Kitabı oku: «Kraft zum Widerstand»
Manfred Scheuer
KRAFT ZUM
WIDERSTAND
Glaubenszeugen im
Nationalsozialismus

Bildnachweis:
Franz Jägerstätter: © Erna Putz
Otto Neururer: © Diözese Innsbruck
Jakob Gapp: © Diözese Innsbruck
Carl Lampert: © Archiv des Kapuzinerklosters Innsbruck
Engelmar Unzeitig: © Archiv Redaktion Mariannhill, Reimlingen
Josef Mayr-Nusser: © Josef Mayr-Nusser-Archiv, Diözese Bozen-Brixen
Clemens August von Galen: © Diözese Innsbruck
Franz Reinisch: © Diözese Innsbruck
Johann Gruber: © Sevda Chkoutova/Papa Gruber Kreis, St. Georgen an der Gusen
Angela Autsch: © Diözese Innsbruck

Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“
2017
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung, Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag
Unter Verwendung eines Bildes von Sakarin Sawasdinaka/Shutterstock
Lithografie: Arthilito, Lavis (I)
Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien
ISBN 978-3-7022-3632-8 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3649-6 (E-Book)
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at
Internet: www.tyrolia-verlag.at
Inhalt
Vorwort
Seliger Franz Jägerstätter (1907–1943)
Nicht Kerker, nicht Fesseln
Wie frei sind wir?
Mut zum Gewissen
Architektur des Krieges – Säulen des Friedens
Erinnerung und Verantwortung
Seliger Otto Neururer (1882–1940)
„Bewusste Täuschung und besonders gemeine Gesinnung“
Seliger P. Jakob Gapp SM (1897–1943)
„Liebe zu allen, gleich welcher Rasse und Religion“
Seliger Provikar Carl Lampert (1894–1944)
Selig, die um meinetwillen verfolgt werden
Seliger P. Engelmar Unzeitig CMM (1911–1945)
„Wenn keiner geht, gehe ich“
Seliger Josef Mayr-Nusser (1910–1945)
Wie ich es vor Gott und meinem Gewissen schuldig bin
Seliger Clemens August Kardinal von Galen (1878–1946)
Leben ist heilig
P. Franz Reinisch SAC (1903–1942)
Kein Eid auf den Führer
Johann Gruber (1889–1944)
Verbrecher oder Märtyrer?
Sr. Angela Autsch (1900–1944)
Ein Engel in der Hölle
Anmerkungen
Vorwort
„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Diese bekannte Aussage von Theodor Wiesengrund Adorno verschafft existentiellen Fragestellungen Raum: Gibt es ein „richtiges“ Leben in schwierigen Verhältnissen? Gibt es innere Freiheit in der Diktatur, unter Zwang und im Gefängnis? Gibt es gelebte Menschenwürde in Zeiten der Verachtung und des Hasses? Kann Liebe inmitten von Gewalt und Terror gelebt und verwirklicht werden? Gibt es ein Leben in der Wahrheit inmitten der Verblendungen und Ideologien? Wo leuchten Versöhnung und Frieden auf, wenn der Krieg als Naturgesetz betrachtet wird?
Zehn Jahre nach der Seligsprechung von Franz Jägerstätter im Linzer Mariendom am 26. Oktober 2007 sind in diesem Band Predigten, Betrachtungen und Meditationen zu Glaubenszeugen gesammelt, die im Kontext der Gedenkkultur in den Diözesen Innsbruck und Linz stehen. Es ist eine Spurenlese des Ausschau-Haltens nach dem ausgesetzten Menschen, nach dem leidenden Gott angesichts des Wahnsinns, des Terrors in der Zeit des Nationalsozialismus. Opfer, Zeugen und Märtyrer haben der Barbarei standgehalten, wollten das Unrecht nicht mitmachen, leisteten ihm Widerstand und haben unschuldig Verfolgten geholfen. Es gab in der damaligen Zeit Gerechte, die sich nicht vom Sog der Ideologie haben mitreißen lassen. Sie mussten ihr Leben lassen, weil sie kleine Zeichen der Solidarität mit Kollegen gesetzt haben. Sie haben ihr Leben für die Rettung anderer riskiert.
Anhand von Opfern, Zeugen und Märtyrern wird auf die Quellen der Widerstandskraft geschaut. Was war das Prinzip und Fundament ihres Lebens und Glaubens in dunklen Zeiten, und wie haben sie einen Richtungssinn, eine Orientierung gewonnen? Wie haben sie in der Verfolgung, im Angesicht des Todes ihre innere Kraft gestärkt? Was stärkt das Rückgrat gegen die Übermacht der Not? Wie konnten sie Resignation und Zynismus entgegenwirken?
Der wichtigste Beitrag des christlichen Glaubens für eine Kultur der Erinnerung ist das Wachhalten der Frage nach den Toten und ihrem Geschick. Christen erinnern sich der Toten, nicht damit sie leben, sondern weil sie leben. Sie hoffen auf Leben und Gemeinschaft mit den Verstorbenen über den Tod hinaus. In der „memoria passionis“ geht es um die Verweigerung, sich damit abzufinden, dass die Toten in alle Ewigkeit tot bleiben, die Besiegten besiegt und die Durchgekommenen und Erfolgreichen in alle Ewigkeit oben bleiben. Wir gedenken der Opfer und Zeugen, weil die Beziehung zu den Verstorbenen nicht fertig ist, vielleicht noch offene Rechnungen da sind, weil es noch Wunden gibt, Verletzungen heilen sollen oder noch Abschied von Trübungen heilsam ist. Wir gedenken derer, die durch ihr moralisch-ethisches Handeln und durch ihren Tod den Namen Gottes geheiligt haben: „Kiddusch Haschem“, d. h. die Heiligung des Namens Gottes (Lev 22,32; Lev 21,6). Es dient dem Frieden, das Gedächtnis vergangener Leiden wachzuhalten in dem Sinn, dass die Schreckensbilder der Vergangenheit davor abhalten sollen, in der Gegenwart die Hölle des Krieges zu entfachen.
