Kitabı oku: «NACHT ÜBER DUNKELHEIT»
M.D. Redwood
NACHT ÜBER DUNKELHEIT
Licht und Schatten
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel: Ein Name
2. Kapitel: Sonnensee
3. Kapitel: Schlägerei
4. Kapitel: Das Verhör
5. Kapitel: Der Eid des Sonnenordens
6. Kapitel: Über Mädchen
7. Kapitel: Kreaturenkunde
8. Kapitel: Neues vom Wasserkrug
9. Kapitel: Schmiedebeginn
10. Kapitel: Reine Fitnesssache
11. Kapitel: Der Schild
12. Kapitel: Störenfried
13. Kapitel: Langer Rundmarsch
14. Kapitel: Im Gelände
15. Kapitel: Mehr Regen
16. Kapitel: Im Park
17. Kapitel: Sabotage
18. Kapitel: Die Feuerprobe
19. Kapitel: Auf der Tribüne
20. Kapitel: Die Phalanx der Sonne
21. Kapitel: Freigabe
22. Kapitel: Die Schlacht am Horrorlake
23. Kapitel: Evil und Horror
Impressum neobooks
1. Kapitel: Ein Name
Nacht über Dunkelheit
Licht und Schatten
M. D. Redwood

Impressum
Texte: © Copyright by Marc Daniel Redwood
Umschlag: © Copyright by Michael Faulhaber
Verlag: Michael Faulhaber
Hauptstraße 19
76829 Leinsweiler
michael.faulhaber@carbisfilm.com
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Auf einer offensichtlich unebenen Straße gondelte langsam ein Planwagen entlang. Alle Gegenstände darin schaukelten und klapperten bei jedem Schlagloch, Stein oder Wurzel. Prall gefüllte, braune Jutesäcke lehnten an beiden Seiten und hielten große und kleine Holzkisten an ihren Plätzen, sowie einen schmalen Gang mitten durch den Wagen frei. Auf den Kisten und Säcken lagen Stoffe in allen Farben und Felle verschiedener Tiere. Unter dem Tonnengewölbe der grauen Leinenplane klapperten einige Töpfe, Pfannen, Schöpfkellen sowie Werkzeug, Bögen, Köcher, einige Laternen und ein Schwert an den Verstrebungen aus Holz. Das Aneinanderschlagen der Gegenstände füllte den Wagen mit seinen blechernen Ping-Pong Geräuschen. Dazwischen knarrte das Holz mit dem Quietschen der Räder um die Wette. Am hinteren, entfernten Ende des recht voll gestellten Planwagens stand ein Bett mit einem gefüllten Jutesack als Matratze darauf. Das Stroh ragte überall aus dem alten, schlecht geflickten Sack, nur um Schlafende heimtückisch zu piksen.
Doch der Junge der im Augenblick darauf schlief schien das nicht zu stören. Er war klein und zierlich mit einem schmalen, kindlichen Gesicht und hellem, braunem Haar. Seine zarten Züge verrieten, dass er höchstens zwölf Jahre alt war. Völlig ungeschützt lag der Kleine dar. Decke und Bekleidung fehlten fasst vollständig bis auf eine Fetzen Stoff, der nicht mehr war, als eine Lendenschürze. Dafür war der bloße Kinderkörper mit grauen und blutroten Verbänden eingehüllt. Insbesondere sein linker Arm, Bauch und seine Brust erinnerten an eine Mumie. Aber auch um die Stirn, am rechten Oberarm, an beiden Knien und der rechten Wade hatte der Kleine Bandagen. Selbst seine Hände und Füße waren eingewickelt.
Der Wagen sprang über einen dicken Stein und der schlafende Junge machte einen Sprung im Bett. Beim Aufschlagen auf dem festen Sack wachte er nun doch auf. Blinzelnd stöhnte er und bewegte mühsam Arme und Beine. Alles tat ihm weh. Außerdem hatte er Hunger, furchtbaren Hunger und Durst. Die Not war stärker als seine Schmerzen. Er brauchte etwas zu essen, am besten sofort. Der Junge war sich sicher, seit Tagen nichts mehr gegessen zu haben. Wo war er eigentlich? Er drehte den Kopf und sah sich um. Der Ort war für den Kleinen fremd und ergab auch keinen Sinn. Er wusste zwar, dass er sich in einem Planwagen befand, aber warum er hier und wie er hergekommen war, konnte sich der Junge nicht erklären. Außer ihm war niemand da. Nach hinten versperrte die fest verschnürte Plane die Sicht. Vorne hinaus konnte er aber gegen das grelle Sonnenlicht erkennen, dass mindestens zwei Männer auf dem Wagenbock saßen. Sie unterhielten sich in fließendem Nordisch. Er wollte etwas rufen, doch er wusste nicht was.
Der Kleine rollte sich auf den Bauch. Sein Rücken war vom Nacken über die Schulterblätter bis hinunter zur Hüfte eingewickelt. Er stellte die Handflächen auf dem Strohsack auf. Nun spannte er die drahtigen Muskeln leicht an und verharrte einen Augenblick. Der Junge sammelte seine Kräfte zusammen, dann stemmte er sich mühsam nach oben. Seine Arme zitterten vor Schmerzen und Anstrengung. Der Junge hatte das Gefühl, dass ein Felsblock auf seinem Rücken lag, den er mit anheben musste. Auf allen Vieren schob er die Beine aus dem Bett und stellte sie auf den Holzplanken ab. Bereits jetzt schon erschöpft schwitzte er aus allen Poren. Dann taumelte der Junge auf die Füße und versuchte den Laderaum zu durchqueren. Er hatte das Ziel vor Augen, so nah und doch so fern war der Wagenbock. Aber der Wagen schaukelte wie ein Schiff im Sturm und der Kleine war nicht sicher auf den Füßen. Das erste Schlagloch warf ihn in eine Kiste, an die er sich noch rechtzeitig hatte klammern können. Der Junge wimmerte vor Schmerzen als er mit den Schienbeinen gegen die Kiste prallte. Das Stechen der Wunden am Oberkörper war noch schlimmer. Durch den Zug seiner gestreckten Arme machten sich Schultern, Rücken und Brust bemerkbar, weil die teilweise durchgebluteten Verbände von den Wunden rissen. Er verharrte einen Moment aus Angst vor einer Bewegung, die noch schmerzhafter sein könnte. Er hatte kaum die Kraft sein eigenes Gewicht an der Kiste zu halten. Mit butterweichen Knien zog sich der Kleine wieder nach oben, angestrengt als ob der ganze Wagen an seinen Armen hängen würde. Er spürte die Schweißperlen im Gesicht. Er taumelte weiter, nur um vorwärts in eine Gruppe voller Säcke zu fallen. Er jammerte leise als er gegen die harten Früchte darin schlug.
»Da war doch was«, bemerkte der eine Mann auf dem Wagenbock. Er drehte sich nach hinten und schob die Plane weiter zur Seite. Es war ein Händler mittleren Alters mit einem misstrauischen Gesicht. Seine gelbe und grüne Kleidung offenbarte, dass er ein erfolgreiches Geschäft führte. Sein Bart war so schwarz wie sein Haar und in strenge Form geschnitten. Der Händler warf einen Blick durch den Laderaum und entdeckte schließlich das zierliche Kind auf den Säcken, das sich gerade wieder aufrichtete. Der Kleine schnappte nach Luft, dabei störten die engen Verbände um seine Brust.
»Sieh mal an, wer da auf den Beinen ist.« Die Stimme des Händlers klang freundlich erfreut. Neben ihm tauchte das Gesicht eines jüngeren Mannes auf. Sein spitzes Gesicht mit Hakennase und das schwarze Haar zeigten deutlich die Verwandtschaft zum Händler. Er war gut zwanzig Jahre alt und trug etwa das Gleiche wie der ältere Mann, aber mit weniger Farbe im Stoff.
»Was meinst du, Onkel?«
»Unsere Anlage ist auf den Beinen.«
»Tatsächlich, unser Schmächtling ist wach«, lachte der Jüngere. »Hat aber lange gedauert.«
»Unsinn, einen guten Wein kriegst du auch nicht über Nacht.«
»Aber vier Wochen?«
»Ja, umso besser. Vermisste haben auch eine Reifezeit.«
»Hey Schmächtling, wie heißt du?«, fragte der Neffe des Händlers.
Der Junge verstand nicht, was der junge Mann wollte. Das Wort Schmächtling ergab für ihn keinen Sinn. Er konnte nicht wissen, dass es ein Wortspiel der Händler war, für den wohl magersten und noch dazu kleinen Burschen, den sie je aufgelesen hatten. Allerdings ergab für den Jungen ohnehin überhaupt nichts einen Sinn. Wer waren diese Leute? Er hatte sie noch nie gesehen. Er wusste auch ihre Namen nicht. Sich vorzustellen hatten die Fremden aber wohl nicht vor.
Der Neffe wiederholte seine Frage, er war wohl ungeduldig. »Wie du heißt, will ich wissen.«
Ja, wie hieß er eigentlich? Das fragte sich der Junge in diesem Augenblick auch. Er dachte darüber nach, aber es fiel ihm nichts ein. Er kam sich bescheuert vor. Wie konnte man seinen eigenen Namen nicht wissen? Schließlich zuckte er die Achseln.
»Schmächtling ist nicht nur mickrig, sondern auch dumm«, bemerkte der Neffe.
»Halt die Klappe und sag nicht Schmächtling zu ihm, dass schadet seinem Wert«, wies der alte Händler ihn an. Es waren anscheinend Sklavenhändler. Er deutete auf den Kleinen und winkte ihn mit dem Zeigefinger zu sich. »Du - komm her.«
Der Junge gehorchte, wobei er nicht nachvollziehen konnte, warum der Händler so abgebrochen mit ihm redete. Der Händler deutete auf seinen Mund. »Mund auf.«
Der Kleine runzelte die Stirn. Was bitte schön, sollte das jetzt?
»Du – Mund auf.« Unvermittelt packte der Händler den Jungen am Kinn und presste mit den Fingern den Kiefer auseinander, indem er Zeigefinger und Daumen in die Kinderwangen bohrte.
»Zunge ist da«, stellte der Händler fest. »Und oha! Richtig gute Zähne hat er auch.«
»Echt! Lass mich sehen.«
Der Neffe drehte sich zu den beiden, um ebenfalls seine Finger in die zarten Wangen zu bohren und die Zähne zu begutachten, wie bei einem Pferdekauf. Sowohl bei Tieren, wie auch bei Sklaven schloss man vom Zustand der Zähne auf den Zustand der Knochen und den Rest des Körpers. Gute Zähne waren ein Indiz für Gesundheit und Arbeitskraft, also Wert steigernd. Der Junge riss sich los.
»Lasst mich!«, rief er angewidert. Dann war er selbst verblüfft. Er sprach ihre Sprache.
»Also sprechen kann er doch«, bemerkte der Händler. »So Bursche, wie heißt du?«
»Ich...« Der Junge schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.«
»Weißt du wo du her kommst?«
»Nein.«
»Wo du wohnst?«
»Nein.«
»Wieso du hier bist?«
»Nein.«
»Was weißt du überhaupt?«
Der Kleine zuckte die Achseln. Der Händler rollte die Augen. »Weißt du was das ist?« Er deutete in den Wagen.
»Das ist der Laderaum eines Planwagens.«
»Dumm ist er nicht«, schloss der Händler. »Hat das Gedächtnis verloren.«
Der Neffe nickte. »Dann ist das Lösegeld futsch.«
»Kann sein.«
»Dann ist er auch noch so winzig, viel Geld bringt der nicht.«
»Er ist auch erst...«, der Händler stockte. »Zehn. Zunächst braucht er einen Namen.« Der Mann drehte sich in die andere Richtung. »Weib! Ich brauche einen Namen.«
Auf der anderen Seite des Händlers saß eine Frau, die der Junge die ganze Zeit über gar nicht wahrgenommen hatte. Was wohl daran lag, dass auch die beiden Männer die ganze Zeit über so getan hatten, als wäre sie nicht da.
»Dann gib ihm doch einen.«
Sie trug ein gelb-grünes Kleid, war etwa vierzig und trotz der holprigen Fahrt mit Nähen beschäftigt.
»Es muss aber ein guter Name sein, der sein Produkt verkauft.«
Sie seufzte, denn sie wusste, dass ihr Mann verkaufen konnte, aber sonst nichts. Kreativ war er auf keinen Fall. Also fiel diese Aufgabe ihr zu, denn der Neffe taugte weder zum einen noch zum anderen.
»Er hat eine starke Lebenskraft. Ich habe noch nie einen solchen Durchhaltewillen gesehen. Ich finde seine«, sie musterte das zierliche Bürschlein, »einzige Eigenschaft«, begründete sie schließlich.
Der Händler nickte. »Wohl war.«
»Er sollte daher entsprechend heißen. Wie wäre es mit Vigor?«, schlug sie vor.
»Vigor, die Kraft«, der Neffe lachte. »Der Winzling soll Kraft heißen.«
»Im Sinne von Lebenskraft, nicht Körperkraft«, verteidigte die Frau ihren Vorschlag. Es war ihr klar, das der Neffe nur dumme Kommentare übrig hatte.
»Das willst du nicht im Ernst?«, fragte der Neffe.
»Doch, der Name ist gut«, entschied der Händler. »Vigor soll er heißen. Hast du das gehört, Bursche? Du heißt ab sofort Vigor.«
Der Junge nickte.
»Eine echte Mogelpackung«, bemerkte der Neffe.
»Hast du ein Problem damit?«
»Nein.«
»Also, du sollst ihn ja nicht kaufen.« Der Händler wandte sich an Vigor. »In einer Stunde machen wir halt. Dann gibt es was zu essen. Ich denke doch, du hast Hunger.«
Vigor nickte. Er hatte einen Bärenhunger.
»Und jetzt zurück ins Bett.«
Vigor drehte sich um und wankte zurück zu seinem Lager. Wirklich schlauer war er durch das Gespräch nicht geworden. Und was er erfuhr stimmte ihn nicht glücklich. Denn sowohl die Lösegeldforderung als auch als Sklave verkauft zu werden, waren keine sonderlich rosigen Aussichten. Ein Schlagloch warf ihn vor dem Bett auf den Boden und er stieß mit dem Kopf gegen eine Planke.
2. Kapitel: Sonnensee
Vigor öffnete die Augen. Er war seitlich mit dem Kopf gegen eine Kiste gestoßen, an die er gelehnt war. Sein Kinn ruhte auf dem weißen Hemd vor der Brust und er betrachtete die weiß-grauen Hosen, die er unter seinem Umhang trug. Sein Buchenholzstab klemmte zwischen ihm und dem Dorfschulmeister, in dunkelblauer Gewandung und dem sonnengelben Umhang darüber. Der alte Lehrer lächelte ihn an. »Na, ausgeschlafen?«
Der Junge nickte schläfrig.
»Vigor braucht seinen Schönheitsschlaf«, bemerkte Volker, der neben ihnen auf seinem schwarzen Hengst Obsidan ritt. Volkers prachtvolle Kleidung aus schwarzer Hose, blauer Weste und weißem Hemd, sein Schwert und dem rot-schwarzen Mantel mit dem gelben Innenfutter, machte Vigor darauf aufmerksam welch besondere Reise sie taten.
»Mitfahren macht müde«, rechtfertigte sich Vigor.
»Ja, ich weiß«, antwortete Volker. »Was mich aber nicht davon abhält, dich damit aufzuziehen.«
Vigor streckte ihm die Zunge raus.
»Wir sind aber bald da.«
»Echt?« Vigor sah sich um.
Der Konvoi wanderte bereits seit einer Stunde das Ufer des Nebelsees entlang. Warum sie einen Teil des Sees umrunden mussten, erschloss sich Vigor bislang nicht. Die Ufer waren gleichzeitig die Stadtgrenzen von Sonnensee, dem Sitz des Sonnenordens und Hauptstadt des Reiches unter dem Goldenen Magier. Das Reich des Sonnenordens erstreckte sich vom Großen Strom bei Keeper’s Garden im Osten bis an die Grenze von Feuerglut im Westen und von der Küste des Langen Meeres im Süden bis an die ehemalige Grenze von Horizont im Norden. Letzteres Land stand nun hälftig unter Feuergluts und Darkcasts Kontrolle, zumindest auf dem Papier.
