Kitabı oku: «Totgelacht»

Yazı tipi:

MANFRED KOCH



Für die üblichen Verdächtigen,

von denen es natürlich wieder

keiner gewesen sein will.


Der Mensch lebt nicht vom Tod allein.

Erster Krimikillerkrimismus

Wer auf Köpfe zielt, trifft meistens ins Leere.

Zweiter Krimikillerkrimismus

Es gilt die Unsinnszumutung.

Dritter Krimikillerkrimismus


Ein delikater Fall
EIN KOCHKUNSTKULTKURZKRIMI

Sein bestes Rezept hat er mir natürlich nicht verraten, der Herr Viersternekoch. Da habe ich bei ihm sogar mit meinen raffiniertesten Verhörmethoden auf Granit gebissen. Keine Chance, der Mann hat geschwiegen wie der Küchenchef unserer Polizeikantine. Aus dem bekommst du auch kein Wort heraus, wenn du wissen willst, welche Zutaten er für seine Gulaschsuppe verwendet. Doch das ist eine andere Geschichte. Unser Kantinenessen hat zumindest noch niemanden umgebracht, obwohl man es durchaus als gefährliche Waffe bezeichnen könnte. Aber Attentate auf die Geschmacksnerven gelten ja leider nicht als strafbare Handlung.

Zugegeben, es war eigentlich nicht wichtig für die Ermittlungen. Jetzt schon gar nicht mehr. Der Fall war gelöst, das Geständnis unterschrieben und nun war der Staatsanwalt an der Reihe. Aber interessiert hätte es mich halt doch. Einfach so, ganz privat, sozusagen unter uns Feinschmeckern. Besser gesagt: unter uns Kochkünstlern.

Kochen ist nämlich meine ganz große Leidenschaft. Und Essen. Es gibt nichts Schöneres für mich. Ich habe das schon als Kind geliebt. War unwahrscheinlich begabt, habe sogar als Wunderkind gegolten. Zuerst allerdings nur beim Essen, das Kochen ist erst ein paar Jahre später dazugekommen.

Meine Eltern waren wahnsinnig stolz auf mich und mein Vater hat gesagt, es sei völlig klar, was ich einmal werden würde, wenn ich groß sei. Er hat gewusst, wovon er redet, denn seine Lieblingsbeschäftigung war das Lesen und seine Lieblingslektüre waren Krimis. Und deshalb war er davon überzeugt, dass für mich nur ein einziger Beruf infrage komme, nämlich der eines Kriminalkommissars in der Mordabteilung, weil nämlich so gut wie alle Kriminalkommissare oder Inspektoren oder Detektive in den Kriminalromanen, die er gelesen hat, leidenschaftlich gern kochen und essen, und zwar immer viele, viele Seiten lang, abgesehen von ein paar Ausnahmen, bedauernswerten Typen, die sich in Polizeikantinen oder an Bratwurstständen von ungesundem und ungenießbarem Fraß ernähren oder dem Suff verfallen sind, klassischer Musik, einer viel zu jungen Geliebten oder sonst einer wie auch immer gearteten Abartigkeit.

Nachdem mir mein Vater jahrelang zweimal täglich eingebläut hat, dass es nur drei Arten glückliche Menschen gibt, und das sind erstens Kriminalkommissare, die leidenschaftlich gern kochen und essen, zweitens die Schreiber und drittens die Leser von Kriminalromanen, in denen die Kriminalkommissare leidenschaftlich gern kochen und essen, und nachdem ich ihm unzählige Male hoch und heilig versprechen und auf sämtliche Kriminalromane und Kochbücher dieser Welt schwören musste, ein glücklicher Mensch zu werden, das Schreiben und das Lesen aber nicht unbedingt zu meinen Stärken zählen, ist mir gar nichts anderes übrig geblieben, als zur Polizei zu gehen und ein leidenschaftlich gern kochender und essender Kriminalkommissar zu werden.

Nun weiß ich zwar nicht, wie in den Kriminalromanen die Kriminalkommissare ihre Leidenschaft fürs Kochen und Essen damit vereinbaren können, dass sie es bei ihren Mordermittlungen meistens mit hässlich zugerichteten, oft grausam verstümmelten und alles andere als wohlriechenden Leichen zu tun haben, weil, wie gesagt, das Lesen nicht gerade zu meinen Stärken zählt, ich mich dabei aufs Notwendigste beschränke und mir in den Tausenden Krimis, die ich von meinem Vater geerbt habe, immer nur die Seiten heraussuche, auf denen es um besondere Rezepte, ausgefallene Zutaten und raffinierte Tricks bei der Zubereitung geht, aber bei mir funktioniert es jedenfalls problemlos, mir durch den Anblick von Mordopfern nicht die Freude am Kochen und Essen verderben zu lassen. Alles nur eine Frage der Vorstellungskraft, die ja auch sonst zu den wichtigsten Fähigkeiten eines Mordermittlers gehört. Wenn ich einen blutverschmierten Toten sehe, denke ich normalerweise einfach an ein schönes rohes T-Bone-Steak, und schon habe ich kein Problem mehr, so etwas nennt man nämlich Professionalität.

Bitte, unser Gerichtsmediziner, ein hochsensibler Mensch, ausgesprochener Schöngeist und leidenschaftlicher Liebhaber der Kindertotenlieder von Gustav Mahler, ist ja durch seine Arbeit auch nicht zum Vegetarier geworden. Und was habe ich mir mit dem schon so alles an Mageninhalten angeschaut, Halbverdautes ebenso wie Unverdautes, und darüber gefachsimpelt, nein, vielmehr philosophiert, was einmal von einem und vor allem in einem übrig bleibt, und dass man im Leben immer darauf achten sollte, was man isst, weil man nie weiß, ob es nicht die letzte Mahlzeit ist, die man zu sich nimmt, und es doch jammerschade wäre, wenn man mit einem schlechten Geschmack im Mund das Zeitliche segnen müsste. Aber wenn wir in einer Leiche zum Beispiel die Überreste von einem schönen Chateaubriand finden, dann gratulieren wir dem Toten, weil er sein Leben offensichtlich bis zum Schluss genossen hat oder wenigstens bis kurz davor. Was nicht heißen soll, dass ich bei meinen Ermittlungen Arbeit und Leidenschaft vermische, aber es hilft. Meistens.

Nur manchmal gibt es derart grässliche Extremfälle, bei denen die Opfer so entsetzlich anzusehen sind, so abgrundtief abscheulich, unappetitlich, ja widerwärtig, dass ich ganz einfach an meine Grenzen stoße und mir bei ihrem Anblick nur mehr unser Kantinenessen einfällt. Das kommt aber eher selten vor, schon allein deshalb, weil Mordfälle bei uns überhaupt eine Seltenheit sind. Einer im Jahr, bestenfalls zwei, und alle immer ganz schnell aufgeklärt. Ich habe nämlich eine äußerst wirkungsvolle Methode, mit der ich jeden Verdächtigen in kürzester Zeit weichkoche. Beim Verhör lasse ich immer wieder durchblicken, dass sich ein rasches und umfassendes Geständnis durchaus positiv auswirken könne, und zwar nicht nur auf die Länge der Gefängnisstrafe, sondern auch auf die Haftbedingungen, speziell was das Essen betrifft. Und es ist für mich immer wieder ein Hochgenuss zu erleben, wie die Leute schon nach kürzester Zeit geradezu begierig darauf sind, alles, aber auch wirklich alles zuzugeben, wenn ich sie während der Untersuchungshaft täglich höchstpersönlich mit ausgesuchten Kostproben meiner Kochkunst versorge und dazu andeute, wenn sie sich jetzt kooperativ zeigten, könnten sie auch später im Gefängnis damit rechnen, regelmäßig reichhaltige kulinarische Fresspakete von mir zu bekommen.

