Kitabı oku: «Kleine Igel – große Probleme»
Manuel Enders
Kleine Igel – große Probleme Tyran und Timmy
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2021
Impressum
Dramaturgische Beratung: Nicole Mosleh,
www.nicolemosleh.de, info@nicolemosleh.de
Lektorat: Hartmut Pospiech, www.hartmutpospiech.de
Korrektorat: Birgit Rentz, www.fehlerjaegerin.de
Coverdesign und Illustrationen: Robert Rittermann,
www.robertrittermann.com
Porträtfotografie: Malte Reiter Fotografie,
www.malte-reiter.de
E-Mail: autormanuelenders@gmx.de
www.instagram.com/autormanuelenders/
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Für Jennifer,
Liebe meines Lebens.
Wir müssen lernen,
entweder als Brüder miteinander zu leben
oder als Narren unterzugehen.
Martin Luther King
Vorwort
Hallo, liebe Leserin, lieber Leser!
Ich verrate dir ein Geheimnis:
Ich bin viel zu alt, um ein Vorwort für ein Kinderbuch zu schreiben. Als ich im richtigen Alter war, gab es noch gelbe Telefonzellen. Es gab drei Fernsehprogramme. Noch kein Internet. Von Smartphones mal ganz zu schweigen.
Aber es gab Bücher. Ich habe jede Sekunde genutzt, um sie zu lesen. Denn ich liebe Geschichten. Spannende Geschichten. Fröhliche Geschichten. Überraschende Geschichten. Auch traurige Geschichten. Aber nur, wenn sie am Ende gut ausgehen.
Deshalb bin ich Lektor geworden. Ein Lektor ist einer, der Geschichten liest, bevor sie in einem Buch erscheinen. Und gemeinsam mit den Autoren versucht, ihre Geschichten noch besser zu machen.
So habe ich Tyran und Timmy kennengelernt, und die anderen Figuren: den Affen Smokey zum Beispiel, die strenge Señora und den gutmütigen Pablo.
Jennifer und Manuel habe ich auch kennengelernt, die sich die Geschichte mit den beiden Igeln ausgedacht haben. Wir diskutierten, bis unsere Köpfe rauchten. Und dann haben Jennifer und Manuel weiter an dem Buch gearbeitet, bis es fertig war.
Wenn dir die Geschichte auch gefällt, verrate ich dir noch ein Geheimnis: Jennifer und Manuel haben sich bereits weitere Abenteuer von Tyran und Timmy ausgedacht.
Ich bin darauf schon sehr gespannt.
Hartmut Pospiech
(August 2020)
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Das Spiel
Zirkus Dark
Das Kinderzimmer
Die zündende Idee
Der Flyer
Smokeys Auftrag
Tyrans Hartnäckigkeit
Aufbruch
Das Casting
Der Aufenthaltsraum
Suche nach Timmy
In der Stadt
Timmys Ankunft
Bei den Andersons
Ich bin keine Ratte!
Böser Zirkus
Erste Nacht
Der Morgen danach
Was habt ihr vor?
Eine erste Spur
Chaos im Einkaufszentrum
Die Feier
Flucht
Der Vorhang fällt
Abschied
Tag der Vorstellung
Versöhnung
Die Hauptattraktion
Verfolgungsjagd
Ende gut, alles gut?
Daheim
Danksagung
Über den Autor
Prolog
Vor langer, langer Zeit beherrschten die Tiere die Sprache der Menschen und lebten friedlich mit ihnen zusammen. Sie bauten gemeinsam Hütten, halfen einander bei der Ernte, bereiteten die Nahrung zu und führten anregende Gespräche über die alltäglichsten Dinge.
Einem jungen Mann jedoch gefiel diese Gemeinschaft nicht. Er hieß Gideon. Seiner Meinung nach waren Tiere dem Menschen nicht gleichgestellt. Er wollte sie für immer aus den Dörfern vertreiben. Für dieses Vorhaben brauchte er Verbündete. Er verbreitete unter den Menschen das Gerücht, dass Tiere planten, sie zu überfallen und sie dann in Knechtschaft zu halten. In geheimen Versammlungen überzeugte er immer mehr Menschen von der Gefährlichkeit der Tiere.
In einer Nacht wurde sein Vorhaben in die Tat umgesetzt. Seine Anhänger zündeten die Hütten der Tiere an und vertrieben sie mit Heugabeln aus den Dörfern. Dennoch gab es Menschen, die sich schützend vor die Tiere stellten. Gideon befahl, dass diese Verräter für ihr Verhalten schlimm bestraft werden sollten. Innerhalb weniger Stunden waren alle Tiere in den Wäldern verschwunden. Dort errichteten sie Verstecke, damit die Menschen sie niemals finden würden. Die Tiere, die ihre Babys wegen Gideons Hinterhalt zurücklassen mussten, gingen kurze Zeit später in die Dörfer zurück, um sie zu holen, kamen aber niemals wieder.
