefreut!«

Elvire schüttelte misstrauisch ihr weises Haupt.

»Ich weiß es ja aus seinem eigenen Munde, dass ihm Liebkosungen von Frauen zuwider sind!«

»Ja, von Frauen,« rief Gertrud sehr naiv, »und vielleicht noch dazu von solchen Damen, wie Frau von Wallbott, das will ich Dir gern zugeben! Aber über meine drei rechtschaffenen Küsse hat er sich nicht geärgert, so viel weiß ich ganz gewiss, denn er sah mich lieb und freundlich an, und seine schönen traurigen Augen leuchteten wie Sterne.«

Fräulein Elvire hielt es nun für angemessen, ihren Morgenspaziergang anzutreten, deshalb ließ sie die Klingel hell ertönen und schloss ihr Gespräch mit der Ermahnung: ›Nur nicht fortzufahren den Tag über, wie Gertrud angefangen habe.‹

»Ich erlebe es,« sprach sie, ihren Fächer in den Händen auf und zuklappend, »dass Du dem Junker Wolf auch um den Hals fällst, wenn er mit guten Nachrichten vom Grafen Levin eintrifft. Um Gottes willen, das lass’ wenigstens bleiben!«

Gertrud machte ein verdrießliches Gesicht und sah ihre Pflegeschwester mit hochgezogener Lippe von der Seite an.

»Gerade nun tu’ ich’s!«„ trotzte sie. »Ich weiß nicht, was Du gegen den Junker Wolf einzuwenden hast. Er ist schön, wie Apollo, und dass er nichts hat, ist mir gerade sehr recht; denn es ist ein weit edleres und innigeres Gefühl, einem Manne alles – alles zu geben, was uns gehört, als mit hochgehobener Nase auf eine Stufe zu steigen, wo der Mann schon steht.«

»Ach so! Deine Ansichten sind heute ›grün‹, während sie gestern ›blau‹ waren«, lachte Elvire, schon in der Tür stehend. »Morgen werden sie ›rot‹ sein! Guten Morgen, Kleine! Lerne ein paar Gellert’sche Fabeln auswendig – da liegt das Buch!«

Sie verschwand und Gertrud stampfte ganz niedlich mit dem Fuße vor Ärger über diesen letzten Spottausfall.

Vor der Tür wartete der alte, würdige Kammerdiener auf Fräulein Elvire von Uslar, und geleitete sie ehrerbietig den Korridor entlang bis zum Balüstre, wo der junge Herr Reinhard Bünau von Rittberg ihrer harrte. Mit zeremoniöser Verbeugung trat er seiner Braut entgegen, legte seine Lippen zum Morgengruß auf die Fingerspitzen der jungen Dame, die aus den Negligeehandschuhen von schwarzen Filet heraussahen, und bot ihr den Arm, um sie die Treppe hinabzuführen.

Nur wenige höflich artige Redensarten wechselnd durchschritt das Brautpaar die Halle und wendete sich draußen vom Portale sogleich dem Schlossgarten zu, gefolgt von dem trippelnden Kammerdiener, der des Fräuleins blauesDamastmantelet mit Purpurkaschmir gefüttert, elegant auf seinem Arme in Falten gelegt, ihr nachtrug. Allein nur so lange die neugierigen Blicke des Schlossdienstpersonales zu fürchten waren, unterwarf sich Rittberg diesem steifen Zwange. Kaum waren sie in die dichten Laubgänge eingetreten, die sich langsam bergan bis zu einem Felsvorsprunge hinzogen, so nahm er die warme Hülle für seine Braut selbst über den Arm, zog die Hand des Fräuleins zärtlich dichter an seine Brust und winkte dem treuen Diener bedeutsam zu. Dieser wusste, dass es jetzt sein Amt war zu warten, bis die jungen Verlobten wieder hier vorbeikamen, deshalb verfügte er sich ganz gemächlich in ein kleines Lusthaus und setzte sich ruhig nieder.

Unter beseligenden Empfindungen schritt das junge Paar zuerst schweigend vorwärts, nur ihren Blicken eine Unterhaltung gestattend, die besser als alle Worte den Einklang ihrer Seelen verrieten. Dann aber begann Rittberg eine genaue und detaillierte Erzählung der Ereignisse, die sich, nach seiner Meinung, hinter dem Rücken seiner Gäste tags zuvor abgewickelt hatten. Elvire war fein genug, mit keiner Silbe ihre Bekanntschaft mit dieser Begebenheit zu verraten. Sie hörte achtsam zu, warf nur bisweilen einige Beileidsworte ein, und war schließlich ganz einer Meinung mit Rittberg, der die feste Entscheidung der Angelegenheit ganz unbedingt allein seiner Schwester zu überlassen wünschte.

Mittlerweile hatten sie die Höhe erstiegen und traten nun aus den herbstlich bunten Laubgängen hinaus auf ein kleines, ganz frei liegendes Plateau, das gleich einer Kanzel über der Felsenwand hervorragte. Ein zwar schwacher, aber doch immer kühler Morgenwind hob die schönen Paradelocken Elvirens empor und legte sie schelmisch über Stirn und Augen, als sie, von Rittberg mit demMantelet umhüllt, unter einer leisen innigen Umschließung hold errötend dastand. Der junge Bräutigam wagte es, seinen Arm um des Mädchens Gestalt zu legen, und sie lehnte sich zutraulich zärtlich an seine Brust.

Auf diesem Felsvorsprunge eröffnete sich eine weite Aussicht ins Land hinein, und schon der Vater des jetzigen Besitzers hatte in dem Felsen eine Grotte anlegen lassen, die hinlänglich Schutz vor Wind und Wetter geben konnte. Jetzt war diese Grotte auf alle Weise vervollständigt. Bunte weiche Matten von geflochtenem Stroh bedeckten die rauen Steinbänke und der rohe Tisch, aus Felsstücken zusammengesetzt, war mit einer kostbaren Marmorplatte versehen worden.

Hier ließ sich das Paar nieder und sendete in träumerischer Seligkeit die Blicke hinaus auf die Höhen und in die Täler, zu den fernen Bergkuppen voll Waldesgrün und zu den Türmen der Städte und Dörfer, welche in friedlicher Ruhe weit unter ihnen lagen.

Vom Glücke dieser einsam schönen Stunde verklärt, schaute Elvire hinüber nach diesem oder jenem Orte, den der Geliebte ihr nannte, horchte auf einzelne Erörterungen, die er ihr zu machen für notwendig hielt, war aber eigentlich in ihrer eigenen Glückseligkeit so vertieft, dass sie Glockentöne voller Freudenklänge und Jubelhymnen aus dem Himmel herab zu hören meinte, während er von den untergegangenen Geschlechtern sprach und ihr die nachbarlichen Beziehungen klar zu machen suchte.

Auch ihn übermannte zuletzt die stille Heiligkeit der schönen Morgenstunde; auch sein Auge hob sich mit seinen Gedanken empor zu dem azurblauen Gewölbe, das man Himmel nennt, und dann sank es auf das wunderhübsche, blühende Gesicht seiner Braut hinab. Er betrachtete sie liebevoll und zärtlich, aber sehr, sehr ernst, und die Frage schwebte in seinem Auge: ob sie es wohl besser wisse, wie seine Schwester Margareth, dass sie ihn liebe. Eine mächtige Unruhe trieb ihn auf bei diesem Gedanken, seine Hand zitterte ein wenig, als er abermals ihre schlanke Gestalt umfasste und sie aus dem Gewölbe der Grotte hinauszog ans Sonnenlicht, damit er es hell und schnell sehe, was sie denke, wenn er jetzt fragte und Antwort haben wollte über etwas, wovon sein Glück abhing.

Elvire sah seine plötzliche Unruhe, die bis zur leidenschaftlichen Aufregung heranschwoll, indem er sie vor Gottes Angesicht führte, der ein Zeuge einer Bitte und ein Zeuge ihrer Antwort sein sollte. Sie schmiegte sich an ihn. Ihr ganzes Wesen bat wortlos um Vertrauen. Er verstand ihre zartsinnige Erklärung und bewältigte seinen Zweifel. Er nahm die Geschichte des vorigen Tages nochmals auf, nachdem er eine Weile schweigend in die Weite gestarrt hatte, und sprach fast kalt, wenn man eine gedämpfte Beklemmung jemals so nennen kann, von der aufgehobenen Hochzeit in Schloss Rittberg, die ihn doppelt, der nötigen Erklärungen wegen, peinige. Er legte der ahnungslos mitleidigen Braut seine Befürchtungen vor, machte sie mit seinen Hoffnungen in Betreff des jähe abgebrochenen Verhältnisses vertraut, und weihte sie somit in alles ein, was Böses und Gutes von der nächsten Zukunft zu hoffen war. Es warteten bittere Stunden auf ihn und höchst unangenehme Verwickelungen mussten von seiner Hand gelöst werden.

»Aber,« sprach er mit tiefer ruhiger Stimme, »es gibt ein Mittel, alles in Freude für mich zu verkehren und das Ungemach einiger Stunden in Paradiesesruhe zu verwandeln, meine teure Elvire, und in Ihren Händen ruht der Talisman, der alles auszugleichen im Stande ist.«

Das Fräulein errötete und hob ihr Auge verwirrt zu ihm auf.

»Elvire, mein teures Mädchen,« fügte er leiser hinzu, als wage er nicht den vermessenen Wunsch laut werden zu lassen. »Willst Du, an Margareths Stelle, die Braut werden, die in drei Tagen durch den Segen der Kirche an meine Seite gefesselt, als mein süßestes Eigentum mir verliehen werden kann. Ich frage Dich, Elvire, willst Du in drei Tagen mein Weib sein?«

Ihr Auge blitzte in feuriger Glut, als sie es zu ihm wendete und fest auf ihn heftete.

»Ja, mein Reinhard!« antwortete sie schnell und einfach.

»Du willst – Du willst, Elvire? Mit frohem Herzen?«

»Mit frohem Herzen!«

»Mit vollem Vertrauen?«

»Mit vollem Vertrauen, mein Geliebter!«

In stürmischer Freude zog er das Mädchen an sein Herz.

»Gott sieht uns und Gott wird uns segnen!« rief er tief bewegt. »O, mit welcher Zaghaftigkeit begrüßte ich den ersten Gedanken an diese beseligende Hoffnung, die alle Pein und Qual von mir zu nehmen versprach. In der Stille der Nacht, als Margareth in bitterer Erkenntnis ihres Innern an meiner Brust lag und weinte, dachte ich an Dich und fragte mich traurig, ob nicht die Frauen oftmals in unverstandenen Empfindungen Bündnisse schlössen und dann auf ewig gefesselt, ein Dasein ertragen, das verfehlt und schwankend, allerlei böse Eigenschaften auftauchen und gedeihen lässt. Ich zweifelte, dass Du klar über Deine Gefühle warst! Ich beschloss Deine Prüfung, Elvire! In mir lebte die Überzeugung, dass wahre, reine und heiße Liebe gar nicht zaudern könne, den Wünschen des Verlobten zu folgen, trotz der leidigen Konvenienz und der herrschenden Etikette, welche sich bleischwer auf unsere besten Gefühle legen will. Es wird mir leicht werden, die Angelegenheit zu ordnen, und unserer Trauung steht nichts im Wege, als die Einwilligung Deiner Pflegeeltern. Den Oberst zu bestimmen übernehme ich – willst Du Frau von Pröhl zu beschwichtigen suchen, wenn sie vor dem Aufsehen zurückbebt, was unsere beschleunigte Vermählung machen wird?«

Elvire hatte bis dahin wohl kaum daran gedacht, dass sich Hindernisse gegen ihren Entschluss auftürmen könnten, da sie ganz allein in der Welt stand; aber sie fühlte sogleich, dass Frau von Pröhl sich hartnäckig diesem Plane widersetzen werde, der sich mit den Pflichten nicht vertrug, die sie übernommen und heilig geübt hatte. Eine leichte Trauer beschattete ihre Stirn, als sie darüber nachdachte.

In Rittbergs Augen mehrte diese Trauer den Zauber, welcher um sie gebreitet lag, als hätten Engel ihre Seele berührt. War dies nicht das Zeichen der richtigsten Hingebung eines Weiberherzens? Plötzlich überflammte ein Lächeln die düstern Mienen des Fräuleins.

»Ich werde meiner Pflegeschwester Gertrud diesen schwierigen Teil unserer Wünsche zur glücklichen Lösung übergeben,« sagte sie freudig, und fügte bei dem mehr als verwunderten Blicke ihres Verlobten hinzu:

»In Gertrud schlummern merkwürdig diplomatische Talente; überlassen wir ihr getrost die Beschwichtigung meiner Pflegemutter. Trotz ihrer Jugend und Unüberlegtheit findet sie gewiss den rechten Weg zum Herzen der Mama Pröhl.«

Nachdem sie über diesen Punkt einig geworden waren, erhoben sie sich und wandelten den Weg mit sehr er leichterten, frohen Herzen zurück, den sie unter Ahnungen einer schönen Zukunft betreten hatten. Die Gewissheit füllte ihre Phantasie mit andern Lebensanschauungen, und in der Ruhe ihres Innern hob sich ihr Mut. Am Eingange des Parkes erwartete sie der Kammerdiener, nahm den Mantel der jungen Dame wieder über den Arm und folgte ihnen in der angemessenen Entfernung. Sowie das junge Paar die Halle betrat, kam ein Bedienter ihnen entgegen. Rittberg schien dies erwartet zu haben.

»Nun?« fragte er, stehenbleibend.

