Kitabı oku: «Im März färbte sich der Frühling braun»

Yazı tipi:

Manfred Eisner

IM MÄRZ FÄRBTE SICH DER FRÜHLING BRAUN

Roman

Nili Masal ermittelt (4)

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Die Abbildung ›Der sonnige Wald im März‹ auf dem Titelblatt wird mit freundlicher Genehmigung des Fotografen, Herrn Ronald Nickel aus Rüdesheim am Rhein, wiedergegeben. Die Aufnahme stammt von einer fotografischen Wandertour vom Borderkreuz zum Hundskopf im März 2016.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

»Nationalismus: Versuch, vor der Zukunft

in die Vergangenheit zu entfliehen«

Prof. Dr. h. c. Manfred Rommel (1928–2013),

ehemaliger CDU-Politiker

und Stuttgarter Oberbürgermeister

»Toleranz ist gut, aber nicht gegenüber den Intoleranten.«

Wilhelm Busch (1832–1908),

Zeichner, Maler und Schriftsteller

»Rassenhass ist nicht nur der Wahn

von hirnverbrannten Ewiggestrigen,

sondern ein strafwürdiges Verbrechen gegen die Menschheit.«

Manfred Eisner (* 1935), Diplomingenieur

Lebensmitteltechnologie i. R. und Autor

Für Peter Petersen

(1930–2017)

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Motto

Widmung

Vorwort

1. Ein ungelöster Fall

2. ›Hein Gröhl‹

3. Aus Nilis Tagebuch

4. Der Neue

5. Rückblenden

6. Makabre Entdeckung

7. Ein außergewöhnlicher Leichnam

8. Entführung

9. Deutschlands ›Erneuerer‹

10. Strategien

11. Updates

12. Fundorte

13. »Also, geschätzte Mitarbeiter, was haben wir?«

14. Blutige Vergeltung

15. Ausklang

Kulinarisches

Danksagung

Der Autor

Weitere Bücher

Anmerkungen

Vorwort

»Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!«, fordert der Marquis von Posa gegenüber dem spanischen König Philip II in Friedrich Schillers Drama ›Don Carlos‹. Gemeint damit ist die Freiheit – in weltanschaulicher und politischer Hinsicht – zu denken, was man will, sowie das Recht, diese Gedanken auch zu äußern. Eine durchaus gewagte Aufforderung in dem von Hohenzollern-König Friedrich-Wilhelm II autokratisch und restriktiv regierten Preußen des Jahres 1787. Freiheit – und das schließt die Meinungsfreiheit ein – endet allerdings gemäß dem sehr alten Zitat eines unbekannten Urhebers dort, wo Freiheit und Rechte des Nächsten beginnen. Diese Menschenrechte eroberten im Laufe der Zeit allgemeine Weltgültigkeit, zumindest in den demokratisch regierten Ländern unseres Globus. Sie lagen ebenso bei der Formulierung unserer Verfassung, dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, zugrunde und sind wesentlicher Bestandteil unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung. Sollte man wenigstens meinen.

Wider die vernünftige Erwartung, dass der desaströse Zweite Weltkrieg der Welt und vor allem dem deutschen Volk die barbarischen Folgen des Rassenhasses und der hemmungslosen Massentötung von jenen infam stigmatisierten Opfern der ›Endlösung‹ vor Augen führte sowie ihnen eine entscheidende und dauerhafte Lehre gewesen sein sollte, erleben wir bedauerlicherweise heute bei unverbesserlichen Neonazis ein Wiedererwachen dieses widerwärtigen Gedankengutes.

Erst in der sehr späten Folge der systematisch an neun unschuldigen Opfern – acht davon Mitbürger mit Migrationshintergrund sowie eine Polizistin – von den drei Mitgliedern des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) begangenen kaltblütigen Morden besonnen sich allmählich die für deren Ahndung zuständigen Behörden der Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg und Nordrhein-Westfalen, nach den wahren Tätern zu fahnden und diese zu verfolgen, war man doch anfänglich von der irrigen – weil doch vielleicht bequemeren? – Mutmaßung ausgegangen, dass die Taten von Glaubensgleichgesinnten der Opfer begangen worden seien. Die Option, dass althergebrachtes nazistisches Geistesgut deren wahrer Beweggrund gewesen sein könnte, hatte oder wollte man offensichtlich nicht in Erwägung ziehen, obwohl doch die subversiven Aktivitäten dieser und ähnlich motivierter Elemente längst bekannt gewesen waren und – wie erst viel später unter der drückenden Beweislast zugegeben – die ermittelten Mörder allesamt von den zuständigen Verfassungsschutzämtern sogar längst ›unter Beobachtung‹ standen. Beklagenswert bleibt, dass die rechtspflichtigen Behörden damals weder präventiv noch nach den abscheulichen Taten praktisch nichts unternommen haben! Es war letztlich der spätere Selbstmord von zwei der NSU-Täter, der diese Misere ans Licht und die dritte involvierte Mittäterin endlich vor den Kadi brachte.

Ich habe deshalb die oben angeführten Ereignisse als Leitmotiv für diesen Kriminalroman aufgegriffen und derart dargestellt, wie ich sie mir bei ähnlich motivierten Untaten von unseren Staatsanwälten, Polizeikräften und Gerichten gewünscht hätte. Das geschilderte Geschehen sowie sämtliche darin vorkommende Namen und Positionen sind fiktiv und von mir frei erfunden. Etwaige Übereinstimmung mit real existierenden Personen oder Begebenheiten sind rein zufällig.

Als positiv denkender Mensch bemerke ich gleichwohl mit Genugtuung, dass inzwischen beim größten Teil unserer Bevölkerung sowie in den meisten Mitgliederländern unserer Europäischen Union erfreulicherweise wachsende Ablehnung des neo-rechtsgerichteten Populismus wiedererwacht und dieser widerlichen Strömung die gehörige Absage an den Wahlurnen erteilt wird. Es keimt daher in mir die große Hoffnung, dass man zukünftig diesen dunklen Kräften mit der gebotenen Entschiedenheit entgegentritt und sie nicht tatenlos gewähren lässt! Demokratie und Freiheit sind keine Selbstverständlichkeit und auch nicht zum Nulltarif zu haben! Sie müssen allzeitig von uns allen entschieden verteidigt und, wo immer erforderlich, wiedererobert werden!

Manfred Eisner, im Sommer 2017

1. Ein ungelöster Fall

»Moin, Kollegen!« Fröhlich begrüßt die Teamleiterin der neu geschaffenen Task-Force Sonderermittlungen im Kieler LKA, Kriminalhauptkommissarin Nili Masal, beim Betreten des ihnen zugewiesenen Arbeitsraumes ihren Partner Kriminalkommissar Robert Zander sowie die neu aus Hamburg hinzugekommene Kollegin, Kriminalkommissarin Margit Förster, die hier erst vor wenigen Tagen ihren Dienst angetreten hat. Auf ihren Schreibtischen türmen sich Aktenordner älterer, noch ungelöster Fälle von sämtlichen LKA-Dezernaten. Sie wurden ihnen in der vorigen Woche vom Hausboten Herrn Siewert auf Veranlassung ihres direkten Vorgesetzten, dem Ersten Kriminalhauptkommissar Walter Mohr, zur Bearbeitung gebracht.

»Moin, Nili! Das sind ja leidige olle Kamellen, die uns unser werter Chef Herr Waldi da verabreicht hat!«, lamentiert Robert witzelnd.

»Ach nö«, widerspricht ihm die ›Neue‹, »das kann ich nicht unbedingt unterschreiben, Kollege Zander! Ich habe hier einen immer noch unaufgeklärten Fall vorliegen, der es meines Erachtens durchaus wert erscheint, dass wir uns mit ihm befassen!«

»Sie machen mich wirklich neugierig, Frau Kollegin.« Nili lächelt. »Aber lassen Sie uns erst einmal meine neue Errungenschaft ans Stromnetz anschließen, denn ohne einen Becher Kaffee funktioniert meine Denkmaschine nicht. Also, Robert, helfen Sie mir, bitte?«

Gemeinsam packen sie das kürzlich erstandene Wundergerät aus, das die jeweils exakte Menge Kaffeebohnen für jeden Becher abmisst und frisch gemahlen dem Dampfstrahl zuführt, der das aromatische Gebräu extrahiert. Auch Margrit Förster beteiligt sich an der Endmontage des Gerätes und füllt den Wasserbehälter.

Nili schaltet die Heizung für das Wasser ein. »Ich hoffe, auch Ihnen schmeckt meine Lieblingskaffeemarke«, meint sie, während sie eine Tüte Darbovens Idee Classic öffnet und die duftenden gebrannten Bohnen in den Trichter rieseln lässt. Durch ein patentiertes Behandlungsverfahren vor der Röstung sind die Bohnen sehr magenfreundlich, büßen allerdings weder ihren anregenden Koffeingehalt noch das Aroma ein. Übrigens: Um die Milch für den Kaffee gekühlt zu halten, habe ich bereits einen kleinen Kühlschrank beantragt.« Nili holt ihren Becher mit dem geschwungenen roten Aufdruck ›Mi querido Tinto‹ und stellt ihn unter die Auslauftülle des Gerätes. Schließlich drückt sie die Taste mit dem Becherlogo. Es dauert einige Sekunden, dann portioniert und mahlt der Apparat den Kaffee und presst die gemahlenen Bohnen zusammen. Wenig später zischt es, und kurz darauf fließt das braune Getränk dampfend in Nilis Becher.

»Was bedeutet die Aufschrift? Spanisch?«, fragt Robert und deutet auf ihren Becher.

»›Mein geliebter Tinto‹, sinngemäß der Kaffee, wie ihn die Kolumbianer liebevoll nennen und in Unmengen genießen. Ich bekam ihn als Andenken von Sandra, eine liebe Kollegin, mit der ich dort im vorigen Jahr zusammen mit Oberstaatsanwalt Harmsens Tochter Kitt auf Banditenjagd war, um geheime Kokaplantagen und Kokainhersteller aufzuspüren. Aber das ist eine längere Geschichte, vielleicht ein anderes Mal. Sobald jeder seinen Becher Kaffee hat, wollen wir uns jetzt lieber den Fall näher ansehen, der Kollegin Försters besonderes Interesse geweckt hat.«

Während sie genüsslich am frisch gebrühten Kaffee nippen, trägt Margrit aus der Akte vor. Es ist schon fast ein Jahr her, seit die achtzehnjährige Gymnasialschülerin Heide Mertens spurlos verschwunden ist. Ein eigentlich hübsches, blondes Mädchen, das mit blauen Augen vom herumgereichten Bild strahlt, wären da nicht die vielen kleinen Ringe und anderes Gedöns an Nase, Lippen und Ohren, mit dem sie ihr Gesicht piercen ließ.

»Warum sich die jungen Leute von heute so etwas antun, ist mir schleierhaft«, wundert sich Robert.

Margrit berichtet weiter, dass Heide von ihrer alleinerziehenden Mutter und ihren Lehrern als eine nette und fröhliche junge Deern beurteilt wurde, deren baldigem Abi dank eines passablen Notendurchschnitts nichts mehr im Wege gestanden habe. Die vom Vater kurz nach Heides Geburt geschiedene Mutter Anna Mertens ist Frisörin in einem Salon in der Innenstadt. Im dritten Stock eines Wohnhauses wohnt sie in einer eigenen kleinen Zweieinhalbzimmerwohnung, die sie nach dem Tod ihres Vaters, ein eingefleischter Gewerkschaftler und SPD-Mitglied, mit der kleinen ihr hinterlassenen Erbschaft gerade noch finanzieren kann. Vom Gatten Eike Mertens, ein arbeitslos gewordener Arbeiter des ehemaligen Alsen Zementwerks, trennte sie sich, nachdem dieser in die üble Gesellschaft von krawalligen Kumpanen aus dem rechten Spektrum geraten, zunehmend dem Alkoholgenuss verfallen und wenig später an Leberzirrhose verstorben war. Sportlich betätigte sich Heide seit der frühen Jugend beim Fechtverein im Steinburger Sportklub und konnte dort einige Erfolge feiern und Trophäen gewinnen. Ihre Fechtausrüstung hatte sie sich von den zusammengesparten Trinkgeldern gekauft, die sie in den Ferien und an den Wochenenden in einem Eiscafé in der Innenstadt bekam. Mit ihrer schönen Altstimme bereicherte sie einen Gospelchor, mit dem sie gelegentlich auf Konzerttourneen in der Umgebung auftrat. Laut Aussage ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler war sie eine stets hilfsbereite und sportlich begeisterte Schulkameradin, gut gelaunt und allseits beliebt, immer gefällig, wenn man sie um Unterstützung bat.

»So weit zum Hintergrund der vermissten Person«, resümiert die Kriminalkommissarin. »Über ihr unerklärliches Verschwinden nur noch Folgendes: Seit jenem frühlingshaften ersten Schultag nach den Osterferien war Heide nicht mehr am Kaiser-Karl-Gymnasium zum Unterricht erschienen. Laut ihrer Mutter, die daraufhin eine Vermisstenanzeige erstattete, war sie mit einer Freundin namens Marianne, der Mutter allerdings nicht bekannt, über die Ferien nach Sylt gefahren, wo die beiden Mädels angeblich eine Stelle als Serviererinnen in einem Strandimbisslokal angenommen hatten. Die Mutter berichtete, sie hätte am Tag nach der Abreise eine SMS von Heide bekommen, in der sie schrieb, sie sei gut angekommen und alles wäre okay. Die polizeilichen Ermittlungen verliefen im Sande, da man weder Spuren von besagter Marianne oder Heide noch von einer Bahnfahrt der beiden oder des von ihr genannten Lokals auf der Insel ausmachen konnte.«

»Wahrlich seltsam, da haben Sie recht, Frau Kollegin. Sonst nichts Brauchbares in der Akte?« Nili schaut ihre Kollegin fragend an.

»Nicht wirklich. Nach mehr als sechs Monaten der ergebnislosen Suche ordnete Staatsanwalt Dr. Uwe Pepperkorn im Einklang mit der Oberstaatsanwaltschaft an, die Soko Mertens aufzulösen und die Akte bis auf Weiteres ruhen zu lassen.«

»Wer war in Itzehoe der Leiter der Soko? Wohl doch nicht unser werter Bekannter ›Hein Gröhl‹?«, fragt Robert Zander mit vielsagendem Grinsen.

Nili lächelt ihn an.

Margrit sieht nach. »Hier wird ein leitender Kriminaloberrat Werner Thumann genannt, der allerdings kurz darauf in den Ruhestand getreten ist und nachfolgend von einem Kriminaloberrat Heinrich Stöver – etwa Ihr Hein Gröhl? – ersetzt wurde. Ansonsten werden die beiden Kripokommissare Gehrke und Neumann erwähnt, die ebenfalls mit dem Vermerk ›in den Ruhestand versetzt‹ gekennzeichnet sind. Dann werden da noch KK Sven Müller und KK Thies Kreyens von der Kieler Bezirkskriminaldirektion genannt. Sie haben die Itzehoer Riege verstärkt.«

»Aha, also dann rufe ich gleich mal die Kollegen von der Moko II an, die kenne ich. Sie wurden inzwischen zu Oberkommissaren befördert.« Nili greift zum Telefonhörer. »Die beiden waren auch zeitweise an der gemeinsamen Bearbeitung des Mordfalles Thomas Greve beteiligt und halfen bei der Aufdeckung der dunklen Machenschaften des Tiedemann-Clans.1 Robert, Sie kennen ja KOR Stöver von unserem letzten Fall. Würden Sie bitte bei ihm nachfragen, ob er sich noch an wesentliche Einzelheiten erinnert?«

Als er nickt, wählt sie eine Nummer und wartet.

»Moin, Kollege Kreyens, hier ist Nili Masal vom LKA. Wie geht es Ihnen?« Nach der Begrüßung erklärt Nili dem Oberkommissar der Mordkommission II in der Kieler Bezirkskriminalinspektion Blumenstraße den Grund ihres Anrufs. »Wir sind eine neu gegründete Sektion im LKA und wurden mit der erneuten Bearbeitung ungelöster ›cold cases‹ beauftragt – also jene leidigen, mangels Ermittlungserfolgen unerledigt gebliebenen und ›erkalteten Fälle‹, die noch immer in den Archiven schlummern. Wir sind da auf einen Fall gestoßen, an dem Sie und Ihr Kollege Müller beteiligt waren. Sicher erinnern Sie sich an das Verschwinden des Mädchens Mertens im vorigen Jahr. Würden Sie und KOK Müller uns bald besuchen? Mein Team ist sehr daran interessiert, aus erster Hand zu erfahren, was Sie uns berichten können.« Sie lauscht den Worten des Kollegen Kreyens. »Gut, passt auch, dann treffen wir uns eben heute zum Mittagessen in Ihrer Kantine. Schönen Dank für die Einladung und bis dann!« Sie legt auf und blickt hinüber zu Robert, der gerade telefoniert.