Linz, im Frühjahr 2017+ Manfred Scheuer
SELIGER FRANZ JÄGERSTÄTTER (1907–1943)

Nicht Kerker, nicht Fesseln
Franz Jägerstätter1 wurde am 20. Mai 1907 in St. Radegund, Oberösterreich (Diözese Linz), als Kind der ledigen Bauernmagd Rosalia Huber geboren. Sie und der Vater, Franz Bachmeier, konnten als Magd bzw. Knecht nicht heiraten. Die Erziehung des Kindes übernahm die Großmutter, Elisabeth Huber, eine liebevolle, fromme und vielseitig interessierte Frau. Die materielle Not während des Ersten Weltkrieges war in der Region groß. In der Schule wurde das Kind Franz wegen seiner Armut benachteiligt. Die Mutter heiratete 1917 den Bauern Heinrich Jägerstätter, der bei der Hochzeit das Kind seiner Frau adoptierte. Inspiriert durch den (Adoptiv-)Großvater interessierte sich Franz als Heranwachsender für Bücher, darunter auch für religiöse Literatur. Von seinem Adoptivvater erbte er den Bauernhof.
1927 bis 1930 arbeitete Franz Jägerstätter im Erzabbau in Eisenerz (Steiermark). Dort erfuhr er sich geistig und religiös entwurzelt und machte eine Glaubens- und Sinnkrise durch. 1933 wurde er Vater einer unehelichen Tochter, Hildegard. 1935 lernte er Franziska Schwaninger kennen, sie heirateten am Gründonnerstag 1936. Die Ehe wurde zum Wendepunkt im Leben Franz Jägerstätters. In der Folge sei er ein anderer geworden, so die Nachbarn. Franz und Franziska beteten miteinander, und die Bibel wurde zum Lebensbuch des Alltags. Franziska über diese Zeit: „Wir haben einer dem anderen weitergeholfen im Glauben.“ Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor, Rosalia (* 1937), Maria (* 1938) und Aloisia (* 1940).
Den Nationalsozialisten, die in Österreich 1938 die Macht übernahmen, verweigerte Jägerstätter von Anfang an jede Zusammenarbeit oder Unterstützung, denn Christentum und Nationalsozialismus waren für ihn völlig unvereinbar. 1940 wurde er zum Militärdienst einberufen, auf Betreiben der Heimatgemeinde aber zweimal unabkömmlich gestellt. Einer weiteren Einberufung wollte er nicht mehr Folge leisten, denn mitzukämpfen und zu töten, sodass Hitler die ganze Welt beherrschen könnte, sah er als Sünde an. Die Mutter, Verwandte und auch befreundete Priester versuchten, ihn umzustimmen. Seine Frau Franziska hoffte zwar auch auf einen Ausweg, stand aber zu ihm in seiner Entscheidung: „Wenn ich nicht zu ihm gehalten hätte, hätte er gar niemanden gehabt.“
Nach der erneuten Einberufung meldete sich Franz Jägerstätter am 1. März 1943 bei seiner Stammkompanie in Enns, erklärte aber sofort, „dass er auf Grund seiner religiösen Einstellung den Wehrdienst mit der Waffe ablehne, … dass er gegen sein religiöses Gewissen handeln würde, wenn er für den nationalsozialistischen Staat kämpfen würde; … er könne nicht gleichzeitig Nationalsozialist und Katholik sein; … es gebe Dinge, wo man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen; auf Grund des Gebotes ‚Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst‘ dürfe er nicht mit der Waffe kämpfen. Er sei jedoch bereit, als Sanitätssoldat Dienst zu leisten“ (Aus der Begründung des Reichskriegsgerichtsurteils vom 6. Juli 1943).
Wegen Wehrkraftzersetzung wurde Franz Jägerstätter zum Tod verurteilt und am 9. August 1943 in Brandenburg/Havel enthauptet. Die beiden Seelsorger, Pfarrer Kreutzberg in Berlin und Pfarrer Jochmann in Brandenburg, sahen in ihm einen Heiligen und Märtyrer. Im Jahre 1965 verwies Erzbischof Thomas D. Roberts bei der Arbeit an der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils in einer schriftlichen Eingabe auf die einsame Gewissensentscheidung Franz Jägerstätters: „Märtyrer wie Jägerstätter sollen nie das Gefühl haben, dass sie allein sind.“ Franz Jägerstätter wurde am 26. Oktober 2007 im Linzer Mariendom seliggesprochen.
GIBT ES EIN RICHTIGES LEBEN IM FALSCHEN?
„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“2 So lautet ein berühmtes Diktum von Theodor W. Adorno. Er sagt das im Zusammenhang mit der Kritik am Wohnen unter der Überschrift „Asyl für Obdachlose“. – Gibt es kein humanes Leben angesichts der Bedrohung und der Gewalt? Gibt es ein „richtiges“ Leben in bedrückenden Verhältnissen? Kann man gut leben und arbeiten in entfremdenden Systemen und Zwängen? Das gilt in ganz unterschiedlichen Bereichen: Was im Bereich von Wirtschaft, Wissenschaft oder Medien wichtig ist, wird meist erschlossen über Kennziffern, Benchmarks und Rankings. Und doch erreichen Zahlen und das Ökonomieprinzip insgesamt nicht die Herzmitte des Menschen, ja sie können zwischenmenschliche Beziehungen vergiften und verhexen. Gibt es überhaupt einen Vorrang des Menschen vor dem Kapital? Kann Wirtschaft human sein angesichts der Börsen und Aktienkurse, angesichts der „Sachzwänge“ eines undurchschaubaren Marktes? Oder was ist mit der zunehmenden Bürokratie in der Schule, in den Krankenhäusern, in der Verwaltung? Unter der Dokumentationspflicht leiden fast alle, die mit Pflege zu tun haben. Kann man gut Arzt sein im gegenwärtigen Gesundheitssystem, gut pflegen unter den derzeitigen politischen Rahmenbedingungen? Und die Politik? „Treiben Sie keine Politik. Rauchen Sie lieber Tabak, das verdirbt nur die Gardinen.“ So lautete der Rat einer Frau an einen Mann in Gustav Freytags Komödie „Die Journalisten“. Viele Menschen sind der Auffassung, dass die Politik den Charakter eines anständigen Menschen verderbe. Oft hört man den Satz: „Politik ist nun einmal ein schmutziges Geschäft.“ Oder kann Politik so etwas sein wie „angewandte Liebe zur Welt“ (Hannah Arendt)? Können wir individuell, d. h. als Einzelne und privat Christen sein in Zeiten der öffentlichen Säkularisierung, wenn die Bereiche der Politik, der Wirtschaft oder auch der Wissenschaft so abgehandelt werden, als ob es Gott nicht gäbe („etsi Deus non daretur“)? Können wir heute das Evangelium leben, oder geht das nur in einer Gegenwelt bzw. Scheinwelt der Wahrheit und Liebe, die von der Gegenwart, von den Fragen und Nöten der Leute nicht beeinflusst ist? Geht Glauben nur fundamentalistisch mit Mustern wie Freund-Feind, Schwarz-Weiß?
