Kitabı oku: «Deutsche Massenauswanderung in den vergangenen drei Jahrhunderten und Rückwirkungen auf die Außenbeziehungen Deutschlands»

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Deutsche Massenauswanderung in den vergangenen drei Jahrhunderten und Rückwirkungen auf die Außenbeziehungen Deutschlands

1. Auflage, erschienen 02-2021

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Manfred P. Emmes

Layout: Romeon Verlag

Coverbild: „Ankunft im Lande der Freiheit“.

Historisches Museum Bremerhaven.

ISBN (E-Book): 978-3-96229-841-8

www.romeon-verlag.de

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MANFRED P. EMMES

Deutsche Massenauswanderung in den vergangenen drei Jahrhunderten und Rückwirkungen auf die Außenbeziehungen Deutschlands

Die in der hiesigen Studie vertretenen Auffassungen geben ausschließlich die persönliche Meinung des Verfassers wieder.

Inhalt

I. Einleitung: Massenauswanderung als Reaktion auf die politisch-wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland

II. Große deutsche Auswanderungswellen nach Osteuropa und Übersee

1. Auswanderungsfreiheit als Ergebnis langjährigen Liberalisierungsprozesses

2. Erste kontinentale Auswanderungswellen nach Südosteuropa und in den peripheren Großstaat Russland im 18. und 19. Jahrhundert

3. Frühe deutsche Massenauswanderung in den peripheren westlichen Großstaat USA

4. Entwicklungsbedingungen und Determinanten der deutschen Massenmigration im 19. und 20. Jahrhundert

4.1. Politisch-wirtschaftliche Begleitumstände und Folgewirkungen

4.2. 1830er und 1848er Auswanderer als Wirtschaftsfaktoren und politische Kulturträger im Zielland USA

III. Sozial-ökonomische Aspekte im Verhältnis zwischen Herkunfts- und Zielstaat mit Einfluss auf die Massenauswanderung

1. Wegzug als Verlust für das Kapazitäts- und Entwicklungspotenzial Deutschlands und Gewinn für die Aufnahmeländer

2. Ansätze zur rechtlichen Regelung des Auswanderungswesens und Diskussion übergeordneter Auswanderungsziele

3. Kolonisationsprojekt des „Mainzer Adelsvereins“ - frühe deutsche Ansiedlung in Texas

4. Rückwanderung ins Herkunftsland im Kontext von Massenmigration

IV. Massenauswanderung als Bestimmungsfaktor der Außenbeziehungen Deutschlands

1. Auswanderungswellen aus Deutschland und Implikationen für die Beziehungen zu den Zielländern

2. Wachsende Zugangsprobleme in bedeutenden Zielländern für deutsche Auswanderer

3. Lateinamerika als Zielregion deutscher Auswanderer mit konfliktiven Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen Deutschlands

3.1. Spannungen Deutschlands im Verhältnis zu den USA

3.2. Irritationen in den deutsch-brasilianischen Beziehungen

4. Einflussnahmen NS-Deutschlands auf die Emigranten in den Zielländern

5. Auswanderung aus Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und aktuelle Tendenzen

V. Zusammenfassung und Schlußbetrachtung: Trends und Probleme deutscher Überseemigration in den vergangenen drei Jahrhunderten

VI. Anmerkungen

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Massenauswanderung als Reaktion auf die politisch-wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland

Neben Kriegen, Friedensschlüssen, Konflikten und deren Lösungen waren es in der neueren deutschen Geschichte, überwiegend im 19. und 20. Jahrhundert, vor allem Massenauswanderungswellen, die nachhaltigen Einfluss auf die Sozialstruktur der jeweiligen deutschen Länder oder (später) des geeinten Deutschlands und auch auf die außenpolitischen Beziehungen zu den Zielländern hatten. Zwischen all diesen Ereignissen ist vielfach ein enger Zusammenhang erkennbar. So wurden nach Kriegen und ihren Verwüstungen häufig Migrationsbewegungen ausgelöst, d. h. Kriege und Konflikte sowie die in der Folge aufgetretenen wirtschaftlichen Verschlechterungen der Lebensbedingungen bildeten maßgebliche Ursachen und Bestimmungsfaktoren für die meist schwerwiegenden Entscheidungen der Menschen, aus ihrem Heimatraum auszuwandern. Zudem haben massive Bevölkerungsentwicklungen ansatzweise bereits im 18. Jahrhundert, vornehmlich jedoch im 19. und 20. Jahrhundert, in Deutschland eine besondere Rolle gespielt. Dies hat indes - obwohl in diesem Zeitraum Millionen von Menschen Deutschland verließen und zum Teil tiefe Spuren hinterließen - in der historischen Aufarbeitung, abgesehen von landes- und regionalgeschichtlichen (Forschungs-) Arbeiten, bislang kein besonderes Forschungsinteresse gefunden. Bei den entsprechenden historisch-politischen Darstellungen zu dieser Epoche stehen hingegen meist die übergeordneten (staats-) politischen und wirtschaftlichen Geschehnisse und Verläufe im Vordergrund.

Die Massenauswanderungen hatten jedoch, neben den starken und nachhaltigen psychisch-emotionalen Effekten auf die Auswandernden selbst, auch weitreichende Auswirkungen auf die zurückgebliebenen Familien und Freundeskreise sowie auf das ethnisch geprägte Sozial- und Kulturleben in den (Ausgangs-) Ländern und Kommunen. Die Wirkungen blieben jedoch nicht nur auf das Herkunftsgebiet beschränkt, sondern sollten erheblichen Einfluss gewinnen auf die Vorstellungswelt der Menschen im Zielland und zum Teil auch erhebliche Rückwirkungen haben auf die Außenbeziehungen dieser Zielländer zu den Herkunftsstaaten. Auf diese Wechselwirkungen und außenpolitischen Aspekte wird im Weiteren ein besonderer Fokus gelegt werden.

Dabei werden nicht die Zielländer der kontinentalen Wanderungsbewegungen, sondern die (überseeischen) Vereinigten Staaten von Amerika und Südamerika als größte deutsche Auswanderergebiete im langen Zeitraum des 19. und 20. Jahrhunderts im Vordergrund stehen. Im Rahmen der hiesigen Betrachtung können die staatlichen Vorstellungen und Maßnahmen in Bezug auf die Auswanderungsbewegung im Herkunftsland nur ausschnittartig erfasst werden, ebenso wie die Perzeptionen und z. T. krisenhaften Rückwirkungen der migrationsbedingten Ereignisse in den Herkunfts- und Aufnahmeländern.

Neben den Briefen von Auswanderern und Berichten von Rückwanderern war es auch die neuartige Massenpresse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, durch die große Bevölkerungskreise mit z. T. vertieften außenpolitischen und wirtschaftlichen Nachrichten erreicht wurden. Vor allem die „Amerikabriefe“ und auch ihre mündlich weiter vermittelten Erzählungen fanden große Verbreitung und genossen aufgrund der meist persönlichen Bekanntheit ihrer Absender höchstes Vertrauen. Sie sollten das Nord- und Südamerikabild der Masse der Auswanderungswilligen besonders prägen. Trotz auch kritischer Berichte in den Auswandererbriefen überwog jedoch letztlich ein positives Bild der Neuen Welt. Dieses war bestimmt durch Nachrichten von einem, wenn auch mit mancherlei Risiko verbundenen, im Auswanderungsland kaum vorstellbaren Maß an persönlicher Freiheit in der Lebensgestaltung und der Möglichkeit des erleichterten Besitzerwerbs. Hierdurch ergaben sich oft bedeutsame Impulse und Verläufe des Wanderungsgeschehens, vielfach ausgelöst über transatlantische Migrationsnetzwerke sowie durch Verwandte und Bekannte verknüpfte Kommunikationssysteme in den Herkunftsgemeinschaften. Diese vernetzten europäische Herkunftsräume und überseeische Zielgebiete oft über lange Zeiträume und stellten so einen spezifischen Zusammenhang und Wahrnehmungsraum her.

Das so umrissene Nord- und Südamerikabild und die hohe Glaubwürdigkeit ausstrahlenden Auswandererbriefe waren nicht nur wichtig für den Auswanderungsentschluss, sondern auch für die weitergehende Entscheidung über das Auswanderungsziel. Die Mehrheit der deutschen Auswanderer kam keineswegs orientierungslos und isoliert in einem für sie unbekannten Nord- und Südamerika an. Oft reisten die Auswanderer in Gruppen und trafen am gewählten Siedlungsort in der Regel bereits auf dort ansässige Deutsche.

