Kitabı oku: «Weiße Wölfe am Salmon River»
Lutz Hatop
WEIßE WÖLFE AM SALMON RIVER
Roman
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
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Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
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Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
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Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 1 – Als alles begann
Freunde
Das Abenteuer beginnt
Shonessi
Reißende Wasser
Ein heißes Bad
In letzter Minute
Freund oder Feind
Weiße Wasser
Ein riesiger Kochtopf
Wehrlos
Kapitel 2 – Gewonnen und verloren
Littlefoot
Das rote Haus
Begegnung in Yellowknife
Die Hütte im Wald
Eisige Zeiten
Die Fährte der Wölfe
Das Zerwürfnis
Der Rückzug
Kanutour mit Folgen
Glückliche Zeiten
Salmon River
Der heilige Wald
Das Ende?
Alles verloren
Kapitel 3 – Ein neues Leben
Heimkehr
Madlen
Tom Baxter, im Zentrum der Macht
Besuch aus Kanada
Entscheidung in der Schorfheide
Die verlassene Ranch
Erstes Lebenszeichen
Langersehntes Wiedersehen
In Sicherheit
Wayra King
Mittelalter versus High Tech
Kapitel 4 – Erlösung
Auf Burg Falkenberg
Traufgang Felsenmeer
Anruf aus Vancouver
Wieder in Kanada
Insel ohne Namen
Ohne Ausweg
Jäger und Gejagte
Nanuk
Die Geisel
Den Tod vor Augen
Der Schrei der weißen Wölfe
Eine schwere Entscheidung
Preisgegeben
Hochzeit in Iskut
Der Prozess
Gefangen im goldenen Käfig
Endlich angekommen
KAPITEL 1 – ALS ALLES BEGANN
Freunde
Blaubeuren, März 2002. Eine Kleinstadt am Rande der Schwäbischen Alb, unweit Ulm. Marc Mezger, 28 Jahre alt, stand vor den zwei wichtigsten Entscheidungen seines bisherigen Lebens. Lehrzeit, Ausbildung, das Beamtenverhältnis auf Probe endete in zwei Tagen. Endlich war es soweit, die Übernahme in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit bei der Kriminalpolizei in Ulm. Ein lang gehegter Traum sollte wahr werden.
Die Feier war für Freitag angesetzt, zuvor musste er noch eine zweite Entscheidung treffen. Er stand fast in der Mitte des weiten Platzes, mit sich und der Welt zufrieden, seine Augen erfassten den riesigen 161m hohen gotischen Westturm des Ulmer Münsters, ein Gebirge aus Stein. Die Spätnachmittagssonne tauchte den hellen Muschelkalkstein in ein gelbliches Licht. Filigran war die Schauseite mit seinen Fialen, Streben, Spitzen und figürlichen Darstellungen. Licht und Schatten machten die Fassade noch lebendiger. Ja, das war der richtige Ort.
Er griff in seine rechte Jackentasche, holte eine kleine Schachtel heraus, hob das Oberteil ab und begutachtete glücklich den Inhalt. Er dachte an sie, an Ella. Sie wusste nichts von seinem heutigen Vorhaben. Gedankenverloren erinnerte er sich. An den Kajakkurs auf der Donau, er der Trainer. Sie, eine Schülerin, die nur widerwillig ihrem Freund zuliebe an dem Kurs teilnahm. Schnell entdeckten beide ihre Zuneigung füreinander. Noch größer dann die Überraschung, als er feststellte, dass ihre Eltern in der großen Villa gegenüber seinem Elternhaus lebten. Wie konnte er sie nur so lange übersehen.
Ella, ein Energiebündel ohnegleichen. Lange glatte schokoladenbraune Haare umrahmten ein ebenmäßiges ovales Gesicht. Lachte sie, lachten auch ihre braungrünen Augen, verzauberten fast jeden. Insbesondere Marc. Nachdenklich machte er sich auf den Weg zu seinem Auto, ob sie wohl ja sagt?
Während der Fahrt spielte er hundert Varianten durch, passierte immer wieder kleinere Schneefelder, die sich im Schatten vor der Sonne retten konnten. Der Schnee war nicht mehr leuchtend weiß, sondern grau und schmutzig. Es war Mittag, als er sein Elternhaus erreichte, einen Winkelbungalow inmitten eines recht großen Grundstückes aus den 60er Jahren. Er parkte direkt an der Straße vor dem Haus, überquerte sie, lief den Plattenweg zur Villa. Er fasste in die Jackentasche, die Schachtel war noch da, drückte die Klingel. Die Tür öffnete sich, Sandra, die jüngere Schwester von Ella stand in der Tür.
„Hallo Marc, kommst du zu mir?“ Sie lachte.
„Nein, Sandra, leider nicht. Ist Ella da?“
„Klar, komm rein, sie ist in ihrem Zimmer.“
Ella wohnte noch immer bei ihren Eltern, studierte in Ulm Medizin.
Marc nahm die Treppe hinauf zwei Stufen auf einmal, blieb vor der Tür stehen, klopfte leise an. Eine helle Stimme antwortete: „Ja, bitte?“
Als er in das Zimmer trat, war Ella bereits von ihrem Stuhl aufgestanden. Er hatte sie überrascht, sie stellte sich so vor den Bildschirm ihres PCs, dass er nichts sehen konnte. Irritiert und unsicher kam die Frage: „Komme ich ungelegen, soll ich wieder gehen?“
Ella hatte sich bereits wieder gefangen, lief auf ihn zu.
„Hallo Marc, du hier? Um diese Zeit. Hast du keinen Dienst? Grüß Gott erst mal.“ Sie lachte ihn an. „Nein, du kommst nicht ungelegen, komm, lass uns runtergehen, da sitzen wir besser“, fasste ihn unter den Arm und zog ihn aus dem Zimmer. Im Wohnzimmer setzte sie sich auf das Sofa. „Setzt du dich zu mir?“
Marc hatte immer noch seine Jacke an. „Zieh doch mal deine Jacke aus, so kalt ist es bei uns auch nicht. … Hallo, redest du nicht mehr mit mir? Warum bist du gekommen?“
Marc zog seine Jacke aus, nicht ohne sich vorher das kleine Schächtelchen zu nehmen. Endlich konnte er sie begrüßen, mit einem Kuss. Seine Neugier war geweckt. Warum hatte sie ihn aus dem Zimmer komplimentiert? Was versteckte sie vor ihm? Er wollte Bescheid wissen.
„Hast du Geheimnisse vor mir?“
„Ja…aa, habe ich. Stopp. Keine weiteren Fragen mehr, du erfährst es schon noch. Nur nicht jetzt.“ Sie legten ihren Finger auf seinen Mund, flüsterte unwiderstehlich: „Bitte, habe Geduld. Du erfährst es früh genug.“
Marc nickte, gab nach. Erfahren sollte er das Geheimnis jedoch nie!
Der Zeitpunkt war gekommen, er holte die Schachtel hervor, drückte sie Ella in die Hand. „Für dich, mach auf.“
Sie hatte eine Ahnung, riss das Geschenkpapier ab, hob den Schachteldeckel, tat völlig überrascht. „Oh, ein Ring?“
„Ella, was soll das? Ich meine es ernst?“
Auch Ella blickte ihn eindringlich an. Der Schalk in ihren Augen war nicht mehr vorhanden. „Gut Marc, was möchtest du mit dem Ring?“
„Das weißt du doch?“ Alles, was er sich im Auto überlegt hatte, war nicht mehr vorhanden. Ella schaute ihn an, nickte.
„Herr Mezger, so nicht. Wenn, dann bitte richtig.“
„Du meinst, mit Antrag? So richtig?“
Sie sagte kein Wort, reagierte nicht. Marc räusperte sich, rutschte aus dem Sofa, ging mit einem Knie auf den Boden, nahm den Ring, griff ihre linke Hand und schob den Ring auf ihren Finger.
„Ella?“
„Ja?“
„Ich liebe dich. Ich möchte mit dir für immer zusammen sein. Willst du meine Frau werden?“
Sie rutschte aus dem Sofa, umarmte, küsste, hauchte ihn an: „Ja, Marc ich will. Bis zum Ende meines Lebens. Ich liebe dich.“
Sie lagen sich in den Armen, auch er flüsterte nur noch: „Du machst mich zum glücklichsten Menschen der Welt.“
„Ich weiß.“
Ella wollte eine Verlobungsfeier, schon am nächsten Abend. Schnell waren die Aufgaben verteilt. Freunde und Bekannte wurden angerufen und eingeladen. Wichtig für Marc waren seine besten Freunde, Gerhard Huber und Hartmut von Halden. Gerhard sagte sofort für sich und seine Frau Susanne zu. Hartmut druckste herum, suchte nach Ausflüchten. Marc wollte das überhaupt nicht einsehen, gab ihm schließlich zu verstehen, dass er beider Freundschaft auf das Spiel setzt, wenn er nicht sofort mit der Wahrheit herausrückt.
Hartmut fiel es schwer, gestand Marc schließlich, dass er sich in Ella verliebt hatte, sie ihn deutlich und scharf zurückwies wegen eines anderen. Dieser andere war Marc. Marc, obwohl geschockt, beschwor Hartmut, die Freundschaft nicht einfach wegzuwerfen. Es dämmerte ihm, dass der damalige Freund, der sie zum Paddelkurs überredet hatte, wohl Hartmut war. Beide einigten sich auf ein gemeinsames Bier, sie wollten sich aussprechen.
Marc teilte seinen Eltern das freudige Ereignis noch am frühen Abend mit, bevor sie ins Ulmer Stadttheater fuhren. Ella wartete mit einer Überraschung auf, sie schloss sich seinen Eltern an, wollte unbedingt in Ulm vor dem nächsten Abend noch etwas erledigen. Marc, enttäuscht, den Abend allein zu verbringen, rief kurzfristig Hartmut an, so konnten sich beide auf das vereinbarte Bier treffen und reden. Einen Tag vor der Verlobungsfeier.
Sie trafen sich im Ulmer Fischerviertel, in einer rustikalen Szenekneipe, setzten sich an die Bar in die Ecke, waren so einigermaßen ungestört.
„Hartmut, habe ich dich richtig verstanden, du warst mit Ella zusammen, als sie sich bei dem Paddelkurs angemeldet hat?“
Hartmut nickte, „wir sind schon sechs Monate miteinander gegangen, war eine tolle Zeit. Ich hatte noch niemals so eine Frau gekannt“, er blickte Marc an, „ich wollte, dass sie mit uns mal eine Flusstour macht. Einfach nur tatenlos teilnehmen ging bei ihr nicht, immer wollte sie aktiv dabei sein. Du kennst sie. Dann passierte es. Sie kam am Abend vom Kurs zurück, wir haben uns zum Essen getroffen. Sie war anders als sonst. Knallhart hat sie mir zu verstehen gegeben, dass es aus sei und sie sich in einen anderen verliebt hätte. Zu dem Zeitpunkt hatte ich allerdings noch keine Ahnung in wen.“
Marc konnte Hartmut nicht folgen. „Ein halbes Jahr? Warum hast du mir nie von ihr erzählt? Wusste Gerhard davon?“
Hartmut verneinte, wollte beide Freunde mit Ella überraschen, nach Beendigung des Paddelkurses. Eine Frage trieb Marc um, „weißt du noch, welcher Kurstag das war?“
Hartmut lachte gequält auf, „wie könnte ich das vergessen. Der dritte, … von sechs Tagen. Schon am dritten Tag hat sie es gewusst. Verstehst du? Sie wusste, dass sie dich liebte.“
Marc lehnte sich zurück, atmete tief durch. Sein Blick verklärte sich.
„Diesen Tag werde ich allerdings auch nicht vergessen. Ha! …, Ella. Immer musste sie das letzte Wort haben, egal was ich ihr als Trainer sagte. Das hat mich schließlich so genervt, dass ich sie einfach im Kehrwasser ins Wasser drückte.“ Er lächelte dabei. „Klar, sie ist dann reingefallen. Als sie prustend wieder auftauchte und sich am Boot festhielt, hab ich ihr zu verstehen gegeben, dass ich hier auf dem Wasser das Sagen habe und sie sich danach richten muss, sonst sei der Kurs für sie zu Ende.“
Ungläubig schaute Hartmut seinen Freund an. „Das verstehe ich nicht, klingt nicht wie eine Liebeserklärung.“
„Ich bin noch nicht fertig. Was glaubst du, was sie dann gemacht hat?“ Hartmut zuckte die Schultern. „Sie hat sich an meinem Kajak mit ganzer Kraft hochgezogen, ehe ich´s kapiert hatte, lag ich im Wasser… und dann hat sie mich noch an der Eskimorolle gehindert. So ein Biest.“
Hartmut musste lachen. „Und das dir, einem der besten. Ähm, wo ist denn da bitteschön die Liebe?“
„Wir sind aufgetaucht, haben beide unsere Boote an Land gezogen. Ich wollte sie schon rausschmeißen, da reichte sie mir ihre Hand und meinte: 'Unentschieden? Lass uns das Kriegsbeil begraben.' Sie hat mich dabei angeguckt, wie es noch nie zuvor eine Frau getan hat, hat mir gesagt 'Ich mag dich' … und mir dann einen Kuss gegeben.“
„Wie, einen richtigen?“
„Nein, nur einen flüchtigen, aber auf den Mund.“
„Oh verstehe. Was hast du dann gemacht?“
„Erstmal gar nichts. Ich habe den Kurs für den Tag abgebrochen, alle Schüler reingeholt, bin dann ins Vereinsheim gegangen. Sie kam natürlich auch, hat sich zu uns gesetzt. Irgendwann bin ich dann mit ihr an die Donau gegangen, haben uns unterhalten“, seine Stimme bekam einen sehnlichen Unterton. „Dann ist es passiert.“
Hartmut hatte ein Auge zusammen gekniffen, seine Fäuste ballten sich. Marc nahm das wohl wahr.
„Was ist passiert, bist du mit ihr gleich in…“
Marc fasste ihn am Unterarm, „nein, ich habe mich einfach verliebt. Was du meinst, kam erst viel später. Sie sagte zu mir, ich müsste das verstehen, sie wollte zuerst mit ihrem Freund reinen Tisch machen. Ella ist keine, die mit jedem in die Kiste steigt, das hat mir imponiert.“
Hartmut entspannte sich: „So war das. Sie hat dir nie gesagt, dass ich ihr Freund war?“
„Nein, nie. Wahrscheinlich wollte sie unsere Freundschaft nicht gefährden. Ich werde sie aber morgen darauf ansprechen. Diese Geheimnistuerei ist viel schlimmer.“ In diesem Augenblick musste er daran denken wie was auch immer sie vor ihm zu verbergen suchte. „Hartmut, ich bitte dich, komm morgen zu meiner Verlobungsfeier, du bist mein bester Freund.“
„Und Gerhard? Er nicht mehr?“
Marc verdrehte die Augen, er musste sich beherrschen.
„Ihr beide natürlich. Er kommt, hat zugesagt.“
„Alleine?“
„Nein, natürlich nicht. Mit Susanne. Nun hör aber auf!“
Hartmut legte seine Stirn in Falten, rutschte von seinem Barhocker, warf einen 10 Euro-Schein auf den Tisch, drohend klang seine Stimme.
„Du hast mir sie ausgespannt. Du hast gewusst, dass sie einen Freund hat. Sie war liiert, das hat dich wohl nicht gestört. Vergiss es, ich komme nicht. Wir sprechen uns noch. Habt ihr schon einen Termin für die Hochzeit?“
„Nein …“
Kein Tschüss, Wiedersehen oder Ade kam von ihm, als Hartmut die Kneipe verließ.
Marc dagegen blieb sitzen, bestellte sich noch ein Kellerpils, dachte nach. Die Bardame, eine üppige Blondine stellte ihm das Bier hin.
„Na, Probleme?“
Marc überlegte, ob er antworten sollte. Warum nicht.
„Kann man so sagen. Ich habe meinem besten und ältesten Freund die Frau ausgespannt.“
Sie blickte Marc durchdringend an, „nicht die feine Art, weder bei einem Freund noch bei jemand anderem. Ihr Kerle denkt dabei nie weiter, immer nur an das eine. Und regelmäßig fallen wir Frauen immer wieder auf euch rein. Das ist eine richtige Sauerei. Ich habe da null Verständnis. … Ich dachte zuerst, du seist anders, bist eigentlich der sympathischere Typ.“
Er nickte, lächelte dabei.
„Ganz meine Meinung. Hätte ich das gewusst, wäre auch nichts dergleichen passiert. Okay, ich gebe zu. Sie hat gesagt, sie hätte einen Freund, wollte auch mit ihm Schluss machen, bevor sie was Neues anfängt.“
„Oh, das ist etwas anderes. Du hast es nicht gewusst?“
Marc schüttelte vehement den Kopf, „nein, ich habe es erst heute erfahren, einen Tag vor meiner Verlobung.“
Sie pfiff durch die Zähne, schaute ihn sich genau an.
Sieht gut aus, der Typ. Scheint auch ehrlich zu sein.
Lockige kurze dunkelblonde Haare und blaue Augen machten ihn interessant. Sie schätzte ihn auf 1,80m, eher ein bisschen weniger. Er wirkte durchtrainiert, war schlank. Ein kleiner Bauchansatz störte nicht.
„Ein Dreitagebart könnte nicht schaden, der stünde dir gut an, dann wär das Bubenhafte weg.“
„Wie bitte, was?“
Das kam unvermittelt und für ihn überraschend.
„Du hast mich schon verstanden. Übrigens, ich heiße Katrin. Und du?“
„Marc.“
„Freut mich, dich kennen zu lernen. Das mit dem Dreitagebart war ernst gemeint.“ Dann kam sie zur Sache, unvermittelt stellte sie die Frage. „Liebst du sie?“
Er nickte, zeigte ihr Bild. Sie lachte.
„Oh, das Gegenteil von mir, dann bin ich wohl nicht dein Typ. Schade. Du könntest mir gefallen.“
Er lächelte nur gequält, fand die Bemerkung nicht gut, ließ sie kommentarlos stehen. Sie redete ohne Unterbrechung weiter, „dann ist die Entscheidung gefallen. Dein Kumpel muss sich wieder einkriegen, sonst steht er am Ende mit leeren Händen da, hat seinen Freund auch noch verloren. Marc mach´s gut. Viel Glück mit deiner Freundin.“
Marc bedankte sich, trank sein Bier aus und bezahlte.
Früher Morgen, 07.30 Uhr. Marc schloss die Wohnungstür hinter sich und lief die Treppe vom ersten Obergeschoss hinunter zur Haustür. Die Garage lag in zweihundert Metern Entfernung. Auf dem Fußweg kamen ihm zwei uniformierte Polizeibeamte entgegen. Unvermittelt sprach ihn der ältere der beiden Männer an.
„Entschuldigen Sie! Kennen Sie einen Marc Mezger?“
„Das bin ich, mein Name ist Marc Mezger. Warum? Wollen Sie zu mir?“
Marc beschlich ein ungutes Gefühl.
„Nicht hier, lassen Sie uns zu Ihrer Wohnung gehen.“
Marc sträubte sich, was war passiert. Außerdem zeigten beide Beamte eine äußerst ernste Miene. Er wurde immer unruhiger.
„Nein, sagen Sie mir bitte augenblicklich, warum Sie mich aufsuchen. Ich muss zu meiner Dienststelle. Ich bin übrigens ein Kollege, Kripo.“
„In der Direktion?“
„Ja, am Münsterplatz.“
Beide Beamte blickten sich an, der eine nickte dem anderen zu.
„Herr Mezger, wir haben eine sehr schlechte Nachricht für Sie!“
Marc fühlte, wie sich ein unsichtbarer Strick um seinen Hals legte und sich langsam zuzog.
„Paul und Irmtraud Mezger, sind das Ihre Eltern?“ Marc nickte, musste schlucken. „Sie sind gestern um 19.00 Uhr mit dem Auto tödlich verunglückt! Das Krankenhaus hat Sie gestern Abend leider nicht telefonisch erreicht.“
Er konnte es kaum fassen, geschweige denn begreifen. Fragte wie automatisch gesteuert: „wie ist das passiert? Sie hatten keine Chance?“
Ein Beamter schüttelte den Kopf. „Nein, keine. Der LKW rammte sie frontal, sie waren sofort tot.“ Marc unterbrach den Beamten.
„Hat mein Vater überholt?“
„Nein, der LKW ist auf die falsche Fahrbahnseite geraten, wahrscheinlich Sekundenschlaf. Es war noch eine weitere Person mit im Auto, eine junge Frau.“
Marcs Augen wurden riesengroß.
Nein, bitte nicht, nur das nicht. Nicht auch noch Ella.
Er begann am ganzen Körper zu zittern.
„Wer war die junge Frau? Wissen sie ihren Namen.“
„Das dürfen wir Ihnen leider nicht sagen…“
Marc unterbrach den Beamten, seine Stimme zitterte beim Sprechen.
„Meine Freundin heißt Ella Wegener, war sie …“
Gedanken schossen durch seinen Kopf, was hatte sie gesagt, bis zum Lebensende, ganze fünf Stunden …
Er konnte den Satz, seinen Gedanken nicht mehr zu Ende denken, nicht mehr vollenden, bekam keinen Ton mehr heraus. Der Polizeibeamte brauchte nicht zu sprechen. Marc sah die Antwort in den Augen. Seine Beine gaben nach. Bevor er zusammenklappte, stützte ihn einer der beiden Polizisten. Sofort wurde die Rettung verständigt.
Zwei Wochen waren seither vergangen, Marc saß in seiner Wohnung, konnte sein Unglück immer noch nicht fassen. Binnen einiger Minuten war sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Seit dieser Mitteilung krankgeschrieben, verfiel er immer mehr in Depressionen, ließ sich gehen. Zudem griff er erst selten, dann regelmäßig zur Flasche.
Selbst als sein offizieller Krankenstand aufgehoben wurde, ließ er sich nicht bei seiner Arbeitsstelle blicken. Die Krönung war schließlich der Auftritt bei seinem Dienstvorgesetzten in volltrunkenem Zustand, nachdem die Suspendierung über ihm verhängt worden war. Die Folgen waren verheerend, er verlor erst den Arbeitsplatz, dann seinen Beamtenstatus, schließlich seine Wohnung. Zum Weg „auf die Straße“ fehlten nur noch Zentimeter.
Wenige noch verbliebene Freunde, hier insbesondere seine langjährigen und besten Freunde Gerhard sowie Hartmut hielten ihm die Treue. Hartmut hatte Marc verziehen. Der Tod Ellas traf auch ihn hart. In seinem tiefsten Innern indes war er froh, dass es sie nicht mehr gab.
Immer wieder versuchten sie, ihn für Paddeltouren zu gewinnen. War er jedoch mal mit dabei, dann nie nüchtern. Langsam aber sicher wendeten sich alle, Freunde wie Verwandte, von ihm ab. Eben bis auf diese beiden, die nicht aufgeben wollten. Insbesondere Hartmut war ständig bei ihm. Er hatte keine Eltern, die für ihn da waren, aufgewachsen bei seiner Großmutter, hatte er immer wieder Marc um seine Eltern beneidet. Schon als Kinder spielten sie zusammen im Sandkasten . Gerhard kam erst als Teenager zu den beiden dazu. Alle drei waren unzertrennlich. Sie fingen gemeinsam mit dem Kanusport an, pflegten ihr Hobby intensiv über die Jahre weiter. Selbst als Gerhard seine Susanne heiratete, tat das der Freundschaft keinen Abbruch. Auch Ella fügte sich allem Anschein nach nahtlos in die Gruppe ein. Sie wie auch Hartmut verloren kein Wort über ihre gemeinsame Vergangenheit.
Aber ein einziges Mal schien es zwischen Marc und Hartmut zu kriseln, der Grund war Ella, denn Hartmut hatte sich in einem zweiten Versuch um sie bemüht. Deutlich hatte sie ihn zurück gewiesen, vor Marc, Gerhard und seiner Frau Susanne. Zu provokativ ging Hartmut auf Ella zu, stellte Marc bloß. Marc und Hartmut benötigten nicht nur eine Aussprache, um die Krise zu beseitigen.
Marc war zwischenzeitlich in sein Elternhaus eingezogen, fast jeden zweiten Tag schaute Hartmut von Halden nach ihm. An einem Montagabend war es wieder so weit. Hartmut klingelte an der Haustür, Marc öffnete die Tür einen Spalt breit, worauf Hartmut sofort seinen Fuß dazwischen steckte. Als er dieses menschliche Wrack namens Marc vor sich sah, traf ihn das zutiefst. Obgleich er zweimal in der Woche vorbei schaute, war die Entwicklung in den letzten vier Tagen verheerend. Marc hatte sich weder gewaschen noch seine Kleidung gewechselt, entsprechend waren seine Ausdünstungen.
Hartmut fackelte nicht lange, rief Gerhard und Susanne an, die er um sofortige Unterstützung bat. Vierzig Minuten später trafen beide endlich ein. Nachdem sie sich verständigt hatten, packten beide Männer Marc, entkleideten ihn und steckten ihn in die Badewanne. Während Hartmut auf Marc aufpasste, sammelte Gerhard sämtliche Flaschen ein und vernichtete alle weiteren Alkoholvorräte in der Toilette. Susanne versuchte gleichzeitig, Ordnung in das Haus zu bekommen, ein mühseliges Unterfangen. Mit Unterstützung beider Männer hatten sie bis zum späten Nachmittag das Gröbste geschafft. Susanne musste nach Hause ihre beiden Kinder vom Kindergarten abholen.
Größer war der Aufwand, Marc einigermaßen nüchtern zu bekommen. Nach acht Stunden endlich wieder leidlich ansprechbar, setzten sich beide Männer mit Marc an den Tisch. Vor ihm lag ein Berg von Post. Missmutig nahm Marc einen Briefumschlag nach dem anderen in die Hand und legte diesen sogleich desinteressiert auf die Seite. Gleichermaßen wollte er mit einem großen braunen Umschlag verfahren, Hartmut nahm diesen jedoch entgegen, öffnete ihn und hielt den Inhalt, einen Brief Marc direkt vor Augen. Der Brief war von seinen Eltern und mit der Hand geschrieben. Sofort war Marc hellwach, mit zittrigen Händen begann er zu lesen:
Lieber Marc, wenn du diesen Brief liest, sind wir nicht mehr am Leben. Zuallererst bitten wir dich um Verzeihung, denn die nächsten Zeilen werden dich mit Sicherheit aufwühlen. Nun aber der pragmatische Teil. Du bist unser Alleinerbe, das Haus gehört dir. Die beiden vermieteten Wohnungen in Ulm und Neu-Ulm ebenso. Barvermögen und Aktien auch, allein das sind um die 400.000 DM. Dein Vater meint, dass allein die beiden Wohnungen einen Wert von 300.000 DM haben. Verkaufe sie. Lieber Marc, dein Vater und ich lieben dich über alles, du bist und warst für uns das wichtigste überhaupt.
Aber: wir sind nicht deine Eltern. Wir haben dich im Alter von zwei Wochen von einer jungen Mutter bekommen und dich adoptiert. Sie muss sehr jung gewesen sein, 14 oder 15. Sie konnte dich wohl nicht behalten. Besonders ich habe es einfach nicht über mein Herz gebracht, dir die Wahrheit zu sagen, dein Vater wollte das immer. Ich hatte fürchterliche Angst, dass du uns verlässt und deine leibliche Mutter suchen wirst. Sie wird, wenn ich diese Zeilen schreibe, Mitte dreißig sein. Glaub mir bitte, ich habe keine Ahnung wie sie heißt, geschweige denn wo sie lebt. Mir ist durchaus bewusst, dass du beim Lesen dieser Zeilen viel durchmachen musst, denke aber bitte daran, dein Leben geht weiter, wirf es bitte nicht weg. Sprich mit unserem Notar, Herrn Dr. Ralf Schmidt und regle alles. Und behalte uns bitte in guter Erinnerung, vergiss uns nicht.
Marc legte den Brief auf die Seite, ein Ruck ging durch seinen Körper. Er blickte seine beiden Freunde an, bedankte sich für die Hilfe und versprach, sein Leben wieder zu ordnen. Hartmut machte einen Vorschlag, der beide, Marc und Gerhard geradezu paralysierte.