Und was ist mit der Kirche selbst? Der im Februar 1945 von den Nazis hingerichtete Jesuit Alfred Delp hat schon damals massiv die Selbstgenügsamkeit und Inzüchtigkeit im kirchlichen Leben kritisiert.3 Die Verbürgerlichung und Bürokratisierung führt zu einem Menschentyp, „vor dem selbst der Geist Gottes, man möchte sagen, ratlos steht und keinen Eingang findet, weil alles mit bürgerlichen Sicherheiten und Versicherungen verstellt ist“4. Der Bürger ist für ihn „das ungeeignetste Organ des Heiligen Geistes“5. „Aber die Amtsstuben! Und die verbeamteten Repräsentanten. Und diese unerschütterlich-sicheren ‚Gläubigen‘! Sie glauben an alles, an jede Zeremonie und jeden Brauch, nur nicht an den lebendigen Gott.“6 Können wir Kirche in der Nachfolge Jesu leben in Zeiten massiver Kirchenkritik, bei den persönlichen Verletzungen und Kränkungen, im Ärger über die Vorgänge der letzten Monate, bei den konkreten Amtsträgern und in den real existierenden Gemeinden?
NICHT KERKER, NICHT FESSELN …
Selige in der NS-Zeit wie Franz Jägerstätter haben sich die innere Freiheit in der Diktatur und im Gefängnis bewahrt. Die äußere Gefangenschaft war für Franz Jägerstätter ein Ort der inneren Freiheit und des Friedens: „Solange man ein ruhiges Gewissen haben kann, dass man kein schwerer Verbrecher ist, kann man auch im Gefängnis im Frieden leben.“ „Wenn man gegen niemanden Rachegedanken hat und allen Menschen verzeihen kann, … so bleibt das Herz in Frieden“7 (Brief an Franziska vom 7. 5. 1943). Das Gefängnis sieht er als Ort an, wo er die „schönsten Exerzitien machen“8 kann. Er fühlt sich dort von Gott nicht verlassen, weil er die Kommunion empfangen kann.9 Die Kerkermauern können den Glauben und die Liebe zu Franziska nicht zerstören: „Wenn ich auch jetzt hinter Kerkermauern sitze, so glaub ich dennoch auch weiterhin auf deine Liebe und Treue bauen zu dürfen“10 (Brief an Franziska vom 9. 4. 1943). Die äußere Verblendung führte zu keiner Abstumpfung des Gewissens, die Meinung der Massen nicht zur Anpassung seiner Urteilskraft, die Nazi-Ideologie nicht zur Menschenverachtung und Gottlosigkeit, die äußere Unfreiheit nicht zur Knechtung des Willens, das Gehabe der Macht der Starken nicht zum Willen zur Macht. „Werde hier nun einige Worte niederschreiben, wie sie mir gerade aus dem Herzen kommen. Wenn ich sie auch mit gefesselten Händen schreibe, aber immer noch besser, als wenn der Wille gefesselt wäre. Offensichtlich zeigt Gott manchmal seine Kraft, die er dem Menschen zu geben vermag, [jenen] die ihn lieben und nicht das Irdische dem Ewigen vorziehen. Nicht Kerker, nicht Fesseln auch nicht der Tod sind es imstande, einen von der Liebe Gottes zu trennen, ihm seinen Glauben und den freien Willen zu rauben. Gottes Macht ist unbesiegbar“11 (Aufzeichnungen aus der Zeit nach der Verurteilung zum Tod).
„Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen könnte, wenn sie sich ihm vorbehaltlos anvertrauen“ (Ignatius von Loyola). „Alle Menschen werden als Originale geboren, die meisten sterben leider als Kopien“ (Blaise Pascal). Gott ist kein Konkurrent, kein Rivale des Menschen. Gott ist kein dämonischer Vampir, der den Menschen mit seiner Freiheit und mit seinem Selbstbewusstsein aufsaugen und verschlingen würde. In der Menschwerdung Gottes wird der Mensch unendlich wichtig, unsagbar groß und schön, weil beschenkt durch Gott selbst und mit ihm selbst. So ist die „Ehre Gottes der lebendige Mensch“ (Irenäus von Lyon). – Franz Jägerstätter hat nicht zu groß von der Macht der Nazis gedacht und nicht zu klein von den Möglichkeiten Gottes mit ihm. Er hat die Wahrheit gelebt in einer Welt der Lüge, die Liebe in einer Welt der Verachtung, er hat das Leben geliebt in einer Welt des Totenkopfes. Und er hat geglaubt in einer Welt der Blindheit und der Verblendung. Jägerstätter war keiner, der der Mehrheit nach dem Mund geredet hat. Er wollte sich nicht auf allgemeine Vorschriften und Regeln ausreden. Er ist ein „einsamer Zeuge“ des Gewissens. Jägerstätter spricht sehr deutlich von Verantwortung und Verantwortungslosigkeit, von Sünde und Schuld, auch im Hinblick auf den Krieg und die damit verbundenen Verbrechen.12
ZERSTÖRUNGS- UND AUFBAUWERKE
Das Verhalten der Kirche in Österreich im Jahre 1938 sieht Franz Jägerstätter als Gefangennahme bzw. als Sich-gefangen-nehmen-Lassen der Kirche an. Er fragt, was es denn für ein Unterschied sei, wenn auch nicht eine Kirche mehr geöffnet sei, wenn die Kirche doch ohnehin zu allem schweige, was geschehe. Er setzt sich mit der äußeren und inneren Zerstörung der Kirche auseinander: „Wäre ein Mensch imstande, sämtliche Kirchen der Welt zu zerstören, die ja wieder aufgebaut werden können, würde er kein so schweres Verbrechen begangen haben als einer, der imstande ist, einen Menschen um den Glauben zu bringen. … Aber nach meiner Ansicht hat jener mehr Erfolg am Zerstörungswerk der Seelen, der die Kirchen stehen lässt, ja sogar zum Bau der Kirchen beisteuert und mehr mit List und Schlauheit arbeitet, als einer, der gleich das Kirchenabreißen anfangt und sämtliche Priester verhaften lässt. Werden da einem (mit) Kirchen noch etwas geholfen sein, wenn man nicht mehr viel oder gar nichts mehr glaubt“13 (Aufzeichnungen aus der Zeit nach der Verurteilung zum Tod)?
