Kitabı oku: «Künstlerkolonie Wilmersdorf»

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ebook im be.bra verlag, 2016


© der Originalausgabe:

be.bra verlag GmbH

Berlin-Brandenburg, 2016

KulturBrauerei Haus 2

Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin

post@bebraverlag.de

Lektorat: Ingrid Kirschey-Feix, Berlin

Umschlag und Titelfoto: Manja Hellpap, Berlin

ISBN 978-3-8393-0132-6 (epub)

ISBN 978-3-89809-128-2 (print)


www.bebraverlag.de

Prolog

Im April 1993 gab es in Nordostdeutschland einen dramatischen Wetterumschwung. Am 19. noch treibender Regen mit Temperaturen um knapp fünf Grad, in den Tagen danach ein kalter Sonne-Wolken-Mix mit Sturmböen, brach am 22. April urplötzlich die Hitze aus.

Ich hatte einen Auftritt in Dresden, und die paar Zuschauer, die in das kleine Theater gekommen waren, die Leitung des Hauses, wir alle saßen schon in der Pause euphorisiert im Innenhof und nach der Vorstellung bis ins Morgengrauen noch draußen. Sommer war plötzlich da, unerwartet, unangekündigt.

In dieser Nacht starb meine Mutter. Ein alter Mensch erträgt solche Umschwünge schwer. Ich hatte mehrere Anrufe von ihrer Zugehfrau auf meinem – damals noch illegal installierten – Anrufbeantworter: Sie teilte mir erst zögernd und dann sehr klar mit, sie habe die Mutter am frühen Morgen in ihrer West-Berliner Wohnung tot vorgefunden. Eine Woche später hatte ich den Blick halbwegs frei, um mir die Wohnung, in der die Mutter gestorben war, mit ein wenig Distanz anzuschauen. Es war auch die Wohnung meiner Kindheit. Meine Familie lebte dort seit 1956. Ich war fünfzehn Jahre später weggezogen und dann nur noch zu Besuch gekommen – Ausnahme ein halbes Jahr, in dem ich als junger Tyrann am Herd meiner Eltern eine Doktorarbeit zu Ende schrieb.

Jetzt waren die viereinhalb Zimmer von Menschen leer. Von Möbeln, Büchern, Gerätschaften, Kleidern, Bildern natürlich randvoll. Von den Erinnerungen sowieso.

Und das muss jetzt alles geräumt, weg, aufgelöst werden, verschwinden, so mein erster Gedanke.

Dann setzte bald eine Abwiegelung ein – Erbgeld war vorhanden und das bedeutete Zeit, um diese schwere Entscheidung wenigstens zu teilen und noch hinauszuschieben. Kündigen oder behalten? Das erst gemeinsam mit meiner Lebenspartnerin nach ein paar Monaten zu entscheiden und solange alles so zu belassen, wie es war, dieser Entschluss setzte sich allmählich durch.

Vielleicht ein wenig die Tagebücher der Eltern sichten. Jetzt, wo der Sommer kam. Die Wohnung in aller Ruhe ausleeren und renovieren …

… in den hellen Monaten, in denen die Trauer sich allmählich wieder mit Freude mischen würde.

Ich weiß sehr genau, als ich die Wohnung verließ am 28. April 1993, sprang ich zum ersten Mal wieder wie als Kind die Treppenstufen runter, drei auf einmal zum dritten Stock, vier zum zweiten und sieben von den zehn Stufen am Ende, zum Erdgeschoss hin. Dass es so richtig knallte! Als ich danach am Südwestkorso an der Bushaltestelle stand – die Linden blühten, die das ganze Viertel begrünen, ein paar Jugendliche kickten eine defekte Fahrradklingel übern Asphalt und alte Frauen schauten ihnen missbilligend nach – da dachte ich: Diese Künstlerkolonie hier, dieses Tortenstück aus drei Wohnblöcken und einem grünen Platz, das ist eigentlich die spießigste Ecke Berlins. Hier herrscht der typische Leerlauf des kleinbürgerlichen Westens, hier liegt das zugleich freundlichste und langweiligste Areal, das ich mir vorstellen kann.