Die Ufer des Nebelsees formten weiß-gelbe Sandstrände, die sich weitläufig um den See zogen. Wenige Laubbäume standen auf den leuchtend grünen Hügeln und Wiesen drum herum. Über dem Wasser war keine weite Sicht möglich, denn darauf schien sich eine dicke Nebelsuppe zu halten, welche ab und an auch über die Küsten zog und dann die ganze Gegend in tristem Grau versenkte. Doch zur Zeit war Erndmond, dem achten Monat des Jahres, und die typisch heiße Sommersonne brannte den Nebel weg, der sich nur störrisch in der Mitte des breiteren Teils des Sees hielt. Vigor war sich sicher, dass der Sonnenorden dabei durchaus mit Magie nachhalf. Anders waren die dicken Nebelschwaden im trockenen Hochsommer nicht zu erklären. Auf diese Weise schützten die Magier die große Stadt vor neugierigen Blicken. In erster Linie jedoch diente es dazu den Ort und besonders seine Magierschule geheimnisvoll zu machen.
Sie erreichten einen prächtigen, weißen Steg am Nordoststrand. Vigor hatte dessen Umrisse schon von weitem ausgemacht, doch aus der Nähe war das Kalksteinbauwerk ein beeindruckender Anblick, denn es hatte die Größe eines ganzen Hauses. Die Reiter hielten und ließen Wagen und Obsidan den Vortritt. Die Wagenräder klapperten über das Kopfsteinpflaster. Der Torbogen aus weißem Marmor ließ keinen Zweifel, dass es sich nicht um eine arme Stadt handeln konnte. An beiden Enden des Stegs ragte ein solcher Bogen gegen den Himmel. Der Kopfstein hatte eine Goldgravierung mit einer strahlenden Sonne in einem zwölfstrahligen Stern darauf. Der Dorfschulmeister hielt sein Pferd an und gähnte. Vigor sah sich um und dann den Lehrer fragend an. Wie ging es nun weiter? Die einsehbaren Seemeilen waren menschenleer und in der Nebelsuppe dahinter schien sich nichts zu rühren. Vielleicht mussten sie sich irgendwie bemerkbar machen.
»Soll ich mal rufen?«, fragte er schließlich.
Der Dorfschulmeister lachte. »Nur Geduld, mein Junge. Die Fähre ist schon unterwegs.«
»Woher wissen die denn, dass wir da sind?«
»Dieses Ufer ist nicht so einsam und unbeobachtet wie es scheint.«
»Magie?«
»Auch.«
»Was denn noch?«
»Es gibt auch jede Menge Kundschafter und Wachen«, erklärte der Dorfschulmeister. »Du kannst davon ausgehen, dass wir bereits seit Stunden beobachtet werden, vielleicht sogar verfolgt.«
»Sind die immer so misstrauisch?«
»Sagen wir, seit langer Zeit. Allerdings erst, seit Wesen der Finsternis versuchen die Macht zu ergreifen. Ein dunkler Schatten ruht über der Welt und der Sonnenorden bemüht sich, ihn von seinen Landesgrenzen fern zu halten.«
»Schafft er das?«
»Ich weiß es nicht.«
»Was glauben Sie?«
Der Dorfschulmeister sah dem Jungen in die Augen und schüttelte den Kopf. Ein Schatten fiel auf sie, als die Mittagssonne verdeckt wurde. Vigor drehte blitzartig den Kopf. Vor ihm ragte der Bugspriet eines großen Schiffes auf.
»Ah, die Fähre«, bemerkte der Dorfschulmeister.
Das dreimastige Schiff hatte einen flachen, breit ausladenden Rumpf für viel Stauraum. In der Takelage der Masten kletterte emsig die Mannschaft herum, um die großen, gelben Segel einzuholen, die die Fähre weiterschieben wollten. Die Männer trugen weiße kurze Hosen, keine Schuhe und die meisten von ihnen verzichteten bei dem warmen Wetter auf ein Hemd. Stoff war kostbar, sodass die einfachen Leute ihn nur trugen, wenn es notwendig war. Die Matrosen waren nur als kleine Männchen erkennbar, wie die Ameisen auf einem Haufen. Doch ihre Rufe und das Flattern und Schlagen des Segeltuchs konnte Vigor deutlich hören. Es musste sehr viel Arbeit sein, ein Segelschiff zu fahren. Das Vorschiff fiel mit einem großen Aufbau zwischen Bug und Fockmast auf und am Heck hatte die Fähre eine mächtige Kajüte, die fast das halbe Deck hinter dem Großmast einnahm. Der Besanmast ragte aus der großen Kajüte. Sie diente wohl dazu, den vielen bedeutenden Passagieren die Überfahrt angenehmer zu machen.
Das Schiff drehte weit vor dem Steg bereits ab und wandte seine Breitseite zu ihnen, während es dennoch auf sie zu trieb. Schließlich ließ es den Anker fallen, der ratternd von der Kette ging und ins Wasser klatschte. Vigor war sich sicher, dass die Mannschaft den ganzen Tag nichts anderes tat als hin und her zu fahren. Denn die Maßarbeit die sie leisteten war bemerkenswert. Das riesige Schiff blieb einige Meter entfernt stehen und genau mit der Einstiegsvertiefung, in der Reling der Steuerbordwand, mittig vor dem Steg. Eine beschaulich wirkende Eichenplanke wurde von der Fähre hinunter gelassen. Über eine komplizierte Seilkonstruktion unterstützten zwei Flaschenzüge an Großmast und Besanmast die Männer beim Bewegen der Planke. Sie wuchs beständig, je weiter sie vom Schiff wegkam. Schließlich war sie so breit wie der ganze Steg und aus dem gleichen dicken Holz wie der Schiffsrumpf. Daher waren vier Männer nötig, um die schwere Rampe von Bord zu hieven und trotzdem recht sanft vor dem wartenden Wagen aufsetzen zu lassen. Das Verfahren erinnerte leicht an eine Zugbrücke.
»Hast du gesehen, wir sind nicht die einzigen«, bemerkte Volker.
Vigor drehte sich um. Er war so mit dem Treiben auf dem Wasser beschäftigt gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, wir sich der Steg füllte. Hinter dem Begleitschutz aus der Siebten Armee von Starkenberg hatte sich eine Schlange gebildet. Es standen acht Fuhrwerke hinter ihnen und eine größere Ansammlung von Fußpassagieren. Vigor überschlug die Zahl, es mussten etwa fünfzig sein. Ihrer einfachen, bräunlichen Kleidung nach zu schließen, waren es hauptsächlich Knechte, Mägde oder Erntehelfer. In jedem Fall mussten die meisten aus dem Bauernstand entstammen. Viele Fuhrwerke waren mit Feldfrüchten, wie Kartoffeln und Kohl beladen, was den Verdacht erhärtete. Dazwischen wartete der Planwagen eines fahrenden Händlers. Am Ende stand ein elegant anmutender Reisewagen, der einem reichen Kaufmann oder einem Adeligen gehören musste. Da aber kein nennenswerter Begleitschutz dabei war, konnte es sich nicht um einen Landesherrn aus dem Ausland handeln.
An der Reling neben der Rampe erschien der Bootsmann. Er hatte eine Pfeife um den Hals und trug etwas bessere Kleidung als die Mannschaftsmitglieder, die über die Planke nach unten kamen. Der Bootsmann winkte ihnen oder der Besatzung zu, welche den Steg betraten. Die Matrosen winkten nun den Dorfschulmeister herbei. Der Lehrer fuhr langsam los, dann nahmen zwei Männer seinen Wallach am Zaumzeug in Empfang. Die Matrosen führten sie die Rampe hoch. Es ging sehr langsam aufwärts, man ließ sich Zeit, um keinen Unfall zu riskieren. Die Männer wirkten entspannt. Der Wallach des Lehrers trottete geduldig und sicheren Schrittes über das abgeschabte Holz. Die Matrosen unterhielten sich in Südländisch, der Sprache die auch in Starkenberg gesprochen wurde.
»Das ist ja mal einfach.«
»Geht fast zweimal drauf.«
»Hört auf zu Quatschen, sonst verladet ihr nachher nochmal den Königinnenwagen«, warf der Bootsmann ein. »Wenn das Tier abrutscht, dann liegt ihr drunter!«
»Das ist ein Rückepferd«, bemerkte der eine.
»Das ist mir egal«, warf der Bootsmann zurück. »Es zieht einen Personenwagen und keinen Baumstamm.«
Die beiden Männer machten beschwichtigende Gesichter und passierten den Bootsmann schweigend. Außer Hörweite des Vorgesetzten meinte der eine wieder. »Guter Seemann, aber keine Ahnung von Pferden.«
Der andere nickte.
Vigor fiel nun die Bewaffnung des Schiffes auf. Die Fähre hatte unzählige Ballisten, auf beiden Enden. Auf dem Vorschiff und dem Achterdeck oberhalb der Kajüte, konnte der Junge außerdem zwei fest installierte Katapulte erkennen. Die Schießanlagen wurden allesamt von zwei Soldaten in goldgelben Uniformen bedient oder vielmehr bewacht. Es war fast keine nennenswerte Munition an Deck, sondern nur ein Pfeilgeschoss lag in den Ballisten ohne eingespannt zu sein. Die Katapulte sahen festgezurrt aus, waren also im Augenblick gar nicht feuerbereit. Es zeugte allerdings davon, dass im Kriegsfalle die Fähre alles andere als wehrlos war. Vigor war sich sicher, dass ein Fährüberfall keine gute Idee war.
Vigor, Volker und der Dorfschulmeister stiegen ab.
»Stab«, erinnerte der Lehrer den Jungen, der mit dem Blick überall statt bei der Sache war. Vigor griff seinen Stab und reichte dem Dorfschulmeister die Tasche daneben. Wagen, Pferd und Obsidan wurden in den Laderaum gebracht. Dort gab es eine Art Stall mit Verschlägen, in die jeweils ein Pferd eingestellt wurde. Dafür hatte die Fähre eigens angestellte Stallburschen in weiß und blassgelben Hosen. Daneben war die Haltestelle für die Wagen. Die Zugpferde wurden ausgespannt und der Wagen fest an Bodenringe getaut. Vigor sah, dass die Mehrheit der Fußpassagiere zum Vorschiff wanderte. Viele verweilten auch einfach an Deck. Ein Mannschaftsmitglied wies den Dorfschulmeister, Volker, Vigor und den begleitenden Offizier an, die rechte Treppe zu verwenden. Die anderen Reiter der Siebten Armee folgten. Sie waren als Leibgarde abgeordnet und hatten nicht die Absicht, sich von dieser Aufgabe abbringen zu lassen. Ohnehin gehörten etliche von ihnen ohnehin dem Adel an, denn sie waren Ritter mit eigenen Landgütern. Das wusste aber das Mannschaftsmitglied nicht.
Der fahrende Händler und die Passagiere des eleganten Reisewagens, es war ein Kaufmann mit Frau und Kind folgten ihnen. Obwohl sie näher zu der breiten Treppe standen als Vigor, Volker und der Dorfschulmeister. Doch durch die große Garde, wagten es diese Mitglieder des Bürgerstandes nicht, sich vor den hier offensichtlich anwesenden Adel zu stellen und ließen dem alten Herrn, seinen Jungs und seinen Soldaten mit einer Verbeugung den Vortritt. Oben angekommen, öffnete ein vornehm gekleideter, junger Mann, in gelber und dunkelblauer Gewandung, die Tür in die Kajüte. Auch er verbeugte sich. Der Dorfschulmeister grinste. »So bin ich auch noch nicht empfangen worden.«
Dann schwieg er, während sie den langen, schmalen Gang entlang liefen. Zwei dunkel gekleidete Herren nahmen ihnen das Handgepäck ab, dass nur aus einer Tasche des Dorfschulmeisters bestand. Sie öffneten eine Tür zu einer Kabine, die offensichtlich nicht jedem angeboten wurde. Der Diener, der die Tür öffnete, ging dabei in die Knie. Die Kabine erschlug Vigor mit Prunk. Es war die Lounge für Adelige. Alles noch so unsinnige Mobiliar war mit Gold überzogen und sehr verschnörkelt. Stolze drei Einzelbetten standen in dieser Kabine, die etwa halb so groß war, wie der Vorbau, wo die fünfzig Bauern Platz genommen hatten. Überall hingen dicke Teppiche in allen Farben, sowohl an den Wänden, als auch auf dem Boden. So wollte die Fährlinie die weniger seefesten Adeligen vor dem leichten Seegang auf dem Nebelsee schützen. Aber durch die schiere Größe der Fähre beschränkte sich das Schwanken ohnehin auf stürmische Tage. An dicken weißen Vorhängen vorbei, konnte Vigor hinaus auf das Ufer sehen, wo immer noch Fuhrwerke verladen wurden.
»Kann ich Euch etwas bringen lassen?«, fragte der Diener, der die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, um den Lärm des Schiffes auszusperren. Es drang nur noch dumpf durch die dicke Eichentür. Vigor konnte fast vergessen auf einem Schiff zu sein.
»Ja, bitte«, meinte der Dorfschulmeister. »Jungs, was wollt ihr essen?«
»Hirschfilet«, meinte Volker ohne zu überlegen, »in Rotweinsoße und mit Kartoffeln und Karotten und Erbsen.«
»Sehr wohl«, der Diener notierte mit.
Vigor runzelte ungläubig die Stirn.
»Vigor?«, fragte der Dorfschulmeister wieder.
»Äh.«
»Der Hirsch ist gut hier«, erzählte Volker, als ob er hier jede Woche Hirsch essen würde, was Vigor stark bezweifelte. Außerdem kannte Vigor den Geschmack von Rotwild gar nicht, denn der Verzehr war schließlich ein Privileg des Adels. Aber das konnte Vigor unmöglich vor dem Diener erklären.
»Das Gleiche für mich«, sagte er schließlich.
»Sehr wohl.«
Der Dorfschulmeister lächelte und wandte sich an den Kabinendiener. »Bringt mir die Empfehlung der Kombüse.«
»Sehr wohl.« Der Mann notierte fleißig weiter. Er verbeugte sich nochmals. »Eminenz. Königliche Hoheit. Mein Herr.«
Dann verließ er sie. Volker grinste den verdutzten Vigor an.
»Eminenz«, sagte der große Junge und verbeugte sich übertrieben. Vigor sah seinen Freund an.
»Was soll das jetzt schon wieder?« Er rollte die Augen. »Eminenz...«
»Tja«, Volker grinste immer breiter, »Hochwürden werden sich daran gewöhnen müssen, etwas Besseres zu sein und dies ständig unter die Nase gerieben zu bekommen.«
»Habt Dank für diese Information, oh Königliche Hoheit, dem designierten Großherzog von Starkenberg.« Vigor klang überzogen.
»Ja, genau so ist es«, erwiderte Volker. »Du wirst vielen begegnen, die auf diesen Titelmist sehr viel Wert legen. Und hüte dich davor zu zeigen, dass es dir fremd ist.«
»Warum muss ich so tun als ob ich das wichtig finde?«
»Weil du dich sonst als gemeines Volk verrätst.«
»Na, Klasse.« Vigor verzog das Gesicht.
»Kann man nichts machen.« Volker zuckte die Achseln. »Also wie gesagt, tue einfach so als wäre es normal.«
»Verstanden. Warum hat er mich zuerst genannt?«, fragte Vigor weiter.