Und ich halte mein Wort, darauf können sich die Mörder und Totschläger verlassen, die ich hinter Gitter bringe. Ist ja auch kein großer Aufwand für mich bei den paar Leuten. Und außerdem lässt mir unsere geringe Mordrate jede Menge Zeit, die ich irgendwie anders totschlagen müsste, wenn ich nicht meine Kochleidenschaft hätte. Aber auf die Art schlage ich sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe, denn bis jetzt war noch kein einziger Verbrecher hartgesotten genug, dass er meinen Kochkünsten hätte widerstehen können. Im Gegenteil, durch Mundpropaganda bin ich über die Grenzen unseres Landes hinaus in der Killerszene ziemlich bekannt geworden und deshalb gibt es bereits Mörder, die von weit her extra zu uns reisen und hier ihren Mord begehen, nur um dann in den Genuss zu kommen, von mir gefasst und meiner delikaten Spezialbehandlung unterzogen zu werden.

Gut, möglicherweise sind darunter auch Unschuldige, die es vorziehen, für einen Mord ins Gefängnis zu gehen, den sie gar nicht begangen haben, als noch länger das essen zu müssen, was ihnen zu Hause vorgesetzt wird, aber für Betrug bin ich nicht zuständig. Außerdem fühle ich mich durchaus geehrt, wenn jemand lieber auf seine Freiheit verzichtet als auf die Köstlichkeiten aus meiner Küche. Nur den jungen Kollegen, der sich für ein paar Feinschmeckerjahre im Knast sofort begeistert dazu bereit erklärt hat, unseren Kantinenkoch eigenhändig zu erwürgen, habe ich Gott sei Dank gerade noch rechtzeitig davon abhalten können, und zwar mit dem Argument, dass solch eine Tat eindeutig als ein Akt der Notwehr und Selbstverteidigung in akuter Gefahr für Leib und Leben einzustufen wäre und ihn dafür kein Gericht dieser Welt verurteilen würde. Und außerdem, habe ich hinzugefügt, sei es absolut falsch, den Mann zu erwürgen, denn wer auch nur über die geringste Spur von Gerechtigkeitssinn verfüge, für den käme nichts anderes infrage, als diese zweibeinige Küchenschabe zu zwingen, auf einen Sitz alle ihre in Altöl frittierten Fischstäbchen mit Fertigmayonnaise in sich hineinzustopfen, was schlussendlich bei diesem Lakaien gesättigter Fettsäuren und künstlicher Geschmacksverstärker ganz automatisch binnen kürzester Zeit dazu führen würde, auf die einzige ihm angemessene Art zu verenden.

Aber als Belohnung für seinen guten Willen habe ich den jungen Kollegen dann am Abend zu mir zum Essen eingeladen und für uns einen japanischen Kugelfisch an provenzalischem Wurzelgemüse, Ingwer-Schalotten-Creme und mit einem Hauch von Muskat und Pfeffer veredelten, gedünsteten Apfelspalten zubereitet, eine meiner meisterhaftesten Kreationen, der ich den, zugegebenermaßen etwas ironischen, nicht völlig korrekten und mangels entsprechender Wirkung unzutreffenden Namen Schneewittchens Leidenschaft gegeben habe, inspiriert von einer von mir überführten fünfundachtzigjährigen Giftmörderin, die ihre sieben Ehemänner ins Jenseits gekocht hat, aber das mit einer derart bewundernswerten Fantasie und kompromisslosen Leidenschaft, dass es jedem Spitzenkoch zur Ehre gereicht hätte. Ich schätze mich noch heute glücklich, diese Dame kennengelernt zu haben.

Und für einen ebenso großen Glücksfall habe ich jetzt die Begegnung mit dem Viersternekoch gehalten. Da sitzt dir nun endlich im Verhörraum einer gegenüber, der Sachen gekocht hat, die dir noch nicht einmal im Traum in den Sinn gekommen sind, habe ich gedacht. Einer, der Dinge weiß, die in keinem Kochbuch stehen und auch nicht in Vaters Kriminalromanen, einer der berühmtesten Köche überhaupt, ein Jahrhundertkoch, von Gourmetkritikern bewundert und mit Preisen überhäuft, nahezu omnipräsent auf allen Fernsehkanälen, ein Hohepriester der lukullischen Religion, ein Halbgott, was sage ich, ein Gott am von Sternen übersäten Himmel der Kochgiganten, ja, genau so einer sitzt dir gegenüber, dir, dem kleinen Kriminalkommissar mit der großen Leidenschaft fürs Kochen und Essen, was für eine einmalige Chance für dich, dem Mann Löcher in den Bauch zu fragen und ihm sein intimstes, streng gehütetes Wissen zu entlocken, seine geheimsten Rezepte, von denen kein Mensch jemals etwas erfahren sollte. Doch welch ein Irrtum, was für eine Enttäuschung!

Um hier kein falsches Bild von dem Mann zu vermitteln: Er ist ein wirklich netter Mensch, sympathisch, höflich, mit einer leisen, angenehmen Stimme und einem Lächeln, das einen sofort für sich einnimmt, keine Spur von Arroganz oder Prominentengehabe, ganz im Gegenteil, man könnte fast sagen, die Bescheidenheit in Person, ein Mann, der nicht sich selbst wichtig nimmt, sondern ausschließlich die Leidenschaft, die ihn beseelt. Wir haben uns von Anfang an ausgezeichnet verstanden, ganz spontan, so, wie es wohl nur bei zwei Menschen passiert, die von derselben Sache begeistert sind. Beim ersten Verhör, sozusagen zum Aufwärmen und um eine angenehme Atmosphäre herzustellen, habe ich ihn gleich einmal gefragt, was er davon halte, dass ich geröstete Nieren mit Frühlingskresse, Koriander und – was den Geschmack meiner Ansicht nach besonders veredelt, aber doch äußerst ungewöhnlich ist – einer Messerspitze Kakao zubereite, und es war gewiss nicht nur Höflichkeit von ihm, als er sich das gut eine Minute lang mit geschlossenen Augen in Gedanken auf der Zunge zergehen lassen und dann gemeint hat, er fände es absolut genial und müsse offen und ehrlich gestehen, dass es ihm nur leidtue, dieses Rezept nun wohl in nächster Zeit nicht selber ausprobieren zu können.

Dieses Geständnis aus dem Mund einer alles überragenden Kapazität der Kochkunst hat mich schon sehr, sehr glücklich und stolz gemacht, denn es ist ihm sicher nicht leichtgefallen. Ich muss zugeben, es hat mir mehr bedeutet als das Geständnis seiner Taten. Darüber bin ich natürlich auch froh gewesen, zwar nicht so wie er, der danach derart befreit geseufzt und entspannt gelächelt hat, als hätte er soeben einem viel zu fetten, schweren Essen einen doppelten Magenbitter hinterhergeschickt und dann ausgiebig und herzhaft gerülpst, nein, nicht so froh und beinahe selig, sondern nur ganz einfach froh.

Es war nämlich der sauberste Tatort, der mir jemals untergekommen ist, die Kollegen von der Spurensicherung waren regelrecht verzweifelt. Nichts als Nirosta und Keramik, alles blitzblank gescheuert und poliert, hygienisch sauber, steril wie ein Operationssaal. Aber eigentlich war das ja zu erwarten gewesen, alles andere hätte mich erstaunt. Der Mann ist ein Vollprofi, für den ist eine bis in den verstecktesten Winkel und die feinste Ritze hundertprozentig gereinigte Küche eine Selbstverständlichkeit, ist ja schließlich nicht unsere versiffte Kantinenküche, in der es nur deshalb keine Mäuse und Ratten gibt, weil die sich ununterbrochen vor Ekel übergeben müssten. Nein, an diesem Tatort, diesem Vorbild an Küchenhygiene, wäre ich bei der Suche nach Indizien glatt verhungert, und da bin ich dann eben doch froh gewesen über das Geständnis, oder besser gesagt, zufrieden und beruhigt.