»Danke für die Auskunft, Herr Kriminaloberrat. Ich gebe es an Frau Masal weiter.« Robert Zander beantwortet Nilis und Margrit Försters fragende Blicke mit bedauerndem Kopfschütteln. »Hein Gröhl hat damals gerade KOR Thumann ersetzt, als der Fall zu den Akten gelegt wurde. Er wurde kurzfristig von Eutin in die Bezirksinspektion nach Itzehoe versetzt, um für Thumann einzuspringen, der einen Herzinfarkt erlitten hatte. Da auch die anderen beiden Beamten inzwischen nicht mehr im Dienst sind, ist wohl kaum noch jemand in der Großen Paaschburg tätig, der über diesen Fall etwas Dienliches aussagen kann. KOR Stöver hat aber versprochen, auf jeden Fall bei seinen Leuten herumzufragen, und meldet sich gegebenenfalls wieder. Ich soll seine besten Grüße an die Frau Kriminalhauptkommissarin ausrichten!«

»Na denn«, sagt Nili, »lasst uns hoffen, dass wir beim Mittagessen von Kreyens und Müller mehr erfahren!«

*

»In der Tat, ein sehr mysteriöser Fall. Ich habe es außerordentlich bedauert, dass wir mangels brauchbarer Spuren und wegen zweier gleichzeitiger Mordfälle die Beamten abziehen und den Fall bisweilen zurückstellen mussten!« Staatsanwalt Dr. Uwe Pepperkorn – damals in Itzehoe zuständig und heute bei der Staatsanwaltschaft in Kiel tätig – hat sich am Mittagstisch in der Polizeikantine der Blumenstraße zu der Beamtenrunde gesellt, die sich gerade dem Fall Heide Mertens zugewendet hat. Während der Unterhaltung machen sich die Herren an das heutige deftigere Tagesgericht, Rübenmalheur mit Kochwurst und Schweinebacke. Die beiden Frauen haben sich von der Salattheke den Cäsar-Salat mit Putenstreifen geholt. Aus den Schilderungen der beiden Moko-Kollegen und des Staatsanwaltes erfahren sie einige Details, die sie den Akten nicht entnehmen konnten.

»Heides Mutter muss ziemlich streng gewesen sein und hat ihre Tochter wohl an der kurzen Leine gehalten«, bemerken die beiden KOK Müller und Kreyens einvernehmlich. Heide hätte einer Schulfreundin anvertraut, dass sie wegen Kopfschmerzen und Verdauungsstörungen keine Antibabypille vertrage und ihre Mutter ihr deswegen den Umgang mit jungen Männern verbiete, weil sie panische Angst habe, dass sie schwanger würde.

»Na ja, Grund genug für so ein Mädel, Ausreißversuche zu wagen!«, bemerkt Nili.

»Irgendwelche heimlichen männlichen Freundschaften bekannt?«, fragt Robert.

»Es wurde nichts in diesem Sinne aktenkundig«, erwidert der Staatsanwalt. Die beiden Moko-Beamten bestätigen die Aussage mit einem Nicken.

»Sie hat’s aber sicherlich nicht ausgeschwitzt!«, wagt sich Margrit Förster hervor. »Ich war als Teenager ein ebenso bemitleidenswerter Fall von väterlicher und mütterlicher streng angeordneter Keuschheit und habe es dennoch geschafft, diese mit List zu hintergehen. Meine Eltern waren besondere Anhänger der körperlichen Ertüchtigung – ausgesprochene ›Mens sana in corpore sano‹-Freaks –, und da ich eine gute Schwimmerin war, verordneten sie mir dreimal in der Woche den obligatorischen Gang in die Ohlsdorfer Schwimmanstalt. Neben einem professionelleren Schwimmstil hat mir der damalige Trainer auch anderweitige Geschicke beigebracht, allerdings erst, nachdem ich ihn dazu ermuntert hatte.«

»So eine Schlimme waren Sie also!« Dr. Pepperkorn schmunzelt. »Ich frage lieber nicht nach dem Namen des Trainers, von wegen Unzucht mit Abhängigen!«

»Wäre auch mit Sicherheit verjährt, lieber Herr Doktor!«, meint Nili. »Aber ich denke, die Kollegin Förster hat uns mit ihrer jugendlichen Anekdote einen wichtigen Anstoß gegeben. Wenn ich es richtig erinnere, war Heide Mertens doch im Fechtklub sehr aktiv und auch erfolgreich. Wurde diese Umgebung ausreichend durchleuchtet? Ich meine, vielleicht hat sie dort eine nähere Freundschaft oder Beziehung gepflegt.«

»Darüber ist uns nichts bekannt geworden, sorry!«, bemerkt Müller.

»Habt ihr das auch wirklich hinterfragt?«, hakt Staatsanwalt Pepperkorn etwas scharf nach.

Kreyens und Müller sehen sich an und Letzterer antwortet: »Wir beide waren nicht persönlich im Fechtklub. Soweit ich weiß, hat das der damalige Soko-Leiter Thumann selbst erledigt, noch bevor wir zu seiner Gruppe hinzubeordert wurden.«

»Gut, dann übernehmen wir das!«, beschließt Nili. »Jedenfalls danken wir Ihnen für diese Aussprache. Wir haben nun zumindest einen losen Faden, an dem wir anknüpfen können!«

*

»Guten Tag, Herr Schindler. Nett, dass Sie uns sofort empfangen. Das hier ist Kriminalkommissarin Margrit Förster und ich bin Kriminalhauptkommissarin Nili Masal. Wir sind vom Team Sonderermittlungen des LKA und recherchieren erneut im Fall der vermissten jungen Frau Heide Mertens, die ja aktives Mitglied Ihres Fechtklubs gewesen ist.«

»Guten Tag, meine Damen. Ich kann von mir sagen – und spreche vermutlich für alle hier –, dass ich sehr dankbar bin für diesen erneuten Anlauf der Polizei. Es wird Zeit, dass der Verbleib unserer geschätzten Heide endlich aufgeklärt wird!« Arnold Schindler, seines Zeichens Abteilungsleiter im Steinburger Sportklub, ist ein gereifter und athletisch anmutender Zweimetermann Anfang vierzig mit freundlich blickenden braunen Augen und einem kahl rasierten Schädel.

»Können Sie uns Näheres über die vermisste Person erzählen? Ich meine, was hat sie hier bei Ihnen so getan, wer waren ihr Trainer, ihre Sportfreunde und -freundinnen? Hat es neben dem Fechten noch andere soziale Aktivitäten gegeben, an denen Heide beteiligt war? Uns interessiert ganz besonders ihr soziales Umfeld.«

Arnold Schindler nickte. »Meine Frau Brigitte war ihre Trainerin und kann Ihnen sicherlich mehr Details nennen als ich, sie hat sie ja direkt betreut. Ich habe ihr schon gesagt, dass Sie kommen, sie wird gleich hier sein. Aber ich wundere mich doch sehr, denn all diese Fragen wurden uns schon damals von Ihrem Kollegen von der Kripo gestellt, von Herrn Ober…«

»Thumann vielleicht? Meinen Sie den? Der Herr Kriminaloberrat erlitt leider kurz darauf einen schweren Herzinfarkt und ist aus dem Dienst ausgeschieden.«

»Ja, Thumann, so hieß er. Dem haben wir alles genau erzählt und er hat es sich in seinem kleinen schwarzen Büchlein aufgeschrieben. Aber jetzt, wo Sie das sagen …«

Die Tür öffnet sich. Eine Frau mit langen blonden Haaren tritt ein. Sie trägt ein eng an ihren schlanken Körper anliegendes weißes Fechtdress.

»Hallo, Schatz. Lieb, dass du kommst!« An die beiden Kommissarinnen gewandt sagt Arnold Schindler: »Darf ich vorstellen: meine Frau Brigitte …«, sein Blick schweift zurück zu der Blonden, »die beiden Damen vom LKA in Kiel.« Er wendet sich wieder dem Thema zu: »Also, wenn der damalige Leiter der polizeilichen Untersuchung kurz darauf aus gesundheitlichen Gründen ausfiel, dann wundert mich das nicht …« Er hält inne. »Na ja, langer Rede kurzer Sinn: Ich überlasse das Feld meiner Frau, die Ihnen sicherlich weiterhelfen kann. Auf Wiedersehen, meine Damen, und hoffentlich dieses Mal viel Erfolg!« Nachdem Nili und Margrit Förster sich vorgestellt und sich ausgewiesen haben, wiederholt Nili die Fragen.

Brigitte Schindler nimmt Platz und erzählt: »Heide war eine äußerst begabte, agile und wendige Säbelfechterin. Wir hatten sie hier im Verein seit ihrem neunten Lebensjahr. Sie war sehr eifrig und erzielte von Anfang an gute Erfolge in Wettkämpfen. Auch menschlich war sie eine sehr ausgeglichene und sympathische Kameradin, allseits beliebt und geschätzt. Ich kann nicht erinnern, dass sie überhaupt einmal unangenehm auffiel. Soziale Veranstaltungen außerhalb der sportlichen Wettbewerbe? Ja, da gibt es bei uns einige. Unser Klubbasar, die Weihnachtsfeier und zwei- oder dreimal im Jahr die Vereinsdisco für unsere Mitglieder – nein, eine Band können wir uns nicht leisten, da sorgen Diskjockeys für die Tanzmusik.«

Nili fragt nach befreundeten Klubkameradinnen.

»Am besten, Sie kommen morgen Abend wieder«, sagt Brigitte Schindler, »da trainiert ihre Gruppe. Sie können die Mädels ja selbst fragen.« Auf Nilis Nachfragen hin sagt sie: »Nee, ich kann nicht bestätigen, dass der Herr Kommissar sie hierzu befragt hat. Wenn überhaupt, dann sicherlich nicht hier im Hause, daran würde ich mich erinnern.«

Bevor sich Nili und Margrit Förster für die Auskünfte bedanken und von Brigitte Schindler verabschieden, sagt diese ihnen zu, ihnen die erbetene Liste der Vereinsmitglieder an das LKA zu faxen. Nili folgt einem instinktiven Geistesblitz: »Bitte auch die Namen und Anschriften der Diskjockeys und Cateringfirmen, die Sie für Ihre Veranstaltungen engagiert haben.«

*

Auf der Rückfahrt nach Kiel ziehen die beiden Frauen einige Schlussfolgerungen aus den soeben erhaltenen Informationen.

»Nicht zu glauben, dass von der Befragung, die Thumann angeblich durchgeführt haben soll, kein Sterbenswörtchen in der Akte zu finden ist!«, lamentiert Margrit.

»Das stimmt«, gibt Nili ihr recht. »Mich hat das auch gewundert. Könnte aber sein, dass Thumanns Herzinfarkt dazwischenkam. Fragt sich nur, wo das kleine schwarze Büchlein abgeblieben ist, von dem Herr Schindler sprach. Ich werde Kriminaloberrat Stöver danach fragen, vielleicht befindet es sich noch im Archiv der Großen Paaschburg. Am besten, ich bitte ihn, mich morgen Abend bei der Befragung der Mädels zu begleiten. Ich will dem nicht vorgreifen, aber mir schwant, dass wir auf Frau Schindlers Liste sehr wahrscheinlich jemanden finden werden, der mehr als wir über das Verbleiben Heides weiß!«

*

Am Abend treffen sich Nili und – wie man heute so sagt – der Mann an ihrer Seite in ihrem Stammlokal Taverna Syrtaki bei Georgios und Marita ganz in der Nähe ihrer Wohnung – quasi ›um die Ecke‹. Nili und ihr direkter Vorgesetzter, der Erste Kriminalhauptkommissar Dr. Walter Mohr, seines Zeichens stellvertretender Leiter des Dezernats 21 beim Kieler LKA, zuständig für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität, sind seit einigen Monaten ein Paar.

»Ich kann euch heute unsere leckere Moussaka nach dem Spezialrezept von Maritas Großmutter empfehlen«, rät ihnen der Wirt.

Waldi sieht Nili fragend an.

Nili nickt begeistert. »Schmeckt wirklich einmalig gut, sollten wir bestellen!«

»Endaksi, lieber Georgios«, sagt Waldi zum Wirt, »das geht in Ordnung. Und bring uns bitte gleich auch noch eine Karaffe deines köstlichen roten Kamares und dazu eine große Flasche San Pellegrino, ich habe nämlich einen Riesendurst.«

Georgios lächelt und geht davon.

»Na, mein Schatz, wie war dein Tag?«, fragt Waldi seine Liebste.

»Ach, Waldi, da hast du uns aber eine Berglawine alter Kamellen beschert! Aber stell dir vor, unsere neue Kollegin hat aus diesem Wust bereits einen hochinteressanten Fall herausgepickt und wir sind schon voll darauf abgefahren!« Ausführlich berichtet sie von ihren heutigen Aktivitäten.

»Da habt ihr euch tatsächlich eine harte Nuss herausgepickt.« Waldi zieht eine Augenbraue hoch und überlegt. »Ich kann mich dunkel an diesen Fall erinnern, er hat damals eine Menge Schlagzeilen gemacht. Und wenn überhaupt jemand etwas zur Aufklärung des Falles herausfindet, dann sicherlich du und dein Team, mein Schatz! Und nun lass uns darauf diesen guten Schluck trinken – evkaristo Georgios! Jamas, liebe Nili!« Mit einem fröhlichen Blick bedankt sich Waldi beim Wirt, der gerade Wein, Mineralwasser und Knoblauchbrot sowie ein Schüsselchen Tzatziki an den Tisch gebracht hat, und prostet Nili zu.

Während sie die leckere Moussaka verspeisen, erfährt Waldi weitere Details von den heutigen Recherchen. »Was mutmaßt du, Nili, was könnte der Deern passiert sein?«

»Also, zunächst sind Kollegin Förster und ich uns einig, dass sehr wahrscheinlich eine heimliche Liebschaft dahintersteckt. Das mit der Servierstelle auf Sylt war nur ein Vorwand, um mit ihrem Galan wo auch immer zwei ungestörte Liebeswochen verbringen zu können. Auch die angebliche Freundin namens Marianne existiert mit neunundneunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit ebenso wenig wie das Strandlokal auf Sylt. Aber da fällt mir gerade etwas ein.« Nili macht eine Pause, legt Messer und Gabel an den Tellerrand und sieht ihrem Geliebten in die Augen. »Was wäre, wenn …?«

»Was meinst du, Nili? Sag’s doch einfach!«

»Na ja, ich denke gerade daran, ob nicht vielleicht auch ihr Mister Unbekannt ebenso wie sie seit damals vermisst wird.«

»Du meinst, beide könnten …?« Waldi überlegt kurz und sagt dann: »Ja, das könnte passen! Wirklich ein brillanter Gedanke, Nili! Kompliment!«

*

Als der ›NDR Info‹-Sprecher um sechs Uhr in der Früh die ersten Nachrichten des Tages vorliest, liegen Waldi und Nili eng umschlungen im Bett. Verärgert dreht Nili den Wortschwall ab und kuschelt sich wieder an Waldis Brust.

»War mal wieder traumhaft, mein Liebster! Warum geht so eine Liebesnacht immer so rasch vorbei?«

»Nützt nichts, Nili, ich muss auch raus. Und du hast heute Morgen deinen Termin am Schießstand, nicht wahr?« Er richtet sich auf und schwingt die Beine aus dem Bett. »Lass uns aber zuerst Maritas üppige Moussaka beim Joggen wieder etwas abspecken!«

*

Eine Stunde später stehen die beiden unter der wiederbelebenden heißen Dusche. Mit einem schrillen Juchzen quittiert Nili den plötzlichen eiskalten Wasserguss, der aus der Brause auf sie herniederströmt, denn Waldi hat beherzt den Hebel der Mischbatterie herumgedreht.

»Du bist ja brutal!«, beschwert sie sich lachend und flieht eilig aus der Duschkabine, um sich abzutrocknen.

»Ist aber nötig, von wegen Erkältungsvorbeugung!«, erwidert Waldi fröstelnd, während er mannhaft den kalten Erguss über sich ergehen lässt.

Nachdem sie ein schnelles Frühstück zu sich genommen haben, gehen sie gemeinsam in die Tiefgarage. Wortlos geben sie sich einen langen Abschiedskuss. Waldi steigt sodann in seinen Dienstpassat, Nili in ihren grünen Cross Polo.

*

Das Sonderermittlungstrio trifft sich heute am Schießstand. Es ist das erste Mal, dass sie diese vorgeschriebene Prozedur gemeinsam absolvieren. Sie erweisen sich als treffsichere Schützen.

»Hoffen wir nur, dass wir niemals in die Verlegenheit kommen, mit unseren Waffen auf Menschen schießen zu müssen«, kommentiert Margrit die lobenden Worte des Schießwartes.

»Mussten Sie jemals Ihre Dienstwaffe benutzen, Nili?«, fragt Robert.

»Leider ja, und zwar damals in Kolumbien und auch in Bolivien. Aber streng genommen war es nicht meine Dienstwaffe, die hatte ich ja nicht dabei. Den FARC-Guerilla, der mich mit seiner MP bedrohte, habe ich mit einer riesigen amerikanischen 44er kampfunfähig in die Schulter geschossen; den anderen, der uns beschoss, traf ich auf der Flucht mit einem 38er Revolver am Hinterrad seines Motorrades. Der hat sich beim Sturz leider das Genick gebrochen.2 Ihr könnt mir glauben, solche Szenen lassen einen niemals los, aber es ist eben die bitterböse Kehrmedaillenseite unseres Berufes.«

»Ich war noch nie in der Verlegenheit, schießen zu müssen«, sagte Robert. »Aber ich glaube, dass ich es tun würde, wenn keine andere Möglichkeit besteht!«

»Lassen wir das.« Nili machte eine Handbewegung, als wollte sie ihre Erinnerungen an den Gebrauch einer Schusswaffe wegwischen. »Gehen wir lieber wieder an die Arbeit. Mir ist da gestern Abend etwas eingefallen, was uns weiterhelfen könnte. Mehr darüber sage ich euch, sobald wir wieder im Büro sind!«

*

Die drei Teamkollegen sitzen an ihren Bildschirmen und durchforsten die Liste der vermissten Personen aus dem ersten Quartal des vorigen Jahres.