»Weil du ranghöher bist«, antwortete Volker. »Magier stehen über den Fürsten.«
»Genauer gesagt, gilt das in erster Linie für die Hohen Magier«, erläuterte der Dorfschulmeister. »Aber im Zweifelsfall bist du ranghöher. Es gibt zwar einige Magier, die unter der Flagge eines Fürstenhauses stehen. Dann ist der Fürst ranghöher, aber das ist nicht die Regel. Bekanntestes Beispiel ist das Königshaus von Hohen-Himmelsstein. Der Magier von Wolkenblick, also der Türkisfarbene Turm, wird immer nach dem König genannt. Dagegen wird niemand die Magierin of Trolley nach Starkenberg oder Siege nennen. Denn der Braune Turm ist unabhängig und gehört zu den Hohen Magiern.«
Die drei begaben sich zu Tisch. Wobei sich Vigor auf den erstbesten Stuhl setzte und Volker daneben. Der Dorfschulmeister ließ sich gegenüber nieder mit dem Rücken zur Kabinenwand. Dann sah er Volker an.
»Wo wir gerade dabei sind, weiß eigentlich Eurer Vater von Vigors Kurswechsel?«
»Nein, das ist unser kleines Geheimnis«, grinste Volker. »Ich werde es ihm in einem Brief mitteilen, den ich dem Hauptmann mitgebe.«
Volker deutete in die Richtung, wo sich wahrscheinlich die Kabine mit den Rittern von Starkenberg befinden würde.
»Ich wunderte mich schon«, bemerkte der Dorfschulmeister.
»War alles recht kurzfristig, oder nicht«, begründete Volker. Anders gesagt hätte der Junge auch zugeben können, dass er es einfach vergessen hatte.
»Das ist wahr.«
»Jetzt macht mal langsam«, unterbrach Vigor die beiden. »Welcher Kurswechsel?«
Volker deutete mit einer Handbewegung auf den Dorfschulmeister. Er sollte erzählen.
»Du warst ursprünglich für eine militärische Gelehrtenausbildung eingetragen«, erklärte der Lehrer. Vigor verzog den Mundwinkel: militärische Gelehrtenausbildung. Was sollte ein militärischer Gelehrte sein? Das widersprach sich in Vigors Augen doch irgendwo gegenseitig.
»Auf diese Weise hätten wir gesehen, welche Verwendung du innerhalb des Großherzogtums hättest einnehmen können«, fuhr der Dorfschulmeister fort, »wahrscheinlich eine Aufgabe am Hof.«
Volker nickte. »Dann hast du halt dick aufgetragen, auf meinem Rücken.«
»Nein«, erwiderte Vigor. »Du hast dick aufgetragen und ich dich wieder zusammengeflickt.«
»Genau, sag ich doch.«
»Als ihr zwei mir von deinen neu entdeckten Fähigkeiten erzählten«, mischte sich der Dorfschulmeister wieder ein, »wusste ich, dass wir dich stattdessen in die magische Ausbildung stecken sollten. Aus diesem Grund haben wir dich entsprechend ausgerüstet. Sobald wir an Land sind, werde ich deinen Kurswechsel beantragen.«
»Aber wozu habt ihr mich jetzt schon als Magier verkleidet?«
»Wir haben dich nicht verkleidet«, Volker schüttelte den Kopf. »Du bist ein Magier, selbst wenn du nackt wärst.«
Vigor seufzte.
»Und außerdem«, Volker sah Vigor an, »geht es wieder darum deine Herkunft zu verschleiern. Wenn du wie ein Gelehrter ankommst und dann zu den Magiern wechselst, dann bist du bei den hohen Herrn gleich unten durch.«
»Hohe Herren, dass sind meine Mitschüler?«, fragte Vigor. »Äh, Kommilitonen, meine ich.«
»Richtig«, antwortete Volker. »Und gut, dass du so was weißt. Ich hätte dieses blöde Wort nicht von der Zunge gebracht.«
»Aber nur weil es dir zu blöd ist.«
»Klar.«
Der Diener und zwei weitere Kollegen brachten das Essen verdeckt unter großen Silberglocken hinein. Vigor betrachtete das polierte Silber. Sein Gesicht spiegelte sich in der Wölbung. Es verschwamm vor seinen Augen, während er glaubte den Geruch eines Holzfeuers zu atmen. Er hatte ein flaues Gefühl, aber die weiß gekleideten Herren brachten ihm vielleicht auch ein Abendessen.
Volker stieß ihn an. Vigor erwachte aus seinem Tagtraum. Der dunkel gekleidete Diener sah Vigor unsicher wartend an. Vigor lächelte höflich ohne den leisesten Schimmer, was man von ihm wollte. Er nickte leicht, wie zum unsicheren Gruß. Nun wurden die Tablettes vor ihnen abgestellt und die Silberglocken abgenommen. Der Diener, der die Bestellung aufgenommen hatte, holte einen Krug Rotwein aus einem Kabinettschrank und begann auszuschenken. Plötzlich meinte der Dorfschulmeister: »Keinen Wein für die Jungs.«
Der Diener nickte, sein Gesicht sah aber empört aus. Wie konnte man den preisgekrönten und weltbekannten Wein aus den sonnigen Landen ablehnen?
»Sonnenakademie«, erwähnte der Dorfschulmeister kurz angebunden. Das Gesicht des Dieners hellte auf. Er winkte einem anderen, der sofort mit einem Krug roten Traubensaft kam. Vigor verstand, sie durften keinen Alkohol trinken. Dass alle Genussmittel in der Sonnenakademie verboten oder beschränkt waren, wusste er allerdings nicht. Doch den Bediensteten war dies bekannt, schließlich waren die Grundregeln der Akademie des Sonnenordens volkstümliches Allgemeingut. Die Diener zogen sich zurück und ließen die drei wieder allein.
»So Jungs, einen guten Appetit allerseits.« Der Dorfschulmeister strahlte über beide Ohren, während er sich die Hände rieb. Vigor und Volker sahen ihn an, dann auf dessen Teller. Die Jungen wussten, warum der alte Lehrer so fröhlich war. Er hatte eine Portion Hirschfilet in Rotweinsoße mit Beilagen vor sich stehen. Volker grinste. »Es muss sich ja auch für Sie irgendwie bezahlt machen, uns zu begleiten.«
»Das hat es sowieso, Königliche Hoheit.«
Während sie aßen, verschwand vor dem Fenster der blaue Himmel in der Nebelbank.
»Ihr hättet Euren Vater wirklich über Vigor aufklären sollen«, sagte der Dorfschulmeister plötzlich. »Seine Königliche Hoheit hätte viel Geld sparen können und für Vigor wäre es einfacher und womöglich förderlicher gewesen.«
»Wieso das?«, fragte Volker skeptisch.
»Die Eignungsprüfung der Universität hätten dem Großherzog und Vigor Planungssicherheit gegeben. Lady of Trolley hätte ihn vielleicht kurzfristig auf seine Talente untersucht und seine Königliche Hoheit beraten.«
»Ja und? Wir wissen, dass er ein Heiler ist.«
»Stimmt«, fuhr der Dorfschulmeister fort. »Das kommt mir aber auch gerade. Wer ist denn der beste Heiler weit und breit?«
»Ach so«, gestand Volker nun. »Sir Mike of Trolley natürlich.«
Vigor hörte schweigend, aber aufmerksam zu. Ihm wurde bewusst, dass die Welt der Herrschenden komplexer war, als er geahnt hatte. Offenbar war sein Sonderweg durch die Stände ein echter Kunstgriff.
»Genau den meine ich.«
»Aber, dann hätte man Vigor und mich getrennt«, verteidigte sich Volker. »Wer hätte ihn dann in die Welt des Adels eingeführt? Es gibt sehr viele Fettnäpfchen in die er treten kann. Jetzt können wir gemeinsam zumindest einen Teil der Ausbildung durchlaufen.«
Vigor unterstützte Volker. »Ich bin froh, dass ich an der gleichen Schule wie Volker bin. Sonst wäre ich ganz allein und ich kenne sonst niemand.«
»Und ich wäre allein, weil mich mag sonst niemand«, brummte Volker, wobei sich Vigor nicht sicher war, ob sein Freund dies ernst meinte und wenn ja, darüber traurig war oder nicht.
»Aber der Sonnenorden wird sicherlich keinen fähigen Heiler abweisen«, vermutete Volker.
»Ich ...« Der Dorfschulmeister stockte. »Nein, wohl nicht.«
Er warf Vigor einen wohlwollenden Blick zu, der den Jungen allerdings eher beunruhigte. Vigor begriff, dass sein Ausbildungsgesuch wohl nicht oft vorkam. Er kannte den Sonnenorden von den Geschichten und Sagen. Aus diesem Grund konnte sich Vigor auch denken, dass eine Ausbildung unter dem Goldenen Turm ein Privileg war, dass sich alle Kinder wünschten und wofür die Familien der Auserwählten tief in die Taschen greifen mussten.
Schließlich brach die Fähre durch die Nebelwand. Vigor und Volker waren an Deck, in der Kabine war ihnen einfach zu langweilig. Vigor sah den Nebel entlang. Eine hohe Klippe begrenzte auf der Steuerbordseite die Bucht, welche das Schiff anlief. Die Nebelwand endete etwa drei Schiffslängen vor dem steilen Fels. Hoch auf dem Berg hinter der Klippe thronte eine Wehrburg. Vor allem der mächtige, rechteckige Bergfried fiel auf, der weit über die Zinnen und Dächer ragte. Die äußere Ringmauer rahmte die ganze Klippe ein. Darunter lag der Hafen. Sie passierten gerade den weißen, runden Leuchtturm am Ende des Mittleren von drei langen Stegen. Im Vergleich zu den mächtigen Bauten am Ufer und der Klippe wirkte das weiße Türmchen geradezu putzig. Direkt am Leuchtturm war auch ein Wohnhaus angebracht, wohl das des Leuchtturmwärters.
Dahinter konnte Vigor die Masten von unzähligen kleinen Fischkuttern erkennen. Die fröhlich bunt bemalten Kutter lagen auch an vielen anderen Anlegestellen, überall da, wo gerade Platz gewesen war. Offensichtlich war der Nebelsee sehr fischreich. Die meisten Schiffe hatten ein oder zwei Masten. Neben den Handelsschiffen und Fähren fielen die Kriegsschiffe durch ihre Bewaffnung auf. Alle Dreimaster waren Fähren oder Linienschiffe. Die Fähren waren dunkelbraun, die Kriegsschiffe dunkelblau und goldfarben angestrichen.
Links von der Hafenanlage zog sich die Stadt Sonnensee um die Bucht, weit bis nach Backbord der Fähre. Vigor ging mit den Augen die Küstenlinie entlang. Die ganze Bucht lag im strahlenden Licht der Spätsommersonne. Auf der linken Seite, begrenzte eine weitere Klippe den weißen Sandstrand. Vigor war sich recht sicher, dass dies einer der wenigen Strände war und die Insel zumeist aus steilen Klippen bestand. Auf der linken Klippe, die Süden sein musste, standen erneut Häuser. Sie schienen deutlich größer zu sein, als die Gebäude der Stadtmitte. Am Rand der südlichen Klippe zum Zentrum hin, stand auf einem fast ebenso hohen Hügel ein mächtiger Palast mit vier dicken, runden Türmen. Die Häuser daneben sahen alle von Weitem schon, groß und prunkvoll aus. Doch wirkten sie gegen den gelben Palast recht zierlich. Die Fähre hielt auf den Pier, hinter dem Leuchtturm zu. Insgesamt erschien die Stadt sehr einheitlich, da die Hausfarben, im Gegensatz zu den Bootsfarben, keine große Auswahl kannten. Es gab in abnehmenden Anteil lediglich backsteingelb, sandsteingelb, backsteinrot und weiß. Meistens hatten Nachbarhäuser die gleiche Farbe, sodass der Hausanstrich blockweise oder mit dem Straßenzug wechselte.
Im Hafenbecken wuchsen die zierlichen Häuser hinter der Hafenkante stetig an. Sie waren alle mehrstöckig, meist drei Stockwerke und einem Spitzdach. Die Häuser am Hafen gehörten wohl dem Mittelstand. Ob diese Stadt überhaupt Armut kannte? Das Klatschen des Ankers riss Vigor aus seinem Gedankengang.
Die breite Planke wurde wieder von Bord gehievt. Interessanterweise waren Vigor, Volker und der Dorfschulmeister mit Wagen und Gefolge nicht nur die Ersten an Bord gewesen. Nun wurden sie auch zuerst von Bord gelassen. Wieder fiel Vigor dies auf, der an die Standesgepflogenheiten aus Adelssicht nicht gewohnt war. Fasziniert beobachtete der Junge mit welchem Aufwand auf dem Schiff rangiert wurde, nur um sie vorzulassen. Es ging an vier Fuhrwerken vorbei, einem halben dutzend Besatzungsmitgliedern, die sich allesamt verbeugten, neugierigen Passagieren und über die Planke in eine irgendwie andere Welt. Volker ritt erst vor, dann neben ihnen her. Der Wagen rollte mit knirschendem Schaben über das ebene Pflaster aus großen Sandsteinplatten. Aus dem gelben Sandstein bestanden alle umliegenden Klippen und war daher schnell verfügbares Baumaterial. Daneben gab es die Backsteine und zu allem Überfluss den Marmor. Sie hielten vor einem schmalen, vierstöckigen Sandsteinhaus mit dicken Säulen und Gewänden. Es war kleiner als einige Häuser drumherum, wirkte sehr robust wie eine winzige Burg mit seinen kleinen Spitzbogenfenstern. Es war das Haus des Hafenmeisters.
»Ich muss kurz unsere Papier unterzeichnen lassen.« Der Dorfschulmeister stieg ab und verschwand hinter der dicken Eichentür. Die beiden Jungen sahen sich um, dann einander an.
»Hier haben einige Leute zu viel Geld«, bemerkte Volker.
»Sieht so aus«, nickte Vigor. »Schloss neben Schloss.«
Hinter ihnen hielt der Reisewagen des Kaufmanns, der auf ihrer Fähre mitgereist war. Auch der Kaufmann verschwand im Haus des Hafenmeisters. Gleichzeitig kam der Dorfschulmeister wieder heraus. Sie fuhren die Hafenpromenade entlang und unter dem mächtigen Palast vorbei. Der vor ihnen in den Himmel wuchs, wie ein von Menschen gebauter Felsvorsprung. Obwohl er weit über dem Hügel thronte, auf dem er und die Nachbarhäuser standen, gingen seine Stockwerke so weit den Hang hinunter, dass er nur etwa eine Häuserhöhe von der Uferpromenade entfernt endete. Es war eindeutig kein Verteidigungsbau. Die Unzahl von gelben Backsteinen, die aufgemauert waren, empfand Vigor als schwindelerregend. Ein so großes Haus mit großen Steinen zu bauen, wäre doch viel sinnvoller. Gewände und Simse waren aus roten Backsteinen zusammengesetzt. Das Schloss war ein riesiges Backsteinpuzzle mit ungefähr hunderttausend Teilen oder so. Vigor zählte die weiten Fenster. Der Palast hatte mindestens acht volle Stockwerke und darüber einen hoch aufragenden Dachstuhl mit schwarzen Schieferschindeln. Mit dem mehrstöckigen Dach kam der Palast auf genau zwölf Geschosse. Alle Fenster waren rechteckig, nur in einem Stockwerk waren sie halbrund und deutlich größer als die anderen. Das Stockwerk befand sich drei Fensterreihen unterhalb der Dachkante. Warum dem so war, erschloss sich Vigor aber nicht. Über jenem Stockwerk wand sich eine Terrasse an der Fassade entlang. Sie bogen um eine Kurve und das Schloss verschwand außer Sicht.
Dafür wurden dem Jungen die recht großen Häuser gewahr, die links und rechts auf den steilen Hängen der südlichen Klippe und des Schlosshügels standen. Ihre prächtigen Fassaden lugten hinter alten Bäumen hervor. Die Straße folgte einem Klamm, den ein Bach gegraben hatte und wie ein Park gestaltet war. Über die Straße führte eine prunkvolle Eisenbrücke, die die Stadtteile verband.
»Der Park hier sind die Villengärten und der Talpark«, bemerkte der Dorfschulmeister während er um sich deutete. Eine Abzweigung nach rechts nahm der Wagen und nun begrenzten geschlossene Reihen großer Stadthäuser die Straße, während sie weiter den Hügel hinaufstiegen. Oben steuerte sie der Dorfschulmeister zielbewusst auf den den Schlossplatz mit einem Garten und Brunnen in der Mitte. Der Wagen mit den Reitern immer noch dahinter überquerte den Platz um vor dem Schloss, nahe dem Brunnen anzuhalten. Auf der Schlossseite durfte wahrscheinlich nur der Goldene Magier stehen bleiben.