Vielfach begannen die Auswanderungen somit als Kettenwanderungen, die gewissermaßen ihren eigenen Spuren folgten. Bald schon begründeten sie feste überseeische Wanderungstraditionen, die bestimmte Regionen und sogar Gemeinden mit anderen in der Neuen Welt in Kontakt brachten. Bei Kettenwanderungen hatte dies zudem den Vorteil, dass es für Auswanderungswillige gesicherte Informationen nicht nur über die Lebenswelt im Aufnahmegebiet, sondern auch wichtige Hinweise auf die günstigsten Transportmöglichkeiten und Reiserouten zum Zielort gab; häufig waren dort bereits Anlaufstellen vorhanden und Unterkünfte sowie Arbeitsplätze bereitgestellt. Eine feste Praxis der Wanderungsaktivitäten konnte sogar dazu führen, dass in den Herkunftsregionen die transatlantische Migration auch Jahrzehnte nach ihrem Beginn weiterhin auf hohem Niveau blieb. Dieses Verhaltensmuster wurde selbst dann noch beibehalten, wenn die sozial-ökonomische Lage, die die erste Phase in der Entwicklung einer Wanderungstradition maßgeblich begründet hatte, sich in der Folgezeit völlig verändert hatte. Häufig erfolgte dies somit noch in Perioden, in denen es im Ausgangsraum bereits wieder genügend landwirtschaftliche oder industrielle Erwerbsangebote gab. Letztendlich zeigt dies die weitreichenden und z. T. sich verdichtenden Wechselwirkungen der Prozesse von Abwanderung und Neuansiedlung in längeren Zeiträumen. Die hierbei im Einzelnen oft festzustellenden, vielfältigen Rück- und Sachbezüge und die sie bedingenden Faktoren sind zwar aufschlussreich, können im Rahmen dieser knapp angelegten Darstellung indes nicht vertieft, sondern im jeweiligen Themenbogen meist nur angedeutet werden. Gleichwohl soll ein möglichst differenziertes Bild der nicht immer emotionsfreien Gesamtthematik gezeichnet werden.

Bezüglich der Verwendung der Begriffe „Auswanderung“ und „Emigration“, die häufig synonym verwendet werden, wird darauf hingewiesen, dass hierbei doch ein deutlicher Unterschied zwischen beiden besteht. Die Auswanderung erfolgt freiwillig, während unter Emigration ein unfreiwilliges Verlassen der Heimat verstanden wird. Emigration ist somit das Ergebnis direkter oder indirekter, politischer, sozialer, religiöser oder ökonomischer Verfolgung oder Ächtung. Der Begriff „Migration“ hingegen wird in der Bedeutung einer langfristigen Änderung des Wohnorts verwendet.1

Im Vordergrund dieser Studie stehen daher nicht die (kontinentalen) Binnenwanderungen, die ebenfalls von erheblicher Bedeutung waren, sondern die - in übergreifende historisch-politische Zusammenhänge einzuordnende - deutsche Massenauswanderung im 19. und 20. Jahrhundert, vornehmlich nach Übersee. Die Migrationsströme haben diesem Zeitraum einen prägnanten Stempel aufgedrückt und auch deutlich gemacht, dass die Bewegung von Menschen über Staatsgrenzen und die Begegnung ihrer Kulturen nicht Ausnahme, sondern Regel waren. Insofern sollen weniger die binnenpolitischen und -wirtschaftlichen Auswirkungen dieser internationalen Auswanderungsströme beleuchtet, sondern vielmehr ihre weitergehende Ausstrahlung auf die jeweils bilateralen Beziehungen Deutschlands zu den transkontinentalen Haupteinwanderungsländern skizziert werden.

Auswandern - so wie es heute in Deutschland nahezu problemlos möglich ist - war in früheren Zeiten nicht per se eine unbeschränkte Option, noch bestand ein rechtlicher Anspruch hierauf. Insoweit lässt sich seit dem Spätmittelalter eine bestimmte Entwicklungsgeschichte zu mehr Liberalität der Migration in deutschen Ländern nachverfolgen. Dass ein Land seine Bewohner oft nicht freiwillig fortziehen ließ und die Auswanderung zuweilen stark behinderte oder nahezu unmöglich machte, ist aus der jeweiligen Sozialstruktur, dem wirtschaftlichen Verlust von Arbeitskraft sowie Kapital und bei Männern auch des „soldatischen Werts“ seiner Bewohner nachvollziehbar. Der Wegzug eines produktiven Bevölkerungsteils bedeutete offenkundig und häufig einen „Aderlass“ für die jeweiligen Gebiete. So versuchten die Behörden nicht selten und auf vielerlei Weise, den (Werbe-) Einflüssen von außen entgegenzuwirken, die starke Anreize für die Auswanderung bildeten.2

Den frühen und verschiedenen Auswandererwellen seit dem 18. Jahrhundert kann hier weder zeitlich noch räumlich vertieft nachgegangen werden. Im Zentrum der Studie stehen die großen deutschen Auswandererströme nach Nord- und Südamerika sowie eingeschränkt nach Russland, insbesondere während des 19. Jahrhunderts. Bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts setzte sich die deutsche Auswanderung aus einer Reihe einzelner, eher sporadisch auftretenden Wellenbewegungen zusammen, während die Massenauswanderung im 19. Jahrhundert eher kontinuierlich verlief und selten starke Rückgänge zu verzeichnen hatte.3

II. Große deutsche Auswanderungswellen nach Osteuropa und Übersee
1.Auswanderungsfreiheit als Ergebnis langjährigen Liberalisierungsprozesses

Die Auswanderungsfreiheit war Ergebnis einer langjährigen Entwicklung; in früheren Epochen bestand sie nicht unbegrenzt. Noch im 18. Jahrhundert war der Entschluss, aus deutschen Staaten auszuwandern, nicht leicht zu realisieren. Die regierungsamtlichen Standpunkte waren grundsätzlich auswanderungsfeindlich. Im 16. und 17. Jahrhundert galt es als ein wesentliches Hoheitsrecht der Regierungen deutscher Länder, die Bürger unbedingt im Staat zu halten. Jeder Bewohner des Staates wurde von der Regierung als ein dem Staatswesen auf Lebenszeit verpflichteter Bestandteil angesehen, dessen Eigentum, Kreativität, Arbeits- und Steuerkraft sowie Wehrfähigkeit man nicht entbehren zu können glaubte. Ein hartes Auswanderungsverbot erließ z. B. Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz 1752, wo eine geringe Bevölkerung von nur etwa 300.000 Personen die im 17. Jahrhundert erfolgten gewaltsamen Ereignisse und schweren Schäden des Landes überlebt hatte. Zum Auswandern bedurfte es also einer besonderen Erlaubnis, und in den kleinsten Territorien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation versuchte man, die Bewohner möglichst - auch seitens der Kirchengemeinschaften -vom Auswandern abzuhalten. Letztendlich stellten die Bewohner ein für die Fortentwicklung des Landes wichtiges wirtschaftliches Gut und die Männer überdies ein soldatisches Potenzial dar, auf das man als Landesherr nicht leichtfertig verzichten wollte. Insofern gab es Bestimmungen, die jedem Auswanderer ein hohes Abzugsgeld (Nachsteuer, Freigeld), ein Zehntel seines Gesamtvermögens und mehr auferlegten. Dieser Abgabenzwang stellte eine Entschädigung für den Verlust an Arbeitskräften und das aus dem Lande zu verbringende Vermögen dar und wurde in den 1830er und 1840er Jahren auf Grund zwischenstaatlicher Vereinbarungen sowie später durch eine deutsche Bundesakte aufgehoben. So konnte z. T. der Hofoder Gutsverkauf von Auswanderungswilligen von der jeweiligen Regierung (Bayern 1764) als nichtig erklärt werden. Die Entlassungen aus dem Untertanenverband und der sogenannten Manumission, d. h. der Freilassung aus der Leibeigenschaft, wurden nicht einfach erteilt. Auf die heimliche Auswanderung standen hohe Strafandrohungen, meist Vermögenskonfiskation, in Frankreich, dem klassischen Land des Merkantilismus, außerdem sogar Galeerenstrafen. Dass all dies notwendig war, zeigten die vielen landesherrlichen Edikte über diese Thematik. Auch versuchten die staatlichen Stellen, die Auswanderung dadurch zu erschweren, dass den Auswanderern aus anderen Reichsgebieten der Durchzug versperrt wurde oder die Untertanen strikte Anweisung erhielten, solchen Auswanderern Fahrdienste, Unterkunft und Verpflegung zu verweigern.

Letztlich führte dies allerdings nur dazu, dass die Auswanderer hierdurch zu weiten Umwegen gezwungen wurden. Auch gingen die deutschen Staaten oft dazu über, jegliche Einflüsse von außen, die zur Auswanderung verleiten konnten, zu unterdrücken. So wurden häufig Auswandererbriefe an die Empfänger nicht weitergeleitet oder auch die Bekanntmachung offener Werbeschriften von großen Landeigentümern aus den begehrten Zielländern verhindert. Den vielen Auswanderungswilligen, die es in Deutschland trotz all dieser Behinderungspraktiken gleichwohl gab, blieb unter den dargelegten Umständen oftmals nichts anderes übrig, als ihr Vorhaben heimlich auszuführen. Eine große Anzahl jedenfalls ließ sich von ihrem Plan nicht abbringen, obwohl ihnen und denjenigen, die sie zur Auswanderung bewegten oder Vorschub leisteten, schwere „Leibes- und Lebensstrafen“ drohten. Das Recht auf Auswanderung im 19. Jahrhundert hatte mit Blick auf diese Ausgangslage erst allmählich an Akzeptanz gewonnen. Der Impuls für diese Änderung der Haltung kam im Wesentlichen von der 1789 in Kraft getretenen französischen Verfassung, doch sollten Beschränkungen noch lange Zeit gängige Praxis bleiben. Förmliche Auswanderungsverbote bestanden in Deutschland noch weitgehend bis ins Jahr 1825.