Gideon hatte mit seinem Vorhaben gesiegt. Ihm kam aber noch eine weitere Idee in den Sinn, die die Geschichte zwischen Menschen und Tieren für immer verändern sollte. Er befahl seinen Anhängern, Tieren auf keinen Fall das Sprechen beizubringen und sie als Nutztiere zu halten. Die Zeit der Noblas begann.
Zukünftig lebten Generationen von sprechenden Tieren in den Wäldern versteckt. Sie bezeichneten sich selbst als Tellys und hielten sich an den Ehrenkodex ihrer Vorfahren:
Sprecht niemals mit einem Menschen!
Das Spiel
An diesem lauen Sommerabend hallte der Ruf einer Eule durch den Wald. Hinter einem unauffälligen Gebüsch befand sich ein leichtes, schlammiges Gefälle, das zu einem massiven Baum führte. In den Baum war ein geräumiges Häuschen eingearbeitet. Darin lebte die Igeldame Señora Solamente mit ihrem zotteligen Briard Pablo. Die Señora war ein sanftmütiger Telly. Weil sie des Öfteren nötige Reparaturarbeiten im und am Haus selber bewerkstelligen musste, trug sie die meiste Zeit eine bequeme Stofflatzhose.
Gemeinsam mit Pablo, einem Nobla, ging sie täglich auf Nahrungssuche. Ansonsten führten die beiden ein eher beschauliches Leben, weit entfernt von den Menschen.
Dieses Leben änderte sich in einer verschneiten Nacht schlagartig, als ein lautes Rumsen die beiden weckte.
Vor dem Haus fand die Señora ein Weidenkörbchen. Vorsichtig zog Pablo mit seinen Zähnen eine samtweiche Decke vom Korb. Darin lagen zwei Igelbabys, die tief und fest schliefen. Die Señora bemerkte die Wärme, die von den Babys ausging, und schloss sie direkt ins Herz. Zu ihrer Verwunderung hatte jemand den Babys Namensschilder um ihr Handgelenk gebunden, auf denen »Tyran« und »Timmy« standen.
Tyran hatte Pausbacken, tief liegende Augen und kleine, spitze Ohren. Timmys Ohren waren auch spitz, jedoch war sein Gesicht schmal und er hatte Knopfaugen. Generell wirkte Timmy sehr zerbrechlich.
In dem Korb fand die Señora noch ein weiteres Schildchen mit dem Namen »Bonita«. Traurig darüber, dass ein Baby fehlte, machte sie sich noch in der Nacht mit Pablo auf die Suche, das Mädchen zu finden, jedoch ohne Erfolg. Die Señora hatte keine Ahnung, wer ihr die Igeljungs gebracht hatte, und so beschloss sie, die beiden liebevoll aufzuziehen.
Zehn Jahre später schaute die Señora ungeduldig aus dem kleinen Küchenfenster. Sie hatte Abendessen zubereitet und ihre Sprösslinge waren immer noch nicht vom Spielen nach Hause gekommen. Es wurde bereits dunkel.
Tyran spürte Timmy dicht hinter sich.
»Gleich h-habe ich dich!«, keuchte Timmy und drückte seine Brille fest auf die Nase.
»Vergiss es!«, erwiderte Tyran und rannte noch schneller.
Plötzlich sah Tyran den schönsten rot glänzenden Apfel, den er je gesehen hatte, an einem Ast hängen und blieb abrupt stehen.
Da rannte sein Bruder schon in ihn hinein und fiel nach hinten um.
»Boah, Timmy, guck mal!«, sagte Tyran und half ihm auf.
Timmy blickte besorgt.
»Was hast du?«, wollte Tyran wissen.
»La-Lass uns l-lieber n-nach Hause ge-gehen! I-Ist schon sp-spät.«
Tyran wusste nicht, warum Timmy dieses Mal heftiger als sonst stotterte. Dann aber sah er, warum. Hinter dem Apfelbaum tat sich ein grasbewucherter Abgrund auf. »Mach dir nicht ins Hemd. Wir teilen den Apfel auch brüderlich.«
»N-Nein, d-das ist z-zu g-gefährlich!«
»Mama muss doch nichts davon erfahren!«
»I-Ich weiß n-nicht.«
»Sei kein Feigling. Ich habe auch schon eine Idee, wie wir an den Apfel kommen.«

Wenige Minuten später stand Tyran ein paar Meter von Timmy entfernt, der vor dem Apfelbaum hockte. »Nicht vergessen, Stacheln anlegen!«, rief er.
»J-Ja!«
Tyran blickte ein letztes Mal zu dem Apfel. »Bereit?«
»B-Bereit!«
Er rannte, so schnell er konnte, auf Timmy zu und sprang auf seinen Rücken. »Jetzt!«, rief Tyran.