„Was haltet ihr davon, im Spätsommer eine Kajak-Expedition in Kanada zu machen?“
Erst ungläubiges Schweigen, dann nahmen beide begeistert den Vorschlag auf.
„An welche Flüsse hast du dabei gedacht? Mensch Hartmut, das ist eine Superidee. Marc, davon träumen wir doch schon lange, was meinst du?“
Marc nickte nur unterstützend, er hatte Kopfschmerzen.
„Ich habe einen fürchterlichen Kater. Ich glaube, ich muss mich erst mal hinlegen und wieder richtig nüchtern werden. Dann kümmere ich mich um das Haus hier und meine privaten Sachen. Lasst uns doch am Mittwoch im Vereinsheim zusammensitzen und mal grob planen.“
Am darauffolgenden Tag suchte Marc den Notar auf, betraute ihn mit der Regelung seiner Vermögensverhältnisse und beauftragte einen Immobilienmakler zum Verkauf des Hauses und der beiden Eigentumswohnungen. Schon jetzt stellte sich heraus, dass die Vermögenswerte bei deutlich über 2 Millionen DM lagen, da kurz zuvor der Euro eingeführt wurde, besaß er ungefähr 1,5 Millionen Euro an aktuellen Vermögenswerten. Nach Erledigung der Pflicht folgte die Kür, zum ersten Mal seit dem Tod seiner Eltern und von Ella freute sich Marc auf das Treffen mit seinen Freunden. Mit Absicht fuhr er zwei Stunden früher zum Vereinsheim der Ulmer Kanuten, welches direkt am Flussufer der Donau unterhalb der Eisenbahnbrücke lag.
Marc betrat, nachdem er Neoprenanzug, Helm und Schwimmweste angelegt hatte, die große zweigeschossige Bootshalle im Erdgeschoss, ging zu den Boxen der Wildwasserkajaks und zog seinen knallgelben Gattino aus dem Regal. In Paddlerkreisen galt dieses Kajak als Dickschiff und nicht mehr zeitgemäß. Marc war die Meinung der anderen egal. Das Boot war für ihn immer wieder richtig, egal ob schweres oder leichtes Wildwasser, selbst für Wanderfahrten war es einsetzbar. Das Kajak lässig über die rechte Schulter gehängt, das Paddel in der linken Hand marschierte er die 150m zur Kiesbank an der Donau. Normalerweise war diese mehrere Meter breit, aufgrund des leichten Hochwassers aber nur mehr einen halben Meter. Nachdem er das Boot abgelegt hatte, blickte er zufrieden auf die Eisenbahnbrücke. Bedingt durch das Hochwasser bildeten sich an der unteren Seite der großen Steinpfeiler kräftige Kehrwasser.
Mit Kehrwasser bezeichnet man im Wildwasser Bereiche, in denen sich die Strömung flussaufwärts kehrt oder zumindest stark verlangsamt. Diese „Umkehr“ (oder Verlangsamung) der Fließrichtung des Wassers wird durch Wirbelbildung hinter angeströmten Hindernissen in Fließgewässern hervorgerufen. Die Technik des Hineinfahrens in ein Kehrwasser ist die wichtigste Voraussetzung zur Befahrung eines sportlichen Flusses.
Noch war niemand außer ihm auf dem Wasser, er hatte die ganze Brücke für sich alleine. Er zog das Boot hangaufwärts auf den Grashang, setzte sich auf dem Trockenen in das Kajak, schloss die Spritzdecke und rutschte mit Tempo in die Donau. Auf dem Wasser war es sofort wieder da, dieses unglaublich gute Gefühl! Er und das Kajak bildeten eine Einheit. Mit kräftigen Schlägen drückte er das Kajak dicht am Ufer entlang langsam flussaufwärts. Ein kleines Kehrwasser ausnutzend, legte er beim Ausfahren in die schnelle Strömung das Boot auf die Kante, hielt sich mit einer hohen Paddelstütze sicher im Wasser und fädelte mit einem kräftigen Ziehschlag in das Kehrwasser hinter dem ersten Brückenpfeiler ein. Auf diese Weise überquerte er die gesamte Breite der Donau bis zur Mündung eines Nebenarmes der Blau. So pendelte er ein paarmal über die Donau, immer wieder neue Spielarten austestend. Die früher vorhandene Sicherheit stellte sich langsam wieder ein. Nach zwei Stunden intensiven Trainings kehrte er zwar ausgepowert, aber glücklich an das Ufer zurück.
Am Ufer wurde er bereits von seinen beiden Freunden Hartmut und Gerhard erwartet, die ihn freudig begrüßten. Er wurde langsam wieder der alte. Marc zog sich noch schnell um, räumte Boot und Material auf und ging zu seinen beiden Freunden in die Gaststätte des Vereinsheimes. Die hatten sich bereits zwei Weißbiere bestellt. Lachend nahm er am Tisch Platz, „Ich kann's noch, ein super Gefühl. Ihr habt schon bestellt?“
Marc legte nach und bestellte sich ebenfalls Bier und etwas zu essen. Mit wichtigem Gesicht begann Hartmut:
„So Jungs, ich habe mir einiges überlegt. Unser Ziel ist Kanada, der äußerste Nordwesten, Wildnis pur und traumhafte Flüsse.“
Gerhard hakte ein, „an welchen Fluss dachtest du denn?“
„Zuerst an den Yukon, 780km von Whitehorse bis Dawson City.“
Marc ergänzte noch, „nicht schlecht, auf den Spuren Jack Londons und des Goldrausches.“
„Genauso habe ich auch gedacht, bei weiterem Studium bin ich dann auf den South Nahanni gestoßen. 600km pure Wildnis, kein einziger Ort. Wir müssen uns mit dem Wasserflugzeug zum Einstieg einfliegen lassen. Die ersten vier Tage Wildwasser, ein Hochgenuss von leichtem bis mittlerem Schwierigkeitsgrad, dann der höchste Wasserfall Kanadas mit fast 100m und vier Canyons, einer großartiger als der andere. Ich schlage den South Nahanni vor. Wir brauchen für die Befahrung gute zwei Wochen. Was meint ihr?“
Zur Bestätigung seiner Ausführungen legte er noch Kartenmaterial und Reiseführer auf den Tisch. Marc begeisterte sich von Minute zu Minute mehr.
„Das ist ja Wahnsinn. Ich bin dabei. Wann wolltest du starten?“
Hartmut lächelte, „wenn ihr Urlaub bekommt, Ende August diesen Jahres. Dann ist der Wasserstand niedrig und der erste Frost setzt bereits ein. Und das ist gut für uns und schlecht für die Mosquitos. Außerdem brauchen wir die Zeit. Ich muss sofort morgen die Permits für den Nationalpark reservieren, damit wir überhaupt fahren dürfen. Die Parkverwaltung lässt nämlich pro Monat nur eine bestimmte Anzahl Menschen auf den Fluss. Das ist beim Yukon anders, der ist fast schon zur Autobahn mutiert. Außerdem müssen wir das Material beschaffen und uns vorbereiten.“
Aufmerksam schaute Hartmut seine beiden Freunde an. Gerhard fasste als erster nach.
„Wie meinst du das? Material? Wir haben doch alles, bis auf einige Kleinigkeiten vielleicht.“
Hartmut schüttelte den Kopf.
„Falsch mein Lieber, wir haben fast nichts. Oder wie wolltest du die Boote transportieren, per Schiff und LKW?“
Marc ergänzte, „ich vermute, du spielst auf ganz andere Boote an, oder? Ich könnte mir vorstellen, dass Faltboote hierfür ideal sind. Sie sind eingeschränkt wildwassertauglich, schnell und fassen viel Gepäck.“ Er grinste dabei breit, „und ich bin der stolze Besitzer eines solchen Bootes, ein Klepper T 65, damit ist mein Vater früher schon Wildwasser gefahren.“
Auch Hartmut lachte.
„Marc, endlich wieder wie früher. Du hast es erfasst. Wir brauchen Faltboote. Ich tendiere dabei zu einem neuen Aerius 450 und für Gerhard habe ich einen T9 von einem Bekannten. Wir müssten die beiden alten Boote aber noch auf ihre Fahrtüchtigkeit überprüfen.“
„Da hast du Recht, das ist unbedingt notwendig. Ich habe keine Ahnung, wie lange das Kajak nicht benutzt wurde. Ich bin dafür, dass Hartmut die Koordination der Planung übernimmt, was meinst du dazu, Gerhard?“
Dieser erklärte sofort sein Einverständnis.
Als erstes legten sie die Zeit fest, Hartmut gelang es, im Nationalpark die drei Permits für die Durchfahrt vom 26.August bis 15.September zu reservieren. Um diesen Zeitraum wurde die gesamte Reise aufgebaut. Als nächstes wurden die Hotels und Flüge gebucht. In den kommenden Wochen ging es nur noch um die Ausrüstung. Marc musste feststellen, dass sein altes Faltboot runderneuert werden musste. Nach kurzer Überlegung entschied er sich, eine vollkommen neue Bespannung zu kaufen. Hartmut und er hatten sich in Rosenheim bei Klepper angemeldet. Er nahm das Gerüst seines Bootes mit, Hartmut dagegen liebäugelte mit dem neuen Aerius, ein vollkommen anders aufgebautes Boot. Ausgerüstet mit einem Luftschlauch war es wesentlich stabiler, im Wasser leichter und hatte eine höhere Zuladung. Hartmut musste jedoch zu seinem Bedauern feststellen, dass der T9 seines Bekannten nicht mehr fahrbereit gemacht werden konnte. Gerhard wollte jedoch auf keinen Fall für diese eine Reise ein Boot kaufen und mehrere 1000 Euro investieren, zumal die Fixkosten der Reise allein schon an der 3000 Euro Grenze kratzten.
Die drei Freunde entschieden sich dann, gemeinsam nach Rosenheim zum Faltboothersteller zu fahren. Dort angekommen, testeten sie verschiedene Boote. Gerhard war kurz davor auszusteigen. Das Angebot von Marc, die Kosten für das Faltboot zu übernehmen, lehnte er ab. Die Variante, einen Zweier zu nehmen, schien beiden nicht zu schmecken. Im Einer war auf jeden Fall mehr Stauraum vorhanden. Haut und Persenning hatte Marc bereits bestellt, so konnte er sein altes Boot runderneuert einfahren. Der Stauraum war aber auch in diesem Boot eher knapp bemessen. Marc testete noch den Aerius 490, einen Kajak-Einer mit Luftschläuchen, kam aber zu dem Ergebnis, dass sein T65 wesentlich agiler ist und sich eher wie ein Wildwasserboot fahren lässt als der Aerius. Auch Gerhard und Hartmut versuchten die unterschiedlichsten Boote, schließlich erlöste Hartmut die Gruppe, indem er den Aerius XXL mit 5,85m Länge kaufte, ein Boot, welches notfalls auch mit bis zu vier Personen gefahren werden konnte und sehr viel Gepäck aufnahm. Marc beteiligte sich ohne Wissen von Gerhard an den Kosten, die allein mit 3500 Euro zu Buche schlugen.
Das Material wurde vervollständigt. Da Marc am wenigsten Stauraum in seinem Boot hatte, galt es, äußerst platzsparendes und leichtes Material zu wählen. Er entschied sich dabei für ein leichtes nur 1,7kg wiegendes Zweimann-Zelt von sehr geringen Abmessungen. Das gleiche galt für alle anderen Utensilien. Nach zwei Monaten war die Ausrüstung vollständig. Jeder konnte nur zwei Gepäckstücke mit maximal 46 kg mitnehmen. Von vornherein war klar: ein Gepäckstück waren jeweils die Boote, das zweite der Rucksack mit allen persönlichen Sachen. Marcs Boot wog 21 kg, der Rucksack 24 kg. Bei seinen beiden Freunden war das Verteilungsgewicht etwas günstiger, da sich das Boot auf zwei Personen verteilte.
Sie bereiteten sich intensiv auf die Reise vor. Am Anfang benötigte Marc für das Aufbauen des Faltbootes fast 45 Minuten, zum Schluss nur noch 15 Minuten. Gepaddelt wurde nur noch mit den Faltbooten.
Die Generalprobe stand an. Als Fluss wählten sie die Durance in den Seealpen in Frankreich. Wasserwucht, Kiesbankschwälle, kleinere Verblockungen waren ideales Trainingsgelände. Marc merkte sehr schnell, dass seine Wahl in jedem Fall richtig war. Das Boot ließ sich hervorragend fahren, selbst mit Ballast. Er konnte es extrem auf die Kante legen, was mit dem riesigen Aerius schlichtweg nicht möglich war. Gerhard und Hartmut mussten erkennen, dass sie eine verblockte Engstelle mit wenig Wasser auf keinen Fall fahren konnten.
Endlich war es soweit, die Reise stand bevor.
Das Abenteuer beginnt
Flughafen Stuttgart, der Neubau des Terminals 3 war noch nicht abgeschlossen. Die drei Freunde mussten in den alten Hallen einchecken. Gerhards Frau Susanne hatte sie mit einem großen Kombi von Ulm zum Flughafen Leinfelden-Echterdingen gefahren. Im Land nur kurz L.E. genannt, dabei ausgesprochen wie das amerikanische L.A. Um 11.00 Uhr war Abflug, bereits um 8.30 Uhr stoppte der Kombi direkt am Eingang Abflug. Der Abschied war kurz und schnell, wobei Gerhard seiner Frau versprechen musste, sie nach Möglichkeit einmal in der Woche anzurufen. Währenddessen organisierte Marc zwei große Gepäckwagen für die Rucksäcke und Boote. Einchecken und Gepäckaufgabe geschah ohne Probleme.
Endlich im Flugzeug. Das Abenteuer konnte beginnen.
Zuvor stand aber noch zweimaliges Umsteigen in Frankfurt und Vancouver an. Ab Frankfurt ging es weiter im Jumbojet, sie saßen alle in gleicher Reihe. Marc am Gang, Gerhard in der Mitte und Hartmut am Fenster. Die Zeitzonen wurden passiert und das berühmte Jetlag entstand. Inzwischen war es dunkel geworden, die meisten Passagiere schliefen oder dösten. Marc konnte nicht schlafen, immer war er bei Reisen nervös, dieses Mal jedoch etwas mehr. So entschloss er sich zu ein bisschen Bewegung und erkundete das Flugzeug mit seinen zwei Etagen. Vor der Businessklasse wurde ihm der Zutritt verwehrt. Als er sich schon abwenden wollte, bekam er ein paar Wortfetzen von zwei Männern mit, die sich lautstark unterhielten und wohl nicht einer Meinung waren. Es schien um eine junge Frau zu gehen, der man habhaft werden wollte. Das machte ihn neugierig und er stellte sich unauffällig an einen Zeitungsständer, um mehr zu erfahren. Der ältere der beiden Männer schien der Vorgesetzte des etwas jüngeren Mannes zu sein.
Seine tiefe Stimme war schneidend und ließ keinen Widerspruch zu.
„Bekommen Sie das Problem endlich in den Griff? Oder muss ich mich darum kümmern. Ich habe endgültig genug von diesen Halbwilden …“
Der jüngere unterbrach ihn, „es ist aber nun mal ihr Land und wir zerstören es. Vielleicht sollten wir ihnen ein bisschen Entgegenkommen zeigen.“
Der Ältere wurde zornig.
„Entgegenkommen? Die haben hier Wald ohne Ende. Flächen so groß, dass man die Schweiz ein paar Mal hineinstecken könnte und dann leben dort eine Handvoll Menschen. Nein, das Maß ist endgültig voll, ich will eine Entscheidung. Keine Ausflüchte mehr, verstanden?“
Der Jüngere war sichtbar einige Zentimeter kleiner geworden, versuchte einzulenken.
„Soviel ich weiß ist die junge Frau, die Tochter von Littlefoot, mit ihrem Bruder jetzt in Jade City am Cassiar Highway, einem winzigen Ort mit nur zwanzig Einwohnern. Wir hätten alle Möglichkeiten. Ein Entkommen ist da nicht mehr möglich.“
Der Ältere dachte kurz nach, ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Tun Sie, was Sie tun müssen. Ich will eine endgültige Lösung.“
In diesem Augenblick fiel Marc eine Zeitung auf den Boden. Der jüngere der beiden Männer kam sofort zu ihm.
„Was machen Sie hier?“
Marc heuchelte Überraschung, antwortete in der deutschen Sprache, irritierte den Frager.
„Was haben Sie gesagt? Ich verstehe nicht, kann kein Englisch.“
Der winkte nur ab, begab sich zurück zu seinem Vorgesetzten, während Marc sich schnell zurückzog. Völlig durcheinander kehrte Marc an seinen Platz zurück.
War das jetzt ein Mordauftrag? Ich muss irgendwas unternehmen!
Er weckte seinen Sitznachbarn Gerhard und erzählte ihm von seinen Beobachtungen. Gerhard weckte wiederum Hartmut. Alle drei beratschlagten die weitere Vorgehensweise. Insbesondere Hartmut wiegelte ständig ab und verharmloste den Vorfall, er wollte auf keinen Fall die Reise gefährden.
Marc stand schließlich mit seiner Meinung alleine. Er konnte sich damit, alles einfach so zu lassen wie es ist, überhaupt nicht anfreunden. Zuerst musste er wissen, wo dieses Jade City lag. In seinem Reiseführer wurde er schnell fündig. Der winzige Ort lag ganz in der Nähe von Watson Lake, ihrem Reiseziel. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Natürlich, die beiden Männer wollen nach Watson Lake, dann ist die junge Frau jetzt in Jade City. Er nahm sich vor, nach Jade City zu gehen und die junge Frau zu suchen, egal was seine beiden Freunde dazu meinten.
In Vancouver angekommen, hielten sie sich fast drei Stunden im Flughafenbereich auf, um direkt den Anschlussflug nach Whitehorse zu nehmen. Whitehorse, ein moderner viel zu großer Flughafen für eine Stadt mit 18000 Einwohnern, ist eine Drehscheibe im äußersten Norden Kanadas. Dort angekommen suchten sie zuerst ihr gebuchtes Hotel auf.
Am Abend im Hotel beim Abendessen war Marc sehr einsilbig, während seine beiden Freunde dem Aufbruch förmlich entgegen fieberten. Marc dagegen beschäftigte vorrangig immer noch das Gespräch im Flugzeug, dessen Zeuge er geworden war. Am liebsten wäre er sofort nach Watson Lake aufgebrochen, doch ihr Bus fuhr erst am nächsten Morgen.
Hartmut ergriff schließlich die Initiative, sein Desinteresse bereitete ihm Sorge. Jedoch interpretierte er dies vollkommen falsch. Hartmut dachte eher an einen Rückfall von Marc.
„Mensch Marc, freust du dich nicht auf die Tour. Was ist los? An was denkst du?“
Marc schreckte aus seinen Gedanken auf, er wollte seine beiden Freunde nicht beunruhigen.
„Klar freu ich mich, ich bin nur ein bisschen müde. Wann fährt der Bus?“
Der Bus, ein Greyhound, brauchte knapp sechs Stunden bis Watson Lake. Früh am Morgen fanden sie sich am Busbahnhof ein. Ein typischer silbergrauer Bus stand vor ihnen, das Logo des rennenden gestreckten Hundes an der Front aufgemalt. Das Gepäck verschwand im riesigen Stauraum des Busses. Die Fahrt war sehr entspannend und der Bus selbst außerordentlich komfortabel mit viel Fußraum. Die Fahrtstrecke ging über den berühmten Alaska Highway Nr. 1. Auf freier Strecke stoppte der Bus plötzlich.
Über Lautsprecher drang die Stimme des Busfahrers krächzend durch das Mikrofon: „Sehr geehrte Fahrgäste, leider müssen wir eine nicht geplante Zwangspause einlegen, eine große Herde Karibus wird gleich den Highway kreuzen. Wer will, kann fotografieren.“ Schon schwang die Tür auf die Seite und die ersten Fahrgäste liefen ins Freie. Marc und seine Freunde mit gezückten Fotoapparaten hinterher.
Die ersten Tiere traten vorsichtig aus dem Wald, so als ob sie sich zuerst überzeugen wollten, ob die Straße auch tatsächlich frei war. Drei prächtige Exemplare, eines davon besonders groß mit braunem Fell und heller fast weißer Halskrause betraten die Straße und … blieben stehen. Alle drei besaßen riesige Geweihe mit gewaltigen Schaufeln an den Enden. Bei den Fahrgästen surrte und klickte es ununterbrochen. Was für ein Schauspiel, als auf breiter Front hunderte von Tieren den Wald verließen und den Leittieren folgten. Die setzten sich gemächlich in Bewegung und verschwanden im lichten Wald auf der anderen Seite der Straße. Eine gewaltige Staubwolke hüllte die Tiere ein, ein nicht endend wollender Strom querte den Highway, wahrscheinlich waren es Tausende. Fast alle Fahrgäste waren ausgestiegen, um sich dieses einzigartige Spektakel anzusehen.
Für Marc und seine Freunde sollte dies das einzige Mal bleiben, bei der sie eine solche Anzahl zu Gesicht bekamen. Im weiteren Verlauf der Fahrt trottete eine Braunbärenmutter mit zwei Jungtieren gemächlich über die Fahrbahn, auch hier musste der Bus stoppen, nur durfte dieses Mal keiner der Passagiere den Bus verlassen.
Nach jeder dieser Unterbrechungen stieg der Lautstärkepegel im Bus stark an, gekrönt durch eine Ansage des Busfahrers: „Sehr geehrte Fahrgäste, wollen Sie Wild Life sehen, fahren Sie mit dem Greyhound und Sie sehen jedes Mal Tiere, versprochen!“ Endlich, nach sechs Stunden Fahrzeit erreichten sie ihr Hotel in Watson Lake.
Shonessi
Hier hatten sie einen zusätzlichen Tag Aufenthalt geplant, um sich zu akklimatisieren. Marc jedoch packte noch nicht einmal seine Sachen aus, sondern orderte über die Hotelrezeption einen Mietwagen und fuhr mit diesem ohne sich mit seinen Freunden abzusprechen die fast 100km bis Jade City. Der Ort bestand im Prinzip aus zwei Geschäften, deren einer Produkte aus Jade verkaufte.
Marc stürmte in den ersten, fragte die Verkäuferin zu der von ihm gesuchten Person aus. Die konnte ihm jedoch nicht weiterhelfen. Hoffnungslosigkeit übermannte ihn.
War wohl doch eine Schnapsidee, hierher zu fahren und nach einer Frau zu suchen, von der ich nichts weiß.
Er überlegte nochmals, wie er fragen sollte und machte sich wenig zuversichtlich auf in den zweiten Laden. Am Tresen stand eine ältere Frau, die ihn beim Betreten sogleich freundlich begrüßte.
„Hallo, wie kann ich Ihnen helfen?“
Marc räusperte sich, „ich suche eine junge Frau indigener Abstammung, die aber nicht von hier ist. Haben Sie eine solche Frau hier gesehen?“
Die Frau schaute den jungen Mann verständnislos an. Sie konnte wohl mit dem Ausdruck „indigen“ nichts anfangen, wahrscheinlich falsch übersetzt, dachte er bei sich. So versuchte er es erneut.
„Sorry, ich meine eine junge Frau der First Nations.“
Noch immer reagierte sie nicht, im Gegenteil, misstrauisch fragte sie ihn: „warum suchen Sie diese Frau?“
Marc sah ein, dass er wohl etwas mehr sagen musste, er überlegte und sprach dann leise weiter.
„Sie schwebt in großer Gefahr! Ich muss sie unbedingt warnen, ich will sie schützen. Bitte glauben Sie mir. Haben Sie diese Frau gesehen?“
Die Frau schwieg und blickte Marc lange genau an, seine Augen bettelten um Hilfe.
„Kennen Sie diese Frau?“, wollte sie wissen. Er schüttelte den Kopf.
„Nein, ich habe nur unabsichtlich ein Gespräch belauscht. Und da haben zwei Männer sie bedroht. Ich habe keine Ahnung, wer diese Frau ist, geschweige denn, wie sie aussieht.“
Für die Frau eine unglaubliche Geschichte. Aber warum sollte er lügen? Sie überlegte, lächelte ihn breit an.
„Dann gehen Sie mal da hinten in den rechten Gang zwischen den Regalen, das müsste sie sein.“
Er bedankte sich, wollte noch wissen, ob ihr hier Männer aufgefallen waren, die sich auffällig benahmen und ebenfalls Fragen stellten. Das verneinte sie. Sie meinte nur, bei den vielen Touristen passe sie nicht mehr auf. Er ging schnell in den hinteren Bereich des Ladens und sah vor sich eine zierliche höchstens 165 cm große junge Frau mit glatten langen schwarzen Haaren, die ihr weit über die Schultern, fast bis zur Hüfte fielen. Bekleidet war sie mit einer Jeans und einem eng anliegenden langärmligen dunkelgrünem Sweatshirt. Er verlangsamte seinen Schritt und trat an sie heran.
„Verzeihen Sie bitte, dass ich Sie anspreche …“
Sie drehte sich zu ihm um, Marc konnte seinen Satz nicht mehr zu Ende reden. Er stockte, schluckte. Rehbraune Augen schauten zu ihm auf, ein offenes freundliches Lächeln empfing ihn und er hörte eine glockenhelle Stimme. „Ja bitte, was gibt es denn?“
Noch immer bekam er kein Wort heraus. Wie alt mochte sie sein? Höchstens Anfang zwanzig. Ihn faszinierten diese makellosen ebenmäßigen Gesichtszüge, die schmalen sehr markanten Augenbrauen, eine zierliche wohlgeformte Nase und ein sanft geschwungener Mund. Er konnte kaum glauben, dass vor ihm eine 'Indianerin' stand, sie hätte eher als Model durchgehen können. Die indigene Abstammung war wohl erkennbar.
Was für eine schöne Frau!
„Halloo, was ist, was wollen Sie von mir?“
Das langgezogene 'Hallo' ließ ihn erwachen.
„Entschuldigung, es war nicht meine Absicht, sie so anzustarren. Kennen Sie einen Littlefoot?“
Jetzt bekam sie große Augen. Ihr Lächeln verschwand. Was wollte dieser Mann von ihr, der nach seiner Aussprache kein Kanadier war.
„Ja, das ist mein Vater. Aber woher wissen Sie?“
Sie war es tatsächlich. Er hatte sie gefunden.
„Entschuldigung. Ich habe ein Gespräch belauscht, es ging um eine junge Frau der First Nations, die…“
Er brach ab, wollte nichts Falsches sagen, nichts dramatisieren. Aufmerksam, gespannt wartete sie.
„…die sie, …die sie…“
Marc stockte, sie wurde ungeduldig.
„Was? Nun reden Sie schon!“
„Die wollten Ihnen was antun, hier in Jade City, was weiß ich nicht. Ich habe das Schlimmste befürchtet, wollte das einfach verhindern. Dabei ist auch der Name von Littlefoot gefallen. Deswegen bin ich nach unserer Ankunft in Watson Lake auch sofort losgefahren, um Sie zu suchen.“
Sie schaute ihn an.
Wer ist dieser Mann? Wieso macht er das?
Ihre Blicke begegneten sich, hafteten fest aneinander. Sie fand zuerst zurück zur Sprache.
„Sie kennen mich nicht, warum? Warum bist du hier her gekommen? Was versprichst du dir davon? Was erwartest du von mir?“
Wieder Schweigen, wieder Blickkontakte. Marc zuckte die Schultern.
„Ich habe Sie gefunden, und das freut mich. Muss es denn immer eine Gegenleistung sein?“
Sie senkte den Kopf, „nein, muss es nicht. Danke dafür. Komm mit.“
Sie fasste ihn bei der Hand und rannte mit ihm aus dem Laden zu einem Pickup, der auf der anderen Straßenseite parkte. In ihrer Muttersprache rief sie nach ihrem Bruder, der schnell angelaufen kam.