»Der Bote von gestern ist zurück,« rapportierte der Bediente, und ein ganz wenig sichtbares Lächeln umzuckte seinen Mund, als er hinzufügte: »Er kann den Herrn Professor Gellert nicht auffinden!«

»Gut! Weiter!« befahl der Schlossherr ganz ernsthaft, während Elvire ungeniert lachte.

»Der Herr Professor Gellert hat sich bei Frau von Wallbott melden lassen. Er befindet sich jetzt bei ihr! Der Baron von Lottum ist soeben eingetroffen und wünscht den gnädigen Herrn zu sprechen!«

Er verbeugte sich und trat zurück. Fräulein Elvire begab sich der vorgeschriebenen Etikette gemäß nach ihrem Zimmer zurück, verabschiedete sich zeremoniös auf dem Balüstre vom Schlossherrn und wurde erst an ihrer Tür vom alten würdigen Kammerdiener verlassen.


Note 4

Eine durch Familientradition verbürgte Tatsache.

Back

Sechstes Kapitel.

I m sonnig durchstrahlten, südlich belegenen Turmkabinett saß während dieser Zeit der Professor Gellert im Bogenfenster der Frau von Wallbott gegenüber. Ihr schneller Atem und die fliegenden Schatten über den stolz drohenden Augen verrieten, dass das Gespräch zwischen ihnen eine Wendung genommen hatte, die im Stande gewesen war, die Ruhe ihres Gemütes zu beeinträchtigen. Sie griff mehrmals nach dem Riechfläschchen, das mit Essigäther gefüllt, an einem Kettchen um ihren Hals hing, und zog den erfrischenden Duft ein. Gellert bemerkte ihre Aufregung sehr wohl, waffnete sich aber der vorliegenden Sache zu Liebe mit bedeutenden Quantitäten stoischer Kälte, die sonst einem weichen Sinne fremd war.

»Sie tadeln mich also, lieber Professor,« sprach nach geraumer Stille die Dame mit wiedergewonnener Haltung und Fassung, und ein ironisches Zucken des Mundes verkündete, dass sie sich auch gegen den Einfluss der sanften Weisheit ihres Freundes bewaffnet hatte.

»Von Ihnen hätte ich dies am allerwenigsten erwartet!«

»Warum nicht von mir? Oder meinen Sie, liebe Gnädige, die Freundschaft für Sie solle mich blind für das Unglück machen, das Sie über ein gutes, zärtliches Mädchenherz verhängt haben?« erwiderte der Professor gelassen.

»Unglück? «wiederholte Frau von Wallbott frappiert und schlug ihre Herrscherblicke zu Gellert auf. Sie konnte es sich gar nicht vorstellen, dass irgendein Mensch in Zweifel darüber sein könne, wie nur ein furchtbarer Irrtum Margareths sie zu der Verlobung mit dem Grafen Levin verleitet habe.

»Unglück? Ich habe Margareth vor einem unabsehbaren Elende bewahrt!«„ fügte sie mit dem stolzen Klange ihrer ausdrucksvollen Stimme hinzu, die jeden Widerspruch im Keime zu erdrücken pflegte.

»Kurzsichtige Sterbliche! Sie wollen aus der Zukunft lesen? Sie glauben nicht zu irren?« rezitierte Gellert etwas emphatisch, um den leisen Tadel zu verstecken.

Frau von Wallbott machte eine abwehrende Bewegung und rief:

»Margareth wird zur Einsicht kommen! Ich garantiere es Ihnen!«

»Zur Einsicht kommen,« wiederholte Gellert bedenklich. »Die Einsicht ist das Werk des Verstandes, der die Änderungen und Verbesserungen unserer Lebenspoesie übernimmt; aber leidet nicht oft das unschuldige Glück der Jugend, wenn wir den natürlichen Schmuck des Herzens der Politur gescheiter Einfälle unterwerfenNote 5) ? Margareth liebt doch wahrscheinlich den Grafen Levin, sonst hätte sie sich ihm nicht verlobt.«

»Liebt? Liebt? Sie könnte einen Mann ohne Wert lieben?« wendete Frau von Wallbott geringschätzend ein.

»Was tut der Wert der Bildung bei der Liebe zur Sache?« warf Gellert ernsthaft ein.

»Das sagen Sie – der feine Denker, der moralisierende Philosoph? Das sagt derselbe Gellert, welcher seine Zuhörer durch die Rede von dem Einflusse der schönen Wissenschaften auf das Herz, auf das Gemüt und auf die Sitten zum Entzücken hingerissen hat?«

»Schließt diese Rede denn die Einwirkung der Liebe auf den Geist aus?« fragte Gellert mit leichtem Lächeln.

»Nennen Sie die rohe Zärtlichkeit der Jugend Liebe?« fragte die Dame hoheitsvoll.

»Ja! ja!« rief mit ungewöhnlicher Kraft und Energie der weise Mann. »Ja, verehrte Freundin, die Zärtlichkeit der Leidenschaft ist Liebe, und veredelt sich diese Zärtlichkeit im geheiligten Bündnisse, so weihet sie die Erde zum Himmel!«

»Professor, Sie dauern mich mit Ihrer Schulweisheit! Meine Erfahrungen in der Liebe und Ehe haben mich anders belehrt!« sprach Frau von Wallbott mit Pathos.

Gellert schwieg mit jenem leichten geduldigen Lächeln, womit er immer die Anmaßungen dieser Dame ertrug.

»Margareth ist gerettet aus den Händen niedriger Leidenschaft. Sie wird glücklich werden, sobald sie sich in den Sphären erst wieder zurechtfindet, aus denen sie sich momentan, durch Irrtümer verleitet, entfernt hatte. Sie wird glücklich werden,« wiederholte die Dame im erhobenen Tone der Selbstgefälligkeit, »und sie wird es in späterer und ruhigerer Zeit lernen, mich zu preisen!«

»Sie dauern mich, Gnädige,« replizierte Gellert mit sanftem Spotte ihre eigenen Worte.

Frau von Wallbott sah ihn mit gereizter, gallicht bitterer Miene an. Dies war so ein Moment, den Gellert ›ihr innerliches Stampfen mit dem Fuße‹ nannte. Sie ertrug auf die Länge von niemandem Widerspruch, und eine Entgegnung, wie sie sich Gellert jetzt erlaubte, gestattete sie nur ihm. Gellert nickte ihr ganz gemütlich zu und wiederholte:

»Ja, ja! Sie dauern mich, dass Ihre langgepflegte Weisheit Sie schließlich so irreführt, um die kühle Zärtlichkeit der Freundschaft für ebenso beglückend zu halten, wie die Liebe.«

»Und wenn ich wirklich in diesen Irrtum verfallen wäre, wenn ich Alexanders edle und enthaltsame Liebe als eine laue Empfindung der Freundschaft gelten lassen wollte, so würde ich dennoch behaupten: Margareth wird glücklicher mit ihm, als mit dem Grafen Levin, dessen rau natürliche und begierdenvolle Leidenschaft abschreckend hässlich erscheint.«

»Erschien sie wirklich dem jungen Fräulein Margareth auch abschreckend hässlich?« fiel Gellert gutmütig und ironisch zugleich ein.

»Margareth war sich selbst nicht klar! Sie ist nun erwacht und wird zum Bewusstsein ihrer innern Entwürdigung kommen.«

»Wird sie das wirklich? Gnädige – Sie dauern mich!«

Frau von Wallbott warf ihm einen zornigen Blick zu und sprach ungewöhnlich eifrig:

»Weichen wir denn plötzlich so sehr weit von unsern Meinungen ab? Ich denke nicht! Ich will und beanspruche nur eine unbegrenzte Selbstbeherrschung in der Leidenschaft, die man gewöhnlich Liebe nennt, und ich verlange eine Veredlung der menschlichen Naturgefühle, um das Band der Ehe auf eine geistige Höhe zu verpflanzen, wie sie mir als Standpunkt eines wahrhaften Glückes vorschwebt.«

»Ja, Ihnen! Die Liebe ist das subjektivste aller Gefühle, meine Freundin. Ihnen – aber nicht Ihrer Nichte Margareth!«

Er betonte die letzten fünf Worte merklich bedeutungsvoll.

»Wie?« fuhr die Dame betroffen auf. »Professor, sind Sie rasend! Margareth im Dunste niederer Herzenssphären – bezwungen von der Glut des Blutes – geneigt in toller Hingebung dem Manne, der es wagte, dies zu fordern, ihr edleres Selbst zu opfern? – Nein! Ich sage es tausendmal in einem Atem: Nein! Nein! Margareth, mein sanftes, süßes Mädchenherz voll heißer Scham beim dreisten Männerblick? Es wäre Verleumdung, wolltet Ihr es behaupten, und es wäre Beleidigung, wollte ich es von ihr glauben!«

Sie stand, bezwungen von ihren zornigen Empfindungen, auf und schritt einige Male im Zimmer auf und ab. Dann stellte sie sich dicht vor Gellert, schaute ihm fest in das sein blasses Gesicht und in die treuherzig gefühlvollen Augen, und begann gemäßigter:

»Was quälen Sie mich mit Ihren grundlosen Voraussetzungen, mein würdiger Freund? Margareth, das wohlgelungene Abbild eines idealen Weibes, kann nie so weit der Natur zum Opfer fallen, um ohne Rücksicht auf ebenbürtige Bildung des Geistes und der Seele ihrem Herzen eine Glut zu gestatten, die sie willenlos der Liebe eines Mannes unterwirft!«

»Wir Sterbliche können irren!« behauptete Gellert ebenso bedeutungsvoll, wie vorhin.

»Es soll nicht sein!« rief nun Frau von Wallbott entflammt. »Es darf nicht sein! Ich irre nicht! Ich darf nicht irren! Wer wagt es zu sagen, dass ich irre!«

»Sie stampft heute ganz besonders stark und trotzig mit ihren innern Füßen,« dachte Gellert etwas ängstlich werdend, und betrachtete ihr stark gerötetes Gesicht von der Seite mit scheuen Blicken. »Es wird ihr wohl nicht schaden, wenn ich es versuche, sie zur Erkenntnis zu bringen.«

»Die Zeit ist immer unsere beste Lehrmeisterin, teure Gnädige,« begann er laut und sehr bedächtig. »Überlassen wir deshalb unsere divergierenden Ansichten der historischen Entwicklung und fassen dafür das schon Geschehene als Faktum kritisch ins Auge. Haben Sie erwartet, dass sich noch jetzt, so dicht vor der Vermählung unsers jungen Paares das Verhältnis dergestalt lösen werde, um – Sie erlauben – Ihre frühern Pläne realisieren zu können?«

Die Dame stutzte und zögerte mit der Antwort, die etwas schwer zu formen war. So gern sie sich nach dieser eingetretenen Lösung auch das Ansehen gegeben, als wäre ihre Geistesmacht der Hebel gewesen, der das Verlöbnis, das ihr zuwider gewesen war, ganz unmittelbar aus den Fugen gerissen hätte, so fehlte ihr doch der Mut, das zu behaupten, da sie nicht wusste, wie viel von der ganzen traurigen Szene bekannt geworden sein möchte. Außerdem lag in Gellerts Frage eine indirekte Anklage, die sie dem Vorwurfe einer Indiskretion unterwarf. Sie war nahe daran, ihren hochmütigen Eingebungen zu folgen und eine abweisende Antwort zu er teilen, aber ihr guter Geist siegte.

Sie hob frei und offen den Blick zu dem Professor auf und antwortete:

»Meinem Gewissensrate bin ich eine ehrliche Beichte schuldig, und sie sei hiermit abgelegt, mein verehrter Freund. Ja, ich bekenne mich schuldig und erkläre, dass ich den bösen Willen hegte, Margareth auf jede nur mögliche Weise zu bestürmen, um sie dazu zu bewegen, sich wieder aus den Banden zu befreien, die sie törichter Weise und höchst unüberlegt um sich geschlungen hatte. Ich war auf einen kleinen Kampf vorbereitet, weniger aus Gründen, die das Herz diktierte, als vielmehr des allgemeinen Aufsehens wegen. Dass mein Plan den Zufälligkeiten eine schnellere und eklatantere Erledigung zu danken haben sollte, kann mir eigentlich lieb sein, obgleich es meinem stolzen Sinne nicht ganz recht ist, dass Graf Levin in seinem Rechte zu handeln schien, als er Margareth freigab. Es mag aber hingehen, wie es gekommen ist. Hatte ich früher den Mut, mit Kühnheit einen freien Entschluss meiner Nichte zu vertreten und dem Urteile unserer Standesgenossen zu trotzen, so wird mir auch nicht die Entschlossenheit fehlen, jetzt mit kräftiger Hand das Geschick Margareths zu vollenden.«

»So – so! Ganz, wie ich es dachte,« murmelte der Professor. »Also nun, da der Graf Levin Ihnen dasPrävenire gespielt hat?« fragte er lauter.

»Ja, nun bin ich sehr zufrieden, dass ich mich als passiv in dieser Schicksalsentwickelung meiner Nichte aufstellen kann, um mit dem reinen Glanze meines Namen ihr späteres Glück zu sichern!«

Ein leises Spottlächeln umflog die Lippen Gellerts, während er einige Minuten sinnend vor sich niedersah. Dann richtete er seine hellen sprechenden Augen auf die Dame, der satirische Zug verschwand und er rezitierte mit einer ergreifenden Wärme:

»O Stolz – was eiferst Du und nennst den Eifer ›Pflicht‹!

Und ist Dein Eifer selbst nicht ›Stolz‹, der aus Dir spricht?