Timmy drückte seine Knie durch und Tyran stieß sich von ihm ab. Dadurch wurde Tyrans Schwung verstärkt. Er machte eine Bauchlandung am Baumstamm und kletterte leichtfüßig bis zum Ast hoch. Auf diesem angekommen, winkte er Timmy zu. Sein Bruder stellte sich unter den Ast, um den Apfel aufzufangen.
»Schau mal, bin ich nicht ein super Akrobat?« Tyran schlug mehrere Räder über den Ast und blieb plötzlich mit seiner linken Hinterpfote in einer Furche hängen. »Aaah!«, schrie er und klammerte sich mit seinen vier Pfoten am Ast fest.
»A-Alles in O-Ordnung?«
»Nichts passiert!«
»Puh«, sagte Timmy erleichtert.
Dann knickte der Ast an der Rinde ein.
»Oh-oh.«
Tyran stürzte mit dem Ast und dem Apfel in Richtung seines Bruders, der seine Arme ausgebreitet hatte. Timmy fing Tyran auf und beide fielen zu Boden. Der Apfel rollte zu ihrem Pech in den Abgrund.
»Na klasse!«, rief Tyran beleidigt.
»Wo ist m-meine Brille?«, fragte Timmy panisch und sprang wie von einer Tarantel gestochen auf.
Knack!
Versehentlich war er auf die Brille getreten. Unsicher wankte er umher. Dabei steuerte er auf den Abgrund zu.
Oh nein, dachte Tyran, da rutschte Timmy schon ab und krallte sich gerade noch rechtzeitig am Abhang fest.
»H-Hilfeee, T-Tyraaan!«, schrie er verzweifelt.
»Halte durch, Timmy!«
Tyran sprang zu seinem Bruder und griff nach seiner Pfote. »Hab dich!« Er versuchte Timmy hochzuziehen, fand aber nicht den nötigen Halt und rutschte zusammen mit ihm langsam ab.
Wie aus dem Nichts spürte Tyran im letzten Augenblick einen kräftigen Druck um sein Fußgelenk. Es war eine Pfote, die ihn gepackt hatte.
»¡Dios mío! Pablooo!«, rief die Señora.
Überrascht erkannte Tyran, dass es seine Mutter war. Er und sein Bruder wurden mit einem Ruck nach oben gezogen. Pablo löste seine Zähne aus der eingerissenen Latzhose der Señora und wedelte freudig mit dem Schwanz. Er schleckte die Igeljungs von oben bis unten ab.
»Pablissimo, du hast Mundgeruch!«, schimpfte Tyran und rümpfte die Nase.
»Dankt ihm lieber. Seinem Instinkt ist es geschuldet, dass ich euch gefunden habe!«
Tyran wollte gerade ansetzen, um sich zu verteidigen, da fuhr ihn seine Mutter besorgt an. »Außerdem wisst ihr doch, dass ihr hier nicht spielen dürft. Und wie dreckig eure Latzhosen schon wieder sind!«
»Wir wollten doch nur –«
»Keine Diskussion, Tyran! Ab nach Hause!«
»Oh Mann!«, stöhnte Tyran, während Timmy seine kaputte Brille aufhob.
Tyran ahnte, dass später noch eine ordentliche Standpauke folgen würde.
Zirkus Dark
»Smoookey!«, donnerte es über ein großes Zirkusgelände am Rande der Stadt.
Was will Dark denn schon wieder?, fragte sich der leicht ergraute Telly-Schimpanse Smokey genervt, während er ein weißes Nobla-Show-Pferd an den Mast band.
Smokey trug eine Augenklappe über seinem rechten Auge, von dem eine Narbe bis zur Wange herunterreichte. In seinem Mundwinkel klebte ein Zigarrenstummel. Seine Kleidung bestand aus einer abgewetzten Lederjacke, löchrigen Jeans und Stiefeln. Er machte sich auf den Weg zum Wohnwagen des Zirkusdirektors Mister Dark.
»Boss, was hast du getan?«, fragte ihn ein deutlich jüngerer Schimpanse namens Gordo. Er war einer von Smokeys Gehilfen und trug einen Irokesen-Haarschnitt. Auf der Brusttasche seiner übergroßen Jeansjacke, die über den Schotter schleifte, prangte der Buchstabe »G«.
»Schnauze!«, antwortete Smokey schroff und schubste Gordo auf den Boden.
Gordos Zwillingsbruder Elroy, der ebenfalls ein Gehilfe Smokeys war, stand schon an der Treppe von Mister Darks Wohnwagen. Er glich Gordo jedoch in keiner Weise. Seine Haare waren zu einem Seitenscheitel gegelt und er trug eine unauffällige knielange Stoffweste.
»Viel Glück«, sagte Elroy.