„Das ist mein Bruder Adam Sand, ich bin Ilene Sand und du bist?“
„Marc Mezger, aus Deutschland, ich mache mit Freunden hier Urlaub.“
Ihr Bruder, deutlich älter, wartete auf Ilene, seine Haltung zeigte ein wesentliches Maß an Skepsis.
„Er will uns warnen. Er hat im Flugzeug nach Vancouver ein Gespräch mitgehört. Es ging dabei um mich…“
Adam Sand klang besorgt, unterbrach sie. „Was hat er mitgehört?“
„Ein Gespräch über meinen Vater und mich“, sie stockte, „man will mich wohl ausschalten.“
„Ausschalten? Wie ausschalten!“
Marc antwortete für Ilene, nicht ohne sie dabei im Auge zu behalten.
„Die Männer im Flugzeug sprachen von einer endgültigen Entscheidung hier in diesem kleinen Ort. Hier und nur hier hätten sie alle Möglichkeiten für eine endgültige Entscheidung. Das hat sich für mich nicht gut angehört.“
Adam Sand beobachtete Marc genau, sah seine Augen, die an seiner Schwester hafteten. Sein Ausdruck wurde finster.
„Und du glaubst ihm einfach so? Du wirst dich nie ändern…“
„Sei still, ja ich glaube ihm! Er hat meinen Vater mit Namen genannt. Woher sollte er das wissen. … Und, mein lieber Bruder, er will mir nur helfen.“
„Helfen? Er will dir helfen. Blödsinn. Er will nur…“
„Es reicht. Schluss! Aus! Nochmal, ich glaube ihm.“
Adam Sand wurde wütend, wandte sich an Marc.
„Warum machen Sie das für uns? Sie kennen uns doch gar nicht. Aus Deutschland? Habt ihr nicht ein paar Millionen Juden auf dem Gewissen?“
Marcs Gesicht rötete sich.
„Ich habe keinen Menschen auf dem Gewissen. Und würde ich so handeln, wie Sie mir gerade unterstellen, wäre ich wohl nicht hier, oder?“
Wütend fauchte Ilene ihren Bruder an.
„Hör sofort auf damit, er will uns nur helfen.“
„So wie er dich anstarrt, kann er auch andere Gründe haben.“
Ilene wurde ruhig, lächelte beide Männer an, fragte leicht provozierend Marc, den sie herausfordernd ansah.
„Vielleicht gefalle ich dir ja, wie heißt du nochmal?“
Marc konnte nur noch stottern, „Ma…arc, äh Marc.“
Gereizt mischte sich ihr Bruder ein.
„Du bist vergeben, vergiss das nicht!“
Sie giftete zurück.
„Nein, bin ich nicht. Was mein Vater ausgehandelt hat, interessiert mich nicht. Ich werde keine Ehe eingehen, die mein Vater will. Ich suche mir einen Mann selbst aus. Und auch du hast mir hier nichts vorzuschreiben, kapiert?“
Marc wies beide Streithähne nochmals auf die drohende Gefahr hin. Adam Sand sprach mit seiner Schwester in einer Sprache, die Marc nicht verstand. Aus der Gestik der beiden konnte er erkennen, dass sie ihm heftig Kontra gab. Adam Sand sagte noch ein Schlusswort, wandte sich von seiner Schwester ab, stieg ohne ein weiteres Wort zu verlieren in seinen Pickup und fuhr los. Seine Schwester ließ er mit offenem Mund stehen. Marc verdrängte für einen Augenblick die bevorstehende Gefahr und freute sich insgeheim.
„Wenn du willst, kannst du mit mir fahren?“
Ihr Zorn verflog, sie lachte Marc an. Dieses Lachen verzauberte ihn vollkommen, er wies mit seiner Hand zu seinem Mietwagen, einem klassischen Jeep Wrangler in der Kombiversion.
„Dann soll das wohl so sein, dass ich mit dir fahre. Was meinst du?“
Marc bestätigte ihre Meinung mit freudigem Gesichtsausdruck. Als sie neben ihm saß, musterte er sie von der Seite.
„Gefalle ich dir?“ Sie ging vollkommen offen mit ihm um, was ihn beträchtlich irritierte. „Bekomme ich noch eine Antwort? Oder machst du einen Rückzieher, redest nicht mehr mit mir?“
Marc gefiel ihre offene Art, so fasste er Mut.
„Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber vorhin in dem Laden. Du hast dich umgedreht und ich war vollkommen geplättet.“
Unverständlich schaute sie ihn an.
„Ah so, ja. Wie sagt man in Englisch? I was struck by lightning? Du gefällst mir, sehr sogar. Ehrlich, so was ist mir bis jetzt noch nicht passiert. Ich bereue keine Sekunde, bin froh, dass ich dich getroffen habe.“
Ihre Antwort kam prompt.
„Ich finde das auch ganz super, was du hier für mich alles machst! Das ist nicht selbstverständlich, überhaupt nicht.“ Sie schaute ihn an. „Du gefällst mir auch, ich mag dich.“
Sie lachte nicht mehr, ernst blieb ihr Gesichtsausdruck. Beide stiegen in das Auto, Marc wollte schnell weg aus dem Ort. Sie fuhren bereits eine halbe Stunde auf dem Highway Richtung Watson Lake, Marc schaute, wie immer, flüchtig in den Rückspiegel, von Deutschland war er es so gewohnt. Nach kurzer Zeit war er sich sicher, sie wurden verfolgt. Ein dunkler geschlossener Transporter fuhr mit gleichem Abstand hinter ihnen her. Über fünfzehn Minuten ging das so, Marc beobachtete den Wagen laufend, nichts änderte sich. Und Adam, der war verschwunden, zumindest außer Sichtweite. Plötzlich beschleunigte der Wagen hinter Ihnen und näherte sich rasend schnell. Als beide Fahrzeuge auf gleicher Höhe waren, zog der Transporter mit einem Mal zu ihrem Jeep herüber. Marc legte eine Vollbremsung hin, so schoss der Wagen an ihnen vorbei und setzte sich direkt vor sie. Marc legte den Rückwärtsgang ein, wendete und fuhr zurück. Er hatte einen Waldweg einige Kilometer zurück abbiegen sehen. Den wollte er nehmen.
Schließlich hatte der Jeep Allradantrieb. Der Transporter hatte ebenfalls gewendet und versuchte, den Anschluss wieder herzustellen. Endlich kam der Waldweg in Sicht. Die Verfolger ahnten wohl sein Vorhaben und versuchten ihn einzuholen. Mit Anlauf preschte Marc in den Waldweg, der sich nach 300m gabelte. Er nahm die rechte Variante, die kurz darauf mit geradlinigem Anstieg steil auf einen Berg führte. Mit dem Allrad kein Problem, jedoch für den Transporter unmöglich zu folgen.
Sie erreichten den Bergkamm, der Weg wurde immer verwachsener und schlechter. Marc fuhr langsam weiter, er wollte ausreichend Abstand zwischen sich und die Verfolger bringen. Auf einem Plateau, welches nur von Gestrüpp bewachsen war, hielten sie schließlich an. Ein befahrbarer Weg war nirgends mehr erkennbar. Marc verließ den Jeep, bahnte sich noch 100m durch das Gelände zu Fuß seinen Weg und kletterte schließlich auf einen großen alles überragenden flachen Felsklotz.
Der Ausblick von hier war umwerfend. Er winkte Ilene zu sich. Direkt um sie herum war das Gelände flach und mit Büschen bewachsen, daraus ragten die verkohlten Stümpfe des ehemaligen Waldes heraus und wiesen auf einen vor drei oder vier Jahren erfolgten Waldbrand hin. Unten im Tal konnte man das silberne Band eines Flusses erahnen. Es war warm, ein kräftiger Wind wehte über die Höhe, so blieben wenigstens die lästigen Moskitos weg.
Ilene rückte bis auf Tuchfühlung zu Marc und schmiegte sich an ihn.
„Marc? Darf ich dich mit du ansprechen?“
„Ja, gerne.“
Er wandte sich ihr zu, sie drehte sich wie ein Wirbelwind lachend von ihm ab. Tänzerisch bewegte sie sich auf dem Felsklotz, bewegte ihre Arme hoch gereckt perfekt zu den Bewegungen ihres Körpers. Fasziniert sah Marc ihr zu. Er musste sich zusammenreißen, entdeckte dann den Weg.
„Sieh mal, da hinten geht der Weg weiter!“
Nur 50m weiter setzte sich der Waldweg fort. Mühsam kämpfte er sich mit dem Jeep durch das Gestrüpp, bis sie den freien Teil wieder erreichten, der sehr felsig und deswegen nicht zugewachsen war. Im kleinsten Gang setzten sie den Weg abwärts über Geröll und kleine Felsstufen fort. Inzwischen war es bereits früh am Abend, als sie die Weggabelung erreichten. Die Sonne war hinter den Bergen versunken, die Dämmerung begann. Als sie wieder auf dem Highway waren wurde Ilene still. Während der ganzen Abfahrt hatte sie noch in einer Tour geplappert. Marc versuchte wieder ins Gespräch zu kommen.
„Weißt du, wo dein Bruder ist? Soll ich dich zu ihm hinfahren?“
Der Gedanke, sie nicht mehr zu sehen und sich verabschieden zu müssen, beschäftigte ihn. Im Stillen hoffte er, dass sie den Aufenthalt ihres Bruders nicht wusste. Und tatsächlich: „Ich habe keine Ahnung, wo mein Bruder steckt. Wir wollten von hier über Nacht durchfahren bis Yellowknife. Mist, ich hab auch nicht viel Geld dabei. Kannst du mir helfen. Ich zahl' s auch bestimmt zurück.“
Erschrocken schaute Marc sie an. Ihre Hoffnung schwand, ging sie doch davon aus, dass ihr Marc kein Geld gibt.
Ich muss ihr helfen. Egal, was es kostet!
„Wie willst du denn nach Yellowknife kommen?“
„Entweder mit dem Greyhound oder mit dem Mietwagen. Mit dem Bus ist es am günstigsten. Aber ich habe nur ganz wenig Geld.“
„Da mach dir mal keine Gedanken.“
Ihr Gesicht hellte sich auf. Sie kamen vor dem Hotel an, zwischenzeitlich war es dunkel geworden.
„Komm mit ins Hotel, ich zahl dir das Zimmer für die Nacht und auch den Bus.“
Sie lächelte ihn an, „Marc, du musst vom Himmel gefallen sein, ich danke dir. Viel kann ich dir nicht geben. Was hältst du von diesem Dankeschön?“ Und flugs hatte er einen Kuss auf seiner Wange.
„Wenn du dich auf diese Art bedankst, mache ich gerne noch mehr für dich.“
„Das glaube ich dir sofort. Du bist auch nicht traurig, wenn ich heute Nacht hier bleiben muss, oder?“
Beiden standen sich vor dem Jeep gegenüber. Marc fasste sie an den Hüften und zog sie an sich. Sie legte ihre Arme um seinen Hals.
„Ilene, ich muss dir was sagen!“
Ein sanftes „Ja…a?“, und erwartungsvolle Blicke trafen ihn bis ins Innerste. „Hört sich jetzt vielleicht ein bisschen dumm an … Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt.“
„Ich finde das nicht dumm. Du glaubst es, oder du weißt es?“
Marc atmete tief durch: „Ich weiß es!“
Bestimmt und klar kam die Aussage. Statt einer Antwort bekam er einen Kuss. Erst nur ganz kurz und auf die Lippen. Beide blickten sich lang und intensiv in die Augen. Marc beugte sich zu ihr, ihr Mund öffnete sich. Er spürte ihre Lippen, fühlte ihre Zunge. Sie war voller Hingabe, leidenschaftlich und gefühlvoll. Das war kein normaler Kuss, sie schienen miteinander zu verschmelzen.
Marc fasste sie an der Hand, ging zur Rezeption, reservierte ein Zimmer und ging mit ihr in den Gastraum. Im Gastraum sah er auch sofort seine beiden Freunde Gerhard und Hartmut. Letzterer sprang auf, als er Marc erblickte und stürzte ihm entgegen.
„Sag mal, wo warst du? Wir wollten schon eine Vermisstenmeldung aufgeben.“
„Leute, ich habe heute so viel erlebt und ich habe mich verliebt! Und das ist sie! Ilene Sand.“
Er zeigte dabei auf Ilene. Gerhard wurde neugierig.
„Verstehe, du hast die Frau aus dem Flugzeug gesucht und wohl auch gefunden.“
„Stimmt genau, sie ist es.“
Marc erzählte beiden seine Erlebnisse auf Englisch, so konnte Ilene dem Gespräch folgen. Hartmut sagte gar nichts, blickte Ilene die ganze Zeit fasziniert an.
Sie setzte sich mit an den Tisch, hatte nur Augen für Marc, nahm Hartmut und Gerhard nur am Rande wahr. Gerhard freute sich sehr für Marc. Hartmut jedoch spürte Neid und Eifersucht in sich aufsteigen.
Kaum ist er wieder fit, hat er schon wieder einen solchen Goldfisch an der Angel, damals Ella und jetzt sie. Die hätte ich gern, sieht noch besser aus als Ella. Wieso immer Marc, was finden die nur an ihm. Der merkt überhaupt nicht, wie er auf Frauen wirkt.
„Marc, danke dass du dich so für mich eingesetzt hast. Wahrscheinlich hast du sogar mein Leben gerettet. Ich bedanke mich auf diese Weise bei dir, ich werde dich ab jetzt 'Lakota' nennen.“
„Aha, und was bedeutet Lakota?“
Sie nahm seine beiden Hände und umschloss sie mit den ihren, dabei blickte sie ihn dermaßen verliebt an, dass ihm die Stimme versagte.
„Lakota heißt 'Freund, der zu mir steht' und mich nennst du bitte ab jetzt auch mit meinem Stammesvornamen …“, sie legte eine bewusste Pause ein. Marc hatte seine Sprache wiedergefunden, war auch sehr neugierig, hatte er doch über die Bedeutung von indianischen Vornamen einiges gelesen.
„Und wie lautet dein Name? Du machst es jetzt aber richtig spannend.“
„Shonessi!“
Marc zog die Augenbrauen hoch.
„Shonessi, was für ein schöner Name. Gibt es dafür auch eine Bedeutung?“
„Ja Lakota, die gibt es, jeder native Name hat seine Bedeutung. Und meiner bedeutet 'Tanz mit dem Wind'. Gefällt er dir?“
„Gefallen? Das ist der schönste Name, den ich je gehört habe. Er passt ganz wunderbar zu dir. Vorhin, auf dem Felsen. Du erinnerst dich? Da hast du getanzt, mit dem Wind. Das möchte ich gerne noch öfter sehen.“ Marc wurde sehr leise, auch er vergaß seine beiden Freunde. „Die Frau, die mit dem Wind tanzt: das war so grazil, so leicht und beschwingt, als wärst du eine Feder. So geschmeidig und anmutig habe ich noch nie eine Frau gesehen. Du bist die schönste Frau, der ich je in meinem Leben begegnet bin.“
„Meinst du das ehrlich? So was hat noch nie jemand zu mir gesagt.“
Ihre braunen Augen leuchteten.
„Ja, und ich habe gerade richtig Schmetterlinge im Bauch.“
Die Umgebung um sie herum versank. Hartmut saß mit offenem Mund am Tisch, bis es aus ihm herausbrach. „Was für ein Gequatsche. Sie macht sich doch nur an dich ran, merkst du das nicht? So ein Gewäsch, bist du besoffen? So redet doch kein Kerl…“
Marc fuhr herum, wie konnte er so dazwischen gehen.
„Bist du neidisch? … Dann pass mal auf: ja, ich bin betrunken – vor Glück, weil ich mich verliebt habe. Wenn es dir nicht gefällt, kannst du ja gehen!“
Marc hatte vor Zorn einen roten Kopf bekommen und war aufgesprungen wie auch Hartmut.
Shonessi blickte mit stechenden Augen zu Hartmut, fasste Marc am Arm, zog ihn mit der einen Hand zu sich, drehte mit der anderen Hand seinen Kopf zu ihr, hauchte ihn an, „lass ihn, er ist dumm und eifersüchtig. Beachte ihn erst gar nicht. Schön waren deine Worte, sie kamen von Herzen, das habe ich gefühlt. Hier“, sie nahm die Hand von Marc, drückte sie auf ihr Herz. Ihr Ton änderte sich, wurde schneidend. „Er nennt sich dein Freund? So verhält sich kein Freund. Er hat es nicht verdient, dein Freund zu sein. … Komm her!“
Dieses 'Komm her' war so verführerisch, dass Marc spontan Hartmut vergaß. Hartmut fielen fast die Augen aus dem Kopf, kreidebleich wurde er im Gesicht, verlor die Fassung nach Shonessis Antwort, musste nach Luft ringen. Vor ihm verschwammen die Bilder, als Shonessi Marc leidenschaftlich küsste.
Gerhard stand auf und zog den widerstrebenden Hartmut mit sich. Marc und Shonessi waren so mit sich selbst beschäftigt, dass sie das nicht wahrnahmen.
Eine weitere Stunde später betrat eine gebieterische Erscheinung den Gastraum. Der Mann war augenscheinlich indigener Abstammung, Anfang dreißig. Seine dunklen, fast schwarzen Haare waren schulterlang mit einem Mittelscheitel. Er trug ein rotkariertes Holzfällerhemd. Aufmerksam blickte er sich im Raum um, ging dann zielstrebig auf die Sitzecke mit Marc und Shonessi zu. Er wollte seinen Augen nicht trauen, so vertraut und sich liebkosend hingen beide aneinander, bemerkten seine Anwesenheit in keiner Weise.
„Stör ich?“ Mit grimmigem Gesicht stellte er diese Frage, eine Antwort nicht erwartend. „Was soll das hier, Shonessi? Komm sofort mit!“
Shonessi legte ihre Stirn in Falten.
„Ich bleibe, Ahmik. Ich liebe Lakota und ich will bei ihm bleiben.“
Marc musste tief Luft holen, erst jetzt erkannte er in dem Fremden den Bruder von Shonessi. Ahmik blickte verdutzt von einem zum anderen.
„Lakota, wieso Lakota?“
„Weil ich ihn Lakota nenne, oder kennst du die Bedeutung des Namens nicht mehr?“
Ahmik verdrehte die Augen.
„Bist du völlig irre. Man droht dir mit Mord und du denkst an so einen Blödsinn!“
„Blödsinn? Das ist kein Blödsinn.“
Sie war aufgesprungen. Seine Bevormundung nervte. Bevor der Streit jedoch eskalierte, griff Marc ein.
„Shonessi, bitte! Dein Bruder hat Recht, du bist in sehr großer Gefahr. Geh mit ihm. Ich halt das nicht aus, wenn dir etwas zustoßen sollte.“
Shonessi wandte sich Marc zu.
„Liebst du mich? Willst du mich wiedersehen, dann sag es! Jetzt!“
Marc nahm ihren Kopf zwischen beide Hände, schaute sie ernst an.
„Ich liebe dich, und ich will dich wiedersehen.“
„Das will ich auch, komm einfach nach Yellowknife, hier ist meine mobile Rufnummer. Wenn du mich dort nicht findest, ich wohne auf Queen Mary Island, in Sunrise City. Hier ist meine Adresse.“
Sie gab ihm eine Karte mit ihrer Adresse und Telefonnummer. Zur Antwort nahm er sie fest in seine Arme und streichelte ihr über die Haare. Ahmik stand die ganze Zeit ohne ein Wort zu sagen daneben. Dann griff er ihre Hand, widerwillig folgte sie ihm aus dem Gastraum.
Zurück blieb Marc. Nachdenklich setzte er sich nochmals an den Tisch, sah aus dem Fenster noch beide mit dem Pickup davonfahren. Er bestellte sich einen Whiskey und versuchte, sein Gedankenchaos zu ordnen. Es gelang ihm nicht, so machte er sich auf den Weg in sein Zimmer. Als er schon die Hälfte der Treppe hinter sich hatte, betraten zwei Männer den Gastraum. Er hielt inne, in seinem tiefsten Innern spürte er Gefahr. Er stand auf dem unteren Absatz der Treppe, als er die beiden hörte. Da erkannte er einen der beiden, es war der jüngere der beiden Männer aus dem Flugzeug. Schnell lief er die Treppe nach oben, um selbst unerkannt zu bleiben.
Die beiden Männer erkundigten sich an der Rezeption nach den Gästen, allerdings mussten sie den Nachtportier massiv bedrohen, um an die entsprechenden Informationen zu gelangen. Dann stürmten sie die Treppe hinauf, traten die Tür von Hartmuts Zimmer ein und rissen den Ahnungslosen aus seinem Tiefschlaf. Mussten dann aber feststellen, dass dieser keine Ähnlichkeit mit dem gesuchten hatte. Wortlos verschwanden sie fluchtartig aus dem Hotel.
Im Transporter rief der Mann aus dem Flugzeug, er nannte sich Fowler, seinen Vorgesetzten an.
„Mr. Baxter, wir waren ganz dicht dran. Aber hier sind sie nicht mehr. Der Typ aus dem Flugzeug hat sich wohl mir ihr aus dem Staub gemacht.“
Eine erzürnte Stimme antwortete am anderen Ende: „wie konnte das passieren. Ich dachte, Sie hatten alles im Griff. Von wem reden Sie? Klartext bitte!“
„Mr. Baxter. Erinnern Sie sich an diesen Mann an dem Zeitungsständer auf dem Flug nach Vancouver? Er muss uns belauscht haben. Ich habe ihn gesehen, als er sich mit Jeep und dieser Indianerin davonmachte, uns nach allen Regeln der Kunst austrickste. Hier in Watson Lake konnte ich ihn auch nicht finden. Wahrscheinlich ist er längst über alle Berge.“
„Mir ist egal, wie Sie das anstellen. Ich will Ergebnisse! Sie haben vier Wochen. Ihre letzte Chance. Nutzen Sie diese.“ Damit war das Gespräch beendet.
„Fahr los. Unser Ziel ist Yellowknife. Vielleicht können wir sie vorher noch abfangen. Der Weg bis dorthin ist lang. Wir müssen auch den roten Pickup von ihrem Bruder beachten.“
Reißende Wasser
Im Hotel, Hartmut völlig aufgelöst, rief um Hilfe. Als erster war Gerhard bei ihm, etwas später kam Marc mit hinzu, der zuerst die eingetretene Tür begutachtete.
Ich denke, das galt mir. Ihr Bruder hatte Recht. Die wollen sie tatsächlich umbringen. Ich muss sie wiedersehen, muss ihr helfen.
Mit diesen Gedanken ging er in das Zimmer hinein. Mit hochrotem Kopf ging Hartmut laut schreiend auf Marc los.
„Du blöder Hund, siehst du, was du angerichtet hast? Wegen dieser Indianerin riskierst du mein Leben? Vielleicht solltest du dich ein bisschen mehr mit uns absprechen. Ich hätte tot sein können, verstehst du das?“
Hartmut war wie von Sinnen. Marc dagegen die Ruhe selbst.
„Wieso, du lebst doch, bist noch nicht einmal verletzt. Und damit du Bescheid weißt: Ich bereue nichts, habe richtig gehandelt. Sie lebt und ist hoffentlich in Sicherheit.“ Sein Gesichtsausdruck verklärte sich. „Ich habe mich verliebt, ja, das habe ich.“ Nach kurzer Pause war er klar und deutlich. „Wenn ihr nicht wollt, dass wir uns hier und jetzt trennen, dann sollten wir uns jetzt vertragen und unsere Tour fortsetzen.“
Jetzt griff auch Gerhard ein, „du machst mit uns die Tour? Das hätte ich nicht gedacht!“
„So schlecht kennt ihr mich? Ich freue mich seit einem halben Jahr auf diese Tour, das lass ich doch nicht einfach so sausen.“
Gerhard umarmte Marc, auch Hartmut hatte sich wieder gefangen. Gerhard sprach beide zufrieden an.
„Das finde ich richtig gut. Und wenn wir unser Ziel erreicht haben, kannst du ja immer noch zu deiner neuen Liebe.“
Am nächsten Tag erkundeten sie die Umgebung und besichtigten den Schilderwald von Watson Lake. Dieser 'Sign Post Forest' ist berühmt für seine über 50.000 Orts- und Wegeschilder aus aller Welt, gesammelt seit 1942 von einem heimwehkranken Soldaten und nach seinem Tode ergänzt durch die Mitbringsel tausender Touristen.
Am Nachmittag stand der Einkauf von weiterer Ausrüstung und Lebensmittel an, insbesondere der Kochutensilien. Am darauffolgenden Morgen wurde das Gepäck, einschließlich der noch verstauten und zerlegten Boote, zum Flugzeug gebracht. Es handelte sich dabei um einen knallroten Hochdecker mit Schwimmern und großem Sternmotor. Zuerst verstauten sie die Boote im Flugzeug, Hartmut und Marc flogen mit. Nachdem die beiden samt Boote abgesetzt waren, folgte Gerhard mit dem restlichen Gepäck. Während des Fluges bemühte sich Marc um Versöhnung.
„Hartmut, ich weiß doch überhaupt nicht, ob ich sie jemals wiedersehen werde. Du hast sie gesehen, sie ist einfach phantastisch.“
Hartmut ging, wenn auch etwas missmutig auf Marcs Gesprächsangebot ein, bekam dabei sogar einen leicht verklärten Zug um den Mund.
„Du hast schon Recht, die hat eine Figur. Unglaublich! Die würde ich gerne mal nackt sehen und dann… ahh.“
Marc hörte es wohl. Früher hatte ihn solches Geschwätz nur bedingt gestört, er hatte einfach nicht hingehört. Er hasste solch abfälliges Gerede, ließ für ihn einfach jegliche Achtung vermissen. Auch von Hartmut hatte er das bereits so oft gehört, dass er ihm keine besondere Bedeutung beimaß. Mit einer Ausnahme, bei Ella hatte er es ihm verboten.
Er musste kurz an Ella denken, seine Traumfrau. Er verliebte sich unsterblich in sie, hatte plötzlich wieder ihr Bild im Kopf, diese langen schokobraunen Haare, ihren spitzen Mund, wenn sie ein bisschen schmollte oder kokettierte und ihre braungrünen Katzenaugen, die ihn so liebevoll ansehen konnten. Von einer Minute auf die andere war alles weg, sie war tot! Nie mehr würde er das wieder genießen können. Alles kam wieder hoch, Tränen.
Unwillkürlich verglich er Ella mit Shonessi. Auf den ersten Blick waren durchaus Ähnlichkeiten feststellbar, insbesondere bezogen auf das Äußere. Beide waren sehr schlank und zierlich, hatten lange glatte Haare. Auf den zweiten Blick war der Unterschied gewaltig: Shonessi war direkter, offenherziger, emotionaler, sagte immer, was sie dachte. Vielleicht nicht so abgeklärt und nicht so gebildet. Ella studierte, Shonessi nicht. Er kannte Shonessi noch nicht gut genug, genau genommen viel zu wenig. Dennoch nahm sie immer mehr von ihm ein.
Hartmut sah das, dachte es ginge um ihn.
„Marc, was ist los mit dir, so schlimm ist es nun auch wieder nicht.“
Marc wiegelte ab, „nein, ist schon okay. Ich musste nur gerade an Ella denken. Entschuldigung, es ist einfach so über mich gekommen.“
Bei Ellas Namen schwieg Hartmut. Er sagte kein Wort mehr. Das sich Marc und Shonessi wiedersehen, während der Reise oder gar hier am South Nahanni war für ihn mehr als unwahrscheinlich, zumal Yellowknife und oder gar Queen Mary Island nicht auf der Reiseroute lagen. Zudem stand jetzt zwei Wochen Wildnis auf dem Fluss an.
Ziel waren die Moose Ponds, die Quellseen des South Nahanni Rivers in den Selwyn Mountains. Marc und Hartmut hatten bereits mit dem Aufbau der Boote begonnen. Beim Eintreffen von Gerhard lagen diese bereits fertig montiert auf dem flachen Kiesstrand. Um die Haut der empfindlichen Faltboote nicht zu verletzen, erfolgte die Beladung im Wasser. Nach einer weiteren Stunde war auch das geschafft.