Nili fasst zusammen: »Wir suchen nach einem Mann, Alter zwanzig bis maximal vierzig, vorwiegend aus dem Norden unseres Bundeslandes.«

Während sie sich auf die gesuchte Person konzentrieren, piept das Faxgerät und der Drucker geht in Betrieb. Margrit steht auf und holt die drei Blätter mit den Mitgliedsnamen des Steinburger Sportklubs.

»Ein Plus für Frau Schindler!«, meint Nili, ohne von ihrem Bildschirm wegzusehen. »Stehen da auch die Firmennamen drauf?«

Margrit sieht nach.

»Ja, eine Cateringfirma aus Itzehoe, eine aus Heiligenstedten und die Schlachterei Reimers aus Olden »mAocohr.« sieh mal an, unser braver Meister Sigi und sein Bruno. Die befrage ich am Wochenende, da bin ich sowieso zu Hause. Sonst noch jemand?«

»Zwei Discobeschaller sind gelistet: ein gewisser Peter Bruhns, PB-Disco aus Itzehoe, und ein Diskjockey aus Oldenmoor, DJ Mario.«

Nili horcht auf. »Mario? Interessant! Wenn der mal nicht unsere berühmt-berüchtigte Marianne ist, nach der bisher ergebnislos gefahndet wurde.« Sie überlegt. »DJ Mario … Der Name kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich glaube, der hat damals den Feuerwehrball im Hotel Elbmarschen Hof animiert, zu dem ich eingeladen war. Ein gewitzter junger Kerl mit rotblonden Haaren radebrechte seine Ansagen wie aus der Pistole geschossen. Lasst uns sofort nachsehen, Leute, wo wir unseren Don Mario antreffen!«

»Bingo! Ich hätte hier einen guten Hinweis!«, meldet Robert Zander einige Zeit später.

Beide Frauen sehen zu ihm.

»Der könnte passen: Dominik Baumann, Alter dreiundzwanzig Jahre, mit zweitem Wohnsitz in Oldenmoor, Mühlenweg 38. Beruf Einzelhandelskaufmann und Verkäufer im Herrenbekleidungshaus Wiese daselbst. Geburtsort und Hauptwohnsitz Elmshorn, wo auch seine Eltern und eine Schwester wohnen. Als vermisst gemeldet am 30. April letzten Jahres von seinem Arbeitgeber Herrn Wilfried Wiese sowie zwei Tage danach von der Vermieterin seines möblierten Zimmers, eine Frau Jutta Wendlandt. Und jetzt kommt’s: nebenberuflich als Musical Entertainer und Diskjockey Mario tätig. Ebenfalls werden vermisst der auf ihn angemeldete VW Transporter mit polizeilichem Kennzeichen PI-DJ 111, Farbe Rot-Gelb, mit seinem Firmenlogo sowie seine gesamte Beschallungsanlage und eine umfangreiche CD- und Plattensammlung. Weder von dem Vermissten noch von seinem Bulli wurde bis heute eine Spur gefunden. Schon wegen des Datums seines Verschwindens ist es ein absolut passender Parallelfall zu unserer Heide Mertens.«

»Gute Arbeit, Robert!«, ruft Nili anerkennend. »Ist ein Bild von ihm zu sehen?« Sie steht auf und schaut auf Roberts Monitor. »Ja, das war er! Hundertpro!«, bestätigt sie.

»Kaum zu glauben, Nili! Sie hatten wohl mal wieder recht!«

»Okay, mag sein, Robert. Aber gefunden haben wir die beiden damit noch lange nicht! Das mit Marios Verschwinden muss kurz nach meiner Versetzung von Oldenmoor zum LKA passiert sein, weil ich selbst nichts davon erfahren habe. Wie gesagt, übermorgen bin ich sowieso in Oldenmoor und werde bei der Gelegenheit meine Ex-Kollegen befragen. Also, Leute, mal sehen, was wir noch herausfinden! An die Arbeit!«

2. ›Hein Gröhl‹

Da es bereits kurz nach fünf Uhr nachmittags ist, hat Nili heute ausnahmsweise Glück und findet sofort einen freien Parkplatz für ihren Cross Polo gleich gegenüber der Bezirkskriminalinspektion Itzehoe an der Großen Paaschburg. Sie betritt das Gebäude und der Beamte am Empfang winkt ihr freundlich zu, greift zum Telefon und zeigt zugleich mit erhobenem Zeigefinger in Richtung der Treppe, die ins Obergeschoss führt. Nili winkt mit ebenso freundlichem Lächeln zurück, sie ist ja keine Unbekannte in dieser Behörde. Oben kommt ihr Kriminaloberrat Heinrich Stöver mit ausgestreckter Hand entgegen und begleitet sie in sein Büro.

»Es freut mich sehr, Sie schon wieder zu sehen, sehr geehrte Frau Hauptkommissarin! Nehmen Sie bitte Platz. Was darf ich Ihnen anbieten? Tee, Kaffee, Wasser, einen Fruchtsaft?«

»Danke, Herr Kriminaloberrat, ein Glas kaltes Mineralwasser, wenn möglich.«

Nachdem Stöver ihre Bitte aus seinem Kühlschrank erfüllt und sich selbst von der Karaffe mit schwarzem Tee bedient hat, setzt er sich. »Sie kommen also in der Sache der Vermissten Frau Heide Mertens. Bedauerlicherweise kann ich Ihnen nicht viel aus eigenem Wissen berichten. Sehen Sie, ich war damals Ausbilder und Dozent an der Polizeischule in Eutin, ich lehrte dort Polizeirecht, Deutsche Geschichte und Englisch, als ich ohne irgendwelche Vorwarnung hier nach Itzehoe versetzt wurde, um den plötzlich erkrankten Kollegen Thumann kommissarisch zu vertreten. Als ich hier eintraf, waren bereits mehrere Monate seit dem Verschwinden des Mädchens vergangen und die ermittelnden Kriminaloberkommissare Gehrke und Neumann traten auf der Stelle – es fanden sich einfach keine neuen Spuren. Auch als wir die beiden Kieler Kollegen der Moko II zur Unterstützung dazubekamen, ergab dies nichts wirklich Brauchbares. Als dann auch noch KOK Gehrke aufgrund lebensgefährlicher Messerstiche, ausgeführt von einem Drogenabhängigen, verletzt ausschied und Neumann wegen der anstehenden Polizei-Strukturreform in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde, stand ich hier sprichwörtlich vor einem Scherbenhaufen. Deswegen blieb unserem damaligen Staatsanwalt Doktor Pepperkorn nichts anderes übrig, als die Ermittlungen zu besagtem Fall vorerst auf Eis zu legen. Zu jener Zeit geschahen einige andere Fälle, denen wir uns ebenso dringend widmen mussten, und unsere knapp gewordene Belegschaft war an allen Stellen im Übermaß gefordert. Mit der Strukturreform wurde aus meiner hiesigen bis dahin vorübergehenden die endgültige – eine mir eher ungeliebte – Aufgabe, dieser Bezirksdirektion als deren Leiter vorzustehen. Vor allem der Aufbau einer neuen Kripo hielt mich in Atem. Wenigstens hatte ich das Glück, dass die tüchtigen Kriminaloberkommissare Hauke Steffens aus Oldenmoor und Dörte Westermann, die ich von der hiesigen Schutzpolizei holte, zu uns kamen, um den neuen Kader aufzubauen. Ich brauche Ihnen ja nicht zu verraten, dass ich mich selbst für solch eine Führungsposition nicht gerade als einen von der Natur befähigten Menschen halte. Mir ist sehr wohl bekannt, dass meine Beamten meine oft ungehaltene und schroffe Art missbilligen.« Er schaut Nili prüfend an und fährt dann fort. »Sehen Sie, der liebe Gott hat mich nicht gerade mit einer normalen Dosis an Langmut beglückt, im Gegenteil, meine Geduldschwelle ist eher niedrig ausgefallen. Etwaige Nachlässigkeit, Inkompetenz oder das Fehlen von schnellen und brauchbaren Hinweisen machen mich wütend, und entsprechend ungehalten sind meine Reaktionen. Mir ist nicht verborgen geblieben, dass man mich deswegen eher fürchtet als achtet und mich hinterrücks mit einem nicht gerade gefälligen Spitznamen bedacht hat. Ich sehe, Sie lächeln, geschätzte Frau Masal, und glauben Sie mir, ich bin darüber gar nicht einmal erbost – immerhin verfüge ich trotz allem über eine gewisse Portion Humor –, denn der ›Hein Gröhl‹ trifft eigentlich den Nagel auf den Kopf!«

»Chapeau, Herr Kriminaloberrat! Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass Sie das derart sportlich hinnehmen! Aber im Gegensatz zu Ihnen glaube ich schon, dass man Ihre Arbeit schätzt und würdigt. Jedenfalls darf ich hier zum Beispiel Staatsanwalt Pepperkorn zitieren, der gelegentlich über Sie urteilte: ›Wenn er wieder heruntergekommen ist, ist er ein sehr wacher und prima Polizist!‹ Ich darf Ihnen verraten, dass ich aufgrund der mit Ihnen gemeinsam geleisteten Arbeit seiner Beurteilung voll und ganz zustimmen kann! Im Übrigen ist es auch Ihren Mitarbeitern nicht entgangen, dass Sie sich doch in der letzten Zeit einige Mühe geben, sich besser im Zaum zu halten.«

Kriminaloberrat Stöver lächelt. »Es freut mich sehr, dass Sie und der Herr Doktor so liebenswürdig über mich denken. Mit Uwe Pepperkorn konnte ich ganz gut, was ich leider von seiner jetzigen Nachfolgerin, Frau Doktor Bachmann, nicht gerade behaupten kann. Mit ihrem Assessor Doktor Kramer schon.«

»Na, bedenken Sie doch, dass Frauen naturgemäß eher schockiert und rascher eingeschnappt sind, wenn Männer laut werden, lieber Herr Kriminaloberrat.«

»Das trifft Gott sei Dank nicht auf Sie zu, Frau Masal. Ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass meine gelegentlichen Ausbrüche Sie unbeeindruckt ließen und Sie diese ohne ein Wimpernzucken einfach ignorierten und sehr nüchtern reagierten. Mir hat übrigens Ihr durchaus professionelles Verhalten sehr gut gefallen und ich freue mich wirklich auf diese erneute Zusammenarbeit. Ich mache kein Hehl daraus, dass mich früher jegliche äußerliche Einmischung in unsere Arbeit und Kompetenzen ebenso ungehalten gemacht hat. Aber ich muss bekennen, dass mich die persönliche Zusammenarbeit mit Ihnen und Ihren Kieler Kollegen vom LKA in der letzten Zeit eines Besseren belehrt hat. Sie haben in erheblichem Maße zur Lösung unserer gerade behandelten Fälle beigetragen, und dafür sind wir Ihnen hier besonders verbunden! Im Übrigen darf ich Sie auch noch zu Ihrer Berufung als Teamleiterin Sonderermittlungen beglückwünschen, da haben Ihre Vorgesetzten wahrhaftig eine sehr gute Initiative ergriffen.«

Nili bedankt sich mit einem Lächeln und trinkt einen Schluck Wasser.

»Und Sie haben sich gleich diesen ungelösten Fall aus unserer Gegend herausgepickt?«, fragt der Kriminaloberrat. »War das Zufall?«

Nili schüttelt verneinend den Kopf. »Nennen Sie es Zufall, womöglich liegen Sie damit richtig. Erst einmal Folgendes: Wie wir annehmen, sind es mit großer Wahrscheinlichkeit sogar zwei zu etwa der gleichen Zeit vermisste Personen, deren Fälle in welcher Form auch immer zusammenhängen: Die eine Person ist von hier, die andere aus Oldenmoor. Tatsächlich zog unsere neue Kollegin Förster die Akte der Heide Mertens aus einem der riesigen Stapel, die auf unseren Schreibtischen liegen, und fand ihn besonders interessant. Im Laufe der ersten Ermittlungen stießen wir auf einen weiteren Vermisstenfall, der ebenfalls kurz vor Ostern letzten Jahres geschah und mit dem wir eine wahrscheinliche Verquickung mutmaßen.« Nili teilt Kriminaloberrat Stöver ausführlich die diesbezüglichen Fakten und ihre Vermutungen mit. Dann blickt sie auf ihre Uhr. »Ich glaube, wir sollten uns langsam auf den Weg machen, Herr Kriminaloberrat, um Heide Mertens’ Klubkameradinnen zu befragen. Vielleicht gibt es bald eine Gelegenheit, diese interessante Konversation fortzusetzen. Im Übrigen darf auch ich Ihnen versichern, dass wir beide uns doch jetzt ganz gut verstehen und mir die Zusammenarbeit mit Ihnen und Ihrem Team großen Spaß macht!«

»Sie haben recht, Frau Masal«, sagt der Kriminaloberrat mit einem Lächeln und beide erheben sich. »Jedenfalls vielen Dank für Ihre netten Worte, dass Sie mich in Ihre Ermittlungen mit einschließen und auch dafür, dass Sie mir so geduldig zugehört haben. Eine Bitte hätte ich aber noch: Darf ich mit Ihnen fahren? Sie müssen wissen, ich bin ein ausgesprochen schlechter Autofahrer. Ich habe zwar einen Dienstwagen auf dem Parkplatz stehen, nutze ihn aber nur äußerst ungern und auch nur dann, wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt. Mit Ihnen fahre ich dagegen sehr gern und wir können uns ja dabei weiter unterhalten.«

*

»Vielen Dank, Frau Schindler, dass Sie uns die Mitgliederliste und die anderen Daten umgehend gefaxt haben. Sie haben uns damit sehr geholfen! Darf ich Ihnen Herrn Kriminaloberrat Heinrich Stöver, Leiter der hiesigen Bezirkskriminalinspektion, vorstellen?« Nili wartet, bis die beiden einander zugenickt haben, und spricht dann weiter: »Wie ich Ihnen gestern schon gesagt habe, ist er damals kurzfristig für den plötzlich erkrankten Kollegen Thumann eingesprungen.«

»Auch einen Dank von mir, sehr geehrte Frau Schindler«, sagt der Kriminaloberrat, »dass Sie uns freundlicherweise diesen Besuch gestatten, um die Fechtkameradinnen der vermissten jungen Frau Mertens kennenzulernen.«

»Ist doch selbstverständlich! Wir sind ebenfalls sehr daran interessiert zu erfahren, was mit unserer erfolgversprechenden Sportskameradin geschehen sein mag. Gehen wir also zum Fechtboden, den Mädels habe ich Ihr Kommen bereits angekündigt.«

Die anschließende Befragung der beiden Teenager, die laut Meinung von Frau Schindler der Heide Mertens etwas nähergestanden haben, ergibt allerdings nicht viel Neues. Saskia Niehus, eine brünette, leicht gedrungene Gestalt, die wegen ihrer überlangen Arme auffällt, und auch Bente Freese, blond, blauäugig, schlank und großgewachsen, berichten gleichlautend, dass Heide eine sehr nette und besonders herzliche Kameradin gewesen sei. Immer gut gelaunt und fröhlich, stets fleißig beim Training und sehr konzentriert beim Fechten. Sie hätten sie zuletzt beim letzten Übungsabend vor Ostern gesehen. Heide hat Bente anvertraut, dass sie in den Osterferien ein paar Tage mit ihrem neuen Freund verreisen würde. Wer das gewesen sei, weiß Bente jedoch nicht. Auf die Frage, ob sie etwas über den DJ Mario aussagen können, erklären Frau Schindler und die Mädels, dass dieser ihre vorletzte Weihnachtsfeier musikalisch gestaltet hat und alle ihn in seinem Wirken besonders gut fanden. Frau Schindler bedauert, dass sie danach vergeblich versucht hat, erneut Kontakt zu ihm aufzunehmen, um den Entertainer auch für das nächste Vereinsvergnügen zu engagieren. Nein, ihnen sei nicht aufgefallen, berichten sie auf Nilis Befragen, dass der Diskjockey und Heide sich irgendwie nähergestanden haben könnten.

*

»Fahren Sie zufällig heute Abend noch nach Oldenmoor, Frau Kriminalhauptkommissarin?«, fragt KOR Stöver, nachdem sie wieder in Nilis Cross Polo Platz genommen haben.