„Sind die Priester [ist uns mit den Priestern?] noch so viel geholfen, wenn sie dort schweigen müssen, wo sie reden sollten? Ist vielleicht einem Arzt viel geholfen, wenn man ihn zu einem Menschen holt, der an schwerer Blutung daniederliegt und dem Arzt ist es verboten, dem Patienten einen Verband anzulegen?“14 Franz Jägerstätter hat die Kirche seiner Zeit und auch das Schweigen der Priester und Bischöfe gegenüber dem nationalsozialistischen Wahnsinn kritisch gesehen. Seine Kritik war aber sicher nicht oberflächlich, sondern kam von der Wurzel des Glaubens her: „Oberflächenmenschen finden am meisten Anlass zum Nörgeln am Tun und Lassen der kirchlichen Behörde.“15 So ist er zu einem Geburtshelfer einer neuen Gestalt von Kirche geworden.
Selige und Märtyrer wie Franz Jägerstätter vollziehen mit Jesus die Solidarität mit den Menschen in der Zeit mit und gehen nicht auf Distanz. „In einer in Scherben zersprungenen Christenheit machten sie die Erfahrung eines grundlegenden Abfalls. Sie leben die Dekomposition eines Kosmos und sind darin exiliert. Sie sind aus ihrem Land verjagt von der Geschichte, welche sie erniedrigt. … Die Mystiker lehnen die Ruinen, die sie umgeben, nicht ab. Sie harren dort aus. … Nicht etwa weil sie mit dem Niedergang sympathisierten. Sondern weil diese heruntergekommenen Orte die tatsächliche Lage des Christentums ihrer Zeit repräsentierten. Eine durch Umstände bedingte, aber gewollte Solidarität mit dieser kollektiven Misere zeigt den Ort einer Verwundung an“16 (Michel de Certeau). Franz Jägerstätter hat Kirche gelebt und aufgebaut. Er hat sein Leben und Sterben „für andere“ verstanden. Und so ist sein Tod ein Same für den Glauben heute: „Semen est sanguis Christianorum. – Ein Same ist das Blut der Christen“17 (Tertullian).
Man kann die Zeit des Nationalsozialismus nicht mit der heutigen Zeit vergleichen. Zu unterschiedlich sind die Ideologien und Plausibilitäten, zu gegensätzlich die Moden und Meinungen, zu diffus heute die Mächte, anders die Formen der Müdigkeit und der Resignation, anders die jeweiligen blinden Flecken. Und doch kann uns der Selige zeigen, dass es ein richtiges Leben im falschen gibt, echte Nachfolge Jesu in der Verfolgung, einen authentischen Glauben gegenüber der Ideologie, Humanität im Angesicht der Barbarei, Hoffnung im Untergang, Kraft in der Müdigkeit, Liebe in der Gleichgültigkeit und im Hass.
Wie frei sind wir?
Am 9. August gedenken wir der heiligen Edith Stein, Sr. Teresia Benedicta a Cruce, und des Todestages des seligen Franz Jägerstätter. Faszinierend an diesen großen Gestalten ist ihre innere Freiheit gegenüber dem totalitären Regime und gegenüber Gott und Menschen verachtenden Ideologien. Sie hatten keine Angst und waren nicht von Menschenfurcht geprägt, sondern von der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Franz Jägerstätter, Edith Stein und Jean Goss, katholischer Aktivist für Frieden, Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit, nehmen uns in die Schule der Freiheit. Der Weg zur Freiheit ist kein Weg in die Sucht. Ohne Läuterung und Reinigung von Fixierungen, Abhängigkeiten und Süchten wird die Erfahrung des Glaubens getrübt und der Weg der Freiheit verschlossen bleiben. Es geht um die innere Freiheit: Johannes vom Kreuz, mit dem sich Edith Stein intensiv beschäftigt hat, formuliert das eindringliche Bild vom Vogel und der Leimrute: Mit einer mit Leim bestrichenen Rute wurden in Spanien Vögel gefangen. Setzt sich nun ein Vogel auf den mit Leim bestrichenen Ast, kann er nicht mehr fliegen. Und selbst wenn er nur mit einer einzigen Feder an der Leimrute klebt, ist er nicht frei und vermag nicht zu fliegen. Dieses Bild wendet Johannes vom Kreuz auf den Menschen an: Wo ein Mensch an etwas klebt – an Dingen, an Menschen, an sich selbst –, kann er sich nicht frei dem Geist Gottes überlassen. Und mag der Faden, mit dem er an etwas gebunden ist, auch so dünn sein wie eine Feder, so kann er nicht fliegen. Erst wenn er den Faden durchschneidet und die Bindung zerreißt, kann er sich vom Geist Gottes tragen lassen. Wie frei sind wir wirklich? Es geht um die Frage, welchen Kräften wir „auf den Leim gehen“. Geld macht geil. Das kann man zusammen lesen, aber auch getrennt: Geld – Macht – Geilheit. Die Kraft des Ja zu Gott zeigt sich in der Kraft des Nein zu Götzen.
