Kitabı oku: «Gulaschpuzzle»

Yazı tipi:

Lutz O. Korndörfer

Gulaschpuzzle

Roman


© Dittrich Verlag ist ein Imprint

der Velbrück GmbH, Weilerswist-Metternich 2019

Lektorat: Markus Lorenz

Satz: Gaja Busch

Umschlaggestaltung: Guido Klütsch

Printed in Germany

ISBN 978-3-947373-41-3

eISBN 978-3-947373-46-8

www.dittrich-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

1. Mach sitz!

2. Startup Relation Management

3. Honecker, Hrubesch, Hölderlin

4. Die Furzferkel

5. Hier gab’s doch immer Rinderroulade

6. Coco & Schlampi

7. Wer ist Tom?

8. Hirnflucht

9. Detektei Hasenclever

10. Logen-Peepshow

11. Neues vom Kuppel-Komplott

12. Gonzo

13. Tessa

14. Bon ohne Eimer

15. AEIU ohne O

16. Die Blut-Marie

17. Im Land der Riesenmücken

18. Wer ist Tessa?

19. Little Joe schnappt zu

20. … dann waren es Aliens

21. Norbert Pawliczeks edle Spende

22. Martha, der Engel

23. Ein schöner Traum

1. Mach sitz!

Alles ist grün.

Nun, bei einer Wiese ist das nichts Außergewöhnliches. Aber bei Mozzarellabäumen? Da sollten doch wohl nur die Blätter grün sein, nicht der Stamm und die Äste. Also nicht der ganze Baum. Das finde ich eigenartig.

Ich weiß nicht einmal, warum die Bäume so heißen. Es hängt schließlich kein Mozzarella dran, noch nicht mal verpackt, in Tüten. Überhaupt habe ich noch nie irgendetwas daran hängen sehen. Wieso also dann dieser Name? Ein einsamer Reiter hat ihn mir einmal genannt, seitdem weiß ich ihn. Präziseres Wissen hatte der Reiter allerdings nicht. Vielleicht ist das auch alles Unsinn. Typen, die ständig allein auf einem Pferd sitzen, reden viel, wenn der Tag lang ist.

Was? Oh, Entschuldigung. Habe ich nicht gesagt, dass ich träume? Ja, ich träume gelegentlich, und zwar fast immer von meiner Wiese und den Bäumen. Den grünen Mozzarellabäumen. Manchmal klettere ich auf einen rauf und schaue in die Ferne.

Man sagt ja, Träume seien das Spiegelbild der Seele. Oder sogar des Lebens. Ich glaube mittlerweile, das Leben ist vielmehr ein Spiegelbild unserer Träume. Und wir müssen aufpassen, dass wir uns auf dem schmalen Grat zwischen Traum und Realität zurechtfinden. Dass wir nicht das schmale Band verlieren, die Grenze, an der das eine aufhört und das andere anfängt.

Lange Zeit habe ich gedacht, das ganze Traum-mit-Baum-Ding wäre langweiliger Käse. Ich hätte nicht geglaubt, jemals in eine Lage zu geraten, in der ich froh wäre, von nichts weiter als einer langweiligen grünen Wiese zu träumen, oder ruhig auf einem Baum zu sitzen, von dem es heißt, es wüchsen Molkereiprodukte daran.


»Pass doch auf, du Muschi!«

Ich schreckte hoch. Durch die regennasse Scheibe sah ich Schemen von roten und weißen Lichtern in der Dunkelheit und rekonstruierte nur mühsam die dazugehörigen Automobile, Amöben, deren Umrisse miteinander verschmolzen. Nur kurz waren sie trennscharf auszumachen, wenn der Scheibenwischer eine gebirgsseegroße Menge Wasser zur Seite geschaufelt hatte, um sogleich erneut flickernd ineinander zu verbreien. Ich erkannte Menschen, die versuchten, den gallertartigen Amöbenhüllen ihre Richtung aufzuzwingen.

»Was ist los?«, krächzte ich.

»Der bremst! Macht hier Stadtrundfahrt auf der Autobahn und bremst. Der Sepp! Unsere Klamotten! Die sind fast durch die Scheibe gerauscht.«

Boris war richtig sauer. Schwerfällig drehte ich meinen Kopf und blickte in den hinteren Teil des Kleinlasters. In der Tat war uns das Transportgut bedrohlich nahe gekommen. Einige Umzugskisten waren umgestürzt und ihr Inhalt nicht mehr aufgabengemäß interniert.

›Inkontinente Kartonagen‹, durchfuhr es mich. »Hier herrscht die pure Anarchie der Verpackungseinheiten.«

»Hä?«

»Die Meuterei hat begonnen. Mein Kapitän, ich bleibe bis zum bitteren Untergang an Eurer Seite.«

»Hör auf zu schwallen, schau lieber mal nach den Flaschen!«

Verschlafen kroch ich über die Sitzbank und tastete mich durch den Laderaum. Die Möbel und Kisten hatten sich selbständig gemacht und wahllos neue Kontaktpunkte gesucht. Ein leises Klirren verriet mir, dass ich mich an der richtigen Kiste zu schaffen machte. Behutsam wie ein Gehirnchirurg befreite ich das wertvolle Objekt aus der Umklammerung des aufsässigen Möbel-Pappe-Matsches.

»Bei der Krombacher Armee keine Verluste!«, rief ich nach vorne.

Boris gab einen Laut der Erleichterung von sich, um gleich einen weiteren Verkehrsteilnehmer auf eine Verfehlung aufmerksam zu machen.

»… blublublu … Arschgesicht!«

Leider hatte ich den Beginn dieser verkehrspädagogischen Supervision nicht mitbekommen, da mir gerade in diesem Augenblick eine Umzugskiste mit Töpfen von oben auf den Kopf gekracht war.

»Tom, alles in Ordnung?« Boris klang besorgt.

»Jajaja«, maulte ich und gab der renitenten Kiste einen Tritt, worauf sich ein Rudel Töpfe scheppernd im hinteren Teil des Transporters verlor.

»Wo sind wir eigentlich?« Mit einem Hechtsprung gelangte ich zurück auf den Beifahrersitz.

»200 Kilometer.«

Boris war, außer es betraf Autofahrer, Politessen oder kleine kläffende Hunde, ein eher wortkarger Kollege. Nicht nur war dies die kürzestmögliche Antwort – sie beantwortete auch gleich meine nächste Frage. Leute, die uns nicht kannten, waren manchmal etwas verwirrt, wenn sie unserer Konversation folgten. Aber so war Boris: schnörkellos, direkt, auf den Punkt. Man könnte auch sagen: maulfaul. An seinem Körper hatte die Gemütlichkeit bereits erste Spuren hinterlassen. Die Haut spannte sich an den üblichen Problemstellen. Zusammen mit seinen halblangen schwarzen Haaren, die strähnig wie ein Topf Schnittlauch aus seinem großen Schädel herauswucherten, gab ihm das einen gewissen alternativen Touch. Die Second-Hand-Militärklamotten verliehen ihm jedoch die notwendige Portion Rambo, um nicht gleich mit Körnerstampfern und Saftpressern ethnisch vermischt zu werden.

»Da häng ich mich ran.«

Boris war auf einen orangefarbenen LKW aufgefahren. Und zwar so knapp, dass ich den etwa briefmarkengroßen Aufkleber mit dem Spruch »Ich bremse auch für Frauen« ohne Sehhilfe lesen konnte. Respekt. Feminist alter Schule.

»Ist das nicht ein bisschen knapp?«

»Windschatten fahr’n. Müssen Sprit spar’n.«

»Und wenn der bremst?«

»Der bremst nicht!«

»Ach nein?«

»Nein.«

Boris’ Zuversicht beruhigte mich nicht wirklich. Beifahrenderweise mit der Nase an einer orangeroten Wand zu kleben, machte mich nervös. Ich schloss die Augen und versuchte mich aus dem Wagen hinauszudenken. Versuchte mir vorzustellen, was mich in Berlin erwarten würde.

Ich war erst einmal dort gewesen, 1983 mit meinen Eltern. Da stand die Mauer noch, und ich fragte mich, warum die uniformierten Männer in den Grenzhäuschen so komische Frisuren trugen. Mein Vater war wenig begeistert, als ich diese Frage von der Rückbank aus laut und vernehmlich ausformulierte und sein Wagen daraufhin komplett zerlegt wurde. Jetzt, 25 Jahre später, wollte ich in Berlin meinen Beitrag zur Marktwirtschaft leisten. Wurde auch Zeit, dass ich mich nach zwei abgebrochenen Ausbildungen und Jahren des konstruktiven Müßigganges in das Bataillon der redlichen Arbeitnehmer einreihte.

Ich hatte gerade einen Aushilfsjob als – Pause – »Target Promotor« eines Süßwarenherstellers geschmissen. »Target Promotor« hört sich zwar fast so urban trendy und nach massenweise Schotter an wie »Creative Director« oder »Head of Human Resources«, bestand aber in meinem Fall zumeist aus dem Auftragen lustiger Tierverkleidungen in Lebensgröße, um von der minderjährigen Target-Gruppe in Ladenpassagen verspottet zu werden. So zuletzt auf dem Parkplatz des REAL-Marktes in Bottrop und in Gestalt eines für Nussnougatriegel Reklame laufenden Drei-Meter-Bären (weil die ja so gerne Haselnüsse fressen!) mit 60 Grad Körpertemperatur, als Boris mit dem – Originalton – »Brüllerjob« um die Ecke kam.

Boris und ich kannten uns schon seit der Schulzeit in Duisburg. Die Lehre zum Groß- und Einzelhandelskaufmann hatten wir noch gemeinsam abgebrochen, dann hatte ich es in der Gastronomie versucht und war dem Ruhrgebiet treu geblieben, während er nach Berlin gegangen war, um Masseur und/oder medizinischer Bademeister zu werden. Zu seinem Glück kam der IT-Boom dazwischen, so dass er seine Leidenschaft für die Computer-Daddelei mit Hilfe aufgeblähter Aktiengesellschaften in aberwitzige virtuelle Geldmengen, Porsche und Ferienhaus verwandeln konnte. Dummerweise waren Aktien nur bedrucktes Papier und kurze Zeit später nicht einmal mehr dieses wert. Aus den materiell noch vorhandenen Zertifikaten rollte er sich ab und zu riesige Joints – die »New-Economy-Droge«, wie er es nannte.

Seit ein paar Jahren war er nun, laut Selbstauskunft, als freier Mitarbeiter der Import-Export-Branche, sprich Transporte, Entrümpelungen, Umzüge und so weiter, im Einsatz. Und so kam es, dass sich gegenwärtig mein kompletter Hausrat und ich in seinem Mercedes-Kleinlaster befanden, um in ein neues Leben voller richtiger Arbeit aufzubrechen.

Der Feminist vor uns verließ die Autobahn und steuerte die Zapfanlage eines Autobahnrastplatzes an. Boris blieb zentimeterdicht hinter ihm und hielt an.

»Was ist jetzt? Warum halten wir hier?«

»Der macht gutes Tempo, genau richtig, da bleib ich dran.«

»Du hast doch gesagt, wir hätten wenig Sprit. Tank doch was, dann können wir auch wieder ohne den Kasten da fahren.« Ich deutete auf den LKW.

»Noch Geld?«

Ich kramte in meinen Hosentaschen. 300 Euro. Die brauchte ich aber morgen früh als Kaution für die Wohnung, die Boris angemietet hatte. Da er aus seiner alten rausmusste, hatte er freundlicherweise angeboten, gleich für uns beide eine neue zu suchen.

»Ich hab noch acht Euro. Det lohnt doch nich«, bilanzierte Boris.

»Und jetzt?«

»Weiterfahr’n. Windschatten.«

»Und wenn der Sprit nicht reicht?«

»Der reicht schon.«

»Sicher?«

»Ja doch.«

Die orangefarbene Wand bewegte sich wieder und saugte uns zurück auf die Autobahn.

»Gib mal ’n Saft!«, verlangte Boris.

»Saft« war seit der Schulzeit unser Codewort für alkoholische Getränke, mit dem wir vor unseren Erzeugern das Ausmaß unseres Spirituosenkonsums verharmlosten. Das hatte eigentlich immer recht passabel funktioniert, bis zu dem Tag, als ich nach dem Genuss diverser Säfte nicht mehr in der Lage war, das Bett meines Jugendzimmers zu verlassen. Meine besorgte Mutter empfing den herbeigerufenen Arzt mit den Worten: »Der hat doch nur Saft getrunken.« Der Medizinmann war nicht auf den Kopf gefallen und diagnostizierte eine ausgewachsene Alkoholvergiftung, besaß aber die Größe, Mutter diese lediglich als Magen-Darm-Verstimmung zu verkaufen.

»Der hat doch nur Saft getrunken« wurde anschließend als Synonym für Vollrausch mit schwerer Übelkeit und/oder Erbrechen in unseren Sprachgebrauch übernommen.

Ich öffnete zwei Krombacher-Säfte und reichte Boris einen davon. Stumm salutierten wir und benetzten unsere durstigen Kehlen. Der Regen hatte nachgelassen. Ich öffnete das Seitenfenster und atmete die kalte Herbstluft ein. Es roch nach nassem Wald.

Plötzlich musste ich niesen und bemerkte ein unangenehmes Kratzen in meinem Hals. Ich schloss das Fenster und fluchte. Wie ich diese Erkältungen hasste! Wenn wir schon in der Lage waren, komplette Menschen zu klonen, warum hatte es noch keiner der armseligen Forscher geschafft, diesen lächerlichen Schnupfen auszurotten. Da müsste man doch nur ein bisschen am Erbgut dieser Erreger rumschrauben, und schon könnten denen kleine Popeye-Ärmchen mit Fäustchen wachsen, mit denen sie sich dann selbst gegenseitig so lange ins Gesichtchen schlugen, bis sie platzten. Ich grinste böse. Genau, das sollten diese Pfuscher machen, und nicht wehrloses Obst und Gemüse genmanipulieren oder Menschen in Reagenzgläsern vervielfältigen, um am Ende vielleicht sämtliche Zeugungsvorgänge abzuschaffen …

»Scheiße!«

»Was ist los?«

»Sprit ist alle.«

»Aber wir fahren doch noch.«

»Wir rollen.«

»Das ist doch scheiße jetzt!«

»Sag ich doch.«

Der Windschatten spendende Feministentransporter entfernte sich langsam wie ein großes orangefarbenes Schiff, das uns auf hoher See in einem Ruderboot zurückließ. Unser Wagen hoppelte auf den Standstreifen und kam mit einem hämischen Knirschlaut zum Stehen. Boris tippte genervt auf seinem Navigationsgerät herum und stieß unappetitliche Flüche aus.

»Vier Kilometer zur nächsten Tanke! Kommste mit?«

»Und wenn jemand die Sachen klaut?«, versuchte ich mich billig zu drücken.

»Klaut keiner!«

»Ja richtig. Genauso, wie der Sprit reicht.«

Boris warf mir einen vernichtenden Blick zu.

»Is’ ja gut, brauch das meiste davon sowieso nicht mehr«, seufzte ich.