In den südwestdeutschen Staaten wurden Auswanderungsanträge hingegen liberaler gehandhabt als in den übrigen deutschen Staaten. In Württemberg hatten Untertanen sogar seit dem frühen 16. Jahrhundert das verbriefte Recht auf „freien Abzug“. In den durch Kriegszüge verwüsteten Staaten nahm die Verarmung immer breiterer Bevölkerungsschichten seit dem 17. und im 18. Jahrhundert bedrohliche Ausmaße an, so dass den Regierenden schließlich ein kontrollierter Bevölkerungsabfluss von Zeit zu Zeit mehr Nutzen als Schaden für das Staatswesen zu bedeuten schien. Bereits 1803 wurde in Baden das Recht auf Auswanderungsfreiheit gesetzlich festgelegt, 1815 folgten Württemberg und 1818 Preußen. Ähnliche Gesetze ergingen in der Folge auch in den übrigen deutschen Staaten. Etwa ab Beginn des 19. Jahrhunderts wurde im Zuge einer liberal verstandenen Freizügigkeit auch die grundsätzliche Auswanderungsfreiheit in den ostdeutschen Ländern gewährt. Die staatlichen Stellen behielten sich auch dort das Recht vor, die Erlaubnis zur Auswanderung und zur Entlassung aus dem Untertanenverband nur unter bestimmten Bedingungen zu erteilen; hierzu gehörte vor allem die Erfüllung der Militärpflicht und die Bezahlung von Schulden.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Grundgedanke all dieser Regelungen zur Beschränkung der Auswanderung und auch der späteren, hierzu ergangenen Gesetze dazu dienen sollte, dass kein Deutscher zum (dauerhaften) Verlassen des Staates berechtigt war, der nicht den klaren Nachweis erbringen konnte, dass er alle Verpflichtungen in seiner Heimat (vor allem die Erfüllung der Militärpflicht und die Bezahlung von Schulden) umfassend erfüllt hatte.

Aber nicht nur die Auswanderung, sondern auch eine Rückwanderung war oft nicht ohne behördliche Beschränkungen möglich;in Bayern z. B. sah das kurfürstliche Dekret von 1801 vor, dass die Rückkehr in die kurfürstlichen Lande dem Ausgewanderten verboten war. Überdies gab es noch bis in die 1870er Jahre die Bestimmung, dass ein mit oder ohne Bewilligung der Heimatbehörde Ausgewanderter zur Schließung einer Ehe im Ausland der Zustimmung seiner Heimatbehörde bedurfte. Andernfalls drohte ihm in seiner alten Heimat eine hohe Geldstrafe.1

2.Erste kontinentale Auswanderungswellen nach Südosteuropa und in den peripheren Großstaat Russland im 18. und 19. Jahrhundert

In der Literatur wird weitgehend Bezug genommen auf die (Massen-) Auswanderung nach Nordamerika, die jedoch nur einen Teil der deutschen Auswanderungsgeschichte vom 18. bis 20. Jahrhundert bildete. Im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts war eine erhebliche deutsche Auswanderung nach Südost- und Osteuropa zu verzeichnen.

Die kontinentale und überseeische Auswanderung im 18. und 19. Jahrhundert hatte eine nicht unerhebliche Ursache in der markanten Bevölkerungsentwicklung Deutschlands. In den zwei Jahrhunderten nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wuchs die Bevölkerung in Deutschland stark an. Die großen Bevölkerungsverluste des Dreißigjährigen Krieges waren nach rund zwei Generationen, um das Jahr 1700, in etwa wieder ausgeglichen. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts kam es zu einem erheblichen Bevölkerungsanstieg um die Hälfte des Ausgangswertes. Schätzungen legen für das Territorium des späteren Deutschen Reiches die Zunahme von 15 auf 23 Millionen Personen zwischen 1700 und 1800 fest. Ein vergleichbarer Zuwachs, allerdings jeweils in nur einem halben Jahrhundert, erfolgte im Zeitraum 1800 bis 1850 (35 Mio.) sowie im Zeitraum von 1850 bis 1900 (56 Mio.). Die Bevölkerung des Deutschen Bundes nahm zwischen 1816 und 1864, bei unverändertem Besitzstand, um 54 Prozent zu (von 29,8 auf 45,9 Mio. Personen). Allerdings war das Wachstum in den einzelnen Staaten und Regionen unterschiedlich stark. Der Bevölkerungszuwachs Preußens betrug in diesem Zeitraum 86 Prozent (Anstieg von 10,4 auf 19,3 Mio. Personen). Auf der anderen Seite standen die drei süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg und Baden, die insgesamt nur einen relativ geringen Anstieg von 33 Prozent zu verzeichnen hatten. Sachsen wies mit 92 Prozent das stärkste Bevölkerungswachstum unter allen Staaten des Deutschen Bundes auf, aber auch die außerhalb des Bundes stehenden preußischen Provinzen Ost- und Westpreußen sowie Posen zeichneten sich durch ein Bevölkerungswachstum von 95 Prozent aus. Insgesamt stieg die Bevölkerung auf dem späteren Reichsgebiet zwischen 1816 und 1864 um 61 Prozent.

Nach dem somit primär durch signifikante Bevölkerungsvermehrung geprägten Jahrhundert vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, war das Migrationsgeschehen in der Folge immer stärker durch kontinentale und überseeische Auswanderung gekennzeichnet.

Eine Auswanderungsrichtung ging in die östlichen Provinzen Preußens, die Donauländer der österreichischen Monarchie sowie nach Polen und Russland. Dies hing mit der staatlichen Bevölkerungspolitik zusammen, die im Zeitalter des Absolutismus in fast allen europäischen Staaten praktiziert wurde. Um den nationalen Wohlstand im jeweiligen Land zu heben, versuchte man, viele und strebsame Einwanderer anzuziehen. Diese wurden zur Kolonisation brachliegender Gebiete und zur Förderung des Gewerbesektors angesiedelt. Preußen unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich den Großen sowie Österreich unter Karl VI. und Maria Theresia hatten auf diese Weise viele Tausende Einwanderer aus Süd- und Westdeutschland dazu bewegen können, in ihre Randgebiete im Osten und Südosten des alten Deutschen Reiches zu ziehen. Die preußische Kolonisation im 18. Jahrhundert wurde auf etwa 200.000 städtische und 100.000 ländliche Siedler, die österreichische auf etwa zwei Drittel dieser Anzahl geschätzt.

Der Beginn der Südostkolonisation fiel in den Zeitraum 1716-1726, die Zeit nach der Vertreibung der Türken in Südungarn. Eine intensive Kolonisationsperiode bildeten die Friedensjahre vor dem Siebenjährigen Krieg, wobei der Höhepunkt der Auswanderung aus dem Süden und Westen Europas im Zeitraum 1763-1772 lag. In diesem wurden etwa 70.000 Personen in Ungarn, dem Banat und der Batschka angesiedelt.

Die Auswanderungsedikte des deutschen Kaisers des Heiligen Römischen Reichs Joseph II. von 1768 waren explizit gegen die Auswanderung nach fremden, mit dem Deutschen Reich in keiner Verbindung stehenden Ländern gerichtet. Den Anlass dazu bot nicht nur die Amerikaauswanderung, sondern vielmehr die Anwerbung deutscher Auswanderer für europäische Länder. Den Höhepunkt bildete die Wolgakolonisation Katharinas II., der früheren deutschen Prinzessin aus Anhalt-Zerbst, die 1766/67 ca. 8.000 deutsche Familien (etwa 29.000 Personen) aus dem Deutschen Reich anziehen konnte. Nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges (1763) hatte die Zarin Katharina II. die Initiative zu einer groß angelegten Siedlungspolitik ergriffen. Gefördert werden sollte die Umsiedlung von Staatsbauern (der Staat behielt Eigentum am Land; die Kolonisten waren an die Gemeinde und den Boden gebunden) in bisher bevölkerungsarme und neu erworbene Gebiete. Ebenso wie Großbritannien, die Niederlande und Preußen wirtschaftlichen Nutzen aus der Aufnahme der aus Frankreich vertriebenen Hugenotten gezogen hatten, sollte nun in ähnlicher Form auch Russland die Gelegenheit ergreifen, Ausländer aus wirtschaftlich-technisch fortgeschrittenen Staaten ins Land zu bringen.

Fast ein Jahrhundert lang strömten deutsche Menschen in das große russische Reich ein und ließen sich in mehr oder weniger geschlossenen Siedlungsgebieten an der Wolga, bei Petersburg, im Schwarzmeergebiet und im Südkaukasus nieder. Grundlegend und von besonderer Wirkung auf die gesamte Förderung der Einwanderung im genannten Zeitraum war das Manifest der Zarin Katharina II. vom 22. Juli 1763. Allerdings erfolgten auch später noch Massenauswanderungen nach Russland, insbesondere 1804 und 1816/17 aus Schwaben nach Südrussland.

