Kitabı oku: «Mudlake - Willkommen in der Hölle»
MUDLAKE
WILLKOMMEN IN DER HÖLLE
1. Auflage
Veröffentlicht durch den
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Frankfurt am Main 2021
www.mantikore-verlag.de
Copyright © MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Text © M. H. Steinmetz
Umschlaggestaltung: Jelena Gajic & Matthias Lück
Lektorat: Andre Piotrowski
Satz: Karl-Heinz Zapf
VP: 314-178-01-03-0421
eISBN: 978-3-96188-143-7
M. H. Steinmetz
MUDLAKE
WILLKOMMEN IN DER HÖLLE
Roman

Inhalt
1863: Prolog
1976: Road Trip
1864: Bushwhackers Raid
1976: Die Hitze der Jugend
1864: 52 Knoten
1976: Kinder des Mais
1976: Die Carlin-Brüder
1876: Welcome to Deadwood, South Dakota
1976: The White House Inn
1976: McCall’s Prairie Market and Store
1876: Eine denkwürdige Zusammenkunft im Nuttall & Man’s
1976: Ein guter Zeitpunkt, um die Suche zu beenden
1976: JD’s Tavern
1876: The Gem Varieté Theater
1976: Carlin’s Gas Station - Best in the Northern Plains
1876: Das Loch
1976: Batterien und Bier
1976: Totenvögel
1876: Verdammt will ich sein, wenn das kein guter Tag ist!
1976: Der Käfig
1976: Du weißt, was du zu tun hast
1876: Pulverdampf und Springfield Rifles
1976: Amy-Lee
1976: Dämonen des Südens
1876: Labyrinth
1976: Friss oder stirb
1976: Haben die in Iowa noch die Todesstrafe?
1876: Annabelle
1976: Nitroglyzerin
1976: Der Olymp der Zügellosigkeit
1876: Ich mach uns eine leckere Pfanne
1976: Helter Skelter
1976: Mum kocht schon seit Jahren nicht mehr
1876: Saloon Nr. 10
1976: Weil wir das hier eben so machen
1976: Monster
1876: Toter Nummer 4 - Gott sei seiner armen Seele gnädig!
1976: Wer wird überleben und was wird von ihnen übrig sein?
1976: Kloake
1876: Augen wie geschmolzener Stahl
1976: Das ist Iowa, Babys - Schweinedung und Mais, so weit das Auge reicht
1976: Er kommt
1876: Die Paullin-Farm
1976: Fünf Minuten
1976: Schwarze Wirbel
1876: Pfade, die sich kreuzen
1976: Ein uralter, vergessener Gott
1976: Entscheidungen
1876: Mudlake
1976: Verrecke!
1976: Ketten und Haken
1876: El Diabolo
1976: Verdorben bis ins Mark
1976: Eine McCall schoss nie daneben
1876: Elenor
1976: Ich will sehen
1876: Das alte Lied von Unterdrückung und Sklaverei
1976: Die Kiste
1976: Sixgun Wedding
1876: Geschmolzenes Blei
1976: Night of the Living Dead
1876: Inferno
1976: Der mopsige Behemoth!
1876: Blaues Licht


Prolog
21. August – Lawrence, Kansas
»Treibt sie aus den Häusern!« William T. Anderson, Captain der Missouri Partisan Rangers, bellte den Befehl wie ein tollwütiger Hund und trieb seinem Pferd die Sporen in die Flanken, dass es sich vor Schmerzen schreiend aufbäumte. Mit harter Hand rang er es nieder, denn es hatte nicht aufzubegehren. Sein zerzaustes, schulterlanges Haar und der volle, aber ungepflegte Bart verliehen ihm das Aussehen eines erbarmungslosen Streiters. Die graue, zerschlissene Uniform mit den gelben Abzeichen hob sein wildes, womöglich bösartiges Wesen überdeutlich hervor. Kaltblütig schoss er einem kleinen Mädchen in den Kopf, das weinend aus einem brennenden Holzhaus stürzte. Er lachte, weil ihr Schädel unter der Einwirkung der Kugel wie eine überreife Tomate zerplatzte. Puppe und Kind fielen in den Schmutz. Der sterbende Körper scharrte im Dreck, bis die Muskeln den Tod akzeptierten. »Gewährt keine Gnade, sag ich! Kein Erbarmen!«
Die Luft war erfüllt von entsetzten, ja ungläubigen Schreien wegen der hemmungslosen Gewalt, die ein böser Gott namens Krieg über sie niedergehen ließ. Vom Weinen kleiner Kinder, die sich verzweifelt an ihre toten Mütter klammerten, die von Pferdehufen zertrampelt im Straßenschlamm lagen. Dem um Gnade flehenden Winseln junger Frauen, wenn die Raider sie an den Haaren packten und ihnen die Röcke vom Leib schnitten, damit sie über sie herfallen konnten, um ihre Löcher zu stopfen.
Eine Einheit Bushwhackers, das waren unabhängig von der regulären Armee operierende Partisanen, galoppierte johlend die Main Street entlang, trieb eine Gruppe Männer wie Rinder vor sich her. Viele der stolpernden Kerle trugen die Longjohns der vergangenen Nacht, einige rannten nackt und von Striemen überzogen um ihr armseliges Leben. Die Reiter kesselten die Männer ein und metzelten sie mit Säbeln und Bullenpeitschen nieder, bis der letzte von ihnen blutend und zerstückelt im Dreck lag.
An der großen Kreuzung zwischen der Bank und dem Vergnügungshaus für zahlungskräftige Gentlemen stürmten Bushwhackers mitsamt ihren Pferden in den Saloon, um einen zaghaft aufkommenden Widerstand einiger blau gekleideter Soldaten im Keim zu ersticken. Lachend ritten sie Tische und Stuhl zu Bruch, trieben verzweifelte Männer und Frauen nach oben und dort aus den Fenstern. Wer in den Straßenmatsch stürzte, wurde von Pferden niedergetrampelt, erschossen oder erschlagen.
Pulverdampf zog wie zäher Nebel durch die Straßen. Die Reiter trieben die Einwohner von Lawrence vor dem Saloon zusammen. Beißender Qualm vermischte sich mit dem scharfen Gestank menschlicher Ausscheidungen, weil sich viele der gequälten Menschenkreaturen vor Todesangst in die Hosen oder Röcke machten.
»Es gibt nichts Berauschenderes als den Geruch des Krieges.« Captain William Clark Quantrill saß mit einem übergeschlagenen Bein auf seinem Pferd und zog genüsslich an einer glimmenden Zigarre. Der Rauch umgab sein kantiges Gesicht wie eine düstere, Unheil verkündende Wolke. »So muss man das mit diesen Yankeeschweinen machen. Es gibt nur diesen einen, zur Hölle heiligen Weg der absoluten Tilgung.«
Eine ältere Frau in einem schlammbespritzten, schwarzen Kleid trat vor ihn hin und fiel mit gefalteten Händen auf die Knie, um für die friedliebenden Einwohner von Lawrence um Gnade zu flehen. Quantrill lachte, gab seinem Pferd die Sporen und ritt sie nieder.
Anderson zügelte sein Pferd neben ihm, ließ es aufgeregt kreiseln. »Ein paar Häuser fehlen noch, dann haben wir alle beisammen!« Er lachte rau, brachte sein Pferd durch einen brutalen Ruck an den Zügeln zum Stehen, sodass es das Maul schäumend aufriss.
Quantrills Blick huschte wie der eines Falken über die apokalyptische Szenerie. Er gab einem seiner Raider einen Wink. »Dort hinten, der Fettsack im Nachthemd!«
Der Raider johlte auf, gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte dem Fliehenden hinterher, der versuchte, eins der nahen Maisfelder zu erreichen, die Lawrence wie einen fetten Speckgürtel umgaben. Er zog seinen Säbel und spaltete dem Mann den Kopf bis zum Hals. Mit einem zweiten Hieb schlug er ihm den Schädel gänzlich ab. Der Raider sprang aus dem Sattel, zog den Kopf aus dem Dreck und schleuderte ihn lachend zwischen die Einwohner der einst blühenden Stadt, in der man sich weitab von den verhärteten Fronten des Krieges sicher gefühlt hatte.
Quantrill nickte Anderson zu, als handle es sich um die selbstverliebte Inszenierung eines verschmähten Theaterregisseurs vor einem imaginären Publikum. »Wenn du die Yankees aufhalten willst, musst du ihnen in die ungeschützte Flanke fallen … Du musst zu Satan persönlich werden, deine Männer zu Dämonen, einer fürchterlichen Geißel, der nichts heilig ist.« Er stieß eine Wolke Zigarrenrauch aus, dass sein Gesicht für einen Moment dahinter verschwand und nur der buschige Schnauzbart abstand, um sich vor dem erwachenden Tag zu verdunkeln. Seine kleinen, verkniffenen Augen krochen aus dem Dunst, sein Mund redete düstere Worte. »Werde zu Satan, sag ich, und gib dich mit keinem Geringeren zufrieden! Geh einen Pakt mit dem Bösen ein, um selbst zum Bösen zu werden, nur auf diese Weise kann es funktionieren!«
Anderson steckte seinen leer geschossenen Remington New Model Army Vorderlader weg und zog ein identisches Modell, das geladen war. Es war unmöglich, auf einem tänzelnden Pferd Pulver und Kugeln in die Kammern zu füllen und diese mit dem Ladehebel zu verpressen. »Dieser verdammte Senator James Henry Lane, wegen dem wir gekommen sind, nun, den kann keiner finden … hat sich wohl in den Mais abgesetzt. Sollen wir ’n Feuer legen, um ihn rauszutreiben, Sir?«
Quantrill schüttelte den Kopf und zeigte auf das dicht gedrängte Häuflein menschlicher Schafe. »Erst wenn wir mit denen hier fertig sind. Dazu muss ich allerdings eines von dir wissen, William.«
»Was immer Sie wollen, Sir!«
»Kannst du dir vorstellen, wie es in der Hölle zugeht?«
Anderson lachte, hob den Revolver und suchte sich ein Ziel. Er fand es in einem jungen Mann, der ihn aus der zusammengetriebenen Menge heraus anstarrte. Ein Schuldiger dessen, was in den frühen Morgenstunden über Lawrence hereingebrochen war. Einer, der nichts dagegen unternommen hatte, weil er ein Feigling war. »He du, langer Kerl!«, rief er.
Der Mann machte ein überraschtes Gesicht. Er sah sich flehend um und hoffte wohl, dass Anderson einen anderen meinte. Er senkte den Blick und nickte mit sorgenvoller Miene. Er wusste, dass seine letzte Stunde geschlagen hatte. Sein sorgfältig gestutzter Schnauzbart, das weiße Unterhemd und die feinen Hosenträger ließen auf einen Mann schließen, der eher mit Worten als mit Waffen umzugehen wusste. »Ich?«
»Ja, dich mein ich«, rief Anderson ungeduldig. »Komm hierher zu mir, Yankeeschwein!«
Der Mann tat, was Anderson wollte, sah ihn ängstlich und zugleich fragend an.
Anderson lachte. »Mein Captain hat mich gefragt, ob ich mir die Hölle vorstellen kann. Was sagst du dazu, hä?«
»Ich … ich verstehe nicht ganz. Die … Hölle?«
Anderson schoss dem Mann ins Gesicht. »Falsche Antwort, Dummkopf.« Dann, an Quantrill gewandt: »Die ganze Welt ist für mich zur Hölle geworden, seit die Yankees meine Schwester haben sterben lassen. Sie haben mir alles genommen, was ich liebte, mir die Seele aus dem Fleisch gerissen.«
Quantrill grunzte. »Ich kenne deine Geschichte, William Anderson, und ich weiß, das es ’ne beschissene Lüge ist. Du kannst überhaupt nicht lieben … Hast Pferde gestohlen, drüben in Missouri. Deinen Nachbarn in Kansas und ’nen Unschuldigen erschossen, um deinen Vater zu rächen. Die Bosheit steht dir ins Gesicht geschrieben, so sieht’s aus und nicht anders!«
Anderson wich seinem Blick nicht aus, kaute auf der Unterlippe herum. »Mein Leben ist die Hölle, Sir, das ist wahrlich nicht gelogen!«
»Dann wird es Zeit, dass du deiner Hölle ein Gesicht verpasst!« Ein aufbrausender Wind wirbelte Staub auf, der sich mit dem Pulverqualm zu einem düsteren Nebel vermischte und das Sonnenlicht über den Dächern von Lawrence fraß. Quantrill drehte sich im Sattel um, denn ihnen blieb nicht mehr viel Zeit. »Zusammentreiben und durchzählen! Ich will die Namen jedes Einzelnen dieser Schweinehunde auf einem Papier haben … Patterson, nimm dir ein paar Männer und räum die Bank aus. James, nimm dir die Geschäfte vor. Alles, was Wert hat, geht mit!«
Anderson sah auf den Leichnam ohne Gesicht hinab. Rauch stieg aus dem Loch in seinem Kopf. »Es ist so weit, Sir!«
Quantrill nickte, weil es genau das war, was er hören wollte. »Dann lass deine Hölle auf Lawrence los, Anderson. Du hast hier jetzt das Sagen!« Damit wendete er sein Pferd und preschte mit einer Handvoll Raider davon. »Wir sehen uns beim Treffpunkt in Missouri!«, rief er über die Schulter zurück, bevor ihn der pulverdampfende Nebel verschluckte.
Anderson lächelte. Er wusste, dies war sein Augenblick, und Quantrill hatte ihm diesen geschenkt. All die Wut, die sich sein Leben lang aufgestaut hatte, die ihn regelrecht dazu zwang, sich über jedes Gesetz zu erheben, zu morden und zu stehlen, wurde zu einem legitimen Mittel, um Vergeltung zu üben. Das Tor zur Hölle hatte sich aufgetan und er würde alles dafür tun, um es offen zu halten.
Um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, schoss er in die Luft. »Raiders, treibt die Frauen in die gottverdammte Kirche und vernagelt die Türen!«
Unter den etwa zweihundert zusammengetriebenen Einwohnern brach Unruhe aus. Einige besonders mutige Ehemänner wollten ihre Frauen nicht ziehen lassen, weil sie befürchteten, was zu befürchten war. Kinder klammerten sich weinend an die Beine ihrer Mütter, wurden mitgeschleift.
»Was is’n mit den Bälgern?«, wollte ein Raider wissen. Er hielt eine bluttriefende Bullenpeitsche in der Hand. Ein rauer Kerl mit faulen Zähnen, der seinen Verstand in den Wirren des Krieges verloren hatte.
»Hängt sie auf, ihr Hunde. Das soll ’n verfluchtes Mahnmal werden!«, knirschte Anderson und grinste hämisch. »Gleich hier, am Balkon des Saloons, in einer Reihe!«

Road Trip
August, irgendwo in Iowa
»The Ramones? Was is’n das für’n schräger Mist?« Jamie Peterson strich sich sein braunes, zerzaustes Haar nach hinten, riss seinen Mund auf und gähnte herzhaft, während er die Musikkassette unschlüssig in der Hand drehte. Er war müde und genervt von der langen Busfahrt, die kein Ende zu nehmen schien. Zudem schwitzte er wie ein Schwein.
»Is’ echt der Wahnsinn, ich sag’s dir! Punkrock, Mann! Hab’s im Radio aufgenommen! Brandneu, kriegst nicht in ’nem Laden hier.« Brady rutschte aufgeregt auf der durchgesessenen Sitzbank des Schulbusses umher, der sich zwischen endlos erscheinenden Maisfeldern eine Landstraße entlangquälte. Er war enttäuscht, dass Jamie die Band nicht kannte. Dass dieser sich nicht von seinem schnell und gern aufbrausenden Enthusiasmus anstecken ließ. Andererseits war es kein Wunder, wenn man ihn sich ansah, in den stets schmutzigen Jeans und dem karierten Hemd, das seine beste Zeit längst hinter sich hatte und dem der Begriff »altmodisch« geschmeichelt hätte. Brady war anders. Er trug sein Haar lang und wild, mochte T-Shirts mit V-Ausschnitt, die eng am Körper saßen, und Jeanshosen mit Schlag, wie man sie in England trug, weil das verdammt cool war. »Punkrock«, wiederholte er enttäuscht. »Der aufstrebende Protest der vergessenen Generation X!« Womöglich lag es daran, dass er achtzehn war und Jamie ein Jahr jünger.
Dämliches Landei …
»Mach mal das Fenster auf, sonst erstick ich hier noch«, maulte Jamie stattdessen und gab ihm das Tape zurück. Anscheinend merkte er, dass sein Freund angepisst war, und versuchte einzulenken. »Meinetwegen, ich hör’s mir an, wenn wir angekommen sind … dafür gibst du aber jetzt damit Ruhe, okay?«
Bradys Miene hellte sich auf. »Yeah, Mann, alles cool!« Brady fuhr sich mit den Fingern über die Lippen, mimte einen Reißverschluss. Er stellte sich auf und griff nach dem Hebel, um die Scheibe nach unten zu ziehen. Sein Kumpel hatte recht, die Luft im Bus roch in der Tat verbraucht wie abgestandener Atem. Manchmal, wenn ein Lufthauch von unten durch den Bus zog, roch es fürchterlich nach Schweiß und nassen Socken. Kein Wunder, denn die Sonne brannte nur so vom Himmel. Brady hasste den Sommer. Der August war der schlimmste Monat von allen. Dann glühte in New York, wo sie herkamen, der Asphalt und die Abgase zogen nicht mehr aus den Häuserschluchten hinaus. Aber hier auf dem Land verhielt es sich kaum besser. Hier gab es keinen Schatten, sondern nur diesen verdammten Mais.
Winzige, gelbe, alles verhöhnende Gesichter …
Er schirmte sich die Augen ab, weil ihn die tief stehende Abendsonne blendete, und ließ seinen Blick über die Maisfelder schweifen. In einiger Entfernung gab es eine Baumgruppe, dazwischen ein paar Gebäude, die marode und verlassen wirkten. Dennoch war er sich sicher, dass sich dort etwas bewegt hatte. Kaum mehr als ein huschender Schatten, der sich zwischen die windschiefen Holzbauwerke duckte, während der Bus vorüberfuhr. Er hob die Schultern, entriegelte die Scheibe und zog sie nach unten.
Krass. Wie in »The Hills Have Eyes« Jetzt ’ne Autopanne, und wir sind geliefert …
Für Brady das reinste Futter für seine ausgeprägte Fantasie. Er war ein echter Horrorfreak. Ob Filme oder Bücher, er nahm alles mit. Natürlich auch den italienischen, richtig krassen Scheiß. Die neue Generation von Filmen, in denen Blut und Gedärme nur so spitzten und es nicht ganz offensichtlich war, ob es Maske oder Snuff war. Gab ja schließlich ’ne Menge Gerüchte darüber. Einer der älteren Jungs aus dem Waisenhaus jobbte als Filmvorführer und schleuste ihn an den Wochenenden ins Kino, wenn was Entsprechendes lief. Wes Cravens »The Hills Have Eyes« hatte er letzten Sonntag gesehen. Ein Hammerfilm, der alles bisher Dagewesene übertraf.
Mutierte Freaks in den Hügeln, ahnungslose Spießer … Massaker pur!
Brady ließ sich schwer in den Sitz fallen und grinste Jamie an. Abgesehen von Punkrock-Musik gab ein weiteres Thema, das ihn brennend interessierte: Mädchen!
»Was meinst du, wer ist schärfer: die O’Hara oder die Neue, Hope?«
Jamie rieb sich die Augen. Ihm machte die Hitze arg zu schaffen. Er dachte einen Moment über Bradys Frage nach. Schwester O’Hara war ihre Lehrerin, hatte die Fahrt nach South Dakota organisiert, damit sie für den Sommer aus dem kochend heißen Moloch New York rauskamen. Er schätzte sie auf jenseits der vierzig bis knapp unter fünfzig. Ein fieses Grinsen stahl sich in sein Gesicht. »Ganz klar die O’Hara. Selbst in ’nem grauen Sack hat die ’ne rattenscharfe Figur. Außerdem«, er schnalzte mit der Zunge, »hab ich gesehen, dass sie ’ne echte Blondine ist.«
Brady musste nicht lange nachdenken, um zu wissen, was er damit meinte. »Ich dachte, Nonnen tragen diese graue Zirkuszeltunterwäsche. Alter, wir hab’n ’ne heiße Nummer als Lehrerin.« Er beugte sich verschwörerisch zu Jamie und zwinkerte ihm zu. »So wie in dem Film, den wir heimlich geschaut haben. Weißt, was ich meine.« Er kicherte. »Musst mal ’n Blick auf ihr Schwesternkleid werfen, wenn die sich bückt und sich der Stoff an ihren Körper schmiegt. Ich schwör dir, die hat nichts drunter, genau so, wie du’s sagst …«
Jamie grinste. »Yeah, ich wette, die ist …« Eine zusammengerollte Zeitschrift schlug von hinten auf seinem Kopf ein und stoppte seinen Redefluss. »Autsch …!« Jamie sprang auf und drehte sich auf der Bank um, damit er sah, wer ihn geschlagen hatte.
»Ihr seid so was von bescheuert«, kommentierte Hope sein Gespräch mit Brady. Jamie wurde feuerrot, weil ihm schlagartig bewusst war, dass sie nicht nur das mit der O’Hara mitbekommen hatte, sondern auch die Vergleichsfrage.
Gleich zu Beginn der Klassenfahrt unten durch … voll verkackt …
»Ich sollte es ihr stecken, damit sie euch die verdammten Ohren langzieht!« Sie musste alles mit angehört haben. Ihm war peinlich, dass er sich von Brady zu solchen Äußerungen hatte hinreißen lassen. Hope hatte verdammt noch mal recht, sich so aufzuregen. Jetzt galt es, Schadensbegrenzung zu betreiben, damit Hope sie nicht bei ihrer Lehrerin verpfiff. Schwester O’Hara war der Inbegriff der Unerbittlichkeit. Lachen stand bei ihr ebenso wenig auf dem Programm wie Barmherzigkeit.
Hope hatte ihn von der ersten Sekunde an fasziniert, vor allem, weil sie der Sängerin von Blondie ähnlich sah. Sie hatte glattes, weißblondes Haar, das ihr bis zum unteren Rücken reichte. Ihr knackiger Hintern und die kleinen Brüste wirkten ihrem Alter entsprechend jugendlicher als bei der Sängerin. Sie grinste die beiden Jungs keck an. »Also, wie war das denn gleich, wer schärfer ist, hm? Denkt mal genau drüber nach!«
Jamies Gesicht glühte. Er wollte im Erdboden versinken, während sich Brady auf der Bank möglichst klein machte. Hätte es einen Weg gegeben, um im Erdboden zu versinken, er hätte ihn genutzt. »Na ja, wir dachten nur …«, stammelte Jamie und rang um einen Ausweg aus der für ihn äußerst peinlichen Lage. Er sah zwar nach hinten, wo Hope mit ihren Freundinnen Cherryl und Lissy saß, war sich aber sicher, dass ihn jeder im Bus anstarrte. Er konnte ihre hämisch grinsenden Gesichter vor seinem geistigen Auge sehen, wie sie einander feixend ansahen und hinter vorgehaltener Hand tuschelten.
»Ich bezweifle, dass ihr überhaupt denken könnt«, erwiderte Hope zwinkernd und ließ sich nach hinten neben ihre Freundinnen auf die Bank fallen. Brady schielte zwischen den Sitzen hindurch. In Jamies Augen musste sie in dem Jeansmini, der geknoteten roten Bluse und den Cowboystiefeln wie eine Göttin wirken.
Sie ist ’ne verdammte Sexgöttin …
Brady beschloss, Hope sein besonderes Augenmerk zu widmen, sobald sie an ihrem Zielort in South Dakota angekommen waren. Er würde von dieser Fahrt nicht als Jungfrau zurückkehren, egal was Schwester O’Hara anstellen mochte, um ihn davon abzuhalten.
Die schwarzhaarige Lissy, die eine knallenge Schlagjeans trug, von der man denken konnte, jemand hätte sie darin eingenäht, kicherte albern. »Der sabbert doch gleich.« Sie stellte einen Fuß nach oben und spielte mit ihren rot lackierten Zehennägeln vor Jamies Gesicht herum. »Lutsch meinen Zeh, Jamie Peterson!«
Brady kniete sich jetzt ebenfalls auf die Bank, um seinem Kumpel beizustehen, der mit den Mädchen offensichtlich überfordert war. »Hey, lass Jamie in Ruhe, blöde Zicke. Spiel deine verdammten Spielchen mit ’nem anderen!«
Lissy zeigte ihm den Mittelfinger, verschränkte beleidigt die Arme und sah aus dem Fenster. »Du bist ’n Idiot!«
Die beiden anderen Mädchen kicherten. Hope strich eine Strähne aus dem Gesicht. »Lass gut sein, Brady, bist echt nicht mein Typ.«
Brady keuchte, suchte nach einer passenden Antwort, doch ihm wollte keine einfallen. Hope lähmte sein Denken, machte ihn tumb.
Cherryl, die ihren atemberaubenden Cheerleaderkörper in eins dieser Lycra-Minikleidchen zwängte, sprang in die Bresche, sah ihn mit schüchternem Augenaufschlag an und setzte einen obendrauf. »Och, is’ er jetzt traurig, der Kleine … weil er nicht mitspielen darf?« Sie schnalzte obszön mit der Zunge, um ihn zu provozieren.
Brady hasste es, wenn die Mädchen derart herablassend mit ihm redeten. Es machte ihn stinksauer. Sie hatten alle eine beschissene Kindheit hinter sich, ohne Frage. Manche von ihnen waren durch die Hölle gegangen, hatten alles verloren. Doch das St. Marys hatte sie allesamt aufgenommen, egal welche Geschichte sie ihnen auftischten oder wie daneben sie sich verhielten. Cherryl hatte kein Recht, ihn auf diese Weise fertigzumachen.
Wenn sie doch nur nicht so ein höllisch scharfes Gerät wär …
Innerlich brodelnd legte er Jamie eine Hand auf die Schulter. »Scheiß drauf, Jamie, die schafft’s nicht, dass ich mich aufrege …«
Jamies Lippen formten ein »Was soll das denn jetzt?« als stumme Frage und er ließ sich auf die Bank sinken. »Sag mal, was war’n das?«
Brady setzte sich den Kopfhörer auf und drückte auf dem klobigen Kassettenrekorder die Taste Play nach unten, bis sie laut klickte. Das Gerät hatte die Größe einer Handtasche und steckte in einer mit Löchern perforierten, braunen Kunstlederhülle. Es war schwer und unhandlich, verbrauchte außerdem eine Menge Batterien, aber das war es ihm wert. Er schob den Lautstärkeregler weit nach oben, bis die Welt im Sound von Sheena Is a Punk Rocker von den Ramones versank und er nicht mehr in dem schaukelnden, nach Schweiß stinkenden Bus saß.
Wenn wir von diesem Scheißtrip zurück sind, zieh ich los und besorge mit ’ne vernünftige Lederjacke und schwarze Jeans … Anschließend werden wir sehen, wer nur spielen will … Dann geht’s so richtig horrorfilmmäßig ab …
Als er bei Here Today, Gone Tomorrow angekommen war, stieß ihm Jamie schmerzhaft in die Rippen. Brady riss sich den Kopfhörer von den Ohren. »Mann, bist du irre?«
»Sorry, aber …« Jamie deutete nach vorne. Schwester O’Hara war aufgestanden, sah durch die Frontscheibe des Schulbusses und schien sich mit dem Fahrer zu unterhalten. Sie stand vornübergebeugt da, dass sich unter dem dünnen Stoff der sommerlichen Schwesternbekleidung ihr runder Hintern deutlich abzeichnete. Am Steuer saß der fette Mister Kindermann, der aus Louisiana kam und von allen mit seinem Vornamen Bart angesprochen werden wollte, aber in diesem lang gezogenen, bescheuerten Südstaatenslang.
Boooort …
Brady konnte die rot-verschwitzte Baseballmütze sehen, die er auf seinem footballgroßen Kopf trug, und wie sie sich nickend bewegte. Kindermann war ein geiler Bock, der den jungen Dingern hinterhergaffte, bis ihm der Sabber aus den stets feuchten Mundwinkeln tropfte. Kein Wunder, dass er sich die Finger nach dieser Fahrt geleckt hatte, denn die Hälfte der zwanzig Jugendlichen waren Mädchen.
Die fette Hand des Fahrers schaltete einen Gang runter, dann einen weiteren. Der Motor heulte protestierend und die Bremsen kreischten trocken, bis der Bus schaukelnd zum Stehen kam. Brady stand wie alle anderen auf und sah aus dem Fenster, um den Grund des ungeplanten Stopps zu erfahren. Sie befanden sich mitten im Nirgendwo auf der Landstraße, die sich wie eine schnurgerade Narbe durch die endlosen Maisfelder zog. Nichts hatte sich in den letzten Stunden an der Landschaft verändert. »Beschissene Iowa-Einöde …«
Kindermann bewegte den langen Hebel, um von seinem Sitz aus die vordere Tür zu öffnen, damit er und Schwester O’Hara aussteigen konnten. Brady fing an zu grinsen, stieß Jamie an und beugte sich dicht an das Ohr seines Freundes. »Sieh dir nur diesen geilen Hintern an. Hundertprozentig hat die nichts drunter.«
Jamie kicherte heiser, ging aber nicht auf die Bemerkung Bradys ein. »Is’n Motorradfahrer.«
Brady runzelte die Stirn. »Was?«
»Na, weswegen wir angehalten haben«, erklärte Jamie. »So’n Kerl, der mit seiner Mühle Probleme hat.«
»Ihr miesen kleinen Spacken … hab genau gehört, was ihr über unsere Lehrerin gesagt habt«, zischte ihnen Hope warnend zu, während sie an ihnen vorbeischlüpfte, um auszusteigen. »Armselige Wichser! Sollte ihr vielleicht mal stecken, was in euren kranken Birnen vorgeht.«
Jamie wurde feuerrot, obgleich er es nicht gewesen war, der das über die O’Hara gesagt hatte. Resignierend sank er auf seinen Sitzplatz zurück. »Werd nie bei der landen, solang du solchen Mist laberst …«
Brady hörte ihm nur beiläufig zu. Er dachte an etwas vollkommen anderes. An den Film The Hills Have Eyes und den Schatten, den er zwischen den verlassenen Hütten gesehen hatte. Ein geheimnisvoller Beobachter, der es vorzog, in den Schatten zu bleiben. Es passte einfach alles.
Hab doch gleich gewusst, dass die Sache spannend wird …

