Kitabı oku: «Die Gentlemen-Gangster»

Yazı tipi:

Manfred Bomm

Die Gentlemen-Gangster

Kriminalroman


Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © piotrszczepanek / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6728-8

Gewidmet allen,

die eine Geschichte wie diese nicht aus der Distanz eines Unbeteiligten lesen, sondern selbst einmal von den bösen Schatten eines Verbrechens betroffen waren – was umso schwerer wiegt, wenn sich die Logik der Ermittlungen plötzlich gegen einen selbst richtet.

Denn wenn das scheinbar Naheliegendste zur Wahrheit erhoben wird, bleibt für das Unwahrscheinliche kein Raum mehr. Das Nachvollziehbare, wie es der Lebenserfahrung entspricht, lässt nämlich keine Zufälle gelten und verleitet dazu, leichte Wege zu gehen. Dann wird eine Verkettung unglücklicher Umstände oft als unwahrscheinlich empfunden, obwohl jedes Unglück kein solches wäre, wenn sich nicht schicksalhafte Ereignisse gekreuzt hätten.

Denken wir an all jene, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren, die in den Strudel von Gerüchten und Verschwörungstheorien gelangt sind – und ein Leben lang diese Last tragen müssen, sofern sich niemand die Mühe macht, das oftmals Undurchschaubare zu entwirren und die einfachen Wege zu verlassen.

Denken wir also an all jene, die vieles von dem, was in diesem Roman erzählt wird, selbst ertragen mussten: Todesängste in langen Nächten, schreckliche Ungewissheit in der Gewalt von Kidnappern – und dann noch die unterschwelligen Verdächtigung, womöglich selbst Rädelsführer gewesen zu sein.

Dies alles sind üblicherweise Geschichten, aus denen Thriller gemacht sind.

Im vorliegenden Fall sollten wir aber auch – und gerade – an die Opfer denken.

Ein Kriminalroman soll Spannung und Unterhaltung sein, uns aber gleichzeitig vor Augen führen, was wir niemals selbst erleben möchten.

Was man wissen muss

Dass Personen und Geschichte frei erfunden seien, trifft im vorliegenden Fall nur bedingt zu. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion. Zugrunde liegt nämlich einer der bis dahin größten Raubüberfälle auf ein Geldinstitut in der Bundesrepublik Deutschland. Geschehen im März 1982. Geändert wurden jedoch einige Namen und teilweise die Funktionen der geschilderten Personen. Somit wären Ähnlichkeiten mit den tatsächlich Beteiligten, deren Charakteren und Tätigkeiten rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Als die Kreissparkasse mit der Idee an mich herantrat, diesen spektakulären Fall anlässlich ihres 175-jährigen Bestehens im Jahre 2021 als Grundlage für einen Kriminalroman zu nehmen, habe ich mich in meinem privaten Archiv noch einmal intensiv mit diesem Verbrechen befasst, über das ich damals als junger Journalist der Neuen Württembergischen Zeitung in Göppingen tage-, ja sogar wochenlang berichtete.

Glücklicherweise hatte ich unzählige Schriftstücke, Dokumente und Zeitungsartikel aufgehoben, sodass es mir nun möglich war, den Fall möglichst genau zu rekonstruieren – auch dank einiger Zeitzeugen, die sich bereit erklärt haben, mit mir über diese vermutlich schrecklichsten Stunden ihres Lebens zu reden.

Viele hatten sich damals auch im Mittelpunkt von Gerüchten und sogar falschen Verdächtigungen gesehen, weil angesichts des geradezu unglaublichen Vorgehens der Gangster zahlreiche Verschwörungstheorien die Runde machten, die sich jedoch nach intensiver Recherche allesamt als völlig aus der Luft gegriffen erwiesen. Vieles, was die Betroffenen erdulden mussten, war nie in der Zeitung zu lesen gewesen.

Nicht auszudenken, welchen Schmähungen und Unterstellungen sie heute im Zeitalter der sogenannten Sozialen Medien ausgesetzt wären, in denen jeder alles ungeprüft behaupten kann. 1982 waren veröffentlichte Informationen noch verantwortungsvoll recherchiert und nicht von gehetzten Journalisten oder Laien überhastet in die Welt gesetzt worden.

Ein Jurist sprach später von einem »einmaligen Fall«, von den »erfolgreichsten Gangstern Deutschlands«, die »wie Gentle­men« gehandelt hätten. Männer mit zwei Gesichtern: zum einen »biedere Bürger«, zum anderen aber »knallharte Täter mit wahrhaft kriegerischer Bewaffnung.« Fast ein Vierteljahrhundert lang konnten sie unerkannt ihre Raubzüge unternehmen und jedes Mal wie vom Erdboden verschwinden.

Ich habe mithilfe einiger fiktiven Handlungsstränge versucht, all das Merkwürdige und Ungewöhnliche aufzugreifen, das damals in und um diese Stadt Göppingen für Gesprächsstoff gesorgt, jedoch nie Eingang in die offizielle Berichterstattung gefunden hat. In Göppingen, das Garnisonsstadt der Ersten US-Infanteriedivision Forward gewesen war, die von hier aus engen Kontakt zum weithin bekannten Atomraketenstandort Mutlangen (bei Schwäbisch Gmünd) hatte, dürften auch international tätige Spione und clevere Geschäftemacher zwischen Ost und West ihr Unwesen getrieben haben. Einige (echte) Spuren führen deshalb in meiner Geschichte nach Sankt Petersburg (das damals noch Leningrad hieß) und in die Slowakei.

Der damals noch junge Kommissar August Häberle (für den es ein echtes Vorbild gab) wurde irgendwann in diese Gerüchteküche involviert und kam ein Berufsleben lang nicht mehr davon los. Vieles, was dann in der »Neuzeit« geschah, ist meiner Fantasie entsprungen. Häberle wurde just am Tag, als er in seinen Ruhestand verabschiedet wurde (siehe Roman »Schlusswort«), auf dramatische Weise von der Vergangenheit eingeholt.

1

Ein Sonntagabend Anfang März 1982

Martin Seifritz war leicht gereizt, als es an der Haustür klingelte. Der 48-Jährige erwartete weder Besuch noch wäre er an diesem Sonntagabend darauf eingestellt gewesen. Aber vermutlich war es wieder mal Manuela, seine ältere Tochter, die sich erst vor einer halben Stunde mit ihrem Freund verabschiedet hatte, um Richtung Tübingen zu fahren, wo sie Jura studierte. Oft genug schon hatte sie etwas vergessen.

Seifritz, angesehener Chef der Kreissparkasse Göppingen und seit zwei Jahren verwitwet, wollte das Wochenende vor dem Fernseher ausklingen lassen. Während die jüngere Tochter Marion im Obergeschoss Musik hörte, hatte er es sich gerade im Wohnzimmer beim Fernsehfilm Der Hauptmann von Köpenick gemütlich gemacht, den das ZDF anlässlich des 80. Geburtstags des Hauptdarstellers Heinz Rühmann zeigte.

Deshalb nervte das Klingeln an der Haustür. Seifritz sah auf die Uhr, erhob sich und drückte missmutig auf den Türöffner, fest davon überzeugt, dass gleich eine atemlose Manuela hereinstürmen würde, weil sie möglicherweise etwas vergessen hatte.

Doch Augenblicke später war alles anders: Im fahlen Licht der Diele tauchten zwei Gestalten auf und ließen hinter sich die Haustür zufallen. Einer war wie ein Polizist gekleidet, der andere zivil. Beide vollbärtig, die Augen mit großen Sonnenbrillen verdeckt, lange Haare. Seifritz stockte der Atem, ein nie gekannter Schock übermannte ihn. Erster reflexartiger Gedanke beim Anblick der grünen Polizeiuniform: War Manuela, der 21-jährigen Tochter, etwas zugestoßen? Ein Unfall?

Seine Augen hingen für eine Sekunde an dem Uniformierten, der doch zweifelsohne ein Polizist sein musste. Mit Mütze und dem baden-württembergischen Landeswappen am Ärmel des Anoraks. Gleich würde dieser Beamte eine schlimme Nachricht überbringen. Aber die große Sonnenbrille und möglicherweise eine Perücke mochten nicht zu einem seriösen Polizisten passen. Schon gar nicht jetzt, an diesem dunklen Märzabend.

Und auch der andere Mann, der zivil mit einem Trenchcoat bekleidet war, als sei er ein Kriminalist, trug ebenfalls eine große Sonnenbrille und wirkte genauso wenig vertrauenserweckend.

Seifritz stand wie gelähmt, spürte den Schreck in allen Gliedern – als sei sämtliches Blut in ihm gefroren. Denn augenblicklich erkannte er, was der Uniformierte versteckt gehalten hatte und nun auf ihn richtete: den Lauf einer Maschinenpistole. Die Hände in Handschuhen. Nein, das war kein Polizist.

Der andere hatte seine Hände tief in den Taschen vergraben. Ausgebeulter Stoff ließ eine verborgene Waffe befürchten.

Seifritz war sich schlagartig der Situation bewusst. Überrumpelt in der Wohnung. Keine Aussicht auf Hilfe. Überfallen und eingesperrt im eigenen Haus.

Im Berufsleben war er es als Bankchef und früher auch als Erster Staatsanwalt gewohnt, rational zu denken und entsprechend zu handeln. Jetzt verspürte er Ohnmacht, Panik und Angst. Gedemütigt und in grenzenloser Sorge um Marion, die sich im Obergeschoss aufhielt. Dazu die schreckliche Ungewissheit, was sie mit seiner anderen Tochter gemacht hatten, mit Manuela und deren Freund. Unterwegs auf der Fahrt nach Tübingen abgefangen?

»Wo ist die Frau?«, fragte der Uniformierte völlig unaufgeregt, als sei er sich ganz sicher, dass eine Ehefrau da sein müsste. Noch bevor Seifritz etwas erwidern konnte, traf ihn die Stimme des anderen Mannes ins Innerste: »Seien Sie still, sonst gibt es ein Blutbad.«

Seifritz stand wie erstarrt. »Blutbad«, hallte es in seinem Kopf nach.

»Wo ist die Frau?«, wiederholte der Uniformierte weiterhin ungewöhnlich ruhig.

Seifritz erwiderte mit zitternden Lippen: »Nur meine Tochter ist oben.«

Der Uniformierte fuchtelte mit der Maschinenpistole und bugsierte mit seinem Komplizen Seifritz ins Obergeschoss, wo Marion, die Musik gehört hatte, beim Auftauchen der Männer keinen Laut herausbrachte.

»Ihnen geschieht nichts, wenn Sie tun, was wir sagen«, versuchte der Uniformierte, die spannungsgeladene Atmosphäre mit leiser Stimme zu entschärfen.

»Was wollen Sie?«, wagte Seifritz einen ersten energischen Vorstoß.

Doch statt einer Antwort folgte die unmissverständliche Anweisung, dass Vater und Tochter getrennt würden: Er sollte sich im ehelichen Schlafzimmer aufs Bett legen, Marion in ihrem Zimmer.

Seifritz fühlte panische Angst: Überfall, Mord? Widerstand erschien sinnlos. Allein schon, wie der Uniformierte mit der Maschinenpistole hantierte, ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass die beiden nicht mit sich verhandeln ließen. Seifritz flehte die Gangster an, ihn nicht von der Tochter zu trennen. Die Täter ließen sich erweichen: Marion durfte sich neben ihren Vater auf das Ehebett legen. Dort mussten sie jeweils eines ihrer Handgelenke an das des anderen fesseln lassen – mit einer metallischen Handschließe. Jetzt war jeglicher Fluchtversuch vollends unmöglich.

Seifritz, den der rasende Puls atemlos gemacht hatte, riskierte noch einmal die Frage: »Was wollen Sie denn?«

»Fünf Millionen«, gab einer der Räuber zu verstehen und setzte sich seelenruhig neben dem Bett auf einen Stuhl.

Der Bankchef versuchte, wieder langsamer zu atmen, sachlich zu bleiben. »Wo wollen Sie die herkriegen?«

Antwort: »Das ist Ihr Problem. Sie sind doch der Bankdirektor.«

Am nächsten Morgen, noch vor Geschäftsbeginn, sollte das Geld beschafft werden. Doch bis dahin lagen acht qualvolle Stunden vor ihnen.

2

Es wurde die schlimmste Nacht seines Lebens. Und auch Marion würde diese quälende Ungewissheit nie mehr vergessen. Mit einer Hand aneinander gekettet, so lagen Vater und Tochter, den Gangstern hilflos ausgeliefert, auf dem Bett. Voll innerer Unruhe, Angst und Panik. Die Räuber, die sich einen weiteren Stuhl ins Schlafzimmer geholt hatten, stellten immer und immer wieder dieselben Fragen nach den Sicherheitsvorkehrungen in der Hauptstelle der Kreissparkasse, nach Personen und den Örtlichkeiten. Seifritz konzentrierte sich auf die Gespräche und Formulierungen – genau so, wie er es einst als Staatsanwalt gelernt hatte. Als studierter Jurist versuchte er, sich so viel wie möglich von ihnen einzuprägen. Dass sie zwischen 30 und 40 Jahre alt und offenbar Deutsche waren; der Uniformierte ließ einen schwäbischen, der andere einen badischen Akzent anklingen. Sie pflegten einen gewissen seriösen Umgangston, blieben immer beim höflichen »Sie« und wirkten ziemlich gelassen und selbstsicher. Wie Profis, die so etwas schon öfters getan hatten. Die Vollbärte waren vermutlich angeklebt, die Frisuren wohl Perücken. Und die Sonnenbrillen, die sie weiterhin trugen, verbargen die Augenpartien.

Während der Gespräche, bei denen die Männer sachkundige Fragen stellten, erhärtete sich Seifritz’ Verdacht, einer von ihnen könnte sehr gute Kenntnisse über die Abläufe in einer Bank haben. Sei es aus eigener Anschauung oder indem er sich vieles davon hatte erklären lassen. Von wem auch immer. Oder war er gar ein Insider? Ein ehemaliger Mitarbeiter? Sie schienen bestens vorbereitet zu ein.

Jedenfalls hatten beide Gangster einen klar definierten Plan, dessen Realisierung sie zielstrebig verfolgten. Sie wollten mit Seifritz am Montagmorgen kurz vor Geschäftsbeginn in das hoch aufragende Bankgebäude am Göppinger Bahnhof gehen und sich die geforderten Millionen aushändigen lassen. Es schien so, als seien sie sich ihres Vorgehens absolut sicher. Auch wenn ein so hoher Betrag gar nicht im Tresor lagerte.

Vollmundig erklärten sie, im Auftrag »einer Organisation« zu handeln und von dieser auch unterstützt zu werden. Der Uniformierte ergänzte gelassen: »Nach Geschäftsbeginn werden im Schalterraum Personen mit Handtaschen sein, in denen Bomben und Granaten versteckt sind.« Beobachter würden sich zudem im gegenüberliegenden Bahnhof positionieren.

Seifritz plagte nur ein einziger Gedanke: ob es eine Chance gab, mit der Tochter zu fliehen. Doch die Handschließe saß fest, die Rollos an dem am Stadtrand gelegenen Haus waren alle geschlossen – und außerdem hatten die Räuber vorsorglich die Sprechmuschel aus dem Telefon geschraubt. Nichts, was sie taten, wirkte nervös oder fahrig. Es mussten wirklich echte Profis sein, dachte Seifritz.

Irgendwann löschten die kaltblütigen Räuber das Licht, verharrten aber auf ihren Stühlen, um ihre Geiseln in der Gewalt zu haben. Einer der Männer gab sich geradezu fürsorglich: »Ich empfehle Ihnen zu schlafen, denn Sie werden morgen gute Nerven brauchen.«

3

4 Uhr. Erst in drei Stunden würde die Sonne aufgehen. Noch war es stockfinstere Nacht. Seifritz und seine Tochter hatten keine Sekunde schlafen können, lagen schweigend beieinander und lauschten bange und aufgewühlt in die Finsternis. Denn nachdem die Räuber ihre bohrenden Fragen beendet und das Licht gelöscht hatten, war nur noch deren bisweilen schwerer Atem zu hören gewesen. Seifritz hatte einige Male überlegt, ob die Männer eingeschlafen waren. Doch an eine Flucht wäre selbst dann nicht zu denken gewesen. Immerhin waren die beiden schwer bewaffnet und er an seine Tochter gekettet. Schon beim geringsten Versuch, aus dem Bett zu steigen, wären die Gangster wach geworden – sofern sie überhaupt schliefen.

Seifritz kämpfte unablässig mit einem wilden Gedankenkarussell und versuchte vergeblich, das Schreckliche zu verdrängen, das mit seiner anderen Tochter geschehen sein konnte. War sie auf der Fahrt mit ihrem Freund nach Tübingen ebenfalls in die Hände von Kidnappern geraten? Er wollte die beiden Gangster lieber gar nicht danach fragen. Wieder quälten ihn auch in diesen Stunden die schmerzhaften Erinnerungen an seine Frau, die vor zwei Jahren freiwillig aus dem Leben geschieden war; ein Schicksalsschlag, den er nie würde verdrängen oder überwinden können.

Als plötzlich das Licht angeknipst wurde, fühlte er so etwas wie Erleichterung, obwohl das Schlimmste noch bevorstand. Der Uniformierte, der sich als Wortführer hervortat, gab das Kommando. Er werde jetzt Marion in ein sicheres Versteck bringen, wo ihr nichts geschehe, wenn ihr Vater die geforderten Millionen besorge, erklärte er so emotionslos, als rede er von einem ganz normalen Vorgang.

Marions Herz raste. Sie hatte unbändige Angst. Seifritz’ flehende Bitte, seine Tochter freizulassen, war nicht mehr als der vergebliche Versuch eines verzweifelten Vaters, die Gangster umzustimmen. Erneut spürte er, dass sie sich von ihrem Plan nicht würden abhalten lassen. Komme da, was da wolle. Als die Fesseln von den schmerzenden Handgelenken gelöst waren, umarmte Marion ihren Vater und weinte.

»Es passiert nichts, wenn wir das Geld kriegen«, stellte der falsche Polizist klar und forderte die junge Frau auf, Schlafsack, Wolldecke, Handschuhe und Wollmütze zusammenzupacken.

Seifritz war für einen weiteren Moment erneut geschockt, weil er angesichts der geforderten Utensilien befürchtete, sie würden Marion mehrere Tage in ihrer Gewalt behalten: »Wie lange soll das denn gehen?«

»Bis wir das Geld haben«, keifte der mit dem Trenchcoat, während der falsche Polizist sie unsanft die Treppe hinab in die Diele zerrte. Dort öffnete er vorsichtig die Haustür, vergewisserte sich, dass niemand auf der nur spärlich beleuchteten Wohnstraße unterwegs war, und deutete zu einem Verbindungsweg hinüber, der in der Stille des kalten Wintermorgens lag. Marion überlegte, ob sie um Hilfe rufen sollte, aber der Gedanke an ihren Vater, der sich in der Gewalt des anderen Gangsters befand, hielt sie davon ab. Der harte Griff, mit dem sie der Mann am Oberarm vorwärtszerrte, während sie Decke und Schlafsack festhielt, ließ jeden Fluchtgedanken im Keim ersticken.

Eine halbe Minute später hatten sie über den verwilderten Fußweg die nächste Wohnstraße erreicht, die hier mit einer Wendeplatte endete. Am Fahrbahnrand standen mehrere Fahrzeuge, auf die ihr Entführer zuhielt. Marion vermutete, dass sein Ziel eine helle Limousine war, vermutlich ein Audi. Beim Näherkommen glaubte sie, ein WN-Kennzeichen für Waiblingen erkannt zu haben. Aber viel zu schnell hatte sie der Mann zur linken hinteren Tür bugsiert, diese geöffnet und nun charmant flüsternd gesagt: »Bitte einsteigen.« Marion tat wortlos, was ihr befohlen wurde. Sie musste sich auf den Rücksitz legen, sich vollständig in die Decke einhüllen und die Wollmütze tief ins Gesicht und somit über die Augen ziehen. Sie sollte nicht sehen, wohin die nächtliche Fahrt ging.

Der Gangster setzte sich hinters Steuer, ließ die Tür sanft zufallen und fuhr zügig los. Marion wagte nicht, den Kopf zu heben. In der Dunkelheit hätte sie aus ihrer liegenden Position heraus auch nichts von der Landschaft erkennen können. Stattdessen versuchte sie, sich anhand der Kurven und Abbiegevorgänge die ungefähre Route vorzustellen. Ihrem Gefühl nach zu urteilen, waren sie vom Göppinger Stadtrand gleich in die Vororte gefahren, Richtung Bartenbach und hinüber nach Rechberghausen. Vermutlich ging es zu den Anhöhen des Schurwaldes hinauf und dann hinüber ins Remstal. Jedenfalls zunächst bergauf.

Sie hätte nicht sagen können, wie viel Zeit schon verstrichen war, als der Wagen deutlich spürbar von der Hauptverkehrsstraße abbog und offenbar auf kleineren, holprigen Wegen weiterfuhr. Wenig später schienen sie ihr Ziel erreicht zu haben. Der Wagen stoppte.

Noch immer war es Nacht, und hier, wo sie sich nun befanden, gab es auch keine Straßenlampen. »Endstation«, knurrte der Mann, stieg aus und öffnete die linke Tür des Fonds. Marion streifte sich die Wollmütze vom Kopf und warf die Decke beiseite. Ihre Beine waren eingeschlafen, und sie tat sich mit dem Aussteigen schwer. Weil sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie die nachtschwarzen Umrisse von Sträuchern und Weidezäunen erkennen. Sie befanden sich eindeutig weit außerhalb einer Ortschaft. Am Horizont war nur schwaches Streulicht einer möglicherweise nahen Stadt auszumachen.

Der Mann packte sie am Oberarm und zerrte sie ein paar Schritte vom Auto weg in Richtung auf ein kleines Gebäude, das sich vor dem nahen finsteren Waldrand abzeichnete, der den ansteigenden Wiesenhang begrenzte. Im Dunkeln war eine heraneilende menschliche Gestalt zu sehen – ein Mann, wie sich sofort herausstellte. Der nahm sie unsanft in Empfang und zog sie an den gefesselten Armen wortlos über den Steilhang zu der kleinen Behausung hinauf, vermutlich einer Hütte. Sein Komplize stieg wieder in das Auto, und die Rücklichter verschwanden in der Nacht.

Marion schwieg und ließ sich im Schein einer schwachen Taschenlampe widerstandslos in das kalte und dunkle Versteck bringen, das nach altem Heu, Moder und Spiritus roch. Dort loderte die Flamme einer altertümlich anmutenden Sturmlaterne, sodass sie jetzt auch den Kopf des Mannes sehen konnte. Allein dieser Anblick war furchterregend. Denn der Mann, der kein Wort sprach, hatte sich einen Damenstrumpf übers Gesicht gezogen. Wie in einem Horrorfilm. Doch dies hier war bittere Realität.

Der Raum erinnerte im flackernden Licht der Flamme an ein verlassenes Wochenendhäuschen: Tisch und Stühle wie aus dem Sperrmüll, abseits davon eine längliche Sitzbank mit Polster. Der Maskierte zerrte Marion auf diese Bank, auf der sie sich zusammenkauerte, während ihre Fußgelenke mit einem Paketklebeband gefesselt wurden. So lehnte sie, erschöpft und sich ihrer hilflosen Lage vollends bewusst, in der Ecke.

»Wie lang soll das gehen?«, fragte sie leise, doch ihr Bewacher schwieg und legte ihr ein Handtuch über den Kopf. Sie sollte bei aufkommender Helligkeit nicht sehen, was um sie herum geschah. Das Tuch gab trotzdem einen kleinen Sichtspalt frei, sodass sie beobachten konnte, wie der Maskierte nervös auf und ab ging und oftmals durch ein Fenster nach draußen schaute.

4

Knapp eineinhalb Stunden, nachdem er weggefahren war, kam der falsche Polizist wieder in Seifritz’ Haus an. Es war inzwischen 5.30 Uhr und noch immer dunkel. »Läuft alles wie am Schnürchen«, beschied er seinem Komplizen mit leicht schwäbischem Akzent. »Jetzt kommt’s nur darauf an, ob die Millionen fließen.«

Seifritz verlangte Auskunft darüber, wohin Marion gebracht worden war.

»Keine Sorge. Sie ist an einem sicheren Ort. Ihr wird nichts geschehen«, bekam er zur Antwort. »Sie müssen nur tun, was wir wollen.«

Zum wiederholten Mal unternahm der erschöpfte und übermüdete Bankchef den Versuch, den Gangstern klarzumachen, dass der geforderte Betrag von fünf Millionen D-Mark kaum zu beschaffen sein würde. Im Tresor des Geldinstituts lagere deutlich weniger. Auch wäre es auffällig, wenn frühmorgens bei der Landeszentralbank, von der es eine Filiale in Göppingen gab, ein solcher Millionenbetrag geordert werde.

»Das ist Ihr Problem«, warf ihm der zivil Gekleidete vor. »Sind Sie nun Bankdirektor oder nicht?«

Schon in der Nacht hatte Seifritz darüber nachgegrübelt, ob er überhaupt befugt wäre, Geld der Bank als privates Lösegeld für seine Tochter zu verwenden. Aber wenn nicht … daran wollte er gar nicht denken. Er konnte in dieser Situation ja unmöglich mitten in der Nacht den Landrat als den allerobersten Chef der Kreissparkasse um Rat bitten. Wie es überhaupt schwierig sein würde, den Überfall geheimzuhalten, wenn er mit den beiden Gangstern noch vor Geschäftsbeginn im Hause auftauchen würde. Außerdem kam er allein ohnehin nicht an Geld. Er brauchte dazu den Hauptkassierer, und die Übergabe müsste im Tresorraum im streng abgeriegelten dritten Untergeschoss vonstattengehen. Dort lieferten die Geldtransporte nach einer Sicherheitsschleuse die Geldtaschen ab.

Wieder die quälende Angst: Wenn im Lauf der nächsten Stunden jemandem in der Bank etwas verdächtig erschien oder jemand Alarm schlug, dann würde er seine Tochter nie mehr wiedersehen. Er spürte von Minute zu Minute, wie ihn die Ungewissheit und die Sorge um das Mädchen zermürbte. Er musste das Geld besorgen. Aber durfte er das wirklich? Konnte er eigenmächtig den Geiselnehmern Millionen aushändigen, die ihm gar nicht gehörten? Es fiel ihm zunehmend schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Er fühlte sich müde, erschöpft und ausgelaugt. Die schlaflose Nacht forderte ihren Tribut.

Wieder vergingen qualvolle eineinhalb Stunden. Um 7 Uhr – inzwischen war der Himmel hell geworden – waren die beiden Gangster, denen er im Wohnzimmer gegenübersaß, unruhiger geworden. Der falsche Polizist nickte seinem Komplizen zu, was dieser als Zeichen für den Aufbruch deutete. »Sie fahren«, forderte er den Bankdirektor auf. Seifritz wischte sich trotz des frühen Morgens Schweiß von der Stirn. Er müsse sich noch frisch machen und etwas anderes anziehen, erklärte er, denn er könne unmöglich in diesem Zustand in der Bank auftauchen.

Bewacht von einem der Räuber rasierte er sich flüchtig, warf sich Wasser ins Gesicht und putzte die Zähne. Beim Blick in den Spiegel erschrak er über sein Äußeres. Die Spuren der Horrornacht waren deutlich zu sehen.

»Wir gehen ganz unauffällig raus«, erklärte der falsche Polizist. Und immer wieder die Drohung, zwar ruhig ausgesprochen, aber unmissverständlich: »Denken Sie an Ihre Tochter.«

Die Wohnstraße lag noch immer still in der Frische des kühlen Märzmorgens, als sie das Haus verließen. Der falsche Polizist hielt seine Uzi – die kompakte Maschinenpistole eines israelischen Herstellers – in der Aktentasche verborgen, was ihm beim Einsteigen hinten links in den Mercedes 280 SE einige Verrenkungen abverlangte. Sein Komplize hatte auf dem Beifahrersitz Platz genommen. Seifritz steckte mit zitternder Hand den Zündschlüssel ins Schloss und fuhr los. Hinter den Fenstern einiger der benachbarten Villen brannte zwar Licht, aber nirgendwo hatte jemand bemerkt, dass soeben eines der größten Bankraub-Verbrechen Deutschlands in die entscheidende Phase ging.

5

Auf der nur knapp einen Kilometer langen Wegstrecke von der Wohnung zur Hauptstelle der Kreissparkasse hatte Seifritz Mühe, sich auf das morgendliche Verkehrsgeschehen in der Innenstadt zu konzentrieren. Beinahe hätte er eine rote Ampel übersehen, worauf ihn der falsche Polizist neben ihm lautstark aufmerksam machte. »Halt – da ist rot.«

»Versuchen Sie ja nicht, einen Unfall zu provozieren«, kam die Stimme des anderen von hinten. »Denken Sie an Ihre Tochter.«

Seifritz, für den es nichts Ungewöhnliches war, lange vor Geschäftsbeginn im Bankgebäude zu erscheinen, steuerte den großen Wagen in die schmale Einfahrt der Tiefgarage hinab, schob die Parkkarte in den Automaten und ließ die Schranke hochgleiten.

»Sie parken dort, wo Sie immer parken«, befahl der Mann mit dem grünen Polizeianorak auf dem Beifahrersitz. Noch immer trugen die Gangster ihre Sonnenbrillen, die sie auch während der Nacht nie abgenommen hatten. Eine Reihe von Leuchtstoffröhren flammte auf, als sie das zweite Untergeschoss erreichten und Seifritz an seinem angestammten Platz parkte.

Die Männer hatten sich in der vergangenen Nacht die Situation im Gebäude exakt schildern lassen und sich sogar den Namen der Chefsekretärin eingeprägt. Demnach gelangte man von der Tiefgarage über das Treppenhaus ins zweite Obergeschoss, wo sich das Büro des Direktors befand. Noch begegneten sie auf dem Weg dorthin niemandem. Seifritz ging durchs menschenleere Vorzimmer und betrat, bewacht von seinen Peinigern, verunsichert sein Büro, das von der Größe her einem verantwortlichen Banker durchaus alle Ehre machte und eine Besucherecke samt lederner Sitzgarnitur aufwies.

Die beiden Räuber sahen sich prüfend um, als wollten sie sichergehen, von keiner Alarmeinrichtung erfasst zu werden. Seifritz sank unterdessen auf seinen Schreibtischsessel, während die Gangster seelenruhig auf der Couch am Besprechungstisch Platz nahmen und ihre Forderung nach fünf Millionen bekräftigten. Seifritz wiederholte, was er die ganze Nacht über beteuert hatte: dass so viel Geld nicht im Tresor lagere und auch nicht unauffällig zu beschaffen sei. Auf die Schnelle könne man allenfalls ein paar 100.000 Mark bei der Landeszentralbank ordern, wie dies jeden Morgen üblich sei.

Doch die Räuber, die bereits in der Nacht von diesen Gepflogenheiten erfahren hatten, blieben hartnäckig. »Dann lassen Sie sich halt etwas einfallen. Sie sind der Chef hier«, gab der Uniformierte gelassen zu verstehen.

Seifritz schloss für einen Moment die Augen. Marion. Er sah ihr ängstliches Gesicht, wie sie ihn heute Morgen angeschaut hatte, als sie weggebracht worden war. Wie sie geheult und gefleht hatte. Nein, er hatte natürlich gar keine andere Wahl, als das Geld zu beschaffen. »Blutbad«, dröhnte es wieder durch seinen Kopf. Sie hatten gestern Abend von einem Blutbad gesprochen, von Bomben in der Schalterhalle, von einem Aufpasser, der von der anderen Straßenseite, vom Bahnhof aus, das Bankgebäude beobachten werde.

Dann beunruhigte ein Geräusch aus dem Nebenraum die beiden Täter. »Wer ist das?«, wollte der Uniformierte wissen, der Seifritz’ Aktentasche auf dem Schoß hielt, während der andere erschrocken aufsprang.

»Meine Sekretärin, die Frau Rüger«, beruhigte Seifritz. »Wir werden das vor ihr nicht geheim halten können.«

»Denken Sie an Ihre Tochter«, mahnte der zivil gekleidete Mann und setzte sich wieder.

Kaum hatte er es gesagt, ging ohne ein vorheriges Klopfzeichen die Tür auf, und eine Frau mittleren Alters hielt überrascht in der Bewegung inne. Ihr Blick war nur auf den Uniformierten gefallen, der links von ihr auf der Couch saß. Für einen Augenblick dachte sie, ihr Chef habe einen verkehrspolizeilichen Verstoß begangen und sei mit einem Strafzettel konfrontiert worden. Sie machte kehrt, verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Aber schon Sekunden später ertönte an ihrem Telefon der sogenannte »Sekretärinnenruf«: Ihr Chef bat sie mit gedämpfter Stimme in sein Büro zurück. Energisch, wie sie sein konnte, trat sie erneut ein – und wurde sich der merkwürdigen Situation sofort bewusst: Der Uniformierte, den sie zuvor als Polizisten wahrgenommen hatte, trug eine Sonnenbrille und einen Vollbart. Noch während sie auch den anderen Mann anstarrte, der ebenso seltsam aussah, jedoch zivil mit einem Trenchcoat bekleidet war, erklärte Seifritz schnell: »Die Herren sehen zwar aus, als wenn sie von der Polizei wären, aber dem ist nicht so.« Den Hinweis, sie verlangten für die entführte Tochter fünf Millionen D-Mark Lösegeld, konterte die Sekretärin spontan: »Aber so viel Geld haben wir doch nicht.« Ihr erster Schock war einer gewissen Wut gewichen. Wut und Zorn darüber, dass es die Gangster gewagt hatten, die Tochter ihres Chefs zu kidnappen. »Sie sind doch Verbrecher«, brach es wütend aus ihr heraus, aber gleichzeitig überkam sie ob der eigenen Courage die Angst, diese angespannte Atmosphäre könnte außer Kontrolle geraten. Denn der falsche Polizist hatte in der Aktentasche ihres Chefs eine Maschinenpistole verborgen gehalten, mit der er nun drohend herumfuchtelte.