Marc saß bereits im Boot und machte diverse Übungen, um Fahr- und Trägheitsverhalten kennenzulernen. Vorsichtig legte er das Kajak auf die Kante, stützte sich dabei zuerst mit einer flachen und dann mit einer hohen Paddelstütze ab. Zufrieden paddelte er zu Gerhard und Hartmut. Gerhard schimpfte jetzt schon über ihr Faltboot und mokierte sich über die Schwerfälligkeit des riesigen Kajaks. Um den Tiefgang zu minimieren, wurden die beiden Luftschläuche bis zum Anschlag aufgeblasen. Immerhin brachte das nochmals ein paar Zentimeter an Auftrieb.
Am Ausfluss des Sees war der Wasserstand so niedrig, dass die Boote getreidelt, also mit einer Leine im Wasser gezogen werden mussten. Glücklicherweise hatte der See viele kleine Abflüsse, die sich nach einigen hundert Metern zum eigentlichen Fluss vereinigten. Die Wassertiefe unter dem Kiel war jedoch immer noch recht knapp, so zog Marc es vor, das Kajak noch einige hundert Meter vom Ufer aus zu ziehen.
Die Strömung verstärkte sich jedoch immer mehr. Es gab kein Zurück mehr, er musste in das Kajak, auch auf die Gefahr von Verletzungen der Haut hin. Vorsichtig suchten er und seine Freunde die Ideallinie. Schon nach kurzer Zeit übernahm Marc die Führung, denn er hatte das kleinere und wendigere Boot. Der Abstand betrug ungefähr dreißig Meter zu seinen Freunden im Dickschiff. So bezeichneten er und Gerhard das Boot von Hartmut, weil es einfach riesenhaft war.
Immer wieder liefen kleine Bäche von den seitlichen Bergen zu. Die Wassermenge wurde mehr, der Fluss immer schneller. Die Breite hatte beträchtlich zugenommen. Der Charakter kam einem „sportlichen“ Fluss in den europäischen Alpen sehr nahe. Einfach schnell fließende Schwallstrecken über leicht abfallende Kiesbänke wechselten ab mit geringfügig verblockten Stellen, was so viel bedeutet, dass einzelne Felsbrocken im Gefälle der Strecke lagen, die aber ohne Probleme zu umfahren waren. Immer wieder folgten ruhige Passagen.
Hier, im oberen Bereich, überwog das leichte Wildwasser. So konnten sie sich hervorragend einfahren und bekamen das entsprechende Gefühl für ihre Kajaks.
Der Wasserstand war ideal, das Wetter trübe, aber trocken und die Sicht gut. Der Fluss wurde immer schneller. So meisterten sie am ersten Tag, obwohl sie erst um 01.00 Uhr mittags auf das Wasser kamen, noch fünfundzwanzig Kilometer. Am Spätnachmittag stoppten sie an einer großen flachen Kiesbank. Die Kajaks wurden wiederum im Wasser entladen, die Zelte aufgebaut.
Der erste Abend in unberührter Natur!
Hartmut suchte trockenes Holz, nach einer halben Stunde brannte das Feuer. Am Dreibein hing ein Wasserkessel, der im Lauf der Tour fast schwarz werden sollte. Gerhard hatte sich in ungefähr dreihundert Metern Entfernung auf einer kleinen Halbinsel am Ufer niedergelassen und seine Angel ausgeworfen. Ein großer Kochtopf stand mitten im Feuer. Hartmut bereitete das Kesselgulasch zu.
Marc setzte sich mit einer Tasse Tee auf einen Snag, einen toten Baum, der als Treibgut bei ablaufendem Hochwasser auf der Kiesbank liegengeblieben war. Seine Gedanken kreisten um Shonessi, er konnte ihr Bild einfach nicht aus seinem Kopf bekommen. Sie hatte Ella doch tatsächlich verdrängt. Wie schön sie doch war. Bei ihr stimmte nach Marcs Geschmack einfach alles; sie war von sehr schlanker Gestalt, dabei geschmeidig in ihren Bewegungen. Ihr Lachen verzauberte Marc, ihre braunen Augen zogen ihn in seinen Bann. Ihre langen glatten fast schwarzen Haare reichten ihr weit über die Schulterblätter hinab, glänzten wie Seide. Er hatte ihr Bild vor Augen, als sie sich zu ihm wandte, in diesem Ladengeschäft. Wie sie ihn ansah! Dieses Bild von ihr nahm immer mehr Raum bei ihm ein, wie sehr wünschte er sich, bei ihr zu sein.
Werde ich sie je wiedersehen?
Dunkle Wolken zogen sich am Horizont zusammen und die Moskitos wurden immer lästiger und bissiger. Das Abendessen wurde zur Qual. Geschützt durch Hut und Netz ließ es sich gerade soeben aushalten. Dann fing es an zu regnen. Alle zogen sich in ihre Zelte zurück, der Regen wurde stärker, er trommelte förmlich auf die Zeltplane. Bei Regen konnte Marc immer besonders gut schlafen. An den kommenden zwei Tagen wird der Fluss sie fordern, mehrere schwere Wildwasserpassagen standen an, dabei zwei besonders anspruchsvolle.
Am nächsten Morgen, es regnete immer noch in Strömen. Der Pegel war erheblich gestiegen, die Feuerstelle lag nun direkt am Wasser, am Tag zuvor noch zehn Meter entfernt, was einen halben Meter mehr Wasser bedeutete und das an dieser Stelle, der Fluss war breit und hatte Platz, viel Platz. Hartmut beobachtete prüfend den Fluss, während Gerhard und Marc das Frühstück zubereiteten. Eier mit Speck sollte es geben. Die Vorräte an frischen Sachen, wie Kartoffeln, Eier und Speck reichten für fünf bis sechs Tage. Zwei Stunden nach dem Aufstehen waren sie startbereit. Der Fluss war inzwischen noch weiter angestiegen und die Feuerstelle und Zeltplätze ebenfalls überflutet.
Hartmut stand unschlüssig auf der nur noch schmalen Kiesbank und kratzte sich hinter dem Ohr.
„Oh Mann, oh Mann. Das wird heftig heute. Hoffentlich halten das die Boote aus.“
Marc stellte sich neben ihn, klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Hartmut, was redest du da? Das wird richtig interessant, die Faltboote halten was aus. Früher sind sie nur mit den Dingern gefahren. Euer Dickschiff ist doch bei der Wasserwucht eher von Vorteil.“
Schwierig war das Einsteigen. Direkt am Ufer hatten sie keine Chance. So wählten sie die kleine Halbinsel, auf der Gerhard am Abend zuvor gefischt hatte. Hier hatte sich ein starkes Kehrwasser gebildet, ideal zum Ausfahren in die Strömung.
Marc legte nun sein Kajak zuerst in das fast ruhige Wasser, setzte sich in das Boot und paddelte flussaufwärts steil in die heranbrausende Strömung. Diese nahm das aufgekantete Kajak in Windeseile mit. Mitten auf dem Fluss stützte er nunmehr das Boot und ließ sich ansonsten treiben. Die Fließgeschwindigkeit betrug an die fünfzehn Stundenkilometer, mit steigender Tendenz. Auch Hartmut und Gerhard fuhren ebenfalls sicher in die Strömung ein. Nun hieß es aufpassen und die Kräfte für die Stromschnellen einteilen.
Die leichten Schwallstrecken des Vortages waren verschwunden. Alle Stellen mit leichtem Wildwasser ebenso, der Fluss schoss einfach mit langgezogener kräftiger Wellenbildung darüber hinweg. Aber die schweren Stellen, die hatten es in sich. Der jetzt ungefähr fünfzig Meter breite Fluss verfiel auf die gesamt Strecke in eine lange Dünung, fast wie auf dem Meer. Auch die Biegungen waren relativ einfach zu meistern, indem sie die Innenkurve wählten. Beachten musste sie die vielen Nebenarme, mussten in der Hauptströmung bleiben. Die Geschwindigkeit war inzwischen sehr hoch, Kehrwasser an den Ufern nicht mehr vorhanden. Beide Kajaks knarrten und knirschten, liefen dabei dermaßen gut, dass es ein Genuss war. Die meisten mit Felsen verblockten Passagen waren abgesoffen, der Fluss selbst so breit, dass sie immer einen guten Weg wählen konnten.
Dann wurde der Fluss enger, der schwerste Abschnitt stand bevor, ein sogenannter dreifacher 'Dreier'.
Die Schwierigkeitsgrade beim Wildwasser werden von eins bis sechs gezählt. Eins kann auch noch von ungeübten Fahrern angegangen werden uns ist ungefährlich. Bei ´Sechs´ endet die Zählweise. Sie gilt gemeinhin als unfahrbar. In jüngster Zeit ist die Skala nach oben geöffnet worden, da früher als unfahrbar geltende Passagen befahren wurden. Bei Stufe zwei sind Felsen im Fluss, die von geübten Fahrern leicht umfahren werden können, der befahrbare Weg ist in der Regel gut zu erkennen. Die Stufen drei und vier erfordern sicheres fahrerisches Können. Fünf und sechs gelten als sehr schwer.
Voraus schien der Fluss in einer Waldschlucht zu verschwinden. Die Wellen erreichten Höhen von eineinhalb Metern, immer noch in Form einer langgezogenen Dünung. Es war ein Gefühl, ähnlich wie in einem Fahrstuhl. Ursprünglich wollten sie anlanden und die Stellen erkunden, der reißende Fluss und die Ufer ließen das jedoch in keiner Weise zu.
Marc, der voraus fuhr, erkannte die Gefahr erst sehr spät, in einer Rechtskurve plötzlich das „Inferno“, der erste 'Dreier', der bei diesem Wasserstand zum 'Vierer' mutierte. Im letzten Moment sah Marc linker Hand einen riesigen Felsklotz, groß wie ein kleines Einfamilienhaus, im Wasser liegen. Die Strömung ging knapp drüber. Mit letzter Kraft drückte und zog er sein Kajak knapp rechts vorbei. Neben ihm klaffte ein zwei Meter tiefes Loch mit einer mächtigen Walze dahinter.
Bloß nicht da hineinfahren!
Auch diese passierte er knapp auf der rechten Seite. Er wollte sich umdrehen, nach seinen Freunden sehen, der Fluss erforderte jedoch seine ganze Aufmerksamkeit.
Das Wasser vor ihm wurde zu einem zischenden gurgelnden Etwas, es gab weder eine Ideallinie noch eine erkennbare Durchfahrt. Der zweite 'Dreier' folgte. Fast wäre er an einem Felsbrocken gekentert, krachte mit seinem Boot seitlich dagegen, lautes Knacken signalisierten einen Spantenbruch. Mit letzter Kraft warf er sich mit seinem Körper auf den Felsen und vermied dadurch das Kentern. Die Strömung nahm ihn samt Boot schnell mit. Zum Glück wurde es etwas ruhiger, die Strömung war nach wie vor hoch. Er drehte sich um, hinter ihm sah er das zweite Kajak und den in die Luft gereckten Daumen von Gerhard. Ein altes Sprichwort wurde wahr: die Ruhe folgt vor dem Sturm. Vor ihm schien der Fluss einfach aufzuhören.
Hier gibt es doch keinen Wasserfall?
Marc wurde unruhig, seine Anspannung stieg ins Unermessliche. Die Hände krallten sich um sein Paddel. Das Weiße der Knöchel trat hervor. Als er die Kante erreichte, hielt er den Atem an.
Der dritte 'Dreier', normalerweise ein Parcours mit einem hohen Gefälle und kleineren Verblockungen. Auf den Bildern hatten sie diese Stelle eher als Zweier abgetan. Der Fluss schoss kerzengerade einen Abhang hinunter. Auf eine Länge von vierhundert Metern verteilten sich bei normalem Wasserstand viele kleine Stufen.
Davon keine Spur mehr. Wellen von einem bis eineinhalb Metern, einzelne gar noch höher taten sich in schnellem Wechsel vor ihm auf. Es ging wie auf einer überdimensionalen Rutschbahn mit atemberaubender Geschwindigkeit bergab. Dann stockte Marc der Atem.
Ach du Scheiße, was ist das denn? Eine Monsterwalze!?
Als Wasserwalze bezeichnet man eine spezielle, bei fließenden Gewässern wie Bächen und Flüssen entstehende Strömung des Wassers, die insbesondere bei hohen Gefällen immer wieder zu lebensbedrohlichen Situationen und auch Todesfällen führt. Dabei kommt es an der Wasseroberfläche zur Rückströmung, aus der sich auch ein guter Schwimmer ohne Hilfe nicht befreien kann. Bei entsprechender Wasserwucht dreht man sich praktisch wie in einer Waschmaschine.
Dort wo das Ende der Gefällstrecke war, tobte eine zwei bis drei Meter hohe Wasserwand aus Gischt, Wasserdampf und brechenden Wellen. In diesem Augenblick kämpfte sich die Sonne durch ein Wolkenloch, strahlte das Chaos vor ihm an … und zeigte ihm den Weg. Er paddelte rückwärts, so kräftig es ging und versetzte das Boot so um die notwendigen Meter auf die Seite. Er hatte die Ideallinie, eine Wasserzunge schoss mittig zwischen zwei riesigen Walzen hindurch.
Die Welle am Ende der Zunge erreichte allerdings eine Höhe von über vier Metern, überschlug sich aber nur ein wenig an der Krone. Mit seinem Faltboot schnellte er wie katapultiert empor, um am Kamm in ein tiefes Tal hinab zu rutschen. Konsequent hielt er das Kajak gerade. Der gleiche Vorgang wiederholte sich dann noch dreimal, wobei die Wellen immer niedriger wurden.
Danach verlor sich der Fluss in einem See. Er wendete sich, um seine beiden Freunde zu sehen. In diesem Moment sah er die Spitze des Aerius auf dem Kamm der hohen Welle. Auch sie hatten die Ideallinie. Dann sah er Gerhard. Er hielt das Paddel triumphierend über sich und jauchzte vor Freude. Kurz darauf lagen beide Kajaks friedlich und sanft schaukelnd nebeneinander.
„Na, wie war´s?“
Gerhard flippte fast aus vor Begeisterung.
„Das war das geilste, was ich je gefahren bin. Hammer! Wahnsinn!“
Hartmut war da schon wesentlich sachlicher.
„Da wollen wir mal ehrlich bleiben. Wäre Marc nicht vorgefahren, wären wir in die Walze gekracht. Du hast uns frühzeitig den Weg gezeigt, auch oben, beim ersten Felsen. Eine solche Wasserwucht habe ich noch nie erlebt.“
Sie klatschten sich noch gegenseitig ab und paddelten an das Ufer. Auf der Wiese reparierte Marc notdürftig die gebrochene Spante mit Textilklebeband.
Marc stellte nur lapidar fest, dass der T65 ein wahnsinnig gutes Boot sei und er über diese Wahl froh und glücklich war. Sie packten ihr Kartenmaterial aus und stellten bei der Standortbestimmung fest, dass sie das schlimmste hinter sich hatten.
Bis zu den Island Lakes war es nicht mehr weit. Von dort nur noch eine Tagesreise bis Rabbitkeetle Hot Springs, dem Eingang zum Nahanni National Park. Aufgrund des hohen Wasserstandes hatten sie zwei Tage an einem geschafft und paddelten noch weiter bis Moores Cabin in der Nähe der Island Lakes. Hier wollten sie auch übernachten, da die Ausrüstung von Hartmut und Gerhard zum Teil durchnässt war. Die Spritzdecke hatte es weggerissen. Bis auf die Schlafsäcke, Kleidung und Lebensmittel, denn die waren wasserdicht verpackt.
Die Hütte stand offen, konnte von jedem benutzt werden, wie so häufig bei Hütten in der kanadischen Wildnis. Innen sehr verdreckt und verwahrlost zogen sie es vor in ihren Zelten zu übernachten.
Das Wetter schlug endgültig um, es wurde sonnig und warm und oh Wunder, die Moskitos waren bis auf wenige verschwunden. Das sollte auch bis zum Ende der Tour so bleiben. Der Fluss wurde sehr breit, floss zwar immer noch sehr schnell dahin, so erreichten sie bereits am frühen Nachmittag den Eingang zum Nationalpark.
Hier war ein richtiger Steg mit Ausstieg für Kanuten angelegt. Marc paddelte mit kräftigen Schlägen vorneweg, diesmal dicht gefolgt von seinen Freunden. Auf dem Steg stand eine Person. Marc winkte und rief laut in die Richtung. Die Person winkte zurück, der Stimme nach zu urteilen eine Frau. Marc stoppte abrupt mit seinen Paddelschlägen und rief ein zweites Mal.
Täuschte er sich, oder stand dort tatsächlich Shonessi? Allein der Gedanke an sie verlieh ihm zusätzliche Kräfte. Tief tauchte er das Paddel in das Wasser ein. Mit aller ihm zur Verfügung stehenden Wucht trieb er das Boot nach vorne. Er nahm so mächtig an Fahrt auf, dass seine beiden Freunde schnell zurückfielen. Immer näher kam er dem Steg, er rief ihren Namen. Deutlich erkannte er die Silhouette einer Frau mit langen Haaren. Sein Herz fing an laut zu pochen.
Er merkte, wie Bewegung in die Frau kam, sie rief ihm zu. Er konnte seinen Namen hören. Den Namen, den sie ihm gegeben hatte: „Lakota, Lakootaaa! Hier, hierher.“
Wenige Minuten später legte er an, war in Windeseile aus seinem Kajak heraus. Sie flog ihm geradezu in die Arme. Er küsste und herzte sie dermaßen, dass ein Außenstehender meinen konnte, hier hätten sich zwei Menschen ein Jahr lang nicht gesehen. Aus dem Sturm wurde die Ruhe, mündete in einen leidenschaftlichen Kuss.
Als sie endlich voneinander ließen, war es Marc, der zuerst das Wort ergriff.
„Shonessi? Du hier? Ich dachte, ihr wolltet nach Yellowknife?“
„Wollten wir auch, aber kurz vor Fort Liard haben sie uns dann aufgelauert. Wir konnten gerade noch entkommen. Ahmik hat einen Freund hier im Nationalpark.“
„Das war Schicksal, hilfst du mir beim Ausladen?“
Sie lachte ihn an, „ich habe so gehofft, dass du kommst. Ich wusste ja, dass ihr auf dem Fluss seid. Nur unser Freund sagte, dass der Fluss wegen Hochwasser gesperrt ist. … Egal, du bist da. Ich bin mir auch sicher, das sollte so sein.“
Sie schauten sich beide verliebt an. Hartmut und Gerhard hatten derweil ebenfalls angelegt. Shonessi lief mit der ersten Gepäckladung sofort los, nachdem sie seine beiden Freunde kurz begrüßt hatte. Hartmut starrte ihr nur hinterher, Marc beobachtete ihn dabei genau. Er musste an die letzten Gespräche mit ihm denken.
„Hartmut, was ist los? Willst du mir was sagen?“
Mit nicht nachvollziehbarem Gesichtsausdruck schleuderte er Marc eine Antwort entgegen, die ihn sprachlos machte.
„Kannst mich ja auch mal ran lassen, die macht mich richtig an!“
Gerhard mischte sich sofort ein.
„Hartmut, was soll das? Spinnst du? Sie ist die Freundin von Marc. Du bist sein Freund, vergiss das bitte nicht.“
Verächtlich lachte Hartmut, „Freundin? Nach einem Tag, das ich nicht lache. Die schmeißt sich doch an jeden ran und macht die Beine breit.“
Empört reagierte Gerhard: „Was redest du da? Woher willst du das denn wissen, du hast bisher kein Wort mit ihr gesprochen.“
„Hast du ihren Auftritt in Watson Lake vergessen, ich nicht!“
Marc konnte der Unterhaltung nur sprachlos folgen. Bis zu diesem Punkt. Er packte Hartmut am Kragen, seine Stimme nahm einen bedrohlichen Unterton an.
„Dann pass mal auf, mein Freund! Solltest du Shonessi auch nur ein bisschen zu nahe kommen, bekommst du Ärger. Verstanden?“
Hartmut blieb bei seiner Linie, er fasste Marc am Arm.
„Marc, wach auf! Das ist nur 'ne kleine Nutte, und genauso solltest du sie auch behandeln. Sie will nur an dein Geld …“
Marc stieß Hartmut zurück.
„Du hast ihre Küsse nicht gespürt und ihre Blicke nicht gesehen. Wie kannst du so etwas behaupten. Lass mich bloß in Ruhe mit deinem dummen Gerede. Ich habe es satt, bis hier!“
Er machte dabei eine Handbewegung zur Unterstützung dieser Aussage. Er drehte sich um und stand Shonessi gegenüber, sie hatte zwar alles mitbekommen, verstand jedoch kein Deutsch. An der Heftigkeit und den Reaktionen konnte sie sich aber einiges zusammenreimen, wollte es dennoch genau wissen.
„Was hat er über mich gesagt?“
Marc nahm kein Blatt vor den Mund, er war stinksauer.
„Mein sogenannter Freund möchte dich gerne flachlegen und meint, dass du jeden ranlässt. Außerdem bist du nur auf mein Geld aus.“
„Hast du denn welches, ist ja interessant. Warum erfahre ich das erst jetzt? Dann hätte ich ganz anders reagieren können.“
Sie wartete die Antwort von Marc nicht ab, sondern ging direkt auf Hartmut zu. Ihr sonst fast immer vorhandenes Lachen war verschwunden.
„Ich weiß, dass Marc nicht alles gesagt hat. Und merk dir das eine. Du wirst mich niemals bekommen. Um nichts in der Welt, nicht in diesem Leben. Kapiert?!“, wandte sich wieder Marc zu und flüsterte ihm mit vorgehaltener Hand ins Ohr. Sein Gesicht nahm dabei eine leicht rötliche Färbung an.
Ein heißes Bad
Shonessi nahm Marc an die Hand und ging mit ihm den Weg hoch zum Hauptquartier des Parks, einem modernen Holzhaus mit kanadischer Flagge. Gerhard und Hartmut folgten, nachdem sie ihr Boot entladen und auf festem Boden abgelegt hatten.
Im Raum befand sich ein Tresen, davor stand Ahmik, vertieft in ein Gespräch mit dem Parkaufseher. Als Shonessi und Marc den Raum betraten und Ahmik ihn erblickte, wurde er blass, in gereiztem Ton stellte er die Frage an Marc.
„Wie kommst du hierher?“
Marc hörte sehr wohl den Unterton in seiner Stimme und erwiderte deswegen auch etwas provozierend, „das ist doch nicht so schwer zu erraten: mit dem Kajak. Aber das wolltest du wahrscheinlich nicht wissen. Shonessi und mich hat das Schicksal zusammengeführt.“
Zur Unterstützung seiner Worte legte er seinen Arm um Shonessi, die ihn verliebt anblickte. Ahmik wollte schon ansetzen, als der Parkaufseher das Wort ergriff.
„Wie bist du hierhergekommen? Habe ich das richtig verstanden, mit dem Kajak?“
In diesem Augenblick betraten auch Gerhard und Hartmut den Raum. Überrascht bemerkte er, „oh, nochmal zwei. Gehört ihr zusammen?“
Hartmut deutete dabei auf Shonessi. „Sie nicht, wir drei ja.“
Marc übernahm mit einem Kopfschütteln das Gespräch, drängte Hartmut auf die Seite, zumal er das wesentlich bessere Englisch sprach.
„Wir drei“, er deutete dabei auf Hartmut, Gerhard und sich, „sind mit dem Kajak hier gerade eingetroffen. Shonessi habe ich in …“
Der Parkaufseher bekam große Augen: „Mit dem Kajak? Seid ihr verrückt? Wie seid ihr durch die Waldschlucht gekommen? Die ist jetzt lebensgefährlich und für Kanus gesperrt.“
Marc schilderte kurz ihre Fahrt durch die Waldschlucht, in Shonessis Augen konnten Gerhard und Hartmut Bewunderung erkennen. Der Parkaufseher verließ seinen Tresen und schüttelte allen die Hände.
„Wie ist dein Name? Ihr habt es drauf. Super!“, wandte sich direkt an Marc, „du scheinst Shonessi ja gut zu kennen?“
„Nenn mich Marc, und das sind Gerhard und Hartmut. Ja, Shonessi und ich haben uns in Jade City kennengelernt.“
Shonessi lachte, „ich habe ihm einen neuen Namen gegeben – Lakota!“
Der Parkaufseher fasste Marc an die Schulter und meinte anerkennend, „das ist eine große Ehre für einen …, woher kommst du?“
„Deutschland.“
„Na, dann, willkommen in meinem Park. Und wie gesagt, das ist eine sehr große Ehre. Wann wollt ihr weiter?“
Marc drückte Shonessi an sich. Stolz blickte er um sich.
„Also, hat das nun jeder verstanden? Ab heute ist mein Name hier in Kanada – Lakota. Gefällt mir auch sehr gut!“
Weder Ahmik noch Hartmut konnten sich damit anfreunden. Einzig Gerhard fand das in Ordnung.
Marc und Gerhard bemerkten gegenüber dem Parkaufseher, dass sie auf jeden Fall einen Tag hier bleiben wollten, um die heißen Quellen kennenzulernen. Ahmik witterte seine Chance.
„Wir brechen sofort auf…“
Vehement fuhr Shonessi ihrem Bruder in die Parade.
„Nein, Ahmik, dann fährst du ohne mich weiter. Ich bleibe mit Lakota hier und werde mit ihm die heißen Quellen besuchen.“ Mit einem Augenaufschlag, der Hartmut schlucken ließ und Ahmik erzürnte, beendete sie den Satz, „und ein gemeinsames Bad nehmen, das er nie vergessen wird.“
„Das geht nicht, wir müssen weiter! Du schwebst in Lebensgefahr …, das weißt du genau. Außerdem will ich hier nicht alle in Gefahr bringen.“
Shonessi beeindruckte das in keinster Weise, „und wie willst du weiter, zu Fuß? Das Flugzeug kommt erst in zwei Tagen.“ Sie blickte ihn unwillig an. „Gib es zu, du willst mich nur von Lakota trennen. Ich sehe es dir an. Bevor du weitere Vorschläge machst, du kannst nicht mit dem Kanu fahren, das haben wir beide nie gelernt.“
„Was redest du da, ich bin auf dem Meer gefahren! Mit dem Kanu …“, empört klang seine Stimme. Shonessi ließ sich nicht beeindrucken, konterte sofort.
„Das hier ist ein Fluss mit Hochwasser. Du hast hiervon keine Ahnung! Null!“
Der Parkaufseher unterstützte Shonessi.
„Ahmik, ich muss ihr zustimmen. Der Wasserstand ist viel zu gefährlich…, ja auch auf den unteren Abschnitten. Ich sehe da aber eine Möglichkeit, ihr drei seid doch sehr gute Kanuten. Ich habe hier noch ein Kanu, könnt ihr auch mit dem Stechpaddel umgehen?“
Alle drei nickten, Gerhard bestärkte noch, „Marc kommt sogar vom Kanu her, der ist mit dem Zweier schweres Wildwasser gefahren und hat immer auch mal nicht so gute Fahrer dabei gehabt. Wir beide dagegen sind eher Kajakfahrer, also mit dem Doppelpaddel stark.“
Marc sah die Chance für sich und Shonessi.
„Stimmt, Gerhard. Ich mach euch folgenden Vorschlag: ich nehme das Kanu, Shonessi fährt bei mir mit. Wenn wir am Ziel ankommen, kann sie alles. Ich bringe es ihr bei. Hartmut, du fährst mit Ahmik im Aerius und Gerhard nimmt meinen T65.“
„Moment! Der Aerius ist noch immer mein Boot. Ich bestimme allein, wer damit fährt. Shonessi kann ja bei mir mitfahren…“
Shonessi löste sich von Marc, war mit zwei Schritten bei Hartmut. Obgleich einen ganzen Kopf kleiner, baute sie sich bedrohlich vor ihm auf, fauchte ihn an.
„Träum weiter! Niemals werde ich zu dir in dein Boot steigen. Vorher schwimme ich den South Nahanni hinunter. Hast du meine Worte von vorhin schon vergessen. Komm mir nicht zu nahe!“
Gerhard versuchte einzulenken.