Der Ludwig-Barnay-Platz hieß bis 1963 Laubenheimer Platz


Den Begriff gated community kannte ich damals noch nicht, aber ich dachte: An den drei Einfallswegen müssten jetzt eigentlich auch drei Wächter stehen, an der Laubenheimer, der Bonner und der Kreuznacher Straße.

Und die müssten die drei Ende der zwanziger Jahre gebauten Wohnblocks ordentlich bewachen. Mit ihren Säulenheiligen vergangener Jahrzehnte. Mit ihren Legenden vergangener politischer Kämpfe. Mit ihren Weinreben an den Hauswänden, die alles so beschaulich wuchernd ausschauen lassen.

Und sie müssten aussieben, wer hier überhaupt rein darf. In das lebende Museum. Auf den Laubenheimer Platz meiner Kindheit zum Beispiel – diese mit fünf Gingko-Bäumen, Blumenrabatten, geschorenem Rasen, einem spärlichen Kinderspielplatz und betonierten Tischtennisplatten ausgestattete, 1963 in Ludwig-Barnay-Platz umbenannte Freizeitgrünanlage in der Koloniemitte.

Die Wächter müssten den alten Frieden bewachen, von dem diese Stadt doch sonst eigentlich gar nichts mehr übrig hat seit dem Einschnitt vom Herbst ’89, vielleicht nur noch hier – diesen falschen Frieden.

So dachte ich und empfand zugleich ein tief eingelagertes Heimatgefühl, war selbst ein Teil dieser scheinbaren Harmonie, über die ich spottete, abtrünnig vielleicht, aber doch hier verankert und nirgendwo sonst so zu Hause, ob ich es wollte oder nicht.

Und dass der Bus, obwohl er gerade erst am Breitenbachplatz um die Ecke eingesetzt hatte, zwei Minuten zu früh die Haltestelle anfuhr, registrierte ich mit dem gelangweilten Blick eines Ureinwohners, der normalerweise genau dann aus dem Schatten tritt, wenn der Bus vor ihm hält.

Mittlerweile wächst übrigens auf dem Ludwig-Barnay-Platz schon lange das Gras, ungehindert von menschlichem Ordnungssinn. Das Bezirksamt Wilmersdorf-Charlottenburg hat so wenig Etat für die Parkpflege übrig wie alle anderen Kommunen im Land, und den Anwohnern ist ihr Platz bisher eine Eigeninitiative nicht wert gewesen. Die schmucken, in die Rasenfläche eingelassenen Feldsteine sind in feuchten Sommern so überwuchert, dass man über sie stolpern kann beim Schlendern durch das Grün, und wenn man dann fällt, landet man in einer von Kinderpisse und Hundekot getränkten Wiesenseligkeit, die einen vieles vergessen lässt. Ob man das mag oder nicht. Eine Wiesenseligkeit, durch die manchmal Bälle segeln, die man nicht fangen muss als Sonnenbader, die man ziehen lassen kann wie die Zugvögel. Wie die gebratenen Tauben aus dem Schlaraffenland.

Man liegt in der Wiese und hört die Koloratursängerinnen üben aus ihren offenen Fenstern rund um den Platz, wie schon seit Jahrzehnten.

Wenn der Abend kommt, kann man den angenehmen Kifferdampf einatmen von Oberschülerpulks, die sich um die Bänke am ehemaligen Rosenbeet knäulen.

In dem nun das Gras wächst, das immer wächst.

Zum guten Ton der Bewohner heutiger Zeit gehört es übrigens, sich gegenseitig einzuschwören auf die fehlende Parkpflege mit solchen Sätzen wie: »Ist doch viel echter als all die blöden Rabatten. Hier zeigt die Natur jetzt mal ordentlich, was sie drauf hat …«

Und das, statt hemdsärmeliger Eigeninitiative, macht mir die Gegend sympathisch. Das ist für mich Zuhause.

Und einer Künstlerkolonie auch irgendwie würdig, finde ich.


Wir haben die Wohnung also seinerzeit behalten. 1994 zogen wir aus Kreuzberg dorthin. Mit vierundvierzig kam ich zurück als Familienmensch und brachte meine zehn Jahre jüngere Frau Kristjane und Max, unseren damals Fünfjährigen mit. Meine paar Wanderjahre waren vorbei. Ich kehrte heim in den Schoß meines Kiezes. In die Hut der Küko.