»Bleibt hier«, meinte der Dorfschulmeister, als er vom Wagenbock stieg und Vigor bereits aufstand. »Ich muss kurz im Palast etwas abgeben.«
»Können wir nicht mit?«, fragte Volker, noch schneller als Vigor.
»Nein, das würde die Sache nur verzögern.«
Die beiden Jungen sahen ihn fragend an.
»Ihr seid weder mächtige Herrscher noch Mitglieder der Sonnenakademie«, erklärte der Dorfschulmeister. »Ohne Audienz kommt ihr an den Wachen hier nicht vorbei.«
Er deutete, mit einem gerollten Papier in der Hand, auf die mit langen Hellebarden bewaffneten Wachposten in gelben Uniformen, die links und rechts des Haupteingangs vor den mannsdicken, runden, fast schwarzen Marmorsäulen standen. Vigor verstand nun den Sinn der halbrunden Fenster. Das besagte Stockwerk bildete auf dem Gipfel des Hügels das Erdgeschoss und die Fenster passten zum Eingangstor. Der Lehrer schritt zügig zu den beiden Wachen hinüber. Diese machten schon von weitem eine abweisende Geste, indem sie die Hellebarden kreuzten. Der Dorfschulmeister schien aber unbeirrt zu sein. Er griff in seine Tasche und zog an einer Kette eine Goldmünze hervor, welche er dem rechten Wächter zeigte. Der Wächter nickte und die Hellebarden wichen zurück. Nun standen beide Männer stramm, bis der Dorfschulmeister an ihnen vorbei und hinter der dicken Eichentür verschwunden war. Dann widmeten sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Straße.
Die Jungen musterten das Schloss, um sich die Zeit zu vertreiben. Viel passierte auf dem Schlossplatz nicht. An allen drei Eingängen standen zwei Wachposten. Die Fenster- und Türgewände, sowie die Simse waren mit einem sehr verspielten, aufwendigen Muster behauen. Jeder Stein hatte einem Ziegler wohl mehrere Tage Arbeit gemacht. Die große Terrasse über dem Erdgeschoss umschlang das Schloss mit einem weiß bemalten, schmiedeeisernen Geländer. Das gleiche Kunstwerk des Schmiedehandwerks krönte die kuppelförmigen Dächer der vier Türme. Überhaupt hatte Vigor schon viele geschmiedete Geländer, Zäune und sonstige Abgrenzungen bemerkt. Offenbar verstanden in Sonnensee nicht nur die Ziegler, sondern auch die Eisenschmiede ihre Arbeit. Die Menschen die über dem Schlossplatz huschten, fielen Vigor und Volker nicht sonderlich auf. Es schienen mehr Wohlhabende darunter zu sein, denn ihre Kleidung war bunt und gepflegt. Aber das war schon alles. Vom Schlossplatz aus konnten die Jungen die Eisenbrücke entlang sehen. Die Anwesen auf der entfernten Seite ragten über die alten Bäume und bekräftigten mit ihrem Prunk erneut Vigors Verdacht, es wäre ein Villenviertel. Schließlich erschien der Dorfschulmeister aus dem Palast.
»So Jungs, dann geht es jetzt weiter«, sagte er, ohne ein Wort darüber zu verlieren, was er eigentlich gerade getan hatte. Vigor dachte sich, dass der alte Lehrer nicht darüber reden wollte. Volker dachte sich das auch, allerdings wollte er es nicht dabei bewenden lassen.
»Was hattet Ihr den zu erledigen?«, fragte er, während er auf Obsidan, neben dem Wagenbock her ritt.
»Ach...«, fing der Dorfschulmeister an. »Ich habe nur Vigors Kurswechsel beantragt. Der Hafenmeister sagte mir, dass ich den Sohn des Golden Magiers im Palast finde. Er ist für die Akademie zuständig.«
»Ach...«, meinte Volker, »so.« Er wunderte sich, was der Dorfschulmeister verheimlichte. Vigor grinste, wenn sie schon mal beim Bohren waren, dann könnte er ja auch dicke Bretter versuchen.
»Herr Lehrer, was ist das eigentlich für ein Medaillon an dieser Kette?« Vigor deutete auf die Hose des Dorfschulmeisters.
»Euch Zweien entgeht auch nichts, oder?«
Der alte Lehrer lachte und zog das Goldmedaillon aus der Tasche. Es war ein sehr großes Goldstück mit einer eingravierten Sonne in einem zwölfstrahligen Stern darauf, auf beiden Seiten. »Das ist der Nachweis, dass ich zum Rat der Sonne gehöre.«
»Was ist das?«, fragte Vigor weiter.
»Das ist ein Zusammenschluss von Gelehrten, die sich unter Führung des Goldenen Turms regelmäßig treffen, austauschen und einander informieren. Alle Mitglieder des Rates haben das Ziel die Welt ins Licht zu führen und die Mächte der Finsternis zurückzuschlagen.«
»Klingt sehr dramatisch«, bemerkte Vigor.
»Dramatischer als es ist«, erzählte der Dorfschulmeister. »Meistens analysieren wir irgendwelche Indizien und Entwicklungen für irgendetwas.«
Zwischenzeitlich passierten sie ein weiteres, prächtiges Schloss aus rotem Backstein geziert mit gelben Sandsteingewänden und zahlreichen, quadratischen Türmen. Es war deutlich kleiner als der Palast, allerdings glichen die großen, teilweise bunt verglasten Fenster und die geschwungenen Kuppeldächer aus grün angelaufenem Kupfer dies wieder aus. Der Eigentümer hatte offensichtlich Macht und Ansehen. Der Dorfschulmeister folgte Vigors Blick.
»Das hier ist das Grafenschloss, der Herren von Skard. Gründer der Grafschaft und Stadt Sonnensee.«
Der Junge nickte. Die Häuser schrumpften nicht. Doch nach einer Biegung stieg der Hügel weiter an. Die Straße, mit dem hier eindeutig nichtssagenden Namen Schlossstraße, führte schnurgerade hoch auf die Klippe nach Nordosten hin, dann wandte sie sich nach Osten. Dort konnten die Jungen bereits die Umrisse der Burg ausmachen. Vor den sandsteingelben Burgmauern stand ein kleines, dreistöckiges Schloss auf der linken Seite, mit zwei dicken runden Türmen. Es war mit Schießscharten gekrönt und wirkte ein bisschen wie eine verspielte Vorburg. Doch mit der eigentlichen Wehranlage nichts zu tun hatte. Der graue Stein der Schlosswände war zum Teil weiß gestrichen und die vielen Spitzbogenfenster machten es nicht gerade wehrhaft. Beim Vorbeifahren sah Vigor, dass es einen ziemlich weitläufigen Seitenflügel hatte und als Dreiseitenhof angelegt war. Auf jeden Fall bot es eine erstklassige Aussicht, da sich der Hügel zu einem Grat verengte, der neben dem Schloss, nur noch für die Straße Platz ließ. Der Eigentümer hatte also völlig freie Sicht nach zwei bis drei Seiten. Hinter dem Schloss konnte Vigor eine weitere Bucht mit noch mehr Stadt drumherum entdecken.
»Das hier ist das Schloss am See«, erzählte der Dorfschulmeister. »Wichtig zu wissen, denn hier wohnt euer zukünftiger Schulmeister.«
»Sonnenorden Junior?«, fragte Volker nach.
»Richtig, das ist der Sitz von ihm und seiner Familie.«
»Und was ist mit dem großen Palast?«, wunderte sich Vigor.
»Dort wohnt Sonnenorden Senior.«
Vigor schüttelte den Kopf. Kein Wunder, dass es hier so viele Schlösser gab, wenn jeder aus der Familie sein Eigenes brauchte. Bis dann auch die Großtante der Exfreundin ihr Herrenhaus hatte, bekam man eine Stadt schon voll.
Der Grat stieg zwischen die Bäume und den immer steileren Abhang. Schließlich gab eine Linkskurve den Blick auf das Torgebäude frei. Das Torhaus war mit zwei dicken, runden Türmen befestigt, die kaum höher als die Burgmauer und mit einem Flachdach und Zinnen versehen waren. Links hatte der Wehrgang noch zwei Türme ähnlichen Formats bevor die Klippe dort endete. Rechts vom Tor zog sich die Mauer mit einem scharfen Knick entlang des Fels, bevor die Ringmauer nach einem weiteren Knick die lange Südseite der Klippe mit etlichen Türmen befestigte. Die Wand war schlichtes Bruchsteinmauerwerk mit auf Rundbögen überhängender Brüstung und symmetrischen Zinnen. Wächter sahen Vigor und Volker auf den Wandelgängen allerdings keine. Die Klippe fiel unter der Burg fast senkrecht ab.
3. Kapitel: Schlägerei
Das Tor stand offen und der Dorfschulmeister lenkte seinen Wallach durch das Torhaus. Sie kamen in eine schmale Vorburg, denn der Grat war nur so breit wie das Torhaus und die beiden Türme links davon. Die dreieckige Befestigung ging auf der rechten Seite über eine Steinbrücke in den nächsten Teil der Burg auf der eigentlichen Klippe. Davor stand eine Baracke, aus der ihnen zwei Wächter in gelben Gewändern entgegentraten. Der Dorfschulmeister hielt sein Pferd an. Volker und der Rest der Karawane warteten dahinter. Einer der Wächter sprach den Lehrer an. »Die Jungen da rüber.«
Er deutete auf die Sackgasse auf der linken Seite der Vorburg, unterhalb der beiden Türme. Dort auf dem Rasen tummelten sich schon ganz viele Jungen, die offenbar ebenfalls warteten.
»So ihr zwei, dann steigt jetzt bitte ab und geht dort hinüber«, sprach der alte Lehrer.
»Und was dann?«
»Wartet dort auf Anweisungen.«
»Was ist mit meinem Pferd?«, fragte Volker.
»Das nehme ich mit hinein«, erwiderte der Dorfschulmeister. »Gebt Eure Zügel, einem der Männer.«
Volker nickte, stieg aus dem Sattel und lud mit einem Handzeichen einen der Reiter ein, die Zügel von Obsidan zu führen. Die Lederriemen hingen jungfräulich um dessen Hals. Volker hatte sie anlegen müssen. Benutzen tat er die Zügel trotzdem nicht, bei so einem Schlenderritt schon gar nicht.
»Ich gebe das Gepäck noch ab und gehe dann wieder«, erklärte der Dorfschulmeister.
»Alles klar.« Vigor sprang vom Wagenbock und lief zu Volker.
»Vigor, vergiss deinen Stab nicht.«
»Brauche ich den jetzt?« Vigor empfand es als sinnlos, dass Stück Holz herumzutragen.
»Natürlich«, antwortete der Lehrer.
Volker rollte die Augen.
»Ja, klar«, beschwichtigte Vigor, als er Volkers Blick sah. »Ich bin ja ein Magier. Schon verstanden.«
Während der Dorfschulmeister über die bewehrte Brücke verschwand schritten die beiden zu den Jungen auf der Wiese.
Fast vierzig Jugendliche, alle im Alter von Vigor und Volker, lungerten im Gras herum. Vierzehn war das Standardalter für den Einstieg in die höheren Abschlüsse der Sonnenakademie. Darüber gab es nur noch die akademischen Grade für den Fall, dass sich jemand für ein Studium entscheiden sollte. Dies war aber noch teurer, seltener und vor allem schwerer als die Ausbildungen. Einige waren schon eine ganze Weile hier und langweilten sich. Bis zum Nachmittag hatten alle neuen Schüler der Sonnenakademie Zeit anzureisen. Und vor dem Anreiseschluss schien sich niemand mit ihnen beschäftigen zu wollen. Während der letzten Stunde reiste niemand mehr an. Vigor und Volker waren wohl die Letzten. Aber das machte ja nichts. Die Jungen tauschten sich über ihre Herkünfte und Titel aus. Vigor fand das ein bescheuertes Thema. Offenbar hatte sich auch schon herumgesprochen, dass jemand niederer Herkunft aufgenommen werden sollte. Letztendlich versuchten sie diesen jetzt schon heraus zu sieben und eine Hackordnung anhand ihrer Familientitel festzulegen. Ein schlanker Junge, von ähnlicher Statur wie Vigor, war federführend. Im Gegensatz zu den meisten stand er und stellte sich den beiden Neuankömmlingen vor.
»Ich bin Graf Heribert von und zu Aura; Magier des Olivfarbenen Turms.«
Volker sah Vigor an und rollte gelangweilt die Augen. Vigor grinste.
»Und mit wem habe ich die Ehre?«, bestand Heribert.
»Volker, Großherzog von Starkenberg; Militärische Großmacht im Glockenbündnis.«
Heribert nickte und sah Vigor interessiert an.
»Äh, Vigor.« Er hatte absolut keinen Plan was er sagen sollte. Wenn er gewusst hätte, wie früh diese Spielchen anfingen, hätte er sich darauf vorbereitet, aber so.
»Vigor und weiter?«, hakte Heribert nach.
Vigor drehte sich zu Volker.
»Of Evil«, flüsterte er seinem Freund ins Ohr. Volker grinste, schüttelte dann aber den Kopf. Schade, dachte sich Vigor. Heribert hätte bestimmt ein Gesicht gemacht.
Heribert runzelte die Stirn. »Was gibt es da zu flüstern?«
»Hm«, überlegte Volker. »Geht dich unter Umständen nichts an.«
»Ich bin ein Magier, mich geht alles etwas an.«
»Er ist auch einer«, entgegnete Volker. »Und ansonsten geht dich das einen feuchten Dreck an.«
»Das soll ein Magier sein.« Heribert klang abwertend. »Der ist ja so arm, der kann sich nicht mal einen Nachnamen leisten.«
»Kann ich wohl!«, widersprach Vigor. Er überlegte, ob er sich als Of Shine ausgeben sollte. Aber er traute sich nicht, es wäre schließlich gelogen.
»Was willst du hier Bauerntölpel?« Heribert hatte sein Opfer gefunden.
»Halt die Klappe.« Vigor hatte nicht vor sich Ärgern zu lassen.
»Haltet Eure Klappe, Eminenz – heißt das«, erwiderte Heribert. »Und du musst dabei auf die Knie gehen.«
Viele der anderen Jungen lachten. Sie standen auf und versammelten sich im Kreis um die drei. Denn nun gab es wenigstens etwas zu sehen und ein handfester Streit, das war schon was, fast so gut wie ein Kampf. Aber der konnte ja noch werden.
»Vor dir gehe ich mein Leben nicht in die Knie.« Vigor sah ihn mit Verachtung an. Wieder einmal hatte er diese erhabene Entschlossenheit in den Augen, die Volker schon öfter bei seinem Freund entdeckt hatte. Dieses Feuer in Vigors Augen, welches ihm schon bei seiner ersten Begegnung mit dem kleinen Jungen aufgefallen war. Es gab Vigors Lausbubengesicht den Ausdruck von Intelligenz und Macht.
Heribert war damit sichtlich überfordert. Er gab Vigor einen Stoß vor die Brust. Vigor stieß reflexartig zurück.
»Lass deine Pfoten von mir«, drohte Heribert.
»Wäre besser«, erwiderte Vigor. »Sonst habe ich dein Damenpuder an den Fingern.«
Heribert zog seinen Umhang aus und legte seinen Stab darauf. »So, du willst kämpfen? Dann komm doch, feiger Bauer!«
Er sprach vom feigen Bauern. Dennoch wollte er kein magisches Duell mit dem Bauer versuchen. Heribert war bereits aufgefallen, dass sein Diopsid auf jeden Fall unter dem Edelstein lag, den dieser fremde Junge mit sich führte. Der klare Kristall könnte ein Quarz oder gar ein weißer Topas sein und da er die Vorkenntnisse von Vigor nicht kannte, wollte Heribert es nicht auf ein Duell ankommen lassen.