Die planmäßige und von der Regierung gelenkte – schon zuvor gab es (in geringer Zahl) deutsche Einwanderer in Russland – Ansiedlung des unteren Wolgagebiets hatte indes erst unter Zarin Katharina II. begonnen. Nachdem das erste Manifest der Zarin vom 4. Dezember 1762, das zur Einwanderung nach Russland aufforderte, zunächst ohne Echo geblieben war (zu diesem Zeitpunkt fand in Deutschland der Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763 statt), erließ Zarin Katharina dann am 22. Juli 1763 das zweite ausführliche Manifest, das ein großes und positives Echo fand. Am 19. März 1764 folgten neue Bestimmungen über das Grundbesitzrecht, in denen auch die zu besiedelnden Ländereien bezeichnet und die jedem Bauern zuzuteilende Landmenge angegeben wurden. Zu den wichtigsten zählten:

1.Freie Religionsausübung,

2.Steuerbefreiung auf 10-30 Jahre,

3.Gewährung zinsloser Darlehen für Hausbau und alle Anschaffungen (Vieh, Arbeitsgeräte etc.),

4.Befreiung vom Militärdienst „auf ewige Zeit“,

5.Eigene Gemeindeund Schulverwaltung,

6.Gewährung der inneren Jurisdiktion für die Kolonien,

7.Unentgeltliche Zuweisung von 30-80 Desjatinen (früheres russisches Flächenmaß, eine Desjatine ca. 1,09 ha) Land von der Krone an jede Familie,

8.10 Jahre Zollfreiheit auf Waren, die zuvor noch nicht in Russland produziert wurden.

Bis zum Jahre 1774 folgten etwa 30.600 Personen der Einladung Katharinas II., vier Fünftel von ihnen in den Jahren 1763-1766. Ein großer Teil der deutschen Siedler kam aus Hessen, wo ihre Siedlungsgrundstücke klein, die Abgabelasten jedoch verhältnismäßig hoch waren. Die große Mehrheit der Siedler (ca. 26.500) wurde nach Saratow transportiert, wo allerdings nur 23.216 Personen ankamen. Die bei Ankunft fehlenden Siedler waren entweder verstorben oder geflohen. Aufgrund zahlreicher Schwierigkeiten vor Ort (fehlendes Baumaterial, Saatgut, Arbeitsgeräte und Vieh sowie eine prekäre Sicherheitslage durch gefährliche Nomadenstämme), erlitten zahlreiche Neusiedler große Not. In den ersten zehn Jahren verloren die Siedler durch Krankheit, Flucht und Gefangenschaft 7.387 Personen. Unter Katharina II. wurden die Türken vor allem aus den Gebieten des Schwarzen Meeres verdrängt, wo vielfach neue Kolonien mit deutschen Siedlern angelegt wurden. Zar Alexander I. (1801 bis 1825) setzte das Kolonisationsprojekt der Zarin Katharina II. in Südrussland fort. Unter ihm begann die Besiedlung Südrusslands von Bessarabien bis zum Südkaukasus.

Die deutsche Auswanderung hatte somit schon im 18. Jahrhundert einen durchaus erheblichen Umfang angenommen, vor allem wenn man sie mit der deutschen Bevölkerungszahl jener Zeit vergleicht.1

Neben religiösen und politischen Gründen für die Auswanderung spielten zweifellos auch die Flucht vor kriegerischen Zuständen und ihren gravierenden Folgen eine Rolle. Im 18. Jahrhundert gab es in relativ kurzen Zeitabständen zahlreiche Kriege, die Europa und die deutschen Länder schwer erschütterten. So erfolgte in dieser Epoche die Verwüstung der Pfalz durch die Raubkriege Ludwigs XIV.; schwerwiegende Konsequenzen für die Zivilbevölkerung hatte der Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714), später auch der Polnische (1733-1738) und Österreichische Erbfolgekrieg (1740-1748) und schließlich in den 1760er Jahren der Siebenjährige Krieg.

So brachen nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges die „Schwabenzüge“ 1763-1770 und 1782-1788, insgesamt rund 70.000 deutschsprachige Bauern und Handwerker aus Franken, Baden, Württemberg, Vorderösterreich, Luxemburg und Lothringen in den südosteuropäischen Donauraum mit den Siedlungsschwerpunkten Batschka, Banat („Donauschwaben“) und Siebenbürgen, auf. Nahezu zeitgleich erfolgten Siedlungswanderungen in die vom Zarenreich kurz zuvor eroberten Gebiete der unteren Wolga und „Neurussland“ nördlich des Schwarzen Meeres. Ebenso wie im Fall der „Schwabenzüge“ waren es auch an der Wolga und in „Neurussland“ Privilegien und Vergünstigungen, die wesentliche Anreize der staatlichen Zuwanderungspolitik zur Erschließung und Sicherstellung des Siedlungslandes bildeten. Von besonderem Interesse für die landesherrlichen Regierungen standen indes weniger konfessionelle Aspekte der Zuwanderer im Vordergrund, sondern vor allem die Heranziehung mitteleuropäischer Siedler, die mit höher entwickelten landwirtschaftlichen und handwerklichen Fertigkeiten vertraut waren. Insgesamt wird die Zahl der Auswanderer aus dem deutschsprachigen Raum nach Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa von den 1680er Jahren bis 1800 auf rund 740.000 Personen geschätzt.

Die überseeische Auswanderung nach Nordamerika blieb demgegenüber in diesem Zeitraum mit rund 170.000 Menschen deutlich zurück. Die Herkunftsräume der Überseeauswanderer stimmten allerdings in etwa mit denen des kontinentalen Ostund Südoststroms überein. Hierbei standen Baden, Württemberg, Pfalz, Elsass und Lothringen an vorderster Stelle. Von diesen Gebieten zweigten also die Auswandererbewegungen nach Osten und Westen ab.

Überdies führte der risikoreiche Soldatendienst und die Unstetigkeit sowie Unsicherheit des Lebens in Krisen- und Kriegszeiten dazu, den Weggang vieler Personen in die vermeintlich sichere Ferne auszulösen. Neben den durch Kriege verursachten Notlagen trugen ferner Missernten sowie Zeiten, in denen sich wichtige wirtschaftliche Güter und Lebensmittel verteuerten, harte Winter und andere Naturkatastrophen dazu bei, die sozial-ökonomische Lage zu verschlechtern und den Auswanderungsdrang zu verstärken. Auch der Druck durch Steuern seitens prunkliebender und auf Geltung bedachter Landesherrn, sowie weitere Abgaben und Fronden, belasteten in hohem Maße den einfachen Untertanen.

Vor allem aber machte die Zerstückelung des Grund und Bodens es vielen unmöglich, ihren Lebensunterhalt in der Heimat in ausreichender Form zu bestreiten oder gar ein wirtschaftliches Fortkommen zu erreichen und später auch eigenes Land zu erwerben. Durch die bestehende Agrarverfassung und Erbteilung (Realteilung als vorherrschendes Erbschaftssystem) in großen Teilen Südwestdeutschlands waren die bäuerlichen Betriebe oft so klein geworden, dass sie selbst in wirtschaftlich besseren Zeiten kaum zum Lebensunterhalt der Familien genügten. Die Bevölkerung lebte vielfach allein von Kartoffeln und war so in schlechten Erntejahren gezwungen, entweder zu verhungern oder auszuwandern. Nicht besser sah es in den Weinanbaugebieten am Neckar und in der Pfalz aus. In diesen klein parzellierten Wirtschaftsräumen nahm die Unzufriedenheit innerhalb der Bevölkerung ersichtlich zu. Wenn in einer solchen ohnehin angespannten Situation auch noch bekannt wurde, dass es in fernen Ländern Boden in großem Umfang gab, dass man diesen sogar geschenkt erhalten oder unter leicht erfüllbaren Bedingungen oder mit geringen Finanzmitteln erwerben konnte, hatten die Werber der Auswanderungsunternehmen jener Zeit leichtes Spiel.2

3.Frühe deutsche Massenauswanderung in den peripheren westlichen Großstaat USA

Die Anreisen der Auswanderer zu den europäischen Auswandererhäfen waren oft langwierig und wegen der vielen Zollerhebungen auch recht teuer. Überdies stellten die Seereisen Richtung Amerika häufig mehr gefahrvolles Abenteuer als Vergnügen dar.

Viele besaßen nicht die finanziellen Mittel für die Seereise; so kam es im 18. Jahrhundert oft vor, dass an Arbeitskräften interessierte Bewohner des Ziellandes oder auch Reeder (diese vermittelten die Auswanderer im Ankunftshafen an in Frage kommende Betriebe) anboten, den Auswanderungswilligen die Kosten der Überfahrt zu bezahlen. Jene mussten sich im Gegenzug aber dazu verpflichten, im Zielland solange in fremde Dienste des Finanziers oder Dienste anderer Organisationen einzutreten, bis die Reisekosten beglichen waren. Diese Auswanderer wurden Redemptionisten (Loskäufer) genannt, weil sie sich durch ihre Arbeit erst von der eingegangenen Verpflichtung loskaufen mussten. Die Länge der Dienstzeit richtete sich nach der Höhe der eingegangenen Schuld und der Arbeitskraft des Schuldners. Ein guter kräftiger Arbeiter sollte etwa drei bis vier Jahre Dienst leisten, wobei indes auch Umstände eintreten konnten, bei denen sich die Dienstzeit auf sechs bis sieben Jahre verlängerte. Das „Redemptionisten“-System war im Grunde nichts anderes als eine Form der alten Schuldsklaverei. Da die Kosten der Überfahrt in diesem Zeitraum recht teuer waren, mussten sehr viele Auswanderer von diesem Verfahren Gebrauch machen. Es wird angenommen, dass zwischen 50 und 70 Prozent der deutschen Einwanderer in die USA im 17. und 18. Jahrhundert auf diese Weise die Überfahrt finanzierte. Oft kam es vor, dass so ganze Familien getrennt wurden, wenn Mann, Frau und Kinder zwecks Abarbeitung des Kredits an unterschiedliche Dienstherren weggegeben bzw. „verkauft“ wurden.