„Klar, Hartmut, über dein Boot kannst du bestimmen. Über sonst nichts. Dann nehme ich eben den T65 von Marc. … Und wenn du dich nicht sofort hier und jetzt einkriegst, dann trennen wir uns. Dann such dir deinen Weg alleine. Ich habe keinen Bock mehr auf deine Launen. Lass endlich deine dummen Anspielungen, lass Marc und Shonessi in Ruhe! Akzeptiere das endlich, je früher desto besser. Am besten wir schlafen alle eine Nacht darüber, besuchen morgen die Quellen und entscheiden dann, wie es weitergeht.“
Am nächsten Morgen, sehr früh gegen 07.00 Uhr schreckte Marc hoch. Der Reißverschluss zu seinem Zelt wurde aufgezogen. Shonessi hatte sich vorgenommen, vor allen anderen bei den heißen Quellen zu sein.
„Komm, beeil dich. Wir brechen auf. Ich will da nur mit dir hin, hast du was zu essen. Ich hab nichts dabei?“
Marc war sofort hellwach, zog sich an, packte noch schnell etwas Essbares zusammen. Dann zogen beide los zu den Tuffsteinterrassen mit den heißen Quellen. Mit 27m Höhe und 70m Breite sind die Quellen die größten ihrer Art in Kanada, dabei schwer zugänglich. Die sieben Kilometer lange Wegstrecke meisterten sie in eineinhalb Stunden. Als sie die Tuffterrassen erreichten, bot sich ihnen ein großartiger Ausblick.
Der Tuffstein selbst war durch das kalkhaltige Wasser verfärbt, schimmerte in der Sonne von weiß bis orange. Unter ihnen im Tal zog der breite South Nahanni seine Bahn, Kiesbänke, Nebenarme und Inseln waren immer noch verschwunden. Der Fluss hatte eine braun-gelbliche Färbung. Hochwasser eben.
Shonessi war bereits einige Meter weitergelaufen und winkte Marc zu. Sie kletterten weiter hinauf, unter ihnen lagen jetzt die Terrassen in den einzelnen Stufen. Was für ein Anblick, das Wasser leuchtete in den Farben blau, türkis, grün und gelb, war dabei glasklar. Ganz am Rand entdeckten sie einen kleinen Pool, wie geschaffen für sie. Das Wasser war hier nicht ganz so heiß, so um die 33-35°.
Ohne Marc zu fragen, entledigte sich Shonessi ihrer Kleidung und stieg ins Wasser. Marc stand einfach nur da und schaute sie fasziniert an. Sie lachte, winkte ihm zu.
„Lakota, was ist los mit dir? Auf was wartest du? Willst du nicht auch ins Wasser kommen? Es ist herrlich.“
Marc machte es Shonessi nach und setzte sich dicht neben sie. Nur ihre Köpfe ragten aus dem Wasser. Sie wandte sich ihm zu, setzte sich auf ihn, legte ihre Arme um seinen Hals und gab ihm einen flüchtigen Kuss. In dieser Umgebung, allein mit ihr in weiter Wildnis, konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Er zog sie fest an sich, küsste sie leidenschaftlich, fühlte eine unendliche Glückseligkeit. Er küsste ihre kleinen festen Brüste, spürte ihren Schoß. Sie gab sich ihm hin, genoss jede einzelne Sekunde.
„So schön war es noch nie.“ Marc schwieg, fühlte gleich.
Das Wasser schlug kleine Wellen und klatschte gegen den Tuffsteinrand.
Eng umschlungen lagen sie im warmen Wasser. Er streichelte ihre Haare, blickte sie verliebt an.
„Shonessi, was wird jetzt aus uns? Okay, wir fahren gemeinsam den South Nahanni hinunter. Aber irgendwann kommen wir an, und dann?“
„Was möchtest du denn? Mit mir zusammen sein? Ich will das, mit dir zusammen sein!“
Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich.
„Ahmik lehnt dich ab. Mein Vater wird es wahrscheinlich auch. … Und mein zukünftiger Möchtegern-Ehemann wird dich als Feind sehen.“, sie blickte ihm direkt in die Augen, „das wird sehr schwer, ich weiß nicht.“
„Aber ich weiß es. Shonessi, ich liebe dich und ich will mit dir zusammen sein. Ich bin unendlich glücklich, dass wir beide uns hier begegnet sind. Und gerade eben, das war einfach unglaublich. So habe ich es noch nie erlebt.“
„Hast du denn keine Freundin? Oder gar eine Frau?“
„Ich hatte eine Frau, sie ist bei einem Autounfall tödlich verunglückt“, er blickte sie ernst an, „aber das ist lange her, jetzt zählst nur du für mich. Wenn es hier in Kanada für dich nicht möglich ist, mit mir zu leben, … dann kommst du eben mit nach Deutschland.“
„Nach Deutschland? Ich kann ja noch nicht mal eure Sprache…“
„Die kann man lernen.“
„Ich kenn auch nicht euer Essen, Sauerkraut zum Beispiel…“
„Du kannst essen, was du magst. Bei uns gibt es alles.“
„Und die Menschen, wenn die alle so sind, wie dein Freund…“
„Gerhard ist nicht so. Auch bei uns sind die Menschen unterschiedlich, wie hier!“
„Ach Lakota, ich weiß nicht…“
„Lass uns bitte zusammen bleiben, ich bleibe auch hier in Kanada. Die Sprache kann ich ja schon.“
Er versuchte zu lächeln, war aber eher gequält. Sie schaute ihn lange an, sprach kein Wort, stieg aus dem Pool, zeigte ihm den Rücken. Langsam kletterte sie zum Tuffrand, stellte sich breitbeinig auf den Stein, hob ihre Arme in den Himmel und begann zu singen. Für Marc in einer unverständlichen Sprache. Nachdem sie geendet hatte, verharrte sie einen Augenblick in dieser Position, drehte sich dann unvermittelt um, hob ihre Arme erneut in den Himmel, legte ihren Kopf in den Nacken und fiel in den gleichen Singsang. Brach plötzlich und unvermittelt ab, ließ sich nach vorne in den Pool fallen.
Prustend tauchte sie vor Marc auf, der wortlos zugeschaut hatte. Eine magische Ausstrahlung war von ihr ausgegangen. Sie umklammerte seine Knie, zog sich zu ihm hoch, bis sie in Augenhöhe mit ihm war, legte ihre Arme um seinen Hals. Und wieder spürte er ihre Lippen. Sie beugte sich zurück, drückte den Rücken durch, schnellte nach hinten in das Wasser, versank. Als sie auftauchte, hingen ihr die nassen Haare wild ins Gesicht.
„Lakota, ich liebe dich und ich bleibe bei dir. Egal wo in dieser Welt!“
Marc erhob sich, umfasste sie sanft und legte sie vorsichtig auf dem blanken Tuff oberhalb des Pools ab. Das warme Wasser und die Sonne ließ beide nicht abkühlen. Es vergingen die Stunden und es wurde Mittag. Schnell aßen sie das mitgebrachte von Marc, zogen sich an und machten sich auf den Rückweg.
Einige Stufen abwärts trafen sie auf Gerhard und Hartmut. Marc spürte deutlich die Spannung zwischen Hartmut und Shonessi. Gerhard verwickelte Shonessi in ein Gespräch, während Hartmut und Marc schweigend hintereinander marschierten. Nach einer Stunde, sie waren kurz vor dem Hauptquartier, konnte sich Hartmut nicht mehr zurückhalten.
„Na, hattet ihr ordentlich Spaß miteinander? Wie oft hast du sie gefickt…“
Marc drehte sich zu Hartmut um und schlug ohne Vorwarnung zu. Hartmut ging sofort zu Boden, bevor er sich wieder aufgerappelt hatte, ging Gerhard dazwischen.
„Ich hab nur Spaß gemacht, du Idiot. Gleich zuschlagen, das war völlig harmlos.“
„So, war es das? Der Ton macht die Musik. Du hast Shonessi und mich beleidigt. Zumindest weiß ich jetzt, was ich machen werde.“
„Was hast du vor?“
„Wartet es beide einfach ab.“
Marc ging zu Shonessi, beide kamen als erste beim Hauptquartier an. Der Himmel hatte sich wieder bewölkt und es begann erneut zu regnen. Unter einer großen Plane, die sie zwischen die Bäume gespannt hatten, saßen sie am Feuer, das nicht zu groß sein durfte, da es unterhalb der Plane lag. Der Parkaufseher, Ahmik, Shonessi, Marc, Gerhard und Hartmut beratschlagten über die weitere Vorgehensweise. Marc hörte sich alles einige Zeit an, dann unterbrach er.
„Ich für meinen Teil klinke mich hiermit aus. Hartmut, dein Verhalten heute hat mir die Augen geöffnet. Ich dulde in keiner Weise deine Beleidigungen gegenüber Shonessi. Ich will dich nicht mehr bei mir haben…“
Shonessi fiel Marc ins Wort.
„Das gleiche gilt für mich, auch ich steige aus. Lakota und ich setzen gemeinsam unsere Fahrt fort. Wir nehmen das Kanu.“ Sie wandte sich Marc zu, ergriff seine Hände, „ich bin mir sicher, dass du mich heil ans Ziel bringst.“
Ahmik hatte bis jetzt geschwiegen. Er sah erst seine Schwester an, dann Marc. Mit Resignation in der Stimme akzeptierte er ihre Meinung, obwohl längst nicht überzeugt.
„Dann brauchst du mich ja nicht mehr. Ich warte Morgen auf das Flugzeug und gehe nach Fort Liard. Dort erwarte ich euch. Was wollt ihr dann machen?“
„Das erfährst du früh genug. Wir beide bleiben auf jeden Fall zusammen. Das habe ich Lakota geschworen!“
Das war es also, was Shonessi am Pool gemacht hatte, ein Schwur. Mit Bewunderung schaute er sie an, drückte zur Bestätigung ihre Hände.
Gerhard und Hartmut sagten beide nichts. Für Gerhard brach die Traumreise auseinander. Hartmut erkannte er nicht wieder und Marc hatte sich entschieden.
„Marc, wenn du nichts dagegen hast, würde ich gerne bei euch bleiben, nehme deinen T65. Ich verspreche euch auch, ich werde euch nicht zur Last fallen.“
Marc brauchte nicht zu antworten, das übernahm Shonessi.
„Du darfst gerne mitfahren, du störst auch nicht. Ich freue mich, wenn du dabei bist.“
Hartmut senkte die Augen. Mit verbissener Stimme antwortete er in Deutsch, „dann ist es wohl entschieden. Auch ich fliege mit dem Flugzeug zurück. Gratuliere Marc, deine kleine Hure hat unseren Traum kaputtgemacht. Du bist ihr ja vollkommen verfallen. Sie hat dich regelrecht verhext. Ich habe gedacht, Freundschaft zählt mehr bei dir. Da habe ich mich wohl in dir getäuscht. Erst hast du mir Ella weggenommen und jetzt wirfst du unsere Freundschaft wegen einer 'Indianerin' weg. Ich verachte dich.“ Er sprach das so abfällig aus, dass der Begriff Indianerin in höchstem Maße abwertend zu verstehen war.
Dann holte er zu einem Rundumschlag aus, Marc stand bereits mit geballten Fäusten, nahm eine bedrohliche Haltung ein. Allein Gerhard hielt ihn zurück.
„Gerhard, auch du bist ein Verräter und fällst mir in den Rücken. Bin ja gespannt, was du deiner Frau und deinen beiden Kindern zuhause erzählst. Ihr beide seid für mich gestorben, endgültig!“
Er stand auf und ging in sein Zelt.
In letzter Minute
Am nächsten Morgen, vor Sonnenaufgang. Shonessis erster Weg galt Marc, seinem Zelt. Sie zog leise den Reißverschluss auf, schlüpfte zu dem schlaftrunkenen Marc in den Schlafsack. Langsam kam er zu sich.
„Shonessi.“
„Ja…a. Kann ich bleiben … oder soll ich wieder gehen?“
Er war hellwach: „Bleiben! Ich würde mir wünschen, jeden Morgen von dir geweckt zu werden.“
Sie lachte ihn an: „Dann sei still und genieße.“
Ahmik hatte ihr Davonschleichen beobachtet, ging ihr nach und sah, wie sie in das Zelt schlüpfte. Langsam erfasste er die Wirklichkeit, wollte es nur noch nicht wahrhaben. Niemals würde er seine Schwester, die zehn Jahre jünger war als er, verletzen. Weit entfernt war sein Verständnis für ihr Verhalten in den letzten Jahren. Das galt insbesondere für ihre Liebesverhältnisse, am Anfang euphorisch, nach einer gewissen Zeit, mal länger, mal kürzer, dann stark nachlassend. Er hielt ihr ihre Jugend zugute, gerade mal dreiundzwanzig Jahre war sie alt. Zeit für Erfahrungen. Bisher nicht nur der große Bruder, immer auch der Beschützer mit einem äußerst wachsamen Auge. Zugegeben hätte er es nie, seine Schwester war für ihn der wichtigste Mensch in seinem Leben, er liebte sie über alles.
Nun dieser Deutsche! Shonessi verhielt sich anders. Sicher bemerkte er auch hier diese Euphorie, doch verhaltener. Er fühlte eine innere Stärke, eine Kraft in ihr, die er so noch nicht gesehen hatte. Diesen Deutschen konnte er nicht einschätzen, sicher nur eine Urlaubsromanze. So hoffte er insgeheim. Die Fakten sprachen dagegen, er hatte sie beide vor einem vielleicht tödlichen Anschlag bewahrt, hatte ohne eine Spur zu zweifeln sofort für sie Partei ergriffen. Warum? Er tat sich schwer einzugestehen, dass hier auch Liebe mit im Spiel war. Die Zivilcourage rechnete er ihm hoch an.
Er und der Parkaufseher hielten sich noch im Headquarter auf, als plötzlich das Funkgerät ansprang. Ein Krächzen und unverständliche Wortfetzen waren zu hören. Der Parkaufseher nahm das Gerät in die Hand, um das Flugzeug anzufunken, lächelte Ahmik an.
„Little Bear ist der Pilot, auf den kannst du dich verlassen. Er wird dich sicher nach Fort Liard bringen.“
Sie konnten die Stimmen im Flugzeug hören, anfangs unverständlich, dann immer deutlicher. Little Bear hatte unbemerkt das Funkgerät eingeschaltet.
„Wir sind normale Touristen, hören Sie zu!“ Eine unverständliche Antwort war zu vernehmen. Dafür wurde die andere Stimme laut und deutlich: „Schnauze halten! Keine Warnung an den Parkaufseher, oder Sie sind tot, verstanden?“
Die Antwort des Piloten klang gereizt: „dann erschießen Sie mich doch, ich denke, ihr überlebt das auch nicht.“
Ein ohrenbetäubendes Heulen schallte durch das Funkgerät.
„Da stimmt was nicht, wir bekommen ungebetenen Besuch.“
Ahmik rannte, ohne die Antwort abzuwarten aus dem Haus zu den Zelten, nahm einen blechernen Kochtopf und trommelte mit einem großen Schöpflöffel darauf herum. Seine Bedenken waren wie weg geblasen. Alle schreckten in ihren Zelten auf.
„Raus mit euch, alle! Wir sind entdeckt, in zwanzig Minuten sind unsere Verfolger mit dem Flugzeug hier.“
Marc war mit einem Hechtsprung aus dem Zelt. Er ergriff sofort die Initiative.
„Gerhart, Hartmut, schmeißt alles einfach in die Boote. Shonessi, reiß das Zelt ab. Schnell, wir dürfen keine Zeit verlieren. In zehn Minuten ist Abfahrt. Hartmut, Ahmik, ihr nehmt zusammen den Aerius. Gerhard, du den T65. Nimm unser ganzes Gepäck mit. Shonessi und ich machen das Kanu flott.“
Im Laufschritt rannte der Parkaufseher mit zwei Stechpaddeln und Schwimmwesten an ihnen vorbei.
„Folgt mir, schnell.“
Shonessi hatte nicht viel an, nur Slip und T-Shirt, ebenso Marc nur seine Sporthose und ebenfalls ein T-Shirt. Er packte seinen großen Rucksack, stopfte alle losen Kleidungsstücke so gut es ging hinein. Shonessi trug ihre Kleidung unter dem Arm, warf sie lose in das Kanu, sprang hinein. Marc setzte sich hinten auf das Brett, der Parkaufseher gab ihnen einen Stoß, schon waren sie auf dem Wasser. Die Strömung packte sie sofort, fast wären sie gekentert. Marc rief Shonessi nach vorne zu:
„Das ist kein Kochlöffel, sondern ein Paddel, umfass den Griff oben. Schau her zu mir, ich zeig´s dir.“ Er zeigte ihr kurz, wie man ein Paddel hält und einsetzt. „Du paddelst rechts, ich links. Und wichtig: keine Wechsel. Du bleibst auf deiner Seite. So nun eintauchen, das ganze Blatt. Und durchziehen.“
Die zierliche Shonessi setzte alle ihre Kräfte ein. Marc war zufrieden, er wendete das Kanu gegen die Strömung, dass es flussaufwärts zeigte. So überquerten sie ohne Probleme den Fluss. Kurz vor Erreichen des Ufers wendete er wieder und ließ sich abwärts treiben. Die Strömung war zwar schnell, jedoch ohne Hindernisse. Schnell näherten sich auch die beiden anderen Kajaks. Sie hörten bereits ein Brummen, Motorengeräusch. Sie mussten an Land.
Das Glück stand ihnen zur Seite, am rechten Ufer lag ein mächtiger Felsklotz im Wasser. Marc zeigte auf den Felsen, die anderen verstanden. Gerhard zog an Marcs Kanu vorbei, um als erster in das Kehrwasser hinter dem Felsen einzufahren.
„Shonessi, pass genau auf Gerhard auf, wie er das Blatt ins Wasser setzt, du machst es genauso. Hör auf mein Kommando, Wenn ich sage 'jetzt' – setzt du das Paddel ein.“
Marc steuerte den Felsen knapp an, gab das Kommando.
„Jetzt!“
Sie hielt das Paddel über den Kopf mit dem flachen Blatt ins Wasser. Nur der Druck war nicht da. Marc war mit Absicht sehr dicht an den Felsen herangefahren, mit allen Risiken, wechselte die Seite und drückte das Kanu ins Kehrwasser. Auch saß er nicht mehr auf dem Brett, sondern kniete im Boot, um es entsprechend aufzukanten. Shonessi legte sich instinktiv ebenfalls auf die richtige Seite. Gerhard zog bereits ein Boot auf das Ufer. Innerhalb kurzer Zeit waren alle drei an Land. Sie versteckten die Boote im Gebüsch.
Nur wenige Minuten später donnerte ein Wasserflugzeug über sie hinweg. Sie hatten es geschafft, in letzter Minute.
Freund oder Feind
„Hier können wir nicht bleiben, vollkommen ungeeignet für eine Übernachtung.“ Gerhard schüttelte den Kopf.
Marc verstand ihn nicht, „wieso denn? Immer noch besser, als abgeschossen zu werden. Was ist denn so schlimm hier?“
Gerhard schaute Marc mitleidig an, suchte gleichzeitig Rat bei Ahmik.
„Ahmik, du bist ein Einheimischer, deine Meinung ist mir wichtig. Geht doch mal alle nach dort hinten und überzeugt euch selbst!“
Ahmik machte eine kurze Kopfbewegung zu Marc. Hartmut reagierte nicht, hielt sich abseits. Seine Augen hafteten jedoch an Shonessi, die ebenfalls zurückblieb. Marc bekam das mit, sprach ihn direkt an.
„Rühr sie nicht an, verstanden! Das überlebst du nicht.“
Erbost reagierte Hartmut, „du kannst mir nicht drohen, du bist doch nur ein Weichei, heulst wie ein Hund, wenn es dir schlecht geht.“
Er dachte wohl, er könnte bei Shonessi punkten, weit gefehlt. Sie fuhr ihn an.
„Viel besser, als keine Gefühle zu zeigen. Mit deinem Machogehabe bleib weg von mir. Lass mich in Ruhe. Vielleicht hast du vor Lakota keine Angst, die musst du aber vor meinem Bruder haben.“
Shonessi hatte inzwischen ihre Kleidung angelegt, hielt ihr Fahrtenmesser bereit. Genau beobachtete sie Hartmut.
Der Wald war dicht verwachsen. Gestrüpp, teilweise mit Stacheln oder Dornen behinderten sie beim Gehen. Gerhard ging als erster über einen kaum erkennbaren Pfad.
„Menschen?“ Gerhard stellte die Frage an Ahmik.
„Nein, Tiere.“
Kaum ausgesprochen, blieb er stehen, kniete nieder und schob einen Ast mit Blattwerk beiseite. Gerhard und Marc kamen mit hinzu.
„Seht ihr das?“, sie nickten, „gut. Bärenspuren, wahrscheinlich Grizzly.“
„Was? Und wie alt?“ Marc bekam große Augen.
„Frisch, von heute.“
„Von heute? Es ist noch nicht einmal Mittag…“
„Genau, du hast es erfasst. Ich habe kein gutes Gefühl. Wir sollten zurück zu den Booten. … Gerry, ganz kurz, was gibt es da hinten?“ Ahmik verwendete den englischen Begriff für Gerhard. „Äh, … einen furchtbar stinkenden Tümpel mit Myriaden von Moskitos, und grün…“
„Okay, das reicht. Lakota, Gerry, wir kehren um. Ich möchte der Bärin mit ihren Jungen nicht begegnen.“
„Der Bärin, woher weißt du…“
„Spuren.“
Keiner sprach mehr ein Wort, zu den Booten waren es nur wenige hundert Meter.
Ahmik sprach Shonessi in seiner Muttersprache an, sie reagierte sofort, fing an, die einfach ins Boot geworfenen Utensilien aufzuräumen. Alle folgten ihr ohne Worte, so nahm jeder sein Gepäck mit ins Boot. Marc räumte den T65 leer, Gerhard den Aerius. Da Shonessi und Ahmik fast kein persönliches Gepäck hatten, musste alles sorgsam aufgeteilt werden. Bis unterhalb des ersten Canyons gab es keine Möglichkeit, Lebensmittel nachzufassen. Bis zur Camp Site der Virginia Falls waren drei Tage eingeplant, aufgrund der knappen Lebensmittelvorräte wollten sie es aber in nur zwei Tagen schaffen.
„Könntest du bitte mal mit anpacken? Oder bist du dir zu fein dafür, weißer Mann.“
Marc fuhr herum, blickte in ein lachendes Gesicht. Weit entfernt war er mit seinen Gedanken. Alle würden jetzt auf eine Anweisung von ihm warten!
Wie sollten sie sich verhalten? Auf Gott vertrauen und einfach lospaddeln? Sollten sie die Camp Site an den Virginia Falls aufsuchen? Würde das Essen reichen? Was war mit Hartmut, wird er sich loyal verhalten?
Er fühlte die Last auf seinen Schultern, nahm ihm fast die Luft zu atmen. Wie hatte sich sein Leben doch verändert. Shonessi liebte er von Tag zu Tag mehr, einerseits beeindruckten ihn ihre Unbekümmertheit, andererseits ihre tiefe Seele und Abgeklärtheit. Er musste eine Entscheidung treffen.
„Lakota, was ist?“ Ihre Hand legte sich sanft auf seine Schulter. Sie flüsterte in sein Ohr, „du fällst die richtige Entscheidung, glaub mir. Wenn ich hätte sterben sollen, wäre das schon in Jade City geschehen, danach gab es auch noch ein paar Möglichkeiten. Komm, gib dir einen Ruck. Wir alle hier vertrauen dir?“
Das war sie, Shonessi. Sofort bestätigte sie seine Gedankengänge. Er nickte kurz.
„Okay, Leute. Hört mal alle her. Wir fahren jetzt los, nehmen die Flussmitte, dort wo die Strömung am stärksten ist. Wir fahren bis in den Abend hinein. Gerhard, ich nenn dich ab jetzt Gerry, gefällt mir sowieso besser, du übernimmst die Vorratsverwaltung. Mach einen Plan für die nächsten Tage. Kann jemand von euch angeln?“
Keiner meldete sich, Gerhard meldete sich zaghaft. Dann meldete sich Ahmik.
„Ich werde uns Fische besorgen, schon für heute Abend.“
Marc nickte zufrieden, wandte sich an Hartmut.
„Hartmut, du kümmerst dich um Holz für das Feuer, bist für die Küche zuständig. Ich weiß, du bist ein guter Koch.“ Marc zögerte. „Einverstanden?“
Der reagierte erst gar nicht, brummte dann aber sein Einverständnis in den Bart. Stellte dann eine Frage, „und was macht ihr? Deine Indianerin und du? Darf ich raten?“
Der letzte Teil wirkte zynisch und verletzend.
„Shonessi und ich werden dort mit zupacken, wo es am notwendigsten ist. Wenn wir ankommen, werden zuerst mal die Zelte aufgebaut und die Boote versorgt. Ich gehe auch gerne mit dir Holz suchen…“
„… und ich geh fischen, das kann ich nämlich genau so gut wie mein Bruder.“
Gerhard ergänzte noch: „Und immer für Frischwasser sorgen. Ich finde den Vorschlag von Marc gut. Lasst uns endlich hier wegfahren.“
Marc wollte noch was abgeklärt haben, da zwei der Mitfahrer keine Ahnung vom Paddeln hatten.
„Einen Augenblick noch, Shonessi, Ahmik. Gerry und ich zeigen euch jetzt ein paar Techniken zum Paddeln.“
Gerhard übernahm den Part mit dem Doppelpaddel. Marc wies Shonessi ein. Er zeigte ihr den Ziehschlag: Paddel über den Kopf und mit der flachen Seite im Wasser zum Boot hinziehend. Dann das Drücken mit einem kräftigen Rundschlag, das Gegenteil zum Ziehen sowie einige andere Beispiele.
Die Vorräte wurden zur Hälfte auf den Aerius und das Kanu aufgeteilt. Gerhard übernahm die Führung, dann folgten Marc und Shonessi und Hartmut bildete mit Ahmik im Aerius den Schluss. Das Einfädeln in die Strömung ging ohne Probleme. Das Tal des South Nahanni war breit und ausladend. Der Fluss mäanderte träge, jedoch bedingt durch den hohen Wasserstand mit guter Strömung dahin. Hindernisse in Form von Felsen oder Stromschnellen gab es keine. Die einzigen Schwierigkeiten waren das Treibgut im Fluss, welches bei dem abfließenden Hochwasser zahlreich vorhanden war. Am gefährlichsten waren hier die Snags, abgestorbene Bäume, die das Hochwasser mit sich gerissen hatte und die ähnlich Eisbergen mit der großen Masse unter Wasser lagen, was bei ausladenden Baumwurzeln durchaus gefährlich werden konnte. Da der Fluss jedoch breit genug war, konnte sie diese immer mit genügend respektvollem Abstand passieren.
Ohne behelligt zu werden, aber auch ohne eine weitere Menschenseele zu treffen erreichten sie schon am frühen Abend ihr Ziel. Eine Insel mitten im Fluss. Die Insel hatte die Form einer langgezogenen Zunge, am oberen Ende, gegen die Strömung vier bis sechs Meter hoch mit felsigem steilem Rand und grasbewachsen. Flussabwärts dagegen flach auslaufend mit hohen Bäumen bestanden und einem Sandstrand am entgegengesetzten Ende. Ungefähr auf der Mitte der Insel befand sich eine kleine Bucht, die ideale Anlegestelle.
Kaum angelandet, sprang Gerhard aus dem Boot, rannte flussaufwärts, kam nach wenigen Minuten zurück.
„Leute, die Insel ist ein Traum. Gleich da vorne ist ein ebener Grasplatz, ideal für die Zelte. Essplatz ist an dem kleinen Sandstrand. Genügend Treibholz zum Feuermachen ist auch da.“
Gerhard stand die Begeisterung im Gesicht, während er wild fuchtelnd in alle Richtungen wies.
