Kitabı oku: «Tod am Hühnermarkt»

Yazı tipi:

LASP

Der Autor

Lutz Ullrich, Jahrgang 1969, studierte Politik und Rechtswissenschaften, schrieb für verschiedene Zeitschriften, betätigte sich in der Politik und arbeitet heute als Rechtsanwalt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Frankfurt. Mehr Informationen gibt es unter www.lutzullrich.de.

In der Tom-Bohlan-Reihe sind bisher folgende Bücher erschienen:

Der Kandidat (2009)

Tod in der Sauna (2010)

Tödliche Verstrickung (2011)

Stadt ohne Seele (2012)

Mord am Niddaufer (2013)

Das Erbe des Apfelweinkönigs (2014)

Kristallstöffche (2015)

Klaa Pariser Blut (2017)

Citymord (2018)

Außerdem der Kurzkrimi:

Bohlan und das geheimnisvolle Manuskript

Außerdem erhältlich

Wie aus Herbert Willy wurde (2016)

Alle Bücher sind auch als E-Book erhältlich

Tod am Hühnermarkt

Ein Kriminalroman von Lutz Ullrich

.

© 2020 Lutz Ullrich

Korrektorat: punkt und komma

LASP-Verlag, Schwalbach am Taunus – Frankfurt am Main

info@lasp.de

Cover-Foto: adobe stocks

ISBN 978-3-946247-27-2

www.lasp-verlag.de

www.lutzullrich.de

Printed in Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung

Prolog

In einer Frankfurter Wohnung mit Blick auf den Hühnermarkt taumelte David Blum krachend gegen eine Schranktür und verhinderte so, dass er das Gleichgewicht vollends verlor und stürzte. Verzweifelt umklammerten seine Finger eine große Metallschiene, die normalerweise zum Öffnen der mannshohen Schiebetür des Kleiderschranks diente. Sein Herz hämmerte, als wolle es explodieren. Sein Pulsschlag simulierte einen Zweihundertmetersprint. Blum schloss für einen Moment die Augen und versuchte, das soeben Gesehene mit beruhigenden Bildern zu übertünchen. Ein verzweifelter Versuch. Doch immerhin verlangsamte sich sein Herzschlag.

Augenblicke später wagte er, der Realität erneut ins Angesicht zu blicken.

Thomas Winterstein lag noch immer reglos auf seinem Bett. Er trug einen biederen Pyjama. Die Bettdecke war bis zu seinem Bauch gezogen, wo ein aufgeschlagenes Buch lag. Dem Umschlag nach ein spannender Thriller. Doch die Augen des Wissenschaftlers waren zur Decke gerichtet, als warte er auf eine göttliche Eingebung.

David Blums Rücken löste sich von der Schrankwand. Seine Hand hielt weiterhin schützenden Kontakt zum Griff, auch als er einen vorsichtigen Schritt nach vorne wagte. Nur nicht zu weit. Die Ruhe eines Toten sollte man nicht stören. So viel Ehrfurcht war Blum auch nach Jahrzehnten noch geblieben, in denen er getötet und gemordet hatte. Meistens ziemlich raffiniert und mit viel Effekthascherei. Millionen Leser hatten ihm dafür gedankt und seine Thriller regelmäßig auf die Bestsellerlisten befördert. Nicht nur in Deutschland, und auch die unzähligen Übersetzungen waren weltweit Erfolge geworden.

Das hier allerdings war keine ausgeklügelte Fiktion, sondern knallharte Realität.

Fieberhaft überlegte Blum, was er tun sollte. Zögernd löste er sich vom Schrank und trat ans Bett. Langsam fuhr seine Hand in Richtung Winterstein. Wie in Zeitlupe näherte sie sich dessen Hals und tastete vergeblich nach einem Pulsschlag.

»Ein Notarzt«, schoss es Blum durch den Kopf.

Doch eine Stimme in ihm sagte, dass dies sinnlos war. Winterstein war tot. Und Blum wollte auf keinen Fall in polizeiliche Ermittlungen hineingezogen werden. So etwas sprach sich schneller herum, als sein Management reagieren konnte. Blum sah die Schlagzeilen der Boulevardpresse bereits rot leuchten: »Bestsellerautor unter Verdacht!«

Schlechte Presse war besser als gar keine Presse, aber Spekulationen über die Verstrickung in ein Tötungsdelikt waren definitiv des Schlechten zu viel.

Blum verharrte unschlüssig vor dem Toten. Was sollte er tun? Wild schossen die Gedanken in seinem Kopf durcheinander. Im Grunde war nichts klar. Winterstein könnte genauso friedlich eingeschlafen wie getötet worden sein. Vielleicht hatte er vor dem Schlafengehen einen Whisky getrunken, die Gutenachtlektüre geschnappt und beim Lesen einen Herzinfarkt erlitten. So etwas kann ganz plötzlich passieren, auch bei Menschen in Wintersteins Alter. Gerade, wenn sie besessene Arbeitstiere waren. Zu dieser Spezies hatte Winterstein definitiv gezählt. Das hatte Blum in den letzten Wochen am eigenen Leib gespürt. Der Kerl stand ständig unter Strom, wollte immer mindestens zwei Dinge gleichzeitig tun, strotzte vor Vitalität, trieb Sport in jeder freien Minute. Etwas, das Blum ganz und gar abging.

»Herzinfarkt!«, schoss es wieder durch seine Gehirnwindungen. Doch ein Gefühl tief in ihm rebellierte, rückte das scheinbar Offensichtliche in den Hintergrund. Blums Blicke geisterten durch den Raum, ohne an einem Punkt hängen zu bleiben. Alles wirkte vollkommen normal. Doch irgendetwas stimmte nicht, da war er sicher. Er verließ das Schlafzimmer, durchschritt den Flur. Seine Blicke schossen hektisch durch die offene Tür ins Wohnzimmer, dann den Flur entlang. Er konnte nichts Auffälliges entdecken. Kein Durcheinander, keine herausgerissenen Schubladen. Alles ganz normal. So als habe Winterstein sich schlafen gelegt, um am nächsten Morgen wieder zur Arbeit zu fahren. »Irgendwo muss Wintersteins Festplatte stehen«, dachte Blum. Der Wissenschaftler hatte mal so etwas angedeutet. War es der Schrank oder das Regal im Wohnzimmer?

Aus der Ferne drang das Schlagen einer Tür in die Todesstille und riss Blum augenblicklich aus den Gedanken. Schritte hallten durch die Wohnung. Blum stürmte in den Flur, sah, dass die Wohnungstür nur angelehnt war. Er hatte vergessen, sie zu schließen, als er die Wohnung betreten hatte.

Und davor war sie ebenfalls nur angelehnt gewesen!

Das war es, was Blum sonderbar vorgekommen war. Jemand wie Winterstein ließ nicht die Tür offen stehen, sodass jeder die Wohnung betreten konnte. Noch dazu, wenn er vorhatte, ins Bett zu gehen.

Die Schritte hallten wieder herauf.

Verdammt! Blum blieb einen Moment wie angewurzelt stehen.

Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm nicht. Blum musste sich jetzt schnell entscheiden. In jedem Fall musste er zur Wohnungstür. Entweder, um sie zu schließen, oder um aus der Wohnung zu fliehen. Der Bestsellerautor entschied sich instinktiv für die zweite Alternative, zog die Tür von außen zu und hechtete die Treppe hinauf. Sein Fuß blieb an der letzten Stufe hängen und brachte ihn zum Stolpern. Blum drohte krachend auf die Holzdielen zu fallen, konnte aber im letzten Moment das Geländer greifen und den Sturz verhindern.

Er huschte im selben Augenblick um die Ecke, als die Schritte Wintersteins Wohnungstür erreichten. Blum drückte sich mit dem Rücken gegen die raue Wand. Sein Herz pumpte wieder wie wild. Er hielt den Atem an und hoffte inständig, dass nur er das laute Pochen hören konnte.

Eine halbe Etage tiefer scannten zwei Männer in dunklen Anzügen misstrauisch das Treppenhaus ab. War da nicht eben ein Geräusch gewesen? Sie lauschten konzentriert, wandten sich dann aber Wintersteins Wohnungstür zu. Es dauerte nicht lange, bis sie sie geöffnet hatten. »Soll ich noch mal nach oben gehen?«, murmelte der eine. Der andere schüttelte kurz den Kopf. Dann waren die beiden in der Wohnung verschwunden.

Blum wischte sich erleichtert den Schweiß von der Stirn, bevor er sich leise aufrichtete und die Treppe weiter nach oben schlich. Dort verharrte er einige Minuten. Nachdem sich sein Puls normalisiert hatte, lauschte er erneut ins Treppenhaus. Nichts war zu hören. Vorsichtig rappelte er sich auf, zog die Schuhe aus und schlich leise über die Stufen nach unten. Als er Wintersteins Wohnungstür passierte, duckte er sich, um nicht aus dem Guckloch der Tür gesehen zu werden. Keine zwei Minuten später trat er auf das Kopfsteinpflaster und zog die frische, kühle Nachtluft in sich ein. Seine Schuhe hielt er noch immer in der Hand, auch als er das die Straße berquerte.

1.

Tom Bohlan stieg die schmalen Betonstufen empor und stand kurz darauf auf dem Römerberg. Der Himmel über Frankfurt hing voller Wolken. Die Herbstluft war frostig. Die Glocken des Doms schlugen dreimal. Bohlan zog den Ärmel seines Mantels zurück und warf einen Blick auf die Armbanduhr. Es war Viertel vor drei. Der Kommissar war direkt von seinem Hausboot, das an der Wörthspitze in Höchst ankerte, in die Innenstadt gefahren und hatte den alten VW im Parkhaus abgestellt. Eigentlich hatte er den Rest der Woche frei und nicht vorgehabt, heute einen Tatort aufzusuchen, doch da seine Kollegen Jan Steininger und Walter Steinbrecher kurzfristig erkrankt waren, musste er notgedrungen einspringen. Er stiefelte über den Römerberg und passierte die an seiner Ostseite gelegenen historischen Fachwerkhäuser. Dort nahm er den Krönungsweg, stand wenig später auf dem Hühnermarkt und blickte in die Augen der Friedrich-Stolze-Büste, die auf einem Brunnen thronte. Andächtig verharrte er einen Augenblick. »Un es will mer net in de Kopp enei, wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!«, formten seine Lippen.

Noch vor wenigen Jahren hatte hier das technische Rathaus gestanden und seinen Betoncharme verbreitet. Nun konnten die Frankfurter genauso wie unzählige Touristen die Altstadt wieder in ihrem ursprünglichen Zustand bestaunen. Als der Magistrat die Pläne zum Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Altstadt vorgestellt hatte, war der Kommissar wie viele andere Frankfurter skeptisch gewesen. Doch nun, da die engen Häuserzeilen längst zum Touristenmagneten geworden waren, mochte er ihren Charme. Er ließ seinen Blick über die rekonstruierten Häuserfassaden wandern. Als er am Wirtshaus hängen blieb, hörte er hinter sich Julia Wills Stimme.

»Hallo Tom!«

Der Kommissar drehte sich um, die Kommissarin war nur noch wenige Meter vom ihm entfernt. Sie trug einen braunen Mantel und eine dazu passende Wollmütze. Ihre dunkelbraunen Haare fielen ihr ums Gesicht. »Da hast du dich aber mächtig beeilt!«

»Wenn Not am Mann ist, lass ich mein Team doch nicht hängen«, entgegnete Bohlan mit einem ironischen Augenzwinkern.