Für Karin Rüger ein Anblick, der ihr etwas in Erinnerung rief, das mehr als 20 Jahre zurücklag. Plötzlich tauchten Bilder auf, die noch tief in ihrem Unterbewusstsein steckten. Bilder, die sich im jugendlichen Alter beim Lesen ihres ersten Kriminalromans geformt hatten. Es war um einen Banküberfall gegangen, bei dem die Räuber alle Beteiligten erschossen hatten.

Mit einem Mal schien diese Szene lebendig zu werden: Schießerei, Maschinenpistole, zuckte es durch ihren Kopf. Und hier drinnen waren sie von Betonwänden umgeben. Querschläger? Ein panisches Gedankenkarussell. Ohne lange zu überlegen, herrschte sie den Uniformträger an: »Fuchteln Sie nicht mit diesem Ding rum.«

Der Angesprochene war über diese unerwartete Reaktion konsterniert. »Da geht kein Schuss los«, erwiderte er missmutig. »Aber damit Sie beruhigt sind, pack ich’s wieder ein.« Er steckte die Waffe zurück in die Aktentasche.

Seifritz hatte das kurze Wortgefecht am Schreibtisch sitzend verfolgt. Seine Sekretärin beobachtete mit Sorge, wie nervös und unruhig er geworden war. »Wollen Sie einen Whisky?«, fragte sie, um die gereizte Atmosphäre zu dämpfen. Seifritz nickte und ließ sich einen Johnny Walker eingießen, dessen Aufbewahrungsort in seinem Büro Frau Rüger genau kannte. Unterdessen beteuerte Seifritz immer wieder, keine fünf Millionen D-Mark besorgen zu können, weil ein solch hoher Betrag gar nicht im Hause aufbewahrt werde.

»Ich kann allein kein Geld besorgen«, stellte er nach einem Schluck Whisky klar und schlug vor, seinen Stellvertreter zu holen.

»Tun Sie das nicht«, mischte sich seine Sekretärin ein. »Je mehr Personen hier auftauchen, desto unübersichtlicher wird die Lage«, gab sie zu bedenken, als wie zur Bekräftigung ihrer Worte Geräusche aus dem Nebenraum die bewaffneten Männer erneut in Unruhe versetzten.

»Das ist meine junge Kollegin, die gerade gekommen ist«, versuchte Frau Rüger zu beschwichtigen.

»Erklären Sie ihr, was los ist. Sie soll niemandem etwas sagen und ganz normal weiterarbeiten«, ordnete Seifritz an, worauf seine Sekretärin die Mitarbeiterin im Vorzimmer instruierte.

Die beiden Gangster schienen sich von der Aufregung nicht anstecken zu lassen. Der falsche Polizist wirkte sogar eher entspannt, als er sich erneut an Seifritz wandte:

»Vielleicht sollte ich Sie noch mal an Ihre Tochter erinnern.« Sein Komplize ließ währenddessen den Entsicherungshebel einer schwarzen Pistole mehrfach klicken.

6

Heinrich Lackner, ein zurückhaltender, ruhiger Bankangestellter, die Seriosität in Person und als stellvertretender Leiter der Schalterhalle auch für die Hauptkasse zuständig, wie im hausinternen Jargon der Tresorraum im dritten Untergeschoss bezeichnet wurde, kam häufig früher als notwendig zur Arbeit. Er parkte seinen Wagen in einem nahen Parkhaus und betrat das mächtige Sparkassengebäude über die Zufahrt zur Tiefgarage, in der nur Kunden und die Vorstände ihre Fahrzeuge abstellen durften. Wie häufig, so galt auch an diesem Märzmontag sein erster Gang der Hauptkasse, die sich unter dem zweiten Untergeschoss der Tiefgarage befand. Ein Lastenaufzug, wie ihn die Angestellten nannten, führte durch alle Etagen, war aber nur für die interne Nutzung gedacht. Mit ihm fuhr Lackner ganz hinunter, wo in den klimatisierten, aber schmucklosen Räumen bereits Hauptkassierer Berthold Rilke einige Aufzeichnungen las. Wie immer prüfte er alle Daten, Zahlen und Anweisungen mehrfach, wie er es als penibler Bankmitarbeiter ein Berufsleben lang gewohnt war. Auch jetzt, kurz vor dem Renteneintritt, hatte er nichts von seiner korrekten Arbeitsweise verloren. Das Geld, das für den täglichen Geschäftsbetrieb droben in der Schalterhalle gebraucht wurde, konnte er jedoch nicht allein aus dem Tresor holen. Dazu bedurfte es eines zweiten Angestellten, und der war Lackner. Die eingespielte Prozedur wiederholte sich deshalb jeden Morgen: Lackner gab in das Zahlenkombinationsschloss die Geheimnummer ein, worauf Rilke mit seinem Schlüssel die schwere gepanzerte Tür öffnen konnte, hinter der sich über Nacht nur ein vergleichsweise geringer Betrag befand. Die beiden Männer wechselten noch ein paar Worte zum gestrigen Sonntag, den Lackner trotz des schlechten Wetters auf einer Wanderhütte bei Gruibingen verbracht hatte, und widmeten sich kurz einer weiteren Routinearbeit: Beide mussten sie den Scheck unterschreiben, mit dem die Geldboten jeden Morgen einen größeren Betrag für den zu erwartenden Tagesbedarf bei der Landeszentralbank-Filiale holen mussten, die sich Luftlinie nur etwa 300 Meter entfernt befand. Heute waren es 700.000 Mark.

»Dann noch einen schönen Tag«, wünschte Lackner seinem älteren Kollegen, der bisweilen nervös werden konnte, wenn nicht alles so lief, wie er es sich vorstellte. Dazu jedoch gab es an diesem Vormittag keinen Anlass.

Lackner bestieg den Aufzug und fuhr zur ebenerdig gelegenen Schalterhalle hinauf, in der sich sein Büro befand. Schon waren auch weitere Angestellte eingetroffen, die sich auf den Geschäftsbeginn vorbereiteten. Lackner machte sich über Akten und Protokolle her, in denen es um einige merkwürdige Überweisungen ging, die bei einem ausländischen Kunden aufgefallen waren. Als er ein paar Minuten später einen Kollegen in der Schalterhalle etwas dazu fragen wollte, lief ihm völlig unerwartet Rilke über den Weg, den er um diese Zeit noch immer im Tresorraum vermutet hätte. Bevor er ihn ansprechen konnte, war Rilke schnellen Schrittes Richtung Treppenhaus verschwunden. Lackner sah ihm eine Sekunde lang nach, zuckte verwundert mit den Schultern. So war Rilke eben. Oft in Eile, nervös und stets darauf bedacht, alles 100-prozentig richtig zu machen.

Lackner, der in Stresssituationen hingegen in sich zu ruhen schien und jedes noch so kritische Gespräch mit sonorer und sanfter Stimme entkrampfen konnte, setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch, um einige dubios erscheinende Geldtransaktionen zu verfolgen. Es verging kaum ein Monat, in dem nicht irgendetwas aus dem üblichen Rahmen fiel. Meist jedoch ließen sich die Sachverhalte logisch erklären, und der betroffene Kunde merkte von der hausinternen Prüfung überhaupt nichts. Allerdings schienen die Tricks der Ganoven und Geldwäscher immer ausgeklügelter zu werden. Spätestens seit es Geldautomaten gab, hatten die Betrugsversuche deutlich zugenommen. Es hatte bundesweit sogar schon Täter gegeben, die die stabilen Geräte mit Sprengladungen aus der Verankerung gerissen hatten.

So weit war es im beschaulichen Göppingen noch nicht gekommen, aber auch hier, im nördlichen Vorland zur Schwäbischen Alb zwischen Stuttgart und Ulm, war man bestimmt nicht davor gefeit.

Tief in Gedanken versunken, wurde Lackner vom schrillen Ton des Telefons wieder in die Realität zurückgeholt. Er nahm ab, meldete sich und hörte sofort eine wohlvertraute Frauenstimme, die heute aber viel ernster klang als sonst: »Sie sollen doch bitte mal zu Herrn Seifritz kommen.« Es war Chefsekretärin Karin Rüger.

Lackner brummte ohne weitere Nachfrage ein »Okay« und legte auf. Zum Chef. Das hatte ihm am frühen Montagmorgen gerade noch gefehlt. Was er wohl wollte?

Er schlug die Akten zu und machte sich auf den Weg quer durch die Schalterhalle, die für den Kundenbetrieb noch geschlossen war, hinauf durch das im Halbrund gebaute turmartige Treppenhaus mit den Bullaugenfenstern. Dort kam ihm auf halbem Weg Rilke mit blassem, ernstem Gesicht entgegen. »Was ist denn los?«, wollte Lackner wissen, weil er sofort merkte, dass etwas anders war als sonst.

Die Antwort fiel kurz und knapp aus: »Ich war bei Seifritz. Geh rauf.« Dann eilte Rilke an ihm vorbei abwärts.

Lackner stand für einen Moment wie belämmert. So hatte er seinen Kollegen noch nie erlebt. Plötzlich befiel ihn die Gewissheit, dass etwas Ungewöhnliches geschehen sein musste. Er verlangsamte seine Schritte und betrat vorsichtig die zweite Etage, das Reich der Vorstände, in dem für gewöhnlich gediegene Ruhe herrschte. Auch jetzt lag der Flur in absoluter Stille.

Er klopfte an die Tür des Vorzimmers und trat unmittelbar danach ein. Sein Blick fiel auf Chefsekretärin Karin Rüger, die kreidebleich an ihrem Schreibtisch kauerte und ihm grußlos andeutete, gleich ins Büro von Seifritz weiterzugehen, dessen Tür geschlossen war. Ihre junge Kollegin hatte nicht einmal aufgeschaut.

Lackners Verunsicherung stieg. Noch nie hatte es eine solch seltsame Situation gegeben. Er klopfte an die Tür, die sogleich geöffnet wurde. Vor ihm stand ein Uniformierter, der ihn in allerhöchste Alarmbereitschaft versetzte. Polizei, durchzuckte es Lackner. Üblicherweise kamen die Beamten direkt zu ihm, wenn es polizeiliche Ermittlungen gab. Die Anwesenheit eines Polizisten im Chefbüro konnte nichts Gutes bedeuten. Lag etwas gegen ihn selbst vor?

Aber die Sonnenbrille, das bärtige Gesicht und etwas, das wie eine Maschinenpistole aussah, jagten ihm augenblicklich ganz andere Ängste durch den Kopf: der Chef in der Gewalt von Gangstern.

Seifritz, der übernächtigt hinterm Schreibtisch saß, forderte seinen völlig irritierten Angestellten auf hereinzukommen und die Tür hinter sich zu schließen. Er hatte Lackners Entsetzen bemerkt und gleich klargestellt: »Herr Lackner, das sind keine echten Polizisten.«

Augenblicklich erfasste der Angestellte die bedrohliche Lage und erblickte erst jetzt den abseits stehenden zweiten Mann. Geschockt ließ er sich von dem sichtlich mitgenommenen Seifritz die Situation schildern – vor allem aber, dass die beiden Verbrecher seine Tochter entführt hätten. Worauf der Uniformierte, der die Maschinenpistole hielt, völlig unaufgeregt bekräftigte: »Keine Polizei. Wenn etwas schiefgeht, sieht Herr Seifritz seine Tochter nicht mehr lebend.«

»Und in der Schalterhalle gibt’s ein Blutbad«, ergänzte der andere ebenso ruhig.

»Die wollen fünf Millionen«, erklärte der Bankchef seinem Angestellten. »Ich hab ihnen aber bereits erklärt, dass das nicht geht.«

»Sie werden es hinkriegen«, lächelte der Uniformierte und sah Lackner in die Augen.

»Ich hab gesagt, dass der heutige Transport von der Landeszentralbank mit 700.000 Mark bald eintrifft – aber sie wollen fünf Millionen«, sagte Seifritz mit schwacher Stimme. Seine Hände zitterten, die Augen hinter der dicken Brille waren wässrig.

»Jetzt brauchen wir Ihre Hilfe«, wandte sich der falsche Polizist mit charmantem Unterton an Lackner, der nicht verstand, was dies bedeutete.

Seifritz stellte klar: »Herr Rilke holt einen Scheck. Mit dem können wir noch zwei Millionen bei der LZB besorgen lassen.«

Lackner kapierte: Weil zwei Unterschriften notwendig waren, mussten er und Rilke unterzeichnen. »Aber wenn die Boten gleich noch ein zweites Mal zur LZB kommen, fällt das auf«, gab er zu bedenken.

»Hab ich auch gesagt«, pflichtete ihm Seifritz bei, räumte dann jedoch ein: »Aber mit zwei Millionen könnte es klappen.

Der Uniformierte schien dies endlich zu begreifen, wandte sich aber drohend an Lackner: »Es darf nichts nach außen dringen. Denken Sie an die Tochter von Herrn Seifritz.«

Lackner musste sich eingestehen, dass es keinen Sinn machte, neuerliche Bedenken vorzubringen. Augenblicke später wurde Rilke von der Sekretärin hereingeführt. Er hielt den bereits ausgefüllten Scheck in der Hand, legte ihn auf den Schreibtisch des Chefs und unterschrieb. Seifritz nickte dankend, rührte das Papier aber nicht an, sondern gab nun mit einer stummen Handbewegung Lackner zu verstehen, dass es jetzt an ihm liege, den neuerlichen Geldtransport ebenfalls per Unterschrift zu bestätigen. Lackner zögerte, wartete noch auf eine klare Aussage seines Chefs, doch dieser verzog keine Miene. Sekretärin Rüger verfolgte angespannt die Szenerie und fragte sich insgeheim, weshalb nicht Seifritz selbst die zweite Unterschrift auf den Scheck setzte, denn kraft seines Amtes hätte er dies ohne Weiteres tun dürfen.

Sie spürte, dass auch Lackner darüber nachdachte. Er zögerte für einen kurzen Moment und überlegte offenbar, ob er es überhaupt würde verantworten können, per Unterschrift der Forderung der beiden Gangster nachzukommen. Aber immerhin schien es sein Chef so zu wollen. Wahrscheinlich, so beruhigte sich Lackner, wäre es bei der Landeszentralbank viel zu auffällig, wenn plötzlich der Bankchef höchstpersönlich die zweite Anforderung des Tages unterschrieben hätte.

Aber warum gerade er, Lackner, schoss es ihm durch den Kopf? Schließlich gab es außer ihm noch einen weiteren Angestellten, der befugt war, Geld von der Landeszentralbank zu ordern. Weshalb hatte Seifritz ausgerechnet ihn ausgewählt? Lackner verdrängte derlei Gedanken, denn er wollte unbedingt vermeiden, dass das Leben der jungen Frau leichtfertig aufs Spiel gesetzt wurde, nur weil er jetzt zögerte. Also trat auch er an den Schreibtisch, zückte einen Kugelschreiber und setzte mit zitternden Fingern seine Unterschrift unter das Dokument.

»Leiten Sie alles in die Wege«, nickte Seifritz dem Hauptkassierer zu. »Wir kommen dann auch runter.«

Rilke verschwand mit dem Scheck. Sobald die Boten mit den regulär georderten 700.000 D-Mark zurück sein würden, mussten sie sofort wieder zur Landeszentralbank geschickt werden, um den zweiten Auftrag zu erledigen. »Na also, geht doch«, brummte der Uniformierte, nachdem Rilke den Raum verlassen hatte. »Wenn wir das Geld haben, ist Ihre Tochter frei.«

Seifritz wischte sich mit dem Handrücken Schweiß von der Stirn und sah auf die Uhr. Je näher die Öffnungszeit der Bank rückte, desto mehr Angestellte hielten sich in dem großen Gebäude auf. »Bomben und Granaten«, schallte es wieder durch seinen Kopf. Die Gangster wollten Sprengkörper in der Schalterhalle deponiert haben. Wenn dies tatsächlich so war, dann musste das Zeug bereits gestern hereingebracht worden sein. Womöglich war das Ganze die kaltblütige Tat einer professionellen Bande – und womöglich doch ein Wachposten gegenüber am Bahnhof postiert, um auf verdächtige Bewegungen außerhalb des Bankgebäudes zu achten. Dann aber müsste er mit den Geiselnehmern in Funkkontakt stehen. Dafür aber, so überlegte Seifritz, hatte es bisher keine Anhaltspunkte gegeben.

Der Uniformierte umklammerte die Aktentasche, in der sich die Maschinenpistole befand, und gab seinem Komplizen einen Wink. »Sie beide«, er wandte sich an Seifritz und Lackner, »bringen uns jetzt runter zur Hauptkasse.«

»Aber immer dran denken«, schaltete sich der schweigsamere Gangster ein, »wenn irgendjemand die Polizei ruft, ist Ihre Tochter tot.«

Seifritz reagierte nicht, sondern stand auf und verließ als Erster das Büro, gefolgt von den beiden Gangstern und Lackner. Die Sekretärin blickte die Männer sprachlos und entgeistert an. Erst jetzt schien sie die ganze Tragweite des Geschehens verinnerlicht zu haben. Ihr bislang couragiertes Auftreten war purer Angst gewichen.

»Ich bin für niemanden zu sprechen«, erklärte Seifritz und fügte verunsichert an: »Niemand darf etwas erfahren. Niemand. Haben Sie mich verstanden?«

Karin Rüger saß wie erstarrt auf ihrem Bürostuhl und umklammerte die Schreibtischkante. Ihre junge Kollegin wagte es nicht, sich umzudrehen, sondern tat so, als sei sie mit dem Studium einer Akte beschäftigt.

Erst als die vier Männer den Raum verlassen hatten, verspürte die Chefsekretärin für einen Moment eine gewisse Erleichterung. Obwohl an ein gutes Ende noch nicht zu denken war.

Auf dem Flur der Vorstandsetage herrschte die übliche Stille. Seifritz hatte inständig gehofft, dass noch niemand unterwegs war. Wie hätte er den Angestellten erklären sollen, weshalb er um diese Zeit in Begleitung eines Polizisten und eines weiteren Fremden schon sein Büro verließ, dazu noch gemeinsam mit Lackner?

Seifritz ging zielstrebig zu dem sogenannten Lastenaufzug, den er mit einem Knopfdruck anforderte. Die paar Sekunden, bis er eintraf, steigerten Seifritz’ innere Aufregung ins Unermessliche, während die beiden Kidnapper weiterhin so taten, als seien sie sich ihres Vorgehens absolut sicher.

Wortlos und dicht gedrängt standen sie nebeneinander, als der Aufzug in das dritte Untergeschoss ruckelte. Seifritz mied den Blickkontakt zu den anderen und starrte auf die beleuchteten Tasten. Lackner studierte hingegen verstohlen die verkleideten Gangster und ihre seltsame Maskerade und versuchte, sich möglichst viele Einzelheiten einzuprägen.

Der Aufzug hielt mit einem sanften Ruck, die Tür schob sich beiseite, und grelles, kaltes Licht schlug ihnen entgegen.

Im Vorraum, in dem sich die Kundenschließfächer befanden, sahen sie durch eine dicke Panzerglasscheibe in den eigentlichen Tresorraum, wo Hauptkassierer Berthold Rilke mit mehreren Bündeln Geldscheinen hantierte, die er in eine Ledertasche steckte. Als Lackner mit Seifritz und den beiden Gangstern über einen weiteren Nebenraum hereinkamen, stellte Rilke mit vor Aufregung heiserer Stimme fest: »Die 700.000 sind bereits da.« Sein Gesicht war aschfahl, jedes Wort verriet hochgradige Nervosität. »Die Boten sind gerade wieder weg, um die zwei Millionen zu holen«, ergänzte er und signalisierte damit, dass der Geldtransporter bereits wieder zur Landeszentralbank-Filiale unterwegs war.

»Wissen die Boten Bescheid?«, wollte Seifritz wissen.

»Nein. Bisher nicht. Aber gewundert haben sie sich«, erwiderte Rilke verängstigt.

Natürlich war es ungewöhnlich, dass an einem ganz normalen Geschäftstag sofort wieder eine größere Summe geordert wurde. Normalerweise kam dies allenfalls in der Vorweihnachtszeit vor, wenn die Zahl der Barabhebungen zunahm. Auch die Boten würden sich möglicherweise ihre Gedanken machen, zumal diese allein schon ihres früheren Berufes wegen misstrauisch waren. Bei den meisten handelte es sich nämlich um pensionierte Polizeibeamten, die sich mit diesem Job ein Zubrot verdienten, oder um jüngere Männer, die ihre Ausbildung bei der Polizei abgebrochen hatten.

Lackner, der zwischen Seifritz und den beiden Gangstern stand, musste daran denken, dass die Geldboten glücklicherweise nicht mehr bewaffnet waren. Nicht auszudenken, wenn sie nachher bei der Rückkehr mit den zwei Millionen D-Mark Verdacht schöpften und die Helden hätten spielen wollen. Früher, das wusste er, hatten Geldboten stets Waffen bei sich gehabt und deshalb regelmäßige Schießübungen absolvieren müssen. Sogar bei den Kassierern waren noch in den 60er-Jahren Schusswaffen durchaus üblich gewesen. Als Lackner vor 15 Jahren bei einer Zweigstelle draußen auf dem Land, in Süßen-Nord, tätig gewesen war, hatte er selbst zwar keine Pistole mehr bekommen, jedoch trotzdem an den Schießübungen teilgenommen, die offenbar für einige Angestellte der Kreissparkasse damals weiterhin vorgeschrieben waren.

Inzwischen hatte man die Bewaffnung abgeschafft, weil die Gefahr bestand, dass es mit Räubern zu gefährlichen Schießereien kam – mit unabsehbaren Folgen. Menschenleben waren schließlich mehr wert als Geld.

Nur für ein paar Sekunden gingen Lackner solche Szenarien durch den Kopf, weil ihn die Maschinenpistole beunruhigte, die der Uniformierte über der Schulter hängen hatte. Noch immer wirkten die beiden Gangster gelassen und selbstsicher. Seifritz, dessen Gedanken unablässig um seine Tochter kreisten, war mehr denn je davon überzeugt, dass die Männer ziemlich abgebrüht sein mussten.

Der falsche Polizist sah sich prüfend um und deutete auf eine nur angelehnte Tür. »Was ist da drin?«, wollte er in sachlichem Ton wissen.

»Das Archiv«, erwiderte Rilke, der noch immer ganz konzentriert die gebündelten Geldscheine zählte und in eine Ledertasche steckte. 700.000 D-Mark, überwiegend in blauen Hundertmarkscheinen.

Seifritz wurde von dem zivil gekleideten Gangster in den kühlen Nebenraum gedrängt, wo metallene Aktenregale und ein weißer Tisch in grelles Kunstlicht gehüllt waren.

»Wie lange sind die Boten unterwegs?«, verlangte der mit einer kleinen schwarzen Pistole bewaffnete Mann Auskunft.

»Kommt drauf an«, erwiderte der Bankdirektor, während er mit dem Gangster im Archivraum verschwinden musste und der Uniformierte draußen bei Rilke und Lackner blieb. »Wenn bei der LZB viel Betrieb ist, kann es dauern.«

»Ungefähr?«, drängte der Räuber auf eine klare Antwort und zog die Tür von innen zu, ohne sie einrasten zu lassen. Auf diese Weise waren sie zwar außer Sichtweite, konnten aber verfolgen, was Rilke und der uniformierte Gangster sprachen.

»20 Minuten brauchen die Geldboten«, erklärte Seifritz, auf dessen Stirn sich Schweißperlen gebildet hatten. »Ich weiß nicht, wie der Verkehr heute früh in der Stadt ist.«

Die Luft in dem kleinen Archivraum war trocken, das sanfte Rauschen eines Gebläses zu vernehmen.

»Und wenn das mit den zwei Millionen nicht klappt?«, wagte Seifritz verzweifelt und flüsternd einen Vorstoß. Er musste diese Frage jetzt einfach loswerden.

Ebenso leise kam die Antwort seines Bewachers: »Dann gibt es ein Blutbad.«

Seifritz fühlte den Satz wie einen Stich in die Seele. »Ich möchte Sie wirklich bitten, meiner Tochter nichts anzutun«, presste er flehend hervor, ergriffen von der unbezähmbaren Angst, das Mädchen und er stünden kurz vor dem Tod.

»Ihrer Tochter geschieht nichts. Sobald wir das Geld haben, ist sie frei«, bekam er wieder zur Antwort, aber für ihn klang es nicht überzeugend. Er hatte Mühe, die wild rotierenden Gedanken zu sortieren. »Es könnte aber sein, bei der LZB wird jemand misstrauisch und versucht, mich telefonisch zu kontaktieren.«

»Wird er nicht«, erwiderte der Gangster ungerührt. Wieder schien es so, als könne das Verbrechen gar nicht anders als geplant ablaufen.

Sie standen sich mit verschränkten Armen gegenüber, schweigend, abwartend, immer wieder auf die Armbanduhren schauend. Alle paar Sekunden blinzelte der Räuber durch den schmalen Türspalt nach draußen, wo Rilke und Lackner, bewacht von dem Uniformierten, noch immer schweigend mit den Geldscheinbündeln beschäftigt waren. In der Ledertasche musste nachher noch Platz für zwei Millionen sein.

Der Uniformierte nickte den beiden Bankangestellten zu: »Gut gemacht. Sehr gut. Aber jetzt müssten die Boten doch bald auftauchen, oder wie sieht das aus?«

Die Männer versuchten, den unruhig gewordenen Verbrecher zu beruhigen. Rilke deutete auf die Geldtasche: »Da sind jetzt exakt 689.500 Mark drin.« Lackner ergänzte: »Das Restliche, was wir noch im Tresor haben, müssen wir drin lassen, weil wir sonst für die Kassierer hier im Hause nichts mehr hätten. Das würde auffallen.«

Weitere bange Minuten verstrichen, bis endlich die Aufzugstür und näher kommende Schritte zu hören waren. Für den Gangster ein paar Schrecksekunden. Alles ging so schnell, dass er keine Chance mehr hatte, nach nebenan ungesehen im Archivraum zu verschwinden. Die beiden Geldboten tauchten auf und blieben wie erstarrt stehen, als sie durch die Sicherheitsscheibe neben den beiden Bankangestellten den Uniformierten mit der Maschinenpistole erblickten. Lackner wollte die spannungsgeladene Situation entschärfen, kam heraus, ließ die völlig verdatterten Boten eintreten und nahm die Geldtasche entgegen. Obwohl so gut wie nichts gesprochen wurde, war den Ankömmlingen sofort klar, was geschehen war. Einer von ihnen, ein jüngerer Mann, deutete mit einer Geste unmissverständlich an, dass er nicht gewillt war, den Gangster kampflos mit dem Geld entkommen zu lassen. Dieser mutige Widerstand war jedoch schnell gebrochen, als der Uniformierte zu seiner umgehängten Uzi griff und den Lauf blitzartig auf ihn richtete. Erst jetzt schien der Geldbote den Ernst der Lage zu begreifen, verharrte in der Bewegung und trat mit seinem Kollegen vorsichtig ein paar Schritte zurück.

Lackner und Rilke hatten in aller Eile damit begonnen, die herbeigeschafften Millionen in die vorbereitete Geldtasche umzusortieren. Sie wollten das Drama so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Beklemmende Stille hatte sich breitgemacht, als plötzlich von außerhalb des Tresorraums erneut beunruhigende Geräusche zu vernehmen waren: Aufzug, Schritte.

»Wer kommt da? Wer ist das?«, entfuhr es dem Gangster erschrocken, während die Geldboten noch ein paar Schritte zurückwichen, als wollten sie sich aus der Schusslinie bringen. Unterdessen verfolgten Seifritz und der andere Verbrecher angespannt durch einen schmalen Türspalt des Archivs, was sich anbahnte.

Rilke sah zu Lackner und fühlte sich zu einer Erklärung gezwungen: »Wahrscheinlich kommt ein Kassierer, der Geld braucht.« Seine Stimme klang erstaunlich fest.

»Noch einer?«, fragte der Räuber schnell und war mit zwei, drei Schritten an der Archivtür, um dort verschwinden zu können.

»Normaler Vorgang«, erklärte Rilke, während der Gangster die Tür zum Archiv aufdrückte, wo ihm sein Komplize und Seifritz respektvoll Platz machten.

Ein paar Sekunden später tauchte draußen ein junger Bankangestellter auf, korrekter Anzug, Krawatte. Für einen kurzen Moment war er verwundert, neben Rilke auch Lackner und die Geldboten vorzufinden. Doch die beiden Verantwortlichen für die Hauptkasse täuschten Routinearbeit vor, blickten nur kurz auf, und Rilke fragte mit gespielter Gelassenheit: »Sie brauchen wie viel?« Lackner blätterte in einigen Unterlagen und war darauf bedacht, dass seine zitternden Hände die innere Unruhe nicht verrieten.

Den jungen Kollegen beschlich zwar beim Anblick der prall gefüllten Geldtasche und der verängstigt dreinschauenden Geldboten ein merkwürdiges Gefühl, doch er ließ es sich nicht anmerken und sagte emotionslos: »Ich sollte 30.000 haben.« Worauf ihm Lackner mit einem beherzten Griff in die vor ihm auf dem Tisch stehende Transporttasche schnell einige Geldbündel vorzählte und sich Rilke mit der schriftlichen Abwicklung befasste. Währenddessen wandte sich Lackner beiseite, um die nun in der Tasche fehlende Summe mit einigen Geldbündeln aus dem Tresor wieder aufzufüllen. Alles ging so fix, dass der junge Bankangestellte diesen etwas seltsam anmutenden Austausch nicht zur Kenntnis nahm.

Und für die im Archiv versteckten Männer war der schmale Blinkwinkel durch die angelehnte Tür viel zu klein, um das gesamte Geschehen überblicken zu können. Nachdem Rilke mit dem Kollegen aus den oberen Geschäftsräumen die schriftlichen Formalitäten abgewickelt hatte, verschwand der junge Mann mit einem kurzen Abschiedsgruß aus dem Tresorraum, ohne die eingeschüchterten Geldboten noch einmal zur Kenntnis zu nehmen.

Kaum war das Geräusch des abfahrenden Lifts zu vernehmen, wagten sich die Gangster mit Seifritz aus dem Versteck. »Na also«, resümierte der Uniformierte und sah den völlig erschöpften Bankdirektor an. »Wenigstens knappe drei Millionen. Seien Sie froh, dass wir uns damit zufriedengeben.«

»Und wann kommt meine Tochter frei?«, fragte der Bankchef angespannt, denn nur dies war ihm jetzt wichtig.

Die Antwort gab der zivil Gekleidete: »Sobald wir weg sind.« Er schnappte sich die Geldtransporttasche, während sein Komplize, an den Bankdirektor gewandt, entschied: »Herr Seifritz, Sie haben genügend mitgemacht, jetzt wird uns Herr Lackner begleiten.«

Alle Augen, auch die der erstarrten Geldboten, waren auf Lackner gerichtet, der sich plötzlich wie vom Donner gerührt fühlte. »Begleiten«, hörte er es im Kopf nachhallen. Wie bitte?, wollte er sagen, brachte aber keinen Ton aus der trockenen Kehle. Er und Seifritz sahen sich entgeistert an, als suche jeder beim anderen Halt. Doch der MP-Träger blieb dabei: »Sie kommen mit«, sagte er und gab mit einer Kopfbewegung in Richtung Lackner zu verstehen, dass dieser gar keine andere Wahl hatte. Und es klang beinahe wie eine Bitte, als er dem in Gedanken versunkenen Seifritz sagte: »Die Autoschlüssel.«

»Und meine Tochter? Was ist jetzt mit meiner Tochter?«, stammelte der Bankchef, während er in den Hosentaschen aufgeregt nach dem Wagenschlüssel fingerte und ihn dem Uniformierten aushändigte.

Der andere wurde deutlich: »Ihre Tochter wird bald wieder hier sein. Aber nur, wenn Sie nicht vor 10 Uhr die Polizei rufen.« Er sah auch zu den Geldboten hinüber. »Haben wir uns verstanden? Nicht vor 10 Uhr. Denken Sie daran.« Er hielt die Geldtasche mit den knapp 2,7 Millionen D-Mark umklammert und entfernte sich langsam. Lackner zögerte, wurde jedoch mit einer höflichen Handbewegung von dem Uniformierten aufgefordert vorauszugehen.