Vigor legte den Stab auf die Erde. Dann zog er sich kurz entschlossen den Umhang aus und streifte das Hemd über den Kopf. Dann baute er sich vor Heribert auf. Vigor war zwar klein und schmal, aber durchtrainiert und das bemerkte auch Heribert.
»Hier bin ich.«
Die beiden stießen sich erneut vor die Brust. Dann gingen sie zum Angriff über. Gerade als Vigor Heribert in den Schwitzkasten nahm, um ihn nieder zu ringen, tauchte plötzlich ein etwa dreißigjähriger Mann aus dem Nichts auf. Er packte Vigor und Heribert an einer Schulter und zog sie auseinander. Keiner der Jungen wusste wer er war. Doch der schlanke, braunhaarige Mann trug einen strengen Blick und ein goldgelbes Gewand, einen langen Mahagonistab mit einem gelben Moissanit im Treppenschliff an der Spitze. Er hielt sich nicht mit der eigenen Vorstellung auf. Wer er war, würden die Schüler bald genug erfahren. Stattdessen gab er Anweisungen. »Schluss mit der Rauferei! Schlag zwölf beginnen wir und ich erwarte ein ordentliches Erscheinungsbild.«
Dann verschwand er wieder.
»Da steht er unser Nackedei, wie unsere Bauern auf dem Felde«, stachelte Heribert. »Wahrscheinlich ist das sein einziges Hemd, also hat er Angst darum.«
Die umstehenden Schüler lachten wieder. Wer bitte schön besaß nur ein Hemd? Selbst ein Bauer hatte mehr davon, glaubten diese Jungen zumindest. Schließlich hatten sie Armut noch nie erlebt. Vigor erwiderte nichts, denn er wusste, dass Heribert zumindest zum Teil Recht hatte.
»Dieser Bauer verschmutzt unser Blut.«
Jetzt wurde es Volker zu bunt, der bislang unbeteiligt neben Vigor und Heribert stand. Er wandte sich Heribert zu und packte ihn am Kragen. Dann fuhr er mit ihm herum und riss den Jungen von den Füßen. Volker spannte den Oberarm an, beugte ihn und hob Heribert in die Luft.
»Wenn du nicht gleich die Klappe hältst, dann spuckst du den Rest des Tages Zähne mit jedem Wort.«
Heribert rührte sich nicht. Volker ließ ihn achtlos in den Dreck fallen. Heribert stand auf und ließ sich seinen Stab von einem Mitschüler reichen. Den Zauberstab richtete Heribert auf Volker und drückte dem deutlich größeren Jungen den Kristall gegen die Brust.
»So, wer spuckt hier was?«
Volker stand stocksteif da. Er bemühte sich um eine ruhige Stimme. »Und was nun? Willst du mich damit durchbohren?«
»Entschuldige dich«, forderte Heribert. »Du hast mich beschmutzt.«
»Und wenn nicht?« Volker war immer der Meinung, dass man die Alternativen kennen sollte. Heribert versetzte Volker mit seinem Stab einen Stoß gegen die Brust.
»Dann verbrenne ich dein Hemd auf deiner Haut.«
»So«, mischte sich Vigor ein. »Wer ist nun der Feigling? Stark nur mit der Waffe in der Hand.«
Einige Schüler lachten. Heribert drehte den Kopf und musterte Vigor.
»Du bist der Nächste.«
Dies war der Moment, den Volker gebraucht hatte. Er packte den Stab mit beiden Händen und schob den Kristall auf die Seite. Dann zog er Heribert an dem Holz zu sich ran. Dieser stolperte überrascht einen Schritt nach vorne. Heribert fand sich Auge in Auge mit dem großen Volker. Ohne Vorwarnung hämmerte Volker seine Faust in Heriberts Magengrube. Der schlanke Junge beugte sich vornüber. Zwei weitere Fausthiebe platzierte Volker an der gleichen Stelle. Heribert ging zu Boden, noch ehe Volker erneut zuschlagen konnte. Er beugte sich hinunter und pickte Heribert an den Haaren. Mit einem Knie nagelte Volker das Kreuz seines Gegners am Boden fest. Volker zog Heriberts Kopf nach hinten hoch.
»Richte nochmal eine Waffe auf mich«, zischte er ihm laut ins Ohr, »und ich drehe dir den Hals um!«
Heribert am Boden wimmerte. Dies wurde nun einem anderen Jungen zu viel. Er war kräftig gebaut mit blondem Haar und sprang Volker auf den Rücken. Es war Viktor, den Vigor von der Hochzeit in der Bash-Central-City erkannte. Er riss Volker nach hinten und erwischte dabei Volkers Kragen. Es gab ein lautes ratschendes Geräusch, als das Hemd riss, denn Volker drehte sich rasch um, ohne sich um Viktors Griff zu kümmern. Die beiden Jungen begannen am Boden zu raufen und zu schlagen. Viktor war stark, doch Volker genauso unterlegen wie Günther es war. Volker saß oben auf und bearbeitete Viktor mit den Fäusten. Es war ein Gefühl, das dem Prinzen neu war. Dafür mischte sich Heribert ein. Er verpasste Volker einen Tritt in die Seite. Volker zuckte kurz und Viktor konnte dem Griff entkommen. Nun packte Vigor Heribert und rang ihn zu Boden. Volker fiel auf die Seite und Viktor stürzte sich auf den am Boden liegenden Volker. Der Ringkampf brach erneut aus. Währenddessen prügelte sich Vigor mit Heribert. Heribert war überrascht, dass ein anderer auch eher schmaler Junge soviel Körperkraft mitbrachte. Doch Vigor war durch das Waisenhaus und die Schmiede harte körperliche Arbeit gewohnt und hatte in den dünnen Muskeln doch ziemlich viel Kraft. Er nagelte Heribert am Boden fest. Im Hintergrund konnten sie eine große Uhr schlagen hören. Volker und Viktor kämpften unverdrossen weiter. Dabei griff Volker bewusst Viktors Hemd, zerrte es ihm von hinten über den Kopf. Irgendetwas riss dabei.
Während Vigor Heribert am Boden hielt, beobachtete er, wie die anderen Schüler, interessiert Volkers Kampfkunst. Durch das Hemd halb über dem Kopf sah Viktor nichts mehr. Er konnte auch seine Arme nur noch eingeschränkt bewegen. Volker, der noch immer unten lag, hielt Viktor mit seiner linken Hand nach vornüber gebeugt. Die rechte Faust hämmerte Volker in Viktors Seite. Der Schlag in die Niere brach Viktors Widerstand und Volker konnte ihn mühelos auf den Rücken drehen. Wobei er nun mit der Rückseite von Viktors Hemd dessen Gesicht verdeckte. Unbewusst zählte Vigor die Glockenschläge mit, es waren zwölf. Schließlich tauchte der Magier wieder auf.
»Was ist hier los?!«, schimpfte er. »Aufhören! Sofort!«
Die Jungen ließen voneinander ab. Volker, der wie ein Reiter auf Viktors Brust saß, richtete sich auf und ließ Viktor aufstehen. Beide waren schmutzig, mit eingerissenen Hemden. Vigor hatte Heribert losgelassen. Sie waren ebenfalls aufgestanden.
»Ich hatte befohlen die Kämpfe zu unterlassen.« Er deutete auf Volker und Viktor. »Und wie seht ihr beiden aus?!«
Viktor machte ein betroffenes Gesicht. Volkers Gesichtsausdruck war nichtssagend. Er hätte jedes Kartenspiel damit gewonnen. Der Magier wandte sich an die beiden schlanken Jungen. »Und was ist mit euch?«
Dann sah er Vigor an. »Hast du kein Hemd?«
Vigor begann sich hastig einzukleiden. Heribert zog seinen Umhang wieder an.
»Als Schulleiter erwarte ich eine Erklärung«, forderte der Magier. Allen war nun klar, dass Sonnenorden Junior vor ihnen stand.
»Er hat angefangen.« Heribert deutete auf Vigor.
»Mann, du bist nicht nur feige, sondern auch noch doof«, brummte Volker. »Ich habe angefangen und nicht er. Und ansonsten war es deine Stachelei.«
Sonnenorden Junior sah Volker nachforschend an.
»Er hat mich mit einer Waffe bedroht«, erläuterte Volker. »Dafür habe ich ihn verprügelt. Dann ist der hier eingesprungen«, Volker deutete auf Viktor, »und hat sich Seine abgeholt.«
»Und ausgeteilt«, ergänzte Viktor. Es war ihm dann doch wichtig, kein Opfer zu sein.
Volker zuckte die Achseln. »Wer austeilen kann, muss auch einstecken können.«
Der Magier deutete auf Volker und Viktor. »Ihr zwei Raufbolde folgt mir. Die anderen warten auf die Einführungsmesse.«
»Aber der hier ist ein Bauerntölpel«, beklagte sich Heribert.
»Das ist uns bekannt«, erwiderte Sonnenorden Junior. »Wir verfahren entsprechend.«
»Gut.« Heribert sah Vigor triumphierend an. Vigor ignorierte ihn und sah seinem Freund nach. Der Magier führte Volker und Viktor ab. Viktor sah eingeschüchtert aus. Volker drehte den Kopf zu Vigor und winkte kurz mit breitem Grinsen.
Sonnenorden Junior führte Volker und Viktor über zwei Zugbrücken mit ihren Zwillingswehrtürmen an den Brückenköpfen in den Vorhof der Hauptburg. Nach einem zweiten Torhaus direkt neben dem mächtigen Bergfried gabelte sich der Weg. Auf einer schmalen Gasse quetschten sie sich an dem dicken Turm vorbei in den Innenhof. Dort standen noch etliche Nebengebäude und ein Brunnen. Dann führte ein viertes Torhaus mit einer Zugbrücke über einen Graben. Für den Rückweg bräuchte Volker wohl eine Karte. Volker und Viktor folgten dem Magier über die riesige Freifläche der Hinterburg. Sie liefen an der Südmauer entlang. Volker konnte die entfernte Küche in einem kleinen Gebäude mit vielen Schornsteinen erkennen, welche ein gutes Stück weiter nördlich von ihnen stand. Daneben stand eine große Halle und weit dahinter mehrere Gebäude und zwei Türme an der Ostmauer. Sie schlugen einen Bogen um einen prächtigen Bau mit vielen Fenstern, offensichtlich eine Unterkunft. Es herrschte sehr wenig Betrieb für eine Schule. Die Jungen folgten Sonnenorden Junior die gesamte Südmauer entlang, an einem kleinen Ausfalltor vorbei bis sie an den hohen Turm kamen, der die Ecke zwischen Süd- und Ostmauer bildete. Neben dem Bergfried war er der einzige eckige Turm. Der Bau war hoch, unfreundlich mit vergitterten Fenstern und eindeutig ein Gefängnis. Der geringe Umfang sprach für wenige Zellen. Die Jungen wurden an einer Treppe vorbeigeführt und zum Zellentrakt im Erdgeschoss hin. Volker war neugierig.
»Was ist denn da oben?« Er deutete die Treppe hinauf zum obersten Stockwerk.
»Das sind die Todeszellen«, antwortete Sonnenorden Junior.
»Und das heißt?«
»Dort werden jene eingesperrt, die zum Tode verurteilt wurden«, erklärte der Magier. »Auf den Zellen liegt ein Fluch. Es ist unmöglich zu entkommen. Nur der Tod kann den Gefangenen befreien.«
»Ah.«
»Wer lebend hinein geht, kommt nur tot wieder heraus.«
»Klingt gut.«
»Nein, du würdest es auch nicht überleben, selbst wenn du unschuldig wärst. Mit dem Einsperren ist die Todesstrafe also bereits vollzogen.«
Volker nickte. Die beiden Jungen wurden in einer normalen Zelle eingesperrt.
»Ihr beide habt Glück, dass ihr noch nicht dem Sonnenorden unterstandet. Sonst würde euer Verstoß gegen meine Befehle schwere Konsequenzen haben.« Sonnenorden Junior sah sie mit Nachdruck an. »Merkt euch das.«
»Warum werden wir dann überhaupt eingesperrt?«, fragte Viktor klagend.
»Weil ihr ausseht, wie Bettler«, begründete der Magier seine Entscheidung. »Niemand nimmt so am Bankett mit dem Goldenen Magier teil.«
»Wir können uns schnell umziehen«, schlug Viktor vor.
»Das hättet ihr euch vorher überlegen können«, erwiderte Sonnenorden Junior. »Der andere Junge hatte zumindest noch die Weitsicht seine Kleidung abzulegen.«
Viktor seufzte.
»Und nun entschuldigt mich, ich muss mich noch um ein anderes Problem kümmern.« Er verschwand wieder im Nichts.
»Was kämpfe ich auf in meinem festlichen Hemd?«, jammerte Viktor. »Ich hätte es doch auch ausziehen können.«
»Na ja, war halt doch sehr spontan«, antwortete Volker. »Dafür darfst du den Nachmittag mit mir verbringen. Das ist doch auch was.«
Viktor schwieg. Volker grinste frech.
4. Kapitel: Das Verhör
Die anderen Schüler marschierten einfach los und über die Brücke. Sie nahmen den gleichen Weg wie Sonnenorden Junior. Doch im Vorhof wusste keiner von ihnen mehr wohin. Ging es geradeaus durch das nächste Tor oder rechts am Bergfried vorbei? Also blieben sie stehen. Nach einer Weile tauchte Sonnenorden Junior vor ihnen auf. Die Schüler sahen ihn erwartungsvoll an.
»Wie geht es weiter?«, fragte Heribert. Er war das Warten wohl nicht gewohnt.
»Adressiert mich entsprechend.«
»Eminenz, wie geht es weiter?«, korrigierte sich Heribert.
»Für euch geht es weiter, sobald dem so ist.«
Sonnenorden Junior hatte wohl nicht vor, sich mit ihnen zu beschäftigen. Vigor grinste, dass Heribert so über den Mund gefahren bekam. Das geschah dem arroganten Schnösel ganz recht. Dann hörte er seinen Namen.
»Vigor aus Starkenberg?«
»Ja, ist anwesend, Eure Eminenz.«
Sonnenorden Junior musterte ihn lange. »Wie ist Euer Nachname?«
»Der wurde mir nicht übermittelt.«
»Ihr wollt über magische Fähigkeiten verfügen. So wurde mir übermittelt. Nun steht Ihr hier vor mir, wie der Weiße Magier höchst persönlich.«
Einige kicherten, insbesondere Heribert.
Vigor schwieg, dann strich er sich das braune Haar aus der Stirn. Der Junge wusste nicht was er sagen sollte. Er wollte sich bestimmt nicht, als hoher Magier ausgeben. Seine Kleidung war lediglich Zufall. Er konnte sich nun einmal keine Farbe leisten. Es war streng genommen auch kein richtiges Weiß, von Volkers Hemd mal abgesehen.
»Welchen magischen Kristall führt ihr?«
Vigor überlegte. Er führte gar keinen magischen Kristall, sondern hatte einen übergroßen Edelstein an einem Stock. Was für ein Stein das war, wusste er doch eigentlich nicht. Aber zugeben konnte er das auf keinen Fall.
»Bergkristall.«
Vigor hatte nicht mit der Reaktion gerechnet, die er auf seine Aussage erhielt. Die Gruppe ließ ein Raunen verlauten.
»Gut gemacht, Heribert«, rief ein Junge aus der Menge. »Schlägst dich mit einem Quarzträger.«
»Besser Quarz als Beryll«, bemerkte Heribert, in dem Versuch Vigors Stand zu schmälern.
»Klar und besser Beryll als Korund.« Der andere Junge lachte.
Sonnenorden Junior hob die Hand zu den umstehenden Schülern. Diese fielen ins Schweigen. Der Magier sah Vigor scharf an. Der Zweifel in seinem Blick entging Vigor nicht.
»Ihr wollt ein Quarzträger sein?«
Was sollten die blöden Fragen? Es war doch Vigor völlig egal, was er war. Volker hatte nun einmal diesen Bergkristall auf seinen Stab gesteckt und fertig. Er ahnte nicht, dass es eine Hierarchie der Kristalle gab und er sich mit einem Bergkristall bequem in die obere Mittelschicht der Magier katapultiert hatte.