Jetzt werde ich davon erzählen. Von Kindheit, Wohnen und Altern. Was nicht ganz so einfach ist mit dem Blick tief da drin – so wenig distanziert, so unweise, was die Wege der weiten Welt ringsum betrifft.

So als ein Eingeborener, der zwar in dieser Welt ein wenig herumgekommen ist, aber ja eigentlich nüscht anderet kennt als seinen Kiez.

Geschichte der Gartenstadt

Von den Wilmersdorfer und Schöneberger Millionenbauern hörten wir als Kinder im Heimatkundeunterricht: Hart schuftende Märker, denen am Ende des 19. Jahrhunderts das expandierende Berlin auf die Pelle rückte, sodass ihr karges Land plötzlich Unsummen wert war, die sie durch Verkauf von einem Tag zum anderen erzielten, oft ohne zu ahnen, was ihnen geschah, sich davon Villen bauen ließen, in die manche von ihnen nur barfuß und durch den Hintereingang schlichen, weil sie den Reichtum und den Besitz mit ihrem Stand und mit sich selbst als ganz unvereinbar empfanden.

Das war zur Jahrhundertwende. Wie es der nachfolgenden Generation von Bauern erging, die ja am Rand der Großstadt, der neuen Jugendstil-Siedlungen von Schöneberg, Steglitz, Charlottenburg und Wilmersdorf weiterwurstelte, Felder und Obstplantagen bestellte, das ist im Unterricht nicht besprochen worden. Sicher spekulierten sie auf den Verkauf, vielleicht hatten sie mit den Erschließungsgesellschaften schon Vorverträge geschlossen. Jedenfalls dauerte es noch gut zwanzig Jahre, bis der von dem Stadtinvestor und Architekten Georg Haberland am Reißtisch entworfene Südwestkorso, anfangs eine Mischung aus Straße und Reitweg, der vom Bundesplatz bis zum Breitenbachplatz führt, vollständig bebaut wurde. Bis 1910 endete Haberlands großbürgerliches Rheingau-Viertel an der Laubacher Straße, der Korso führte weiter durch Ackerland, quasi ein Vorbote der Urbanität, bis zu der ebenfalls schon fertiggestellten U-Bahn-Station am Breitenbachplatz. Bauernschaft links und rechts davon.

Mitte der zwanziger Jahre erst setzte sich die Westbewegung der Stadt fort. Eine »Gartenstadt am Südwestkorso« entstand, nach den Entwürfen eines Architekten namens Jean Krämer gebaut. Jetzt waren Wohnungsbaugenossenschaften die Geldgeber und die Häuserblocks gerieten um einiges schlichter als in der Vorkriegszeit. »Fünfgeschossige Putzbauten mit Walmdächern, die in Blockrandbebauung ausgeführt sind«, so beschreibt es nüchtern ein architektonischer Text. Mehr als zehn solcher Blocks wurden geplant zwischen Laubacher Straße und Breitenbachplatz. Wie viele von ihnen bis zum Zweiten Weltkrieg überhaupt fertiggestellt worden sind, darüber scheint man sich uneins zu sein.

Spätestens 1953 jedenfalls war das ganze Ensemble zu Ende gebaut, einheitlich im Stil, ockerfarben gestrichen – nur die Baumaterialien waren in der Nachkriegszeit schlechter geworden, was man den neueren Häuserblocks bis heute ansieht.

Seit 1990 steht alles unter Denkmalsschutz.

Am nordwestlichen Ende der Gesamtanlage machen drei dieser Blöcke die Künstlerkolonie aus. In ihrer Mitte der Laubenheimer Platz, in den Sechzigern umbenannt nach dem Schauspieler Ludwig Barnay.

Waren die anderen Bauteile finanziert von einer Heimat Gemeinnützige Bau- und Siedlungs AG, fungierten für die drei Kolonieblöcke die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger (GDBA) und der Schutzverband deutscher Schriftsteller als Geldgeber. Ludwig Barnay war im 19. Jahrhundert einer der Gründer der GDBA gewesen, einer sehr wohlhabenden Ständegewerkschaft übrigens – während die Schriftstellervertretung in den zwanziger Jahren, genauso wie heute, eher knapp bei Kasse war und sich deshalb bescheiden mit einem knappen Viertel an den Kosten beteiligte.