»Sorry«, sagte Will. »Ich weiß, dass du dir die Woche anders vorgestellt hast. Aber im Kommissariat ist absolut Land unter.«

»Ich habe schon gehört, die Grippewelle ist früh dieses Jahr. Was ist passiert?«

»Es gab einen anonymen Anruf. Demnach liegt in einer Wohnung am Markt 14 eine Leiche.«

»Markt 14?«, fragte Bohlan.

»Das muss dort drüben sein«, antwortete Will. »Das Haus heißt übrigens Neues Paradies.«

»Wie passend.« Die beiden marschierten zur Ostseite des Platzes.

»Was genau hat der anonyme Anrufer gesagt?«, wollte Bohlan wissen, während Wills Schuhe auf dem Kopfsteinpflaster klackerten.

»Nicht allzu viel. Der Tote soll in seinem Bett liegen. Sein Name ist Dr. Thomas Winterstein. Ein angesehener Biologe.«

Sie hatten mittlerweile die Eingangstür des Hauses erreicht und sämtliche Klingelknöpfe betätigt. Nach einiger Zeit sprang die Tür auf und die beiden Kommissare betraten das Treppenhaus. Bohlan warf einen Blick auf die Briefkästen. Offensichtlich gab es sechs Wohnungen. Will war bereits auf der Treppe. Bohlan folgte ihr. In der ersten Etage erwartete sie eine zierliche Frau mit ergrauten Haaren. Bohlan schätzte sie auf Mitte fünfzig.

»Was kann ich für Sie tun?«

»Guten Tag. Wir sind von der Kripo«, sagte Will. »Wie heißen Sie?«

»Christa Michels«, sagte die Frau mit ungewöhnlich rauer Stimme.

»Es geht um Ihren Nachbarn, Herrn Winterstein.« Will hielt ihr den Polizeiausweis unter die Nase.

Die Frau schaute skeptisch auf das Dokument.

»Und wie kann ich Ihnen da helfen?«

»Gibt es jemanden, der einen Schlüssel zu seiner Wohnung hat? Wir müssten dort mal nach dem Rechten sehen.«

»Haben Sie es schon einmal mit Klingeln versucht?«, raunzte Frau Michels.

»Selbstverständlich«, schaltete sich Bohlan ein. »Es macht aber niemand auf.«

»Und da dürfen Sie so einfach die Wohnung betreten? Ist das auch rechtens?«

»Wir können auch einen Schlüsseldienst kommen lassen. Wenn es aber jemanden gibt, der einen Schlüssel hat, würde das die Sache vereinfachen.«

»Ich habe einen Schlüssel«, druckste die Frau hervor. »Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen die Tür aufmachen darf.«

»Sie dürfen«, sagte Bohlan. »Es wird auch nicht lange dauern. Wir gehen da kurz rein, wenn alles in Ordnung ist, sind wir zwei Minuten später wieder weg.«

»Was sollte denn nicht in Ordnung sein?«

»Es gab einen anonymen Anruf, dem wir nachgehen müssen.«

»Einen anonymen Anruf«, echote die Frau.

»Das kommt öfter vor, und meist ist es falscher Alarm. Deshalb möchten wir Sie nicht unnötig beunruhigen.«

Die Frau runzelte nachdenklich die Stirn. »Also gut. Moment bitte.«

Christa Michels verschwand in ihrer Wohnung. Durch die halb offen stehende Tür konnte Bohlan beobachten, wie sie die Schublade einer Kommode aufzog und darin wühlte. Es dauerte nicht lange, bis sie mit einem Schlüssel in der Hand zur Tür zurückkehrte.

»Hier bitte!« Sie hielt Bohlan den Schlüssel entgegen. »Aber ich komme mit.«

»Bis zur Eingangstür ist das okay. Aber dann warten Sie!«, sagte Bohlan mit bestimmtem Ton.

Zu dritt stiegen sie die Treppe nach oben.

»Wie wohnt es sich in der Altstadt?«, fragte Will.

»Ich bin sehr zufrieden. Alles ist sehr zentral, es gibt allerlei Einkaufsmöglichkeiten, dazu Kneipen, Theater und Kino. Und zum Main sind es auch nur ein paar Schritte.«

»Und die ganzen Touris vorm Haus?«, warf Will ein.

»Daran gewöhnt man sich.«

Sie hatten die nächste Etage erreicht und standen vor Wintersteins Tür. Bohlan drückte noch mal auf den Klingelknopf und klopfte dann sicherheitshalber an die Tür.

»Herr Winterstein? Sind Sie zu Hause? Hier ist die Polizei.«

Es kam keine Antwort.

»Herr Winterstein, wir werden jetzt die Tür öffnen!«

Bohlan wartete noch einen Moment, bevor er den Schlüssel ins Schloss steckte. Er ließ sich nur zur Hälfte drehen, dann sprang die Tür auf. Abgeschlossen war schon mal nicht. Bohlan betrat als Erster die Wohnung, gefolgt von Will.

»Sie warten bitte hier!«, sagte der Kommissar zu Christa Michels, die Anstalten machte, über die Schwelle zu treten. Augenblicklich stoppte sie pflichtbewusst in ihrer Bewegung. Bohlan sog die Luft der Wohnung in sich auf. Es roch nach Neubau und frischer Farbe. Einen Leichengeruch konnte er nicht vernehmen. Doch das hatte nicht allzu viel zu bedeuten, schließlich konnte der Tod erst vor wenigen Stunden eingetreten sein. Es dauerte, bis der Geruch des Todes alles andere überlagert. Manchmal konnte jemand tagelang in seiner Wohnung liegen, ohne dass es anfing, verdächtig zu riechen. Es hing vom Alter, dem allgemeinen Zustand, der Körperfülle sowie von Vorerkrankungen und eventuell eingenommenen Medikamenten ab, wann eine Leiche die Gase verströmte, die als Leichengeruch wahrgenommen wurden.

»Wann kam der Anruf?«

»Gegen Mittag«, sagte Will. Die beiden liefen den Flur entlang, passierten Küche, Bad und Wohnzimmer. Soweit Bohlan es in der Kürze der Zeit beurteilen konnte, war die Wohnung in einem zwar bewohnten, aber ordentlichen Zustand. In der Küche stand benutztes Geschirr herum, im Wohnzimmer stapelten sich Zeitungen und Zeitschriften auf dem Boden. Auf dem Esstisch stand eine Flasche Whisky.

Im Schlafzimmer fanden sie Dr. Winterstein, der in seinem Bett lag und friedlich zu schlafen schien. Die Kommissare traten näher und betrachteten den Biologen. Seine Augen sahen zur Decke, der Mund war geöffnet, die Gesichtszüge erschlafft. Bohlan versuchte, den Puls zu ertasten, doch er wusste, dass es sinnlos war.

Ein paar Straßenzüge weiter südlich zog Michael einen Koffer vom Schrank eines kleinen Hotelzimmers mit Ausblick auf die Skyline. Er stellte ihn auf die unbenutzte Seite des Doppelbetts und begann, die wenigen Klamotten darin zu verstauen. Jeans, T-Shirt und Jacke hängte er über den Stuhl, der an einem kleinen Tisch stand. Das waren die Sachen für den Abend und nächsten Morgen. Michael war ein ordentlicher Mensch, der immer gut vorbereitet sein wollte. Deshalb plante er den nächsten Tag. Nachdem er fertig war, ging er ins Bad und stellte sich unter die Dusche. Während das heiße Wasser auf seinen muskulösen Körper plätscherte, kehrten seine Gedanken an den gestrigen Abend zurück. Er hatte seinen Job erledigt, gewissenhaft wie immer. Seine Auftraggeber hatten einen friedlichen, natürlichen Tod gewünscht. Kein Blut, keine Sauerei. Möglichst unauffällig. Das waren die Worte gewesen. Natürlich hatte er sich an die Anweisungen gehalten, obwohl es weitaus angenehmer war, jemanden aus der Ferne zu erschießen, als von Angesicht zu Angesicht zu warten, bis sein Herz aufhört zu schlagen. Diese Nähe zu einem Sterbenden war unerträglich, beinahe eine intime Angelegenheit. Aber Job war Job. So war das nun einmal. Ein Konditor muss auch die Torten backen, die bestellt werden, und nicht die, die er gerne isst.

Michael stellte das Wasser aus und griff das Handtuch. Es roch nach Weichspüler und fühlte sich flauschig an, als es über seine Haut rieb. Er verließ die Duschkabine und stellte sich vor den Spiegel. Sein Gesicht sah müde aus, die Schatten unter den Augen schienen größer als gewöhnlich. Zeit für eine Auszeit. Zeit, den ganzen Irrsinn zu vergessen.

Bald würde er in den Flieger steigen und erst mal seinen wohlverdienten Urlaub genießen. Sonne, Strand, Karibik. Und Nächte voller Sex und Leidenschaft. Geld hatte er für die nächsten Monate genug. Morde waren lukrativ.

Aber bevor er das Weite suchen konnte, waren noch zwei Rituale zu erledigen. Eines davon war ein wenig schmerzhaft. Das andere die Belohnung danach.

Tom Bohlan saß seit fast einer Stunde im Wirtshaus am Hühnermarkt. Vor ihm stand ein klassischer Vierer-Bembel, umrahmt von ein paar Gerippten und einer Flasche Wasser. Der Ebbelwoi stieg dem Kommissar bereits in den Kopf. Er musste es auf jeden Fall bei dem einen Vierer-Bembel belassen, immerhin war er mit dem Auto hier. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Fast fünf.

Nachdem sie Wintersteins Leiche gefunden hatten, hatte ihn Julia Will nach unten geschickt. Im ersten Moment hatte Bohlan gemurrt, doch seine Kollegin war hartnäckig geblieben und hatte darauf bestanden, sich alleine um alles zu kümmern. In Wintersteins Wohnung lief sowieso das übliche Muster ab. Rechtsmedizin und Spurensicherung trafen ein und versuchten, erste Rückschlüsse zu ziehen.

Will wollte sich nur ein wenig im Haus umhören und dann zu ihm kommen. Das Umhören dauerte nun schon eine halbe Ewigkeit. Gerade, als der Kommissar aufstehen wollte, um im »Paradies« einmal nach dem Rechten zu sehen, betrat Julia Will den Gastraum und marschierte zielstrebig zu seinem Tisch. Bohlan lehnte sich lässig zurück und versuchte, den Entspannten zu mimen.

»Ist da noch was drin?«, fragte Will mit Blick auf den Bembel und ließ sich ihm gegenüber auf den Stuhl fallen.

»Schau nach!«, retournierte Bohlan. »Ne Pfütze wirds noch sein.«

Ohne in den Bembel zu schauen, griff Will nach einem unbenutzten Glas, das auf dem Tisch stand, und drehte es um. Sie kippte die Ebbelwoi-Reste hinein, die das Glas zur Hälfte füllten, und gab danach Wasser hinzu. Nachdem sie einen großen Schluck getrunken hatte, begann sie mit ihrem Bericht.

»Winterstein ist genauso wie die anderen Bewohner direkt nach der Fertigstellung eingezogen. Er arbeitet als Biologe bei einer Firma am Riedberg, in unmittelbarer Nähe zur Uni. Sie heißt Global Knowledge. Die anderen Bewohner beschreiben Winterstein als ruhigen, zuvorkommenden Mann. Er hat sich abends oft mit Freunden getroffen. Bekam auch ab und an Besuch. Nichts Auffälliges also.«

»Familie?«, knurrte Bohlan.

»Er war ledig. Es gibt aber eine Schwester. Frau Michels will uns die Adresse heraussuchen.«

»Hat Dr. Spichal schon irgendwas verlauten lassen?«, hakte Bohlan nach. Die Angaben des Rechtsmediziners waren für ihn immer der erste Ansatzpunkt bei Ermittlungen.