Mit zwei Kanistern und diversen Säften bestückt machten wir uns auf den Weg. Es war halb elf Ende Oktober, dunkel und kalt. Die vorbeifahrenden Autos hatten offensichtlich ihren Spaß daran, uns mit Wasser vollzuspritzen. Ich hasste Laufen. Schon immer. Und heute besonders. Je länger wir marschierten, umso idiotischer kam mir dieser ganze Umzug mal wieder vor.

»Mitarbeiter bis 35 Jahre für außergewöhnliche Partnerschaftsagentur in Berlin gesucht. Voraussetzung: Gepflegtes und ansprechendes Äußeres, gute Umgangsformen und Führerschein Klasse drei«, hatte auf dem gescannten Ausschnitt aus dem Tipp gestanden, den mir Boris gemailt hatte. Ich hatte mich lange gefragt, ob sich dahinter wohl ein geheimes Programm verbarg, Menschenware in eine Stadt zu treiben, die sich in der letzten Zeit doch mächtig übernommen zu haben schien. Eine obskure Maklervereinigung, die, kaum dass ich meine Bewerbung geschickt hätte, schon mehrere tausend Euro Kopfgeld für mich einstreichen würde. Unnötig, zu erwähnen, dass ich Makler mochte wie Erkältungen. Allen Verschwörungstheorien zum Trotz siegte schließlich meine Neugier, und ich schickte meine Unterlagen in Sachen »Brüllerjob« in die Hauptstadt.

Die Altersanforderungen konnte ich mit 34,8 Lebensjahren ebenso knapp erfüllen wie die verlangten Umgangsformen. Mein Äußeres war überwiegend gepflegt, wenn ich es denn so weit kommen ließ, und mein Bewerbungsfoto ließ mich durchaus ansehnlich erscheinen. Schulterlange dunkelblonde Haare, deren Fransen ich mit Klebeband hinten an den Hals geklebt hatte, um ein seriöseres Bild abzugeben. Mit der Mode hatte ich es nicht so, das war mir zu anstrengend. Getreu dem Motto »Natürliche Schönheit kann durch nichts zerstört werden«, zehrte ich von meinen braunen Augen, den sportlichen ein Meter 90 mit Schuhgröße 45 und diesen Grübchen. Weiß der Henker, warum Frauen so was gut finden. Das waren doch nur Falten am Mund. Ich hatte schon überlegt, Schönheitschirurg zu werden und mich auf Grübchenimplantate zu spezialisieren. Zu guter Letzt: Den Führerschein hatte ich auch gerade wiederbekommen.

Dieses Leistungspaket, so hoffte ich, würde mir die gewünschte Aufmerksamkeit verschaffen. Und in der Tat: In einem knappen Telefonat schrie mir ein gewisser Norbert Pawliczek meine neue Bestimmung in die Gehörgänge.

»Komm’ Se her! Ick find Se sympathisch, junger Mann! Den Rest besprechen wa späta, wenn Se hier sin.«

Er erzählte noch einiges wirre Zeug und fragte, ob »er denn Montag in eener Woche« anfangen könne. Berliner nutzen gerne die dritte Person Singular, wenn sie zum Siezen zu cool und zum Duzen zu spießig sind. Klar könne »er«. Und als zwei Tage später der Vertragsentwurf im Briefkasten lag, ertappte ich mich dabei, ob der doch relativ fürstlichen Entlohnung für einen, sagen wir Branchenfremden, wieder die wildesten Schleppertheorien zu entwickeln.

So zog ich also mit Sack und Pack ins geweihte Land meines Gurus Norbert Pawliczek, um stinkreich zu werden – oder mir zumindest zu beweisen, dass all dies einen Haken haben musste.

Nach fast einer Stunde und kurz bevor sich meine Schuhe aufgelöst hatten, erreichten wir die Tankstelle. Den Ballast der Säfte hatten wir derweil absorbiert und abgeworfen, mit sechs Euro Diesel und zwei Euro neuem Saft traten wir den Rückweg an.

»Wat ist dat denn? Wat zum Henker is hier los?«

Boris echauffierte sich fürchterlich. Ich zog zwei Säcke mit Wäsche hinter mir her und setzte sie auf dem letzten Treppenabsatz vor dem dritten Stock ab.

»Was ist los?«

»Jetzt guck dir die Veranstaltung an!«

Ich sprang die Stufen nach oben und sah Boris, der sich abmühte, die Eingangstür zu unserer Wohnung zu öffnen. Leider war dies nicht ohne weiteres möglich. Ein Berg von Pappschachteln und anderen undefinierbaren Gegenständen war im Flur gestapelt und verhinderte das vollständige Zurückschwingen des Türblattes. Wir quetschten uns durch den schmalen Spalt in unseren Wohnstall.

»Tolle Bude«, bemerkte ich anerkennend.

»Hätt’ sie mir mal ansehn soll’n«, grummelte Boris.

»Du hast sie dir nicht angesehn?«

»Nee, hatte keene Zeit. Stress, weeßte?«

»Na toll. Du geiler Makler, du!«

»Streber! Wohnungen vorher anschaun is doch für Bausparer.«

Wir grinsten uns an.

»Was ist hier eigentlich los, wohnt hier ein Aktionskünstler?«

»Messiwohnung vom Feinsten. Wie aus’m Fernseher.«

Wir hatten uns durch den Türspalt hindurchgezwängt und versuchten, das aufgetürmte Gerümpel einer konkreten Anwendung zuzuordnen. Alte Aktenschränke, Kaffeekannen, Lampen in diversen Farben und Formen, ein Rasenmäher (Benziner), Stahlhelme, leere Korbflaschen, alte Klamotten und mindestens dreißig Plastikgiraffen verstopften zusammen mit unzähligen weiteren Gegenständen den langgestreckten Flur, der in einem unsäglichen Gelbton gehalten war. Es roch nach einer Mischung aus Sprit, Moder und Mottenkugeln. Wir wateten langsam vorwärts und passierten die Türen zur Küche (mäßig vermüllt), zum Bad (komplett vermüllt) und standen schließlich vor zwei Türen, die das Ende des Flures spitz zulaufen ließen. Jetzt stand uns das komplizierte Ritual der Zimmeraufteilung bevor. Wir blickten einander herausfordernd wie zwei Gladiatoren an. Dann stürmte Boris unvermittelt auf die rechte Tür zu.

»Mach sitz!«, rief ich hastig, riss blitzschnell die Türen beider Zimmer auf, blickte kurz in jedes hinein und baute mich triumphierend vor dem linken auf. »Nö, nö, nöö, das gilt nicht«, lamentierte Boris.

»Doch, das gilt.«

»Das machen wir doch gar nicht mehr.«

»Doch, und ob wir das noch machen!«

Mach sitz! war ein uralter Brauch unserer Jugendclique. Nach Ausruf der Formel war der Empfänger des Befehls zum augenblicklichen Verharren verdammt, während der Befehlende fünf Sekunden lang alles ringsherum nach Belieben verändern durfte, einschließlich des Zwangsgelähmten selber. Der Ausruf eignete sich bestens, um ein letztes Bier zu erhaschen, Schläge zu vermeiden oder einfach nur derbe Streiche zu spielen. Der Klassiker: Beim Hinsetzen den Stuhl wegziehen. Und da der Geschädigte genau da weitermachen musste, wo er aufgehört hatte, musste auch jede Bewegung fortgeführt werden. Ein großer Spaß. Es war streng verboten, sich dem Spruch zu widersetzen oder ihn innerhalb der nächsten fünf Stunden gegen den Ausrufer seinerseits zu benutzen – durch diese Regelung sollten direkte Racheakte ausgeschlossen und Pattsituationen verhindert werden. Wer dagegen verstieß, musste für den Rest des Tages für alle Getränkekosten aufkommen.

Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass die Welt ein ganzes Stück besser wäre, wenn sich alle Menschen am Mach sitz!-Ritual beteiligen würden.

Ich hatte das kleinere der beiden Übel gewählt. Mein Zimmer ging zum Hof hinaus, es standen lediglich Flaschen darin und es roch nach Suff; in Boris’ Zimmer standen Pflanzen und alte Matratzen, es roch nach abgelaufenen Lebensmitteln und es war laut – sogar noch jetzt um ein Uhr nachts. Allerdings war der Fußboden in meinem Zimmer wirklich voll. Durch einen schmalen Trampelpfad von der Tür zum Fenster lugten die Dielen Hilfe suchend hervor, ansonsten deckten die Flaschen die Bodenfläche komplett ab, an den Rändern sogar in zwei bis drei Ebenen übereinander. Ich vermutete, dass ich von der Pfandrückgabe bequem ein halbes Jahr den Mietzins bestreiten konnte. Die Wände meines Zimmers verhöhnten mich mit einem unfassbaren Aggro-Türkis.

Boris hatte sich seinem Schicksal gefügt und suchte das Bad auf.

»Tom, das geht gar nich, inner Badewanne liegen Leichenteile, glaub ich, und ich muss duschen. Bin am Stinken und muss morgen früh weiter.«

»Na, einer ausladen, einer Leichen bergen.«

»Ausknobeln!«, entschied Boris nach einer kurzen Pause. »Der Verlierer macht den Profilerjob im Bad.«

Derartige Battles wurden durch das gute alte Schnick-Schnack-Schnuck im »Best of five«-Modus entschieden. Zur Kampfausrüstung zählten nur Stein, Schere, Papier. Den Brunnen verachteten wir, da er die Ausgeglichenheit der drei anderen Spielfiguren aushebelte, eine unangemessene Gewinnwahrscheinlichkeit von zwei zu eins besaß und parallel die Chancen des – bei uns nicht sonderlich beliebten – Papiers steigerte. Stattdessen erweiterten wir die Palette um »Kettensäge« und »Tütü«. Die »Kettensäge«-Geste – fünf ausgestreckte Finger senkrecht übereinander – zermetzelte standesgemäß alles. Die »Tütü«-Geste – Daumen zwischen Mittel- und Ringfinger – eliminierte die Kettensäge, verlor aber gegen alles andere.

Ich wählte die »Duisburg-Rheinhausen«-Eröffnung, einen Klassiker: zweimal Kettensäge, wurde aber von Boris durchschaut und lag prompt, durch »Tütüs« ausgekontert, aussichtslos im Hintertreffen. Es gelang mir zwar noch, den Anschluss herzustellen, ausgerechnet mit dem blöden Papier gegen Stein. Dann jedoch machte Boris nach zwei Remis mit einer fiesen Finte den Sack zu. Wir hatten die Finger-Augen-Hirn-Koordination schon so perfektioniert, dass ich Papier und Stein ausschließen konnte, dann aber fälschlicherweise Kettensäge zu erkennen glaubte, Boris aber in den letzten zwei Tausendstelsekunden drei Finger zurückzog und mich und mein Tütü übelst auflaufen ließ.

Hämisch lachend schnappte er sich die Autoschlüssel und lief pfeifend die Treppen hinunter, während ich mich zögerlich der Badewanne näherte. Als ich den schleimigen, mit undefinierbaren Inhaltsstoffen versetzten Morast mit einer verrosteten Schöpfkelle (aus der Küche) in einen oben aufgeschnittenen Wasserkanister (aus dem Flur) umfüllte, fragte ich mich, ob ich wegen des Vernichtens von Beweisstücken bei einem Kapitalverbrechen zur Verantwortung gezogen werden könnte. Das Aufrühren der Ekel-Emulsion setzte brechreizerzeugende Dämpfe frei. Bevor ich den Boden der Wanne erkennen konnte, musste ich 17 Mal nach unten zu den Müllcontainern laufen. Jedes Mal, wenn mir Boris auf der Treppe entgegenkam, zischte er »Mörder!« und verzog sein Gesicht zu einer Horrorfilmfratze. Als die Biotonne voll war, kippte ich den Rest ins Altpapier.

»So, ist alles oben, ich fahr mal. Komm dann übermorgen mit meinem Gerümpel.«

Es war drei Uhr durch, die Wohnung mit meinen Sachen jetzt hoffnungslos überfüllt, die Badewanne aber blitzblank.

»Ich denke, du wolltest noch duschen.«

»Haha, wollte dich nur mal putzen sehen, du heiße Schnitte, du. Tschö Tom!«

Weg war er, und ich stand allein in einer kontaminierten Zweizimmerwohnung in Berlin, Prenzlauer Berg. Ich wuchtete meine Matratze in mein Zimmer und legte sie vorsichtig auf den gläsernen Bodenbelag. Toll. Ich hatte noch nie auf Flaschen geschlafen. Wie ein richtiger Bier-Fakir.

Aus einem meiner Kartons fischte ich einen Berlin-Stadtführer und legte mich auf meine provisorische Schlafstätte. Helen hatte mir die nützliche Lektüre geschickt, als feststand, dass ich nach Berlin ziehen würde. Helen war eine alte Schulfreundin von mir, die schon vor vielen Jahren nach Berlin gegangen war und sich hier im sagenumwobenen Medienbereich tummelte. Außer Boris war sie der einzige Mensch, den ich hier kannte. Früher war sie ziemlich hübsch gewesen, und ich fragte mich, ob sie immer noch ihre langen, lockigen roten Haare hatte. Ich würde das prüfen.

Die Wiese sah irgendwie anders aus. Ich lief zwar wie gewohnt zwischen all den grünen Bäumen herum, aber das Grün war nun eher ein Graugrün. Ein Farbschleier hatte alles überzogen, wie in einer bekloppten Waschmittelwerbung. Irritiert stolperte ich fast über meine eigenen Beine. Nach einiger Zeit konnte ich kaum noch etwas sehen, aus dem Farbschleier war ein dichter Nebel geworden. Wie in Watte gepackt tastete ich mich vorwärts. Bis ich plötzlich mit dem Kopf ziemlich hart gegen einen der Mozzarellabäume knallte.

Der nächste Morgen war bereits der besagte »Montag in eener Woche« und wurde von unserem Vermieter eingeläutet. Mein Schädel brummte: Rührte das vom Aufprall gegen den Mozzarellabaum her, oder war die unmenschliche Uhrzeit die Ursache? Es war 7 Uhr 30.

»Na, da erwisch ich Sie doch noch«, frohlockte der gut gekleidete Wohnblockbesitzer.

»Na, da ham wir aber Glück«, grummelte ich.

Ich war froh, dass ich schon in der Lage war, meinen Namen auf das Übergabeprotokoll zu schreiben, und dass die 300 Euro für die Kaution noch vollständig beisammen waren.

»Was ist eigentlich mit den Sachen hier? Von möbliert war nicht die Rede.«

»Ach, das ist nicht von Ihnen?«

Witzbold, ich hatte ja nichts Besseres zu tun, als meinen Rasenmäher nach Berlin zu verfrachten. »Nein, nicht wirklich. Das alles hier nicht.«

»Tja, keine Ahnung. Laut Übergabeprotokoll wurde die Wohnung besenrein übergeben. Naja, das haben Sie jetzt auch unterschrieben. Auf Wiedersehn, Herr Ullmann.«

Besenrein. Ich wollte dem Vermieterarsch eigentlich direkt eine ballern, sah davon aber doch ab, bedankte mich artig dafür, dass jetzt all die tollen Sachen mir gehörten, und wünschte ihm einen schönen Tag.