Ursprünglich war noch ein vierter KüKo-Block geplant, der Bau wurde aufgeschoben und von den NS-Kulturverantwortlichen dann unterbunden. Die Architekten Ernst und Günther Paulus waren angehalten, kostengünstig in solider Qualität Wohnraum für wenig Begüterte zu schaffen, wobei der Anteil von Alleinstehenden berufsbedingt höher lag als üblicherweise, was die vielen Anderthalb-Zimmer-Wohnungen erklärt. Die Brüder Paulus hatten – da stimmen die meisten Bewohner zu – eine glückliche Hand für den Zuschnitt von Räumen, diese wirken durchweg größer als die Quadratmeterzahl nachweist. Weniger gelungen sind die Maße bei Küche und Bad – das Konzept Wohnküche galt damals vielleicht als großbürgerlich-spleenig, und man hat vermutlich künstlerisch Tätige sowieso mehr in der Innenstadt während der Arbeit oder daran anschließend sich verköstigen gesehen.

1927–1930 war sicher auch für die kleinbürgerliche Klientel, die in die neuen Blocks rundherum einzog, eine harte Zeit mit Arbeitslosigkeit und Unsicherheit. Aber das Künstlervolk, das sich jetzt hier niederließ, brachte wohl die geballteste wirtschaftliche Not nach West-Wilmersdorf. Hungerburg oder Rote Tintenburg waren sofort die Spottnamen für die Kolonie. Der Anteil der Mietschuldner soll von Anfang an überdurchschnittlich hoch gewesen sein. Bei der Grundsteinlegung – der GDBA-Vorsitzende Erich Rickelt spatete den Grundstein in die Erde – hatte es noch geheißen: »Aus dem Nichts schafft ihr das Wort, und ihr tragt’s lebendig fort, dieses Haus ist euch geweiht, euch, ihr Schöpfer unsrer Zeit«. Aber bald lag zutage, dass hier nicht nur überwiegend Arme, sondern auch ziemlich Unbequeme und die Verwaltung Nervende eingezogen waren.

Die große Menge von – später! – Prominenten, die seit Ende der Zwanziger in den drei Küko-Blocks lebte, ist gut dokumentiert, es gibt einen Künstlerkolonie e. V., der eine komplexe Netzseite unterhält und weitertreibt, auf der man in die geschichtlichen Erlebnisräume eintauchen kann, wenn man Zeit und ein wenig Fantasie dazu mitbringt. Ganz allgemein kann gelten: Überwiegend Linke lebten in den Umsturzzeiten zwischen Südwestkorso und Breitenbachplatz, und überwiegend NS-Anhänger gegenüber in den sogenannten Postblocks auf Steglitzer Terrain. Angeblich waren dort in der Markel- und Treitschkestraße die Häuser anfangs hauptsächlich für Postbeamte und -angestellte gebaut worden. Dort und im älteren Jugendstil-Gebiet Friedenaus empfand man deutsch-national – zunehmend in der Krisenzeit um 1930. Und je mehr die rechtsstaatlichen Reste der Weimarer Republik sich auflösten, schließlich ganz ungebremst nach der Machtübernahme der NSDAP, desto häufiger wurden die Roten und Juden beim Nachhauseweg vom U-Bahnhof Breitenbachplatz von den Braunen angepöbelt, überfallen, attackiert. Die Schauspieler/innen und Schriftsteller/innen bildeten Schutztrupps für die Anreisenden des Nachts, und es kam immer wieder zu Pöbelei, Straßenschlachten und übler Gewalt. Die Polizei hielt sich raus, die städtische Wohnungsverwaltung GEHAG erklärte sich für unzuständig, die Behörden stellten sich taub. Selbst, als es zu SA-Überfällen von einzelnen Wohnungen kam, in denen angeblich Kommunisten lebten.