Bushwhackers Raid
27. September – Centralia
»Alles bereit?«
Cole Younger nickte William T. Anderson zu. »Der Bahnhofsvorsteher hat sich in die Hose geschissen, als er meinen Revolver gesehen hat. Is’ ihm braun aus den Hosenbeinen gelaufen, auf die Bodenbretter getropft. Aber er wird den Zug anhalten, so, wie er es immer tut.«
Auf der gegenüberliegenden Gleisseite der Bahnstation von Centralia lauerte Quantrill mit seinen Männern im Schatten des Mietstalls. Der Überfall auf Lawrence lag über ein Jahr zurück und vieles hatte sich verändert. Anderson folgte seinem Weg durch die Hölle, genau wie Quantrill es vorausgesagt hatte. Nachdem die Bushwhackers die zweihundertzwanzig braven Bürger von Lawrence im Namen des Krieges massakriert, verstümmelt, vergewaltigt und skalpiert hatten, meldeten sich in Andersons Kopf Stimmen zu Wort. Stimmen, die aus dem tiefsten Schlund der Hölle wisperten, dass er weitermachen sollte. Nein, dass er es musste, weil es kein Zurück mehr gab, denn dies war der nur der Anfang. Der Tropfen auf den Stein, der stetig fallen musste, um ihn auszuhöhlen. Die Stimmen forderten mehr: mehr Blut, mehr Qual, mehr Opfer. Es entstand ein Sog, der gefüttert werden wollte.
Und Anderson war bereit zu liefern. Der Krieg war ihm stets ein verlässlicher Acker gewesen, Säbel und Pistolen die passenden Werkzeuge, um ihn zu bestellen. Der Süden brachte das Argument, das er brauchte, um seine Gräueltaten zu rechtfertigen. Die Legitimation. Anderson führte inzwischen seine eigenen Reiter, die Missouri Partisan Rangers, ein wilder Haufen bärtiger, zu allem entschlossener Männer, deren Augen tief in den ausgezehrten Gesichtern lagen und leuchteten wie Mondsteine. Endlich befand er sich mit Quantrill auf Augenhöhe, obwohl dessen Rang deutlich über seinem lag. Es hatte deswegen keinen Streit zwischen den beiden Männern gegeben. Vielmehr war die Intention seines Vorgesetzten eine andere und sie kamen sich nicht mit ihren Interessen in die Quere. Während für Quantrill der Sieg der Südstaaten das höchste Ziel überhaupt zu sein schien, um nach dem Krieg in die Politik zu gehen, folgte Anderson seinen eigenen, düsteren Pfaden, die die unheimlichen Stimmen ihm diktierten.
Seine Spur zog sich wie ein mit Blut gefüllter Fluss durch Kansas und Missouri, hinterließ ausgebrannte Städte und verstümmelte Körper an seinen Ufern. Hinter vorgehaltener Hand nannte man ihn Bloody Bill Anderson. Bald galt es als schlechtes Omen, seinen Namen laut auszusprechen. Als würde man damit einen Dämon aus dem siebten Kreis der Hölle heraufbeschwören, der nach Blut und Fleisch gierte.
»Heute werden wir ein Exempel statuieren, das in die Geschichte eingehen wird«, raunte Anderson seinem Freund Cole Younger zu. »Der Zug der Northern Railroad wird nie in Macon ankommen. Niemand, der sich in dem Zug befindet, wird Macon erreichen.«
»Mir soll’s recht sein, solange genügend Yankees dabei draufgehen«, knurrte Cole und spuckte einen dicken Klumpen Kautabak in den Dreck. »Allein der Name, Northern Railroad, da könnt ich glatt kotzen …«
»Draufgehen? Zur Hölle, wir werden sie nicht nur töten, wir werden sie auseinandernehmen, bis …«
»Halt’s Maul, Frank!«, zischte Bloody Bill den Mann neben Cole Younger an. Wie sie alle trug der Reiter das Grau der Südstaaten und einen Schlapphut mit breiter Krempe. Wie bei den anderen hingen seine Perkussionsrevolver an einem Gürtel über dem Mantel, um sie jederzeit ohne viel Aufhebens ziehen zu können. Wie unter den Reitern üblich, trug er gleich mehrere der Waffen, denn im Gefecht blieb selten Zeit, diese nachzuladen. Leerschießen und wegwerfen war die Devise. Aufsammeln konnte man sie nach dem Gefecht immer noch.
»Der Zug kommt!«
Ich bin bei dir, raunte eine Stimme in Anderson Kopf. Bin es immer gewesen. In dir. Seit dem Anbeginn deiner Tage.
Nähre mich mit Blut und Seelen, und ich zeige dir deine wahre Bestimmung, die weit über die belanglosen Streitigkeiten der Menschen hinausgeht!
Anderson griff sich an die Schläfen, schwankte im Sattel und wäre womöglich sogar gestürzt, wenn Cole und Frank ihn nicht gestützt hätten. Er schlug ihre Hände weg, weil er sich die Schwäche nicht eingestehen wollte. Vor den Männern musste er stark und unerschütterlich wirken wie ein Fels. »Lasst die Finger von mir, verdammt!«
»Wohooo«, meinte Frank James und hob entschuldigend die Arme. »Spar dir deine Wut für die Yankees, Captain!«
Anderson warf ihm einen vor Hass funkelnden Blick zu. Es fiel ihm von Tag zu Tag schwerer, zwischen Freund und Feind zu unterschieden.
Verliere ich wegen all der Gräuel den Verstand?
Habe ich eine Krankheit im Kopf, einen Tumor, der auf mein Denken drückt?
Anderson schüttelte die Bedenken von sich wie ein nasser Köter den Dreck in seinem Fell. »Lassen wir die Hunde des Krieges auf sie los!«
Schwarz dampfend kündigte der stampfende Zug seine Ankunft an. Die lange Reihe von ratternden Wagen schob sich wie ein tausendfüßiges, schwarzes Insekt die Gleise entlang. Der Bahnhofsvorsteher stand wie vereinbart auf dem Bahnsteig und wedelte eifrig mit seiner roten Flagge, um dem Lokführer zu signalisieren, dass er in Centralia stoppen sollte. Kreischend schlossen sich die Bremsen des Zuges. Der Lokführer öffnete das Dampfventil, der Druck aus dem Dampfbehälter entwich mit einem Zischen. Siedend heißer, wolkiger Wasserdampf stieg auf.
Der Lokführer beugte sich aus dem Fenster und sprach mit dem Mann auf dem Bahnsteig, kaum dass die Lok zum Stehen gekommen war, was im Stampfen der Maschine allerdings unterging. Der ließ die Flagge fallen, drehte sich um, rutschte auf seinen eigenen Fäkalien aus, die sich wie ein brauner Pfad hinter ihm herzogen, und stolperte Richtung Bahnhofsgebäude davon. Der trockene Knall eines Schusses beendete seine Flucht bereits nach dem ersten Meter.
Das war Andersons Signal. Er stieß den johlenden Rebellenschrei aus und gab seinem Pferd die Sporen, das schmerzerfüllt aufschrie, nach vorne und die Böschung zum Bahnsteig hinab sprang.
Die Kriegsmaschine setzte sich in Pferdeschweiß und Pulverdampf gehüllt in Gang. Während Quantrills Männer den Lokführer und den Heizer beseitigten und jeden erschossen, der vom Zug auf den Bahnsteig sprang, nahm sich Andersons Einheit die Personenwagen von der Waldseite her vor. Sie traten die Türen ein, schossen blindlings auf jene, die in den Gängen standen, trampelten rücksichtslos über sie hinweg und trieben die panisch durcheinanderschreienden Fahrgäste durch den Zug und auf die Gleise. Dort erwartete sie bereits ein grinsender Bloody Bill Anderson, umgeben von seinen besten Schützen, die nur darauf warteten, ihre Pistolen, Säbel und Gewehre endlich einsetzen zu dürfen. Doch der ersehnte Befehl stand aus, hing in der Luft wie das Damoklesschwert am seidenen Faden.
Als Anderson sah, dass sich wie erwartet Unionssoldaten unter den Fahrgästen befanden, wandelte sich sein Grinsen zu einer hämischen Grimasse. »Trennt die Yankees vom Rest. Den anderen nehmt ab, was von Wert ist, danach macht mit ihnen, was ihr wollt!«
Der seidene Faden zwirbelte sich auf, wurde dünner. Cole Younger und Frank James übernahmen das Aussortieren der unbewaffneten Unionssoldaten. Sie trieben die teils verletzten Männer wie Vieh hinter den Zug und ließen sie sich in einer Reihe aufstellen. Da von allen Seiten Rebellen sie umgaben, blieb ihnen keine Möglichkeit zur Flucht, also hoben sie ihre Hände und ergaben sich zitternd ihrem Schicksal.
»Wo kommt ihr her, wo habt ihr gekämpft, hm?«, wollte Bloody Bill wissen. Er musste laut brüllen, um das Zischen und Stampfen der Lokomotive zu übertönen. Keiner der insgesamt dreiundzwanzig Unionssoldaten antwortete. Er ritt den ersten von ihnen, einen vollbärtigen Mann, dessen Arm in einer Verbandsschlinge steckte, kurzerhand nieder, ließ sein Pferd kreiseln und es auf seinem Oberkörper eine Parade tanzen.
Einer fasste Mut und trat, wohl in der Absicht, Schlimmeres zu vermeiden, beherzt vor. »Wir sind rechtschaffene Soldaten der Cumberland-Armee unter Generalmajor George Henry Thomas, kommen vom Atlanta-Feldzug. Die Männer fahren nach Hause zu ihren Familien, Sir, um einige Tage mit ihnen zu verbringen. Es ist nicht rechtens, sie davon abzuhalten.«
Cole hob seinen Revolver, um dem mutigen Mann eine Kugel zu verpassen. Anderson galoppierte ihm in die Schusslinie und zügelte sein Pferd dicht vor dem Gesicht des Mannes. »Glaubt ihr, ihr könnt dem Krieg einfach den Rücken kehren, hä? Glaubt ihr das ernsthaft? Dass es eine Art von Arbeit wäre, wie ein Feld zu bestellen oder ein Pferd zu beschlagen?«
»Ich weiß, wer Sie sind, Sir«, stotterte der Mann, trat von einem Bein aufs andere. Es war nicht zu übersehen, dass er Angst hatte. Trotzdem war er nach vorne getreten. Als Leutnant musste er vor seinen Männern und auch für sie geradestehen.
Bloody Bill Anderson sprang vor ihm aus dem Sattel und zog seinen langen, gebogenen Säbel. »Du tust gut daran, mich zu kennen, denn ich bin dein schlimmster Albtraum, Junge!« Die Spitze der Klinge verharrte vor dem rechten Auge des stocksteif dastehenden Mannes. »Wie ist dein Name?«, wollte Bloody Bill wissen.
»Joshua … Joshua Carr, Sir«, keuchte er in verkrampften Ton. »Aus New York, Sir.«
Bloody Bill grinste. »Bist du ein Held, Joshua Carr?«
Joshuas Kehlkopf bewegte sich hektisch auf und ab. »Nein, Sir. Nur ein … ich bin ein einfacher Lehrer. Im Frieden bringe ich Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen bei, damit aus ihnen was werden kann.«
»Ein Lehrer, sagst du? Und die hinter dir, diese zweiundzwanzig winselnden Bastarde, sind das deine gottverdammten Schüler?«
»Ich … nun ja … es sind meine Kameraden, Sir.«
Die Klingenspitze kam dem Auge näher. »Was nun, hä? Für was kämpft ihr denn eigentlich? Die Freiheit der Nigger? Das Kapital? Lincoln? Letztendlich England?« Speichel spritzte von Bloody Bills Lippen in Joshuas Gesicht, lief in zähen Fäden hinunter. Sein ungezügelter Hass auf den Norden saß unermesslich tief.
Eine Frau schrie gellend auf der von ihnen abgekehrten Seite des Zuges. Ein trockener Knall beendete ihr Geschrei. Weitere Schüsse, auf die noch mehr Schreie folgten. Quantrill hatte mit dem Aufräumen begonnen.
»Ich … zur Hölle, ich weiß es nicht, Sir!« Tränen rannen aus Joshuas Augen. Seine Knie fingen an zu zittern. Er sabberte, aber es gelang ihm dennoch, aufrecht zu stehen.
Anderson fühlte, wie sich scharfe Krallen in sein Gehirn bohrten, um es aufzuschlitzen, damit es hineingelangen konnte. Es entzog ihm die Kontrolle, war schwarz, finster und böse. Das Wort Hölle musste der Schlüssel gewesen sein, um den Wahnsinn zu entfesseln.
Ich bin da …
»Der Lehrer und seine zweiundzwanzig Schüler der Hölle, das gefällt mir«, raunte er mit deutlich dunklerer Stimme als zuvor, aber laut genug, dass jeder es hören konnte. »Dein Blut wird auf ewig mir gehören, Joshua Carr. Deins und das deiner Brut!«
»Sir, ich …«, flehte der weinende Mann und erwartete mit geschlossenen Augen den Tod.
Bloody Bill Anderson kannte kein Erbarmen. Er ließ den zitternden Mann stehen, ging zu einem rothaarigen, strubbelköpfigen Jungen von höchstens achtzehn Jahren. Er packte ihn am Schopf, zerrte ihn vor Joshua hin, wo er dem Jungen in die Kniekehlen trat, damit er vor ihm auf dem Boden hockte. »Öffne die Augen und sieh zu, Joshua Carr, denn das ist deine erste Lektion.«
Als Joshua seine tränenverschleierten Augen öffnete, hielt Anderson den Rotschopf fest an den Haaren gepackt, stemmte ihm einen Fuß in den Nacken und schnitt ihm mit einer geübten Bewegung von einem Ohr zum anderen quer über die Stirn. Der Junge schrie gellend auf, wehrte sich verzweifelt, doch Bloody Bill drückte ihn mit dem Stiefel in den Staub. Mit aller Kraft zog er den roten Schopf nach hinten. Sein Säbel vollzog seine schneidende Arbeit wie beim Häuten eines Tieres. Der Skalp löste sich vom Kopf des Jungen, dessen erstickte Schreie dumpf und in Wölkchen aus dem Staub klangen.
Joshua Carr sah schluchzend mit an, als Bloody Bill Anderson den Rothaarigen skalpierte, wie es die Indianer taten. Das war das herbeigesehnte Zeichen. Der seidene Faden riss endgültig entzwei, das Damoklesschwert sauste nieder. Andersons Männer sprangen aus den Sätteln und nahmen sich die blau berockten Schüler der Hölle vor, wie ihr Anführer es ihnen vorgemacht hatte. Manchen, die fliehen wollten, schossen sie in die Beine oder den Rücken, aber so, dass sie nicht daran starben. Denen, die ihre Fäuste hoben, schossen sie in Arme und Schultern. Was von der anderen Seite des Zuges unter Quantrills blutiger Arbeit schon schrecklich genug klang, steigerte sich unter den Säbeln und Messern der Bushwhackers zu einem rauschenden Inferno im blutroten Kleid.
Als Bloody Bill mit seinem Handwerk fertig war, ließ er von dem sich windend-wimmernden Jungen ab, ging zu Joshua und setzte ihm die blutige Haut wie eine Kappe auf den Kopf. »Willst du, dass ich das bei dir mache?«
Joshua wurde blass, würgte seine letzte Mahlzeit hervor und erbrach sich vor Andersons Stiefel. Das Blut des Jungen lief ihm aus der warmen Haut in den Nacken und übers Gesicht. »Ne-nein, Sir.«
Bloody Bill nickte zufrieden, griff dem ehemals rothaarigen, jetzt schopflosen Jungen am blutgetränkten Kragen und zog ihn in eine sitzende Position, damit er ihm Ohren, Nase und Lippen abschneiden konnte. Der Junge zitterte wie Espenlaub, spuckte blutigen Speichel, der in zähen Fäden von seinem Kinn tropfte.
Joshua weinte, während ihm Bloody Bill die fleischig-blutigen Brocken in Hemd- und Hosentaschen stopfte und auf diese klopfte, als hätte er ihm ein Geschenk von hohem Wert gemacht. Er war mit den Jungen jedoch noch längst nicht fertig, ging zu ihm zurück und zog ihn auf die Beine. Trotz der Misshandlungen gelang es dem Mann, wie ein Volltrunkener schwankend zu stehen.
Anderson Bushwhackers vollzogen an den Unionssoldaten ihr grausames Werk, das weit über Verstümmelung hinausging, während Quantrills Reiter Zug und Bahnhof anzündeten, um beides unbrauchbar zu machen. Es war ein Gemetzel ohnegleichen. Ein Fanal hemmungsloser Zerstörung, die Ausgeburt eines kranken, hasserfüllten Geistes.
Er zog einen Dolch, trat zu Joshua hin und warf ihm die Waffe vor die Füße. »Ich will, das du ihm die Kehle durchschneidest.« Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, zog er einen Remington Revolver und richtete ihn auf Joshuas Stirn. »Oder bitte mich darum, abzudrücken.«
Joshuas Augen wurden und der Blutkappe groß. »Sir, ich …«
»Du bist der göttliche Erlöser seiner Qualen. So musst du’s sehen und nicht anders.« Klackend rastete der Schlagbolzen ein.
Der Gedemütigte, der Joshua war, schnaufte durch die Nase ein, wohl um einer aufsteigenden Übelkeit Herr zu werden. Er sah erst Anderson ins Gesicht, dann in das verstümmelte des Jungen und bückte sich schließlich, um den Dolch aufzuheben.
»Gut so«, knurrte Anderson. Das sie umgebende Inferno wurde zur Nebensache, versank in einem Toben aus Nichtigkeit. »Tu, was ich sage, oder ich komme über dich wie der schlimmste aller Dämonen.« Sein mit der anderen Hand geführter Säbel schnitt quer über Joshuas Stirn, um unmissverständlich klarzustellen, dass er es ernst meinte. Joshuas Blut vermengte ich mit dem des Jungen, tauchte sein Gesicht in grelles, nasses Rot, machte es zur maskenhaften Fratze.
Joshua schloss die Augen und stieß zu. Direkt in die Brust des Jungen, der den Stoß willig in sich aufnahm, weil es für ihn in der Tat die Erlösung bedeutete. Gleichzeitig zischte Andersons Säbel durch die Luft und schlug ihm den Kopf ab.
»Sauf, du Hurensohn! Sauf das Blut deines Schülers!«, schrie er wie von Sinnen, während der enthauptete Körper gegen Joshua kippte und ihn aus dem Halsstumpf mit Blut übergoss.
Joshua brach wimmernd in die Knie und warf den Dolch weg, als hätte er sich an ihm verbrannt. Bloody Bill Anderson streichelte gedankenverloren den schmierigen Skalp auf Joshuas Kopf. »So werde ich meine zweiundzwanzig Schüler der Hölle nähren, jetzt wie in späteren Tagen …«