Seifritz und Rilke beobachteten atemlos die Szenerie und nickten dem völlig verstörten Angestellten zu – eine Geste der Verzweiflung, als wollten sie ihn ermuntern, sich widerstandslos in sein Schicksal zu fügen. Für einen Moment schien eine schwere Last von ihnen zu fallen. Aber nur kurz. Denn augenblicklich übermannte Seifritz wieder die Angst um die Tochter und die Sorge, es könnte noch etwas Unberechenbares geschehen. Die Gefahr dafür war groß, und vor allem: Was hatten sie mit Lackner vor?

Langsam verhallten die Schritte, die Tür des Lastenaufzugs schwenkte auf, Sekunden später schloss sie sich wieder. Eine beklemmende Stille erfüllte den Raum. »Und jetzt?«, wagte Rilke, der regungslos dastand, seinen apathisch wirkenden Chef zu fragen.

Schweigen. Rilke ließ noch ein paar Augenblicke verstreichen, sah in das fahle Gesicht von Seifritz, dessen Lippen bebten, bis sie endlich ein Wort formten: »Abwarten.«

7

Lackner stand mit weichen Knien im Aufzug und spürte den Atem des Uniformierten, der die Uzi wieder in der Aktentasche verbarg. Der andere Gangster hielt krampfhaft die Geldtasche umklammert und starrte auf den Boden, offenbar darauf konzentriert, die entscheidenden Schritte zur Flucht endlich tun zu können. Als der aufwärts fahrende Aufzug schon nach wenigen Sekunden im zweiten Untergeschoss stoppte, wo Seifritz’ Auto parkte, bemerkte Lackner als Erster, dass etwas nicht stimmte: Die Tür schwenkte nicht auf. Ein technischer Defekt? Eine Falle, durchzuckte es ihn. Hatte jemand die Polizei alarmiert?

»Was soll das?«, wurde der Uniformierte zum ersten Mal richtig ungeduldig und nervös. Lackner drückte erneut die Taste zum zweiten Untergeschoss. Eigentlich hätte der Aufzug vom dritten ins zweite Untergeschoss hochfahren sollen. Jetzt aber schien er irgendwie kurz davor steckengeblieben zu sein.

»Was ist hier los?«, entfuhr es dem Mann mit der Geldtasche und er warf einen zornig-wütenden Blick auf Lackner, dem es schwerfiel, kühlen Kopf zu bewahren. War er jetzt mit den Gangstern gefangen? Würde gleich eine Hundertschaft der Polizei heranstürmen, ihn befreien – mit einer wilden Schießerei? Der Uniformierte klemmte sich die Aktentasche zwischen die Schenkel und versuchte, die Tür mit bloßen Fingern gewaltsam zu öffnen, doch ohne Werkzeug hatte er keine Chance.

Lackner befürchtete, der Gangster könnte jetzt die Nerven verlieren und sich mit der Maschinenpistole den Weg freischießen. Fast gleichzeitig mit diesem schrecklichen Gedanken wurde er sich der Ursache für den vermeintlichen Defekt bewusst: Vor dem Aufzug parkte noch der gepanzerte Geldtransportwagen. Solange dieser hier in der Sicherheitsschleuse stand, öffnete sich die Tür des Lifts nicht. »Das geht nicht«, beeilte er sich zu sagen. »Der Geldtransporter steht noch vor der Tür. Wir müssen ins erste Obergeschoss fahren und dann die Treppe runter.« Noch bevor einer der Geiselnehmer etwas antworten konnte, drückte Lackner die entsprechende Taste, worauf sich der Lift wieder in Bewegung setzte.

»Wenn das ein Trick ist …«, drohte der Uniformierte, wurde aber von dem aufgeregten Lackner schnell unterbrochen: »Ist es nicht. Wir kommen nur raus, wenn wir übers Treppenhaus gehen.«

Der falsche Polizist presste die Aktentasche mit der Waffe wieder an sich und wechselte einen Blick mit seinem Komplizen.

Im ersten Obergeschoss schwenkte die Tür auf. Lackner hoffte, dass sich niemand auf dem Flur befand. Denn in Begleitung dieser Typen, die alles andere als vertrauenerweckend aussahen, könnte es sehr schnell zu unberechenbaren Reaktionen kommen.

Aber da war niemand. Lackner, jetzt dazu entschlossen, die Gangster so schnell wie möglich loszuwerden, eilte voraus zu der nahen Tür ins Treppenhaus, das wie ein halbrunder Turm in die Fassade des mächtigen Gebäudes integriert war. Er stellte erleichtert fest, dass sich auch dort niemand aufhielt. Er hastete nach unten, gefolgt von den beiden Kidnappern, deren Schritte auf den Steinstufen von hinten an sein Ohr hallten. Noch immer waren keine anderen Personen aufgetaucht. Die Aufschrift »Tiefgarage U2« an der Betonwand verhieß für einen Augenblick Entspannung. Er öffnete nacheinander zwei schwere Metalltüren, dann standen sie in der mit Leuchtstoffröhren erhellten Tiefgarage, aus der die Gangster vor über eineinhalb Stunden gekommen waren. Für einen Moment hielten sie inne, um an der Reihe der geparkten Autos entlangzuschauen, doch auch hier schien niemand zu sein. Der Uniformierte stürmte voraus zu Seifritz’ Mercedes, entriegelte die Türen und setzte sich hinters Steuer, während Lackner neben ihm Platz nehmen musste und der Gangster sich mit der Geldtasche dahinter in den Fond zwängte.

»Wo wollen Sie denn hin?«, fragte Lackner vorsichtig.

»Nur ein paar Minuten noch«, bekam er von dem falschen Polizisten zur Antwort, der den Motor startete und den Rückwärtsgang einlegte, um den Mercedes aus der Parkbucht heraus zu rangieren. Kaum hatte sich der Wagen für ein paar Meter in Bewegung gesetzt, trat der Geiselnehmer beim Blick nach hinten heftig auf die Bremse. Rote Lichter. Die drei Männer in Alarmstimmung. »Hinter uns fährt auch einer rückwärts raus«, stellte der hinten sitzende Räuber verärgert fest.

Lackner spürte zum wiederholten Male an diesem Tag den Schock in allen Gliedern. Also doch Polizei. Wollte jetzt ein Spezialkommando die Ausfahrt blockieren? Ohne Rücksicht darauf, dass er noch in der Gewalt der Gangster war? Augenblicke eisigen Schweigens. Die Rücklichter des anderen Autos verrieten, dass es sich nicht bewegte.

»Wer ist das?«, fauchte der Uniformierte so unfreundlich wie bisher noch nie.

»Ein Wagen des Vorstands«, presste Lackner hervor. »Lassen Sie ihn raus.«

Die Köpfe aller drei Männer waren nach hinten gerichtet. Offenbar wartete der Fahrer des anderen Autos, bis er sicher sein konnte, dass es zu keiner Karambolage kommen würde. Zwei, drei Sekunden später rangierte er rückwärts heraus und verließ dann vorwärts mit einem kurzen Seitenblick auf Seifritz’ Auto die Tiefgarage über die sanft ansteigende Rampe zur Ausfahrt in Richtung Bahnhofsvorplatz.

Lackner atmete auf, die beiden Gangster schwiegen. Der Uniformierte setzte das abrupt gestoppte Ausparken fort, griff zu der Parkkarte, die Seifritz am frühen Morgen in die Mittelkonsole gelegt hatte, und ließ den Mercedes zur Schranke rollen. Als sie sich öffnete und der Wagen ans Tageslicht gelangte, schloss Lackner erschöpft die Augen. Sie hatten es geschafft. Offenbar war die Polizei noch nicht eingeschaltet worden. Es sei denn, es wurde bereits unauffällig observiert. Womöglich vom Bahnhof aus. Wenn dies so war, dann konnte es bei einem etwaigen Zugriff noch gefährlich werden.

8

Marion fror. Obwohl sie in eine Decke gehüllt war und sich auf der hölzernen Bank in eine Ecke kauern konnte, spürte sie die Kälte des Märzvormittags am ganzen Körper. Ihre Hände waren gefesselt, die Beine an den Knöcheln mit Klebeband fixiert. Die durchwachte Nacht, der Schock und das pure Entsetzen ließen sie keinen klaren Gedanken mehr fassen. Dazu die Angst um ihren Vater, um dessen Gesundheitszustand sie sich Sorgen machte. Außerdem schmerzten inzwischen ihre Handgelenke, die noch immer in den metallischen Schließen steckten. Der Mann, der sie seit Stunden bewachte, saß ihr schräg gegenüber auf einem Stuhl, schwieg beharrlich und sah nur hin und wieder auf seine Armbanduhr.

Obwohl es draußen längst hell war und durch die morschen Holzwände der Hütte das Frühkonzert der Vögel drang, herrschte in dem muffigen Raum nur gedämpftes Licht. Vor das kleine und einzige Fenster waren vergilbte und zerfetzte Vorhänge gezogen, an den Wänden lehnten Gartengeräte, die gewiss seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden waren. Marion hatte es inzwischen aufgegeben, ihren maskierten Bewacher nach dem weiteren Fortgang des Verbrechens zu fragen. Er schwieg beharrlich.

Irgendwann hatte sie es erschöpft aufgegeben, weitere Fragen zu stellen. Unter dem Handtuch, mit dem er ihren Kopf abgedeckt hatte, konnte sie ihn nur durch einen winzigen Spalt hindurch sehen. Er schien an ihrem Schicksal gänzlich uninteressiert zu sein und nur seinen Auftrag erledigen zu wollen, der da hieß, sie zu bewachen.

Nicht einmal auf die Frage nach der Uhrzeit wollte er eingehen. Doch Marion schien es inzwischen, als seien mehrere Stunden vergangen. Sie lauschte angestrengt in die Stille, um herausfinden zu können, wo sie sich befand. In der Ferne waren Autogeräusche zu hören und seit dem Morgengrauen häufig auch Flugzeuge. Dies konnte darauf hindeuten, dass sie tatsächlich irgendwo ins Remstal verschleppt worden war, wo an- und abfliegende Flugzeuge des nahen Stuttgarter Flughafens erfahrungsgemäß sehr tief flogen.

Nachdem der Gangster immer häufiger auf seine Armbanduhr geschaut hatte, nervös und zunehmend unruhiger, erhob er sich schließlich und sagte: »Okay.« Als habe ihm jemand ein Zeichen gegeben. Doch da war niemand gewesen. Er verließ die Hütte und verriegelte sie von außen.

Marion verharrte noch für ein paar Sekunden, versuchte, von draußen ein Geräusch wahrzunehmen, aber alles blieb still. Kein Auto. Nichts. Vielleicht, so überlegte sie, hatte sich der Räuber mit einem Fahrrad davongemacht.

Jetzt wollte sie schnell handeln. Mit den gefesselten Händen schob sie die Decke beiseite, sodass auch das Handtuch auf den Boden fiel, und begann umständlich, das Klebeband zu lösen, das seit Stunden ihre Knöchel zusammenpresste. Es dauerte einige Minuten, bis sie sich tatsächlich davon befreien konnte. Doch ihre Beine schmerzten, sodass sie sich nur mühsam erheben konnte, um zur Tür zu gehen. Die sich aber trotz heftigen Rüttelns nicht öffnen ließ.

Das Fenster. Natürlich. Es musste ein Leichtes sein, dort hinauszusteigen. Sie schob die Vorhänge beiseite und erkannte zufrieden, dass nicht nur eine fest eingebaute Glasscheibe zum Vorschein kam, sondern ein Fensterflügel, den man öffnen konnte.

Weil ihre Hände nicht auf den Rücken, sondern an der Körpervorderseite gefesselt waren, konnte sie mit ein paar Verrenkungen immerhin erfolgreich den Griff erreichen. Der morsche Fensterrahmen ließ sich nach innen schwenken, und die Öffnung ins Freie war groß genug, um die Hütte verlassen zu können – trotz der Handschellen, denn Marion war schlank und sportlich, vor allem aber jetzt motiviert genug, um ihrem Gefängnis auf diese Weise zu entkommen.

9

Der Uniformierte war vorsichtig aus der Tiefgarage herausgefahren, um, wie es die Fahrtrichtung vorschrieb, nach links abzubiegen, vorbei am Hauptpostamt. An der Fußgängerampel wartete ein halbes Dutzend Passanten, ohne zu ahnen, wer da gerade vorbeifuhr.

»Wo wollen Sie denn hin?«, wollte Lackner zum wiederholten Male zaghaft wissen und sah sich nach allen Seiten um.

»Nicht weit. Sie dürfen gleich raus«, brummte der Mann hinterm Steuer und fuhr langsam die Gartenstraße entlang, folgte dann aber nicht der abknickenden Vorfahrt nach links zur Schützenstraße, sondern behielt die Geradeausrichtung bei – in einen eher abgelegenen Bereich. Lackner beschlich wieder ein bitteres Unbehagen. Denn hier, abseits des belebten Zentrums, würde es keine Zeugen geben, falls die Verbrecher ihm etwas antun wollten. Ein Wechselbad der Gefühle überflutete ihn: Einerseits wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass dieser Albtraum nun ein Ende nahm, andererseits jedoch könnte sich beim Auftauchen eines Streifenwagens die Situation sofort verschärfen und außer Kontrolle geraten.

Tief von diesen Gedanken ergriffen, holte ihn die Stimme neben ihm in die Realität zurück: »Sie können jetzt aussteigen«, sagte der Uniformierte völlig unerwartet und stoppte den Wagen kurz vor der Einmündung Betzstraße. Lackner war sich der Tragweite des Gesagten in diesem Moment nicht bewusst. Aussteigen. Hatte der Gangster »aussteigen« gesagt? Er sah in die Sonnenbrille des Fahrers, zweifelte den Bruchteil einer Sekunde, ob das ernst gemeint war, griff dann aber schnell zum Türgriff und verließ wortlos den Mercedes.

Kaum war die Wagentür wieder ins Schloss gefallen, brauste der Wagen, links in die Betzstraße abbiegend, davon. Lackner fühlte sich wie benommen. Träumte er? Was war jetzt auf einmal geschehen? Er sah apathisch dem Auto nach, das zwei Querstraßen weiter dann rechts aus seinem Blickwinkel verschwand.

War jetzt alles ausgestanden? Lackner schloss die Augen, fühlte, wie eine tonnenschwere Last von ihm fiel, wusste aber nicht, ob er sich darüber schon freuen sollte. Dass er Opfer eines der größten Bankraube der deutschen Nachkriegsgeschichte gewesen war, hatte er noch lange nicht verinnerlicht. Er musste nur an seinen Chef und dessen Tochter denken. Erst wenn beide frei sein würden, war der Fall abgeschlossen. Oder doch nicht? Natürlich nicht. Jetzt würden die Kriminalisten unzählige Fragen stellen. Und ganz bestimmt auch der Landrat.

10

Seifritz hatte sich auch nach der Rückkehr Lackners strikt an die Anweisung der Kidnapper gehalten, nicht vor 10 Uhr Alarm zu schlagen. Sein Stellvertreter, den er gegen 9.30 Uhr in das Verbrechen einweihte, forderte die sofortige Einschaltung der Polizei. Seifritz wehrte aus Sorge um die Tochter zunächst ab und bekam spontane Schützenhilfe von Sekretärin Karin Rüger, die den stellvertretenden Sparkassendirektor beherzt am Arm packte und davon zurückhielt, die Polizei zu rufen.

Doch letztlich rangen sich die beiden Männer dazu durch, den örtlichen Leiter der Polizeidirektion, Josef Walser, zu einem Gespräch herzubitten. Möglichst ohne großes Aufsehen.

In dem verschachtelten Gebäudekomplex der Göppinger Polizeidirektion war gerade die montägliche Frühbesprechung zu Ende gegangen, als die Vorzimmerdame von Direktor Josef Walser ein Gespräch von der Kreissparkasse zu ihm weiterleitete. Er vernahm eine Frauenstimme, die ihn ohne lange zu zögern im Befehlston anwies: »Sie sollen um 10 Uhr kommen. Herr Seifritz und der Landrat warten auf Sie.« Die Anruferin wartete keine Nachfrage ab, sondern wiederholte mehrmals: »Um 10 Uhr. Aber keine Minute früher.«

Walsers Versuch, einen Grund für diese seltsame Aufforderung zu erfahren, blieb erfolglos. Die Anruferin beendete das Gespräch. Walser, ein groß gewachsener hagerer Mann, der seit 1973 die Polizei in Göppingen leitete, spürte, dass etwas nicht stimmte, wie er Augenblicke später seinen Kollegen Karl Geiger, den Leiter der Kriminalpolizei, wissen ließ. Für einen kurzen Moment war Walser zwar über den Befehlston aus der Kreissparkasse leicht verstimmt gewesen, wonach er keine Minute früher als 10 Uhr kommen dürfe. Dann aber überwog die Sorge, dort könne etwas im Gange sein, das sofortiges Handeln erforderte. Er sah auf die Uhr: kurz nach 9.30 Uhr.

Es erschien ihm angeraten, den Kripochef zu dem Termin mitzunehmen. Noch auf der knarrenden Holztreppe in den Hof hinunter begegneten sie dem Leiter der Schutzpolizei und dem jungen Oberkommissar Jürgen Holder, der erst vor vier Monaten zum Leiter der neu gegründeten Stelle des Sachbearbeiters für Öffentlichkeitsarbeit – kurz Ö genannt – bestimmt worden war. Walser stoppte die beiden, die zu einem Arbeitsessen mit dem Bürgermeister der Landgemeinde Gruibingen gehen wollten. Bei Schwäbischen Kutteln sollte die polizeiliche Vorgehensweise fürs Dorffest besprochen werden. Daraus wurde jetzt nichts. Walser erklärte kurz, dass sie sich möglicherweise auf einen größeren Einsatz vorbereiten müssten.

11

Dass sich im Nebengebäude zu diesem Zeitpunkt der Gerichts- und Polizeireporter der einzigen Tageszeitung vor Ort, der Neuen Württembergischen Zeitung, kurz NWZ, aufhielt, konnten Walser und Geiger nicht ahnen. Georg Sander, eines der jüngsten Mitglieder der Lokalredaktion, pflegte ein gutes Verhältnis zur Polizei und hatte an diesem trüben Märzmontag die Fahrt zum Verlagshaus für einen kurzen Besuch im Göppinger Polizeirevier unterbrochen. Jetzt, in den frühen 80er-Jahren, als es noch keine privaten Radio- und Fernsehstationen gab und in dieser Stadt mit ihren knapp 55.000 Einwohnern auch kein anderes täglich erscheinendes gedrucktes Medium, war Sander der Einzige, der hier über kriminelle Ereignisse berichtete.

Entsprechend bescheiden war auch der Andrang bei behördlichen Pressekonferenzen. Meist saß ein Journalist der Tageszeitung ganz allein einer ganzen Gruppe von Vertretern der Polizei gegenüber. Wenn die jährlichen Unfall- und Kriminalstatistiken vorgestellt wurden – endlose Zahlen und Prozente, beinahe heruntergebrochen bis ins letzte Kaff – versuchte Sander verzweifelt und meist vergeblich, dem trockenen Material etwas Spannendes abzugewinnen.

Es kam auch höchst selten vor, dass sich auswärtige Journalisten für etwas interessierten, was hier, zwischen Stuttgart und Ulm, geschah. Das mussten dann schon ganz große Dinge sein – sei es ein kommunalpolitischer Skandal oder ein Mord. Aber derlei Spektakuläres kam doch eher selten vor. Zum Leidwesen von Sander, dem Lokaljournalisten, der zwar kein Sensationsreporter im herkömmlichen Sinne war und auch nicht wirklich nur auf Stories hoffte, die Aufsehen erregten, es aber zunehmend als dröge empfand, stundenlange Gemeinderats- und Kreistagssitzungen über sich ergehen lassen zu müssen. Andererseits freilich, so hatte er schon oft erfahren müssen, waren die Abonnenten der Zeitung eher darauf bedacht, dass man das heimatliche Nest nicht beschmutzte. Wenn er allzu detailliert über Verhandlungen des örtlichen Schöffengerichts berichtete, war er nicht selten von aufgebrachten Lesern heftig kritisiert worden. Ganz zu schweigen, wenn es um große Fälle vor dem Landgericht Ulm ging, wo die schwerwiegenden Verbrechen verhandelt wurden. Nur zu gut war ihm aus den Anfangszeiten seiner Göppinger Tätigkeit ein Mordprozess gegen einen Mann in Erinnerung, der in einem alten Bauernhaus am Rande der Schwäbischen Alb eine ältere Frau vergewaltigt und umgebracht hatte. Allein das Wort Sperma, das Sander erwähnt hatte, weil es dabei um eine wichtige, belastende Spur des Täters gegangen war, hatte einige Leser geradezu entsetzt, was sie in empörten Anrufen beim Redaktionsleiter zum Ausdruck gebracht hatten.

Für Sander war seither klar: Die Leserschaft las zwar mit großer Begeisterung von Mord und Totschlag irgendwo auf der Welt, ja sog dann, wie er zu sagen pflegte, jeden Blutstropfen aus der Illustrierten oder dem Boulevardblatt heraus, aber wenn so etwas in der näheren Umgebung geschah, dann sollte das Heimatblatt geflissentlich Zurückhaltung üben. Dann hörte Sander häufig den Vorwurf, er sei schlimmer als die Bild-Zeitung. Er fragte sich in solchen Fällen, woher die Kritiker, die dieses Boulevardblatt mit Abscheu erwähnten, wohl ihr Wissen darüber bezogen, was schlimmer als die Bild-Zeitung sei.

Ohne mediale Konkurrenz war in diesen Zeiten der Kontakt zur örtlichen Polizei noch unbürokratisch. Sander kannte viele Beamte und ging im Revier ein und aus, zumal zwar die zurückliegenden Jahre des RAF-Terrorismus bereits erste Sicherheitsmaßnahmen erkennen ließen, der Zugang ins Polizeigebäude jedoch meist problemlos möglich war. Sander wusste dies zu schätzen, steckte seine Nase auch nie in Dinge, die ihn nichts angingen, sondern beschränkte seine Besuche auf ein Mindestmaß und kam auch nie unangemeldet.

Inzwischen pflegte er mit einigen Beamten ein freundschaftliches Verhältnis, das auch in private Aktivitäten mündete. So gab es eine Wandergruppe, die sich auf historische Pfade beschränkte und die Schauplätze des Ersten Weltkrieges in den Vogesen aufsuchte, geführt von einem Polizeibeamten, der sich auch fundiert mit dem deutsch-französischen Krieg in den 70er-Jahren des vorletzten Jahrhunderts auseinandersetzte. Sander war einige Male bei solchen Exkursionen dabei gewesen und hatte in der zerschundenen Landschaft die Überreste dieser schrecklichen Zeit gesehen: Bunker, Stacheldraht, Munition, die endlose Reihe von Soldatengräbern.

An diesem Märzvormittag hatte er über eine neue Exkursion, die für den Herbst geplant war, sprechen wollen. In einem Büro, schräg gegenüber der Wache, saß er zwei altgedienten Beamten gegenüber, die er ihres bodenständigen und unkomplizierten Umgangs wegen sehr schätzte. Doch irgendetwas, so schien es ihm, war heute anders – als sei den beiden sein Besuch unangenehm. Der Ältere, ein großer, bärenstarker Typ, verließ einige Male den Raum und schloss nachdrücklich die Tür hinter sich, kam aber sofort wieder zurück, ebenfalls darauf bedacht, die Tür, die üblicherweise einen Spaltweit offen stand, sorgfältig wieder zu schließen. So recht wollte heute kein flüssiges Gespräch aufkommen. Der etwas Jüngere, hager und energiegeladen, war zwar bisher der engagierte Organisator der Vogesen-Exkursionen gewesen, doch an diesem Vormittag ließ er gleich gar kein Gespräch über die geplante Reise aufkommen. »Das können wir später in Ruhe besprechen. Wir haben noch Zeit. Jetzt ist März, und wir planen für September«, sagte er und wiederholte dies sinngemäß mehrere Male.

Sander gab sich damit zufrieden und dachte, dass die beiden heute wohl dienstlich unter Druck stünden. Er verabschiedete sich deshalb schnell und trat in den dunklen und engen Vorraum der Wache hinaus. Dass dort mehr Uniformierte standen als üblich und dass deren Gespräche kurz verstummten, als er an ihnen vorbei zur Ausgangstür ging, kam ihm erst Stunden später seltsam vor.

Dass er soeben hautnah an der größten Geschichte seines Journalistenlebens dran gewesen war, hatte er nicht ahnen können.

12

Es war kurz nach 10 Uhr, als Walser und Geiger in der Chefetage der Kreissparkasse eintrafen und sofort von Sekretärin Rüger in das Büro des Direktors geführt wurden. Die beiden Polizeibeamten, der eine uniformiert, der andere in Zivil, blickten auf vier erschöpft wirkende Männer. Seifritz saß kreidebleich hinter dem Schreibtisch, sein Vize und Landrat Doktor Paul Goes waren von ihren Plätzen auf der Polstergruppe aufgestanden. Auch Lackner, der hinzugerufen worden war, hatte sich erhoben, die zitternden Knie spürend.

Die Atmosphäre frostig, die Begrüßung kurz und knapp. Der Landrat, ein quirliger schlanker Mann, in Ehren ergraut, bot den Beamten mit einer Handbewegung freie Plätze auf Ledersesseln an, und als sich alle gesetzt hatten, sah er sich veranlasst, die Gesprächsführung zu übernehmen. Walser und Geiger lauschten gespannt den Schilderungen und erfuhren, dass die Geiselnehmer inzwischen spurlos verschwunden waren, es aber von Seifritz’ Tochter noch kein Lebenszeichen gab.

Dann versuchte Seifritz selbst, die schrecklichen Ereignisse der vergangenen Stunden chronologisch darzulegen, immer wieder unterbrochen durch den Hinweis, doch nur aus Sorge um seine Tochter gehandelt zu haben.

Die beiden Polizisten hielten sich mit Nachfragen zurück, um dem völlig erschöpften Bankdirektor ausreichend Gelegenheit zu geben, sich alles von der Seele reden zu können, was ihn bedrückte. Schließlich aber versuchten sie einfühlsam, Details zu den Tätern zu erfahren: Aussehen, Sprache, Kleidung. »Die haben sich unkenntlich gemacht«, stellte Seifritz fest. Lackner ergänzte: »Falsche Bärte, vermutlich Perücken. Und dann die Sonnenbrillen.«

Walser resümierte, dass es offenbar so gut wie keine konkreten Ansatzpunkte für eine Fahndung gab. Solange auch der zur Flucht benutzte Mercedes des Sparkassendirektors nicht gefunden wurde, würde man sich mit den Ermittlungen äußerst schwer tun. Außerdem war ohnehin noch Zurückhaltung geboten. Zwar hatte sich Seifritz minutiös an die Bedingung gehalten, nicht vor 10 Uhr die Polizei zu verständen, aber Marion hatte sich bislang nicht gemeldet.

13

Marion stand einige Sekunden lang tief durchatmend vor der Hütte am Waldrand. Für einen Moment verspürte sie unendliche Erleichterung, doch dann befiel sie wieder die dumpfe Sorge um ihren Vater.

Das Tageslicht blendete sie, und die bewaldeten Hänge verschafften ihr Gewissheit darüber, wo sie sich befand: irgendwo im Remstal, das sich vom Großraum Stuttgart in Richtung Aalen zog.

Sie erinnerte sich, heute Früh in der Dunkelheit das Streulicht eines Ortes wahrgenommen zu haben. Vielleicht Schorndorf.

Weil ihre Beine vom langen regungslosen Sitzen schmerzten, wirkten ihre Schritte unbeholfen. Als würde sie vom Unterbewusstsein vor etwas gewarnt, blieb sie sofort wieder stehen, um sich prüfend umzusehen. Doch da war niemand. Auch der Mann nicht, der erst vor wenigen Minuten verschwunden war. Aber die dichten Obstbaumreihen versperrten die Sicht.

Am unteren Ende wurde die steil abfallende Wiese von einem Feldweg begrenzt, der sich durch diese Streuobstwiesenlandschaft weiter abwärts schlängelte.

Marion wollte so schnell wie möglich weg, beschleunigte deshalb ihre Schritte, auch wenn die Füße wehtaten, aber jetzt beflügelt von dem Gedanken, ihrem Vater berichten zu können, dass alles ein gutes Ende genommen habe. Hoffentlich für ihn auch, flehte sie. Sie begann zu rennen, obwohl sie die nach vorne gefesselten Hände in der Bewegungsfreiheit behinderten.

Als drei Personen auftauchten, die ihr entgegenkamen, stoppte sie abrupt ihren Lauf, weil ihr ein Gedanke durch den Kopf schoss: Komplizen der Gangster?

Augenblicke später fiel ihr ein tonnenschwer Stein vom Herzen: Dem Äußeren nach zu urteilen, waren es wohl harmlose Spaziergänger. Aus Scham, sich als Opfer eines Verbrechens zu erkennen geben zu müssen, ließ sie ihre gefesselten Hände unter der Jacke verschwinden und erkundigte sich nach einer Telefonzelle, ohne in diesem Augenblick dran zu denken, dass sie gar kein Geld bei sich hatte. Doch die Schilderungen der Angesprochenen waren ohnehin wirr und ließen noch eine weite Wegstrecke befürchten, weshalb sie sich bedankte und einfach weiterging. Sie ignorierte die kritischen Blicke und nahm ihren Spurt wieder auf. Als zwischen den Obstbäumen die ersten Häuser in Sicht kamen, war sie fest entschlossen, dort irgendwo zu klingeln, um möglichst schnell telefonieren zu können. Doch in dem Neubaugebiet schien vormittags niemand daheim zu sein. Sie ging von Haus zu Haus, las das Straßenschild »Konnenbergstraße« und war sich noch immer nicht im Klaren, in welcher Gemeinde sie sich befand.

An zwei Häusern hatte niemand geöffnet, auch die Sprechanlagen waren stumm geblieben. Erst beim dritten Gebäude hörte sie gleich nach dem Klingeln Schritte hinter der Tür. Sie verbarg ihre gefesselten Hände, weil sie niemanden erschrecken wollte. Als geöffnet wurde, versuchte sie, einer verdutzten Frau so ruhig wie möglich zu erklären, dass sie entführt worden sei und dringend telefonieren müsse.

Die Angesprochene war von diesen Worten und dem verstörten Verhalten der jungen Frau völlig entgeistert, zögerte für einen Moment und wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Sie deutete irritiert auf das Telefon, das in der Diele auf einer Kommode stand. Marion ging dankend dorthin, blieb aber beim Telefon mit dem Rücken zu der Frau stehen, damit diese nicht sehen konnte, wie sie sich mit gefesselten Händen zitternd abmühte, die Wählscheibe für die Durchwahlnummer zum Büro ihres Vaters zu drehen.

Die Hausbewohnerin war langsam in einen der Räume zurückgegangen, wo zwei Freundinnen, mit denen sie Kaffee getrunken hatte, bereits über die merkwürdige Besucherin rätselten.

Während sich die Telefonverbindung nach Göppingen aufbaute, wurde sich Marion bewusst, dass sie ihrem Vater ihren Aufenthaltsort gar nicht würde nennen können. Sie rief deshalb in Richtung des Zimmers: »Entschuldigung, wo bin ich überhaupt?«

»In Schorndorf, Konnenbergstraße«, kam es zurück.

Es vergingen endlose bange Sekunden, bis sich ihr Vater meldete und sie ihm dies mitteilen konnte.

14

Die kurze Ratlosigkeit, die sich unter den Männern in Seifritz’ Büro breitgemacht hatte, wurde von Chefsekretärin Rüger unterbrochen, die den Direktor ins Vorzimmer rief. Ein wichtiger Anruf, hatte sie gesagt.

Walser und Geiger verfolgten wortlos, wie Seifritz nach draußen ging. Auch Landrat Doktor Goes und der Direktionsvize schwiegen. Lackner hatte sich ohnehin die meiste Zeit zurückgehalten. Bange Minuten verstrichen, bis Seifritz tief durchatmend wieder erschien: »Meine Tochter ist frei.«

Er fühlte sich von der bleiernen Last befreit und endlich an keine Abmachungen mehr gebunden. Ausgelaugt sank er in seinen Bürosessel.

Noch immer fiel es ihm schwer, für das Schreckliche der vergangenen Stunden eine logische Erklärung zu finden. Vielleicht war es sein früherer Beruf als Staatsanwalt, der ihn zur Selbstdisziplin mahnte, was in solchen Momenten bedeutete: kein emotionales Vorgehen. Alles schien gut zu sein: die Tochter in Schorndorf in Sicherheit, Lackner auch wieder hier.

Walser wechselte ein paar Worte mit Landrat und Kripochef und ging ins Vorzimmer, um die Landespolizeidirektion zu verständigen. Der Ort, an dem die junge Frau festgehalten worden war, konnte auch die mögliche Fluchtrichtung der Gangster vermuten lassen: ins Remstal. Routinemäßig löste Walser Alarm Dynamit aus, wie im Polizeijargon eine Großfahndung bezeichnet wurde.