Nili lächelt ihn an. »Ja, ich setze Sie gern auf dem Weg dorthin in Honigfleth bei Ihrer Schwester ab, wenn Sie das meinten, Herr Kriminaloberrat.«

»Danke, das wäre sehr nett von Ihnen, dann kann mich ja mein Schwager danach wieder nach Hause bringen.« Während sie aus Itzehoe herausfahren, meint Nili: »Also da haben wir jetzt wenigstens die Bestätigung der einen Sportsfreundin erhalten, dass sich die vermeintlich tugendhafte Heide mit einem ›neuen Freund‹ – wer auch immer das gewesen sein mag – eine kleine Auszeit genehmigen wollte.«

»Ja, da haben Sie wohl ganz recht, dass eher besagter DJ Mario anstatt eine nicht existente Marianne als Reisebegleitung infrage kommt. Übrigens, nach Ihrem gestrigen Telefonanruf habe ich unsere diesbezüglichen Unterlagen im Archiv durchsuchen lassen, doch leider wurde Werner Thumanns schwarzes Notizbüchlein nicht aufgefunden.«

»Könnten wir ihn vielleicht danach befragen – wissen Sie überhaupt, was aus Ihrem Vorgänger geworden ist?«

KOR Stöver schüttelt den Kopf. »Leider nicht, ich werde mich aber gleich am Montag darum kümmern. Was ich übrigens zufälligerweise von unserer Kriminaloberkommissarin Dörte Westermann erfahren habe, weil wir nach Ihrem Telefonat über den Fall sprachen, ist, dass ihre jüngste Schwester Doro eine Klassenkameradin von Heide Mertens gewesen ist. Frau Westermann will sie fragen, ob sie uns etwas Nützliches über die Mertens erzählen kann, und dann meldet sie sich bei Ihnen.«

»Danke, Herr Stöver, sehr gut! Je mehr wir erfahren, desto besser! Ich denke auch, dass wir Heides Mutter noch einmal befragen sollten. Die arme Frau tut mir zwar sehr leid, aber wir können ihr das dennoch nicht ersparen. Es ist kaum anzunehmen, dass ihr als Heides Mutter die Liebelei ihrer Tochter ganz verborgen geblieben sein kann. Ich gebe Ihnen jedenfalls rechtzeitig Bescheid für den Fall, dass Sie oder einer Ihrer Kommissare dabei sein möchten. So, wir sind schon da.« Nili hält am schönen, reetgedeckten Haus nahe der historischen Honigflether Schöpfmühle an, um den Kriminaloberrat hinauszulassen. »Schönes Wochenende und wir bleiben im Kontakt«, wünscht sie ihm, hupt noch einmal kurz zum Abschied und fährt dann weiter auf der alten B 5 in Richtung Oldenmoor.

*

»Hola, querida Abuelita«, ruft Nili von der Diele aus, während sie sich an der Garderobe ihres Mantels und der pelzgefütterten Stiefeletten entledigt und in ihre Sandaletten steigt. Hocherfreut, auch wieder ihre Mutter zu sehen, die zusammen mit Oma Clarissa aus der Küche auf sie zukommt, um sie zu begrüßen, setzt sie noch ein »Shabat shalom, Ima!« hinzu.3

»Hola, querida Nili. Schön, dass du mal wieder da bist, Liebes! Wir waren gar nicht so sicher, ob du schon heute Abend kommst, aber sicherheitshalber habe ich ein Blech mit Humintas in den Backofen geschoben«, berichtet die Omi.

»Das habe ich bereits beim Hereinkommen bemerkt, Abuelita, die duften ja himmlisch bis auf die Straße hinaus!«

»Gestern brachte mir Oliver zwei Kilo von seinem frischen Kuhmilch-Weißkäse, den sie neuerdings auf dem Holstenhof produzieren und der sehr gut bei der Kundschaft im Hofladen ankommt. Jedenfalls sagt er, dass sich zurzeit dieser von ihm getaufte ›Requesón Andino‹ eher als der Verkauf der Frischmilch an die Meierei rentiert. Sie überlegen ernsthaft, ob sie nicht ein Drittel ihrer siebzig Milchkühe abschaffen und ihre Erzeugnisse lieber nur noch in ihrem Hofladen direkt verkaufen sollen.«

»Ja, Milchbauern durchleben schwere Zeiten«, sagt Nili. »Die Supermärkte drücken derart die Preise, dass viele Bauern aufgeben müssen! Gut, dass Onkel Oliver und Vetter Hans-Peter rechtzeitig mit dem Eigenverkauf ihrer Milch, der Butter und des Käses begonnen haben. Aber woher hast du jetzt im März noch frische Maiskolben, Abuelita?«

»Die kluge Frau baut vor, Nili. Von der letzten Maisernte des Holstenhofes habe ich mir einige Dutzend schöner Kolben eingefroren. Die haben sich prächtig gehalten, du wirst schon sehen!«

»Du, ich hab da ’ne Idee.« Nilis Augen blitzen. »Ich ruf mal schnell meinen Waldi an, der war heute dienstlich in Pinneberg. Vielleicht schafft er es noch, auf dem Rückweg vorbeizukommen!«

Hocherfreut legt sie nach dem Telefonat ihr altertümliches Handy zur Seite – sie kann sich immer noch nicht für ein zeitgemäßes Smartphone entscheiden, weil ihr die ›ewigen Glotzer und Hin- und Herwischer‹, wie sie die Nutzer nennt, ein Dorn im Auge sind. »Hei kümmt!«, verkündet sie strahlend.

»Na, denn is ja dein Wochenende wieder gerettet!« Abuelita schmunzelt.

*

Nachdem sie die schmackhaften gebackenen Humintas aus ihren Maisblätterumhüllungen herausgeschält und genüsslich vertilgt haben, gibt es noch einen Martín Fierro zum Nachtisch.

»Ich habe von Olivers Requesón eine Portion zurückbehalten«, erzählt die Omi und stellt einen Teller des in kleinere Scheiben geschnittenen runden Käseklopses auf den Tisch. »Anstatt des traditionell dazugehörenden Bataten-, Quitten- oder Guaven-Zuckerbrots gibt es leider nur einige Löffel meiner letztjährigen dick eingekochten Quittenmarmelade. Ich hoffe, es schmeckt euch trotzdem!«

Waldi bestätigt mit Begeisterung in seiner Stimme: »Und wie, liebe Oma Clarissa, wirklich mal wieder eine gelungene Kombination! Aber wo kommt der seltsame Name her?«

»Eigentlich aus dem Buenos Aires der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts«, berichtet Ima Lissy. »Martín Fierro ist der Name einer epischen Dichtung des Journalisten José Hernández, der dafür den Stil der traditionellen ›Payadas‹ – das sind Stegreif-Reime, mit denen zwei Gauchos im abwechselnden Turnus zur eigenen Gitarre singen und sich damit auf Wettbewerben regelrecht wörtlich bekämpfen – verwendet hat. Allerdings weiß ich nicht, wieso die Nachspeise den Namen dieses berühmten Gauchos trägt.«

»Vielleicht, um seine typisch argentinische Herkunft zu unterstreichen, weil diese Zusammenstellung auch in anderen lateinamerikanischen Ländern sehr beliebt ist«, sinniert Nili. »Wir haben den ›Queso y Dulce‹ auch in Kolumbien gegessen.«

Nachdem Abuelita Clarissa für das gelungene Essen allerseits höchstes Lob bekommen hat, gehen sie gemeinsam ins Wohnzimmer und sitzen alle am gemütlich wärmenden Kaminfeuer. Während des Abendessens hat Nili bereits ausführlich über die beiden wieder aufgewärmten Vermisstenfälle berichtet.

»An das Verschwinden eines jungen Diskjockeys im letzten Jahr kann ich mich erinnern«, bestätigt Abuelita. »Ich habe davon im Courier gelesen, und Oliver erzählte auch noch, dass er sich die Woche vor Ostern bei Wiese eine neue Cordhose gekauft und der junge Verkäufer ihn sehr nett beraten hat.«

»Was kann den beiden nur passiert sein?«, überlegt Ima. »Noch wissen wir nicht mit Sicherheit, dass sie überhaupt zusammen verreist sind«, gibt Nili zu bedenken.

Waldi küsst sie auf die Nase. »Allerdings spricht so einiges dafür. Nili zeigt sich wie immer bescheiden, das wissen wir ja!« Er sieht ihr in die Augen und spricht sie direkt an: »Und ich setze wieder einmal auf das besondere Gespür deines ausgesprochen schönen Riechorgans.«

»Jedenfalls werden wir mit Sicherheit schon bald mehr erfahren«, verkündet Nili. »Ich habe von unterwegs Boie Hansen angerufen und treffe ihn mitsamt den ehemaligen Kollegen morgen um zehn auf der Dienststelle.«

»Wenigstens einmal eine christliche Zeit!«, lässt Waldi zufrieden verlauten.

»Nix da, du Faulpelz! Um sieben wird aufgestanden, und dann geht’s auf die Joggingpiste, um Abuelitas üppige Maiskuchen wieder abzuarbeiten. Du hast immerhin drei Humintas verdrückt, vom Martín Fierro ganz zu schweigen!«

Waldi lacht. »Was kann ich denn dafür, dass die so unverschämt gut schmecken!«

*

Sehr herzlich begrüßen Hauptkommissar Boie Hansen und seine drei Mitarbeiter der Polizeidienststelle Oldenmoor Nili und Waldi.

»Also, liebe Nili, sehr viel können wir dir leider über den Fall des vermissten Dominik Baumann nicht berichten. Das passierte etwa zwei Wochen nach deiner Versetzung nach Kiel. Nachdem sein Arbeitgeber Wilfried Wiese und danach seine Vermieterin Frau Wendlandt mit der Vermisstenmeldung zu uns kamen, haben wir uns natürlich sofort auf die Suche gemacht. Wie wir erfuhren, war wohl sein letzter Auftritt als Diskjockey am vorigen Ostermontag bei einer Geburtstagsfeier im Elbmarschen Hof. Am Tag darauf verabschiedete er sich von seiner Wirtin, wie sie aussagte, für eine Tour durch Schleswig-Holstein und das angrenzende Gebiet von Dänemark. Diese sollte bis Ende des Monats dauern, denn so lange hätte er Urlaub. Dies bestätigte gleichlautend sein Arbeitgeber. Danach verliert sich jegliche Spur, niemand hat Baumann seitdem gesehen. Leider hinterließ er hier nicht viel Verwertbares, Oldenmoor war ja nur sein zweiter Wohnsitz. Anscheinend hat er das Wesentliche seiner Habe entweder bei den Eltern in Elmshorn aufbewahrt oder in seinem mit Pinneberger Kennzeichen versehenen Bulli mitgeführt, zusammen mit seiner gesamten Beschallungsausrüstung. So gelang uns auch nicht näher nachzuvollziehen, wo er sich seit seinem Verschwinden aufgehalten haben könnte, jedenfalls war in seinem möblierten Zimmer nichts darüber zu finden.« Boie Hansen klappt die Akte wieder zu. »In Absprache mit der Itzehoer Staatsanwaltschaft und Kripo haben wir schließlich den Fall an die Elmshorner Kollegen abgegeben.«

»Mmm, lass mich mal raten, Boie: Kriminaloberrat Thumann oder Stöver?«

»Nee, Nili. Jetzt, wo du das sagst, keiner von beiden. Da war niemand so richtig federführend. Thumann hatte doch gerade einen Herzinfarkt erlitten und Stöver war erst im Anflug. Da war damals ein Kriminalhauptkommissar zuständig, und ich glaube, sein Namen war Neumann.«

»Ja, das stimmt.« Waldi nickt. »Den hat’s tatsächlich gegeben. Also muss die Sache zwischen zwei Stühle gefallen sein.«

»Wie ist das gemeint?«, fragt Polizeimeister Willi Seifert.

»Da muss ich also ein wenig weiter ausholen, liebe Freunde.« Nili berichtet von den beiden Fällen, die sie und ihr neues Team von LKA-Sonderermittlern gerade aus der ›Aktenversenkung‹ des Kieler Archivs herausgepickt haben und deren Lösung sie nun forciert anstreben.

»Ihr solltet euch auf jeden Fall eine Kopie der Akte aus Elmshorn kommen lassen!«, meint Waldi.

»Ich habe den Dominik ein wenig gekannt«, berichtet plötzlich Polizeimeister-Anwärterin Helga Timm. »Wir waren einige Male mit meiner Freundin Anja Bartels im ›Colo‹ zur Disco, wo DJ Mario – so hieß er doch? – für die Musik zuständig war. Er war wirklich gut und sah auch noch toll aus mit seinen rotblonden Haaren. Und er hatte flotte Sprüche drauf! Wir haben uns später des Öfteren gefragt, warum er auf einmal hier nicht mehr aufgetaucht ist.«

»Hattet ihr näheren Kontakt zu ihm?«, will Nili wissen.

»Nö, nicht wirklich! Anja war ja ’n beten verknallt in den Typ, aber mehr war nicht. Wenigstens hat sie mir nicht viel mehr gesagt.«

»Nur sicherheitshalber, Helga: Wo finden wir deine Freundin, falls wir noch Fragen haben sollten?«

»Sie sitzt an der Kasse im Elbe-Kaufmarkt. Soll ich sie fragen?«

»Na ja, wenn sich’s ergibt. Sag Bescheid, falls du etwas Nützliches erfährst, okay?«

Waldi und Nili verabschieden sich.

»Viel Glück, Nili, und lass uns wissen, wie’s weitergeht!

*

Während Waldi den Dienstpassat steuert, greift Nili zum Handy.

»Guten Morgen, Herr Kriminaloberrat! Gut nach Hause gekommen?« Sie lauscht. »Ach was, Sie sind noch in Honigfleth?«

KOR Stöver erzählt ihr, dass er über Nacht geblieben sei, weil sein Schwager mit einer Grippe im Bett liege. Er habe somit keinen Fahrer gehabt und sei gerade im Begriff gewesen, sich ein Taxi zu bestellen.

»Unsinn, Herr Stöver, mein Waldi Mohr und ich kommen gleich vorbei und holen Sie ab. Und dann nehmen wir Sie mit zum Holstenhof meines Onkels. Bei einem guten Mittagessen können wir Ihnen gleich die aktuellen Neuigkeiten mitteilen.« Als der Kriminaloberrat protestiert, sagt sie: »Bitte keine Widerrede, das macht überhaupt keine Umstände, glauben Sie mir. Bei Onkel Oliver und Tante Madde geht es jedes Wochenende hoch her, denn da trifft sich unsere gesamte Familie und es gibt immer noch eine Portion für Überraschungsgäste. Also bis gleich!«

*

Ein wenig verlegen und überrumpelt von Nilis stürmischem Naturell wird Heinrich Stöver sehr herzlich vom Familienoberhaupt des Holstenhofes begrüßt und dann sogleich sämtlichen anwesenden Mitgliedern, »meiner gesamten Mishpacha«4 vorgestellt, wie Nili scherzhaft betont. Offensichtlich von dem freundlichen Empfang berührt, versucht er sich für sein unangemeldetes Eindringen zu entschuldigen.

»Aber, aber, sehr geehrter Herr Kriminaloberrat, Sie brauchen sich darüber wirklich keine Gedanken zu machen!« Oliver Keller lächelt den Gast freundlich an. »Wie Ihnen meine Nichte vielleicht berichtet hat, sind meine Eltern, meine Schwester Lissy – also Nilis Mutter – und ich in Bolivien aufgewachsen, und dort ist es gang und gäbe, Gäste mit den Worten ›Mi casa es su casa‹ zu empfangen. Also genießen Sie mit uns Ihren heutigen Aufenthalt in diesem, Ihrem Haus!« Als Tante Madde zu Tisch bittet, führt Oliver den Gast in die große Wohnküche, wo sich alle rund um den großen Esstisch versammeln, und fügt mit Blick auf die erwartungsvoll dreinschauenden hungrigen Mäuler hinzu: »Oma Clarissa hat uns heute mit ihren letzten drei Gänsen vom Eulenhof bedacht. Sie haben das Weihnachtsfest überlebt, durch welches Wunder auch immer.«

Spontanes Geklatsche begrüßt die Ankündigung.

»Ist ja gut, ihr Lieben!«, quittiert Abuelita etwas verlegen die unerwartete Ovation. »Um das ›Wunder‹ aufzuklären, sei erwähnt, dass es drei verspätete Eischlüpflinge waren, die zu Weihnachten noch nicht ihre Schlachtreife erreicht hatten, sodass wir sie ihr Gnadenbrot bis vorgestern genießen ließen, als Viez Bruno sie bei uns abholte und zum Schlachter Reimers brachte. Maddes Kochanleitung stammt übrigens aus der Rezeptsammlung meiner Mutter Annette von Steinberg. Zum Nachtisch habe ich euch ein großes Glas meiner vorjährigen Quittenmarmelade mitgebracht.«

»Ach wie schön, Omi, Martín Fierro!«, ruft das jüngste Familienmitglied Oskar entzückt dazwischen.

»Na, dann brauche ich ja nichts mehr zu sagen! Jedenfalls hoffen wir, dass es euch schmeckt, und dazu guten Appetit!«

*

Als sie später beim Kaffee in der ›Guten Stube‹ des geräumigen Bauernhauses gemütlich zusammensitzen, bemerkt Heinrich Stöver: »Frau Masal, ich beneide Sie wirklich um Ihre prächtige Familie. Wie gern hätte ich auch so eine gehabt!«

»Wieso, Herr Kriminaloberrat, sind Sie denn alleinstehend?«, fragt Omi Clarissa.