Die Hitze der Jugend
Vivian jauchzte vor Freude. Sie lief um die Ladentheke herum und dem Postboten entgegen, der sich mit dem größten Paket abmühte, das sie je bekommen hatte. Überhaupt war es das erste richtige Paket, das sie in ihren siebzehnjährigen Leben bekam.
Oh bitte, Herr, es muss für mich sein!
Mit einem Ruck riss sie die gläserne Ladentür auf, dass das kleine Glöckchen darüber wild bimmelte und fast durch den Laden flog. »Chuck, endlich!«, keuchte sie dem Postboten aufgeregt entgegen. »Ist das da für mich? Ist es? Ja?« Dabei deutete sie auf das Paket in seinen Händen, in das gut und gerne ein Globus gepasst hätte.
Chuck kam die dreißig Meilen von Sheldon einmal die Woche vorbei, brachte die Post und nahm neue mit. Das tat er bereits, solange sie sich erinnern konnte. Mit seinem dürren Körper und dem schmierigen, nach hinten gekämmten schütteren Haar war er wahrlich keine Augenweide. Für Vivian wirkte er heute jedoch wie ein Gott, der aus Sheldon, Iowa ins verschlafene Purgatory herabgestiegen war, um Heil zu bringen. Oder, wie heute, zumindest Pakete.
Postbote Chuck schob den Klumpen Kautabak von einer Wangentasche in die andere und nickte. »Yeah … is’ in der Tat für dich, Mädchen.« Verwundert besah er den Absender. »Kommt nicht oft vor, dass ich ’n Paket aus Übersee ausliefere … Hast ’n Freund in England, hä?«
»Brieffreundin«, beeilte sich Vivian, ihn zu verbessern, und hibbelte herum, weil er sich an dem Paket festklammerte. Es fiel ihm wohl schwer, sich davon zu trennen. »Komm schon, gib mir das Ding!«, bettelte sie.
Chuck drehte das Paket in den Händen, hob es an und roch an der verknautschten Pappe. »Hm.« Dann hielt er es sich ans Ohr und rüttelte daran. Der Inhalt klapperte. »Sach mal, was is’n das Weiteste, wo du von hier weg warst, Mädchen?«
Vivian verdrehte genervt die Augen. Sie wollte es unbedingt haben, die Pappe aufreißen, darin herumwühlen. Stattdessen stand sie vor dem Laden ihrer Eltern und musste einem Postboten dämliche Fragen beantworten. »Letztes Jahr, Sioux City, als Tante Betsy geheiratet hat. Du weißt schon, diesen Versicherungstypen, der die Farmen abgeklappert hat.« Vivian erinnerte sich nur ungern an den brütend heißen Tag zurück. Sie hatten mit Dads klapprigem Truck den ganzen Tag gebraucht, um sich in einer mit Girlanden dekorierten Turnhalle zu Tode zu langweilen und selbst gemachten Pfirsich-Eistee zu trinken. Hinterher hatte eine Woche lang ihr Magen rebelliert und sie hatte meiste Zeit kotzend über der Toilette verbracht, weil was mit dem Abendessen schiefgelaufen war. »Und du?«
Chuck lachte krächzend. Er hörte sich an wie eine alte Krähe, die Husten hatte. »Vietnam, Mädchen … das feuchte, heiße, verdammt dreckige Nam, wo man sich auf jedem Scheißhaus ’nen Tripper holt. Dein Dad kann ’n Lied von singen, sag ich dir …«
»Eine scheiß Oper aus Tod und Schmerz.« Vivian zuckte zusammen. Ihr Vater stand direkt hinter ihr. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Trotz seiner Körpergröße konnte er sich lautlos bewegen. Ertappt drehte sie sich zu ihm um. »Dad … ich mag’s nicht, wenn du dich so anschleichst.«
Bob McCall wischte sich mit einem Lappen seine blutigen Hände ab. Er hatte hinten im Kühlhaus an den Fleischpaketen gearbeitet, die Chuck wie jeden Freitag mitnehmen würde. Bob konnte in der Tat ein Lied über Vietnam singen. Zehn Jahre hatte er im Dschungel verbracht. 1975 war der Krieg vorbei gewesen und er kehrte als anderer Mensch zurück. Er hatte sein Lachen wie auch sein Leben in Saigon verloren. Bob McCall hatte nie darüber gesprochen, was er dort erlebt hatte, und sich in seiner wortkargen Art in die Arbeit im Laden gestürzt, als wäre er nie weg gewesen.
Bob nickte dem Postboten zu. »Chuck …«
Der schob den Kautabak zurück in die andere Backe. »Bob …«
»Was hast’n da?« Bob zeigte auf das Paket.
»Ist für deine Tochter … von überm Teich … England.«
»England?«
»Jepp.«
Bob nahm Chuck das Paket aus der Hand und sah es unschlüssig an. Sein von der Arbeit blutiger Daumen hinterließ einen verwischten Abdruck auf der Pappe. Dann sah er zu Vivian. »Wie kommst’n an ein Paket aus England, Tochter?«
Die rollte genervt die Augen. »Ach, komm, Dad, weißt du nicht mehr? Die Brieffreundschaftsaktion vorletztes Jahr mit der Schule in London?«
»Und was is’n da drin?«, wollte er wissen. Seinem Gesicht nach zu urteilen, dachte er darüber nach, das Paket aufzureißen, um selbst nachzusehen.
»Du weißt, wie ich über die von außerhalb denke«, brummte er missmutig.
»Dad … bitte …«
»Wie wir alle über die von außerhalb denken!« Er sah den Postboten mit seinen stechenden Augen warnend an.
Chuck wich dem Blick des schweren Eins-neunzig-Mannes aus, sah zu Boden und hob die Hände. »Bin nur der Postbote, Sir. Liefere Pakete aus und nehm andere mit …« Er trat zum Lieferwagen zurück und tat beschäftigt. »Geht mich ansonsten nichts an, was hier geschieht.«
Bob nickte zufrieden und widmete sich seiner Tochter. »Was schreibst du über uns denn so, hm? Von dem Leben hier, der Weite des Landes … den Schweineställen? Sicher nicht von den Maisfeldern …«
Vivian knetete von Angst ergriffen ihre Finger. Ein falsches Wort, und sie würde es bitter bereuen. »Wir haben über Musik geschrieben, Dad … nichts weiter. Mädchensachen halt, nichts von hier, außer dass wir einen Laden haben …«
Die schallende Ohrfeige schmetterte ihren Kopf zur Seite. »Selbst das geht die dort draußen nichts an, hörst du?« Er knirschte mit den Zähnen und packte sie an ihrem schwarzen Shirt, sodass es in den Nähten knackte. »Lass dir das eine Warnung sein, Tochter! Ein falsches Wort in die falschen Ohren, und die dort oben fangen an, Fragen zu stellen!«
Er ließ sie los und drückte ihr das Paket gegen die Brust. »Du weißt, dass ich dich liebe. Nimm dein Paket und geh auf dein Zimmer. In zehn Minuten stehst du wieder hinter der Theke!«
Vivians Wange brannte wie Feuer. Sie strich sich ihr schwarzes Shirt glatt, drehte sich ohne ein weiteres Wort um und lief durch den Laden und nach oben in ihr Zimmer. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, schluchzte sie auf. Sie warf das Paket aufs Bett und setzte sich davor auf den Boden. »Die von außerhalb«, äffte sie ihren Vater nach und verzog das Gesicht. »Und wenn du mir mein Blondie-Shirt zerrissen hast, werde ich …«
Nichts werde ich … Er hat recht. Es geht die von außerhalb nichts an, wie die Leute hier ticken. Die würden das eh nicht verstehen.
Verstohlen zog sie den Schuhkarton unter dem Bett hervor und klappte ihn auf. Ihre Finger strichen behutsam über das zusammengerollte Bündel Dollarscheine. Die Zugfahrpläne von Sheldon nach Minneapolis von dort weiter nach New York kannte sie auswendig. »Ich werde von hier verschwinden.« Vivian hasste das Leben in dieser Einöde, in der man abgesehen von sich besaufen nichts unternehmen konnte. Sie sehnte sich dagegen nach Musik, nach jungen Leuten und einem Leben ohne Zwang. Sie zog ein zerfleddertes Magazin mit dem Titel PUNK aus dem Karton. »Eine von außerhalb werden.«
Vivian zog das Paket vom Bett und das Klappmesser aus der Gesäßtasche ihrer dunkelblauen Jeans, das sie bei sich trug, wenn sie im Laden arbeitete. Nervös zog sie sich den schwarzen Pferdeschwanz straff. »Mal sehen, was du mir Schönes geschickt hast, Mary-Ann.«
Sie setzte die Schnitte wie beim Auspacken der Ware, akribisch darauf bedacht, nicht zu tief zu schneiden. Andächtig klappte sie die Kartonage auseinander. »Hölle noch mal, ist das krass!« Der Inhalt verschlug ihr den Atem. Vivian zog die beiden T-Shirts, den Brief und die Musikkassette heraus und sprang aufs Bett. »Wow … einfach nur … wow!«
Vivian legte sich auf den Rücken und faltete das schwarze Ramones-Shirt auseinander. »YES! … der Baseballschläger-Adler!« Das andere Shirt war von Joy Division, einer Band, die sie nicht kannte. »Unknown Pleasures«, flüsterte sie ehrfürchtig und fand, dass es zu ihrer geplanten Flucht passte. Doch dazu fehlten ihr eine Menge Dollarnoten und die konnte sie nur unten im Laden verdienen. Das rief ihr die Zehnminuten-Frist ins Gedächtnis, die sie von ihrem Vater eingeräumt bekommen hatte.
»Fuck, der Laden!« Sie hatte die Frist überschritten. Vivian stopfte alles ins Paket, gab dem Schuhkarton einen Tritt, das er unter dem Bett verschwand, und lief in den Laden zurück. Sie passierte die Tür hinter der Theke und rannte direkt in ihren Vater hinein. Vivian keuchte. »Hab’s nicht vergessen, Dad.«
Sie rechnete mit einer weiteren Ohrfeige, doch Bob McCall lächelte zu ihr herab. »Ich weiß doch, bist ’n gutes Mädchen. Hilf mir mal mit den Kühlboxen, ja?«
Vivian atmete erleichtert auf. Der Inhalt der Kühlboxen war die Haupteinnahmequelle des Gemischtwarenladens ihrer Eltern. Der Eingang zum Kühlraum befand sich hinter der Fleischauslage, eine massive Stahltür mit zwei abgegriffenen Riegeln, die stets geschlossen sein musste, um die Kälte im Innern konstant zu halten.
Sie öffnete die Tür und schlüpfte in die angenehme Kälte des überraschend großen Raums. Mit dem Rücken schob sie die Tür zu und schloss für einen Moment die Augen, damit ihr erhitzter Körper abkühlen konnte. Es war jedes Mal ein kleiner Schock, die Kälte zu spüren. Gleichzeitig war es ein angenehm prickelndes Gefühl, wenn sich der Schweiß abkühlte und die kalte Luft in ihre Lunge strömte. Wenn sie danach in die Wärme zurückkehrte, fühlte sie sich wie ein Eis am Stil.
Vivian stieß sich ab und schlängelte sich zwischen dem von der Decke an Fleischerhaken hängenden Fleisch hindurch, um zur rückwärtigen Wand zu gelangen, wo Dad die Kühlboxen vorbereitete. Sie stieß mit der Schulter gegen eine der Hälften, die dadurch ins Schwingen geriet, eine andere anstieß und die wieder eine, bis schließlich alle schwankten und einen grotesken Tanz aus gehäuteten, fleischigen Torsi aufführten, dass Vivian kichern musste.
Bob McCall hatte das Metzgerhandwerk von seinem Vater erlernt. Er wusste, wo die Schnitte zu setzen waren, wie man die Häute abzog und die Knochen teilte. Auf seinem alten, von Narben überzogenen Arbeitstisch trennte er von dem Schlachtgut zuerst die Extremitäten ab, um sie auszubluten. Das Holz hatte deswegen im Laufe der Jahre eine dunkle, fast schwarze Farbe angenommen. Er zog ihnen die Haut ab und legte sie in einem speziellen Salz ein, das es nur in den Bergen South Dakotas gab. Das Pökelfleisch war einfach der Hammer.
Im nächsten Arbeitsschritt schnitt er die Köpfe ab, achtete aber darauf, dass der Hals am Torso verblieb. Die ließ er, wie sie waren, und steckte sie in gläserne Kästen, die Vivian an Aquarien erinnerten, weil er sie mit einer Art Sirup ausgoss. Wenn er Fleisch in den Kühlboxen verschickte, ging jedes Mal der dazugehörige Kopf mit auf die Reise, denn darauf legte die Kundschaft in der großen Stadt besonderen Wert.
Er brach den Körpertorso auf und nahm ihn aus, wie es ein Metzger machte. Hier wurde nichts in den Abfall geworfen. Selbst die Haut verarbeitete er zu Hundekauknochen. Für Großstädter mochte der Arbeitsbereich im Kühlhaus nicht hygienisch, die Beile, Hackklingen und Messer antiquiert wirken, doch McCall interessierte das nicht. Hier in Purgatory tickten die Uhren anders, auf Meinungen von außerhalb gab man einen feuchten Dreck.
Unabhängig davon, wie sehr sie das Leben in Purgatory hasste, arbeitete Vivian gerne im Laden ihrer Eltern. Sie half im Kühlhaus, gab dem Mastvieh in der Scheune hinter dem Haus Futter und hätte wahrscheinlich einen der Jungs aus dem Ort geheiratet, wenn da nicht diese Brieffreundschaft wäre. Mary-Ann schenkte ihr mit ihren ausschweifenden Briefen einen Blick über den Horizont hinaus, vermittelte ihr neues Wissen und verdammt coole Musik. Sie hatte in Vivians Kopf mit ihren Zeilen einen Keim gesetzt, der sie dazu trieb, mehr vom Leben zu erwarten als die langweilige, ländliche Einöde.
Heute waren es fünf Kühlboxen, die ihr Vater vorbereitet hatte. Sie lud die mit Eis und Fleisch gefüllten Boxen auf eine Sackkarre, rollte sie aus dem Kühlhaus und durch den Laden zu Chuck, der sie rauchend neben dem Postlieferwagen erwartete. »Verdammt, Mädchen, hast mich in der Hitze ganz schön warten lassen.« Er warf einen schrägen Blick auf die Boxen und öffnete die Hecktüren des Wagens. »Wer frisst nur diesen ganzen Mist?«
Das Geschäft mit dem Fleisch lief inoffiziell. Chuck sah Vivian dabei zu, wie sie die schweren Boxen verstaute, half ihr aber nicht. Lieber gaffte er Vivian auf den Hintern und versuchte, einen Blick in ihr vom Schweiß feuchtes Shirt zu erhaschen, wenn sie sich nach vorne beugte. Ihre Haut dampfte, weil sie kalt war.
»Mein Gott, Chuck, noch nie ’n weibliches Wesen gesehen?«, schnauzte sie ihn leicht säuerlich an und riss von der letzten Box einen Zettel ab, auf dem die Empfängeradresse vermerkt war.
Chuck schnaufte schwer, machte aber keine Anstalten, seinen Blick abzuwenden. »Sorry, Mädchen, is’ nur, dass du zu ’ner verdammt schönen Frau heranwächst.«
Es gab über die Lieferungen keinen Einlieferungsbescheid oder eine Aufsplittung in Warenpreis und Steuer. Die einzige Buchführung bestand aus einem abgegriffenen Heft, das Bob McCall in der Gesäßtasche trug, und dem Zettel mit dem Adressaten, der dem Postboten mit jeder Lieferung übergeben wurde.
Vivian funkelte ihn genervt an. »Geh dich erst mal waschen und besorg dir ’nen vernünftigen Haarschnitt, du stinkst zum Himmel, Mann. Jeder würd sonst meinen, dass du ’n Problem mit Wasser hast.« Chuck war ein Schwein, aber eins, das auf seine eigene Art liebenswert war. Der dürre Kerl tat keiner Fliege was zuleide. Einmal hatte er eine Katze angefahren. Die brachte er mit in den Laden und weinte wie ein Schoßhund. Bob brach dem armen Tier kurzerhand das Genick, um es von seinem Leiden zu erlösen. Ja, auf diese Weise machte man das in Purgatory.
»35 Pine Street, Yonkers. New York also … feiert Sam Carr mal wieder ’ne Party, hm?« Grunzend steckte er das Papier in die Hosentasche. »Na meinetwegen … sollen die in der Stadt ihren Spaß haben, während wir hier schuften und schwitzen wie die Schweine.« Chuck nickte Vivian zu und schwang sich hinters Steuer. »Grüße an Bob und deine Mum, seh’n uns nächste Woche …«
Vivian sah dem Postwagen sehnsüchtig hinterher, bis er nach Süden auf den Interstate bog und dort eine Staubwolke hinter sich herziehend verschwand. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als im Fond des Lieferwagens zu sitzen und der ländlichen Einöde sofort zu entfliehen, andererseits hielt sie hier ein nahezu unzertrennliches Band, das weit über das der Familie hinausging. Der Spruch Keiner geht für immer von hier weg kam nicht von ungefähr.
Nur für ’ne Weile wär toll, ein oder zwei Jahre …
»Die Jugend ist ’n verdammter Fluch, Vivian«, krächzte es hinter ihr.
Vivian erschrak, obgleich sie wegen der Stimme wusste, wer da stand. Sie drehte sich um und rang sich ein schräges Lächeln ab. Es war die alte Ruth Dickson, die sich einmal mehr an sie herangeschlichen hatte. Ihr wächsernes Gesicht glich einer faltigen Kraterlandschaft, ihr Hals, der aus dem abgetragenen schwarzen Kleid herausragte, dem einer Schildkröte. Sie stützte sich gebückt auf einen Stock, den sie im Wald gefunden haben musste.
Was will diese gottverdammte Hexe von mir?
»Ruth, verdammt, hab dir schon tausend Mal gesagt, du sollst dich nicht an mich ranschleichen!«
»Ich weiß, was in dir vorgeht«, sprach Ruth unbeeindruckt weiter. »Hör auf meine Worte, behalt’s für dich, und wenn dir das Glück hold ist, zieh’s durch.« Vivian schluckte. Ihr war die Frau unbehaglich. In ihren Erinnerungen war sie schon immer alt gewesen. Selbst Dad wusste nicht, wie alt sie wirklich war. Dazu der penetrante Gestank nach Mottenkugeln und etwas Süßlichem, eben so, wie alte Leute manchmal rochen. Fröstelnd rieb sie sich die Arme. »Keine Ahnung, was du mir damit sagen willst, Ruth …«
Die Alte kam ihr nah, unterschritt deutlich Vivians Wohlfühldistanz, was ihr unangenehm vorkam. Ihr Ärmchen kam nach oben, ihr dürrer Finger tippte gegen Vivians Brust. »Die Hitze der Jugend, Kindchen, die Hitze der Jugend …« Sie räusperte sich, fing an zu würgen und schluckte einen Brocken hinunter. Um was es sich handelte, wollte sich Vivian auf keinen Fall vorstellen. Ihr Finger drückte weiterhin in Vivians Oberkörper. Sie war erstaunt darüber, wie hart und lang ihre Fingernägel waren. Und spitz genug, um sie an Krallen zu erinnern. »Ich war ein blutjunges und naives Ding wie du, als sie nach dem Krieg zu uns kamen …« Ruth lachte krächzend. »Hab meine Unschuld an die Dämonen des Südens verloren …«
Vivian dachte an ihren Vater und Vietnam. Diesen Krieg konnte sie unmöglich meinen, denn nach Vietnam waren kaum Leute hierher gekommen. Ruth sprach oft von den Dämonen des Südens, die Purgatory heimgesucht und alles ins Schlechte verkehrt hatten. Sie behauptete sogar, dass der Boden nur deswegen schwarz sei, weil er vom Bösen verdorben sei. Was sollte man sagen, Ruth war eben verrückt.
»Sie haben ihre Verderbtheit in uns eingepflanzt wie missgestaltete Föten … und wir sind dumm genug gewesen, sie auszutragen.« Die alte Ruth berührte Vivians Wange. »Du bist anders, Kindchen, erinnerst mich an deine Mutter … Lass dich nicht von ihnen benutzen, wie sie es mit uns taten …« Ruth ließ von ihr ab und schlurfte weiter ihres Weges, drehte sich aber nach einigen Schritte noch einmal zu ihr um. »Wenn du reden willst, sprich nur mit mir und niemandem sonst … nur mit mir, hörst du, Kindchen?«
Damit ließ die alte Frau Vivian stehen, die ihr entgeistert nachstarrte. Sie war froh, dass Ruth weiterging. Dennoch hätte sie gerne gewusst, was diese Anspielung zu bedeuten hatte. Ruth Dickson war eine Außenseiterin, die am Stadtrand in einem Wäldchen eine heruntergekommene Hütte bewohnte. Sie hatte niemanden, der sich um sie kümmerte, und kam nur selten in die Stadt.
Ist sie wegen mir gekommen? Um mir das zu sagen?
Vivian dachte mit Schaudern an den letzten Sonntag zurück. Der Prediger hatte die alte Frau während der Messe vor der versammelten Gemeinde gedemütigt. »Ungläubige Hexe« hatte er sie genannt und dafür eine Menge Zustimmung geerntet. Es war wirklich besser, sich von ihr fernzuhalten, um nicht in ihr schlechtes Licht gerückt zu werden.
Trotz der Sommerhitze war ihr plötzlich kalt. »Verrückte Alte«, murmelte sie und ging in den Laden zurück, um ihrer Arbeit nachzugehen.

52 Knoten
30. Oktober – Irgendwo in Iowa
Ein eisiger Wind heulte über die endlosen Weiten der Plains, trocknete den flockigen Schweiß auf den Flanken der gehetzten Pferde. Über den Himmel zogen düstere, regenschwere Wolken. Ein Unwetter kündigte sich an. Al Swearengen lief der Schweiß in den Nacken, brannte auf seiner wunden, aufgeschürften Haut. Gehetzt zügelte der Mann mit dem eisigen Blick sein Pferd und blickte sich um, suchte den Horizont hinter ihnen nach Staubwolken oder Bewegungen ab, die ihre Verfolger verraten würden. Er konnte nichts dergleichen entdecken, er wusste lediglich, dass sie da waren. Dass die Jäger nun die Gejagten waren.
Das Blatt hatte sich gewendet, nachdem sich Cole Younger und die James-Brüder an der Stompers Lodge von ihnen getrennt hatten, um in Kansas ihr eigenes Ding zu drehen. Die Bushwhackers gerieten in Ray County, Missouri in einen Hinterhalt. Eine hastig zusammengestellte Miliz unter Oberst Samuel P. Cox hatte ihnen in einem Talkessel zwischen Büschen kauernd und auf Bäumen sitzend aufgelauert und ohne Warnung das Feuer eröffnet. Endlich konnten sich die Bürger an den Schlächtern von Lawrence und Centralia rächen. Und sie hatten nicht vor, Gefangene machen. Sie wollten töten.
Die Dämonen des Massakers wurden selbst massakriert …
Es ging alles furchtbar schnell. Die Bushwhackers kämpften mit den Zügeln zwischen den Zähnen, einen Revolver in jeder Hand, und schossen wild um sich. Waren die Waffen leer, warfen sie diese weg und zogen neue. Dennoch hatten sie nicht den Hauch einer Chance. Sie fielen reihenweise den Kugeln des wütenden Mobs zum Opfer. In einem Inferno aus panisch schreienden Pferden, aufgewirbeltem Staub und Pulverdampf lagen bald dreihundert Reiter blutend und sich vor Schmerzen windend im kackbraunen Missouri-Dreck. Swearengen hatte sie von den Hügeln steigen sehen, um den Verletzten mit Knüppeln und Steinen die Schädel einzuschlagen, meist auch alle anderen Knochen im Leib. Der Hass steigerte sich zu einem Rausch, der menschlichen Matsch gebar. Endlich konnten sie den Bushwhackers das heimzahlen, was die ihren Familien angetan hatten.
Viel später, sie hatten das vom Pulverdampf geschwängerte Schlachtfeld längst hinter sich gelassen, dachte Swearengen oft darüber nach, was letztendlich den Unterschied zwischen den Grausamkeiten der Bürger und denen der Bushwhackers ausmachte. Er fand darauf keine Antwort, weil es keinen Unterschied gab. Die Kriegsmaschine hatte ihre Menschlichkeit zu feinem Staub zermahlen, den der Wind in alle Himmelsrichtungen verwehte.
Im Getümmel des Gefechts hatte er gesehen, wie Bloody Bill Anderson getroffen wurde und stürzte. Kurz entschlossen sprang er vom Pferd und nutzte den staubigen Nebel, der Freund mit Feind verschmelzen ließ, um ihn auf ein anderes Pferd zu ziehen. Im Dunst verwandelten sie sich in geisterhafte Schemen. Nur eine Handvoll Männer entkamen dem Zorn Gottes, der in apokalyptischer Form auf sie niedergegangen war.
Was aus dem Staub ersteht, zerfällt zu Staub …
Jetzt ritt er zusammen mit Jack McCall und dem schwer verletzten Bloody Bill Anderson nach Norden, tief hinein ins verhasste Land der Yankees. Ein anderer Ausweg hatte sich ihnen nie geboten.
Eins war jedenfalls sicher: Bloody Bill würde sterben. Das Blei steckte wie ein abgebrochener Stachel in seinem harten Schädel. Es grenzte an ein Wunder, dass die Kugel den Knochen nicht gänzlich durchschlagen hatte. Anderson spuckte Blut und redete eine Menge wirres Zeug. Dennoch hielt er sich im Sattel. Für den harten Mann war die Wunde kaum mehr als ein lästiger Kratzer.
Die Cox-Miliz folgte ihnen dicht auf den Fersen. Swearengen schlug vor, nach Norden zu reiten. Dort gab es weite, gesetzlose Landstriche, in denen man nicht nach ihnen suchen würde. In den Black Hills hatte man Gold gefunden. Swearengen fand, dass es keinen besseren Platz gab, um unterzutauchen und nebenbei eine Menge Geld zu machen. Das brauchten sie dringend, um ihren Standard zu halten, wie er meinte. Nicht wie die im Dreck wühlenden Goldsucher, die tagein, tagaus bis zu den Hüften im Schlamm standen. Al Swearengen hatte vor, das erbeutete Geld aus dem Centralia-Zug in einen Saloon zu investieren. Alkohol, Nutten und Spiele liefen immer, ganz gleich, wie dreckig es den Menschen ging. Was er vorhatte, sollte größer werden. Er wollte seinen Traum von einem Varieté Theater verwirklichen.
Bloody Bill hob die Hand und stoppte sein Pferd. Er schwankte im Sattel, drohte zu stürzen, fing sich aber, bevor er gänzlich das Gleichgewicht verlor. Anderson spuckte einen Klumpen geronnenes Blut in den Staub und sah sich zu seinen beiden Begleitern um. »Ab hier trennen sich unsere Wege.«
Swearengens Pferd schnaubte, schüttelte sich unter dem kalten Wind. Er strich sich über seinen buschigen Schnauzbart, warf McCall einen fragenden Blick zu und sah zu Bloody Bill. »Dachte, wir reiten zusammen in die Black Hills, bauen uns was auf …«
McCall nickte. »Ja, Mann. Oder wir jagen Indianer. Die verdammten Skalps an unseren Sätteln sind trocken. Zudem zahlen ’ne Menge Leute harte Dollars für Rothautschöpfe.« Was er meinte, waren die Skalps der Unionssoldaten, die sie getötet hatten. Jetzt hingen die vertrockneten Hautlappen wie Trophäen an ihren Sätteln, dienten Maden und Käfern zum Fraß und stanken zum Himmel.
Bloody Bill schüttelte nachdenklich den Kopf. Er trieb sein Pferd an und ritt an Swearengen heran, legte seinem Weggefährten die Hand auf die Schulter, um ihn an sich heranzuziehen. »Wir folgen den Pfaden der Hölle, mein Freund. Dort, hinter den Hügeln, ist der Scheideweg … dort kreuzen sich die Pfade, durchziehen wie kranke Adern das Land, krampfend, verderbend.« Während er sprach, sah er an Swearengen vorbei ins Nichts. »Letztendlich folgt alles einem uns schleierhaften Plan. Joshua Carr, du und selbst McCall sind Rädchen eines ineinandergreifenden Uhrwerks, das unaufhaltsam tickt …«
Swearengen schluckte. Ihm war anzusehen, dass ihm in seiner Haut unwohl war, mit Bloody Bills Lippen an seinem Ohr. Dennoch sprach er ihm zu. »Was immer du willst, Bloody Bill.«
Der packte seinen Kumpan im Genick und sprang mit ihm zusammen aus dem Sattel. Blut spritzte aus Bloody Bills Loch im Kopf, bildete im kalten Staub schwarz schillernde Kügelchen, die der Wind verwehte. Schwer prallten seine Stiefel neben Swearengens Kopf in den Dreck, wirbelten Staub auf, während er sich hinkniete. Er packte ihn mit beiden Händen, riss ihn nach oben und öffnete dessen Mund.
»Empfange die Saat und verzweifle!«, schrie er den vollkommen überraschten Swearengen in Stimmen an. Er öffnete seinen Mund und ergoss einen Schwall aus stinkendem schwarzen Teer in Swearengens zwanghaft aufgerissenen Schlund. Die klebrige, nach Kloake stinkende Masse füllte ihn dampfend und zischend aus, lief über seine Lippen, verbrannte Haut und Kleidung. Selbst den Sand um ihn herum versengte es zu schwarzen Klümpchen.
Gurgelnd nahm Swearengen den Höllenteer in sich auf. Er strampelte und schlug verzweifelt um sich, doch Bloody Bills Griff blieb eisern. Die schwarze Masse füllte seinen Bauch, am anderen Ende entleerte sich durch den Druck die Blase. Der Aftermuskel versagte ihm den Dienst und öffnete sich unter Zuckungen. Fäkalgestank vermischte sich mit kochendem Höllensud, dampfend, zischend, ätzend und insbesondere erniedrigend.
Swearengens Widerstand brach in sich zusammen. In einem letzten, verzweifelten Akt schlug er Anderson auf die hervorstehende Kugel und trieb diese durch den verbliebenen Rest der Schädeldecke.
Anderson jaulte wie ein getretener Hund und ließ von ihm ab, doch da war es längst zu spät. Er hatte bereits zu viel Höllenteer in sich aufgenommen, um es rückgängig machen zu können. Swearengen kam auf die Beine und taumelte auf den entsetzt dreinblickenden McCall zu, doch das zersetzende Werk des schwarzen Todes war nicht mehr aufzuhalten. Ätzend und schmorend fraß es sich glühenden Messern gleich in seine Gedärme, schmolz und brannte. Swearengen öffnete den Mund, rang verzweifelt nach Luft, doch letztendlich hustete er nur den blutigen Dampf seines verbrannten Ichs.
McCall riss sein Pferd herum, trieb ihm die Sporen in die Flanken und galoppierte, ohne sich umzusehen, über die weite Ebene davon.
Swearengen streckte die Hand Hilfe suchend nach seinem flüchtenden Gefährten aus, brach in die Knie, kippte vornüber und fiel mit dem Gesicht in den Staub. Zäher, schwarzer Schleim ergoss sich aus dem Mund und kroch wie ein vielfüßiges Gliedertier in die Öffnungen seines Herrn zurück, der höhnisch grinsend auf ihn herabsah.
Die Seidenschnur mit den zweiundfünfzig Knoten glitt einer Gebetsschnur gleich durch Bloody Bills Finger. »Zweiundfünfzig Seelen, geopfert den Mächten der Hölle …« Bloody Bill lachte und pulte sich mit den schmutzigen Fingern die Kugel aus dem Loch in seinem Schädel, sah sie sich lange an, leckte sie sauber und steckte sie sich in die Hemdtasche.
»Das Netz des Bösen senkt sich über das Land, erstickend und schwer …«