Besenrein. Dreckige Meschpoke!

Ich schaute aus dem mit grünen Aufklebeblumen dekorierten Badezimmerfenster in ein graues, sinnloses Nichts von Wetter. Dabei erinnerte ich mich an Helens Worte, warum ich denn unbedingt im Winter in diese Stadt ziehen wolle, da könne man so schnell depressiv werden.

Hätte man werden können, aber ich hatte schließlich eine Lebensaufgabe.

Das Wasser aus der Dusche war kalt. Wieder etwas, was ich nicht mochte. Ich betropfte mich mit schaurig kaltem Wasser und tappte frierend zur Küche. Im Schrank fand ich etwas Müsli, und da sich noch keine Tiere darin vergnügten, aß ich davon. Würde heute mal einkaufen und einen Hausmeister finden müssen.

Ich nahm die U-Bahn und starrte aus dem Fenster ins Dunkel des Tunnels. Trotz der aufgeheizten Luft fröstelte ich zwischen all den Menschen. Irgendetwas schien mit einer hässlichen Fratze zu mir hereinzuschauen. Plötzlich musste ich an letzte Nacht denken, an meinen Traum und daran, dass sich da etwas an meiner Wiese verändert hatte. Ich fand das gar nicht schlecht. Es war doch klischeehaft genug, überhaupt von einer Wiese mit Bäumen zu träumen, also hätte ich jede Veränderung in meiner Traummonotonie willkommen heißen sollen. Aber so richtig wohl war mir nicht dabei.

Ein stiller Anfang im dezenten Grauschleier.

2. Startup Relation Management

Nach einer knappen halben Stunde erreichte ich den Bürokomplex, in dem die Love Land-Partnerschafts-Agentur ihre Räumlichkeiten besaß, und betrat die verschwenderisch proportionierte Empfangshalle. Es war sehr viel grauer Marmor verbaut worden, der dem ganzen Ambiente eine protzige Atmosphäre verlieh. Vorder- und Rückseite waren vollverglast, so dass es innen relativ hell war. In der Mitte, gegenüber den beiden Aufzügen, stand ein wuchtiger Tresen, hinter dem recht verloren eine einzelne Person saß. Ich fragte nach Norbert Pawliczek.

Die nette Empfangsdame hatte einen viel zu engen Pulli an, und um zu vermeiden, dass ich dies unter Umständen hätte übersehen können, strich sie mit der freien Hand ihre üppigen Konturen nach, während sie nach Pawliczek telefonierte.

»Fahren Sie mit dem Fahrstuhl in den siebten Stock, Herr Pawliczek holt Sie dort ab«, säuselte sie mir zu.

»Danke, Frau Hennich«, sagte ich nach einem verstohlenen Blick zum Namensschild auf der mir zugewandten Erhebung ihres Pullis.

»Frollein Hennich«, flötete sie.

Ich lächelte beschwichtigend und suchte umgehend das Weite.

Als ich den siebten Stock erreichte, war Pawliczek noch nicht da. Ich setzte mich auf einen unbequemen Designerstuhl und blickte durch die Scheiben der Großraumbüros. Es ging gemächlich zu bei der Love Land-Partnerschafts-Agentur, zumindest an diesem Montagmorgen. Und bis Norbert Pawliczek auftauchte. Pawliczek redete schon von ferne lauthals auf mich ein, obwohl noch zwei Glastüren zwischen uns lagen. Er fuchtelte mit den Händen und schien sich enorm zu freuen, mich zu sehen. Die Mitarbeiter, an denen er vorbeidröhnte, blickten teils irritiert, teils gelangweilt auf, um sich kurz darauf wieder ihrer Arbeit zu widmen.

»Ick hätte ja nich jedacht, dass du kommst!«, schrie er mich an, während er mir die Hand schüttelte. Nur ganz allmählich pegelte er seine Lautstärke auf die geringe physische Distanz zwischen uns ein.

»Sach Norbert zu mir. Det tun hier alle.«

»Thomas«, sagte ich, »Tom nennen mich die meisten.«

»Denn kommste mal mit in mein Büro.«

Norberts Büro war aufregend wie zwei Seiten Steuererklärung. Ein Schreibtisch, drei Stühle, ein Aktenschrank und drei Bilder, die aus verschiedenen Blickwinkeln ein und dasselbe Segelboot zeigten.

»Det is meine Lisa«, erklärte Norbert. »Schon mal gesegelt?«

»Äh, nein«, sagte ich schnell und schluckte die Bemerkung hinunter, dass Segeln in meinen Augen die absolut langweiligste aller Sportarten war. Neben Angeln. Und dass Anhänger beider Freizeitbetätigungen wohl einen argen Sprung im Genom …

»Det und Angeln, det entspannt!«, brüllte Norbert und stieß sich somit selbst polternd vom Sockel des Messias herab.

»Ach«, grinste ich verlegen und fragte mich, ob Segel-Norbert meine Gedanken erraten konnte.

»Det machen wir denn mal im Sommer zusammen«, drohte Pawliczek, und ich sah mich schon beim ersten Betriebsausflug auf der Lisa mit einem gemütlich angelnden Agenturchef, während ich keuchend die Segel setzte, Essen kochte und mir die Seele aus dem Leib kotzte. Ich versuchte, mich zu entspannen und das Gespräch auf die Arbeitsinhalte zu lenken.

»Was soll ich denn nun hier machen?«, wollte ich wissen.

»Weeßte Tom«, er beugte sich über den Schreibtisch, als wolle er mir ein Geheimnis anvertrauen, senkte aber seine Lautstärke keineswegs, »wat wir hier machen, is ja nix Neuet. Früher jabs die jute Kontaktanzeige inne Zeitung. Und jetze, schau dir ma um!«

Ich blickte auf weiße Wände und die drei Bilder.

»Äh, angeln?«, fragte ich verwirrt.

»Jenau!«, schrie Norbert. »Heute fischen doch alle im Netz, im Internetz.« Er lachte glucksend über seinen Witz. »Det is det neuje Jahrtausend. Verstehste?« Seine Stimme war kurz davor zu kollabieren. »Et jibt doch Millionen von den Seiten im Internet. Jeder kann sich heute seinen Traumpartner virtuell zusammenbasteln. Aber wer will det? Willst du dir 10.000 Bilda ankieken? Sieste! Det überfordart die armen Menschen. Deswejen heißt det Zaubawort immer noch: Vermittlung! Wir sieben det persönlich aus und helfen den Leutchen zueinander. Dann passt det ooch!«

Mit deutlich leiserer Stimme fuhr er fort: »Und noch ’n Zaubawort: Spezialisierung! Wir arbeeten altersklassenübergreifend. Junger Kerl, altes Mädchen. Junges Mädchen, alter Kerl. Die Agentur für die großen Unterschiede. Zumindest beim Alta, hahaha. Und wie du dir sicher denken kannst, jibts da auf der Junge-Kerle-Seite einige Defizite. Und da kommst du ins Spiel.«

Ich blickte ihn verstört an.

»Na, jetzt schau nich wie ’n Elch! Du bist unser Startup-Relation-Manager«, rief er und schlug bei jedem Wort auf die Tischplatte.

Na super, schon wieder so eine übertemperierte Tätigkeitsbeschreibung! Vermutlich sollte ich abends die Geschäftsräume feucht durchwischen.

»Also. Du jehst mit ’n Mädels weg, bist nett, damit se wissen, det se bei uns richtig sind. Und du sagst uns denn, wie die so ticken, Hobbys, Interessen, tralala, damit wir sie an den Richtigen vermitteln können. Also easy money, Kolleje. Bisschen wegjehn, quatschen, trinken, wat essen, tralala. Aber«, er hob die Augenbrauen, »nix Versautet.« Nix Versautet. Aha. Pawliczek machte mir Angst. Da holte er mich aus weiter Ferne und gab mir reichlich Geld dafür, damit ich das Gleiche machen sollte wie die letzten 20 Jahre in Duisburg: weggehen, quatschen und trinken. Und im Nix-Versautes-Machen hatte ich in letzter Zeit auch einige Übung. Wie viele »Mädels« waren wohl bei der Agentur gemeldet? Musste ich jeden Abend professionell trinken? Und wer bezahlte mir danach den Entzug?

»So wie du arbeeten noch paar andere.« Pawliczek schien meine Zweifel erraten zu haben. »Allet so schicke Jungens wie du, haha. Kolleginnen jibt es och«, zwinkerte er mir zu.

»Und dafür zahlen Sie, äh, deine Firma, mir 3.800 Euro im Monat …?« Zögerlich wollte ich mich nochmals vergewissern, dass es wirklich Geld für diese Tätigkeit gäbe.

»Plus Spesen!«, jubelte Pawliczek. »Natürlich sollten es nicht mehr als vier, fünf Bierchen am Abend werden.«

»Natürlich«, murmelte ich. Langsam erschien Pawliczek wieder im Glanz des Messias. In Gedanken rutschte ich vor ihm auf den Knien und huldigte seiner Gabe, mich gegen fetteste Bezahlung zum Weggehen und Trinken zu nötigen. Diese kleine Segel- und Angelbagatelle konnte dem im Nachhinein nichts anhaben. Gar nichts. Norbert Pawliczek war der Messias.

Es folgte ein Rundgang durch die heiligen Hallen der Love Land-Gemeinde. Überwiegend bestand die Belegschaft aus Programmierern, die sich um den »Content« und den »Workflow« der Website kümmerten. Typische Computer-Nerds, die, statt Industrie-Großrechner zu hacken oder World of Warcraft zu spielen, vermutlich ebenfalls mit hoch dotierten Arbeitsverträgen aus ihren mit Pizzakartons vermüllten Muffbuden rausgelockt wurden. Ich musste an unsere Wohnung denken. Neben der üblichen Buchhaltungs- und Personalbelegschaft gab es noch die Abteilung »Relationship & Statistics«. Hier wurden die Mitgliedsdaten verwaltet und das Kerngeschäft »Partnervermittlung« betreut und optimiert. Hier also sollte zusammenfinden, was zusammengehörte.

Pawliczek verstand es, Belangloses als absolute Weltsensation zu verkaufen. Entsprechend beeindruckt stand ich im Flur, in dem zwischen jeder Tür pausbäckige weiße Gipsengel mit Pfeil und Bogen auf Holzplatten geklebt an der Wand hingen. Gar nicht kitschig. Pawliczek schien einen speziellen Sinn für Romantik zu haben.

Er gab mir noch einen Stapel Unterlagen und den Hinweis mit auf den Weg, die Sache nicht allzu publik zu machen. Er murmelte etwas von »Konkurrenz schläft nicht« und ließ mich dann allein in der Empfangshalle zurück.

Wobei Konkurrenz ein gutes Stichwort war. Eigentlich hatte ich noch gar keine Vergleichsangebote eingeholt. Vielleicht gab es da ja noch viel mehr Kuppelagenturen, die nur darauf warteten, meiner gegen jegliche Art der Gegenleistung habhaft zu werden. Möglicherweise folgten diesem Auftrag bereits gut dotierte Jobs im Ausland: »Blue Banana – die Agentur mit Niveau auf den Bahamas« (6.500 Euro plus Spesen). So waren meinen Einsatzorten auf lange Sicht keine Grenzen gesetzt. Ich beschloss jedoch, nicht gleich vollständig abzuheben und erst einmal für Love Land mein Bestes zu geben.

Zweimal in der Woche, montags und donnerstags, sollte ich in die Love Land-Räume einschweben, um meine Arbeit zu dokumentieren und mit den übrigen Kolleginnen und Kollegen das weitere Vorgehen (Zechgelage) zu koordinieren.

Um 12 Uhr saß ich wieder in der U-Bahn und fuhr nach Hause. Meine Laune war bestens, und ich rief Helen an, um ein kleines Danke-für-den-Reiseführer-Treffen zu arrangieren. Außerdem musste ich jemandem diese ganze Love Land-Geschichte erzählen, und die Meinung einer Frau, die schon lange in dem Irrenhaus Großstadt lebte, konnte hier keinesfalls schaden.

Helen war im Stress, denn sie hatte noch zwei Sendungen vorzubereiten. Sie arbeitete und moderierte bei einem dieser neuen Internet-Fernsehsender. Art und Umfang der Inhalte standen unter dem Motto: billig, trashig und schnell. Es gab unter anderem Talk-, Kopfgeldjäger-, Baumarkt- und Autotuningshows. Wir verabredeten uns lose für den nächsten Abend und beendeten das Gespräch sehr abrupt. Schnelle Show, schnelle Gespräche.

Zuhause angekommen, begann ich die Sachen unseres Messi-Vormieters aus dem Flur in den Kellerverschlag zu räumen. Zumindest jene, die man ohne fremde Hilfe von der Stelle bewegen konnte. Am liebsten hätte ich den ganzen Krempel angezündet, oder in Nachnahme-Paketen jedes Einzelteil dem Vermieterarsch geschickt, oder den Kram einfach aus dem Fenster geschmissen, aber ich wollte es mir mit meinen schönen neuen Mitberlinern nicht gleich verscherzen. Ich merkte schnell, dass unser Flur deutlich größer war als der Keller. Nach 25 Treppengängen war die Wohnung zwar wieder einigermaßen begehbar, aber die alten Aktenschränke und der Rasenmäher waren nicht gerade aus dem Designerladen. Das eintönige Geschleppe machte mich richtig fertig. Ich legte mich auf mein Bett, um ein wenig zu entspannen.

Ich erwachte von einem dumpfen Schlag aus der Wohnung über mir. Es war stockdunkel, und eine geraume Zeit lang wusste ich nicht, wo ich mich befand. Ich hatte wüstes Zeug geträumt und schleppte mich träge durch den Flur. Es war halb neun. Beim Betreten des Badezimmers fiel mir die mangelnde Warmwasserversorgung wieder ein. Ich drehte den Hahn auf, in der Hoffnung, das Problem wäre durch schlichte Ignoranz einfach wieder verschwunden. Aber nichts dergleichen. Kaltes Wasser platschte in die Badewanne. Furchtbar, furchtbar. Es wurde Zeit, hier zivilisierten Wohnstandard in Form von stufenlos temperierbarem Wasser einkehren zu lassen, was auch meinem optischen Standard durchaus zugutekommen würde. Eine Kernsäuberung meiner Körperhülle war dringend notwendig. Also machte ich mich auf die Suche nach dem Hausmeister.

Hausmeister wohnen immer im Erdgeschoss, sind schlecht gelaunt und haben Feinripp-Unterhemden an, sagte ich mir, als ich die Treppen nach unten schlurfte. Und ich hoffte inständig, mich jetzt nicht mit einem übellaunigen Feinrippträger herumärgern zu müssen.

Im Erdgeschoss gab es drei Wohnungen. Ich klingelte an allen Eingangstüren, aber nur eine wurde geöffnet. Eine ältere Frau, freundlich und ohne Feinripp. Sie entpuppte sich zwar nicht als Hausmeisterin, erteilte mir aber die gewünschte Auskunft.