Und wie ich den Mann bewundert habe, bis zuletzt, bis zu dem Zeitpunkt, ab dem auf einmal nichts mehr aus ihm herauszuholen war, habe ich ihn bewundert, ja, beinahe verehrt. Vierzehn Morde, ohne auch nur die kleinste Spur zu hinterlassen, also ich finde, das ist schon einzigartig, das muss dem Mann erst einmal einer nachmachen! Vor einer derart unglaublichen Verbindung von Leidenschaft und Perfektion kannst du doch einfach nur niederknien, bitte schön! Vierzehn Mal schlachten, tranchieren, ausnehmen, und dann nicht das allerminimalste eingetrocknete Blutspritzerchen oder Hautfitzelchen, Fleischfaserchen, Knochensplitterchen, nein, nichts, absolut null, da gehört schon was dazu, das schafft nur einer, der zu Recht zu den Größten und Besten in seinem Beruf gezählt wird, das muss hier einfach auch einmal gesagt werden, finde ich.

Um über diese, im wahrsten Sinne des Wortes glänzende Leistung grenzenlos begeistert zu sein, muss ich ja nur an die Schweinerei denken, die ich jedes Mal in meiner Küche anrichte, wenn ich ein Coq au Vin zubereite. Ich nehme dafür nämlich kein tiefgefrorenes Huhn, wie es heutzutage fast alle machen, was jedoch in meinen Augen ein ungeheurer Frevel an diesem herrlichen Gericht ist und ein Verbrechen wider den guten Geschmack, nein, ich nehme, wie es sich gehört und wie der Name Coq schon sagt, einen Hahn, und wenn ich keinen richtigen Hahn kriege, dann wenigstens einen Kapaun, den ich ganz traditionell auf einem Bauernhof kaufe, und zwar so frisch, wie es nur möglich ist, also als lebendes Tier, dem ich dann erst bei mir in der Küche eigenhändig den Kopf abhacke. Das ist nicht schön, aber so macht man es nun einmal. Unvermeidlich, dass dabei ziemlich viel Blut spritzt, und bis ich den Kapaun endlich zur Spüle gebracht und dort verkehrt herum zum Ausbluten aufgehängt habe, hat das Blut natürlich schon eine Spur über den halben Küchenboden gezogen, und es kostet mich hinterher viel Zeit und Mühe, alles wieder sauber zu bekommen. Und es geht ja nicht bloß darum, die Spuren des Blutbades zu entfernen, dazu kommen auch noch die versprengten Überbleibsel vom Ausrupfen der Federn und Ausnehmen der Innereien. Nun, ich bin da äußerst penibel und kriege das immer wirklich gut hin, aber die Kollegen von der Spurensicherung würden mit ihren Spezialgeräten sicher fündig werden, davon bin ich überzeugt.

Ich weiß, beim Schlachten stelle ich mich nicht sehr geschickt an, und es wäre vielleicht klug, mir wenigstens einmal eine Plastikfolie als Unterlage zuzulegen, obwohl auch dann sicher ein paar Blutspritzer auf dem Boden oder den Küchenmöbeln landen würden, aber darum geht es hier gar nicht. Was ich eigentlich sagen will: Verglichen mit meiner harmlosen kleinen Kapaun-Abmurkserei müssen die vierzehn Morde doch jedes Mal eine regelrechte Blutorgie gewesen sein. Und so ein Schlachtfeld wieder in einen Zustand zu bringen, als ob nichts gewesen wäre, das ist eine Leistung, die einem einfach Respekt und höchste Bewunderung abnötigt. Und das sage ich jetzt als Kriminalkommissar und nicht als leidenschaftlicher Vertreter der Kochkunst, denn auf diesem Gebiet hat mich der große Kollege, ja, ich wiederhole mich, zuletzt bitter enttäuscht.

Gut, ein paar ausgefallene Rezepte hat er mir gegeben, darunter eins für gratinierte Miesmuscheln mit Seegras und ein anderes für geeiste Weinbergschnecken auf einer Morchel-Holunder-Creme, aber immer, wenn ich zu dem für mich interessantesten Thema gekommen bin und ihn gefragt habe, was er mit seinen Opfern gemacht hat, wenn es also sozusagen um seine Leidenschaft für Menschen gegangen ist und um die existenziellen Grundfragen, ob unsere Artgenossen denn überhaupt genießbare Wesen sind, wie man zumindest Teile von ihnen in etwas verwandeln kann, das über einen wenigstens einigermaßen guten Geschmack verfügt, und ob man wirklich mit gutem Gewissen behaupten kann, dass auch der Mensch unter bestimmten Voraussetzungen durchaus Qualitäten besitzt, die zum Beispiel denen eines Rinds oder eines Kapauns ebenbürtig sind, immer dann ist er ziemlich einsilbig geworden.

Alles, was ich aus ihm herausgekriegt habe, war, dass er mit seiner ungeheuren Leidenschaft fürs Kochen und Essen und mit seinem damit verbundenen unbändigen Drang, ständig über den Rand seiner Töpfe und Pfannen hinauszuschauen und Grenzen zu überschreiten, irgendwann an einem Punkt angelangt war, an dem er das Gefühl gehabt hatte, alles, was es auf dieser Welt zu kochen und zu essen gibt, bereits gekocht und gegessen zu haben. Wirklich alles, bis auf eine einzige Ausnahme. Und weil er auf gar keinen Fall als frustrierter Spitzenkoch, der nicht alles ausprobiert und alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat, enden wollte, hat er eben eines Tages auch diese letzte Grenze überschritten und zu experimentieren begonnen. Immer von Montagmorgen bis Dienstagabend, an den beiden Schließtagen seines Restaurants. Und immer gemeinsam mit einer seiner unzähligen ausländischen Küchenhilfen, die danach immer verschwunden war, von plötzlichem Heimweh übermannt wieder nach Hause gefahren, bloß ein kurzer Anruf und schon weg, wie er dem Rest seines Personals dann bei der Vorstellung der neuen Küchenhilfe jedes Mal erklärt hat.

Es war ein aufwendiges, schwieriges Unterfangen mit ungewissem Ausgang, auf das er sich da eingelassen hatte, zuerst hat es einen Fehlschlag nach dem anderen gegeben, einfach zum Verzweifeln, und nach acht völlig misslungenen Versuchen, zum ungewohnt süßlichen Fleischgeschmack die passende Würzmischung zu entwickeln und außerdem die richtige Brat- oder Kochdauer und die perfekte Temperatur herauszufinden, hat er schon aufgeben wollen, aber die Leidenschaft ist eben doch stärker gewesen. Die nächsten Resultate waren dann schon ganz annehmbar, doch erst mit der vierzehnten Küchenhilfe, einer jungen, zarten Thailänderin, ist ihm das perfekte Ergebnis gelungen. Aber nach einem kurzen Moment des höchsten schwelgerischen Glücksgefühls über diesen Gipfel des Genusses hat er gewusst, dass er auf dem absoluten Höhepunkt seiner Kochkunst angelangt war, keine Steigerung mehr möglich und sein Leben ab jetzt völlig sinnlos sein würde. Und da hat er ein letztes Mal alle Spuren beseitigt, seine Küche gereinigt und dann die Kriminalpolizei angerufen – wodurch übrigens auch ich mit meinem Polizistenhungerlohn das erste Mal in meinem Leben die Gelegenheit bekommen habe, diesen sündteuren Gourmettempel von innen zu sehen.