Wiederholung und Gewöhnung sind die Sedativa, die das Unrecht braucht, um Alltag sein zu können. In der Nazizeit gingen die Küko-Blocks besitzmäßig über in eine sogenannte Josef Goebbels-Stiftung. Natürlich lebten weiterhin überwiegend Künstler mit ihren Familien in den Wohnungen, wenn auch keine Linken mehr, höchstens still verborgene. Der Rest war emigriert – und in zahlreichen Biografien wird die Küko später erwähnt sein, erinnert werden und bei der historischen Auswertung der Emigrantenschicksale deutscher Intellektueller während der NS-Zeit einmal eine Rolle spielen.


Die Blocks der Küko um den Ludwig-Barnay-Platz


Nach Ende des 1000-jährigen Spuks jedenfalls gingen die drei Wohnblocks in den Besitz der senatseigenen GEHAG über, die jetzt die ganze Gartenstadt am Südwestkorso übernahm. Einige der Vertriebenen kehrten zurück, manche auf Dauer, andere als Zwischenspurt in ihren Wanderer-Karrieren, die ein erfülltes Schauspielerleben oft prägen. Sie kehrten zurück in ein Stück Heimat, das zwar nicht mit Wohnungsbesitz verbunden war, aber doch mit ein wenig Sicherheit auf den Zugriff, denn die GDBA behielt der GEHAG gegenüber das Belegungsrecht für die Wohnungen.


Der Ludwig-Barnay-Platz, 1936


Daran änderte sich auch nichts, als der Senat 1994 beschloss, die drei Blöcke zu veräußern. Das war übrigens widerrechtlich, denn kurz vorher hatte man im Abgeordnetenhaus beschlossen, Wohnungen aus Senatsbesitz, die veräußert werden sollten, immer erst den Mietern als Eigentum anzubieten. Hier aber wurde ein ganzes Paket Immobilien vom SPD-Senat direkt an die (SPD- und gewerkschaftsnahe) Veba rübergereicht, und man erfuhr noch nicht einmal, zu welchem Preis.

Damals waren wir gerade wieder zugezogen und gerieten mit den anderen Mietern in empörte, wild spekulierende Versammlungen, in denen unter anderem die Gründung einer Künstler-Wohngenossenschaft zum gemeinsamen Immobilienerwerb erwogen wurde – was allerdings den Interessen der GDBA ganz entgegenstand. Denn die behielt auch bei den folgenden, fast zweijährlich stattfindenden Weiterverkäufen des Wohnungsbestands ihr Belegungsrecht, das sie bis heute innehat. Zum Glück, denn eine Umwidmung in Wohneigentum ist so bis auf Weiteres ausgeschlossen und macht die Küko-Blöcke immer noch fast immun gegenüber der wachsenden Immobilien-Spekulation.

Ich klopfe beim Schreiben auf Holz …

Wohnungseigentümerin ist seit mehreren Jahren die Deutsche Annington, eine Vermieterin mit einem weniger guten Ruf. Ich stimme in die Schelte hier nicht mit ein, aber es gibt Mitmieter, die gute Gründe dafür haben.

Nach dem Rückzug des Senats, in zwei Jahrzehnten, in denen auch viele unkünstlerisch tätige Mieter zugezogen waren, weil das Interesse, hier im Vorort zu leben, klein war, sah es in der Küko immer mehr nach Verfall und Stagnation aus. Sieht man die Blöcke jetzt, im Frühjahr 2016, so ist einmal nach außen hin alles wieder ordentlich renoviert, korrekt in den vom Denkmalsschutz vorgeschriebenen Farben, die Weinranken am Mauerwerk sind beseitigt, sogar Fahrradständer im Hof sind endlich angebracht und die Nachfrage nach erschwinglichem Wohnraum in einer Gegend, die noch nicht von Starbucks und Inside-Galleries zugerichtet ist, nimmt wieder zu.

Die Schilder an den Hauseingängen und die Stolpersteine erinnern an bewegtere Zeiten. So, als wäre hier etwas gelungen, weil erledigt und bewältigt.

Wenn wir uns da nicht täuschen …

Eine Wohnung für fünf Personen

Die Familie verdankt meinem Opa die Wohnung in der Laubenheimer Straße. Der Mietvertrag lautete anfangs auf den Intendanten a.D. Otto Maurenbrecher, dem das eine große Genugtuung gewesen sein muss.