»Nicht wirklich. Spuren, die auf eine Gewaltanwendung hindeuten könnten, sind jedenfalls nicht sichtbar. Wenn es kein Herzinfarkt war, könnte es Gift gewesen sein. Aber um das herauszubekommen, muss er Wintersteins Leiche eingehend untersuchen. Und das kann dauern.«

»Also falscher Alarm?«, knurrte Bohlan.

»Vielleicht. Ich frage mich aber, warum jemand anonym bei uns anruft, wenn’s ein Herzinfarkt war?«

»Das ist eine berechtigte Frage. Vielleicht ist jemand in die Wohnung eingedrungen und hat einen Schreck bekommen, als er den Toten fand. Mit der Meldung wollte er seine staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen.«

»Möglich«, murmelte Will und klang dabei wenig überzeugt. »Wir müssen aber wohl abwarten, was Dr. Spichals Analysen ergeben.«

2.

Hannah Wollenberg schreckte zusammen. War da nicht eben ein Geräusch gewesen? Kurz lauschte sie in die Dunkelheit, drehte sich dann benommen von der linken auf die rechte Körperseite und war drauf und dran, wieder in ihren traumlosen Schlaf zu versinken. Nur für ein paar Sekunden. Dann bahnte sich das schrille Klingeln ihres Handys erneut durch das Dunkel der Nacht. Erbarmungslos. Suchend streckte Hannah den Arm aus und tastete über die Matratze hin zum Nachttisch. Klack. Der Lichtschein der Nachttischlampe tauchte den Raum in ein emotionsloses Weiß. Außer einem Doppelbett, zwei Nachttischen und einem Stuhl war er leer. An der Wand ihr gegenüber hing ein Gemälde, das einen Leuchtturm zeigte, der von tosenden Wellen umspült wurde. Rechts befand sich ein großes Fenster, durch das man einen wunderbaren Blick auf den Nachthimmel hatte. Er war wolkenlos. Die Sterne leuchteten auf sie herab.

»Wo bist du?« Ihr blieb keine Zeit, der Frage weiter nachzugehen, da das Handy weiter klingelte. Hannah robbte über die Matratze und tastete auf dem Fußboden nach ihrer Jeans, aus deren Hosentasche sie das Handy zog. Der Anrufer war anonym. Eigentlich ein Grund, das Telefonat nicht anzunehmen. Doch die meisten ihrer Informanten riefen mit unterdrückter Nummer an.

»Ja, bitte!?«, hörte sie ihre Stimme aus der Ferne fragen.

»Habe ich Sie etwa geweckt? Ich hoffe nicht!«, sagte eine männliche Stimme, die ihr völlig unbekannt war.

»Es ist mitten in der Nacht!«

»Halb eins, um genau zu sein.«

»Ist das eine Zeit, bei der Sie gewöhnlich Leute anrufen?«

»Nein«, räumte die Stimme kleinlaut ein. Sie klang tief und kratzig und nach altem Mann. »Andererseits sind Sie Journalistin.«

»Ist das ein Freifahrschein für nächtliche Anrufe?«

»Ich würde Sie nicht anrufen, wenn es nicht wichtig wäre. Können wir uns treffen? Ich brauche Ihre Hilfe. Möglicherweise springt sogar eine gute Story für Sie dabei heraus.«

Hannah stand vor dem Fenster, starrte durch die Doppelglasscheibe in die Nacht. Beim Anblick der wogenden Wellen viele Meter unter ihr kehrte die Orientierung zurück. Sie hatte in den vergangenen Monaten eindeutig zu viel gearbeitet und zu wenig geschlafen. Ihre Batterien waren genauso leer wie der Tank des VW-Diesels, der sie gestern quer durch Frankreich gefahren hatte. Als sie am Abend in dem kleinen Ort in der westlichen Bretagne angekommen war, hatte sie nur noch den Koffer im Hausflur abgestellt und sich anschließend erschöpft auf die Matratze fallen lassen. Sie musste sofort in einen Tiefschlaf versunken sein, trug sie doch immer noch die Klamotten des gestrigen Tages. Nur der Jeans hatte sie sich entledigt.

»Sind Sie noch dran?«, fragte die Stimme verunsichert aus dem Handy.

»Ja. Hören Sie. Ich bin gestern in der Bretagne angekommen. Das mit einem Treffen müssen wir verschieben. Zumal ich überhaupt nicht weiß, wer Sie sind und um was es geht. Abgesehen davon, dass ich Urlaub habe.«

»Wo genau in der Bretagne sind Sie?«

»An der Küste. Ein paar Kilometer von Quimper entfernt«, sagte Hannah und ärgerte sich kurz darauf über ihre Auskunftsfreudigkeit. Was ging den Typ ihr Urlaubsort an.

»Dann ist Brest der nächste Flughafen. Ich könnte versuchen, im Laufe des Tages eine Maschine zu bekommen.«

Hannah war in das ans Schlafzimmer angrenzende Bad geschlurft und warf beim Telefonieren einen Blick in den Spiegel. Ihr langes schwarzes Haar hing zerzaust um das blasse Gesicht. Zwei grüne Augen starrten katzenhaft aus dem Spiegel.

»Hören Sie. Es ist gleich ein Uhr in der Nacht. Für wen halten Sie sich eigentlich?«

Der Mann räusperte sich verlegen. »Entschuldigen Sie bitte, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Mein Name ist David Blum.«

»David Blum?!«, echote Hannah. »Der David Blum?«

Sie hatte die Romane des Autors regelrecht verschlungen. Besonders die Thriller-Reihe um einen Psychologen, der Verbrechen aufklärte und dabei quer durch die Welt geschickt wird.

»Ich kenne keinen anderen«, sagte die Stimme am Telefon mit gespielter Langeweile.

»Und was wollen Sie von mir?«

»Das ist keine Sache fürs Telefon. Ich könnte Sie besuchen und alles Weitere bei einem gemeinsamen Abendessen besprechen. Ich hatte schon lange keine frischen Austern mehr. Die sollen in der Bretagne besonders lecker sein. Was halten Sie von meinem Vorschlag?«

Hannah war mittlerweile aus dem Bad in den Flur gelaufen, wo sie beinahe über den dort abgestellten Koffer gestolpert wäre. Nun stand sie in der Küche und hielt nach einer Kaffeemaschine Ausschau.

»Okay, warum nicht«, sagte sie so beiläufig wie möglich.

»Ich lade Sie natürlich ein, das ist klar«, setzte Blum nach. »Sie können schon mal den Tisch klarmachen.«

Hannah wusste genau, dass sie aus der Nummer nicht mehr herauskam. Nicht, weil sie süchtig nach einer neuen Story war. Aber wann bekam man schon mal die Gelegenheit, mit einem Bestsellerautor Austern zu schlürfen. Noch dazu mit einem, dessen Bücher ihr so manche Nacht geraubt hatten.

»In Ordnung«, sagte Hannah. »Sie können sich melden, wenn Sie wissen, ob Sie einen Flug bekommen haben.«

»Das ist ein prima Vorschlag. So machen wir das. Dann wünsche ich Ihnen noch eine geruhsame Nacht.«

Hannah stand noch eine Zeit lang konsterniert vor dem Gasherd, bevor sie das Handy auf der Arbeitsplatte ablegte und nach dem Kaffeekocher griff, den sie im Wandregal erspäht hatte. War das eben wirklich David Blum gewesen? Oder hatte sie das alles nur geträumt? Gegen Letzteres sprach in jedem Fall, dass sie nun hellwach in der Küche stand. Und das fühlte sich verdammt real an. An Schlaf war jedenfalls vorerst nicht mehr zu denken. Sie schraubte den Kaffeekocher auseinander, füllte ihn mit Wasser und Kaffeepulver. Nach einigen Versuchen gelang es ihr, den Gasherd zu entflammen.

Die Wartezeit verbrachte sie damit, durch das Haus zu streifen. Bislang hatte sie nur das Erdgeschoss wahrgenommen, das neben dem Schlafzimmer ein gemütliches Wohnzimmer sowie ein Esszimmer aufwies. Alles in Weiß gehalten und mit gemütlichen Möbeln eingerichtet. Im oberen Stockwerk fand sie drei weitere Schlafräume, beschloss aber, diese nicht zu nutzen. Wozu auch? Das Haus war gigantisch und für eine Großfamilie dimensioniert. Sie hatte es für einen Appel und ein Ei von ihrem Chef, Klaus-Maria Kimpel, angemietet. Der Chefredakteur der Frankfurter Zeitung hatte das Haus geerbt und verbrachte hier regelmäßig seine Urlaube. Vielleicht hätte sie ein paar Freunde zum gemeinsamen Urlaub einladen sollen. Andererseits sehnte sie sich nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Die letzten Monate waren verdammt stressig und voller Arbeit gewesen. Nachdem sie vor einem Jahr in der Lokalredaktion der Frankfurter Zeitung angefangen und die Tage zunächst damit verbracht hatte, sich mit Lokalpolitikern und Kleintierzuchtvereinen zu langweilen, waren ihr Informationen über dubiose Machenschaften im Profifußball zugespielt worden. Innerhalb kürzester Zeit war sie in eine gefährliche Actionspirale geraten, die jedem Vergleich mit einem Hollywoodstreifen standgehalten hätte. Mordermittlungen inklusive. Am Ende war sie in das internationale Journalisten-Netzwerk aufgenommen worden, und die lange Version ihrer Reportage war sogar als Taschenbuch erschienen. Für eine Newcomerin kein schlechtes erstes Jahr.

Zurück in der Küche goss sie den Kaffee in eine Tasse und setzte sich an das große, geklaffte Wohnzimmerfenster, das in einer kleinen Ausbuchtung lag und freien Blick aufs Meer gewährte. Der Kaffee dampfte aus der Tasse zwischen ihren Händen und von draußen rauschten die Wellen.

Hannahs Gedanken kehrten zu David Blum zurück. Woher hatte er ihren Namen und ihre Telefonnummer und was konnte er von ihr wollen? Sie würde sich wohl noch etwas gedulden müssen.

Michael saß mit nacktem Oberkörper in einem schwarzen, etwas abgewetzten Ledersessel. Die Fenster des Raums waren abgedunkelt. Kaltes Neonlicht strahlte von der Decke herab und wollte so gar nicht zum ansonsten heimelig wirkenden Ambiente passen. Vor ihm stand Fred mit einer Flasche Alkohol in der Hand und lächelte freundlich, als wolle er ein Motorrad verkaufen.

»Es bleibt also dabei?«

»Ja!«, erwiderte Michael. »Wie gestern besprochen. Rechter Oberarm.«

»Sie sind der Chef«, sagte Fred, während er den Alkohol auf einen Lappen träufelte und anschließend über die gewünschte Stelle wischte. Danach legte er Fläschchen und Lappen zur Seite und griff einen Einweg-Rasierer. Aus den Boxen dröhnte Rapmusik. Fred bewegte sich langsam und konzentriert. Jeder Handgriff wirkte wie einstudiert. Beinahe zärtlich glitten die Klingen über Michaels Haut. Prüfend betrachtete Fred Michaels Oberarm und legte zufrieden den Rasierer zur Seite. Er griff das dünne Papier, das die Vorlage enthielt, und legte sie behutsam auf Michaels Oberarm.

»Passt es so?«

Michael nickte.

Fred drehte sich geschäftig um, griff nach einer kleinen Plastiktüte, die die sterilen Nadeln enthielt. Mit routinierten Bewegungen steckte er sie auf die Tätowiermaschine. Anschließend füllte er schwarze Tinte in die kleinen Tanks. Nachdem er all diese Vorbereitungen erledigt hatte, verharrte er für einen Moment und schloss die Augen, um andachtsvoll der Musik zu lauschen. In all seinem Tun erinnerte er Michael an sich selbst, wenn er in einem Hinterhalt lauerte, das Gewehr in Stellung gebracht hatte und sich auf den einen, alles entscheidenden Schuss konzentrierte.