Kinder des Mais
»Der ist voll süß«, kicherte Cherryl albern.
Hope konnte durch die Maisstauden hindurchsehen, wie sie sich durch ihre haselnussbraunen Locken strich und ihr megakurzes Kleidchen glatt nach unten zog, damit wenigstens ihr runder Hintern bedeckt war. Cherryl stand auf. »Mädels, wie seh ich aus?«, wollte sie wissen.
Hope machte Cherryls Verhalten traurig, weil sie sich selbst nur über Äußerlichkeiten definierte. Zu alldem gehörte eine Geschichte, die man kennen musste, um sie zu verstehen. Die Cops hatten sie bei einer Razzia in einem Stripladen aufgegriffen, da war sie fünfzehn gewesen. Kein Wunder also, dass sie den Kontakt zu Männern mit Sex gleichsetzte. Was sie Hope darüber erzählt hatte, glich einer abstoßenden Sammlung von im Waisenhaus verbotenen Worten und geistig erwachsenden Bildern, die ihr die Tränen in die Augen trieben. Und es lag auf der Hand, dass Cherryl diese Worte nicht nur in der Theorie beherrschte. Sie war ohne Zweifel durch eine harte Schule gegangen, aber letztendlich waren sie das auf ihre jeweils eigene Art alle. Hope mochte sie total gerne, doch sobald Jungs in der Nähe waren, wurde Cherryl zu einer sexbesessenen Bestie, die keine Hemmungen mehr kannte.
Und keine Grenzen …
»Bist ’ne notgeile Bitch«, brummte Lissy zwei Reihen weiter und brachte es damit auf den Punkt. Sie klang genervt. Ihr Feuerzeug klickte, kurz darauf roch Hope den Rauch einer Zigarette. »Lässt dich mit jedem ein. Ich sag dir, das geht eines Tages schief!« Lissy war in ihrer Art verletzend direkt, aber auch gemein. In diesen Momenten brach es unbeherrscht und derbe aus ihr heraus. Sie kicherte leise. »Hörst wohl kein Radio, hm? In der Nacht vom 29. Juli, da hat so’n Irrer ein Mädchen in den Bronx abgeknallt … die Kleine, nun, im Radio haben sie gesagt, sie hieß Donna, war auf der Stelle tot … Bämm … Kopf geplatzt … alles Matsche … Scheiben vollgespritzt mit roter Soße. Ihre Freundin Jody kam mit ’ner Fleischwunde davon!«
»Ach, leck mich doch, Lissy!«, schnauzte Cherryl gespielt aufgebracht. Ihr war anzuhören, dass sie auf Lissys Ausführungen einen Dreck gab.
»Keine gute Idee, im Mais zu rauchen«, gab Hope zu bedenken, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, und bereute es sogleich. Sie hatte etwas anderes sagen wollen. Dass dieser Killer ein Monster war, wenn er wehrlose Mädchen nach einem Discobesuch auflauerte und sie ohne speziellen Grund erschoss. Dass man damit keine Scherze machte. Jetzt war es anders gekommen. Was sollte es? Sollten die Mädchen sie doch ruhig für eine Spießerin halten.
Hope wusste von Lissy, dass sie ihre Eltern bei einem Wohnungsbrand verloren hatte. Danach hatte sie eine Zeit lang bei ihrem Onkel gewohnt, bekam Drogenprobleme, weil der Dreckskerl fixte und sie mit reinzog. Das führt dazu, dass sie aus einem Grund, den sie beharrlich verschwieg, die Wohnung abfackelte und damit auch ihren Onkel verlor. Hope gab einen Dreck auf das hartnäckige Gerücht, dass es Lissy gewesen war, die das Feuer bei ihren Eltern und später bei ihrem Onkel gelegt hatte. Wenn Lissy das tatsächlich getan hatte, gab es einen triftigen Grund. Sie vermutete, es ging mit ihrem Hang zu impulsiver Gewalt einher, die durch ein falsches Wort wie aus dem Nichts ausgelöst werden konnte.
Hope versuchte, auf andere Gedanken zu kommen und sich zu entspannen, damit sie pinkeln konnte, doch es wollte einfach nicht klappen.
»Mir doch egal«, schnippte Lissy schlecht gelaunt zurück. »Hab keinen Bock auf die nächsten Wochen …« Es plätscherte und sie stöhnte erleichtert auf. »Andererseits«, Hope hörte, wie Lissy aufstand und sich die Schlagjeans nach oben zog, »könnten wir mit ausreichend Alkohol und den Jungs ’ne Menge Spaß haben.« Es raschelte, als sie sich ihren Weg durchs Maisfeld bahnte, um Cherryl zu folgen.
»Willst du dir die Jungs etwa schönsaufen oder was?«, feixte Cherryl kichernd.
Hope konnte durch den Mais hindurch die besagten Jungs neben dem Motorrad stehen sehen und wie sie rauchten. Dieser Dummkopf Brady prahlte mit seinem albernen Rekorder, der aussah wie ein Tricorder aus der Serie Raumschiff Enterprise, und den Musikkassetten, die er so oft abgespielt hatte, dass sie leierten. Hope musste innerlich lachen, weil sie sich an den Bandsalat von gestern erinnerte und wie er verzweifelt versucht hatte, das Band mit einem Bleistift im Rädchen aufzuspulen. Wenn er alleine war, konnte er ein richtig süßer Typ sein, der ein verschmitztes Lächeln hatte, das Herzen höher schlagen ließ. Sie saß tief im Feld und genoss das Gefühl, als der Druck in ihrer Blase endlich nachließ. Angewidert beobachtete sie das Rinnsal, das sich im anthrazitfarbenen Staub seinen Weg um ihre Cowboystiefel bahnte.
Der Boden ist hier unheimlich schwarz …
Sie hatte gedacht, dass er in Iowa rot sei. Warum, wusste sie nicht mehr. Womöglich, weil hier Indianer lebten. Stattdessen war er schwarz und erinnerte sie an Lavagestein.
Toter Boden, unter dem Böses gärt …
Ein Wirbel aus schwarzen Vögeln über einer Stadt, in der das Böse regiert …
Ein Prediger des falschen Gottes, der das Obere nach unten kehrt …
Ein See voll mit schwarzem Schlamm, der den Boden unter dem Mais gebiert …
Schweinedung und Leichenasche …
Hope schrak aus einer Art Trance auf, schüttelte den Kopf, um ihre wirren Gedanken zu vertreiben. Es kam oft vor, dass Mist wie dieser in ihrem Kopf herumspukte.
Reflexionen meiner verkorksten Kindheit …
Hope wurde von Visionen heimgesucht, seit sie denken konnte. Ihre früheste Erinnerung reichte in ein Kinderheim in den Sümpfen Louisianas zurück, wo sie die ersten Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Ihre Fragen nach ihren Eltern blieben unbeantwortet, nach dem Warum natürlich auch. Angeblich hatte man eines Morgens vor der Tür einen Korb und einen Koffer gefunden. Im Korb lag sie, der Koffer war abgesehen von einem handbeschriebenen Zettel leer. Sie kannte die eilig hingekritzelten Worte auswendig.
Hope Cannary Burke … geboren an einem verregneten Freitag in Butte La Rose, Louisiana …
Abgestellt wie Müll, den man loswerden wollte, weil er störte. Im Kinderheim machte man ihr nachdrücklich klar, dass sie, anstatt unnütze Fragen zu stellen, zu arbeiten hatte, um ihren Beitrag zu leisten. Also hielt sie ihren Mund und fraß beim Bodenschrubben oder Bettenbeziehen alles in sich hinein, bis sich eine imaginäre Halde aufgetürmt hatte, die schwarz und hoch war. Während die anderen Kinder wenigstens Erinnerungen mitbrachten, hatte sie nichts. Sie schuf sich ihre eigene Welt. Eine Welt der Träume, in die sie sich nach Belieben zurückzog. Doch ihre Welt machte sich selbstständig. Was sie anfangs kontrollierte, entglitt nach und nach ihrer Kontrolle. Die Träume wandelten sich in pures Chaos, das Bilder schuf, die sie nicht deuten konnte. Mit zwölf lief sie aus Louisiana weg und ging nach New York, weil die Visionen in ihrem Kopf es ihr befohlen hatten. Hope ließ sich von den Bildern leiten, gab sich ihnen hin, weil es das Einzige war, was sie hatte.
Ich sehe hier nicht einen verdammten schwarzen Vogel … hab am Ende noch ’n Hitzschlag, wenn ich an solchen Mist denke …
Als nichts mehr kam, zog sie ihr Höschen hoch und den Jeansmini runter, damit er ihren Hintern bedeckte. Sie wollte bereits wieder zu den anderen gehen, doch sie hörte ein seltsames Geräusch in ihrem Rücken: ein Knacken im Mais, gefolgt von einem flüchtigen Rascheln. Hopes Magen krampfte, weil ihr die Kurzgeschichte von Stephen King in den Sinn kam, die sie letzte Nacht gelesen hatte.
Kinder des Mais …
Kinder mit beschissenen weißen Augen, die einfach nur dastehen und dich anstarren …
Dieser Blödmann Brady hatte ihr die Readers-Digest-Ausgabe vom Juni gegeben und behauptet, die Geschichte wäre eine coole Einstimmung für den Trip nach South Dakota. Dass es sich dabei um Horror handelte, hatte er ihr verschwiegen. Dennoch hatte sie die Geschichte bis zum Ende gelesen, einfach weil sie wissen musste, wie sie ausging. Und nun saß sie in einem Maisfeld und rechnete damit, eins dieser Psychokinder zu Gesicht zu bekommen.
Dieser kleine Scheißer …
Womöglich saß einer der Jungs aus dem Bus im Mais und biss sich in die Handballen, um nicht laut aufzulachen. Es raschelte wieder. Gleichmäßig und leise. Etwas pirschte sich an sie heran. Ebendiese Gleichmäßigkeit ließ sie den Wind von vornherein ausschließen.
Könnte ein Hase sein … oder ein Einheimischer, der uns beobachtet hat und sich jetzt Gott weiß, was tut … scheiß Spanner …
Egal, was es sein würde, es war ihr äußerst unangenehm. Hope glaubte, Blicke zu spüren, die sie fixierten. Da war es wieder: ein Rascheln; Stauden, die sich bewegten. Es schien sie zu umkreisen wie ein Tier, das den besten Platz zum Angriff suchte. Hope schluckte.
Wenn es zwischen mich und die Straße gelangt, schneidet es mich von den anderen ab … treibt mich weiter ins Maisfeld hinein …
Sie sprang auf. Ihr Stiefel platschte in die entstandene Pfütze, doch das war ihr gleich. »Lissy, Cherryl, wartet auf mich!« Hope spurtete los. Sie rannte, weil sie dachte, die durchgeknallten Kinder wären hinter ihr her. Sie machte dabei eine Menge Lärm, brach Stauden ab und fiel sogar hin, doch sie rannte weiter. Die Reihen öffneten sich und sie fand sich auf der Straße wieder. Hope blieb stehen und drehte sich mit klopfendem Herzen um. Tiefer im Feld wankten Stauden. Es entfernte sich – oder war es nur der Wind, der den Mais bewegte?
Nie wieder lese ich solchen Kram … nie wieder! Zur Hölle mit dir, Brady Potts!
»Alles in Ordnung, Baby?« Lissy kam zu ihr, berührte sie an der Schulter. Sie blies in der für sie typisch nervösen Art den Zigarettenrauch aus.
»Da war was im Mais«, keuchte Hope aufgeregt. »Gibst du mir ’ne Kippe?«
Lissy hielt ihr ihre hin. »Sicher nur ’n bescheuertes Reh, das dir beim Pinkeln zugesehen hat …«
»Toll«, stellte Hope fröstelnd fest. »Find’s nicht gerade angenehm, dabei von ’nem Tier beobachtet zu werden.«
Kurz darauf standen Hope und ihre Freundinnen am Straßenrand und sahen Mister Kindermann dabei zu, wie er neben dem Motorrad kniete und daran herumfummelte. In Wirklichkeit hatte er keine Ahnung. Hope hatte sich wieder beruhigt. Sie stöhnte und verdrehte die Augen. »Zur Hölle, ich kann seine behaarte Arschfalte sehen.« Dankbar nahm sie die bereits angezündete Zigarette aus Lissys Hand entgegen, steckte sie sich zwischen die Lippen und inhalierte den Rauch. Eine weiße Wolke blieb zurück und sie schielte zu dem jungen Mann, der neben der O’Hara mit gerunzelter Stirn dastand und ebenfalls auf Kindermanns Arschfalte sah. Cherryl hatte recht. Der Typ war süß, obgleich ihm eine Dusche guttun würde, staubig und verschwitzt, wie er war. Er hatte ein verschmitztes Lächeln und strich sich mit einer schüchternen Geste die halblangen dunkelblonden Haare aus dem Gesicht.
Der ist absolut heiß …
Bevor ihr Kopfkino zu sehr auf Touren kam, holte ein harter Stoß gegen die Schulter sie in die Wirklichkeit zurück. Cherryl!
»Hab’s doch gewusst … unsere kleine Hope hat ein Auge auf den Biker geworfen«, feixte sie augenzwinkernd.
»Blöde Kuh!« Hope blies ihr den Rauch der Zigarette ins Gesicht und ging zu der Ordensschwester, weil sie sich ertappt fühlte. »Hab über was anderes nachgedacht«, log sie.
»Schwester O’Hara?«
Die Lehrerin drehte sich zu ihr um und sah sie mit ihren kalten blauen Augen an. Die Frau war eine Schönheit, auch wenn Fältchen ihre Augen umspielten und sie einen harten Zug um den Mund hatte, der an Verbissenheit grenzte. »Hope, alles in Ordnung? Bist ein bisschen blass um die Nase.«
»Ja, alles gut«, druckste Hope herum. Es war ihr plötzlich peinlich, sie angesprochen zu haben. »Wollt nur wissen, wann’s endlich weitergeht. Wir schwitzen alle und, na ja, Hunger haben wir auch.«
»Tut mir schrecklich leid, Schätzchen. Mister Kindermann tut, was er kann.«
Und das ist nicht besonders viel, dachte Hope.
Schwester O’Hara drehte sich zu Kindermann um und tippte ihm auf die Schulter. Sie schwitzte stark und schien ebenfalls wenig begeistert von dem Aufenthalt auf der brütend heißen Straße zu sein. »Kann ich Sie mal kurz sprechen, ja?«
Kindermann erhob sich grunzend. Seine Hose blieb jedoch auf halber Höhe der behaarten Arschbacken hängen, was ihn allerdings nicht zu stören schien. »Klar, Ma’am …«
Die beiden gingen zum Heck des Busses. Hope stand jetzt neben dem Fremden, die Jungs auf der anderen Seite des Motorrads. Es entstand ein kurzes Schweigen, bei dem alle mit wissenden Blicken auf die Maschine starrten.
Das Motorrad mit dem Ledersattel und einem einzigen Zylinder machte keinen besonders gepflegten Eindruck. Die Felgen waren rostig und der Lack zeigte sich stumpf. Hinten hatte er zwei Packtaschen und einen Schlafsack festgeschnallt. Musste ein ausländisches Fabrikat sein.
»Hey, Hope«, feixte Brady, »warum hast’n geschrien dort hinten im Feld?«
»Hab an deine dämliche Visage gedacht und Angst bekommen«, schnauzte Hope zurück. Langsam entwickelte sie einen Hass auf den Typen. Nicht, weil er diesen Unsinn verzapfte, sondern weil er das pure Gegenteil eines hormongesteuerten Idioten sein konnte, wenn er nur wollte. »Mit dir hab ich eh ’n Hühnchen zu rupfen, Homeboy!«
Brady öffnete den Mund, um ihren Angriff zu erwidern, doch Jamie stieß ihm mit dem Ellbogen in die Rippen. »Lass jetzt einfach gut sein, Brady.« Er sah leicht verlegen zu Hope. »Denke, wir alle wollen nur so schnell wie möglich weiter, hab ich recht?«
Hope lächelte, weil sie seine Geste nett fand. »Danke, Jamie …« Hope musterte Jamie und fand, dass er sich ziemlich gut gemacht hatte in den letzten Wochen. Die Cops hatten ihn völlig verwahrlost ins Waisenhaus gebracht. Zuvor hatte er wie ein Hobo gelebt, sich aus dem Süden bis zu ihnen nach New York durchgeschlagen. Und das konnte man durchaus wörtlich nehmen. Jamie hatte nie darüber gesprochen, was mit seinen Eltern war, nur dass es sie für ihn nicht mehr geben würde. Manchmal sprach er von einem Onkel Joe, zu dem er sich geflüchtet hatte, wenn sich seine Eltern stritten. Er hatte Hope nie erzählt, was für ein Typ Onkel Joe war und ob es sich bei ihm um einen echten Onkel handelte. Oder, was nicht ausgeschlossen war, dass er nur in Jamies Kopf existierte.
Hope wollte nicht mehr über solche Geschichten nachdenken, weil ihr sonst ihre eigene in den Sinn kam. Sie warf dem Motorradfahrer einen scheuen Seitenblick zu. Er scharrte mit den Boots nervös auf dem Boden herum, sah auf seine Stiefelspitzen. Ihm schien das alles unangenehm zu sein. Hope räusperte sich. »Cooles Motorrad.«
Wie dämlich …
Als hätte sie ihn aus einem Traum geschreckt, sah er zu ihr auf, blinzelte. Er antwortete jedoch nicht sofort, sondern schien sich die Worte zurechtzulegen. »Ist ’ne Enfield … Bullet 500.« Seine Stimme hatte diesen angenehmen weichen Klang der Südstaaten, wo man die Worte mehr sang als sprach. Der Kerl sah in seinen schmutzigen Wranglers und der abgewetzten Canvasjacke, die er trotz der Hitze trug, nicht besser aus als das Motorrad, das er fuhr. Er roch nach Benzin und frischem Schweiß, was ihn aber nicht weniger attraktiv machte.
»Und was verschlägt Mister Schweigsam in diese gottverlassene Einöde von Iowa?« Sie grinste ihn frech an. »Will er etwa Maisbauer werden?«
Er ignorierte ihre Spitze und hob seine breiten Schultern, denn ihm fiel nichts dazu ein. »Hm … Kein Maisbauer, nein … Ist eher so’n Auf-den-Spuren-der-Vergangenheit-Ding.« Er sah zu ihr auf und lächelte. »Ich bin Jason.« Er zwinkerte leicht mit dem rechten Auge, was wie ein Tick rüberkam. Jason wischte sich die öligen Finger an der alten Canvasjacke ab und streckte ihr die Hand entgegen.
Hope musste wegen der unbeholfenen Geste lachen und ergriff seine Hand. Der Händedruck war fest, aber nicht schmerzhaft. Seine Handflächen waren rau, jedoch nicht unangenehm. »Hope … Hope Burke.« Sie löste sich von ihm, nickte zum Motorrad. »Na, was ist, bekommt Kindermann die wieder flott?«
Jason lachte. »Der hat keine Ahnung von Motorrädern.« Er ging in die Hocke. »Ist was mit der Zündung, nehm ich an.«
Hope schluckte, weil seine Jacke beim Bücken nach oben rutschte und sie das Messer sah, das er am Gürtel trug. Ein Riesending in einer speckigen Lederscheide mit indianischen Mustern, mindestens dreißig Zentimeter lang.
Lang genug, um einem den Kopf damit abzuschneiden …
»Na, war jedenfalls nett, dich kennengelernt zu haben«, stammelte sie unbeholfen. Hope hatte eine rege Fantasie. In ihrem Kopf formten sich bereits Bilder dessen, was er mit einer Klinge wie dieser alles anstellen könnte.
Jason sah zu ihr auf. »Mister Kindermann meinte, er könne die Maschine hinten auf dem Gepäckträger festmachen und mich bis zu eurem Übernachtungsstopp mitnehmen …« Er griff sich in die Innentasche und entnahm ihr eine zerknautschte Zigarettenschachtel, zog mit den Fingern eine heraus, legte sie sich lässig zwischen die Lippen. Er steckte die Packung weg, ohne ihr eine anzubieten. »Hast nicht zufällig Feuer?«
»Liegt im Bus«, antwortete Hope. Jason war nett, aber sie hatte den Eindruck, dass er etwas vor ihr verbarg. Und das Messer weckte schlimme Gefühle in ihr, Vorahnungen gleich. Sie wurde den Verdacht nicht los, dass er ein für ihn sehr persönliches Ziel verfolgte und dieses Wissen nicht mit ihr teilen wollte. Und da war sein Blick, den sie nicht deuten konnte.
Jeder hat ’n Ziel vor Augen, also mach dich jetzt bloß nicht lächerlich, schalt sie sich selbst. Der Typ ist süß und hier draußen alleine hätte ich auch ’n Messer dabei …
»Dann geh’n wir es holen, hm?« Jason wandte sich von ihr ab und wollte zur offenen Bustür gehen.
Hope ergriff seinen Arm. »Ähm, hallo?« Sie sah Hilfe suchend zu Schwester O’Hara, die sich mit Kindermann hinten am Bus aufhielt. Der war damit beschäftigt, den Gepäckträger nach unten zu klappen. »Schwester O’Hara? Könnten Sie bitte mal kommen?«
Die Ordensschwester sah sofort, dass etwas nicht stimmte. Mit wehendem Kleid lief sie zu Hope, die Jason festhielt. »Was ist hier los?«
»Jason wollte in den Bus.« Hope versuchte, Schwester O’Haras strengen Blick standzuhalten, senkte aber ihren eigenen. »Ich dachte, das sollten Sie wissen.«
Schwester O’Hara bemaß Jason mit einem langen, eindringlichen Blick, dass Hope fast den Eindruck bekam, sie würden auf eine verborgene Weise miteinander kommunizieren. »Junger Mann, helfen Sie Mister Kindermann mit dem Motorrad?« Dann, an Hope gerichtet: »Ich denke, du kannst Mister Bullock jetzt loslassen. Es war richtig, dass du mich gerufen hast.« Dann, mit einem strengen Blick auf Jason: »Schließlich kann man heutzutage nie wissen, was sich hinter einem freundlichen Gesicht für kranke Gedanken verbergen, nicht wahr, Mister Bullock?«
»Wenn Sie das sagen, Ma’am!«
Hope ließ Jasons Arm los und sah ihm hinterher, wie er zu seinem Motorrad ging, um es zu Kindermann hinter den Bus zu schieben. »Da ist was, dass Sie wissen sollten, Schwester.«
»Und das wäre?«
»Na ja. Jason, ich meine Mister Bullock, trägt ein ziemlich langes Messer am Gürtel.« Hope druckste herum, weil sie sich albern vorkam. »Hat mir ’n bisschen Angst gemacht …«
Schwester O’Haras schlanke Finger berührten Hopes Kinn und hoben es an, damit sie ihr in die Augen sehen konnte. »Solange ich bei dir bin, brauchst du nichts zu fürchten. Denn der Herr ist an deiner Seite!«
Hope schluckte. Normalerweise hätte sie sich über einen derartigen Spruch lustig gemacht, das Gesprochene veralbert, weil sie einen feuchten Dreck auf Gott und seine Engel gab. Es war die eiskalte Härte, die in den Worten klang, der stahlharte Blick, der Angst einflößte. Nicht dass sie deswegen an Gott glaubte, denn das war ausgeschlossen. Nicht nach dem, was geschehen war. Woran sie allerdings glaubte, das war die Stärke von Schwester O’Hara. Hope war sich sicher, dass körperliche Gewalt durchaus ein Mittel war, das die Schwester zur Durchsetzung ihres Willens für legitim befand. Ihr fiel dazu ein sehr treffender Spruch aus der Bibel ein.
Den Weg verlassen bringt böse Züchtigung, und wer Zurechtweisung hasst, der muss sterben …


Die Carlin-Brüder
Buck spuckte in den schwarzen Staub zu seinen Füßen und sah dem gelben Bus hinterher, der soeben auf der Interstate an ihnen vorbeigefahren war. »Endlich – das Warten hat ein Ende.« Der Hüne mit dem Pferdeschwanz straffte den Oberkörper, dass sich das ärmellose Hemd über seiner Brust spannte. »Alles läuft wie geplant.«
»Right.« Jet hockte auf der Ladefläche des alten Trucks, der vom Rost zusammengehalten wurde. Seine Füße steckten in hohen Gummistiefeln, auf denen eine dicke Kruste Schweinedreck klebte. Der stammte aus den Stallgebäuden hinter den Männern, wo sich Jets Mastbetrieb befand. Tausend fettgefressene, mit Exkrementen beschmierte rosa Leiber dicht an dicht. Iowa Bacon de luxe. »Jemand sollte in die Stadt fahren und den Prediger informieren.«
Jets Körper sprach seinem Namen Hohn. Er glich dem der Tiere, die er in dem Mastbetrieb hielt, seine Stimme ihrem hysterischen Quieken. Aufgequollen und fett steckte er in den dreckigen Latzhosen, seine runden, kleinen Augen folgten der Staubwolke, die der Bus hinter sich herzog. Gut möglich, dass er zu viel Zeit bei seinen Tieren verbrachte und allmählich selbst zu einem wurde.
»Ein verdammter Bus voller Frischfleisch«, höhnte Conor. In einer anzüglichen Geste griff er sich in den Schritt, leerte seine Bierdose und drückte sie mit der Hand zusammen, um sie auf die Straße zu werfen. »Und nehmen werd ich mir mindestens eine, da könnt ihr einen drauf lassen.«
»Gott, Conor, reiß dich zusammen!«, knurrte Buck und schlug seinem jüngsten Bruder auf den Hinterkopf, dass es klatschte.
Er war kleiner als Buck, aber genauso breit und auf eine bestimmte, man könnte sagen verruchte Art gut aussehend. Allerdings dumm wie ein Strohsack vom letzten Jahr. Und ein triebgesteuertes, perverses Schwein. Wie Buck trug er schmutzige Jeans mit Umschlag, dazu ein Workshirt mit dem Aufdruck Carlin’s Gas Station – Best in the Northern Plains. »Du weißt, was der Prediger von deinem Gerede hält. Reiß dich verdammt noch mal zusammen!«
Conor grunzte vor sich hin, nahm die Hand aus dem Schritt, roch an seinen Fingern und schob sich die verschwitzte Baseballmütze in den Nacken. »Herr im Himmel, sollte mal ’n Bad nehmen …«
Buck war der älteste der Carlin-Brüder. Er dachte an Kernseife und kaltes Wasser und musste grinsen, wenn er sich in diesem Zusammenhang Conor vorstellte. Egal ob er stank oder nach Veilchen roch, die Mädchen standen auf den Kerl mit dem schrägen Lächeln.
Nach Buck kam Jet, der nach dem Willen ihres verstorbenen Vaters den Mastbetrieb übernommen hatte. Der Jüngste war Conor, ein Nichtsnutz erster Güte, der abgesehen vom Vögeln nicht viel im Kopf hatte. Bevor ihre Mutter zusammen mit ihrer illegalen Destillerie zur Hölle fuhr, hatte sie Buck darum gebeten, sich um Conor zu kümmern. »Mach aus ihm einen anständigen Mann«, hatte sie gesagt. Wobei anständig kaum für das Kaff stehen konnte, aus dem sie stammten. Buck ließ Conor in seiner Autowerkstatt arbeiten und machte ihm gehörig Druck, wenn er aus der Spur lief.
»Schieb deinen fetten Arsch von meinem Truck«, knurrte Buck den dicken Jet an. Er nickte Conor zu. »Und du pflanzt dich auf den Beifahrersitz.«
»Was is’n mit mir?«, beschwerte sich Jet. Er sprang vom Truck und trat dabei wie ein nervöses Tier von einem Bein aufs andere.
»Mach, was du immer machst«, antwortete Buck. »Geh in den Stall und fick deine beschissenen Schweine, aber geh mir nicht auf die Eier!«
Buck war insgeheim froh, Jet nicht an der Backe zu haben. An Tagen wie diesem, wenn Jet aufgeregt war, konnte er seinen Bruder nicht ertragen. Jet war wie ein Bär mit dem Gemüt eines Schweines, das ständig quiekte und viel zu viele Fragen stellte. Dazu kam noch etwas anderes. In seinem fetten Körper steckte eine unglaubliche Kraft, die er kaum unter Kontrolle hatte, da war es besser, ihn von der Stadt fernzuhalten.
Auf Conor aufpassen zu müssen, war schwer genug, denn der hatte seine Triebe überhaupt nicht unter Kontrolle. Letzte Nacht zum Beispiel, da hatte er ihn dabei erwischt, wie er im Baum vor dem Laden der McCalls hockte, in das Schlafzimmerfenster von Vivian McCall glotzte und an sich herumfummelte. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn Bob davon Wind bekam. Im Vergleich dazu wären ausgeschlagene Zähne und eine Menge Blut eine nette Geste. Also hatte er ihn aus dem Geäst gezerrt und in der Werkstatt mit dem Hosengürtel verprügelt, wie er es von Dad gelernt hatte.
Morgen sitzt dieser Dummkopf wieder in den Ästen …
Buck lenkte den Truck auf einen holprigen Feldweg, über den sie die Stadt eher erreichen würden, als es der Bus auf der Interstate vermochte. Die Einheimischen kannten eben die geheimen Wege. »Die haben sich im White House eingebucht«, brummte Buck sinnierend. Alles lief, wie es laufen sollte.
»Sue Ellen verdient sich mit denen von außerhalb ’ne goldene Nase und macht nich’ mal ’n Finger dabei krumm«, höhnte Conor. Sein Mund verzog sich zu einem anzüglichen Grinsen. »Aber mal ehrlich, bei der würde ich gerne einziehen.«
»Verdammt, Conor«, beschwerte sich Buck, »hast du denn nichts anderes in der Birne?«
Conor lachte. »Täte dir auch mal gut, einen wegzustecken. Würdest danach alles lockerer sehen.«
Buck trat unvermittelt auf die Bremse. Der Truck bockte, schlitterte auf dem groben Schotter, brach aus und kam mit einem letzten Ruck zum Stillstand. Conor wusste, was das bedeutete. Seine Hand schnellte zum Türgriff, doch er war zu langsam. Bucks Faust klatschte ihm hart in den Magen, dass Conor zusammenklappte wie ein Springmesser. »Hab dich gewarnt, Conor.« Er schlug ein weiteres Mal zu, dieses Mal in Conors Gesicht. Dessen Lippe platzte auf und Blut spritzte. »Hab ich dich nicht gewarnt? Wieder und wieder?«
Buck ließ von ihm ab und packte mit beiden Händen das Lenkrad. Verzweifelt lehnte er sich mit der Stirn gegen das griffige Leder. »Was soll ich nur mit dir machen, Mann?« Er packte ihm in die Haare und riss seinen Kopf nach oben. »Meinetwegen kannst du rummachen, mit wem oder was du willst, aber behalt deine Aufgabe vor Augen, kapiert?«
Conor stöhnte. Blut lief ihm aus Mund und Nase, trotzdem nuschelte er schwach: »Ja, Mann.«
Dad hätte sicher eine Lösung gehabt. Er hätte Conor windelweich geprügelt und zum Prediger gebracht, damit der sich mit ihm befasste. Das volle Programm der Läuterung in Blut und Schmerz. Die Wahrheit war, dass es mit Conor immer schlimmer wurde und Buck Angst hatte, die Kontrolle zu verlieren.
Letztendlich Daddys Weg …
»Ich bring dich zum Prediger!«
Conor richtete sich röchelnd auf, schlüpfte aus dem Shirt und wischte sich das Blut aus dem Gesicht. »Was?« Er schüttelte den Kopf. »Das kannst du nicht machen, Mann … wir sind Brüder!«
»Gleich morgen … da bring ich dich zum Prediger!« Buck klang entschlossen. Er nickte, richtete sich auf und gab Gas. Sie hatten durch das Geplänkel Zeit verloren und die musste er jetzt aufholen. »Wenn du Pech hast, schneidet er dir den Sack ab – oder gleich alles, was da baumelt.«
»Bitte, Mann, ich will nicht zu dem«, beschwerte sich Conor. Seine Stimme klang weinerlich, weil er Angst hatte. »Der macht’s am Ende sogar noch …«
Buck dachte an die Aufgabe, die ihnen der Prediger zugedacht hatte, und schluckte. Typen wie Conor konnten alles vermasseln. Vor allem jetzt, so nah am Ende, war äußerste Konzentration angebracht. Er durfte nicht zulassen, dass Conor aus der Reihe tanzte. »Du tust, was ich dir sage, oder ich schlag dich tot!«