Dein Wirken ist oft nur geheimer Trotz der Seelen,

Der übermütig spricht: ›es wird und darf nicht fehlen!‹

Oft ist auch unser Mut nur Stolz im Glanz der Seide

Und reinster Übermut in einem andern Kleide!

O, Mensch! Vertreibe ja den Glanz des falschen Lichts!

Warum verbirgst Du Dir mit so viel Kunst Dein Nichts?

Was ist des Menschen Ruhm, des Klugen wahre Größe?

Die Kenntnis seiner selbst – die Kenntnis seiner Blöße!«Note 6)

Frau von Wallbott hatte ruhig, ja man möchte sagen ›andächtig‹ den Worten gelauscht, die ihre Verurteilung in aller Form Rechtens enthielten. Ihr Blut wallte und siedete noch immer von den Gemütsaffektionen, denen sie in diesem Gespräche mit ihrem Freunde unterworfen gewesen war, allein sie trug jetzt schon das Bewusstsein ihrer Schuld in der Brust, und bei solchem Bewusstsein hört jede Empfindlichkeit im edlen Menschen auf.

Nachdenklich saß sie da, den Blick in die Weite gerichtet, ohne zu sehen. Die Sonne lag prächtig hell auf der Herbstflur und dem klaren Flüsschen, dem sie silberne Funken entlockte, wenn er seine leichten Wellen kräuselnd dem grasigen Ufer zuspielte. Nachdenklich saß sie da, und Gellert störte ihr Nachdenken mit keinem Worte, ja selbst durch keinen Blick. Er wusste, dass sie hart mit sich zu kämpfen hatte, aber er vertraute ihrer Natur den Sieg an.

Einmal schlug sie in bitterer Not das Auge zum Himmel auf, als wolle sie ihn anflehen, Mitleid mit ihr zu haben und ihrer Demütigung ein Ende zu machen. Der Himmel fiel jedoch nicht ein und Gellert sprach kein Wort, um sie aus einem Seelenzustande zu befreien, der einer Buße gleich kam. Nach langem Zögern atmete sie tief auf:

»Was verlangen Sie von mir, mein Freund?« fragte sie sehr leise und mit schwer bedrückter Stimme. »Ich bin zu allem bereit, um mir Ihre Achtung und Liebe wieder zu gewinnen!«

Gellert zog tief bewegt ihre Hand an seine Lippen.

»Der schönste Sieg, den je ein Mensch feiern kann, ist der über sich selbst, meine teure gnädige Frau,« sprach er freudig. »Ich verlange nichts – nein, ich bitte nur meine Freundin, ich bitte im Namen der Menschlichkeit: beherrschen Sie Ihre Wünsche, die Sie zum Lebensglücke Ihrer Nichte entworfen haben – beherrschen Sie jedes Wort, das eine Überredung für Margareth enthalten könnte – beherrschen Sie Ihren Einfluss auf diejenigen Menschen, welche unter Ihrer Geistesmacht sich wohl fühlen!«

Frau von Wallbott sah ihn heiter an.

»Weiter nichts? Das wäre ein kleines Sühnopfer.«

»Glauben Sie das nicht, Gnädige. Wenn Sie sich nicht geneigt fühlen, mir ein Gelübde darüber abzulegen, so beschränke ich Sie auf den Willen Gottes!«

»Den fürchte ich nicht!«

»Übergebe Sie der Pein eines ruhigen Zusehens!«

»Umso besser für meine Trägheit!«

»Überlasse Margareth der Natur ihrer Gefühle!«

»Gottlob, darüber kann ich ruhig sein!«

»Überhebe Sie aber auch jeder Verantwortlichkeit!«

»Hier haben Sie meine Hand! Ich schweige zu allem, was sich ereignet, und ich lege meinem Munde so lange ein Siegel auf, bis die Entwicklung der Zeit es von selbst löset. Wie sich die Dinge auch gestalten mögen, unsern Freundschaftsbund soll nichts stören! Ich weiß, dass meine Ansichten siegen, ganz ohne mein Zutun siegen, denn es wäre eine Schmach für uns Frauen, sollte das Edle der Weiblichkeit dem Sinnenreize unterliegen. Mein Neffe Alexander ist angekommen –«

»Schon angekommen?« fiel Gellert verwundert ein. »Wann?«

»In dem Momente, als Sie zu mir eintraten. Er hat mit seinem Sinne erkannt, dass er, bevor er mit irgendjemand im Schlosse zusammentreffe, Margareth sprechen müsse, und er sitzt jetzt in ihrem Boudoir,« schloss sie triumphierend.

Der Professor zog ein sehr bedenkliches Gesicht. So nahe hatte er die Prüfung Margareths nicht geglaubt, und ein fürchtendes Bangen schlich durch sein wackeres Herz. Würde sie starksinnig genug sein, um die Verwirrung ihrer Gefühle richtig zu sondieren? Wenn sie der Bestürzung des Augenblickes unterlag, so war die bitterste Reue ihr Lohn, und ein Wort der Warnung hätte sie vielleicht retten können.

»Margareth wusste, dass Alexander kommen würde?« forschte er weiter.

»Sie erfuhr es vor der fürchterlichen Katastrophe, die ihr die Freiheit wiedergab.«

Der Professor atmete froh auf. Das junge Mädchen hatte also eine ganze Nacht Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Er verabschiedete sich mit Herzlichkeit von Frau von Wallbott und eilte seiner kleinen Freundin Gertrud zuzuflüstern, »dass er sein Versprechen gehalten habe und als Ritter Margareths aufgetreten sei! «

Frau von Wallbott sah aber der nächsten Stunde mit voller Sicherheit und Zuversicht entgegen.


Note 5

Wörtlich nach einem spätern Briefe Gellerts an jene früher schon notifizierte Edeldame, die sich mit harter Konsequenz Eingriffe in das Glück ihrer Familie erlaubt hatte.

Back

Note 6

Wie vorhin gesagt: Nach einem Briefe.

Back

Siebentes Kapitel.

Rittberg zögerte nicht einen Augenblick, sich zu einem Gaste zu begeben, den er keineswegs erwartet hatte. Er war begierig, den Mann wiederzusehen und unter das Brennglas seiner Prüfung zu stellen, der ihm jetzt von doppelter Bedeutung war. Alexander von Lottum, oder wie er im Allgemeinen, ob mit Recht oder Unrecht, bleibt zweifelhaft, immer genannt wurde, der Baron Lottum, war ihm früherhin stets als ein Mann von schmiegsamen Grundsätzen erschienen. Seine entschlossene Ruhe, womit er jetzt den letzten Zeitpunkt wahrnahm, der ihm ein Gut zurückgeben konnte, das er in übertriebener Sorglosigkeit als sein Eigentum angesehen und für sich reserviert gedacht hatte, missfiel ihm nicht. Sie fand in Widerspruch mit der weichlichen Nachgiebigkeit, die er den Weltanforderungen gegenüber bis dahin gezeigt und namentlich in unbedingter Hingebung für die Frauen bewiesen hatte. Beinahe ein Jahr konnte dieser Mann mit Seelenruhe fern von der, die er doch jetzt als teures Kleinod in Anspruch nehmen wollte, leben, ohne sie in dem Bereich seiner nächsten Verbindungen zu wissen. War das fester Glaube an eine unerschütterliche Liebe ohne Traugelübde, so zeigte es seine ehrenhaft ritterliche Gesinnung, der Rittberg seine Achtung und Teilnahme nicht versagen wollte. War es aber eine Behaglichkeit der Selbstzufriedenheit, die mit Kühnheit der vermessenen Hoffnung gelebt hatte, dass nichts in der Welt sein Bild aus dem Herzen Margareths zu verdrängen im Stande sein würde, so fühlte er den Beruf in sich, dem Baron Lottum die Vorzüge seiner Schwester dergestalt klar zu machen, dass er zur Erkenntnis seiner Selbstüberschätzung kommen musste.

Alexander von Lottum gehörte nicht zu den gewöhnlichen Männern, das hatte Rittberg immer anerkannt. Seine Klugheit berechtigte ihn zu Plänen auf eine glänzende Stellung in dem Kreise der Bürokratie, und es war zu bedauern, dass er seine Fähigkeiten nicht dazu verwendete, die Erwartungen zu erfüllen, die man von ihm hegte. Man schob die Abneigung des jungen Mannes, sich in das Joch eines Amtes spannen zu lassen, auf die Flatterhaftigkeit der Genialität, allein wer ihn näher kannte, der wusste, dass ihn die Furcht abhielt, dort mit seiner Arbeitstüchtigkeit nicht so glänzen zu können, als man nach seinen theoretischen Kenntnissen zu erwarten Ursache hatte. Er trieb sich am liebsten im Lande umher, suchte den Umgang mit den ausgezeichneten Männern der damaligen Gegenwart und bildete sich nach ihren Mustern männlicher Vollkommenheit.

Dass bei solchen Bestrebungen die menschliche Eitelkeit ganz aus dem Spiele bleiben sollte, war gar nicht anzunehmen. Rittberg suchte ihn aber nicht unter dergleichen vorgefassten Meinungen auf. Seine Gedanken klammerten sich mehr an eine Entzifferung der Gründe, warum er so lange von seiner Liebe, die Frau von Wallbott in ein großartiges Licht zu setzen bemühet gewesen war, geschwiegen hatte, da sie ihn doch jetzt zu so verzweifelt gewagten Geständnissen gebracht. Ohne Vorurteile, obgleich er in ihm die Veranlassung der jetzt waltenden peinlichen Situation erkennen musste, beeilte er sich ihn zu begrüßen.

Herr Alexander lag im Sofa, als er eintrat, und die Ruhe, womit er sich erhob, um die dargebotene Hand des Mannes anzunehmen, der einigermaßen Rechenschaft über manches, was tief eingreifend in Seele und Gemüt war, fordern konnte, frappierte Rittberg und machte seinen Begrüßungston so abgemessen kühl, dass nicht die mindeste Freude darin zu erkennen war. Baron Alexander schien dies nicht zu vermissen. Mit der Gebärde großen Selbstbewusstseins, wie es nur überwiegend berühmten Leuten nachgesehen wird, nahm er mit Rittberg Platz und sprach sogleich seine Freude über die glückverheißenden Veränderungen aus, die eine entsetzliche Ehe zur rechten Zeit vernichtet hätten.

Rittberg ignorierte diese pathetische Anrede und fragte: »ob er seine Tante schon gesprochen habe?«

Der Baron bejahete es, setzte aber hinzu: »Nur einige Minuten, weil der Professor Gellert erschienen sei und seinen beschleunigten Rückzug bewirkt habe. «

Rittberg setzte ihm männlich besonnen auseinander, dass sich die Verhältnisse seltsam gestaltet hätten und nur durch eine ›rücksichtslose Offenherzigkeit‹ zu applanieren seien.

»Danach ermessen Sie meine Frage: was hoffen Sie und worauf stützen sich Ihre Hoffnungen?« schloss er ziemlich gleichgültig.

»Ich hoffe sehr viel,« entgegnete Lottum sehr schnell und pikiert, »und meine Hoffnungen gründen sich auf den hohen, geistigen Wert Ihrer Schwester! Wann darf ich Margareth sprechen?«

»Der Weg zu meiner Schwester steht Ihnen ganz frei, Alexander,« begütigte ihn Rittberg, der seine Schroffheit bereuete. »Nicht deshalb tat ich diese Frage an Sie, sondern um einen Faden in dem Labyrinthe zu erfassen, der mich aus der ganzen Verwirrung, die hier herrscht, herausleiten könnte. Sie gestatten mir eine andere, verständlichere Frage: Hat Margareth sich jemals Versprechungen, Geständnisse oder nur unbewusste Herzensverrätereien erlaubt, die Ihnen ein Recht zu Ihrer Werbung geben?«

Alexander hob sehr verständlich nicht achtend sein Haupt empor, indem er erwiderte:

»Sie sind verlobt, Reinhard – haben Sie es für nötig gehalten, ihr Herz anders, als durch die innigste Seelenharmonie sprechen zu lassen?«

»Seelenharmonie, Alexander?« wiederholte Rittberg ganz erschrocken. »Das wäre ja eine sonderbare Art sich zu verloben, wenn man nicht einfach und herzlich das Mädchen seiner Wahl fragen wollte: willst Du mir Dein Herz geben, denn mein Herz glüht für Dich!«

Alexander unterbrach ihn: »Wir befinden uns, trotz Ihrer tüchtigen Verstandesbildung, nicht auf derselben Stufe der Geisteskultur, welche das Wesen des Menschen hebt und vergeistigt und zu jener süßen Begeisterung emporträgt, wo Worte als sinnliche Wahrzeichen unnötig werden!«

»So – so! Sie meinen, dass eine Erklärung zwischen Ihnen und Margareth nie stattgefunden hat?« fragte Rittberg fest und bestimmt, um ›den Schwärmer für Seelenharmonien‹ wieder auf die Erde zurückzuführen.

»Zwischen Margareth und mir herrschte seit Jahren die innige heilige Seelenverbindung, welche wir Sympathie nennen. Hierauf stütze ich meine Hoffnung, dass das holde, schöne Mädchen niemals aus freien Beweggründen eine andere Wahl hat treffen können!«

»Margareth war durch nichts gehemmt und durch nichts bestimmt, als durch ihr Herz, indem sie dem Grafen Levin sich verlobte, Alexander. Schon dieser Umstand muss Sie belehren, dass Sympathien oft mehr Freundschaftsstoffe enthalten, als man denkt. Liebesglück verlangt weniger Übereinstimmung des Geschmackes, als Herzenswärme, weniger gleiche Meinungen, als gleiches Pulsieren des Blutes und eine Anziehungskraft, der wir keinen Namen zu geben wissen.«

Alexander von Lottum legte sich bequem in die Ecke des Diwans und lächelte fein.