»Da müssen Sie vorne in die Gaststätte gehen, zu Giovanni. Der kümmert sich hier um alles.«

Ich bedankte mich und trat aus dem Seiteneingang in den Hof, dann durch das große Tor auf die Straße, um über den Gehsteig das Vorderhaus zu betreten. Ehrlich gesagt, war mir der Laden noch gar nicht aufgefallen. Ein unscheinbares italienisches Geschäft, wo es allerhand Essenszutaten, Öle, Weine und Nudeln gab. Mich wunderte, dass der Kollege noch geöffnet hatte, es musste schon nach 21 Uhr sein. In dem Laden sah ich neben der ganzen Palette an italienischen Lebensmitteln einige Tische, an denen ein paar Leute aßen, und grüßte freundlich.

Am Tresen stand einer, der wie ein Giovanni aussah. Ich fragte ihn.

»Hallo, ich bin Tom, sind Sie Giovanni?«

»Scusi, ich bin Rafaele, Giovanni ist hinten.« Er deutete auf den angrenzenden Raum. »Giovanni, komm bitte, Besuch!«, rief er nach hinten und fragte mich: »Wollen eine Grappa?«

»Si«, willigte ich ein.

Mit dem Grappa kam Giovanni, ein kräftiger, charmant grinsender Rasse-Italiener, um die 45 Jahre, die Haare von der Farbe und Struktur des berühmten Ebenholzes. Strahlend begrüßte er mich. Ich schilderte ihm mein Problem in kurzen Worten.

»Ahh, du wohnst in die dritte Stock. Is scheiss Wasser schon wieder kaputt?«

Ich nickte.

»Hast du schon was gegessen?«, fragte er, anstatt weiter auf das technische Problem einzugehen. Ich schüttelte den Kopf. Seit dem trockenen Müsli heute Morgen hatte ich nichts wirklich Nahrhaftes zu mir genommen. Giovanni pfiff schrill und machte einige wilde Handbewegungen, und schon saß ich an einem der Tische und wurde mit Salat, Brot, Nudeln und Wein ausgestattet.

Es schmeckte vorzüglich. Aber leider, immer noch in Sorge um meine Reinlichkeit, sah ich Giovanni lediglich mit der Weinflasche von Tisch zu Tisch eilen, nicht jedoch mit der Rohrzange in unsere Wohnung. Egal. Ich genoss das Essen und ließ meine Blicke schweifen. Es mochten sich etwa acht Personen in dem kleinen Laden aufhalten. Es gab fünf Tische und den von meinem Tisch aus nicht einsehbaren Raum, aus dem Giovanni gekommen war. Vermutlich saßen dort weitere Gäste. Mir gegenüber, an einem anderen Tisch, hockte ein hagerer Mann mit langen blonden Haaren und bemalte vor ihm liegende Glasscheiben. Bei der Art und Weise, wie er das tat, hoffte ich, dass er nicht davon leben müsse. Mit merkwürdig ungelenken Bewegungen schwang er den Pinsel über das Glas und genehmigte sich in regelmäßigen Intervallen einen großen Schluck Wein. Auch Rafaele, als er dem Gast nachfüllte, schien mit dessen Kunst nicht zufrieden:

»Was soll das sein, eh? Eine Thunfisch im Gras?«

»Ach Rafaele, du hast keine Ahnung von Kunst. Ich werde das am Wochenende verkaufen«, sagte der Freak trotzig.

Amüsiert sah ich mich schon als Beobachter der Berliner Kunstszene in erster Reihe. Diese Verrückten hatten mir in Duisburg gefehlt. Da gab es auch Verrückte. Aber nicht solche.

»Wie findest du das?«, fragte er mich unvermittelt.

Ich zuckte zusammen. Das ›Bild‹ sah aus wie eine grüne Wiese mit Bäumen.

»Nu ja, äh, wird das ein Weihnachtsgeschenk?«

Etwas Dämlicheres war mir nicht eingefallen. Ob meines mangelnden Kunstsachverstandes blickte der Freak mich verständnislos an. Da musste ich nachlegen:

»Weißt du, die grünen Schattierungen sind sehr ausdrucksstark, aber der fehlende Kontrast zum Hintergrund verleiht dem Ganzen eine eher entmutigende Note.«

Das saß. Ich spülte einen Happen Penne mit einem großen Schluck Wein herunter und beobachtete die zerstörerische Wirkung meiner sinnfreien Worte. Der Freak blickte minutenlang schweigend auf sein Werk, und gerade, als ich bei Giovanni neuen Wein orderte, warf er es ohne Vorwarnung gegen die Wand. Die Gäste erschraken, als die Scherben klirrend zu Boden fielen.

»Du hast Recht«, sagte er nur und trank seinen Wein aus. Giovanni und ich blickten uns kurz entgeistert an, bevor wir gleichzeitig in lautes Gelächter ausbrachen.

»Du bist neu in der Stadt?«, fragte Giovanni und setzte sich mit einer neuen Flasche Wein zu mir.

Wir becherten fröhlich, und als ich zwei Stunden später gut abgedichtet die beschwerliche Heimreise in den dritten Stock antrat, rief er mir noch zu:

»Ich komme morgen früh zu dir hoch. Du machst Frühstück, ich repariere Wasser.«

»Alles klaro!«, röhrte ich.

Mit einem tiefen Grunzen und nahezu vollständig bekleidet fiel ich auf mein Bett, nicht ohne meinen ersten Arbeitstag erschöpft, aber bestimmt zu resümieren:

»Giovannis Pasteria – volle Punktzahl!«

Das Geräusch der Türklingel war fürchterlich. Außerdem schien sie direkt an der Innenseite meiner Schädeldecke angeschlossen zu sein. Ein lupenreiner Fall von »Der hat doch nur Saft getrunken«. Betäubt vor Schmerz torkelte ich zum Eingang und öffnete. Giovanni. Au shit, der Herr über Warmwasser und Wein! Er grinste mich an. Erst jetzt bemerkte ich mein wenig gesellschaftstaugliches Äußeres: körpergebügelte Klamotten und eine aus Nicht-geduscht-Haben und reichlich Ethanolzufuhr resultierende Körperausdünstung.

»Na, kennst meinen Vino noch nicht?!«

»Jetzt schon«, stöhnte ich und tastete hilfesuchend nach Kaffee im Küchenschrank. Da war natürlich keiner, ich hatte ja noch kein bisschen eingekauft.

»Giovanni, ich habe nix zu frühstücken«, murmelte ich verlegen.

»Waas? Muss ich rufe Padrone, kriegst du Beton an die Füß’, und ab in die Spree, incredibile!«

Er schnappte sich sein Handy und wählte. Mich durchfuhr ein fürchterlicher Schreck. Da ich nach einem »Der hat doch nur Saft getrunken«-Ereignis immer einen ganz kleinlauten Kreislauf hatte, fing ich an zu zittern und rang nach Luft.

Giovanni, selbst überrascht von der Wirkung seines Spaßes, brüllte vor Lachen.

»Nix dich wolle versenke, rufe nur meine Frau an, die bringt uns was Leckeres.«

Ich war restlos fertig, aber immerhin wach.

Polternd lief Giovanni mit einem Eimer voll Werkzeug ins Bad. Ich sah auf die Uhr: 8 Uhr 15. Wie konnte jemand so viel saufen und jetzt schon wieder Wasserleitungen reparieren? Vielleicht hätte Giovanni meinen Job übernehmen sollen. In seinem Blaumann und mit der Mütze, unter der fast nur der riesige Schnauzbart hervorschaute, erinnerte er mich irgendwie an Mario, den furchtlosen Klempner aus dem Videospiel. Amüsiert stand ich hinter ihm im Bad und wartete darauf, dass er sich gleich mit drei Saltos die Rohre hinaufschwingen würde.

Die Türklingel fräste erneut an meiner Hirnrinde, und Super-Mario rief: »Is meine Frau, mach mal auf!«

Es waren Giovannis Frau und Rafaele, die mit Kaffee, Brot und passenden Aufstrichen meine Küche aufhübschten.

»Maria«, stellte sie sich vor. »Wie sieht’s denn hier aus!?«

Sie war klein, drall und auch schwarzhaarig, ein richtiges italienisches Energiebündel. Ehe ich etwas Entschuldigendes erwidern konnte, hatte sie von irgendwoher einen Putzlappen gezaubert und wischte los, während Rafaele die Frühstückszutaten kredenzte.

Wieder ging die Türklingel. Ich kam mir schon vor wie in einer schlechten TV-Soap und schlurfte erneut zur Tür. Es war Boris.

»Wie siehst du denn aus? Kein Wasser? Oder ’ne Leiche in der Badewanne?«

»Jaja, witzig«, nörgelte ich.

»Kommste ausladen?«

»Och Boris, nööö, nich jetzt. Ich hab echt ’n harten Tag hinter mir. Geh erst mal in die Küche und schnapp dir ’n Saft!«

Rafaele entkorkte bereits die erste Weinflasche. In meiner Wohnung war ein Lärm, wie zwei Norbert Pawliczeks zusammen ihn nicht hätten veranstalten können. Giovanni hämmerte an den Rohren, Maria hatte mittlerweile einen Staubsauger entdeckt, und Boris und Rafaele prosteten sich zu. Ich nahm mir einen Kaffee und etwas Gebäck, setzte mich an den kleinen Klapptisch am Küchenfenster und sah hinaus. Jetzt wartete ich nur noch darauf, dass der Freak erschien, mit dem Anliegen, meine Fenster zu bemalen, um dann bei jedem misslungenen Versuch mit dem Kopf eine Scheibe zu zertrümmern. Allmählich machte ich mir Sorgen im Hinblick auf meinen Tagesablauf. Ich hatte eine Verabredung, ich musste einkaufen, ich musste duschen … und eigentlich musste ich auch noch schlafen.

Ich beschloss, mit dem Anstrengendsten anzufangen, und verabschiedete mich kurz von meinen Gästen, um meine Besorgungen zu erledigen. Auf der Treppe kam mir eine ältere Frau entgegen und fragte ein klein wenig echauffiert und mit schneidender Stimme:

»Junger Mann, haben Sie nasse Gartenabfälle in die Altpapiertonne getan?«

»Aber nein, gute Frau, wer macht denn so was?«, entrüstete ich mich solidarisch.

»Sie waren’s also nicht?«

Sie trat bis auf wenige Zentimeter an mich heran. Ich schüttelte den Kopf. Die Dame beäugte mich argwöhnisch.

»Dann wars der Smolarek, die Sau!«, stieß sie plötzlich hervor.

Die Lady machte mir ein bisschen Angst.

»Ich habe auch gar keinen Garten!«, rief ich ihr nach, um jeglichen Verdacht von mir abzuschütteln, und flüchtete auf die Straße. Den Rasenmäher verschwieg ich.

Als ich eineinhalb Stunden später zurück in meine Küche kam, die Maria wirklich auf Hochglanz gebracht hatte, waren bereits zwei Flaschen Wein geleert. Giovanni, der wohl meine Abwesenheit als willkommenen Anlass genommen hatte, eine Kunstpause einzulegen, verschwand in Richtung Keller, auf der Suche nach warmem Wasser in den unendlichen Weiten des Rohrnetzes. Langsam wurde ich nervös. Ohne zu duschen, würde ich zu meiner heutigen Verabredung nur in reichlich derangiertem Zustand erscheinen können.

»Und? Wie is der Job?«, wollte Boris wissen.

»Oh super«, sagte ich »muss viel weggehen und quatschen und trinken.«

Ich wusste nicht, wie viel ich von meiner neuen Tätigkeit erzählen durfte.

Die Eingangstür stand noch offen. Plötzlich lugte ein jüngerer Kerl herein und fragte: »Hallo, ich wohne im Vierten, ist hier auch kein Wasser?«

»Problem ist gleich behoben, trink so lange einen«, erklärte ich ihm die Lage. Er hieß Paul, war Medizinstudent im elften Semester, ziemlich groß, ziemlich blond, und fühlte sich sofort wohl in unserer Küche. Ich warf sämtliche Tagespläne erst einmal über den Haufen und putschte mich mit Kaffee auf.

Als ein Außendienstmitarbeiter des Stromversorgers wegen unserer gewünschten Energienutzung eintraf, war die Kapazität der Küche weitgehend ausgereizt und der Flur musste in den Bereich der Verköstigungszone aufgenommen werden. Giovanni kam zum dritten Mal fluchend aus dem Keller, hatte aber dieses Mal in weiser Voraussicht drei neue Weinflaschen mitgebracht.

»Wieso ist der Strom aus regenerativen Quellen immer noch so viel teurer als Atomstrom? Hab ich früher nur demonstriert, damit ich jetzt arm werde?«, regte ich mich auf, als mir der Strommann die Tarifgruppen erläuterte. Vor lauter Ärger trank ich einen Schluck Wein aus seinem Glas.

»Eigentlich ist Atomstrom ja mittlerweile sehr sicher«, versuchte er mich zu beruhigen, »nehmen Sie doch einen Mix mit zehn Prozent Wasser- und Windenergie.«

»Wissen Sie, was wirklich sicher ist?«, fragte Boris geheimnisvoll, der sich gerade von der Küche zur Toilette durchkämpfte.

»Sich-Erhängen«, prustete er, den Ernst der weltweiten klima- und umwelttechnischen Lage mit Füßen tretend. Ich fing nun doch an, Wein zu trinken.

15 Uhr

Boris und Paul waren einem »Der hat doch nur Saft getrunken«-Zustand schon bedrohlich nahe, Maria und Rafaele räumten ihr Werkzeug zusammen, da sie in den Laden mussten. Giovanni und zwei Männer vom städtischen Wasserwerk versuchten, die zwischenzeitlich komplett zusammengebrochene Wasserversorgung des Hauses wieder in Gang zu bringen. Ich selber diskutierte angeregt mit dem Strommann über Tarif 2G10+ und versuchte, mit Hilfe von weiterer Alkoholzufuhr einen geeigneten Rabatt für uns herauszuschlagen. Natürlich unter Wahrung der ökologischen Ressourcen unseres Planeten. Mein Handy klingelte: Pawliczek!

Der hatte mir noch gefehlt.

»Sach ma Tom, ick hab ja noch was verjessen. ’Ne Frage. Du bist ja nich vorbestraft oder so wat?«

»Ich? Nö. Nich, dass ich wüsste.«

»Det ist jut, Tom. Det waret schon.«

Vorbestraft? Was sollte das? Ich war schon zu angetrunken, um mir diese Frage zu beantworten.

Der Stromverkäufer hatte jetzt den maßgeschneiderten Tarif für uns. Single, zwei Herdplatten, ohne Spülmaschine, und Wochenendheimfahrer – was wir einfach mal so annahmen, in der Tat brauchte ich gerade an Wochenenden kaum Licht. 80 Prozent regenerativ, zehn Prozent Kohle und zehn Prozent Atom. Atom nur, weil mir der mittlerweile erheblich alkoholisierte Strommann hinsichtlich der armen, von der Arbeitslosigkeit bedrohten litauischen Atomkraftwerkmitarbeiter und Familienväter ein schlechtes Gewissen eingeredet hatte. Meine früheren Freunde konnten mich ja zum Glück nicht sehen oder erhielten gar Vertragseinsicht, sonst hätten sie mir sicherlich nachträglich den zwei Quadratmeter großen Atomkraft – Nein danke!-Aufkleber vom VW-Bus gerissen, mich darin eingewickelt und direkt in eine Brennkammer geschoben. Die zehn Prozent Kohle, naja, ein Onkel war Kumpel gewesen, und so musste man in unserer Familie immer was für den Bergbau tun. Und außerdem verschafften uns Giovannis Wein und weitere, unschlagbar einleuchtende Argumente von Boris einen saftigen 20-Prozent-Rabatt, also zahlten wir die Kohle und den Atomanteil im Prinzip gar nicht.