Zuerst wurden die Zelte aufgebaut. Ahmik und Shonessi besaßen weder ein Zelt noch einen Schlafsack, auch keine Decken. Marc, Gerhard und Hartmut hatten jeweils ein Zelt. Das größte besaß Hartmut. So war schnell geregelt, wer wo mit wem schlief. Ahmik bei Hartmut und Shonessi bei Marc, wobei sein Zelt ideal für nur eine Person war. Da sich beide sowieso den Schlafsack teilen mussten, kam ihnen das sogar entgegen.
Auf dem Strand brannte ein großes Feuer, das Dreibein mit dem Kochkessel stand fast darüber. Ahmik hatte tatsächlich drei Saiblinge gefangen, Shonessi war kurz zuvor im Wald verschwunden und kam mit vielen Kräutern in der Hand zurück.
„Tee, gut und gesund.“ Sprach´ s und gab die Kräuter in den Kessel. Der Fisch wurde aufgeteilt, schmeckte allen vorzüglich. Ahmik zollte Hartmut Respekt, der den Fisch zubereitet hatte. Nach dem Essen wandte sich Gerhard an Hartmut. Sie zogen sich auf den höchsten Punkt der Insel, auf den Felsen, zurück. Ahmik blieb am Feuer und Shonessi und Marc saßen im Sand, direkt am Fluss.
Nur widerwillig folgte Hartmut Gerhard, er machte sich Luft. Mit grimmigem Unterton und zutiefst gekränkt schleuderte er Gerhard die Worte ins Gesicht:
„Was willst du? Du bist mein Freund, das dachte ich bis jetzt jedenfalls. Ihr habt alles zerstört. Insbesondere Marc. Er ist doch dieser Schlampe verfallen. Langsam verstehe ich die Amerikaner. Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer…“
Gerhard sah den Hass im Gesicht von Hartmut.
„Hartmut, ich verstehe dich nicht. Er hat sich verliebt, ich denke, sie liebt ihn auch. Beide haben dir nichts getan. Wir sollten uns über Marc freuen.“
„Ha, nichts getan? Er hat mir Ella weggenommen. Sie ist eine Hure, hat unsere Freundschaft zerstört, wird Marc vernichten. Das weiß ich! Wie lange kennen sie sich? Zwei Tage, zehn Stunden? So ein Schwachsinn. Am liebsten würde ich sie… Nein, ich sage es lieber nicht.“
Gerhard änderte die Taktik.
„Mal angenommen, sie wäre auf dich eingegangen und die wärst in der Rolle von Marc. Würdest du dann auch so denken?“
Er blickte Hartmut dabei genau an. Der schwieg, stierte auf den Boden.
„Ist sie aber nicht. Die fasse ich nicht mal mit der Kneifzange an. Verrecken soll sie …“
Er stand ohne ein weiteres Wort zu verlieren auf und verzog sich in sein Zelt.
Gerhard ging nachdenklich zurück zum Feuer und zu Ahmik, er bekam es unterschwellig mit der Angst zu tun. Er musste sich mit jemandem austauschen. Marc auf keinen Fall, blieb nur noch Ahmik.
„Hi, Gerry. Du siehst bedrückt aus. Willst du reden?“
Gerhard nickte. Er erzählte ihm von seiner Unterhaltung mit Hartmut, von seinen Ängsten Shonessi betreffend.
„Danke für dein Vertrauen zu einem 'Indianer', der Hass ist groß bei ihm. Wir müssen achtsam sein. Solange ich bei ihm schlafe, wird er nichts unternehmen. Noch hat er zu viele Hemmungen. Wenn diese Schwelle fällt, dann wird es gefährlich. … Halte bitte die Küchenmesser gut unter Verschluss.“
„So schlimm?“
„Sicher ist sicher.“
Shonessi und Marc bekamen von diesen Gesprächen nichts mit. Sie hatte sich dicht an ihn gekuschelt. Ihr Kopf lag auf seiner Schulter, beide schauten verträumt in den sternenklaren Himmel.
„Lakota?“
„Mhmm?“
„Ist Deutschland schön? Wo lebst du, in einer Stadt? Erzähl mir von deinem Leben.“
Marc zog Shonessi noch fester an sich.
„Ja, ich lebe in einer Stadt, für eure Verhältnisse hier eine sehr große Stadt…“
„Größer als Yellowknife?“
„Ja, bestimmt siebenmal so groß. Sie liegt im Süden von Deutschland, die Stadt heißt Ulm. Direkt an einem schönen Fluss. Hast du schon einmal von der Donau gehört?“
Sie schüttelte den Kopf, auch Ulm sagte ihr nichts.
„Die Donau ist noch länger als der Yukon…“
Shonessi unterbrach ihn, „ich kenne in Deutschland nur drei Städte, das sind Berlin, Frankfurt und München. Ist eine davon in der Nähe von deiner Stadt?“
„Ja, München.“
„Wie weit weg?“
„Ungefähr einhundertdreißig Kilometer…“
„Mehr nicht? Das liegt ja direkt daneben.“
„Äh, ja. … Nein, nicht ganz. Für dich ist das direkt daneben. Für uns nicht. Weißt du, Deutschland ist klein, noch nicht einmal halb so groß wie British Columbia. Das kann man so nicht vergleichen. Du musst es einfach kennenlernen. Wir haben viel Wald, Wasser, Berge und Städte.“
„Ja, das möchte ich sehr gerne, Lakota. Ich will mit dir zusammen sein, will mit dir leben. Ich liebe dich. Wir gehören zusammen“, sie blickte in den Himmel und zeigte auf die Sterne, „wie diese beiden sich anleuchtenden Sterne. Siehst du das?“
Marc verschlug es die Sprache. Was für ein Gleichnis!
„Lakota? Was fühlst du?“
„Was ich fühle? So … ich kann es gar nicht sagen. … Ich versuche es.“ Er sah sie dabei direkt an, ihre braunen Augen schienen zu leuchten. „Shonessi, ich fühle sie, deine Liebe zu mir. Wenn ich dir in die Augen sehe, tauche ich tief in dein Innerstes hinein. Wenn du mit mir sprichst, bekommt deine Stimme eine andere Klangfarbe. Wenn du mich berührst, fühle ich deine Zärtlichkeit in jeder Fingerspitze. Wenn du…“
„Ohh, Lakota, hör auf. Das halte ich nicht aus. So hat mit mir noch kein Mann gesprochen. Genau das will ich dir geben, Tag für Tag. Ich liebe dich, wie eine weiße Wölfin ihren weißen Wolf. Sie lassen sich nie im Stich.“
Marc war etwas verwirrt, „der weiße Wolf?“
Sie nickte, „die weiße Wölfin und der weiße Wolf sind unzertrennlich, wenn wir Menschen an sie glauben, beschützen sie uns, helfen uns aus hoffnungslosen Lagen.“
„Ist das so? Bisher habe ich an so etwas…“
„Pscht, Lakota. Lass dich darauf ein. Das ist uralt. Wir Kinder wachsen damit auf. Glaub mir, eines Tages wirst auch du den weißen Wolf brauchen und ihn sehen.“
Sie lächelte ihn dabei so überzeugend an, dass er nickte und einfach fortfuhr.
„Lass mich deine Frage wenigstens noch beantworten. Ich bin so glücklich … mit dir! Auch ich möchte mit dir mein Leben verbringen. Egal wo, hier oder in Deutschland, das ist mir egal.“
„Du redest wie ein First Nation, könntest einer von uns sein mit deinen Vergleichen. Mit mir wirst du einer von uns, daran glaube ich fest. Dann wirst du auch an die weißen Wölfe denken.“
Das hatte er schon wieder verdrängt, zu fremd für ihn die Vorstellung an Wölfe zu glauben. Das kannte er nur unter Aberglauben. Shonessi las ihm seine Gedanken in den Augen ab. Sie lächelte, sprach leise, „eines Tages wirst auch du es verstehen.“
Er drehte sich zu ihr, konnte seine Augen nicht von ihr lassen. Dieser Augenblick brannte sich in sein Gehirn ein, unauslöschlich. Sie lächelte nicht mehr, war ernst, ihre Augen strahlten eine Zuneigung aus, die ihn bannte. Er beugte sich zu ihr, seine Lippen berühren die ihren, ein nicht endend wollender Kuss beglückte ihn bis in sein tiefstes Inneres.
Ohne ein Wort zu sagen, erhob sie sich, ging zum Wasser, bis dieses ihre Fußspitzen berührte. Sie breitete die Arme aus, begann wie an den heißen Quellen mit einem Singsang, drehte sich dabei. Nur diesmal sehr leise und sich immer weiter steigernd bis hin zu einer unendlichen Harmonie, dann plötzlich abbrechend und mit noch leiseren Tönen beginnend sich dreimal wiederholend. Sie drehte und wirbelte, stützte sich endlich mit beiden Armen an einen Baum, legte den Kopf in den Nacken, dass ihre langen schwarzen Haare bis zu den Hüften fielen. Hob das linke Bein im Stile einer Balletttänzerin so gewinkelt an, dass ihre Fußspitze die Haarspitzen berührte. Ihre Stimme verhallte über dem Fluss, die Natur schien den Atem anzuhalten. Ein Zauber lag flirrend in der Luft, eine leichte Brise wehte über sie hinweg und ließ ihre Haare fliegen. Scharf geschnitten, einem Schattenriss gleich hob sie sich vor dem Hintergrund der orangeroten Sonne ab, ihr Körper wirkte dabei grazil und anmutig. So verharrte sie einige Sekunden, drehte sich langsam in den leicht auffrischenden Wind hinein: 'Der Tanz mit dem Wind'.
Hartmut schlug die Augen auf, er konnte nicht schlafen. Da hörte er diese Stimme, er streckte den Kopf aus dem Zelt und hörte fasziniert zu. Nachdem die Stimme verstummte, ballte er die Fäuste, sein Gesichtsausdruck nahm den einer unnatürlichen Fratze an.
Ahmik und Gerhard waren ebenfalls gekommen und setzten sich neben Marc in den Sand um zu lauschen. Auch Gerhard war gefangen von dieser Stimme, für ihn unvergesslich. Mit einem „Gute Nacht“ verabschiedeten sich Shonessi und Marc Richtung Zelt. Ahmik blickte ihnen nachdenklich hinterher. „Gerry, so habe ich meine Schwester noch nicht erlebt.“
„Ja? So etwas habe ich auch noch nie erlebt, das werde ich niemals vergessen. Dieser Gesang und der Tanz dazu, unglaublich.“ Er unterbrach kurz, „die beiden haben sich gesucht und gefunden. Ich glaube, das war Schicksal.“
Ahmik nickte, beide gingen ebenfalls in ihr Zelt. Die Nacht war kurz. Früh am Morgen, nach einem kräftigen Frühstück setzten sie ihre Tour fort und erreichten bereits am Nachmittag den Campingplatz an den Virginia Falls.
Weiße Wasser
Der Campingplatz war sehr komfortabel ausgestattet, mit hölzernen Podesten, Tischen und Sitzbänken. Sie waren die einzigen Gäste, entschlossen sich aber, die Zeit zu nutzen und noch am Nachmittag die Ausrüstung und Boote um die Fälle zu tragen. Der Weg selbst war hervorragend ausgebaut, bestehend aus eng aneinander gefügten Holzplanken. Dennoch galt es 140 Höhenmeter und 1,5km Weglänge zu meistern. Zweimal mussten sie gehen, bis schließlich alles Material unterhalb des Wasserfalls abgelegt werden konnte. Beim zweiten Weg wollten doch alle wenigstens einmal einen Blick auf die Fälle werfen.
Die Virginia Falls sind die höchsten Wasserfälle Kanadas und mit 96m doppelt so hoch wie die Niagarafälle. Direkt hinter dem Campingplatz war der Fluss noch ruhig. Die Wasserfallstrecke beginnt kurz darauf mit kleineren Stufen und Kaskaden, dann erst folgt der Wasserfall und stürzt über die Abbruchkante fast 100m in die Tiefe. Gewaltige Wassermassen verursachen ein Donnern, das aus großer Ferne hörbar ist.
Sie bogen von dem Plankenweg auf einen Pfad, der zwar eng, aber gut begehbar war. Ahmik ging voraus. Hartmut folgte als letzter. Folgte man seinen Blicken, schien ihn die Natur in keiner Weise zu interessieren. Sein Blick hatte nur ein Ziel: Shonessi. Sein Hass galt nur noch ihr, nicht Marc, der ihm Ella weggenommen hatte, denn sie nahm ihm jetzt auch seinen Freund, zerstörte ihren gemeinsamen Traum.
Der Wald hörte auf, vor Marc war eine kahle Felsnadel zu erkennen. Er nahm Shonessi an die Hand, gemeinsam betraten sie Felsnadel, Ahmik machte kurz Platz. Das Donnern der Wassermassen war so laut, dass man sich allenfalls schreiend verständigen konnte.
Was für ein Panorama: Weißes Wasser, Gischt, Nebelschwaden. In der Mitte des Falles ein riesiger turmhoher spitz zulaufender Felsenkoloss, der den Fall in zwei Hälften teilte. Die Sonne ließ das Wasser leuchten wie glitzernde Kristalle. Ein Regenbogen spannte sich über den Fluss.
„Schade, dass wir das nicht unbeschwert genießen können.“
Marc war anderer Ansicht, „doch, genieße es. Nimm es auf und halte es in deinen Gedanken fest.“
Marc ließ Shonessi los, ging zu Ahmik und drückte ihm seinen Fotoapparat in die Hand.
„Bitte Ahmik, mach ein Bild von Shonessi und mir, oder besser zwei.“
Auch Gerhard ließ sich noch fotografieren, einmal allein. Er wollte jedoch unbedingt ein Bild mit Marc und Shonessi. Beide Männer nahmen die zierliche Frau in die Mitte.
Marc und Shonessi kletterten noch ein Stück den Hang hoch und setzen sich, um still den Wasserfall jetzt in diesem Augenblick genießen zu können. Shonessi blickte verträumt auf die weiße Wucht. Marc schaute zur Seite, der Wasserfall wurde uninteressant, ihr Profil zog ihn in seinen Bann. Was für eine Schönheit sie doch war: Wie Seide schimmerten ihre fast schwarzen Haare im Sonnenlicht, ihre hohe Stirn, die ebenmäßige gerade Nase und die etwas volleren Lippen ihres Mundes zogen seinen Blick magisch an.
Sie lachte und drehte ihren Kopf zu ihm hin, „wolltest du nicht den Wasserfall anschauen?“
„Wollte ich auch. Aber als ich das Panorama rundum in Augenschein genommen habe, bist du mir ins Bild gekommen. … Da musste ich einfach hängenbleiben. Ich komme an dir nicht vorbei. Geht nicht!“
„Schön hast du das gesagt. Davon kann ich nicht genug bekommen.“ Sie lachte.
Ahmik war plötzlich neben ihnen.
„Ich will euch nur ungern unterbrechen. Aber wir sollten dringend weiter. Spätestens Morgen wird das Flugzeug wieder kommen.“
Widerwillig machten sie sich auf den Weg zu den Booten.
„Jetzt folgt der vierte Canyon, der sogenannte 'Painted Canyon', ist nur acht Kilometer lang. Den sollten wir in jedem Fall heute noch meistern.“
Marc hatte wieder das Kommando übernommen. Sie bestiegen ihre Boote, das Wasser war jetzt nicht mehr braun, sondern hatte eine graue Farbe. Der Wasserstand war bereits spürbar gesunken. An den Ufern wurden langsam die Kiesbänke wieder sichtbar. Flott ging es flussabwärts. Viele kleine Stromschnellen brachten nicht nur Abwechslung, sondern einen Hochgenuss. Marc ließ Shonessi viel üben. Sie war fleißig und stellte sich geschickt an. Er konnte fühlen, dass es ihr immer mehr Spaß machte. Schon nach einer halben Stunde hatten sie den Canyon passiert. Gerhard hatte einen schönen Übernachtungsplatz neben einem kleinen Bach entdeckt. So hatten sie klares Wasser, dieses Mal sogar einen moosbewachsenen Untergrund, sehr gut geeignet als Boden für die Zelte.
Jeder ging seinen Aufgaben nach. Ahmik wollte was Besonderes fangen und kletterte den Bachlauf hinauf. Gerhard inspizierte die Lebensmittel und kam breit grinsend zu dem Schluss, dass diese ausreichend seien und noch über eine Woche halten würden. Hartmut sammelte Holz, musste dafür weite Wege gehen, Marc half ihm dabei. Doch heute kam Ahmik mit leeren Händen zurück. Hartmut weigerte sich zu kochen, hielt sich von allen abseits.
Nach dem Essen. Ahmik saß am Ufer, warf Steine ins Wasser. Marc ging langsam auf ihn zu und blieb seitlich von ihm stehen.
„Darf ich mich zu dir setzen?“
Mit einer Handbewegung forderte er Marc auf, sich hinzusetzen. Schweigend saßen sie einige Minuten nebeneinander, bis Ahmik die Initiative ergriff.
„Wenn du etwas von mir willst, dann sag es.“
„Ahmik, ich liebe deine Schwester. Ich will dich nicht zum Feind haben.“
„Shonessi liebt dich auch, ich will dir nur eins sagen: sie ist sehr spontan und sehr flatterhaft. Hat sich bis jetzt noch nie an jemanden binden können. Ich kann dich noch nicht akzeptieren.“ Er lächelte Marc zum ersten Mal an. „Du machst dich aber ganz gut. Shonessi hat mir erzählt, wie du deine Verfolger auf dem Highway ausgetrickst hast, das war sehr gut. Mein Respekt.“
„Ich hatte auch Glück.“
„Mag sein. Das gehört mit dazu, noch mehr aber ein klarer Kopf und Cleverness. Und hier auf dem Fluss scheinst du ja ein Ass zu sein.“
„Ahmik, ich habe Angst um Shonessi. Schau mal, mit was für einem Einsatz die uns suchen. Nur verstehe ich nicht, warum Shonessi und nicht dich?“
„Das ist einfach, ich habe mich an dem Widerstand bisher nicht beteiligt.“
„Wie, ich verstehe nicht.“
„Kannst du auch nicht. Dann pass mal auf.“
Er erzählte von dem Widerstand seines Vaters gegen den Glenconan Konzern, von dem Kahlschlag der riesigen Wälder in der Nähe von Yellowknife und dem Widerstand der Bewohner. Shonessi hatte sich ohne Wenn und Aber der Bewegung angeschlossen und war trotz ihres jugendlichen Alters zu einer wichtigen Leitperson geworden. Er, Ahmik, hatte sich aus allem bisher herausgehalten.
„Das ist meine Geschichte, ich bin kein Held und will auch keiner sein. Die sterben nämlich immer alle viel zu früh.“
„Ahmik, das ist für mich in Ordnung, jeder muss für sich selbst entscheiden …,vielleicht könnten wir ja doch Freunde werden. Lass es uns wenigstens versuchen.“
„Okay, einen Versuch ist es wert.“
Shonessi hatte sich abseits auf eine kleine Halbinsel gesetzt. Sie wollte nachdenken. Sie dachte an Marc, den sie nur Lakota nannte.
Liebe ich ihn wirklich? Oder ist es mal wieder eine Anfangseuphorie wie bisher immer?
Sie legte sich flach auf den Kies und kaute dabei an einem kleinen Zweig.
Hartmut schob die Zweige leise auf die Seite. Direkt vor ihm, auf dem Rücken lag sie, sein Alptraum. Prüfend schaute er den Fluss hinauf. Ahmik und Marc waren weit weg und Gerhard schlief bereits. Auf diese Gelegenheit hatte er lange gewartet. Mit einem Mal sprang er aus der Deckung des Unterholzes, packte Shonessi von hinten an den Haaren und betäubte sie mit einem gezielten Schlag auf den Kopf. Er griff ihr unter die Achseln und zog sie ins Unterholz, riss ihr das T-Shirt vom Leib und versuchte ihr die Jeans auszuziehen.
Shonessi erwachte, sah Hartmut über sich und wollte schreien. Der hielt ihr den Mund zu und versuchte seinen Stock zu greifen, mit dem er schon einmal zugeschlagen hatte. Shonessi biss ihm in die Hand, er schrie auf, richtete sich gleichzeitig auf.
„Ich bring dich um, du verdammte Schlampe.“
„Hast du das gehört, war das nicht ein Schrei?“
Beide lauschten, nichts geschah.
„Gott sei Dank war es keine Frauenstimme.“
„Wahrscheinlich nur ein Kauz.“
Marc setzte sich wieder hin
Doch die Hand war weg vom Mund und so schrie sie aus Leibeskräften.
„Hilfe, Hiilfee, Lakota, hilf mir!“
In diesem Augenblick drückte Hartmut ihr auf den Mund und begann sie mit der anderen Hand zu würgen.
Marc schnellte hoch, rannte ohne auf Ahmik zu achten, sofort in Richtung des Hilferufes.
Das kann nur einer sein, Hartmut. Wehe, du hast ihr etwas angetan. Ich bring ihn um.
Er blieb stehen um zu lauschen, hörte links neben sich das Knacken von Ästen und das Rascheln von Laub. Sprang mit einem Satz ins Unterholz, erkannte Hartmut, umklammerte ihn ohne Vorwarnung am Hals und drückte zu. Hartmut strampelte, versuchte sich zu befreien. Marc zog ihn aus dem Unterholz auf den Strand und warf ihn in einer Drehung auf den Boden.
Shonessi hielt sich den Arm vor die nackte Brust, ihr Gesicht war zerkratzt. Auch Ahmik war inzwischen eingetroffen und versetzte Hartmut einen heftigen Faustschlag ins Gesicht. Schließlich kam noch Gerhard mit hinzu.
„Lakota, kümmere dich um Shonessi“, Ahmik nannte ihn tatsächlich Lakota! Welche Ehre. Marc umfasste Shonessi und trug sie zum Zelt.
„Bring mich doch um, los töte mich, du roter Hund.“ Hartmut war wie von Sinnen, „hast dich jetzt auch mit denen verbrüdert, … Geerrry. Du bist auch nicht besser. Seid froh, dass ich keine Waffe habe. Ich würde euch alle erschießen.“
„Was machen wir mit ihm?“
„An einen Baum binden, dann hat er ein bisschen Zeit zum Nachdenken. … Und wir können ruhig schlafen. Wir entscheiden Morgen, was wir machen.“ So taten sie es.
Am nächsten Morgen holten Sie Hartmut zum Frühstück, ließen ihn aber an den Händen gefesselt. Shonessi ging ohne eine Gefühlsregung zu ihm und verpasste ihm eine kräftige Ohrfeige, wollte anschließend nochmals zuschlagen. Doch Marc hinderte sie daran.
„Warum schützt du ihn, er wollte mich vergewaltigen und anschließend wahrscheinlich töten. Ich habe das Recht …“
Marc erschrak über ihren Ausbruch, schob es auf den Schock. Er packte sie an den Schultern, schüttelte sie und nahm sie sofort in den Arm, hielt sie fest. Sie entkrampfte, fing hemmungslos an zu weinen. Er versuchte sie zu trösten, streichelte ihr Haar.
„Lass mich nie mehr allein, hörst du? Nie mehr!“ Leise waren die Worte. „Das verspreche ich dir, ich schwöre es im Beisein meines Freundes Gerry und deines Bruders Ahmik.“
Noch immer hielt er sie im Arm. Gerhard konnte es noch immer nicht fassen, dass Hartmut zu einer solchen Tat fähig war, deshalb kam auch der entscheidende Vorschlag von ihm.
„Wir fahren ohne ihn weiter. Er bekommt das Kanu, mein Zelt, Lebensmittel und ein Paddel. Mit dem Kanu ist er wesentlich langsamer als wir. Der Aerius ist für drei bis vier Personen ausgelegt, den übernehme ich oder Lakota“, er machte eine kurze Pause und lächelte dabei. Auch er nannte Marc 'Lakota', fuhr fort, „mit den Faltbooten sind wir mindestens zwei Tage früher am Ziel. Dann melden wir den Vorfall der Polizei.“
Sie banden Hartmut so an einem Baum fest, dass er sich allein befreien konnte. So hatte er keine Chance, mit ihnen gemeinsam los zu fahren.
Ein riesiger Kochtopf
Frühzeitig waren sie auf dem Wasser. Marc hielt sein Versprechen, er saß mit Shonessi und Ahmik im großen Aerius, wobei sie zum Nichtstun verurteilt war, was ihr überhaupt nicht behagte.
„Ahmik, wir erreichen bald 'Hells Gate', die schwerste Stelle im unteren Bereich des Nahanni. Der Wasserstand ist immer noch ziemlich hoch. Konzentrier dich auf Gerry, er wird den richtigen Weg finden.“
„Lakota, ich will auch paddeln.“ Sie schmollte.
„Shonessi, wir wechseln heute Nachmittag, dann kannst du paddeln. Einverstanden?“
„Ja…ah.“ Den Blick, den sie ihm dabei im Umdrehen zuwarf, brachte ihn fast aus dem Konzept. Von weiter Ferne konnten sie schon die Engstelle erkennen. Bedrohlich rückten die hohen senkrechten Felswände zueinander. Der Fluss hatte sich hier wie mit einer Säge durchgefressen. Direkt in der Durchfahrt schien eine riesige Felsnadel zu stehen. Das Wasser wurde unruhiger, begann zu brodeln. Glucksend und zischend schien es an den dünnen und empfindlichen Häuten der Faltboote zu saugen. Marc war auf das äußerste konzentriert. Erst vor einiger Zeit waren hier zwei Kanus gekentert und die Kanuten beider Boote ertrunken. Doch es war keine Stromschnelle, der Begriff 'Kochtopf' wäre passender gewesen. In dem runden, von bis zu 460m hohen senkrechten Felswänden umschlossenen Kessel brodelte, kreiste und strudelte das Wasser, schwappte laut klatschend gegen die Felswände, brandete zurück. Shonessi drehte sich mit ängstlichen Blicken zu Marc.
„Lakota, ich habe Angst.“ Hilflos schaute sie ihn an.
„Musst du nicht haben, alles ganz harmlos. Ich lass dich nicht allein. Wir schaffen das!“
Die Hauptströmung beschrieb eine riesige Acht. Baumstämme und Treibholz kreisten auch hier im wieder schlammigen Wasser, tauchten unter, schossen wieder an die Oberfläche, drehten sich, stießen gegen Felswände.
Marc war sofort klar, wer hier kentert, hat nicht nur ein Problem, er ist verloren. Zwei riesige Kehrwasser, Strudel und Wasserpilze vor Prallwänden verhinderten jedes Anlanden. Und wieder blickte Shonessi zu ihm, diesmal umspielte ein Lächeln seinen Mund. Gerhard hatte den richtigen Weg gefunden, gut fahrbar und ohne viel Risiko, direkt in der Strömung. Sicher gelangten sie durch die nur 30m breite Engstelle. Jetzt konnte auch Shonessi wieder lächeln. Hier begann nun der über 60km lange dritte Canyon.
Sie kamen zügig voran, am Ende des Tages schlugen sie ihr Camp am Ausgang des Canyons auf. Dieses Mal kümmerte sich Marc um das Holz und das Feuer, Ahmik ging fischen, Shonessi und Gerhard bereiteten das Essen vor.
„Sag, Gerry, hat Lakota wirklich keine Freundin?“
Gerhard schüttelte den Kopf. „Nein, hat er nicht. Er hat harte Zeiten hinter sich. Du tust ihm mehr als gut, er liebt dich. Ich kenne ihn schon seit Jahren. Er ist ein ganz treuer. Du kannst ihm vertrauen. Er wird dich niemals im Stich lassen.“
„Und du?“
„Ich, oh ich bin verheiratet, habe zwei süße Kinder. Junge und Mädchen. Und ich vermisse meine Frau. Ich wünschte, sie wäre bei mir. Gerade jetzt, wo das mit Hartmut passiert ist. … Ich verstehe ihn einfach nicht. Gut, ein bisschen vielleicht. Marc hat ihm damals seine Freundin ausgespannt. Er wusste aber nichts davon, sie ist, wie du weißt, tödlich verunglückt. Ich versteh nur nicht, was das mit dir zu tun hat. Schon am Anfang, als er dich zum ersten Mal in Watson Lake gesehen hat, war er so komisch. Ich habe dem nur keine Bedeutung beigemessen.“
„Danke, dass es dich gibt und bleib bitte ein guter Freund von Lakota.“
„Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“
Es knackte im Unterholz, Shonessi schreckte auf. Marc kam mit einem Arm voll Holz zum Lagerplatz. Er hatte sehr wohl bemerkt, wie sehr sich Shonessi erschrocken hatte. Nachdem Ahmik auch mit den Fischen kam, war der Abend gerettet.