Michael wandte den Kopf ab und schloss nun selbst die Augen. Er versuchte, in seinen Körper hineinzuhören. Seine Brust hob und senkte sich in regelmäßigen Abständen. Trotzdem war er angespannt. In wenigen Augenblicken würden die Nädelchen in seine Haut eindringen, zunächst, um die Outlines zu ziehen Dann würde Fred die Nadeln gegen größere tauschen und die Tattoofüllung stechen.

Es würde nicht ohne Schmerzen vonstattengehen. Dessen war sich Michael bewusst. Jeder Einstich würde ihn an seine Sünden erinnern und Bestrafung für diese sein. Das war nur allzu gerecht. Er hatte die Schmerzen verdient, genauso wie die Bestrafung.

Michael öffnete die Augen und sah Fred, wie er sich mit der Maschine in der Hand umdrehte und sich über seinen Arm beugte.

3.

Tom Bohlan lümmelte sich auf dem Sofa, das in seinem Wohnzimmer stand, und schaute durch die großen Fenster hinaus auf den Main, dessen Wasser für einen Herbsttag ungewöhnlich glatt flussabwärts floss. Es war ein trüber Tag. Der Himmel zeigte sich wolkenverhangen, ohne allerdings Regen zu bringen. Es war erst früher Nachmittag, und trotzdem fühlte sich der Kommissar müde, was vielleicht daran lag, dass er den ganzen Tag über kaum eine Bewegung gemacht hatte. Das Geschirr von Frühstück und Mittagessen stand ungesäubert in der Küche. Auf den Holzdielen vor dem Sofa stapelten sich Zeitungen und Bücher. Als die Klingel schrillte, schreckte Bohlan auf und warf hektisch die Decke, die er über seine Beine gelegt hatte, zur Seite. Sein Blick ging durchs Fenster, das zum Ufer hin zeigte, und wanderte den Hang hinauf.

Julia Will stand am Tor und winkte, als sie ihn durchs Fensterglas erblickte. Bohlan hob kurz die Hand und begab sich zur Eingangstür, wo er den Türöffner betätigte.

Während Will die Stufen hinabschritt, die zum Steg führten, schob Bohlan ein paar Bierflaschen zur Seite, die er im Flur abgestellt hatte.

»Na das ist ja eine nette Überraschung!«, sagte Bohlan.

»Tom, wir waren verabredet, falls du das vergessen hast«, erwiderte Will.

Mit einem Mal fiel ihm siedend heiß ein, dass er sie zum Kaffee eingeladen hatte. Will wollte ihn über die bisherigen Ermittlungen im Fall Winterstein auf dem Laufenden halten. Und er hatte sich noch am Morgen vorgenommen, Kuchen zu besorgen. Jetzt war es dafür zu spät.

»Natürlich nicht«, schwindelte der Kommissar und ließ seine Kollegin herein. Während sie ihren Mantel auszog und an den freien Haken hinter der Tür hängte, füllte Bohlan den Espressokocher mit Wasser und Kaffee.

»Entschuldige bitte die Unordnung. Ich bin im absoluten Freizeitmodus.«

»Kein Problem«, sagte Will und ließ sich aufs Sofa fallen. »Ich habe dich schon immer um deine Wohnung beneidet. Das ist fast wie im Urlaub.«

Bohlan schob Zeitung und Bücher zusammen, bevor er im Küchenschrank nach etwas Essbarem kramte und zum Glück eine verschlossene Packung Cookies fand. Er riss sie auf, beförderte den Inhalt auf einen Teller und stellte diesen auf den Couchtisch. Zurück in der Küche füllte er den Espresso in zwei Tassen und reichte eine davon Julia Will.

»Sieht nicht gut aus!«, sagte Will.

»Was hast du gegen meinen Kaffee?«

»Nichts, Tom. Ich meinte die Ermittlungen.«

»Lass hören!« Bohlan fläzte sich mittlerweile auf dem Sessel.

»Das LKA hat die Ermittlungen an sich gezogen. Wir sind raus.«

»Das LKA?« Bohlan war überrascht. Bislang hatte sich alles um die Frage gedreht, ob Winterstein eines natürlichen Todes gestorben war oder doch etwas anderes dahintersteckte. »Was ist passiert?«

Will zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung! Gestern tauchte so ein schlaksiger Typ aus Wiesbaden auf, hielt mir den Beschluss unter die Nase und ließ sich die Akten aushändigen.«

Bohlan kniff die Augen zusammen und musterte seine Kollegin. Ihr war die Wut über die Verfügung noch immer anzusehen.

»Ich hasse diese Bürotypen und ihre herablassende Art. Halten sich für was Besseres, nur weil sie beim LKA sind«, sagte Will, als habe sie Bohlans Gedanken erraten.

»Was war die Begründung?«

»Winterstein arbeitete an irgendeinem Genprojekt. Man befürchtet internationale Verwicklungen.«

Bohlan runzelte die Stirn.

»Was hat denn Dr. Spichal analysiert?«

»Noch nicht viel. Er hat einige Proben angesetzt, um die Toxikologie abzuklären.«

»Und?«

»Bevor die Ergebnisse vorlagen, musste er alles ans LKA abgeben.«

»Hm«, stieß Bohlan nachdenklich aus.

»Da ist doch was oberfaul.« Will biss wütend in einen Cookie.

»Na ja. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Jedenfalls ist es nicht unser Problem.«

»Du willst das so stehen lassen?« Wills Augen funkelten Bohlan an, als wollten sie Giftpfeile abschießen.

»Wenn das LKA die Ermittlungen an sich zieht, sind wir raus. So ist das Spiel, oder?«

»Stimmt schon«, räumte Will ein.

»Sie werden ihre Gründe haben. Sollen sie sich damit herumschlagen. Wir haben genug zu tun.«

»Darum geht es nicht. Was mich am meisten ärgert, ist, dass sie uns völlig im Unklaren lassen. Wenn sie die Ermittlungen an sich ziehen, müssen triftige Gründe vorliegen. Und wir grübeln immer noch darüber, ob es Mord sein könnte. Ich verstehe nicht, warum sie uns nicht wenigstens sagen, um was es geht!«

»Julia, es kann tausend Gründe dafür geben.«

»Trotzdem. Es geht mir ums Prinzip.« Will nippte am Espresso und sah stoisch aufs Wasser. Bohlan beobachtete sie einen Moment. Es war unverkennbar, wie es in ihr brodelte. Und irgendwie konnte er sie auch verstehen. Will war zwanzig Jahre jünger als er und in vielem deutlich emotionaler. Als er in ihrem Alter war, wäre er vermutlich auch auf die Barrikaden gegangen. Doch die vielen Dienstjahre hatten ihn ruhiger werden lassen. Über Dinge, die man nicht ändern konnte, musste man sich nicht aufregen. Zumindest dann nicht, wenn man keine triftigen Gründe dafür hatte. Und die hatte er im Fall Winterstein, wenn es überhaupt ein Fall war, nicht. Dafür wusste er zu wenig über die Hintergründe. Wusste Will mehr? Hatte sie ihm etwas verheimlicht? Das konnte er sich nicht vorstellen. So, wie er sie kannte, wäre es längst aus ihr herausgeplatzt.

David Blum legte die Speisekarte zur Seite und beobachtete, wie die Bedienung die Bestellung auf einen Block kritzelte. Hannah ließ kein Auge von ihrem Gegenüber, als wolle sie kontrollieren, dass es auch wirklich David Blum war, und nicht irgendein Double. Er war alt geworden, sah nicht mehr ganz so gut aus wie auf den Buchrücken, die in ihrem Bücherregal standen. Das Gesicht war von tiefen Falten durchzogen. Die braun gebrannte Haut war ledrig, zeugte davon, dass er sich viel in der freien Natur aufhielt. Skifahren und Wandern zählten zu seinen Hobbys, das hatte Hannah im Laufe des Tages gegoogelt. Auch dass er im letzten Jahr achtundsechzig geworden war und etwas kürzertreten wollte.

»Ich freue mich, dass es geklappt hat«, sagte Blum.

»Die Freude liegt ganz auf meiner Seite«, entgegnete Hannah und spürte den Anflug von Verlegenheit, die sich in ihrer Magengrube breitmachte. In etwa so musste sich ein Groupie fühlen, das seinem Idol begegnete. Ihr gegenüber saß der Mann, der in den vergangenen Jahrzehnten so viele Bücher in Deutschland verkauft hatte wie kein Zweiter.

»Und Sie haben ein wirklich nettes Lokal ausgesucht. Ich mag diese kleinen Gaststätten. Keine aufwendigen Gerichte. Ehrliche Hausmannskost.«

»Danke«, sagte Hannah und verschwieg, dass sie es beim morgendlichen Joggen zufällig entdeckt hatte. Eine Wahl hätte es so oder so nicht gegeben. Im ganzen Ort gab es nur dieses eine Lokal, abgesehen von einem Tabakshop, an dem sie ein Baguette gekauft hatte und der ansonsten Fertiggerichte anbot.

»Ich habe fast alle Ihre Bücher gelesen«, entfuhr es Hannah. Sie biss im gleichen Moment auf die Unterlippe und ärgerte sich über die einfallslose Anbiederung. Den ganzen Tag über hatte sie sich Sätze zurechtgelegt, die sie sagen könnte. Und jetzt das.

»Wirklich?«, antwortete Blum. Seine blauen Augen funkelten tatsächlich ein wenig spitzbübisch unter den dicken, ergrauten Augenbrauen hervor. Dann sagte er mit ernster Stimme: »Ich muss Ihnen leider gestehen, dass ich nicht zu Ihnen gekommen bin, um über meine Bücher zu reden.«

Hannah wusste nicht, was sie sagen sollte. Daher entschloss sie sich dazu, am Rotwein zu nippen, den die Bedienung mittlerweile eingeschenkt hatte.

»Ich brauche Ihre Hilfe«, sagte Blum. »Ich bin da in etwas hineingeraten, das sehr unangenehm ist.« Blum stockte. Es wirkte beinahe so, als fiele es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden.

Die Bedienung brachte die Vorspeise. Frische Austern. Eine gelungene Unterbrechung.

»Wie ich mich darauf gefreut habe«, frohlockte Blum und sah mit beinahe hungrigem Blick auf die Muscheln. »Sie wissen, wie man Austern isst?« Obwohl Blum darauf bedacht war, natürlich und bodenständig zu wirken, konnte er eine leichte Überheblichkeit nicht verdecken.

»Natürlich«, entgegnete Hannah.

»Schön«, sagte Blum, träufelte Zitrone auf die Muscheln und schlürfte die erste Schale leer. »Köstlich.«

Hannah verzichtete auf die Zitrone. Für sie mussten Austern nach Salz und Meer schmecken und nicht nach dem alles überlagernden Zitronengeschmack. Sie aß die Muscheln gerne, konnte den Hype um sie allerdings nicht nachvollziehen.

»Dann mal heraus mit der Sprache«, sagte sie – jetzt betont lässig. »Wie kann eine junge, unbedarfte Journalistin einem Bestsellerautor helfen?«

Blum ließ die nächste Auster in seinem Mund verschwinden und spülte sie mit Rotwein hinunter.