»Warum nicht gleich Beryllträger?«, bohrte der Magier weiter, sehr zum Vergnügen von Heribert. Anscheinend griff er die Bemerkung der anderen auf. »Oder wie wäre es einen Korundträger vorzugeben?«
Sonnenorden Junior sah ihn herablassend und drohend an. Vigor wich dem Blick aus und sah auf seine Füße.
»Eure hohen Aspirationen sind offensichtlich. Schließlich stellt Ihr sie hier mit einem Brillantschliff zur Schau.«
Heribert lachte laut auf. Sonnenorden Junior kümmerte es nicht. Vigor schoss Heribert einen finsteren Blick zu. Aber er ärgerte sich auch über sich selbst. Der protzige Schliff sah schon ziemlich toll aus. Er hätte sich denken müssen, dass sich das gegen ihn wenden würde.
»Nun könnt Ihr das auch beweisen?«, fuhr der Magier fort.
Vigor sah Sonnenorden Junior an. Der Blick des Jungen war herausfordernd. Er sollte ihn testen, statt Theorien aufzustellen, die niemandem weiterhalfen.
»Folge mir!«
Sonnenorden wandte sich ab. Der Neue schien ein Störenfried zu sein. Wenn er nicht aussah wie ein Lausbub bei einem Streich, dann hatte er einen arroganten Blick. Doch der Magier wusste, was er zu tun hatte. Er führte Vigor durch das Torhaus im Schatten des Bergfrieds geradeaus durch das nächste Tor hinaus in die Hinterburg. Daneben stand ein Gebäude, dass nachträglich eingefügt worden war. Mit seinen großen, rechteckigen Fenstern passte es so gar nicht, zu der alten Verteidigungsarchitektur ringsum. Vigor folgte dem Mann quer über den weitläufigen Rasen. Auf der rechten Seite konnte Vigor die Festhalle mit ihrem spitzen Satteldach und die Küche daneben erkennen, dahinter die Südmauer mit ihren Türmen und einem großen Gebäudeblock. Sie liefen weiter auf eine andere Gebäudegruppe im Osten zu. Sie schienen sich um einen hohen Turm zu sammeln. Umso näher Vigor den Häusern kam, umso deutlicher wurde, wie weit sie voneinander entfernt waren. Das nächste Gebäude lag mittig zwischen dem Turm und der Halle. Auf diese Baracke liefen sie zu. Der Bau war zum größten Teil unterirdisch und das Waffenlager.
Sonnenorden Junior und Vigor betraten die großes Halle, die viele Säulen hatte und mit Waffen, Schildern und Rüstungen voll gestellt war. Vigor fiel auf, dass nirgendwo auch nur eine Menschenseele arbeitete. Der Junge folgte dem Magier eine schmale Wendeltreppe nach unten. Es roch nach nassem Stein und altem Holz. Sie waren nun tief unter der Erde. Sonnenorden Junior öffnete eine schwere Eichentür mit einem dicken Schlüssel. Vigor fiel spontan die Gefängnistür im Waisenhaus ein. Der Mann stieß ihn hindurch.
»Der Sonnenorden weiß, wie er mit Hochstaplern umzugehen hat.«
»A..aber«, stammelte Vigor. »Ich bin kein Hochstapler.«
Er verstand die Welt nicht mehr. Wieso war dieser Mann so gemein zu ihm? Wusste er nicht, warum man ihn für die Zaubereiausbildung vorgeschlagen hatte?
»Ich habe einen Jungen geheilt«, erklärte er. »Deswegen bin ich hier.«
»Das sagen alle.«
Sonnenorden Junior schlug die Tür hinter ihnen zu und sperrte das Licht damit aus. Der Knall hallte laut durch die Dunkelheit.
»Außer der Aussage deiner Freunde hast du keinen Beweis.«
»Es ist so dunkel hier drin«, bemerkte Vigor plötzlich. Der fensterlose Raum war schwarz wie die Nacht. Nur durch den Türspalt fiel ein schwacher Lichtschein hinein. Es war gerade genug, um die Umrisse des Magiers auszumachen, einem Schatten gleich. Vigor stolperte rückwärts. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er hatte Angst.
»Außerdem ist ein Heiler die unterste Stufe magischer Veranlagung«, bemerkte der Magier. »Ich dachte du wärst Quarzträger?«
Vigor antworte nichts. Es war ihm alles egal. Er fühlte Kälte und trotzdem schwitzte er. Die große Gestalt vor dem Jungen fing an ihn zu gruseln. Es war wie ein Albtraum.
»Darf ich gehen?«, fragte er schließlich halb flehend.
»Es gibt kein Gehen.«
Der Magier ging auf ihn zu. Vigor stolperte rückwärts. Seine Kehle war trocken. Seine Schritte hallten durch die wohl leere Halle. Er stolperte über seine eigenen Füße und stürzte. Der Stab glitt ihm aus der Hand und klapperte hallend über den kalten Sandstein. Der Junge sah die Gestalt auf sich zukommen. Er schüttelte sich als ein Schauer seinen Rücken hinunter jagte. Vigor merkte, dass er Tränen in den Augen hatte.
»Lasst mich gehen.«
Der Magier näherte sich weiter.
»Bitte...«, flehte Vigor. Er schob sich nach hinten. Die Gestalt zog ein langes Messer. Es blitzte im Licht des Türspalts kurz auf. Der Junge weinte bitterlich. Er krabbelte rückwärts zur Seite.
»Nein, bitte nicht.«
Die Gestalt war direkt vor ihm. Vigor hatte solche Angst. Seine Finger berührten ein Rundholz auf dem Boden.
»Bitte, nein...«
Die Gestalt beugte sich über ihn. Der Junge packte den Stab. Der Kristall blitzte auf. Er fühlte, die drohende Nähe der Gestalt. Er zog den Stab vor sich. Seine Tränen blendeten ihn. Da war das Messer. »Dictum Vigorus.« Das Ende des Stabs stieß gegen eine Säule. Ein roter Energiekreis entstand an dem eckigen Stein. Ein Windhauch schien kurz durch die Halle zu wehen. Der Zauberspruch spukte Vigor noch durch den Kopf. Das Messer war dicht vor seinem Hals. Dann löste sich die Energiewelle mit Wucht aus dem Stab. Vigor konnte das Holz in seinen Fingern beben fühlen. Es schien ihm die Luft zum Atmen zu nehmen. Ihm wurde schwarz vor Augen. Der Junge verlor die Besinnung und klappte zusammen.
»Incantatus de...« Sonnenorden Junior stockte ungläubig, als er den purpurroten Energiering sah. Er hatte durchaus mit einem Ringzauber wie dem weißen Energiering, einem Feuerring oder Eisring gerechnet. Doch am Farbton erkannte er, dass es eine deutlich machtvollere Inkarnation war. Der Magier wusste, dass er sie nicht brechen konnte. Er schwor sofort einen verstärkten Schild herauf, um sich vor dem Gewaltwortzauber, Dictum Manus, zu schützen. Die dicken Säulen galten als magiesicher. Sie waren also dick genug um der Zerstörungskraft von mächtiger Magie stand zu halten, selbst dem Leitspruchzauber des Ordens der Feuerglut. Doch Vigor hatte etwas ganz anderes gemurmelt und der Gewaltwortzauber war weinrot und eben nicht purpur. Die Welle zerriss die erste Säule. Als Sonnenorden Junior dem gewahr wurde, hatte sie ihn bereits erfasst. Die beiden runden Zauber berührten sich und lösten eine kleine Gegenexplosion aus. Sonnenorden Juniors Schildzauber brach unmittelbar zusammen. Die Kleidung auf seiner Haut fing Feuer. Er spürte, wie das Holz seines Zauberstabs riss und splitterte. Das Messer in seiner Hand glühte, die Klinge verbog bereits. Er ließ es fallen. Die Wucht schien an seinen Gliedmaßen zu reißen. Der Magier wurde rückwärts durch den Raum geschleudert. Sonnenorden Junior prallte mit dem Rücken hart gegen die Außenwand nahe der Tür. Er traute seinen Augen nicht, als die Welle auf ihn zuraste. Sie hatte den ganzen Raum in ein purpurrotes Licht getaucht. Die dicken Sandsteinsäulen zerbarsten wie Glas. Eine nach der anderen zerplatze, während sich der Ring ausdehnte. Benommen richtete sich der Magier auf und teleportierte sich davon, fast im gleichen Augenblick traf die Energiewelle bei ihm ein.
Sonnenorden Junior fand sich eine Sekunde später in seinen Gemächern im Schloss am See wieder. Er prallte hart auf den dicken, silberfarbenen Teppich am Boden. Einen Augenblick brauchte der Mann um vollends zu sich zu kommen.
Daher sah er nicht, was der Zauber in der Hinterburg anrichtete. Ein dumpfes Grollen kündigte ihn an. Dann schoben sich Sandsteinbrocken durch die Erde ins Gras nach oben. Plötzlich explodierte der Erdboden kreisrund um die Baracke. Die Grasnarbe, Erde und Steine wurden in die Luft geschleudert. Während eine riesige Staubwolke emporstieg, sackte das gesamte Depot auf einmal ein und brach zusammen. Das zerreißende Ziegeldach verschwand im Loch.
Schließlich stand Sonnenorden Junior auf und zog einen Bannkreis sowie mehrere Abwehr- und Tarnzauber um das Zimmer. Dabei deutete er in alle Himmelsrichtungen. Die beiden weißen Zimmertüren schlugen zu. Die goldgelben Gardinen zogen sich vor die Spitzbogenfenster. Er setzte sich auf das riesige Himmelbett mit den goldgelben Kissen und Decken. Dann sah nach seinem Stab und seinem Moissanit an der Spitze, einem der mächtigsten magischen Kristalle überhaupt. Doch der gelbe Korund war gesprungen und die Magie flackerte in kleinen Wölkchen zu ihm rüber. Sofort begann der Magier mit gleißend gelb glühenden Händen seinen Kristall zu reparieren.
»Welch eine Schande.«
Sonnenorden Junior schüttelte den Kopf. Er hatte sich von einem Kind fertig machen lassen. Noch nie hatte er erlebt, dass ein Junge einen solchen Zauberspruch heraufbeschwor. Der Kleine hatte ihn eindeutig überrumpelt, dem war sich Sonnenorden Junior sicher. Dieser Vigor war kein niederer Magier. Er war offensichtlich ein höherer Magier, oder vielmehr einer gewesen. Dass der Kleine diesen Spruch überlebt hatte, war eigentlich ausgeschlossen. Die Energie war viel zu viel für einen so kleinen Körper. Der Magier grübelte. Der Neue führte einen Bergkristall. Womöglich war er ein Verwandter des Silbernen Turms. Oder hatte er den Anfang einer neuen Familie im Rang der Hohen Magier entdeckt? Immerhin waren im letzten Krieg weite Lücken bei Beryll und Korund entstanden. Er versorgte seine Verletzungen, die Schnittwunden, Schrammen und Blutergüsse, die er von dem Zusammenstoß erlitten hatte. Dann kleidete er sich neu ein. Zunächst versuchte Sonnenorden Junior noch seinen Stab zu reparieren, von dem nur das obere Ende nicht zerborsten war. Es stellte sich schnell heraus, dass es der Schaden zu groß war.
Er öffnete einen großen Wandschrank. Dort standen mehrere baugleiche Mahagonistäbe. Es waren Reservehölzer für jene Fälle, die einem Magier in Konflikten immer mal wieder passieren konnte und er gehörte zu den Zauberern, die in dem Ruf standen keinen Kampf zu scheuen. Sonnenorden Junior setzte den nun wieder unversehrt aussehenden, gelben Moissanit auf einen neuen Stab. Den alten Stummel versteckte er im Schrank. Bei der nächsten Befeuerung des Kamins würde das Stück Holz einen letzten Dienst verrichten. Dann teleportierte sich Sonnenorden Junior hinaus, rüber in den Hof der Hinterburg.
Die Explosion warf den regulären Tagesablauf der Sonnenakademie komplett über den Haufen. Der laute Knall schallte durch die ganze Festung und die Wucht rüttelte an allen Fenstern der Gebäude in der Hinterburg. Es riss jeden aus seinen Studien und Aktivitäten. Die Schüler standen vor ihren Schlafstuben oder Werksälen auf der anderen Seite der Ringmauer. Eine Gruppe sammelte sich auf der Trennmauer zwischen Hauptburg und Hinterburg. Das Küchenpersonal stand vor der großen Halle neben der Küche. Hier und da standen einige Lehrer und Magier dazwischen. Auch alle Fenster füllten fragende und geschockte Gesichter. Immer weitere Schaulustige eilten auf den Hof. Wo sich eine Säule aus Rauch und Staub in den Himmel hob und vom Wind verteilt wurde. Sonnenorden Junior manifestierte sich vor dem Waffenlager. Trotz des Winds brauchte es einen Moment bis die Stelle der Baracke wieder sichtbar wurde. Ein Bild der Verwüstung bot sich dem Magier. Die ganze Halle war zusammengebrochen, der dunkelbraune Erdboden ringsum zu einem kreisrunden Krater zusammengesackt und der darunter liegende gelbe Sandsteinfels rund heraus gesprengt und an den Rändern aufgetürmt, gespickt mit dicken Mauersteinen, aus dem gleichen Material, die einst Teil der Kellerwände gewesen waren.
Einige Magier und Lehrer liefen zur Unglücksstelle und sammelten sich um Sonnenorden Junior.
»Hoffentlich war da keiner mehr drin«, bemerkte ein kleiner, dicklicher Mann mit grauem Haar und tiefen Falten. Er trug einen Schmiedehammer, statt einem Zauberstab. Der Schmied sah den jüngeren Magier neben sich fragend an. Dieser machte eine gleichgültige Geste.
»Kann man nichts machen.«
»Große Güte. Wir müssen ihn finden.«
»Denkt Ihr wirklich, dass ein kleiner Junge eine solche Katastrophe überlebt?«
»Wollt Ihr ihn liegen lassen?«
Sonnenorden Junior überlegte, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, wir werden ihn suchen.«
Er hatte sich dazu entschlossen, dass sich der Neue zumindest das Begräbnis eines Magiers verdient hatte. Er wies zwei andere Lehrer an. »Schickt die Schüler rein. Hier gibt es nichts zu sehen.«
Die Schüler wurden in ihre Säle oder Gemächer geführt. Die Magier begannen den Schutt mit Zaubersprüchen anzuheben und auf einer Seite zu türmen. Sie gruben sich langsam durch das Dach und das Erdgeschoss. Schließlich erreichten sie den Keller. Die Säulen waren komplett bis auf eine Höhe von vierzig Zentimetern abrasiert. Nur von der Säule neben Vigor, an der die Welle begonnen hatte, waren ein paar Steine mehr übrig geblieben. Dies hatte einen herunterfallenden Dachbalken abgefangen und den bewusstlosen Jungen vor dem Zerquetschen bewahrt.
»Respekt, da hat ja mal einer ausgeteilt«, bemerkte Crest. Er war nicht der größte Mann, aber für einen Magier brachte er relativ viele Muskeln mit. Sein rostrotes Haar verriet durch die grauen Strähnen, dass er auf die Fünfzig zuging. Mit ernstem Gesicht suchten sie den Krater ab. Es dauerte eine ganze Weile bis sie fündig wurden.
»Ob er noch lebt?«, fragte der Schmied, als sie den kleinen Körper entdeckten.
»Sehen wir nach.«
Die Magier teleportierten sich ins Trümmerfeld zu Vigor. Er lag regungslos von Steinen und Splittern getroffen und blutig geschlagen. Das Lausbubengesicht war mit geschlossenen Augen auf die Seite gekippt. Blut tropfte von der Stirn. Das dichte braune Haar war so voller Staub, dass es auch der graue Haarschopf eines Greises sein könnte. Der Stab lag in der offenen Hand mit einer schwarzen Brandwunde in der Handfläche. Der Schmied musterte den Jungen.