Welcome to Deadwood, South Dakota
13. Juli – Black-Hills-Territorium
Ungewöhnlich heftige Regenfälle hatten die Straßen in den Black Hills in Schlammlöcher verwandelt, die selbst Pferde nur mit Mühe passieren konnten. Auch jetzt regnete es wieder.
Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen. Graues Regenlicht verfärbte sich zu tiefem Schwarz. Er musste sich beeilen, wenn er die Nacht nicht draußen verbringen wollte. Der einsame Reiter zog sich den Kragen seines gewachsten Segeltuchmantels enger zusammen und neigte den Kopf nach vorne, damit das Wasser vom Hut laufen konnte. Er war vollkommen durchnässt, schnalzte mit der Zunge und der Schimmel ohne Namen setzte sich in Bewegung. Sie passierten eine improvisierte, halb im Schlamm versunkene Zeltstadt. Abgehalfterte Prostituierte zogen ihre prallen Brüste aus den fleckigen Kleidern, während er an ihnen vorbeiritt. Eine fluchte ihm hinterher, dass ihn die Krätze holen solle, weil er sie nicht beachtete. Die Luft roch in einem scharfen Unterton nach menschlichen Ausscheidungen und dem nassen Holz, das die Glücksritter in ihren Zeltöfen verbrannten.
Verdammte Goldgräber, wühlen sich in die Hänge, brechen die Erde auf und lassen ihren Unrat zurück … Was bleibt, ist ein vernarbtes, kaputtes Land …
Die Zelte der Goldgräber blieben zurück. Die Main Street wurde von grob gezimmerten, dicht beieinanderstehenden Holzhäusern gesäumt. Gelbliches Licht fiel aus den Fenstern auf die Straße, vermischte sich mit dem helleren der Petroleumlaternen zu einem diffusen Schein, der an eine Zirkusmanege erinnerte. Der Reiter fand, dass es durchaus Ähnlichkeiten damit gab, wenn man die Geräuschkulisse aus vielerlei Sprachen hinzuzog. Schilder stachen wie ausgestreckte Arme in die Straße hinein, auf denen Liquor Dealers, Dentist oder Saloon zu lesen stand. Schiefe Veranden aus ungeschälten Bohlen bildeten fragil schwebende Konstruktionen über dem Straßenschlamm. Selbst um diese späte Stunde herrschte reges Treiben. Eine Menge Pferde stand gesattelt vor den Geschäften und Saloons. Planwagen rollten schmatzend von Kaltblutpferden oder Ochsen gezogen zwischen den Häusern hindurch. Ihre Räder zogen tiefe Furchen in den Schlamm, den man hier Straße nannte. Hunde streunten herum, taxierten Passanten, die Essen mit sich führten. Bärtige Goldschürfer mit eingefallenen Wangen drängten sich neben Anzugträgern und Frauen der Heilsarmee dicht an dicht auf den hölzernen Stegen. Eckensteher mit halb zugeknöpften Westen über karierten Hemden musterten argwöhnisch jeden Fremden, die Hand lässig auf den Colt gestützt. Er kannte diese unlösbare Verbindung zwischen Schütze und Waffe nur zu gut. Aus den Saloons und Spielhallen erklangen Gelächter und Klaviermusik, durchmischt von deutlich hellerem Lachen chinesischer Huren.
Die Bank und ein imposanter Eisenwarenladen schienen die einzigen Steingebäude der Stadt zu sein. Vor ihnen lungerten bärtige Männer in dunklen Anzügen herum, um den Wert der Häuser hervorzuheben. Die hielten Flinten lässig auf die Hüften aufgesetzt, ihre Hosenbeine steckten in hohen, schlammverschmierten Stiefeln.
Der einsame Reiter zog sich den Hut tiefer ins Gesicht und ritt weiter. Sein Ziel war der Nuttall & Man’s Saloon und der musste die Straße hinab liegen. So stand es zumindest in dem Telegramm, das er von einer alten Weggefährtin erhalten hatte. Der verstörende Satz, mit dem sie ihn bat, nach Deadwood zu reiten, hatte ihn dazu bewogen, Cheyenne in Wyoming und den Zirkus seiner Frau Agnes Lake Thatcher zu verlassen, den er Zuhause genannt hatte. Die Wahrheit war, er war geritten, weil es ihn in den Fingern juckte und die Vorderlader-Colts an seinem Gürtel, die noch aus dem Krieg stammten, lange kein Feuer mehr gespuckt hatten. Der alten Zeiten willen. Das waren genug Gründe, um sich in den Sattel zu schwingen und den beschwerlichen Weg nach South Dakota auf sich zu nehmen.
Der Nuttall & Man’s Saloon lag etwa fünfzig Meter die Main Street hinab, wenn man vom Eisenwarenladen aus rechnete. Im Falle von Problemen war es angebracht, einen Maßstab zu verwenden, und die Stadt sah verdammt noch mal nach Ärger aus. Er lenkte den Schimmel zu einem freien Platz an der Anbindestange und sah sich ein letztes Mal um, bevor er sich aus dem Sattel schwang. Gegenüber dem Nuttall & Man’s stand das dritte und größte Steingebäude der Stadt. Unterhalb des ausladenden Balkons, auf dem sich Freier und Nutten in Unterwäsche tummelten, hing ein rotes Schild mit goldener Schrift, auf dem The Gem – Varieté Theater zu lesen stand. Dem Gedränge nach zu urteilen, ein Laden, der gut lief. Ihm fielen sehr wohl die Männer in den langen Mänteln auf, die mit Gewehren bewaffnet an den Ecken und auf dem Balkon des Gem standen und die Straße beobachteten. Mindestens zwei von ihnen hielten ihre Blicke auf ihn gerichtet.
Ächzend schwang er sich aus dem Sattel, band den Schimmel fest und tätschelte ihm die Flanke, ehe er sich die Satteltaschen überwarf, sein Gewehr aus dem Scabbard zog und es schulterte. Die Glücksritter hoch im Norden benutzten meist die alten Springfield Rifles aus dem Bürgerkrieg. Er hingegen setzte auf eine Winchester Modell 1873, denn der Unterhebelrepetierer verschoss moderne Metallhülsenpatronen, die unempfindlich gegen Feuchtigkeit waren und die man schnell nachladen konnte. Ein entscheidender Vorteil, wenn man es mit mehreren Männern gleichzeitig zu tun bekam. Er stieg mit klirrenden Sporen auf die Veranda und stampfte sich den Schlamm von den kniehohen Stiefeln. Während er sich den Mantel aufknöpfte, trat er zwischen den Männern hindurch, die auf der Veranda herumlungerten und rauchten.
Er strich sich das Wasser aus dem langen Vollbart, betrat den Saloon durch die offen stehende Tür und wurde von einem Brodem aus Alkohol, Rauch, altem Schweiß und ungewaschener, zu lang getragener Kleidung empfangen, durchsetzt von einer Note Erbrochenem und Urin. Der typische Geruch der aus dem Boden gestampften Goldgräberstädte. Unter dem gigantischen Kronleuchter war es zum Bersten voll. Die runden Tische, die Bar. Dazwischen leichte Mädchen in einem Alter, in dem sie besser die Schulbank hätten drücken sollen. Erfahrene Nutten in rüschenbesetzten Kleidern, hinten weit ausgestellt, um ihre fetten Ärsche zu überdecken, zwängten sich zwischen den Tischen hindurch. Ein Mann mit Bowler und gestreiftem Hemd klimperte auf dem Klavier, ein paar schlammverkrustete Goldgräber standen daneben und hoben ihre Biergläser, um zu singen. Der Klavierspieler trug diese Ärmelschoner aus gewachstem Segeltuch, um sein teures Hemd zu schützen. James lachte in sich hinein, denn er wusste, dass die hässlichen Dinger den Hemdstoff weit mehr verschmutzten, als wenn er keine tragen würde.
Er legte den halben Weg zwischen Tür und Bar zurück und sah sich mit zusammengekniffenen Augen im verrauchten Zwielicht um. Den Spieltisch, an dem gepokert wurde, verbannte er aus seinem Sichtfeld, denn er wusste, was geschehen konnte, wenn er sich einen Stuhl nahm und sich setzte. Er hatte sich an den Karten zu oft die Finger verbrannt, obgleich er ein exzellenter Spieler war und wissen sollte, wie es am runden Tisch lief.
Wo zur Hölle steckt sie nur?
»Suchst du mich, Fremder?«, sagte ein rothaariges Mädchen neben ihm, die seine Tochter hätte sein können und hakte sich an seinem Arm unter. Sommersprossen umspielten ihre Stupsnase. »Hast Lust, ein armes Mädchen auf ’nen Drink einzuladen, hm?«
Der Fremde befreite sich sanft aus ihrem Griff. »Bist ’n schönes Mädchen, aber sorry, ich bin wegen jemand anderem hier. Kennst du Martha Jane Cannary … manchmal nennt sie sich Burke?« Das Mädchen legte enttäuscht ihren Zeigefinger auf die Nasenspitze und tat nachdenklich. »Da muss ich jetzt wirklich überlegen, Süßer …«
Er spielte mit einer Münze zwischen seinen Fingern. »Das hilft dir beim Denken, Süße.«
»Lass dir nicht die Hosen dabei ausziehen«, lästerte eine Frauenstimme hinter ihm, die er nur zu gut kannte. Der Fremde drehte sich um und grinste. »Martha!«
Er steckte die Münze der Kleinen zu und zwinkerte. »Hast mir Glück gebracht.«
Dann umarmte er die große Frau mit dem geflochtenen, schwarzen Zopf, die Männerkleidung und einen Waffengürtel über der zugeknöpften Jacke trug. »Halleluja noch mal, wie lang ist das jetzt her?«
»Viel zu lange, Mister James Butler«, hauchte ihm Martha ins Ohr. »Und nenn mich Jane, alter Dummkopf.« Sie fuhr ihm dabei mit den Fingern durch sein langes, nasses Haar. »’n Bad und trockene Sachen wären nicht schlecht, was?«
James löste sich von ihr und hielt sie an den Schultern fest, um sie sich anzuschauen. Auf den ersten Blick wirkte sie gelöst, doch wenn man genauer hinsah oder weil man sie kannte, konnte man die Besorgnis erkennen, die sie plagte. »Erst erzählst du mir, was es mit diesem ominösen Telegramm auf sich hat, das mir keine Wahl ließ, außer herzukommen!«


The White House Inn
Das Motorrad war auf dem Gepäckträger festgezurrt, der Bus strebte auf der staubigen Landstraße seinem abendlichen Ziel entgegen. Die Sonne stand bereits zur Hälfte hinter dem Horizont, die Schatten wurden länger. Selbst nach Sonnenuntergang lag die bleierne Hitze wie eine Last über dem Land. Im Bus war Ruhe eingekehrt. Wer nicht schlief, schwitzte an die Scheiben gelehnt vor sich hin. Sie hatten einen Schweinemastbetrieb mit riesigen Hallen passiert. Der Fahrtwind hatte den Güllegestank durch die offenen Fenster gepresst. Jetzt stand er wie zäher Brei im Bus und wollte nicht mehr weichen.
Hope schreckte aus einem unruhigen Schlaf auf, weil Cherryl sie mit dem Ellbogen anstieß.
»Hast du die Typen gesehen?«
Hope rieb sich die Augen. »Hab geschlafen, verdammt … welche Typen? Und warum stinkt’s hier denn? Hast du …?«
»Quatsch, nichts hab ich!«, erwiderte Cherryl. »Sind an ’ner Schweinezucht vorbeigefahren. Deshalb stinkt das jetzt so.«
»Hast du mich geweckt, um mir das zu sagen? Dein Ernst?« Hope sah aus dem Fenster. Die Sonne versank gerade vollends hinter dem Horizont. Aus den Schatten wurde Dunkelheit. Die endlosen Maisfelder verwandelten sich in einen sich träge wiegenden Ozean, angefüllt mit Finsternis.
Cherryl schüttelte den Kopf. »Nee! Wegen der Kerle bei der Schweinefarm.«
»Hä?«
»Ja, da waren welche vor den Ställen …«
»Was war denn mit denen?«
»Die standen neben ’nem rostigen Truck, gafften uns nach. Echt gruselige Vogelscheuchen, sag ich dir.« Cherryl rieb sich fröstelnd die Arme. »Da war was in ihrem Blick …«
Hope rutschte nach oben, um sich aufrecht hinzusetzen. »Cherryl, das ist nicht witzig.«
»Wenn ich’s dir sage. Wie wilde Hunde … fast … animalisch.«
Hope rollte mit den Augen. »Klar. Und das hast du alles beim Vorbeifahren festgestellt. In ’ner Sekunde.« Hope wurde jetzt ebenfalls kühl. Sie dachte an das zurück, was sie im Maisfeld erlebt hatte. An die unsichtbare Präsenz. Wäre Cherryl doch nur ruhig gewesen. »Im Mais ist alles möglich …«
Cherryl sah sie erschrocken an. »Was? Hope? Alles klar mit dir?«
Hope fing an, diabolisch zu grinsen. »Ich sagte, im Mais ist alles möglich.«
»Jetzt machst du mir Angst.«
»Das war meine Absicht!«
Sie passierten ein Ortsschild, aber es war bereits zu dunkel, um zu erkennen, was auf ihm geschrieben stand. Kurz darauf schaltete Kindermann einen Gang nach unten und die ersten Häuser tauchten auf.
Häuser?
Eher Hütten …
Schwarze Vögel, die in den Bäumen sitzen … uns anstarren, weil sie uns erwarten … Wollen sie uns etwas zurufen, das wichtig ist?
Eine Warnung vielleicht?
In der Tat saßen Krähen in den Bäumen neben der Straße.
Wo sollen sie auch sonst sitzen? Sammeln sich auf ihren Schlafbäumen für die Nacht … nichts, worüber man sich Gedanken machen müsste.
Die Totenvögel, die ich rief … Sie sprechen zu mir, rufen mir zu, ihre Augen eine nervöse Warnung. Wir sollten nicht hier sein …
Ihre Gedanken spiegelten sich in den schwarzen Knopfaugen der Vögel. Doch die saßen viel zu weit entfernt und außerdem war es dunkel. Die Augen, die sie sah, waren in ihrem Kopf. Hope schüttelte die düsteren Gedanken ab.
Es war Zeit, sich von alldem zu befreien. Nach dem Ausflug nach South Dakota würde sie das Waisenhaus mit einem vorzeigbaren Schulabschluss verlassen und ein neues Leben beginnen, wenn es gut lief, sogar einen Psychiater aufsuchen, wenn sie das Geld dazu hatte. Ein Leben ohne die Schatten der alten Geister.
Nicht in dieser Nacht. Ich werde mich den Bildern nicht hingeben, ihnen keinen Glauben schenken.
Ich werde einfach nur ein Mädchen sein, lachen und albern …
Im gelben Licht der Straßenlaternen sahen die Holzhäuser schäbig und heruntergekommen aus. Fast wie in einer Geisterstadt, denn niemand befand sich auf der Straße. Keiner saß wie bei Städtchen üblich vor den Häusern, um ein Schwätzchen mit den Nachbarn zu halten. Wie der Interstate bestanden die Straßen in der Ortschaft aus gewalztem Schotter. Durch das veränderte Fahrgeräusch waren jetzt alle aufgewacht und drückten sich die Nasen an den Scheiben platt, denn jeder wollte wissen, wo sie die Nacht verbringen würden.
»Ganz sicher in ’ner beschissenen Turnhalle«, motzte Lissy und rieb sich den Schlaf aus den Augen.
»In ’ner Kirche«, mutmaßte Cherryl. Sie hatte sich einen Schminkspiegel an den Vordersitz gehängt, damit sie sich ihr Make-up nachziehen konnte.
Hope kicherte und warf Lissy einen vielsagenden Blick zu. »Ich sag Gemeindehaus. Hundertprozentig!«
»Ihr liegt alle drei so was von falsch«, tönte Brady und schaute über die Rückenlehne. »Wir werden in ’nem horrormäßigen halb zerfallenen Haus übernachten, so sieht’s aus, Mädels. Der Slasher schärft schon sein Beil!«
Hope schlug gegen die Rückenlehne. »Du bist so ein Idiot, Brady Banner!«
»Hey, verdammt!« Cherryl warf Hope einen wütenden Blick zu. Der Lippenstift auf ihrem Mund war verschmiert, als hätte sie mit einem der Jungs wild geknutscht. »Wegen dir kann ich’s jetzt noch mal machen!«
Lissy gluckste und wedelte mit der Hand. »Für unsere Beauty-Queen ist der Abend somit gelaufen!«
Cherryl fauchte genervt. »Ihr seid so was von blöd …«
Der Bus bremste und bog nach links in die Main Street ab, um gleich darauf nach rechts auf den Parkplatz einer eindrucksvollen viktorianischen Villa zu fahren.
Hope klappte der Unterkiefer nach unten. »Nee, oder?«
»Manchmal hasse ich es, wenn ich recht habe«, ertönte von vorne Bradys Stimme.
Das viktorianische Haus mit seinen Erkern und Türmchen wirkte nur auf den ersten Blick wie eine noble Villa. Aus der Nähe fügte es sich in das marode Gesamtbild der Stadt nahtlos ein. Die Farbe war abgeblättert, das Holz darunter spröde und grau. Die Fenster wirkten stumpf und die Gardinen dahinter grau wie altes Leinen. »Dann doch lieber die Turnhalle«, stöhnte Cherryl und steckte ihre Schminksachen in die Umhängetasche zurück.
»Na, vielleicht ist es drinnen ja ganz nett.« Hope klang nicht gerade überzeugt.
»Willkommen in Purgatory, Iowa!«, verkündete Schwester O’Hara von vorne. »Alles aussteigen und vor der Veranda aufstellen. Wir übernachten im besten Hotel am Platz, dem White House Inn.«
»Da will ich gar nicht erst die anderen Hotels sehen«, höhnte Brady.
Jamie lachte, denn der Witz war wirklich gut.
»Quatscht nicht rum, packte eure Sachen und lasst nichts im Bus liegen«, schnauzte Schwester O’Hara sie an und wedelte hektisch mit der Hand Richtung Ausstieg, um sie anzutreiben.
»Boah …« Cherryl stöhnte. Sie stieg hinter Lissy aus dem Bus. »Hier draußen ist die Luft ja noch schlimmer als in der Blechkiste.«
Hope hob ihre geknotete Bluse an, um sich Luft zuzufächeln, was wegen der breiigen Hitze ihr keine lüsternen Blicke der Jungs einbrachte.
»Kann dir helfen, wenn du willst«, tönte Brady neben ihr.
»Ach, verpiss dich doch einfach, kann dein Gelaber jetzt echt nicht ertragen.« Hope war genervt und sehnte sich nach einer ausgiebigen Dusche, doch sie bezweifelte, dass dieses Haus einen solchen Luxus zu bieten hatte. Zur Not würde ein nasses Tuch helfen, ihre Haut vom klebrigen Schweiß zu befreien, damit sie sich wieder menschlich fühlte.
Lissy stieß Hope an. »Schau mal, das Fenster.«
Hope folgte ihrem Nicken und sah, dass die Gardine hinter dem Fenster neben der Fliegentür zur Veranda wackelte. Sie bekam eine Gänsehaut, während sie sich vorstellte, von drinnen beobachtet zu werden. Kurz darauf öffnete sich quietschend die innere Tür und die Fliegentür schwang nach außen. Eine Frau mittleren Alters trat auf die Veranda. Sie war groß und schlank und sah in dem schwarzen, mit roten Rosen bedruckten Kleid gut genug aus, dass einer der Jungs durch die Zähne pfiff. Ihrem Gesicht nach zu urteilen, hatte sie die Vierzig bereits hinter sich. Ein harter Zug umspielte ihre Mundwinkel, ihre Augen wirkten klar, aber streng. Das blonde Haar fiel in leichten Locken über ihre Schultern und hatte einen dezenten grauen Schimmer.
»Das ist Mrs. Iversson, Kinder«, stellte Schwester O’Hara die Frau vor.
»Dann müssten Sie Schwester O’Hara vom New Yorker Waisenhaus sein«, stellte die Frau fest, überquerte die überdachte Veranda und stieg die drei Stufen zu der Ordensfrau herunter, um ihr die Hand zu geben. Dann drehte sie sich zu den versammelten Jugendlichen um. »Und ihr seid die Gören, die mal Landluft schnuppern wollen, ja?«
Mrs. Iverssons Stimme hatte diesen rauen Klang von zu vielen Zigaretten und einer Menge Alkohol und wollte nicht zu ihrem adretten Äußeren passen. Hope warf Lissy einen fragenden Blick zu, sagte aber nichts. Selbst die Dumpfbacke Brady hielt für den Moment die Klappe.
»Das White House Inn ist mein Haus«, begann Mrs. Iversson ihre Ansprache. »Es steht auf meinem Grund und Boden. Die Regeln sind einfach.« Ihr Blick wanderte über die verschwitzte, müde Schar und blieb an Jason haften, der sich die letzte Zeit über unauffällig verhalten hatte. In einer Weise, dass Hope ihn fast vergessen hätte.
»Es gibt Dreierzimmer für die Jungs und ebenso für die Mädchen. Auf jeder Etage gibt es ein Badezimmer mit heißem und kaltem Wasser. Dort findet ihr auch die Toiletten«, erklärte die Iversson.
»Die Mädchen schlafen oben, die Jungs im Erdgeschoss. Wer sich mit wem ein Zimmer teilt, liegt ganz bei euch … Seid alt genug, um das selbst auf die Reihe zu bekommen«, ergänzte Schwester O’Hara. Die Frauen standen jetzt nebeneinander und Hope stellte fest, dass beide dieselben verkniffenen Fältchen um die Augen hatten.
»Zweihundert Meter die Straße runter gibt’s ’nen kleinen Laden, wenn ihr was braucht«, erklärte Mrs. Iversson.
Brady und Jamie stießen sich mit den Fäusten an und grinsten.
»Das ist das Stadtzentrum, dort spielt sich unser Leben ab. Es gibt das Hawkeye und das JD’s, wo man essen und trinken kann.« Mrs. Iversson nickte, als wären es lohnenswerte Ziele. »Und wir haben ein Kino. Es ist klein und hat ’nen schlechten Sound, aber es ist ’ne nette Abwechslung …«
Brady hob die Hand und schnippte mit den Fingern. »Hab da mal ’ne Frage, Ma’am!«
Schwester O’Hara nickte, bedachte ihn aber mit einem warnenden Blick. »Nur zu, Brady.«
»Okay … was läuft’n für’n Programm?«
»Wir werden nicht lange genug hier sein, um das herauszufinden«, stellte Schwester O’Hara mit wissendem Unterton fest.
Mrs. Iversson lächelte verschmitzt. »Heute ist Nachtvorstellung. Star Wars!«
Brady stieß Jamie an und grinste. »Bingo!«
Cherryl setzte ihr Unschuldslächeln auf und hob die Hand. »Schwester O’Hara?«
»Ja, Kindchen?«
Cherryl seufzte bedrückt. »Das ist doch sozusagen unsere Abschlussfahrt, nicht wahr?«
»So kann man es sagen, ja.«
»Wäre es da nicht nett, wenn Sie uns, na ja … mehr Freiraum gönnen würden? Ich meine, wir sind alt genug, um zu wissen, was …«
Schwester O’Hara hob die Hand und unterbrach sie in ihrem Redefluss. »Brauchst nicht weiterzureden, Cherryl, ich habe verstanden.« Ihr strenger Blick streifte über die erwartungsvollen Gesichter. Und es war tatsächlich ein Zwinkern, mit dem sie ihren nächsten Satz ankündigte. »Dann will ich mal Gnade vor Recht walten lassen und gewähre euch Ausgang bis elf Uhr.«
Brady sprang in die Luft. »Yeah, wie geil ist das denn?«
Cherryl stieß Hope in die Rippen. »Höre und lerne von der Meisterin, Baby!«
Lissy kicherte albern und Jamie grinste wie ein Honigkuchenpferd. Die anderen stießen einander an und lachten.
Hope war darüber erleichtert, weniger Zeit in dem unheimlichen Haus verbringen zu müssen.
Taschen hochbringen, frisch machen und sehen, was geht …
Beunruhigend war allerdings der Blick, den Schwester O’Hara mit Mrs. Iversson wechselte. Die beiden Frauen schien etwas zu verbinden, eine Bekanntschaft vielleicht, obgleich dies recht unwahrscheinlich war. Dann war der Moment vorbei und Hope schlüpfte hinter den anderen Mädchen in die muffige Düsternis jenseits der Fliegentür. Sie tauchte in etwas Weiches ein, das sie vollends in sich aufnahm. Das White House Inn atmete sie ein.