»Sie sollten Ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen«, sagte er, nicht ohne Hannah genau zu taxieren. »Die Sache mit der Fußballmafia haben Sie ganz hervorragend recherchiert. Kompliment. Und Ihr Buch ist spannend wie ein Thriller.«

»Darum geht es ihm also«, dachte Hannah. Er brütete über einem neuen Roman und brauchte jemanden, der ihn bei der Recherche unterstützte. Blum war bekannt dafür, dass er ausführlich und professionell recherchieren ließ. Angeblich beschäftigte er dafür meistens eine Handvoll Leute. Hannahs Herz pumpte stärker als sonst. Wollte er ihr etwa ein Angebot machen? Unfassbar, mit welcher Geschwindigkeit sich gerade ihr Leben veränderte. Nach Abschluss des Studiums hatten ihre Gefühle zwischen Zukunftsträumen und Existenzängsten geschwankt. Sie war davon überzeugt, gut schreiben zu können. Aber die Jobaussichten für Journalisten waren nicht die besten. Immer mehr Zeitungen stampften die Redaktionen zusammen und ließen Artikel von Studenten und Freiberuflern zusammenklauben. Die Anstellung bei der Lokalredaktion war bereits wie ein Sechser im Lotto gewesen. Zumindest was das feste Gehalt betraf. Durch Zufall war sie auf eine große Story gestoßen. Ihr Chef war anfangs wenig begeistert gewesen, hatte sie aber erst zähneknirschend, dann wohlwollend und schließlich väterlich unterstützt. Trotz des Erfolgs der Reportage war sie bei der Lokalredaktion geblieben, wenn auch mit reduzierter Stelle. Mit den Tantiemen aus dem Buchverkauf hatte sie sich ein paar finanzielle Rücklagen geschaffen. Sollte nun die nächste Stufe auf der Karriereleiter folgen?

»Wenn ich die Sache richtig verfolgt habe, gab es damals auch einen Toten. Korrigieren Sie mich bitte, wenn ich was Falsches sage.« Blums Worte rissen Hannah aus ihren Gedanken.

»Ja, den gab es tatsächlich«, bestätigte sie zögerlich. »Ein Spielervermittler schwamm tot im Pool eines Beachklubs.« Hannah hatte zu diesem Zeitpunkt schon länger im Fußballmilieu recherchiert. Ihre Reportage wäre auch ohne den Mordfall gedruckt worden, wenn auch mit weniger öffentlichem Interesse.

»So spektakulär ist es diesmal nicht!«

Hannah sah Blum irritiert an.

»Eigentlich ist auch nicht sicher, dass es ein Mord war. Aber ich vermute es.«

Hannah wischte sich an der Serviette die Finger trocken und musterte Blum mit einer Mischung aus Verwirrung und Sprachlosigkeit. Der Schriftsteller ließ sich dadurch allerdings nicht aus der Ruhe bringen und wechselte unvermittelt das Thema: »Wissen Sie, dass neunzig Prozent der menschlichen DNA völlig unnütz sind?«

Die Bedienung servierte den Hauptgang. Beide hatten Dorade mit Bratkartoffeln bestellt. Hannah rutschte unruhig von der einen Pobacke auf die andere. Was hatte Blum wirklich mit ihr vor? Erst faselte er etwas von einem möglichen Mord. Jetzt begann er eine wissenschaftliche Diskussion. Vielleicht gehörte es zu seinen Gepflogenheiten, dem Gegenüber einen Appetithappen hinzuwerfen – wer weiß! Sie beschloss, sich auf das Spiel einzulassen, und entgegnete: »Ich meine, irgendwo davon gelesen zu haben.« Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Aber soweit ich weiß, kann man lediglich nicht alles entschlüsseln, was sich in der Doppelhelix verbirgt.«

Blum kostete die Dorade und nickte zufrieden, bevor er das Gespräch fortsetzte: »In jedem Fall stellt unsere DNA einen hochkomplexen Code dar, und wir wissen heute noch nicht, welche wissenschaftlichen Geheimnisse in ihm lauern. Aber wir sind beide keine Wissenschaftler, und ich denke, dass es völlig ausreichend ist, wenn man weiß, dass es vier Bausteine gibt. A, T, G und C, und dass sich immer nur A und T beziehungsweise G und C miteinander verbinden lassen. Das Wichtigste aber ist, dass sich mithilfe von DNA-Strängen Informationen über einen sehr langen Zeitraum hervorragend speichern lassen.« Blum brach ab, trank einen Schluck Wein und fügte mit bedeutungsvollem Gesichtsausdruck hinzu: »Über viele Millionen Jahre lang. Ist das nicht eine super Erfindung?«

»Ja, schon«, stammelte Hannah tonlos. Sie rätselte immer noch, auf was Blum hinauswollte.

»Ein bisschen mehr Begeisterung hätte ich schon erwartet«, sagte Blum und setzte nach: »Wie lange hält ein Buch?«

»Keine Ahnung. Ein paar Hundert Jahre?!«

»Wenn Sie es gut behandeln, vielleicht auch länger. Wie sieht es mit den modernen Speichermedien aus? Tonträger? Festplatten?«

Hannah zuckte mit den Schultern. »Da habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht. Wozu auch?«

»Sollten Sie aber. Schauen Sie, früher hatte jede Familie ihr Fotoalbum. Die Farben verblichen mit der Zeit. Aber man konnte sich die Bilder ein Leben lang ansehen. Und sogar noch an die Kinder und Enkel vererben. Heute werden Bilder auf Handys oder PCs gespeichert. Kann man wirklich sicher sein, ob man sich die in zwanzig oder dreißig Jahren noch ansehen kann? Wahrscheinlich hat man sie dann längst gelöscht. Oder sie sind dem nächsten Handyupgrade zum Opfer gefallen.«

»Deshalb speichere ich alles in einer Cloud«, warf Hannah ein.

»Ja, gute Idee. Aber wem gehört die Cloud? Was ist, wenn es einen großen Stromausfall gibt oder der Cloud-Betreiber pleitegeht? Oder irgendjemand beschließt, alle gespeicherten Daten zu löschen?«

»Wer sollte so etwas tun?«

Blum machte jetzt ein ernstes Gesicht.

»Die Welt ist voll mit Verrückten und Durchgeknallten. Als die Nazis unliebsame Literatur loswerden wollten, haben sie die Bücher auf einen großen Haufen geworfen und angezündet. Zack. War alles weg! Heute müsste Hitler wahrscheinlich nur irgendwelche Clouds hacken. Oder Internetdienste sperren.«

»Herr Blum«, sagte Hannah: »Worauf wollen Sie eigentlich hinaus? Erst erzählen Sie mir etwas von einem möglichen Mord, und nun diskutieren wir über menschliche DNA, die Haltbarkeit von Papier und Bücherverbrennungen. Ich fürchte, ich kann Ihren Cliffhangern nicht ganz folgen.«

»Nette Anspielung«, schmunzelte Blum. »Möglicherweise hätte ich das Gespräch besser anfangen sollen. Halten wir erst mal fest: Die beste Möglichkeit, Informationen über einen langen Zeitraum zu speichern, ist, sie in DNA-Stränge zu verpacken. Ich rede hier von Millionen, möglicherweise auch Milliarden von Jahren. Da ich nicht möchte, dass meine Bücher eines Tages verbrannt werden, mache ich mir seit etlicher Zeit darüber Gedanken, wie man sie dauerhaft speichern kann. Vor ein paar Monaten bin ich dann auf eine interessante Firma aufmerksam geworden. Sie heißt Global Knowledge. Ein nettes Wortspiel, wie ich finde – aber das nur am Rande. Jedenfalls hat man dort eine Methode entwickelt, Informationen auf künstlichen DNA-Strängen zu speichern. Lange Rede, kurzer Sinn. Wir sind übereingekommen, das mit meinen Büchern zu machen. Sie würden über Generationen hinweg gespeichert, wären quasi unzerstörbar. Ist das nicht fabelhaft?«, stieß Blum begeistert aus und fuchtelte dabei mit der Gabel wild durch die Luft.«

»Ein ganzes Buch auf DNA-Strängen – so was geht?«, fragte Hannah skeptisch.

»Natürlich geht das. Da passt der Bauplan für einen Menschen drauf.«

»So gesehen ...«

»Es ist aber nicht ganz einfach und sehr zeitaufwendig – zumal man bisher noch keine fundierten Erfahrungen damit gemacht hat. Bislang wurden nur kurze Texte abgespeichert. Ein tausend Seiten langer Thriller ist natürlich eine ganz andere Herausforderung.«

»Aber wenn’s klappt, ist es ein Meilenstein«, sagte Hannah mit gespielter Aufregung. »Wo ist der Haken?«

Das Gespräch wurde von der Bedienung unterbrochen, die die leeren Teller wegräumte. Hannah musterte Blum, dessen Augen den Bewegungen der Bedienung folgten.

»Möchten Sie Kaffee zum Dessert?«

»Espresso«, sagte Hannah.

»Für mich auch.«

Die Bedienung lächelte und balancierte Teller und Besteck in die Küche.

»Welcher Haken?«, fragte Blum.

»Sie sind doch nicht extra in die Bretagne gefahren, um mir das alles zu erzählen.«

»Natürlich nicht. Es gibt in der Tat eine Komplikation. In den vergangenen Wochen habe ich mit einem Biologen zusammengearbeitet, Thomas Winterstein. Er ist einer der führenden Wissenschaftler bei Global Knowledge. Blums Gesicht verfinsterte sich. »Ich habe ihn tot in seiner Wohnung gefunden. Deshalb bin ich hier.«

»Was?!«, stieß Hannah entgeistert aus, sah jedoch im gleichen Moment die Bedienung mit dem Nachtisch kommen. Grund genug, ihre Emotionen zu zügeln. Sie versuchte, das Bild eines toten Wissenschaftlers aus ihren Gedanken zu verbannen, und konzentrierte sich auf den Far Breton. Sie war mit ihren Eltern oft in die Bretagne gefahren. Der Geschmack des Nachtisches war tief in ihren Erinnerungen eingebrannt. Puddingkuchen mit Pflaumen – der perfekte Abschluss eines Essens.

Sie wartete, bis der Nachtisch auf dem Tisch stand und die Bedienung außer Hörweite war.

»Woran ist dieser Winterstein gestorben?«, fragte Hannah und schob sich den ersten Löffel Far Breton in den Mund.

»Angeblich an einem Herzinfarkt. Aber das glaube ich nicht!«

»Warum nicht?«

»Im Grunde sind es zwei Dinge, die mich stutzig machen. Erstens war die Wohnungstür nur angelehnt, als ich gekommen bin. Das ist für jemanden, der sich offensichtlich schlafen legen will, doch sehr ungewöhnlich, finden Sie nicht?«

»Und zweitens?«, hakte Hannah ungerührt nach.

»Als ich die Wohnung verlassen wollte, tauchten zwei merkwürdige Gestalten auf. Dunkle Anzüge, weiße Hemden. Sahen aus wie Bodyguards.«

»Dunkle Sonnenbrillen und so?«, stieß Hannah aus. Sie musste unwillkürlich an einen amerikanischen Actionstreifen denken.

»So in der Art. Ich weiß, dass das alles sehr fiktional klingt.«

Hannah musterte Blum. Für einen Moment dachte sie, dass dieser ihr gerade den Plot für sein neuestes Buchprojekt als reale Geschichte verkaufen wollte. »Was haben die beiden Herren zu Ihnen gesagt?«

Blum sah Hannah irritiert an. »Ich habe nicht mit denen gesprochen. Ich konnte gerade noch eine Etage nach oben flüchten. Die beiden haben mich nicht gesehen. Zumindest hoffe ich das.«

»Was hatten Sie überhaupt in Wintersteins Treppenhaus zu suchen?«

Blum sah Hannah einige Sekunden tonlos an, bevor er antwortete: »Ich hatte gehofft, Winterstein noch wach anzutreffen, weil ich ein paar Nachfragen zum weiteren Ablauf hatte. Ich habe mehrfach geklingelt, aber er hat nicht aufgemacht. Dann hat eine Nachbarin das Haus verlassen und ich habe die Gelegenheit genutzt, ins Treppenhaus zu gelangen.«

»Kannten Sie die Nachbarin?«

»Nein«, entgegnete Blum kühl. »Aber ich würde sie wiedererkennen. Sie war so um die fünfzig. Klein, beinahe zierlich. Graue, kurze Haare. Elegante Kleidung.«

»Waren Sie vorher schon einmal in Blums Wohnung?«

»Ja, einmal. Nach einem Kneipenbesuch haben wir bei ihm noch einen Absacker getrunken. Winterstein war ein Whisky-Kenner und hatte einige Schätze in seinem Schrank.«

»Die Polizei wird ermitteln«, sagte Hannah nach einiger Zeit.