Smokey würdigte ihn keines Blickes, während er die vier Stufen zur Tür hochging. An der abblätternden Wandfarbe des Wohnwagens drückte er den Zigarrenstummel aus und schnipste diesen zu Elroy, der noch rechtzeitig ausweichen konnte.
Smokey richtete seine Lederjacke, dann drehte er an dem vergoldeten Türknauf und ging hinein.
In den prunkvoll eingerichteten Wohnwagen verirrten sich durch die halb offene Jalousie nur wenige Lichtstrahlen. Der Schimpanse blieb vor einem großen, bunten und gepflegten orientalischen Teppich stehen. Darauf stand ein massiver, glänzender Mahagoni-Schreibtisch. Hinter dem Schreibtisch befand sich ein edler Ledersessel, von dem Smokey nur die Rückenlehne und darüber die obere Hälfte eines Zylinders sah. In dem Sessel saß Mister Dark. Smokey fiel die neue vergoldete Ansitzstange am Fenster auf.
Echt jetzt? Für so einen Mist soll ich hier schuften? Dabei hat er nicht mal einen Vogel! Nur einen in seiner Birne!
»Wie lange willst du mich noch warten lassen?«, fragte Mister Dark provokant.
Smokey schwieg, denn es interessierte ihn nicht die Bohne. Ungeduldig drehte sich Mister Dark um. Sein Name passte zu seiner Erscheinung. Er trug einen dunklen Frack. Sein Zylinder reichte bis kurz über die nicht richtig auf dem Kopf sitzende Maske. Diese sah wie ein Menschengesicht aus. Seine orange leuchtenden Augen stachen deutlich darunter hervor.
Smokey beobachtete Mister Dark, wie er mit seiner behandschuhten, knochigen Hand mehrere Bündel Geldscheine aus der Schublade holte und zählte.
»Also, wie sieht dein Plan für die neue Attraktion aus?«, fragte Mister Dark ihn in eindringlichem Ton.
Der Schimpanse zuckte gleichgültig mit den Achseln, worauf Mister Dark das Geld auf den Schreibtisch pfefferte, sich erhob und wenig später in voller Größe vor ihm stand. Smokey blickte hinauf in das Gesicht des etwa zwei Meter großen Zirkusdirektors. Dann sah er aus dem Augenwinkel, wie Mister Dark mit Daumen und Zeigefinger einen Fussel von seiner Schulter entfernte und sich zu seinem Ohr vorbeugte.
»Aber wie soll ich mir das alles hier weiterhin leisten können, wenn nicht noch mehr Zuschauer die Vorstellungen besuchen?«, fragte Mister Dark und ließ den Blick über sein Hab und Gut schweifen.
Smokey war von all dem wenig beeindruckt und schwieg weiterhin.
»Vielleicht verkaufe ich als Allererstes deinen Wohnwagen«, fuhr der Zirkusdirektor fort.

Innerlich begann der Schimpanse vor Wut zu kochen. Er ballte die Fäuste so stark, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
»Ich sehe so viel Energie, aber du verschwendest sie. Wenn du nicht spurst, dann kannst du gerne wieder durch die Straßen ziehen und schauen, wo du schläfst und dein Essen herbekommst.«
Smokey blickte auf seinen rechten Stiefel. Darin befand sich ein Gegenstand, den er, ohne mit der Wimper zu zucken, gegen Mister Dark einsetzen würde, wenn dieser zu weit ging. Was dann geschehen würde, konnte der Schimpanse jedoch nicht einschätzen. Er heftete seinen Blick auf die missbilligenden Augen des Zirkusdirektors und sagte zähneknirschend: »Ich kümmere mich darum.«
»Und zwar sofort!«, brüllte Mister Dark.
Wutschnaubend verließ Smokey den Wohnwagen und knallte die Tür gegen Gordo und Elroy, die offenbar gelauscht hatten. Rücklings purzelten sie die Stufen hinunter und blieben auf dem Schotter liegen.
»Ey Boss, was wirst du tun?« Benommen rieb sich Gordo die schmerzenden Glieder.
Ohne auf seine Worte einzugehen, schaute Smokey auf sein Crossmotorrad, das vor dem rot-gelb gestreiften Zirkuszelt inmitten des Geländes parkte. Er grinste.
Ich werde es Dark ein für alle Mal zeigen und mein eigenes Ding machen. Dann könnt ihr mich alle mal!
»Will unser Zirkusdirektor wieder unnötigen Schnickschnack kaufen?«, fragte Elroy.
Ungeachtet seiner Anmerkung stieg Smokey über die am Boden liegenden Brüder.
»Aua!«, quiekte Gordo.
»Uff!«, stöhnte Elroy.
Umständlich rafften sich die beiden Affen auf.
»Ich hatte gerade einen Geistesblitz«, sagte Smokey und entnahm der Innentasche seiner Lederjacke ein Feuerzeug und eine neue Zigarre.