»Ich wollte, mein Freund Wieland wäre hier, um Sie handgreiflich zu belehren!«

»Nach meiner Meinung wäre ich weit eher im Stande, Ihren Freund Wieland zu belehren, als er mich!« sprach Rittberg sehr entschieden. »Das Verhältnis Wielands zur Sophie von Guttermann, welches sich auf Seelenverkehr beschränkt hat, erscheint mir fade gegen den Bund, der mich mit meinem wackern Mädchen verbindet! Elvire von Uslar liebt mich mit der vollständigen Hingebung, die den Mann zum glücklichsten Sterblichen zu machen verheißt. Ich verlange nicht danach, das Verhältnis von Liebesleuten zu kopieren, die schmachtend zusammen lesen, musizieren, den Mond anbellen und die Sterne zählen!«

»Sie nehmen also die Liebe materiell?« warf Alexander geringschätzend ein.

»Ich nehme sie vernünftig, als eine Gabe des Himmels, um uns so glücklich zu machen, wie möglich.«

»Unter den Ständen, wozu wir uns zählen, sollte eine solche Herabwürdigung edler, hoher und reiner Gefühle gar nicht stattfinden!« fiel Alexander wieder ein.

»Wehe den Ständen, wozu wir uns rechnen, wenn sie jemals dazu kommen sollten, eine eheliche Verbindung von diesem Gesichtspunkte aus zu betrachten,« sagte Rittberg sehr ernst. »Ich wäre im Stande eine Braut zu verachten, die mit ätherischer Kühle im Herzen mein Weib würde.«

»Wenn aber zwei Menschen in der Seelenerkenntnis geläutert, miteinander gleich gestimmt, durchs Leben gehen wollen – sind diese zwei Menschen Ihnen auch verächtlich?«

»Nein! Ich bedauere sie beide!« entgegnete Rittberg sehr rasch. »Gelingt es Ihnen meine Schwester auf diesen Weg zu verlocken, so habe ich die Überzeugung, dass Sie ein reiches, gefühlvolles und weiches Herz töten, indem sie demselben langsam alle Blutwärme entziehen. Margareth würde mir als eine Märtyrerin der steigenden Kultur erscheinen und in ihrer vestalischen Reinheit nicht so ehrenwert vorkommen, als in einem Kreise blühender Kinder von dem Dunstkreis irdischer Elemente umfangen.«

»Wir werden uns nie einigen, bester Freund,« wendete der Baron ein. »Was mir ein Entsetzen einflößt, ist Ihnen des Himmels Segen. Ich bitte Sie nur inständig, nicht auf Margareths Entschluss zu influieren.«

»Sorgen Sie nicht! Es würde heißen, die zarte Seele einer Jungfrau beflecken, wollte ein Mann, und sei er ein Bruder, den Schleier heben, der das Mädchenherz umhüllt und idealisiert. Versuchen Sie mit Ihrem Enthusiasmus für ein schwärmerisches Idealleben meine Schwester – ich zweifle so lange an günstige Resultate, bis ich glänzend überführt werden kann.«

»Darf ich bitten, mich Margareth melden zu lassen?« fragte Alexander zuversichtlich.

Rittberg verbeugte sich und ging.

Einige Minuten saß Alexander still und überdachte, was gesprochen worden war. Es lag durchaus nichts darin, was ihn, nach seiner Beurteilung, entmutigen konnte, und doch schlich ein ahnungsvoller Schauer durch sein Inneres, wenn er an die Festigkeit dachte, womit Rittberg seine Ansichten verwarf. Sollte dies ein Vorspiel der kommenden Szene werden?

Etwas bedenklicher, als nach dem günstigen Referate seiner Tante, begann er seine Toilette zu ordnen und sich einen förmlichen Belagerungsplan zu entwerfen. Zuerst so sicher in seinen Erwartungen, dass er Rittberg mit der Ruhe eines begünstigten Bewerbers empfangen hatte, bemächtigte sich jetzt seiner ein Unbehagen, welches ihn zu Reflexionen führte.

Ein Jahr war verstrichen, seit er Margareth im Hause seiner Tante verlassen hatte. Bald darauf hatte sie ebenfalls in Begleitung ihres Bruders Kassel, wo sie in einem Confluxus ästhetischer Kreise gelebt und geatmet, verlassen und war nach Schloss Rittberg, also immer unter unmittelbarer Einwirkung der brüderlichen Ansichten, übersiedelt. War es nicht denkbar, dass sie ihre hoch gespannten und fein veredelten Begriffe von Mensch und Erde etwas vom unreinen Elemente der Gemeinheit hatte verwischen lassen?

Womit man umgeht, zu dem neigt man sich. Herr Alexander von Lottum kannte die Unselbständigkeit des Frauengemütes gerade genug, um jetzt mit Sorge an ein Wiedersehen zu denken, von dem er sich Himmelsgenuss geträumt hatte. Es ist immer nicht gut, mehr zu träumen, als nötig ist, meinte er endlich entschlossen, und folgte dem Diener, der ihn hinab zu dem Flügel führen sollte, wo Margareth wohnte.

Margareth hatte sich nicht entschließen können, ihren Jugendfreund in dem Zimmer zu empfangen, wo sie trotz der unklaren Erkenntnis ihres Glückes so selig gewesen war. Es war jedenfalls ein ungünstiges Zeichen für diesen, und er nahm es auch dafür, dass er mit aller Förmlichkeit in das gewöhnliche Besuchszimmer geführt wurde, wo Margareth in einer nervösen Aufgeregtheit schon auf ihn wartete.

Gewitzigt durch das eben abgehaltene Gespräch mit Rittberg sah er mit der Aufrechthaltung der gewöhnlichen Konvenienzregeln ganz klar den Standpunkt, auf welchen man seine verspätete und seltsam gewagte Bewerbung zu stellen beliebte, und indem man die sonstige Traulichkeit seiner Beziehungen zu Margareth beschränkte und in die weiten Grenzen bloßer Besuchsberechtigung verlegte, erklärte man deutlich die geringe Neigung, den eben leer gewordenen Platz eines Verlobten schleunig wieder zu besetzen.

Im Grunde hatte er dies auch in vollster Ausdehnung nicht erwartet, aber er hatte gehofft, von den sehend gewordenen Augen eines verblendet gewesenen Mädchens als ein Messias begrüßt und in heimlicher Stille ihres Gemaches als solcher anerkannt zu werden. Mit dem dunkeln Bewusstsein, dass nach der Hitze in Graf Levins Empfindungen eine zu große Lauheit vielleicht nachteiligen Vergleichen erliegen könnte, trat er auf das Fräulein zu und ergriff mit einer gewissen Wahrheit von Erschütterung schnell die Hand, die Margareth ihm entgegenstreckte.

Dann aber verbeugte er sich vor ihr, tiefer und zeremoniöser, als es die Stellung erheischte, in welcher er seit ihren Kinderjahren zu ihr stand, und fragte mit zärtlichem Tone:

»Margareth, warum haben Sie mir das getan?«

Die Worte waren unglücklich gewählt. Sie wiederholten den Vorwurf, den sich tags zuvor ihre Tante erlaubt hatte, und gaben ihr mehr als alles andere Licht über das planmäßige Verfahren, womit man in ihrer ganzen Erziehung ihr geistiges Wesen mit dem Willen geleitet hatte, dem Herrn von Lottum eine Frau zu schaffen, wie er sie sich wünschte.

Der Nebel sank vor ihren Augen und sie betrachtete den verächtlichen Tadel, womit Frau von Wallbott ihre Verlobung beehrt hatte, plötzlich aus anderm Gesichtspunkte. Ihr sanftes, weiches Temperament verhinderte sie nun zwar, den neugewonnenen Ansichten Worte zu geben, allein sie wirkten wesentlich auf die Ruhe ihres Gewissens ein, das sich wirklich als etwas schuldig erkannt hatte. Sie beantwortete die erste Anrede Alexanders nur mit einem sanften, traurigen Lächeln, und dies ermutigte ihn zu der leidenschaftlichen Vertraulichkeit, ihre Hände wechselweise an seine Lippen zu drücken.

Margareth, unsicher in ihren Gefühlen, solange sie nicht im Stande war, Liebe und Freundschaft in sich zu trennen, trat schnell zurück und bewältigte nur mühsam eine Aufregung des Unmutes, die sich blitzartig bei dieser Zärtlichkeitsbezeugung durch ihr Inneres verbreitete. Sie war kalt und besonnen, als sie mit einer Handbewegung dem Jugendfreunde einen Platz anwies und sich selbst, vielleicht noch nicht fest entschlossen, aber doch sehr bereitwillig, sich von seinem fernern Betragen zu einem unabänderlichen Entschlusse leiten zu lassen, in dem Diwan niederließ. Alexander begann sogleich:

»Margareth, mich führt eine Hoffnung her, die vermessen genannt werden könnte, wenn sie nicht in unserm schönen Beisammenleben unter dem Schutze meiner Tante wurzelte. Darf ich reden, Margareth?«

»Von Ihren Hoffnungen nicht, Alexander,« sagte das Fräulein merkwürdig gefasst, nachdem das Gespräch erst begonnen hatte. Die Verlegenheit, die sie ihrer Tante gegenüber gezeigt hatte, schien verschwunden, nachdem sie jetzt eingesehen, dass Alexander ihr in keiner Weise das gewesen war, was sie beim jähen Verluste des Grafen Levin so tiefbetrübt betrauerte.

»In der trübseligen Situation einer mit vollem Rechte verlassenen und verachteten Braut wäre es unzart von mir, die Worte eines Mannes anzuhören, die eine Hoffnung auf meine jetzige Lage aussprechen.«

»Allerdings, wenn dieser Mann nicht mit dem Rechte sprechen könnte, den ein lange bestandenes Seelenbündnis geben muss!« entgegnete Alexander ernst und traurig.

Er fand erst jetzt die nötige Ruhe, um das Mädchen näher zu betrachten, das eigentlich, so lange er zu denken vermochte, seine Einbildungskraft beherrscht hatte. Der Ausdruck ihres Wesens war unbestreitbar ein verschiedener, als der, welchen er von ihr in der Ferne gehegt.

Schon ihre äußere Erscheinung zeigte dies. Früherhin machtlos dem Willen ihrer Tante ergeben und der eigenen Willenskraft nicht vertrauend, bewies schon die schüchterne Sanftmut ihres Blickes, dass sie zu den weiblichen Naturen zählte, die innerlich nicht leicht unabhängig werden, sondern des Rates und der Stütze bedürfen. Jetzt stand sie verändert vor ihm.

Die einzige bittere Erfahrung, wodurch sie ein beglückendes Verhältnis gestört sah, weil sie sich dem stärkern Wesen ihrer Tante nicht mit der Freimütigkeit entgegengestellt, die sie hätte retten können, diese einzige bittere Erfahrung hatte sie gegen schwache Unterwerfung gestählt. Ob damit aber auch ihre Energie dergestalt geweckt worden war, dass sie ihre schwer bezahlte Unabhängigkeit behaupten und das tiefgewurzelte Bedürfnis, sich einem stärkern Geiste unterzuordnen, bezwingen konnte, darüber musste die Zukunft entscheiden.

Für jetzt erschien sie dem prüfenden Blicke des Baron Lottum gereifter und selbständiger, als jemals, und ihre Haltung verriet weder Unterwerfung, noch den guten Willen, sich von den Erklärungen seiner Huldigungen geschmeichelt zu fühlen.

Wäre er selbst freier von den Fesseln einer Geistesrichtung gewesen, die seine Beurteilungskraft in die Schranken idealer Lebensanschauungen bannte, so würde er gesehen haben, dass die Sprache der Natur in der Brust Margareths den künstlichen Bau der eingelernten Lebensphilosophie merklich untergraben und erschüttert hatte. So aber sah er die Veränderung, die dem Fräulein einen neuen, ungewohnten Reiz mitteilte, und verstand sie nicht zu zergliedern. Er horchte gespannt und sehr verwundert hoch auf, als Margareth ganz ohne Schüchternheit antwortete:

»Dies Seelenbündnis hat seine Rechte und seine Gültigkeit eingebüßt, bester Alexander. Mit dem Momente, wo ich dem Grafen Levin die Rechte eines Verlobten eingeräumt hatte, schloss ich die Tore der Vergangenheit, und mit dem Abschiedsblicke meines Verlobten hat sich für mich die freie Benutzung der Gegenwart abgeschlossen. Was Sie also beanspruchen können, sind die Wirkungen der Zukunft, und ich vertraue es Ihrer eigenen Diskretion an, darüber nichts zu hoffen, nichts zu bitten und nichts zu beschließen.«

Der Baron blickte mit sonderbar gemischten Gefühlen auf das Mädchen. Die Überlegung ihres Bescheides imponierte ihm, aber der Inhalt desselben weckte Bestürzung in ihm. Mit dieser Bestürzung kämpfte die beleidigte Eitelkeit.

»Betrachten Sie sich noch nicht als ganz frei?« fragte er gereizt.

»Der äußerlichen Verpflichtung nach – ja!« antwortete sie gelassen.