»Eben nicht«, fiel ihr Blum ins Wort. »Die Wohnung blieb versiegelt, doch es scheint keine weiteren Ermittlungen gegeben zu haben. Angeblich ist Winterstein an einem plötzlichen Herzstillstand verstorben. Das jedenfalls hat man mir bei Global Knowledge erzählt.«

»Wie geht es mit Ihrem Projekt weiter?«

»Ich soll jetzt mit einem Claus Hamburger zusammenarbeiten.«

Blum stützte beide Arme auf den Tisch, blickte Hannah auffordernd ins Gesicht, als erwarte er eine Antwort. Doch die Journalistin schwieg. »An der Sache ist irgendwas faul. Ich brauche dringend Ihre Hilfe«, setzte Blum nach und kippte den Espresso in sich hinein, als sei es ein Glas Schnaps. Als er die Tasse wieder abgestellt hatte, sah er Hannah ernst an. »Es soll sich für Sie auch auszahlen.« Er reckte den Kopf nach vorne und bedeutete der Journalistin, das Gleiche zu tun. Dann flüsterte er ihr eine Summe ins Ohr, die kein Nein duldete.

Blum lehnte sich wieder zurück und griff nach seinem Weinglas. Sein Blick blieb auf Hannah gerichtet. Dabei ließ er das Glas in der Hand kreisen, sodass der Wein sanfte Wellen schlug.

»Ich bin Journalistin, keine Privatdetektivin«, sagte sie nach einiger Zeit.

»Dessen bin ich mir bewusst. Aber das ist vermutlich auch besser so. Es geht nicht nur um Wintersteins Tod. Da steckt mehr dahinter. Deshalb brauche ich jemanden, der etwas von professioneller Recherche versteht.«

Hannah zog nachdenklich die Stirn in Falten. Einerseits reizte sie die Zusammenarbeit mit Blum. Anderseits war sie nur dann bereit, auf den wohlverdienten Urlaub zu verzichten, wenn sie von der Story überzeugt war. Und bislang waren ihr die Fakten zu dünn.

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, sagte Blum, als habe er ihre Gedanken erraten. »Ich werde jetzt die Rechnung bezahlen und dann machen wir einen Spaziergang am Strand. Dabei erzähle ich Ihnen etwas mehr über die Hintergründe. Sie müssen mir aber versprechen, sich alles bis zum Schluss anzuhören, egal für wie verschroben Sie mich dann halten.«

Julia Will raste über die Autobahn in Richtung Frankfurt. Ihre aggressive Fahrweise spiegelte ihr Inneres wider. Sie war wütend. Irgendwo tief in ihr spürte sie, dass Bohlan recht hatte. Dennoch hätte sie sich mehr Rückendeckung erhofft. Aber vielleicht war das nur zu naiv gedacht.

Sie hatte in Wintersteins Wohnung die Dokumentation eines vollumfänglichen Gesundheitschecks gefunden, der den Wissenschaftler als kerngesund auswies. Insbesondere seine Herzwerte waren hervorragend gewesen und es hatte keinerlei Anzeichen für einen bevorstehenden Herzinfarkt gegeben. Sie hatte dem LKA-Schnösel davon nichts gesagt, aber die Unterlagen befanden sich sicher in der Akte. Er würde also schnell auf sie stoßen. Und dann war da noch die Aussage von Christa Michels, die einen Mann ins Haus gelassen hatte, der sich nach Winterstein erkundigt hat. Was steckte dahinter? Könnte dies der Mörder gewesen sein? Auch davon hatte sie dem LKA nichts gesagt. Doch es war davon auszugehen, dass die Ermittler alle Befragungen noch mal durchführen würden. Und spätestens dann hätten sie die gleichen Informationen und würden sich die gleichen Fragen stellen. Ganz zu schweigen natürlich von dem anonymen Anruf, dessen Umstände völlig im Dunkeln lagen. Wer hatte ihn getätigt und warum? War es der Mörder gewesen oder eine dritte Person, die Winterstein zufällig gefunden hatte, nicht aber in Ermittlungen hineingezogen werden wollte? Jeder halbwegs schlaue Ermittler würde sich die gleichen Fragen stellen und damit Witterung aufnehmen.

Sie erreichte das Nordwestkreuz und bog auf die Rosa-Luxemburg-Straße in Richtung Nordweststadt ab. Es war längst dunkel. Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Fahrzeuge blendeten sie. Will verlangsamte das Tempo. Vielleicht sollte sie heute Abend mal wieder ins Judo-Training gehen. Das hatte sie in den letzten Wochen stark vernachlässigt. Sich einmal richtig auszupowern, war vielleicht die beste Möglichkeit, die angestaute Aggression loszuwerden. Sie wählte über die Freisprechanlage Konstanzes Nummer. Konstanze war ihre beste Freundin und zugleich Trainingspartnerin.

»Hallo Julia!«

»Gehst du heute ins Training?«, kam die Kommissarin gleich zur Sache.

»Ich hatte es vor. Wie jeden Donnerstag. Dich hat man lange nicht mehr dort gesehen.«

»Ja, ich weiß. Aber heute bin ich da. Und vielleicht könnten wir danach noch was trinken.«

»Ärger mit Alex?«

»Quatsch. Alles bestens. Es ist der Job, der mich kaputtmacht.«

»Nicht gut. Dann bis später.«

Will drückte das Gespräch weg, schaltete um auf Radio und drehte auf laut. Sie bog in den Hammarskjöldring ein und fuhr weiter in die Hohemarkstraße, wo sie den Wagen parkte und ausstieg. Sie warf die Fahrertür fester zu als nötig und erschrak fast, als diese krachend ins Schloss fiel.

Alex saß mit ihrer Oma am Küchentisch beim Abendessen. Will war bei ihrer Oma eingezogen, als sie im Frankfurter Kommissariat angefangen hatten. Alex hatte sie später kennengelernt. Er hatte sich von Anfang an gut mit Annegret Will verstanden und keine Bedenken gehabt, ebenfalls dort einzuziehen. Im letzten Jahr hatten sie den Dachboden aufwendig ausgebaut und so mehr Platz geschaffen. Seitdem bewohnten Alex und Julia eine abgeschlossene Wohnung in den beiden oberen Etagen, und trotzdem saßen sie oft zum Essen an Annegrets Küchentisch.

»Hallo«, flötete Julia durch die Tür, während sie sich ihres Mantels entledigte. Sie warf ihn mit einer allzu lässigen Bewegung in Richtung Kleiderhaken. Wie ein Wunder blieb er dort hängen.

»Hey, schon da!«, stieß Alex erfreut aus. »Dann kannst du ja ...«

»Ich habe mich schon mit Konstanze verabredet.«

»Echt!«

»Und ich hoffe, sie ist heute gut drauf. Ich bin mehr als motiviert!« Julia gab Alex einen Kuss und streichelte sanft über Annegrets Schulter.

»Du weißt aber schon, dass du sie nicht zusammentreten darfst, sonst muss ich dich der Halle verweisen.« Alex trainierte seit ein paar Jahren die Judoka. Dort hatte Julia ihn auch kennengelernt.

»Schon klar«, erwiderte Julia und ließ sich auf den freien Stuhl fallen. »Hallo Oma, wie gehts?«

»Gut, danke der Nachfrage!«

Will griff in den Brotkorb, fischte eine Scheibe Vollkornbrot heraus und begann, sie mit Butter zu bestreichen.

»Was ist denn los bei euch?«, wollte Annegret wissen.

»Ach, das LKA hat uns einen Fall abgenommen. Und das passt mir überhaupt nicht.«

Annegret Will schüttelte verärgert den Kopf. Die alte Dame liebte die Geschichten, die Julia aus dem Kommissariat mitbrachte. Und mehr als einmal hatten sie nächtelang Mordtheorien hin und her diskutiert. Oft genug auch bei einer Partie Backgammon.

»Weniger Arbeit ist nicht das Schlechteste«, bemerkte Alex und fing sich einen bösen Blick ein. »Ich weiß, du hörst das nicht gerne, aber ihr habt doch genug zu tun. Noch dazu, wo die Stones krank sind.«

»Ja, ja. Sagt Tom auch«, grummelte Julia.

»Du kannst nicht alle Verbrechen in Frankfurt im Alleingang lösen!«

»Hast ja recht, lass uns über was anderes reden«, sagte Julia und biss in das mittlerweile mit Bergkäse belegte Brot.

4.

David Blum schritt in einen langen Wollmantel gehüllt neben Hannah Wollenberg über den Sand. Den grauen Schal hatte er noch im Restaurant kunstvoll um den Hals geschlungen. Der Wind strich durch seine ergrauten Haare. Der Himmel war sternenklar und die Luft herbstlich mild. Hannah mochte das bretonische Klima. Der Golfstrom bescherte fast das ganze Jahr über milde Temperaturen. Sogar Palmen und Oleander wuchsen hier prima. Und doch war das Wetter völlig unberechenbar. Ein altes Sprichwort besagte, dass man in der Bretagne die vier Jahreszeiten an einem Tag erleben konnte. Hannah genoss die Abendluft und lauschte den Worten des Schriftstellers. Blum sprach mit ruhiger Stimme, beinahe so, als vertonte er gerade einen seiner Texte zur Hörbuchversion.

»Noch wenige Tage vor Wintersteins Tod war ich mit ihm in einer Kneipe. Wir haben viel geredet, über Gott und die Welt philosophiert. Auch darüber, wie die Welt entstanden sein könnte und wie wenig wir Menschen über alles Bescheid wissen, obwohl wir glauben, die Krone der Schöpfung zu sein. Irgendwann, nach vier, fünf Bier, rückte er mit dieser Sache heraus, dass die menschliche DNA zu neunzig Prozent aus Sequenzen besteht, die keinen wirklichen Sinn ergeben. Warum betreibt die Natur einen solchen Unsinn? Winterstein hielt das für Ressourcenverschwendung.«

»Dass wir den Sinn nicht verstehen, heißt nicht automatisch, dass es keinen hat«, warf Hannah nachdenklich ein. Sie liebte philosophische Gespräche.

»Das war auch Wintersteins Antwort auf meinen Einwurf. Und dann erzählte er, dass er nach einer eingehenden Analyse zu dem Ergebnis gekommen sei, dass die Junk-DNA – wie er diese Sequenzen titulierte – gar nicht so sinnlos sei. Vielmehr wiese sie klare Muster auf, so als habe sie jemand programmiert. Er habe mit renommierten Mathematikern und Programmierern über seine Ergebnisse gesprochen, und diese hätten seine Sichtweise bestätigt. Seitdem war Winterstein davon besessen, die Junk-DNA zu entschlüsseln. Er war davon überzeugt, dass dort statt Nonsens Informationen aus grauer Vorzeit hinterlegt seien. Informationen direkt von unserem Schöpfer.«

Blum hielt inne, als warte er auf eine Antwort Hannahs. Doch die Journalistin schwieg.