Vor der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika im Jahr 1776 war das Land nur ein Nebenschauplatz der deutschen Auswanderung. Etwa 65.000-75.000, vielleicht bis zu 100.000 Deutsche -vor allem aus Baden, Württemberg und der Pfalz, aber auch aus Elsass-Lothringen und der deutschsprachigen Schweiz -wanderten im 17. und 18. Jahrhundert dorthin aus. Doch der Weg „nach Amerika“ war in dieser Epoche lang und beschwerlich, insbesondere die sechs bis acht Wochen dauernde Atlantiküberquerung bedeutete eine besonders harte physische und psychische Strapaze. Auswanderer wurden in den für Frachtzwecke gebauten Segelschiffen unter primitiven Verhältnissen in einem provisorisch zwischen Oberdeck und Laderaum eingefügten Zwischendeck transportiert. Während der langen Seefahrt waren die Auswanderer meist geschwächt durch Seekrankheit, unzureichende Ernährung sowie Mangel an Frischluft und Bewegung. Aufgrund schlechter hygienischer Verhältnisse waren sie zudem anfällig für Krankheiten, die sich an Bord rasch seuchenartig ausbreiten konnten. Viele Auswanderer, häufig mehr als die Hälfte aller Passagiere, sollten deshalb ihr Zielland nie erreichen.1

Deutsche Massenauswanderungen, die nach Ursachen, Zusammensetzung und Siedlungsmustern als Vorläufer der Massenbewegung des 19. Jahrhunderts angesehen werden können, fanden erstmals im 18. Jahrhundert statt, vor allem in den Jahren 1709, 1749-1752, 1757, 1759 und 1782. Hierbei war es vor allem das Zusammenwirken verschiedener rechtlicher sowie wirtschaftlich-sozialer Faktoren, die insbesondere in Süddeutschland zu Überbevölkerung geführt hatten. Aufgrund von Hungerkrisen nach Ernteausfällen hatte dies zur Folge, dass Tausende sich entschlossen, wegzuziehen. Dies galt vornehmlich für die Pfalz, in der sich die Notlage der Bevölkerung durch die wiederholten Kriegszüge Ludwigs XIV. mit ihren erheblichen Verwüstungen noch verschärft hatte. Bereits um 1775 lebten rund 225.000 Deutsche in den britischen Kolonien Nordamerikas (etwa 8,6 Prozent der Bevölkerung).

Ein im britisch-deutsch-US-amerikanischen Verhältnis bedeutsames Ereignis war die „Vermietung“ deutscher Soldaten an den britischen König Georg III. Dies war nicht nur von großer militärischer Tragweite, sondern wird hier insbesondere unter dem Aspekt der Auswanderungsthematik kurz dargelegt.

Um 1775 waren rund 15.000 britische Soldaten in den nordamerikanischen Kolonien stationiert. Zur Unterdrückung des Aufstands in der Kolonie, der letztlich zum Freiheitskrieg führte, forderte die militärische Führung eine Verstärkung um mindestens 40.000 Mann. König Georg III. ließ deshalb in anderen Staaten Söldner anwerben. In der Kriegsführung der damaligen Zeit war das (internationale) Söldnerwesen eine keineswegs ungewöhnliche Erscheinung. Auch Offiziere sahen im Wechsel von Heeresdiensten in fremden Ländern nichts Ehrenrühriges; das Kriegshandwerk war schließlich Grundlage ihres Erwerbs. Der Soldatenhandel, das „Vermieten“ von Truppen der Herrscher deutscher Länder an ausländische Souveräne, war im 17. und 18. Jahrhundert vielmehr stark verbreitet und gehörte zu deren lukrativen Einnahmequellen.

Der britische König Georg III. hatte sich auch an die Regenten von deutschen Klein- und Kleinststaaten gewandt. Schließlich konnte er eine Armee von nahezu 30.000 Soldaten aus diesen Ländern anwerben (Braunschweig, Hessen-Kassel, Hessen-Hanau und Hessen-Darmstadt, Ansbach-Bayreuth und Anhalt-Zerbst sowie Waldeck), wobei die Soldatenkontingente der Landgrafen von Hessen-Kassel (alleine 12.000 bei einer Bevölkerung von nur 300.000 Menschen), aus Hessen-Hanau und Hessen-Darmstadt zusammen nahezu 17.000 Soldaten ausmachten. Das deutsche Kontingent stellte über die Hälfte des für die Briten kämpfenden Söldnerheeres. Die deutschen Soldaten wurden in Nordamerika daher als „Hessians“ -Hessen -bekannt. Das Söldnerheer umfasste drei Gruppen von Soldaten: vermietete Berufssoldaten aus den stehenden Heeren, angeworbene Freiwillige und, da bei der geringen Bevölkerungszahl der Staaten die zugesagten Kontingente so nicht erfüllt werden konnten, gepresste (gezwungene) Soldaten.

Bereits im August 1775 landeten britische Verbände mit den ersten deutschen Hilfstruppen in Long Island, New York. Auf den Verlauf der im Weiteren einsetzenden Kämpfe kann in diesem Kontext nicht eingegangen werden. Für die Entwicklung der deutschen Überseeauswanderung waren die Eindrücke und Erfahrungen, die die deutschen Soldaten von Land und Bevölkerung gewannen, von großer Bedeutung. Gefangen genommene deutsche Soldaten wurden bevorzugt in die deutschen Gebiete Pennsylvanias verbracht, wo sie vor allem auf den Bauernhöfen oder als Handwerksgehilfen bei deutschen Einwanderern arbeiteten. So erfuhren die Söldner unmittelbar den deutlichen Kontrast zwischen den Lebensbedingungen in ihrer Heimat und der Lage ihrer ausgewanderten Landsleute. Durch das Einschmuggeln deutschsprachiger Flugschriften in das britische Heer wurde überdies zum Überlaufen der deutschen Söldner aufgerufen. Eine Proklamation des US-amerikanischen Kongresses sicherte am 29. April 1778 jedem Überläufer Landbesitz als Prämie zu. Zudem sollten Deserteure nicht dazu verpflichtet werden können, auf Seiten der US-Amerikaner am Krieg teilzunehmen.

Der Anreiz dieser in Aussicht gestellten Maßnahmen war groß und hinterließ einen nachhaltigen Eindruck. Am Ende des Unabhängigkeitskrieges 1783 kehrten etwa 17.300 deutsche Soldaten in ihre Heimat zurück. Etwa 1.200 Soldaten waren in den Kämpfen gefallen, etwa 6.300 an Verwundungen oder Krankheiten gestorben. Insgesamt jedoch entschieden sich etwa 5.000 deutsche Deserteure und Gefangene für einen Verbleib in Nordamerika. Einige dieser vom vermieteten Söldner zum Siedler gewordenen Deutschen ließen ihre Familie nachziehen; auch von den Rückkehrern hatten viele den Entschluss gefasst, zusammen mit Verwandten oder Freunden endgültig in die nunmehr unabhängigen Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern. Die Berichte der zurückkehrenden Soldaten bestätigten und verstärkten das positive Nordamerikabild der Menschen in Deutschland; sie trugen damit zum Anstieg der Auswanderung zur Massenbewegung im 19. Jahrhundert bei.

Für Deutschland bedeutete die Massenauswanderung im 18. Jahrhundert den Verlust von mehr als einer Viertelmillion überwiegend produktiver Menschen. Dies war nicht zuletzt durch die schwierigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zustände in den deutschen Ländern verursacht worden. Das galt für diejenigen, die nach Nordamerika gegangen waren, aber auch für die deutschen Siedler im Donauraum.

Trotz vieler aufgezeigter Schwierigkeiten und besonderer Verläufe sollte sich die deutsche Nordamerikaauswanderung des 18. Jahrhunderts fortsetzen und die Grundlage zum starken deutschen Element in den Vereinigten Staaten von Amerika bilden. Nach Auffassung zeitgenössischer Beobachter haben diese Migrationsströme erheblich zu dem bemerkenswerten Aufstieg der neuen Weltmacht USA Ende des 19. Jahrhunderts beigetragen.2

4.Entwicklungsbedingungen und Determinanten der deutschen Massenmigration im 19. und 20. Jahrhundert
4.1. Politisch-wirtschaftliche Begleitumstände und Folgewirkungen

Das 19. Jahrhundert ist das eigentliche Jahrhundert der deutschen Massenauswanderung. Die einzelnen Wanderungsströme, die Deutschland im 18. Jahrhundert erlebt hatte, gingen seit den 1790er Jahren zurück. Ihren Tiefststand erreichten sie um 1800 sowie weitgehend im Zeitraum bis 1830. Bemerkenswert waren zwei Wanderungswellen in dieser Zeit, die Auswanderung der Schwaben und Pfälzer nach Südrussland 1802-04 und die württembergische, badische sowie rheinische Auswanderung nach Russland und Amerika 1816/17. Beiden Ereignissen gingen schlechte Erntejahre voraus; vor allem der äußerst harte Winter 1816/17 und die darauf folgende Hungersnot waren Auslöser dafür, dass Zehntausende ihre Heimat verließen.