»Ach, wissen Sie, gnädige Frau, auch wir wurden das Opfer der vermaledeiten Nazis. Zwar keineswegs mit Ihrem Schicksal zu vergleichen, aber dennoch wurden auch wir gegen Kriegsende vom Hass der polnischen Nachbarn in Oberschlesien gejagt und verfolgt. Ich kann es ihnen keineswegs verdenken, zu viel Unrecht und Tod haben Deutsche den Polen in jenen bösen Jahren zugefügt, das ist wahr, aber auch wir – die nichts Unrechtes getan hatten – mussten dafür bitter büßen. Als damals Willy Brandt in Warschau auf den Knien um Vergebung bat, hätte ich mich am liebsten neben ihn gekniet. Es war für mich eines der tiefsten Erlebnisse meines Lebens. Jedenfalls, kurz bevor die Russen einmarschierten, wurde mein Vater, in dritter Generation Inhaber einer Ziegelei in Kochlowitz bei Katowitz, von einigen dort unter schmählichen Bedingungen schuftenden KZ-Insassen erschlagen. Durch das energische Eingreifen eines polnischen Vorarbeiters erlaubte man meiner Mutter und uns vier Kindern, unsere Siebensachen auf einen Pferdewagen zu laden, und jagte uns davon. Wir schlossen uns einem Treck von Flüchtlingen an und entkamen glücklicherweise der stets vorrückenden Roten Armee um eine Nasenlänge. Ich war der Jüngste, aber meine älteste Schwester erfror unterwegs und meine Mutter zog sich eine Lungenentzündung zu und starb, kurz nachdem wir endlich in dem zerbombten Deutschland angekommen waren. Auch eine meiner beiden verbliebenen Schwestern hat nicht mehr lange gelebt, die andere ist in Honigfleth verheiratet, deren Ehe blieb aber kinderlos. Ich hatte Glück und wuchs in Marne bei einem entfernten Verwandten meiner Mutter auf. Mein Abitur machte ich dann in Itzehoe und schlug daraufhin die Polizeilaufbahn ein. Ich war nur kurz mit einer sehr lieben Frau verheiratet, die leider bei der Geburt unseres ersten Sohnes starb. So bin ich allein geblieben, habe mich aber daran gewöhnt.«

*

Als Nili und Waldi am frühen Abend den Kriminaloberrat wieder nach Itzehoe zurückbringen, stehen zu seiner Verabschiedung alle an der Haustür und winken dem Passat hinterher.

»Das ist also Nilis berühmt-berüchtigter ›Hein Gröhl‹? Mir kam er eher ruhig und angenehm vor«, meint Ima Lissy.

»Möglich. Aber ich denke, jetzt lassen sich seine gelegentlichen schroffen Ausbrüche besser nachvollziehen«, urteilt Abuelita.

3. Aus Nilis Tagebuch

Nili nimmt sich mal wieder ihr Tagebuch vor, denn sie will darin die letzten Ereignisse festhalten. Sie tut es damit ihrer Abuelita Clarissa gleich, die schon in früher Jugend die bedeutenden und intimsten Gedanken ihren Tagebüchern anvertraut hat und gelegentlich Tochter und Enkelin auch daraus vorliest. Nili erfährt dadurch immer wieder interessante Begebenheiten aus ihrer Familiengeschichte und von den ereignisreichen Tagen der Flucht der Großeltern Heiko und Clarissa, ihrer Mutter Lissy und Onkel Oliver aus Nazi-Deutschland sowie aus ihrem bolivianischen Exil. In ihrem ersten Gymnasialjahr in Hamburg begann sie mit den Einträgen und hielt in unregelmäßigen Abständen alle jene erwähnenswerten Erlebnisse handschriftlich fest, die ihr bedeutend erschienen. Nach Antritt ihrer polizeilichen Karriere in Hamburg und anlässlich des schmerzhaften Endes einer Affäre mit einem Mann unterbrach sie diese Gewohnheit für längere Zeit und begann erst Jahre später damit – bereits zur Kriminaloberkommissarin befördert und nach Oldenmoor zurückgekehrt –, ihre interessantesten Fälle festzuhalten. Inzwischen tippt sie ihre Aufzeichnungen auf dem Laptop und speichert sämtliche Berichte auf einer separaten, nur dafür bestimmten Festplatte.

Nachdem Waldi und ich KOR Stöver vor seinem Gästehaus in der Itzehoer Dorfstraße abgeliefert hatten, fuhren wir gleich weiter nach Kiel. Wir hatten uns erstaunt gezeigt, dass Stöver seit seiner Ankunft immer noch keine eigene Wohnung oder ein Haus bewohnt. Er meinte, für ihn hätte dies als Allleinstehender kaum einen Sinn. Er fühle sich sehr wohl bei seinem gastfreundlichen Wirtsehepaar Winter, das ihn mit allem Benötigten versorge. Waldi war der Meinung, dass er nach allem, was Stöver uns von sich erzählt hatte, viel besser nachvollziehen könne, weshalb dieser derart launisch sei und gelegentlich cholerische Ausbrüche habe. »Er ist allein und unglücklich, und diese Verbitterung macht ihn eben zu dem, was er ist!«, sagte er. Ich erwiderte, dass Stöver meines Erachtens in der letzten Zeit mit seinen Mitarbeitern etwas milder umginge, dies sei mir von denen auch mit Verwunderung berichtet worden und ich hätte ihnen scherzend empfohlen, ihm einen neuen Spitznamen zu geben. Waldi nickte bestätigend: »Daran hast aber du wesentlichen Anteil, weil du ihn besser zu nehmen weißt und er dich respektiert!«

Den Rest des Wochenendes verbrachten wir in Waldis gemütlicher Wohnung und genossen ausgiebig unsere Zweisamkeit. Er hat das ehemalige Kapitänshaus des Großvaters nach dem Tod seiner Eltern in zwei Wohnungen aufgeteilt und eine davon selbst bezogen, wobei Kollege Lutz Krause vom KTI die andere mit seiner Familie bewohnt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich festhalten, dass unsere vormalige KTU im LKA – vor allem wegen ihres in den letzten Jahren erlangten hochgradigen Spezialisierungsniveaus – vor Kurzem in den Rang eines Kriminaltechnischen Instituts gehoben wurde und unter der Gesamtleitung eines renommierten Kriminalisten und Akademikers steht.

Gerade als wir es uns am Sonntagnachmittag mit einem duftenden schwarzen Tee und den restlichen Weihnachtskeksen am Kamin gemütlich machen wollten, klopfte es an der Wohnungstür. Es war Lutz’ Ehefrau Marion, die uns spontan zum Abendessen einlud. Ebenso bereitwillig sagten wir zu. Als wir wieder allein waren, meinte Waldi scherzend, dass die Krauses ihn unwissentlich vor dem Dilemma bewahrt hätten, was er mir denn zum Abendessen anbieten solle. Ein wenig verlegen gestand er, dass der Kühlschrank leer und fast alle übrigen Vorräte aufgebraucht seien, da er in der letzten Woche ständig unterwegs und so gut wie nie zu Hause gegessen hätte. Familie Krause und ihre Söhne Jan und Tim entpuppten sich als sehr angenehme Gastgeber und wir vertilgten genüsslich Marions schmackhaften Nudelauflauf mit geräucherten Putenbruststreifen, glasierten Maronen und Datteln. So wurde dieser Abend zu einem sehr angenehmen Sonntagsausklang.

Am nächsten Montagmorgen setzte mich Waldi nach unserer Joggingrunde bei meinem turnusmäßigen Judotraining ab. Es war wirklich furchtbar, denn ich war längere Zeit ferngeblieben und total aus der Übung. So landete ich dementsprechend öfter auf der Matte. Erst als unser japanischer Trainer Sakai San sich meiner persönlich erbarmte, um mich wieder in die richtige Stimmung zu versetzen und gezielt meine offensichtlich vorübergehend fehlende Konzentrationsfähigkeit wiederherzustellen, gelang es mir, immerhin die drei letzten Kämpfe zu gewinnen. Dennoch habe ich einige Striemen und einen gehörigen Muskelkater davongetragen. Da mein Cross Polo in Oldenmoor geblieben war, kasteite ich mich selbst und machte mich auch noch zu Fuß auf zu meiner Dienststelle beim LKA. Während ich in Richtung Mühlenweg ging, klingelte mein Handy. Es war Robert Zander, der nach mir fragte. Wenig später traf ich im Büro ein.

»Gut, dass Sie da sind, Nili. Die Elmshorner Reviervorsteherin hat uns eine Zweitschrift der Akte Baumann zugeschickt. Dann gibt’s auch Neuigkeiten aus Itzehoe über den Fall Heide Mertens, die Sie wissen sollten, und schließlich hat unser Dezernatsleiter, Kriminaloberrat Andreas Heidenreich, unser Team zur Besprechung um 14:30 bei sich einbestellt.«

Nili dankt Robert für den kurzen Bericht. »Irgendeine Ahnung, worum es geht?«

»Nein, tut mir leid, hat man uns nicht gesagt!«

»Nun gut, wir werden es ja erfahren.« Nili bereitet sich einen Becher Kaffee zu und sieht schließlich ihre beiden Kollegen herausfordernd an. »Na dann schießen Sie mal los: Was gibt’s denn Neues?«

»KOR Stöver rief an und wollte Sie sprechen, Frau Kriminalhauptkommissarin«, berichtet Margrit Förster. »Er ließ ausrichten, dass seine KOK Westermann mit ihrer jüngeren Schwester gesprochen und dabei einiges über Heide Mertens erfahren habe. Sie sollen bitte Frau Westermann anrufen.«

Nili überlegt einen Augenblick. Dann sagt sie: »Also, zunächst erst einmal fürs Protokoll, geschätzte Kollegin Förster! Darf ich vorschlagen, dass wir uns im Team der Einfachheit halber nur mit dem Vornamen anreden? Also, dies ist Robert und ich bin Nili, okay?«

»Danke, Nili! Und ich bin die Margrit!«

»Und? Gibt’s kein Bussi?«, scherzt Robert.

»Nö, Sie Witzbold, aber gehen Sie mal rasch, um Ihre Reisetasche zu packen, und tanken Sie unseren Dienst-X3 voll, denn gleich nach dem Gespräch mit dem Boss fahren wir nach Itzehoe. Und geben Sie mir mal bitte die Elmshorner Akte.«

*

Nachdem Robert gegangen ist, prüft Nili den Ordner mit den Unterlagen und kaut nachdenklich an dem roten Markierstift.

»Es muss doch möglich sein, irgendwie die letzte Route von Diskjockey Mario nachzuvollziehen«, sinniert sie leise vor sich hin. Dann greift sie zur PC-Tastatur und tippt eine Liste mit den anstehenden Aufgaben für das Team.

Rundschreiben an alle nördlichen Landes-Polizeistationen – ebenso dänische Polizeistationen im Grenzgebiet – mit der Bitte um Aufklärung des Verbleibs des Vermissten Dominik Baumann (Bild und Beschreibung zufügen):

- Wo wurde nach dem Ostermontag des letzten Jahres eine Tanzveranstaltung angekündigt, bei der DJ Mario die Musik machte?

- Wurde der auffällige rot-gelbe VW-Bulli älterer Bauart (T 2) mit dem DJ-Logo und pol. Kennz. IZ-DJ 111 irgendwo gesichtet?

- Wo/Ab wann ist DJ Mario nicht mehr in Erscheinung getreten? Erl.: MF

- Wer hat die ebenfalls vermisste Heide Mertens (siehe Bild und Beschreibung) entweder allein oder in Begleitung des D. B. gesehen? Erl.: MF

- Weder in H. M.s noch D. B.s Akten gibt es Vermerke über Handy- oder Internetprovider (Heide sandte eine SMS an ihre Mutter, angebl. aus Sylt). Bitte nachforschen, vor allem Provider ermitteln, ggfs. Verbindungsnachweise anfordern, falls noch vorhanden. Erl.: MF

- Nochmalige Befragung der Mutter, Frisörin Anna Mertens, Itzehoe. Erl.: RZ/NM

- Befragung der Lehrer und Schüler am Gymnasium Itzehoe, insbesondere Heides Schulfreundin Doro Westermann. Erl.: RZ/NM

- Nochmalige Befragung des Arbeitgebers Wilfried Wiese in Oldenmoor. Erl.: RZ/NM

- Dito. … der Vermieterin Jutta Wendlandt, Mühlenstr. 38, Oldenmoor. Erl.: RZ/NM

- Dito. … der ermittelnden Kollegen in Elmshorn. Erl.: RZ/NM

- Dito. … der Eltern Baumann in Elmshorn. Erl.: RZ/NM

Diese Liste mailt Nili an die Vorgesetzten und ihre Teamkollegen.

»Da haben Sie uns ja einen gehörigen Speisezettel aufgebrummt, Frau Kriminal… – ich meine Nili!«, bemerkt Margrit wenig später, als sie die soeben auf ihrem Bildschirm aufgetauchte Aufgabenliste durchgelesen hat.

»Gut, Margrit, dann beginnen Sie bitte gleich nach der Besprechung mit Ihrem Teil der Aufgaben. Ich hoffe sehr, dass uns diese Umfragen am weitesten bringen. Schicken Sie mir bitte Ihren Entwurf als PDF-Datei per E-Mail auf meinen Laptop, bevor Sie das Rundschreiben versenden. Die Zeugenbefragungen, die Robert und ich heute und morgen durchführen werden, sind nur dazu gedacht, uns zu vergewissern, dass den Kollegen nichts Wichtiges entgangen ist. Nachdem ich mir sämtliche Akten angesehen habe, bin ich mir nämlich nicht ganz sicher, ob hier von allen Beteiligten stets mit der gebotenen Genauigkeit ermittelt wurde.«

*

Als Nili und Margrit sich später mit Robert zum Mittagessen in der Kantine treffen, besprechen sie ihre nächsten Vorhaben.

Plötzlich gesellt sich Waldi mit seinem Tablett zu ihnen. »Kommst du auch zur Besprechung bei KOR Heidenreich?«, will Nili wissen.

Waldi nickt stumm, während er an seinem gebratenen Hähnchenschenkel knabbert.

»Wissen Sie, worum es dort geht?«, wagt sich Robert hervor.

Waldi schluckt den Bissen herunter und grinst. »Ich denke schon, aber ich will unserem Boss nicht vorgreifen.« Er schaut auf seine Armbanduhr. »Nur noch fünfunddreißig Minuten Geduld, Zander, dann erfahren Sie es!«

*

»Guten Tag, verehrte Kolleginnen und Kollegen, nehmen Sie bitte Platz. Bedienen Sie sich ruhig nach Belieben, Getränke und Knabberzeug stehen auf dem Tisch.« Kriminaloberrat Heidenreich wartet, bis alle sich gesetzt haben. Er greift zur Kaffeekanne und reicht sie herum, Nili bedient sich aus der Teekanne, einige öffnen Mineralwasserflaschen. »Zunächst einmal bitte ich Sie, Frau Kriminalhauptkommissarin Masal, um einen kurzen Lagebericht zu den beiden Fällen, die Sie gerade bearbeiten. Unser Erster Kriminalhauptkommissar Mohr hat mir bereits einiges berichtet. Wir finden es sehr bemerkenswert, dass Sie auf eine mögliche Verquickung von zwei bisher völlig getrennt geführten Vermisstenfällen gekommen sind. Es zeigt uns, wie angebracht doch die Neugründung Ihres Teams gewesen ist.«

Nili berichtet ausführlich und weist schließlich auf die von ihr verfasste Liste hin, die den Referatsleiter ebenfalls erreicht hat.

»Habe ich gelesen, Frau Masal, danke! Wann fahren Sie und KK Zander los?«

»Wir wollten eigentlich gleich nach dieser Besprechung starten, wenn weder Sie noch EKHK Mohr etwas dagegen haben. Wir denken, spätestens am Mittwochabend wieder zurück zu sein«, bemerkt sie eher als Hinweis für Waldi als für den obersten Chef.