Zwei Stunden, nachdem sich Marion gemeldet hatte, konnte Seifritz sie noch immer nicht in die Arme schließen. Denn trotz des erleichternden Telefonats hatten die Ermittler auf Nummer sicher gehen und zunächst abklären wollen, ob Marion tatsächlich nicht mehr in der Gewalt der Kidnapper war. Viel zu unübersichtlich war die Situation. Die Darstellungen des Bankdirektors und die Schilderungen Lackners, die Walser an die Landespolizeidirektion und an seine Göppinger Kriminalbeamten weitergeleitet hatte, mussten sorgfältig geprüft werden.

Dann ein anonymer Anruf für Seifritz: Eine Männerstimme teilte mit, wo die gekidnappte Tochter zu finden sei. Offenbar wollten die Geiselnehmer sichergehen, dass ihr Opfer unversehrt freikam.

Als die ersten Einsatzkräfte aus Stuttgart im Chefbüro eintrafen, wunderte sich die Sekretärin angesichts der bereits verstrichenen Zeit über die Frage eines der Beamten: »Ist die Fahndung schon eingeleitet?« Tatsächlich war es ihr ohnehin so erschienen, als hätten die Ermittlungen nicht mit dem nötigen Nachdruck begonnen. Aber vielleicht, so überlegte sie, war sie einfach viel zu ungeduldig und von den Ereignissen der vergangenen Stunden nervlich zermürbt.

Immerhin mutete das ziemlich irreale und verworrene Geschehen wie das Drehbuch für einen Thriller an. Niemand hätte bis dahin ein solch raffiniertes und kaltblütig verübtes Verbrechen in der Provinz für möglich gehalten. Und doch sollten sich in diesen Zeiten große Kriminalfälle auf rätselhafte Weise sogar noch häufen.

Kein Wunder, dass es viele Gerüchte gab und hinter vorgehaltener Hand allerlei Verschwörungstheorien kursierten. An den Stammtischen wurden mysteriöse Verbindungen diskutiert und sogar konstruiert. Woran gewiss die häppchenweise und geheimnisvolle Informationspolitik der Behörden nicht ganz unschuldig war. Der örtliche Lokaljournalist Georg Sander, damals gerade 31 Jahre alt, würde noch lange Zeit darüber berichten können.

15

Innerhalb der Polizeidirektion Göppingen verbreitete sich die Nachricht, die Walser von der Kreissparkasse mitgebracht hatte, binnen weniger Minuten. Die Landespolizeidirektion zog die Ermittlungen angesichts der Größe des Falles an sich und bildete eine Sonderkommission, die in Göppingen untergebracht wurde. Streifenwagen durchkämmten das Stadtgebiet und das Umland nach Seifritz’ Mercedes, mit dem die beiden Kidnapper verschwunden waren. Und schon bald ließ sich der Leiter der Sonderkommission, Hartmut Zeller, in Begleitung zweier Kollegen von dem erschöpften Bankdirektor vor Ort die Situation schildern. Seifritz saß, von den Ereignissen der letzten 18 Stunden gezeichnet, auf seinem Bürosessel, während die Beamten und Lackner auf der Besprechungscouch Platz genommen hatten und die Sekretärin Kaffee brachte. Dem Bankchef fiel es sichtlich schwer, mehrfach den chronologischen Ablauf zu wiederholen, während seine Gedanken um seine Tochter Marion kreisten, mit der er zwar am Telefon gesprochen hatte und die von der Polizei hätte abgeholt werden sollen. Aber die Ermittler hatten beschlossen, behutsam vorzugehen und zunächst einige starke Einsatzkräfte zu der besagten Adresse zu schicken, weil angesichts des kaltblütigen Vorgehens der Gangster nicht auszuschließen war, dass sich dort die Täter mit ihr verschanzt hatten. Immerhin hätte die junge Frau auch von den Kidnappern zu dem Telefonat mit ihrem Vater gezwungen worden sein können.

Die dortige Hausbewohnerin war von den Schilderungen Marions verstört und völlig verunsichert. Als endlich Polizisten an der Haustür erschienen, ließ sie sich vorsorglich deren Dienstausweise zeigen. Sie wollte nicht auch noch Opfer falscher Ermittler werden. Allerdings hatte sich die Lage bereits entspannt, nachdem der anonyme Anruf mit dem Hinweis auf das Versteck eingegangen war.

Es war bereits früher Nachmittag, als Marion nach einer Tasse heißem Kaffee völlig in sich versunken in einem Streifenwagen saß und Richtung Göppingen gebracht wurde.

16

Die Beamten in Seifritz’ Büro hatten Mühe, die bankinternen Abläufe nachzuvollziehen. Das würde noch ausführliche Vernehmungen und Protokolle nach sich ziehen, seufzte Soko-Chef Hartmut Zeller und sah im Geiste schon den unseligen Papierberg mit all den Aktenordnern vor sich. Seifritz, der am Ende seiner physischen und psychischen Kräfte zu sein schien, erläuterte zum wiederholten Mal, wie die Geldübergabe im dritten Untergeschoss vonstattengegangen war, und dass die Täter darauf bestanden hätten, Lackner als neue Geisel mitzunehmen. Unterbrochen wurde er von einem der Kriminalisten, der sich als Kommissar Klaus Biegert vorgestellt hatte, und auf den abseits sitzenden Kassenangestellten deutete: »Wieso haben die gerade Sie mitgenommen, Herr Lackner?«

Lackner war erschrocken, sah hilfesuchend zu Seifritz, der jedoch ebenfalls konsterniert zu sein schein und nur wortlos mit den Schultern zuckte.

Soko-Leiter Zeller spann den Faden weiter: »Wäre denn außer Herrn Lackner auch noch jemand anderes infrage gekommen, der den Scheck für die Landeszentralbank hätte unterschreiben können?«,

Die beiden Angesprochenen waren auf diese Frage offenbar überhaupt nicht gefasst gewesen. »Ja, es hätte noch jemanden gegeben«, erklärte Seifritz schließlich. »Aber mir war klar, dass Herr Lackner bereits so früh morgens da sein würde. Deshalb hab ich ihn gerufen.«

»Und Sie, Herr Seifritz? Hätten Sie nicht auch unterschreiben können?«, bohrte Kommissar Biegert weiter.

»Ich? Ja, ich auch. Natürlich. Ich bin auch befugt, Schecks auszustellen.«

»Wenn also der Hauptkassierer drunten im Tresorraum schon da war, dann hätte es doch gar keiner weiteren Person mehr bedurft«, meinte der andere Ermittler ruhig. »War es denn notwendig und sinnvoll, noch jemanden einzuweihen?«

Lackner sah sich zu einer Antwort genötigt: »Es ist unüblich, dass Herr Seifritz die Schecks für die LZB unterschreibt. Das wäre dort vermutlich gleich aufgefallen.«

Lackner fühlte sich plötzlich unwohl und in die Enge getrieben. Ihn überkam eine undefinierbare Angst. Aber die Fragen der Kriminalisten hörten sich so an, als zweifelten sie an seinen Schilderungen und damit an seiner Integrität. Oder war es die stundenlange Nervenanspannung, die ihn nun so dünnhäutig machte?

»Und dann sind Sie mit den beiden mitgegangen«, stellte der Kripochef sachlich fest.

»Mitgegangen ist wohl das falsche Wort«, entgegnete Lackner. »Vergessen Sie nicht: Die waren bewaffnet und haben immer wieder gedroht, sie würden das Mädchen umbringen. Hätte ich mich da zur Wehr setzen sollen?«

Seifritz verdeutlichte: »Herr Lackner hat absolut korrekt gehandelt, meine Herren.«

Der Soko-Leiter nickte verständnisvoll. »Sie haben gesagt, Sie hätten den Eindruck, zumindest einer der Täter sei mit den bankinternen Abläufen vertraut und habe vielleicht sogar Kenntnisse der räumlichen Verhältnisse hier im Gebäude.«

»Ja, den Eindruck hatte ich«, bestätigte Seifritz. »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie gelassen und selbstsicher die vorgegangen sind. Dazu noch erstaunlich höflich. Die haben uns nie geduzt, immer nur gesiezt. Auch mal ›danke‹ und ›bitte‹ gesagt.«

»Also gepflegte Umgangsformen«, konstatierte der junge Kommissar Biegert.

Über Seifritz’ Gesicht huschte ein kurzes Lächeln. »Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man sagen: ›Die Gentlemen bitten zur Kasse‹. Wie die Posträuber vor 20 Jahren in England.«

Soko-Leiter Zeller, ein dynamischer Mittdreißiger mit korrektem Haarschnitt, ging auf diese flachsige Bemerkung nicht ein, sondern stellte mit einem Seitenblick auf Biegert klar: »Die Spurensicherung wird sich Ihrer Wohnung annehmen. Außerdem sollten Sie und Ihre Tochter eine möglichst genaue Personenbeschreibung der Täter abgeben. Wir werden versuchen, Phantombilder anzufertigen. Für die Öffentlichkeitsfahndung.«

»Sie wollen an die Öffentlichkeit gehen?«, entfuhr es Seifritz, der es gewohnt war, über sein Geldinstitut nur positive Meldungen verbreiten zu lassen, musste sich aber sofort eingestehen, dass es keinen Sinn machte, auf die Pressearbeit der Polizei Einfluss zu nehmen. Trotzdem sollte versucht werden, die internen Abläufe und die Art und Weise, wie die Gangster an die 2,7 Millionen D-Mark gekommen waren, nur oberflächlich zu schildern. Gleichzeitig musste er an die örtliche Zeitung denken – vor allem, dass ihn Walser vor zwei Journalisten gewarnt hatte, die vermutlich nicht lockerlassen würden, bis sie jedes Detail zu diesem großen Verbrechen ihren Lesern schildern konnten: der junge, engagierte Georg Sander und der stellvertretende Redaktionsleiter Manfred Grüninger, ein Journalist der alten Schule. Denen würde man kein X für ein U vormachen können.

17

Am späten Nachmittag war eine 30-köpfige Sonderkommission komplett, federführend durch die Landespolizeidirektion Stuttgart 1. Spurensicherer untersuchten jeden Quadratzentimeter von Seifritz’ Wohnung, mehrere Beamte ließen sich noch einmal von dem Bankdirektor, seiner Tochter, den beiden Angestellten Rilke und Lackner sowie der Chefsekretärin detailgenau deren Eindrücke und Beobachtungen schildern. Auch die beiden Geldboten wurden mit einbezogen.

Bereits gegen 13 Uhr war auch der Mercedes des Bankdirektors gefunden: bei der Göppinger Feuerwache, nur etwa 150 Meter von der Stelle entfernt, wo Lackner hatte aussteigen dürfen. In dem Fahrzeug, das am Rande einer innerstädtischen Nebenstraße stand, lag eine Polizeimütze.

»Auch das ist doch ziemlich kaltblütig«, kommentierte dies Hartmut Zeller, seines Zeichens Leiter des Dezernats Sonderfälle bei der Landespolizeidirektion Stuttgart 1. »Die steigen am helllichten Tag aus dem Mercedes und verschwinden wohl mit einem anderen Auto.«

»Vielleicht war dort jenes Fahrzeug abgestellt, mit dem am frühen Morgen die Marion nach Schorndorf gebracht wurde«, meinte einer aus der Ermittlerrunde, die mehrere Räume der Polizeidirektion Göppingen in Beschlag genommen hatte – zum Leidwesen des örtlichen Kripochefs Karl Geiger, der diese Aufgabe gerne selbst übernommen hätte, sie jedoch angesichts der Tragweite des Falles an die Experten aus der Landeshauptstadt hatte abgeben müssen. Immerhin sah alles danach aus, dass man es mit professionellen Tätern zu tun hatte, die möglicherweise auch schon landesweit ihr Unwesen getrieben hatten. Nichts also für eine provinzielle Polizeidienststelle.

Ein anderer Kriminalist, der auch aus Stuttgart angereist war, gab zu bedenken: »Wenn es sich bei dem weiteren Fluchtfahrzeug um jenes handelt, mit dem Marion heute früh verschleppt wurde, dann müsste es der Täter bei der Rückkehr von Schorndorf hier bei der Feuerwache abgestellt haben und dann zu Fuß zum Hause Seifritz gegangen sein. Das wären – wenn ich das richtig aus dem Stadtplan rausgemessen habe – rund 1,6 Kilometer, auf normalem Weg wahrscheinlich etwa zwei Kilometer. Dafür braucht man bei flottem Schritt schätzungsweise 25 Minuten.«

Soko-Chef Zeller fuhr sich durchs füllige Haar, nickte anerkennend und blätterte in seinen Unterlagen. »Kann hinkommen. Die Marion wurde gegen 4 Uhr mit einer größeren Limousine, vermutlich einem Audi, nach Schorndorf gebracht, und eineinhalb Stunden später war der Täter wieder in der Wohnung Seifritz zurück. Das passt.« Zeller überlegte kurz. »Bis Schorndorf braucht er in den verkehrsarmen Morgenstunden keine halbe Stunde. Hin und zurück also nicht mal eine ganze Stunde. Er stellt den Fluchtwagen, mit dem die Täter ja auch angereist sein mussten, bei der Feuerwache ab und geht zu Fuß in die Wohnung Seifritz, knapp eine halbe Stunde. Dann ist er gegen 5.30 Uhr wieder dort. Genau, wie Seifritz es sagt.«

»Aber warum stellt er das Auto ausgerechnet bei der Feuerwache ab? Macht das Sinn?«, warf ein anderer Ermittler ein. »Außerdem war er als Polizist verkleidet. Mit dieser Maskerade muss er dann quer durch die City bis zur Nordstadt gehen.«

»Es war dunkel«, gab ein älterer Beamter zu bedenken. »Und wer wird schon misstrauisch, wenn er einem Uniformierten begegnet? Außerdem muss das Auto ja nicht zwangsläufig dort abgestellt gewesen sein, wo sie den Mercedes zurückgelassen haben.«

Zeller sah in die Runde. »Irgendwie kommt mir das alles komisch vor.«

»Sie haben Zweifel an den Schilderungen zum Tatablauf?«, fragte jemand, worauf sich in dem Saal eine plötzliche Stille breitmachte.

»Nein, nicht wirklich. Nein«, ruderte Zeller zurück. »Wichtig ist, dass wir mit großer Sorgfalt an die Sache herangehen. Denn die Arbeitsweise der Täter erscheint doch zumindest ziemlich seltsam zu sein. Um es mal vorsichtig auszudrücken.«

»Weiß man denn, wem das Gartenhaus gehört, in dem Marion festgehalten wurde?«, wollte ein junger Kriminalist wissen, der ein deutliches Stuttgarter Honoratiorenschwäbisch sprach.

»Ja«, erwiderte Zeller und sah wieder auf seine Unterlagen. »Es gehört einem Professor aus Schorndorf, der das kleine Wochenendhaus aber schon lange nicht mehr benutzt hat.«

»Marion war dort eingeschlossen? Sie ist durchs Fenster rausgestiegen?«

»Es gab kein richtiges Schloss. Aber der Täter hat die Tür mit einem Vorhängeschloss verriegelt. Alles ziemlich merkwürdig«, räumte Zeller ein und fügte grinsend an: »Und bevor noch jemand von Ihnen auf eine andere Merkwürdigkeit stößt, will ich’s gleich sagen: Ich bin ein Göppinger, und der Herr Lackner ist mein Nachbar.«

Zeller konnte zu diesem Zeitpunkt freilich nicht ahnen, dass es noch weitaus mehr Merkwürdigkeiten und seltsame Zusammenhänge geben würde.

18

Die Pressekonferenz am Spätnachmittag hatte tatsächlich einige auswärtige Journalisten in einen Saal der Polizeidirektion Göppingen gelockt. Staatsanwalt, Direktionsleiter und Soko-Chef saßen einem Dutzend Medienvertreter gegenüber. Georg Sander hatte während seiner bisherigen Laufbahn noch nie so viele Kollegen bei einer örtlichen Pressekonferenz erlebt. Mikrofone waren aufgebaut, eine Fernsehkamera auch. Vertreter des Süddeutschen Rundfunks hatte man in der Provinz bisher nur bei ganz außergewöhnlichen Ereignissen gesehen. Direktionsleiter Walser fasste nach kurzer Begrüßung als Hausherr die dramatischen Ereignisse der letzten Stunden zusammen und erklärte, dass sofort eine Sonderkommission gebildet worden sei, die aus 30 Beamten, insbesondere von der Landespolizeidirektion Stuttgart 1, bestehe. Von dort aus werde auch die Pressearbeit gesteuert. Walsers Blick traf den örtlichen Pressesprecher Jürgen Holder, der sich von den Ereignissen überrollt und schlecht informiert fühlte. Denn die Stuttgarter hatten nicht nur die Ermittlungen, sondern auch die Öffentlichkeitsarbeit an sich gezogen.

Ausführlich schilderte dann Soko-Leiter Hartmut Zeller einige Details, um die schier unglaubliche Gelassenheit der Täter und deren Ortskenntnisse hervorzuheben. Und letztlich lobte der Oberstaatsanwalt aus Ulm die bisherige Vorgehensweise der Polizei, deren oberstes Gebot es gewesen sei, das Leben der jungen Frau nicht zu gefährden.

Die erste Frage der Journalisten bezog sich auf die Anzahl der Täter: »Es waren also drei«, stellte ein junger Mann fest. »Aber wenn ich Sie richtig verstehe, könnte es einen vierten gegeben haben, der vom nahen Bahnhof aus das Sparkassengebäude observiert hat. Gibt es dazu und zu den angeblichen Bomben und Granaten, mit denen die Täter gedroht haben, konkrete Hinweise?«

Kopfschütteln am Tisch der Behördenvertreter. Zeller sah sich zu einer Antwort genötigt: »Nein, gibt es derzeit nicht. Aber ausschließen können wir es auch nicht.«

Sander hatte die Chronologie der Schilderungen aufmerksam verfolgt und einige logische Ungereimtheiten erkannt: »Weiß man denn, wie die Täter gestern Abend zum Haus Seifritz gekommen sind?«

»Vermutlich mit demselben Fahrzeug, mit dem einer das Mädchen heute früh nach Schorndorf verschleppt hat«, antwortete Zeller sofort.

»Und wo ist dieses Auto geblieben?«, bohrte Sander weiter.

»Wir wissen es nicht. Vermutlich haben es die Täter als Fluchtfahrzeug benutzt, nachdem sie den Mercedes von Herrn Seifritz bei der Feuerwache abgestellt haben.«

»Aber wie ist dieses Auto, mit dem der eine Täter ja von Schorndorf zurückgekehrt ist, in die Nähe der Feuerwache gekommen, ziemlich weit von der Wohnung Seifritz entfernt?«, wollte Sander wissen.

»Auch das ist vorläufig unklar«, räumte der Soko-Leiter ein. »Sie sollten aber nicht vergessen, dass es den dritten Täter aus der Gartenhütte gibt. Der muss ja auch ein Fahrzeug gehabt haben.«

Eine Journalistin des Süddeutschen Rundfunks meldete sich als Nächste und wandte sich an Zeller: »Ihren Schilderungen ist zu entnehmen, dass sich die Täter in bankinternen Vorgängen und vielleicht sogar im Gebäude der Kreissparkasse ausgekannt haben. Besteht der Verdacht, dass jemand aus dem Haus in die Sache involviert ist?«

Jetzt sah sich der Leiter der Polizeidirektion gefordert, dem stets viel daran gelegen war, örtliche Institutionen aus der Schusslinie zu nehmen: »Dazu gibt es momentan keine Anhaltspunkte. Aber Sie dürfen mir glauben, dass wir in alle Richtungen ermitteln.«

Ein Grauhaariger, der hinter Sander saß, mischte sich mit sonorer Stimme ein: »Und jemand aus der Familie? Sie haben vorhin gesagt, dass die junge Frau noch eine Schwester hat, die kurz vor dem Auftauchen der Täter mit ihrem Freund Richtung Tübingen weggefahren sei. Außerdem soll es noch einen Bruder geben …«

»Ich bitte Sie«, unterbrach ihn der Direktionsleiter, »Sie sollten am heutigen Tag, an dem die Familie – insbesondere das Mädchen und sein Vater – so viel durchgemacht haben, mit derlei Spekulationen vorsichtig sein.«

Ein Journalist der Stuttgarter Zeitung hob den Finger und legte sofort los: »Es muss doch in der Bank ein Menge Leute gegeben haben, die heute Morgen etwas mitgekriegt haben.« Er wandte sich ebenfalls an den Soko-Leiter: »Sie haben uns vorhin berichtet, dass man für die zwei Millionen von der Landeszentralbank einen Scheck mit zwei Unterschriften gebraucht hat, dass ein Angestellter kurzzeitig als Geisel mitgenommen worden ist, und dass es Geldboten gab, die man zur Landeszentralbank geschickt hat. Das hört sich ja nicht gerade nach einem blitzartigen Überfall an. Entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, aber das klingt alles ziemlich irreal.«

»Ist es auch«, unterbrach Zeller den Wortfluss des Journalisten. »Deshalb gehen wir auch davon aus, dass wir es mit keinen Gelegenheitsverbrechern zu tun haben. Vergessen Sie aber bei Ihren Überlegungen nicht, dass der Bankdirektor um das Leben seiner Tochter besorgt war. Was hätte er anderes tun sollen, als den Forderungen nachzukommen?«

Auf Sanders weitere Frage, wie denn die Geldübergabe abgelaufen sei, ergriff der Staatsanwalt das Wort: »Das sind bankinterne Vorgänge, die wir hier nicht besprechen sollten. Jedenfalls war es so, wie von Herrn Zeller bereits dargelegt: Im Tresor war bei Weitem nicht so viel Geld wie gefordert, weshalb man auf die Landeszentralbank hat zurückgreifen müssen.« Der Staatsanwalt lenkte die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema. Man werde noch im Laufe des Spätnachmittags mithilfe der Opfer von den Tätern Phantombilder anfertigen lassen, die dann sofort den Redaktionen gefaxt würden. Außerdem sei für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führten, eine Belohnung in Höhe von 150.000 D-Mark ausgesetzt.

Sander hatte noch eine Frage: »Waren die Nummern der Geldscheine eigentlich registriert? Dann wäre es für die Täter ja wohl schwierig, das Geld irgendwo auszugeben oder anzulegen.«

Wieder antwortete der Staatsanwalt, ohne zu zögern: »Sie werden verstehen, dass wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt dazu nichts sagen.«

Sanders Eindruck, dass allerhand verschwiegen werden sollte, verfestigte sich.

19

Noch nie hatte es vermutlich im Lokalteil der örtlichen Zeitung eine so fette Überschrift über mehrere Spalten hinweg gegeben. An diesem Dienstag lautete sie: Bankdirektor und Tochter als Geiseln. Damit war kurz und knapp die ganze Dramatik umrissen. Den Artikel umgaben Fotos: ein Porträt des Bankiers sowie jeweils ein Bild von dessen Privathaus und dem weißen Mercedes, den die Täter gegenüber der Feuerwache abgestellt hatten. Dazu Phantomzeichnungen mit den Köpfen der beiden Haupttäter: Sonnenbrillen, Bärte, volles Haar, einer mit Polizeimütze. Sander hatte seinem Text die Angaben der Polizei hinzugefügt, wonach ein Täter Hochdeutsch mit nordbadischem Akzent gesprochen hatte. Gesucht würden ferner Zeugen, die in der Nacht zum Montag in der Göppinger Dornierstraße einen hellen Mittelklassewagen, möglicherweise einen weißen Audi 100, mit Waiblinger Kennzeichen gesehen hätten. Der genannte Bereich, das wusste Sander, grenzte direkt an den Tatort an.

Sander war an diesem Dienstagvormittag viel früher als üblich in die Redaktion geeilt. Es würde noch viel zu tun geben. Mittlerweile meldeten sich unzählige auswärtige Medien, die jetzt auch auf den ungewöhnlichen Kriminalfall aufmerksam geworden waren und Informationen und Fotos erbaten.

Der stellvertretende Redaktionsleiter Manfred Grüninger, der als Frühaufsteher galt, war oft schon um 6 Uhr in der Redaktion, was bei den üblicherweise notorischen Spätauf­stehern, zu denen Journalisten im Allgemeinen gezählt werden, meist unverständliches Kopfschütteln auslöste. Aber Grüninger wollte schon frühmorgens von der nahen Wetterwarte Stötten wissen, wie tief in der Nacht die Temperatur gefallen war, und mit welchen klimatischen Gegebenheiten man die nächsten Tage rechnen müsse.

Im Übrigen wurde Grüninger nachgesagt, nicht nur das Gras wachsen zu hören, sondern noch so manches mehr. Mit ihm hatte Sander schon immer einen guten Lehrmeister zum Thema Recherchieren gehabt. Beide verband sie die Lust, sich nicht abwimmeln zu lassen und niemals aufzugeben. Man kriege alles raus, wenn man nur wolle, lautete ihr Motto. Allerdings brauchte es dazu viele Kontakte und noch mehr Geduld – also Zeit. Kein Telefonat war dann zu aufwendig. Wenn es sein musste bis ins tiefste Afrika. Sander empfand es als wohltuend, dass bisher niemand von der Geschäftsleitung die hohen Telefonkosten moniert hatte. Und Redaktionsleiter Doktor Wolfgang Schmauz, ein charmanter Journalist der alten Schule und die Seriosität in Person, wusste die akribische Recherche zu schätzen. Er selbst hielt sich meist im Hintergrund und trug wohl zum Zeichen seiner leitenden Funktion in der Redaktion stets einen weißen Arbeitskittel. Weshalb man ihn liebe-, aber auch respektvoll, den »weißen Riesen« nannte.

Noch war die Medienwelt in der Provinz eher behäbig und in dieser Zeit, Anfang der 80er-Jahre, noch ziemlich überschaubar und vergleichsweise bieder eingestellt. Es gab keine Privatradios, keine privaten Fernsehstationen.

Sander, als Lokaljournalist auch fürs Kriminelle und die Justiz zuständig, bohrte gleich in diesen frühen Vormittagsstunden nach, stieß jedoch bei Staatsanwaltschaft und Polizei auf eine Mauer des Schweigens. Der neue Pressesprecher der Göppinger Polizeidirektion musste ehrlicherweise und zerknirscht eingestehen, dass auch er von den Ermittlern aus Stuttgart nicht ausreichend informiert wurde. Sander musste deshalb rasch erkennen, dass auch seine guten Kontakte in Polizeikreise zu keinen weiteren Informationen führten. Am meisten ärgerte ihn, dass er am gestrigen Vormittag zwar im Göppinger Polizeirevier gewesen war, aber nichts von dem Großeinsatz mitbekommen hatte, der sich zu dieser Zeit gerade anbahnte.

Sein an Dienstjahren und Erfahrung älterer Kollege Manfred Grüninger, um die 50, ein bodenständiger Journalist, der sein Handwerk verstand wie kaum ein anderer, durfte mit Fug und Recht als investigativer Journalist bezeichnet werden, obwohl dieser Begriff damals noch nicht geläufig war. Grüninger fühlte sich von den dürren Worten einer Pressemitteilung der zuständigen Staatsanwaltschaft Stuttgart richtiggehend angespornt, den Ablauf des Kidnappings detailgenauer zu recherchieren.

Grüninger, der alte Fuchs, brachte jetzt sogar das Kunststück fertig, den Bankchef zu einem Interview zu überreden. Auch im Hinblick darauf, etwaigen Verschwörungstheorien vorzubeugen, so hatte der Journalist sein Ansinnen begründet. Denn der geradezu filmreife Fall heizte bereits seit gestern Abend die Gerüchteküche kräftig an. Außerdem war wohl von offizieller Seite einiges verschleiert und nebulos dargestellt worden.

Am frühen Nachmittag saßen Grüninger und Sander im Büro von Seifritz. Noch auf der Herfahrt hatten sich die beiden Journalisten über die Vorgehensweise abgestimmt: möglichst einfühlsam, nicht allzu direkt, aber doch mit dem Wunsch, etwas mehr Einzelheiten zu erfahren, sprich: Persönliches.

Seifritz ließ Kaffee bringen und zeigte sich gegenüber den Fragen aufgeschlossen. Er wirkte zwar blass und erschöpft, schien jedoch den Ablauf des Überfalls sachlich und nahezu emotionslos schildern zu können. »Ich bin froh, dass alles ohne Menschenopfer vorübergegangen ist«, sagte er schließlich.« Und fügte an: »Aber für meine Tochter war es ganz schlimm.«

Groß sei seine Sorge auch gewesen, weil die Gangster gedroht hatten, es werde im Schalterraum ein Blutbad geben, falls sie nicht mit dem Geld sicher aus dem Gebäude wieder herauskämen. Sie hätten erklärt, es würden in den Morgenstunden Personen mit Handtaschen auftauchen, in denen Bomben und Granaten versteckt seien. Außerdem hätten sie behauptet, im Auftrag einer Organisation zu handeln.

Und auf die Frage von Sander, wie er denn diese Stunden der Ungewissheit nervlich überstanden habe, wurde er für einen Moment nachdenklich und sagte: »Das wird sich erst zeigen. Dass ein solcher Vorgang nicht an den Kleidern hängen bleibt, ist klar.«

Was jedoch die Übergabe des Geldes anbelangte, also das Geschehen im dritten Untergeschoss, blieb Seifritz wortkarg, flüchtete sich in allgemeine Formulierungen und erklärte, dass es sich um bankinterne Abläufe handle. Allerdings zeigte er sich davon überzeugt, dass zumindest einer der Täter sehr gute Bankkenntnisse haben müsse und offensichtlich auch mit dem Gebäude vertraut sei.

Grüninger riskierte eine Feststellung: »Demnach könnte es durchaus sein, dass der Täter aus dem Hause stammt?«

Seifritz atmete tief durch.

20

Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren. Mehrere Beamte waren mit den ausführlichen Vernehmungen befasst – nicht nur mit Seifritz und Tochter Marion, sondern auch mit Heinrich Lackner und dessen Kollegen Berthold Rilke sowie der Chefsekretärin Karin Rüger. Der Kreis weitete sich aus: auf die Geldboten, die zwischen Kreissparkasse und Landeszentralbank unterwegs gewesen waren, sowie auf den völlig ahnungslosen Kassierer, der zum Geschäftsbeginn 30.000 D-Mark geholt hatte, ohne zu wissen, dass in einem Nebenraum Gangster lauerten.

Immer stärker fühlte sich Heinrich Lackner in die Enge getrieben. Gebetsmühlenartig wiederholten sich Fragen, weshalb man ausgerechnet ihn zum Unterschreiben des Millionenschecks gezwungen haben könnte. Und warum sich die Gangster für ihn als die zweite Geisel entschieden hätten. Bisweilen befürchtete Lackner, die Ermittlungen richteten sich nur gegen ihn. Alles an ihm schien plötzlich verdächtig zu sein: dass er am Montagmorgen so früh zur Arbeit gekommen war und dass er scheinbar bereitwillig im Chefbüro den Scheck unterschrieben habe. Sogar die Art und Weise, wie er reagiert hatte, als sich die Aufzugstür nicht hatte öffnen lasse, schien den Argwohn der Ermittler zu wecken. »Was hätte ich denn anderes tun sollen? Ich hatte doch keine Wahl«, hatte er schon viele Male wiederholt und dabei fast seine gelassene Art verloren. Irgendwann kam auch er an die Grenze seiner nervlichen Kraft.

Doch so wie ihm erging es auch all den anderen, die als Zeugen in den Ermittlungsakten geführt wurden. Sogar jener Geldbote, ein 29-jähriger Mann, der als ausgebildeter Polizist voriges Jahr aus gesundheitlichen Gründen nicht ins Beamtentum übernommen worden war und sich kurz mit dem uniformierten Gangster angelegt hatte, geriet ins Visier der Kriminalisten. Wolfgang Nolte war seit einigen Monaten als Geldbote beschäftigt. Ein spannender Job, aber keinesfalls so abwechslungsreich, wie es der Dienst bei der Polizei gewesen wäre. Eigentlich hätte ihm die Arbeit als Privatdetektiv viel mehr Spaß gemacht, zumal er damit das bei der Polizei Erlernte viel besser hätte anwenden können. Aber um sich selbstständig zu machen, fehlte ihm der unternehmerische Mut. Vielleicht würde es ja mal gelingen, bei einer entsprechenden Kanzlei eine Anstellung zu finden. Schließlich gab es mehr Detekteien, als man vermutete.

»Und Sie haben, genau wie Ihr Kollege, heute früh anfangs nicht gemerkt, dass etwas nicht stimmte?«, wollte ein erfahrener älterer Beamter wissen, während Nolte ihm im Büro gegenübersaß.

»Nein. Erst als wir das zweite Mal zur LZB gerufen und wieder zurückgekommen sind und ich durch die Scheibe des Tresorraums diesen uniformierten Typen gesehen habe, hatte ich sofort ein komisches Gefühl«, wiederholte Nolte bereits zum dritten Mal. Seine Lippen bebten, der Oberlippenbart vibrierte. Er wich keinem Blick des Kriminalisten aus. »Außerdem«, fügte er an, »waren zwei Millionen eine ganze Menge Kohle für einen Montag.«

»Haben Sie denn noch eine Polizeiuniform daheim?«, blieb der Kriminalist hartnäckig.