Auf dem Lagerplatz am Bach. Hartmut hatte sich befreit, war aber nicht weitergefahren. Er wartete ab, schmiedete den ganzen Tag Rachepläne. Früher Abend, Motorengeräusch. Erst war nur ein leises Brummen wahrnehmbar, je näher es kam, desto lauter wurde der Lärm. Hartmut ging zum Fluss und blickte aufmerksam flussaufwärts. Erst sah er nur einen kleinen Punkt, der schnell größer wurde. Es war ein Hubschrauber, kein Flugzeug.
Viel besser. Meine Rache kann beginnen.
Das dachte er, als der Hubschrauber direkt vor ihm in fünf bis sechs Metern Höhe stand.
„Hey, das ist doch der Typ, den wir im Hotel überrascht haben. Ist der allein?“
Hartmut hatte am Waldrand Schutz gesucht, sich gleichzeitig aber lautstark bemerkbar gemacht.
„Ich sehe das Kanu, aber sonst nichts. Soll ich…“
„Nein“, es war Fowler, der die Anweisung gab, „wir landen. Ich denke, er will uns etwas mitteilen.“
Kurz darauf stand Fowler mit Hartmut und einem weiteren Mann zusammen. Er kam sofort auf den Punkt.
„Wie heißen Sie?“
„Hartmut von Halden, ich bin Deutscher. Darf ich Ihnen etwas Wichtiges mitteilen. Vielleicht können Sie mich ja von hier aus mitnehmen.“
„Was haben Sie uns zu sagen.“
„Ich war mit Shonessi und dem Mann zusammen, der sie vor euch in Sicherheit gebracht hat.“
„Wie heißt der Mann?“
„Marc Mezger.“
„Wissen Sie wo sie jetzt sind?“
„Ich denke ja…“
„Sie denken es oder wissen es.“ Fowlers Stimme nahm einen bedrohlichen Ton an.
„Ich weiß es. Zwischen sechzig und achtzig Kilometer weiter flussabwärts. Sie sind mit zwei Faltbooten unterwegs. Sobald ihr auf die schießt, saufen die ab wie Steine.“
„Okay, sichert den Hubschrauber, wir holen sie uns Morgen!“
Hartmut war überrascht, es ging ihm zu langsam.
„Warum nicht heute?“
„Weil es schon zu spät ist. Sie sind mit Sicherheit inzwischen an Land gegangen. Sie können in die Wälder fliehen. Bei den Rothäuten weiß man nie, ob sie es nicht doch irgendwie schaffen, aus der Wildnis heraus zu kommen. Und wenn es stimmt, was du sagst, dann haben sie auf dem Wasser keine Chance. Wenn es nicht stimmt, dann …“
Die Blicke von Frederic Fowler sagten alles.
Wehrlos
Früh am Morgen waren sie auf dem Wasser, Shonessi paddelte heute von Beginn an. Sie passierten gerade ein kurzes Zwischenstück, bevor sie den 15 Kilomter langen zweiten Canyon erreichten. Alle hörten es gleichzeitig, Motorengeräusch.
„Shonessi, zieh an. Wir müssen sofort an Land.“
Auch Gerhard lenkte sein Boot auf das rechte Ufer zu. Zu spät, sie waren zu langsam. Im Tiefflug ging der Hubschrauber über sie hinweg, wendete. Die ersten Schüsse fielen, Gerhard wurde getroffen. Er sackte in sich zusammen und kippte samt Boot um. Marc reagierte blitzschnell, drehte das Kajak, so dass alle ins Wasser fielen. Die nächsten Salven verfehlten ihr Ziel. Nur hatte Marc keinen Überblick mehr, wo sich Shonessi und Ahmik befanden. Salven aus den Maschinenpistolen, er musste immer wieder tauchen. Das Faltboot war inzwischen durchlöchert wie ein Sieb. Marc kämpfte sich Richtung Ufer durch, ging unter einem überhängenden Busch in Deckung. Der Hubschrauber flog noch einige Runden, drehte dann ab und verschwand flussaufwärts.
Marc krabbelte an Land. Er war allein, so sehr er sich auch bemühte, er konnte niemanden sehen. Plötzlich entdeckte er im Wasser etwas, das wie ein schwimmender Körper aussah. Mit einem Hechtsprung war er im Fluss, konnte die Überreste seines T65 greifen und hatte Gerhard gepackt, schleppte beides mühselig an Land. Zelt, Schlafsack und Kleidersack hatten das Kajak schwimmfähig gehalten, trotz der zahlreichen Löcher.
Gerhard hatte einen Schulterdurchschuss, aber er lebte. Er versorgte ihn, so gut er konnte, legte ihm einen Verband aus der Bordapotheke an, auch sie war trocken geblieben. Danach lief er am Ufer flussaufwärts, wieder und wieder nach Shonessi rufend. Nichts, keine Antwort, kein Laut. Entmutigt setzte er sich auf einen kleinen Felsklotz, stützte seinen Kopf.
Was mach ich bloß falsch. Habe ich schon wieder meine Liebe verloren?
Obwohl nicht besonders gläubig schickte er in seiner Not ein Gebet gen Himmel.
Herr, hilf mir. Gib sie mir zurück.
Hoffnungslosigkeit machte sich breit. Minutenlang saß er regungslos auf dem Felsen. Da hörte er es, ein leises „Lakota“, sein Herz machte einen Freudensprung.
Sie lebt!
Nochmals lauschte er, um die Richtung zu bestimmen, dann rannte er los, weiter flussabwärts, immer wieder ihren Namen rufend.
Mit aller Kraft versuchte sie, das große Kajak an Land zu ziehen. Sie rief auch nicht mehr seinen Namen, hatte aufgegeben. Endlich konnte er sie sehen.
„Shonessi, ich komme. Shonessi!“
Ihr Kopf fuhr herum.
„Lakota, oh Lakota. Du lebst!“
Sie lagen sich in den Armen. Er hielt sie fest, drückte sie an sich, flüsterte ihr zu.
„Ich hatte schon jegliche Hoffnung verloren, es tat so weh. Ich liebe dich.“ Er blickte zum Himmel und sagte: „Danke. Danke für die Rettung.“
„Du bedankst dich?“
Er nickte: „Ja, ich habe Gott um Hilfe angerufen und da er mich wohl erhört hat, habe ich mich bedankt.“
Shonessi schaute ihn lange an, sagte kein Wort. Zur Antwort erhielt er einen langen Kuss. Sie sprach leise, kaum hörbar.
„Auch ich habe um Hilfe gerufen. Die weiße Wölfin und der weiße Wolf! Ich will mit dir leben, dich lieben und Kinder haben.“ Sie lachte wieder. „Uns kann keiner trennen.“
Marc umarmte sie wiederholt, entdeckte beim Blick über ihre Schulter die Reste des Aerius.
„Du hast den Aerius gerettet, dann sind wir gerettet.“
„Wie denn, die Boote sind doch hinüber.“
„Das schon, wir werden den Aerius reparieren, ich habe den T65 geborgen. Das geht, du wirst sehen. Wir flicken den Aerius zusammen … Was ist mit Ahmik? Wo ist er?“
„Ich habe keine Ahnung, ich hab ihn, seitdem ich ins Wasser gefallen bin, nicht mehr gesehen.“
„Gerry ist schwer verletzt, er lebt. Wir brauchen den Aerius, um ihn nach Fort Liard zu bringen.“
Sie trugen den Aerius samt Gepäck zum Standort von Gerhard. Der war inzwischen zu sich gekommen. Shonessi versorgte, so gut es ging die Wunde.
Mit Messern zerschnitten sie die Haut des T65 in feine Streifen und klebten diese über die durchlöcherten Bereiche des Aerius. Der vorhandene Klebstoff wurde vollständig aufgebraucht. Passieren durfte jetzt nichts mehr. Weder ein zweiter Angriff noch eine Beschädigung bei der Fahrt.
Das Boot war wieder einsatzbereit. Sie trennten sich von überschüssigem Gepäck, behielten nur noch das große Zelt. Der Aerius schluckte alles. Gerhard legten sie vorsichtig in das Boot. Jetzt hieß es: überleben.
Marc beschäftigte nur noch ein Gedanke:
Hoffentlich suchen sie nicht mehr nach uns. Sollte noch einmal jemand auf uns schießen …
Er wagte nicht zu Ende zu denken. Gerhard musste husten, sein Gesundheitszustand hatte sich verschlechtert. Sie mussten sich beeilen, eine Übernachtung sollte ausreichend sein.
Shonessi war inzwischen sehr sicher geworden, der Aerius selbst lief auch nach der Flickerei hervorragend. Die Persenning selbst war nicht beschädigt, ebenso wenig das Gestell aus Holz.
Shonessi war schweigsam, sprach kein Wort.
„Shonessi, es ist nicht gesagt, dass dein Bruder tot ist. Vielleicht konnte er sich an Land retten.“
Sie drehte sich zu Marc um, ein Lächeln umspielte ihren Mund.
„Vielleicht hast du Recht. Er ist ein hervorragender Schwimmer …“
„Dort, wo wir gekentert sind, gab es keine Stromschnellen oder Strudel.“
Marc machte sich mit dieser Aussage selbst Mut. Am Ende des zweiten Canyons folgte eine weitere Engstelle. Als sie sich näherten, stockte Marc der Atem und Shonessi hörte auf zu paddeln. Auf der linken Seite ragte eine senkrechte Felswand in den Himmel, noch höher als bei der letzten Engstelle. Der Fluss schien einfach aufzuhören. Eine dunkle Mauer versperrte den Weg.
„Lakota, wo geht es weiter? Ich kann nichts erkennen.“
„Ein Fluss verschwindet nicht einfach, du wirst sehen, das löst sich alles auf.“ Seine Stimme hatte eine andere Klangfarbe, die Shonessi wohl bemerkte, jedoch gab sie keinen Ton mehr von sich. Marc konzentrierte sich voll auf den Fluss, als plötzlich wieder Motorengeräusch hörbar wurde. Ein Hubschrauber näherte sich und flog tief über sie hinweg, verschwand in einer Rechtskurve und kam nach einigen Minuten wieder zurück. Sehr tief flog er über das Kajak hinweg.
Shonessi war unsicher. „Ich habe Hartmut erkannt, er sitzt im Hubschrauber. … Ist das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?“
„Ein schlechtes. Wie sollte Hartmut so schnell zu einem Hubschrauber kommen. Außer unseren Verfolgern werden wir von niemandem gesucht… Shonessi, wir müssen uns auf den Fluss konzentrieren. Wir fahren auf die rechte Seite zu der Geröllhalde.“
Marc erkannte die Kehrwasser. Sicher fuhren sie in eines hinein. Jetzt konnte er auch den schmalen Felsspalt sehen, durch den der gesamte Fluss musste.
„Schnell, wir fahren aus. In der Engstelle werden sie nicht angreifen…“
Der Rest des Satzes wurde durch lautes Motorengeräusch übertönt. Das Kajak bewegte sich schnell auf die Engstelle zu. Gerade mal zwanzig Meter war der Fluss hier noch breit. Kreiselnd und strudelnd quetschte sich das Wasser durch den Spalt. Die Maschine musste abdrehen, sie waren der Felswand zu nahe. Marc blickte dem Hubschrauber hinterher, der plötzlich in einen Sinkflug überging und am Hang in den borealen Wald krachte.
„Was ist passiert?“
Shonessi hatte nichts gesehen, nur den Aufschlag gehört.
„Der Hubschrauber ist … abgestürzt, einfach so. Ich versteh das nicht. Egal, konzentriere dich auf den Fluss.“
Einmal in dem engen Schlund mit seinen senkrechten Felswänden, ging alles ganz leicht. Das Wasser knuffte und puffte mit sich selbst herum, kreiste, wirbelte nach links und nach rechts, sabberte an der Haut des Kajaks, gluckste und zischte.
„Was für ein Wahnsinn. Lakota. Wir haben es geschafft und die im Hubschrauber sind wir auch los.“ Lachend fuhr sie herum, „du kannst dich auf heute Abend schon mal freuen.“
„Shonessi, freu dich nicht zu früh, wir haben noch eine Stromschnelle vor uns, George´s Riffle. Ich denke aber, das wird dir eher Spaß machen.“
Dann kam sie: George’s Riffle. Über die gesamte Breite des Flusses Wellen, weit über einem Meter hoch, manche vielleicht sogar zwei Meter. Marcs geübtem Blick sprang sie sofort ins Auge, die Durchfahrt mit einigen Wellen, die Shonessi jubeln ließen. Jetzt begann der letzte Canyon, der erste Canyon, mit seinen hunderte Meter hohen Steilwänden und dreißig Kilometern Länge der schönste. Hinter dem Canyon dann endlich, es war bereits später Abend ‚Kraus Hotsprings‘, ihr Übernachtungsplatz.
Sie legten das Boot auf die Kiesbank, bauten das Zelt auf und versorgten Gerhard. Seine Wunde sah nicht gut aus. Die Haut hatte sich dunkel eingefärbt.
„Wir fahren morgen in aller Frühe los, dann schaffen wir es vielleicht bis zum Abend zum 'Blackstone Territorial Park'. Dort treffen wir dann auch wieder Menschen an.“
„Und was machen wir heute?“, verschmitzt lachte sie ihn an.
„Baden!“
„Baden? Wo?“
„Hier sind 35 Grad heiße schwefelhaltige Quellen, das wird uns guttun.“
Shonessi war sofort begeistert. Beide lagen in den Quellen, Freude wollte sich nicht einstellen, auch ihre Küsse waren nicht so wie sonst.
„Vielleicht sollten wir Gerry hier reinholen. Geht das auch bei seiner Wunde?“
„Früher haben sie die Leute sogar mit schwefelhaltigem Wasser geheilt, also kann es nicht gar so schädlich sein. Wir müssen eben aufpassen. Los, wir holen ihn.“
Gerhard lag dösend im Zelt, seine Schmerzen wurden immer schlimmer.
„Na endlich. Holt ihr mich zu den Quellen? Das wird mir helfen. Es wird immer schlimmer, ich glaube fast, ich habe Wundbrand.“
Marc und Shonessi waren beide nackt, als sie Gerhard entkleideten.
„Shonessi, du bist wirklich wunderschön! Deine Figur ist traumhaft.“ Gerhard stellte das bewundernd und mit Respekt fest.
„Danke, Gerry. Ich hoffe, du verhältst dich jetzt nicht so wie Hartmut.“
„Nein, bestimmt nicht. Ich liebe meine Frau und ich vermisse sie unendlich. Hoffentlich sehe ich sie noch lebend wieder.“
Marc und Shonessi sahen sich nur schweigend an.
Stützend brachten sie Gerhard zum Pool und halfen ihm beim Einstieg.
„Oh Mann, ist das toll. Herrlich heißes Wasser.“
Schon tauchte er unter, hoffte dabei, dass das Wasser heilende Wirkungen zeigte. Seine Lebensgeister erwachten.
„Shonessi, du musst wissen, als wir vor einigen Monaten die Reise geplant haben, war ich von diesem Ort sofort begeistert. Ich habe meiner Frau davon vorgeschwärmt, wie schön es sein muss, unter freiem Himmel hier in der Wildnis zu sitzen. Und heute ist das eingetreten. Wahnsinn. Das ich heute mit einer Shonessi und einem Lakota im Pool sitze, hätte ich mir allerdings nicht träumen lassen.“
Nach dem Bad spürten alle eine wohlige Müdigkeit und legten sich schlafen. Shonessi hatte sich dicht an Marc gekuschelt. Er rückte ihre Haare zur Seite und flüsterte ihr ins Ohr.
„Worauf sollte ich mich denn freuen?“
„Lakota, du bist ganz schön frech. Das geht doch nicht, hier.“
„Was geht nicht?“
Sie drehte sich zu ihm.
„Das weißt du doch ganz genau!“
„Nein, du hast heute Nachmittag so eine besondere Betonung gehabt. Ich habe es so verstanden, das mich heute Abend etwas nie dagewesenes erwartet.“
„So, meinst du? … Das ist allein deine Interpretation. Du musst Geduld haben. Warte, hier ist der Anfang…“
Sie blickten sich beide tief in die Augen, bevor sie ihn küsste.
Am nächsten Morgen wurde schnell gefrühstückt. Gerhard ging es wesentlich besser, auch sah seine Wunde gut aus. Das Wasser hatte wohl doch geholfen.
Sie hatten einen sehr langen Tag vor sich, normalerweise brauchte man zwei Tage bis zum 'Blackstone Territorial Park', sie wollten das Ziel an einem Tag erreichen. Hier im Unterlauf, der Stromzug war nur noch mäßig, war der Fluss in zahllose Arme aufgeteilt. Sicher nahmen sie die Hauptströmung. Das Driftholz von dem erst vor wenigen Tagen noch vorhandenem Hochwasser war teilweise turmhoch auf den Kiesstränden aufgeschichtet. Diese Kiesbänke waren blendendweiß und leuchteten in der Sonne. Zum ersten Mal sahen sie auch Tiere. Ein Schwarzbär begleitete sie im Laufschritt am Ufer, sie sahen Karibus und einen Otter, der direkt unter ihrem Boot wegtauchte.
Am späten Abend, die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, erreichten sie ihr Ziel. Gerhard ging es schlecht. Er war inzwischen ohnmächtig geworden. Marc rannte zum Headquarter und verständigte die Ranger.
KAPITEL 2 – GEWONNEN UND VERLOREN
Littlefoot
„Er muss sofort ins Krankenhaus.“
Fieberanfälle schüttelten Gerhard durch, er bekam davon nichts mit, war bewusstlos.
„Wir haben ihn in den Schwefelquellen von ´Kraus Hot Springs´ baden lassen. Ist das der Grund für seine Fieberattacken.“
Shonessi hatte ein denkbar schlechtes Gewissen. Der Ranger nahm ihr jedoch diese Bedenken.
„Nein, wahrscheinlich hatte er dadurch sogar einen kurzen Aufschub. Der bakterielle Befall ist allerdings sehr stark. Wir müssen ihn nach Yellowknife fliegen, nur dort ist eine Versorgung möglich.“
Das Flugzeug wartete bereits in Fort Liard. Shonessi und Marc konnten ebenfalls mitfliegen, da sie bei den dortigen Dienststellen ihre Aussagen machen sollten. Im Headquarter hatten sie erfahren, dass der Parkaufseher von Rabbitkeetle Hot Springs ermordet worden war und seit einer Woche eine Befahrung des Flusses nicht mehr stattfand, da mit einer gezielten Falschinformation die Flüge in das gesamte Gebiet unterbrochen waren. Suchtrupps waren unterwegs zu dem abgestürzten Hubschrauber.
Die zweimotorige Maschine startete durch, Gerhards Zustand hatte sich weiter verschlechtert. Shonessi war sehr schweigsam, hatte am Abend zuvor mit ihrem Vater telefoniert. Verändert hatte sie sich nach diesem Telefonat, sprach seitdem mit Marc fast kein Wort mehr. Marc selbst hatte noch von Fort Liard aus mit Gerhards Frau in Ulm gesprochen. Sie hatte ihn kaum ausreden lassen und wollte auf dem schnellsten Weg ebenfalls nach Yellowknife kommen.
So saßen beide schweigsam im Flugzeug nebeneinander und hingen ihren Gedanken nach. Unter ihnen breiteten sich endlose Wälder, durchsetzt von Wasserflächen aus. Flüsse mäanderten durch diese boreale Landschaft. Hin und wieder erkannten sie den Highway. Marc wurde unruhig, je länger sie im Flugzeug saßen. Vorsichtig fasste er Shonessis linke Hand, drückte sie sanft.
„Shonessi, was ist mit dir? Du sprichst nicht mehr mit mir. Ich mache mir langsam Sorgen.“
Sie wendete sich ihm zu, bedrückt antwortete sie, „ich darf dich nicht mehr sehen, mein Vater lehnt dich ab! Er will sich bedanken für deine Unterstützung, mehr nicht“, sie zögerte, Tränen liefen ihr über die Wangen, „Lakota, was soll ich tun, ich liebe dich…“, dann fing sie an zu weinen. Marc wollte sie in den Arm nehmen, was aber fast unmöglich war, da sie beide angeschnallt waren. Sie blickten sich lange an.
„Ich habe es dir versprochen, ich werde dich niemals aufgeben.“
„Aber ich weiß nicht, ob ich das auch kann.“
Kaum wahrnehmbar trafen ihre Worte mitten in sein Herz. Er dachte an ihren Schwur an den Quellen.
„Shonessi, du hast zu mir gesagt, wir bleiben zusammen. … Du hast gesungen für mich. Ich versteh dich nicht. Ein Anruf deines Vaters … und das soll es gewesen sein?“
Sie war sich so sicher, hatte es Marc geschworen, ihn Lakota genannt. Ihr Vater wollte nichts davon wissen, hatte ihr gedroht. Ahmik, ihren Bruder, konnte sie nicht mehr fragen. Diese Hilflosigkeit stand in ihrem Gesicht, in ihren Augen.
„Du kennst meinen Vater nicht …“
Sie brach ab, schwieg. Marc hilflos, wusste nicht wie antworten. Sie schwebten in Yellowknife ein. Unter ihnen breitete sich die Stadt am Ufer des großen Sklavensees aus. Dieser See besitzt fast die fünfzigfache Größe des Bodensees. Yellowknife, direkt am See gelegen ist die größte Stadt im Nordwesten Kanadas mit knapp zwanzigtausend Einwohnern. Hochhäuser mit bis zu sechzig Metern Höhe prägen die Innenstadt.
Als das Flugzeug aufsetzte, stand die Ambulanz schon bereit. Gerhard wurde sofort in das 'Stanton Territorial Hospital gefahren'. Auch Shonessi wurde bereits erwartet. Ihr Vater Tyrone Sand, genannt 'Littlefoot', holte sie mit einem jüngeren Begleiter direkt vom Flughafen ab. Marc hatte kaum Zeit sich zu verabschieden. Mit Tränen in den Augen musste er sie ziehen lassen. Ihr Vater bedankte sich bei ihm mit einem kurzen Händedruck und einem einzigen Satz. In diesem Satz lag ein hohes Maß an Geringschätzung. Marc reagierte nicht, nahm es einfach hin. Vielleicht, wenn Ahmik dabei gewesen wäre … Nur, hätte er sich auf Ahmik verlassen können?
Unschlüssig, wie es weitergehen sollte, verharrte er am Haupteingang zum Flughafen. Nahm sich dann kurz entschlossen ein Taxi und fuhr in die Klinik. Dann telefonierte er mit Gerhards Frau Susanne, die bereits am Abend einen Flug nach Yellowknife buchte.
Abend, 18.30 Uhr. Gebannt blickte Marc auf die elektronische Anzeige. Pünktlich landete die Maschine der Air Canada in Yellowknife. Dreißig Minuten später konnte er Susanne in seine Arme schließen. Sie weinte ununterbrochen, fand keine Worte. Ihre Sorge um Gerhard lenkte ihn ab. Alle Energie setzte er daran, sie aufzubauen. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, was Liebe bedeutet.
Susanne hat Gerhard einen Traum ermöglicht, blieb bei ihren Kindern zuhause. Auch er hatte es immer wieder zum Ausdruck gebracht, wie sehr er sie vermisst. In Susannes Augen sah er Todesängste, versuchte sie abzulenken, sie aufzubauen. Noch war nichts entschieden.
Mit dem Mietwagen fuhren sie direkt zum Stanton Hospital, das Klinikpersonal war bereits informiert und nahm beide in Empfang. Marcs Anwesenheit dabei war erforderlich, da Susannes Englischkenntnisse nicht ausreichten. Es gelang dem Stationsarzt nur unzureichend, sie zu beruhigen. „Ihm geht es den Umständen entsprechend gut, er ist aber noch nicht ansprechbar. Die kritische Phase gestern Nacht konnten wir in den Griff bekommen. Ihr Mann hatte großes Glück. Er wird bald wieder gesund.“ Nachdem Marc diesen Satz für sie wortwörtlich übersetzt hatte, kehrten die Lebensgeister zurück. Susanne wirkte wie ausgewechselt.
„Gott sei Dank! Wann kann ich zu ihm?“
Sie sprang auf, konnte es kaum fassen. Was für Ängste hatte sie ausgestanden und nun doch ein glückliches Ende. Sie durfte mit in Gerhards Zimmer. Marc kam am frühen Morgen wieder ins Krankenhaus. Gerhard war inzwischen wach. Er klopfte, betrat vorsichtig das Zimmer.
„Da ist er, mein Retter. Lakota, endlich bist du da. Wo ist Shonessi?“
Schmerzlich wurde Marc bewusst, dass er sie seit ihrer Ankunft in Yellowknife nicht mehr gesehen hatte.
„Lakota? Sho… was? Von wem redest du?“
Susanne verstand kein Wort.
„Entschuldige bitte, Susi. Hier in Kanada nennen wir Marc nur Lakota. Und Shonessi ist seine Freundin. Beide haben mein Leben gerettet.“
Susanne bedankte sich nochmals herzlich bei Marc.
„Gerd hat mir von Hartmut erzählt, ich kann es nicht glauben. Er war doch immer dein bester Freund. Was ist denn nun genau passiert. Gerd konnte oder wollte mir es leider nicht sagen.“
Marc senkte die Augen. „Das ist eine lange Geschichte. Ich weiß selber nicht, was passiert ist, verstehe es zumindest nicht. Wir wurden auf dem Fluss zweimal aus der Luft angegriffen. Als wir den ersten mit dem Hubschrauber überstanden haben, und den Aerius wieder zusammen geflickt hatten, wurden wir kurz vor der Engstelle am ´The Gate´ zum zweiten Mal von dem Hubschrauber überrascht. Ich meine auch, Hartmut hinter einem Fenster erkannt zu haben, bin mir aber nicht sicher. Beim zweiten Anflug ist der Vogel dann einfach abgestürzt. … Ich habe keine Ahnung, warum.“
In diesem Augenblick betraten zwei Männer das Krankenzimmer und wiesen sich als 'Detectivs' aus. Marc erzählte dann seine Geschichte von Anbeginn bis zum Absturz des Flugzeuges. Als die beiden den Raum verlassen wollten, konnte Marc nicht mehr an sich halten.
„Können Sie mir bitte helfen? Wo finde ich Tyrone Sand mit seiner Tochter?“
Der eine schüttelte den Kopf, der zweite jedoch reagierte anders.
„Sie meinen Littlefoot. Ich denke, ich kann Ihnen helfen.“ Mit einem Seitenblick auf seinen Kollegen meinte er nur kurz. „Ich nehme das auf meine Verantwortung. Fahren Sie nach Dettah, nicht weit von hier, auch am See gelegen. Am besten gehen Sie zum Regierungsgebäude der 'Dene', der First Nation hier. Dort finden Sie wahrscheinlich beide.“
Marc hielt es nicht mehr im Krankenhaus, verabschiedete sich von Susanne und Gerhard, rannte zu seinem Mietwagen und erreichte nach dreißig Minuten Dettah. Doch weder Littlefoot noch Shonessi traf er an.
Er besuchte die nächsten Tage regelmäßig Gerhard im Hospital. Bald war dieser soweit hergestellt, das er heimreisen konnte. Marc hatte sich entschlossen, mit beiden ebenfalls nach Deutschland zu fliegen.
Susanne packte alle Kleidung und Gegenstände zusammen, als Gerhard zu Marc trat.
„Lakota, oder soll ich wieder Marc sagen?“
„Wird wohl besser sein. Es ist vorbei, endgültig.“
Gerhard fasste Marc an die Schulter, schüttelte mit ernstem Blick den Kopf. „Nein, du bist Lakota. Weißt du nicht mehr, was der Name bedeutet?“
Susanne hielt mit dem Packen inne und horchte aufmerksam zu.