»Ein Geist, wo?«, fragte Gordo und versteckte sich hinter Elroy.
»Schnauze!«, entgegnete Smokey, während er seine Zigarre anzündete und von dannen zog.
Schon lange hatte er sich nicht mehr so lebendig gefühlt wie in diesem Moment. Womöglich konnte er aus seiner Idee einen größeren Nutzen ziehen, als Mister Dark auch nur ahnen würde. Der Schimpanse war bereit, diesen Gedanken, der ihn nicht mehr losließ, mit allen Mitteln in die Tat umzusetzen.
Das Kinderzimmer
Beim Abendessen schwiegen alle, nur Pablo schmatzte laut. Tyran stocherte in seinem Haferschleim herum, denn darauf hatte er keinen Appetit. In Gedanken war er bei dem Apfel und wie gerne er diesen verputzt hätte.
Eigentlich erzählte ihnen die Señora nach dem Essen immer noch eine Geschichte oder sie sangen gemeinsam, aber als Tyran heute danach fragte, schickte sie ihn und Timmy auf ihr Zimmer.
Das kleine, einfach eingerichtete Kinderzimmer bestand aus zwei Holzbetten und einem Holztisch mit Stuhl vor dem Fenster. Wobei das Fenster nur aus einem Loch bestand, das durch ein von außen befestigtes Brett wie ein Bullauge geschlossen werden konnte. Vom Kinderzimmer hatte man einen guten Blick auf den prächtig blühenden Kräutergarten der Señora.
Timmy saß auf dem wackeligen Stuhl, der nur noch drei Beine hatte. Das vierte war vor einer Weile abgebrochen, als er und Tyran beim Raufen dagegengekommen waren. Vor Timmy auf dem Tisch lag seine beschädigte Brille. Er überlegte, wie er sie reparieren konnte.
»Boah, war das heute spannend!«, sagte Tyran, während er sich rücklings auf sein Bett fallen ließ. Er fand es aufregend, was sie an diesem Tag gemeinsam erlebt hatten. »Wir wären beinahe draufgegangen. Dabei haben wir der Angst mitten ins Auge geblickt!«
»Wir h-hatten noch mal G-Glück, dass Mama und Pablo rechtzeitig d-da waren«, sagte Timmy.
»Das hätten wir auch ohne die geschafft!«
Tyrans gute Laune änderte sich, als ihre Mutter das Kinderzimmer betrat.
»Ich hoffe, das war euch heute eine Lehre!«, sagte sie.
»Ja, M-Mama«, erwiderte Timmy.
Für die Worte seines Bruders hatte Tyran nur ein unmissverständliches Augenverdrehen übrig.
Die Miene ihrer Mutter war besorgt. »Ich möchte euch niemals verlieren, denn die Welt kann sehr gefährlich sein.«
»Mama, wir können gut auf uns aufpassen!«, sagte Tyran brummig.
»Tyran, jetzt ist Schluss damit! Die Idee war doch bestimmt wieder auf deinem Mist gewachsen, oder?«
»Mag sein«, antwortete er und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Du hast dich und deinen Bruder in Gefahr gebracht. Entschuldige dich bei ihm!«
Widerwillig drehte sich Tyran zu Timmy um. »’tschuldigung«, sagte er schmollend.
»N-Nicht schlimm«, erwiderte Timmy zögernd.
»Das kommt nicht noch mal vor, okay!?«
»Ja, Mama«, kam es leise, aber einstimmig von beiden Igeln.
»So ist gut. Und jetzt Zähne putzen, umziehen und ab ins Bett!«
Tyran erhob seine Stimme. »Müssen wir immer so früh schlafen gehen?«
»¡Sí!«
Die zündende Idee
Mitternacht. Es gewitterte. Der Wind heulte um das undichte Zirkuszelt. Regen tropfte auf die hölzernen Zuschauerränge. Smokey ging in die kühle Manege, um Gordo und Elroy seine Idee vorzustellen. Die Gehilfen standen in einem kleinen warmen Lichtkegel der Deckenbeleuchtung und fröstelten.
»Hört zu, ihr Versager!«
Gordo holte hastig einen Notizblock und einen Bleistift aus der Brusttasche seiner Jeansjacke.
Smokey beobachtete, wie Gordo die Bleistiftspitze auf das Blatt bohrte und ihn erwartungsvoll ansah. Er zog ihn am Kragen der Jeansjacke zu sich heran und fletschte die Zähne.
Ohne sich zu wehren, rief Gordo: »Boss, nicht so ruppig!«
Daraufhin schmiss Smokey seinen Gehilfen zu Boden. »Wir veranstalten ein Casting für Tellys!«, verkündete er majestätisch und mit hochgestrecktem Hals.
»Genial!«, sagte Elroy fasziniert.