»Oh, daher weht der Wind«, wurde Nolte jetzt ungehalten. »Sie meinen, ich hätte dem Täter meine Uniform ausgeliehen? Und nur vorgetäuscht, ihn angreifen zu wollen? Da muss ich Sie enttäuschen. Ich besitze gar keine Uniform mehr.«

»Aber Sie haben sie doch kaufen müssen, diese Dienstkleidung.«

»Ja, natürlich. Für einen Berufsanfänger eine teure Anschaffung. Insgesamt rund 1.000 Mark. Aber Sie wissen dann sicher auch, dass man beim Ausscheiden aus dem Dienst die Dienstgrad- und Hoheitsabzeichen entfernen muss.«

Der Kriminalist wollte dies nicht vertiefen, weil er sich nie mit den einschlägigen Bestimmungen befasst hatte. »Und wo ist die Uniform jetzt?«

Nolte holte tief Luft. »Verschenkt hab ich sie. Dem Kleiderfundus des Naturtheaters Heidenheim.«

»Auch den Anorak?«

»Ich hatte nie einen Anorak. Nur die Uniformjacke. Tut mir leid.«

21

Die Staatsanwaltschaft schwieg, und auch Kripochef Karl Geiger hatte einen Maulkorb verpasst bekommen. Außerdem gab’s von der Stuttgarter Pressestelle weiterhin nur spärliche Informationen. Zum Leidwesen von Sander und Grüninger. Denn für die Journalisten war es völlig unbefriedigend, beim größten Bankraub weit und breit nicht auf dem Laufenden gehalten zu werden. Gab es tatsächlich etwas zu vertuschen, wie Volkes Meinung befürchten ließ? »Ich versteh das nicht«, grummelte Grüninger nach einigen Tagen. »Die machen doch mit ihrer Geheimnistuerei alles viel schlimmer.«

Sander, der zu Grüninger ins Büro gekommen war und am lilafarbenen Verpackungspapier sah, dass der Vize-Redaktionschef heute schon wieder eine ganze Tafel Vollmilchschokolade verschlungen hatte, stimmte ihm zu: »Entweder, die tappen wirklich total im Dunkeln, oder da haben ein paar Herrschaften Dreck am Stecken, die man nicht anschwärzen möchte.« Ihn plagten ohnehin einige kritische Anrufe, in denen behauptet worden war, die Berichte über den Ablauf des Überfalls seien falsch. »Wenn man nicht offen und wahrheitsgetreu ist, kommen halt viele Spekulationen auf«, meinte er mit einem Seitenhieb auf die Pressearbeit von Polizei und Justiz.

»Umso unverständlicher ist es, dass die Staatsanwaltschaft nichts gegen die Gerüchte unternimmt. Mir tut der Seifritz richtig leid«, meinte Grüninger und umfasste den rechten Rahmen seiner dickglasigen Brille, wie er dies immer tat, wenn er scharf nachdachte.

»Und wenn der …«, wagte Sander einzuwerfen, aber Grüninger wehrte ab: »Fangen nicht auch Sie noch damit an, Herr Sander. Oder glauben Sie im Ernst, ein Bankdirektor würde so eine Story erfinden, dazu noch die eigene Tochter kidnappen lassen? Ich bitte Sie, vergessen Sie das ganz schnell.«

Sander nickte. Der Fall hatte seine ohnehin lebhafte Fantasie zum Blühen gebracht. Aber schließlich durfte man doch alles denken. Nur halt nicht schreiben.

»Ich hab da was erfahren«, fuhr Grüninger fort, dessen Drähte zu jeglicher Art von Institutionen schon legendär waren, was daran lag, dass er vertrauliche Informanten niemals preisgab. Nicht einmal innerhalb der Redaktion. Wenn Grüninger jemandem etwas versprach, dann hatte dies Gültigkeit. Ein Mann, ein Wort.

Sander trat näher an den sitzenden Grüninger heran, der seine antiquierte Schreibmaschine beiseiteschob, auf der er mit unvorstellbarem Tempo im Zweifinger-System seine Artikel in die Tasten hauen konnte. Von der neuen Computertechnologie hielt er nicht viel.

Er sortierte einige Schmierblätter, die aus den Rückseiten alter Pressemitteilungen bestanden, und war sichtlich bemüht, durch seine dicken Brillengläser die eigene ziemlich verschnörkelte Handschrift zu entziffern. »Es ist wohl so gewesen, dass das Geld tatsächlich in zwei Chargen von der Landeszentralbank geholt wurde. Die erste mit 700.000 D-Mark war die routinemäßige. Jeden Vormittag wird Geld geholt, wobei sich die Höhe des Betrags am zu erwarteten Geschäftsbetrieb orientiert«, dozierte Grüninger, was ihm ein Informant vertraulich geflüstert hatte. »Die Täter wollten ursprünglich fünf Millionen, was aber, wie wir wissen, Seifritz heruntergehandelt hat. Dazu mussten die Geldboten allerdings ein zweites Mal zur LZB geschickt werden.« Grüninger nahm ein weiteres Blatt zur Hand. »Zur Frage, ob auch Geld aus dem Sparkassentresor genommen wurde, hat es wohl einige Irritationen gegeben. Warum man das so geheimnisvoll behandelt hat, ist mir inzwischen klar. Während der Kassierer – es ist dieser Rilke – die ersten 700.000 Mark für die Täter in eine Tasche verpackt hat, ist ein Kassenangestellter aufgetaucht, der 30.000 Mark wollte. Um den schnell wieder loszuwerden, hat Lackner diese Summe kurzerhand aus der Tasche genommen, die für die Täter bereitstand. Und damit es letztlich wieder 700.000 waren, hat er anschließend 30.000 aus dem Tresorbestand herausgenommen und in die Transporttasche gesteckt.«

»Und warum hat man daraus ein Geheimnis gemacht?«, wunderte sich Sander.

»Ganz einfach«, sah ihn Grüninger triumphierend an. »Die 30.000 aus dem Tresor waren sogenanntes Fanggeld, das Lackner den Tätern geistesgegenwärtig unterjubeln konnte.«

»Fanggeld?«

»Ja. Scheine, deren Nummern registriert sind. Hat jeder Kassierer unauffällig bei sich liegen«, wusste Grüninger zu berichten.

»Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Geld irgendwo auftaucht und man Rückschlüsse auf den Besitzer ziehen kann«, meinte Sander.

»Ganz so einfach wird das nicht sein. Wenn die Scheine irgendwo im Ausland eingetauscht werden, wird das nicht sofort auffallen. Vielleicht bleibt die Beute auch eine Zeit lang in einem Versteck.«

Sander grinste: »Was macht das für einen Sinn, wenn man Millionär geworden ist und das Geld unters Kopfkissen legen muss?«

Grüninger blieb ernst. »Es macht zumindest den Sinn, nicht plötzlich als reich in Erscheinung zu treten und aufzufallen. Sie würden sich doch auch wundern, wenn ich mir in den nächsten Tagen einen teuren Porsche zulegen würde.«

Sander grinste in sich hinein. Das würde ihn tatsächlich wundern. Aber gleich aus zweierlei Gründen: weil Grüninger, der als äußerst sparsam und genügsam galt, wohl ausgeflippt sein müsste, wenn er mit einer solchen Nobelkarosse daherkäme. Und weil er außerdem ein eingefleischter Nutzer des Öffentlichen Personennahverkehrs war.

22

Hinweise gab es genügend. Aber viele beruhten auf Spekulationen und Vermutungen, wie die Soko Fils – benannt nach dem Fluss, der Göppingen durchfließt – meist sehr schnell feststellen konnte. Hartmut Zeller, Chef einer starken Ermittlermannschaft, informierte täglich den Direktionsleiter Josef Walser, der die goldenen Sterne auf der Schulterklappe seiner Uniform zu schätzen wusste. Er nahm mit sorgenvoller Miene zur Kenntnis, dass die Geiselnehmer wie vom Erdboden verschwunden zu sein schienen. Auch in der Wohnung Seifritz’, wo sich die Täter eine Nacht lang aufgehalten hatten, war nicht das Geringste von ihnen zu entdecken. »Da sie Handschuhe getragen hatten, gab es keinerlei verwertbare Fingerabdrücke. Wir wissen bis heute nicht, ob es noch einen vierten Täter gegeben hat«, erklärte Zeller. »Ob da einer vom Bahnhof aus tatsächlich das Bankgebäude observiert hat oder sich sogar in der Sparkasse aufgehalten hat, ist weiterhin unklar.«

Der Direktionsleiter hörte konzentriert zu und entschied, mit einer hochgezogenen Augenbraue eine Frage loszuwerden, die ihn immer wieder beschäftige: »Die Familie ist aber okay?«

»Absolut. So, wie es jetzt aussieht«, winkte Zeller ab.

»Gab es in letzter Zeit Personen, die sich für die Räumlichkeiten in der Bank interessiert haben?«

»Nichts Außergewöhnliches. Natürlich sind in so einem Gebäude immer mal wieder Handwerker unterwegs. Elektriker, Installateure, Fernmeldeamt und so weiter.«

»Auch in jüngster Zeit?«

»Wir haben uns zuerst mal die Firmen nennen lassen, die seit Anfang des Jahres tätig waren.«

»Der Coup scheint mir aber langfristig vorbereitet worden zu sein«, wagte der Direktionsleiter einzuwenden.

»Wir müssen einen Zeitabschnitt nach dem anderen angehen. Auch natürlich einige Personen aus der Bank, keine Frage.«

»Mir scheint«, fuhr der Göppinger Polizeichef Walser fort, »dass die Täter zwar mit bankinternen Abläufen bestens vertraut waren, nicht aber mit dem persönlichen Umfeld von Seifritz. Sonst wären sie ja wohl nicht davon ausgegangen, in der Wohnung eine Ehefrau anzutreffen, die es gar nicht gibt. Und als stattdessen die 18-jährige Marion aufgetaucht ist, haben sie sich seltsamerweise nicht nach einer weiteren Tochter oder einem Sohn erkundigt. Ihr ursprünglicher Plan müsste also gewesen sein, die Ehefrau zu kidnappen.«

Zeller zuckte mit den Schultern. »Seifritz kann uns keine Personen aus seinem persönlichen Umfeld benennen, denen er die Tat zutrauen würde. Außerdem fällt ihm niemand ein, der vom Aussehen oder der Stimme her den Tätern ähneln könnte.«

»Dann hatten die Täter eben einen oder mehrere Informanten«, gab der Polizeidirektor zu bedenken.

Zeller sah auf die Uhr. Ähnliche Gespräche hatte er in den vergangenen Tagen schon viele geführt. Sowohl mit dem örtlichen Polizeichef als auch mit seinen Vorgesetzten in Stuttgart. Langsam nervte ihn dies, zumal es immer wieder dieselben Fragen waren, die sich sein Team und er ohnehin ständig stellten. »Ihre Leute aus Göppingen nehmen sich schwerpunktmäßig Personen vor, die hier wohnen und mit den Örtlichkeiten vertraut sind«, versuchte Zeller, die Diskussion abzuschließen, und fügte an: »Ende Januar gab’s in der Tiefgarage ein geplatztes Wasserohr. Eine Riesensauerei. Das Wasser drang bis ins dritte Untergeschoss ein. Der Installateur, der deshalb auch im Bereich des Tresorraumes tätig war, wird gerade von dem Göppinger Ermittler Klaus Biegert vernommen.«

Der Direktionschef war zufrieden.

23

Helmut Reinicke, 27 Jahre alt und ein Zupacker wie aus dem Bilderbuch: breitschultrig, groß und kräftig, offenes Lachen auf dem Gesicht. Das füllige schwarze Haar viel zu lang und ungekämmt. Einer, dem man ohne Weiteres zutraute, jedes handwerkliche Problem lösen zu können. »Sie sind Meister für Heizungs- und Wasserinstallationen«, stellte Göppingens Ermittler Klaus Biegert fest und blätterte, hinterm Schreibtisch sitzend, in einigen Unterlagen.

»Ja, bin ich«, sagte Reinicke mit Stolz in der Stimme und lehnte sich auf dem unbequemen Besucherstuhl des Polizeibüros zurück. Er war in blauer Arbeitskleidung gekommen, weil er die Mittagspause nutzen wollte, um dem Ansinnen des Kommissars möglichst schnell gerecht zu werden. »Sie haben am Telefon gesagt, ich soll zu der Sache in der Kreissparkasse etwas sagen. Aber mehr, als dass ich Ende Januar dort einen Rohrbruch beheben musste, weiß ich nicht.« Er zog einen Zettel aus der Tasche. »Ich hab mir sogar rausgesucht, wann das war. Es war am Dienstag, dem 26. Januar.«

Biegert nickte. »Sie werden verstehen, dass wir alle, die in den letzten Wochen dort tätig waren, vernehmen müssen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir Sie womöglich verdächtigen. Überhaupt nicht.«

Reinicke war zwar mit gemischten Gefühlen hergekommen, aber allein schon, dass der Kriminalist nun gleich das Wort »verdächtigen« in den Mund nahm, ließ ihn aufhorchen. Er wollte etwas sagen, aber Biegert kam ihm zuvor: »Machen wir es kurz: Haben Sie in den Tagen danach mit jemandem über die Örtlichkeiten in der Bank, insbesondere in den Untergeschossen, gesprochen?«

Reinicke war auf diese Frage gefasst, gab sich aber ratlos. »Gesprochen? Sie meinen …«

»… ob sich jemand für die Örtlichkeiten interessiert hat«, unterbrach Biegert ergänzend.

»Wer soll sich dafür interessiert haben?«

»Na ja, vielleicht haben Sie im Freundes- oder Bekanntenkreis von Ihrer Arbeit in der Sparkasse erzählt, und jemand hat auffällige Fragen gestellt.«

»Sie meinen, man hat mich aushorchen wollen?«

»Könnte doch sein. Vielleicht haben Sie stolz erzählt, den Tresorraum gesehen zu haben. Da wäre es doch möglich, dass jemand genau wissen wollte, wie es da aussieht, wo die Türen und der Aufzug sind und so weiter.«

Reinicke erbleichte. »Sie wollen damit aber nicht sagen, dass ich mit den Tätern unter einer Decke stecke?«

»Überhaupt nicht. Sie müssen mir schon richtig zuhören, Herr Reinicke«, wurde Biegert leicht ungehalten. »Die Frage war, ob jemand – wer auch immer – von Ihnen Details zu den Örtlichkeiten erfahren wollte.«

»Nein, ganz sicher nicht.«

Die beiden Männer sahen sich für einen Moment schweigend an. Biegert überlegte, ob er es riskieren konnte, eine weitere Frage zu stellen, und entschied sich dann dafür: »Nur eines noch: Hatten Sie jemals einen Privatauftrag im Haus des Bankdirektors?«

Reinicke schluckte. Er spürte einen Kloß im Hals. »Ich weiß nicht einmal, wo der wohnt«, presste er hervor.

Biegert bohrte nach: »Aber die Adresse stand im Bericht über den Überfall in der Zeitung – und das Haus war auch einmal abgebildet.«

»Tut mir leid«, gab sich Reinicke gefestigt. »Ich lese keine Zeitung.«

24

300 Hinweise, 14 davon anonym. Drei Wochen nach dem Überfall füllten die Ermittlungsakten unzählige Ordner. Ein konkreter Verdacht gegen Personen hatte sich jedoch nicht ergeben. Die beiden Journalisten Sander und Grüninger waren über die zurückhaltende Informationspolitik der Staatsanwaltschaft und der Polizei verärgert. Sogar Jürgen Holder, der Pressesprecher der örtlichen Direktion, musste auf Fragen der Lokalredakteure meist passen, obwohl er seit geraumer Zeit wenigstens an den Besprechungen der Soko teilnehmen durfte. Aber was er dabei zu hören bekam, waren keine tiefschürfenden Erkenntnisse.

Und seine Kollegen in Stuttgart verbreiteten allenfalls Meldungen, deren Formulierungen Sander und Grüninger zur Genüge kannten. Immer dieselben Worthülsen: es werde in alle Richtungen ermittelt und es gebe keine heiße Spur. Grüninger, der mittlerweile argwöhnisch geworden war, wollte nicht so recht glauben, dass es bei einem Verbrechen, das rund 14 Stunden angedauert hatte, nicht den geringsten Hinweis auf etwas gab, das merkwürdig erschien. Darauf angesprochen, konterte Soko-Leiter Zeller: »Merkwürdiges gibt es genug, Herr Grüninger. Mehr als genug. Aber es ist wie oft im Leben: wenn Sie beim Recherchieren in die Tiefe gehen, werden Sie hinterher immer etwas finden, das Ihnen rückblickend mit der Erkenntnis des Geschehenen merkwürdig erscheint.«

Zellers Stimme hatte am Telefon leicht verärgert geklungen. Natürlich ahnte er, was Grüningers tieferer Sinn des Anrufes war: Vermutlich hatte der Journalist erfahren, dass die Sonderkommission in ihrer jetzigen Zusammensetzung in Göppingen aufgelöst wurde. Alles, was es aktuell und in den Tagen nach dem Verbrechen zu ermitteln gab, war inzwischen weitgehend aufgearbeitet. Nun konnte in kleineren Teams sowohl in Göppingen als auch bei der Landespolizeidirektion Stuttgart 1 weiterrecherchiert werden. Nachdem Zeller dies von sich aus angesprochen hatte, resümierte Grüninger süffisant: »Sie packen also hier Ihre Akten zusammen.«

Zeller ließ sich mit dieser bissigen Bemerkung nicht provozieren, sondern gab sich optimistisch: »Ich bin überzeugt, dass der Fall geklärt wird.« Und er fügte an: »Federführend bleibt das Dezernat Sonderfälle der Landespolizeidirektion Stuttgart 1, wo mich mein Stellvertreter, Hauptkommissar August Häberle – der wohnt ja irgendwo bei Ihnen im Raum Göppingen – unterstützen wird.«

Grüninger wollte diesen Optimismus nicht teilen. Bestimmt würde man noch in 30, 40 Jahren von diesem dreisten Verbrechen reden. Und selbst wenn es eines Tages geklärt sein würde, blieben sicher noch sehr viele Fragen offen, dachte er. Denn mit Sicherheit gab es Hintermänner. Ob eine ganze Organisation, wie von den Geiselnehmern behauptet, oder nur eine einzelne Person, – das wollte Grüninger in seinen Gedanken mal dahingestellt lassen.

25

Die Zeit heilt Wunden und lässt vieles in Vergessenheit geraten. Insbesondere dann, wenn ständig Neues auf einen hereinstürzt. Daran musste Sander nach dem ausführlichen Bericht denken, den Grüninger über das Gespräch mit dem Soko-Leiter verfasst hatte. Die Zeit war schnelllebig geworden. Und Journalisten waren dazu da, stets neue Themen aufzuspüren, die das Aktuelle von gestern Makulatur werden ließen. Die Gerüchte zum Bankraub hielten sich hartnäckig, doch machte sich in der Bevölkerung bereits eine gewisse Resignation breit – nach dem Motto: Das wird nie geklärt.

Mehr als ein Vierteljahr nach der Geiselnahme gab es Ende Juni 1982 eine Meldung, die in der Redaktion wie eine Bombe einschlug: Das Fluchtfahrzeug der Räuber war entdeckt worden: in einem Parkhaus der rund 20 Kilometer entfernten Stadt Schwäbisch Gmünd im Remstal. Sander hatte den Tipp überraschenderweise von Jürgen Holder, dem örtlichen Pressesprecher der Polizei, erhalten, der sich damit offenbar für die restriktive Informationspolitik in den Tagen nach dem Verbrechen revanchieren wollte. Dass es sich bei dem aufgefundenen Auto um das Fluchtfahrzeug handeln musste, daran bestand kein Zweifel. Denn im Fahrzeug, einem silberfarbenen Audi 100, lagen Utensilien, die eindeutig den Tätern zuzuordnen waren: neben der Geldtasche der Göppinger Kreissparkasse auch jener grüne Anorak, mit dem einer der Gangster den Anschein erweckt hatte, ein Polizist zu sein. Außerdem datierte der Einfahrtschein ins Parkhaus vom Montag, 9. März 1982, Uhrzeit: 9.30 Uhr.

»Volltreffer«, hatte Hartmut Zeller im fernen Stuttgart gejubelt und die Nachricht sofort seinem Dezernats-Stellvertreter Häberle mitgeteilt, einem 33-jährigen Kriminalisten, dem man hausintern nachsagte, dies mit Leib und Seele zu sein. »Die erste konkrete Spur«, meinte Zeller.

Doch der etwa gleichaltrige Häberle, der als scharfer Denker galt und in sich zu ruhen schien, dämpfte die Euphorie seines Kollegen: »Wenn sich in dem Fahrzeug keine weiteren Spuren finden, sind wir so weit wie vorher.«

»Aber wir wissen nun, dass die Täter gleich nach Schwäbisch Gmünd gefahren sind«, blieb Zeller hartnäckig. »Genauso, wie es Walser von Anfang an vermutet hatte.«

»Okay – und dann? Hast du schon gecheckt, auf wen das Auto zugelassen ist?«

»Ja, klar doch. Der Audi wurde wenige Tage vor der Tat in Kornwestheim geklaut. Auf das jetzt angebrachte Ludwigsburger Kennzeichen ist ein Motorrad angemeldet. Die richtigen Schilder lagen im Kofferraum.« Rätselhaft blieb, wie das Auto hatte gestohlen werden können. »Das sieht nach Profis aus«, meinte Zeller.

»Und wem ist das Auto nach fast vier Monaten in dem Parkhaus aufgefallen?«, informierte sich Häberle.

»Dem Sohn der Betriebsleiterin, weil er die 320 Stellplätze hin und wieder kontrolliert. Beim Vergleich mit den Kennzeichen der Dauerparker hat er festgestellt, dass dieser Wagen nicht registriert ist. Weil grundsätzlich jeden Abend die Nachtparker in eine Liste eingetragen werden, kann man nachvollziehen, dass der Audi mindestens seit 11. März dort stand.«

»Was heißt mindestens?«

»Die Liste für die Tage zuvor ist nicht auffindbar, aber der Parkschein trägt das Datum 9. März.«

»Ach«, machte Häberle, als habe er Zweifel an dieser Darstellung.

26

Mit den üblichen dürren Worten einer Pressemitteilung wollten sich Sander und Grüninger an diesem Tag nicht zufriedengeben. Nach einigen Telefonaten gelang es ihnen, die Chefin jener Gesellschaft ausfindig zu machen, die das Parkhaus Gmünd-Center betrieb. Die Leser wollten schließlich nicht nur darüber informiert werden, dass man das Auto der Bankräuber gefunden habe. Sie wollten auch noch ein bisschen über die Hintergründe erfahren. Vielleicht, so pflegte Sander oft zu argumentieren, fühlten sich diejenigen, die etwas wussten oder gesehen hatten, durch eine weitere Berichterstattung doch noch veranlasst, sich zu melden. Aber leider wollten die auf Geheimniskrämerei gebürsteten Beamten diese einfache Möglichkeit des Zeugenaufrufs nicht nutzen.

Mit seiner eigenen Recherche brachte Sander neue Aspekte ins Spiel. Denn die Parkhauschefin erinnerte sich an einen ähnlichen Millionenraub, bei dem ziemlich genau vor vier Jahren, Mitte Juni 1978, bislang noch immer unbekannte Täter von der Kreissparkasse Schwäbisch Gmünd 1,4 Millionen D-Mark erbeutet hatten. Die damaligen Gangster hatten offenbar genau darüber Bescheid gewusst, wie die Bank größere Geldmengen transportierte. Die Räuber überfielen im Hinterhof des Gebäudes vier Geldboten und flüchteten ebenfalls ins Parkhaus Gmünd-Center, wo sie ihr Fahrzeug an derselben Ecke abgestellt hatten, in der auch jetzt der silberfarbene Audi stand. Und noch eine Merkwürdigkeit: Das damalige Fluchtfahrzeug – ein grüner VW Golf – war mit einem gefälschten Göppinger Kennzeichen versehen worden.

Sander und Grüninger stutzten: Hatte die Soko diese Zusammenhänge gekannt und bisher nur darüber geschwiegen? Oder waren die Polizeidienststellen weitaus schlechter vernetzt, als man vermutete?

27

Heidi Offenbach, eine junge Bankangestellte, hatte lange mit sich gerungen, ob sie einen Anlageberater ihres Arbeitgebers zurate ziehen sollte. Aber knapp 50.000 D-Mark, dazu noch in bar, waren eine riesige Summe, und es wäre wohl viel zu riskant, diese zu Hause aufzubewahren. Da bedurfte es eines Experten, dem sie ihr Anliegen unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertrauen konnte. Eine Zeit lang hatte sie mit dem Gedanken gespielt, dies bei einer anderen Bank zu tun. Aber falls man sie dort mit ihrem Beruf als Bankkaufmann erkennen würde, dazu vielleicht noch als Angestellte der Kreissparkasse, würde dies möglicherweise Argwohn erwecken. Also entschied sie, den älteren Kollegen Hermann Pfitzold um Vorschläge zu bitten. Während einer Mittagspause hatten sie sich in sein kleines Büro zurückgezogen. Pfitzold, ein Endvierziger, der Anzug und Krawatte trug, seine Haare kurz hielt und sorgfältig rasiert war, hörte sich interessiert an, was die 24-Jährige von ihm wollte: einen Rat für eine sichere, langfristige Geldanlage. »Vielleicht sogar für die Rente«, hatte sie gesagt und ihm erklärt, dass sie von ihrer Oma 48.000 D-Mark geerbt habe.

»In bar?«, fragte der Anlageberater völlig sachlich.

»Ja«, lächelte Heidi verlegen. »Sie hat wohl mal eine Lebensversicherung ausbezahlt bekommen und das Geld nie irgendwo angelegt.«

»Sie kennen sich ja aus. Woran haben Sie nun gedacht?« Er musterte die junge Frau, die ihn mit großen Augen anstrahlte und ihm äußerst sympathisch erschien. Allerdings trennten sie vermutlich fast 30 Jahre, dachte er. Zwar war sie ihm gelegentlich schon aufgefallen, wenn sie sich innerhalb des großen Bankgebäudes über den Weg liefen, aber jetzt, in ihrer Nähe und unter vier Augen, empfand er sie als besonders hübsch und charmant. Sogar die Unsicherheit, die sie zu verbergen versuchte, war liebenswürdig.

»Ich möchte das Geld sicher anlegen. Dauerhaft, ohne Risiko.«

Er überlegte, weshalb sie sich nicht selbst informierte. Als Bankkaufmann verfügte sie schließlich über eine entsprechende Ausbildung. Er entschied aber, nicht danach zu fragen, sondern sich auf seinen Auftrag zu konzentrieren: »Keine Aktien, Fonds oder Ähnliches? Mit der Aussicht auf hohe Renditen?« Pfitzold lehnte sich zurück und spielte mit einem Kugelschreiber.

»Nein, nichts davon. Ich hab eher an Gold gedacht. Deshalb komm ich zu Ihnen. Sie kennen sich da doch am besten aus.«

»Gold?«, staunte der Anlageberater.

»Ja. Meine Oma hat immer gesagt, wer nach der Währungsreform in den 40er-Jahren Gold gehabt habe, der sei gleich wieder reich gewesen.«

»Sie befürchten eine neue Währungsreform?« Pfitzold legte die Stirn in Falten.

»Man weiß ja nie …«

»Okay. Ich brauch Ihnen nicht allzu viel zu erklären«, nickte der ältere Kollege. »Denken Sie an Münzen oder Barren?«

»Barren sind wohl günstiger«, gab sich Heidi informiert.

»Ja, aber nicht so schön.«

»Ich will auch keinen großen Barren, sondern kleinere Stückelungen.«

Pfitzold holte einige Broschüren aus der Schublade und legte sie der jungen Frau vor. »Wir können das Geschäft machen, sobald Sie das Geld herbringen«, sagte er.

»Morgen? Wäre morgen okay?«

»Ja, natürlich. Aber passen Sie auf, wenn Sie so einen hohen Betrag mit sich herumtragen.«

»Mich wird schon keiner überfallen«, entgegnete sie keck.

»Nur noch eine Frage«, hakte der Banker nach. »Wie haben Sie das Geld? Scheine oder auch viele Münzen? Sind auch noch Scheine früherer Serien dabei?«

Heidi wusste für einen Moment mit dieser Frage nichts anzufangen. »Spielt das denn eine Rolle?«

Pfitzold lächelte einnehmend. »Ich dachte nur, wenn Ihre Oma das Geld gehortet hat, könnten es doch noch Scheine sein, die wir bei der Bundesbank tauschen müssten.«

»Nein, da sind keine dabei«, erwiderte sie schnell.

28

Das Fluchtauto der Gangster und der Fundort waren endlich ein paar handfeste Anhaltspunkte, mit denen sich Soko-Leiter Hartmut Zeller erneut an die Öffentlichkeit wenden wollte. Seine Vorgesetzten bei der Landespolizeidirektion Stuttgart 1 hatten die Staatsanwaltschaft davon überzeugen können, den Fall der Redaktion der ZDF-Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst anzudienen. Dort nahm man das Ansinnen mit Interesse auf und fertigte im Eiltempo mithilfe der Ermittlungsakten ein Drehbuch an, sodass ein relativ langer Filmbeitrag entstand: mit allen Details vom Eindringen der Täter in die Wohnung Seifritz’ bis zur Flucht. Knapp viereinhalb Monate nach dem Verbrechen wurde die Fernsehfahndung am 17. Juli 1982 als siebter Fall dieser XY-Folge ausgestrahlt. Kommissar August Häberle verfolgte die Sendung am heimischen Bildschirm zusammen mit seiner Frau Susanne. »Den Seifritz stellen sie aber als ziemlich biederen Schwaben dar. Das hat er nicht verdient«, kritisierte er den Schauspieler, der den Bankdirektor verkörperte. Dass dieser im Film Hans Sanders hieß, veranlasste den Kriminalisten, der sich in Göppingen auskannte, zu einer süffisanten Bemerkung: »Die nennen ihn Sanders – beinahe so, wie dieser Journalist heißt«, grinste er seiner Frau zu. »Hab dir von dem doch schon erzählt. Der steckt seine Nase in Göppingen in alles rein. Georg Sander.«

Susanne konnte sich an einige Episoden des Journalisten erinnern, wollte sich jetzt aber nicht ablenken lassen und dem etwa 15-minütigen Film folgen. Im Anschluss gab neben Moderator Eduard Zimmermann der sichtlich nervöse Soko-Leiter Hartmut Zeller im hellbraunen Anzug mit grauer Krawatte weitere Erläuterungen zu dem Verbrechen. Häberle überlegte, ob sein Kollege den Text tatsächlich auswendig vortrug oder von einem Bildschirm ablas.

Georg Sander, der Journalist, war in diesen Tagen außer Gefecht gesetzt. Er hatte sich bei der verunglückten Landung seines ersten (und einzigen) Fallschirmsprungs das rechte Sprunggelenk innen und außen gebrochen und konnte deshalb die Fernsehfahndung nur vom Klinikbett aus verfolgen. Wie in den Tagen zuvor auch schon die Fußballweltmeisterschaft, die in Spanien stattfand und bei der Italien die deutschen Kicker im Endspiel mit 3:1 besiegte.

Sander, der kein allzu großer Fußballfan war, hatte sich trotzdem geärgert, die meisten Spiele nur in der Klinik anschauen zu können. Noch mehr wurmte es ihn aber, den bislang größten Kriminalfall seiner journalistischen Laufbahn nicht weiter beruflich verfolgen zu können. Doch der altgediente Grüninger konnte dies natürlich mindestens genauso gut.

Sanders Kollegen kümmerten sich in den heißen Julitagen geradezu liebevoll um ihn, versorgten ihn mit den neuesten Nachrichten und brachten ihm sogar nach der XY-Sendung die Pressemitteilung mit, die die Landespolizeidirektion Stuttgart 1 per Fax verbreitet hatte (hier der Originaltext):

Geiselnahme am 7. März d. J. in der Kreissparkasse Göppingen. Wie bereits ausführlich durch die Polizei berichtet, verschafften sich am Tag des Überfalls zwei mit Pistole und Maschinenpistole bewaffnete Männer – einer davon als Polizist verkleidet – kurz nach 20.15 Uhr Zutritt zu der am Stadtrand gelegenen Wohnung des Sparkassendirektors in Göppingen. Sie nahmen ihn und seine 18-jährige Tochter als Geiseln, forderten fünf Millionen DM und hielten die beiden alleine Anwesenden etwa acht Stunden in ihrer Wohnung fest. Am darauffolgenden Morgen, gegen 4 Uhr, entführten sie dann das Mädchen in ein Gartenhaus bei Schorndorf, wo es von einem dritten Täter bewacht wurde. Anschließend fuhren die beiden anderen Täter mit dem Direktor in dessen Dienst-Mercedes zur Hauptstelle der Kreissparkasse in Göppingen, wo sie das Eintreffen weiterer leitender Angestellten abwarteten und dadurch insgesamt 2,7 Millionen DM erpressen konnten. Danach flüchteten sie unter kurzfristiger Mitnahme eines Bankbediensteten als Geisel und konnten unerkannt entkommen. Währenddessen hatte sich die entführte Tochter, nachdem ihr Bewacher das Gartenhaus verlassen hatte, selbst befreien können. Obwohl die Polizei sofort nach Bekanntwerden eine Großfahndung auslöste, fehlt von den Tätern bislang jede Spur. Auch die von der LPD Stuttgart I eingerichtete Sonderkommission »Soko Fils«, die in minuziöser Kleinarbeit mehr als 570 Hinweise und Spuren untersuchte und auswertete, konnte bisher keinerlei konkrete Anhaltspunkte gewinnen. Die ersten brauchbaren Hinweise ergaben sich nun jedoch durch das Auffinden des im zweiten Parkdeck des Gmünd-Centers in Schwäbisch Gmünd abgestellten Tatfahrzeugs im Juni, das möglicherweise mit dem Fluchtfahrzeug identisch ist. Dabei handelt es sich um einen silbermetallic Audi 100 mit bereits Monate zuvor in Schorndorf entwendeten WN-Kennzeichen, die von den Tätern abgefälscht worden waren. Die dem Fahrzeug ursprünglich ordnungsgemäß zugeteilten Ludwigsburger Kennzeichen lagen dagegen im Kofferraum. Im Fahrzeug fand die Polizei einen grünen Polizeianorak, die leere Geldtasche der KSK Göppingen, zwei Handschließen mit passenden Schlüsseln und eine Sonnenbrille.