Um kurz nach 17 Uhr 30 dann Jubelschreie aus dem Bad. Giovanni und mittlerweile drei städtische Monteure fielen sich in die Arme und stießen mit 40-Millimeter-Abschlussmuffen an, die mehrmals mit Prosecco befüllt wurden. Wie die Ewings um eine neue Ölquelle, standen wir nun im Bad um den Brausekopf und bejubelten ausgelassen die ersten warmen Wassertropfen. In der Küche wurde mittlerweile Pizza gereicht, ich schnappte mir frische Klamotten und sprang in die Dusche. Kurz darauf klopfte Super-Mario an der Tür.

»Hier is Signorina, will zu dir. Scheene Signorina!«

Er entfernte sich brabbelnd. Na, Helen würde ja einen tollen Eindruck bekommen. Hastig sprang ich in die Klamotten und trat in den Flur. Die Feierlichkeiten hatten sich jetzt bereits bis in mein Flaschenzimmer ausgedehnt. Mittendrin stand Helen. Sie schien das alles zu amüsieren und sie redete mit Paul. Sie war immer noch ziemlich rothaarig und hübsch, nur etwas kräftiger als früher, vielleicht waren es aber auch nur die Klamotten.

»Da bist du ja. Kaum hier und schon Party, ist ja wie früher«, lachte sie mich an.

»Nö, eigentlich war nur mein Warmwasser kaputt. Sind sehr hilfsbereite Menschen hier.«

»So, und die gehen jetzt alle mit mir runter zu meinem Auto«, frohlockte Boris. Er konnte zwar kaum noch stehen, hatte aber immerhin noch den lichten Moment, alle Beteiligten zum Schleppen zu verhaften.

»Na kommt, zusammen geht’s schnell, packen wir’s!«, rief Helen, sprang auf und klatschte in die Hände. Boris grinste zufrieden und torkelte zur Treppe. Die anderen waren nicht ganz so begeistert, wollten sich aber nicht als Spielverderber outen. Nur Giovanni kam zu mir und sagte:

»Ich muss runter in die Laden, kriege Krach mit Maria. Kommstu später runter mit Signorina und esst was Gutes!?«

Er dampfte ab, während sich der Rest unter Helens Anleitung als Menschenkette auf der Treppe und im Hof postierte. In der Tat war die Sache piff-paff erledigt. Die Helfer hatten zwar nicht mehr das motorisch-sensorische Feingefühl, um wirklich alles festzuhalten, aber es gab durchaus Gegenstände, die heil nach oben gelangten. Je mehr Sachen die Treppe hinunterpolterten, desto lustiger wurde die ganze Angelegenheit. Ein paar Hausbewohner blickten verwundert und genervt aus ihren Türen. Einige stießen aber sogar zu uns, um zu helfen.

3. Honecker, Hrubesch, Hölderlin

Giovannis Laden war gut gefüllt. Etwa die Hälfte der Leute kannte ich bereits aus meiner Wohnung oder vom letzten Abend. Der Freak war auch wieder da. Er malte exakt das gleiche Bild wie gestern. Mir wurde schwindelig. Das passierte mir immer, wenn Menschen ständig das Gleiche taten und sich nichts veränderte. Ich hoffte, dass er mich nicht bemerken würde. Giovanni führte uns in den Nebenraum, in dem bereits zwei Pärchen saßen. Insgesamt gab es dort sechs Tische, die Fenster gingen hinaus auf einen gemütlichen Innenhof. Helen und ich nahmen an einem Fenstertisch Platz. Giovanni zündete uns eine Kerze an und trug mündlich die Speisekarte vor.

Wir wählten beide Rigatoni mit Steinpilzen, wobei ich es vorzog, heute fürs Erste auf weitere Alkoholika zu verzichten. Also bestellte ich mir eine Cola; Helen trank ein Glas Wein. Das Kerzenlicht betonte ihre hübschen Wangen, und ihre großen blauen Augen lachten bei jedem Wort. Helens Haare waren immer noch gelockt, aber nicht mehr so lang wie früher. Sie war knapp ein Jahr jünger als ich, 33. Schon im Alter von 15 Jahren war sie nach Berlin gezogen, weil ihr Vater damals einen Job als Chefarzt in einer Klinik angenommen hatte. Helen gehörte zu den Menschen, die relativ viel redeten, aber auch sehr gut zuhören konnten. Dies begründete auch ihren beruflichen Erfolg, falls man eine Karriere bei Freakshows im privaten Internetfernsehen als Erfolg werten wollte. Mir war das egal. Wenn sich die Leute so was ansahen, konnten sie nicht gleichzeitig auf der Straße andere Menschen verprügeln. So gesehen war dieser Auftrag gar nicht so unwichtig und sozusagen präventiv.

»Hast du nicht manchmal Angst in deinem Job?«, fragte ich sie.

Sie lachte. »Nicht mehr als vor dir jetzt. Du siehst ziemlich verwirrt aus, und kennen tu ich dich auch nicht mehr so wirklich.«

Ich grinste zurück und fuhr mir ordnend durch die halbnassen Haare.

»Sag, was machst du jetzt hier in Berlin, außer Privatpartys veranstalten?«

Ich erzählte ihr die Love Land-Geschichte. Helen fand das Ganze etwas merkwürdig.

»Was machst du denn da genau?«, fragte sie.

Beschämt musste ich gestehen, dass ich noch gar nicht so richtig wusste, was ich zu tun hatte. Ich beschloss, mir baldmöglichst die Love Land-Unterlagen zu Gemüte zu führen.

»Wollen wir später noch woanders hingehen?«, fragte ich.

»Würde ich gerne, ich hab aber morgen zwei heftige Sendungen und muss ja auch noch zurück nach Potsdam. Ein andermal, ja?«

»Ein andermal« hieß bei den meisten Frauen: Typ, schwirr ab, reicht, dass ich den einen langweiligen Abend mit dir verbringen musste. Auf der anderen Seite hieß: »Ich muss noch zurück« in Verbindung mit der Bestellung eines weiteren alkoholischen Getränkes: Ich will bei dir bleiben heute Nacht, in deinen männlichen, kräftigen Armen. Analyse Love Land-Agent Ullmann.

»Wie kommst du denn nach Hause?«, fragte ich nach diesen Gedanken fast etwas spöttisch.

»Och du, nach 22 Uhr krieg ich ’n Taxi bezahlt. Ich geb’ dich als potentiellen Gast an. Hihi.«

»Ah so …«, sagte ich gedehnt und musste über mich selbst lachen. Helen war eine wirklich nette Person. Ein guter Freund. Wie konnte ich da ein harmloses Gespräch auf sexuelle Botschaften abklopfen? Wir plauderten noch einige Getränkelängen und hatten viel Spaß. Dabei kramten wir alte Geschichten aus der Schule hervor, und sie erzählte mir von ihren Jahren in Berlin, den Problemen mit ihrem Ex-Mann, den eine Kollegin – ohne zu wissen, wer er war – in die Sendung geschleppt hatte. Thema: »Warum hast du mich verlassen?« Er hatte ihr vor der Sendung schon eine riesige Szene gemacht und dann eine peinliche Ansprache vor Publikum gehalten. Helen war zwei Wochen krank, konnte die Blicke der Kollegen nicht ertragen. Ihr Privatleben in der eigenen Sendung: Das war zu viel. Da hatte sie eigentlich alles hinschmeißen wollen. Aber sie machte weiter. Reichte die Scheidung ein und zog von Zehlendorf nach Potsdam. Sie begann, ehrenamtlich für eine Hilfsorganisation zu arbeiten, die sich um rumänische Straßenkinder kümmerte. Sozusagen als Ausgleich für das geringe karitative Potential des Privatfernsehens. Ein neuer Mann fehlte seitdem in ihrem Leben. Allein sei sie stärker, sagte sie. Keiner, den sie mitziehen oder aus dem Dreck holen müsse. Typen nervten sie nur. Weil sie alles wüssten und könnten. Und das auch noch selbst glaubten.

»Du bist anders«, sagte sie plötzlich. »Bei dir hab ich nicht das Gefühl, dass du mir Pudding mit Blaubeersoße vom Himmel runterredest und nur darauf wartest, dass wir vögeln gehen.« Und fügte hinzu: »Könnt’ ich mir mit uns auch gar nicht vorstellen.«

»Äh, was … nein? N…ein«, stammelte ich, etwas überfordert durch meine Klassifizierung zum asexuellen Hanswurst.

Als Mann sei es eine Ehre, der Freund einer Frau zu sein, hatte mir mal ein Bekannter gesagt. Ich hatte dann zwischenzeitlich so viele Frau-Freunde gehabt, dass ich vor lauter Reden gar nicht mehr zum Onanieren gekommen war. Ich hatte genug davon. Danach suchte ich mir meine Freundinnen nur noch nach stringent sexuellen Gesichtspunkten aus. Das Reden überließ ich anderen. Der kluge Bekannte outete sich schließlich nach zwei Jahren, und ich vermied es jahrelang kategorisch, mir nochmal einen Rat in Beziehungsfragen von einem Schwulen oder potentiell Schwulen erteilen zu lassen. Helen als Frau-Freund fand ich jetzt aber gar nicht so schlecht.

»Da hast du Recht. Ich könnt ’s mir auch nicht vorstellen«, sagte ich entschlossen. Bestimmt arbeitete diese Aussage jetzt auch in ihr. Ein Big-Love-Land-Startup-Relation-Management-Chef weiß Bescheid.

Ich redete mit Giovanni über einen Wertausgleich bezüglich der Speisen. Schließlich hatte ich noch nichts bezahlt, weder das Essen gestern, noch den Wein und das Essen heute. Ich fragte, ob eine Stundung für eine Woche möglich sei, da ich bis dahin vielleicht einen kleinen Vorschuss von Love-Norbert bekommen hätte. Giovanni lachte und klopfte mir auf die Schulter.

»Du siehst aus wie ehrlicher Kerl. Komm, wenn du kannst bezahle, dann machen wir Preis unter Freunde.«

Ich bedankte mich und verließ mit Helen das Lokal. Draußen spürte ich die Blicke des Freaks in meinem Rücken und erwartete, dass mich eine hässlich bemalte Glasscheibe von hinten treffen würde. Als ich durch das Fenster hineinblickte, sah ich ihn jedoch mit Rafaele ins Gespräch vertieft. Rafaele gestikulierte, der Freak redete laut. Ich dachte nur an die italienischen Kirchen mit ihren herrlichen Fresken und Fenstermalereien und litt mit Rafaele für das, was seine Augen zu ertragen hatten. Helen lachte zum Abschied noch einmal herzlich und sagte:

»Wirklich schön, dass du jetzt in Berlin bist.«

Sie dankte mir für das Essen, und ich fand es schön, dass ich nun einen Frau-Freund in Berlin hatte.

Boris schnarchte wie ein Elefant mit Samenstau, und nach der dort herrschenden Verwüstung zu schließen, musste er das Bad mehrmals aufgesucht haben. Es roch nach Wein und verdauten Speisen. Ich riss das Fenster auf und versprühte eine halbe Flasche Jil Sander Man. Auch in der Küche sah es nicht viel besser aus. Ich entledigte mich meiner Klamotten und sank ins Bett.

Ich schritt durch eine Kirche, deren bunte Fenster spärliches Licht einließen. Nichts war zu hören außer meinen Schritten auf dem Steinboden. Plötzlich vernahm ich ein tiefes Gemurmel, welches immer lauter wurde. Der Hall in dem großen Gebäude bauschte die Stimmen zu bedrohlicher Lautstärke auf. Ich hielt mir die Ohren zu und setzte mich auf den Boden. Da erschien Helen in einem gleißenden Licht und versuchte mir etwas zu sagen. Ich verstand nur Pawliczeks Namen, ansonsten wurde alles von den anderen Stimmen aufgesogen. Ich schrie Helen an, sie möge lauter reden, da verschwand sie wieder. Mit einem Mal war wieder alles still, und ich war allein. Ein unangenehmes Gefühl beschlich mich, und ich fing an zu laufen, um das Gebäude zu verlassen, hämmerte an verschlossene Türen, fand aber keinen Ausgang.

Als ich in die Küche ging, war es nach zehn, und trotz des beängstigenden Traumes war ich einigermaßen erholt. Boris beseitigte gerade fluchend die Auswirkungen seiner Saftvergiftung. Schuldbewusst hatte er bereits aufgeräumt und einen netten Frühstückstisch gedeckt. Es roch nach Kaffee, Toast und frisch gekochten Eiern. Sogar eine kleine Kerze hatte er angezündet. Ich setzte mich dankbar und wartete, bis er im Bad fertig war und sich zu mir gesellte.

»Was ist gestern passiert?«, fragte er. »O Gott o Gott, ich weiß gar nix mehr.«

»Kannst du dich nicht an Helen erinnern?« Ich setzte meine unschuldigste Miene auf.

»Wer? Wann war das?« Boris stand wirklich meterlang auf dem Schlauch.

»Na, ihr habt ziemlich heftig rumgeknutscht, und dann seid ihr in mein Zimmer verschwunden. Was ist da passiert, Boris?«, dehnte ich die letzten Worte. Er starrte mich mit weiten Augen an.

»Ogottogottogott, was hab ich getan?«, wimmerte er tonlos und blickte auf seine Hose.

»Was willst du ihr jetzt sagen, wenn ihr euch wiederseht? Ich kenne Helen. Die macht so was nur, wenn sie sich wirklich ganz tief und innig verliebt hat. Hässliche, etwas kräftige Frauen wie sie sind so.«

Es machte mir einen Mordsspaß, zuzusehen, wie Boris zweimal die Gesichtsfarbe wechselte und vor lauter Denkanstrengung die Augen verdrehte.

»Mensch Alter, so besoffen war ich doch noch nie. Warum haste nix unternommen?« Flehend streckte er die Hand nach mir aus.

»Du warst unkontrollierbar, spürtest nur noch des Fleisches Lust.«

Ich fing an zu grinsen und mein Lachen verstärkte sich durch Boris’ ungläubigen Blick, bis er erleichtert zu einem Schlag ausholte. Sein Arm traf jedoch nicht mich, sondern glitt in einem Halbkreis über mich hinweg, um ihn selbst aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er versuchte, sich mit der anderen Hand in der Butter abzustützen, und musste dann auch lachen.

»Ich muss dann mal los, Fuhre machen«, sagte er und rappelte sich auf.