»Überlegen Sie mal: Die Lösung aller Geheimnisse des Lebens ist möglicherweise in unserem Erbgut versteckt. Wir tragen sie seit Anbeginn der Menschheit mit uns herum. In uns selbst!«, setzte Blum nach.

»Eine Nachricht von Gott?«, stieß Hannah skeptisch aus und sah dabei unwillkürlich nach oben. Vom wolkenlosen Himmel leuchteten die Sterne.

»Vielleicht nicht unbedingt von Gott, aber von demjenigen, der unsere DNA programmiert hat. Die Bausteine haben ihre eigene Kommunikation, ihr eigenes Immunsystem, das allen Krankheiten und unseren Medikamenten widersteht. Möglich, dass irgendwo da oben jemand sitzt, der neue Lebensformen entwickelt und auf den verschiedenen Planeten aussetzt.«

»So, wie wir es mit Bakterien machen?«

»Vielleicht. Vielleicht ist da oben irgendwo ein Forschungslabor. Man denkt sich neue Genstrukturen aus, züchtet sie in Petrischalen und verteilt sie im Universum. Spannend, oder?«

»Eher beängstigend. Ich möchte keine Bakterie in einem Versuchslabor sein«, entgegnete Hannah.

Die beiden schritten eine Zeit lang schweigend nebeneinander her. Der Strand lag in einer lang gezogenen Einbuchtung, an beiden Enden von hohen Felsen eingegrenzt. Das Restaurant befand sich an dem einen Ende, Wollenbergs Ferienhaus thronte oberhalb des anderen auf einem Felsen. Als sie ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, brach Blum das Schweigen.

»Es wäre aber auch eine ganz andere Erklärung möglich.«

»Nämlich?«

»Vielleicht gab es vor mehr als zehntausend Jahren schon einmal eine weit fortgeschrittene Kultur. Vielleicht hatten sie ähnliche Probleme wie wir heute. Umweltzerstörung, Kriege, Naturkatastrophen. Die Menschen standen mit dem Rücken zur Wand. Fieberhaft überlegten sie, wie sie ihr Wissen, ihre Kultur vor der Zerstörung schützen könnten. Dann kam ein findiger Wissenschaftler auf die geniale Idee und schmuggelte die Informationen als Codes in unsere DNA.«

Hannah Wollenberg antwortete nicht sofort. Sie wusste auch nicht, welche Variante ihr lieber wäre. Beide wirkten mehr beängstigend als beruhigend. Schließlich sagte sie: »Sie meinen, Winterstein hatte die gleiche Idee wie jemand vor zehntausend Jahren?«

»Wäre doch möglich, oder?«

»Ja, schon. Aber was macht es für einen Sinn, die Informationen so zu verstecken, dass man sie nicht findet?«

»Winterstein hat sie doch gefunden.«

»Und wie viele Jahrtausende hat das gedauert? Wann soll das gewesen sein?«

»Was?«

»Dass jemand die DNA programmiert hat.«

Blum zuckte mit den Schultern. »Vor fünfzehntausend Jahren. Vielleicht noch länger.«

»Wäre es dann nicht einfacher, das alles auf irgendwelche Steine zu ritzen oder Schriftrollen irgendwo sicher zu verstecken?«

»Das eine schließt das andere nicht aus. Vielleicht hat man sich gedacht, doppelt hält besser. Überlegen Sie mal, was alles passieren kann: Atombombenexplosion, Meteoriteneinschläge, Klimawandel.«

Sie hatten das Ende des Strands erreicht und stiegen ein paar Stufen zur etwas erhöht liegenden Uferstraße empor.

»Vielen Dank übrigens noch mal, dass ich bei Ihnen übernachten kann«, wechselte Blum das Thema. Wollenberg hatte ihm nach seiner Ankunft am Nachmittag spontan eines der Zimmer im ersten Stock angeboten.

»Das ist doch selbstverständlich.«

Als Julia Will nach Hause kam, fand sie Alex schlafend im Bett. Sie schaltete den laufenden Fernseher aus und löschte das Licht, bevor sie ins Bad ging.

Das Training hatte sie auf andere Gedanken gebracht. Es war immer gut, den Körper auszupowern, ihm alles abzuverlangen. Gleichzeitig sorgte die geforderte Konzentration dafür, dass sich in ihrem Kopf nicht mehr alles um die aktuelle Polizeiarbeit drehte. Nach dem Duschen hatten Konstanze und sie sich von den anderen verabschiedet und waren statt in den »Lahmen Esel« ins »Mutz« gegangen. Sie hatten eine Kleinigkeit gegessen und mehrere Aperol Spritz getrunken. Konstanze hatte davon erzählt, dass sie gerne schwanger werden wollte, und Will halb im Spaß dazu angestachelt, sich das Gleiche vorzunehmen. Im ersten Augenblick war Julia überrascht gewesen. Konstanze war immer die flippigere der beiden gewesen. Im Gegensatz zu ihr hatte sie in den letzten Jahren mehrfach den Freund gewechselt. Und bis vor wenigen Monaten war ihr Leben eher unstet gewesen. Dann hatte sie Fabian kennengelernt, und seitdem war plötzlich alles anders. Fabian war Mitte dreißig und erfolgreicher Anwalt. Vielleicht gab ihr das die Sicherheit, eine Zukunft zu planen.

»Wäre doch schön. Stell dir mal vor, unsere Zwerge gehen in die gleiche Krippe, den gleichen Kindergarten, die gleiche Schule. Du und ich mischen die Elternabende auf. Na, was meinst du?«

Will hatte sich bislang noch nicht intensiv mit diesem Gedanken beschäftigt. Ja, klar, irgendwann wollte sie Kinder haben. Aber jetzt? Wie sollte das mit ihrem Beruf zu vereinbaren sein? Noch dazu, wo sie vor einer möglichen Beförderung stand.

Sie hatte sich belustigt Konstanzes Gedankenspiel angehört und aus Freundschaft mitgeplant, um ihr nicht den Spaß zu nehmen. Der Alkohol hatte ein Übriges dazu beigetragen, wie sie immer weiter den Gedanken einer Schwangerschaft sponnen.

Nun stand sie vor dem Spiegel und putzte sich die Zähne. Wie würde sie wohl mit einem dicken Bauch aussehen? Und wie würde es sich anfühlen, ein kleines Menschenleben unterm Herzen zu tragen? Die Vorstellung war plötzlich nicht mehr so weit weg. Sie schaltete die elektrische Zahnbürste ab und spülte den Mund mit Wasser aus.

»Warum eigentlich nicht?«, schoss es ihr durch den Kopf. War es nicht der Sinn des Lebens, eine Familie zu gründen, sich fortzupflanzen? Vielleicht ließ sich dann auch der Ärger im Kommissariat leichter ertragen? Sie trocknete sich das Gesicht ab und kämmte durch die Haare.

Was würde Alex dazu sagen?

Will schob die Gedanken zur Seite und entschied, am nächsten Tag bei klarem Verstand und ohne Alkohol im Blut noch einmal über alles nachzudenken.

Hannah verbrachte eine unruhige Nacht mit wirren Träumen. Eine spiralförmige Doppelhelix zerfiel in ihre Bauteile und setzte sich wieder zusammen. Basenpaare wurden auseinandergerissen und suchten neue Partner. Ein alter Mann saß vor einem überdimensionalen Computer und kicherte teuflisch in sich hinein. Hinter ihm stand David Blum. Plötzlich sprang er nach vorn und zog die Stecker aus dem Computer. Für einen Moment starrte der alte Mann fassungslos auf das Geschehen. Blum wollte die Gunst des Augenblicks nutzen und versuchte, wegzurennen. Doch seine Füße klebten am Boden fest. Der alte Mann schrie wie wild. So laut, dass Hannah aufwachte. Schweißüberströmt sah sie auf die Uhr. Beinahe vier. Sie wälzte sich eine halbe Stunde hin und her, stand schließlich auf, kochte einen Kaffee und setzte sich im Esszimmer vor den Laptop. Über eine Stunde verlor sie sich auf allen möglichen Internetseiten. Plötzlich schreckte sie auf. Waren das nicht laute Schreie, die aus dem oberen Stockwerk kamen? Sie sah vom Bildschirm auf und lauschte. Nichts war zu hören. Doch als sie sich wieder ihrer Recherche zuwenden wollte, brüllte eine Männerstimme. »David Blum!«, schoss es ihr durch den Kopf. Sie sprang auf und rannte die Treppe hinauf.

5.

Giuseppe de Lorenzo lehnte sich auf seinem Stuhl weit zurück und legte die Beine auf der schweren Schreibtischplatte ab. Er hatte im letzten Jahr seinen fünfundsechzigsten Geburtstag gefeiert, doch er sah noch sehr jugendlich aus, was vermutlich auf seinen asketischen Lebensstil zurückzuführen war. Seine Gestalt war hager, seine Haut glatt, nur die Haare waren ihm bereits in jungen Jahren ausgefallen. Wenn er nicht zu offiziellen Terminen musste, trug er weltliche Kleidung, so auch an diesem Tag. Die Ärmel seines weißen Hemds hatte er bis über die Ellenbogen hochgekrempelt.

De Lorenzo ließ seinen Blick über die gerahmten Porträts gleiten, die an der gegenüberliegenden weiß getünchten Wand hingen. Sie zeigten die Päpste des vergangenen Jahrhunderts. Sein Blick blieb an dem Foto hängen, das Papst Pius X. zeigte, der von 1903 bis 1914 Vertreter Gottes auf Erden war. Zu Lorenzos Leidwesen war das Foto etwas unscharf. Pius X. saß in ein langes, reichlich besticktes Gewand gehüllt auf dem Heiligen Stuhl und hob beschwörend seine linke Hand nach oben. Auf seinem Kopf trug er eine turmhohe Krone. De Lorenzo fühlte sich dem als konservativer Reformpapst in die Geschichte Eingegangenen besonders nahe, trug er doch den gleichen Vornamen. Pius X. war als Giuseppe Melchiorre Sarto geboren worden und hatte – wenn man den zahlreichen Überlieferungen Glauben schenkte – bereits zu Lebzeiten zahlreiche Wunder bewirkt. Das war auch der Grund dafür, dass er 1954 heiliggesprochen worden war. Doch de Lorenzos Bewunderung für Pius X. beruhte auf einem anderen Umstand, war er doch der Begründer der Organisation, für die er arbeitete und die neben der Liebe zu Gott de Lorenzos Lebensinhalt darstellte. Papst Pius X. Mission war es gewesen, die katholische Kirche gegen die Einflüsse der aufkommenden Moderne zu schützen. Da es schon damals nicht mehr möglich war, Ketzer und Ungläubige auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, ordnete er andere Methoden an, um die Gegner der Kirche mundtot zu machen. Seit jener Zeit verfügte der Vatikan über ein Netz von professionellen und zum Zweck der Spionage ausgebildeten priesterlichen Agenten.

Das Agentennetz erhielt den Namen »Pro Deo« und wurde unter Pius Nachfolgern Benedikt XV. und Pius XI. zu einem weltweit agierenden Spionageapparat ausgebaut. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde der Sitz nach New York verlegt und eine Allianz mit dem damaligen US-Geheimdienst OSS geschlossen. Nach dem Krieg zog die Zentrale in den Vatikan. Trotz des nun weiten Abstandes ihrer Hauptquartiere blieb die enge Kooperation mit dem OSS-Nachfolger CIA bestehen. Die priesterlichen Agenten wurden während des Kalten Krieges gleichermaßen im Osten wie in Mittel- und Lateinamerika eingesetzt. Sie organisierten den einen oder anderen Staatsstreich, besorgten enorme Summen Schmiergeld zur Bestechung einflussreicher US-amerikanischer Politiker und knüpften enge Beziehungen zur Mafia und zum internationalen Geldadel. Schließlich sorgten sie auch für Ordnung im Inneren des Vatikans und überwachten mit Argusaugen die Vatikanbank.