»Meine Güte, das ist auch noch einer von den ganz Kleinen.«
»Was sonst«, erwiderte Sonnenorden Junior. »Es ist ein Neuzugang.«
»Die gibt es auch in zwei Nummern größer.«
Sonnenorden Junior beugte sich hinunter und tastete mit der Hand nach Vigors staubigem Hals. Crest runzelte die Stirn. Fasziniert war er von der Tatsache, dass der Stab unversehrt und sauber war. Der Edelstein am Ende blitzte im Sonnenlicht.
»Ich bringe ihn in den Krankenflügel«, meinte Sonnenorden Junior. »Ich habe das Gefühl, einen nicht uninteressanten Neuling für die Akademie gefunden zu haben.«
Crest und der Schmied nickten. Sonnenorden Junior verschwand mit dem bewusstlosen Vigor in den Armen.
5. Kapitel: Der Eid des Sonnenordens
Vigor öffnete die Augen. Neben sich sah er fünf weitere Betten mit dicken, weiß bezogenen Kissen und Daunendecken. Nachttische und Bettgestelle waren aus schlicht gezimmertem Birkenholz. Sie standen auf dem nackten, dunkelbraun gebeizten Dielenboden. Er war allein und lag offenkundig in einem Krankenzimmer irgendwo in einem Obergeschoss der Sonnenakademie. Zwischen den weißen, geschwungenem Holzvertäfelungen ließen große, rechteckige Sprossenfenster viel Licht hinein, dass sich durch die Regenwolken kämpfen musste. Er hatte einen Verdacht wo er war und sah im Bett liegend hinaus. Die Wiese der Hinterburg lag im trüben Grau des Morgens. Der Wind der über die Klippe jagte, rüttelte an den Fenstern. Die Ruhe war erholsam, aber ungewohnt, auch weil er die letzten Jahre zumeist in Gruppenzimmern verbracht hatte. Aber das war es nicht. Schließlich hatte er in der Schmiede auch allein geschlafen. Das Gefühl war vertraut, nicht angenehm aber vertraut. Vigor fühlte sich einsam und allein gelassen. Irgendwie drängte sich ihm die Frage auf, ob er zuvor verlassen worden war. Er wusste es nicht. Komischerweise überlagerte die empfundene Einsamkeit auch jede Furcht vor Gefahr. Vielleicht auch deshalb, da ihm seine eigene Bedrohungslage unbekannt war. Was würde er tun, wenn wieder etwas passieren würde?
In diesem Moment kam Sonnenorden Junior herein, begleitet von einem Mann von vielleicht dreißig. Der Arzt war ein junger Magier in weiß und goldfarbener Gewandung, strohblondem Haar und einem freundlichen Gesicht. Sie sprachen in Flüsterstimme miteinander, ohne auf Vigor zu achten. Der Junge verkroch sich in seinem Bett und horchte durch ein kleines Guckloch zu.
»Ich möchte mit der Vernehmung anfangen, ist er dazu fähig?«, fragte Sonnenorden Junior.
»Ja, Eminenz«, erwiderte der Arzt. »Er ist aber noch sehr schwach, Ihr solltet nicht zu viel von ihm verlangen.«
»Das stört nicht, manchmal macht es die Sache einfacher.«
»Wünscht seine Eminenz der Goldene Magier nicht, den Patienten zu sehen?«, fragte der Arzt.
»Nein, mein Vater überlässt die Ausbildung voll und ganz mir«, entgegnete Sonnenorden Junior. »Für ihn sehen die Jungen sowieso alle gleich aus.«
»Trotz des außergewöhnlichen Falles nicht?«
»Nein, auch jetzt nicht. Zwischenfälle kommen vor.«
Sonnenorden Junior wollte sich die Sache gar nicht erst von seinem Vater streitig machen lassen. Am Ende würde der vielleicht einzige ungewöhnliche Fall seiner Verantwortung entzogen. Schließlich tat sich der alte Magier sehr schwer, irgendetwas aus der Hand zu geben. Sonnenorden Junior bemühte sich also, das Interesse seines Vaters so wenig wie möglich zu wecken.
»Was geschieht eigentlich mit dem Waffenlager? Wird es wieder aufgebaut.«
»Ja, und zwar genauso wie es war.«
»Nicht verstärkt, es sollte doch Zaubersprüchen standhalten können, sonst passiert vielleicht Schlimmeres.«
„So etwas ist noch nie passiert und wird auch nicht nochmal passieren. Die Konstruktion war magiesicher und hielt auch dem Gewaltwortzauber stand.“
»Aber es wurde dem Erdboden gleich gemacht.«
»Weil die Struktur bereits angegriffen und verschlissen war.«
Der Arzt nickte und drehte sich um. »Er ist wach.«
Sonnenorden Junior wandte sich zu Vigor. »Endlich.«
Er zog die Decke des Jungen zurück. Vigors Kopf und bloßer Oberkörper kamen zum Vorschein. Vigor kroch auf die andere Seite der Matratze und warf einige schnelle Blicke durch den Raum, seinen Zauberstab suchend.
»Du brauchst keine Angst zu haben«, sprach Sonnenorden Junior. »Ich werde dir nichts tun.«
Vigor sah ihn misstrauisch an. Er entdeckte seinen Zauberstab hinter dem Nachttisch an die Wand gelehnt und streckte sich danach. Seine Finger versuchten das Holz zu erhaschen.
»Wo bin ich?«, fragte Vigor, um Zeit zu gewinnen.
»Du bist im Krankenflügel«, erklärte der Arzt.
»Was ist denn passiert?«
»Du hattest einen Unfall«, erwiderte der Arzt und sah Sonnenorden Junior fragend an. Vigor griff seinen Stab, niemand schien einen Versuch zu unternehmen, ihn zu entwaffnen.
»Versehentlich hast du eine Explosion ausgelöst und damit eine Kettenreaktion in Gang gesetzt«, ergänzte Sonnenorden Junior, »die ziemlich viel kaputt gemacht hat.«
»Oh.« Vigor klang betroffen. Er wollte seine Schule doch nicht am ersten Tag schon klein schlagen.
»Aber keine Sorge, wir kümmern uns bereits darum. Es ist allerdings ein sehr großer Schaden, weswegen es viel Zeit und Arbeit in Anspruch nimmt.«
»Das tut mir Leid.«
»Es ist alles kein Problem«, erwiderte Sonnenorden Junior, »solange du mit uns und insbesondere mit mir zusammenarbeitest.«
Vigor nickte. Der Magier wandte sich an den Arzt. »Danke, das wäre im Moment alles.«
Der Arzt verbeugte sich und verließ die Raum. Sonnenorden Junior winkte mit drei Fingern zur Tür, diese schlug zu.
»Zum einen erwarte ich von dir, dass die Geschehnisse geheim bleiben.« Der Magier sah ihn mit Nachdruck an. »Zum anderen will ich mit dir über deine Eltern reden.«
»Ihr wisst wer sie sind?«, platzte Vigor heraus. »Leben sie noch? Wo sind sie? Kann ich sie sehen?«
»Nein, ich will von dir wissen, wer deine Eltern waren und was sie taten.«
»Aber ich kenne sie nicht.«
»Was heißt du kennst sie nicht? Jeder kennt seine Eltern.«
»Ich aber nicht.«
»Das lässt sich einfach überprüfen.«
Vigor sah ihn fragend an. Sonnenorden Junior legte seine Hand Vigor auf den Kopf. Er lächelte. »Revelarus.«
Vigor hatte ein flatterndes Gefühl im Kopf. Der Magier drang in Vigors Gedächtnis ein. Er durchsuchte die Erinnerungen des Jungen; Waisenhaus, viele Reisen und diverse Freizeitspiele waren alles. An einigen Stellen schien gähnende Leere zu herrschen. Letztendlich fand der Magier nichts über Vigors Eltern.
»Hm, Gedächtnisverlust. Eines Tages wird es dir vielleicht wieder einfallen«, bemerkte Sonnenorden Junior. »Du findest dich heute Nachmittag in meinem Büro ein, damit wir die organisatorischen Angelegenheiten vor der Ausbildung regeln können.«
»Wo finde ich das?«
»Raus aus der Burg, rüber ins Schloss am See. Dort im Flügel zwischen Innenhof und Nordbucht. Ein Pförtner am Schloss wird dir den Weg erklären.«
Mit diesen Worten verließ Sonnenorden Junior den Saal. Zwei Wachleute in gelben Uniformen kamen dafür hinein. Volker stürmte an ihnen vorbei. »Vigor, du bist wach.«
»Hallo, Volker wie geht es?«
»Mir jetzt besser. Man wollte mich ewig lang nicht zu dir lassen. Und selbst?«
»Gut, habe ich viel verpasst?«
»Nein, knappe zwei Wochen, also für dich eher zwei Tage.«
»Ha ha«, erwiderte Vigor. »Ernsthaft, weil ich muss nachher schon zur Ausbildung.«
»Prima, dann kannst du gleich richtig mitmischen. Aufgemischt hast du ja schon alles.«
»Was meinst du?«
»Na ja, da war schon was los, nachdem du die Bude mal so richtig platt gemacht hattest. Schlechte Laune gehabt oder so?«
»Nein, es war ein Unfall. Die Steine waren porös und daher ist das Gebäude zusammengebrochen.«
»Zusammengebrochen?«, lachte Volker. »Du untertreibst. Das war ein Schleifen aller erster Güte und die Fetzen in alle Richtungen verteilt.«
»Das war ein Versehen.«
»Klar, man sprengt mal eben so ein Gebäude aus Versehen. Hoppla. Das war der Nachbar.« Volker grinste. »Oh, Mist, das war die Burg. Wem willst du das erzählen?«
»Dir.« Vigor streckte die Zunge heraus. »Wen sollte ich sonst für dumm verkaufen können?«
»Du warte, sonst mach ich dich in deinem Bett so platt, wie du ein massives Gewölbe. Also erzähl mir keinen Stuss.«
»Doch es war wirklich ein Unfall«, beharrte Vigor. Volker verschränkte die Arme. Vigor deutete mit den Augen Richtung Tür. Volker runzelte die Stirn.
»Das ist wie bei der ersten Nacht bei der Floßfahrt. Man muss sich in der Wortwahl immer an den Gegenüber anpassen.«
»Sonst führt es zu Missverständnissen mit jeder Menge Ärger«, erwiderte Volker. Er hatte verstanden und wechselte aus dem Stand das Thema.
»Du kannst mir auch helfen, meinen neuen Freund aufzumuntern. Er ist ein wenig niedergeschlagen.«
»Warum das?«
»Du weißt doch das übliche, Mutterverlust und so.«
»Da sind wir ja Experten drin.«
»Genau, in seinem Fall sind ein Paar Spinnen heiß auf die Braut gewesen. Also dann bis nachher und lass dich nicht von den Dämonen beißen.«
Volker verließ den Saal.
Knappe zwei Stunden nachdem Volker gegangen war, tauchte der Arzt wieder auf. »Wie fühlst du dich?«
Vigor zuckte die Achseln. »Gut, denke ich.«
»Dann kannst du gehen«, erwiderte der Arzt. »Am besten sucht du zunächst seine Eminenz im Schloss am See auf.«
»Werde ich tun.«
Vigor rappelte sich auf, schob die bloßen Füße aus dem Bett und setzte sich auf die Kante. Seine Kleidung lag säuberlich auf einem Nachttisch neben seinem Bett. Er schlüpfte wieder in seine Hose, zwängte seine Füße in die Lederbundschuhe und zog sich das Hemd über. Jedes Mal wenn er das weiße Hemd anzog und ihm der offene Kragen wieder über die Schulter rutschte, musste er daran denken, dass es Volker zu eng war. Vigor schüttelte den Kopf und zog den Ausschnitt nach vorne über die Brust. Wie konnte man in seinem Alter nur so groß sein?
»Auf dann.« Der Junge verabschiedete sich, schnappte seinen Mantel und verließ den Raum. Er folgte der Treppe hinunter ins Erdgeschoss und hinaus aus dem Krankenflügel.
Tatsächlich war er im Gebäude mit den großen, rechteckigen Fenstern. Vigor fand es das wohl wohnlichste Gebäude der Burg. Außerdem schien es auch das Eleganteste zu sein, denn die Fenstersimse waren mit Absätzen und die Wände mit Sockel und anderen Zierelementen versehen.
Vigor durchquerte das Torhaus daneben zurück in die Hauptburg. Vorbei am Bergfried zu seiner Linken und trottete er über das Ensemble aus Brücken, Türmen und Toren. Auch in der Vorburg rührte sich nichts. Lediglich im Wärterhäuschen saßen zwei Männer und sahen kurz aus dem Fenster. Das Häuschen war wohl genauso alt wie der Krankenflügel, denn es war in einem ähnlichen Baustil. Das Pflaster war nass, es musste am frühen Morgen geregnet haben. Das Haupttor hinaus auf die Straße stand offen. Vigor fand das irgendwie bescheuert. Die Festung verfügte über derart viele Verteidigungs- und Sicherheitsanlagen und so ziemlich gar keine davon wurden genutzt.
Die Stadt lag in geschäftigem Trubel vor ihm. Bereits durch das offene Tor blies der Wind Vigor ins Gesicht. Weit oben auf der Klippe schirmten nur die große Gebäude ein wenig die Böen ab. Das Schloss am See war weit größer als Vigor gedacht hatte. Alle erdenklichen Teile, sogar die wuchtigen Kamine waren mit Zinnen gekrönt. Der Repräsentationsbau mit den beiden Türmen formte lediglich den rechten, sich abspreizenden Schenkel eines Dreiseitenguts und war der Straße am nächsten. Richtung Norden lag quer die Basis, welches den dreistöckigen Wohnflügel beherbergte. Den linken Schenkel bildete ein nur zweistöckiger Bau, der offenkundig die Nutzräume wie Küche und Lager beinhaltete. Wie der Repräsentationsbau war auch das spitze Ende der Nutzräume aus gehauenen Sandsteinen aufgemauert. Weißer Putz kleidete den Rest des Schlosses und musste ständig gestrichen werden. Lediglich die Spitzbogenfenster waren stets aus dem naturbelassenen Sandstein. Den Innenhof füllte Bäume und Sträucher. Am Repräsentationsbau war in einem dreieckigen Anbau der Haupteingang angebracht.
Vigor blieb vor dem Spitzbogen in der Gartenmauer stehen mit einem Metallgatter darin, welches Vigor spontan an eine Gefängnistür erinnerte. Er sah erwartungsvoll durch die kunstvoll geschlagenen Eisenstäbe. Ein Wachmann in gelber Uniform erschien.
»Was willst du, Junge?«, fragte er.
»Ich habe eine Audienz...«, fing Vigor an. Wie lautete eigentlich die korrekte Bezeichnung des Magiers zu dem er wollte? Er wusste, dass er Sonnenorden Junior aufsuchen sollte, aber das war wohl kaum der richtige Name. Glücklicherweise schien dies den Wachmann nicht zu stören, vielleicht gab es in dem Haus nicht allzu viele Leute, mit denen man eine Audienz haben konnte. Tatsächlich konnte sich jeder aus der Wachmannschaft des Schlosses denken, dass wenn ein Schuljunge vor dem Haus des Rektors steht, der Schüler wohl zu diesem wollte.
»Du weißt, wo das Arbeitszimmer ist?«
»Nein.«
»Es ist ganz einfach. Da rein, durch die Empfangshalle, die Haupttreppe ganz hoch und dann links in den Quergang. Am Ende die Treppe hoch und dann nochmal links. Es ist die letzte Tür.«
»Ganz einfach?«, Vigor sah ihn an.
»Die Gemächer wären schwieriger zu erklären.«
»Na dann.«
Vigor lief an dem Wachmann vorbei und die Treppe hoch zur Tür. Der Garten war dicht bewachsen. Sonnenorden Junior wollte keinen großen Rasen haben. Ein Pförtner öffnete die Tür und ließ Vigor hinein.