»So dächte ich, dass der Herstellung unserer frühern Bande nichts entgegen stände?«

»Der Herstellung früherer Bande gar nichts, mein lieber Freund,« meinte sie, still traurig ihre Blicke erhebend. »Ja, ich bekenne sogar, dass für mich ein Trost darin liegen würde, die trübselige nächste Zeit unter der Bemühung, mich selbst wieder zu finden, zu verleben, allein Sie fordern andere Gefühle von mir, als ich geben kann–«

»Nein! Margareth, ich will nichts, als den Verkehr unserer Seelen, wie damals, wo ich zwischen Ihnen und meiner Tante lebte!« rief der junge Mann mit Erhebung.

Margareth schüttelte ungläubig den Kopf: »Ich habe mich einmal in dem unseligen Zwiespalte befunden, den eine Verkennung von Gefühlen zu Wege bringt, und ich bin entschlossen die Freundschaft der Männer zu vermeiden.«

»Damit würden Sie einen großen Teil meines Geschlechtes berauben,« sprach Alexander tadelnd.

»Aber einen Einzigen, umso mehr beglücken!« ergänzte das Mädchen mit strahlenden Augen.

Sie sah wunderschön in dieser Begeisterung aus, und es mochte sich wohl der Wunsch in dem jungen Herrn regen, dieser ›Einzige‹ sein zu können, trotzdem entgegnete er:

»Das sind Lehren, die der Egoismus einer Leidenschaft erfunden hat!«

»Und die schönste Eigenschaft dieser Leidenschaft ist der Egoismus!« fiel Margareth ein.

Gleich darauf errötete sie, wie ein Mairöschen, und fügte hinzu: »Die meisten Menschen leben verstrickt in dem Egoismus der Eigenliebe und scheuen die Opfer, welche eine Hingabe für das Glück eines Einziggeliebten fordert, aber, so tief ich auch durch meine verfehlte Erziehung in den Banden dieses Egoismus lag, der widrige Missklang, der sich jetzt durch mein Dasein zieht und mein Leben auf lange Zeit durchtönen wird, hat mich radikal geheilt.«

»Was Sie sagen, bekundet eine gänzliche Verkennung Ihrer Natur und Ihrer jetzigen Verhältnisse,« erwiderte Alexander sanft. »Der Vorwurf, den Sie meiner Tante, die nach ihren Grundsätzen Ihre Erziehung angeordnet hatte, damit machen, fällt sofort in ein Nichts zusammen, wenn man Sie kennenzulernen sucht. Die Stufe der Bildung, die Sie dadurch erreicht haben, erhebt Sie weit über die meisten Frauen der Gegenwart.«

»Ohne mich aber zu befähigen, gleich der einfachsten Bäuerin, den Mann meiner Wahl zu beglücken.«

»Würden Sie das wünschen?«

»Ja! Mir fehlt aber die Natürlichkeit und Einfachheit des Sinnes dazu. Ich habe beides eingebüßt unter den Sophismen, die das Weiberherz kristallisieren.«

»Welche böse Macht hat Ihnen denn diese Ansichten beigebracht?«

»Der Hauch wahrer, natürlicher Liebe!«

Der Baron biss sich auf die Lippen. Sein feines blasses, echt aristokratisches Gesicht färbte sich, und eine schlecht verhehlte Empfindlichkeit machte, dass er stumm vor sich niedersah.

In diesem Ausspruche lag die Erklärung, dass Fräulein Margareth die Liebe des Grafen höher wert hielt, als alle die subtilen Beziehungen, die jemals zwischen ihnen gewaltet hatten. Der direkte Tadel ihrer Erziehung war ein unerhörter Angriff auf die Weisheit eines vorwärtsstrebenden Menschengeschlechtes und auf den Enthusiasmus für Seelenschönheit und Herzenskeuschheit. Sie verletzten den jungen Mann umso tiefer, als er im Begriffe gewesen war, dem Vorbilde seines jüngern, weit höher begabten und feiner organisierten Freundes Wieland zu folgen, der die Welt durch den Briefwechsel mit seiner Seelengeliebten entzückte.

Margareth von Rittberg vereinte unbestritten noch bedeutendere Elemente in sich, um sie der allgemeinen Vergötterung würdig zu machen, als die Dame, welcher Wieland mit graziösem Entzücken Huldigungen streute. In der törichten Eitelkeit: ›berühmt zu werden, ohne sich allzu bedeutend anstrengen zu müssen,‹ hatte der Baron sich der Überzeugung hingegeben, dass es nur eines Wortes bedürfe, um Margareth für seine Sache zu entflammen. So sonderbar es klingen mag, wenn man eine Herzensangelegenheit eine ›Sache‹ nennt, so war für den Moment wenigstens kein anderer Ausdruck dafür zu finden, da es sich keineswegs darum handelte, eine Gattin zu erwerben, sondern nur eine schöne und liebenswürdige Vertreterin einer Mode, mit der man damals zu kokettieren pflegte. Freundin eines bedeutenden Geistes zu sein, gehörte zu den Errungenschaften eines emporblühenden Zeitalters, und die berühmt werdenden Männer gefielen sich in dem Verfahren, an eine begabte Frau die sublimen Gedanken zu adressieren, wofür der rohere Weltbürger noch kein Interesse zeigte. Dass sich Margareth, die bis zu seiner Abreise nach der Schweiz in den Sphären der Erhabenheit geschwebt hatte, in der Rolle einer einfachen Hausfrau besser gefallen könnte, als in dem epochemachenden Verklärungsschimmer einer geistreichen Dame, gab seiner idealen Liebe zu ihr einen derben Stoß und machte ihn sehr verdrießlich.

Während er seinen Gedanken nachhing, sagte Margareth ganz mit der schwesterlichen Zärtlichkeit, die sie unrichtig für ein innigeres Gefühl zu halten am Tage zuvor von ihrer Tante fast gezwungen worden war:

»Glauben Sie mir, Alexander, Sie befinden sich in demselben Irrtume, wie ich, wenn Sie annehmen, dass unsere gegenseitige Anerkennung ausreichend und bindend für alle Lebensverhältnisse sein könnte.«

Der Baron fuhr heftig auf: »Wenn solche Bindungsmittel nicht ausreichend wären, wo gäbe es dann ein Mittel, um ein menschliches Glück festzustellen? Etwa durch den Schaum der Leidenschaft, die man durch den Namen Liebe profaniert? Und wenn dieses Gift verraucht ist, Margareth? Wenn das sinnlich getrübte Auge wieder klar wird und hellsehend genug, um die menschliche Gemeinheit zu erkennen und zu begreifen? Margareth, auf welchen Abwegen wandeln Sie? Gott hat sich Ihrer zur rechten Zeit erbarmt, um Sie für größere und edlere Lebenszwecke zu erhalten!«

»Ihre Ansicht befremdet mich nicht,« entgegnete das Fräulein mit herzlicher Freundlichkeit, »weil darin die Gedanken enthalten sind, die mich seit meiner Verlobung mit dem Grafen Levin gefoltert und verfolgt haben. Aber die stumme Beredsamkeit der Leidenschaft, die sich in Levins Zorn ausprägte, als er mir das Symbol meiner Treue zurückgab, hat meine Bedenklichkeiten und Zweifel gehoben.«

Alexander schüttelte mit der Gebärde großer Verwunderung den Kopf.

»Gerade das, was meine Meinung bestätigt, das hebt Ihre Zweifel auf?«

»Meine Behauptung wird Ihnen verständlicher sein, wenn ich Ihnen erkläre, dass sein Zorn aus dem Schmerze entsprang, meine Neigung nicht so ungeteilt zu besitzen, wie er sie mir weihete! Nur dem, der selbst liebt, ist dieser Schmerz erklärlich!«

»Sie verstehen ihn zu würdigen?« fragte Alexander mit Ironie.

»Im tiefsten Mitgefühle und in einer entsetzlichen Sorge um sein Wohlergehen!« sprach Margareth leise und gefühlvoll.

»Diese Sorge macht Sie kalt gegen meine bewährte und geduldigere Zuneigung?«

»Vielleicht! Der Mensch kennt sich selbst zu wenig, und wenn er sich erkennt, ist es zu spät,« versetzte sie ausweichend.

»Das Glück meiner Zukunft ist Ihnen weniger wichtig?«

»Es erscheint mir weniger gefährdet!« sagte sie wehmütig.

»Das fragt sich! Nachdem ich durch die Großmut des Schicksals zu neuen Hoffnungen ermutigt wurde, verschränken Sie mir mit Härte jede Aussicht auf ein Glück, das ich jetzt erst, nach dem drohenden Verluste zu schätzen weiß.«

»Haben Sie Geduld, Alexander!« bat Margareth sanft. »Sie kennen Ihre Empfindungen auch nicht genug, um sich nicht durch jede Auseinandersetzung zu übereilten Schlüssen verleiten zu lassen. Würden Sie es lieber sehen, wenn ich jetzt leichtsinnig handelte?«

»Jetzt – jetzt leichtsinnig?« erwiderte der Baron mit Überhebung. »Der Fall ist gewesen! Jetzt würden Sie nur Ihrer würdig handeln, wenn Sie ohne Beschränkung und mit vollem Vertrauen Ihre Hand in die meine legten!«

Margareth lächelte ganz wenig.

»Auch wenn ich jetzt, geschreckt durch die Verwirrung meiner Empfindungen, belehrt durch meine tiefe und schmerzhafte Betrübnis, ganz bedeutende Zweifel in die notwendige Wärme meines Gefühles für Sie zu setzen versucht wäre?« fragte sie.

Er fasste schmeichelnd ihre Hand.

»Die Wärme, welche ich beanspruche, leuchtet mir aus Ihren geistvollen Augen heute, wie damals entgegen, wo Sie von mir auf den Thron meines Herzens erhoben wurden!« rief er schwärmerisch. »Sie verkennen die Poesie der Liebe, teure Margareth, und verwechseln in der reinen Unschuld ihres Herzens eine leichte Wallung, die vergänglich ist, wie der Duft einer Blüte, mit dem erhebenden, himmelanstrebenden Ernste einer heiligen Begeisterung, die allein das Erdenglück der Menschen zu schaffen vermag. Zu der Höhe sich emporzuschwingen, wo die Glut des Herzens bis zur unvergänglichen Wärme gemildert und die Seele, als Hüterin alles irdischen Stoffes, unsere Läuterung beginnt, das ist unsere Pflicht. Sie trägt den Lohn schon hier auf Erden in sich, aber sie verheißt uns höhere Seligkeit in dem Jenseits, wozu wir uns hier nur mutvoll vorbereiten!«

»Die Macht dieser Pflicht muss aber durch die Wärme und Poesie der Liebe unterstützt werden, wenn sie nicht die Heiterkeit unsers irdischen Daseins gänzlich verdunkeln soll,« fiel Margareth lebhaft ein.

»Und ich halte es der Würde einer Jungfrau für unangemessen, mit der Weisheit des Verstandes ein Bündnis zu schließen, das nur unter der Einwirkung gegenseitiger Herzensflammen die richtige Weihe enthält.«

Ihre frommen stillen Augen richteten sich bei diesen Worten in die Ferne, als müsse sie dort den suchen, welchen sie an ihrer Seite zum Lebensgefährten wünschte. Alexander beobachtete sie scharf.

»Sie erwarten ›von der Weisheit des Verstandes‹ kein genügendes Glück?« fuhr er kurz und empfindlich gemacht durch ihren Widerspruch, auf.

»Nein,« antwortete sie einfach und ruhig.

»Würden Sie mir dieselbe Antwort vor Jahresfrist gegeben haben?«

»Nein!« sagte sie ebenso besonnen und kurz.

Alexander bemerkte, dass sie sich mit Überlegung jeder geistreichen Verstrickung entzog und ihren Seelenzustand streng in den Grenzen klaren Verständnisses erhielt. Sonst eine Freundin enthusiastischer Phrasen, hatte sie bis jetzt ihre Ausdrucksweise beschränkt und sich auf der Bahn stiller Bedächtigkeit bewegt. Die Wendung des Gespräches schien ein ungünstiges Ende für ihn zu versprechen, und dahin durfte er es nicht kommen lassen. Die Zukunft musste ihm offen bleiben. Was ihm dann nicht gelungen war, musste der gewichtigern Überredung seiner Tante überantwortet werden. Seine Entsagung wäre ihm nach diesem Wiedersehen bei weitem schwerer geworden, als früher, und er sah nicht ein, weshalb er den Besitz eines Mädchens wegen einer kleinen Herzensverstimmung aufgeben sollte, das ihm seit Jahren als ein Lohn seiner Bestrebungen vorgeschwebt hatte.

»Sie haben mich also früher Ihrer Liebe wert befunden?« fragte er teilweise bewegt von dem Gedanken, etwas eingebüßt zu haben, was er in diesem Augenblicke hoch anschlug. »Sollte jeder Funken dieser Neigung erloschen sein?«

Margareth heftete klar und groß ihr Auge auf ihn, ließ aber die direkte Frage unbeantwortet und warf nur aufgeregt die Worte hin:

»Es gab eine Zeit, wo mir die Erklärung Ihrer Neigung ein Glück verheißen hätte, aber ich bin der Überzeugung, dass ich es Ihnen danken muss, frei und ungefesselt geblieben zu sein. Ehren Sie die Stürme in meiner Brust, Alexander, und lassen Sie der Zukunft ihr Recht. Was die Zeit ausgleicht, muss dem Kampfe entzogen werden, denn die Zerstörungen des Kampfes heilen selten mit der Zeit. Ich gehöre durchaus nicht zu den weiblichen Naturen, die kampfbereit ins Leben stürzen, die opferfähig ihr eigenes Herz auf den Altar der Selbstverleugnung legen und in der kühlen Verherrlichung eines imaginären Ruhmes sich selig fühlen. In mir schlafen Wünsche, die mich anders leiten, als Sie denken. Der Zügel, den mir meine Geistesbeschäftigungen angelegt haben, ist – zerrissen! Wie ich mein Glück erreichen werde, das meine Träume füllt, ob ich es jemals erreiche – das sind trostlose Fragen, welche die dicht verschleierte Zukunft enthüllen wird.«

Ihr Blick flog leidenschaftlich in die Ferne. Das Feuer und der Glanz, welcher darin glühte, verriet besser noch als ihre Rede die wahre Beschaffenheit ihres Innern. Erschrocken sprach der junge Mann, mehr für sich, als für das Fräulein:

»Sie – die weiße Taube – es ist entsetzlich!«

Ein Schrei, leise aber verräterisch dem Herzen entspringend, das in glühender Erinnerung aufzuckte, drang zu ihm und wendete seine Aufmerksamkeit wieder zu Margareth.