Im Gegensatz zu den (einzelnen) Auswanderungswellen des 18. Jahrhunderts bildete die Auswanderung des 19. Jahrhunderts - trotz Höhen und Tiefen - einen nahezu kontinuierlichen Strom. 1832 wurde zum ersten Mal die Grenze von zehntausend Wegziehenden überschritten; von da an nahmen die Wellenbewegungen fortlaufend bis zu ihrem Scheitelpunkt in den 1850er Jahren zu. Sie waren Reaktion auf stetig wirkende Ursachen und besondere Ereignisse.

War die Auswanderung des 18. Jahrhunderts noch wesentlich veranlasst durch Schwierigkeiten im Agrarbereich, was sich an der beruflichen Zusammensetzung der Wegziehenden ablesen lässt, nämlich eine vorwiegend kleinbäuerliche Bevölkerung -Handwerker und andere Berufe waren eher in der Minderzahl -, sollte sich dies in der Folgezeit ändern. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bildete zudem der Südwesten das Hauptauswanderungsgebiet; im Zuge der Industrialisierung kamen dann zunehmend Auswanderer aus Nord- und Mitteldeutschland, wobei auch der bäuerliche Anteil gegenüber (Industrie-) Arbeitern und Gewerbebeschäftigten zurückging.1

Einfluss auf die Auswanderungsbereitschaft und -ziele von Personen dürfte auch ihre geografische Wohn- oder Siedlungslage gehabt haben. So scheinen die Nähe zu verkehrsgünstigen Straßen und eine nicht zu große Distanz zu Abfahrtshäfen die Auswanderung gefördert zu haben (Schwaben, Pfälzer, Moselfranken, Niedersachsen). Die Rheinschifffahrt bot z. B. den Badenern eine günstige Verbindung zu den Seehäfen im Norden, während die Württemberger noch stärker die Donauschifffahrt zur kontinentalen West-Ost-Wanderung nutzten. Die Verkehrsgeografie war insoweit wohl relevanter als die Konfessionszugehörigkeit, die die Auswanderer eher in die Gegenrichtung hätte führen müssen – die protestantischen Württemberger nach Nordamerika, die katholischen Badener nach Ost- und Südosteuropa. Überdies gehörten Besitzverteilung und Erbrecht zu den Hauptmotiven der Auswanderung jener Epoche. Im Südwesten war es vornehmlich die Anerbenregelung, die abgefundene Familienmitglieder, die nicht als Heuerlinge (eine Art Tagelöhner) auf dem Hof blieben oder sich eine Beschäftigung in Industrie und Gewerbe suchen wollten, dazu veranlassten, auszuwandern. In Übersee hatten sie bessere Chancen zu selbständigen Bauern zu werden.2

Für die deutsche Massenauswanderung des 19. Jahrhundert werden z. T. permanent wirkende Ursachen als Hauptgrund erachtet. Frühere Auswanderungswellen wurden hingegen eher mit einmaligen und vorübergehend auftretenden oder andersartigen Ursachen in Zusammenhang gebracht. Gerade die Wirtschaftsentwicklung, deutlich erkennbar bei Wirtschaftsaufschwüngen und -krisen, hatte nahezu direkte Folgen für die Auswanderung. Hinzu kamen strukturelle Verschiebungen im Agrarbereich; war dieses Gefüge von Mitte des 17. Jahrhunderts noch vorwiegend kleinbürgerlichen Charakters, veränderte es sich hin zu wachsendem Großgrundbesitz sowie stärkerer Mechanisierung und Industrialisierung. Verbunden damit waren die Folgen der Bauernbefreiung, also die Ablösung der bäuerlichen Lasten durch entsprechende Zahlung an die Grundherren. Durch diese Zahlungsverpflichtung erwies sich die „Bauernbefreiung“ jedoch quasi als „Befreiung“ der Bauern von ihrem Land und ließ sie oft verschuldet zurück. So ist es nachvollziehbar, dass die Auswanderungsbewegung in diesem Zeitraum auf diese betroffenen Räume bezogen war (u. a. Ostelbien, Hessen, Norddeutschland, Südwestdeutschland).

Hohe Preissteigerungen im Lebensmittel- und Futtermittelbereich, schlechte Erntejahre, die Verdrängung der kleingewerblichen Hausindustrie durch die industrielle Konkurrenz sowie ein rascheres Bevölkerungswachstum und steigende Gemeinde- und Staatslasten waren Faktoren, die in ihrem Zusammenwirken zur weiteren Verarmung der bäuerlichen Gesellschaft beitrugen.3

Virulent war die Auswanderung aus Südwestdeutschland. Die wachsende Bevölkerung und die zunehmenden Schwierigkeiten ihrer Versorgung führten dort teilweise dazu, dass die Auswanderung als „soziales Ventil“ für die prekäre Lage erachtet wurde. Vielerorts bildeten sich Vereine zur Förderung der Auswanderung, wobei in einzelnen Kommunen die Kosten des Transports für die bedürftigen Bevölkerungsteile aufgebracht und diesen zur Verfügung gestellt wurden. Gleiches galt für staatliche Stellen, die ebenfalls die Auswanderung als „Notbehelf“ finanziell förderten. Der „Pauperismus“, eine Bezeichnung, die bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als begriffliche Umschreibung für die Massenarmut geläufig war, entstand im Wesentlichen aus einem langanhaltenden, strukturellen Mangel an ausreichenden Erwerbsmöglichkeiten für die seit dem 18. Jahrhundert stetig wachsende Bevölkerung in Deutschland. Die Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung bzw. eine sehr unregelmäßige Beschäftigung bildeten die Kernprobleme der sozialen Frage in der Periode des Vormärz (Zeitraum vor der deutschen Märzrevolution 1848).

Massenarmut und Verelendung bezogen sich hierbei vor allem auf die ländliche Bevölkerung. Im Zuge der industriellen Entwicklung wurden in steigendem Maße jedoch auch die städtischen Unterschichten davon betroffen. Zurückgeführt werden konnte dies u. a. auf das Überangebot an Arbeitskräften sowie eine besonders niedrige Lohnstruktur und die in den 1830er und 1840er Jahren steigenden Preise für die Grundnahrungsmittel. Der Pauperismus war somit nicht eine Folge der beginnenden Industrialisierung, sondern hatte bereits frühere und andersgeartete Ursachen. Er war insbesondere die Begleiterscheinung des Auflösungsprozesses der feudalen Ständeordnung und des tiefgreifenden Übergangs zu einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Entscheidend für die Entstehung der vormärzlichen (also vor 1848) Massenarmut waren die allmähliche Durchsetzung marktwirtschaftlicher Strukturen, die Kommerzialisierung und Kapitalisierung der großbetrieblich organisierten Landwirtschaft, sowie die Aufhebung der traditionellen Privilegien von Handwerkerzünften, Kaufmannsgilden und Bürgergemeinden. Es zeichnete sich somit eine Gesellschaftsordnung im Umbruch ab.

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Bevölkerung fast überall schneller als die vorhandenen Erwerbsmöglichkeiten wuchs, während gleichzeitig die bisherigen Möglichkeiten landwirtschaftlicher Selbstversorgung und der landläufigen Existenzsicherung durch die Nutzung der Gemeindeweiden und -wälder oder durch die Lese- und Sammelrechte in den herrschaftlichen Forsten zunehmend stärker beschnitten wurden. Die Diskrepanz zwischen Wachstum der Bevölkerung und Erwerbsmöglichkeiten als charakteristisches Hauptproblem jener Epoche erzeugte ein Umdenken auch im gesellschaftlichen Selbstverständnis hierdurch betroffener Personenkreise. Daher erschien die Notwendigkeit der Auswanderung als zunächst einzige, schnell wirksame Maßnahme, um der wachsenden Verarmung der Bevölkerung entgegenzuwirken.