Wie frei sind wir? Da gibt es viele „Sachzwänge“ in der Finanzwelt, in der Wirtschaft, in der Politik, in den Bildungssystemen, aber auch Sicherheitsdoktrinen. Man scheint ausgeliefert und ohnmächtig zu sein gegenüber anonymen Fädenziehern. Kann man sowieso nichts machen und verändern? Und wie ist das mit festgefahrenen Fronten in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, mit starren Mustern von Freunden und Feinden? Jürgen Habermas spricht hier von der Kolonisierung der Lebenswelt durch systemische Intervention. Besondere Bedeutung komme hier dem Recht zu, das einerseits die Medien, die Macht und das Geld lebensweltlich verankern kann, auf der anderen Seite – als systemisch verfasster Handlungszusammenhang – auf nichtkommunikative Art in die Lebenswelt interveniert.18 Die Kolonisierung der Lebenswelt durch die modernen Kommunikationsmedien ist zur universellen Wirklichkeit geworden. – Franz Jägerstätter wurde in einem Traum bald nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich klar, dass der Sog der Ideologie und Barbarei Millionen ins Verderb führen werde. Er hat für seine innere Freiheit den Preis der Einsamkeit bezahlt. Mit Ausnahme seiner Frau haben ihn fast alle in Kirche und Gesellschaft nicht verstanden und allein gelassen. Positiv war die Einsamkeit als Raum der Freiheit und der Gottesliebe.19
HABE DEN MUT
„Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ So hieß Kants Antwort auf die Frage „Was heißt Aufklärung?“20 Die selbst verschuldete Unmündigkeit hatte ihren Grund nach dem seligen Franz Jägerstätter darin, dass seine Zeitgenossen ihr eigenes Denken und ihre eigene Verantwortung abgegeben hatten. Dass zu dieser Form von Aufklärung stets Mut gehört, kann nicht nur an Jägerstätter ersehen werden. Nur ist für ihn, im Gegensatz zu Kant und unseren Spätaufklärern heute, das vorzügliche Objekt solcher Aufklärung nicht die Religion, sondern die gesellschaftliche und politische Ideologie. Motiv für seine Form der Aufklärung ist dabei nicht die eigene Entschließung einer sich als autonom vorkommenden Vernunft, sondern schlicht eine Passage aus der Pfingstsequenz, die er ironisch mit Blick auf den Führergehorsam anführt: „Die Gabe der Weisheit und des Verstandes dürfen wir dann bei den sieben Bitten, um die wir zum Hl. Geist beten, gleich streichen. Denn wenn wir ohnedies blindlings dem Führer zu gehorchen haben, zu was brauchen wir da viel Weisheit und Verstand?“21
Selige in der NS-Zeit wie Franz Jägerstätter haben sich die innere Freiheit in der Diktatur und im Gefängnis bewahrt: „Besser die Hände gefesselt als der Wille“, schreibt er in seinen Aufzeichnungen. Lebensraum dieser Freiheit und Verantwortung, die Jägerstätter vor der Menschenfurcht und vor dem Aufgehen in der Masse bewahren, sind übrigens Gebet, Sonntag und Eucharistie. An Hans Rambichler schreibt er am 30. November 1941: „Gib ja das Beten nicht auf, damit Du nicht von dieser Schwachheit der Menschenfurcht überwältigt wirst.“22 Und im Gebet, bei der Schriftlesung und bei der Feier der Eucharistie weiß er sich von Gott im Gewissen angesprochen, beim Namen gerufen und geliebt: „Und weil das Auge dort ist, wo die Liebe weilt, erfahre ich, dass Du mich liebst. … Dein Sehen, Herr, ist Lieben, und wie Dein Blick mich aufmerksam betrachtet, dass er sich nie abwendet, so auch Deine Liebe. … Soweit Du mit mir bist, soweit bin ich. Und da Dein Sehen Dein Sein ist, bin ich also, weil Du mich anblickst. … Indem Du mich ansiehst, lässt Du, der verborgene Gott, Dich von mir erblicken. … Und nichts anderes ist Dein Sehen als Lebendigmachen. … Dein Sehen bedeutet Wirken.“23
FREIHEIT UND VERANTWORTUNG
Freiheit ist nicht zu lösen von Verantwortung. Franz Jägerstätter hat seine Entscheidung gegen den Krieg und gegen den Nationalsozialismus aus Verantwortung gegenüber Gott und gegenüber allen Menschen gelebt, nicht nur dem eigenen Volk gegenüber. Und er hat auch an kommende Generationen gedacht. In seinem Abschiedsbrief vom 9. August 1943 an Franziska schreibt er: „Grüßet mir auch noch herzlich meine lieben Kinder, ich werde den lieben Gott schon bitten, wenn ich bald in den Himmel kommen darf, auch für Euch alle ein Plätzchen anzuschaffen.“24 Freiheit ist nicht einfach Selbstbehauptung oder eine Frage der Macht. Schon gar nicht ist Freiheit bloße Beliebigkeit oder besseres Durchsetzungsvermögen. Gegenwärtig scheint mir, dass Freiheit und Frieden neben den Feldern der Wirtschaft und Gerechtigkeit, neben Kulturen und Religionen auch im Miteinander bzw. Konflikt zwischen den Generationen zu bedenken sind. Jede Generation hat zweifache Pflichten: gegenüber der Vorgängergeneration, die aufgebaut und ermöglicht hat, und gegenüber der Nachfolgegeneration, die weiterbauen wird. Die Gesellschaft ist ein Ganzes und bildet eine Schicksalsgemeinschaft, bei der die Schicksale der einzelnen Generationen miteinander verwoben sind. Die Gesellschaft schuldet der Jugend ein gutes Lebensfundament und einen guten Start ins Leben. Ein gutes Lebensfundament sind Selbstwissen, Selbstachtung und Selbstvertrauen. Junge Menschen müssen wissen, wer sie sind, was sie wollen, was sie können, wenn sie im Leben einen guten Weg gehen möchten. Der gute Start ins Leben hat mit offenen Türen und echten Gelegenheiten zu tun. Kurz, die Gesellschaft schuldet den jungen Menschen die Möglichkeit, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und an einer Existenz zu bauen.
Junge Leute brauchen zu einem erfüllten Leben eine Lebensrichtung, eine Lebenstiefe, Lebenskraft, ein „Warum“ im Leben. Und sie brauchen einen Lebensplatz. „Lebensplatz“ ist analog zum „Arbeitsplatz“ mehr als nur „Leben“, so wie ein Arbeitsplatz mehr als nur Arbeit ist. Er ist eine Verankerung im Leben mit wichtigen Bezugspersonen, mit wichtigen Tätigkeiten, mit dem Wissen um Zugehörigkeit. Junge Menschen brauchen Anerkennung durch eine Gruppe von Gleichgestellten, Anerkennung durch Begleiterinnen und Begleiter, Anerkennung durch Gruppen, denen sie angehören, Anerkennung für erbrachte Leistung.