Sie saß totenbleich, die Hände gegen die Brust gepresst da. Ein Geisterlächeln wehte über ihre Lippen. In den süßesten Stunden traulicher Liebe hatte der Graf sie so genannt. »Meine weiße Taube!« Ein entsetzliches Weh durchrieselte sie und raubte ihr die mühsam behauptete Fassung. Alexander sprang auf, um ihr hilfreich zur Seite zu sein. Sie wies ihn zurück und bat ihn mit abgewendetem Gesichte »sie nun zu verlassen.« Zögernd willfahrte er ihr. Er beobachtete mit Schrecken die leidenschaftlichen Bewegungen, mit welchen das junge, sanfte Mädchen ihre Stirn gegen die Polster des Diwans presste, um ihre Aufregung zu bemeistern.

Mit solchen heftigen Gemütswallungen nicht vertraut, stand er betrübt da und überdachte den Schluss dieses Rendezvous, von dem er ganz andere Resultate erwartet hatte. Eine mächtigere Kraft, als die graziösen Spielereien der Schöngeistigkeit schien hier zu walten und mit unbesiegbaren Waffen seine oberflächlichen Ansprüche zurückzuweisen. Er glaubte in dem einzigen leisen, herzerschütternden Schrei, womit sie, ihm unverständlich, ihre Unterredung geschlossen hatte, das Grabgeläute seiner systematisch aufgestellten Hoffnungen ertönen zu hören. Unverzüglich begab er sich zu seiner Tante, der Verbündeten, die ihm einen Sieg, einen leichten Sieg sogar versprochen hatte, und er beeilte sich ihr mit dem einzigen Worte »Verloren« seine Niederlage zu verkünden.

Ein ungläubiges Lächeln auf den Lippen, ließ sich Frau von Wallbott ›die ganze Geschichte‹, wie sie nachlässig meinte, erzählen. Als Alexander mit der unerwarteten Aufregung, die nach seiner Meinung eine geheimnisvoll selige Überschwänglichkeit der Gefühle erraten hatte, schloss, sprach die kluge Dame ganz gemütlich:

»Ich sehe noch gar nichts verloren, wenn der erste Angriff zurückgeschlagen wird. Ein erster Erfolg ist nie ein Beweis von strategischer Klugheit, mein lieber Alexander, aber wenn es dem Angreifer gelingt, einen gut verschanzten Feind zum gänzlichen Rückzug zu bringen, dann gebührt ihm der Lorbeerkranz.«

»Nun – ich bin auch nicht willens, es bei meinen ersten Bemühungen bewenden zu lassen, ma chère tante,« entgegnete der junge Mann etwas hochmütig. »Nur für den Augenblick ist nichts zu hoffen!«

»Das gebe ich nicht unbedingt zu!« rief die Dame pikiert. »Hättest Du Deine Angriffswaffen besser gestellt, so würde Margareth, trotz ihres stürmischen Schmerzes, den Du gesehen zu haben meinst, Deine Neigung belohnt und Dir Versprechungen geleistet haben. Wie schwach sie gegen feurige Worte ist, hat sie bei Graf Levins Werbung bewiesen.«

»Ich habe meiner Liebe hinlänglich Worte gegeben,« fiel Baron Alexander respektvoll ein, »aber ich musste für jetzt kapitulieren, da Margareth die Begriffe ›Liebe und Freundschaft‹ gründlich zu untersuchen sich vorgenommen hat! Meine Stellung hier, meine gnädige Tante, wird mir durch den Ausgang meiner Konferenz mit Margareth drückend. Als Bewerber kann ich, nach ihrem Bescheide, nicht füglich auftreten und als Verwandter würde ich überall missliebig sein. Deshalb ist es ratsam, aufzubrechen. Ich habe eine Einladung von meinem Vetter Maltzahn, dem preußischen Gesandten in Dresden erhalten, und ich bin willens derselben Folge zu leisten.«

»Der Einfall ist gut!« entschied Frau von Wallbott. »Lassen wir Margareth Zeit, sich von den Erinnerungen der letzten, fatalen Ereignisse zu erholen. Die Leiden solcher Stunden gleichen sich nach alter Erfahrung durch Entbehrung am besten aus. Kehrt erst die schöne elegische Stimmung in Margareth zurück, so tritt Dein Bild in volle Kraft, und wir werden bereit sein, durch Eindrücke neuer Art der menschlichen Schwäche abzuhelfen, die sie für diesmal überwältigt hat.«


Sie erhob sich mit standesmäßiger Grazie, zog die Enveloppe fester um ihre Schultern und machte sich bereit zur Mittagstafel hinabzugehen.

»Es weiß niemand, dass Du Margareth gesprochen hast?« fragte sie während dieser kleinen Vorbereitungen.

»Niemand als Rittberg und der Diener, der mich meldete,« entgegnete Alexander, hofmäßig artig ihr den Fächer aus dem Etui darbietend.

»Ich habe einen Plan, allein dieser würde erst von einer gewissen Notwendigkeit gereift werden müssen.«

»Es ist also, sozusagen, der gnädigen Tante letzte Retirade,« fiel Alexander ein.

»Nicht gerade das! Es liegt nur in meinem reservierten Verhältnisse zu meiner Prinzessin, dass ich nicht unbedingt mit meiner Zeit schalten darf, und mein Plan hängt mit einer Reise nach Paris zusammen.«

»Ah – ich verstehe! Sehr interessant!« rief Baron Alexander lebhaft. »Einem on dit zufolge ist Voltaire brouilliert mit dem Könige von Preußen, seinem Spezialfreunde, und will nach Frankreich zurückkehren?«

»Seine Absicht geht dahin, jedoch ist anzunehmen, dass der König alles aufbieten wird, den geistvollen Freund wieder zu versöhnen. Voltaire kann den ersten Schritt nicht gut tun, aber er muss beredet werden, ohne Spott und Satire einer Annäherung des Monarchen entgegen zu kommen.«

»Es gibt Lagen des Lebens, wo die Satire schweigen muss!« warf Alexander ernsthaft ein, indem er die Tür weit öffnete, um dem Reifrocke einer Tante Raum zu schaffen.

»Der Meinung bin ich auch! Voltaire will nach Paris und hat als Vorwand eine Einladung d’Alemberts benutzt, der schon seit Jahren seine Neugier durch die enthusiastischen Beschreibungen einer jungen schönen Freundin, Julie l’Espinasse, geweckt hat. Diese junge Dame ist jetzt die Gesellschafterin der Marquise Du Deffant, einer durch liebenswürdige und glänzende Eigenschaften ausgezeichneten Frau, die das Unglück gehabt hat, blind zu werden. Voltaire rechnet die Marquise zu den seltenen Erscheinungen in der Frauenwelt, die in der Jugend durch Schönheit bezaubert haben und im Alter durch ihren Geist entzücken. Der Zirkel, welcher die Marquise und Fräulein l’Espinasse umgibt, ist von den bedeutendsten Männern Frankreichs gebildet, und zwischen ihnen glänzen die beiden Damen wie strahlende Meteore. Dorthin möchte ich mit Margareth, um sie für die subtilen Genüsse eines schöngeistigen Lebens zu begeistern – dorthin würde ich sie führen, um ihr die bodenlosen Irrtümer ihrer Sinne, die einen Mann von zweifelhafter Bildung als Gatten zu betrachten geneigt waren, vor Augen zu bringen.«

»Die Kur ist gewagt, gnädige Tante,« erwiderte der Baron mit affektierter Bescheidenheit. »Der Liebenswürdigkeit eines Herzogs von Choiseul wage ich nicht zur Seite zu stehen!«

Frau von Wallbott sah ihn lächelnd von der Seite an.

»Wenn er mehr Mut und Begeisterung bei seiner Liebe zeigte, als Du, so möchte er zu fürchten sein, sonst nicht!«

Alexander küsste ihr geschmeichelt die Hand.

»Wir kennen die Liebenswürdigkeit des Grafen Brettow nicht, und dies erschwert meine Stellung,« entgegnete er leiser, weil sie langsam fortschreitend, jetzt dem Korridor sich näherten.

»Graf Brettow gehört zu den wüsten Jägern und rohen Landjunkern, die nach dem Dresdner Friedensbeschlusse die Armee verlassen haben, um auf ihren Landsitzen ein lustiges Leben voll wilder Gelage zu führen. Fürchtest Du den Vergleich mit solchem Manne?«

»Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, muss es uns ja sehr gelegen sein, dass der Graf, blind vor Zorn, sein Glück selbst zertrümmert hat,« meinte der Baron zufriedengestellt.

»Von der aufgehobenen Verlobung ist indes schon mehr laut geworden, als ich dachte,« flüsterte die Dame noch leiser. »Retten wir uns hinter den Schein der größten Unbefangenheit!«

Der Baron verneigte sich beistimmend.

»Die Gesellschaft, die wir finden, lässt sich leicht düpieren. Da ist ein junges, keckes Fräulein Spärkan aus Sachsen – die vertraue ich Dir an. Führe sie zur Tafel und fülle ihren kleinen, kindischen Kopf mit Erzählungen von Deinen Reisen. Den Oberst von Pröhl mit seinen Kernflüchen will ich schon besänftigen. Frau von Pröhl besitzt ein schätzenswertes Beobachtungstalent, ist aber zu sehr Stockpreußin, um nicht von einigen Flatterien, die man dem Könige Friedrich zollt, betäubt zu werden. Margareth mag unserm guten larmoyanten Gellert zuteilwerden. Nach der Mittagstafel beschleunigst Du Deine Abreise – das Übrige ordne ich in den nächsten Tagen, bevor die übrigen Gäste eintreffen. Margareth wird gern und muss sogar nach diesem Eklat die Gegend verlassen, und es ist natürlich, dass sie es unter meiner Obhut tut, und ich werde sie nach Paris entführen!«


Achtes Kapitel.

D ie erste Person, welche dem Baron Alexander Lottum nach seiner zeremoniellen Präsentation im Ess-Saale auffiel, war Fräulein Gertrud von Spärkan, die ihr frisches, hübsches Gesicht in einer Weise zu ihm emporhob, worin deutlich die sehr moquante Bemerkung zu lesen war, dass sie sich unter dem Baron Alexander eine imponierende Persönlichkeit vorgestellt habe. Allein ihr Urteil war nicht vorurteilsfrei. Alexander von Lottum gehörte zu den jungen Männern, die sich überall leicht Anerkennung verschaffen, und Gertrud hatte Unrecht, wenn sie seine persönliche Erscheinung nicht in Einklang mit seinen Ansprüchen bringen konnte. Alexander war, trotz einiger Charakterschwächen, ein beachtungswerter, junger Kavalier, der mit den ausgezeichneten Manieren eines vollendeten Weltmannes viele tüchtige Kenntnisse und einen strebsamen Geist verband. Seine Unterhaltungsgabe war berühmt, und sie bewegte sich immer in den Grenzen der Fassungskraft derjenigen Personen, mit denen er verkehrte.

Dieser Unterhaltungsgabe verdankte es der junge Baron, dass sich die feindseligen Oppositionsgefühle des Fräuleins Gertrud in ganz unglaublich kurzer Zeit verwandelten, dass sich ihr Gesichtsausdruck nach und nach verbesserte, dass ihr Lächeln immer verklärter wurde und dass sie zuletzt in voller, angeborner Liebenswürdigkeit glänzte. Es liegt in jeder Frauennatur die Lust, sich wichtig zu machen, aber niemals war diese Sucht wohl auf einen höhern Grad gestiegen, als in Gertrud. In ihrer kindischen Selbstgefälligkeit hatte sie sich nach gerade innerlich bis zu dem Punkte emporgearbeitet, wo sich der Mensch mit seinen weiten Ratschlägen für unentbehrlich hält und wo er sich berufen glaubt, Predigten und Lehren als eine göttliche Inspiration laut werden zu lassen. Gertrud stand mehrmals im Begriffe, wenn ihr Blick auf Margareth fiel, die sehr bleich und still neben dem Professor saß, sich in bittere und gehässige Zurechtweisungen zu verirren, und hätte ihr Baron Alexander mehr Zeit zu dergleichen großartigen Vorträgen gelassen, so würde sie wahrscheinlich die ganze Geschichte auf eine Weise zur Sprache gebracht haben, die zum vollsten Eklat führen musste. So aber hielt die Eloquenz ihres geistreichen Nachbarn sie in Schach und fesselte den Fluss ihrer Rede in die gehörigen Schranken. Überhaupt befand sich das junge Mädchen noch in dem Stadium der Weltbildung, wo das Siegel einer gewissen Blödigkeit die eigentlichen Charakterentwickelungen so lange unterdrückt, bis die Zutraulichkeit mit der längern Bekanntschaft zugleich wächst. Zuerst gab also Gertrud nur eine liebenswürdige Zuhörerin ab, verwandelte sich aber nach und nach in eine Erzählerin, der Alexander anfangs mit der kühlen Gelassenheit seines Wesens zuhörte. Allein er fand bald, dass die junge Dame mit einer merkwürdigen Gabe von Beredsamkeit ausgestattet war, und dass sie bedeutende Geisteskräfte in sich barg, wenn sie es auch liebte, sich häufig abgebrochen, kurz und kindisch auszudrücken. Er reizte sie, wunderbar angeregt und amüsiert, durch allerlei Widersprüche, und ergötzte sich an der kecken Anmut, womit sie den geselligen Ton handhabte.