Was meine brennende, aber von ihm beharrlich ungestillte Neugier auf sein letztes und offenbar bestes, grandiosestes Rezept betrifft, muss ich jetzt allerdings zugeben, dass die von mir so gepriesene und bewunderte klinische Sauberkeit seiner Küche sich nun durchaus auch von ihrer negativen Seite gezeigt hat. Denn wäre wenigstens in irgendeinem Kochgeschirr oder auf einem Teller nur ein klitzekleiner Rest seiner letzten thailändischen Spezialität gefunden worden, dann hätten unsere Kriminaltechniker in ihren Labors garantiert in kürzester Zeit sämtliche Zutaten chemisch analysieren und das Rezept entschlüsseln können. Aber nichts da, dieser Perfektionist aus Leidenschaft hat jeden Hinweis vernichtet und alles Verräterische verschwinden lassen. Hat er mir selber erzählt, um uns die Sucherei zu ersparen. Die Knochen zermahlen, alles andere durch den Fleischwolf gedreht, die Masse mit dem Knochenmehl vermischt, handliche Bällchen daraus geformt und ab damit, nein, nicht in die Küche unserer Kantine, sondern in den Tierpark, und dort in einem unbeobachteten Augenblick mit Schwung über die Gitter der Freigehege, die Wildkatzen haben sich jedes Mal gebalgt um das wunderbar blutigrohe Menschentatar!

Ja, so ist das gewesen. Und wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich heute vielleicht auch als unglücklicher Mensch, dessen Leben sinnlos geworden ist, im Gefängnis sitzen würde, wenn ich nur ein leidenschaftlicher Koch geworden wäre und nicht ein Kriminalkommissar, der leidenschaftlich gern isst und kocht und deshalb prädestiniert dafür ist, ein glücklicher Mensch zu sein, dann weiß ich, dass ich das nur meinem Vater zu verdanken habe. Und seinen Kriminalromanen, in denen die einzigen wirklich glücklichen Menschen die leidenschaftlich gern kochenden und essenden Kriminalkommissare sind, obwohl ich zugeben muss, dass ich glücklicher wäre, wenn mir der Herr Viersternekoch sein bestes Rezept verraten hätte. Aber dafür gebe ich weder meinem Vater die Schuld noch den Schreibern der Kriminalromane, in denen es nur so wimmelt von sich ganz und gar ihrer Ess- und Kochleidenschaft hingebenden und deshalb glücklichen Kriminalkommissaren, die ebenfalls alle ohne dieses Rezept auskommen müssen.

Nur manchmal träume ich davon, wie es wohl gewesen wäre, wenn wir uns früher kennengelernt hätten, der große Jahrhundertkoch und ich, der kleine Kriminalkommissar mit der großen Kochleidenschaft. Ich denke, wir hätten Freunde werden können, richtig gute, dicke Freunde. Und irgendwann hätte er mir anvertraut, dass er in seiner Küche jeden Montag und Dienstag voller Leidenschaft, aber streng geheim daran arbeite, ein ganz spezielles Rezept zu entwickeln, sein bestes Rezept, sein absolut epochales Spitzenrezept, mit dem man aus jedem Menschen das Beste machen könne.

Und dann hätte ich meine ganze Überzeugungskraft aufgewandt, meine raffinierteste Überredungskunst und all meine kriminalistischen Tricks eingesetzt und so den Küchenchef unserer Polizeikantine garantiert dazu gebracht, nur für zwei Tage, wirklich nur für zwei Tage, nur am Montag und am Dienstag und nur einmal so zum Spaß, bei meinem Freund als Küchenhilfe zu arbeiten. Das Resultat wäre zwar garantiert ungenießbar gewesen, aber mich, das weiß ich genau, mich hätte es sehr, sehr glücklich gemacht.

Schoner morden im Norden
EIN EINRICHTUNGS­KATALOGHORROR­KÜRZESTKRIMI

Du findest, dass das Morden im Norden viel aufregender, schöner und spannender ist als an jedem anderen Ort der Welt? Dann geht es dir wie Hunderttausenden deiner Mitmenschen, die ebenfalls völlig hingerissen sind von Mitternachtssonne, Fjorden, Schären, einsamen männlichen Leichen neben noch einsameren weiblichen Leichen in komplett einsamen Blockhütten an tausend geradezu unglaublich einsamen Seen, von endlosen Wäldern, unglücklich verliebten Elchen, protestantischem Kabeljau, emotional unterkühlten Eisbergen, Knäckebrot und Schwedenbitter, also von dieser ganz speziellen skandinavischen Dauerdepression, die im Norden jedes Verbrechen umgibt. Diesem berühmten Hauch von Melancholie, stiller Verzweiflung und Wahnsinn, der vor einigen Jahren im Auftrag der nordeuropäischen Krimiindustrie als gewinnversprechende, existenzialistische Antwort auf die damals grassierende ABBA-Fröhlichkeit gemeinsam von Søren Kierkegaard, August Strindberg und Ingmar Bergman nach dem Genuss von fünfeinhalb Flaschen Aquavit erfunden worden ist. Nein, du bist nicht allein mit deiner Begeisterung für ein Lebensgefühl in einem Ambiente, das ganz einfach wie geschaffen ist für Morde, die so unglaublich schrecklich und pervers sind, dass man anderswo davon nur träumen kann.

Aber du kannst jetzt aufhören zu träumen. Wo auch immer dein Zuhause ist, verwandle es doch einfach in einen Tatort, um den dich sogar der skandinavischste aller skandinavischen Serienmörder beneiden würde. Das geht ganz leicht, du wirst sehen. Alles, was du dafür brauchst, findest du nämlich in unserer neuen Möbelserie Psychopathen, bei der jedes einzelne Stück von unseren Designern so entworfen worden ist, dass du es jederzeit deinen ganz speziellen Bedürfnissen anpassen kannst.

Sei kreativ und entdecke die vielen verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten, die dir dabei helfen, deine Träume zu verwirklichen. Zum Beispiel unsere absolut schalldichte Aufbewahrungstruhe Pippi Langstrumpf aus massivem Nordmanntannenholz, die einerseits groß genug ist, um ausreichend Bewegungsfreiheit bis zu einem Alter von zwölf Jahren zu bieten, aber andererseits doch so klein, dass du ganz leicht ein paar davon aufeinanderstapeln kannst, wenn du plötzlich Lust auf mehr bekommst. Außerdem lassen sich die Truhen hinterher für die endgültige Entsorgung verwenden, und zwar absolut umweltfreundlich, weil sie ein reines Naturprodukt sind und wieder zu einem Teil des biologischen Kreislaufs werden, wenn du sie samt Inhalt in die Erde versenkst. Du siehst, wir haben wirklich an alles gedacht.

Viel Freude wird dir auch der Spezialtisch Chirurgen bereiten. Allein schon die Fixierungsriemen aus echtem Elchleder werden deine Fantasie beflügeln. Und mit der handgeschmiedeten Besteckserie Skalpellen wird dein Vergnügen noch einmal so groß. Mach dich ans Werk, und wenn du damit fertig bist, kannst du deinen Arbeitsplatz dank seiner abwaschbaren Oberfläche ganz einfach wieder in einen gemütlichen Esstisch für bis zu acht Personen verwandeln. Flexibilität ist eben unser höchstes Prinzip. Das gilt auch für unseren Lehnstuhl Folteren, der ein wahres Wunderwerk der Anpassung an deine jeweiligen Wünsche und Vorlieben ist. Zahnarztsessel, Gynostuhl, bequemer Fernsehfauteuil – alles ist möglich.