McCall’s Prairie Market and Store
Vivian stand auf dem Gehweg vor dem McCall’s Prairie Market and Store und genoss die laue Luft der Nacht. Grillen zirpten in den Büschen und irgendwo bellte ein Hund. Nicht mehr lange, und der Mond würde über die Dächer der Häuser kriechen und alles in sein kaltes, silbernes Licht tauchen. Bis dahin musste das Licht der Straßenlaternen reichen, um zu sehen, was abging. Das Geplapper vieler Stimmen hatte sie nach draußen gelockt. Der Bus, der seit Tagen das Thema Nummer eins war, hatte Purgatory endlich erreicht. Er parkte vor dem White House Inn und spie einen Schwall Teenager auf den Platz vor dem viktorianischen Haus. Die Iversson stand neben einer Nonne und unterhielt sich mit ihr in dieser unangenehm ausladenden Art, die Vivian nicht mochte. Die Ordensfrau wirkte hingegen ruhiger, schien die Aufsichtsperson der Jugendlichen zu sein.
Die Iversson … ’ne unberechenbare Irre …
Auf eine gewisse Weise tat Vivian die Ausflugsgruppe leid. Im White House Inn ging es nicht mit rechten Dingen zu. Die alte Ruth behauptete, dass in der Kirche der Geist eines Dämons hauste, der Gutes ins Böse kehrte. Im White House Inn schlug jedoch sein Herz. Darunter, vom schwarzen Grund verborgen, wucherten armdicken Strängen gleich die pulsierenden Adern, die alles verbanden. Durch die das Böse in jedes verdammte Haus fließen konnte. Vivian schüttelte über solchen Schwachsinn nur den Kopf. Das White House war eine Absteige, in die sich nur selten Reisende verirrten, aber es war mit Sicherheit kein Horrorhaus. Wer durch Purgatory fuhr, biss lieber die Zähne zusammen und sah zu, dass er Sioux Falls oder in der anderen Richtung Sioux City erreichte, anstatt hier anzuhalten. Dennoch prahlte die Iversson damit, dass in ihrer Honeymoon Suite, die nach vorne raus auf den Balkon ging, viele Kinder gezeugt worden seien. Vivian stieß die Prahlerei ab. Sie hatte mit ihrem Dad darüber geredet, doch der lachte nur wissend und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Gib nicht viel auf das Geschwätz der Iversson, die hat nicht mehr alle Tassen im Schrank«, hatte er gesagt. Damit war die Sache für ihn abgetan. Ganz geglaubt hatte sie ihm nicht, denn die Iversson hatte ihre Finger viel zu tief in den Machenschaften Purgatorys drin und war zudem eng mit den Carlins befreundet, die wie die McCalls eine der alten, einflussreichen Familien bildeten.
Ich werde das Quäntchen Wahrheit unter all dem Dreck finden – und wenn ich bis ans andere Ende der Welt graben muss!
Sie beobachtete, wie die Jugendlichen ihre Rucksäcke und Taschen aus dem Bauch des Busses zogen und über die Veranda das Haus betraten.
Wärt besser weitergefahren … Das hier ist kein Platz für euch. Ihr werdet begreifen, was ich meine, wenn es Nacht wird in Purgatory.
Einer der Jungs schien ein Außenseiter zu sein. Er verschwand mit dem dicken Busfahrer hinter dem gelben Fahrzeug und schob kurz darauf ein Motorrad auf die Straße. Keine amerikanische Maschine, eher klein und altmodisch. Die Iversson trat an ihn heran. Sie redeten eine Weile, schließlich streckte sie ihren Arm in Vivians Richtung aus.
Zeigt ihm wohl den Weg zur Tankstelle der Carlin-Brüder, dachte Vivian und schnaufte schwer. Die lag ein Stück weiter die Straße runter, gleich neben der Kirche. Während der Laden den Anfang des Zentrums bildete, symbolisierte die Tankstelle das Ende. Dort, wo man besser nicht hinging.
Vivians Muttermal juckte. Das tat es immer, wenn sie nervös war. Wie ein Fremdkörper hockte es auf ihrem Nacken, war groß, schwarz und hässlich.
Abgestempelt von einem bösen Geist …
Wenn man sie darauf ansprach, nannte Vivian es ihr Sklavenzeichen. Es hatte die Form einer Acht und war wulstig wie eine Narbe. Darunter prangte ein Kleeblatt aus schwarzen Knollen, die ein Kreuz ergaben und aussahen wie die Arbeit eines stümperhaften Tätowierers.
Es wäre leicht, die Tasche zu packen und sich im Bus zu verstecken, wenn er morgen abfährt … aber ich befürchte, dass seine nächste Fahrt die auf Carlins Schrottplatz sein wird, wo das Unkraut sein ausgeschlachtetes Gerippe überwuchert.
Vivian wusste, dass der Bus am nächsten Tag nicht abfahren würde. Und am Tag darauf auch nicht. Nicht dorthin, wo sie hinwollten, sondern hinter die Werkstatt auf das weitläufige Gelände der Carlins, wo sich unter dem Gestrüpp ein kleiner, mit Efeu überwucherter Autofriedhof versteckte.
Ein Truck kam die Straße herauf, fuhr in die Tankstelle und parkte neben dem kastenförmigen Gebäude. Es war der von Buck Carlin. Sie kniff die Augen zusammen und konnte Conor sehen, wie er auf der Beifahrerseite ausstieg, sich zwischen die Beine griff, um sein Gemächt in eine angenehmere Position zu ziehen, und im Gebäude verschwand. Auf der Fahrerseite stieg Buck aus, blickte die Straße zu dem Bus herunter, schien sie im Licht der Straßenlaternen zu entdecken und nickte knapp, wie es eben seine Art war. Vivian tat es ihm gleich. Sie mochte die Carlins nicht.
Allesamt degenerierte Hinterwäldler …
Buck war der Einzige, mit dem man wenigstens halbwegs vernünftig reden konnte. Aber die anderen – Gott bewahre! Conor stellte ihr schon länger nach und sie hatte Mühe, seine aufdringlichen Annäherungsversuche abzuwehren. Es würde der Tag kommen, an dem sie es nicht mehr konnte, und er würde sich holen, wonach er verlangte. Und Jet, nun, da war diese Sache vor einem Jahr mit dem kleinen Jungen, der bei Mrs. Iversson zu Gast gewesen war. Jet hatte große, starke Hände und die Motorik eines Schaufelbaggers. Der Zwischenfall hatte den Bezirkssheriff auf den Plan gerufen, doch der Prediger konnte alles regeln und Jet kam mit einer Verwarnung davon. Vivian hatte erfolgreich verdrängt, was aus dem Jungen und seinen Eltern geworden war.
Buck lief zur Kirche, betrat sie durch den der Tankstelle zugewandten Seiteneingang und verschwand aus Vivians Sichtfeld. Sie rieb sich fröstelnd die Arme, obgleich es selbst nach Einbruch der Nacht drückend heiß war.
Jetzt steckt er dem Prediger, dass der Bus angekommen ist.
Sie lachte bitter.
Als wenn er das nicht längst wüsste!
Der Prediger hatte das alles von langer Hand geplant. Selbst der Tag der Ankunft des Busses stand bereits Wochen zuvor fest. Das wusste sie, weil sie ein Gespräch zwischen ihrem Dad und dem Prediger im Laden belauscht hatte. Er hatte davon gesprochen, dass die große Suche endlich ein Ende nehmen würde. Die Männer hatten gelacht und eine Menge Whiskey getrunken.
Vivian erschrak, als sie ein leises »Hey!« von der anderen Straßenseite hörte. Es war der Junge, der sein Motorrad zur Werkstatt schob. Sie blickte unsicher auf, verschränkte die Arme, nickte scheu. »’n Abend!«
Der Junge blieb stehen, wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Shirt war verschwitzt und sah nach einer langen Reise auf den staubigen Straßen Iowas aus. Aber anders als die Hinterwäldler, die sie kannte, wirkte er deswegen nicht weniger anziehend. Verschmitzt lächelte er sie an. »Sorry, wenn ich dich erschreckt habe.« Er nickte in Richtung der von Neonlampen beleuchteten Tankstelle. »Ist das dort vorne Carlin’s Werkstatt?«
Vivian sah zu dem Bau mit den Zapfsäulen und wunderte sich über die Frage, denn das Schild darüber war selbst bei Dunkelheit nicht zu übersehen.
Könnte ihn einfach woanders hinschicken, weg aus der Stadt. Schließlich gehört er nicht zu denen aus dem Bus, hat nichts mit den Machenschaften hier zu tun.
Sie wusste nicht, warum, aber es kamen ihr die Worte des Predigers vom letzten Sonntag in den Sinn.
Gott hat uns den schwarzen Boden geschenkt, mit dem Blut derer von außerhalb fruchtbar gemacht, auf dass wir eine reiche Ernte einfahren, Jahr für Jahr.
Das waren seine Worte gewesen. Er hatte sie damit zutiefst verunsichert.
Das Blut derer von außerhalb …
Vivian sah den harten Mann mit dem wettergegerbten Gesicht direkt vor sich, wie er mit seinen kalten, grauen Augen auf sie herabstarrte.
Was der eine als Gott bezeichnet, ist des anderen Teufel …
Sie hatte nicht verstanden, was er damit meinte. Nur die Alten hatten wissend genickt und gemurmelt, dass die Auserwählten in die Stadt kommen würden und die Suche bald ein Ende hätte.
Immer wieder diese Suche …
Das Quäntchen Wahrheit …
Ich sollte Ruth in ihrer Hütte besuchen. Sie wird es wissen … Sie weiß einfach alles …
Vivian wusste in diesem Moment nur, dass es mit dem Bus zu tun hatte. Dass es die eine große Sache war, um die sich in Purgatory alles drehte.
Vivian räusperte sich verlegen. »Sorry. Das sind die Carlins, ja. Conor sollte in der Werkstatt sein, ist eben heimgekommen«, beantwortete sie seine Frage.
Der Junge nickte. »Uff, prima. Hoffe, die können den Fehler finden. Das Bike bei der Hitze zu schieben, macht echt keinen Spaß.« Er blickte die Straße zurück zum Bus. »Die haben mich auf der Interstate aufgelesen. Hatte bereits befürchtet, dass ich im Freien übernachten muss – und glaub mir, ich bin verdammt froh, dass es nicht so ist.«
»Ist echt nicht ratsam, in den Maisfeldern zu pennen«, gab Vivian zurück, sah mit einem schnellen Blick zur Ladentür. Drinnen war alles ruhig. Ihr Vater war im Kühlhaus beschäftigt und ihre Mutter tat das, was sie eben so tat. »Da gibt’s ’ne Menge schräger Geschichten drüber …«
Sie beschloss, sich dem Jungen vorzustellen. So konnte sie mehr über den Bus und der offensichtlich wertvollen Fracht herausfinden. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und überquerte die Straße, bis sie vor dem Motorrad stand. Mit einem gezwungenen Lächeln streckte sie ihm die Hand entgegen. »Ich heiße übrigens Vivian.«
Der Junge wischte sich die Hand an seiner Jeans ab und reichte sie ihr. »Jason … Jason Bullock.« Sein Händedruck war angenehm fest. Nicht gierig und grob wie Conors oder schwammig wie der seines Bruders Jet, der sie an weiche Butter denken ließ. Sie dachte an Buck und dass der niemandem die Hand gab.
Komischer Kauz. Wie unterschiedlich Geschwister doch sein können …
Oder auch nicht …
»Und du wohnst die Nacht über im White House?« Kaum ausgesprochen, kam Vivian ihre Frage unangebracht vor. Sie stöhnte entschuldigend auf. »Sorry, das war jetzt aufdringlich.«
Jason sah erneut zurück und zuckte mit den Schultern. »Ist ja kein Geheimnis. Mrs. Iversson war so nett, mir ein Zimmer anzubieten. Aber was ist mit dir? Arbeitest du in dem Laden?«
Vivian war nicht besonders gut in dieser Art von Gesprächen. Die Konversation in Purgatory beschränkte sich normalerweise auf das Wetter, den Mais, die Schweinezucht und Fleischproduktion. Auch dabei fasste man sich kurz. Mit Fremden redete sie selten. Über was auch? »Gehört meinen Eltern … und ja, da steh ich hinter der Theke.«
»Habt ihr Bier?«, wollte Jason mit einem verschmitzten Lächeln wissen.
Vivian nickte. »Klar.«
Jason deutete zum Hawkeye, dass zwischen dem Laden und der Werkstatt auf der linken Straßenseite lag. Aus einem bestimmten Grund schien er sich nicht von ihr lösen zu können. »Und dort bekomme ich auch was zu essen?«
»Besser, du holst dir ’n Sandwich bei uns.« Sie rang sich zu einem Lächeln durch. »Dir würd’s als Fremder im Hawkeye nicht gefallen … sag ich jetzt mal so.«
Außer du willst im Hinterzimmer enden …
Jason sah sie einen Augenblick nachdenklich an, nickte schließlich. »Okay, wenn du das sagst, schau ich später bei dir vorbei.«
»Was ist das überhaupt für ein Bus?«, kam Vivian auf den eigentlichen Grund des Gesprächs zurück. »Schulausflug?«
»Hm, soweit ich weiß, sind die von ’nem Waisenhaus und auf dem Weg nach South Dakota … Sommercamp oder so was in der Art …«
»South Dakota liegt aber in der anderen Richtung«, sinnierte Vivian und hätte sich im nächsten Moment am liebsten auf die Zunge gebissen.
Jason hob desinteressiert die breiten Schultern. »Glaub, die sind über Sioux City gefahren, da ist es nur ein kleiner Abstecher hierher. Wen juckt’s?«
Vivian war über Jasons Verhalten verwundert. Der sogenannte Abstecher verlängerte die Fahrt um viele Stunden. Sie fing an, über Dinge nachzudenken, über die sie besser nicht nachdenken sollte. Und dennoch …
Ich weiß, dass es kein Zufall ist, dass die hier gelandet sind.
»Und wo, sagtest du, wolltest du hin, Jason?«
»Ich sagte noch gar nichts«, antwortete der Motorradfahrer und lachte. »Wer weiß, womöglich genau hierher …«
Vivian sah scheu zum Laden und zuckte zusammen, weil sich im Obergeschoss ein Vorhang bewegte.
Verdammt, Mum …
Vivian stellte sich vor, wie sie sich zum Fenster geschleppt hatte. Laufen konnte sie längst nicht mehr. Jedenfalls nicht wie ein normaler Mensch. Aber was war schon normal in Purgatory? Nicht auszudenken, wenn sie das Gespräch beobachtet hatte. »Ich geh besser rein … werd nicht fürs Schwätzen auf der Straße bezahlt.« Sie drehte sich um, lief los, doch Jason ergriff ihren Arm.
»Weil im Moment viel los ist …« Überrascht von seinem Übergriff, zog er die Hand zurück. »Sorry, ich wollte das nicht …« Er lächelte sie verlegen an. »Es ist nur, wie soll ich’s sagen … Würd mir wünschen, später mit dir im Laden weiterzureden.«
Vivians Hand berührte kurz die seine. »Mach, das du aus der Stadt verschwindest«, stieß sie leise, aber nachdrücklich hervor. »Halt dich von den Einheimischen fern, von denen im Bus … und … vor allem … von mir!« Vivian ließ ihn stehen, überquerte die Straße und ging zur Ladentür. Dort sah sie über die Schulter zurück. »Viel Glück mit dem Motorrad, Jason!«
»War nett, mit dir zu plaudern, Vivian«, rief er ihr verwirrt hinterher, aber da hatte sie bereits die Ladentür erreicht und schlüpfte ins sichere Innere.
Hätte besser ihm Glück wünschen sollen anstatt dem Motorrad … denn du hast das bitternötig …
Vivian sah auf die Uhr. Sie hoffte, dass er ihren Rat befolgen und verschwinden würde. Er war nett und süß, aber ein Fremder. Es war besser, ihn zu vergessen, denn die von außerhalb waren nicht von langer Dauer.
Sie versuchte, auf angenehmere Gedanken zu kommen. Zum Beispiel auf ihren bevorstehenden Feierabend. In einer Stunde würde sie endlich den Laden schließen, nach oben in ihr Zimmer gehen und sich dem Brief von Mary-Ann widmen. Sie würde die Shirts anprobieren, Musik hören und dieses verdammte Kaff für einen Moment vergessen. Einfach Mädchen sein. Das hörte sich nach einem ziemlich guten Plan an.
»Viviaaaaan!« Das Gekreische ihrer Mutter machte all ihre Pläne zunichte. Es dröhnte durch das Haus, das Vivian für einen Moment dachte, die Hölle hätte sich geöffnet.
»Ich hab zu arbeiten!«, blaffte sie nach oben, wusste aber, dass sich eine Martha McCall nicht damit zufriedengeben würde.
»Viviaaaaan!«
Vivian traten Tränen in die Augen. Ihr Magen krampfte, weil es ihr aufs Äußerste widerstrebte, nach oben zu steigen und das Zimmer ihrer Mutter zu betreten. Mit unsicheren Schritten ging sie zur Ladentür, um das Schild auf »Geschlossen« zu drehen. Auch wenn sie Angst hatte, sie musste es tun. Es gab keine andere Möglichkeit. Sie musste es tun.
Vivian ließ sich mit dem Hinaufsteigen Zeit, die sie nutzte, um sich auf den Anblick vorzubereiten, der sie dort oben erwartete. Ihre Mutter war ein Beispiel dafür, was es bedeutete, den Zorn des Predigers auf sich zu ziehen.
Alles dreht sich in Purgatory um diesen Mann. Selbst die Uhren richten sich nach ihm. Er ist der Geist …
Mein Gott, ich denke wie Dad …
Ich sollte besser überhaupt nichts denken …
Ich muss funktionieren …
Aber ich will’s nicht!
Ihre Mutter bewohnte das Zimmer am Ende des Flurs, das sie nur in besonderen Ausnahmefällen verließ. Vivian fragte sich, warum sie es ausgerechnet heute getan hatte.
Sie weiß von dem Bus und wollte es mit eigenen Augen sehen …
Sie weiß es, weil sie mit dem Prediger verbunden ist …
Je näher sie der Tür kam, desto intensiver roch sie den beißenden Gestank, der aus dem Raum dahinter strömte. Dad versorgte sie, wie er dazu in der Lage war. Er hielt sie sauber, wusch ihren Körper, salbte ihre wunde Haut. Anfangs aus Liebe, doch inzwischen tat er es nur, weil er sich ihr gegenüber verpflichtet fühlte.
Diesem Monster? Dass ich nicht lache! Wohl eher dem Prediger …
Sie achtete darauf, nicht auf die Schleimspur zu treten, die kurz vor der Tür begann, wo sie in dem Raum dahinter am Fenster die Bewegung gesehen hatte. Sie führte bis zu dem Zimmer ihrer Mutter. Ein Geschmier aus schlechtem Blut und eitrigem Ausfluss. Das Zeug lief ihr aus den Löchern, vor allem aber aus denen zwischen ihren Beinen. Vivian stöhnte auf. Es würde Stunden dauern, das klebrige Zeug von den Holzdielen des Flurs zu putzen. Sie verabschiedete sich von den Gedanken, sich ihrem Paket widmen zu können.
Niemand kann von mir verlangen, dass ich diese … Kreatur … liebe …
»Viviaaaaan!«
So nah an der Tür hörte es sich bedrohlich an. Dumpf und hohl klang ihre Stimme, durchsetzt von grenzenlosem Hass. Aber wenigstens schien sie sich nicht direkt hinter der Tür aufzuhalten.
Auf dem Bett …
Dad hatte mit Reißzwecken ein Bild von ihr an das Türblatt gepinnt, damit er nie vergaß, was für ein Mensch sie gewesen war. Vivian wischte mit ihrem Shirt den fetttriefenden Schleim von der Fotografie.
Mutters schmierige Spuren …
Das vergilbte Papier zeigte ihre Mutter vor einem strahlend blauen Himmel. Sie hatte den Mund zu einem Lächeln geöffnet, sodass man ihre gebleichten Zähne sehen konnte, trug eine leichte, helle Bluse und fasste sich mit einer Hand in ihr rotbraunes, gelocktes Haar, das ihr bis über die Schultern fiel.
Grüne Augen, dachte Vivian. Ein leuchtendes, freundliches Grün.
Es war das erste Mal, dass sie ihr strahlendes Lächeln bewusst wahrnahm. Die grünen Augen hatte sie von ihrer Mutter geerbt, auch wenn ihre viel dunkler und tiefgründiger waren.
Das ist das Einzige, was ich von ihr habe …
Vivian hatte ihre Mutter nie richtig kennengelernt, konnte sich nur vage daran erinnern, wie sie als Mensch gewesen war. Winzige Momente, von denen sie nicht wusste, ob sie ihrem Wunschdenken entsprachen oder Wirklichkeit waren.
Kindheitsträume …
»Viviaaaaan!«
Träume, die zerplatzten …
Sie atmete tief durch und legte ihre Hand auf den Drehknauf, um die Tür zu öffnen, tauchte mit den Fingern tief ins eitrige Geschmier. Aber sie zog die Hand nicht zurück. »Mum, ich komm jetzt rein.«
Vivian öffnete die Tür und fand sich in der Hölle wieder.