Hinsichtlich einer planmäßigen Auswanderung bestand allerdings keine einheitliche Position unter den deutschen Staaten. Während z. B. Baden die Auswanderung bis 1855 durch staatliche finanzielle Mittel unterstützte und geschlossene Ortschaften zur Ausreise ermutigte, nahmen Hessen und Württemberg einem solchem Vorgehen gegenüber eine eher ablehnende Position ein. In diesen beiden Staaten befürchtete man nicht nur einen großen Bevölkerungsverlust, sondern auch die fehlende Kapazität, die erheblichen Kosten der organisierten Auswanderung aus dem Staatshaushalt bestreiten zu können. Hinzuweisen ist hierbei allerdings darauf, dass im 19. Jahrhundert in der Regel nicht die ganz armen Bevölkerungsteile nach Nordamerika auswanderten, sondern vielmehr diejenigen, die noch über ausreichend Geld verfügten (oder durch Verkauf ihres Eigentums erlösen konnten), um die Reise über den Atlantik und eine neue Existenzgründung finanzieren zu können. Vermehrt zogen also jene fort, die noch über finanzielle Mittel verfügten, aber befürchteten, auf Dauer zu verarmen.4

Die Entwertung oder der Verlust des heimatlichen Bodens schwächte bei vielen Deutschen daher die traditionelle Verbundenheit zur Heimat. Der Bruch mit der Heimatregion war umso leichter zu ertragen, als die sich stark durchsetzende gesellschaftspolitische Idee des Liberalismus sich mehr auf den Einzelnen und weniger auf die Gemeinschaft konzentrierte. Den sozial Schwächeren wurden Staat und Gesellschaft zunehmend verhasst oder machten sie diesen gegenüber zumindest indifferent. Einige veranlasste es auch dazu, radikale Ideen zu übernehmen bzw. zu vertreten oder sich radikalen Parteien anzuschließen. Vor allem die radikalen Parteien propagierten die zu nutzende Auswanderung als soziale Lösung.5

4.2. 1830er und 1848er Auswanderer als Wirtschaftsfaktoren und politische Kulturträger im Zielland USA

Unzufriedenheit mit den sozialen und politischen Umständen des Heimatlandes, vor dem Hintergrund der zunehmenden Verbreitung der Freiheitsideen der US-amerikanischen und französischen Revolution, ein repressives und kontrollierendes Verhalten der Behörden in den deutschen Staaten, veranlassten und motivierten viele, in Verbindung mit dem Drang nach stärkerer politischer Mitbestimmung, auszuwandern. Gerade auch die reaktionäre Politik nach den Karlsbader Beschlüssen vom September 1819, die den Beginn der sogenannten „Demagogenverfolgungen“ darstellten, mit der Folge strikter Kontrolle der Universitäten, dem Verbot von Burschenschaften, der Freiheitsbeschränkung der Presse, der Entlassungen von Universitätsprofessoren und dem Ergreifen repressiver Maßnahmen gegen studentische Anführer etc. hatten viele freiheitsliebende Bürger in Widerstand zu diesen antiliberalen Tendenzen gebracht. Besonders deutlich war ihr Anteil an der Auswanderung. Die nationale und liberale Bewegung, vornehmlich nach den Frankfurter Unruhen 1833 und dem Zusammenbruch der Revolution von 1848, hatte bei breiten bürgerlichen Bevölkerungsschichten einen tiefen Eindruck hinterlassen und sie oftmals für deren politische Ziele gewinnen können. Tausende von politisch Engagierten, Teilnehmern der Aufstände und enttäuschten Sympathisanten, so u. a. auch die bedeutenden „1848er“ (Carl Schurz, Friedrich Kapp etc.) wurden verfolgt oder sahen für sich in Deutschland keine Zukunft mehr und emigrierten in die Vereinigten Staaten von Amerika. Gerade die politischen Umstände in den einzelnen deutschen Staaten sowie das Scheitern der Revolutionen von 1830 und 1848 und der Aufstände in Baden und in der Pfalz 1849, hatten eine Atmosphäre der Einschüchterung liberaler Kräfte geschaffen und waren die äußeren Triebkräfte, die den sprunghaften Anstieg der Auswanderungszahlen nach 1830 („1830er“), aber vor allem nach 1848 verständlich machen. Diese Gruppen sollten in den USA auf ein stimmungsmässig positives Umfeld stoßen.

Schon seit den 1820er Jahren hatten die Vereinigten Staaten von Amerika mit ihren Freiheitsidealen Revolutionäre jeglicher Richtung angezogen. Die unabhängigen USA galten den fortschrittlichen politischen Kräften in Deutschland und in vielen anderen Ländern vornehmlich als Modell für die Ablösung feudaler Macht und absolutistischer Monarchie. Sie waren das herausragende und nahezu leuchtende Symbol für politische Freiheit und Gleichheit sowie Gradmesser für die liberalen Entwicklungen jener Epoche. Auch umgekehrt, als in Deutschland 1848 die Märzrevolution ausbrach, gab es auf Seiten der Deutsch-Amerikaner viel Sympathie für diese Revolutionsbewegung. Obwohl die Zahl der „Achtundvierziger“, die Deutschland verließen, in Relation zu den weiteren Auswanderergruppen relativ klein war -die Schätzung beläuft sich auf insgesamt etwa 6.000 Personen -spielten verhältnismäßig viele von ihnen später wichtige Rollen im öffentlichen Leben und in der Gewerkschaftsbewegung Nordamerikas. Sie prägten dort das Bild des liberalen bis radikaldemokratischen Deutsch-Amerikaners. Überwiegend gehörten sie akademischen Berufen an und erhofften sich dort Chancen auf einen wirtschaftlichen Aufstieg, die für sie in Deutschland weitgehend unrealisierbar waren oder so erschienen. Zu den wichtigsten politischen Repräsentanten der deutsch-US-amerikanischen „Bindestrich-Kultur“ des 19. Jahrhunderts gehörten Carl Schurz und Friedrich Kapp.

Carl Schurz war als gefangener revolutionärer Kämpfer der demokratischen Bewegung 1849 aus der Festung Rastatt ausgebrochen und hatte anschließend in Frankreich und Großbritannien gelebt. 1852 war er in die USA ausgewandert, wo er 1869-75 Senator von Missouri und schließlich 1877-81 Innenminister der Vereinigten Staaten von Amerika wurde. Zu den wenigen Revolutionären, die später nach Europa zurückkehrten, um dort – wenn auch inzwischen mit gemäßigter Haltung – wieder politisch aktiv zu werden, gehörte der anfänglich radikale Sozialist Friedrich Kapp. 1848/49 hatte er vorwiegend im Exil in Brüssel, Paris und Genf verbracht und war 1850 in die USA ausgewandert. In New York wurde er zum wohlhabenden Anwalt und wirkte zugleich als Journalist und Historiker für die dort lebenden Deutsch-US-Amerikaner, die er zusammen mit Carl Schurz nahezu geschlossen in die neue Republikanische Partei führte. Von 1866-70 war er Commissioner of Immigration (Beauftragter für Einwanderung) in New York, kehrte 1870 nach Deutschland zurück und gehörte von 1872-77 und 1881-84 als nationalliberaler und schließlich linksliberaler Abgeordneter dem Deutschen Reichstag an.

Die sogenannten deutschen 1848er zählten zu den bekanntesten politischen Aktivisten in den USA. Dort nahmen sie insbesondere an der öffentlichen Diskussion zu Arbeiterforderungen, Sklavenhaltung und Trennung der Südstaaten von der Union engagiert teil und bezogen dezidiert Positionen. Auch die von Deutschen in den USA gegründeten und organisierten Vereine, z. B. (freiheitlich gesinnte) Turnvereine (diese gehörten in der Revolution von 1848 bereits zu den einflussreichsten politischen Gruppierungen), Leseclubs, vertraten politische Anliegen, u. a. zu humanitären Themen, Forderungen zur Durchsetzung von Menschenrechten sowie zur - heftig geführten - Kontroverse um die Sklavereifrage etc. Auch ihr kulturelles Engagement, z. B. die Gründung von Gesangsvereinen und Schulen, fand weithin Beachtung.

Weniger Gewicht für die deutsche Auswanderung im 19. Jahrhundert hatten religiöse Motive, obwohl es diese bei einzelnen Gruppen durchaus gab (z. B. bei den Altlutheranern, schwäbischen Pietisten und Mennoniten).1

III. Sozial-ökonomische Aspekte im Verhältnis zwischen Herkunfts- und Zielstaat mit Einfluss auf die Massenauswanderung
1.Wegzug als Verlust für das Kapazitäts- und Entwicklungspotenzial Deutschlands und Gewinn für die Aufnahmeländer

Die große Ausstrahlung der damals positiven wirtschaftlichen Lage in den Vereinigten Staaten von Amerika, noch verstärkt durch die Berichte über Goldfunde in Kalifornien, hatte einen enormen Sogeffekt. Allein in den Jahren 1852-1854 wanderten weit über eine halbe Mio. Menschen, 1854 nahezu 240.000 Personen, aus. Nachdem im Zeitraum bis 1866 ein wirtschaftlicher Aufschwung in den deutschen Ländern erfolgt war, verbunden mit einem Anstieg der Löhne, zurückgehenden Lebensmittelpreisen sowie der unsicher werdenden politischen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten von Amerika, spiegelte sich dies auch alsbald im Rückgang der Auswanderung wider.

Überdies wurde die Auswanderung nach Brasilien durch das preußische Reskript von 1859 nahezu unterbunden. Dieser Erlass hatte seine Ursache u. a. in den Berichten über die Notlage der dorthin ausgewanderten Deutschen, ihre Ausbeutung durch die brasilianischen Plantagenbesitzer und ihre weitgehende Rechtlosigkeit.1

Nach 1866 gingen die Auswandererzahlen wieder nach oben. Ursache hierfür war das Ende des Sezessionskrieges in den USA sowie des Krieges deutscher Staaten mit Österreich 1866 und des anschließenden Krieges Deutschlands mit Frankreich 1870/71. Im Zeitraum 1866 bis 1870 wanderten ca. 576.000 Menschen aus, auch 1872/73 waren die Auswandererzahlen noch relativ hoch, was wohl im Zusammenhang mit den Kriegsfolgen stand. Umgekehrt kam es mit der Deutschen Reichsgründung 1871 zum ersten Mal zu einer stärkeren Rückwanderung, die wohl auf die neue Anziehungskraft des machtpolitischen Prestiges und den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands zurückzuführen war.2

Diese Rückwanderungstendenz verstärkte sich noch, als seit 1874 in den USA eine schwere Wirtschaftskrise ihren Ausgang nahm sowie schlechte Nachrichten über die Lage der deutschen Auswanderer in Brasilien bekannt wurden. Das führte ebenfalls zu einer Verminderung der Auswandererzahlen. Erkennbar wird hierdurch eine enge Korrelation zwischen den jeweiligen sozial-ökonomischen Verhältnissen in Herkunfts- und Zielländern.