Sander las den Text interessiert, stellte jedoch fest, dass die Pressemitteilung nur wenig enthielt, was nicht schon bekannt war. Er hatte in den sommerheißen Julitagen trotz des schmerzenden Fußgelenks genügend Zeit, über den Fall nachzudenken. Auch seine Kollegen aus der Redaktion, die ihn beinahe täglich besuchten, wussten von Spekulationen und Gerüchten zu erzählen. Allgemeine Einschätzung: Wie kann es sein, dass Täter so dreist vorgehen und spurlos von der Bildfläche verschwinden? Da musste doch mehr dahinterstecken. Vielleicht doch eine Organisation oder Terroristen? Oder eine ganze Kette von Mitwissern?

29

Die großen Sportanlagen am Stadtrand galten als beliebter Treffpunkt für Honoratioren und solche, die sich dafür hielten. So ziemlich jeder Verein hatte sich hier im Lauf der Jahrzehnte ein eigenes Klubheim gebaut. Längst gab es in den meisten dieser Gaststätten einen Stammtisch, an dem regelmäßig die große und die kleine Politik ausführlich diskutiert wurden. Meist war es eine reine Männerrunde, bestehend aus Kommunalpolitikern sowie Führungskräften aus Wirtschaft und Sportfunktionären, die sich zum geselligen Treffen hier einfand.

Neuerdings hatte sich auch eine attraktive junge Dame namens Analena Heuberg dazugesellt, die zwar in Ulm wohnte, jedoch in Göppingen ein Schmuckgeschäft betrieb. An diesem schwülen Augustabend war sie nach längerer Zeit wieder zum Stammtisch in eines der Vereinsheime gekommen, was den heutigen Wortführer, den Fahrlehrer, Reisebürobesitzer und Kommunalpolitiker Hans Siebeneicher, sichtlich aus der Ruhe brachte. Allerdings war dies beim Anblick einer jungen Frau bei ihm keine Seltenheit, insbesondere wenn sie so luftig-sommerlich gekleidet war wie diese Juwelierin. Der Endvierziger mit schütterem weißem Haupthaar zeigte sich in Anwesenheit des weiblichen Geschlechts immer besonders charmant, während er bisweilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu herben cholerischen Anfällen neigte.

Jetzt rückte er einen Stuhl heran, um links neben der Juwelierin sitzen zu können, die er mit ein paar Komplimenten für sich gewinnen wollte.

Aber wie in den vergangenen Wochen so oft, drehte sich das Gespräch ziemlich schnell um das, was die Göppinger in diesem Sommer am meisten interessierte: der rätselhafte Überfall auf den Bankdirektor und dessen Tochter. Heiko Emmerich, bei der Industrie- und Handelskammer engagierter Mittelständler, der mit Kurzarmhemd und offenem Kragen trotz seines fortgeschrittenen Alters auf burschikoses Auftreten Wert legte, machte eine abwehrende Handbewegung: »Fangt mir doch nicht wieder mit dieser Geschichte an. Wenn ihr mich fragt, will die Staatsanwaltschaft nicht wirklich mit der Sprache heraus.«

»Du meinst, da wird etwas zurückgehalten?« Niels Adamus, der bei der Handwerkskammer einen verantwortlichen Posten bekleidete und im blauen Poloshirt erschienen war, wurde hellhörig. »Du glaubst immer noch, die wissen mehr, als sie sagen wollen?«

Hans Siebeneicher, den das neuerliche Geplänkel um den Überfall nervte, schnitt mit kräftiger Stimme den beiden das Wort ab: »Habt ihr denn kein anderes Thema mehr? Ich glaube kaum, dass dies unsere liebe Analena interessiert. In Ulm kräht doch kein Hahn nach diesen Gangstern.« Er zwinkerte ihr zu, während sie an ihrem Weißweinglas nippte.

»Na ja«, meinte sie kühl, ohne Siebeneicher direkt anzusprechen. »Ich möchte das nicht erleben müssen, was man dem Sparkassenchef angetan hat.«

»Haben Sie denn nie Angst, überfallen zu werden?«, fragte Adamus, um die Dame nun auch ins Gespräch mit einzubinden.

»Angst nicht unbedingt«, erwiderte sie und drehte nervös ihr abgestelltes Glas. »Aber in der dunklen Jahreszeit, wenn’s ab 17 Uhr schon Nacht ist, hab ich manchmal ein ungutes Gefühl, wenn zwei merkwürdige Typen reinkommen und so tun, als interessierten sie sich für eine teure Uhr.«

»Aber Sie haben doch eine Alarmanlage?«, warf Siebeneicher fragend ein.

»Die Anlage schützt den Laden nach Geschäftsschluss. Aber ich hab natürlich einige Vorrichtungen, die tagsüber für Sicherheit sorgen«, erklärte Analena Heuberg selbstbewusst. Mehr wollte sie dazu nicht sagen. Man wusste ja nie, wer an den Nebentischen möglicherweise große Ohren kriegte.

Siebeneicher wollte noch etwas anmerken, aber da kam im Dunst des Zigarettenqualms ein groß gewachsener Mann aus Richtung Eingang auf sie zu. »Oh, oh, der Herr Autoverkäufer kann’s auch schon einrichten«, stichelte Niels Adamus und rückte seine Designerbrille zurecht.

»Hi, Leute«, begrüßte Dieter Blaubart die Runde mit breitem Lachen, worauf er einen freien Stuhl an den runden Tisch heranzog.

Blaubart, ein braun gebrannter Kerl von knapp 50 Jahren mit einigen Falten auf der Stirn, war offenbar geradewegs aus dem Verkaufsraum seines Autohauses gekommen, das sich auf Ex- und Import spezialisiert hatte. Rein äußerlich erweckte er den Anschein, ein Mann von Welt zu sein: korrekter Freizeitlook, passend wohl zu den Fahrzeugmodellen, die auf sportliche Typen setzten. Woher er die hochpreisigen, meist gebrauchten Wagen bezog und wohin sie gingen, darüber wollte er nur ungern sprechen.

»Hallo, schöne Frau«, schmeichelte er der einzigen Dame am Tisch und ließ sich neben ihr nieder. »Haben die Herren Sie gut unterhalten?«

Adamus fühlte sich zu einer Antwort berufen: »Entschuldige, Dieter, aber ich denke, der Dame ist es bisher nicht langweilig geworden.«

Analena reagierte nicht darauf. Ihr war das großspurige Getue von Dieter zuwider. Sie mochte keine Männer, die derart eingebildet waren wie der Autohändler, der wohl glaubte, die halbe Welt kaufen zu können.

Siebeneicher versuchte, die leichte Verstimmung der knapp über 30-Jährigen aufzuheitern: »Geh’n Sie auch zum Spiel gegen Kiel?«, lenkte er ab. Gemeint war die für Mitte September anstehende Begegnung der Göppinger Bundesliga-Handballmannschaft Frisch Auf gegen THW Kiel in der Hohenstaufenhalle. Siebeneicher, selbst begeisterter Sportfan, wusste, dass sich die junge Frau für Handball interessierte.

»Das wird ein spannendes, aber schwieriges Spiel. Sie erinnern sich: Im Januar haben wir auswärts bei denen immerhin gewonnen.«

Emmerich staunte: »Oh, Sie sind aber gut informiert.«

»Ich kann Ihnen sogar sagen, wie Frisch Auf in Kiel gewonnen hat: 18 zu 13«, trumpfte Analena auf und sah in die verdutzten Gesichter der Männer. Natürlich gab es bei den Göppinger Honoratioren sehr viele Handballfans, denn es gehörte zum guten Ruf und war sozusagen Ehrensache, fest zu dem Bundesligisten zu stehen. Aber wenn sich noch jemand an Spielergebnisse von vor über einem halben Jahr erinnern konnte, musste er schon ein ganz eingefleischter Fan sein.

Den Männern am Tisch wurde klar, dass sich Analena als Ulmerin schon sehr mit Göppingen identifizierte. »Ich hab selbst mal Handball gespielt«, verriet sie stolz. »In Ulm. Aber nicht sehr lange.«

»Und deshalb haben Sie sich für die Handballstadt Göppingen entschieden?«, wollte Adamus wissen und sah sie über das dicke schwarze Gestell seiner Brille hinweg verwundert an.

»Nein, nicht deswegen, sondern weil das Juweliergeschäft zur Verpachtung anstand und ich von der Bank einen günstigen Kredit für die Existenzgründung bekommen hab.«

»Sie sind gelernte Juwelierin?«, hakte Autohändler Blaubart nach, weil sie bei ihren letzten Treffen darüber nicht gesprochen hatten.

»Ja, bin ich. Goldschmiedin, genauer gesagt. Aber mein Traum war es schon immer, selbstständig zu sein.«

»Da braucht man allerlei Knete«, warf Siebeneicher aus eigener Erfahrung ein.

»Das kann man wohl so sagen. Jetzt mach ich das seit drei Jahren, aber ganz so locker sitzt den Göppingern das Geld nicht. In Ulm ist mehr gelaufen.«

Blaubart grinste. »Die Göppinger sind sparsam. Anstatt das Geld auszugeben, holen sie sich’s lieber bei der Bank – auf unkonventionelle Weise.« Kaum hatte er es gesagt, spürte er, dass diese ironische Anspielung auf den Bankraub in diesem Augenblick völlig unpassend gewesen war.

Siebeneicher war erneut um Schadensbegrenzung bemüht: »Nun lass mal. Oder willst du behaupten, die Räuber seien wirklich Göppinger?«

Heiko Emmerich, der als einer der Verantwortlichen der Industrie- und Handelskammer stets darauf achtete, den Standort Göppingen nicht in Verruf kommen zu lassen, stellte klar: »Wir sollten das Thema nicht vertiefen. Je mehr Gerüchte in Umlauf kommen, desto schneller könnte auch einer von uns in die Schusslinie geraten.«

»Einer von uns?«, entfuhr es Siebeneicher und sah in irritierte Gesichter. »Glaubst du, jemand würde ausgerechnet uns so ein Kidnapping zutrauen?« Er lächelte verlegen.

Wieder gab sich der Autohändler vorlaut: »Natürlich. Jeder in der Stadt könnte es gewesen sein. Jeder, der in einer finanziellen Klemme sitzt. Oder habt ihr etwa alle keine Schulden?«

30

Die Aufregung legte sich, und auch das Interesse an dem Bankraub schwand von Monat zu Monat. Als Sander wieder genesen war, unterhielt er sich ausführlich mit seinem älteren Kollegen Grüninger darüber, aber außer Spekulationen gab es weiterhin nichts, was sich in diesem Sommer zu dem Thema verbreitet hatte. Für die Journalisten fand sich trotz aller Mühe kein aktueller Grund mehr, die Berichterstattung am Köcheln zu halten. Auch mehr oder weniger regelmäßige Anrufe bei dem Soko-Leiter in Stuttgart erbrachten nichts. Aber einen derart spektakulären Fall als ungeklärt zu den Akten zu legen, das durfte wohl nicht wahr sein. Natürlich schlug sich das dreiste Verbrechen in den Jahresrückblickseiten der Heimatzeitung, der NWZ, nieder, womit neues Salz in die Gerüchtesuppe geschüttet wurde. Sander hatte noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben, seinen Lesern irgendwann einen finalen Artikel bieten zu können.

Er ahnte natürlich, dass im Hintergrund unzählige Vernehmungen liefen und sich die Aktenordner bei der längst nach Stuttgart umgezogenen Sonderkommission füllten. Auch Heinrich Lackner hatte seinem Nachbarn, dem Soko-Leiter Hartmut Zeller, mehrfach das Vorgehen der Gangster im Bankgebäude schildern müssen. Seine Sorge, selbst in die Schusslinie der Ermittler zu geraten, stieg von Woche zu Woche.

Zeller hatte sein hartnäckiges Nachbohren so begründet: »Wir rätseln noch immer, weshalb die Täter so sicher sein konnten, dass in der Bank niemand etwas bemerkt hat.«

»Wie oft soll ich Ihnen noch sagen«, wurde Lackner an diesem Januartag erstmals etwas ungehalten, als ihn Zeller erneut ganz offiziell in ein Büro der Göppinger Kriminalpolizei gebeten hatte, »ich hab nur getan, was mein Chef von mir verlangt hat. Und als die mich dann mitgenommen haben, hatte ich wirklich panische Angst.«

»Haben Sie denn mal mit jemandem über die Örtlichkeiten im Tresorbereich gesprochen? Hat sich mal jemand auffallend dafür interessiert?«

»Was glauben Sie, wie oft ich mir das schon überlegt habe, seit Sie mich das erste Mal dazu befragt haben! Nein, ich kann mich an niemanden erinnern.«

»Sie wurden nie danach gefragt?«, zweifelte Zeller.

»Nein.«

»Auch nicht im Freundes- und Bekanntenkreis? Ich denke, dass es gesprächsweise doch manchen brennend interessiert, wie und wo die Bank das Geld lagert.«

»Na ja«, räumte Zeller ein, »das schon, aber da erzähl ich doch nicht im Einzelnen, wie man da hingelangt und wie man den Tresor öffnen kann.«

»Aber vielleicht, wie das mit den morgendlichen Geldtransporten ist?«

»Was wollen Sie denn von mir hören?«, brummte Lackner hörbar verärgert. »Jetzt werden Sie mich gleich auch noch fragen, ob ich Schulden hatte und dringend 2,7 Millionen Mark brauchte.« Er sah sein Gegenüber erbost an. »Ja, ich habe Schulden. Ich habe ein Haus gebaut. Aber da werden Sie im ganzen Land genügend Leute finden, denen es genauso geht wie mir.«

31

Soko-Leiter Hartmut Zeller hatte sich vorgenommen, die meisten der involvierten Personen noch einmal gründlich unter die Lupe zu nehmen, darunter auch die Chefsekretärin Karin Rüger, die ihr souveränes Auftreten auch im Büro der Kripo nicht verlor. Sie nickte, als Zeller rekapitulierte, wonach sie wohl über das höfliche Auftreten der Gangster verwundert gewesen sei. »Genauso war es«, bestätigte sie und betonte: »Die Herrschaften waren ungewöhnlich freundlich. Gangster stellt man sich ganz anders vor – wie aus den Kriminalfilmen im Fernsehen halt.«

»Aber die beiden waren bewaffnet«, gab Zeller zu bedenken.

»Ja, diese Maschinenpistole … aber die hat der eine gleich weggelegt, als ich gesagt habe, er soll nicht dauernd damit herumfuchteln.«

»Der andere hatte auch eine Waffe.«

»Ja, so eine kleine schwarze. Hab ich aber nicht genau gesehen.«

Zeller entschied, eine direkte Frage loszuwerden: »Hatten Sie während des Überfalls den Eindruck, dass es zwischen den Tätern und Herrn Seifritz einen persönlichen Bezug gab?«

»Persönlichen Bezug? Wollen Sie damit sagen, Herr Seifritz könnte die Täter gekannt haben?«

Zeller schwieg und sah der Frau in die Augen, was sie verunsicherte. »Ich hatte nur den Eindruck«, sagte sie schließlich, »dass sich die Täter mit Bankgeschäften ausgekannt haben.«

»Und mit dem persönlichen Umfeld des Herrn Seifritz«, stellte Zeller fest.

»Dazu kann ich Ihnen nichts sagen«, gab sich die Frau beharrlich.

»Wenn Sie sich zurückerinnern – hat sich in den Monaten vor der Tat jemand bei Ihnen auffällig über Seifritz’ familiäre Verhältnisse erkundigt?«

Karin Rügers Gesicht wurde ernst. »Bei mir? Wie soll ich dies jetzt verstehen?«

»Es könnte doch sein. Nur so beiläufig im Gespräch. Im Freundes- und Bekanntenkreis vielleicht.«

»Ich bitte Sie, Herr Kommissar, wollen Sie mir jetzt unterstellen, mit den Tätern gemeinsame Sache gemacht zu haben? Und das jetzt, ein Dreivierteljahr nach der Tat?«

32

Es war der Tag nach Aschermittwoch. Vom grauen Stuttgarter Himmel rieselte feiner Schnee, als Zeller seinem Vertreter, dem engagierten Kollegen namens August Häberle, gegenübersaß und, wie so oft schon, die immer dicker werdenden Aktenberge zum Göppinger Raubüberfall sichtete.

»So viel scheint festzustehen«, fasste Häberle zusammen, »die Täter sind Deutsche. Alle Zeugen berichten übereinstimmend, dass sie Deutsch mit badischem oder schwäbischem Akzent gesprochen haben.«

»Sie scheinen einen Bezug ins Remstal zu haben«, resümierte Zeller. »Das ergibt sich unter anderem aus dem Abstellort des Fluchtfahrzeugs im Gmünder Parkhaus.«

»Und der Tatsache, dass sich im Remstal die Hütte befindet, in der das Mädchen gefangen gehalten wurde«, bekräftigte Häberle, der es dank seiner Kombinationsgabe schon als junger Beamter zu den Sonderermittlern geschafft hatte.

»Ich werde das Gefühl nicht los, dass es einen Bezug zu Seifritz geben muss«, sagte Zeller, der diese Äußerung niemals öffentlich gemacht hätte.

»Da wäre ich vorsichtig«, meinte Häberle. »Die Vorgehensweise lässt natürlich vermuten, dass sich die Täter in bankinternen Dingen auskennen. Aber mal unterstellt, Seifritz hätte das alles selbst arrangiert, dann wäre das doch ziemlich aufwendig und gefährlich gewesen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass in der Bank etwas schiefläuft, war doch groß. Dann hätten die Komplizen ziemlich schnell ihren Auftraggeber verpfiffen.«

»Ja, schon. Aber warum öffnet der Seifritz abends arglos die Wohnungstür? Die Täter vermuten zwar, dass die Ehefrau anwesend ist, werden dann aber mit der Marion konfrontiert – und sie fragen nicht nach der anderen Tochter oder einem Sohn. Wie reimt sich das zusammen?«

»Zufall«, entgegnete Häberle entwaffnend. »Ich würde den armen Mann in Ruhe lassen. Die Kollegen sagen, er sei noch immer ziemlich mitgenommen.«

»Ist er, ja. Insbesondere macht er sich Vorwürfe, seine Tochter nicht genügend vor den Tätern geschützt zu haben. Die ist übrigens in psychologischer Behandlung.«

»Ich schlag dir vor, Hartmut: Lassen wir die beiden erst mal außen vor. Stattdessen sollten wir uns um einige Bankkunden kümmern, die möglicherweise ihre hohen Kredite nicht zurückzahlen konnten und Grund hätten, sich auf illegale Weise Geld zu besorgen.«

»Du meinst im Ernst, es könnten Kunden der Sparkasse gewesen sein?« Zeller blätterte in seinen Unterlagen. »Suspekt erscheint mir da eher dieser eine Geldbote. Nolte heißt er. Wolfgang. War mal bei der Bereitschaftspolizei, hat dort die Ausbildung gemacht, wurde aber nicht ins Beamtenverhältnis übernommen.«

Häberle nickte: »Hab ich gelesen. Ja. Ex-Polizist und Polizeiuniform. Das macht einen tatsächlich hellhörig.«

»Er könnte nicht nur die Utensilien beigesteuert haben, sondern auch die Kenntnisse über die Vorgänge in der Bank«, ergänzte Zeller, gab aber zu bedenken: »Er hat sich jedoch mit einem der Gangster anlegen wollen, was aber auch ein Täuschungsmanöver sein könnte.«

33

Dieter Blaubart pflegte internationale Kontakte. Insbesondere die Offiziere der 1. Infanteriedivision Forward, die kriegsstark in Göppingen in den sogenannten Cooke Barracks stationiert war, schätzten seine Dienste, wenn es darum ging, Nobelkarossen von Übersee zu beschaffen, Gebrauchtwagen anzunehmen und gewinnbringend in die osteuropäischen Staaten zu verkaufen. Wie er es in den Zeiten des Kalten Krieges schaffte, diese Geschäfte mit der Sowjetunion und den Anrainerstaaten einzufädeln, blieb sein Geheimnis. Aber es gab genügend Kanäle und Beziehungsstrukturen, deren er sich geschickt bediente. Bisweilen halfen einige US-Dollars, um mit gewissen Zuwendungen die bürokratischen Grenzkontrollen zu umgehen.

Nicht immer hatte er es allerdings mit seriöser Kundschaft zu tun. Aber das war er längst gewohnt, weshalb er in seinem Geschäftshaus am Rande der Stadt Göppingen mehrere Alarmanlagen installiert hatte. Nur die Anschaffung von Überwachungskameras hatte er bisher aus Kostengründen gescheut, zumal deren Aufnahmequalität insbesondere bei Nacht nicht vom Feinsten war.

Angestellte hatte er keine, denn er wollte niemanden in sein Geschäftsgebaren einweihen. Auch dem Steuerberater enthielt er das Meiste davon vor, es sei denn, es trug zu einer Minimierung des offiziellen Gewinns bei.

An diesem Winterabend Ende Februar hatte er gerade die Lichter in dem kleinen Büro löschen wollen, als das Telefon läutete. Er sah auf die Uhr: 20.47 Uhr. Keine ungewöhnliche Zeit für seine Geschäfte. In den USA war es immerhin, je nach Zeitzone, erst Nachmittag. Nur bei seiner Kundschaft im Osten ging es langsam auf Mitternacht zu. Von dort kamen trotzdem häufig zu Unzeiten die Anrufe, denn oft brauchten die Kunden aus diesen Ländern viel Geduld, um überhaupt eine freie Telefonleitung nach Deutschland zu erhalten.

Blaubart nahm den Hörer ans Ohr und meldete sich mit einem knappen »Hallo«.

»Ich bin’s«, hörte er eine vertraute Frauenstimme hauchen. »Du bist noch im Geschäft?«

»Wie du merkst«, gab er selbstbewusst zurück. Vor seinem geistigen Auge formte sich das Bild von Kirsten, dieser hochgewachsenen Tänzerin im Luna, die er vor einigen Monaten dort kennengelernt hatte: schulterlange blonde Haare, eine Figur wie ein Titelblattmodel. Sie sah nicht nur im Glitzerlicht des Nachtklubs gut aus, wo sie sich dreimal die Woche aufreizend auszog, sondern auch wenn sie meist im knappen Kleidchen bei ihm auftauchte. Inzwischen wusste er, dass sie auf ihn stand – auf ihn, den erfolgreichen, attraktiven Geschäftsmann, der internationale Kontakte pflegte. Neulich hatte sie sich sogar splitternackt vor einem amerikanischen Straßenkreuzer fotografieren lassen. Sie tat alles, was Blaubart von ihr forderte. Wirklich alles. Fast schien es ihm so, als brauche sie jemanden, der ihr zeigte, wo es langging.

»Hast du heute frei?«, fragte er, weil sie nichts erwidert hatte. Sein Blick fiel auf das gerahmte Foto, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand und das diese junge Frau in aufreizender, splitternackter Pose am Kotflügel eines roten Cadillac-Oldtimers zeigte.

»Nein, ich bin erst kurz vor 23 Uhr dran«, sagte sie leise, und es hörte sich so an, als sei sie in Eile. »Ich wollte dir nur sagen, dass er da war.«

»Er?«, schluckte Blaubart und setzte sich wieder, während er sich im Spiegelbild der nachtschwarzen Scheibe betrachtete. »Bei dir?«

»Ja, und er hat gesagt, ich soll dir ausrichten, dass er endlich die Knete sehen will.«

Blaubart schloss für einen Moment die Augen. »Ich hab dem Idioten doch schon 1000-mal gesagt, dass ich keinen Pfennig rausrücke. Sag ihm das.«

»Diddi, ich glaube nicht, dass er sich so leicht abwimmeln lässt. Das hat sich nicht so angehört.«

»So?« Blaubarts Hand verkrampfte sich am Hörer. »Wieso? Was hat er gesagt?«

»Dass er mit dir reden möchte und du dich auf etwas gefasst machen könntest.«

»Da soll er nur mal aufpassen, dass ich ihn nicht in den Knast bringe.«

Blaubart wünschte sich für einen Moment, nie etwas mit diesem dubiosen Amerikaner zu tun gehabt zu haben.

34

Georg Sander hatte für den ersten Jahrestag des Bankraubs einen großen Artikel vorbereitet. Allerdings musste sich der Lokaljournalist eingestehen, dass es nichts Neues dazu zu berichten gab, außer, dass die geschrumpfte Sonderkommission noch immer im Dunkeln tappte. Entsprechend wenig erbaut war Leiter Hartmut Zeller über den bohrenden Anruf der Göppinger Tageszeitung.

Doch noch vor dem Erscheinungstag der Reportage erschütterte ein neuerliches Verbrechen die Stadt: In der Wohnung des Hausmeisters eines öffentlichen Gebäudes waren fünf Leichen entdeckt worden. Sander war wie vom Blitz getroffen, als er die kurze Polizeimeldung las. Fünf Tote. Aber wohl kein Verbrechen, das größere Ermittlungen auslösen würde: Der 46-jährige Familienvater hatte seine vier Kinder (13, 16, 17 und 24 Jahre alt) erschossen und seine Ehefrau schwer verletzt, ehe er sich selbst tötete. Ein ungeheuerliches Familiendrama.

Sander brauchte ein paar Sekunden, um den Inhalt der dürren Pressemitteilung zu verdauen. Wenig später erfuhr er jedoch etwas, das ihm den Blutdruck in die Höhe jagte, weil es ihn fatal an den Bankraub von vor einem Jahr erinnerte. Denn der Hausmeister war ein sogenannter Polizeifreiwilliger. Einer, der in seiner Freizeit die aktiven Polizeibeamten unterstützte. In Uniform – und mit Waffe.

35

»Ich fasse es nicht«, kommentierte Soko-Leiter Hartmut Zeller, als ihn in seinem Stuttgarter Büro die Nachricht von dem Familiendrama erreichte. Er rief das halbe Dutzend Beamte seines Teams zusammen. Besonders interessiert zeigte sich sein Stellvertreter August Häberle, der hellhörig wurde, wenn Meldungen dieser Art aus seiner Heimatstadt kamen. »Ein Polizeifreiwilliger«, wiederholte er erstaunt und entsetzt gleichermaßen.

»Und die Waffe, die er benutzt hat, war die, die er als Hilfspolizist tragen durfte, aber nicht hätte mit nach Hause nehmen dürfen«, ergänzte Zeller.

»Was glaubt ihr, wie jetzt in Göppingen die Gerüchte ins Kraut schießen«, brummte Häberle.

»Na klar«, meinte ein älterer Beamter, der aussprach, was die anderen dachten, »das muss natürlich etwas mit dem falschen Polizisten zu tun haben, der bei unserem Banker aufgetaucht ist.«

»Suizid, weil er mit dem schlechten Gewissen nicht mehr leben konnte«, resümierte ein anderer. »Dazu noch stilgerecht fast am Jahrestag.«

Häberle hob beschwichtigend die Hände: »Kollegen, das kann alles ein tragischer Zufall sein. Warum sollte einer seine ganze Familie auslöschen, wenn er ein paar 100.000 Mark beiseiteschaffen konnte?«

Einer aus der Runde mutmaßte: »Vielleicht hat seine Frau Wind davon bekommen und wollte ihn verpfeifen.«

Zeller ging nicht darauf ein. »Die Kollegen in Göppingen werden das abklären und uns berichten. Ich kann euch aber schon mal so viel sagen: Der Name des Mannes ist bisher in unseren Ermittlungsakten nicht aufgetaucht. Keinerlei Verbindung in Richtung Seifritz.«

»Hat er denn Schulden, dieser Mann?«, meldete sich ein anderer.

»Auch dazu werden wir bald aus Göppingen Nachricht bekommen.« Er wandte sich an Häberle: »Oder willst du selbst eingreifen?«

»Nein, nein«, wiegelte der junge Ermittler ab. »Lass das mal die Truppe in Göppingen machen. Sonst sind sie womöglich beleidigt, wenn wir schon wieder auftauchen.«

36

Sander fühlte sich von allen Seiten gestresst: unzählige Anrufe von Kollegen aus der halben Republik. Die Boulevardpresse lechzte nach Fotos von dem Haus, in dem sich das Familiendrama abgespielt hatte. Einige ganz forsche Journalisten fragten, ob es denn Bilder von den erschossenen Kindern gebe. Als ob diese irgendwann schon einmal auf einem Gruppenfoto veröffentlicht worden wären. Auch Grüninger schüttelte über derlei Ansinnen den Kopf. Er hatte in der Nachkriegszeit die Zeitung in Göppingen mit aufgebaut und war nie mit der großen Welt der Boulevardpresse direkt konfrontiert worden. In dieser waren die Sitten rau und der Kampf um die beste Story täglich im Gange. Oftmals wurden vergleichsweise hohe Honorare für ein Foto gezahlt, wenn es Täter, Opfer oder sonst eine interessante Person zeigte. Allerdings scheiterten derlei Geschäfte dann meist an den begrenzten schnellen Übermittlungsmöglichkeiten. Ein Foto zu faxen, war natürlich angesichts der schlechten Qualität sinnlos. Und andere Techniken zur Bildübertragung standen der Lokalredaktion nicht zur Verfügung. Abhilfe konnte da allenfalls ein Express-Päckchen per Eisenbahn schaffen: die entwickelten Bilder in einen kleinen Karton gepackt und am Bahnhof aufgegeben. Sofern der Zielort am gleichen Tag erreicht wurde, konnte der Empfänger dort das Päckchen persönlich abholen – und das Foto war noch rechtzeitig genug in der Redaktion, um am nächsten Tag in der Zeitung zu erscheinen.

Der Lokalteil des Heimatblattes erinnerte an diesen Märztagen 1983 ein bisschen an die Boulevardblätter: Kriminelles in jeder Ausgabe. Der Rückblick auf den Banküberfall, das Familiendrama – und an den Folgetagen jeweils Ergänzungsartikel.

Grüninger, der bei seinen frühmorgendlichen Fahrten im überfüllten Linienbus das Ohr buchstäblich am Pulsschlag der Bevölkerung hatte, wurde von Tag zu Tag nervöser. »Glauben Sie denn auch, dass die Sache mit dem Hausmeister mit Seifritz zu tun hat?«, fragte er, nachdem auch Sander bereits kurz nach 8 Uhr in der Redaktion erschienen war.

Der zuckte mit den Schultern. »Schwierig zu sagen. Wir sollten aber dringend mal zu den Gerüchten etwas schreiben.«

Grüninger wollte das Thema in einer der folgenden Redaktionskonferenzen ansprechen und die Meinung der übrigen Kollegen dazu hören.

Noch bevor es dazu kam, ereilte die Redaktion eine neuerliche Schockmeldung. Gerade mal zwei Tage nach dem Familiendrama.

37

Schon einige Stunden zuvor hatte die Meldung bei der Sonderkommission in Stuttgart wie eine Bombe eingeschlagen. Wieder Göppingen. Schon wieder ein mysteriöser Fall. Waren sie denn dort jetzt alle verrückt geworden, oder hatte der Banküberfall nach einem Jahr eine Kettenreaktion ausgelöst? Waren vielleicht doch einige Göppinger darin verwickelt – und drohte etwas aufzufliegen, wovor sie alle Angst hatten? Etwas, von dem die Kriminalisten keine Ahnung hatten? Gerüchte dieser Art würden schnell die Runde machen, schoss es August Häberle durch den Kopf, als er wieder mit Zeller und einigen Kollegen im Besprechungsraum der Landespolizeidirektion Stuttgart 1 zusammengekommen war.

»Wir sind über einen Todesfall unterrichtet worden, der sich am gestrigen Dienstag am Bodensee ereignet hat«, informierte Zeller nun detailliert das ganze Team: Ein Geschäftsmann aus Göppingen war mit seinem Auto von einer Bodenseefähre gerollt und mit dem Fahrzeug versunken.

»Wie?«, fragte einer der Ermittler. »Von der Fähre gerollt? Wie geht das denn?«

Zeller schob einige Blätter beiseite und las nach. »Er ist in Romanshorn, in der Schweiz also, gegen 13.30 Uhr als Letzter auf die Autofähre gefahren, zurück ans deutsche Ufer. Ein Zöllner will beobachtet haben, dass der Mann wohl darauf bedacht war, auch wirklich als Letzter auf das Schiff zu fahren.«

»Ein Suizid also«, resümierte Häberle.