Such dir einfach aus, wonach dir der Sinn steht. Du kannst dich darauf verlassen, dass wir auch dieses Mal bei allen unseren Produkten unserem seit Jahrzehnten bewährten Grundsatz Lusteren durch Frusteren treu geblieben sind: Beim Selber-Zusammenbauen wirst du garantiert die allergrößten Schwierigkeiten haben, das kriminell enttäuschende Endergebnis wird dich augenblicklich in die von dir so heiß ersehnte skandinavische Verzweiflung stürzen und kurz darauf derart zornig machen, dass du sofort die heftigsten Mordgelüste verspüren wirst.

Was willst du mehr? Mach was draus. Halt dich nicht länger zurück, denk nicht nach, nütz die Gelegenheit und schlag zu. Unbarmherzig und vor allem lustvoll. Unsere Schlagwerkzeuge der Serie Lillehammer halten viel aus, dafür haben schon unsere morderfahrenen Profitester in stundenlangen Blutrauschorgien gesorgt. Das ist zwar aufwendig, aber hammermäßige Qualität ist uns jedes Opfer wert. Alles andere wäre ja ein Verbrechen. Du kannst also wirklich zuschlagen, so oft und so fest du willst. Aber vergiss nicht mit unserer Hängelampe Midsommarnachtsmorden für die passende Stimmung zu sorgen, damit es wirklich irre schön für dich wird.

„Ja, die nordische Seele ist ein Haus mit vielen Zimmern, und in einem davon hat es sich immer ein Mörder gemütlich eingerichtet!“ So poetisch hat das schon Henrik Ibsen gesagt. Es könnte aber auch Kalle Blomquist gewesen sein. Oder Kurt Wallander. Oder der Werbetexter unseres Möbelkatalogs, ein wirklich netter Mensch, von dem wir dir gerne die Privatadresse verraten, wenn er das nächste Mal eine Gehaltserhöhung haben will.

Übrigens, zwischendurch kannst du gerne auch einmal eines unserer Möbelhäuser besuchen und dich dort im Restaurant mit einem leckeren toten Lachs stärken, zu einem Preis, der ebenfalls ein Hammer ist. Oder du schaust dich in unserer Kinderecke Villa Kunterbunt um und suchst dir in aller Ruhe etwas Schönes aus. Ganz nach dem Motto: Spielst du noch oder fürchtest du dich schon?

Und falls es einmal nicht so läuft, wie du es dir vorstellst, genießt du natürlich zwei Monate lang volles Umtausch- und Rückgaberecht. Das gilt allerdings nur für Möbelstücke und Werkzeug, nicht jedoch für Lachse und Kinder, wofür du sicher Verständnis hast.

Also, herzlich willkommen in unserer todschicken Abteilung Morden an Fjorden. Mach deine dunkelsten Träume wahr. Schließlich ist es dein Leben.

Ausgetrickst
EIN LOCKERVOMHOCKER­NEFFENSCHOCKER­KURZKRIMI

Ja? Hallo? Wer spricht? Hallo? Würden Sie bitte etwas lauter sprechen, ich kann Sie nämlich sonst nicht hören. Hallo? Ja, so ist es besser. Jetzt höre ich Sie. Sehr gut sogar. Jetzt passt es. Danke, ganz wunderbar. Jetzt verstehe ich jedes Wort. Macht Ihnen hoffentlich nicht zu viel Mühe, aber wissen Sie, in meinem Alter ist das mit dem Hören eben schon ein Problem, mein Gott, die Ohren spielen halt nicht mehr so mit, ziemlich lästig, das kann ich Ihnen sagen. Aber wenn man schön laut mit mir redet und außerdem ein bisschen langsamer, funktioniert es ganz prima.

Wie bitte? Wie es mir sonst so geht? Sie meinen, abgesehen von meinen Ohren? Doch, doch, also sonst geht es mir gut, sogar sehr gut, eigentlich ganz ausgezeichnet. Nett, dass Sie sich danach erkundigen. Wirklich sehr freundlich von Ihnen. Trotzdem, entschuldigen Sie, aber ich hätte da jetzt doch auch eine Frage: Wer sind Sie überhaupt? Ist mir ja richtig peinlich, aber Ihren Namen habe ich am Anfang vermutlich nicht verstanden und Ihre Stimme ist mir, ehrlich gesagt, völlig unbekannt.

Wer? Tobias? Welcher Tobias? Der kleine Tobi. Aha. Sehr schön. Bloß, dass ich keinen kleinen Tobi kenne. Tobias … Tobi … nein, so leid es mir tut, aber dazu fällt mir wirklich nichts ein, beim besten Willen nicht. Sind Sie sicher, dass Sie die richtige Nummer gewählt haben? Ganz sicher, aha. Hundertprozentig sogar. Trotzdem, da ist nichts, nicht die geringste Vorstellung, nicht die Spur einer Erinnerung, nichts, absolut nichts. Also, das ist mir jetzt schon mehr als nur unangenehm, wissen Sie? Weil das würde ja bedeuten, dass mich nun auch schon mein Gedächtnis im Stich lässt, dabei hat das bis jetzt immer ausgezeichnet funktioniert, wirklich hervorragend, würde ich sogar behaupten, erstklassig, verlässlich wie das Gedächtnis von einem Elefanten, wie man so schön sagt. Schrecklich, wenn das jetzt auch nachlässt, zuerst die Ohren, dann das Hirn, und was kommt als Nächstes? Das macht mir schon Angst, wenn ich ehrlich bin, ganz entsetzlich ist das, und alles nur, weil ich nicht weiß, wer Sie sind, und mit Ihrem Namen nichts anfangen kann, obwohl ich Sie doch offenbar kennen sollte … Aber nein, ein Tobias kommt in meiner Erinnerung einfach nicht vor, auch kein kleiner Tobi, da kann ich nachdenken, so viel ich will.

Was sagen Sie? Mein Neffe? Nein? Ach so, der Sohn von meinem Neffen. Also mein Großneffe, um genau zu sein. Der kleine Tobi mit den entzückenden roten Löckchen, sagen Sie, der Tobias, der schon als Kind immer so krank gewesen ist, der blasse, schwächliche Bub, den ich einmal auf meinen Schoß genommen habe und dem sein Papa gesagt hat, dass ich der beste und liebste Onkel auf der Welt bin, der Superonkel, der einem jeden Wunsch erfüllt und den man immer um Hilfe bitten kann, wenn man in Schwierigkeiten steckt. Ob ich mich jetzt erinnere? Tja, dunkel, sehr dunkel. Irgendwie dämmert’s mir. Muss aber schon lang her sein, eine halbe Ewigkeit seit damals, was? Ich habe ja schon seit Jahrzehnten nichts mehr gehört von meinem Neffen, na ja, jeder lebt sein Leben und so verliert man sich halt aus den Augen, und die Zeit bleibt auch nicht stehen. Kein Wunder, dass ich es vergessen habe, nicht wahr? Völlig normal nach so langer Zeit, stimmt’s? Also doch nicht Alzheimer, da bin ich aber froh, ehrlich, verdammt froh bin ich da. Kein Alzheimer, das ist die Hauptsache.

Sie sind also … du … du bist also – ist doch in Ordnung, wenn ich dich duze, schließlich sind wir ja miteinander verwandt, wenn ich das richtig verstanden habe – du bist also der kleine Tobi, aus dem der große Tobias geworden ist, der sich heute ganz plötzlich einfach so gedacht hat, dass es doch eine nette Idee wäre, einmal seinen lieben, alten Onkel anzurufen und ihn zu fragen, wie es ihm geht. Ja, was sagt man denn dazu? Also ich halte das nicht nur für eine nette Idee von dir, nein, ich finde das sogar ausgesprochen reizend, um nicht zu sagen, hinreißend. Ganz entzückt bin ich davon, wirklich, das darfst du mir ruhig glauben. Weil, unter uns gesagt, so oft kommt es ja nicht mehr vor, dass mich jemand anruft, eigentlich so gut wie überhaupt nicht. So ist das halt, wenn man alt wird, die Menschen um einen herum vergessen einen oder sterben, die Anrufe werden immer weniger und irgendwann klingelt das Telefon dann gar nicht mehr, nun ja, wozu auch, wenn man ohnehin fast nichts mehr hört.