Als der Kalte Krieg zu Ende war, tauchten neue Feinde auf: der Islam, diverse Selbstmordattentäter und Friedensaktivisten. Und die Arbeitsweise von Pro Deo änderte sich. Zunehmend wurden Computerspezialisten und Finanzjongleure benötigt.

Seit einiger Zeit aber hatte de Lorenzo ganz andere Probleme. Forscher waren drauf und dran, den letzten Teil des menschlichen Gencodes zu entschlüsseln. Dabei waren sie auf Dinge gestoßen, die alles andere als im Sinne der Kirche sein konnten. Würden ihre Entdeckungen öffentlich, stünde die gesamte Legitimation des Vatikans infrage. Und das musste unter allen Umständen verhindert werden.

Das Klingeln des Telefons riss de Lorenzo aus den Gedanken.

»Ja«, sagte er mit betont ruhiger Stimme und entgegen seiner inneren Anspannung.

»Unser Agent war erfolgreich!«, krächzte eine Stimme zurück.

Eine tonnenschwere Last fiel von de Lorenzos Schultern. Das war die Nachricht, auf die er gewartet hatte. Endlich konnte er aufatmen.

»Was ist mit dem Autor?«

»Wir kümmern uns darum.«

»Sehr gut.«

De Lorenzo drückte das Telefonat weg und sah mit deutlich besserer Laune aus dem Fenster. Das war ein guter Tag. Für die Kirche und vor allem auch für ihn selbst. Nicht auszudenken, wenn die Operation schiefgegangen wäre. Es wäre auf ihn zurückgefallen und seine weiteren Karrierepläne wären zunichtegemacht worden.

Thomas Winterstein hob die Hand, um eine weitere Runde Bier zu ordern. Blums Gedanken fuhren bereits Achterbahn, was zum einen an dem lag, was Winterstein ihm erzählte, zum anderen aber auch auf den übermäßigen Alkoholkonsum zurückzuführen war. Er trank gerne ein, zwei Bier, lieber einen guten Wein und manchmal Whisky oder Gin, aber alles in Maßen. Blum hasste es, die Kontrolle zu verlieren. Heute trank er mit, um Winterstein bei Laune zu halten. Das, was dieser ihm erzählte, war höchst interessant. Vielleicht der Stoff für einen neuen Thriller.

»Und Sie sind sich wirklich sicher?«, hakte Blum nach.

»Vollkommen sicher. Seit Jahrzehnten fragen sich alle, warum unsere DNA aus so viel Unsinn besteht. Lauter unnütze Informationen. Unser Erbgut könnte um ein Vielfaches kleiner sein, wenn es nur darum ginge, die Fortpflanzung sicherzustellen.«

»Ich habe mal gehört, dass es um Informationen aus der tiefsten Vergangenheit geht. Als wir noch auf den Bäumen gewohnt haben. Die ganzen Verhaltensmuster aus der Steinzeit sind im Erbgut abgespeichert. Deswegen kommen wir mit der modernen Zeit manchmal nicht klar«, warf Blum ein.

»Ja und nein«, entgegnete Winterstein und wog bedächtig seinen Kopf hin und her. »Natürlich haben Sie recht, der moderne Mensch verhält sich allzu oft wie ein Affe im Urwald. Aber das ist nicht auf die langen DNA-Ketten zurückzuführen.« Winterstein nahm einen tiefen Schluck aus dem Bierglas und wischte anschließend den Schaum von den Lippen. »Wenn ich nicht die Idee gehabt hätte, Bücher und Musikstücke auf künstlicher DNA zu speichern, wäre ich wahrscheinlich niemals dahintergekommen. Meine Idee ist nämlich gar nicht so neu. Vor vielen Tausend Jahren hatte schon einmal jemand den gleichen Gedanken und hat Informationen auf der menschlichen DNA gespeichert, um sie über lange Zeit zu sichern.«

»Und wer soll das gewesen sein? Vor zigtausend Jahren wusste kein Mensch etwas von DNA und Doppelhelix.«

»Nein, kein Mensch, da haben Sie recht!«, sagte Winterstein mit ernster Stimme.

»Wer dann?«

»Leider bin ich mit dem Entschlüsseln noch nicht sehr weit, aber es waren Wesen, die eine lange Reise hinter sich hatten. Sie kamen von einem anderen Sternensystem, vermutlich Sirius.«

»Sirius«, echote Blum.

»Der hellste Stern am Nachthimmel«, philosophierte Winterstein mit leuchtenden Augen. »Er ist fast doppelt so hell wie der zweithellste Stern. Die Ägypter und vor allem die Sumerer verehrten ihn als Gottheit.«

Die Bedienung stellte den Nachschub auf den Tisch. Blum sah gedankenverloren auf die Bierkrone und versuchte, die Bedeutung hinter Wintersteins Ausführungen in Gänze zu erfassen. »Wenn ich Sie richtig verstehe, dann kamen Wesen vom Sirius zu uns und haben Informationen auf unserem Erbgut gespeichert?!«

»Sie kamen auf die Erde und haben hier Genversuche unternommen. Dabei wurde der Homo sapiens erschaffen. Vielleicht haben sie einfach ihre DNA mit der unseren kombiniert. Möglich ist aber auch, dass sie wichtige Informationen gespeichert haben, weil sie davon ausgingen, dass der Mensch im Laufe seiner Entwicklung den Code irgendwann knacken wird ...«

Blum sah von seinem Bier auf und blickte Winterstein fassungslos an. Der Wissenschaftler grinste ein schelmisches Lächeln. Blum war sich unsicher, ob Winterstein das alles ernst meinte oder ob sie beide längst Opfer des Alkohols geworden waren. Er kam nicht mehr dazu, der Sache auf den Grund zu gehen. Wie aus dem Nichts stürmten zwei Männer in die Kneipe und bauten sich vor Winterstein auf. Wortlos und mit entschlossener Miene richteten sie ihre Pistolen auf den Wissenschaftler. Zeitgleich drücken sie auf den Abzug. Die Kugeln schossen auf Wintersteins Körper. Der Wissenschaftler riss die Augen auf und sank Sekunden später leblos in sich zusammen. Sein Hemd färbte sich blutrot. Blum schrie laut auf. Verzweifelt wollte er sich unter den Tisch ducken, doch er verharrte reglos und sah in die Läufe der Pistolen, die nun auf ihn gerichtet waren. Endlich schaffte er es, sich vom Stuhl zu lösen. Er sprang blitzschnell auf und riss seine Hände abwehrend vor die Brust, als könne er mit ihnen die heranfliegenden Kugeln auffangen.

Für den Bruchteil einer Sekunde schloss Blum die Augen. Als er sie wieder öffnete, stand Hannah Wollenberg vor ihm und legte ihre Hände beschwichtigend auf seine Schultern.

»Ist mit Ihnen alles in Ordnung?«

»Ja, ja«, stammelte Blum. Die Kneipe war verschwunden. Er saß auf einem Bett. Sein Schlafanzug war nass vor Schweiß. Sein Herz pochte in einer ungewöhnlich schnellen Frequenz. »Ich muss wohl schlecht geträumt haben.«

»Wollen Sie vielleicht etwas trinken?«, fragte Hannah, die ihm ansah, dass er nicht so schnell in seinen Traum zurückwollte.

»Nein, nein«, sagte Blum benommen. »Geht schon. Ich werde etwas lesen.«

»Sicher?«, hakte Hannah nach. »Es ist noch Kaffee auf dem Herd. Ich habe auch schlecht geträumt und bin schon seit zwei Stunden wach«, erklärte Hannah.

»Ein Kaffee ist vielleicht nicht das Schlechteste«, sagte Blum und wirkte dabei erleichtert. »Wissen Sie, wann der Kiosk an der Promenade aufmacht?«

Hannah sah auf ihre Armbanduhr. Es war kurz nach sieben.

»Ich glaube um acht.«

»Dann habe ich einen anderen Vorschlag«, sagte Blum. »Ich mache einen kleinen Spaziergang und hole auf dem Rückweg frisches Baguette.«

Als Blum das Haus verließ, steckte ihm noch immer der Albtraum in den Knochen. Obwohl er die Szene in den letzten Tagen wiederholt geträumt hatte, nahm ihr die Wiederholungsschleife nicht die Wirkung. Längst hatte er sie in seinen Computer getippt, um sie von dem Protagonisten seines neuen Thrillerprojektes durchleben zu lassen. Doch auch das half nicht, sie aus seinen Träumen zu verdrängen.

Er lief den schmalen Weg zwischen den alten bretonischen Häusern hinunter und erreichte nach zehn Minuten den Strand. Die Wellen schäumten in regelmäßigen Abständen auf und rückten Zentimeter für Zentimeter weiter auf den Sand – ein starkes Indiz für die beginnende Flut.

Blum lief über den Sand bis zum Meer, verharrte ein paar Minuten und blickte über die Wellen zum Horizont. Diese Weite hatte etwas Beruhigendes. In Gedanken ließ er den gestrigen Abend Revue passieren. Eigentlich war er recht zufriedenstellend verlaufen. Hannah entsprach von ihrem Wesen her in etwa der Vorstellung, die er sich im Vorfeld gemacht hatte. Sie war jung, aufgeschlossen und durchaus ehrgeizig. Und sie brannte für ihren Beruf. Blum war sich sicher, dass sie nicht mehr allzu lange in der Lokalredaktion arbeiten würde. Im Grunde war es erstaunlich, dass ihr nicht längst ein Angebot eines großen Nachrichtenmagazins auf dem Tisch lag. Dass sie ihm nicht gleich eine Zusage gegeben hatte, trübte seine Stimmung keineswegs. Im Gegenteil hätte es ihn eher verwundert. Blum wandte sich dem Meer ab und schlenderte den Strand entlang. Seine Gedanken mäanderten um den Plot seines Thrillers. Wieder und wieder spielte er verschiedene Wendungen durch, dachte über die Personen nach, die er bereits erschaffen hatte. Er liebte solche Spiele. In der Fiktion konnte man Menschen erschaffen und sterben lassen, Handlungen erfinden und den Lauf der Welt nach Belieben steuern. Es hatte etwas Gottgleiches. Irgendwann drehte er zur Uferpromenade ab, die er zurücklief. Im Kiosk kehrte er ein, trank einen Espresso und kaufte ein Baguette und zwei Croissants. Das Weißbrot klemmte er sich unter den Arm, die Tüte mit den Croissants hielt er in der Hand und stapfte so das Kopfsteinpflaster hinauf. Die Häuser, an denen er vorbeilief, wirkten wie ausgestorben. Kaum ein Mensch lebte das ganze Jahr über in dem Dorf. Zu den Ferienzeiten, vor allem im Sommer, bot sich hier vermutlich ein ganz anderes Bild.

Als er das Haus betrat, roch er bereits den Kaffee, den Hannah gekocht hatte. Er zog seinen Mantel im Windfang aus und betrat das große Wohnzimmer. Hannah saß am gedeckten Frühstückstisch und las auf dem Tablet-Computer. Sie blickte kurz auf, als Blum die Croissants in den Brotkorb legte. Das Weißbrot schnitt er in der Küche in breite Scheiben.

Sie saßen bereits einige Zeit am Tisch, als Hannah das Gespräch auf den gestrigen Abend lenkte:

»Ich habe lange nachgedacht«, begann sie. Blum sah sie an.

»Ich nehme Ihr Angebot an.«

»Das ist ja wunderbar«, stieß Blum erleichtert aus.

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Litres'teki yayın tarihi:
23 ekim 2025
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ISBN:
9783946247272
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