Vorher hatten wir zu fünft beengt als Untermieter in einer Villa in Lichterfelde gelebt, Großeltern, Eltern und ich. Schauspieler-Paar, Bibliothekars-Paar und Erwachsenen-Kind. So zusammen schweißten wir fünf uns nur, weil meinen Großeltern seit Kriegsende alle finanziellen Mittel abgingen. Vorher bürgerlich-wohlhabend, waren sie vom Beamtengehalt des Sohnes, meines Vaters, ganz abhängig geworden. Meine Eltern ließen sie das nie spüren – umgekehrt: Die Großeltern hielten ihnen diese Unselbständigkeit dann und wann pathetisch vor.

Dabei hätte man die Schuldfrage leicht zurückgeben können – es war nämlich des Großvaters eigenes cholerisches Temperament gewesen, das ihn arm gemacht hatte.

Um seine Karriere als Theaterleiter krönen zu können, die sich vorher an Provinzbühnen abgespielt hatte, war er in den Dreißigern ans Berliner Theater des Volkes gewechselt – den alten Friedrichstadtpalast am Schiffbauerdamm – und dort Verwaltungsdirektor geworden. Für diese Stellung hatte er in die NSDAP eintreten müssen. Wahrscheinlich war er ein typischer Mitläufer, wenngleich tief konservativ, antilinks, vielleicht auch antisemitisch in dem Maß, in dem künstlerisches deutsches Kleinbürgertum dazu neigte.

Das in Gemälden und einer Lebensversicherung angelegte kleine Vermögen futsch, zerbombt, hatte er nach dem Sieg der Alliierten wie viele Hunderttausende bei einer Entnazifizierungsstelle zu erscheinen und sich den Fragen eines britischen Offiziers zu stellen. Der Offizier ging bei einem gebildeten Mittelständler von der Beherrschung der englischen Sprache aus – vielleicht als Unterwerfungsgeste, möglicherweise aber auch, um ein differenziertes Gespräch mit dem bunten Mann zu führen. Mein Großvater bockte: »Sind wir hier in Deutschland oder wo?« Darauf hingewiesen, dass ja er hier der Befragte sei, der zu antworten habe, stellte er sich dumm, er verstünde die englischen Fragen nicht. Ob ihm der Ernst der Situation denn bewusst sei: Erst das unterschriebene Entnazifizierungspapier bedeute doch Zugang zu den Sozialleistungen des neu entstehenden deutschen Staates. Wenn man sich hier nicht deutsch mit ihm unterhalte, dann – Staat hin, Staat her – bleibe er eben ein Nazi. So des Großvaters letztes Wort.

Lebenslang eine Art Notrente für sich selbst und seine Ehefrau war die Quittung für diesen fehlgeleiteten Anfall von Stolz. Nachdenklichkeit und ein wenig Demut hätten dieses eine Mal besser gepasst. So etwa 80 Mark im Monat bekamen die zwei, für den Rest musste ab jetzt mein Vater sorgen.


Ich erinnere mich an Fahrten mit der Straßenbahn aus dem idyllischen Lichterfelde in die weitläufig zerbombte Innenstadt zum Knie – dem Platz, den sie später nach Ernst Reuter benannten. Am Knie saß damals der Deutsche Bühnenverein in einer Art Baracke, dort, wo später die TU-Gebäude stehen sollten, und in der Baracke arbeitete Frau Hänsel, die Chefsekretärin.