Mitten in ihren heitern Plaudereien stutzte er aber, als die junge Dame plötzlich, mit eigentümlicher Betonung auf seine Mitteilung, »dass er sogleich nach auf gehobener Tafel nach Dresden abreisen werde«, ausrief: »Das ist gut! Das ist sehr gut!« Unter Neckereien verlangte er eine Erklärung über diesen Ausruf. Sie gab sie schnell gefasst mit den Worten, dass die Preußen Dresden sehen müssten, um Berlin ›abscheulich‹ zu finden. Der Baron lächelte. Er merkte eine Absicht, verfiel einen einzigen Moment in Nachdenken darüber und erwiderte dann scherzend:

»Ich bin aber gar kein Preuße, mein gnädiges Fräulein.«

Seine klugen Augen hafteten dabei so forschend auf ihrem Gesichte, als wolle er bis auf den Grund ihrer Seele sehen. Keck hob jedoch die junge Dame ihr feuriges Augenpaar und wiederholte fester und gewichtiger nochmals die Worte:

»Dennoch ist’s gut, sehr gut, dass Sie nach Dresden wollen!«

Es gelang ihm trotz seiner diplomatischen Feinheit nicht, dahinter zu kommen, ob reiner kindischer Übermut aus Gertrud sprach, oder ob es mit einem gewissen Plane in Zusammenhang zu bringen sei, dass die seine Abreise gutheiße. Sie warf mit affektierter Kindlichkeit alle darauf bezüglichen Forschungen zurück und ließ ihre frische, geistige Natürlichkeit so lebhaft hervortreten, dass der junge Mann endlich davon zurückkam, sie mit dem trüben Geheimnisse der verunglückten Hochzeit vertraut zu denken.

Da sich Gertrud in der Verwandtschaft mit ihrem Vetter, dem Feldmarschall von Spärkan, so überaus wohlgefiel, so war es natürlich, dass sie derselben Erwähnung tat und von ihrem letzten Aufenthalte in seinem Hause zu plaudern begann. Sie erwähnte dabei eines Gerüchtes über Kriegspläne und ließ sich endlich durch ihre vorherrschende Sucht, ›sich wichtig zu machen‹, verleiten, mit vollständiger Sorglosigkeit zu erzählen, dass die Ohrenzeugin einer Konferenz zwischen dem Geheimsekretär Menzel und ihrem Herrn Vetter gewesen sei, wodurch in ihr die feste Überzeugung von einem bevorstehenden Kriege erweckt wäre. Die wichtige Miene, mit der die junge Dame sich in diese politischen Materien vertiefte, reizte den Baron zum Lachen. Er wiederholte aber den Namen ›Menzel‹ und fragte, ob dieser Herr derselbe sei, welcher sich in der schönwissenschaftlichen Literatur ausgezeichnet habe. Mit dieser Frage setzte er das arme Fräulein aber in die gründlichste Verlegenheit, denn die schönwissenschaftliche Literatur war ein Feld, wo ihr Wissen unglaublich beschränkt erschien. Der Professor Gellert nahm sich ihrer an. Er bejahte des Barons Frage und fügte hinzu:

»Menzel ist ein tüchtiger Geist, aber ein schwankender Charakter! Da bei ist Freund Menzel ein Gourmand und Lebemann erster Größe, nobel, wie ein Kavalier vom reinsten Adel, verschwenderisch und dem Spiel ergeben. Ich traf ihn kürzlich bei Rabener, den er bisweilen mit Aufsätzen für seine Zeitschrift ›Belustigungen des Verstandes und Witzes‹ unterstützt.«

»Was hat er herausgegeben?« fragte Frau von Wallbott, jetzt interessiert, dazwischen.

»Einen neuen Krieg zwischen der Kaiserin Maria Theresia und dem Könige von Preußen,« scherzte der Baron zu ihr gewendet.

»Was?« fuhr der Oberst auf und richtete sich martialisch in die Höhe, als hätte er Lust, sogleich mitzufechten.

Gertrud lachte laut auf.

»Beruhige Dich, Onkel Pröhl!« rief sie ihm zu. »Ich habe dem Baron nur erzählt, dass der Kabinettsekretär Menzel von Absichten gesprochen hat, die auf Krieg schließen lassen.«

»Der König von Preußen scheint nicht viel Lust zum Kriege zu haben,« spöttelte Frau von Wallbott. »Er soll unendlich viel Flöte blasen–«

»Sagt Voltaire,« schloss Herr von Rittberg mit einem Seitenblicke auf eine Tante. »Aber unser Monarch vergisst über seine Amüsements seine Pflichten nie. Es beruht sicher auf einem Irrtume, dass er seine Kraft in einem neuen Kriege zu zersplittern gedenkt.«

»Was er gedenkt,« fiel Gertrud keck ein, »das weiß ich freilich nicht. Allein von dem, was die Kaiserin beschlossen hat, ist mir mancherlei zu Ohr gekommen.«

»Blitz Element, Gertrud, Du kommst wohl direkt aus dem Staatsrate!« spöttelte der Oberst.

»Wenigstens aus dem Kabinette dicht daneben!« antwortete das junge Mädchen prompt.

»Streiten wir nicht vorher,« lächelte der Baron. »Nach meiner Meinung sitzt der König von Preußen seit dem Dresdner Frieden sicher genug.«

»Ja, ja!« lachte der Oberst. »Heiliges Kreuzbattaillon – der hat gezeigt, dass er addieren, subtrahieren und multiplizieren kann. Das Dividieren überließ er der armen Kaiserin.«

»Es bleibt allerdings ein tadelnswerter Staatsstreich von dem Preußenkönige,« sprach Frau von Wallbott gelassen, »dass er sich ohne Weiteres durch den Besitz der schönen Provinzen Schlesiens bereicherte. Ich bin zwar eine geborene Preußin, allein selbst wenn ich meinem Vaterlande nicht durch jahrelange Entfernungen entfremdet wäre, so würde ich dennoch nach meinem Gewissen den König als einen Usurpator betrachten und ihm Unheil aus seinem räuberischen Verfahren prophezeien.«

»Dazu ist wenig Aussicht, meine Gnädige!« rief der Oberst. »Die Schlesier wissen freilich nicht, was sie wollen, sie möchten weder unter der katholischen Maria Theresia stehen, noch unter den preußischen Adlern sitzen, aber trotz ihres ewigen Räsonierens mucken sie doch nicht auf, Gnädige. Der König Friedrich kehrt sich auch nicht daran. Kreuzsapperlot – die Könige hätten auch viel zu tun, auf alle Redensarten zu hören, die das Volk fallen lässt. Füsilieren, hauen und einsperren – das sind drei prächtige Rezepte für Skandalmacher.«

»Ihre Frau Gemahlin scheint Sie sehr gut preußisch erzogen zu haben!« lächelte Frau von Wallbott fein.

»Ich – gut preußisch?« sprach mit verstärkter Stimme der ehemalige Oberst. »Heiliges Kreuzdonnerwetter, Gnädige–« er hielt inne, denn ein Blitz des Unmutes traf ihn aus den Augen seiner Gattin, weil er anfing, sich in Fluchen zu überbieten– »wollt’ ich sagen,« fuhr er gedämpft fort, »mille tonnerres , meine Gnädige, das dürfte mir kein Mann sagen, ohne dass ich die Klinge blank zöge. Ich hasse die Preußen – ich verachte die Preußen – ich–«

Er hielt wieder inne, weil Gertrud zu lachen anfing. Es waren ihre beliebten Redensarten, die er sich in seinem Eifer aneignete. Frau von Pröhl erbarmte sich seiner Verlegenheit und schloss die begonnene Rodomontade unter herzlichem Gelächter:

»Das muss ich bestätigen, Frau von Wallbott! - Mein ehrenhafter Gemahl ist ein richtiger Preußenfresser gewesen, und hat eine Zeitlang sogar angestanden, mich leben zu lassen. Jetzt hat er sich etwas eingebürgert in Preußen und stellenweise eine Art Würdigung meiner Landsleute eintreten lassen. Freilich bei einem Kriegsausbruche, wie er in Gertruds Kopfe spukt, wäre ich nicht sicher, dass er ›Mordelement‹ riefe – aber dessen ungeachtet doch heim bliebe und ganz gemütlich bei seinen neuen preußischen Vettern dinierte und soupierte.«

»Ganz dem Laufe der Welt gemäß,« schaltete Gellert, der sich in stiller Unterhaltung mit Margareth wohl gefallen hatte, ein; »immer viel Geschrei, viel Worte, viel Mut und besonnen in Taten! Der gescheite Mann zeigt sich bei dieser Gelegenheit im hellsten Lichte. Er wägt seine Worte nicht, weil Worte flatternde Genien sind, bunte Libellen, die unsere Geselligkeit verschönen; aber für die Tat ist und fühlt der ehrenhafte Mann sich verantwortlich, und schreckt zurück, wenn seine Worte verkörpert werden sollen.«

Der Oberst drohte ihm lachend mit der Faust.

»Gellertchen – Gellertchen, Sie sind ein feiner Gesell und verstehen sich vortrefflich auf ›flatternde Genien und bunte Libellen‹, aber eine Moral steckt immer dahinter.«

»Das sind meine einzigen Taten, die ich wage!« lächelte der Professor.

»Sind aber verfluchte, spitze, blankgeschliffene Waffen, Ihre Worte, woraus Sie Taten machen. Sackerlot – wollt’ ich sagen –maledetto , wenn die ganze Gelehrtenwelt so fechten wollte, dann müssten wir armen Kriegsleute einpacken und hinter den Ofen kriechen, weil wir diesen Waffen nicht gewachsen wären.«

»Ich stimme aber für diese Art Kriegführung,« warf Frau von Pröhl hin; »sie kostet kein Menschenleben, keine Arme und keine Beine!«

»Aber desto mehr Kopf erfordert sie! « rief Fräulein Gertrud vergnügt.

»Du dächtet wohl mit fechten zu können?« fragte ihr Pflegevater spöttisch.

Die junge Dame warf sich ins Wesen und entgegnete kühn: »Ich fühle Mut zu allen Kriegführungen, Papa Pröhl, denn ich gehöre zu der Verwandtschaft eines sächsischen Feldmarschalls. Stellen Sie mich auf die Probe, ob ich nicht Mut habe!«–

Ihr Auge blitzte verwegen über die Gestalt der Frau von Wallbott hin und traf dann im Einverständnis mit Elvirens Blicken zusammen. Es lag wiederum ein Verrat ihrer Geheimnisse in dem wortlosen Angriffe, der selbst hell und leuchtend in Frau von Wallbott einzudringen schien. Sie wandte forschend ihr Auge auf beide Pflegetöchter der Familie Pröhl, wurde aber von Elvirens schneller Fassung beschwichtigt.

»Ja, wenn Du von mir eine Bestätigung Deines Mutes verlangt,« sprach Fräulein Elvire, erschrocken die Wirkung von Gertruds Blicken überdenkend, »so muss ich sagen, Gertrud, dass es allerdings nur zwei Dinge in der Welt gibt, vor denen Dein junges Herz sich fürchtet. Das sind: verdrießliche Männer und Gespenster.«

Ein allgemeines Gelächter erhob sich und störte den Ernst des Nachdenkens in Frau von Wallbott. Allein sie fragte sich späterhin auch, wie ihr Neffe Alexander: »Sollte man etwas gegen mich im Schilde führen, was meine Wünsche durchkreuzen könnte?«

Das Gespräch lenkte sich nach dieser kleinen Abweichung bald wieder zurück auf politische Gegenstände, die man mit Urteilen über Literatur-Erscheinungen verzweigte. Die Kunstrichtungen hängen mehr oder weniger von dem Geschmacke eines Herrschers ab, somit war es wohl natürlich, dass man sich bei den Schwingungen belebender Geister der Beschützer erinnerte, welche sich bei der steigenden Beweglichkeit eines geistigen Lebens beteiligten, und die Furcht blicken ließ, dass ausbrechende Kriegesunruhen nachteilig auf die Bestrebungen wirken würden, die eine gewisse Blüte in der deutschen Literatur bezweckten. Frau von Wallbott warf sich bei dieser Gelegenheit in die Galauniform der Schöngeisterei. Sie war belesen, wie selten eine Dame vor und nach der Zeit, wo sie lebte, und sie hatte ihre Urteilskraft dergestalt geschärft, dass selbst Gellert ihr eine Hochachtung in diesem Punkte nicht versagte.

Durch ihre Vertrautheit mit den meisten regierenden kleinern Fürsten nahm sie einen beachtungswerten Platz in den Reihen der Protektoren ein, die das geistige Leben der Nation zu heben wünsch ten. So wenig Sympathie sie für König Friedrichs kriegerische Unternehmungen hatte, ebenso hoch war ihre Wertschätzung einer geistigen Kraft. Es gereichte ihr zum stillen Verdrusse, dass es ihr niemals hatte gelingen wollen, die Aufmerksamkeit des geistreichen Königs von Preußen auf sich zu lenken, und dass selbst Voltaires Bemühungen, seines hohen Freundes Interesse für die begabte, gründlich durchbildete DameNote 7) zu wecken, an der störrischen Nichtachtung kluger Frauenzimmer gescheitert war.