Eine denkwürdige Zusammenkunft im Nuttall & Man’s
James drehte das Whiskeyglas zwischen seinen Fingern, wie er es immer tat, wenn er nachdachte. Mantel und Hut hingen an der Garderobe des Hinterzimmers. Ebenso seine nasse Jacke. Er hatte sich die Zeit genommen, aus den Satteltaschen ein frisches, rotes Hemd zu holen und es anzuziehen. Die feuchte Weste hatte er wieder übergezogen, um anständig zu erscheinen. Vor ihm auf dem Tisch lag ein abgegriffener Stapel Pokerkarten. Ein Relikt seines früheren Lebens.
Jane saß ihm zugeknöpft in Hut und Jacke gegenüber. Er fand, dass sie im Gegensatz zu ihrem letzten Zusammentreffen blass geworden war und dünner. Ihr Blick sprach Bände. Sie war eine Frau, die Probleme gerne selbst und alleine erledigte. Es musste etwas Gravierendes sein, dass sie sich Hilfe von anderen holte.
Das Lärmen im Saloon und das Geklimpere am Klavier drangen verhalten zu ihnen vor. James schenkte sich nach und schob Jane die Flasche zu. »Erzählst du mir, was dich bedrückt?«
Jane schenkte sich ein und atmete geräuschvoll durch die Nase. Ihre Züge umspielten eine Härte, die er nur von Frauen kannte, die ihr Leben in den Territorien abseits von Gesetz und Ordnung selbst in die Hand nahmen. Er dachte an die Zeit zurück, in der sie zusammen geritten waren. An den Scoutjob bei der US Army und die Nacht, in der sie sich das erste Mal nähergekommen waren.
»Wir erwarten noch Gäste«, holte ihn Jane aus seinen Gedanken zurück und wich gleichzeitig der gestellten Frage aus.
»Wen?«
Anstelle einer Antwort nickte Jane zur Tür, denn von dort wurde es plötzlich laut. Jemand musste sie geöffnet haben. James fuhr herum, die Hand auf dem Griff seines Colts. Er hatte nicht aufgepasst. Und er saß mit dem Rücken zur Tür, ein weiterer Fehler. Ein Leichtsinn, der ihm zum Verhängnis werden konnte. Früher, in den wilden Zeiten, wäre ihm das nicht passiert.
Ein vollbärtiger, zerzauster Mann in Handschellen taumelte in das Hinterzimmer, gestoßen von einem hochgewachsenen, hageren Mann in dunkelgrauem Anzug und schmierigen Stiefeln. Der Zerzauste blieb in einiger Entfernung von dem Tisch, an dem Jane und James saßen, stehen und straffte seine Haltung. Sein Blick war hungrig und ausgezehrt, weswegen James an einen straffällig gewordenen Goldgräber dachte. Der harte, unbarmherzige Zug in den Augen des Mannes sprach eine andere Sprache. Der graue Wollstoff seiner Hose war zwar schmutzig, doch die braunen Stiefel wirkten gepflegt wie das karierte Hemd, das jetzt allerdings aus der Hose hing.
Der Mann hinter dem Gefangenen hielt eine Schrotflinte in der Hand. Ein sauber polierter Colt neuerer Bauart lugte an seiner Seite unter der Jacke hervor. James hatte den Mann vor dem Eisenwarenladen gesehen. Das glänzende Abzeichen am Revers der Jacke bezeugte, dass er zu einer Art selbst ernannter Bürgerwehr gehörte.
James sah Jane an, als hätte sie ihn gerade verraten. Es war nicht lange her, dass er mit dem Gesetz aneinandergeraten war. Er hatte keine Lust, das zu wiederholen. »Verdammt, Jane, was soll das?«
Sie nickte in die Richtung der beiden Männer. »Darf ich vorstellen? Das ist Seth Bullock, der neuerdings mit seinen Männern in Deadwood für Ordnung sorgt. Er kandidiert übrigens für den Sheriffposten. Die Wahl steht nächste Woche an und es ist die erste ihrer Art in diesem Nest.« Ihre Augen verengten sich, während sie sprach. »Und dieses Stück Südstaatendreck ist kein Geringerer als John ›Broken Nose‹ Jack McCall.«
James stand langsam auf, darauf bedacht, keine Bewegung zu machen, die Bullock zu voreiligen Handlungen hätte hinreißen können. Er hatte viele dieser Männer kennengelernt und jedes Mal hatte es Ärger gegeben.
Seth Bullock hatte inzwischen die Tür geschlossen. Sein harter Blick bohrte sich in den von James. »Sie sind also der Revolvermann, von dem Jane gesprochen hat.« Begleitet von einer verächtlichen Note spuckte er einen Klumpen Kautabak auf den Boden.
James sah zu Jane, die entschuldigend mit den Schultern zuckte, und dann zurück zu Bullock. »Ich habe vor einiger Zeit aufgehört, auf Menschen zu schießen. Ich bin gekommen, weil mich eine Freundin um Hilfe gebeten hat, sonst hat mich nichts bewogen.« Er atmete langsam aus. »Oft reicht meine bloße Anwesenheit, um Dinge zu klären. Nur damit ihr es alle wisst, ich werde von meiner Regel nicht abweichen.«
»Die Dinge, wie du es überaus treffend bezeichnest, bedrohen weit mehr als nur Deadwood«, erklärte Jane und trat neben James, damit sie ihn ansehen konnte. »Ich habe dir im Telegramm geschrieben, dass das Böse in Deadwood Einzug gehalten hat. Das meinte ich wörtlich.« Sie machte eine kurze Pause in ihrer Rede. »Und ich bin mir sicher, dass du deine Grundsätze in diesem speziellen Fall überdenken wirst!«
Seth Bullock gab McCall einen weiteren Stoß in den Rücken. »Setz dich auf den Stuhl dort drüben, damit ich dich im Auge behalten kann.« Dann ging er zum Tisch, um sich ebenfalls ein Glas Whiskey einzuschenken. »Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber was Jane sagt, entspricht der Wahrheit.« Er trank sein Glas mit einem Zug leer. »Womit wir es zu tun haben, ist das Böse und es kommt direkt aus der Hölle! Anders kann ich’s nicht nennen!«
James wusste nicht recht, wie er darauf reagieren sollte. Er sah alle der Reihe nach an: seine verstört wirkende Freundin, den harten Seth Bullock, zuletzt den Gefangenen, der ihn hoffnungsvoll ansah. Er wollte lachen, sich über den misslungenen Scherz lustig machen. Er dachte daran, den Nuttall & Man’s Saloon durch die Vordertür zu verlassen, sich auf sein Pferd zu setzen und davonzureiten, um das Treffen und das, was besprochen worden war, aus seinem Gedächtnis zu tilgen, bevor es ihn verseuchte. Es war Janes Blick, der ihn dazu bewog zu bleiben. Er hatte sie noch nie derart verunsichert, womöglich ängstlich gesehen. Also nickte er langsam, nahm seinen Hut ab und fuhr sich durch sein dichtes, langes Haar. »Ich werde mir eure Geschichte anhören. Diese Chance gebe ich euch, mich davon zu überzeugen zu bleiben. Gelingt euch das nicht, setze ich mich unverzüglich auf meinen Schimmel und reite zu meiner Frau nach Cheyenne zurück und ihr seht mich nie wieder.«
»Klingt fair«, urteilte Seth und setzte sich an den Tisch, allerdings so, dass er McCall im Auge behalten konnte.
Jane setzte sich und schenkte die Gläser voll. »Broken Nose soll erzählen!«
James schnaufte, setzte sich aber ebenfalls, weil er vermutete, das dessen Schilderung einige Zeit in Anspruch nehmen würde.
McCall fing an zu erzählen. Ein unstetes Feuer aus Angst und Verzweiflung glomm hinter seinen eng beieinanderstehenden Augen, gepaart mit einer seltsamen Art von Wahnsinn, die schwer einzuschätzen war. Was er zu sagen hatte, hatte im Bürgerkrieg mit den Bushwhackers unter Bloody Bill Anderson seinen Anfang genommen. Die Gräuel von Lawrence und Centralia schnitt er dabei nur beiläufig an. Selbst das mit dem Hinterhalt, bei dem die Bushwhackers aufgerieben wurden, schien ihm nicht sonderlich wichtig zu sein. Was er jedoch im Detail schilderte, war der Zwischenfall in den Plains, wo Bloody Bill Anderson seinen Kumpan Al Swearengen mit diesem stinkenden, schwarzen Teer übergossen hatte, der aus seinem Mund gekommen war.
»Moment mal!«, stoppte James seinen Redefluss. »Anderson wurde 1864 in Ray County erschossen, soweit ich das gelesen habe.«
McCall lachte trocken. »Das machen die Yankee-Zeitungen der Welt glauben. Mag ja stimmen, was den Menschen Anderson betrifft. Aber so wahr ich hier sitze, er wurde zu etwas anderem!« McCall sah sie der Reihe nach an, nickte. »Bloody Bill Anderson wurde zu einer Ausgeburt der Hölle. Und ich schwöre bei Gott, dass er das mit dem schwarzen Zeug mit Swearengen getan hat!«
James schnaufte und trank.
Womöglich hat Anderson alle ausgetrickst und ein anderer ist an seiner statt gestorben – wer kann das schon mit Bestimmtheit sagen?
Wenn das in dieser Art weiterging, würde er eine Menge Whiskey brauchen, um damit klarzukommen. »Meinetwegen hat er Swearengen mit dem schwarzen Zeug bespuckt. Aber wie ging’s weiter?«
McCall schluckte trocken, leckte sich die Lippen und starrte die Flasche an. »Hast dir ’nen Schluck verdient«, grunzte Bullock, schenkte ein Glas voll, stand auf und brachte es McCall. »Mehr gibt’s aber erst, wenn du fertig bist!«
McCall trank mit gierigen Schlucken, legte den Kopf in den Nacken und atmete erleichtert auf. »Aaah, tut das gut …« Er drehte das Glas zwischen seinen Händen, während er sprach. »Wir mussten Bloody Bill einen weiteren Tag begleiten, bis wir mitten im Nirgendwo einen See, nein, eher ’nen schlammigen Tümpel erreichten. Ich fragte mich, wie er den überhaupt finden konnte, wo er doch nie zuvor in Iowa gewesen war.« McCall trank den Rest seines Glases aus. »Jedenfalls, na ja, es war mitten in der Nacht. Wie ein Geist stand er neben der Glut des erloschenen Feuers, zog sich aus und stieg ins Wasser, um darin unterzutauchen.«
»Er tat was?«, wollte James wissen. Er ging nicht davon aus, dass Anderson es tat, um ein Bad zu nehmen.
»So wahr ich hier sitze, er ging ins Wasser, sag ich. Er tauchte unter und nicht wieder auf. Swearengen lachte wie ein Irrer, sagte was von es hat begonnen und dass ich besser daran täte, nicht so nah am Wasser zu stehen.« Er räusperte sich laut. Es war ihm unangenehm, weiterzusprechen. »Tags drauf ritten wir in die Black Hills zu einem illegalen Goldgräbernest, aus dem die Stadt wurde, in der wir uns jetzt befinden.«
In James’ Kopf rotierten die Gedanken. Es war natürlich möglich, dass sich Anderson im Wahn gefangen das Leben genommen hatte. Oder, was wahrscheinlicher war, dass McCall und Swearengen ihn umgebracht hatten, um in Deadwood neu anzufangen. James sah allerdings keinen Grund, eine derart komplizierte Lügengeschichte zu erfinden, geschweige denn überhaupt eine. Anderson war ein gesuchter Massenmörder, eine Bestie. Zudem lag der Krieg fast zehn Jahre zurück. »Dieser Swearengen, was ist aus dem geworden?«
»Hast du das Gem gesehen? Das Backsteinhaus gegenüber?«, warf Jane ein.
James nickte. »War ja nicht zu übersehen.«
»Al Swearengen ist der Besitzer.«
Er hat es zu was gebracht, dachte James. Wenn du in einer Goldgräbersiedlung reich werden willst, bau einen Saloon mit Spielhalle und stell ein paar hübsche Mädchen ein …
Das lief im gesamten Westen gleich. Es gab die, die für einen kargen Lohn hart schufteten, und die, die es ihnen aus der Tasche zogen, was sie sich mit Schweiß und Blut erarbeitet hatten. Moralisch war das äußerst zweifelhaft, aber als verwerflich hätte er es nicht bezeichnet. »Er ist der Patron der Stadt?«
Bullock knirschte mit den Zähnen. »So ist es. Während der gesetzlosen Tage von Deadwood hat er ’ne Menge Geld gemacht und sich was Anständiges aufgebaut.«
»Die Hölle hat ihm den Weg geebnet«, warf McCall hastig ein.
»Die Hölle, sagst du?« James schüttelte den Kopf, griff zum Glas und stellte fest, dass es leer war.
Jane schenkte nach. »Es stimmt, was er sagt … ich wollt’s anfangs selbst nicht glauben.«
»Verdammt üble Dinge sind geschehen«, meinte Bullock. »Es sind nicht nur die Revolvermänner, die er sich geholt hat … alles ehemalige Bushwhackers, die er von früher kannte.« Er lehnte sich im Stuhl zurück, zog Tabak und Papier aus der Westentasche und begann sich eine Zigarette zu stopfen. »Wir hatten ’nen ziemlich guten Prediger hier, der dem Moloch aus Suff und Gewalt voller Mut entgegentrat. Er fing an, über die Machenschaften Swearengens zu predigen. Bald darauf starb er einen unnatürlichen Tod.«
»Nicht verwunderlich, wenn jemand in das Gebiet eines Patriarchen pisst«, brummte James, der die rauen Sitten der Grenzlande nur zu gut kannte.
»Mag sein«, erwiderte Bullock, »aber wozu schlägt man den Mann kopfüber ans Kreuz und hängt es über den Altar in der Kirche? Ist das üblich?«
James schluckte. Das ging wirklich verdammt weit. Andererseits musste man bedenken, dass die Leute um Swearengen ehemalige Bushwhackers waren, die keinen Skrupel kannten. »Hört sich an, als hätte er erreicht, was er wollte.«
»Er hat ihm das Herz herausgeschnitten und es gegessen«, krächzte McCall heiser. »Hab’s mit eigenen Augen gesehen, weil ich dabei war. Und das hat er nicht nur mit dem Prediger so gemacht!«
»Jeder, der sich gegen ihn stellt, endet auf diese Weise«, bestätigte Jane McCalls Einwurf. »Saloonbetreiber, Händler, selbst Bankangestellte.«
»Und alle, die bisher zumindest ansatzweise das Gesetz in Deadwood vertreten wollten«, murmelte Bullock. Ein geschwefeltes Streichholz flammte auf, mit dem er sich eine Zigarette anzündete.
»Und wie kommt’s, dass Sie noch leben?«, entgegnete James. Bisher hatte er keinen Teufel in Swearengen erkennen können, sondern nur ein resolutes Dreckschwein, das skrupellos seine Ziele verfolgte. »Weil Sie ein besonders harter Schweinehund sind?«
Bullock blies geräuschvoll den Rauch aus. »Ich kam mit meinen eigenen Männern hierher. Wir werden gut von der Mine Company bezahlt, dass wir hier für Ordnung sorgen. Es gab bereits ein paar Zwischenfälle, die ich jedoch als gegenseitiges Abtasten bezeichnen würde.«
Jane räusperte sich. »Da ist noch was anderes.«
James sah sie mit einer hochgezogenen Augenbraue fragend an. Ihm wurde bei der Sache langsam unwohl, weil er nicht in einen Machtkampf zwischen Möchtegern-Gesetzeshütern und einem mordlüsternen Lokalpatriarchen hineingezogen werden wollte. Er war selbst Marshall gewesen, unten in Ellsworth County, Kansas und wusste, dass dabei eine Menge unschuldiges Blut floss. »Und was?«
Jane druckste herum, schob ihr Glas nervös von sich. James wusste, wie schwer es war, Jane zu verunsichern. »Na ja, abgesehen von den Kreuzigungen verschwinden hier in letzter Zeit ’ne Menge Leute. Goldgräber, leichte Mädchen, Reisende, ja sogar Kinder …«
»Du weißt doch, wie es in Städten wie dieser läuft«, grunzte James und strich sich über den Bart. »Manche reisen ab, andere sterben, dann gibt es die speziellen Unfälle, wenn welche aneinandergeraten.« Er zwinkerte ihr zu.
»Das mein ich nicht«, entgegnete Jane, sah ihn aber nicht dabei an. »Die Leute verschwinden und tags darauf macht sich eine Kutsche Swearengens, stabil genug für einen Gefangenentransport, auf und verlässt die Stadt in Richtung Süden.«
»Haben sie ein paarmal ’ne Weile verfolgt«, ergänzte Bullock. »Vier Reiter begleiten den Transport, zwei weitere sitzen auf dem Kutschbock. Sie treiben die Gäule zur Eile an, bis sie schäumen. Haben sie bis an die Grenze von Iowa verfolgt, sind allerdings zurückgeritten.«
»Sie fahren an den See, dorthin, wo Bloody Bill haust«, flüsterte McCall. Ihm war anzusehen, dass er Angst davor hatte, den Namen laut auszusprechen. »Oder das, was aus ihm geworden ist …« McCall nahm im Stuhl eine aufrechte, gestraffte Haltung an. »Um ihn mit Frischfleisch zu versorgen und ihm einen Tempel zu errichten!«
»Was? Mit … Frischfleisch? Etwa von …«
McCall nickte, hielt James’ Blick stand. »Menschenfleisch. Fachgerecht zerlegt und zubereitet im Eiskeller unter dem Gem’s.« Er senkte den Blick. »Was sie mit den armen Leuten dort anstellen, bevor sie sie töten, hat mich dazu bewogen abzuhauen.« McCall keuchte, sank in die ursprüngliche, gekrümmte Haltung zusammen. »Jede verdammte Nacht wache ich auf, weil mich Albträume plagen. All die flehenden Blicke, die sie mir aus ihren aufgerissenen Augen zuwerfen … ich halt das nicht mehr aus.« McCall schluchzte und sah zu Boden.
Eine Weile herrschte Stille im Nebenzimmer. Nur die gedämpften Geräusche aus dem Saloon zeugten davon, dass sie sich inmitten einer geschäftigen, pulsierenden Stadt befanden.
Schließlich war es James, der das Schweigen brach. Aus dem ganzen Gefasel um Tod und Teufel wurde er nicht schlau. Somit hatte er eine Entscheidung getroffen, von der er hoffte, sie nicht zu bereuen. »Ich werde rübergehen und mir selbst ein Bild davon machen. Danach werde ich meine endgültige Entscheidung treffen!« Er trank sein Glas aus, stellte es umgedreht auf den Tisch zurück, stand auf und verließ das Hinterzimmer des Nuttall & Man’s ohne ein weiteres Wort.

Ein guter Zeitpunkt, um die Suche zu beenden
Buck Carlin betrat die Kirche durch den Seiteneingang. Der nur spärlich beleuchtete Flur empfing ihn mit einer angenehmen Kühle, die auf seiner Haut ein Kribbeln verursachte. Er fühlte sich an McCalls Kühlraum erinnert und musste grinsen. Nicht mehr lange, und Bob würde alle Hände voll zu tun haben, denn im August war Hochsaison.
Buck durchquerte den kurzen Flur, von dem die Wirtschaftsräume abgingen, und betrat durch die Tür an dessen Ende die Sakristei. Er hatte gehofft, den Prediger in dem quadratischen, holzgetäfelten Raum anzutreffen. Was er fand, war eine halb volle Flasche Whiskey zwischen Messingkelch und Monstranz. Auf dem schmalen Regalbrett lagen zweiundzwanzig Kugeln Kaliber 44 fein säuberlich aufgereiht, umgeben von liturgischen Gegenständen und Whiskeyflasche in einem lockeren Halbkreis, schufen einen Schrein. Die Luft war in penetranter Weise von Weihrauch geschwängert, dass es ihm in den Augen brannte. Eine schwarze Kasel hing zerknittert auf einem Kleiderbügel, ein ausgelatschtes Paar Hausschuhe stand darunter. Nur vom Prediger fehlte jede Spur. Allerdings musste er vor Kurzem hier gewesen sein, denn sein unverwechselbarer Geruch hing in der Luft.
Also die Kirche, mutmaßte Buck, ging durch den beengend kleinen Raum und stieß die doppelte Schwingtür auf, die hinter dem Altar ins Kirchenschiff führte. Dort war es dunkel, denn die einzige Lichtquelle bestand aus träge im Luftzug flackernden Kerzen. Buck machte einen Bogen um den mit einem scharlachroten Tuch bedeckten, fliegenumschwirrten Altar. Der fleckige Stoff schimmerte wächsern. Anders als in der Sakristei hing in der Kirche ein schwerer, süßlicher Geruch wie von verdorbenem Obst mit einer Note von Kupfer. Schmutz knirschte unter seinen Stiefelsohlen. Es war lange her, dass jemand in der Kirche gefegt hatte. Früher hatte Bobs Frau dafür gesorgt. Einmal pro Woche staubte sie die Heiligenstatuen ab, fuhr über die Bilder, wischte den Boden feucht auf, erneuerte die Kerzen. Nachdem das Exempel an ihr vollzogen worden war, hatte sich niemand mehr gefunden, um ihren Platz einzunehmen.
Wen interessiert’s?, dachte Buck. In ein paar Stunden wird eh alles anders sein. Die Tage der neuen Zeit brechen an …
Die Fliegen stoben auf, summten und offenbarten ihm den Quell des Gestanks. Auf dem Altar lagen die schmierigen Reste der letzten Messe. Maden schwammen im süßlich braunen Saft. Fleisch rann zäh wie Sirup von bleichen Knochen, um sich mit gegorenem Obst zu vermischen. Buck sah nicht genau hin, doch der Blick aus den Augenwinkeln genügte, dass ihm schlecht wurde. Purgatorys Kirche war wahrlich kein Gotteshaus, wie man es erwarten würde.
Der Prediger saß mit ausgestreckten Beinen auf der vordersten Bank. Sein sehniger Körper steckte in einem altmodischen, schwarzen Anzug. Der blütenweiße Kollar leuchtete wie ein Fremdkörper im Kragen seines ebenfalls dunklen Hemdes. Der Prediger hatte den Kopf weit in den Nacken gelegt und die Augen geschlossen. Unter seiner Jacke lugte der Griff des Remington New Model Army Vorderladers hervor, den er selbst in der Kirche nicht ablegte. Eine altmodische Waffe, umständlich mit Kugeln, Pulver und Zündplättchen zu laden, und dennoch schien der Prediger daran zu hängen. Buck hatte sich mehrfach gefragt, ob er die Waffe nachts mit ins Bett nahm oder ihr sogar einen Namen gegeben hatte, wie es die Jungs von der Army taten.
Buck räusperte sich. »Prediger?«
Der Mann auf der Bank antwortete nicht. Lediglich das gleichmäßige Heben und Senken der Brust zeugte davon, dass er atmete.
Atmen ja … aber leben?
»Ähm … Prediger?« Buck war es unangenehm, den hochgewachsenen Mann aufwecken zu müssen. Der Prediger war ein jähzorniger Mann, der manchen bereits wegen weit geringerer Vergehen hart ins Gebet genommen hatte.
Der Prediger scharrte mit einem Fuß. Ein Schauer durchlief seinen Körper. Er holte rasselnd Luft und rutschte in eine halbwegs sitzende Position. Die Haut im Gesicht des Kirchenmannes bestand aus gegerbtem Leder. Die von Falten umkränzten, kalt dreinblickenden Augen huschten durch die Dunkelheit und richteten sich schließlich auf Buck. Die rechte Hand ruhte schwer auf dem Griff des Remington Revolvers. Mit rauer, von Whiskey und Tabak kratziger Stimme begann der Kirchenmann zu sprechen, dass es Buck kalt über den Rücken rann. »… und ist von mir befohlen, dass man suchen sollte. Und man hat gefunden, dass diese Stadt von Alters her wider die Könige sich empört hat und Aufruhr und Abfall darin geschieht … Esra, Kapitel 4, Vers 19.«
Buck leckte sich über die Lippen, atmete tief durch. Er war der stärkste Mann in Purgatory, doch in Gegenwart des Predigers fühlte er sich klein und verletzlich. Da wurde er zum kleinen Jungen, der gekommen war, um die Beichte abzulegen. »Sie sind angekommen«, antwortete er leise.
Die kalten Augen sahen ihn an. »Du gehst zu Bob McCall und bestellst ihm, dass er sich bereithalten soll … und sag den anderen Bescheid. Jeder soll es wissen.« Der Prediger lachte polternd wie ein Kettenraucher. Und tatsächlich fummelte er eine zerknautschte Zigarettenpackung aus der Innentasche seiner Jacke, zog eine Zigarette heraus, steckte sie sich zwischen die Lippen. Mit der anderen fischte er ein altes Benzinfeuerzeug aus der Hosentasche, klappte es auf und drehte den Wetzstein, bis eine gelbliche Flamme brannte. Er steckte die Zigarette an und inhalierte genüsslich den Rauch. »Ah … das tut gut. Ich kann den Krebs bereits spüren, wie er meine Lungen zerfrisst. Hämisch lachend werde ich ihm sagen, dass er mir nichts anhaben kann. Ein guter Zeitpunkt, um es zu beenden.«
Die Stimme des Predigers erinnerte Buck an einen knurrenden Kampfhund, der ihn gleich anspringen würde, um ihm die Kehle zu zerfetzen. »Was ist mit denen, die kein Zeichen tragen? Sollen wir’s machen wie immer?«
Die Zigarettenspitze knisterte, die Glut wechselte für einen Moment ihre Farbe von warmen Orange zu hellem Gelb. Wie ein böses Auge riss die Glut das Gesicht des Predigers aus den Schatten. Ein Oval aus grauer, faltiger Haut. Inmitten dessen ein verkniffener, dünnlippiger Mund. »Keiner von außerhalb darf Purgatory je wieder verlassen. Das ist unsere eherne Regel. Und heute, kurz vor dem Sieg, gilt sie mehr denn je.«
»Da wär noch was anderes«, druckste Buck herum. Es gab diese eine Sache, die ihm auf dem Herzen lastete.
Der Prediger erhob sich ächzend von der Bank und strich sich die Jacke seines Anzugs glatt. Er überragte Buck um ein ansehnliches Stück, war aber von wesentlich schmälerer Statur. »Geht’s um deinen Bruder Conor?«
Buck nickte. »Er gerät langsam außer Kontrolle. Ich dachte, dass, wenn das alles vorbei ist, ich ihn rüberbringen könnte, damit …«
»Sag ihm, es gibt keinen Grund mehr dafür, sich zu zügeln«, unterbrach der Prediger Bucks Redefluss. »Er soll sich eins der Mädchen aussuchen und mit ihr anstellen, was er will. Conor ist ein guter Soldat und das ist seine Entlohnung.«
»Denke, das wird ihm gefallen«, antwortete Buck bedrückt. Conor würde hingegen ausrasten vor Freude und das war nichts, was er diese Nacht gebrauchen konnte.
»Und wenn er sie kaputtgespielt hat, wenn sie zerbrochen ist, schickst du ihn zu mir«, fuhr der Prediger diabolisch lächelnd fort.