Von der erwachsenen Generation ist eine starke Sorge notwendig, eine Verantwortung, für die man sich ernsthaft entschieden hat. Begleitung möge durch Menschen erfolgen, die nicht nur an sich selbst und der eigenen Autonomie interessiert sind, sondern „generative Menschen“ sind, also Menschen, die selbst auf festem Grund stehen, Vertrauen vermitteln und Freude am Blühen anderer haben. Was hinterlassen wir: einen Schuldenberg, verbrannte Erde, einen Scherbenhaufen? Oder: „Fürchte dich nicht / es blüht / hinter uns her.“25
Mut zum Gewissen
Von Hannah Arendt stammt das Wort von der „Banalität des Bösen“. Es sollte die Durchschnittlichkeit des Täters bezeichnen und nahelegen, zu sagen: Die große Masse war nicht besser als Adolf Eichmann. Es war der Typus des moralisch durchschnittlichen Schreibtischtäters, der kein Unrechtsbewusstsein aufzubringen vermochte. In einer technisierten und bürokratisierten Welt wurden der Völkermord und die Ausrottung „überflüssig“ erscheinender Bevölkerungsgruppen geräuschlos und ohne moralische Empörung der Öffentlichkeit zur Gewohnheit. Die Einzigartigkeit des Holocaust erblickte Arendt im Fehlen jeglicher moralischer Dimensionen. Eichmanns Handlungen und Entscheidungen waren banal, gedankenlos, gewissenlos, vordergründig ohne teuflisch dämonische Tiefe. Eichmann entschuldigte sich damit, dass er nicht als Mensch, sondern als bloßer Funktionär gehandelt habe.26
Franz Jägerstätter verweigerte jeder menschlichen Instanz den absoluten Gehorsam. „Keiner irdischen Macht steht es zu, die Gewissen zu knechten. Gottes Recht bricht Menschenrecht.“27 „Was will Gott von uns? Dass wir seinen Willen tun. Sein Wille wird erkannt, nicht bloß in seinen Geboten, auch in unsrem Leben, in unsrem Beruf und Stand.“ Er blieb seinem Gewissen treu, selbst als ihn alle priesterlichen Begleiter, alle staatlichen und kirchlichen Autoritäten an die gebotene Sorge gegenüber seiner Familie und an seine Pflichten gegenüber Volk und Vaterland erinnern. Er wollte sich nicht auf allgemeine Vorschriften und Regeln ausreden. Von den Grundsätzen der allgemeinen Moral hätte ihm auch der leichtere Weg offen gestanden. Jägerstätter verlangt von sich selbst mehr, als in dieser vergleichbaren Situation allen anderen zugemutet werden könnte.
Mit der Berufung auf das Gewissen wird oft das Ziel verfolgt, die individuellen Kosten einer Entscheidung niedrig zu halten.28 – Dem gegenüber haben nach ihrem Gewissen Handelnde wie Thomas Morus oder Franz Jägerstätter einen hohen Preis für die Treue zu ihrem Gewissen bezahlt, einen Preis, der das Opfer des eigenen Lebens einschloss. Im Zeugnis von Franz Jägerstätter strahlt die Würde der menschlichen Person auf, die Würde des menschlichen Gewissens. Das Gewissen, so gelebt, ist kein Handlanger der Eigeninteressen. Es gibt nicht die Erlaubnis für alles und jedes, es ist nicht die Instanz der Beliebigkeit oder der Auflösung der Normen. Das Gewissen ist der Ort der Erfahrung des Unbedingten, das uns in Anspruch nimmt. Es ist der Ort der Begegnung zwischen Gott und Mensch. Bei der Entscheidung Jägerstätters geht es um sittliche Urteilskraft, um ein Gewissensurteil, das nicht im Geschrei der Massen mitplärrt. Der damalige Kontext waren Krieg und Frieden, Gerechtigkeit und Terror, Leben oder Tod. Beim Gewissenszeugnis Jägerstätters geht es also ganz und gar nicht um Willkür oder Unverbindlichkeit, auch nicht um eine Skepsis gegenüber Ethik und Moral. Im Gegenteil: Aus der Rückschau erinnert sein Gewissensprotest gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime daran, dass die Maßstäbe von Gut und Böse unverrückbar bleiben, auch wenn sie in der damaligen pervertierten öffentlichen Moral kaum Widerhall fanden. Heute sind die Kontexte vielleicht anders, aber es geht auch um Fragen des Rechts auf Leben, um Menschenwürde, um Gerechtigkeit, um die Gottesfrage.
Jägerstätter war also keiner, der der Mehrheit nach dem Mund geredet hat. Die Zeiten des Kollektivismus in Nationalsozialismus oder Kommunismus sind einmal vorbei. Und doch: Auch wenn seit Jahrzehnten von Überwindung der Entfremdung, von Selbstfindung, Subjektivität, Identitätsbildung und auch von Selbstverwirklichung gesprochen wird, haben doch viele eine riesige Angst vor dem Ich, sie gehen auf im „Man“, in der Rolle, sie schwimmen in der Masse mit. Als „Man“ lebe ich aber immer schon unter der unauffälligen Herrschaft der anderen. „Jeder ist der andere und keiner er selbst. Das Man ist das Niemand.“29
Einsamer Zeuge des Gewissens, Anwalt einer wahren Aufklärung ist Jägerstätter gerade in einer Zeit, in der ethische Werte auf den Kopf gestellt werden, in der nicht die ethische Existenz und die Verantwortung entscheidend sind, sondern die ästhetische Lebensform. Er steht wie ein Leuchtturm gegen die Resignation in das Schicksal, er bezeugt, dass der Einzelne nicht einfach machtlos anonymen Prozessen ausgeliefert ist.