»Casting mit ›K‹ oder ›C‹?«, fragte Gordo.
Ehe sichs der Schimpanse versah, haute ihm Smokey den Notizblock aus der Pfote und fuhr mit breitem Grinsen fort: »Den Teilnehmern des Castings machen wir weis, dass sie ein Praktikum bei uns gewinnen können. Dabei ahnen sie nicht, was ihnen in Wahrheit blüht.«
»Was ist bloß aus dir geworden, Smokey?«, ertönte aus einiger Entfernung eine weitere Stimme.
Die drei Affen schauten verwundert zur Tribüne. Dort saß ein Storch, der gerade mal halb so alt war wie Smokey. Sein Gesichtsausdruck war ernst.
»Jack, die gute Seele unseres Zirkus!«, rief Smokey freundlich. »Verstehe gar nicht, wie man jeden Tag diesen muffigen Schal tragen kann.«
»Du weißt, dass der von meiner Familie ist!«
»Ich korrigiere: von deiner Familie war!«, sagte Smokey voller Hohn, ohne Mitleid zu verspüren.
Gordo und Elroy lachten gehässig.
»Aber wenn du uns schon heimlich belauschst, dann sollst du auch erfahren, dass ich geistreiches Genie einen Weg gefunden habe, die Kassen hier wieder ordentlich klingeln zu lassen.« Smokey warf ein Bündel Flyer in Richtung des Storchs. »Die kannst du in den Wäldern bei den Tellys verteilen!«
Jack erhob sich von der Tribüne und stelzte zur Manege. Er hob die Flyer auf und las neugierig ihren Inhalt. »Ich bin ein Zauberer und nicht dein Dienstbote!«
»Das sieht Mister Dark aber ganz anders, sonst würdest du hier nicht putzen!«
»Uuuh!«, grunzten Gordo und Elroy.
»Wofür brauchst du überhaupt Tellys?«, fragte Jack.
»Für eine Attraktion, die die Zuschauer niemals in ihrem Leben vergessen werden.«
»Und welche?«
»Das geht dich einen feuchten Dreck an!«
»Warum nehmen wir nicht die Noblas aus den Käfigen?«, warf Elroy ein. »Davon haben wir doch genug!«
»Noblas? Weißt du nicht, wie lange man braucht, um sie zu dressieren? Keine Zeit! Ich brauche ängstliche Tellys, denn die machen genau das, was ich will!«
»Pfui!«, sagte Jack angewidert und wandte sich ab.
»Ey, wo willst du hin?«, rief Smokey ihm hinterher.
»Weg von hier!«, erwiderte Jack.
»Bist du mir nicht etwas schuldig?«, blaffte der Schimpanse. »Du weißt, wovon ich rede!«
Jack blieb abrupt stehen und drehte sich wortlos zu den Schimpansen um.
»Kluge Entscheidung«, sagte Smokey mit einem hämischen Grinsen.
Der Flyer
Tock!
Ein dumpfes Geräusch weckte Timmy. Nervös rannte er zu Tyrans Bett.
»H-Hast du das auch ge-gehört?«
»Regen. Ja, und?«, murmelte Tyran.
»N-N-Nein. Etwas i-ist an die A-Außenwand gegeflogen!«
»Ich will schlafen!«
Tyran drehte sich von Timmy weg und presste das Kissen gegen seine Ohren.
»Sch-Schau bitte nach. V-Vielleicht braucht j-jemand Hilfe.«
Gähnend drehte sich Tyran wieder zu seinem Bruder um. Jetzt war seine Neugierde geweckt.
»Pa-Pass auf dich auf«, flüsterte Timmy, während er an der Tür des Kinderzimmers stand.
Tyran nickte und schlich vorsichtig an Señoras Schlafzimmer vorbei. Er bekam mit, wie seine Mutter den winselnden Pablo zu beruhigen versuchte.
»Pablo, es ist bloß Regen«, sagte sie.
Gekonnt vermied Tyran es, auf die Stellen am Boden zu treten, die bei Berührung immer knarrten. Er kannte diese Tücken genau, weil er schon das ein oder andere Mal heimlich für seinen Bruder und sich einen Mitternachtssnack stibitzt hatte, obwohl die Señora ihnen dies in aller Deutlichkeit verboten hatte. Schließlich hatten ihre Sprösslinge, wenn sie im Bett lagen, bereits die Zähne geputzt und sollten keine Albträume bekommen.
In der dunklen Wohnküche stieß Tyran sich dann aber seine Pfote an einem Stuhl und hoffte, dass ihn niemand gehört hatte. Er biss sich auf die Lippen und humpelte weiter in Richtung Hintertür. Der Wind drückte so stark dagegen, dass Tyran die riesige Tür kaum aufbekam. Als er es schließlich doch vor die Tür geschafft hatte, ging er eine Runde um das Haus.
»Ist da jemand?«, flüsterte er.
Im Kräutergarten seiner Mutter entdeckte er ein durchweichtes Stück Papier im Zaun hängen. Das musst der Wind dorthin getragen haben, dachte er. Und dann hat es sich im Zaun verfangen.
Tyran betrat hastig das Kinderzimmer. »Guck mal!« Er hielt Timmy das Stück Papier unter die Nase.
»L-Lies vor«, sagte Timmy mit großen Augen.
Als Tyran das Papier auf dem Boden ausgebreitet hatte, räusperte er sich und las:

»Bo-Boah!«, rief Timmy.
»Psst«, machte Tyran. »Es geht noch weiter.«

»Mama, Mama!«, dröhnten Tyran und Timmy, während sie ins Schlafzimmer ihrer Mutter rannten.
Die Señora schreckte im Bett auf. »Ist was passiert?«
Pablo, der neben ihr auf dem Boden lag, schaute zu den Jungs auf und wedelte mit dem Schwanz.
»Sch-Schau!«, sagte Timmy und drückte seiner Mutter das Stück Papier in die Pfote.
Tyran bemerkte den skeptischen Blick der Señora und wie sie das Papier murmelnd überflog.
»Ein Zirkus? Wo habt ihr den Flyer her?«
»Der lag vorm Haus«, antwortete Tyran.
Die Señora runzelte die Stirn. »Ein Casting, am großen Platz, nahe dem Waldrand?«
»Wir wollen da unbedingt hin!«
»Kommt nicht infrage!«, sagte sie wütend.
»Warum das denn nicht?«, schoss es aus Tyran heraus wie Lava aus einem Vulkan.
»Weil sich dort Menschen aufhalten könnten!«
»Mir doch egal!«, entgegnete Tyran und stampfte wütend auf den Boden.
Daraufhin zerknüllte die Señora den Flyer und schob ihn unter ihre Bettdecke, die sich dadurch enorm wölbte.
Pablo legte sich wieder neben das Bett und schlug jaulend seine Pfoten vor die Augen.
»A-Alles okay, Mama?«, fragte Timmy vorsichtig.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und atmete tief aus, ohne auf die Frage zu antworten.
»Was ist los?«, hakte Tyran nach.
Es wurde still im Schlafzimmer. Nur das Plätschern des Regens in einer Holztonne vor dem Fenster war zu hören.
»Setzt euch«, sagte die Señora und klopfte sanft auf ihr Bettlaken.
Tyran und Timmy folgten ihrer Bitte.
»Habt ihr euch denn noch nie gefragt, wie Pablo zu mir gekommen ist?«
»Wir dachten, dass er schon immer hier gelebt hat.«
»No, no, Tyran. Aber –« Die Señora brach ab.
»Aber was, Mama?«, fragte Tyran. Sie verheimlichte ihnen etwas, das spürte er.
»Aber ich finde, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt ist, es euch zu erzählen.«
»Na, dann schieß mal los!«
»Ich war eines Tages im Wald, um Beeren zu sammeln. Als ich in der Nähe des großen Platzes den Waldrand erreichte, sah ich dort einen Menschen. Ich versteckte mich hinter einem Baum, damit er mich nicht bemerkte. Mein Herz raste, als ich vorsichtig zu ihm hinsah. Der Mensch stellte einen Karton auf dem Boden ab und verschwand. Der Karton bewegte sich und ich vernahm ein Winseln. Eine Weile wartete ich ab, ob der Mensch wiederkommen würde, doch nichts geschah. Dann ging ich zu dem Karton und öffnete ihn. Ein kleiner süßer Welpe schaute mich verängstigt an. Unser Pablo!«
»Was?!« Tyran war schockiert. Er hockte sich neben Pablo und streichelte ihn.
Die Señora nickte. »Es wäre sein sicherer Tod gewesen, wenn ich ihn nicht mit nach Hause genommen hätte.«
»A-Armer Pablo«, sagte Timmy und gesellte sich zu Tyran und dem Briard.
»Menschen sind so böse!« Die Señora rümpfte die Nase. »Ohne sie würden wir alle in Frieden zusammenleben und Pablo könnte jetzt spre–« Aufgebracht hielt sie inne und holte erneut aus. »Was ich damit sagen will, ist, dass Noblas für ihr Wesen nichts können. Sie sind ein Produkt des Menschen!«
»Mama«, sagte Tyran, »du weiß doch, dass wir niemals was mit Menschen zu tun haben wollen!« Er wandte sich an seinen Bruder. »Nicht wahr, Timmy?«
Timmy nickte eifrig.