„Sicher weiß ich das noch?“
„So? Warum hältst du dich dann nicht dran? Der Name ist eine Ehre: 'Freund, der zu mir steht!' Shonessi braucht dich. Geh zu ihr. Bleib hier. Du liebst sie doch? Oder sollte ich mich täuschen?“
Marc wusste nicht mehr, was er denken sollte. Gerhards Worte ließen seine Gefühle Achterbahn fahren.
„Meinst du? Ich sollte …“
„Ja, das meine ich nicht nur, das weiß ich.“
Sie verabschiedeten sich, Marc sah dem Flugzeug noch hinterher.
Grüß mir die Heimat. Wir sehen uns wieder, versprochen.
Marc verbrachte eine weitere Nacht in Yellowknife, wollte am nächsten Tag noch mal einen Versuch in Dettah wagen. Er stellte das Auto direkt vor dem Regierungsgebäude der 'Dettah Yellowknives Dene First Nation' ab. Das sehr ansehnliche, moderne Regierungsgebäude mit behindertengerechter Rampe und dem lindgrünen Anstrich beeindruckte ihn.
Ich muss sie wieder sehen, muss mit ihr reden!
Diese Gedanken trieben ihn um. Langsam öffnete er die Autotür, ging zum Eingang, blieb auf der hölzernen Treppe nochmals kurz stehen. Er wollte auf keinen Fall Littlefoot in die Arme laufen. Hinter dem Eingang befand sich ein großes Foyer mit zahlreichen Fotos und Informationen zu den Protestaktionen der ‚Dene‘, der hier siedelnden First Nation.
Gar nicht so verkehrt, vielleicht kann ich ja so das Vertrauen der Menschen hier gewinnen.
Marc trat an die Tafeln heran und begann diese zu lesen. Nach etwa einer halben Stunde gesellte sich ein Mitglied der ‚Dene‘ hinzu.
„Kann ich helfen? Sie interessieren sich für unsere Proteste?“
„Ja, sehr. Können Sie mir mehr zu den Hintergründen sagen? Ich bin hier neu, würde mich gerne engagieren, brauche dafür aber mehr Informationen.“
Mit einem freundlichen Lachen wurden seine Fragen beantwortet. Sie setzten sich an einen Tisch. Zeitungsausschnitte, weitere Bilder und Stellungnahmen von befreundeten First Nations wurden Marc vorgelegt. Auch mit dabei ein Schreiben von ‚Bluerescue‘, der berühmten Umweltorganisation aus Kanada. Zum ersten Mal hörte Marc die Namen 'Glenconan AG', Tom Baxter und Frédéric Fowler. Gleichzeitig bekam er eine Fotografie von letzterem zusehen. Marc erkannte in ihm sofort den jüngeren der beiden aus dem Flugzeug.
Also doch. Es geht mal wieder nur ums Geld. Ich werde mich engagieren, will helfen!
Wut stieg in ihm auf. Die Helfershelfer der Glenconan AG gingen über Leichen. Ihm wurde bewusst, wie sehr er diesem Frederic Fowler Knüppel zwischen die Beine geworfen hatte.
In diesem Moment kam ein junger Mann mit schulterlangen Haaren an den Tisch und flüsterte dem Älteren Informationen zu. Dessen Gesicht nahm einen glücklichen Ausdruck an.
„Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe gerade die beste Nachricht der letzten Wochen erhalten. Der Sohn von Littlefoot, unserem Anführer, ist gesund zurückgekehrt …“
Marc schaute ihn fragend an. Sprach er etwa gerade von Ahmik? Freude stieg in ihm auf.
„Ein Freund von mir wurde kurz in dem, wie heißt es nochmal, 'Taranto Hospital …“
„Nein, nein, Sie meinen das Stanton Territorial Hospital.“
„Ja, genau. Da haben sie von einer jungen Frau erzählt, die wohl auf abenteuerliche Weise gerettet wurde.“
Beide 'Dene' lachten. Der jüngere ergriff das Wort.
„Ja, das ist meine zukünftige Frau. Shonessi, sie ist die Tochter von Littlefoot und sie ist die schönste First Nation Frau in ganz Kanada.“
Es traf Marc, als ob eine Lanze durch sein Herz gebohrt worden wäre. Nur mit äußerster Beherrschung konnte er diese Aussage überspielen. Er setzte alles auf eine Karte. Wenn, dann lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
„Das hat man mir auch gesagt. Sie muss sehr schön sein. Sind denn beide hier?“
Freudig nickte der ältere. Der Jüngere war bereits auf dem Weg in einen der hinteren Räume.
„Warum nicht? Kommen Sie einfach mit. Wie hatten Sie sich denn ihr Engagement vorgestellt?“
„Ich bin die nächsten Wochen noch hier in Yellowknife. Sie können über mich verfügen. Solchen Konzernen muss Einhalt geboten werden!“
Bevor sie sich jedoch auf den Weg machten, verwickelte Marc sein Gegenüber nochmals in ein Gespräch über die Glenconan AG.
Zur gleichen Zeit in einem anderen Raum. Littlefoot hatte soeben mit mehreren Stammesvertretern den Raum verlassen. Zurück blieben allein Ahmik und Shonessi.
„Was ist mit Lakota?“
Keine Antwort, nur betretenes Schweigen von Shonessi, die verzweifelt den Boden nach einem Ausweg absuchte. Ahmik hatte die Frage ernst und schneidend gestellt, zumal Littlefoot die Hochzeit seiner Tochter verkündet hatte. Anfangs konnte er Marc nicht ausstehen, hatte ihn aber dann am South Nahanni schätzen gelernt. Marc, den seine Schwester Lakota nannte, stand zu dem, was er sagte und handelte danach. Er musste erkennen, dass Shonessi bei ihm immer an erster Stelle kam. Zudem war er sehr zurückhaltend und interessierte sich für die Belange der kanadischen Ureinwohner.
Er packte Shonessi am Arm, „hat er dich verlassen?“
Sie schüttelte den Kopf, sprach aber immer noch kein Wort.
„Hast du ihn verlassen? Rede endlich. Willst du tatsächlich diesen … diesen Möchtegern-Krieger Machk heiraten? Ich dachte immer, du liebst Lakota, du hast ihm den Namen gegeben. Er hat diesen Namen als Ehre verstanden, war stolz. Ist denn deine große Begeisterung schon wieder verflogen? So wie immer? …“, er wurde sehr laut, „das hat er nicht verdient!“
Shonessi blickte Ahmik wie ein weidwundes Tier an. Es platzte aus ihr heraus. Sie schrie ihren Bruder an.
„Du hast ja keine Ahnung. Mein Vater wollte mich verstoßen. Du warst nicht da, Lakota auch nicht. Wenn ich nicht loslasse, passiert Lakota etwas. Wenn er sich hier blicken lässt, kann er für nichts garantieren … Es stimmt, ich liebe Lakota, jeden Tag mehr. Was hätte ich denn machen sollen. Ich weiß nicht mehr weiter, ich kann nicht mehr.“
Sie wurde immer leiser, ihre letzten Worte waren nur noch ein Wimmern. Ahmik nahm sie in den Arm, drückte ihren bebenden Körper fest an sich und streichelte ihre Haare.
„Du liebst ihn, dann steh dazu. Es ist dein Leben, nicht das deines Vaters. Shonessi, ich helfe dir, habe Mut.“
Sie war verzweifelt: „Vielleicht ist er schon weg, es ist über zwei Wochen her, als wir uns zuletzt gesehen haben. Ich habe auch nichts von ihm gehört.“
In diesem Augenblick betrat ihr versprochener Mann den Raum, stellte sich in Pose. „Ich habe da draußen einen neuen Interessenten und Unterstützer für uns gewonnen. Er kommt gleich.“
Marc folgte seinem Begleiter dicht auf. Er war verdeckt, als sie den Raum betraten. Marc erkannte sofort Shonessi, erschrak, als er ihre verweinten Augen sah. Am liebsten wäre er sofort losgestürmt. Doch er wollte unbedingt Ahmiks Reaktion abwarten, den er ebenfalls sofort erkannte. Es dauerte einige Sekunden, über Ahmiks Gesicht flog der Hauch eines Lächelns. Das reichte Marc, er trat aus dem Schatten seines Vordermannes. Shonessi war im ersten Augenblick unfähig zu reagieren. Ihr Gesicht hellte sich auf, dann gellte ein Aufschrei durch den Raum.
„Lakota!“
Es gab kein Halten mehr, sie flog Marc förmlich in die Arme, ließ ihren zugedachten Mann ohne ihn zu beachten links liegen. Marc hatte seine Arme weit ausgebreitet, fing sie auf.
„Lakota, nimm mich … wenn du noch willst. Ich bleibe bei dir, ich gehe mit dir, ich …“
„Shonessi, alles was du willst. Ich habe es nicht mehr ausgehalten, wollte schon mit Gerry und Susanne nach Deutschland zurückfliegen, nur Gerry hat mich davon abgehalten. Deswegen bin ich heute in die Höhle des Löwen gegangen. Ich bin auch bereit mit dir, mit Ahmik und euch zu kämpfen … Ich liebe dich!“
„Wer bist du?“
Der Ältere war völlig unschlüssig, wie er reagieren sollte. Machk jedoch hatte sich wieder gefangen, fasste Marc an die Schulter und drehte ihn zu sich. Niemals könnte er Shonessi gehen lassen, verlöre sein Gesicht. Plötzlich hielt er ein großes Jagdmesser in der Hand. Bevor er jedoch auf Marc losgehen konnte, hatte sich Shonessi schützend vor diesen gestellt.
Es kam nicht zum Äußersten. Ahmik entwaffnete mit zwei Griffen Machk, warf das Messer in eine Ecke und stieß ihn in die andere mit einer solchen Wucht, dass ein Stuhl dabei zu Bruch ging. Ahmik sah sich um, der zweite hatte den Raum verlassen.
Nach einigen Minuten betraten Littlefoot und einige andere den Raum. Marc hielt seinen Arm um Shonessi, sie hatte ihren um seine Hüfte gelegt, das zeigte allen: seht her, wir beide gehören zusammen. Machk war aus seiner Ecke gekrochen, versteckte sich halb hinter Littlefoot.
Littlefoot war eine Führungspersönlichkeit, wie man ihn sich nicht besser vorstellen konnte: ein Bär von einem Mann, eine hohe Stirn, die schwarzen Haare in zwei langen Zöpfen geflochten, eine doppelte Kette um den Hals und ein respektheischender Anblick ließen jeden klein werden. Er war sich seiner Wirkung wohl bewusst, ging direkt zu Shonessi.
Diese klammerte sich nun noch fester an Marc. Mit einer Kopfbewegung, die keinen Widerspruch duldete, wies er Shonessi an, Marc sofort loszulassen.
Ein leises „nein“ war alles an verbalem Widerstand, zugleich umfasste sie mit dem zweiten Arm ebenfalls noch Marc.
Eine tiefe Stimme, gesprochen in Worten in einer für Marc unverständlichen Sprache ließ Shonessi zusammenzucken. Sie schüttelte den Kopf, Tränen. Dann wurde Littlefoot handgreiflich. Nur – er hatte nicht mit dem Widerstand von Marc gerechnet. Er griff sie an den Haaren, sie schrie laut auf. Ohne an die Folgen zu denken, schlug Marc zu. Ein klassischer Kinnhaken setzte Littlefoot außer Gefecht.
Nur kurz währte die Schockstarre der übrigen. Marc und Shonessi wurden an die Wand gedrängt. In diesem Augenblick schob sich Machk nach vorne. Im hinteren Bereich stand Ahmik mit verschränkten Armen. Mit stoischer Ruhe beobachtete er alles, mischte sich erst jetzt mit lauter Stimme ein.
„Aufhören, alle! Jeder, der seine Hand erhebt, bekommt es mit mir zu tun … Das hier ist Lakota!“, zeigte dabei auf Marc, setzte einen Moment aus. „Ihr wundert euch sicher über seinen Namen, er ist einer von uns. Jeder von euch kennt die Bedeutung. Dieser Mann hier hat Shonessi das Leben gerettet, auch mir. Wartet!“
Littlefoot wurde wach, hielt sich das Kinn, wollte soeben auf Marc losgehen.
„Vater, das gilt auch für dich. Nochmal, keiner erhebt hier die Hand gegen diese beiden. Auch du nicht! Du wirst mir jetzt zuhören: Shonessi wird Machk nicht heiraten! Shonessi, sprich bitte selbst für dich und Lakota.“
Shonessi löste sich von Marc, trat einen Schritt vor. Nicht mehr das kleine verschüchterte Mädchen stand vor dem großen Littlefoot, sie war von der Körpergröße zwei Köpfe kleiner. Ahmik dagegen nahm seine Stellung neben Marc ein, lächelte ihn aufmunternd an. Shonessi blickte ihren Vater herausfordernd an. Ihre klare helle Stimme ließ alles Gemurmel im Raum verstummen.
„Vater, ich werde Machk niemals heiraten! Wenn einen Mann, dann nur Lakota. Solltest du weiterhin gegen uns sein“, sie machte eine kurze Pause, „dann wird es keine Tochter mehr für dich geben.“
Durchdringend blickte sie ihren Vater an, verschränkte ihre Arme und sprach kein Wort mehr. Schweigend vernahm Littlefoot ihre Worte, auch Ahmik verzog keine Miene.
„Ist das auch deine Meinung?“
Ahmik nickte, wiederum ohne jegliche Regung. Ein tiefes Brummen war die Antwort, ein verächtlicher Blick traf Bruder und Schwester. Littlefoot drehte sich um, winkte seinen Begleitern zu und verließ wortlos den Raum. Mit ernstem Gesicht wandte sich Ahmik an Marc.
„Lakota. Ich will nur eines wissen, du hast gesagt, du würdest mit uns kämpfen. Bleibst du hier in Kanada, hier bei Shonessi?“
„Ja, in Deutschland hält mich nichts mehr. Wenn ihr beide es wollt, dann bleibe ich!“
Jetzt wollte Shonessi es genau wissen.
„Und deine Familie? Willst du sie alle verlassen? … Das hältst du nicht lange durch.“
Marc fasste sie an beide Schultern.
„Auf mich wartet niemand. Meine Eltern sind tot. Geschwister habe ich keine und Gerry, mit ihm werde ich den Kontakt halten. Hartmut ist wahrscheinlich auch tot. Ich habe ihn in dem Hubschrauber gesehen, der beim 'Gate' abstürzte.“
„Er war in der Maschine?“, Ahmik überraschte diese Aussage von Marc doch sehr, „dann hat es ja doch die Richtigen erwischt. Woher wusstest du …“
„Ich habe seine hässliche Fratze grinsen sehen. Ich dachte schon: aus, das war´s. Ich verstehe bis heute nicht, warum er sich dermaßen auf Shonessi eingeschossen hat. Sie hat ihm nie auch nur den kleinsten Anlass gegeben, im Gegenteil. Dieser blanke Hass, ich habe ihn in seinen Augen gesehen. Und wir waren mal die besten Freunde“, verständnislos schüttelte Marc den Kopf, „wir wären niemals ans Ufer gekommen. Aber dann ist der Vogel einfach in den Berghang gekracht. Mich würde mal interessieren, warum?“
„Ihr hattet eben einen Geist, der euch beschützt hat …“
„… und der hieß Ahmik, oder täusche ich mich jetzt?“ Sanft lächelte Shonessi Ahmik an, blinzelte Marc zu. Der konnte nur noch staunen.
„Du? Du hattest keine Waffen, wie sollte das denn gehen?“
„Lieber Lakota, schon vergessen? Er ist ein waschechter Häuptlingssohn, er kann improvisieren. Habe ich nicht Recht?“
„Okay, ich habe euch zwei beschützt. Aber du weißt, Shonessi, meine kleine Schwester habe ich immer beschützt.“
Marc wollte sich schon äußern, nur Ahmik stellte selbstverständlich fest, „und das wird auch so bleiben. Lakota, da hast du keine Chance.“
Marc verzog sein Gesicht, Shonessi nahm ihn sofort liebevoll in den Arm.
„Er ist nur mein Bruder, nicht dein Konkurrent. Ihr solltet Freunde werden!“
Marc trat zu Ahmik und reichte ihm die Hand.
„Danke, Ahmik, du hast was gut bei mir. Freunde?“
„Okay, Freunde.“
Beide umarmten sich herzlich und holten schließlich noch Shonessi mit hinzu.
„Wie hast du das nun gemacht? Mit dem Hubschrauber.“
„Das bleibt mein Geheimnis, zumindest vorerst.“
„Gut, dann soll es so sein.“
Das rote Haus
„Ahmik, wo sollen wir wohnen? Ich möchte mit Lakota zusammen sein.“
„Wir ziehen in das kleine rote Haus mit den weißen Fenstern, direkt am See. Du kennst es.“
Überrascht schaute sie ihren Bruder an.
„Wieso wir? Ich möchte mit Lakota zusammen wohnen, nicht mit dir.“
Marc hielt sich zurück, sicher wollte er lieber allein mit Shonessi leben, doch Ahmik hatte sie beide beschützt, wollte keinesfalls undankbar sein. Shonessi ließ sich nicht beirren, gab so schnell nicht auf.
„Bruder, du möchtest doch eine glückliche Schwester, nicht? Das Haus ist schön, aber klein. Ist das denn frei?“
„Es wird frei sein. Ich denke, unser Vater wird auch Lakota akzeptieren.“
Shonessi zog die Augenbrauen hoch.
„Und wie willst du das erreichen?“
Marc hielt sich nach wie vor zurück. Er war schließlich der Fremde, wollte auf keinen Fall negativ auffallen. Ahmik lachte, fasste sie an die Schultern und zog sie zu sich, blickte sie liebevoll an.
„Meine kleine Schwester, das rote Haus ist nur für euch allein, ich wollte dich nur testen.“
„Und? Bestanden?“ Sie wartete die Antwort nicht ab, fasste sofort nach. „Nochmal, wie willst du das erreichen?“
„Ich habe da so eine Idee. Er wird nicht 'nein' sagen.“
Shonessi und Marc gingen zu dem roten Haus. Dieses, ein Holzgebäude mit weiß gestrichener Tür, weißen Fenstern und ebensolchen Einfassungen besaß einen kleinen Garten um das Gebäude, eine Garage und einen Steg in den See. Ausgestattet mit einem kombinierten Wohn-/Esszimmer, grenzte die offene Küche direkt an den Wohnraum. Für die räumliche Trennung sorgte ein Holztresen. Dieser Tresen war als kleine Bar gestaltet mit aufgehängten Gläsern und einem hohen Schrank für Flaschen. Hinter der Küche befanden sich Bad und Schlafraum. Das Haus war einfach, aber zweckmäßig eingerichtet und hatte einen rustikalen Charme. Die Möbel waren alle handgezimmert und etwas grobschlächtig.
Mit dem Schlüssel von Ahmik konnten sie das Häuschen besichtigen. Marc begeisterte sich mehr und mehr für das in seinen Augen ideale Heim für sie beide. Shonessi lachte ihn glücklich an.
„Mir gefällt es auch sehr. Komm, lass uns zum See gehen. Alles andere regelt mein Bruder.“
Ahmik begleitete beide hinaus, schloss ab und ging zum Regierungsgebäude.
Shonessi und Marc gingen auf den Steg, setzten sich am Ende auf die Holzplanken, ließen die Beine über dem Wasser baumeln. Marc legte seinen Arm um Shonessi und zog sie an sich.
Sie blickte verträumt auf das silberne glitzernde Wasser, fragte: „würde dir das hier gefallen, das Haus am See?“
„Da fragst du noch, das wäre ein Traum. Und dann noch mit dir zusammen. Schöner geht nicht mehr.“
Shonessi wurde nachdenklich.
„Wir müssen uns eine Arbeit suchen. Ich will mich nicht von meinem Vater aushalten lassen … Das wird nicht einfach werden. Die meisten von uns sind arbeitslos.“
„Was hast du denn bisher gearbeitet?“
„Ich bin bei den 'Dene' Mädchen für alles: im Prinzip Sekretärin, Terminmanagerin, Protokollführer usw. für unseren Protest. Und nicht zu vergessen: Pressesprecher. Ich arbeite viel mit den lokalen Zeitungen, unserem Rundfunk. Das macht mir auch am meisten Spaß.“
Er schaute sie an, gab ihr einen Kuss.
„Dann ist doch klar, wie es weitergeht“, er wartete kurz, sie schaute ihn mit neugierigen Augen an.
„Du gehst nochmal auf die Schule oder noch besser studierst Journalismus, jung genug bist du.“
„Ganz super Idee. Das ist viel zu teuer, kann ich mir überhaupt nicht leisten. Ich will nicht, dass mein Bruder oder mein Vater das bezahlen. Es muss auch so gehen.“
„Wer redet denn von den beiden, ich nicht.“
„Ich lasse mich auch von dir nicht aushalten.“ Sie wurde zornig.
„Bitte nicht aufregen. Du willst doch mit mir zusammen leben, oder etwa nicht?“
Marc war sich auf einmal nicht mehr sicher.
„Ja, natürlich will ich das. … Und weiter?“
Trotz ihrer jungen Jahre war sie bestimmend. Sie lächelte ihn dabei an, sein sich anbahnender Ärger war sofort verflogen. Er gab nicht auf, wollte sie überzeugen. „Ich investiere damit in unsere Zukunft. Ich will kein Hausmütterchen zu Hause sitzen haben. Ich will eine Frau, die mitdenkt und mit entscheidet.“
„Das ist gefährlich …, für dich. Hört sich aber gut an. Was ist ein Hausmütterchen?“
„Eine Frau, die nur für ihren Mann und ihre Kinder da ist, alles widerspruchslos erledigt. Wenn ich mir das so überlege, Hm? Könnte ich mit leben.“
„Lakota, so nicht. Ich bin nicht deine Sklavin …“
Marc wehrte sich, „Moment, jetzt unterstellst du mir was. Sklavin. Was soll das? Willst du mich ärgern?“
„Nein, Lakota. Mit Sicherheit nicht. Ich denke, wir haben uns verstanden. Und du würdest mir tatsächlich das Studium bezahlen?“
„Oh ja, mit Freude sogar.“
So saßen sie noch einige Zeit am See. Ahmik wollte schon nach einer Stunde wieder zurück sein.
Der Sitzungsraum im Regierungsgebäude besaß einen großen runden Tisch. Alle Chiefs der 'Dene'-Völker waren dort versammelt, teilweise auch deren Söhne. Den Vorsitz führte Tyrone Sand, genannt 'Littlefoot'. Ahmik betrat nach kurzem Anklopfen und ohne eine Antwort abzuwarten den Raum. So konnte er sicher sein, die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken. Er wusste, er stieß einigen dabei vor den Kopf, nahm das aber bewusst in Kauf. Littlefoot erhob sich mit wichtigem Gesicht.
„Mein Sohn hat wohl keinen Respekt mehr vor dem Rat. Was soll das? Willst du uns hier vorführen?“
Immer lauter war Littlefoot geworden, man merkte ihm seinen Zorn an.
„Nein, das würde ich niemals tun. Ich achte den Rat und seine Mitglieder. Genau wie du“, er machte eine kurze Pause, „ich möchte euch allen hier ein Angebot unterbreiten: ich bin bereit, an meines Vaters Seite mit euch zu gehen und meine ganze Kraft in den Dienst unserer Sache zu stellen. Die Glenconan AG muss gestoppt werden!“
Ein Raunen ging durch den Raum, der Chief der 'Dene' erhob sich.
„Das ist endlich eine gute Nachricht, mir bist du willkommen, Ahmik. Ich denke, den meisten anderen auch. Lange mussten wir darauf warten.“
„Nicht so schnell. Ich kenne meinen Sohn. Was hat dich umgestimmt?“ Littlefoot war misstrauisch.
„Shonessi.“
Littlefoots Gesicht verfinsterte sich.
„Ich kenne keine Shonessi.“
„Vater, deine Antwort ist kindisch. Ihr braucht sie. Wer soll sonst ihre Aufgaben übernehmen? Ich kenne niemanden, der das außer ihr kann. Sie hat alle Kontakte, ist bekannt. Wir … brauchen … die … Presse! Du darfst deinen privaten Frust nicht auf dem Rücken der anderen hier austragen.“
Ehe Littlefoot antworten konnte, kamen die Einwürfe der anderen. Teilweise aufgebracht, wurde durcheinander gerufen.
„Ahmik hat Recht, es geht um die Sache …“
„Du solltest deinen Vater achten …“
„Wir brauchen Shonessi nicht …“
„Wer soll es denn machen, du …“
Immer lauter riefen sie durcheinander. Mit donnernder Stimme gebot schließlich Littlefoot dem Durcheinander Einhalt.
„Ahmik, ich denke, ich muss mich bei dir bedanken. Wir brauchen ganz besonders dich. Du weißt, das wollte ich von Anfang an. Soll Shonessi ihre Arbeit wieder aufnehmen, … aber ohne diesen Lakota.“
„Lakota wird bei uns mitarbeiten. Er wird, du wirst es sehen, uns eine Hilfe sein. Außerdem brauchen wir das Gästehaus, die beiden müssen schließlich irgendwo wohnen. Wenn du nichts dagegen hast, wohne ich bei dir.“ Ahmik lachte breit, „das sind die Bedingungen. Nur so werden wir zusammenkommen. Teilt mir bitte das Ergebnis mit.“
Mit einem kurzen Gruß entfernte sich Ahmik aus dem Versammlungsraum, setzte sich in seinen Pickup und fuhr zum Roten Haus. Marc und Shonessi saßen noch immer auf dem Steg.
„Darf ich stören?“
„Nein, das siehst du doch“, sie lachte, „Ahmik, stell dir vor, Lakota zahlt mir ein Studium für den Journalismus. Ist das nicht toll?“
„Schon. Äh, Lakota, hast du denn so viel Geld?“
Doch sie sagte nichts, blickte ihren Bruder immer noch lachend an, während Marc nach einer passenden Antwort suchte.
„Ich habe ein bisschen Gespartes, sonst hätte ich mir diese Reise nicht leisten können. Für Shonessi reicht es auf jeden Fall.“
Ein lang gezogenes „Okay“ von Ahmik war alles. Marc sah ihm an, dass er kein Wort glaubte, ließ es aber stehen. Sie warteten gemeinsam zwei Stunden, dann kam eine Abordnung die Straße zum See herunter. Der Chief der 'Dene', sein Sohn Machk und vier weitere Ratsmitglieder näherten sich langsam den Dreien. Sein Vater Littlefoot war nicht dabei. Marc sah Ahmik die Enttäuschung an.
„Das Ergebnis ist nicht so, wie ich es mir gewünscht habe“, stellte Ahmik mit bitterer Miene fest. Marc legte seinen Arm schützend um Shonessi. Dann standen sich beide Gruppen gegenüber.
„Wir haben eine Entscheidung getroffen.“
Ahmik nickte.
„Ahmik, du wirst unser neuer Sprecher mit allen Rechten und Pflichten. Shonessi wird weiter ihre Aufgabe erfüllen“, der Chief räusperte sich, „ähm, … Lakota kann hier bleiben und unterstützt euch beide. Das bedeutet, ihr seid für ihn verantwortlich.“
Marc nickte Ahmik zu und zeigte ihm sein Einverständnis.
„Dann gilt es ab jetzt.“
Der Chief nestelte in seiner Tasche, holte einen Schlüsselbund heraus und übergab diesen mit einem Lächeln an … Lakota.
„Seid willkommen in Dettah, auch du Lakota. Vergiss nie! Ehre deinen Namen. Das Haus gehört bis auf weiteres euch.“
„Was ist mit Littlefoot?“ Ahmik wollte Gewissheit.
„Littlefoot wird uns verlassen, er kehrt in sein Dorf auf Mahonie Island zurück. Er ist ein alter störrischer Mann und nicht bereit, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Das führt uns in eine Sackgasse. Shonessi, bereitest du die Presseerklärungen vor. Schließlich muss die Glenconan AG wissen, wer ihre neuen Gegner sind. Erwähne auch Lakota, es ist gut, wenn wir von einem fremden Weißen unterstützt werden. Ahmik, du bereitest die große Demonstration in Yellowknife vor.
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