»Die Kollegen in Friedrichshafen gehen davon aus, obwohl kein Motiv dafür erkennbar ist«, berichtete Zeller weiter. »Der Pkw stand mit dem Heck rund fünf Meter von der Reling entfernt, als sich das Auto während der 50-minütigen Überfahrt etwa 600 Meter, bevor die Fähre das Friedrichshafener Ufer erreicht hätte, rückwärts in Bewegung gesetzt hat. So sagen es zwei Jugendliche, die im Fahrzeug davor saßen.«

»Ein Unfall oder eine Fehlbedienung des Autos?«, hakte ein Ermittler nach.

»Sieht nicht danach aus. Die Kollegen schreiben, der Fahrer habe den Motor des Autos gestartet. Und selbst dann, wenn dabei versehentlich der Rückwärtsgang eingelegt gewesen wäre, hätte der kurze Ruck nicht ausgereicht, den Pkw über eine Strecke von fünf Metern zu bewegen und dort eine stabile Absperrkette zu durchbrechen. Im Übrigen seien die Fähren mit einem Gefälle zur Schiffsmitte hin konstruiert, sodass kein Fahrzeug selbstständig von Bord rollen könnte.«

»Was hat der Mann denn in der Schweiz gemacht?«, wollte Häberle wissen. »Hat man im Wagen etwas gefunden? Belege …«

»Belege«, griff Zeller das Gesagte auf. »Du denkst an Bankbelege. Bisher keine Erkenntnisse, nein. Und was den Grund der Reise anbelangt, hab ich die Kollegen in Göppingen gleich, nachdem ich die Meldung gekriegt hab, danach gefragt. Sie sagen, dass er vormittags noch mit seiner Frau gemeinsam in den eigenen Betrieb gefahren ist. Dort habe er dann erklärt, er müsse auswärts geschäftliche Verpflichtungen erledigen und werde deshalb möglicherweise nicht bis zum Mittagesessen zurück sein.«

»Und dann?«

»In seiner Wohnung hat man inzwischen eine Notiz gefunden, mit der er seiner Frau mitteilte, er werde für einige Tage verreisen. Sogar einige Reiseutensilien hat er wohl zusammengepackt, ehe er in Richtung Bodensee gefahren ist, wo er vermutlich den Grenzübergang Schaffhausen benutzt hat.«

»Damit, liebe Kollegen«, fasste Häberle seine Gedanken zusammen, »dürfte sich das Gerüchtekarussell in Göppingen noch rasanter drehen.«

Zeller nickte: »Deshalb wäre es vielleicht nun doch angebracht, du würdest dich in den nächsten Tagen als Einheimischer dort umhören. Findest du nicht auch?«

38

Blaubart hatte in den vergangenen Tagen kein Bedürfnis gespürt, Kirstin zu treffen. Sie hatten einige Male miteinander telefoniert, dabei auch über den Amerikaner gesprochen, der sich Joe Lukas nannte. Doch trotz ihrer inständigen Bitte, ihr zu sagen, welcher Art die Schwierigkeiten mit ihm waren, wich er immer wieder aus und erklärte allgemein: »Die Amis haben seltsame Vorstellungen, was Oldtimer kosten.« Noch hatte sich der Kerl nicht bei ihm gemeldet, dafür aber, so berichtete ihm Kirstin, tauchte er fast jeden Abend im Luna auf, warf geradezu mit Geld um sich und suchte eindeutig die Nähe zu der jungen Frau, deren Job es natürlich war, die männliche Kundschaft zum teuren Sektkonsum zu animieren.

Jetzt, an diesem frühlingshaften Aprilabend, sank er nach unzähligen Telefonaten, die er teils in Englisch, teils in Französisch geführt hatte, auf seinem Bürosessel zusammen und besah, wie immer, wenn die Nacht schon hereingebrochen war, sein eigenes Spiegelbild in der großen dunklen Fensterscheibe. Vielleicht, so dachte er, war es sinnvoll, dort endlich eine Jalousie anzubringen, um nicht von draußen beobachtet werden zu können. Zwar gab es hier am Stadtrand unweit der Cooke Barracks nur selten Passanten, allenfalls ein paar entfernte Nachbarn, die ihre Hunde ausführten. Aber diese Einsamkeit kam ihm seit einigen Wochen nicht mehr ganz so friedlich vor. Schließlich gab es unter seiner gewiss zahlungskräftigen Kundschaft auch einige Typen, die bisweilen etwas dubios erschienen. Außerdem konnte man in den derzeit politisch turbulenten Zeiten niemals so genau wissen, wie lange das internationale Geschäft noch boomte. Die Friedensinitiativen gewannen nahezu täglich mehr an Boden, sodass militärisches Eingreifen, in welcher Form und wo auch immer, das Wirtschaftsgefüge sehr schnell durcheinanderbringen konnte. Außerdem hatte der US-Präsident Ronald Reagan erst dieser Tage die Sowjetunion als »Reich des Bösen« bezeichnet. Das waren wirklich keine guten Zeichen.

Blaubart sah auf den Wecker, der auf seinem Schreibtisch stand: 22.47 Uhr. Das war so ungefähr die Zeit, zu der Kirstin auf die Bühne musste, um die Hüllen von ihrem wohlgeformten Körper fallen zu lassen.

Nein, er entschied, auch heute nicht ins Luna zu gehen, vor allem nicht, weil dort möglicherweise der Amerikaner Lukas sein Unwesen trieb.

Während er sich gerade mit diesem Gedanken beschäftigte, dröhnte etwas an sein Ohr. Aus der Ferne. Ein dumpfer Schlag. Aber von ungewohntem Klang, sodass er regungslos sitzen blieb und in die Nacht lauschte, die nur vom gleichmäßigen Rauschen der Klimaanlage erfüllt war. Seine Augen waren auf die nachtschwarze Fensterscheibe gerichtet, durch die er von außen wie auf einem beleuchteten Präsentierteller wirken musste.

Instinktiv griff er zum Lichtschalter, der sich links an der Wand in Reichweite befand, knipste die Leuchtstoffröhren aus und saß augenblicklich in undurchdringlicher Finsternis, während gleichzeitig wieder ein dumpfes metallisches Geräusch an seine Ohren drang. So, als sei nebenan in der Garagen- und Werkstatthalle eine Verbindungstür zugefallen. Dort gab es einige, die nie zugeschlossen wurden. Aber das große Rolltor, zuckte es ihm durch den Kopf, das hatte er bereits in der Abenddämmerung heruntergefahren. Ganz sicher.

Er spürte, wie sein Herzschlag an Tempo zulegte. Wieder diese Stille und nur das Rauschen der Klimaanlage. Inzwischen hoben sich vor ihm in der Finsternis die Fenster als tief schwarzgraue Flächen ab, denn seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Draußen gab es Streulicht von der nahen Stadt und einigen Straßenlampen. Er drehte den Kopf nach links zu der Tür, die ins Freie führte. Er hatte sie abgeschlossen und den Schlüssel innen steckenlassen. Hingegen befielen ihn Zweifel, ob er auf der gegenüberliegenden Seite die Tür in den Garagenbereich auch schon verschlossen hatte. Manches tat er unbewusst, ohne dass es sich in sein Gedächtnis einprägte, das von der angespannten Situation ohnehin gelähmt zu sein schien. Doch er durfte jetzt nicht panisch werden. Er musste einen klaren Gedanken fassen, versuchte dies auch krampfhaft, doch alles mündete in diese verdammte dumpfe Angst.

Wenn da draußen jemand war, dann konnte dies zweierlei bedeuten: Entweder war’s ein Autodieb oder jemand, der es nur auf ihn persönlich abgesehen hatte. Natürlich, hämmerte es in seinem Gehirn, da lauerte jemand auf ihn. Denn ein Autodieb wäre durch das Licht, das bis vor wenigen Minuten im Büro gebrannt hatte, abgeschreckt worden. Dann hätte der gewiss gewartet, bis die Luft rein gewesen und das Auto vor dem Gebäude weggefahren wäre. Wenn der Unbekannte trotzdem eingedrungen war, dann bedeutete dies allergrößte Gefahr.

Blaubart überlegte für einen Moment, ob er die Polizei rufen sollte. Eine schwerwiegende Entscheidung zwischen Leben und Tod – oder zwischen Regen und Traufe?

Er konnte jedoch unmöglich einfach in der Dunkelheit sitzen bleiben. Wenn er allerdings diese verdammte Tür zur Garage tatsächlich nicht verschlossen hatte, würde sie sich jeden Augenblick öffnen. Und wenn sie doch verriegelt war, bot sie auch keinen Schutz. Der Unbekannte brauchte doch nur die Fensterscheibe einzuschlagen. Okay, beruhigte er sich, das war zwar sogenanntes Sicherheitsglas, das man nur mit einem Vorschlaghammer zertrümmern konnte. Aber was, wenn der Eindringling einige Schüsse abfeuerte?

Blaubart griff reflexartig zur linken unteren Schublade seines Schreibtisches und fingerte zwischen Papieren nach jenem Gegenstand, den er dort seit einigen Monaten aufbewahrte. Sofort spürte er das kühle Metall, den Griff und die Form des Revolvers, den er im geladenen Zustand hier versteckt hatte. Für den äußersten Notfall. Nie hatte er damit geschossen. Und auch jetzt wollte er es nicht. Aber wenn er sich zur Wehr setzen musste, wenn es wirklich um Leben und Tod ging, was blieb ihm dann anderes übrig? Er nahm die schwere Waffe in die rechte Hand und zielte in Richtung jener Tür, von der er nicht wusste, ob er sie im abendlichen Arbeitseifer schon verriegelt hatte. Ihre Konturen konnte er in der Dunkelheit, die ihn umgab, schemenhaft erahnen.

Wenn sie jetzt aufging, wenn dort plötzlich die Silhouette einer Person erschien, die er in diesem fahlen Lichtschimmer natürlich nicht würde erkennen können, sollte er dann rigoros abdrücken? Ohne zu wissen, wen er da niederschoss? Würde man ihm Notwehr zugestehen?

Aber er konnte doch nicht regungslos sitzen bleiben und mit dem Täter eine Konversation beginnen. Noch ehe er dazu in der Lage wäre, würde womöglich der andere schießen. Wilde Gedanken jagten gleichzeitig durch seinen Kopf.

Blaubart spürte, dass seine rechte Hand mit der schweren Waffe zitterte. Er konzentrierte sich darauf, sie zu entsichern. Jetzt bedurfte es nur noch einer kleinen Fingerbewegung, und ein Schuss würde sich lösen.

Noch aber blieb es still. Kein neuerliches Geräusch mehr. Oder waren da irgendwo Schritte? Feste Schuhe auf dem Betonboden der Garage? Blaubart hielt den Revolver krampfhaft umklammert. Vorsicht, riet ihm die innere Stimme. Eine falsche Berührung, und die Waffe könnte losgehen.

Das monotone Rauschen der Klimaanlage schien sich immer tiefer in seine Ohren zu fressen und gaukelte ihm Geräusche vor, die es gar nicht gab.

Die Taschenlampe, durchzuckte es Blaubart. Natürlich. In der obersten Schublade hatte er sich doch eine dieser starken Halogenlampen bereitgelegt. Für den Fall eines Stromausfalls. Er konnte mit ihr die Klinke der gegenüberliegenden Tür anstrahlen und sofort sehen, ob sich etwas bewegte. Und er könnte eine Person blenden, die in den Raum käme. Blaubart hielt mit der rechten Hand den Revolver auf die Tür gerichtet und zog mit der linken die obere Schreibtischschublade heraus, in der griffbereit die Stablampe lag. Sie mit links einzuschalten, erforderte als Rechtshänder einiges Geschick. Für einen Augenblick zögerte er noch, denn ein Licht im Büro würde ihn durch das Fenster wieder verraten.

Er entschied, dieses Risiko einzugehen, und zielte mit dem schmalen Lichtstrahl auf die Klinke der gegenüberliegenden Tür, die in den Garagenbereich führte. Wieder quälte ihn die bange Frage, ob sie verriegelt war oder nicht.

Dann geschah es. Oder war es nur Einbildung? Die Klinke bewegte sich nach unten. Ja, eindeutig. Blaubarts Blutdruck schoss in die Höhe. Gleich würde sich die Tür öffnen, sofern er sie nicht verschlossen hatte. Gleich würde es geschehen. In der nächsten Sekunde. Schießen. Du solltest sofort schießen, wenn es so weit ist, mahnte seine innere Stimme. Nein, nein, befahl ihm der Verstand. Ein einziger Schuss würde alles verändern. Brutal und radikal.

39

Wolfgang Nolte war nach der Frühschicht bei seinem Arbeitgeber, einem Security-Geldtransport-Unternehmen, wenig begeistert, wieder mit der Kriminalpolizei konfrontiert zu werden. Wie oft sollte er denn noch schildern, was sich an jenem Märzvormittag vor einem Jahr ereignet hatte? Dass er in Begleitung seines damaligen Kollegen beim ersten Botengang zur Landeszentralbank nicht das Geringste von dem Überfall mitbekommen habe und erst nach der Rückkehr vom zweiten Transport mit einem Gangster konfrontiert worden sei? Natürlich waren die Ermittler hellhörig geworden, als er ihnen gesagt hatte, er sei ausgebildeter Polizist, aber nicht in die Beamtenlaufbahn übernommen worden. Immerhin hatte sich einer der Gangster als Polizist verkleidet gehabt. Da lag es natürlich nahe, alle, die mit Polizeiuniformen zu tun hatten, genauer unter die Lupe zu nehmen. Aber wieso kam jetzt wieder ein Kriminalist, dazu noch in seine Wohnung in Schwäbisch Gmünd? Natürlich war auch seine Adresse verdächtig, schließlich hatte man das Fluchtauto gar nicht weit weg in diesem Innenstadtparkhaus gefunden. Waren die Kriminalisten so einfältig zu glauben, er hätte als Täter dieses Fahrzeug gerade mal vier Querstraßen von seiner Wohnung entfernt stehen lassen? Hartmut Zeller war persönlich gekommen und im vierten Obergeschoss eines innerstädtischen Wohnblocks in ein spärlich eingerichtetes Wohnzimmer geführt worden. »Ich hab Ihnen am Telefon gesagt, dass wir alle Akten noch einmal gründlich durchgehen«, versuchte der Soko-Leiter die Atmosphäre zu entkrampfen.

Nolte, der hemdsärmelig und in verwaschenen Jeans vor ihm saß, nickte mit versteinertem Gesicht. »Und was ist jetzt neu?«, fragte er mit einer Mischung aus Arroganz und Unsicherheit.

»Leider nichts. Wir versuchen immer noch, über das persönliche Umfeld aller Beteiligten, also auch von Herrn Seifritz, an etwas Verdächtiges heranzukommen.«

Nolte wollte etwas sagen, aber Zeller ließ ihn nicht zu Wort kommen, weil er einen Einwand befürchtete und ihm deshalb vorsorglich den Wind aus den Segeln nahm: »Das hat nichts mit der jeweiligen Person zu tun. Also auch nicht direkt mit Ihnen.« Er sah sein Gegenüber nachdrücklich an. »Sie haben selbst die Ausbildung zum Polizeibeamten durchlaufen, bei der Bereitschaftspolizei in Göppingen. Dann hat man Sie aber mit 27 nicht verbeamtet. Das muss ein Schock für Sie gewesen sein«, stellte er fest.

»Das kann man so sagen, klar. Man durchläuft die Ausbildung, malocht da rum und kriegt dann gesagt, dass man wegen einer Arthrose im Knie abhauen kann.« Es klang verbittert.

»Hatten Sie für diesen Fall keine Versicherung abgeschlossen?«

»Wissen Sie denn, was die kostet? Und wissen Sie, was man in der Ausbildung und anschließend als Wachtmeister verdient? Ich hab doch nicht damit gerechnet, dass ich plötzlich nicht für den Polizeidienst tauge.«

Zeller nickte verständnisvoll. Er kannte einige ähnlich tragische Fälle: wenn junge Leute zwar den ärztlichen Aufnahmecheck für die Ausbildung bestanden hatten, dann aber mit 27, wenn die medizinische Untersuchung zur Übernahme in die Beamtenlaufbahn auf Lebenszeit erfolgte, ein gesundheitliches Defizit aufwiesen, das der Heilfürsorge – eine Art staatliche Krankenversicherung für die Beamten – langfristig allzu risikoreich erschien. Sogar eine Allergie konnte dafür ausreichen.

»Sie haben aber gleich einen Job gefunden?«, bohrte Zeller weiter.

»Einen Job, ja, aber was ist das im Vergleich zum Beamtenstatus?«, erwiderte Nolte frustriert. »Einen Ex-und-Hop-Job hab ich gefunden. Nichts Sicheres. Befristeter Vertrag, keine Aufstiegsmöglichkeit. Soll das eine Entschädigung dafür sein, dass ich mich jahrelang vergeblich in die Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei reingekniet habe?«

Zeller konnte die Enttäuschung und Bitternis des Mannes verstehen und hakte nach: »Haben Sie eine Familie zu versorgen?«

»Gott sei Dank nicht.«

»Freundin?«

»Ja, hab ich«, sagte Nolte, um sogleich misstrauisch zu werden: »Was hat das mit all dem zu tun?«

»Nur so am Rande. Es hätte doch sein können, dass Sie mit einer etwaigen Freundin über Ihren Job und die Abläufe beim Geldtransport gesprochen haben.«

»Sie dürfen mir glauben, dass ich darüber mit niemandem rede.«

»Das glaube ich Ihnen«, beruhigte Zeller, blieb aber beharrlich: »Und wer ist Ihre derzeitige Freundin?«

»Tut das etwas zur Sache?«

»Nein, überhaupt nicht. Darf ich trotzdem fragen, wer die Glückliche ist?«

»Natürlich dürfen Sie das. Das ist doch kein Geheimnis.«

»Und wer ist es?«, fragte Zeller.

»Ich geh mal davon aus, dass Sie’s schon wissen«, witterte Nolte den Grund der Frage. »Es ist Frau Offenbach. Heidi Offenbach. Sie hat bis vor Kurzem bei der Sparkasse gearbeitet. Das ist es doch, was Sie hören wollen, oder?«

Zeller zuckte mit den Schultern. »Hören will ich nicht das, was ich gern hören möchte, sondern nur die Wahrheit. Sie werden verstehen, dass ich mich auch noch mit Frau Offenbach unterhalten möchte.«

»Wie? Was soll denn das jetzt?«, entgegnete Nolte empört. »Was hat Heidi damit zu tun? Wir wollen demnächst heiraten. Wir erwarten Nachwuchs.«

Zeller nickte nachdenklich. »Noch eine Verständnisfrage, Herr Nolte. Die drängt sich in Ihrem Falle leider auf. Sie waren Polizeibeamter und hatten eine Uniform …«

»Das hab ich Ihrem Kollegen doch bereits vor einem Jahr gesagt. Was ist jetzt daran unklar?«

»Sie haben gesagt, dass Sie Ihre Uniform verschenkt haben. Ans Naturtheater Heidenheim für den Kleiderfundus«, gab sich Zeller informiert und ergänzte: »Wenn ich Ihnen aber nun sage, dass wir uns dort erkundigt haben und niemand etwas davon weiß, dass ein Herr Nolte seine Polizeiuniform gespendet hat?«

Noltes Gesichtszüge versteinerten sich. »Sie wollen andeuten, dass ich lüge? Die waren dort begeistert, so eine Uniform zu kriegen. Da gibt’s keine Quittung oder so was. Da bringt man was hin und fertig. Außerdem ist das schon über zwei Jahre her.« Er hatte Mühe, seine Aufregung zu verbergen.

»Kein Grund zur Panik, Herr Nolte«, versuchte ihn Zeller zu beruhigen. »Alles wird gut.« Er sah seinem Gegenüber fest in die Augen.

40

Blaubart hatte auch Tage nach dem abendlichen Albtraum in seinem Büro das Geschehen nicht verarbeitet. Natürlich war da jemand gewesen, aber glücklicherweise hatte niemand versucht, die Tür von der Garage in sein Büro zu öffnen. Nach bangen Minuten des ängstlichen Wartens war nichts mehr zu hören und auch nichts zu sehen gewesen. Und als schließlich ein Auto mit quietschenden Reifen davongefahren war, hatte er sich wieder getraut, das Licht anzuknipsen.

Die Innentür hinaus in den Garagen- und Werkstatttrakt war tatsächlich geschlossen gewesen. Zum wiederholten Male lief das bedrohliche Szenario vor seinem geistigen Auge ab. Wie schon so oft in den vergangenen Tagen. Denn er hatte niemanden, mit dem er darüber reden konnte.

Ihn überkam noch einmal das Gefühl, wie es ihn übermannt hatte, als er wie gelähmt die Waffe in der Hand hielt. Wie er damit zu der Tür gegangen war. Dann die große Erleichterung, als sie tatsächlich verriegelt gewesen war.

Er schloss die Augen und lehnte sich in seinen Bürostuhl zurück, durchlebte wieder die Szene, als er die Waffe vor sich in den angrenzenden Raum gehalten und die taghellen Leuchtstoffröhren hatte aufflammen lassen: vor ihm die kostbaren US-Oldtimer-Fahrzeuge, chromblitzend im grellen Licht. Alles schien unberührt zu sein, das Rolltor geschlossen, eine Außentür auch. Hatte er sich getäuscht? Diese Frage plagte ihn nun seit Tagen. War alles nur Einbildung gewesen, weil ihm Kirstin von dem energischen Auftreten des Amerikaners berichtet hatte?

Die Erinnerungen an den Abend liefen weiter wie in einem Film, den er nicht stoppen konnte: Er war zurück ins Büro gegangen, hatte sämtliche Halogenstrahler draußen im Hof eingeschaltet, die er nun endlich über einen Bewegungsmelder steuern lassen wollte, und hatte die im Freien stehenden Fahrzeuge überblickt: Chevrolet, Mercedes, BMW, Ford, Porsche, Jaguar. Allesamt längst zu begehrten Oldtimern geworden. Doch etwas war anders gewesen: Auf der roten Motorhaube des Chevrolets hatte sich das Scheinwerferlicht auf seltsame Weise gebrochen.

Wieder befiel ihn jetzt der unbändige Zorn, der über ihn hereingebrochen war, als er die große Delle und den abgesplitterten Lack gesehen hatte.

Er würde den Teufelskerl finden, der mit einem schweren Gegenstand auf das Blech eingeschlagen hatte. Dazu brauchte er keine Polizei. Außerdem würde dies nur zu Ermittlungen führen, die er vermeiden wollte. Es kursierten schon viel zu viele Gerüchte über ihn. Meist steckte nur der pure Neid dahinter. Weil er mit seinem Geschäft erfolgreich war. Und er sich in allen gesellschaftlichen Kreisen bewegte.

Hinter dem, was jetzt geschehen war, steckte zweifellos dieser Lukas, dieser unangenehme Amerikaner, hämmerte es durch seinen Kopf. Immer und immer wieder. Vermutlich wollte ihn der Kerl mürbe machen. Aber Geschäft war Geschäft.

Er musste hart bleiben und deshalb sein Gelände nun endlich mit den modernsten Überwachungsanlagen sichern lassen.

Er versuchte, das traumatische Erlebnis abzuschütteln, und gab an der Wählscheibe seines Telefons eine sechsstellige Nummer ein. Während der Rufton an sein Ohr drang, nahm er sich vor, mit der geplanten Installation von Überwachungseinrichtungen auch gleich den altmodischen Wählscheibenapparat durch ein modernes Tastentelefon ersetzen zu lassen.

»Ja?«, holte ihn eine hauchende Frauenstimme aus diesen Gedanken zurück.

»Hi«, gab er sich locker, »ich bin’s. Bist du heute Abend auch wieder dran?«

»Och«, machte sie keck. »Das solltest du wissen. Heute ist mein freier Abend.« Ein Lachen war zu hören. »Heut zieh ich mich nur für dich aus.«

Er war ob solcher Direktheit jedes Mal wieder aufs Neue perplex.

»Machen wir wieder Fotos in der Garage?«, fragte sie, bevor er etwas antworten konnte. »Dann zieh ich mir was Aufregendes an – zum Ausziehen.«

41

August Häberle freute sich, endlich mal wieder draußen in der Provinz ermitteln zu dürfen. In Bopfingen, am Fuße des Ipfs im äußersten Osten Baden-Württembergs geboren, war er auf Empfehlung seines damaligen Boxtrainers statt zur Bundeswehr zur Bereitschaftspolizei gegangen, bei der er wenig später die Begeisterung für die Arbeit der Kriminalpolizei entdeckt hatte, obwohl er viel lieber Seemann geworden wäre. Die Gelassenheit und Ruhe für die raue See hätte er bestimmt mitgebracht. Längst hatte er auch gelernt, dem Volk aufs Maul zu schauen. Und er wusste, wie zurückhaltend gerade die Menschen auf dem Land waren, »wenn der Herr Kommissar etwas wissen will«, pflegte er oft im Kollegenkreis zu sagen. Viele Menschen scheuten sich, »so richtig etwas zu Protokoll zu geben.«

Dass er gutem Essen nicht abhold zu sein schien, war ihm durchaus anzusehen. Gerade dies machte ihn zum Gemütsmenschen, der Vertrauen und Optimismus ausstrahlte. Nur unterschätzen durfte man ihn nicht, wenn er so dasaß, die kräftigen Arme verschränkt: Er war aktiver Judoka.

Helmut Reinicke, der Installationsmeister, musterte den Kriminalisten von oben bis unten. Er saß ihm in einem der Büros bei der Polizeidirektion Göppingen gegenüber und umklammerte die Lehne des Stuhls. Rein äußerlich, so dachte Reinicke, würde er’s mit Häberle locker aufnehmen können. Beide waren sie von kräftiger Gestalt. Doch Häberle riss ihn aus solchen Gedanken: »Ich hab gelesen, was Sie vor einem Jahr meinem Kollegen Biegert gesagt haben. Leider sind wir keinen Schritt weitergekommen. Deshalb fragen wir noch einmal alle, die im Umfeld der Bank zu tun hatten, ob ihnen inzwischen nicht doch etwas eingefallen ist, was im Nachhinein verdächtig erschienen sein könnte.«

»Verdächtig?«, echote Reinicke und wippte mit den Beinen. »Das ist jetzt über ein Jahr her.«

»Manchmal kommt man erst später drauf, dass da irgendetwas war: irgendjemand, der sich für das, was Sie während Ihres Auftrags in der Bank gesehen haben, besonders interessiert hat. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Sie nach dem Überfall im Freundeskreis gesagt haben, schon mal im Tresorraum gewesen zu sein.«

»Hinterher«, wiederholte Reinicke verständnislos. »Ein Täter wird sich ja nicht hinterher bei mir informieren.«

»Das nicht. Aber vielleicht hat man drüber diskutiert, und irgendjemand hat etwas gesagt, aus dem man schließen könnte, dass er vielleicht mehr weiß, als er wissen sollte.«

»Ne, tut mir leid. Mehr als das, was ich damals Ihrem Kollegen gesagt habe, weiß auch ich nicht. Und dass es inzwischen 1000 Gerüchte in der Stadt gibt, werden Sie ja mitbekommen haben. Plötzlich wird alles, was passiert, mit dieser Sache in Verbindung gebracht. Das muss für die Betroffenen ziemlich schlimm sein.«

»Ist es auch«, bekräftigte Häberle. »Da werden inzwischen Menschen, die ein schreckliches Schicksal erlitten haben, gerüchteweise verdächtigt, mit den Sparkassenräubern unter einer Decke zu stecken.«

Reinicke verschränkte die Arme, als wolle er auf Distanz gehen. »Wenn Sie das so sehen, dann werde ich doch auch verdächtigt – oder sehe ich das falsch?«

»Was die objektive Seite anbelangt, sehen Sie das falsch«, beruhigte Häberle. »Aber was die Leute schwätzen, ist natürlich subjektiv. Fast scheint es so, dass jeder, der mal im Bankgebäude gearbeitet hat oder den Herrn Seifritz kennt, als potenzieller Täter infrage kommen könnte. Bis dahin, dass man an den Angaben der Opfer selbst zweifelt.« Häberle sah auf die Unterlagen, die er von den Kollegen aus Göppingen erhalten hatte. »Wir haben uns berichten lassen, Sie seien eine Zeit lang mit einer Angestellten der Kreissparkasse liiert gewesen.«

Reinicke umklammerte wieder die Armlehne des Stuhls. »Ja – und? Das war kein Geheimnis. Was wollen Sie mir damit sagen?«

»Gar nichts. Ist nur eine Frage. Reine Routine. Wir interessieren uns leider immer noch, wer welchen Kontakt zur Sparkasse hatte. Ich geh mal davon aus, dass es Ihnen und der Dame nichts ausmacht, wenn Sie mir sagen, um wen es sich handelt.«

»Wieso sollte mir das etwas ausmachen? Und wenn Sie so fragen, wissen Sie’s vermutlich eh schon. Ihr Informant wird doch den Namen genannt haben, oder?«

Reinicke runzelte die Stirn. »Tutto con calma, Herr Häberle. Alles mit der Ruhe.«

»Tutto – was?«, stutzte Häberle.

»Tutto con calma«, wiederholte Reinicke. »Immer mit der Ruhe. Habe ich bei meinen Urlauben an der Adria gelernt.«

Häberle nahm es nickend zur Kenntnis, ließ sich aber nicht ablenken:»Sie wollten mir den Namen der Dame sagen«, beharrte Häberle.

»Offenbach, Heidi«, brummte Reinicke missmutig. »Sie arbeitet aber inzwischen nicht mehr bei der Sparkasse. Und zwischen uns ist nichts mehr. Wir haben uns damals kennengelernt, als ich in der Tiefgarage den Rohrbruch behoben habe. Das haben wohl einige in der Sparkasse mitgekriegt.« Er machte eine abweisende Handbewegung. »Aber das ist ja schon über ein Jahr her.«

42

Kirstin war wirklich verrückt. Schon wie sie aus ihrem Mercedes-Cabrio stieg, im kurzen Kleid, tief ausgeschnitten, und auf Blaubarts Büro zu stöckelte, ließ erkennen, dass sie mit ihren weiblichen Reizen nicht geizte. Natürlich war sie es gewohnt, diese in Nachtklubs zur Schau zu stellen. Außerdem genoss sie die lüsternen Blicke der Männer. Sie fand es anregend und prickelnd, sich nackt zu präsentieren. Schon gar in einer Kleinstadt, in der es nur diesen einen Nachtklub gab, von einigen halblegalen Rotlichtkneipen vielleicht abgesehen. Kirstin wusste natürlich, dass sich im Luna zahlungskräftige Kundschaft aufhielt, obwohl es um kaum mehr ging als Striptease und die körperliche Nähe an der Sektbar.

Blaubart kam ihr an diesem lauen Abend entgegen, umarmte und küsste sie und machte ihr Komplimente. »Du hättest es als Model auf die Titelseiten der Männermagazine geschafft.«

»Oder auf Autozeitungen«, ergänzte sie lächelnd und streichelte seine strohblonden Haare« »Du magst doch scharfe Kurven und elegante Formen.«

Blaubart schluckte. »Ich hab ein paar tolle neue Kisten da«, presste er hervor und hatte Mühe, sich auf ihre Fotowünsche zu konzentrieren.

»Und ich hab ein paar Klamotten dabei«, erwiderte sie. »Falls du nicht nur Haut und Blech magst.«

Er lächelte und führte sie in die Garage, wo seine kostbaren Gefährte blitzblank standen. Sie stöckelte mit schwingendem Kleidchen hinterher, während er auf einen historischen US-Ford deutete, der ein typischer Straßenkreuzer war: »Immer wenn ich diese Kotflügel sehe, muss ich an deine Schenkel denken.«

»Lustmolch«, warf sie ihm neckisch vor. »Sag mal, hast du den alten Chevi auch noch? Den roten?«

Blaubart wurde aus seinem Hochgefühl gerissen, zögerte und sah Kirstin irritiert ins Gesicht. »Den Chevrolet? Der steht draußen. Hättest du sehen müssen.«

»Hätt ich?«, fragte sie zurück. »Ist mir nicht aufgefallen. Aber was hältst du davon, wenn ich mich in dem auf den Rücksitz lege. So ganz mit nix auf dem Ledersitz.«

Blaubart wusste für einen Moment nicht, wie er diese Frage deuten sollte. Wollte sie es tatsächlich nur fürs Fotografieren tun – oder erwartete sie dann mehr von ihm? Hier in der Garage? Dazu noch in diesem demolierten Chevrolet?

43

Häberle spürte, wie belastend das Verbrechen auch nach über einem Jahr für die Beteiligten war. Vor allem die Gerüchte, die ihnen ständig zu Ohren kamen, machten ihrer Psyche zu schaffen. Deshalb war Berthold Rilke nicht gerade erfreut gewesen, als Häberle um einen Termin bei ihm gebeten hatte. Rilke, wie immer korrekt gekleidet und um untadeliges Auftreten bemüht, führte den Kommissar aus Stuttgart in ein Besprechungszimmer der Kreissparkasse, wo sie ungestört miteinander reden konnten. »Haben Sie denn eine heiße Spur?«, staunte der Kassierer, nachdem sie sich an einen Tisch gesetzt hatten.