Ihr Unmut verhinderte sie jedoch keineswegs, den Aufschwung der Kultur namentlich dem geistvollen Könige zuzuschreiben, der selbst ein Stern erster Größe am Himmel der Verstandesbildung, alles Mögliche tat, um sein Volk für den Fortschritt zu begeistern. Dass der König Friedrich sich von dem feineren Wesen der französischen Bildung angezogen fand und die Entwickelung deutscher Geisteszustände davon beeinflussen ließ, machte sie ihm nicht zum Vorwurf, ebenso wenig, wie irgendein Zeitgenosse des Königs dies wagte.

Jeder, der damals lebte und atmete, musste die überwiegende Eleganz der Ausdrucksweise in den französischen Geistesprodukten anerkennen und sich hingerissen fühlen, dieselben zum Muster aufzustellen, wenn ein Vergleich stattfinden sollte. Warum hätte man bei so durchgreifend allgemeinem Urteile dem Könige Friedrich von Preußen verdenken können, dass er in Voltaires Gesellschaft bisweilen vergaß ›deutsch‹ zu denken. -

Ungefähr dieses Inhaltes war die Unterhaltung, die sich an der Mittagstafel fortführte und dem Fräulein Gertrud Respekt vor der gewaltigen Gelehrsamkeit der Frau von Wallbott einflößte, weil sie mit großer Gewandtheit den Faden in der Hand hielt und ihn zu ihren Zwecken bald hier-, bald dorthin leitete. Mit diesem Respekte zugleich erwachte aber, fort und fort anwachsend, auch ihr Trotz, der mächtig klugen Dame entgegenzuwirken, und sie fühlte in dem stolzen Bewusstsein, dass von ihr die erste Anregung zu dem lebhaften Gespräche ausgegangen war, eine Kraft sich weiter zu versuchen.

Durchsieht man die Ereignisse der Weltgeschichte, so stößt man auf hundert Fälle, wo kleine geringfügige Handlungen, wenige, oft ganz bedeutungslos, oft aber auch übereilt gesprochene Worte im Stande gewesen sind, erschütternd große Weltereignisse heraufzubeschwören. Hier lockte der Ausruf »das ist gut!« der übereilt den Lippen eines jungen Mädchens entschlüpfte, ihre Kraft hervor, durch müßige Plauderei von Krieg und Frieden eine Verlegenheit zu bemänteln. Ihre Worte verflogen, wie es schien, schadlos, um bedeutungsvolleren Gesprächen zu weichen, und dennoch knüpften sich daran die Schicksale ganzer Staaten. Ihre Lippen hatten einen Namen genannt, welchem auf ihre Veranlassung, freilich ganz indirekt, die Entwickelung historischer Ereignisse beigelegt wurde. Harmlos floh der Name des Geheimsekretärs Menzel von ihrem Munde – harmlos legte er sich im Gedächtnisse des Baron Lottum nieder, und als er eines Tages wieder aus dem Erinnerungsvermögen dieses Herrn erstand, da gewann er eine Bedeutsamkeit, wovon sich das unschuldige Gemüt Gertrudens nichts träumen ließ.

Sie glich dem Vögelchen, das mit dem Schnabel in einen Schneehaufen pickt, um zu spielen, und aus dem Schneehaufen löset sich darauf das Körnchen, eine einzelne Flocke, die bergab rollt, immer größer wird und zuletzt verheerend als Lawine herniederstürzt.

Während Frau von Wallbott im Rausche ihres geistigen Übergewichtes schwelgte, rüstete sich ein gedankenloses Kind zu einer Fehde mit ihren sicher gepflegten Hoffnungen, und während die ganze Gesellschaft von sichtbarer Bewunderung den verständlichen und dabei geistvollen Eingebungen einer Dame lauschte, die mit Manneskraft ihre Umgebungen beherrschte, schlug ein über mutiges junges Mädchen herausfordernd ihre Augen auf sie und gelobte sich, heimlich einen Kampf mit dieser angestaunten Größe.

Der Professor Gellert beobachtete mit steigendem Kopfschütteln die Entwickelung von Herrscherkräften, denen er ein Ziel zu setzen gedacht hatte. Sein Lächeln des Mitleids verriet, dass er die Absichten seiner klugen Freundin besser durchschaute, als alle. Sie musste, um jeden Widerstand im Keime zu vernichten, ihre Herrschertalente entwickeln, bevor man sich mit Widersprüchen an sie wagte, und er spottete heimlich der kühnen Widersetzlichkeit in Gertruds Augen, die ihn von den Plänen dieses trotzigen Naturkindes in Kenntnis setzten.

Sein Forscher blick suchte Margareth. Auch sie schien sich trostlos unter dem Drucke dieser Geistesdespotin beugen zu wollen, die schon jetzt die leiseste Erinnerung an den Namen des Grafen Levin aus der Gedächtniskraft der Versammlung ätzend hinwegwischen zu wollen schien. Alles, was besprochen und erläutert wurde, hallte in Margareths Herzen wider und wurde zu einer Verspottung der Liebe, die ihre geistvolle Tante eine Verblendung und Verirrung der Sinne nannte.

Die Elemente ihres Gespräches schlossen absichtlich einen Kreis, in welchem eine Persönlichkeit von Levins Individualität nicht zur Anerkennung kommen konnte, wohl aber diejenige des Baron Alexander Lottum.

Es war das erste, rechtmäßig gebildete Bombardement auf Margareths verschlossen gefundenes Herz, welches sich Frau von Wallbott dadurch erlaubte, dass sie ihre eigene Geistesrichtung zu einem erdrückenden Glanze erhob und ihren Neffen mit auf die Höhe zog, wo die blendenden Wirkungen rühmlicher Auszeichnungen beginnen.

Margareth neigte sich demütig vor dieser Größe, aber wenn die Furcht vor spätern Belagerungen und An griffen sie auch zu beherrschen begann, unterjocht fühlte sie sich noch nicht, und merkwürdigerweise viel weniger, als Elvire und Frau von Pröhl. Diese sahen schon mit staunender Ehrfurcht zu der Dame auf, welche es verstand, mit fesselnder Liebenswürdigkeit das Zepter der Kultur zu schwingen und den Gesetzen einer steigenden Intelligenz Eingang zu verschaffen. Mit der Freundlichkeit ihrer Mienen vernichtete Frau von Wallbott die hemmenden Schranken, welche bei solchen Anerkennungen das Vertrauen zurückhalten, und mit der huldvollen Bestrebung die Gegenrede aus dem Munde derjenigen zu locken, die sie ihres Interesses für würdig hielt, ergoss sie einen Widerschein ihrer Klugheit über sie, unter welchem die Schärfe jeder Kritik und die Festigkeit jeder Auflehnung erlosch. Dabei gewann aber auch noch ihr Äußeres einen bestrickenden Zauber durch die eigentümlich fieberhafte Lebhaftigkeit, womit sie sich der Unterhaltung hingab.

Ihr schmales, vornehm gleichgültiges Gesicht färbte sich und ihre aristokratisch strengen Augen leuchteten. Der näselnd, lispelnd gezogene Ton, welchen die Hofmode vorschrieb, verlor sich im Verlaufe ihrer fortgesetzten Rede und ließ ihr klangvolles weiches Organ zur vollen Geltung kommen. Es war fast unmöglich sich ihrem Einflusse zu entziehen, selbst wenn man mit vorgefassten Meinungen ihr gegenüber stand, aber ganz unausbleiblich wurde die Unterwerfung, auch wenn man sich als echter Philosoph dagegen sträubte, im Falle sie es zweckmäßig fand, sich Bewunderer zu verschaffen.

Für den Augenblick war ihr der Plan gelungen, mit dem sie sich zur Tafel verfügt hatte. Jeder fühlte im Herzen ihre Macht. Sie selbst war überzeugt worden, dass die aufgehobene Verlobung ihrer Nichte ein öffentliches Geheimnis genannt werden konnte, dessen Besprechung nur von der rücksichtsvollsten Teilnahme für Margareth verhindert war, und sie hatte es ihren Plänen genehm gefunden, für diese kurze Spanne Zeit die Rücksichten gelten zu lassen. Nach der Abreise ihres beteiligten Neffen wollte sie anders handeln. Es war nötig, mit exemplarischer Strenge ein Verhältnis in allen seinen Bestandteilen zu durchleuchten, das nachwirkend auf die Empfindungen ihrer Nichte zu sein Miene machte. Sie war jetzt überzeugt, in den anwesenden Damen, »außer Gertrud«, dachte sie mit geringschätzendem Blicke zu ihr hinüber, Verbündete zu finden, wenn die Verhandlungen über einen Vorfall beginnen würden, der ganz schrankenlos offen von ihr der Beurteilung der anwesenden Familie vorgelegt werden sollte.

Die Zeit drängte.

Darum beschleunigte sie Alexanders Abreise. Es war anzunehmen, dass im Laufe des nächsten Tages die Geselligkeit komplizierter im Schlosse wurde, wodurch ihr eine umfassende Autokratie bedeutend erschwert werden musste.

Sie hatte für jetzt erreicht, was sie bezweckte, und hob nun mit dem Anstande einer Fürstin die Tafel auf. Aber sie wollte die Prosa des gewöhnlichen Plauderns nicht über die poetischere Stimmung, welche sie angeregt hatte, mächtig werden lassen, deshalb verließ sie den Ess-Saal nicht sogleich nach dem Aufheben der Tafel, sondern machte mit liebenswürdiger Gelassenheit den Vorschlag »zusammen zu bleiben«.

Man willfahrte ihr.

Nur Frau von Pröhl bat um eine kleine halbe Stunde Beurlaubung, um, wie sie lächelnd behauptete, »ihre Gedanken sammeln zu können«, im Grunde aber um, trotz ihrer vierunddreißig Jahre und ihrer unangetasteten Gesundheit, ein Mittagsschläfchen zu machen, das ihr nach gerade durch Gewohnheit notwendig geworden war. Man kannte diese Schwäche und ließ sie unter allerlei Scherzreden verschwinden. Die jungen Damen reiheten sich im Empfangszimmer, das freilich für Alexander eine Art Folterkammer wurde, um Frau von Wallbott und nahmen ihr Filetzeug zur Hand.

Frau von Wallbott winkte dem Professor Gellert, sich ihnen zuzugesellen, und überließ die übrigen drei Herren ihrem Gespräche so lange, bis Alexanders Wagen zur Abreise bereit gemacht sein würde. Die Zaubermacht der klugen Frau begann mit diesem Momente.

Dem klugen Professor entging es nicht, was für Rollen sie ganzex tempore spielte und mit welcher Virtuosität sie dieselben ausführte. Hatte sie bei Tische eine königlich herablassende und dabei doch dominierende Liebenswürdigkeit gezeigt und den weisen Freund Gellert, den witzigen Philosophen sozusagen als Folie benutzt, so wollte sie sich jetzt den jungen Mädchen zu Gefallen kindlich liebenswürdig machen und die sanfte Heiterkeit ihres geistvollen Freundes als vermittelndes Prinzip gebrauchen.

Aber Dame Wallbott hatte sich in Gellerts Geduld verrechnet. Das Unbehagen, welches ihn schon seit der ersten Morgenszene mit Gertrud peinigte, wuchs mit jeder Minute, wo er sich unter den Geisteskoketterien dieser Frau gebeugt sah.

Damengesellschaft war überhaupt Gellerts Passion nicht. Er floh sie, wo er nur konnte, und machte selbst oft die possierlichsten Scherze über eine Weiberfurcht. Ermaß er nun die fortgesetzte Qual, sich im Zentrum des Vertrauens zu befinden, von allen Seiten mit Hilfsansprüchen bedrohet, und dachte er dann an den Mut des Fräuleins Gertrud, seine Ritterpflichten auf jede Weise in Anspruch zu nehmen, so überflog ein misanthropischer Schauder seine Seele, und er hätte sich ins höchste Turmzimmer einquartieren mögen, um nur etwas weniger erreichbar für die hilfesuchenden Damen zu sein.

Die bei der Tafel angekündigte Abreise des Baron Alexander hatte einen großen Gedanken in seiner mutlos werdenden Phantasie aufkeimen lassen, der nach und nach Wurzel fasste und unter den letzten Mühewaltungen, die ihm von der Dame Wallbott auferlegt waren, zur Blüte und Reife kam. Er wollte fliehen! Aber um den Bestürmungen und Bitten, denen er sich in seiner Herzensgüte nicht gewachsen fühlte, zu entgehen, wollte er heimlich fliehen!

Ein köstlich satirisches Lächeln bildete sich bei diesem Vorsatze um die seinen Lippen, und er lieh gefälliger noch als sonst sein Ohr den Anforderungen der klugen Dame, die er hinters Licht zu führen gedachte. Voller Laune, sprudelnd von schlagenden Einfällen und satirisch gemütlichen Bemerkungen, schläferte er die Wachsamkeit einer Gönnerin und Freundin dergestalt ein, dass sie eher des Himmels Einfall, als eine bösartige Hinterlist in der Artigkeit gesucht hätte, womit er sich, plötzlich aufstehend, »der fernern Gunst seiner liebenswürdigen Freundinnen empfahl und um Erlaubnis bat sich entfernen zu dürfen!«

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺110,79

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
620 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783754183656
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar