Kitabı oku: «Wider den kirchlichen Narzissmus»

Yazı tipi:

Manfred Scheuer

WIDER DEN KIRCHLICHEN NARZISSMUS

Ein spirituell-politisches Plädoyer


Die Zitate aus der Heiligen Schrift sind entnommen aus: Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart

Wir danken für die freundliche Abdruckgenehmigung aus:

Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Herausgegeben von Rolf Tiedemann. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1951. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin. Madeleine Delbrêl, Wir Nachbarn der Kommunisten. Diagnosen. Einführung von Jacques Loew, übertragen von Hans Urs von Balthasar, © Johannes Verlag Einsiedeln 1975, S. 67–69.


Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

2015

© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung: stadthaus 38, Innsbruck

Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag

Druck und Bindung: Theiss, St. Stefan

ISBN 978-3-7022-3470-6 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-7022-3471-3 (E-Book)

E-Mail: buchverlag@tyrolia.at

Internet: www.tyrolia-verlag.at

Inhalt

Vorwort

1. Kapitel:

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht“ (Hebr 13,2) – Migrationsbewegungen fordern heraus

Menschen wie wir

Kirche als Lebensraum für Fremde

An den Knotenpunkten von Judentum, Christentum und Islam

2. Kapitel:

„Neige dem Armen dein Ohr zu“ (Sir 4,8) – Sozialethische Kritik und die Armut als Grundhaltung

Der Mensch ist, was er isst

Leistbares Wohnen

Arme Leute – arme Kirche

3. Kapitel:

„Bei euch soll es nicht so sein“ (Mt 20,26) – Vom Umgang mit Macht, Autorität, Politik und Gedächtnis

Erinnern oder Vergessen?

Braucht Demokratie Religion?

Leiten und Führen in der Kirche

4. Kapitel:

„Gib deinem Knecht ein hörendes Herz“ (1 Kön 3,9) – Religiöse Bildung schafft Orientierungswissen

Je religiöser, desto dümmer?

Was schuldet die Gesellschaft der Jugend?

5. Kapitel:

„Ihr aber seid lebendige Steine“ (1 Petr 2,5) – Auftrag und Nachfolge

Christlich leben in der Welt von heute

Anmerkungen

Abkürzungen

Vorwort

Es gibt gegenwärtig unzählige wunde Stellen, eine Welt, die blutet, in der gestritten, gelitten und gestorben wird, wenn tausende Flüchtlinge aus Afrika im Mittelmeer ertrinken oder nach lebensgefährlichen Überfahrten in Italien stranden; wenn Menschen, Frauen und Kinder als Ware gehandelt werden; wenn Menschen an unheilbarer Krankheit, Überforderung und Vereinsamung leiden, in Depression und Sucht, Burnout und massivem Mangel an Zeit, in Unversöhnlichkeit, Streit und Neid.

Einmal gibt es einen Sturm der Entrüstung, einen Aufschrei der Humanität mit einer Welle der Solidarität, dann werden Schuldige, Verantwortliche oder Sündenböcke gesucht. Oder Aufrufe bleiben als bloße moralische Appelle in der Rhetorik stecken und nähren mehr das Gefühl der Ohnmacht und der Resignation. Vieles geht versteckt und unbemerkt vor sich. An Hunger stirbt man auch im 3. Jahrtausend sehr leise. Und dann gibt es eine große Fläche von blinden Flecken verbunden mit Abstumpfung und Unempfindlichkeit. Nachrichten, Fakten, Ereignisse, die fassungsloses Schweigen oder Schreie verursachen könnten, werden zu einer Frage der Quote oder Statistik.

Gott erscheint an den Wegkreuzungen, an den Orten, die uns nicht vertraut sind, an denen wir uns nicht auf Sicherheiten stützen können, so Papst Franziskus. Jorge Bergoglio kritisierte eine um sich selbst kreisende Kirche, die sich selbst genug sei und die in „theologischen Narzissmus“ verfalle. Narziss ist in das eigene Spiegelbild verliebt, kann auf nichts anderes und niemanden anderen mehr achten als auf sich selbst. Der narzisstisch sich selbst verhaftete Mensch kann – aus welchen Gründen auch immer – nicht lieben. Entscheidend bleiben geistig-geistliche Offenheit und die Bereitschaft zu kreativer Auseinandersetzung mit den Fragen der Gegenwart, überraschende Orte souveräner Gastfreundschaft, intellektuelle Diakonie, gepaart mit demütigem Selbstbewusstsein, vor allem ein Herz, Kopf und Sinne weitendes Gehen an die Ränder des Lebens und des Denkens.

Es wäre fatal, wenn Spiritualität die Brüche des Lebens, das Unheil, die konkrete Unversöhnlichkeit außer Acht lassen, von der realen Lebenswelt entfremden und gegenüber der wirklichen Not immunisieren würde. Denn Gott ist nicht in einer gespenstischen Ortlosigkeit angesiedelt, er ist nicht sprachlos, nicht ‚Du-los‘, nicht weltlos, nicht realitätsscheu. Es gibt einen inneren Zusammenhang von Mystik der Innerlichkeit und einer Mystik, die im anderen, im Armen, in der Gemeinschaft, in den gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Kontexten die Spuren Gottes sucht.

Dieses Buch sammelt Vorträge, Meditationen, Reden, Predigten aus den vergangenen Jahren. Entstehungsort, Stil, Situation und Zielgruppe waren recht unterschiedlich. Es wurde nicht versucht, alle Beiträge systematisch auf einen Nenner zu bringen. – Ich widme diesen Band allen, die sich in unserem Land für eine Kultur des Willkommens, der Gastfreundschaft und Solidarität einsetzen.


Innsbruck, im August 2015 Manfred Scheuer

1. Kapitel

Menschen wie wir

Wir erleben gegenwärtig eine riesige Völkerwanderung in Richtung Europa. Menschen aus Afrika, aus dem Nahen Osten, versuchen, den Schauplätzen der kriegerischen Konflikte, der Not und der Verfolgung zu entkommen. Unzählige von ihnen haben bereits beim Versuch, in Europa Schutz zu finden, ihr Leben verloren. Sie sind auf der Flucht in den Wüsten verdurstet oder im Meer ertrunken, sie wurden aber auch Opfer von gewissenlosen Geschäftemachern. Das Unglück im April 2015 mit rund 800 Toten im Mittelmeer stellt einen traurigen Höhepunkt in der Statistik von toten und vermissten Flüchtlingen dar. Hinter den nackten Zahlen stecken aber konkrete Menschen mit ihrer Not, mit ihrer Ausweglosigkeit, mit ihrer Würde.

Die internationale Gemeinschaft, alle Staaten, Europa, Bund, Länder und Gemeinden stehen vor großen Herausforderungen, denn die Flüchtlingsströme werden mit Sicherheit noch zunehmen. Kirche und Politik, Zivilgesellschaft, Sozial-partner und Medien sind angefragt, für weitere Flüchtlingsunterkünfte zu sorgen und den Asylsuchenden ein wohlwollendes Klima, eine Willkommenskultur zu bereiten. Dabei ist wichtig, die in diesem Zusammenhang entstehenden Sorgen und Ängste unter der Bevölkerung ernst zu nehmen und ihnen mit Sachlichkeit und Information zu begegnen. Papst Franziskus fordert die Überwindung von Vorurteilen und Vorverständnissen in der Betrachtung der Migranten und Flüchtlinge: „Nicht selten löst nämlich das Eintreffen von Migranten, Vertriebenen, Asylbewerbern und Flüchtlingen bei der örtlichen Bevölkerung Verdächtigungen und Feindseligkeiten aus. Es kommt die Angst auf, dass sich Umwälzungen in der sozialen Sicherheit ergeben, dass man Gefahr läuft, die eigene Identität und Kultur zu verlieren, dass auf dem Arbeitsmarkt die Konkurrenz geschürt wird oder sogar, dass neue Faktoren von Kriminalität eindringen. Auf diesem Gebiet haben die sozialen Kommunikationsmittel eine sehr verantwortungsvolle Rolle: Ihre Aufgabe ist es nämlich, feste, eingebürgerte Vorurteile zu entlarven und korrekte Informationen zu bieten, wo es darum geht, den Fehler einiger öffentlich anzuklagen, aber auch, die Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit und Seelengröße der Mehrheit zu beschreiben. In diesem Punkt ist ein Wandel der Einstellung aller gegenüber den Migranten und Flüchtlingen notwendig; der Übergang von einer Haltung der Verteidigung und der Angst, des Desinteresses oder der Ausgrenzung – was letztlich genau der ‚Wegwerf-Mentalität‘ entspricht – zu einer Einstellung, deren Basis die ‚Kultur der Begegnung‘ ist. Diese allein vermag eine gerechtere und brüderlichere, eine bessere Welt aufzubauen.“1

FREMDENFEINDLICHKEIT

In jeder Region Mitteleuropas leben inzwischen 10 Prozent Menschen mit „Migrantenhintergrund“. Viele sind in Arbeit und Wirtschaft integriert und viele Bereiche der Gesellschaft würden ohne sie zusammenbrechen. Die zahlreichen Zuwanderer leisteten ihren Beitrag zum wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Reichtum. Vielfältige Begegnungen mit den „Fremden“ gehören zum Alltag in Wohnvierteln, in Schulen, am Arbeitsplatz. Sie können interessant und bereichernd sein, sind aber auch Herausforderung und bringen Ängste, Spannungen und Konflikte mit sich. Manches ist an gegenseitigem Verständnis gewachsen, anderes hat sich wiederum verschärft. Und politisch rechte Kreise stellen „Ausländer“ als Bedrohung für den sozialen Frieden und für den Wohlstand hin. Nicht selten müssen sie als Sündenböcke herhalten. Es gibt offen oder versteckt Fremdenfeindlichkeit als eine ablehnende Einstellung und Verhaltensweise gegenüber Menschen anderer Herkunft. Sie kann sich durch Furcht, Meidung, Geringschätzung, Spott oder Feindseligkeit ausdrücken, die leider und nicht selten bis zu Gewalt reicht.

Fremdenfeindlichkeit hängt an grundsätzlichen Einstellungen zum Leben bzw. an negativen Lebensentwürfen. Alles, was im Gegensatz zum Eigenen, Nahen, Bekannten, Gewohnten und Vertrauten steht, ist dann nicht geheuer und wird als Bedrohung erfahren. Eine Sperrhaltung gegen alles Fremde, grundsätzliches Misstrauen, eine grundsätzliche Abwehrreaktion sind die Konsequenz: Wer kein Hiesiger ist, gilt als suspekt. Es ist Ausdruck von menschlicher Schwäche und nicht von Stärke, anderen Menschen und Völkern von vornherein mit Abwertung und Verdacht zu begegnen oder alle, die sich nicht angleichen und unterwerfen, ins Lager der Feinde zu verweisen. Einseitige Pauschalverurteilungen anderer Völker und Religionen sowie ausländerfeindliche Positionen sind mit unserem Glauben unvereinbar.

Viele Situationen der Gewalt, unter denen Menschen heute leiden, haben ihre Wurzeln im Unverständnis und auch in der Ablehnung der Werte und der Identität anderer Kulturen. Solche Situationen könnten oftmals durch eine bessere gegenseitige Kenntnis überwunden werden. Maßnahmen zur besseren Integration sind notwendig und wichtig. Integration ist ein beidseitiger Prozess, ein gesellschaftlicher Dauerauftrag. In vielen Pfarrgemeinden, durch Projekte der Caritas und durch positive Beispiele im Alltagsleben leisten Christinnen und Christen einen wichtigen Beitrag auf dem sicherlich noch langen Weg zu einem besseren Miteinander. Die Nationen müssen „im Namen der Würde jedes einzelnen Menschen einen zusätzlichen Schritt hin zur Integration aller in die Gesellschaft“ machen. Die Würde ist allen Menschen zugesagt, jenseits der ethnischen, sozialen, religiösen Zugehörigkeit. Der Blick des Christen wendet sich dem konkreten Nächsten zu. Der höchste Grundsatz, der das menschliche Zusammenleben bestimmt, ist nämlich die Achtung vor der Würde eines jeden, insofern er als Person nach dem Bilde Gottes geschaffen und daher unser aller Bruder ist. Ziel muss es sein, das echte Wohl jedes Menschen und der Gesellschaft im Ganzen zu suchen.

GASTFREUNDSCHAFT

Das Wort Gastfreundschaft weckt heute Vorstellungen wie Liebenswürdigkeit, Großzügigkeit, anregendes Zusammensein, Pflege gesellschaftlicher Beziehungen. Damit ist freilich die geistliche Tiefe und Kraft dieses christlichen Schlüsselwortes noch nicht ausgelotet. Gastfreundschaft ist in der Heiligen Schrift entscheidend für das Verhältnis der Menschen untereinander und für die Beziehung der Menschen zu Gott. „Gastfreundschaft sieht im Gast den Menschen, der das Kostbare mitbringt: sich selbst, seine Lebenserfahrung, sein Wissen, seine Gesprächsbereitschaft, seine Teilnahme“ (Bischof Gebhard Fürst, Rottenburg-Stuttgart).

Christinnen und Christen leben in dieser Welt als Fremde und Gäste. In der neuen Wirklichkeit des Reiches Gottes gilt: „Ihr seid nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (Eph 2,19). Wer sich selbst als Fremdling versteht, d. h. als einer, der auf andere angewiesen ist, der übt leichter Gastfreundschaft. „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott“ (Lev 19,33–34).

Auf alttestamentliche Erfahrungen geht die Mahnung im Hebräerbrief zurück: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt“ (Hebr 13,2). Dahinter steht vor allem die Erzählung der Gastfreundschaft Abrahams für Gott selbst, wie es die Kirchenväter deuten (Gen 18,1–8). Auch das Neue Testament ist voll von Beispielen und Hinweisen, die ein Gespür vermitteln für die Gastfreundschaft. Wer in der Gemeinde ein Vorbild sein will, muss gastfreundlich sein. Auch in der Mission hat die Gastfreundschaft eine entscheidende Rolle.

Charles de Foucauld war von dem Wort des Evangeliums getroffen. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Daher räumt er der Gastfreundschaft in seiner Regel einen besonderen Platz ein. „Die Kleinen Brüder vom heiligsten Herzen gewähren jedem, der darum bittet, ob Christ oder Ungläubiger, bekannt oder unbekannt, Freund oder Feind, gut oder schlecht, Gastfreundschaft, Almosen und im Krankheitsfall Heilmittel und Pflege. … Sie freuen sich nicht nur, jene Gäste, Armen und Kranken aufzunehmen, die bei ihnen anklopfen, sondern drängen auch jene hereinzukommen, die sie in ihrer Nähe finden, so wie Abraham die Engel bat, nicht an seinem Zelt vorbeizugehen, ohne seine Gastfreundschaft anzunehmen. … Wir unterhalten kein eigentliches Krankenhaus, aber wir gewähren Gastfreundschaft, ohne allen Unterschied, Kranken und Gesunden, so lange sie es wünschen. Wir pflegen sie wie uns selbst, wie Jesus … Jeder Gast, jeder Arme, jeder Kranke, der zu uns kommt, gilt uns als ein geheiligtes Wesen, in dem Jesus lebt, wie dick auch die Kruste der Sünde und des Bösen sein mag … Wir behandeln die Sünder, die Feinde und Ungläubigen noch besser als die anderen, um das Böse durch das Gute zu überwinden … Größere Aufmerksamkeit gilt den Armen … Als Regel soll also gelten: Für die Gäste etwas mehr tun als für die Kleinen Brüder.“2

Im Gast wird in der Ordensregel des heiligen Benedikt Christus selbst erkannt und aufgenommen: „Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: ‚Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.‘ Allen erweise man die angemessene Ehre, besonders den Brüdern im Glauben und den Pilgern. … Vor allem bei der Aufnahme von Armen und Fremden zeige man Eifer und Sorge, denn besonders in ihnen wird Christus aufgenommen“ (Benediktusregel Nr. 53).

MIGRATION

Ein soziales Phänomen epochaler Art, das gegenwärtig Millionen von Menschen betrifft, ist das Phänomen der Migration. Es wirft große soziale, wirtschaftliche, politische, kulturelle und religiöse Probleme auf und stellt die Nationen und die internationale Gemeinschaft vor dramatische Herausforderungen.3 Mit den Migrationsströmen geht eine große Last an Leid, Entbehrung und Hoffnung einher. Bei allen Problemen darf nicht übersehen werden, dass die Fremdarbeiter einen bedeutenden Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Gastlandes leisten und darüber hinaus dank der Geldsendungen auch einen Beitrag zur Entwicklung ihrer Ursprungsländer erbringen. Sie dürfen folglich nicht wie irgendein anderer Produktionsfaktor behandelt werden. Jede Migrantin, jeder Migrant ist eine menschliche Person mit unveräußerlichen Grundrechten.

Eine der zentralen politischen Aufgaben, die Europa heute und in Zukunft zu bewältigen hat, ist die Entwicklung eines politischen Modells, das ein friedliches Zusammenleben von Regionen, Staaten, Kulturen und Religionen in Europa möglich macht, ohne dazu auf äußere Feinde angewiesen zu sein. Jesus reißt „die Mauern ein, die die ‚Gleichen‘ von den ‚Anderen‘, die Freunde von den Feinden, eine Stadt von der anderen trennen. Er befreit jeden Menschen aus den Banden, die ihn gefangen halten, aus den unzähligen Formen von Abhängigkeit und Sklaverei, aus jeder ungerechten Beziehung und bewirkt so eine wahre Revolution auf existentieller, kultureller und politischer Ebene.“4 Auf diesem biblischen Hintergrund hat die Kirche auch die Beziehungen zwischen Europa und den anderen Kontinenten zu hinterfragen. Europa darf sich nicht in Form einer Festung in seinem Wohlstand abkapseln, sondern soll in der Lage sein, den Austausch von Gaben mit anderen Regionen der Erde besser voranzutreiben und seinen Beitrag zu Gerechtigkeit und Frieden zu leisten.

Das 20. Jahrhundert wurde als das „Jahrhundert der Flüchtlinge“ bezeichnet. Migration aber ist ein Phänomen, das die Menschen von Beginn an begleitet. Die häufigsten Gründe erzwungener oder freiwilliger Migration sind: Vertreibung, Verfolgung, Unterdrückung, Kriege, ökologische Katastrophen, demografische Entwicklung (Bevölkerungswachstum in Herkunftsländern und Bevölkerungsrückgang in Zielländern), Armut, Explosion der Arbeitslosigkeit in großen Teilen der „Dritten Welt“, verstärkt durch weltweit rückläufige Entwicklungszusammenarbeit, Perspektivenlosigkeit für die eigene und die nächste Generation. Weiters ein erleichterter Zugang zu weltweit vernetzten Medien, erhöhte Mobilität, Werbung von Schlepperorganisationen, Fehlinformation über die soziale Wirklichkeit und Chancen im Westen.

Frauen und Männer, die migrieren, versprechen sich ein besseres Leben, Sicherheit und Freiheit, Achtung der Menschenrechte und Demokratie, Verdienstmöglichkeit und Karriere. Die Europäische Union als vermeintliche Insel des Wohlstandes strahlt aufgrund ihres Reichtums, ihrer (relativ) wirtschaftlichen Stabilität und ihres demokratischen Friedens eine starke Anziehungskraft aus. Um den Zugang von „Fremden“ aus Drittstaaten in die Europäische Union zu kontrollieren und möglichst zu verhindern, wurde in den letzten Jahren auch von Österreich ein Bündel an Maßnahmen umgesetzt. Die wesentlichsten Maßnahmen: Änderung in den die Zuwanderung regelnden Gesetzen, Abwehr illegaler Einwanderung durch verschärfte Grenzkontrollen, Bekämpfung der Schlepperei, Verlagerung der „Last“ auf Nachbarstaaten, Einführung von Quoten für Neuzuwanderer und Familienangehörige, Erschwerung des Zugangs zum Asylrecht, zielstrebige Schlechtbehandlung von Fremden.

Will sich Politik von der reinen Symptombehandlung in Richtung Ursachenregulierung entwickeln, muss sie vor allem Maßnahmen zur Reduzierung des Auswanderungsdrucks in den Herkunftsländern setzen: frühzeitige Konfliktprävention in Krisenregionen, Einfordern der völkerrechtlichen Verantwortung der Herkunftsstaaten auf politischem Parkett sowie politischer Dialog zwischen Aufnahme- und Herkunftsstaaten mit dem Ziel, den Menschenrechtsstandard anzuheben.

Aber auch: „Teilen von Reichtum“, Verzicht auf einen Teil des Wohlstandes aus internationaler Solidarität, rasche Katastrophenhilfe, Ausweitung und Entbürokratisierung der Entwicklungszusammenarbeit zur Stärkung der Volkswirtschaften des Südens und des Ostens. Ziele darin: Modernisierung der Infrastruktur, Bildungsförderung, Diversifizierung der Produktionssysteme und Förderung der Achtung der Menschenrechte und der Demokratie und nicht zuletzt ökonomische Kooperation unter fairen Rahmenbedingungen.

Da Migrationsursachen zwar gemildert, aber nicht gänzlich verhindert werden können, werden Flucht und Wanderung auch zukünftig gesellschaftspolitische Herausforderung bleiben. Migration ist daher als normale und dauerhafte Erscheinung unserer Zeit zu betrachten. Die Caritas wird auch weiterhin – gelegen oder ungelegen – ihre Anwaltschaft zur Verbesserung der Lebenssituation der Menschen in der „Einen Welt“ wahrnehmen, höhere Ressourcen und nachhaltige Solidarität einfordern, aber auch ihre Kompetenz und Erfahrung sowie ihre bescheidenen Mittel dafür einsetzen.

Migration ist ein Faktum unserer Welt- und Zeitgeschichte. Migration bedeutet für alle zuallererst eine Chance, kann aber auch Krisen bedeuten, Migration bedeutet sowohl für Migrantinnen und Migranten als auch für die aufnehmende Gesellschaft und Kirche einen Lernprozess.

INTEGRATION

Dem Umstand, dass Migration weiterhin stark zunehmen wird, ist Rechnung zu tragen. Diese Zeichen der Zeit nicht wahr- bzw. ernst zu nehmen oder gar zu verdrängen könnte katastrophale Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen in unserem Lande haben. Integration ist der Versuch eines gelingenden Zusammenlebens unter Beibehaltung von Identität, wobei sowohl Migrantinnen und Migranten als auch die aufnehmende Gesellschaft ihre Identität beibehalten und entwickeln dürfen und sollen. Sie bedeutet die Herstellung von Chancengleichheit im sozialen, politischen und gesellschaftlichen Leben.

Das Aufnehmen von Fremden und Obdachlosen im Sinne der Worte Jesu „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen“ muss auch mit dem „Annehmen“ ergänzt werden. Das bedeutet die Zuwendung in Freundschaft und gegenseitiger Achtung. Der tiefste Grund dafür ist, dass Gott auch uns angenommen, dass er sich uns in Liebe zugewandt hat. Das bedeutet keine Gleichmacherei. Wir sollen unsere Geschichte, unsere Kulturen, unsere Eigenarten und Werte pflegen. Einheimische und Fremde verbindet auch die Spannung zwischen Heimat und Fremde, zwischen Ziel und Unterwegssein.

Integration bestimmt das Leben konkreter Menschen. Integration ist ein Prozess des wechselseitigen Sich-Einlassens und der Veränderung zwischen einer aufnehmenden und einer aufzunehmenden Gruppe. Während Migrantinnen und Migranten vor allem auf individueller Ebene große Anpassungsleistungen erbringen müssen, fällt der Aufnahmegesellschaft die Aufgabe zu, die politischen, rechtlichen und kulturellen Institutionen so zu gestalten, dass aus Fremden gleichberechtigte Bürger werden.

Dazu braucht es faire, gerechte Chancen – für In- und Ausländer. Die Aufnahmegesellschaft hat für Strukturen zu sorgen, die von Anfang an Aufnahme und Beteiligung ermöglichen. Ebenso wird von Migrantinnen und Migranten erwartet, sich auf diesen Prozess einzulassen, etwa die Bereitschaft zum Erlernen der deutschen Sprache. Und jeder in Österreich ist gehalten, die Universalität der Menschenrechte und die demokratische Verfassung als Grundlage des Zusammenlebens anzuerkennen, wie Religionsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit oder die gleichberechtigte Stellung von Frau und Mann. Das verpflichtet alle Mitglieder der österreichischen Gesellschaft, – ob schon seit Generationen hier lebend, hier geboren oder kürzlich zugewandert.

Ein Schlüssel der Integration ist die Bildung. Im Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich heißt es: „Bildung kann Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenführen, durch gemeinsames Lernen den Horizont eines jeden und einer jeden Einzelnen weiten helfen, Brücken zu bauen zwischen den Generationen und zwischen den Geschlechtern, zwischen Kulturen und Religionen.“

Integration ist ein beidseitiger Prozess, ein gesellschaftlicher Dauerauftrag. In vielen positiven Beispielen im Alltagsleben leisten Christinnen und Christen einen wichtigen Beitrag auf dem sicherlich noch langen Weg zu einem besseren Miteinander. Und immer wieder werden mutige Schritte gesetzt. Wir brauchen gegenseitigen Respekt. Die zahlreichen Zuwanderer leisteten ebenso ihren Beitrag zum wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Reichtum. Die Nationen müssen „im Namen der Würde jedes einzelnen Menschen einen zusätzlichen Schritt hin zur Integration aller in die Gesellschaft“ machen. „Davon hängt zu einem großen Teil der soziale Friede ab“ (Papst Benedikt XVI.).

Kirche als Lebensraum
für Fremde
DIE ANGST VOR DEM FREMDEN5

Die Fremden werden nicht von selbst vertraut und auch nicht selbstverständlich als Gäste aufgenommen. Dies hängt an grundsätzlichen Einstellungen zum Leben bzw. an Lebensentwürfen, die negativ über der eigenen Identität wachen. Negativ und abgrenzend entwickelt sich das Selbst- bzw. Ich-Bewusstsein, wenn es durch Entledigung von allem Fremden angestrebt wird. Man will sich selbst und die Besonderheit der eigenen Identität durch Ausstoßen der anderen sichern. Alles, was im Gegensatz zum Eigenen, Nahen, Bekannten, Gewohnten und Vertrauten steht, ist dann nicht geheuer und wird als Bedrohung erfahren. Eine Sperrhaltung gegen alles Fremde, grundsätzliches Misstrauen, eine grundsätzliche Abwehrreaktion sind die Konsequenz: Wer kein Hiesiger ist, gilt als suspekt. Ausland und Elend haben eine Wurzel. „Menschen“ sind für manche politische Gruppen nur jene, die der eigenen Nation oder Rasse angehören. Die anderen gelten als Barbaren oder Untermenschen. Das führt dann zum Tanz um das Goldene Kalb der Identität, um die persönliche, berufliche, nationale, politische, männliche, weibliche, kirchliche, parteiliche, ideologische Identität. Selbstbewusstsein und Zelebration werden eins. Eitelkeit und Arroganz gegenüber dem anderen machen sich breit. Im Kern ist diese narzisstisch orientierte Identität aber morbid: „Während das Subjekt zugrunde geht, negiert es alles, was nicht seiner eigenen Art ist.“6

Der Mensch ist Person, der Freiheit und damit Bei-sich-Sein und Für-sich-Sein, Selbststand und Selbstbestimmung besitzt. Der Mensch ist auch auf andere bezogen und kann nur zusammen mit ihnen sein Leben führen und zu sich selbst finden. Es ist nun die entscheidende Frage, wie diese beiden Pole vermittelt werden. Sind sie gleichursprünglich oder gibt es eine Über- und Unterordnung. Die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung kommt aus der Hoffnung, dass das Ich mehr ist als das Produkt der Masse, mehr auch als die soziale Rolle. Diese Sehnsucht kommt aus der Erfahrung, dass gesellschaftliche oder ökonomische Entwürfe im Hinblick auf Sinn zu kurz greifen. Freilich ist rückzufragen, ob nicht dieser Kritik ein idealistischer Begriff von Freiheit zugrunde liegt. Es gibt ja auch die Kehrseite der Emanzipation und Autonomie: Werden die Beziehungen, wird das Du als sekundär und akzidentiell gesehen, so sind sie nur der Vorhof der eigentlichen Freiheit, werden sie zum Hobby der einen und zur Willkür der anderen. Eine Sackgasse ist es auf jeden Fall, wenn Beziehungen und Bindungen von vornherein als entfremdend gewertet werden, wenn Gnade als Bedrohung, wenn Verdanken unter einem rein negativen Vorzeichen steht: „Ein Wesen gibt sich erst als selbständiges, sobald es auf eigenen Füßen steht, und es steht erst auf eigenen Füßen, sobald es sein Dasein sich selber verdankt. Ein Mensch, der von der Gnade eines anderen lebt, betrachtet sich als ein abhängiges Wesen.“7Der andere bzw. der Fremde und die Gabe seiner Freiheit stehen unter dem Vorzeichen der negativen, zu überwindenden Abhängigkeit; Selbstbestimmung und Freiheit wird auf den Kampf gegen Abhängigkeit und Fremdbestimmung, aber auch gegen Bindung und Beziehung reduziert. Freiheit wäre Sich-Losreißen. Anerkennung und Liebe wären grundsätzlich ausgeblendet. Das Selbsterhaltungs-Ich zeichnet sich durch Misstrauen, Rationalität, Kontrolle und Kritik aus. In Verhärtungen oder auch in Blockbildungen findet das Individuum nicht sein Heil. Eine Selbstverwirklichung, die alles Fremde als Hemmung, Begrenzung, Behinderung, Bedrohung und Feind seiner selbst verdächtigt und nur die Perspektive der Befreiung von anderen kennt, landet in der Vereinzelung. Menschliche Identität gelingt nicht in der Gettoisierung oder in einer Festung, nicht durch kämpferische Selbstverteidigung, Verhärtung oder Totalbewaffnung und ist auch nicht machbar. Wer sich das Leben glaubt nehmen und holen zu können, der nimmt es sich in der Tat. Das Individuum „erfährt den Doppelsinn, der in dem lag, was es tat, nämlich sein Leben sich genommen zu haben; es nahm sich das Leben, aber vielmehr ergriff es damit den Tod.“8

KATHOLIZITÄT ALS LERNPRINZIP

Die katholische Kirche hat sich in den letzten hundert Jahren grundlegend verändert. Sie ist erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirklich Weltkirche geworden. Dass heute zwei Drittel, bald werden es drei Viertel oder vier Fünftel, aller Katholiken außerhalb Europas leben, ist Frucht der von Europa ausgegangenen Missionierung. Diese war verbunden mit Machtkonstellationen, mit Verbrechen, Gräueln, Ausbeutung durch die Eroberer, mit Kolonisatoren und kolonialen Regimes, aber sie ist auch eine Erfüllung des Verkündigungs- und Taufgebotes Christi. Es sind gerade nach dem Zerfall der Kolonien viele sogenannte junge Kirchen in Afrika, Asien entstanden, mit nicht selten wechselvollen und auch leidvollen Beziehungen zur staatlichen Obrigkeit.

Weltkirche ist Kirche noch nicht unbedingt durch eine universale Verbreitung des Christentums. Das ist ja in einem gewissen Sinn am Beginn der Neuzeit geschehen. Eine „Metaphysik des Transports“ (Peter Sloterdijk), die Transzendenz in der Überquerung des Atlantiks sieht und die neuen Paradiese in Amerika sucht, ist noch geprägt von Strategie, Beherrschung, Unterwerfung und Macht. Reale Weltkirche ist das noch nicht. Weltkirche entsteht auch nicht einfach durch Globalisierung, sofern diese mit einem Verrat aller konkreten Kulturen verbunden ist. Durch das Ökonomieprinzip ist Kommunikation immer schneller, aber auch abstrakter und allgemeiner geworden. Das Internet kann das konkrete Anschauen, den Kuss, den Händedruck, das gemeinsame Gehen, die Sprache und Kultur, die leiblichen Werke der Barmherzigkeit und auch die Feier der Sakramente nicht wegrationalisieren.

Johann Baptist Metz fordert von einer Kirche, die reale Weltkirche werden will, ohne das Erbe des Judentums und der europäisch abendländischen Geschichte abzustreifen, die Verwirklichung von zwei Grundzügen des biblischen Erbes: dass sie im Namen ihrer Sendung Freiheit und Gerechtigkeit für alle sucht, d. h. dass sie eine Option für die Armen trifft, und dass sie sich als Kultur der Anerkennung der anderen in ihrem Anderssein entfaltet9. In dieser Hinsicht ist Weltkirche ein Lernraum10, Katholizität ein Lernprinzip11. Solche Lernschritte hatte die Kirche als ganze immer wieder zu setzen: Das begann mit dem sogenannten Apostelkonzil, bei der Frage, ob man beschnitten werden müsse, um das Heil zu erlangen. Auch die altkirchlichen Konzilien waren Lernschritte der Katholizität im Einlassen auf die Philosophie als Mittel zur Auseinandersetzung in der Gottesfrage und als Hilfe für die Antworten des Glaubens auf an ihn gestellte Fragen. Schmerzliche Lernschritte für die Kirche waren die Frage der Menschenwürde, der Menschenrechte zu Beginn der Neuzeit und das damit verbundene Verbot der Sklaverei. Lernprozesse im 20. Jahrhundert waren und sind etwa die ökumenische Bewegung, der interreligiöse Dialog, die Neubestimmung der Beziehung bzw. des Verhältnisses der Kirche zu Israel oder die Frage der Inkulturation, der Kampf um Gerechtigkeit, die Option für die Armen, der Friedensauftrag der Kirche. In dieser Perspektive gehören Polyzentrismus und Universalismus, Weltkirche und Basiskirche zusammen.

„Die Bischöfe, die den Teilkirchen vorstehen, üben als Einzelne ihr Hirtenamt über den ihnen anvertrauten Anteil des Gottesvolkes, nicht über andere Kirchen und nicht über die Gesamtkirche aus. Aber als Glieder des Bischofskollegiums und rechtmäßige Nachfolger der Apostel sind sie aufgrund von Christi Stiftung und Vorschrift zur Sorge für die Gesamtkirche gehalten. Alle Bischöfe müssen nämlich die Glaubenseinheit und die der ganzen Kirche gemeinsame Disziplin fördern und schützen sowie die Gläubigen anleiten zur Liebe zum ganzen mystischen Leibe Christi, besonders zu den armen und leidenden Gliedern und zu jenen, die Verfolgung erdulden um der Gerechtigkeit willen (vgl. Mt 5,10). Endlich müssen sie alle Bestrebungen fördern, die der ganzen Kirche gemeinsam sind, vor allem dazu, dass der Glaube wachse und das Licht der vollen Wahrheit allen Menschen aufgehe. Im Übrigen aber gilt unverbrüchlich: Indem sie ihre eigene Kirche als Teil der Gesamtkirche recht leiten, tragen sie wirksam bei zum Wohl des ganzen mystischen Leibes, der ja auch der Leib der Kirchen ist“ (LG 23).

An den Knotenpunkten von Judentum, Christentum und Islam
GOTT, VERNUNFT UND GEWALT12

Der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaiologos führte um 1391 im Winterlager zu Ankara einen Dialog mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit. Der Kaiser begründet, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Gewalt steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. „Gott hat kein Gefallen am Blut“, sagt er, „und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺν λόγω“ zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung. Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann.“13 Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.

RELIGIONSFREIHEIT UND TOLERANZ

Das Zweite Vatikanische Konzil unterstreicht in der Erklärung über die religiöse Freiheit (Dignitatis humanae)14, dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als Einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln. Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird. Dieses Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit muss in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, dass es zum bürgerlichen Recht wird. Auch haben die religiösen Gemeinschaften das Recht, keine Behinderung bei der öffentlichen Lehre und Bezeugung ihres Glaubens in Wort und Schrift zu erfahren. Schließlich ist in der gesellschaftlichen Natur des Menschen und im Wesen der Religion selbst das Recht begründet, wonach Menschen aus ihrem eigenen religiösen Sinn sich frei versammeln oder Vereinigungen für Erziehung, Kultur, Caritas und soziales Leben schaffen können.

In der Erklärung des Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen (Nostra aetate) heißt es zu anderen Religionen: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist ‚der Weg, die Wahrheit und das Leben‘ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat. Deshalb mahnt sie ihre Söhne, dass sie mit KIugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern.“15 Gemeint sind Hinduismus und Buddhismus, aber auch der Islam: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat.“16

DIALOG

In den Religionen mischen sich Heiliges und Gewalt, Wesen und Unwesen. Deshalb bedarf es beim Dialog der Bereitschaft zur Selbstkritik, zur Läuterung des Gedächtnisses und zum Lernen von den anderen. Gerade weil sich Wesen und Unwesen von Religion vermischen, sind Offenbarung und Aufklärung kritisch zu vermitteln. Dies kann aber nicht so geschehen, dass wir die Religion auf die Seite legen. Wenn wir Religion auf Ethik reduzieren, schlägt Liebe in Kälte um. Immanuel Kant hatte den Grund des Bösen in der Freiheit, bzw. in der freien Willkür des Menschen, geortet. Er begnügte sich mit der Hoffnung, zu der unbegreiflichen und niemals gewissen „Revolution der Gesinnung“ durch „eigene Kraftanwendung“ zu gelangen17. Freiheit und Liebe nur zum Postulat des Sollens zu erheben, ist aber „selber Bestandstück der Ideologie, welche die Kälte verewigt. Ihm eignet das Zwanghafte, Unterdrückende, das der Liebesfähigkeit entgegenwirkt.“18 Dann wären der eigentliche Glaubensakt im Sinne des Vertrauens und des Gebetes, dann sind die Hoffnungskraft und das Trostpotential der Religionen an den Rand geschoben. Ein Dialog zwischen den Religionen kann nicht auf der Basis eines kleinsten gemeinsamen moralischen Nenners erfolgen, sondern muss vom Ureigenen der Religionen ausgehen. Die Wahrheitsfrage darf dabei nicht gleichgültig ausgeklammert werden. Kriterien für den Wahrheitsanspruch der Religionen sind: Sie müssen einen Heilsbezug, einen Gottbezug, einen essentiellen Freiheitsbezug und einen praktischen Weltbezug haben.19 Sie sind z. B. daraufhin zu befragen, in welcher Form sie Sinn erschließen, wie sie zu Gerechtigkeit und Frieden stehen, welches Gewaltpotential sie freisetzen.

Grundsätzlich sind Mystik und Aufklärung einander gar nicht so fremd, wie es auf den ersten Blick erscheint. Dies lässt sich an der radikalen Selbstkritik bzw. Selbsterkenntnis, die an der Basis mystischer Wege steht, aber auch für die Aufklärung charakteristisch ist, zeigen20. So ist theologische Rede vom Bösen unabdingbar mit menschlicher Freiheit verbunden. Insofern schließt sie die Bereitschaft zu einer ständigen schöpferischen Selbstkritik ein. Die Wahrung der Freiheit erfordert die Unterscheidung der Geister mit einem Gespür bzw. mit der Analyse der Täuschungen in Gefühl und Erkenntnis. Und in diesem Anliegen sind sich mystische, spirituelle und aufgeklärte Traditionen näher, als manche Verächter der Spiritualität und der Mystik meinen (vgl. Ignatius von Loyola, Teresa von Ávila, Fenelon, Kant). In beiden Traditionen schlägt das Ideal der Reinigung bzw. Reinheit, Klarheit und Lauterkeit in allen Dimensionen der Wirklichkeit immer wieder durch. Die Mystiker, und nicht nur sie, suchen die reine Selbstlosigkeit der Liebe, Immanuel Kant die Reinheit der sittlichen Gesinnung (ohne jede sinnliche Neigung!). Die Anliegen von Mystik und Aufklärung sind wahlverwandt. Selbstaufklärung über die Bedingungen der Möglichkeit der eigenen Erkenntnis, kritische Durchleuchtung aller vorfindlichen Bilder und Ergebnisse21, schonungslose Analyse des Subjekts und seiner Welt, eine Reinigung der sittlichen Motive (bis hin zu einem starken Antieudämonismus), die Entdeckung der Passivität der Vernunft.22

TOLERANZ

Zur Religionsfreiheit, zu Respekt und Toleranz gegenüber anderen Religionen, zum friedlichen Dialog mit ihnen gibt es vom Zweiten Vatikanischen Konzil her keine Alternative. Überall dort, wo unterschiedliche Überzeugungen, Werte, Lebensstile, kulturelle Eigenarten und Religionen aufeinandertreffen, ist die Tugend der Toleranz für ein friedliches Zusammenleben der Menschen notwendig. Ihre Unverzichtbarkeit und Bedeutung wird deshalb umso größer, je mehr in unserer Welt ganze verbindende Traditionen und Weltanschauungen zu zerbrechen drohen. Toleranz bedeutet aber nicht Selbstaufgabe. Vielmehr ist tolerantes Verhalten nur dort möglich, wo zugleich auch ein eigener Standpunkt, eine eigene Identität vorhanden ist. Wo beides verwirklicht ist, wo man eigene Identität besitzt und behält und wo man doch den anderen nicht unter die eigenen Maßstäbe zwingt, ist Toleranz gegeben. Toleranz besteht für mich darin, sich mit dem anderen und Fremden wirklich auseinanderzusetzen. Sie beinhaltet Interesse am Neuen, Neugier gegenüber dem Fremden und Andersartigen. Sie beinhaltet auch die Fähigkeit, sich in die Situation des anderen hineinzudenken und hineinzufühlen (Empathie), die Welt und auch sich selbst sozusagen mit den Augen des anderen sehen zu können.

Wenn wir „Toleranz“ hören, denken wir an soziale Beziehungen. Der stoische Begriff tolerantia betrifft zunächst das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, die Fähigkeit etwa, ein schweres Schicksal zu tragen. Tolerare heißt „durchtragen“.23 Eine soziale Tugend war das noch nicht. Ein Leitbegriff zwischenmenschlichen Verhaltens und von Gemeinschaftsbildung ist Toleranz durch das Christentum geworden.24 „Die Liebe er-trägt alles“ (1 Kor 13,7). „Einer trage des anderen Last“ (Gal 6,2). – Prototyp dieser Haltung ist der leidende Gerechte, der Gottesknecht des Deuterojesaja, den die Christen im Juden Jesus aus Nazaret verehren.

Von Toleranz zu sprechen, wenn man das andere in seiner Vielfalt als Bereicherung erfährt, verharmlost das Wort. Schönes und Bereicherndes aufzunehmen bedarf nicht der Toleranz. Welche Frau würde sagen, sie toleriere ihren Mann? Eher schon, sie liebe ihren Mann, deswegen toleriere sie seine Schlamperei. Die Toleranz steht zwischen Ablehnung und uneingeschränkter Bejahung. Sie hält dazu an, etwas zu ertragen, was eigentlich unerträglich erscheint. Toleranz bedeutet die Fähigkeit, eine andere Überzeugung oder ein anderes Verhalten – mitunter zähneknirschend – auszuhalten, durchzutragen, hinzunehmen.

Das hat eine wichtige Konsequenz: Zwar eröffnet Toleranz einen sozialen Raum, in dem Zusammenleben möglich ist. Aber dieser Raum ist begrenzt. Es ist ein Unding, grenzenlos tolerant zu sein. Eine Gemeinschaft oder Gesellschaft, die keine Grenzen der Toleranz kennt und alles erlaubt, zerstört sich selbst. Das ist zwangsläufig so, weil unbegrenzte Toleranz auch ihren Feinden, nämlich der Intoleranz, der Willkür und der Gewalt freie Hand lassen müsste. Die globale Aushöhlung von verbindlichen Inhalten entpuppt sich immer mehr als Komplizin der Gewalt und der Beliebigkeit. Im Zeitalter des kulturellen Pluralismus neigen nicht wenige dazu, die widersprüchlichsten Auffassungen im Bereich der Ethik oder Religion gelten zu lassen. Es kommt – so der Wiener Kulturphilosoph Günter Anders – zu einer weltanschaulichen Promiskuität. Wer an dieser unterschiedslosen Liberalität, an dieser schlechten Gleichheit Anstoß nimmt, „gilt als kulturell prüde, stur, provinziell, unaufgeschlossen, intolerant, undemokratisch, unkultiviert – und eng sogar auch in moralischer Hinsicht.“25 „Wer alles schön findet, ist nun in Gefahr, nichts schön zu finden. … Kein Blick erreicht das Schöne, dem nicht die Gleichgültigkeit, ja fast die Verachtung gegen alles beigesellt wäre. … Liberalität, die unterschiedslos den Menschen ihr Recht widerfahren lässt, läuft auf Vernichtung hinaus wie der Wille der Majorität, die der Minorität Böses zufügt und so der Demokratie Hohn spricht. … Aus der unterschiedslosen Güte gegen alles droht denn auch stets Kälte und Fremdheit gegen jedes, die dann wiederum dem Ganzen sich mitteilt. Uneingeschränkte Güte wird zur Bestätigung all des Schlechten.“26

Die Wendehälse sind überall dabei, die Widersprüche gehören zum System. Ja und Nein verkommen zu einer Frage des Geschmacks und der Laune, Leben oder Tod wird zur Frage des besseren Durchsetzungsvermögens, Wahrheit oder Lüge eine Frage der besseren Taktik, Liebe oder Hass eine Frage der Hormone, Friede oder Krieg eine Frage der Konjunktur. Die Unterscheidung zwischen Humanität und Barbarei, zwischen sittlichen Prinzipien und verbrecherischen Grundsätzen liegt dann auf der Ebene der bloßen Emotion oder des Durchsetzungsvermögens.27 Die Selbstbeschränkung des Denkens, das sich skeptisch weigert, Entscheidungen zu treffen und nach Gerechtigkeit zu suchen, wird insgeheim zur Komplizin des (Un-) Rechtes des Stärkeren.

Tolerant kann nur sein, wer einen Standpunkt hat. Die Toleranz rät nicht, dass wir im Gespräch mit anderen Religionen und Kulturen Unterschiede kaschieren, sondern dass wir sie aushalten im Respekt voreinander. Sie verlangt Entschiedenheit, verbietet dabei aber jede Form innerer oder äußerer Pression und Gewalt. Deswegen ist es unmöglich, zugleich dem Moloch zu dienen und Gott, dem „Freund des Lebens“ (Weish 12,6). Anything goes (Paul Feyerabend) geht nicht. Fanatische Intoleranz lässt sich nicht durch grenzenlose Toleranz überwinden; die ist entweder blind oder zynisch, sie bahnt faktisch dem Fundamentalismus den Weg. Wenn alles geht, kommt es auf nichts mehr an. Wenn nichts mehr zählt, zählt am Ende nur noch, was sich auszahlt. Auch Toleranz im Sinn dieses Wortes kostet ihren Preis, und zwar für den, der sie übt. Sie schmerzt, daran führt kein Weg vorbei.

Deswegen fordert Papst Benedikt XVI. nicht nur im Hinblick auf den Islam, sondern auch im Hinblick auf Strömungen in der Kirche das Gespräch zwischen Glaube und Vernunft. Der Dialog soll nicht naiv sein, weder fundamentalistisch im Hinblick auf die eigene Glaubensüberzeugung, noch geprägt von einer gleichgültigen und permissiven Toleranz. Der Dialog mit anderen Religionen und Kulturen braucht Klarheit, Klugheit und Vertrauen, die Überzeugung des eigenen Glaubens und das Wissen um die eigene Tradition.28

SPIRITUALITÄT DES FRIEDENS

Nach der Shoah gingen entscheidende Impulse für die Begegnung zwischen Juden und Christen u. a. von dem jüdischen Historiker Jules Isaac29 aus, einem Mitbegründer der französischen christlich-jüdischen Dialoggruppe Amitié Judéo-Chrétienne (1948). Jules Isaac hatte Frau und Tochter in Auschwitz verloren, nur weil sie Isaac hießen. In seinen bekannten Werken Jésus et Israel (Paris, 1946)30 und L’enseignement du mépris (Paris 1962) zeigt Jules Isaac die jüdischen Wurzeln des Christentums auf und fasst wesentliche Aspekte der antijüdischen Traditionen in den Kirchen als „Lehre der Verachtung“ zusammen. Jules Isaac hat 45 Briefe an Claire Huchet-Bishop31 geschrieben32. In Brief Nr. 39 fordert Isaac die Verurteilung der „Lehre von der Verachtung“, die dem jüdischen Volk durch die christliche Verkündigung zuteilwird. Diese Verurteilung muss von höchster Stelle aus geschehen (durch den Papst bzw. durch ein Konzil). – Statt der jahrhundertelangen „Lehre der Verachtung“ (Jules Isaac) hat eine christliche Theologie des Judentums in der Besinnung auf seinen jüdischen Ursprung in Jesus von Nazaret und den Verfassern der neutestamentlichen Schriften diese jüdischen Wurzeln bzw. diesen jüdischen Stamm (Röm 11,16–18) anzuerkennen, ohne die und ohne den es zum Austrocknen verurteilt wäre. Isaac beschäftigte sich intensiv mit dem Verhältnis von Verachtung und Gewalt. Schrittweise rechtfertigt Verachtung Gewalt und dann den Krieg. Isaac meint, dass die Verachtung in Wertschätzung und Dialog verwandelt werden muss.

In einer Spiritualität des Friedens geht es zunächst um eine Abrüstung des Denkens. Da sollen eigene Verfolgungsängste und Hassgefühle aufgearbeitet, Feindbilder abgebaut und Vorurteile hinterfragt werden. Von da her ist es ihr wichtig, wohl mit den eigenen Grenzen zu leben, mit diesen aber dynamisch umzugehen und so leibliche, biologische und nationale bzw. ethnische Grenzen zu überschreiten.

Die anderen, in der Vergangenheit die Italiener oder die Franzosen, auch die Polen und die Russen, in der Gegenwart Menschen aus der ehemaligen UdSSR, aus Afrika, werden nicht von selbst vertraut. Dies hängt an grundsätzlichen Einstellungen zum Leben bzw. an Lebensentwürfen, die negativ über der eigenen Identität wachen. Unter diesen Vorzeichen steht auch die Gabe der Freiheit des Fremden. Selbstbestimmung und Freiheit wird auf den Kampf gegen Abhängigkeit und Fremdbestimmung, aber auch gegen Bindung und Beziehung reduziert. Freiheit wäre Sich-Losreißen. Das Selbsterhaltungs-Ich zeichnet sich durch Misstrauen, Rationalität, Kontrolle und Kritik aus. In Verhärtungen oder auch in Blockbildungen findet das Individuum nicht sein Heil. Menschliche Identität gelingt nicht in der Gettoisierung oder in einer Festung, nicht durch kämpferische Selbstverteidigung, Verhärtung oder Totalbewaffnung und ist auch nicht machbar.

Abrüstung in den Köpfen wird positiv überwunden durch konkrete Partnerschaften z. B. mit Gruppen aus Tschechien oder Polen, durch Symbolhandlungen wie z. B. die gemeinsame Wallfahrt nach Mariazell beim Mitteleuropäischen Katholikentag im Mai 2004, durch gemeinsame Ferien und Symposien, durch den Gedenkdienst in Auschwitz und in Israel, durch Anwaltschaft für Asylanten und Fremde, Anwaltschaft für Behinderte, Sinti und Roma.

Eine Spiritualität des Friedens muss an die Wurzeln von Konflikten und Kriegen gehen. An der Wurzel von Terror und Barbarei stand nicht selten die Anmaßung absoluter Macht über Leben und Tod, stand die Verachtung des Menschen, in der Nazizeit die Verachtung von Behinderten und Zigeunern, die Verachtung von politischen Gegnern, die Verachtung von Traditionen, die im jüdischen Volk lebten und leben, die Verachtung der ‚anderen‘. Diese Verachtung hat sich aller Kräfte, auch der der Wissenschaften, der Medizin, der Ökonomie und sogar der Religion bedient. Von der Medizin her wurde lebenswertes und lebensunwertes Leben definiert und selektiert, es gab eine ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung im Hinblick auf die Ermordung von Behinderten. Verachtung signalisiert: Du bist für mich überflüssig, reiner Abfall und Müll, den es zu verwerten und dann zu entsorgen gilt, eine Null, ein Kostenfaktor, den wir uns nicht mehr leisten wollen.

Die entsprechende Geisteshaltung skizziert Theodor W. Adorno in den Minima Moralia: „Musterung. Wer, wie das so heißt, in der Praxis steht, Interessen zu verfolgen, Pläne zu verwirklichen hat, dem verwandeln die Menschen, mit denen er in Berührung kommt, automatisch sich in Freund und Feind. Indem er sie daraufhin ansieht, wie sie seinen Absichten sich einfügen, reduziert er sie gleichsam vorweg zu Objekten: die einen sind verwendbar, die anderen hinderlich. … So tritt Verarmung im Verhältnis zu anderen Menschen ein: die Fähigkeit, den anderen als solchen und nicht als Funktion des eigenen Willens wahrzunehmen, vor allem aber die des fruchtbaren Gegensatzes, die Möglichkeit, durch Einbegreifen des Widersprechenden über sich selber hinauszugehen, verkümmert. Sie wird ersetzt durch beurteilende Menschenkenntnis. … Der starr prüfende, bannende und gebannte Blick, der allen Führern des Entsetzens eigen ist, hat ein Modell im abschätzenden des Managers, der den Stellenbewerber Platz nehmen heißt und sein Gesicht so beleuchtet, dass es ins Helle der Verwendbarkeit und ins Dunkle, Anrüchige des Unqualifizierten erbarmungslos zerfällt. Das Ende ist die medizinische Untersuchung nach der Alternative: Arbeitseinsatz oder Liquidation.“33

Ein Dienst am Frieden kann die Kritik an allen Götzen und die Radikalisierung der Gottesfrage sein. Gerade die Verabsolutierung von bestimmten endlichen und begrenzten Werten führt nicht selten zu tödlichen Konflikten. Den Götzen der Herrschsucht, des Übermenschen, des Kapitals, des Nationalismus, des Rassismus, des Militarismus oder des gekränkten Stolzes wurden Millionen von Menschen geopfert. Sogar Werte wie der Friede selbst, wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erzeugen das Gegenteil ihrer selbst, wenn sie gewaltsam universalisiert werden. So wurde die fraternité der französischen Revolutionsheere zur Aggression gegen die Alte Welt, die sozialistische Brüderlichkeit zum Sowjetimperialismus oder eine christliche Ethik zum Kreuzzug gegen die Heiden. Innergeschichtliche Endlösungen, politische Utopien und Revolutionen wurden zum Terror. Zum Götzen kann auch das Sicherheitsbedürfnis werden, z. B. wenn von der Rüstung ein hohes Maß an Intelligenz absorbiert, Kapital gebunden und damit indirekt ein Krieg gegen die Armen geführt wird. Eine Spiritualität des Friedens nimmt Abschied von allen sich selbst rechtfertigenden, sich selbst begründenden, aus sich selbst entwerfenden und damit sich selbst vergötzenden Systemen.

AUSBLICK

Monotheismus, Polytheismus oder Atheismus sind nicht an sich schon Gewalt produzierend oder friedlich demokratisch. Es ist die jeweils konkrete Religion oder Ideologie auf Gewalt und Friedenspotentiale hin zu prüfen. Das gilt auch für Formen der Spiritualität und der Religion, die keinen personalen Gott kennen, wie z. B. für den Buddhismus. Das gilt ebenso für Vernunft, Aufklärung, Fortschritt, Wissenschaft und Utopie, die in ihren real existierenden Vollzügen in der Dialektik von Gewalt und Frieden stehen und ihre Nacht- bzw. Schattenseite haben.

Auf Krieg und Frieden, Gewalt und Feindesliebe sind die konkreten normativen Personen der Religionsgründer, der Offenbarer, der Propheten, der Heiligen zu befragen, und zwar im Hinblick auf die Lehre wie auch im Hinblick auf die Praxis. Ebenso sind kanonische Texte, heilige Bücher und Traditionen im Hinblick auf Gewalt und Frieden zu beleuchten. Zu heben sind die jeweiligen Impulse zu Freiheit, Versöhnung, gewaltfreier Konfliktlösung, Feindesliebe, Frieden und Gerechtigkeit.34

In der christlichen Bibel stehen Aussagen über Gewalt und Frieden nicht gleichrangig oder gleichwertig nebeneinander. Die christliche Bibel und ihre Lehre zu Frieden und Gewalt ist von der Mitte, von der Person Jesu, von seiner Bergpredigt, von den Seligpreisungen der Gewaltlosen und der Friedensstifter, vom Kreuzestod als Zuspitzung der Vergebung und der Feindesliebe her zu interpretieren.

Neben den normativen Personen und Texten ist aber auch die konkrete Gewalt- und Friedensgeschichte der jeweiligen Religion und Weltanschauung zu betrachten. Auf sehr unterschiedlichen Altären wurden Menschenopfer dargebracht. Religion und Glaube sind sehr unheilige Allianzen mit Nationen und Ethnien, mit wirtschaftlicher und politischer Macht, mit unterschiedlichen Interessen und Ideologien eingegangen und haben so auch Gewalt, Unterdrückung, Kolonisierung und Krieg mit sanktioniert. Religionen und Glaube haben aber auch zur Zähmung von Gewalt und Aggression, zur Versöhnung zwischen Feinden, zur Überwindung von Hass, Krieg und Unrecht beigetragen. Es wäre fatal, auf die humanisierenden Kräfte der Religionen zu verzichten und die Frieden stiftenden Potentiale z. B. des christlichen Glaubens auf die Seite zu schieben. Begriffe wie Moralität und Sittlichkeit, Person und Individualität, Freiheit und Emanzipation können wir Europäer, so Jürgen Habermas 1988, nicht ernstlich verstehen, „ohne uns die Substanz des heilsgeschichtlichen Denkens jüdisch-christlicher Herkunft anzueignen.“35 Religion gehöre zum „kulturellen Potential“, aus dem sich die Integrationskraft der Gesellschaft speise.36 Habermas erinnerte daran, dass Glaube nicht notwendig zum Fürchten ist, sondern zur Selbstkontrolle einer diesseitig-demokratischen Bürgerschaft hilfreich, wenn nicht unentbehrlich. Im Motiv der Gottebenbildlichkeit des Menschen liegen Einsichten, die auch eine weltliche Gesellschaft nur zu ihrem Schaden vernachlässigen kann.

2. Kapitel

Der Mensch ist, was er isst
Ethische Aspekte der Brotproduktion und des Brotkonsums

„Bisher hat alles das, was dem Dasein Farbe gegeben hat, noch keine Geschichte: oder wo gäbe es eine Geschichte der Liebe, der Habsucht, des Neides, des Gewissens, der Pietät, der Grausamkeit; selbst eine vergleichende Geschichte des Rechtes, oder auch nur der Strafe, fehlt bisher vollständig. Hat man schon die verschiedene Einteilung des Tages, die Folgen einer regelmäßigen Festsetzung von Arbeit, Fest und Ruhe zum Gegenstand der Forschung gemacht? Kennt man die moralischen Wirkungen der Nahrungsmittel? Gibt es eine Philosophie der Ernährung?“37 – „Der Mensch ist, was er isst.“38 Dieser berühmte Satz von Ludwig Feuerbach steht in einer Rezension von Jacob Moleschotts „Lehre der Nahrungsmittel für das Volk“ (1850). Um diesen Satz gerecht zu beurteilen, muss man ihn im Zusammenhang lesen. Unmittelbar vorher stehen die Sätze: „Die Lehre von den Nahrungsmitteln ist von großer ethischer und politischer Bedeutung. Die Speisen werden zu Blut, das Blut zu Herz und Hirn, zu Gedanken- und Gesinnungsstoff.“ Ernährung und Kochen sind bei Fernsehsendungen und auf dem Buchmarkt ganz vorne. Was essen wir so im Laufe eines Tages oder einer Woche? Wie gesund oder wie krank machend sind die Speisen, wie gesund sind die Abwechslung, die Vielfalt oder das Durcheinander beim Essen und Trinken? Wie schlagen sich die Essensgewohnheiten mit Gewichtsproblemen und Beweglichkeit auf unseren Leib? Inwiefern spiegeln sie unsere Denkgewohnheiten oder unseren alltäglichen Umgang miteinander? In gewisser Hinsicht werden wir das, was wir essen und wie wir essen. Ludwig Wittgenstein, der bedeutendste österreichische Philosoph des 20. Jahrhunderts, befasst sich mit der Abwechslung der philosophischen Diät im metaphorischen Sinne: „Eine Hauptursache philosophischer Krankheiten – einseitige Diät: man nährt sein Denken mit nur einer Art von Beispielen.“39 Wenn wir philosophieren, sollten wir uns bemühen, meint Wittgenstein, die Diät abwechslungsreich zu gestalten, indem wir uns verschiedene Beispiele und Situationen vor Augen führen. Nur so wird die geistige Nahrung reichhaltig und stärkend sein. – Es gibt durchaus Wahrnehmungs- und Entscheidungskrankheiten: Wer unversöhnt oder ungeordnet lebt, wer in seinen Kränkungen stecken bleibt, dessen Blick für andere ist getrübt, und der kann auch nicht richtig denken und entscheiden. Wer ideologisch große Bereiche der Wirklichkeit ausblendet, wer abgestumpft ist gegen Freude oder Leid, der wird eindimensional und oberflächlich. Unsere Wahrnehmungsfähigkeit und unsere Entscheidungen hängen wesentlich von dem ab, was wir aufnehmen, wie wir es aufnehmen und verarbeiten.

WELCHEN WERT HAT EIN BROT?

Ein englischer Journalist unternahm einmal einen Versuch: Er wollte wissen, welchen Wert das Brot bei den Menschen hat. Er kaufte einen großen Laib Brot und stellte sich damit an belebte Straßenecken in verschiedenen Großstädten der Welt. Den vorübergehenden Menschen machte er das Angebot, sie könnten dieses Brot haben, wenn sie dafür eine Stunde arbeiten würden. Und das kam dabei heraus: In Wien lachte man ihn aus. In New York (USA) verhaftete ihn die Polizei. In Abuja (Nigeria/Afrika) wollten gleich mehrere Personen für diesen Laib Brot arbeiten, wenn nötig sogar drei Stunden lang. In Kalkutta (Indien) waren im Nu mehr als hundert Leute versammelt, die bereit waren, einen ganzen Tag für dieses Brot zu arbeiten (Quelle unbekannt). Welchen Wert hat das Brot? Für die einen ist es zum Abfall- und Wegwerfprodukt geworden: „Das Brot und das Wort sind Kleingeld geworden. … Wir beten um tägliche Abfallkübel.“40 Für andere hingegen ist es heilig und unendlich kostbar. Unser täglich Brot, das ist der Titel eines österreichischen Dokumentarfilmes von Nikolaus Geyrhalter aus dem Jahr 2005. Der Film zeigt die Hightechlandwirtschaft und die industrielle Nahrungsmittelproduktion. Nach dem Film schmeckt das Essen nicht mehr recht. Für billige Lebensmittel nehmen die Konsumenten ökologisch und (un-)sozial so ziemlich alles in Kauf. Zum Rhythmus von Fließbändern und riesigen Maschinen gibt der Film kommentarlos Einsicht in die Orte, an denen Nahrungsmittel in Europa produziert werden: monumentale Räume, surreale Landschaften und bizarre Klänge, eine kühle industrielle Umgebung, die wenig Raum für Individualität lässt. Menschen, Tiere, Pflanzen und Maschinen erfüllen die Funktion, die ihnen die Logistik dieses Systems zuschreibt, auf dem der Lebensstandard unserer Gesellschaft aufbaut. Unser täglich Brot ist ein Bildermahl im Breitwandformat, das nicht immer leicht verdaulich ist, und an dem wir alle Anteil haben.

Mit dem Film We feed the world (2005) hat sich Erwin Wagenhofer auf die Spur unserer Lebensmittel gemacht. Sie hat ihn nach Frankreich, Spanien, Rumänien, in die Schweiz, nach Brasilien und zurück nach Österreich geführt. Roter Faden ist ein Interview mit Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. We feed the world ist ein Film über Ernährung und Globalisierung, Fischer und Bauern, Fernfahrer und Konzernlenker, Warenströme und Geldflüsse, ein Film über den Mangel im Überfluss. Er gibt in eindrucksvollen Bildern Einblick in die Produktion unserer Lebensmittel sowie erste Antworten auf die Frage, was der Hunger auf der Welt mit uns zu tun hat.

Tag für Tag wird in Wien gleich viel Brot entsorgt, wie Graz verbraucht. 20 Prozent des Brots in Wien müsse weggeworfen werden, konnte man den Medien entnehmen, weil die Kunden noch am Abend frisches Brot im Supermarktregal erwarten. Auf rund 350.000 Hektar, vor allem in Lateinamerika, werden Sojabohnen für die österreichische Viehwirtschaft angebaut, daneben hungert ein Viertel der einheimischen Bevölkerung. Jede Europäerin und jeder Europäer essen jährlich zehn Kilogramm künstlich bewässertes Treibhausgemüse aus Südspanien, wo deswegen die Wasserreserven knapp werden.

Der Anteil von Lebensmitteln in der Restmülltonne nimmt zu. Es dürften bereits 50 Prozent sein. Der Großteil davon ist noch nicht verdorben. Es werden zu große Semmelpackungen gekauft: Sieben von zehn Semmeln wandern in den Müll. Montags wird der Kühlschrank neu befüllt: Der Samstageinkauf wandert in den Müll. Das ist nicht Ware, die aus irgendwelchen Gründen nicht verkauft werden konnte, sondern das sind Lebensmittel, die gekauft wurden und nun weggeworfen werden, weil manche Menschen offensichtlich zu viel Geld haben, um die Notwendigkeit zu spüren, einen Haushaltsplan zu entwerfen. Lebensmittel werden in der ganzen Breite der Auswahl und Frische zu jeder Zeit des Tages angeboten. Nur ein kleiner Teil davon wird verkauft und konsumiert. Leitbild ist dabei nicht die Versorgung, sondern der Anschein, dass der Konsument immer die große Auswahl und ein frisches Produkt habe. Damit hat sich aber die grundsätzliche Einstellung und Wertschätzung gegenüber den Lebensmitteln, insbesondere dem Brot verändert. Brot ist mehr als nur ein Lebensmittel. Brot war und ist in der Geschichte des Abendlandes vielerlei: Ausdruck höherer Kultur, Anlass sozialrevolutionärer Gärung, religiöses Symbol.

BROT UND POLITIK41

Politisch hatte die Forderung nach Brot immer große Bedeutung. Mangel an Brot führte zu Hungersnöten, Geburtenrückgängen, Auswanderungen und Aufständen. Um die Kornkammern und Getreideanbaugebiete wurden im Laufe der Jahrtausende mehr Kriege geführt als um Gold. Vielleicht ist gegenwärtig das Erdöl an die Stelle des Brotes getreten. Missernten bedeuten bis in die heutige Zeit für die Betroffenen Hunger, Elend und Not. Getreideüberschuss und Getreidemangel prägten die Weltpolitik entscheidend mit. Das galt schon für das römische Weltreich in der Antike. Anbau und Nutzung des Getreides waren für Rom wesentlich beim Aufstieg zum Weltreich. Der Dichter Juvenal kritisierte mit dem Ausdruck „Brot und (Zirkus-)spiele“ (panem et circenses) das Volk im Römischen Reich. Damit sollte zeitweilig das Volk in politischen Krisen ruhig gehalten werden. Eine verfehlte Agrarpolitik trug dann später entscheidend zum Niedergang des Römischen Reiches bei: Aufgrund zunehmender Latifundienwirtschaft, die sich auf die profitablere Viehzucht stützte, wurde Rom von den Getreideeinfuhren aus den „Kornkammern“ in Sizilien, Nordafrika und Spanien abhängig. Mit dem Verlust dieser Provinzen ging dann auch die Macht und die Widerstandskraft dieses Weltreiches zurück, um schließlich aufgelöst zu werden.

Es war der Hunger, der bis zum 17. Jahrhundert Europa in ein riesiges Haus der Träume verwandelte. Aus den Schrecken des Hungers heraus werden die Ängste, die bizarren Riten und abergläubischen Praktiken, die ekstatischen Traumfolgen und magischen Vorstellungen eines Zeitalters verständlich, das man als das finstere, abergläubische und hinterwäldlerische bezeichnete42. Eine rationalistische, aufklärerische Gedankenwelt hat bis zum heutigen Tag viel mit Brot zu tun hat. „Brot und Freiheit wachsen auf einem Halm“, heißt es. Die Forderung nach Brot leitete den Beginn der Französischen Revolution ein. Am 5. Oktober 1789 zogen die Pariser Frauen vom Stadthaus, wo sie vergeblich Brot gefordert hatten, nach Versailles, um den König nach Paris zu holen. Immer wieder prägten Brotkrawalle die Geschichte. Das Lied Brot und Rosen geht auf einen Streik von 14.000 Textilarbeiterinnen in Lawrence, einer Stadt in den USA, im Jahr 1912 zurück, mit dem die Frauen gegen Hungerlöhne und Kinderarbeit protestierten:

„Wenn wir zusammen gehen, geht mit uns ein schöner Tag Durch all die dunklen Küchen, und wo grau ein Werkshof lag beginnt plötzlich die Sonne unsere arme Welt zu kosen, und jeder hört uns singen: Brot und Rosen! Brot und Rosen!

Wenn wir zusammen gehen, kämpfen wir auch für den Mann, weil unbemuttert kein Mensch auf die Erde kommen kann.

Und wenn ein Leben mehr ist als nur Arbeit, Schweiß und Bauch, wollen wir mehr: Gebt uns das Brot, doch gebt die Rosen auch.

Wenn wir zusammen gehen, gehen unsere Toten mit.

Ihr unerhörter Schrei nach Brot schreit auch durch unser Lied.

Sie hatten für die Schönheit, Liebe, Kunst, erschöpft, nie Ruh.

Drum kämpfen wir ums Brot und wollen die Rosen dazu.

Wenn wir zusammen gehen, kommt mit uns ein besserer Tag.

Die Frauen, die sich wehren, wehren aller Menschen Plag.

Zu Ende sei: dass kleine Leute schuften für die Großen.

Her mit dem ganzen Leben: Brot und Rosen! Brot und Rosen!“

Brot und Rosen ist ein Stichwort, mit dem Frauen immer wieder öffentlich ihren Anteil an gut bezahlter Erwerbsarbeit und ihren Anteil an den schönen Dingen im Leben eingefordert haben und es weiterhin tun werden.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde in der schweren Depression der Wahlspruch „Arbeit und Brot“ in Deutschland verwendet. Brot war immer Bestandteil politischer Wahlwerbung: „Denket an das Getreidegesetz und Euren Hunger! Keine Stimme den Brotverteuerern!“ So war es im österreichischen Nationalratswahlkampf 1920 auf den Plakaten der Sozialdemokratie zu lesen. Die Christlichsozialen hingegen versprachen besseres Brot in ausreichendem Maße.

„Brotkrawall“ ist nach wie vor ein Synonym für „Hungerkrawall“, für den Aufstand breiter verarmter Schichten, die das Existenzminimum für sich und ihre Familien, das tägliche Brot, nicht mehr erwirtschaften können. So kam es in Haiti, Ägypten, Burkina Faso, Indonesien, Elfenbeinküste, Mauretanien, Moçambique und Senegal, Kamerun, Marokko, Guinea und Guinea-Bissau im April 2008 zu Hunger-Demonstrationen. Der Direktor der UN-Umweltbehörde UNEP, Achim Steiner, rechnete mit einer Verschärfung der Nahrungsmittelkrise. Der Preiszuwachs bei Lebensmitteln auf den Weltmärkten bedrohe die Grundversorgung von Hunderten Millionen Menschen. Das Welternährungsprogramm erwartet weitere Hungerrevolten infolge der weltweit ansteigenden Lebensmittelpreise. Als mögliche Krisenherde werden Somalia, der Sudan, die Demokratische Republik Kongo, Afghanistan, Simbabwe, die Philippinen und Haiti genannt. Dort sei die Bevölkerung besonders stark vom Hunger betroffen. In Nordkorea drohe eine humanitäre Katastrophe.43

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