Nein, entschuldige, ich bin doch wirklich unmöglich! Labere dir die Ohren voll mit meinem Altmännergejammere, das niemanden interessiert, am allerwenigsten einen jungen Menschen wie dich, also wirklich, eine Schande ist das. Du hast dir das Gespräch mit deinem Superonkel sicher anders vorgestellt, was? Also sag schon, was kann ich für dich tun?

Wie bitte? Wie’s mir geht? Ich verstehe die Frage nicht. Das haben wir doch gerade eben ausführlich besprochen. Ach so, finanziell meinst du. Ja, finanziell geht’s mir gut, sogar sehr gut, soviel ich weiß, und ich muss es ja wissen, nicht wahr? Wer, wenn nicht ich, oder? Kleiner Scherz zwischendurch, sonst glaubst du noch, dein Onkel würde dauernd nur jammern. Aber jetzt im Ernst, mir geht’s wirklich gut. Kannst Onkel Dagobert zu mir sagen, wenn du verstehst, was ich meine. Also eigentlich möchte ich ja nicht, dass es irgendjemand weiß, aber wenn du mir versprichst, dass es unter uns bleibt, dann verrate ich dir etwas: Es ist immer noch genug da von dem Geld. Irgendwie habe ich sogar das Gefühl, dass es einfach nicht weniger wird, manchmal wundere ich mich selber darüber, aber gut, in meinem Alter braucht man ja auch nicht mehr so viel. Um mich muss man sich also keine Sorgen machen. Nur bitte kein Wort darüber zu irgendwem, ich verlass mich drauf, klar?

Ich bin übrigens grundsätzlich der Meinung, dass das Finanzielle von den Leuten völlig überbewertet wird. Manche reden ja nur noch darüber, als würde das Glück ihres Lebens davon abhängen, dabei gibt es nichts Banaleres als Geld. Ein echtes Armutszeugnis, wenn die Leute keinen anderen Gesprächsstoff mehr haben. Über Geld spricht man nicht, das hat man oder man hat es nicht, basta.

Aber nicht, dass du jetzt glaubst, es wäre mir in den Schoß gefallen, nein, nein, ganz im Gegenteil, ich habe mich dafür ganz schön ins Zeug legen müssen, volles Risiko und so. Und es hätte ja auch schiefgehen können, Köpfchen allein genügt nämlich nicht, da muss schon auch noch das Glück ein bisschen mitspielen, damit es klappt. Aber dann den Erfolg an die große Glocke hängen und mächtig damit angeben, das wäre wohl das Dümmste gewesen, das ich hätte machen können. Wie gesagt, was du hast, geht keinen etwas an, erstens, weil du es sonst schneller wieder los bist, als dir lieb ist, die Konkurrenz schläft nämlich nicht und die Neider lauern an allen Ecken, und zweitens, weil es im Leben eben wichtigere Dinge gibt als Geld.

Hallo? Was? Was ist mit dir und dem Glück? Du hast in deinem Leben bis jetzt noch keins gehabt, habe ich dich richtig verstanden? Ja, das tut mir natürlich leid für dich, sehr, sehr leid tut mir das. Immer noch ständig krank wie damals, als du ein kleiner Bub warst? Der blasse, schwarz gelockte – wie? … Rote Locken hast du gesagt, richtig – also der blasse, rot gelockte Tobi, der auf meinen Knien gesessen ist? Ja? Hab ich mir’s doch gleich gedacht, du hörst dich nämlich gar nicht gut an, weißt du. Deine Stimme klingt so schwach, und jetzt musst du dich auch noch anstrengen und ganz laut mit mir sprechen, damit ich dich verstehen kann, das muss ja schrecklich mühsam für dich sein, entschuldige vielmals. Kann ich dir irgendwie helfen? Brauchst du was? Egal, was es auch ist, sag’s mir bitte.

Wie? Das Einzige, was dir noch helfen kann, ist eine komplizierte Operation, sagt dein Arzt? Also, wenn der das sagt, dann wird es wohl stimmen. Weißt du, ich kenne mich ja in medizinischen Dingen nicht aus, da bin ich für dich leider der absolut falsche Gesprächspartner, ich will auch gar keine Details hören, schon gar nicht über solche Sachen wie Organtransplantationen, nein, bitte verschone mich damit, so was ist mir immer irgendwie unheimlich, wenn ich ehrlich bin, obwohl es ja heißt, dass sie unglaubliche Fortschritte machen in der Medizin, speziell in der Chirurgie, jeden Tag ein neues Wunder, was man so mitkriegt. Also wenn du unbedingt meine völlig unmaßgebliche Meinung dazu hören willst, dann kann ich dir nur raten, ab auf den Operationstisch und viel Glück.

Ich verstehe, das ist natürlich unangenehm. Was heißt unangenehm, schlimm ist das, eine Frechheit, eigentlich ein Skandal! Da gibt es eine Operation, die dich retten könnte, aber nur, wenn du sie selber bezahlst, und wenn du das Geld nicht aufbringen kannst, Pech gehabt, unglaublich ist das, wirklich unfassbar! Geld, Geld, Geld, um nichts anderes geht es, da sieht man wieder, wie weit es mit der Menschheit schon gekommen ist. Ich kann nur wiederholen, die Leute wissen einfach nicht mehr, dass es im Leben wichtigere Dinge gibt als Geld. Es ist wirklich zum Verzweifeln. Um welche Summe dreht es sich denn überhaupt? So eine Operation kann doch nicht die Welt kosten.

So viel! Damit habe ich jetzt allerdings nicht gerechnet, das ist ja ein Irrsinn. Mein Gott, diese Ärzte, was für ein geldgieriges Pack! Von wegen Menschlichkeit und Nächstenliebe, dass ich nicht lache. Wissen genau, dass wir von ihnen abhängig sind, und das nutzen sie schamlos aus. Was für ein Glück, dass ich keinen Doktor nötig habe, hin und wieder zum Zahnarzt, ja, aber sonst gesund und fit wie ein Jüngling, jeden Tag fünf Kilometer laufen, Hanteltraining und eine Stunde am Sandsack zahlen sich halt doch aus, und das bisschen Schwerhörigkeit, was soll’s. Ich hoffe nur, dass ich eines Tages einfach tot umfalle, und zwar ohne dass ich vorher gezwungen bin, mein Geld jahrelang irgendwelchen Medizinmännern in den Rachen zu schmeißen. Keinen Cent vergönne ich dieser Saubande, keinen einzigen Cent.

Ist ja gut, jetzt beruhige dich wieder, ich hab schon verstanden, dass ich deine letzte Hoffnung bin, du musst es mir nicht noch hundertmal erklären. Lass dich operieren, um alles andere kümmere ich mich, die sollen mir einfach die Rechnung schicken, in Ordnung?

Nein, das glaube ich jetzt nicht. Vor der Operation bar auf die Hand? Das ist ja wie bei der Mafia! Die reinsten Erpressermethoden sind das, unfassbar, Korruption, wohin man schaut, Zustände wie in einem drittklassigen Gangsterfilm – und unsereins ist dagegen völlig machtlos. Am liebsten würde ich diese Verbrecher anzeigen, damit ihnen die Polizei ihr dreckiges Handwerk ein für alle Mal legt. Besser nicht, meinst du? Verstehe, es geht schließlich um dein Leben. Also gut, wenn die das so von dir verlangen, kriegst du natürlich Bargeld von mir, abgezählt und in kleinen, gebrauchten Scheinen, wie gewünscht, alles klar. Da wird ein schöner Haufen dicker Geldbündel zusammenkommen, kann ich dir sagen, also bring eine Einkaufstüte mit oder noch besser einen Koffer. Bar auf die Hand, wirklich, ich fasse es nicht.