GEWISSEN UND SCHULDFÄHIGKEIT
Franz Jägerstätter spricht sehr deutlich von Verantwortung und Verantwortungslosigkeit, von Sünde und Schuld, auch im Hinblick auf den Krieg und die damit verbundenen Verbrechen. „Über die Verantwortungslosigkeit! Man kann in der heutigen Zeit gar oft hören, das kann und darf man ruhig tun, die Verantwortung darüber tragen ja andere und so wird die Verantwortung hinaufgeschoben von einem zum anderen, keiner will für etwas verantwortlich sein und so müssten nach menschlicher Beurteilung über die ganzen Verbrechen und Schrecklichkeiten, die man gerade in der jetzigen Zeit zur Genüge begeht, einmal nur einer oder höchstens zwei dafür büßen. Zeigt das noch von christlicher Nächstenliebe, wenn ich eine Tat begehe, die ich zwar für schlecht und höchst ungerecht halte, sie aber trotzdem begehe, weil ich sonst am eigenen Körper oder an der Wirtschaft Schaden leiden könnte? Die Verantwortung darüber, sagt man, trägt ja ein anderer. Es wird ja sein, dass manche führende Persönlichkeiten, ob geistliche oder weltliche, eine sehr große Verantwortung zu tragen haben. Aber anstatt ihnen die Verantwortung leichter zu machen, will man ihnen das eigene Binkerl Schulden, das man selbst leicht ertragen könnte, auch noch aufladen, damit es solche einmal ganz tief hinunterzieht! Tragen solch führende Persönlichkeiten vor Gott einmal wirklich eine solch große Verantwortung, wie wir manchmal glauben, oder sind wir auch immer so verantwortungs-los (ohne Verantwortung), wie man uns manchmal sagt oder uns oft vielleicht nur selbst einbilden?“30 „An der Diebsbeute wollen wir uns zwar fast alle ergötzen, die Verantwortung über das ganze Geschehen wollen wir nur einem in die Schuhe schieben!“31 „Und noch immer sind viele der Ansicht, dass über das ganze Toben des Krieges, das schon bald die ganze Welt erfasst hat, nur einige die Schuld und Verantwortung tragen. Wie sehr ist man dafür aber gleich beängstigt, es könnte einem an zeitlichen Gütern irgendein Schaden entstehen, das kommt eben daher, weil man sich am ganzen Weltgeschehen für schuldlos hält.“32 Sündenbewusstsein ist dabei alles andere als ein pathologisches, unreifes Gefühl, auch nicht Ausdruck eines infantilen Bewusstseins, das noch an einem Über-Ich hängt: „Sündenbewusstsein ist nicht knechtseliges Minderwertigkeitsgefühl, sondern ehrliche Selbsterkenntnis im Lichte des Allheiligen Gottes“33 (Vgl. 1 Joh 1,8–10). So sind Selbstbestimmung, Mündigkeit, Gewissen und Verantwortung nicht abzukoppeln von der Schuldfähigkeit des Menschen. Das darf in einem Klima der Verdrängung, der Verharmlosung und der Wegrationalisierung der Schuld und des Bösen nicht vergessen werden.34
Architektur des Krieges – Säulen des Friedens
ARCHITEKTUR DES KRIEGES35
1914 begann der Erste Weltkrieg, 1939 der Zweite. Diese fielen nicht aus heiterem Himmel, sondern wurden lange in den Köpfen, in der Politik und in der Kultur und Wissenschaft, in der Wirtschaft und auch in der Religion vorbereitet. Es gibt eine spirituelle Architektur der Völker, die krank werden kann. Thomas Mann äußert in einem der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts, „Der Zauberberg“, Gedanken über die Hintergründe des Ersten Weltkrieges und bezeichnet diesen als ein Ergebnis des „großen Stumpfsinns“, als „eine große Dummheit, bei der man wegen nichts streitet“36. Neben vielen Ursachen gibt es auch die sich ausbreitende Kultur des Krieges: Wie viele Menschen damals, auch Intellektuelle, sprachen von einer „Hygiene des Krieges“, vom Krieg als „Reinigung des Gewissens“, von „Läuterung“, um moralische Probleme einer Gesellschaft zu lösen. Manche sahen den Krieg als eine Notwendigkeit nach Jahrzehnten des Friedens, um den Niedergang einer Gesellschaft aufzuhalten. Oft erschien der Krieg gleichsam als chirurgischer Eingriff, der freilich Leid mit sich bringt, aber den Frieden wiederherstellen soll.
Der Krieg wurde Teil des Bewusstseins und des Denkens, er wurde zu einer Un-Kultur und Mentalität, noch bevor er ausbrach. Der Krieg verschafft sich häufig Raum durch die Gleichgültigkeit vieler. – Nach dem Krieg sind die Männer und Frauen und ganze Völker nicht mehr dieselben wie zuvor. Der Krieg hinterlässt tiefe Spuren in der Mentalität der Völker, er verdirbt und schädigt den Charakter der Menschen und macht die Seele einer Nation schlechter. Hass wird von Generation zu Generation weitergegeben. Der Krieg ist nie eine einfache chirurgische Operation, er zieht im Gegenteil unkontrollierbare Konsequenzen nach sich.
VERACHTUNG
Jules Isaac, ein bekannter laizistischer Jude aus Frankreich, verlor Frau und Tochter in Auschwitz, nur weil sie Isaac hießen. Isaac beschäftigte sich intensiv mit der Lehre der Verachtung, mit dem Verhältnis von Verachtung und Gewalt.37 Schrittweise rechtfertigt Verachtung Gewalt und dann den Krieg. Isaac meint, dass die Verachtung in Wertschätzung und Dialog verwandelt werden muss.
Krieg beginnt im eigenen Herzen: mit schlechten Gedanken, mit Verachtung, mit Hass. Anfangssignale sind: Eigentlich bist du unwichtig, überflüssig, ein Nichtsnutz. Oder: Das Leben wäre viel schöner und angenehmer, wenn du mir nicht in die Quere gekommen wärest. Oder: Ich sehe keinen rechten Grund, warum es dich unbedingt geben sollte. Insgeheim werden Schlüsselbotschaften ausgesendet: Du bist nichts wert, du bist hier nicht erwünscht, du bist der letzte Dreck, ein Abfallprodukt. – Die Verachtung dessen, der anders und verschieden ist, ist anscheinend zu einer Chiffre unserer Zeit geworden. Angesichts bestimmter populistischer Strömungen in einigen europäischen Ländern, die auf Roma oder Migranten zielen und den schwächsten und benachteiligten Gruppen die Schuld für die eigene missliche Lage und die eigenen Schwierigkeiten geben, muss man sich Sorgen machen. Dieser Populismus nutzt insbesondere die Ängste und die Orientierungslosigkeit vieler Jugendlicher in einer komplexen und schwer verständlichen Welt aus.