»Mach mal Fuhre!«

»Bis später.«

Ich beschloss, mir nun endlich die Love Land-Papiere anzusehen. Die Unterlagen enthielten unter dem Vermerk »Nur zum internen Gebrauch« dezidierte Informationen zur Agentur inklusive minutiösester Selbstbeweihräucherung hinsichtlich des »einzigartigen Konzepts«. Angeblich hatte jeder zweite Deutsche schon mindestens einmal über die Kanäle Partnerschaftsagentur, Zeitung oder Internet amouröse Kontakte geknüpft. Dies ließ die unerschöpflichen Pfründe erahnen, nach denen Pawliczek seine Netze ausgeworfen hatte.

Es folgten die Tätigkeitsbeschreibungen des Agentur-Personals. Ich blätterte die Seiten durch, bis ich die urban trendy Job-Diskriptschn des Startup-Relation-Managers vor mir hatte. Da war zu lesen:

»Als Startup-Relation-Manager bist du an vorderster Love-Front im Einsatz – unser Love Angel im Außendienst. Du bist ein wahrer Gentleman, gepflegt gekleidet, und bereitest unseren Kundinnen und Kunden einen unvergesslichen Abend. Du flirtest niveauvoll und bist ein aufmerksamer Zuhörer, wahrst aber unter allen Umständen höfliche Distanz. Alkohol ist erlaubt, darf aber niemals deine Urteilsfähigkeit beeinträchtigen. Intimitäten mit den Kunden sind strikt verboten. Du gibst dich niemals, auch nicht Dritten gegenüber, als Mitarbeiter der Agentur zu erkennen. Du wirst den Kunden niemals deine Kontaktdaten überlassen, die Koordination der Treffen erfolgt ausschließlich über uns. Sollte es zu einem zweiten Treffen mit einem Kunden kommen, wirst du ihm danach freundlich, aber unmissverständlich vermitteln, dass es keinen weiteren Kontakt mehr geben wird.

Es wird deine wichtigste Aufgabe sein, diskret so viele Informationen wie möglich über deinen Kunden zu erlangen. Insbesondere Lebensgewohnheiten und -umfeld, Familien-, Einkommens- und Vermögensverhältnisse, Vorlieben, Hobbys und spezielle Neigungen sind von größtem Interesse, um die Vermittlung an andere Kunden der Agentur zu optimieren. Zu diesem Zweck sollte der Kunde/die Kundin Vertrauen zu dir aufbauen, sich aber nicht nachhaltig in dich verlieben. Du sammelst die Informationen auf einem speziellen Vordruck, den du im Anhang findest und auch separat von uns erhältst …«

Merkwürdig. Sehr merkwürdig. Ausspähen sollte ich die werte Kundschaft. Vertrauen schaffen. Nicht nachhaltig verlieben. Wie verliebt man sich denn nachhaltig?

Ich hatte noch nie ein Date über ein Internetportal vereinbart, und schon gar nicht über eine Partneragentur; darum war ich mit den Gepflogenheiten solcher Happenings nicht vertraut. Ebenso war mir nicht klar, ob auch andere Agenturen so arbeiteten. Etwas seltsam fand ich das Ganze schon, vor allem aber fragte ich mich, ob die Informationen, die ich erhalten würde, den finanziellen Aufwand meiner Anstellung rechtfertigten.

Ich betrachtete das Formblatt »Kundeninformationen«. Hier bot ein übersichtlicher Vordruck in tabellarischer Form reichlich Raum für sachdienliche Hinweise. Es wurde nichts ausgelassen. Die Kladde reichte vom monatlichen Verdienst über Verpflichtungen bis zu äußerst diskreten Lebensgewohnheiten. Je genauer die Angaben, desto gezielter konnte demnach verkuppelt werden. Mir kamen natürlich auch ganz andere Verwendungsmöglichkeiten in den Sinn. Vielleicht verscherbelte die Agentur die Infos an diese ekelhaften Telefon-Marketing-Kaschemmen. Dank derartiger Zweitverwertungen konnte uns Norbert vermutlich auch das entsprechende Geld zahlen.

Ferner gab es einen mehrseitigen Exkurs über Gesprächsführung. Hier erfuhr man, wie den Kunden ganz beiläufig Informationen aus der Nase gezogen werden konnten. Ich las diese Seiten aufmerksam, enthielten sie doch vielleicht wichtiges, unveröffentlichtes Material zur Verbesserung der Balz in alltäglichen Situationen. Ich musste jedoch feststellen, dass ich hier nichts lernen konnte. Nicht, weil ich ein so ausgeschlafener Casanova gewesen wäre, sondern vielmehr, weil sich die Erkenntnisse und Maximen der Love Land-Psychologie-Abteilung nur leicht über dem Level der Sandkastenkommunikation bewegten.

Ein ganz anderes Heft betraf die Allgemeinbildung. Damit wurden dem Agentur-Angestellten sowohl die Ingredienzien des kultivierten Tischgespräches als auch des belanglosen Smalltalks nähergebracht. Ganz im Stil von »Kultur, Finanzen, Wissenschaft, Geschichte und Sport für Dummies« konnte man sich hier geballtes Halbwissen anlesen, um es im passenden Gesprächsmoment eloquent abzusondern: Dax, Dow Jones, Tom Jones, Tom & Jerry, Bruttoinlandsprodukt, Nettostaatsverschuldung, Neo-Liberalismus, Surrealismus, Nationalsozialismus, Altes Rom, Neues Deutschland, Schwarze Löcher, Graue Panther, Blauer Bock, Honecker, Hrubesch, Hölderlin, Reagan, Rummenigge, Rasputin, Bach, Bohlen, Beethoven, Britney Spears, Twix, Tears for Fears, KIA, MIA, CIA, DDR, DDT, DVD, in puncto, in dubio, in medias res, Pippi Langstrumpf … Amen.

Mitten in diese bewusstseinserweiternde Lektüre platzte Paul, Doktor in spe, der an meine Tür klopfte. Er erkundigte sich nach Schraubenschlüsseln und weiterem Feinwerkzeug. Dr. Paul hatte nämlich im Internet ein Skelett erstanden und wollte es nun zusammenbauen. In meinem gerade aufgeputschten Wissensdrang interessierte mich das mächtig, und so folgte ich ihm mit meinem Werkzeugkoffer in seine Wohnung.

Auch ohne Skelett sah es in Pauls Wohnung bereits aus wie in einer Geisterbahn. An den Wänden hingen Fotos oder Detailzeichnungen von menschlichen Körpern, eine Mischung aus FBI-Zentrale und Drei-Zimmer-Serienmörder-Wohnung. Ich sah aufgespießte Insekten und die eine oder andere weiße Maus. Es roch nach Methanol und leichter Verwesung. In seiner Behausung bekamen Pauls Augen einen eigenartigen Glanz.

»Na, gefällts dir hier?«

Er trat bedrohlich nahe an mich heran, und ich sah mich schon, hübsch zerstückelt, abgepackt und eingelagert in rosa Tupperware-Döschen, in seiner Tiefkühltruhe liegen.

»Willst du was trinken?«, fragte er mich freundlich, und ich hoffte, dass er die gereichten Getränke nicht mit irgendwelchen Urinproben im Kühlschrank verwechseln würde. Er brachte mir ein Glas Wein, und ich roch vorsichtig daran.

Wir erreichten das Wohnzimmer, auf dessen Boden verteilt unzählige Knochen lagen. Ob er das wirklich aus dem Internet hatte? Oder war er nicht doch mit Schaufel und Spitzhacke auf dem Friedhof unterwegs gewesen? Oder hatten diese physischen Reste vor ein paar Tagen noch in unserer Badewanne gelegen? Paul stellte klassische Musik an, und wir begannen die Knochen zu sortieren. Er kannte wirklich jeden einzelnen. Das beeindruckte mich sehr. Unter seiner Anleitung sortierte ich die Knochen der oberen Extremitäten auf einen Haufen. Paul nahm sich zunächst die Beine vor. Nach gut einer Stunde begann er, die Knochen mit Draht zu verbinden. Er hatte einen Metallständer für das Skelett besorgt, an dem schon der Kopf baumelte.

»Ist das eine Frau oder ein Mann gewesen?«, fragte ich.

»Eine Frau«, antwortete Paul. »Man kann das gut an den Oberschenkelknochen erkennen.«

Was war das wohl für eine Frau, die hier bald bei Paul in der muffigen Bude hängen würde. Ich selber, wenn ich da mal für meine Gebeine sprechen durfte, mochte nicht nackt bis auf dieselben im Wind baumeln. Lieber schön gemütlich unter der Erde liegen und langsam, genüsslich herummodern und mit Würmern kuscheln.

Paul kannte nicht nur jeden Knochen, er wusste auch, wo jeder einzelne von ihnen hingehörte. Die Wirbelsäule mit ihren Rippen war bereits komplett und wurde mit Draht am Kopf befestigt. Danach reichte ich Paul die einzelnen Arm- und Beinknochen. Nach einiger Zeit hatten wir dann erst einmal genug von der Bastelei und beschlossen, noch etwas trinken zu gehen.

Wir fuhren mit der U-Bahn nach Friedrichshain und suchten eine so genannte Szene-Kneipe auf, in der Paul wohl des Öfteren verkehrte. Für einen Mittwoch war es erstaunlich voll. Die kleinen, roten Tische waren alle besetzt, lediglich an der Bar fand sich noch ein wenig Platz. Dorthin begaben wir uns und bestellten zwei Cocktails. Die Musik drehte eine erschöpfende Runde durch die Achtzigerjahre. Wir nippten an unseren Gläsern und schauten uns um. Mir fiel die gemütliche Atmosphäre auf. Fast alle Besucher waren so gemütlich, dass man meinen konnte, eine Truppe Versicherungsmakler auf einem Exkursionsseminar hätte sich zur Gruppenarbeit zurückgezogen. Die zwei Frauen neben uns an der Bar waren die Einzigen, deren Stimmen gewissen Lautstärkeschwankungen unterlagen: vom lästernden Tuscheln, wenn neue Damen das Lokal betraten, bis zum Geräusch eines getunten Zahnarztbohrers, wenn sie treffsicher einen äußerlichen Makel bei einer Geschlechtsgenossin entdeckt hatten. In einer ihrer seltenen Gesprächspausen fragte ich Paul ein wenig zu laut:

»Hast du nur das eine Skelett in deiner Wohnung?«

Paul, der augenzwinkernd in meine Konversationseröffnung einschwenkte, antwortete: »Eigentlich zwei, an dem anderen ist aber noch etwas Fleisch dran. Das muss erst mal ein wenig abhängen, bevor man es gut vom Knochen bekommt.«

»Und wann können wir’s dann schälen?«

»Na, so drei Tage sollte der Freund noch in der Küche hängen bleiben.«

Die beiden Frauen neben uns hatten kein Wort mehr gesagt, und ich schaute, beschwichtigend mit dem Kopf nickend, zu ihnen hinüber. Ich blickte in zwei fassungslose Augenpaare.

»Keine Angst«, sagte ich, »dies hier ist Paul, Doktor und Extrem-Mediziner. Ich bin Tom, sein persönlicher Assistent und Präparator von Gebeinen und Kadavern. Da bin ich aber entzückt über derart lebendige und liebliche Geschöpfe, wie ihr es seid.«

Wenn das mal nicht astreine Love Land-Konversation war. Sonja und Carmen waren sichtlich erleichtert, obwohl sie uns noch etwas skeptisch musterten. Anscheinend warteten sie darauf, dass uns noch der eine oder andere Daumen aus der Jackentasche fiel.

»Es wäre töricht, wenn ich mein Interesse verhehlen würde, Sie zu – sezieren«, attackierte ich Carmen, die lachend einen Schritt zurücktrat. Sie war recht groß, schlank und um die dreißig, hatte lange blonde Haare. Dr. Paul schien in Gedanken bereits Sonjas Kleidungsstücke mit dem Skalpell zu bearbeiten. Zumindest hatte er bereits zur Sprechstunde gebeten und die beiden redeten angeregt. Carmen wollte von mir wissen, ob ich wirklich mit Leichen zu tun hätte. Ich lächelte kopfschüttelnd.

»Was machst du denn?«, fragte ich sie schnell, um nicht über meinen Job reden zu müssen.

»Ich bin Meteorologin, ich mache das Wetter.«

»Welches denn? Das gute oder das schlechte?«

Ich vertrat die These, dass Wetterberichte schlichtweg überflüssig, weil so gut wie immer falsch seien. Carmen widersprach dem natürlich heftig. Es war ihr Job, und ohne Wetterbericht hätte sie keinen gehabt.

»Und was machst du so?«

Das hatte ich befürchtet.

»Och, bin gerade neu in der Stadt, mal sehen«, sagte ich ausweichend. »Sag mal, hast du schon mal ’n Kerl übers Internet kennen gelernt?«

»Oh mein Gott«, Carmen schlug die Hände vors Gesicht, »erinner’ mich nicht daran!«

»Wieso?«

»Alles Psychopathen.«

»Psychopathen? Hackebeil?«

»So ähnlich, ja.«

Sie lachte albern. Ich wusste nicht recht, ob ich mich diesem Thema weiter nähern sollte, und blickte unschlüssig in die Luft.

»Wie viele verrückte Geschichten kannst du vertragen?«, fragte sie plötzlich.

»Ich stehe auf verrückte Geschichten. Leg mal los!«

»Naja, ich hab mich mal mit ’nem Jungen getroffen. Der war echt sweet. Sah toll aus und hatte was im Kopf. Dachte ich zumindest. Wir waren dann eine Weile zusammen und so. Irgendwann hab ich mich gewundert, dass er manche Sachen einfach vergessen hat. Weißt du, wenn man so sagt, lass uns in dem Café treffen, in dem wir vor zwei Wochen waren, wo mein Essen total scheiße war, und er so, welches Café, wo war das noch mal? Oder einfach Sachen, die ich mochte, verstehst du?«

Ich nickte.

»Ich dachte, der hat Probleme mit dem Gedächtnis oder hat sich’s weggesoffen oder so was. Hab mir da echt schon Gedanken gemacht. So, und dann irgendwann im Bett dachte ich: Hier stimmt doch was nicht. Irgendwas ist anders. Na, was glaubst du, was da los war?«

»Hm, das waren – Zwillinge?«

»Nein.« Sie machte eine Pause und atmete geräuschvoll ein. »Es waren drei.«

»Nein!«

»Doch, einer hat mich angegraben, und dann haben die schön durchgewechselt. Ich bin so dermaßen ausgerastet.«

Carmen wedelte wild mit den Armen durch die Luft. Sie hatte wirklich gute Geschichten drauf. Glücklicherweise konnte sie auch selbst darüber lachen. Die Musik war zwischenzeitlich um einiges lauter geworden, so dass wir sowohl näher zusammenrücken als auch lauter sprechen mussten. Ich blickte zu Paul hinüber, der den Kopf auf seine Hände stützte und mich breit angrinste. Die medizinischen Getränke wirkten. Sonja war gerade auf der Toilette. Als sie zurückkam, zog sie sich die Jacke an und schien aufbrechen zu wollen. Offenbar war Dr. Pauls Sprechstunde beendet. Meine ebenfalls, da mir Carmen eröffnete, sie müsse Sonja nach Hause fahren. Ich fragte nach ihrer Wetter-Beschwerde-Hotline-Handynummer. Sie lächelte und kritzelte sie mir auf einen Bierdeckel. Sonja hatte es ziemlich eilig, und hastig verabschiedeten wir uns. Ich fragte Paul, womit er die Dame verschreckt hätte. Er grinste nur und trank sein Glas leer.