Selbstverständlich geschenkt. Dass du es mir nie zurückzahlen können wirst, weiß ich doch, bin ja nicht blöd. Hauptsache, du wirst gesund, dann ist das Geld wenigstens für etwas gut, würde sonst ohnehin nur irgendwann verschimmeln. Ja, verschimmeln, du hast schon richtig gehört. Machen wir uns nichts vor, keiner ist unsterblich, viel Zeit bleibt mir höchstwahrscheinlich auch nicht mehr und dann verfaulen wir alle beide in der Erde, ich und mein Geld.

Nein, natürlich nicht auf der Bank, ich bin doch nicht verrückt! Keine zehn Pferde bringen mich in eine Bank, dreimal und nie wieder, vorbei ist vorbei, man muss wissen, wann Schluss ist, weißt du. Nur weil es ein paar Mal gut gegangen ist, darf man nicht glauben, es würde so weitergehen. Niemand hat immer Glück, das ist ein Naturgesetz, aber die meisten vergessen das und dann schauen sie dumm aus der Wäsche, wenn das Glück nicht mehr mitspielt und die Handschellen klicken, oder wenn’s sogar Tote gibt. Nicht mit mir, Banken sind für mich absolut tabu, um die mache ich einen ganz großen Bogen. Viel zu großes Risiko, du weißt ja nie, wann etwas passiert, stehst nichts ahnend am Schalter, willst einen Hunderter von deinem Konto abheben und plötzlich schreit einer „Überfall!“ und hält dir eine Pistole an den Kopf oder ballert gleich wie blöd in der Gegend herum. Hat ja nicht jeder so gute Nerven wie ich, um die Geschichte ruhig, elegant und ohne Blutvergießen durchzuziehen, und dann kannst du nur noch beten, dass du heil aus der Sache herauskommst. Gute Nerven sind nämlich das Wichtigste bei einem Überfall, ich weiß, wovon ich rede, gute Nerven und jede Menge Geduld, weil es nämlich darauf ankommt, dass du in aller Ruhe den richtigen Zeitpunkt abpasst, gerade keine Kunden in der Schalterhalle, kein Auto, das dein Fluchtfahrzeug blockiert – aber wozu erzähle ich dir das eigentlich, damit kannst du ohnehin nichts anfangen. Fakt ist, mit Banken will ich nichts mehr zu tun haben und auf die lächerlichen Zinsen pfeife ich. Geschenkt, aber mit Handkuss!

Für dich ist das übrigens auch besser so. Kannst froh sein, dass mein Geld nicht auf der Bank liegt, sonst gäb’s jetzt nämlich eine Menge Probleme, jede Wette. Bitte, Fritz, überleg doch einmal – was? Habe ich wirklich Fritz gesagt? Wie komme ich jetzt auf Fritz, ausgerechnet auf Fritz? – Also, bitte, Toni … Tobi, überleg doch einmal, wie das wäre, wenn ich jetzt das Geld für dich von meinem Konto abheben müsste. Diese Bankmenschen schöpfen doch gleich Verdacht bei so einer großen Summe, stellen lauter blöde Fragen: Wieso auf einmal so viel, wozu, für wen, sind Sie sicher, dass das wirklich Ihr Neffe ist? Stimmt das denn überhaupt, was er Ihnen über diese dringende Operation erzählt hat, wollen Sie es sich nicht noch einmal überlegen? Die müssen das fragen, weißt du, und wenn sie dann endlich mit dem Geld herausrücken, taucht plötzlich einer auf und schreit „Überfall!“ und hält mir eine Pistole an den Kopf, der Teufel schläft nämlich nicht. Also nein, das ist mir alles viel zu riskant, verlass dich lieber auf mich, ich weiß schon, was ich tue.

Außerdem schließen die Banken in zehn Minuten und dann kommt das Wochenende, das heißt, du hättest bis Montag auf dein Geld warten müssen. Je eher, desto besser, am besten noch heute Abend, finde ich. Könnte ja sonst sein, dass dein Superonkel in der Zwischenzeit darauf vergisst, falls er doch Alzheimer hat. Kleiner Scherz zwischendurch, Spaß muss sein, nicht wahr? Nein, nein, ich vergesse schon nichts, wäre ja schlimm, wenn ich zum Beispiel vergessen hätte, wo ich mein Geld vergraben habe. Dann hättest du mich jetzt ganz umsonst angerufen, so eine Enttäuschung kann ich dir doch nicht antun. Ich werde mich auch gleich auf den Weg machen und das Geld holen, versprochen.

Aber wenn ich es mir recht überlege, fände ich es eigentlich besser, wenn du mitkommen würdest, damit außer mir noch jemand das Versteck kennt, jemand, dem ich vertrauen kann, dass er mich nicht übers Ohr haut, eben genau so jemand wie du, mit dem ich mein Geheimnis und mein Geld liebend gern teile, weil so bleibt es schließlich in der Familie, und das wäre schon irgendwie beruhigend für mich, immerhin kann man ja nie wissen, ob ich nicht tatsächlich irgendwann verblöde, und dann wäre es doch schade um die vielen schönen Scheinchen, wirklich jammerschade.

Das Versteck im Wald ist nicht leicht zu finden, weißt du. Wer nicht Bescheid weiß, kommt gar nicht auf die Idee, dass da zwischen den alten Fichten ein Haufen Geld vergraben ist. Nicht einmal die Polizisten mit ihren Schnüffelhunden haben es gefunden, obwohl sie einmal schon ganz nah dran gewesen sind. Haben schließlich aufgegeben. Dein Superonkel ist nämlich ein richtig schlaues Kerlchen, na ja, du wirst es ja bald selber sehen. Man muss auch gar nicht weit gehen, zwanzig, höchsten fünfundzwanzig Minuten durch den Wald, ganz gemütlich, keine Angst, du schaffst das locker trotz deiner Krankheit, davon bin ich überzeugt, wahrscheinlich wirst du sogar vergessen, dass du krank bist, die frische Luft wird dir guttun und auf einmal wirst du dich so großartig fühlen wie schon lange nicht. Und dann diese Ruhe, weit und breit kein Mensch zu sehen, herrlich, sage ich dir, du wirst staunen.

Das letzte Mal, als mir dort jemand über den Weg gelaufen ist, das ist schon zwei Jahre her, nein, dass ich nicht lüge, drei Jahre, genau, drei Jahre ist das her. Auf einmal ist er zwischen den Bäumen aufgetaucht, ich bin unglaublich erschrocken. Einer von der Kripo, habe ich gedacht, die suchen also in Wirklichkeit immer noch oder schon wieder, und ich Idiot stehe jetzt da, mitten im Wald und mit einem Spaten in der Hand, na großartig, das war’s dann wohl. Verflucht blöde Situation, da bist du wie gelähmt, nicht einmal eine halbwegs gescheite Ausrede fällt dir ein, weil dass man einen Spaten braucht, um Pilze zu suchen oder Beeren zu pflücken, das glaubt dir ja nun wohl wirklich keiner.

Erst als der Mann direkt vor mir gestanden ist und mir ins Gesicht gegrinst hat, habe ich ihn erkannt. Es war nämlich gar kein Polizist, sondern mein alter Kumpel Fritz. Das ist der, von dem ich seinerzeit die Tipps für die drei Banken bekommen habe. Erstklassige Tipps, keine Frage, und ich habe ihm dafür auch jedes Mal die Hälfte von der Beute abgegeben, faire Geschäfte, gute Freunde, sag ich nämlich immer. Jeder soll kriegen, was ihm zusteht, und mit fünfzig Prozent war der Fritz nun wirklich mehr als gut bedient, finde ich.