»In Ordnung, Frau Masal. Herr Mohr, bitte benachrichtigen und instruieren Sie die Kollegen in Elmshorn entsprechend, damit man dort Frau Masal und KK Zander gebührend unterstützt und keine Mätzchen macht, wenn LKA-Beamte vor Ort erscheinen. Ich weiß ja, dass dies in Itzehoe und Oldenmoor nicht erforderlich ist, mit diesen Kollegen arbeiten Sie ja bereits vertraulich zusammen.« KOR Heidenreich räuspert sich und wirft einen Blick in die Runde. »Kommen wir nun zum eigentlichen Grund dieser Zusammenkunft: Als wir die Task-Force Sonderermittlungen ins Leben riefen, hatten wir eine Gruppe von vier Ermittlern vorgesehen, es fehlt bei Ihnen also noch ein Kollege beziehungsweise eine Kollegin. Bisweilen hatten wir hierfür noch keine entsprechende Planstelle, aber nun ergab sich die Gelegenheit, im Rahmen des EU-Austauschprogramms innerhalb der EPA5 eine auf ein Jahr befristete Praktikantenstelle zu erhalten, und wir erwarten noch in dieser Woche einen Kollegen aus Österreich, den wir bei Ihnen unterbringen werden. Die detaillierten Daten des Herrn – er blickt auf seine Notiz – Fachinspektor Ferdinand Csmarits und sein Curriculum erhalten wir noch heute oder spätestens morgen. Ich werde Sie dann sofort informieren. Bitte sorgen Sie entsprechend für den Neuankömmling.«

»Wie machen wir das mit seiner Unterkunft, Herr Kriminaloberrat?«, wirft Robert Zander ein. »Ich meine, ich hatte, als ich hier anfing, große Schwierigkeiten, überhaupt eine erschwingliche Wohnung in Kiel zu finden, die Mieten sind ja wirklich kaum noch bezahlbar.«

»Machen Sie sich keine Sorgen, KK Zander. Diese Kosten werden uns von der EPA ersetzt, aber finden müssten wir natürlich schon eine Bleibe für ihn.«

»Ich habe da eine Idee«, sagt Nili. »Ich versuch es mal bei Frau Johansen in Kiel-Felden, vielleicht hat sie nach dem Mord an Gunther Hamann die freie Wohnung noch nicht wieder vermietet.«

»Sehr gut, tun Sie das, Frau Masal.« KOR Heidenreich deutet gestenreich an, dass die Zusammenkunft zu Ende sei. »Und nun an die Arbeit, meine Herrschaften, und viel Erfolg für Ihre Ermittlungen!«

»Na, dann ist ja jetzt wenigstens wieder eine akzeptable Quotengleichheit in unserem Team hergestellt«, scherzt Robert Zander im Hinausgehen, sehr zum Amüsement seiner beiden weiblichen Kolleginnen.

Nili grient. »Ich hatte allerdings nicht den Eindruck, dass Sie sich von unserer dominierenden Weiblichkeit unterdrückt fühlten, Robert.«

*

»Guten Tag, Frau Johansen, hier spricht Hauptkommissarin Nili Masal vom LKA. Erinnern Sie sich noch an mich?«

»Aber selbstverständlich, junge Frau«, antwortet Gerda Johansen. »Wie könnte ich Sie nach dem tragischen Mord an meinem vormaligen Mieter vergessen?6 Wie geht es Ihnen?«

»Danke, recht gut, und ich hoffe, Ihnen ebenso.« Danach fragt Nili nach der möblierten Einliegerwohnung in Frau Johansens Haus und erfährt, dass deren Renovierung noch in dieser Woche abgeschlossen sei. Sie habe ein neues Bett mit Matratze und Federdecke angeschafft und vor allem das gesamte Badezimmer renovieren lassen – weil doch dort Herr Hamann den Tod gefunden habe – und die Wanne durch eine moderne Duschkabine ersetzt. Sie wolle gerade einen Makler mit der Neuvermietung beauftragen.

»Wie hoch soll die Miete sein?«, erkundigt sich Nili.

»Als warme Miete inklusive vierzehntägigem Bettwäsche- und Handtücherdienst dachte ich an vierhundertfünfundachtzig Euro im Monat. Wasser- und Stromverbrauch werden nach tatsächlichem Verbrauch berechnet. Wird Frühstück gewünscht, nehme ich dafür acht Euro fünfzig. Wollen Sie etwa bei mir einziehen? Das wäre mir sehr angenehm.«

»Nein, Frau Johansen, ich frage nicht für mich, aber wir bekommen einen sehr netten Gast aus Österreich, für den wir gern Ihre Wohnung mieten würden. Ich kenne sie ja bestens und weiß, dass sie ordentlich möbliert war. Der Preis ginge auch in Ordnung! Darf ich Sie bitten, mir die Wohnung bis Ende dieser Woche an Hand zu reservieren? Wir würden dann mit unserem Gast zur Besichtigung kommen, bevor wir einen festen Mietvertrag abschließen.«

Frau Johansen erklärt, dass sie sich freue, dass dann ja wohl die Wohnung in gute Hände komme.

»Ich danke Ihnen sehr«, sagt Nili, »und melde mich spätestens am Freitag. Alles Gute und bis dann!«

*

Am nächsten späten Nachmittag sitzt Nili im Arbeitszimmer im Onkel Suhls Haus in Oldenmoor und tippt ihren Tagesbericht.

Gestern war es mal wieder eine nicht enden wollende blöde Fahrt auf der A 7 bis zur Ausfahrt Neumünster Mitte. Auch auf der Bundestraße 430 ging es wegen zahlreicher Lkws nur zähflüssig voran. Erst als wir auf die B 77 in Richtung Itzehoe abbogen, wurde der Verkehr flüssiger. Da es schon zu spät war, um noch jemanden zu befragen, überließ ich Robert die Wahl, in Itzehoe oder im Elbmarschen Hof in Oldenmoor zu übernachten. Er erwiderte, am praktischsten sei es doch, die Orte in der Reihenfolge meiner Liste abzufahren, also sollten wir morgen früh in Itzehoe beginnen, dann weiter nach Oldenmoor fahren, dort übernachten und uns zum Schluss, also vor der Rückfahrt nach Kiel, Elmshorn vornehmen. Ich ließ ihn am Hotel Adler aussteigen, nachdem wir uns per Handy versichert hatten, dass er dort ein freies Zimmer bekommen würde, und fuhr weiter zu unserem Onkel Suhls Haus.

Heute Morgen holte ich Robert wieder ab und wir fuhren zu dem kleinen Frisörladen in der Feldschmiede, in dem Heides Mutter Anna Mertens arbeitet. Ich hatte Margrit gebeten, sie anzurufen und uns anzumelden, damit sie sich nicht erschreckt.

Die nette Frau mittleren Alters – eine sehr gepflegte Erscheinung – war naturgemäß ziemlich aufgewühlt über unseren Besuch, hatte sie nun doch wieder Hoffnung, vom Schicksal ihrer Tochter zu erfahren. Viel Neues erfuhren wir leider nicht von ihr, aber immerhin, dass Heide an ihrem letzten Geburtstag ein Smartphone geschenkt bekommen hat. Allerdings, so Anna Mertens, sei ihr der Name des Providers unbekannt. Entgegen den meisten ihrer Altersgenossen hätte Heide das Smartphone nur selten benutzt. Ja, das letzte Mal habe sie sich per SMS von der Insel Sylt gemeldet, um mitzuteilen, dass sie gut angekommen sei.

Heides Hauptinteresse, so erfuhren wir, galt dem Fechten.

Über die vermeintliche Marianne, mit der Heide verreist sei, wusste Anna Mertens nichts, ihre Tochter hätte sie erst kurz vor ihrem Verschwinden erstmalig genannt. Als ich ihr sehr vorsichtig beibrachte, dass jene Marianne möglicherweise ein Mario gewesen war, mit dem ihre Heide vielleicht sogar ein Verhältnis gehabt haben könnte, fiel die arme Frau aus allen Wolken. Das könne sie ja nicht glauben, Heide sei doch ein anständiges Mädchen usw., usw. Erst als ich sie scharf ansah und sehr bestimmt fragte, ob sie als ihre Mutter wirklich nichts bemerkt habe, stammelte sie, dass ihr wohl zwei Monate vor Heides Verschwinden, nachdem diese sich ohne vorherige Ankündigung piercen ließ, der spontane Gedanke gekommen sei, dass die Tochter kein Kind mehr und inzwischen zu einer jungen Frau herangewachsen sei. Sie habe aber Heide nicht weiter befragt, nur bemerkt, dass sie dieser künstlichen Schönheitsimplantate eigentlich nicht bedürfe. Da habe sie sich doch gefragt, ob dahinter nicht »so’n Kerl« stecken könne, dem zuliebe sie es getan habe. Sonst war nicht viel mehr aus ihr herauszukriegen.

Wir fuhren weiter zu Heides Gymnasium und fragten nach ihrer Klassenkameradin Doro Westermann. Der uns von früher bekannte Lehrer Dr. Hinnerk Claasen empfing uns und stellte uns Heides ehemaliger Klasse vor. Auch hier erfuhren wir nicht viel. Allerdings bestätigte das Einzelgespräch mit KOK Dörte Westermanns Schwester Doro unsere Vermutung, dass Heide und Dominik Baumann sich zumindest näher kannten und das Mädel ihn mindestens einmal im VW-Transporter zu einem Discoabend nach Meldorf begleitet habe. Gegenüber Heides Mutter hatte Doro – es war Ende Januar letzten Jahres – ihrer Klassenkameradin ein Alibi gegeben, indem sie ihr zusicherte, dass ihre Tochter das Wochenende zwecks Mathe-Üben bei ihr verbringe. Sie sei überrascht gewesen, als Heide am nächsten Montag mit von mehreren Piercings noch wunden Ohren und Nase zum Unterricht erschienen sei. Nein, damals, als Heide verschwand, habe niemand Doro danach gefragt und sie hätte sich erst jetzt auf Anfrage ihrer Schwester wieder daran erinnert. Wir dankten Doro und baten sie, ihre Schwester von uns zu grüßen.

Robert und ich fuhren anschließend nach Oldenmoor und er parkte den X3 am Markt, gegenüber dem Herrenmodenhaus Wiese. Da es wegen der Mittagspause geschlossen war, nahmen wir unseren Lunch im Gasthaus Stüben ein und genehmigten uns zwei appetitliche Schnitzel Wiener Art mit würzigem Gurkensalat und Pommes. Als das Geschäft wieder geöffnet war, gingen wir hinüber und wurden von Dominik Baumanns Chef, Herrn Wilfried Wiese, empfangen. Er war voll des Lobes über seinen ehemaligen Verkäufer, der von ihm und seiner Mannschaft sehr vermisst wurde. Im Vergleich zu vielen seiner Altersgenossen sei er wohlerzogen und stets freundlich gegenüber der Kundschaft und den Kollegen gewesen, hätte auch sehr gute Umsätze gemacht. Unverständlich für sie alle, dass er plötzlich ohne ein Wort der Entschuldigung oder des Abschieds einfach weggeblieben sei. Es müsse ihm etwas Furchtbares passiert sein. Auf meine Frage, auf welches Bankkonto man sein Gehalt überwiesen habe, erfuhr ich von der Lohnbuchhalterin, eine Frau Kessler, dass es auf die Holsteinische Bank in Elmshorn erfolgt sei. Ich notierte die Kontonummer. (Knoten ins Taschentuch bzw. Aufgabenliste ergänzen!)

Die Befragung seiner Ex-Kollegen brachte nur zutage, dass Dominik sehr erfolgreich bei Mädchen gewesen sei, vor allem wegen seines Nebenberufs als Diskjockey, wo er doch von vielen weiblichen Fans umschwärmt worden sei. Von einer festen Freundin oder gar einer Heide Mertens wusste aber niemand etwas. Robert erzählte daraufhin, dass der DJ wohl doch mit einer ebenfalls seitdem vermissten Jugendlichen dieses Namens auf Reisen gegangen sei. Als ich dann suggerierte, ob man Baumann eventuell eine Vergewaltigung oder gar einen Mord zutraue, hielten alle dies für ausgeschlossen: Er sei stets zuvorkommend und nett gegenüber den Kolleginnen gewesen, sei niemals einer von ihnen irgendwie zu nahegetreten.

Im Anschluss daran gingen wir zu Fuß hinüber zum Mühlenweg, um mit Baumanns ehemaliger Vermieterin zu reden. Frau Jutta Wendlandt war nicht unbedingt eine Erscheinung, die man attraktiv nennen konnte. Ziemlich unförmig und schlampig angezogen, hätte sie den Gang zum Frisör dringend nötig gehabt. Die aufdringliche Alkoholfahne, die uns entgegenwehte, als sie die Tür öffnete, passte zu ihrer schroffen und abweisenden Art. Sie wollte uns nicht hereinlassen, hätte sie doch schon der Polizei alles x-mal erzählt. Der Halunke sei ihr zwei Monatsmieten schuldig geblieben und die Bullen hätten all sein Zeugs mitgenommen, sodass sie sich nicht einmal mit dem Verkauf seiner Klamotten auf dem Flohmarkt etwas davon zurückholen konnte. (Stimmt, habe in Boie Hansens Akte nachgelesen: Kollegen Willi Seifert und Dieter Klages hatten damals alles gegen Quittung fortgetragen. Dominiks Habe wurde später von seiner Schwester abgeholt.) Dann knallte sie uns die Tür vor der Nase zu.

Wir gingen zurück zu unseren BMW. Gerade als wir am Markt ankamen, befestigte eine junge Politesse ein Knöllchen unter dem Scheibenwischer. Als Robert sie fragte, ob sie nicht bemerkt habe, dass dies ein Dienstwagen der Polizei sei, errötete sie und meinte, hier sei doch Parkscheibenpflicht und er hätte dagegen verstoßen. Als wir ihr unsere Dienstausweise unter die Nase hielten, entschuldigte sie sich und zog die Strafzettel wieder ein. MF – ab jetzt werde ich hier die Teamkollegen nur noch mit ihren Anfangsbuchstaben nennen – hat mir ihren Rundbrief-Entwurf gemailt. Gut gemacht, es waren nur kleine Korrekturen erforderlich; sie hat ihn anschließend in Umlauf gebracht. Wir haben dann sie und auch Waldi per Handy über unsere heutigen Ergebnisse informiert. Ich lieferte RZ am Elbmarschen Hof ab und fuhr zum Onkel Suhls Haus. Morgen früh hole ich RZ wieder ab und wir fahren nach Elmshorn. Waldi hat uns dort angemeldet. Ima ist soeben nach Hause gekommen und Abuelita ruft zum Abendessen. Das große Schnitzel war jedoch so sättigend, ich werde nur noch einen Joghurt und Abuelitas schwarzen Tee mit Minze zu mir nehmen. Basta!

*

Robert blickt auf die auf dem Navi vorgeschlagenen Routen. »Sie kennen sich ja hier in der Gegend besser aus, Nili. Über die B 431 oder geht’s lieber über die Dörfer?«

Nili wirft einen Blick aus dem Seitenfenster. »Wenn Sie nichts dagegen haben, fahren wir bei diesem schönen Wetter doch lieber die Alternativroute über Herzhorn und Siethwende.«

Als sie die Stadtgrenze Elmshorns passieren, stoßen sie sowieso auf die B 431, überqueren kurz danach die Krückau-Brücke und fahren schließlich zum Polizeirevier in der Moltkestraße. Reviervorsteherin Polizei-Hauptmeisterin Inge Mühldorf empfängt sie betont höflich und hilfsbereit – Waldis Voranmeldung war offensichtlich nicht umsonst, hielt sich doch üblicherweise die Willkommensfreude der Schutzpolizei beim Eintreffen von LKA-Beamten auf sehr niedrigem Niveau. Sie stellt die beiden Beamten POM Thor Heymann und PM Lotte Hansen vor, die damals den Fall Dominik Baumann übernommen hatten. Seine Eltern, Bernard und Petra Baumann – er bei der hiesigen Straßenmeisterei als Fahrer tätig, sie Verkäuferin in einem Schuhladen auf 450-Euro-Basis angestellt – sind anständige und unbescholtene Leute. Dominik, der bereits nach seinem Dienst beim Bund einen Verkäuferjob in Oldenmoor angenommen hatte, blieb zwar noch im Elternhaus gemeldet, besucht aber nur noch selten die Familie. Seine ältere Schwester Ilke ist als MTA in einer Ärztegemeinschaftspraxis tätig. Sie waren damals selbstredend arg schockiert und sind noch immer tief bekümmert wegen des unerklärlichen Verschwindens ihres Dominik, konnten aber weder dafür eine Erklärung noch etwaige dienliche Hinweise liefern. Man hätte in allen Richtungen ermittelt, aber keinerlei Spuren gefunden – lautet der einhellige Bericht.

»Haben Sie damals wegen seines Girokontos Kontakt mit der hiesigen Holsteinischen Bankfiliale aufgenommen? Auf dieses wurde nämlich monatlich sein Gehalt überwiesen! Wir konnten darüber jedoch keinen Vermerk in Ihrer Akte finden.«

Der Schlag sitzt. Die drei Elmshorner Polizisten sehen sich verblüfft an.

»Wieso? Konto? Hier in Elmshorn?« PHM Mühldorf ist sichtlich verlegen. »Er wohnte und arbeitete doch in Oldenmoor! Wie hätten wir wissen sollen, dass Baumann hier sein Bankkonto hatte?« An ihre Beamten gewandt sagt sie: »Oder habt ihr etwas davon gewusst?«

Beide verneinen mit Bestimmtheit.

»Dürfen wir Sie freundlichst um Amtshilfe bitten, Frau Polizeihauptmeisterin, und uns Ihre nette Kollegin Hansen für ein paar Stunden ausleihen? Wir möchten gern diese Lücke umgehend schließen!«

*

Wenig später betreten sie die Bankfiliale und fragen nach deren Leiter. Sigurd Södermann erweist sich als ein äußerst bedächtiger und betont langsam sprechender Geselle, der ihnen klarzumachen versucht, dass das Bankgeheimnis ihn daran hindere, irgendwelche Auskünfte über seine Kunden an Dritte weiterzugeben. Auch die Androhung einer richterlichen Anordnung vermag es nicht, des Pedanten Meinung zu erschüttern. Also greift Nili zum Handy, ruft Waldi in Kiel an, der wiederum Oberstaatsanwalt Harmsen benachrichtigt und ihn bittet, den zuständigen Amtsrichter in der Elmshorner Bismarckstraße zu kontaktieren.