Sie kannte meinen Opa aus jenen besseren Zeiten, über die sie beide in meiner Anwesenheit nur vorsichtige Andeutungen machten. Der Opa hatte Ämter im Bühnenverein, der Vertretung der Theaterleiter, innegehabt, sein Name galt dort etwas. Er war stolz, das mir, dem sechsjährigen Enkel präsentieren zu können. So wie er einen Heidenspaß daran fand, sich auf der Fahrt bei jeder Unterführung, die die Straßenbahn nahm, mit mir zusammen zu ducken, sonst würden wir ja anstoßen und vielleicht steckenbleiben …

Die Frau Hänsel, die auf mich immer ein wenig gebeugt und freudlos wirkte und für Kinder nichts übrig hatte, vermittelte dem »Herrn Intendanten« und seiner Gattin manchmal Präsentkörbe des Bundespräsidenten Heuß und manchmal irgendwelche Zulagen für notleidende Künstler – aber vor allem besaß sie einen Überblick über freie Wohnungen in der Künstlerkolonie. Da waren ein Blumenstrauß, ein mit Widmung versehener Memoirenband eines populären Kollegen durchaus nützlich eingesetzte Investitionen, die der Opa unbedenklich vornahm, den Protest seiner haushälterisch strengeren schwäbischen Ehefrau kühl beiseite schiebend.

Sein Kalkül ging auf.

Es stand eine Viereinhalb-Zimmer-Wohnung zur Disposition, 115 Quadratmeter groß für uns fünf, im Eckhaus Laubenheimer/Kreuznacher Straße, vierter Stock. Der von meiner Mutter vorgebrachte Einwand, das seien vielleicht für zwei über siebzigjährige Menschen doch ein paar Stufen zu viele und zu steile Treppen, wurde mit theatralischem Hohn pariert: Da solle sie mal sicher sein, dass die beiden Alten das wie auf Flügeln nähmen und behänder dort rauf- und runterklettern würden als ihresgleichen, die Kriegsgeneration – was als Synonym für Geschwächtes verwendet wurde.

Man wartete auf Frau Hänsels Signal zur Besichtigung – Telegramm oder Depesche, ich weiß es nicht mehr, Telefon jedenfalls gab es in unserem Haushalt damals nicht. Herr und Frau Schott, die Vormieter, öffneten die Tür mit Besitzerstolz. Sie hatten die Schäden, die dem Eckhaus kurz vor Kriegsende zugefügt worden waren, mit eigenen Händen beseitigt, hatten zusammen mit anderen Mietern zwei Stockwerke, dritte und vierte Etage, aus den Schuttsteinen der Bombardierung wieder hergestellt, hatten das Dach neu gedeckt – mit Hilfe der Wohnungsgesellschaft, das ja –, waren aber durch die verantwortungsvolle Handarbeit doch auch ein bisschen in den Stand versetzt worden, als gehöre dieses Haus jetzt ihnen. Mit all den überstandenen Mühen, dem Handwerkerstolz, dem sichtbaren Erfolg.

»Hier hast du eine Murmel, lass die mal laufen«, forderte Herr Schott mich an einer Ecke des großen leeren Wohnzimmers auf – sie kullerte quer über das Parkett genau in die diagonal andere Ecke des Raumes. »So ganz eben haben wir den Boden eben nicht hingekriegt«, entschuldigte sich der Hausherr, »aber es hält ja …«

Auch Herr Schott war ein Schauspieler, ein lustiger und gewandter Mann. Warum er die feine Wohnung aufgab, weiß ich nicht, der Mietpreis kann es eigentlich nicht gewesen sein, der betrug damals, ab November ’56, für uns mit Nebenkosten 170,90 Mark.

Wir waren begeistert von den fünf Zimmern. Natürlich bekam ich das kleinste, nach hinten raus, aber mit Klappbett, dem Vorgänger des jugendlichen Hochbetts, so dass nicht nur Schreibtisch und Schlafgelegenheit für mich bereitstanden, sondern auch zwei Hocker und ein zusammenschiebbares Spieltischchen, falls Freunde kamen.

Die blieben erst einmal aus.


Wohnzimmer mit Radio und Kanarienvogel, 1959


Ich war knapp sieben und wollte auf keinen Fall zur Schule. Schon der Umzug war ein Schock für mich gewesen, und die angeblich normale Neugier auf Gleichaltrige ließ in meinem Fall auf sich warten. Als mich der Schulpsychologe aufforderte, einen Kinderzoo oder ähnliches zu malen, legte ich ihm ein so schlecht gekliertes Buntstiftbildchen hin, dass er sofort der Rückstellung zustimmte.

Richtig erschrocken sah der aus.