Ich war wirklich fest davon überzeugt, damit wäre alles klar zwischen ihm und mir und ich sehe ihn nie wieder, so war es nämlich ausgemacht, kein Kontakt mehr, damit wir nur ja nicht die Aufmerksamkeit der Polizei auf uns lenken. Aber was macht der Wahnsinnige? Lauert mir im Wald auf und verlangt allen Ernstes, ich solle ihm zeigen, wo ich das Geld versteckt habe, weil er noch mehr davon haben will.

Wie er das mit dem Wald herausgefunden hat, weiß ich nicht, hat mich in diesem Moment auch gar nicht interessiert, ich war nämlich einfach nur sauer. Zuerst der Schreck, den er mir eingejagt hat, dann seine Drohung, dass er ausnahmsweise ja auch einmal der Polizei einen Tipp geben könnte, wenn ich nicht das machen würde, was er von mir verlangt, und dazu sein unverschämtes Grinsen, das alles hat mich derart wütend gemacht, da habe ich gar nicht lange überlegt, sondern einfach in einer Art Reflex – also, was soll ich lange drum herumreden – ich habe ihn erschlagen. Halb geköpft, um genau zu sein, mit einem einzigen Spatenhieb auf seinen Hals, so schräg von der Seite, verstehst du, mit dem Spaten weit ausgeholt und dann zack! mit der Kante, sozusagen wie mit einem Schwert. Ganz leicht geht das, ich war selber erstaunt, wie scharf so ein Spaten ist, gut, war auch ziemlich teuer, um den Preis darf man dann schon eine erstklassige Qualität erwarten.

War allerdings kein schöner Anblick, wie der Fritz dann vor mir gelegen ist, der fast abgetrennte Kopf, das viele Blut und dieses krampfhafte Zucken, sein ganzer Körper hat gezuckt, pausenlos nur gezuckt und gezuckt, du kannst dir das sicher vorstellen. Scheußlich, wirklich scheußlich, ich habe gar nicht richtig hinschauen können und es hat ewig gedauert, bis er aufgehört hat mit dem Zucken. Gesagt hat er allerdings nichts mehr, keinen einzigen Ton hat er von sich gegeben, nicht einmal geröchelt hat er.

Hinterher hat es mir auch ziemlich leidgetan, völlig überzogene Reaktion, habe ich gedacht, absolut unnötig und übertrieben. Aber so bin ich nun einmal: Wenn man mich über den Tisch ziehen will, raste ich aus. Normalerweise gibt’s nur ein paar Ohrfeigen oder Faustschläge auf die Nase und dann ist es auch schon wieder vorbei, aber dieses Mal habe ich halt blöderweise gerade den Spaten in der Hand gehabt und das war natürlich ein ausgesprochenes Pech für Fritz, dumm gelaufen, richtig dumm gelaufen.

Ich habe ihn gleich an Ort und Stelle vergraben und dabei war der Spaten dann doch wieder äußerst nützlich. Der Platz ist nur ein paar Meter vom Geldversteck entfernt. Da liegt er gut, habe ich gedacht, weil wo man das Geld nicht entdeckt, findet man die Leiche auch nicht. Aber, soviel ich weiß, hat man den Fritz überhaupt nicht gesucht, obwohl ihn seine Frau gleich bei der Polizei als abgängig gemeldet hat. Und seither hält sich aus irgendeinem Grund hartnäckig das Gerücht, dass er bei Nacht und Nebel abgehauen ist und unter falschem Namen im Ausland lebt. Wenn man seine Frau kennt, kann man sich das gut vorstellen, heißt es.

Was mir inzwischen allerdings ein bisschen Sorge macht, das ist der Geruch. Die Leiche liegt zwar fast zwei Meter tief im Waldboden und lange Zeit war wirklich nichts zu bemerken, irgendwas hat wohl die Zersetzung des Körpers verzögert oder die Erdschicht war dick genug, um keinen Geruch durchzulassen, was weiß ich, aber als ich neulich dort gewesen bin, ist es mir so vorgekommen, als würde nun doch ein leichter Verwesungsgestank in der Luft liegen. Ich kann mich natürlich täuschen, jedoch allein die Vorstellung, dass zum Beispiel der Hund eines Försters Witterung aufnimmt, losdüst, die Stelle findet, wie verrückt zu buddeln anfängt und damit eine Riesenpolizeiaktion auslöst, bei der sie dann die ganze Gegend umgraben und natürlich nicht nur die Leiche entdecken, sondern auch mein Geld, also allein diese Vorstellung bereitet mir seit Wochen schlaflose Nächte.

Ja, mein Lieber, das ist eben der feine Unterschied zwischen einem Bankraub und einem Mord: Geld stinkt nicht, ein Toter schon. Kleiner Scherz zwischendurch, das kennst du ja nun schon. Immer für einen Spaß zu haben, dein Superonkel, nicht wahr?

Gut, um auf den Punkt zu kommen, ich fürchte, das mit der Leiche könnte ein Problem werden, und deshalb musst du mir jetzt helfen, dieses Problem zu beseitigen. Das ist wirklich das Einzige, worum ich dich bitte, sozusagen als kleine Gegenleistung für eine große Menge Geld, in Ordnung? Wird auch ganz leicht, du wirst sehen. Wenn wir uns bei der Arbeit abwechseln, haben wir den Fritz in einer halben Stunde ausgegraben, dann teilen wir seine Überreste in ein paar Plastiksäcke auf und die lassen wir später im Moor hinter dem Wald verschwinden, fertig. Alles klar? Also, für den Haufen Geld, den du von mir geschenkt bekommst, würde ich zehn Leichen entsorgen, wenn ich du wäre.

Denk dran, in ein paar Stunden hast du’s überstanden und kannst deine Sorgen vergessen. Und ich leg sogar noch was drauf, ist schließlich mehr als genug da, wie gesagt, der Fritz hat sich ja nichts mehr unter den Nagel reißen können. Also ich schlage vor, noch einmal dieselbe Summe für deine kleine, kranke Schwester, die ist nämlich bestimmt die Nächste, die eine teure Operation braucht, und sag jetzt bloß nicht, dass du keine kleine, kranke Schwester hast, natürlich hast du eine kleine, kranke Schwester, einer wie du hat immer eine kleine, kranke Schwester, also lüg mich nicht an, sonst werde ich richtig sauer, und was passiert, wenn ich richtig sauer werde, weißt du ja.

Jetzt bist du sprachlos, was? So eine Großzügigkeit hättest du dir von mir nicht erwartet, wie? Ja, dein Superonkel hat halt ein gutes Herz, und wenn man ihn nett bittet, kann man alles von ihm haben. Ist eine Schwäche von mir, ich weiß. Ist aber auch die einzige, abgesehen von meinen schlechten Ohren. Die hindern mich nämlich nicht daran zu erkennen, ob es jemand ehrlich meint oder mich für dumm verkaufen will, bloß weil ich alt bin. Aber bei dir habe ich ein richtig gutes Gefühl, bist ein anständiger Kerl, dein Vater kann stolz auf dich sein. Und die Geschichte mit dem toten Fritz wirst du mir nichts, dir nichts verkraften, jede Wette. Gut, der Geruch wird dir vielleicht noch eine Zeit lang in der Nase bleiben, aber sonst wird dich bald nichts mehr an ihn erinnern.

Fein, dann haben wir ja alles besprochen und es kann losgehen. Ich schlage vor, wir treffen uns, sagen wir, in eineinhalb Stunden, du bringst ein paar Plastiksäcke mit und einen Koffer für dein Geld und ich werde meine Taschenlampe aus dem Keller holen. Und natürlich den Spaten. Der Spaten ist wichtig. Ohne den Spaten geht gar nichts.

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22 aralık 2023
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