Kurz nach der Mittagspause hält Polizeimeisterin Lotte Hansen dem verdutzten Filialleiter den richterlichen Durchsuchungsbeschluss unter die Nase. Offensichtlich verärgert, greift dieser zum Telefon und bittet darum, dass ihm die gewünschten Unterlagen gebracht werden.

»Na, geht doch!«, bemerkt Robert ironisch.

»Es muss aber doch alles seine Ordnung haben, Herr Kommissar. Wir befinden uns ja hier nicht im Wilden Westen!«

Als Robert rot anläuft und etwas auf die Bemerkung des Filialleiters erwidern will, legt Nili beschwichtigend ihre Hand auf seinen Arm. An den Filialleiter gewandt sagt sie: »Wir müssen uns auch den Safe von Herrn Baumann anschauen, bitte ordnen Sie das an!«, sagt sie aufs Geratewohl.

»Natürlich, Frau Kommissarin, selbstverständlich!« Sigurd Södermann greift abermals zum Hörer.

»Wenn schon, dann ›Frau Kriminalhauptkommissarin‹, wenn ich bitten darf!«, äfft ihn der immer noch saure Robert im Ton nach. »Es muss schließlich alles seine Ordnung haben, Herr Filialleiter, wir sind ja hier nicht im Wilden Westen, nicht wahr?« Insgeheim ist er allerdings wieder einmal über Nilis Scharfsinn verwundert. Woher hat sie nur die Eingebung, dass der DJ hier auch noch einen Safe unterhalten hat?

*

Diesmal nehmen Robert und Nili die A 23 bis Itzehoe und fahren anschließend auf Bundesstraßen über Rendsburg nach Kiel, um nicht wieder die lästigen Staus auf der A 7 erdulden zu müssen. Als Robert Nili vor ihrer Wohnung absetzt, treffen sie zufällig auf ihre Freundin Melanie Westphal und Nili macht die beiden miteinander bekannt.

»Wir haben uns schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen!«, beklagt Melanie und schlägt vor, sich zum gemeinsamen Abendessen beim vertrauten Griechen um die Ecke zu treffen.

Der gestrige war mal wieder ein schöner Abend bei Georgios und Marita in der gemütlichen Taverna Syrtaki. Nachdem Waldi ebenfalls sein Kommen zugesagt hatte, lud Melanie RZ ein, sich zu uns zu gesellen – offensichtlich hat er ihr auf Anhieb gut gefallen! Schon beim traditionellen Amuse-Gueule aus Knobibrot mit cremigem Tzatziki, begleitet von süffigem rotem Kamares, berichteten wir unserem direkten Vorgesetzten, meinem geliebten Waldi, ausführlich über die neuen Ermittlungserkenntnisse der doch insgesamt vielversprechend verlaufenen Befragungen. Also, der Reihe nach:

- Die nochmalige Befragung der Mutter Anna Mertens brachte zumindest ihren aufkommenden Verdacht einer Liaison ihrer Tochter an den Tag, aber sonst nicht viel mehr.

- Nichts wirklich Brauchbares hörten wir von Lehrern und Schülern am Gymnasium, mit Ausnahme der von Freundin Doro Westermann gemachten Aussage über die Verbindung Heides mit DJ Mario, mit dem sie eine Wochenendspritztour nach Meldorf unternommen und für die Doro ihr gegenüber der Mutter ein Alibi geliefert hat.

- Beim Besuch des Herrenmodehauses Wilfried Wiese kam unter anderem heraus, dass Dominik Baumann ein Gehaltskonto bei der Holsteinischen Bank in Elmshorn unterhielt. Dagegen war das Interview mit seiner ehemaligen Wirtin in Oldenmoor ein Fiasko.

- Punkten konnten wir im Elmshorner Polizeirevier, als wir nach Baumanns Konto fragten, das man dort offensichtlich übersehen hat. Nach der Hauruckaktion (vielen Dank, lieber Waldi, Herr Oberstaatsanwalt Harmsen und Herr Elmshorner Amtsrichter) konnten wir endlich den lahmarschigen Filialleiter Södermann dazu bewegen, uns DBs Kontodaten zu liefern sowie seinen Safe zu öffnen, in dem sich achttausend Euro, ein wenig Schmuck, 5 goldene südafrikanische Randgoldmünzen und eine goldene Taschenuhr befanden. DB hat sich wohl von seinem nicht allzu üppigen Lohn (achtzehnhundertfünfzig Euro monatlich) nebst dem Zubrot als DJ diese Werte eisern zusammengespart. Wir bekamen seine Kontoauszüge vom vorletzten und letzten Jahr mit. Besonders zu untersuchen ist noch seine letzte Kreditkartenabhebung von zweihundert Euro in Büsum am 2. März letzten Jahres. Wir hielten Södermann vor, dass er den Behörden weder Konto noch Safe gemeldet habe, obwohl doch die Elmshorner Presse ausführlich über die Vermisstenmeldung Baumanns berichtet hatte. Dafür habe er sich gegebenenfalls vor Gericht zu verantworten, denn wir benachrichtigten anschließend den Herrn Amtsrichter entsprechend, als er uns in der Bank anrief, um zu erfahren, was unsere Untersuchung ergeben hatte.

- Um die armen Leute nicht unnötigerweise zu beunruhigen, verzichteten wir vorerst auf eine erneute Befragung der Eltern und der Schwester Baumanns, bis wir endgültige Gewissheit über seinen Verbleib haben.

4. Der Neue

»Guten Morgen, Nili.«

»Moin, Margrit. Robert noch nicht da?«

»Er hat angerufen und gesagt, dass er den BMW zur Inspektion bringt, die ist nämlich überfällig.«

Da Waldi und Nili die Nacht in ihrer Wohnung verbracht haben und ihr Cross Polo noch immer vor Onkel Suhls Haus parkt, sind sie heute Morgen nach ihrer halbstündigen Joggingroutine gemeinsam in Waldis Passat zum Dienst gekommen.

Nili fährt ihren PC hoch, um sich die Dienstinfos anzusehen. »Mmm, prima, da kommen ja die ersten Antworten der Kollegen.« Gespannt scrollt sie durch die unterschiedlichen Meldungen, allerdings sind die meisten ergebnislos. Eine – die aus Büsum stammende – erweckt ihre sofortige Aufmerksamkeit. Darin berichtet der Leiter der dortigen Polizei-Zentralstation, was seine Nachforschungen ergeben haben: Einen Auftritt hätte DJ Mario bei einer privaten Geburtstagsfeier am 4. Februar des letzten Jahres im Deichhotel Büsum gehabt. Dem zweiten aber, für den er in der Diskothek Schwarze Möwe für den 15. Februar gebucht worden war, sei er ohne Absage ferngeblieben. Dies habe deren Betreiber in arge Verlegenheit gebracht.

»Mensch, Margrit, da haben wir endlich eine konkrete Spur!«, ruft sie. »Und die deckt sich zeitlich mit Baumanns letzter Kreditkartenabhebung!« Dann erzählt sie kurz von den gestrigen Gesprächsergebnissen, die sie zeitgleich in die Computerakte eingibt. Schließlich blickt sie auf, sieht Margrit an und fragt: »Hat Ihre Umfrage betreffend Handy- und Internetprovider schon etwas ergeben?«

»Sorry, Nili, bisher leider Fehlanzeige, ich bleibe aber weiter dran!«

»Prima, Margrit, danke! – Moin, Robert, wir müssen sofort nach Büsum!«, ruft sie dem gerade hereinkommenden Kollegen entgegen. »Wann ist unser Wagen wieder fahrbereit?«

»Sorry, das wird nichts vor morgen früh!«

In diesem Moment fällt Nilis Blick auf die gerade eintreffende Mitteilung ihres Dezernatsleiters KOR Heidenreich mit den Personaldaten des neuen Kollegen. »Seht mal her, das wird spannend!«, ruft sie Margrit und Robert an den Bildschirm. Das Lichtbild zeigt einen gemütlich aussehenden, schon ein wenig kahlen und leicht untersetzten Endzwanziger, der, in eine etwas zu stramm sitzende österreichische Gendarmerie-Uniform gekleidet, freundlich in die Kamera blickt.

»Das ist also unser neuer IT-Spezialist, Fachinspektor Ferdinand Csmarits, den uns die Eisenstädter Landespolizeiinspektion Burgenland als Austauschpartner – für wen eigentlich? – zum wechselseitigen Kennenlernen und zwecks Transfer von fachlichen Fähigkeiten schickt«, kolportiert Robert und setzt mit ironischem Unterton hinzu: »Vielleicht sogar für den ›Piefke‹ Stefan Jürgens von der Soko Wien?«

»Quatsch, Robert, der spielt doch nur im ZDF-Krimi!« Margrit grinst und schaut mit leicht zusammengekniffenen Augen auf den Bildschirm. »Wie spricht man das aus? ›Schmaritz‹ oder ›Ksmaritz‹?«.

»Das werden wir am besten von ihm selbst hören, sobald er hier ist. Wann kommt er überhaupt?« Nili beantwortet ihre Frage gleich selbst: »Da steht’s: schon morgen! Blöder Termin!«

»Ruhig Blut, Nili!«, sagt Waldi Mohr, der soeben den Raum betritt. »Eure beiden Fälle haben inzwischen monatelang geschlummert, da kommt es doch auf ein weiteres Wochenende nicht mehr an, oder?« Er wartet die Antwort nicht ab und spricht gleich weiter. »Ich wollte gerade mit euch die Abholung unseres Fachinspektors besprechen. Wie ist das mit der Wohnung, Nili?«

»Sie ist bis Freitag reserviert. Wenn der – wie hieß er noch, Csmarits? Was für ein Name! – hier eintrifft, bringen wir ihn am besten gleich zu Frau Johansen, damit er entscheiden kann, ob ihm die Wohnung zusagt. Wo, wie, wann genau trifft er bei uns ein? Müssen wir ihn abholen?«

»Brauchen wir nicht, Nili.« Waldi blickt auf sein Notizbuch. »Gemäß Info aus Eisenstadt wird er seinen Pkw heute auf dem Autozug in Wien verladen und trifft morgen früh gegen neun Uhr in Hamburg-Altona ein. Er kommt dann direkt hierher. So gegen elf, halb zwölf, schätze ich.«

»Nun gut, dann melde ich uns gegen vierzehn Uhr bei Frau Johansen an. Margrit, sind Sie so nett und rufen bei den Büsumer Kollegen an und melden unseren Besuch gleich am Montagmorgen an? Bitten Sie auch um die Namen und Anschriften der Inhaber des Deichhotels Büsum und der Diskothek Schwarze Möwe. Es wäre nett, wenn man uns bei diesen Leuten ebenfalls schon mal anmeldet. Und zu guter Letzt schreiben Sie bitte einen kurzen Dankeschönbrief an alle Dienststellen, von denen wir eine Antwort erhalten haben. Planen Sie bitte ein, dass Sie am Montag möglichst früh mit der Bahn nach Itzehoe kommen. Ich hole Sie am Bahnhof mit meinem Wagen ab und wir fahren direkt nach Büsum. Und Sie, Robert, sind bitte so nett und führen den Kollegen …«

»Csmarits, Nili, Csmarits!«

»Also meinetwegen, den Typen eben, bei uns entsprechend ein.«

»Bekommt er auch eine Dienstwaffe?«, fragt Robert.

Waldi schüttelt den Kopf. »Nein, das gerade nicht. Aber ansonsten alles Weitere wie jeder von unseren Beamten. Also dann, weiterhin Glück auf, oder besser gesagt Waidmannsheil, verehrte Damen und der Herr Kollege!« Mit einem letzten Blick beim Hinausgehen verabschiedet er sich.

»Bleiben wir über Nacht weg, Nili?«, fragt Margrit. »Sie wissen schon, wegen meiner hilfsbedürftigen Mutter, da müsste ich entsprechend für Ersatz sorgen.«

»Ich glaube kaum, aber Sie sollten sich bei Dienstreisen immer mit einem Buko bewaffnen.«

»Was ist denn das?«

»Das kennen Sie nicht?« Nili grinst. »›Buko‹ steht spaßig für ›Beischlaf-Utensilien-Koffer‹, also Pyjama, frischer Slip, Zahnbürste, Kamm, et cetera, et cetera!«

»Und auf keinem Fall die Verhüterli vergessen«, ergänzt Robert mit einem spitzbübischen Lächeln.

Beide Frauen brechen in lautes Gelächter aus.

*

»I bin der Csmarits (klingt wie Gschmaritz), Ferdinand, Gendarmerie-Fachinspektor aus Eisenstadt – zu Diensten. Ir derft mi ruhig Ferdl nennen!« So stellt sich am späten Vormittag des nächsten Tages der bizarre Neuankömmling vor, während er aus seinem Oldtimer aussteigt und den neuen Kollegen mit ausgestreckter Hand und strahlendem Gesicht entgegengeht.

Verwundert bestaunen sie dessen Erscheinung sowie seine perfekt erhaltene BMW 502 Limousine aus dem Jahr 1956, die im damaligen Polizeigrün strahlt.

»Ja, da staunen’s, ha? Dös is a echte eh’malige Münchner Isar-Streife, frogn’s mi aber net, was ’s mi kostet hat, die wieder herz’richtn!«

»Und bitte auch nicht, wie viel Sprit sie wohl schluckt«, flüstert Robert fast unhörbar.

»Herzlich willkommen, Herr Fachinspektor Csmarits«, begrüßt ihn Waldi. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise.« Dann stellt er sich selbst und der Reihe nach Nili, Margrit und Robert mit ihren Dienstgraden vor.

Sie gehen gemeinsam in das Amtszimmer von Dezernatsleiter Heidenreich, wo der österreichische Kollege mit einem Gläschen Prosecco nebst Appetithäppchen statusgemäß begrüßt wird und sie auf gute Zusammenarbeit prosten.

Als das Team später in der Kantine zu Mittag isst, setzt sich Staatsanwalt Dr. Uwe Pepperkorn kurz zu ihnen, um Inspektor Csmarits zu begrüßen und ihn willkommen zu heißen. Bei der Gelegenheit beglückwünscht er das Team zu den erzielten Fortschritten in beiden aktuellen Fällen. »Mir lag das Verschwinden der amen Heide Mertens besonders am Herzen, musste ich doch damals mit großem Bedauern den Fall nach sechsmonatiger Suche ohne handfeste Fortschritte zu den Akten legen. Wir waren zu jener Zeit total unterbesetzt und mussten andere ebenfalls dringende Fälle bearbeiten!«, versucht er sich zu rechtfertigen.

»Wissen wir, Herr Staatsanwalt, ist uns bekannt. Gut, zugegeben«, gibt Nili zu bedenken, »wir sind einen vielversprechenden Schritt weitergekommen, aber am Ziel sind wir deshalb noch lange nicht! Der Aufenthaltsort der beiden Vermissten ist uns nach wie vor unbekannt.«

»Jedenfalls bisher sehr gute Arbeit!« Der Staatsanwalt nickt anerkennend. »Und ich hege keinen Zweifel, dass Sie die beiden Fälle aufklären werden, vor allem jetzt mit der Verstärkung durch den Herrn Fachinspektor. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg. Machen Sie’s gut!«, sagt er und eilt schon wieder davon.

Natürlich ist Csmarits neugierig geworden, sodass seine neuen Kollegen ihn kurz ins Bild setzen. Längst hat er seine Portion Gulasch mit Rösti und Rotkohl verdrückt, während die anderen gerade mal einen halben Teller geschafft haben.

»Hat’s da an Nachschlag?«, erkundigt sich Csmarits.

»Wenn Sie wünschen, holen Sie sich gern noch ’ne Portion an der Essensausgabe«, animiert ihn Waldi, und während sich der neue Kollege dorthin aufmacht, steht Waldi auf und signalisiert der Rosi am Tresen mit eindeutiger Handbewegung: »Auffüllen, auffüllen!«

Zufrieden lächelnd kommt Ferdl mit dem neu beladenen Teller zurück an den Tisch.

»Wie viele meiner Burgenländer Landsleute«, gesteht Ferdl zwischen den Bissen, »stammen meine Ahnen aus Kroatien, daher auch mein euch wahrscheinlich fremd klingender Familienname. Gut, dass ir net kroatisch sprecht, denn der hot kei sehr vornehmen Ursprung. Stammt von ›Csmar‹ ab, und das bedeutet ›Wampe‹ – also im übertragenen Sinnbild stell i mir eben drunter eher an Genießer vor. Ir könnt’s ja sehn, dem mach i a volle Ehr!« Als Beweis schlingt er die zweite Portion Gulasch in kurzer Zeit hinunter.

*

Eine Stunde danach fahren Nili und Ferdl in seinem Oldtimer nach Kiel-Felden in den Wuhlsfelder Weg Nummer 7. Tatsächlich führt sie Ferdls im Barockengel fest installiertes Navi fehlerlos und direkt zum Ziel.

»Respekt, Herr Cs…«

»Ah geh! Lassen’s das doch bittschön, Frau Kommissarin! Ferdl, i bin einfach d’Ferdl, nix mehr!«

»Okay, Ferdl, aber dann bin ich für Sie die Nili, abgemacht?«

Sie steigen aus und gehen auf das ältere, doppelstöckige Klinkergebäude mit dem kleinen Vorgarten zu, an dessen Ende eine Doppelgarage steht. Zwei Namenschilder befinden sich am Klingelbrett des Briefkastens neben der Haustür. Auf dem unteren steht »Gerda Johansen«, der obere Rahmen ist leer.