So konnte ich in Ruhe mein neues Zimmer entdecken. Dann den Flur. Die Loggia. Diesen tollen Hängeboden, voll mit Koffern der Erwachsenen – von dem die Oma erzählte, bei ihr zu Hause in Stuttgart hätte es auch so einen gegeben, nur dass da das Hausmädchen der Familie drin untergebracht war – eine Vorstellung, die mich nicht losließ.

Auch der richtige Dachboden unseres Hauses wurde gern und häufig inspiziert, bald gemeinsam mit der Tochter der Nachbarin. Beatrix war zwei Jahre älter als ich, aufregend unternehmungslustig, und schaffte es, mich ein bisschen aus der Reserve zu locken.

Da oben zog es durch die Dachschindeln, und ein verstaubter Korbschaukelstuhl stand herum und forderte die Fantasie auf zu spielen. Durch das Dachfenster schaute man noch weiter als bei uns im Vierten, über die Laubengärten nach Süden hin auf den Fichtenberg mit seinem runden Wasserturm. Das Fernheizkraftwerk Lichterfelde-Süd gab es damals noch genau so wenig wie den Steglitzer Kreisel, man blickte also auf Dächer und freie Flächen und ahnte den Teltowkanal in der Ferne, so wie am anderen Ende des Daches den Grunewald.

Manchmal im Sommer roch es sogar nach Wasser, von der Havel her, von den Seen und Mooren. Man hörte das Kreischen der D-Züge in ihren Gleisen und das Aufheulen der Motoren von Autos, die nachts die Avus entlang rasten. Man verhielt sich einfach nur ganz leise und träumte sich weg in die Ferne.

Beatrix war mehr nach Rollenspielen zumute als nach Verharren und Träumen. Manchmal kommandierte man uns barsch zurück nach unten, wo es dann hieß, der Einfluss des Mädchens auf den kleinen braven Jungen sei wohl nicht der beste.

In diesem Alter tat ich noch gern, was ich sollte. Beim Friseur am Laubenheimer Platz, Salon Donath, konnte ich so lange still sitzen, dass der feminine Haarschneider in ein bewunderndes Kicksen ausbrach und laut fragte, warum denn nicht alle Kinder so sein könnten? Die Reaktionen der Mitkunden zeigten mir, dass sie froh waren über ihre eigenen, ungezogeneren Sprösslinge.

Natürlich war der Friseursalon ein Umschlagsplatz für Klatsch und Tratsch aus der Kolonie. Im Warteflur schwieg man, in dem großen Eckzimmer, in dem gewaschen, geschoren und unter den Hauben gewellt wurde, zog man dann platzübergreifend laut über gescheiterte Bekanntheiten her, besprach die Premieren und Festivals, bewunderte anwesende Elevinnen, die ihr erstes Bild im Programmheft herumzeigten. Ich saß als Mäuschen dabei und sog alles ein. Ich kannte die Namen Barlog, Wölffer und Spira von zu Hause, wusste, dass einige bekannte Theaterleute um die Ecke wohnten – so wie Frau Karin Evans in unserem Haus, zu der Großvater sich achtungsvoll distanziert verhielt. Während er die bejahrte grellgeschminkte Dame, die im Parterre rechts wohnte und offensichtlich einen Kontakt zu beleben versuchte, der wohl einmal in irgendeiner gemeinsamen Bühnenzeit bestanden hatte, brüsk abwies.

Ich liebte es, bei den Erwachsenengesprächen Mäuschen zu spielen. Wenn die verrentete Kollegenschar meiner Großeltern aufkreuzte, zugleich übermütig und verbittert, tarnte ich mich mit einem Spielzeug sitzend auf dem Teppich und tat beschäftigt. Ich durfte nur nicht auffällig lachen bei ihren Anekdoten über Dernierenstreiche oder den Wortwechseln, wann wer wo was gespielt hatte. Und wer (von den Abwesenden natürlich) wo mit wem was gehabt. Und wenn sie dann laut geworden vom Cognac und in richtiges Streiten ausgebrochen waren, musste ich leise verschwinden. Da wollte ich keiner Seite mehr Sympathien ausdrücken.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
02 ocak 2025
Hacim:
126 s. 28 illüstrasyon
ISBN:
9783839301326
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