Nach 1879 stieg die Auswanderung wieder an, 1880 allein mit ca. 100.000 Personen. Insgesamt stellte der Zeitraum 1881 bis 1890 mit mehr als 1 ¼ Mio. Auswanderern den Höhepunkt der deutschen Auswanderung dar. Dies spiegelte die tiefgreifenden wirtschaftlichen Veränderungen in jenen Jahren wider, in denen sich die Transformation Deutschlands vom überwiegend agrarischen zum überwiegenden Industriestaat vollzog. Absatzprobleme in der Industrie hatten neben Massenentlassungen von Arbeitern auch ein starkes Absinken der Löhne zur Folge. Die Landwirtschaft geriet zudem in eine neue, noch schwerere und nachhaltigere Krise. Infolge der Einbeziehung Deutschlands in den Weltmarkt kam es zu einem Fall der Agrarpreise, was wiederum eine erhebliche Verschuldung der Bauern zur Konsequenz hatte. Bei der besitzlosen Landbevölkerung verstärkte sich in dieser Krise wiederum der Wunsch nach Freiheit und Selbständigkeit.3

In den 1880er Jahren führte die Erschließung des Westens der USA durch weite Bahnstrecken zu einer starken Expansion der Industrie und einem erheblichen Mangel an Arbeitskräften. Die Folge war eine Steigerung der Löhne; durch die neuen Eisenbahnverbindungen wurden gleichzeitig auch riesige neue Landflächen im Westen für die Besiedlung erschlossen. Die Vereinigten Staaten von Amerika entwickelten sich so zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die durch die Verbilligung der Schiffspassagen des Atlantikverkehrs zudem noch leichter zugänglich geworden waren.4

Der deutsche Osten stellte im Weiteren das Hauptkontingent der Auswanderer. Allein in den Jahren 1881 bis 1883 umfasste die Auswanderung aus Preußen etwa 100.000 Menschen jährlich. Im agrarischen Ostelbien hatte ebenfalls die Grundbesitzverteilung die Hauptantriebskraft der Auswanderung von Kleinbauern und Landarbeitern gebildet. Die Abwanderung des deutschen Bevölkerungsteils wurde dort z. T. kompensiert durch polnische Saisonarbeiter. Als migrationsbegrenzender Faktor zeigte sich jedoch seit 1850 deutlich, dass die sächsischen, mitteldeutschen und rheinisch-westfälischen Industriezentren weit über ihren engeren Einzugsbereich hinaus die vom Lande abwandernde Bevölkerung anzogen.

Mit der besseren Organisation bzw. moderneren Schiffen für die Auswanderertransporte ergab sich auch eine regionale Ausweitung der deutschen Wegzugsgebiete und der Zielländer. Während im 18. Jahrhundert das Hauptherkunftsgebiet der Amerikaauswanderer der südwestdeutsche Raum war, breiteten sich im 19.Jahrhundert die Wegzugsgebiete auf Nordwestdeutschland und in der Folgezeit auf Mittel-, Süd- und Ostdeutschland aus. Die strukturellen Veränderungen im wirtschaftlich-sozialen Gefüge Deutschlands hatten zu einem gravierenden „Aderlass“ durch den auswandernden Bevölkerungsteil geführt und hierdurch die Entwicklungschancen in den betroffenen Regionen geschmälert.

Die Industrialisierung Deutschlands erbrachte jedoch einen neuen Trend und sollte im Weiteren nahezu alle verfügbaren Arbeitskräfte absorbieren, bis auf die Jahre 1891/92, in denen die Auswanderung über 100.000 Menschen betrug, um dann bis 1900 auf jährlich ca. 20.000 Personen zurückzugehen. Das Hauptauswanderungsland USA verlor seine hohe Anziehungskraft, nachdem die Siedlungsgrenze den äußersten Westen Nordamerikas erreicht hatte. Das begehrte Neuland war damit in unbeschränktem Umfang nicht mehr vorhanden und der beste Teil des Gebiets bereits vergeben. Die (überseeische) Auswanderung zum Zweck der Agrarbewirtschaftung kam nahezu völlig zum Stillstand, als in Gebieten des deutschen Ostens günstige Siedlungsmöglichkeiten eröffnet und so die Binnenkolonisation gefördert wurden. In der Neuen Welt waren zwar die Erwerbsmöglichkeiten sowie die Nachfrage nach Arbeitskräften größer und die Löhne höher, dafür allerdings lagen die dortigen Lebenshaltungskosten über denen in Deutschland. Hinzu kam, dass die industrielle Entwicklung Deutschlands den Lebensstandard der Gesamtbevölkerung zwischenzeitlich derart angehoben hatte, dass die überseeischen Auswanderungsregionen zunehmend an Attraktivität verloren. Seit 1895 wurde Deutschland vielmehr selbst ein Einwanderungsland von Personen aus dem Osten, die jedoch meist weniger qualifiziert waren als die deutschen Auswanderer.5

Aufgrund der inzwischen auch verbesserten Ernährungslage in Deutschland hatte die Massenauswanderung in dieser Periode nahezu ihr Ende erreicht; damit sollte auch der Kapazitätsgewinn der Aufnahmeländer durch die Auswanderer langsam seine Grenzen finden. Im 19. Jahrhundert verschob sich der Schwerpunkt der deutschen Hauptauswanderungsgebiete vom Südwesten nach Nordosten. Nicht zuletzt hing dies mit der Veränderung der zugrundeliegenden sozial-ökonomischen Bedingungen in den deutschen Regionen zusammen.

In bestimmten Gebieten, z. B. in Südwestdeutschland, hatte sich neben der fortgesetzten Aufteilung von Besitz durch die seit Generationen „üblich“ gewordene Auswanderung eine Migrationstradition herausgebildet; in fast jeder Familie gab es Angehörige oder Freunde im Ausland, so dass die Auswanderung zu einem gewissen Gewöhnungseffekt geführt hatte und keineswegs mehr als außergewöhnlicher Schritt erschien. Im Gegensatz zu früheren Epochen stieß die Wegzugsentscheidung inzwischen auf hohe gesellschaftliche Akzeptanz.6

Die deutsche Auswanderungsbewegung war lange Zeit nur durch die britische übertroffen worden. Seit ihrem ersten stärkeren Auftreten zu Beginn der 1840er Jahre hatte sie ununterbrochen nicht nur einen festen, sondern auch den relativ stärksten Anteil an der Einwanderung in die Vereinigten Staaten von Amerika. Von der Gesamteinwanderung in dieses Land im Zeitraum 1820-1890 (ca. 15.5 Mio. Personen) entfielen 29,2 Prozent auf die Deutschen. Danach wurde sie durch die italienische Auswanderung übertroffen, aber ihre absolute Größe ging nicht zurück. Im Jahrzehnt 1861-1870 umfasste sie 820.000, von 1871-1880 etwa 626.000 und im Zeitraum 1881-1890 ca. 1.34 Mio. Personen. Mit seinen ca. 330.000 USA-Auswanderern im Zeitraum 1900-1909 hatte Deutschland in etwa den Anteil -ca. 4 Prozent -an der europäischen Gesamtauswanderung erreicht, wie er zu Beginn im Jahr 1820 verzeichnet wurde. In den 100 Jahren von 1820 bis 1920 bildeten die Deutschen mit 5,5 Mio. Menschen die zahlenmäßig stärkste Einwanderergruppe in den USA, bis 1983 waren es über 7 Mio. deutsche Auswanderer. Unter den Zielländern der deutschen Überseeauswanderung nahmen die Vereinigten Staaten von Amerika die mit großem Abstand führende Stellung ein; etwa 90 Prozent der deutschen Auswanderer strebten nach diesem mit ideellen Freiheitsvorstellungen verbundenen Land. Die übrigen zehn Prozent verteilten sich vor allem auf Kanada, Argentinien, Brasilien sowie Australien und in weitem Abstand auf Südafrika. Die Mehrzahl der deutschen Auswanderer gehörte der Unter- und unteren Mittelschicht an.7

Die deutsche Massenauswanderung stellte einen der massivsten wirtschaftlich-sozialen Einflussfaktoren der Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert dar, denn sie bedeutete einerseits einen enormen Abfluss an Arbeitskraft und geistig-technischem Potenzial und förderte andererseits auch die demografische und wirtschaftlich-soziale Entwicklung in den Aufnahmeländern. Unter militärischen Gesichtspunkten waren zudem der Verlust von ausgebildeten Soldaten oder solchen, die der Militärpflicht im Herkunftsland unterlagen und der Gewinn von militärischer Erfahrung sowie Kapazität durch diese Gruppe in den Aufnahmeländern oft unübersehbar.8

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22 aralık 2023
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271 s. 2 illüstrasyon
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9783962298418
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