JD’s Tavern
»Mädels, ich bin durch!« Cherryl warf die Reisetasche auf den Boden und ließ sich rücklings auf das monströse Bett fallen. Sie sank tief genug in die Polster, dass Hope befürchtete, die Matratze könnte ihre Freundin verschlingen. Das Bett hatte jedoch ein Einsehen, knarrte unter der Belastung und federte nach oben, um den schlanken Körper freizugeben.
Lissy rümpfte unterdessen die Nase. Sie fummelte an einer altmodischen Stehlampe herum, bis sie den Schalter fand und das Licht hinter dem stoffbezogenen Lampenschirm aufflammte. »Hier stinkt’s!« Sie beäugte dabei misstrauisch die antiquarischen Holzmöbel im Raum. »Honeymoon Suite, dass ich nicht lache … das Zeug stammt doch noch aus der Steinzeit.«
»Benimmst dich echt wie ’ne Großstadttussi«, blaffte Hope sichtlich genervt vom zickigen Verhalten ihrer Freundin. Sie war froh über das Zimmer, das größer war als die anderen und zudem einen Zugang zum Balkon hatte, der zur Straße hinausführte. Das Badezimmer lag auf dem Flur genau gegenüber. Was wollte man mehr? »Du hast die anderen Zimmer gesehen, wir hätten es wesentlich schlechter treffen können … Oder hättest du lieber in dem mit dem Engelgemälde geschlafen, das aussieht, als würden die direkt aus der Wand kriechen, umgeben von dieser komischen schwarzen Farbe, die an Teer erinnert?«
»Hast ja recht, das ist echt gruselig«, lenkte Lissy ein.
Cherryl setzte sich auf und prüfte den Sitz ihrer Brüste. »Ich muss jedenfalls hier raus, bin durch das Gerüttel im Bus geil wie sonst was.«
Hope verdrehte die Augen und legte ihre Tasche aufs Bett. »Was haltet ihr davon, wenn wir uns mit ’n paar Bier auf die Veranda pflanzen?«
»Als wenn das der alte Drache zulassen würde«, witzelte Cherryl und verdrehte die Augen, wie es Schwester O’Haras Art war.
»Geh’n wir doch in eine der Kneipen, von denen die schwarze Witwe gesprochen hat«, warf Lissy ein.
Hope zog sich gerade frische Sachen aus der Reisetasche. »Schwarze Witwe?«
»Na, diese Eiferson, nein, Iversson, der diese Bruchbude gehört.« Lissy kicherte. »Jedenfalls wird uns dort Schwester Wachhund garantiert nicht suchen.«
»Wird sie nicht, hat’s uns ja nicht verboten! Werfen wir uns in Schale und machen die Hillbillys heiß!« Cherryl wühlte bereits in ihren Klamotten, lief zur Hochform auf.
»Verdammt, Cherryl, du bringst uns noch in Teufels Küche!«, brummte Hope grinsend. Nach all dem Mist, der an diesem Tag passiert war, hatte sie wie die anderen Mädchen Bock auf Party. Und was konnten ein paar Bier schon schaden?
Nicht wesentlich später …
Cherryl stand auf der Straße und schürzte die Lippen. Sie hatte sich in Rekordzeit umgezogen, hatte das Kleid gegen schwarze Hotpants und eine weiße, über dem Bauchnabel geknotete Bluse eingetauscht. Jetzt scharrte sie mit ihren Turnschuhen unschlüssig auf dem Boden. »Na, was meint ihr, das Hawkeye auf dieser oder das JD’s auf der anderen Straßenseite?«
»Das JD’s ist ’ne abgefuckte Bretterbude«, sagte Hope. Sie hatte lediglich die Bluse gegen ein schwarzes Shirt mit regenbogenfarbenem Peace-Zeichen eingetauscht, weil sie fand, dass es gut zu dem Jeansmini und den Cowboystiefeln passte.
Lissy schnalzte mit der Zunge und streckte sich, dass sich das maisgelbe Top über ihren Brüsten spannte. »Und das Hawkeye sieht aus wie ’ne Psychobude voller Hillbilly-Massenmörder.«
Hope lächelte. In ihren engen beigefarbenen Schlagjeans sah Lissy aus wie eine schwarzhaarige Maisstaude mit Brüsten. »Stimmen wir ab. Ich sage JD!«
Cherryl sah zwischen den schäbigen Eingängen mit den blinkenden Leuchtreklamen hin und her. Im Licht der Straßenlaternen sahen beide Gebäude gleich schäbig aus. »Das Fucking JD’s!«
»Scheiß drauf!« Lissy lief zum Eingang des JD’s Tavern. Vor der roh gezimmerten Eingangstür blieb sie stehen, drehte sich zu ihren Freundinnen um und reckte in einer fragenden Geste die Arme zur Seite. »Na, was ist, Mädels? Keinen Bock aufs Feiern? Die Nacht ist noch jung!«
Sie betraten die düstere Bar, die keine Fenster hatte, und die Gespräche verstummten. Wie in einem Western drehten die Gäste ihnen die Köpfe zu und starrten sie an. Das Wort Fremde stand unausgesprochen im Raum.
Hope fühlte sich auf unangenehme Weise an die Fernsehserie Drei Engel für Charlie erinnert. Drei rattenscharfe Girls, die in jeder Folge in neue, gefährliche Situationen schlitterten. Sie versuchte, sich an die Namen der drei Detektivinnen zu erinnern, aber ihr fiel nur der des brünetten Engels ein. Sabrina Duncan, gespielt von Kate Jackson. Warum ihr das ausgerechnet jetzt in den Sinn kam, wusste sie nicht.
Das JD’s nahm sie mit seiner schwülwarmen Atmosphäre in sich auf. Atmete sie mit einem Atem ein, der dick war wie zäher, rauchgeschwängerter Teig. Ein fettleibiger Barkeeper wischte in kreisenden Bewegungen die Bar mit einem Lappen, den schon Generationen vor ihm benutzt hatten. Am Billardtisch zwei Kerle in schmutzigen Jeans. Ein bulliger Typ mit schwarzem Harley-Davidson-Shirt und ein gut gebauter Kerl in kariertem Hemd, dessen Ärmel in Hinterwäldlermanier abgeschnitten waren. Beiden stand der Mund offen.
Dem Barkeeper saß ein fliegenumschwirrter Kerl mit Baseballmütze gegenüber, der gerade eben aus dem Schweinestall gekommen sein musste.
Die Jukebox spielte Crossfire von den Bellamy Brothers, ein Mädchen mit Schulmädchenzöpfen und Cowboyhut wiegte dazu ihre trägen, schmalen Hüften.
Lissy übernahm wie meistens die Initiative, ging zur Bar und schwang sich auf einen der Hocker. »Bier. Drei Stück, Mister. Und zwar pronto!« Sie knallte ein paar Scheine auf das klebrige Holz und lächelte dem fetten Thekenpolierer keck zu. »Wir haben höllischen Durst, Süßer.«
Der Kerl grunzte und hob die Hand mit dem Lappen, um auf ein rostiges Schild hinzuweisen, ohne sie dabei anzusehen. »Kein Alkohol an Minderjährige …« Er fuhr damit fort, das Thekenholz an der Stelle zu polieren, an der er es die ganze Zeit über getan hatte.
Cherryl schob sich an Lissy vorbei und versuchte es auf ihre Art. »Lass das mal die Profis machen.« Sie beugte sich weit nach vorne und präsentierte dem Dicken, was sie hatte. »Fass dir ’n Herz, Baby«, flötete Cherryl zuckersüß. »Wir kommen um vor Durst …«
Sein Blick blieb für einen Moment an ihren Brüsten haften. Der Schweinebauer hatte den Kopf gedreht und starrte Cherryl ebenfalls in die Bluse. Der Barkeeper schüttelte dennoch den Kopf. »Könnt ’ne Coke haben …«
Hope blies die Backen auf und sah ihre Freundinnen an. »Und jetzt?«
Die Partystimmung war bereits am Abklingen, als Cherryl erschrocken quiekte. Ein kräftiger Arm legte sich völlig unerwartet um ihre Schultern. »Hey, Fatso … mach mir mal drei Bier, wollt mit den Girls hier anstoßen.« Es war der Kerl mit den abgeschnittenen Hillbilly-Hemdsärmeln vom Billardtisch. Und der sah nicht mal übel aus. »Also, Ladys … wenn’s okay ist für euch?«
Cherryl schenkte ihm einen tiefen Blick und machte keinerlei Anstalten, sich aus seiner Umarmung zu lösen, sondern schmiegte sich an ihn. »Du rettest meinen Abend, Honey. Hast du ’nen Namen?«
Breit grinsend fasste er Cherryl unverfroren an den Hintern. »Klar hab ich den. Conor … Conor Carlin. Mir gehört die Autowerkstatt am Ende der Straße. Und was ist mit dir, Babygirl?«
»Kannst mich Cherryl nennen.«
»Großer Gott!«, flüsterte Hope und sah Lissy Hilfe suchend an. »Jetzt geht das wieder los … Ich brauch echt ’n Bier.«
Als Fatso mit den überschäumenden Gläsern ankam, griffen sie alle gerne zu. Conor schien seine Finger selbst beim Trinken nicht von Cherryl lösen zu können, vor allem nicht die an ihrem Hintern. Mit der anderen Hand drückte er ihr ein Glas Bier in die Hand. »Komm mit rüber, Baby, möchte dir meinen Freund vorstellen.«
Cherryl verhielt sich in Situationen wie dieser wie ein paralysiertes Reh. Sie kicherte albern, trank schnell und viel und hatte überhaupt kein Problem damit, sich begrapschen zu lassen.
»Bin gleich wieder da!« Dann war sie unterwegs zum Billardtisch, wo Conors Freund auf sie wartete. Conor schlug ihr auf den Hintern, dass es laut klatschte. Schamlos präsentierte er dem anderen Kerl seine neueste Eroberung. Cherryl machte einen Satz nach vorn, hielt sich am Billardtisch fest, beugte sich nach vorne und nahm sich eine der Kugeln. Sie streckte ihm dabei auf äußerst aufreizende Weise den Hintern entgegen. Conor lachte kehlig, packte sie bei den Hüften, um sie umzudrehen und auf den Billardtisch zu setzen. Sie tranken aus ihren Gläsern, bis Conor sich nach vorne beugte und Cherryl seine Zunge in den Hals steckte, die begierig die Lippen öffnete und die Augen schloss.
Hope und Lissy hatten derweil auf den Barhockern Platz genommen. »Cherryl ist ’ne gottverdammte Bitch«, lästerte Lissy und nahm einen Schluck aus dem Bierglas.
Hope lachte, trank ebenfalls und wischte sich den Mund ab. »Lass sie doch. Ist eben ihre Art, Spaß zu haben …«
Lissy war da vollkommen anderer Meinung. »Wenn Spaß daraus besteht, sich von jedem dahergelaufenen Penner durchziehen zu lassen, verzichte ich dankend.« Sie trank einen schnellen Schluck und nickte in Cherryls Richtung. »Und das werden die beiden, wirst es schon sehen …« Hope zuckte nur mit den Schultern. Sie hatte den Eindruck, dass Lissy auf Cherryl eifersüchtig war, weil die sich selbst nicht gehen lassen konnte.
Doch was war Hope im Moment egal. Sie hatte genug eigene Probleme und nicht die geringste Lust, sich um die der anderen zu kümmern. Um sich abzulenken, ließ sie ihren Blick durch die Bar schweifen. An den holzverkleideten Wänden hingen eine Menge Geweihe, dazwischen gerahmte Bilder mit Männern, die Gewehre hielten. Eine Ecke schien den Vietnamveteranen gewidmet zu sein. Unter einem staubigen Sternenbanner hingen Orden, von denen sich Spinnfäden zu diversen Urkunden und weiteren Fotografien mit bewaffneten Männern zogen.
»Hey, Girls!« Eine feuchte Hand legte sich auf Hopes Schulter. Sie fuhr herum und wollte sie mit einer entsprechenden Bemerkung zur Seite schlagen. Im letzten Moment erkannte sie, dass es das lasziv tanzende Mädchen war. »Hi! Ich bin Tiffany … oder wie man hier sagt, Tiff.«
Hope wechselte einen Blick mit Lissy, die ein Kichern nur mit Mühe unterdrücken konnte.
»Hope.«
»Lissy.«
»Nichts für ungut, wollt nur sagen, dass wir hier nicht oft welche aus der Stadt sehen, und von dort kommt ihr doch, oder?«, brabbelte die Kleine weiter. »Sieht man hier nicht alle Tage.«
Mit zehn Kilo mehr auf den Rippen wäre sie bestimmt ein hübsches Ding, doch so war sie einfach nur zum Abgewöhnen. Ihr Atem roch nach Fusel und Zigaretten. Und etwas, das schwer zu definieren war. Spareribs womöglich. Medium Rare.
»Wen interessiert’s?«, schnippte Lissy und nahm einen langen Schluck.
Tiffany drängte sich verschwörerisch zwischen Hope und Lissy. Ihr Haar roch intensiv nach Pferdestall. Eine echte Blume vom Land. »Heute Nacht geht’s ab, sag ich euch!«
Die ist doch total besoffen, dachte Hope und wollte sie freundlich, aber bestimmt wegschieben, um sich ungestört mit ihrer Freundin unterhalten zu können.
»Da wird Blut fließen, ’ne Menge sogar«, lallte Tiffany redefreudig weiter.
Hope hielt inne. »Sorry, aber du redest gequirlte Scheiße, Mädchen!«
»Yeah, Ma’am, das behaupten viele von mir«, antwortete Tiffany. »Aber ich sag’s dir. ’n Bus voll Frischfleisch ist angerollt und Bob McCall wetzt bereits seine verdammten Messer!« Sie fuhr sich mit dem Finger über die Kehle. »Wobei«, sie schielte zum Billardtisch, »mir nicht viel mehr als Fickfleisch dazu einfällt!« Irre lachend schlug sie sich wegen des eigenen Witzes auf die Schenkel.
Hope schluckte. Die Luft in der Bar wurde schlagartig dicker und legte sich wie zäher Rotz auf ihre Atemwege. Die Partylaune platzte wie eine Seifenblase. »Jetzt mal sachte, Tiff, so redest du nicht über unsere …«
»Lass Tiffany in Frieden!«, knurrte der Schweinebauer, der bis dahin seelenruhig sein Bier getrunken und und sich selbst im Spiegel angestarrt hatte. Er tippte sich mit seinem dicken Zeigefinger an die Schläfe. »Die ist nicht mehr ganz dicht in der Birne. Kann nix dafür, wie sie redet. Aber sie is’ von hier, also lasst sie in Ruhe.«
»Mister, die hat gerade unsere Freundin beleidigt«, mischte sich Lissy ein. Hope hatte nicht bemerkt, wie Lissy vom Barhocker geglitten war. Jetzt packte sie Tiffany am Oberarm, dass die erschrocken aufschrie. »Ey, nimm deine dreckigen Latinofinger von mir!«
Das war zu viel. Lissys Faust kam hoch und hämmerte Tiffany hart auf den Mund, dass der Betrunkenen die Lippe aufplatzte und ihr Kopf nach hinten flog. Sie hob die Hand zum nächsten Schlag.
Hope packte ihren Arm und hielt sie davon ab, noch mehr Schaden anzurichten. »Nicht, lass gut sein, Lissy!« Sie wusste, wie ihre Freundin sein konnte, wenn sie wütend war. Wenn der rote Vorhang fiel und sie nicht mehr wusste, was sie tat.
Fatso bewegte sich flink wie ein Wiesel, zog einen Baseballschläger unter der Theke hervor und schlug ihn zwischen den Mädchen aufs Brett, dass die Gläser einen wilden Tanz aufführten. »Aufhören sag ich, sofort!«
Hope sprang erschrocken zurück, wurde aber von dem Schweinebauern zur Seite gestoßen. Der hämmerte seine riesige Faust in Lissys verblüfftes Gesicht. Sie ließ von Tiffany ab, prallte hart gegen die Bar und rutschte zu Boden, wobei sie zwei Barhocker mitriss.
Bevor Hope begriff, was geschah, krallten sich die Finger des nach Schweinescheiße stinkenden Kerls in ihr Haar und knallten sie mit der Stirn gegen das schmierige Tresenbrett. Weißes Licht explodierte hinter ihren Augen. Ihre Beine gaben nach, sie brach zusammen und fand sich auf dem dreckigen Boden wieder. Der Raum drehte sich vor ihren Augen. Der Schweinebauer stand mit geballten Fäusten und hasserfülltem Blick über ihr, zog sich in die Länge, verwischte sich wie in einem Zerrspiegel zu farbigen Kreisen.
Hope wimmerte schmerzerfüllt auf, weil sich ihr Gehirn auszudehnen und von innen gegen ihren Schädel zu drücken schien. Mit Mühe brachte sie ihre Arme nach oben, um sich vor weiteren Schlägen zu schützen. »Bitte …«
Tiffany tauchte über ihr auf und lachte schrill. Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze. »Du bist tot, du bist so was von tot!«
Die Tritte pressten ihr die Luft aus der Lunge. Hustend krümmte sich Hope in eine fötale Haltung zusammen und bekam kaum mit, dass sich Tiffany die Bierkrüge griff und sie Lissy und ihr überschüttete. Irgendjemand, der keine Frau war, lachte meckernd.
Ironischerweise machte sich Hope am meisten um Cherryl Sorgen. Sie hoffte, dass ihre Freundin schlau genug gewesen war, um wegzulaufen und Schwester O’Hara zu holen. Sie kroch zur Bar, zog sich ächzend daran nach oben. Wie in Trance sah sie, wie der Schweinebauer Lissy an den Haaren packte und sie hinter sich her in die Mitte des Raumes zog. Ihr Gesicht war blutverschmiert. Rot war es auf ihr gelbes Shirt getropft, zeichnete ein surreales Muster. Tiffany versetzte ihr Tritte in Bauch und Unterleib. »Schlachte die Bitch gleich hier, mitten im JD’s!«, schrie Tiffany wie von Sinnen, denn das war sie. Durchgeknallt, total wahnsinnig.
Hope hielt sich am Tresen fest. Ihre Hand fand ein Glas, kippte es um, dass es auf dem Boden zersprang. Sie bekam ein weiteres zu fassen, schloss die Finger um den Henkel, stieß sich ab. Während sie vorwärtstaumelte, streifte ihr Blick den Billardtisch. Cherryl und dieser Conor waren verschwunden. Nur der bullige Harley-Davidson-Kerl war noch da und bewegte sich böse grinsend auf Lissy zu.
Bitte, Lissy, steh auf, wehr dich!
Taumelnd stolperte sie gegen die Füße von Lissy, die kraftlos zur Seite rutschten. Tiffany drehte sich zu Hope um und wollte sie schlagen, doch Hope war schneller. Der Bierkrug knallte Tiffany mitten ins blutige Gesicht, brach ihr die Nase und ein paar Zähne aus dem Kiefer, bevor das Glas zersplitterte. Dann stürzte sie rücklings über Lissys ausgestreckte Beine.
Hope konnte dem Billardstock nicht mehr ausweichen, der hart gegen ihre malträtierte Stirn knallte. Es gab ein hölzernes Geräusch, sie sackte kraftlos zusammen und kam neben ihrer Freundin zu liegen. Lissys Körper ruckte, weil sich der Schweinebauer an ihr zu schaffen machte und grunzend die Schnallen seiner stinkenden Latzhose löste. Hope konnte von hämmernden Schmerzen gepeinigt den muffigen Geruch wahrnehmen, der daraus entströmte.
Der Harley-Mann kniete sich auf Lissys Oberkörper, um sie unten zu halten, zückte ein riesiges Messer mit leicht gekrümmter Klinge und schnitt ihr das blutbesudelte Shirt vom Leib. Dass er dabei ihre Haut verletzte, schien ihn nicht zu stören.
Ihre tränenverschleierten Blicke trafen sich. Lissys war stumpf, ihrer weinend. »Bitte, Gott, lass es schnell vorbei sein …«, hauchte Hope ein tonloses Flehen zum Himmel.
Tiffany riss Hopes Kopf an den Haaren zu sich herum, dass sich ein dickes Büschel aus der Kopfhaut löste. »Du wirrscht so wasch von laid’n!« Tiffanys Gesicht glich einem blutüberströmten Trümmerfeld. Die Nase stand in seltsamen Winkel ab, ihre Lippen waren gleich an mehreren Stellen aufgeplatzt und zwei Schneidezähne fehlten. Ihr rechtes Auge begann zuzuschwellen. Der pure Hass schien sie anzutreiben, trotz allem weiterzumachen. Blutiger Speichel spritzte in Hopes Gesicht. »Kommt, Männer, bringen wir die Säue zum Schlachter!«

The Gem Varieté Theater
James überquerte die Main Street auf einem der provisorischen Stege, der aus in den Matsch geworfenen Brettern bestand, die in den Fahrspuren der Wagen jedoch beträchtliche Lücken aufwiesen. Den Kopf voll von den wirren Gedanken des Hinterzimmergesprächs, schlug er sich den Kragen des Mantels nach oben und machte sich auf den rutschigen Weg.
»Pass doch auf, du Idiot!«, schnauzte ihn ein Kutscher an und zwang ihn dazu, vom Brett in den Schlamm zu springen. James warf dem Mann einen zornigen Blick hinterher, sagte aber nichts. Mit saugendem Schmatzen löste er die Stiefel aus dem Morast, stieg auf die Bretter zurück und erreichte die andere Straßenseite, wo das Gem Varieté Theater lag.
James stieg auf die Veranda und schob sich durch das Gedränge aus Trinkern, Rauchern und Nutten, die alles anmachten, was halbwegs nach Mann aussah. Sein Ziel war der einladend geöffnete Eingang. Der bestand aus zwei Türen mit gravierten Glaseinsätzen, die Can-Can-Tänzerinnen mit Federbüscheln auf dem Kopf zeigten. Eine aufwendige und teure Arbeit. Auf den wenigen Metern wurde er mehrere Male darauf angesprochen, die Vorzüge des Gem Varieté Theaters zu genießen und einzutreten, was er ohnehin vorhatte. Mit einem jeweils freundlichen Nicken stimmte er den Aufforderungen zu.
Zu beiden Seiten des Eingangs standen Bewaffnete, die ihn mit ihren Blicken sezierten. Er tippte sich an den Hut, nickte knapp und betrat das größte Gebäude in den verdammten Black Hills. Im beeindruckend weitläufigen Saloon setzte sich das Gedränge von draußen fort. Anstelle eines Klavierspielers erzeugte eine moderne Dampforgel Musik. Auf einer winzigen Bühne tanzten leicht beschürzte Mädchen einen für James nicht erkennbaren Tanz, der allzu offensichtlich dazu diente, die ausgehungerten Männer nach oben in die Zimmer zu locken. Röcke und Federbüschel wippten im Takt ihrer freiliegenden Brüste zur Musik und James fragte sich, wer denn nun eigentlich den Rhythmus vorgab.
Das Zischen der Orgel, das Trampeln und Schreien der Mädchen, das Gegröle und Gedränge der nach käsigem Schweiß und Ausscheidungen stinkenden Männer waren James einen Tick zu infernalisch, weswegen er anfing, sich unwohl zu fühlen. Ihm fehlte das warme Gefühl, das ihn im Nuttall & Man’s ergriffen hatte. Das Zuhause-Gefühl. Unter Umständen war es die vorherrschende Düsternis im Gem, die lange Schatten warf und die tatsächliche Tiefe des Raumes im Unklaren ließ. James schob sich durch die Menge zur Bar, an der es leidig freie Plätze gab. Ihm fiel auf, dass sich die Huren auf den Brüstungen und Treppen platziert hatten und sich von dort wie kreisende Geier die Freier aussuchten. Fanden sie einen, riefen sie ihn unter Beschreibung seines Aussehens an. Zum Beispiel mit Sätzen wie: »Du da mit dem komischen Hut!«, oder: »Hey, Holzbrillenmann, bist’n guter Stecher?« Dass dabei eine Menge Chaos entstand, war reines Kalkül, denn auf diese Weise erwischten sie weit mehr Männer als unten im Gewühl. Der daraus resultierende Lärm war nahezu unerträglich. Nach den stillen Tagen im Sattel in der endlosen Weite der Plains fühlte sich James damit überfordert.
Seine Rettung war die Theke und die war ein wahres Monstrum aus poliertem, dunklem Holz. Sie wurde nur von der Unzahl an Spiegeln übertrumpft, die dahinter an der Wand hingen. Gleich drei Bartender waren mit dem Versorgen der Gäste beschäftigt. James fand seinen Platz zwischen einem mürrischen, alten Säufer, der erbarmungswürdig nach Urin stank, und einem jungen Kerl mit Bowler und zwei modernen Colts am Gürtel, die Papierhülsenpatronen verschossen. Ein besonders heißblütiger Kerl, auf den man aufpassen musste. Einer, der sich zu beweisen hatte.
Er nickte beiden zu und winkte den Bartender zu sich, einen bulligen Kerl mit eng stehenden Augen und einer tiefen, wie eingeschnitzten Falte dazwischen. Seine fleischige, schräg stehende Nase und die eingerissen-vernarbten Ohrläppchen zeugten davon, dass er ein Schläger war. »Whiskey … aber ’nen guten.« Zur Unterstreichung seiner Worte schob er ein paar Dollarmünzen über das klebrig feuchte Holz. Ihm entging dabei der Blick des Jungen mit den zwei Colts nicht, der begierig auf die Münzen schielte.
Ein typischer Abgreifer, wie es sie in jeder Stadt gibt. Mittelmäßiger bis schlechter Schütze. Großmaul … hat wahrscheinlich ein, zwei Helfer, die auf sein Zeichen lauern.
Der Bartender strich die Münzen ein, grunzte und stellte ihm ein halb volles Glas vor die Nase und die Flasche gleich daneben. »Wenn d’ nachschenk’n wills’ …«
Der Tanz begann, noch bevor James das Glas an den Lippen hatte. Er sah im Spiegel, wie sich der Jungspund zu ihm umdrehte und dabei mit einer bewusst lässig auffälligen Geste die elfenbeinfarbenen Griffe seiner Colts unter der Jacke entblößte.
»Würd auch mal gern so’n Gentleman-Zeug probier’n, Mister.«
James trank einen winzigen Schluck und stellte das Glas, ohne sich zu dem Jungspund hinzudrehen, ab. »Steht jedem frei, sich ’nen ordentlichen Whiskey zu bestellen …«
Der Kerl rückte nah genug, dass James den faulen Zahn in dessen Mund riechen konnte, ohne ihn zu sehen.
»Bist wohl ’n ganz Schlauer, häh?« Seine Rechte sank übertrieben lässig auf den Griff der Waffe.
Jetzt drehte sich James doch zu dem Kerl um, der sich an ihm festgebissen hatte wie ein kleiner, nerviger Kläffer aus einem vornehmen New Yorker Hotel. Beiläufig streifte er dabei seinen Mantel hinter einen der langläufigen Colt Army 1860, die er stets mit den Griffen nach vorne schräg an seinem Gürtel trug. In den Augen des Heißsporns sicher altmodische Vorderlader, aber absolut zuverlässig, wenn es darum ging, ein Ende zu setzen. »Hör mal, Jungchen, warum gehst du nicht raus und gehst jemand anderem auf die Nerven, hm? Ich möchte hier in Ruhe meinen Whiskey trinken!«
Eine dicke Ader pulsierte am Hals des Jungspunds, seine Augen weiteten sich im Angesicht des unerwarteten Konters. Vermutlich war er es nicht gewohnt, dass einer sich ihm gegenüberstellte. Seine Finger schlossen sich fester um das helle Elfenbein.
»Mister … Sie begeh’n ’nen verdammten Fehler, wiss’n wohl nicht, wer ich bin, häh?« Seine Stimme hatte einen helleren, nervigeren Ton angenommen. Nervosität schwang in den letzten Silben mit.
»Schätze, bist ’n Scharfschütze, mit dem man sich besser nicht anlegt.«
»Right, Mister«, blaffte der Jungspund gereizt, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt. »Da sollte sich so’n …«
Der Totschläger klatschte dem Jungspund ohne Vorwarnung gegen den Hinterkopf und schickte ihn mitten im Satz auf die mit Spucke und Dreck lackierten Bretter. Der Mann hinter ihm, mit der Gestalt und dem Gesicht einer Bulldogge, steckte das Schlagwerkzeug weg und trat vor einem schlanken, hochgewachsenen Gentleman zur Seite, damit dieser den Platz an der Theke einnehmen konnte, den der Jungspund zuvor besetzt hatte.
Der Gentleman trug einen sorgfältig gestutzten Spitzbart, der sein Gesicht dreieckig erscheinen ließ. Sein schwarzes Haar wirkte ölig, aber gekämmt. Den dunklen Anzug bedeckten einige Fussel, aber er wies weder Fleck noch Flicken auf, ebenso wenig wie die polierten Lederstiefel, die sicher noch nie Schlamm gesehen hatten. Sein Gesicht mochte einen Hauch zu eingefallen und blass wirken, doch das war mühelos dem diffusen Licht im Gem zuzuschreiben. James entging die Waffe nicht, die er an einem speziell angefertigten Holster unter der Achsel trug.
Ein Holster, wie Spieler sie gerne bevorzugen …
James’ Blick folgte dem Schläger, der den bewusstlos geschlagenen Jungspund an den Füßen voran nach draußen zog.
Der Gentleman zog die Lippen in seinem dreieckigen Gesicht nach oben und entblößte makellose Zähne, die etwas zu lang wirkten. »Ich muss mich für den Kerl entschuldigen. Natürlich hat er Sie nicht erkannt, Mister James Butler, oder soll ich sagen Wild Bill Hickock?« Er streckte ihm eine feingliedrige, lange Hand entgegen. Die Fingernägel waren sauber und geschnitten. »Ich habe all die Berichte über Sie gelesen. Vor allem die Wild-West-Show in New York fand ich überaus faszinierend.«
James ergriff die angebotene Hand. Die Haut fühlte sich wächsern und klamm an wie ein dünner und kalter Lederhandschuh, doch den trug er nicht. »Und Sie sind?«
Der Mann setzte ein gewinnendes, selbstsicheres Grinsen auf. »Al Swearengen, meines Zeichens und mit Stolz Besitzer des besten Etablissements am Platz!«
James entließ die nasskalte, an einen toten Fisch erinnernde Hand aus seinem Griff und rang sich ein anerkennendes Lächeln ab. »Es ist mir eine Ehre, Sir.« Er sah sich um, registrierte die mit Gewehren bewaffneten Männer, die in unmittelbarer Nähe scheinbar zufällig herumzulungern schienen, aber alle unter ihren Hüten in ihre Richtung sahen.
Als würden sie auf etwas Bestimmtes warten …
»Und es ist in der Tat beeindruckend, was Sie hier aufgebaut haben, wenn ich das sagen darf.« James nickte. »Darf ich fragen, seit wann Sie hier sind, Mr. Swearengen? Ihre Aussprache, Sie wissen …?«
Der Bartender stellte ein randvolles Glas Whiskey vor Swearengen ab. Er nahm das Glas und hob es James entgegen. »Sie haben mich erwischt, Mister Butler. Zum Wohl!«
James stieß mit ihm an und trank. Er fragte sich, was aus dem Jungspund geworden war, und hoffte, dass es der Schläger bei einer ordentlichen Tracht Prügel belassen hatte. War womöglich am Ende doch ein anständiger Kerl, wenn man ihn zu nehmen wusste.
’ne ordentliche Abreibung und ausgenommen, das hätte der Mistkerl verdient. Den Tod? Nein, den nicht!
Sie stellten die Gläser ab. »Sie werden’s nicht glauben, aber ich bin in Oskaloosa, Iowa geboren, hab allerdings einige Jahre in Kansas verbracht, daher der breite Slang.« Er zwinkerte verschwörerisch.
James sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. »Kansas, ja? So zwischen ’63 und ’65?«
Al Swearengens Augen verengten sich. James sah, wie sich der Körper seines Gegenübers straffte. Etwas an seinem Auftreten verunsicherte ihn. Der Mann war aalglatt und zu geschmeidig. Mit den Partisanen, die er im und nach dem Krieg kennengelernt hatte, verband ihn nichts. Das waren ausgebrannte Wracks mit toten Augen, deren Hände zitterten. Der Mann ihm gegenüber sah unverbraucht aus, viel zu frisch.
»Ich verstehe Ihre Anspielung nicht, Mister Butler.«
Und wie du sie verstehst, du Bastard, dachte James. »Sie ritten mit den Bushwhackers unter Leutnant William T. Anderson, nicht wahr?«
Swearengens Stimme wurde eisig. Auch konnte man meinen, dass seine finstere Gestalt einen Hauch düsterer geworden war. Dass er das Licht der Umgebung schluckte, in sich einsog, wie ein Licht verschlingender Vampir. »Und wenn’s so wäre?«
James zuckte mit den Schultern, griff nach seinem Glas und trank. »Der Krieg ist lange vorbei, Mister. Ich frag mich nur manchmal, was aus dem berühmten Bloody Bill geworden ist, aus seinem brutalen, boshaften Mördergeist.« Er stellte das Glas zurück. »Immerhin war er eine Legende!« Im Spiegel sah er die Gewehrträger an ihren ursprünglichen Positionen stehen. »Ich sage, der Schweinehund lebt!«
»Was für ’ne Art von Gespräch soll’n das werden, Mister?«, wollte Swearengen gefährlich leise wissen.
James sah ihm in die tief liegenden Augen, die das Licht der Lampen im Gem’s reflektierten.
Als würden sie von innen heraus glühen.
Es fröstelte ihn und er wusste nicht, warum. Womöglich, weil es im Gem’s düsterer wurde, sich die Stimmen ein wenig greller erhoben, dass sie wie Kreischen wirkten. Weil er durch den Dunst, er im Saal stand, kaum die Nutten auf den Brüstungen erkennen konnte. Vor allem aber, weil sich eine dunkle, nicht greifbare Bedrohung um sie herum ausbreitete, die alles in ihre Finsternis sog, abgesehen von einem kleinen helleren Kreis, in dem er und Al Swearengen standen.
Ich sollte weniger trinken …
»Na ja, in Deadwood verschwinden ’ne Menge Leute und da frag ich mich …«
»Ich weiß, dass du im Nuttall & Man’s warst, Mann«, raunte Swearengen warnend. »Und ich weiß auch, dass Jane Cannary dir ’n Telegramm geschickt hat, weil sie was gegen mich vorhat, denn ich erfahre alles, was in Deadwood vorgeht.«
Der brachiale Lärm der trötenden Dampforgel, die vielen Stimmen drängten James in die Ecke. Wo er auch hinsah, alle starrten ihn aus kalten, leblosen Augen an. Selbst die Kartenspieler hinten am Tisch. Sie hatten ihre Köpfe zu ihm umgedreht, spielten aber unverdrossen weiter. Dann bemerkte er, dass man die Türen des Gem’s geschlossen hatte. Er saß in der Falle.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.