Fachinspektor Csmarits ist auf Anhieb begeistert von Frau Johansen, ihrem Hund Hasso und der frisch renovierten Wohnung. Und dass sie ihm auch noch ihre zweite Garage für weitere fünfzig Euro im Monat überlässt – »dieses Prachtexemplar von Auto kann man doch nicht in der Nacht einfach auf der Straße parken, Frau Kommissarin, jetzt, wo hier so viele Asylanten herumstreunen« –, macht ihn überglücklich. Gemeinsam füllen sie den Mietvertrag aus und Nili nimmt beide Exemplare mit, um sie im LKA unterschreiben zu lassen.

»Am Montag kümmert sich dann KK Robert Zander um Sie, Margrit und ich sind auf Dienstreise. Wir sehen uns also am Dienstag. Wünsche Ihnen alles Gute, Ferdl, in Ihren neuen vier Wänden und auch noch ein schönes Wochenende.«

»Und wia kommen’s z’haus, Nili?«

»Keine Sorge«, Nili winkt ab, »ich werde gleich von unserem Chef, Herrn Mohr, abgeholt. Tschüss, Frau Johansen, und nochmals vielen Dank für die Wohnung!«

*

»Guten Morgen, Kollegen! Wir sind Kriminalhauptkommissarin Nili Masal und Kriminalkommissarin Margrit Förster, beide vom LKA«, stellen sie sich beim Betreten des roten Backsteingebäudes der Polizeistation in der Vereinsallee vor und zeigen ihre Dienstausweise.

»Willkommen in Büsum, meine Damen!«, begrüßt sie der Stationsvorsteher, Polizeihauptmeister Sören Voigt, sehr herzlich. »Kommt ja nicht alle Tage vor, dass uns das LKA mit einem Besuch beehrt!«

»Nett, dass Sie das so freundlich sagen, nicht immer sind wir bei den Kollegen gern gesehen!« Nili lächelt dem Gemütlichkeit ausstrahlenden Endfünfziger entgegen.

»Darf ich vorstellen? Unsere Polizeiobermeisterin Meike Bojens, mit ihr haben Sie am letzten Freitag telefoniert, nicht wahr?«

»Jawohl, Herr Polizeihauptmeister«, bestätigt Margrit. »Und hier kommt auch noch unser Dritter im Bunde, PM Thorben Schmidt!«, ergänzt Voigt.

Der Polizeimeister lächelt. »Moin, moin, Kolleginnen. Nett, dass Sie uns besuchen!«

»Dürfen wir Ihnen etwas anbieten?«, fragt POM Bojens. »Zu einem schönen Becher Kaffee mit Milch sage ich nicht Nein! Und Sie, Margrit?«, fragt Nili.

»Dem schließe ich mich gern an!«

Als sie Platz genommen haben und der Kaffee dampfend vor ihnen steht, sagt Nili: »Zunächst einmal vielen Dank für die wertvollen Informationen, die uns hoffentlich in unseren beiden Fällen weiterhelfen werden!« »Wieso zwei Fälle?«, wundert sich POM Bojens.

Nili und Margrit klären die Büsumer Kollegen entsprechend auf.

»Vor allem möchten wir von beiden Betreibern erfahren, ob ihnen vielleicht das Mädchen Heide Mertens als Begleiterin des DJ Mario aufgefallen ist. Wir vermuten, dass ihr gemeinsames Verschwinden zwischen dem 4. und dem 15. Februar letzten Jahres stattgefunden haben muss.«

»Das könnte bedeuten, dass die beiden Vermissten irgendwo hier in der Gegend verschüttgegangen sind, nicht wahr?«, stellt PM Thorben Schmidt fest.

»Wenn sie sich nicht heimlich davongemacht haben«, relativiert Meike Bojens.

»Das glauben wir eher nicht«, argumentiert Margrit. »Sehen Sie, wir konnten erst kürzlich in Erfahrung bringen, dass Dominik Baumann sein Bankguthaben seit damals nicht mehr in Anspruch genommen hat. Niemand macht sich davon und hinterlässt absichtlich Hab und Gut.«

»Was wohl eher Ihre Vermutung erhärtet, dass er, sie oder sogar beide irgendwo hier in der Umgebung ihr böses Ende gefunden haben könnten«, schließt der Polizeihauptmeister die Argumentationskette.

*

In Begleitung von PM Schmidt erfahren Nili und Margrit wenig später von der Wirtin des Deichhotels, Frau Melanie Steenbruck, dass sie es selbst war, die DJ Mario auf ausdrücklichen Wunsch eines Familienmitgliedes der damaligen Geburtstagsparty gebucht hat. Seine Kontaktdaten hat sie von dessen Homepage entnommen und dann mit ihm über SMS kommuniziert. Ihre Gäste seien mit seinem Auftritt durchaus zufrieden gewesen und hätten ihn auch gleich danach direkt bezahlt. Befragt nach der Vergütung, meinte sie, einen Festbetrag von sechshundertfünfzig Euro für den Abend ausgehandelt zu haben.

Nili schlägt sich an die Stirn.

»Homepage, natürlich! Warum hat niemand von uns je an das Nächstliegende gedacht? Höchste Zeit, dass unser Team endlich durch einen Computerfreak verstärkt wird. Geht wohl heute wirklich nichts mehr ohne!«

Margrit nickt und holt ein Foto hervor. »Noch eine letzte Frage, Frau Steenbruck: War DJ Mario damals allein oder womöglich in Begleitung?«

»Warten Sie, ja! Da war ein junges blondes Mädchen bei ihm. Genau, das war sie!«, bestätigt sie, als sie das Foto betrachtet. »Sie half ihm beim Auf- und Abbau der Anlage und ich sah die beiden beim Wegfahren des rotgelben Transporters, in dem der Diskjockey seine Ausrüstung verstaute.«

*

Als das Trio als nächsten Zeugen den Discobesitzer Damian Zhivkov befragt, entpuppt sich dies als ein schwieriges Unterfangen. Nachdem der Bulgare ihnen die Tür geöffnet hat, blickt er sie aus geröteten Augen wütend an und erweist sich als ein ungemütlicher und schroffer Zeitgenosse, der anfänglich nicht die geringste Bereitwilligkeit zeigt, auf ihre Fragen einzugehen. Er sagt, er hätte der Polizei bereits alle Fragen telefonisch beantwortet.

Nili platzt der Kragen. »Gut, wie Sie wollen! Wir können auch anders! Polizeimeister Schmidt, führen Sie Herrn Zhivkov ab, wir befragen ihn in der Polizeistation. Sollte er sich wehren, legen Sie ihm Handschellen an!« Ihre Stimme klingt barsch und sie wendet sich ab, als ob sie gehen will.

»Moment, warten Sie doch mal, Frau Kommissarin«, ruft Zhivkov ihr hinterher, »ich geben Antworten. Entschuldigen bitte, mein Kopf tut furchtbar weh!«

»Können wir das alles nicht lieber drin als an der Tür besprechen?«, fragt Margrit.

Zhivkov nickt, tritt zur Seite und lässt sie eintreten.

Schließlich erfahren sie, dass DJ Mario bereits einige Male seinen Dienst an den Plattentellern der Schwarzen Möwe durchaus zufriedenstellend verrichtet hat. Er wurde jeweils engagiert, wenn der hauseigene Musikmacher in Urlaub war.

»Ja und dann, am 15. Februar im letzten Jahr, lässt mich Scheißkerl mit vollem Haus ohne Musik sitzen! Mein Barmann Stanko hat gemacht, aber nicht so gut, Publikum gepfiffen und gegangen, viel Geld verloren, weil nächste Wochen wenig Leute gekommen! Fluchter Hund!«

»Auch wir suchen nach DJ Mario. Wie hatten Sie Kontakt mit ihm?«, fragt Nili.

»Hat mich immer angerufen und gefragt. Dann ich ihm gesagt, wann soll kommen.«

»Haben Sie zwischen dem 4. und dem 15. Februar mit ihm gesprochen oder wissen Sie vielleicht sogar, wo er sich in dieser Zeit aufhielt?«

Zhivkov überlegt.

»Mario war noch am 10. Februar hier, fragt, ob er am 14. kommen soll, ja!«

»War zufälligerweise dieses junge blonde Mädchen bei ihm?« Margrit zeigt ihm Heides Foto.

»Jemand mit Mario im VW-Bus, aber wer, ich nicht genau gesehen.«

»Wir danken Ihnen, Herr Zhivkov, auf Wiedersehen. Halten Sie sich zu unserer Verfügung. Wir kommen noch einmal wieder, sollten wir weitere Fragen haben.«

*

Zurück in der Polizeistation berichtet das Trio von den soeben eingeholten Informationen.

PHM Voigt sinniert: »Gehen wir davon aus, dass laut Aussage des Discofuzzis Dominik Baumann zuletzt am 10. Februar – sehr wahrscheinlich in Heide Mertens’ Begleitung – gesehen worden und dagegen am 14. dort nicht wieder erschienen ist, muss ihr wie auch immer verursachtes gemeinsames Verschwinden innerhalb dieses Zeitraums erfolgt sein!«

»Richtig, genau das denken wir auch!«, bestätigt Nili. »Und das bedeutet, liebe Kollegen, dass sich die Vermutung weiter erhärtet, dass es in dieser Gegend passiert sein muss!«, setzt sie hinzu. Da alle sie fragend ansehen, erklärt sie: »Am 4. und am 10. war Baumann hier, das ist uns mit Bestimmtheit gesagt worden, und der DJ sollte wieder am 14. tätig werden. Ich glaube deshalb kaum, dass er sich allzu weit von hier entfernt haben kann!« Sie greift zum Handy und ruft Waldi an.

»Folgendes«, sagt sie, nachdem sie sich gemeldet hat, und berichtet ausführlich. »Ich bitte dich, lass die Itzehoer und Elmshorner Kollegen bei Heides Mutter und Dominiks Eltern einige ihrer Kleidungsstücke abholen. Dann sollen je zwei getrennte Staffeln von Leichenspürhunden die hiesige Gegend absuchen, einmal rund um die Diskothek Schwarze Möwe und einmal auf dem Areal des Deichhotels und des angrenzenden Golfplatzes. Die hiesigen Kollegen wissen Bescheid. Und noch was: Kamerad Ferdl soll sich mal flugs am Computer schlaumachen, ob er eine Homepage von DJ Mario entdeckt. Blöd von mir, nicht schon längst daran gedacht zu haben! Margrit und ich machen uns jetzt auf den Rückweg. Danke und XXXLG, Ende!«

*

Nachdem Robert den neuen Kollegen im ganzen Haus herumgeführt und mit allen bekanntgemacht hat, nehmen sie das Mittagessen in der Kantine ein und kommen danach zurück ins Büro.

»Is ja ois a bisserl größer als bei uns in Eisenstadt!«, scherzt Ferdl. »Und bei eurem KTI könnt ma scho neidisch werden, so wie das ausg’rüstet is! Der Lutz, der scheint a mordsnetter Kerl zu sein! Überhaupt, habt’s ir’s schee hier«, setzt er hinzu.

»Und wie gefällt Ihnen die Wohnung, alles in Ordnung, Kollege Ferdl?«, fragt der gerade hereinkommende Waldi.

»Mai, Herr Mohr, absolute Spitze, soag i eahner! Ois bestens! Fui mi bei Frau Johansen wie z’haus bei der Mama!«

»Sehr schön, freut mich wirklich. Hier ist übrigens der unterschriebene Mietvertrag. Bitte übergeben Sie den Umschlag Ihrer Frau Wirtin mit unseren besten Grüßen. Die erste Miete wird morgen auf ihr Konto überwiesen. – Aber jetzt etwas Wichtiges!« Er berichtet von Nilis Anruf und den neuen Erkenntnissen. »Um die Spürhunde kümmere ich mich. Aber Frau Masal bittet Sie um die Suche nach einer Homepage eines Diskjockeys Mario im Internet, wenn Sie so nett sind. Unsere beiden Damen sind morgen früh wieder hier. Viel Erfolg!«

»Eure Nili is wirklich oane Tüchtige, net woahr? Und a recht schön’s Weiberl obendrauf!«, räsoniert Csmarits, während er sich an seinem PC zu schaffen macht.

»Ja, da haben Sie recht«, stimmt Robert ihm zu, »die hat einen ausgesprochen feinen Spürsinn, wenn’s um das Aufdecken von Untaten und den dazugehörigen Übeltätern geht. Aber Vorsicht, Kamerad, sie ist bereits vergeben! Legen Sie sich lieber nicht mit der Obrigkeit an!«, rät er schmunzelnd.

»Versteht sich, Robert! A so a fesches Madl läuft net unbemannt umanand! Aber jetzt brauchert i das Passwort für diesen Rechner!«

*

Als Nili und Margrit am nächsten Morgen wieder in ihrem Büro erscheinen, werden sie von einem hochkarätigen Empfangskomitee überrascht: Dezernatsleiter Heidenreich und Waldi Mohr haben Oberstaatsanwalt Harmsen, Staatsanwalt Pepperkorn in Begleitung seiner Itzehoer Kollegin Frau Dr. Cornelia Bach nebst Assessor Dr. Kramer sowie Kriminaloberrat Stöver direkt zu ihrem Arbeitsplatz begleitet. Alle möchten aus erster Hand und lückenlos die letzten Ermittlungsresultate erfahren. Als sie Nilis ausführliches Referat über den Stand der Dinge vernommen und nach einer Stunde den Raum mit Befriedigung über die Fortschritte der letzten beiden Wochen wieder verlassen haben, atmet das Viererteam erleichtert auf.

»Mei, warn di aber neigierig!«, amüsiert sich Ferdl.

»Ist doch nur natürlich nach fast dreizehn Monaten Stillstand! I bin aber ah neigierig«, äfft Margrit ihn nach, »ob Sie die Homepage von DJ Mario finden konnten!«

»Aber clarissimo, geschätzte Kollegin! Schaun’s her, hier hammas!« Tatsächlich lächelt Dominik Baumann, bewaffnet mit kolossalen Kopfhörern, vom Bildschirm herab. Gleichzeitig hören sie einen fetzigen Schlager, der aus den Lautsprechern erklingt. Neben einigen ihm wohlgesinnt formulierten Testimonial-Aussagen von ehemaligen Veranstaltern ist ein Kontaktfenster vorhanden, über das man mit ihm in Verbindung treten konnte.

»I hob’s versucht, aber wenn man die Message sendet, erscheint die Meldung: ›Die gewünschte Nachricht konnte nicht erfolgreich versendet werden.‹ I hob ah den Provider ausgmacht, aber um ean wegen den für Mario gespeicherten Daten zu kontaktieren, braucherte i an Beschluss von der Staatsanwaltschaft, von wegen Datenschutz und all dem Kaas!«

»Ich habe unseren EKHK Mohr bereits darum gebeten«, ergänzt Robert.

»Wie konnten Sie überhaupt den Provider ermitteln?«, fragt Nili neugierig.

»Ganz einfach: mit dem ›Whois-Protokoll‹ – kommt vom englischen ›who is?‹, also ›wer ist?‹ –, eine im Datenbanksystem enthaltene Informationsquelle, mit der die Namen der Eigentümer von Internet-Domains und IP-Adressen abgefragt werden können. Wie gsagt, aus Datenschutzgründen komm i nur über ahn besonderen Zulassungscode, genannt ›Captcha‹, zum Ziel. Aba jetzt was anders: I lad euch nach Feierabend zu einer Spritztour in meinem Barockengel ein! I muss ja noch mein Einstand geben! Sagt’s nur, wos hingeh’n soll, dann fahrnwa!«

»Darf ich mich an den Kosten beteiligen, Herr Kamerad?«, sagt Margrit. »Bisher bin ich den Kollegen aus Mangel an Gelegenheit meinen Einstand schuldig geblieben! Wenn’s recht ist, ruf ich auch unseren Chef Waldi Mohr dazu, okay?«

Nili nickt begeistert. »Prima, Kollegen! Wer hätte Lust auf eine deftige indonesische Reistafel? Ich habe kürzlich von meiner Freundin Kitt erfahren, dass man dieses leckere Gericht hier in Kiel in einem angeblich guten asiatischen Restaurant anbietet.«

»Alle einverstandn? Gut! Also dann, aufi geht’s!«, posaunt Ferdl.

*

Wenig später kutschieren sie im ehemaligen Münchner BMW Nobel-Streifenwagen Baujahr 1958 – dem der Volksmund wegen seiner üppigen Kurven den Spitznamen ›Barockengel‹ verpasst hat – durch die Kieler Innenstadt und wecken damit die Aufmerksamkeit anderer Autofahrer, aber auch Passanten. Potent brummt der 3,2 Liter V-achtzylindrige Motor.

»Wie viel Sprit verbraucht Ihr Goldstück?«, will Robert wissen.

»Ja mei, die hundertvierzig PS verlangen häut ihr Futter! San scho’ um die vierzehn Liter, wann i net allz’fest aufs Gas drück. Noch dazuah muss i das teire Super Plus tanken, aba des mocht mir nix aus, i liab häut mei Barockengerl!«

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22 aralık 2023
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