Vigor fand das Gebäude innen so beeindruckend wie außen. Die Räume hatten knapp fünf Meter Deckenhöhe. Massiger Stuck und breite Wandtafeln zeugten von viel Geld und Macht. Das Treppengeländer war aus Baumstämmen gefertigt worden, denn Vigor konnte mit seiner Hand den Handlauf nicht umfassen, so gewaltig war er. Das dunkel gebeizte Holz führte ihn nach oben, über die knarrende Treppe. Schließlich erreichte er den zweiten Stock, der sich in seinen Beinen eher wie der Vierte anfühlte. Der Quergang war mindestens so breit wie Vigor groß und führte auf ein Spitzbogenfenster zu. Dann ging die Treppe hinauf zum Turmzimmer ab. Durch ein Fenster konnte er über den mit Zinnen gekrönten Wohnflügel blicken. Dahinter musste die Klippe steil abfallen, denn selbst neben den Schlossmauern war nur noch der Horizont zu sehen.
Vigor drehte sich zu einer großen, dunkel gebeizten Tür und klopfte. Er hörte drinnen ein leises »Öffnen.«
Dann ging die Tür auf, ein Mann mit Bart stand darin und deutete mit der Hand in den Raum. Vigor trat ein.
Das Arbeitszimmer von Sonnenorden Junior war ein rechteckiger Saal, nur an einer Seite, wo der Turm stand, war ein Halbkreisbogen aus Fenstern. Davor stand der Schreibtisch und Sonnenorden Junior saß mit dem Rücken zum Tisch und sah aus dem Fenster. Erst nachdem sich die Tür schloss, drehte sich der Magier um. Er sah Vigor an, zuckte kurz mit den Augenbrauen und schrieb dann einige schnelle Zeilen auf ein Blatt Pergament. Vigor sah, dass neben ihm und dem bärtigen Mann, ein weiterer Herr mit kupferbraunem Umhang und rotem Haar im Zimmer war. Er trug einen Stab mit einem runden Edelstein. Vigor schloss daraus, dass er ein Magier war.
»Gut«, fuhr Sonnenorden Junior fort. »Dann veranschlagen wir die Prüfung für Nebelmond. Das wäre dann alles.«
Vigor fiel auf, dass der Mann mit Bart mitschrieb. Er war wohl der Schreiber von Sonnenorden Junior.
Der andere Magier nahm das Pergament, verbeugte sich und ging zur Tür.
»Ach so, Crest«, bemerkte Sonnenorden Junior plötzlich.
Der Magier blieb stehen und sah ihn an.
»Dieser Junge hier, gehört zur neuen Jahrgangsstufe. Also zu Euren.«
Crest nickte. »Die Bettenbelegung ist schon durch. Aber ich denke dass wir im Königsblock noch Platz finden werden.«
»Nicht notwendig«, bemerkte Sonnenorden Junior. »Ich habe mit Skard gesprochen. Er war für T6 eingeplant, dort soll er jetzt auch drin bleiben.«
»Ganz wie Ihr wünscht.«
Wieder kratzte die Feder im Hintergrund.
»Er wird heute Nachmittag an allen Kursen teilnehmen«, erklärte Sonnenorden Junior. »Gebt ihm einen Überblick was er magisch aus den letzten zwei Wochen nachzuarbeiten hat.«
»Sehr gerne.« Crest nickte höflich, dann lächelte er Vigor freundlich an, drehte sich um und ging. Der Schreiber notierte im Augenblick in zwei Büchern. Vigor fiel der Zeitraum auf. Er hatte geglaubt Volker hätte einen Scherz gemacht.
»Wie ist Euer Name?«, fragte der Schreiber unvermittelt. Vigor grübelte. Das hieße er war tatsächlich zwei Wochen besinnungslos im Bett gelegen. Was er nur angestellt hatte? Hatte er jetzt eine zweite Gedächtnislücke?
»Wie ist Euer Name, junger Herr?«, wiederholte der Schreiber. Erst jetzt begriff Vigor, dass er gemeint war.
»Äh, Vigor.«
»Mit V?«, fragte der Schreiber.
»Ja.«
»Dachte ich mir«, bemerkte der Schreiber. »Dann mit ou oder doch nur mit o?«
Vigor überlegte. Halte es einfach, dachte er sich. »Nur mit o«, entschied er schließlich.
»Oh«, der Schreiber klang überrascht. »Vigor von?«, brummte der Schreiber ohne aufzublicken, während er fortwährend schrieb.
»Danke, das wäre dann alles«, warf Sonnenorden Junior ein.
»Sehr wohl«, erwiderte der Schreiber. Er brach seine Notizen und Fragen ab, während er begann aufzuräumen. »Kein Protokoll?«
»Schreiber, geht und macht eine Pause.«
»Eminenz.« Der Schreiber verbeugte sich stirnrunzelnd und verließ den Saal.
»Lasst die Tür offen.«
»Sehr wohl.«
Sonnenorden Junior musterte Vigor, während der Junge den verhallenden Schritten des Schreibers lauschte. Schließlich ging entfernt im Schloss eine Tür und es kehrte Stille ein.
»Nun Vigor«, begann Sonnenorden Junior. »Tritt hinaus auf den Flur.«
Der Junge verstand gar nichts mehr, aber tat wie befohlen. Er ging nach draußen und stand in der offenen Tür.
»Siehst du jemand?«
Vigor sah nach rechts und links. Es war niemand da.
»Nein.«
»Gut, dann komm rein und schließe die Tür.«
Nun wurde es gruselig, fand Vigor. Er schluckte. Der Magier wollte keine Zeugen. Aber wofür wollte er keine? Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube schloss Vigor die Tür hinter sich.
»Nimm Platz«, wies Sonnenorden Junior an. »Bist du schon vierzehn?«
»Angeblich schon.«
»Angeblich trifft es ziemlich gut.«
Vigor zuckte die Achseln. Woher sollte er wissen wie alt er war. Noch nicht einmal seinen Namen kannte er. Doch der Oberste Aufseher hatte ihn dreizehn geschätzt, sodass er in etwa so alt wie Volker wäre oder ein bisschen jünger halt.
»Hm, wer hat deine Unterlagen unterschrieben?«, brummte Sonnenorden Junior. Er sah einen Stoß Papier durch. »Ah, der Herr Balz. Dann wird dem so sein.«
»Was wird so sein?«
»Nun, du bist neu in dieser Welt und weder du noch deine Vorfahren haben bislang bewiesen, dass sie treu und gehorsam zum Sonnenorden und seinen Zielen stehen.«
Vigor sah den Magier an, denn er wusste nicht, was er dazu sagen sollte.
»Nun wirst du Gelegenheit bekommen, dies unter Beweis zu stellen. Die Ausbildung an der Sonnenakademie ist ein Privileg, das verdient werden muss. Es kann nicht sein, dass jemand eine Eliteausbildung genießt und uns anschließend in den Rücken fallen könnte.«
»Verstehe.«
»Aus diesem Grund wirst du einen Treueeid ableisten, der dich auf Lebenszeit an den Goldenen Turm bindet.«
»Was heißt das?« Vigor mochte das Wort anbinden gar nicht. Er dachte dabei an Fesseln.
»Du weißt sicher, was ein Lehnseid ist?«
»Ja, so ungefähr.«
»Lehnsmann und Lehnsherr sind aneinander gebunden, durch die Verpflichtungen zu Abgaben, Bewirtschaftung, Beistand und Schutz.«
Vigor nickte.
»Ähnliches gilt auch für den Treueschwur, den du ablegen musst. Der Unterschied liegt lediglich im Strafvollzug bei Eidbruch.«
Vigor runzelte die Stirn.
»Was steht darauf, wenn ein Lehnsmann seinen Eid bricht?«
»Die Todesstrafe, Eminenz.«
»Korrekt«, nickte Sonnenorden Junior. »Beim magischen Treueeid wird diese Strafe unmittelbar vollzogen.«
»Das heißt?«
»In dem Augenblick in dem du uns verrätst, stirbst du.«
Vigor machte große Augen.
»Aber du willst uns nicht verraten, oder?«, fragte Sonnenorden Junior mit einer merkwürdig freundlichen Stimme.
Der Junge wusste, dass es eine rhetorische Frage war, denn es gab nur eine Antwort darauf. Bei einem Nein, da war sich Vigor sicher, würde man ihn auf der Stelle hinrichten. Nach den Geschehnissen im Waffenlager war das hier sicherlich kein Spiel mehr. Er hatte eigentlich keine Wahl, auch wenn man ihn das wohl Glauben lassen wollte.
»Natürlich nicht.«
»Gut, dann werde ich dir in Kürze den Schwur vorsprechen und du wirst ihn wiederholen.«
Vigor nickte, irgendwie wurde ihm immer heißer.
»Zunächst musst du aber verstehen, um was es überhaupt geht.« Sonnenorden Junior hielt ihm ein Pergament hin. »Lies es.«
Vigor nahm das Blatt und begann zu lesen. Es war in südländischer Sprache verfasst mit der Überschrift: Die Maxime des Lichts: Ansichten und Prinzipien des Guten der Moderne – Aktualisierter Aufsatz von Antonius vom Lichtermeer – Magier des Weißen Turms – Zusammenfassung von Lady Margaret of Trolley, Magierin des Orangefarbenen Turms.
Alleine die ewig langen Angaben in der Überschrift versprachen einen nicht gerade spannenden Text. Der Junge überflog ihn mit den Augen. Glücklicherweise war die Kurzfassung in Stichpunkten gehalten. Vigor fand zwei Arten von Forderungen. Die eine war unverständlich und die andere vertrat die üblichen Ansichten, welche Vigor für selbstverständlich hielt.
Zunächst wurde das Leben als höchstes Gut beschrieben. Der Erhalt von Leben, insbesondere jungem Leben, das als unschuldig definiert wurde, galt als oberstes Gebot.
Als Nächstes kam die Forderung der Schwarzen Magie Grenzen zu setzen, um den Seelenfrieden zu wahren. Da Vigor absolut keine Ahnung von Schwarzer Magie hatte, stieg er an diesem Punkt aus.
Die Schlussfolgerung dass Untote zu bekämpfen waren, leuchtete ihm ein. Insbesondere nach den Erklärungen des Dorfschulmeisters im vergangenen Sommer, konnte Vigor sich ausmalen, warum die Vampire vernichtet werden sollten. Was ebenfalls gefordert wurde.
Das Konzept der Kristallgerechtigkeit verstand der Junge nicht. Es verbot die Fusion von magischen Kristallen, sowie deren feindliche Übernahme oder den Raub magischer Kräfte. Hier wurde gefordert, das für eine gerechten Magieverteilung die Zusammenführung oder Verschiebung unzulässig war und daher nicht anzustreben sei. Auch die Heirat zwischen zwei herrschenden Magiern wurde untersagt.
Das grundsätzliche Gnadengebot passte zur Leitklausel zu Beginn. Weitere Forderungen zu Ehre, Gerechtigkeit, Treue und Sittlichkeit schlugen die Brücke zum Kodex der Ritter und dem Königskodex nach Keeper, die Vigor zwar nicht im Detail kannte, aber von denen er teilweise im Schulunterricht in Waldfischweiler gehört hatte.
Vigor war froh, dass diese Lady Margaret offensichtlich sehr bemüht um schülergerechte Textlängen war. Denn an den vielen Zitatzeichen, die alle zwei oder drei Worte den Originaltext unterbrachen, konnte er erkennen, dass die Aktuelle Fassung des Weißen Magiers alles andere als ein Zuckerschlecken zum Lesen war. Er würde wahrscheinlich die ganze Woche daran sitzen. Der Junge sah auf. »Fertig.«
»Gut«, nickte der Magier. »Hast du den Text verstanden?«
Wenn er nein antworten würde, stünde er wie ein Trottel da. Und letztendlich sollte er ja bloß Befehle befolgen. Er sah keinen Grund einen Versuch zu starten, sich von dem Magier die Schwarze Magie und die Kristallgerechtigkeit erklären zu lassen. Gerade bei Ersterem hatte Vigor doch ehrlich gesagt seine Zweifel, ob jemand vom SONNENorden viel von Schwarzer Magie verstand. Er nickte also.
»Gut.« Sonnenorden Junior drehte sich zur Wand. Vigor sah an ihm vorbei. Der Magier öffnete eine kleine Truhe aus purem Gold, die nicht größer war, als eine Hutschachtel. Sie stand auf einem niedrigen Gestell, dass an eine Bahre erinnerte und so weit unten, dass sie von dem Magier verdeckt war, wenn Vigor sich nicht die Mühe gemacht hätte sich aus seinem Stuhl zu heben. Die Kiste war innen vollständig mit rotem Samt ausgekleidet. In ein dickes Kissen gebetet saß eine matte, weiße Kugel von der Größe eines kleinen Balls. Darin flackerte entweder ein Licht oder die Sonne spiegelte sich vom Fenster darin.
»Komm hier her«, wies Sonnenorden Junior an. »Und lege deine Hand auf die Kugel der Wahrheit.«
»Die was?«
»Die Kugel der Wahrheit«, wiederholte der Magier. »In ihr leuchtet die altehrwürdige Flamme von Anstand und Ehre.«
Für Vigor klang Sonnenorden Junior irgendwie altbacken. Er war sich sicher, dass der Magier das schon tausend Mal gesagt hatte. Zumindest kam es ihm so vor. Der Junge berührte das raue, aber kalte Glas der Kugel. Das schwache Licht darin veränderte sich nicht, musste also aus der Kugel kommen, doch wärmen tat es auch nicht. Es war also kein Feuer darin, sondern wohl ein magisches Leuchten.
»Dann sprichst du jetzt folgendes«, fuhr der Magier fort. »Ich Vigor, gehobener Magier im Quarzstand,«
Vigor fragte sich, was das jetzt wieder heißen sollte. Vielleicht hätte er doch besser die Kristallgerechtigkeit erfragt.
»...schwöre hiermit als Schüler der Sonnenakademie im Angesicht meines Meisters, seiner Eminenz Brandolf II. vom Sonnenorden,«
Ging es nicht vielleicht ein bisschen länger? Zumindest wusste Vigor nun den korrekten Namen des Mannes.
»Du solltest anfangen nachzusprechen, oder kannst du dir das merken?«
»Bisher schon.«
»Dann bitte.«
»Ich Vigor, gehobener Magier im Quarzstand?«
Er sah Sonnenorden Junior nicken.
»Schwöre hiermit als Schüler der Sonnenakademie im Angesicht meines Meisters Brandolf II. vom Sonnenorden.«
Der Junge wartete auf die weiteren Ausführungen. Er sprach direkt dem Magier hinterher.
»Dem Goldenen Turm treu zu dienen und gehorsam zu leisten.«
»Ich befolge die Maxime des Lichts.«
»Ich unternehme keine Handlungen die gegen den Sonnenorden gerichtet sind und erfahre im Gegenzug auch keine Handlungen gegen mich.«
»Mein Schwur gilt bis zum Tod, der Bruch nimmt mir mein Leben.«
Der Junge schluckte. »Mein Schwur gilt bis zum Tod, der Bruch nimmt mir mein Leben.«
Vigor atmete durch und sah Sonnenorden Junior an.
»Du hast keinen Meineid geschworen und kannst deine Hand von der Kugel nehmen.«
Wäre auch ein komischer Start an einer Schule, direkt mit einer Lüge anzufangen. Aber woher Sonnenorden dieses Wissen nahm, fragte sich Vigor schon. Es hing wohl mit der Kugel zusammen.
»Du bist nun Schüler der Sonnenakademie«, erklärte der Magier. »Dein übergreifender Lehrmeister und Jahrgangsleiter ist Earl Morris of Crest, Magier des Kupferbraunen Turms. Untergebracht bist du bei den Rittern der Sonne. Deine Stuben- und Kampfgruppennummer ist 1T6 im Hause Turm. Der Meister deines Hauses ist Graf Albert von Skard.«
Vigor nickte. Sonnenorden Junior sah ihn an. »Merke dir diese Namen. Sie werden dir in der Burg weiterhelfen. Und nun geh.«
Vigor deutete eine Verbeugung an und schritt zur Tür. Er hörte noch wie Sonnenorden Junior die goldene Kiste schloss. Dann verließ er das Zimmer und eilte zurück.
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