WIR KÖNNEN NICHT MITEINANDER
Eine Folge des Ersten Weltkriegs war die sich ausbreitende Vorstellung, dass unterschiedliche Menschen nicht zusammenleben können. Durch nationalistische Fehlentwicklungen sollten homogene Nationen geschaffen werden, in denen es keinen Raum für andere oder für Minderheiten gibt. Es verfestigte sich die Überzeugung, dass man nie mehr mit anderen zusammenleben wolle. Der andere, der sich von der eigenen Gruppe unterscheidet und mit dem man Jahrhunderte lang zusammenlebte, dieser andere wird zum Feind, weil er als Angehöriger einer anderen Nation, einer anderen Ethnie oder einer anderen Religion angesehen wird.
Dies hängt an grundsätzlichen Einstellungen zum Leben bzw. an Lebensentwürfen, die negativ über der eigenen Identität wachen. Negativ und abgrenzend entwickelt sich das Selbst- bzw. Ichbewusstsein, wenn es durch Entledigung von allem Fremden angestrebt wird. Man will sich selbst und die Besonderheit der eigenen Identität durch Ausstoßen der anderen sichern. Das führt dann zum Tanz um das goldene Kalb der Identität, um die persönliche, berufliche, nationale, politische, parteiliche, ideologische Identität. Selbstbewusstsein und Zelebration werden eins. Eitelkeit und Arroganz gegenüber dem anderen machen sich breit. Im Kern ist diese narzisstisch orientierte Identität aber morbid: „Während das Subjekt zugrunde geht, negiert es alles, was nicht seiner eigenen Art ist.“38
Alles, was im Gegensatz zum Eigenen, Nahen, Bekannten, Gewohnten und Vertrauten steht, ist dann nicht geheuer und wird als Bedrohung erfahren. Eine Sperrhaltung gegen alles Fremde, grundsätzliches Misstrauen, eine grundsätzliche Abwehrreaktion sind die Konsequenz: Wer kein Hiesiger ist, gilt als suspekt. Es ist Ausdruck von menschlicher Schwäche und nicht von Stärke, anderen Menschen und Völkern von vornherein mit Abwertung und Verdacht zu begegnen oder alle, die sich nicht angleichen und unterwerfen, ins Lager der Feinde zu verweisen. – So kommt es zum Krieg um Identitäten, Ethnien, oder in der Gegenwart damit verbunden auch um Güter und Rohstoffe wie Kakao, Erdöl, Diamanten, Koltan und so weiter.
FEINDE UND GESCHWISTER
Eine der zentralen politischen Aufgaben, die Europa heute und in Zukunft zu bewältigen hat, ist die Entwicklung eines politischen Modells, das ein friedliches Zusammenleben von Regionen, Staaten, Kulturen und Religionen in Europa möglich macht, ohne dazu auf äußere Feinde angewiesen zu sein.
Jägerstätter wurde 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet, weil er sich geweigert hatte, am Eroberungskrieg Hitlers teilzunehmen. Ausdrücklich widersprach er der ideologischen Rechtfertigung dieses Krieges, die den Kampf gegen den Bolschewismus als Rettung des „Christentums in Europa“ ausgab.39 Jägerstätters Betonung der Feindesliebe verdankt sich seiner Bibellektüre und stellt ihn in die Reihe jener großen europäischen Christen, die sich vom herkömmlichen Feinddenken distanzierten. Zwei Aufzeichnungen – die zweite bereits 1943 im Gefängnis in Berlin geschrieben – unterstreichen dies deutlich: „Die Liebe, sie soll in uns so wachsen, dass wir auch unsere Feinde lieben können, dann erst können und dürfen wir uns Christen nennen, denn seine Freunde lieben, das kann der Antichrist oder der Heide auch.“40 – „Feindesliebe ist nicht charakterlose Schwäche, sondern heldische Seelenkraft und Nachahmung des göttlichen Vorbildes.“41
SÜNDENBÖCKE UND GEWALT
Es ist, wie René Girard42 aufzeigt, eine in der Religions- und Kulturgeschichte verbreiteter Ritus, das Böse, die Sünden, die Schuld auf Gegenstände oder Personen zu lenken und damit die bedrohende Macht abzuwenden. Odo Marquard kennzeichnet für die Gegenwart eine neue Bereitschaft, Sündenböcke zu suchen und entsprechend zu behandeln: „Darum kommt es zur großen Kultur der Ausreden, zur Hochkonjunktur der Entschuldigungsarrangements, zu einem exorbitanten Sündenbockbedarf, kurzum zur Kunst, es nicht gewesen zu sein, zur Kunst, es andere sein zu lassen.“43 Die Schwierigkeiten werden zunehmend reduziert auf vom Einzelnen nicht verantwortbare Ursachen (die anderen, die Gesellschaft, die Entfremdung, die Verräter). Die Benennung von Sündenböcken dient nicht selten als Ablenkungsmanöver, damit eigene Interessen verborgen bleiben. Viele leiden unter der Perspektivenlosigkeit, der Resignation, der Ghettoisierung. Wer ist da verantwortlich?
René Girard hat die Beziehung zwischen Gewalt und Heiligem und zwischen Gewalt und Religion erklärt.44 Bei der Gewalt kommt es zu einer Verherrlichung der Allmacht des Menschen. Die Anthropologie der Allmacht des Gewalttäters zeigt sich beispielhaft im nationalsozialistischen Konzentrationslager. Ein SS-Mann sagte: „Wir Nazis perfektionieren unsere Rasse, wir bauen eine Menschheit, die weder Schwäche noch Krankheit kennt, unsere Kinder werden uns als Götter verehren, weil wir Götter sind. Gott existiert nicht. Jeden Tag habe ich den Beweis, dass wir Gott sind.“
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