»Die hatte kein Herz«, kicherte er seltsam.

»Medizinisch oder bildlich gesprochen?«

»Die hatte kein Herz«, wiederholte er nur und stierte über die Theke. Paul hatte sich wirklich gründlich mit Cocktails zugrunde gerichtet.

»Frauen sind merkwürdig«, brabbelte er vor sich hin, während er sich unbeholfen in die Jacke wickelte. »Ich habe ja noch eine zu Haus, die hat auch kein Herz …«

Ich wollte nicht darüber nachdenken, was er damit meinte. Vielleicht tanzte er heute Nacht noch mit seiner Skelettin durch die Wohnung, wie Tom Petty mit der Leiche im Video zu Mary Jane’s Last Dance. Hatte ihm Sonja zu viel lebende Substanz zu bieten? Das konnte einen aber auch wirklich ganz schön erschrecken, wenn man sonst nur mit ausgestopften Viechern frühstückte. Dr. Paul sollte dringend beobachtet werden.

Schweigend saßen wir in der U-Bahn. Als wir vor unseren Wohnungen ankamen, stammelte er noch: »Tom, du bist ein amtlicher Skelett… Skelettpflücker. Hab Dank für deine Hilfe.«

»Dr. Paul, es war mir eine Ehre«, sagte ich feierlich, und der Doktor torkelte die Treppe hinauf.

Ich wollte noch nicht schlafen gehen, stellte meinen Fernseher ans Bett, kramte in meiner Kabelkiste und suchte die Anschlussbuchse. Die Dose in der Wand war so altersschwach, dass ich mich kaum traute, das Kabel hineinzustecken. Ich legte mich aufs Bett und zappte rauf und runter. Eine »Best-of«-Sendung des Talkshow-Bodensatzes wurde ausgestrahlt. Ich hatte festgestellt, dass es für mich kein geeigneteres Schlafmittel gab als Talkshows und Teleshopsendungen. Allerdings durften keine Sexhotline-Werbespots dazwischenkommen. Die waren zu hektisch und zu blöd. Keine Ahnung, wie man davon geil werden konnte. Bei mir verfehlte die Werbebotschaft eindeutig den erwünschten Effekt. Gerichtsshows waren auch nicht geeignet, da ich mich immer sofort auf Anschlussfehler und die falsche Grammatik innerhalb der Dialoge konzentrieren musste. Am besten waren Talkshows, obwohl es leider kaum mehr welche gab. Das war früher besser gewesen, da hatte man sich fast zu jeder Tages- und Nachtzeit in den Schlaf labern lassen können. Man sollte die letzten Vertreter dieses TV-Genres dringend unter Artenschutz stellen.

Jetzt hatte ich aber noch eine überlebende Sendungs-Spezies aus den Staaten erwischt. Die Stimmung war ausgelassen. Jeder ließ seinen Frust raus und alle gingen unter dem Gejohle der Zuschauer aufeinander los. Großartige Show. Erstklassig. Alles krankes Fleisch. Kranke, ausgesucht und zur Schau gestellt von modernen Schaustellern. Vielleicht hätte auch Dr. Paul eine übersinnliche Psycho-Show im Fernsehen bekommen sollen. Mit toten und lebenden Teilnehmern. Schön ausgewogen. Paritätisch. Ohne Vorurteile und so. Man soll ja Tabus ruhig mal ansprechen.

Vielleicht war ich aber auch der Kränkste von allen und hatte eine gefährliche Vorstelleritis im Kopf, unbehandelt und jederzeit bereit, den gefürchteten groben Unfug ungefiltert hereinzulassen.

4. Die Furzferkel

Donnerstag. Heute war mein erstes Love Land-Meeting. Ich stand relativ früh auf, um den Termin bloß nicht zu verpassen. Boris saß in der Küche. Er hatte eingekauft, drei große, gefüllte Plastiktüten standen auf dem Fußboden. Auf dem Tisch lagen ein Berg Fleisch und ein seltsamer Metallrahmen. Sah aus wie ein Plätzchenausstecher, nur für hundert Plätzchen auf einmal.

»Was machst du da?«, fragte ich irritiert.

»Gulaschpuzzle.«

»Was?«

Boris setzte einen kompetenten »Erklärbar«-Gesichtsausdruck auf.

»Das – ist eine Puzzlestanze«, referierte er und hob den Metallrahmen in die Höhe. »Die hab ich im Flur gefunden. Und das hier – ist ein Gulaschpuzzle. Rinderfilet besorgen, Stanze drauf, zack, fertig.«

»Du bist ja total durcheinander.«

»Na, na«, sagte Boris und hob den rechten Zeigefinger, »die Fleischer-Innung wird ausrasten. Such mal lieber das Eckstück hier!«

Amüsiert nippte ich an meinem Kaffee und beobachtete, wie er akribisch die Fleischstücke zusammensetzte. Unser Flur schien ungeahnte Schätze zu bergen.

Vor dem Haus traf ich Giovanni und seine Frau, die mir einen guten Morgen wünschten. Freundlich winkend rannte ich zur U-Bahn. Es war ziemlich kalt, obwohl die Sonne schon den ganzen Morgen schien. Für die halb melancholischen, halb erwartungsvollen Stimmungen, die das eigentümliche Licht in der fast frostigen Atmosphäre erzeugte, war ich sehr empfänglich. Mir gefiel die Stadt in ihrer Mischung aus laut und leise, alt und neu, freundlich und abstoßend. Für einen Moment blickte ich noch aus dem Fenster ins Sonnig-Helle, dann ratterte die U-Bahn in ihren Schacht. Ich schaute mich um und versuchte die vielen Menschen zu analysieren. Wer von ihnen war wohl ebenfalls neu hier, wie ich? Und ob sie auch irgendwohin fuhren, ohne recht zu wissen, was sie dort erwartete? Die meisten verließen die Bahn fest entschlossen, andere so, als wäre es gleichgültig, ob sie hier oder erst an der nächsten oder übernächsten Station aussteigen würden. Vielleicht sollten wir einfach mal an einer anderen Lebenshaltestelle aussteigen und die Welt von dort aus betrachten, nicht immer von derselben. Vielleicht wartete nur diese eine Station weiter genau das, was wir suchten. Über solchen bahnbrechenden philosophischen Analysen verpasste ich prompt meine Station, beschimpfte mich lauthals selbst und musste wieder zurückfahren. Nun war es schon nach 10 Uhr, und ich hasste Zuspätkommen.

Pawliczek dachte wohl ähnlich, denn er schaute demonstrativ auf seine überdimensionale Uhr am Handgelenk, sagte aber nichts. Das Frollein Hennich hatte mir weitere kostbare Minuten gestohlen. Erst wollte sie mich nicht erkennen, und als sie mich dann mit theatralischer Geste wieder aus dem hintersten Winkel ihres überschaubaren Gedankenlagers hervorgekramt hatte, glaubte sie, mir sofort eine wundersame Anekdote aus ihrem bewegten Leben auftischen zu müssen.

Pawliczek führte mich nach einer knappen, aber lautstarken Begrüßung in ein Besprechungszimmer, in dem bereits neun weitere Personen saßen.

»So, det sind denn jetzt alle!«, rief er in die Runde und baute sich am Kopfende des Besprechungstisches auf. Ich schnappte mir einen Stuhl an der gegenüberliegenden Seite, während er mich den anderen vorstellte. Es waren dies: Aus der Abteilung »Relationship & Statistics« »Love Coordinator« Severin, ein aschfahler Mittvierziger mit angegrauter Betonfrisur, Betongesicht und glupschigen Augen. Er war für die Auswertung der Daten zuständig und trug passend dazu einen Zwei-Bit-Gesichtsausdruck (an – aus) und einen riesigen aufgeklappten Laptop vor sich her. Im Laufe des Meetings hämmerte er immer wieder auf die Tastatur ein, als wolle er sie ein für allemal totschlagen. Dabei verzog er nach wie vor keine Miene. Sein Kollege, Assistent, Praktikant oder sonst was, Manuel, saß direkt neben ihm, sagte kein Wort und versuchte auch, sich so wenig wie möglich zu bewegen. Er war Anfang zwanzig, untersetzt, schwarzhaarig und genauso blass wie sein Vorgesetzter.

Dann kamen die »Love Angels«: vier Frauen, zwei Männer. Drei der Mädels unterschieden sich nur durch ihre Haarfarbe. Bei Aussehen, Styling, Frisur, Klamotten und sogar bei den Stimmen von Mareil (blondiert), Svantje (brünettiert) und Sandra (schwartiert) waren so gut wie keine Unterschiede auszumachen. Sie sahen aus wie eine Versuchsreihe aus dem Genlabor. Ich dachte an Carmen. Die männlichen Kunden der Agentur schienen eine Vorliebe für schulterlanges, leicht gewelltes Haar, Pausbäckchen, Jeans und lasziv aufgeknöpfte, halbwegs gut gefüllte helle Blusen zu haben. Auf ihre einfache Art waren sie hübsch, aber nicht sonderlich spektakulär. Musste vielleicht so sein. Wegen des nachhaltigen Sich-Verliebens und so. Chantalle repräsentierte hingegen eher die Kategorie »Feger«, und vermutlich wurde sie als »Startup-Relation-Manager – schnelle Eingreiftruppe« eingesetzt. Dunkelhaarig, dunkeläugig, dunkelhäutig, dunkelstimmig, das »dunkel-« wahlweise durch »samt-« zu ersetzen, und blendend aussehend. Ihr Styling war sehr edel, ihr perfekter Körper steckte in einem einteiligen schwarzen Anzugkleid. Im Laufe der Zeit musste ich feststellen, dass sie zudem noch schlau, schlagfertig und sympathisch war. Eine Frau mit den drei S. Furchteinflößend.

Gero und Ron bildeten meine Verstärkung auf männlicher Seite. Gero war noch größer als ich, hatte zurückgekämmte, schwarze Haare, und sein entspanntes Lächeln wirkte wie eine Oase der Ruhe in der aufgeregten Menschenrunde.

Ron war ein Kleiner, Kräftiger, mit Backenbart, ein massiger Kerl, Typ »Bärchen«, mit einem großen Kopf. Trotzdem sah er angenehm proportioniert und gewinnend aus. Eine dicke Silberkette umrankte seinen massiven Hals und silberne Kreolen baumelten von seinen Ohrläppchen, die eher schon fast ausgewachsene Ohrlappen waren. Bei uns Jungs hatte sich Pawliczek etwas mehr Individualität gegönnt, wir waren wirklich drei komplett verschiedene Typen.

Komplettiert wurde die Runde durch »Disponentin« Michaela, groß und kräftig, mit kurzen strähnigen Härchen. Sie machte einen kompetenten Eindruck, und von ihr bekamen wir unsere Dates.

Zunächst aber referierte Norbert über die Love Land-Philosophie und schwor uns auf unsere Aufgaben ein. Auftreten und Erscheinung waren für Love Angels von besonderer Wichtigkeit.

»Tom«, wandte er sich unvermittelt an mich, »was hast du da an?«

Ich blickte an meiner Körperlinie hinab und versuchte, mit einer engelsgleichen Mimik den wenig repräsentativen Gesamteindruck meiner Trikotagen zu überspielen. Zwecklos. Die lieblos aufeinander gestapelten Kleidungsstücke zeugten von absoluter Missachtung grundlegender Moderegeln. Das rote T-Shirt, ein blau-weiß gestreiftes Hemd und ein grauer Pullover mit ausgeleiertem V-Ausschnitt verkeilten sich zu einem Denkmal verfehlten Geschmacks.

»Da tut sich aber noch was bis zu deinem ersten Ausritt!?«

Pawliczek sprach mit Nachdruck und nahezu hochdeutsch. Das meinte er wirklich ernst. Bei den Klamotten hörte der Spaß auf. Ich nickte wie ein Schuljunge und zupfte nervös an meinem Ärmel. Glücklicherweise war ich nicht der Einzige, der eine Ansage erhielt. Einige Love Angels hatten sich beim Ausfüllen der Informationsbögen Nachlässigkeiten erlaubt.

»Wat seid ihr denn da für ’n Quark am Reden? Wir brauchen Informationen, keen Gequatsche!« Anscheinend waren die gesammelten Daten zu gehaltsschwach für den Messias. »Det muss besser werden. Ausquetschen, die Leutchen!«

Nach dieser eindringlichen Standpauke erteilte Pawliczek Michaela das Wort. Die Love Angels bekamen ihre »Love Letters«: einen Terminplan, bestehend aus zusammengetackerten Blättern, auf denen Ort und Zeit der Treffen sowie Informationen über die Kunden verzeichnet waren.

»Tom, du bist neu, ich erklär dir das mal«, begann Michaela, in meine Richtung gewandt. »Es kann sein, dass die Kundin dich ausgewählt hat und zu schüchtern ist, mit dir in Kontakt zu treten, und uns das machen lässt. Oder wir tun so, als ob du sie von dir aus ausgewählt hättest. Oder aber du bist unsere Empfehlung für die Kundin. Dann hat euch unsere Abteilung Relationship & Statistics als das perfekte Paar ausgewiesen. Deswegen ist es wichtig, dass du gut vorbereitet bist und von ihren Vorlieben weißt. Ihr passt nämlich perfekt zusammen.«

Sie kratzte beim »perfekt« mit je zwei Fingern ihrer Hand Anführungsstriche in die Luft.

»Alles, was du über die Kundin wissen musst, steht in der Liste.«

Sie hob kurz ein Exemplar des Love Letter in die Höhe.

»Alles, was wir über die Kundin wissen wollen, trägst du nach dem Treffen ein. Und schon kann sie sich das nächste Mal mit ihrem wirklichen Traummann verabreden. Weil wir ihr den mit deinen Angaben suchen können. Samstag ist natürlich Einsatztag, da treffen sich die Menschen gerne zum Flirten. Dafür ist meistens Sonntag und Montag frei. Das wars eigentlich. Wenn du Fragen hast, ruf mich gerne jederzeit an.«

Die Love Angels überflogen ihre Einsatzplanung und gaben vereinzelt missmutige Kommentare ab.

Pawliczek erhob sich. »Wenn keene Einwände bestehen, sehn wir uns Montag wieder. Machtet jut!«

Ich blieb noch eine Weile sitzen und studierte meinen Love Letter. Morgen hatte ich den ersten Termin. Sie hieß Sandra und war 44 Jahre alt. Ich blickte auf Fotos fremder Frauen und las mich durch deren Eigenschaften, Hobbys und sonstige wissenswerte Details. Plötzlich schreckte ich hoch. Ich musste mit Pawliczek noch dringend über einen Vorschuss sprechen, auch und speziell um meine Garderobe etwas aufzuhübschen. Also ging ich zu seinem Büro. Hinter der geschlossenen Tür hörte ich laute Stimmen. Ich klopfte.

Pawliczek brüllte: »Herein!«

Severin und sein Assistent, Praktikant oder sonst was standen im Büro und machten einen erregten Eindruck. Auch Norbert war im Gesicht gerötet und sprach noch lauter als sonst.