»Leider nein. Deshalb klopfen wir noch einmal alle möglichen Verbindungen ab«, seufzte Häberle in sich hinein. »Vielleicht sind ja den Betroffenen – also auch Ihnen – im Laufe der Zeit Dinge eingefallen, die Ihnen im Nachhinein merkwürdig erscheinen.«

»Welche sollten das sein?«, wurde Rilke verunsichert. »Als ich vor über einem Jahr meine Aussage gemacht habe, war alles noch frisch. Jetzt plagt mich die Sache nur noch im Schlaf. Ich wache schweißgebadet auf und muss mir dann immer einreden, dass alles vorbei ist.«

Häberle nickte verständnisvoll. »Sie sind ja frühzeitig mit den Tätern zusammengetroffen, im Büro von Herrn Seifritz«, konstatierte er ruhig. »Wie würden Sie jetzt, mit dem Abstand von eineinhalb Jahren, die Situation zwischen ihm und den Tätern beschreiben?«

Auf Rilkes Stirn zeichneten sich Sorgenfalten ab. »Nicht anders wie vor eineinhalb Jahren. Die Täter sind sehr freundlich mit ihm umgegangen. Kein Geschrei oder so etwas. Das wird mein Kollege Lackner ebenso gesagt haben.« Er räusperte sich. »Wissen Sie, es gibt so viele Gerüchte, die das alles in Zweifel ziehen und irgendwelche Vermutungen in die Welt setzen. Aber glauben Sie mir: Herr Seifritz leidet noch immer sehr unter dem Verbrechen. Mag er es auch als Banker irgendwie weggesteckt haben. Aber privat geht das nicht so einfach.«

»Und Sie? Haben Sie den Eindruck, dass man auch Ihnen in der Öffentlichkeit zutraut, in die Sache verstrickt zu sein?«

»Ja natürlich«, wurde der sachliche Rilke unerwartet emotional. »Man kriegt das natürlich nicht direkt gesagt, aber meine Frau schnappt das eine oder andere Gespräch in der Stadt auf, in dem es dann heißt: ›Na ja, die Sache stinkt doch‹, oder ›Die Geschichte kann so überhaupt nicht stimmen.‹«

»Noch eine Verständnisfrage, Herr Rilke: Kennen Sie die Geldboten persönlich?«

»Nein. Nur vom Gesicht her.«

»Inwieweit sind die in die internen Abläufe hier im Hause eingeweiht?«

»Gar nicht. Sie kommen angefahren, stellen den Wagen in der Tiefgarage in der Sicherheitsschleuse ab, benutzen den Lift ins dritte Untergeschoss und holen den Scheck ab oder bringen das georderte Geld.«

Häberle hatte sich die Räumlichkeiten schon vor einem Jahr zeigen lassen. »Wurden Sie jemals von einem der Geldboten zu den Abläufen befragt?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Nun hat ja Ihr Kollege Lackner sozusagen geistesgegenwärtig den Tätern sogenanntes Fanggeld untergeschoben, also Scheine, deren Nummern registriert sind. Das hat aber wohl erst funktioniert, nachdem ein Kassierer von oben kam, um zum Geschäftsbeginn Geld zu holen.«

»Ja. Das war, wenn Sie wollen, ein Glücksfall. So konnte mein Kollege, während ich die schriftlichen Formalitäten abwickelte, ein paar Geldbündel austauschen. Er hat dem Kollegen 30.000 aus der Transporttasche gegeben und sie mit Geld aus dem Tresor wieder aufgefüllt. Mit diesem sogenannten Fanggeld, das für solche Fälle gedacht ist.«

»Und warum haben Sie beim Einsortieren des Geldes nicht gleich von vorneherein solche Scheine in die Tasche der Täter gesteckt?«, wollte Häberle wissen und löste bei Rilke erneut eine finstre Miene aus.

»Was soll jetzt diese Frage?« Rilkes ruhige Stimme verlor ihren sachlichen Klang. »Wollen Sie mir jetzt einen Vorwurf machen? Wenn das mit dem nummerierten Geld etwas genützt hätte, wären die Hunderter längst irgendwo aufgetaucht.«

Häberle überlegte kurz. »Natürlich können die Täter das Geld jetzt erst mal irgendwo bunkern, vielleicht einen Teil davon ins Ausland schaffen, zum Beispiel in die Schweiz, und dort auf einem Schließfach liegen lassen.«

»Ja natürlich. Wenn sie clever sind, werden sie’s auch so machen. Und vielleicht erst holen, wenn der Raub verjährt ist.«

»Nun ja«, hob Häberle abwägend die Arme. »So einfach ist das nicht. Je nachdem, wie es juristisch bewertet wird: räuberischer Menschenraub mit Geiselnahme. Das ist ein ziemlich großes Ding. Da kann die Verjährung erst nach Jahrzehnten greifen.«

Rilke rang sich ein Lächeln ab: »Gut angelegt können die 2,7 Millionen ganz schön Zinsen bringen.«

»Vorausgesetzt«, gab Häberle zu bedenken, »die Täter können so lange auf ihr Geld warten und die Zinsentwicklung bleibt günstig. Da bedarf es doch einiger Geduld, die solche Herrschaften meist nicht haben.«

44

Das Fotoshooting hatte genauso stattgefunden, wie von Kirstin gewünscht. Dass Blaubart ein begeisterter Hobbyfotograf war, kam ihr sehr entgegen. Vieles, was er aufgenommen hatte, war bei ihrer Kundschaft begehrt. Großformatige Fotos in Schwarz-Weiß und in Farbe konnte sie nach ihren Auftritten verkaufen. Außerdem hingen die Bilder in den Schaukästen der kleinen Rotlichtbars, die es wegen der strengen behördlichen Auflagen jedoch vermieden, allzu freizügige Fotos zu zeigen, trotzdem aber ihrem Publikum einen Hauch von Erotik und großstädtischem Nachtleben vermitteln wollten.

Blaubart hatte in einem diskret arbeitenden Fotolabor die Abzüge in Auftrag gegeben, die er jetzt vorsichtig in Klarsichtfolien schob. Dabei befiel ihn jedes Mal dieser eifersüchtige Gedanke gegenüber jenen fremden Männern, die auf diese Weise zu einem Besuch eines Nachtlokals animiert werden sollten. Eine Vorstellung, die er zu verdrängen versuchte, denn er wollte Kirstin mit niemandem teilen müssen – wohl wissend natürlich, dass es deren Job war, das männliche Publikum anzustacheln. Allerdings, davon war Blaubart überzeugt, blieb es in den Bars bei der Zurschaustellung der weiblichen Reize. Darüber hinaus, so hatte Kirstin ihm schon mehrfach versichert, sei mit ihr nichts anzufangen. Ob sie jedoch außerhalb des Etablissements lukrativen Angeboten widerstehen würde, daran hatte er gewisse Zweifel. Mehrfach schon hatte sie ihm von Versuchen berichtet, von professionellen Zuhältern angeworben zu werden. Blaubart hatte sie davor gewarnt, auf derartige Geschäfte einzugehen. Inzwischen fühlte er sich sogar ein bisschen als ihr Beschützer.

Gerade als er das letzte von zwei Dutzend Fotos verpackt hatte, wurde die Stille des Frühlingsabends von einem Motorengeräusch gestört. Er richtete sich auf seinem Bürostuhl auf, um aus der Fensterfront in den noch hellen Hof hinausschauen zu können. Ein schwarzer BMW der gehobenen Klasse war direkt an das Gebäude herangefahren. Stuttgarter Kennzeichen. Lukas, durchzuckte es Blaubart, schnappte die verpackten Fotos und ließ sie in einer Schublade verschwinden.

Der Mann, den man mit seiner großen, kräftigen Statur gemeinhin als Kleiderschrank bezeichnen konnte, stieg aus dem Wagen und eilte zur Eingangstür, die unverschlossen war, sodass er Augenblicke später in Blaubarts Büro stand und sich vor dem Schreibtisch aufbaute. »Jetzt hör mal, my friend«, begann er mit sonorer Stimme, während Blaubart tiefer in seinen Schreibtischstuhl zu versinken schien. »Wir sollten klare Verhältnisse schaffen«, fuhr Lukas mit hörbar US-amerikanischem Akzent fort und machte mit seinem Dreitagebart und den kurz geschorenen schwarzen Haaren keinen sympathischen Eindruck auf Blaubart. »Ich hab mir da etwas überlegt. Und vielleicht bist auch du zur Besinnung gekommen.«

Blaubart erhob sich langsam. »Was willst du von mir? Mich einschüchtern?«

Lukas kam einen Schritt näher. »Ist mir egal, wie du das siehst. Ich mach dir einen Vorschlag: We forget die Sache mit dem Auto. Dafür machen wir einen anderen Deal.«

Blaubart starrte dem Amerikaner in die Augen. »Und zwar?«

»Gebrauchtwagen für den Osten«, knurrte Lukas und steckte die Hände tief in die Taschen seiner olivfarbenen Jacke. »Du besorgst sie, ich bring sie hin. Sehr gutes Geschäft. Aber nur Nobelmarken.«

»Wie soll das funktionieren?«, war alles, was Blaubart über die Lippen brachte.

»Das überlass mal mir. Und noch etwas«, er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich, »auch mit der Kirstin könnte was laufen. Die ist viel zu schade, um in einem Provinz-Striptease-Schuppen zu verkommen, wenn du verstehst, was ich meine.«

Blaubart spürte einen Kloß in der Kehle. »Das kann nicht dein Ernst sein.«

»Kirstin ist ein Goldschätzchen«, grinste Lukas überheblich. »Wir müssen sie nur ein bisschen auf Spur bringen. So sagt man doch, oder?« Weil Blaubart nichts erwiderte, lehnte sich der Amerikaner genüsslich zurück und ergänzte wissend: »Schöne Fotos hast du wieder gemacht. Du solltest sie nur nicht in verbeulte Autos setzen. So eine Beule lenkt vom Wesentlichen ab.«

45

Nach den neuerlichen Ermittlungen hatte Soko-Leiter Zeller einige Tage später seine Mannschaft in Stuttgart zu einer Besprechung zusammengerufen. »In Göppingen machen die wildesten Geschichten die Runde«, stellte er fest. »Unsere Aufgabe muss es deshalb auch sein, denen entgegenzuwirken.«

»Andererseits«, so warf sein Kollege Häberle ein, »kann man’s den Leuten ja nicht verdenken. Aber wenn erst bekannt wird, dass eine Sparkassenangestellte demnächst einen der Geldboten heiraten will, dann dürfen wir uns auf neue Schauergeschichten einstellen.«

»Nun mal langsam«, riet Zeller zu nüchterner Betrachtungsweise. »Es wäre sicher zu kurz gedacht, das Mädchen und den Geldboten als Drahtzieher des Ganzen zu verdächtigen.«

»Trotzdem sollten wir uns die Dame mal genauer ansehen«, warf eine Kriminalistin ein und erntete die Zustimmung des Soko-Leiters: »Meine ich auch. Und unser Kollege August«, er wandte sich an Häberle, »sollte sich noch intensiver in Göppingen umhören, wo er sich ja bestens auskennt.«

Häberle nickte. »Aber vergesst bitte nicht: Das alles liegt jetzt schon 15 Monate zurück.«

»Vielleicht gibt es ja doch einige Zusammenhänge zu den Geschehnissen der jüngsten Zeit«, meinte die Kriminalistin und zählte auf, was sie meinte: »Familiendrama, Fahrt in den Bodensee …«

»Bitte nicht schon wieder«, wehrte Zeller ab. »Halten wir uns an die Fakten und lassen uns nicht durch andere Dinge ablenken.«

»Aus den Augen lassen dürfen wir die aber nicht«, mahnte ein Älterer aus dem Kreis der Ermittler. »Schlimmstenfalls haben wir’s doch mit einer ganzen Organisation zu tun. Jedenfalls war die Sache so gut eingefädelt, dass wir bis heute nicht die geringste Spur haben. Das müssen wir uns eingestehen. Dass man nichts findet, aber auch wirklich gar nichts, das ist allein schon dubios genug.« Es klang wie ein Vorwurf gegen den wesentlich jüngeren Soko-Chef.

Häberle, der längst dafür bekannt war, auch quer denken zu wollen, meinte stirnrunzelnd: »Vielleicht sind wir schon auf einer Spur, ohne es zu ahnen.« Er blickte in verständnislose Gesichter und fügte an: »Ich misch mich mal in Göppingen unters Volk. Und schau auch mal bei dieser Sparkassenangestellten vorbei. Die wohnt in Lorch, nicht weit von Göppingen, im Remstal.«

»Im Remstal?«, echote einer der Ermittler, der die Diskussion, an der Wand lehnend, verfolgt hatte.

»Ja, Remstal«, bestätigte Zeller. »Und falls sich jemand hier im Saal mit der Geografie nicht so auskennt: Lorch liegt nur ein paar Kilometer östlich von Schorndorf, wo die besagte Hütte steht. Im Remstal.«

46

Heidi Offenbach hatte ihre Stelle bei der Kreissparkasse gekündigt und bei einem Steuerberater in Schwäbisch Gmünd einen Teilzeitjob angenommen. Das war weniger stressig und ersparte ihr die Fahrt über den Höhenrücken zwischen Remstal und dem Filstal. Häberle hatte sich telefonisch angemeldet und konnte sich mit der jungen Frau auf einen der folgenden Nachmittage verabreden. Er wollte sie nicht in ihrer Wohnung aufsuchen, weshalb sie sich in einem Café in der Lorcher Innenstadt trafen. Heidi war von schlanker Gestalt, hatte ein sympathisches Lächeln und trug sportliche Kleidung. »Schön, dass Sie Zeit für mich haben«, sagte Häberle charmant, nachdem sie sich begrüßt und in eine stille Ecke des Cafés gesetzt hatten.

»Wenn die Kripo ruft, muss man folgen«, sagte sie freundlich und musterte den Kriminalisten. »Kommen Sie öfter mal nach Lorch?«

»Um ehrlich zu sein: nein. Wahrscheinlich gibt’s hier zu wenig Ganoven.«

Sie lachte laut. »Und ich bin auch keiner. Schade, was?«

Häberle wusste nicht so recht, wie er diese Bemerkung deuten sollte. Jedenfalls war die junge Frau äußerst einnehmend.

»Von Lorch kennt man halt das Kloster«, führte er den begonnenen Small Talk fort. »Und dass hier der Limes im rechten Winkel abknickt.«

Sie lächelte wieder. »In Geschichte sehr gut aufgepasst, Herr Kommissar. Droben beim Kloster hat man sogar einen römischen Wachturm rekonstruiert. Überhaupt lohnt es sich, den Limes entlangzuwandern. Das haben Sie noch nicht gemacht?«

»Nein«, räumte Häberle ein, während die Bedienung die Getränkekarte brachte.

»Aber ich nehme an, Sie sind nicht gekommen, um sich mit mir über den Limes zu unterhalten«, fuhr Heidi fort und blätterte beiläufig in der Karte, um sich schließlich für einen Latte macchiato zu entscheiden.

»Nein, bin ich nicht. Obwohl ich mit Ihnen vielleicht auch gerne darüber plaudern würde«, entgegnete Häberle.

»Ich könnte Ihnen auch etwas über steuerlich begünstigte Geldanlagen erzählen«, grinste sie.

»Wenn ich mal viel Geld habe, greife ich gerne auf dieses Angebot zurück«, gab sich Häberle aufgeschlossen, um dann aber zur Sache zu kommen: »Am Telefon hab ich Ihnen gesagt, worum es eigentlich geht: 8. März voriges Jahr. Sie haben damals erst Stunden später mitgekriegt, was im Gebäude der Sparkasse vor sich gegangen ist«, konstatierte der Kriminalist und bestellte bei der Bedienung einen Espresso.

»Und jetzt denken Sie, ich hätte mit den Gangstern etwas zu tun?«

Häberle wunderte sich über die forsche Art und Weise, mit der die junge Frau das Thema anging. »Nein, das denke ich nicht«, wiegelte er ab. »Wir klopfen nur noch mal alle Verbindungen ab, die es voriges Jahr gegeben hat. Stichwort Herr Nolte …«

»Ja, Sie haben das am Telefon erwähnt. Wolfgang – ich meine Herr Nolte – ist ein ganz lieber Kerl. Gelernter Polizist, also absolut in Ordnung. Aber das müssten Sie ja wissen …«

»Ich hab ihn noch nicht persönlich kennengelernt. Mein Kollege Zeller war bei ihm und hat erfahren, dass Sie beide demnächst heiraten werden.«

»Ja, so ist es, im November«, hauchte sie, als sei dies noch geheim.

»Darf ich fragen, seit wann Sie Herrn Nolte kennen?«

Ihre Gesichtszüge veränderten sich. »Ist das wichtig?«

Häberle sah tief in ihre blauen Augen. »Das sind alles Fragen, wie wir sie in ähnlicher Form derzeit vielen Menschen stellen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir jemanden verdächtigen. Wir wollen nur ein Gesamtbild erstellen.«

»Ein Puzzle zusammenbauen«, schlussfolgerte Heidi nickend.

»So könnte man sagen. Sie haben sich in der Sparkasse kennengelernt?«

»Rein zufällig, wie das manchmal so kommt. Ich war in der Tiefgarage, und er war mit einem Kollegen gerade dabei, dort mit dem Geldtransporter rauszufahren.«

»Wie lange ist das her?«

»Das kann ich Ihnen ganz genau sagen: Es war am Montag, dem 21. Juni 1982.«

Die Antwort kam für Häberle überraschend schnell: »Das wissen Sie so genau?«

»Ja, es war Sommersonnwende. Wir haben uns morgens in der Tiefgarage getroffen, und er hat gefragt, wo ich die kürzeste Nacht des Jahres verbringen werde. Das war total witzig. Dann haben wir uns für den Abend in einer Pizzeria verabredet.«

»Ausgerechnet zur kürzesten Nacht«, grinste Häberle nun auch.

»Nicht so, wie Sie denken«, lächelte die junge Frau, während die Bedienung das Bestellte brachte.

Häberle konstatierte: »Dann haben Sie ihn also erst ein Vierteljahr nach dem Überfall kennengelernt, wenn ich das richtig nachgerechnet habe.«

»Das sehen Sie absolut richtig. Wir hatten uns nie zuvor gesehen. Keine Chance also, ihm Details aus der Sparkasse zu verraten – falls Sie darauf spekuliert haben.«

Häberle nippte an seinem Espresso und wurde ernst: »Und Herr Reinicke? Wie war das mit dem?«

Aus Heidis Gesicht verschwand der Glanz. »Helmut? Hat man Ihnen auch davon erzählt?«

»Herr Reinicke war auch ein …«, Häberle überlegte eine passende Formulierung, »… eine Tiefgaragen-Bekanntschaft?«

»Wie sich das anhört«, empörte sich Heidi jetzt. »Das mit Herrn Reinicke war nur von kurzer Dauer. Kein halbes Jahr. Er war zwar nett und zuvorkommend, aber nicht auf meiner Wellenlänge.«

»Sie haben sich getrennt?«

Heidi wurde misstrauisch und stocherte mit dem Trinkhalm in der aufgeschäumten Milch. »Muss ich jetzt rechtfertigen, mit wem ich zusammen war?«

»Müssen Sie nicht. Aber Herr Reinicke gehört halt auch zu jenem Personenkreis, über den wir uns ein Bild verschaffen müssen.«

»Er gehört auch zu dem Puzzle, wie ich«, gab sich Heidi jetzt leicht verschnupft.

»So könnte man es sagen, ja.«

Heidi rang sich wieder ein Lächeln ab. »Wolfgang, also Herr Nolte, ist ein ganz anderer Typ.«

»Sie haben die Beziehung mit Herrn Reinicke beendet«, rekapitulierte Häberle.

»So ist es. Einer nach dem anderen, wenn Sie so wollen«, grinste sie und hob eine Augenbraue.

»Noch eine sehr persönliche Frage«, riskierte Häberle einen weiteren Vorstoß. »Eine Frage, die Sie mir nicht beantworten müssen.«

»Fragen Sie ruhig.«

»Erwarten Sie Nachwuchs?«

Heidis feine Gesichtszüge wurden kantig. »Entschuldigen Sie, aber halten Sie diese Frage für angebracht?«

47

Je mehr Zeit verstrich, desto seltener traf sich die Sonderkommission. Zeller fühlte sich dennoch von den regelmäßigen Anrufen der Göppinger Journalisten genervt, auch wenn die Abstände zwischen den telefonischen Nachfragen immer größer wurden. Häberle, der in einer Göppinger Vorortgemeinde wohnte, ließ jedoch auch in seiner Freizeit nichts unversucht, auf Volkes Stimme zu lauschen. Schließlich wäre es ein riesiger beruflicher Erfolg, bekäme ausgerechnet er den entscheidenden Hinweis auf die Bankräuber oder auf ein mögliches kriminelles Geflecht innerhalb der Stadt. Als aktiver Sportler, der er in der Judo-Abteilung der Turnerschaft war, hatte er vielfältige Beziehungen und traf gelegentlich mit den Honoratioren der Stadt zusammen, von denen die meisten auch in Vereinskreisen verkehrten.

Die Klubhäuser ersetzten oftmals das, was in früheren Zeiten die Stammtische in den vielen längst verschwundenen schwäbischen Gasthäusern waren. Der Sommer war bereits weit fortgeschritten und die Urlaubszeit für viele schon vorbei, als sich Häberle in einem der Vereinsheime mit einem kurzen »Hallo« an einen ovalen Tisch setzte, an dem er bekannte Gesichter erspäht hatte. Er bestellte ein Weizenbier und lauschte der heftigen Diskussion über Gott und die Welt, vor allem aber über Helmut Kohl, der voriges Jahr im September nach dem Zerbrechen der Bonner SPD/FDP-Koalition ins Amt gekommen war. »Ich sag euch: Dem Helmut Schmidt und seinen Genossen hat die seltsame Haltung zum NATO-Doppelbeschluss das Genick gebrochen«, meinte Fahrlehrer Hans Siebeneicher emotional aufgeheizt.

»Da geht noch einiges ab«, prophezeite die einzige Frau am Tisch, die Juwelierin Analena Heuberg: »Wartet ab, was im Oktober erst los ist, wenn die Friedensinitiativen es schaffen, eine Menschenkette von Stuttgart bis Neu-Ulm zu organisieren. Das wird ein gigantisches Signal gegen die Aufrüstung. Da wird Kohl dran zu knabbern haben.«

Heiko Emmerich, der im Tennisoutfit gekommen war und sich einen delikaten Wurstsalat munden ließ, war als Verantwortlicher der Industrie- und Handelskammer um Mäßigung bemüht: »Der Wirtschaft tut ein Mann wie Kohl sicher gut. Warten wir ab, was sich entwickelt, vor allem, ob er es schafft, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.«

»Die Politik kann keine Arbeitsplätze beschaffen«, unterbrach ihn Siebeneicher energisch und wandte sich bewusst an Analena Heuberg, die Frau, die ihm überaus attraktiv erschien, jedoch bei diesen abendlichen Treffen seine Annäherung nicht erwiderte. »Die Frau Heuberg wird keine zusätzliche Juwelierin einstellen, nur weil jetzt Helmut Kohl an der Regierung ist«, keifte er, ohne eine Antwort zu erhalten.

Häberle verfolgte das Gespräch gelassen, obwohl es ihm nicht gefiel, zwischen der Ulmer Goldschmiedin und dem Autohändler Blaubart zu sitzen, der ihm aber schon bei früheren Zusammentreffen nicht sonderlich sympathisch erschienen war. Er hatte sogar schon mal recherchiert, ob Vorstrafen gegen ihn registriert waren. Erstaunlicherweise hatte es keine gegeben. Er nahm einen Schluck Weizenbier und stellte insgeheim fest, dass er in dieser erlauchten Runde zu den Jüngsten gehörte. Doch aufgrund seines sportlichen Engagements und seines Berufs war er angesehen und von allen akzeptiert.

Wie immer, wenn er in unregelmäßigen Abständen an diesem Stammtisch auftauchte, zu dem man sich einmal monatlich nach der Arbeit traf, galt das Interesse dem Fall, wie der Bankraub des vergangenen Jahres kurz genannt wurde. Arno Zumwinkel, der ebenfalls als äußerst sportlich galt, zumal er im Oktober vorigen Jahres am New York Marathon teilgenommen hatte, machte deutlich, wie sehr ihm als Banker die Geiselnahme am Herzen lag: »Kriegt ihr denn die Sache nicht gebacken? Oder waren die Täter wirklich solche Profis, dass ihr auf Granit beißt?«

Häberle fühlte sich an seiner Ehre gepackt. »Es vergeht keine Woche, in der wir nicht irgendeine Spur verfolgen. Außerdem hoffen wir noch immer auf einen entscheidenden Hinweis aus der Bevölkerung.«

»Von uns womöglich«, höhnte Niels Adamus, der wieder sein blaues Poloshirt trug, dessen Aufschrift ihn sogar in der Freizeit als Vertreter der Handwerkskammer auswies. Leutselig wandte er sich an Häberle: »Mensch, Herr Kommissar, Ihnen ist hoffentlich bewusst, dass wir alle, wie wir hier sitzen, in großer Sorge sind, halb Göppingen könnte darin verwickelt sein.«

Häberle konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige gehaltvolle Getränke die Stimmung dieser Herrschaften angeheizt hatte. Nicht schlecht, dachte er. Vielleicht konnte er dem einen oder anderen ein paar interessante Worte entlocken. »Ich weiß nicht, wie hier über die Vorkommnisse des vergangenen Jahres gedacht wird«, begann er und wurde sogleich von Siebeneicher unterbrochen: »Wer wird denn da noch an Zufälle glauben, wenn ganze Familien ausgelöscht werden und jemand im Bodensee mit dem Auto untergeht und ertrinkt?« Und ironisch an Blaubart gewandt: »Ich hoffe, es war kein Auto von dir.«

Blaubart, der als Einziger am Tisch vornehm gekleidet war und rein äußerlich gar nicht zu den Freizeitsportlern passen mochte, zuckte mit einer Wange und sagte energisch: »Meine Autos rollen nicht von der Fähre.«

Siebeneicher gab sich erneut vorlaut: »Deine Autos eignen sich ja auch eher zu was anderem …«

Die meisten Männer am Tisch lachten lauthals, während Häberle keine Miene verzog und Analena Heuberg sich verwundert umsah, obwohl sie zu ahnen glaubte, worauf Siebeneicher anspielte.

Blaubart ließ sich nicht irritieren und hatte einen Seitenhieb auf Siebeneicher parat: »Sei doch du mal ehrlich: Nur Insider wissen schließlich, wozu Autos auch taugen.« Er warf dem Angesprochenen einen provokanten Blick zu, ohne ihn bloßstellen zu wollen. Deshalb beeilte er sich, einen anderen Aspekt anzusprechen: »Ihr solltet auch mal auf unsere amerikanischen Freunde achten. Nicht jeder GI ist ein strammer Soldat. Vergesst nicht, wir haben permanent rund 3.000 Amerikaner in der Stadt.«

»Was willst du uns damit sagen?«, hakte Heiko Emmerich nach.

»Dass sich darunter nicht nur Ehrenmänner befinden, Heiko. Es ist wie in jeder Bevölkerungsschicht: Ein gewisser Prozentsatz ist kriminell.«

»Na ja«, winkte Häberle ab, »falls Sie auf unseren Fall anspielen, kann ich Sie beruhigen: Die drei Gangster haben allesamt schwäbisch oder leicht badischen Dialekt gesprochen.«

Blaubart konterte: »Aber woher wollen Sie denn wissen, dass es nur diese drei Gangster gegeben hat? Wenn Sie nicht mal eine Spur von denen haben, könnten doch ohne Weiteres noch einige im Hintergrund gestanden sein.«

»Was bei dieser Vorgehensweise zu befürchten ist«, ergänzte Banker Zumwinkel und erntete kräftiges Kopfnicken der meisten anderen Stammtischler. Nur Häberle zeigte keine Regung.

48

Ein weiteres Dreivierteljahr später – man schrieb inzwischen 1984 – gab’s zwar im Kriminalfall nichts Neues, dafür aber bei der örtlichen Tageszeitung: Der bisherige Redaktions-Vize Manfred Grüninger übernahm die Redaktionsleitung von Doktor Wolfgang Schmauz, der in den Ruhestand ging. Schmauz war mehr als 30 Jahre lang der Chef gewesen. Schon ab 1948 hatte er als junger Mann die Lokalredaktion verstärkt, nachdem ihm, wie damals nach dem Krieg üblich, ein amerikanischer Presseoffizier auf den Zahn gefühlt hatte.

Dass er nun die Aufklärung des großen Sparkassenraubs nicht mehr journalistisch begleiten konnte, bedauerte er in diesen Tagen des Abschieds.

Der Fall wurde zwar keinesfalls zu den Akten gelegt, wie Soko-Leiter Zeller bei Anfragen immer wieder betonte, aber sogar bei der Göppinger Bevölkerung schien die Erinnerung an den spektakulären Überfall langsam zu verblassen.

Noch immer trat Kirstin im Luna auf, denn sie hatte hartnäckig allen Versuchen widerstanden, sich tiefer ins Rotlichtmilieu einschleusen zu lassen. Zwar hatte der Amerikaner einmal sogar mit Gewaltanwendung gedroht, doch Blaubart war energisch dagegen vorgegangen. Mittlerweile hatte er sich mit Lukas darauf geeinigt, sich auf andere Geschäfte zu konzentrieren. Immerhin schien der Amerikaner beste Beziehungen nach Osteuropa zu haben, was wiederum den Argwohn von Blaubart geweckt hatte. Einmal hatte er sogar eine Nachfrage riskiert: »Diese Geschäfte Richtung Osten vereinbaren sich mit deinem Job bei der Armee?«

»Das lass mal meine Sorge sein«, hatte Lukas geantwortet und angemerkt: »Die im Osten sind nicht nur das Reich des Bösen.«

Daran musste Blaubart aber denken, als er am 22. März 1984 die örtliche Tageszeitung aufschlug und im Lokalteil die Schlagzeile las: Seit 17 Jahren für die DDR spioniert: In Florida schnappte die Falle zu.

Seit über einem Jahr, so hieß es in dem großen Bericht, sei jeder Schritt eines Mannes überwacht worden, der nun in Tampa/Florida dem amerikanischen FBI ins Netz gegangen war. Es handelte sich um einen 43-Jährigen, der in einer Göppinger Nachbarstadt eine Kfz-Werkstatt betrieben hatte. Eine Kfz-Werkstatt, hallte es in Blaubarts Kopf nach. Die folgenden Sätze verschlang er mit rasendem Puls. Demnach war der Mann aus der DDR übergesiedelt und hatte mehrfach seinen Wohnsitz gewechselt. Zuletzt habe er in einer kleinen Ortschaft bei Göppingen in einem Dreifamilienhaus eine Wohnung gemietet gehabt. Seinem Geständnis zufolge sei er 17 Jahre lang Spion für den Osten gewesen.

Weiter hieß es im Text: Über seine Kfz-Werkstatt, die er seit fünf Jahren in einem ehemaligen Firmenkomplex bei Göppingen betrieb, knüpfte er Kontakte zu US-Soldaten, die sich ihre Fahrzeuge gerne bei ihm reparieren ließen. Mehrfach sei er in den vergangenen Jahren mit der Pakistan Airline von Frankfurt nach New York geflogen. Noch vor einigen Monaten hatten die Ermittler offenbar große Anstrengungen unternommen, um festzustellen, ob sich im Pass des Mannes auch Ostblockstempel befanden.

Der Göppinger Lokaljournalist Georg Sander hatte offensichtlich aufwendig recherchiert, denn im Text hieß es weiter: Auch wenn die Kontakte des Mannes möglicherweise nicht bis zu hohen Offizieren reichten, hatte er über die Angehörigen der US-Streitkräfte die Möglichkeit, sich über Ausrüstung, Aufmarschpläne, Waffensysteme und Kasernenanlagen zu informieren. Zur Frage, in welche Kategorie der mutmaßliche Ost-Agent einzustufen sei, äußerte sich ein Kenner der Szene gestern so: ›Daran, dass er internationale Verbindungen hatte, lässt sich erkennen, dass er keinesfalls ein kleiner Fisch ist.‹

Blaubart überflog den Artikel noch einmal, doch das Gelesene steigerte seine innere Unruhe noch mehr. Natürlich war mit dem Spion nicht Lukas gemeint, aber es konnte doch durchaus sein, dass es Zusammenhänge gab. Beide waren Amerikaner – und beide hatten mit Fahrzeugen zu tun. In Blaubart machte sich eine aufwühlende Ahnung breit: Sollte womöglich auch er in ein Spionagenetzwerk involviert werden? Er, der sich mit den amerikanischen Fahrzeugen seit Langem in den Kreisen der in Göppingen stationierten 1. Infanteriedivision bewegte und gleichzeitig Kontakt in die Kommunalpolitik pflegte? Und hatte man auch mit Kirstin etwas im Schilde geführt?

Blaubart faltete die Zeitung zusammen, steckte sie in eine Schreibtischschublade und blieb nachdenklich sitzen. Am besten würde es wohl sein, mit Lukas gar nicht darüber zu reden, sondern im Umgang mit ihm vorsichtig zu sein und auf alles zu achten, was er sagte und wollte.

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26 mayıs 2021
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