»Wat is los?«, schrie er mich etwas entnervt an.

»Ich, äh, also, ich wollte nur fragen, ob ich etwas Vorschuss haben könnte. Ich bin etwas klamm und müsste …«

»Jaja, keen Problem. Geh in die Gehaltsbuchhaltung, Frau Mahn, ick ruf da an. Zimma 759. Noch wat?«

Pawliczek wollte mich loswerden. Irgendwas ging da vor sich. Ich schloss die Tür und blieb noch kurz stehen. Worüber die drei redeten, konnte ich nicht verstehen; ich ahnte jedoch, dass sie sich mächtig in der Wolle hatten.

»Muss ick det ooch noch selber machen?«, brüllte Pawliczek.

Seine Stimme überschlug sich, und ich merkte, dass er sich auf die Tür zubewegte. Erschrocken sprang ich um die nächste Ecke und legte den schnellen Gang ein. Als Pawliczek aus seinem Büro stampfte, erreichte ich Zimmer 759 und schlüpfte schnell hinein.

Mit dem Love Land-Euro-Starterpack ausgestattet, ließ ich mich kurze Zeit später entspannt auf meinem Küchenstuhl nieder und verzehrte ein komplettes Hähnchen, das ich mir unterwegs gekauft hatte. Als die Türklingel Besuch ankündigte, war es bereits nach 19 Uhr.

»Sie ist fertig!«, jubelte mir Dr. Paul entgegen und stürmte in meine Wohnung.

»Wer ist … fertig?«

»Na sie! Meine Knochenfrau!«

Paul führte sich auf, als würde er gerade, massiv pubertierend, am Morgen nach seinem ersten fremdverschuldeten Samenerguss seinen Freunden gegenübertreten.

»Na und, hattet ihr schon Sex?«, fragte ich feixend.

»Blödmann«, nörgelte Dr. Paul und boxte mir in die Rippen.

Ich schlurfte in den vierten Stock und begutachtete Pauls fertiggestellte Mitbewohnerin. Sie schien vollständig zu sein, nach meinem Laienwissen zu urteilen. Wohl oder übel fehlten jedoch die primären bis tertiären Geschlechtsmerkmale. Zumindest für mein Verständnis.

»Schön«, sagte ich. »Gehen wir drei mal gemeinsam weg?«

Ich nahm die knochige Hand der kalten Dame und schüttelte sie.

»Vorsicht«, jammerte Paul, »tu ihr nicht weh!«

Allmählich machte ich mir ernsthaft Sorgen um Dr. Pauls soziale Verträglichkeit. Wenn er sich in diese wahrhaftig totgelaufene Beziehung vertiefte, würden lebendige Kandidatinnen es bei ihm mächtig schwer haben.

»Ich geh runter zu Giovanni. Wenn du Lust hast, kommst du einfach später nach«, sagte ich hastig und verdrückte mich.

In Giovannis kleiner Nudelstube hockten zahlreiche Besucher. Natürlich saß auch der glasmalende Freak an seinem Tisch und versuchte verbissen, sein Lieblingsmotiv zu optimieren. Grüne Wiese und Bäume. Giovanni war an der Theke, und ich ging hinüber, um ihm sein Geld zu geben.

»Trink erst mal eine Grappa«, sagte er und überschlug grob im Kopf meine Verbindlichkeiten. Ich blätterte einige Scheine auf den Tresen und setzte mich dann mit einem Glas Wein an einen Tisch am Fenster. Ich dachte an die merkwürdige Stimmung bei meinem Arbeitgeber und fragte mich, warum die drei in der Agentur so lautstark aneinandergeraten waren. Vielleicht nervten Pawliczek seine beiden Mitarbeiter. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass es da um mehr ging als nur um Probleme bei der Partnervermittlung.

Rafaele brachte mir ein Viertel Wein mit Brot, und ich widmete mich erst einmal der Flüssigkeitsaufnahme. Was ich kurz darauf sah, ließ mir jedoch fast den Traubenmost aus dem Glas springen. Dr. med. »Death« Paul, Liebhaber des kalten Körpers, stand plötzlich im Raum – mit einer sehr lebendigen, warmen und unglaublich hübschen Begleiterin. Ich war so überrascht, dass ich die beiden mit halboffenem Mund ziemlich dämlich anstarrte.

»Das ist Nadeshda, eine Kommilitonin«, eröffnete Paul das Gespräch.

»Angenehm. Tom«, kaute ich und würgte schnell ein Stück Brot hinunter.

Nadeshda war Russin, musste aber schon sehr lange in Deutschland leben, da sie fast ohne Akzent sprach. Lediglich einige Konsonanten klangen ein klein wenig zu hart, aber das gab ihr neben ihrem Äußeren einen ziemlich erotischen Touch. Nadeshda war für mich als Frau-Freund absolut unbrauchbar. Dazu war sie viel zu sexy. Ihre langen, braunen Haare umhüllten ihr markantes Gesicht mit den stechend grünbraunen Augen. Wir redeten belangloses Zeug, tranken Wein und lachten viel. Mit fortschreitender Alkoholisierung wurden unsere Themen abstruser und wir begannen uns haarsträubende Geschichten auszudenken.

Nadeshda behauptete, sie hätte während einer Studienreise durch Westafrika einen Stamm besucht, dessen Mitglieder jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang ihr rechtes Ohr auf die Erde legten und die Erdschwingungen aufnahmen, um diese als Rhythmus für ihre Tänze zu verwenden. Tanzen mussten sie natürlich liegend, da ihr Kopf ja am Boden klebte. Dieser Erd-Groove war somit auch der legitime Vorläufer des Hiphops. Außerdem wurden die Anwohner nicht durch laut aufgedrehte Radiorecorder belästigt.

Derartig seriös vorgetragener Unfug beeindruckte mich, und ich schickte mich an, meinerseits aus dem Füllhorn der Dummschwätzerei zu schöpfen. Ich betrachtete diese Konversation als willkommene Generalprobe für mein morgiges Dienstgespräch. Dr. Paul sagte schon seit geraumer Zeit nichts mehr, er schien seinen Promillezenit einmal mehr hoffnungslos überschritten zu haben.

Mit ernster Miene referierte ich über ein kürzlich erst im australischen Busch entdecktes Lebewesen: das Furzferkel. Es machte sich seine rektalen Gerüche zur Abschreckung natürlicher Feinde zu eigen. Die Tiere waren zwar nur zehn Zentimeter groß, ziemlich fett und träge, hatten aber in ihrer Jahrtausende währenden Evolution ihre Verdauung zur heimtückischen Waffe vervollkommnet. Ein Angreifer von der Größe eines Präriehundes, besprüht mit diesen toxischen Winden, wurde für 30 Minuten kampfunfähig und konnte zudem bei häufigem Kontakt motorische Langzeitschäden davontragen. Die australische Bevölkerung versuchte die Tiere, nachdem sie entdeckt worden waren, zur Biogasgewinnung zu züchten. Forscher rechneten bereits einen benötigten Bestand von 3,5 Millionen Furzferkeln hoch, um die komplette Energieversorgung Sydneys zu gewährleisten. Hier lag jedoch das größte Problem, da sich die Tiere nur äußerst schleppend vermehrten. Ein Furzferkelweibchen brachte in der Regel nur vier Junge pro Jahr zur Welt, die dazu in den ersten Lebensmonaten noch nicht gegen den Kampfstoff der Mutter resistent waren. Dies führte dann oft zu tragischen Unfällen, wenn es die Muttersau nicht rechtzeitig aus dem Bau hinaus schaffte und ihre Höhle kontaminierte.

»So ein Unsinn«, schaltete sich nun Dr. Paul ein. »Die vermehren sich schneller als Fruchtfliegen. Sie sind eine teuflische Bedrohung!«

Er grunzte geheimnisvoll und wankte zur Toilette. Zeit für eine Grübchenattacke.

»Ich wohne hier oben, im dritten Stock«, sagte ich schnell zu Nadeshda und deutete nach oben. »Hast du Lust, meine Furzferkelzucht zu sehen?«

Sie blickte in Richtung Toilette, überlegte kurz, stand auf und ging zur Tür. Ich blieb dicht hinter ihr, führte sie ins Treppenhaus und schließlich in meine Wohnung. Im Flur zog sie mich ruckartig an sich und wir fingen an uns zu küssen. Nadeshda war stürmisch und fordernd, mir wurde leicht schwindelig vom Wein, vom Aufrechtstehen und von ihrem Temperament. Langsam und umschlungen bewegten wir uns den Flur entlang, uns gegenseitig an den Klamotten zerrend. Gerade als meine Hand ihre weiche Haut am Rücken ertastete, klingelte es. Es klingelte! Es klingelte nicht kurz, es klingelte permanent, dazu schrie Paul wie ein Irrer im Treppenhaus:

»Nadeshda? … Tom? Seid ihr hier? Haallooo!?«

Hier war sie: die Mutter aller Situationen, für die Mach sitz! erfunden worden war. Paul hätte ich in fünf Sekunden kampfunfähig gemacht, vermutlich sogar in drei. Wenn er darauf abgerichtet gewesen wäre. Ich musste Mach sitz! unbedingt in Berlin etablieren. Jetzt war es zu spät. Sämtliche Hormonzufuhr wurde abrupt abgeriegelt. Nadeshda, die eben noch mit geschlossenen Augen an mir gehangen hatte, hatte diese jetzt weit aufgerissen und drehte sie genervt nach oben. Ich überlegte kurz, Paul einfach ohne Mach sitz! das Licht auszuknipsen, schritt dann aber langsam zur Tür und öffnete sie.

»Was machst du denn für einen Alarm?«, sagte ich gedehnt. »Nadeshda wollte nur kurz mal mein Bad benutzen.«

Paul war völlig außer Atem, und seine Augen hetzten von mir zu Nadeshda und zurück. Nadeshda tauchte hinter mir auf und zupfte an ihrer Kleidung.

»Ich dachte … ich wollte nur … vielleicht ist was passiert«, stammelte Paul.

»Was soll denn passiert sein?«, kaute Nadeshda und drückte sich an uns vorbei ins Treppenhaus.

Zurück in der Pasteria, zahlte ich die Getränke und verabschiedete mich von Giovanni. Merkwürdigerweise konnte ich Paul oder Nadeshda nirgends entdecken. Ich war nun etwas verwirrt und ging zögernd wieder hinauf. Es war mir nun meinerseits zu dämlich, vor Pauls Wohnung noch mal die gleiche Show abzuziehen und nach Vollendung des Liebesspiels zu heulen wie ein getretenes Furzferkel.

Auch diesen seltsamen Tag wollte ich nicht ohne einen Blick ins deutsche Fernsehen ausklingen lassen. Es lief eine äußerst spektakuläre Teleshop-Folge. Darin wurden Kopfbedeckungen feilgeboten, die gefährliche elektromagnetische Strahlungen vom Kreditkartenzahler fernhalten sollten. Die Hüte sahen aus wie die rot-weiß gestreiften Pylonen auf Autobahnbaustellen, und ich fragte mich, wer sich damit wohl ungestraft durch die Öffentlichkeit bewegen konnte. Der freundliche Verkäufer hatte einen aufschlussreichen Versuchsaufbau im Studio vorbereitet und konnte damit zweifelsfrei nachweisen, dass ein Handy, ein Radiowecker und ein Toaster die messbare Temperatur am Kopf um mindestens 0,1 Grad Celsius zu erhöhen vermochten. Ich vermutete, dass sich der Vorteil, mit so einer Kopfbedeckung unbedenklich mobil telefonieren zu können, dadurch relativierte, dass den derart bekleideten Käufer wohl bald niemand mehr anrufen würde. Der Verkäufer und der Moderator gaben alles. Modisch bekleidet und geschützt gegen 8000 Gigawatt fürchterlichste Strahlung hüpften sie hochmotiviert durchs Bild. Keineswegs vergessen wurden auch die immer wieder problematischen Wasseradern und Erdstrahlungen. Wie verstrahlt da wohl die Erd-Groover aus Afrika sein mussten – tanzend, ständig mit dem Ohr an der Gefahr, den Strahlen oder den Wasseradern schutzlos ausgeliefert. Na ja, wenigstens gab’s dort keine Handys. Ich beschloss, für das Elektro-Ex-Paket keine 149 Euro plus Versand auszugeben und mit meinen Elektrogeräten weiterhin in inniger Harmonie und ohne Argwohn zu koexistieren. Stellvertretend für alle Stromverbraucher dieser Erde schaltete ich umgehend den Fernseher aus und boykottierte die TV-Veranstaltung durch Spontanschlaf.

Ich fiel von meinem Mozzarellabaum. Dort oben saß ich ja oft und sah alles Mögliche, aber runtergefallen war ich noch nie. Ich fiel durch die Wiese in ein seltsames Nichts. Für eine Weile war es totenstill. Dann fand ich mich in einem abgedunkelten Raum wieder. Ein wenig erinnerte er mich an Giovannis Restaurant, es war allerdings kalt und ungemütlich. Überall an den Wänden standen geöffnete Särge, denen nach und nach Skelette entstiegen. Die Gerippe setzten sich an einen großen Tisch, der von einer tiefhängenden Lampe beleuchtet wurde. Sie rauchten und tranken Rotwein. Ich nahm auf dem einzigen freien Stuhl Platz und zündete mir auch eine Zigarette an.

»Mach die Kippe aus, das stört mich!«, blaffte der rauchende Knochenmann neben mir.

»Äh, aber ihr …«

Ich bekam eine kalte Faust in die Rippen gestoßen und spuckte die Zigarette in hohem Bogen aus. Irritiert blickte ich mich um.

»Teil aus!«

Vor mir auf dem Tisch lag ein Kartenspiel. Die Skelette schauten mich erwartungsvoll an und klapperten leise mit ihren Fingerknochen. Wir spielten Strippoker. Keine Ahnung, durch welche unbedachte Äußerung ich da wieder hineingeraten war. Nachdem ich die Karten verteilt hatte, wurde das Klappern lauter. Ich verlor das Spiel und musste meine Jacke ausziehen. Nun teilte mein linker Nachbar aus. Er hatte noch etwas Fleisch an den Armknochen und schwitzte unappetitlich. Auch dieses Spiel verlor ich, wie auch die folgenden, bis ich nackt auf meinem Stuhl saß. Mich beschlich der Verdacht, dass sich meine Mitspieler mit dem Fingergeklapper über den Inhalt ihrer Karten austauschten. Als ich das nächste Spiel ebenfalls verlor, kamen zwei der Knochenmänner mit großen Messern auf mich zu, um mir das Fleisch von den Armen zu schneiden. Ich schrie auf und rief: »Betrug, ihr habt mich beschissen! Das gilt nicht!« Mein Gezeter beeindruckte die Skelette herzlich wenig. Sie hielten mich fest und begannen, mit ihren Messern langsam meine Haut aufzuschlitzen. Ich schrie so laut auf, dass ich von meinem eigenen Gebrüll erwachte. Mir war furchtbar schlecht und ich musste würgen.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2025
Hacim:
281 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783947373468
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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