»¡Muy bien!, dann werdet ihr auch niemals enttäuscht werden!«
»Hast du denn schon mal mit einem Menschen gesprochen?«
»¡No! Das würde gegen unseren Ehrenkodex verstoßen!«
Tyran bemerkte Tränen in den Augen seiner Mutter und hakte nach: »Bist du dir sicher oder verschweigst du uns etwas? Wir sind doch schon zehn!«
»Erst zehn!«, flüsterte sie mit gebrochener Stimme. Ein Donnern ließ sie zusammenzucken. Kurz danach blitzte es. Ein Gewitter war aufgezogen. »Also merkt euch: Sprecht niemals –«
»Mit einem Menschen«, ergänzten Tyran und Timmy, die den Satz schon unzählige Male von ihrer Mutter gehört hatten.
Die Señora nahm ihre Sprösslinge an die Pfote. »Gut! Als Familie müssen wir aufeinander aufpassen. Nur gemeinsam sind wir stark!«
Tyran ließ nicht locker. »Mama, wir versprechen dir hoch und heilig, uns von den bösen Menschen fernzuhalten, aber können wir nicht trotzdem zum Casting?«
»¡Nooo!«, schrie die Señora.
Tyran wies beleidigt die Pfote seiner Mutter zurück, eilte aus dem Schlafzimmer, warf mit lautem Knallen die Tür hinter sich zu und lief ins Kinderzimmer.
Pablo war aufgesprungen und kratzte an der verschlossenen Tür. Mit einem fragenden Blick sah er zu Timmy.
»G-Gute Nacht, Ma-Mama«, sagte Timmy verlegen und verließ ebenfalls das Zimmer.
»Gute Nacht, Timmy«, antwortete die Señora abwesend.
Smokeys Auftrag
Am frühen Morgen stand Smokey in Mister Darks Wohnwagen. Er schmunzelte.
»Und?«, fragte Mister Dark, während er ein Geldbündel nach dem anderen auf dem Tisch zu einer hohen Pyramide aufstapelte.
Der Schimpanse antwortete nicht.
Argwöhnisch blickte der Zirkusdirektor an der Pyramide vorbei zu Smokey. »Was hast du ausgefressen?«
»Ich werde den Höllenkreisel nochmals versuchen.«
»Bist du bescheuert? Wegen dieser Aktion musste ich beinahe den Laden hier dichtmachen!«
»Ist jetzt eh zu spät.«
»Was soll das heißen?«
»Habe Tellys zum Casting am Platz nahe dem Waldrand eingeladen.«
»Du hast was?« Mister Dark donnerte mit seiner Faust auf den Tisch, wobei die Geldpyramide umkippte und einige Bündel davon auf dem Teppich landeten. »Ohne mich um Erlaubnis zu fragen?«
»Ich hatte keine Zeit zu verlieren. Außerdem habe ich die Attraktion perfektioniert!«
»Mhm.« Nachdenklich lehnte sich Mister Dark zurück und schwieg.
Smokeys Hoffnung schwand von Sekunde zu Sekunde, je länger der Zirkusdirektor ihn im Ungewissen ließ.
»Gut«, kam es unerwartet. »Aber erhalte ich noch einmal schlechte Presse, bist du dran! Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Smokey nickte und verließ den Wohnwagen. Dieses Mal konnten Gordo und Elroy rechtzeitig ausweichen, bevor sie durch Smokeys schwungvolles Öffnen der Tür umgeworfen wurden. Trotzdem hörte der Schimpanse, während er die Stufen hinabstieg, irgendetwas auf den Schotter knallen. Suchend blickte er sich um und entdeckte wenige Meter vom Wohnwagen entfernt Jacks Besen. Dieser verdammte Schnüffler, dachte er.
Tyrans Hartnäckigkeit
Tyran blockte jedes versöhnliche Gespräch mit seiner Mutter ab. Selbst als sie ihn umarmen wollte, drehte er sich trotzig weg. Er musste unbedingt zum Casting und konnte nicht verstehen, warum Timmy sich mit einem Nein zufriedengab.
Auch als wenig später die Señora auf das alljährliche Familienfoto bestand, um eine schöne Erinnerung an ihre Sprösslinge zu haben, reagierte Tyran bockig. Er wollte lieber auf seinem Zimmer bleiben und schmollen. Letztendlich ließ er sich dann aber doch dazu überreden. In den vorangegangenen Jahren hatte er seine Mutter und Timmy mit Grimassen zum Lachen gebracht. Dieses Mal verzog er keine Miene. Dabei wäre das Foto perfekt gewesen, weil Pablo kerzengerade in die Linse der Sofortbildkamera hechelte, was noch nie vorgekommen war.
»Morgen wäre das Casting«, nörgelte Tyran, während er die Kinderzimmertür schloss.
»V-Vielleicht hat Mama recht und es ist zu g-gefährlich für uns.«
»Blödsinn!«
»L-Lass uns doch ein b-bisschen spielen.«
»Keine Lust.«
Tyran kehrte Timmy den Rücken, kletterte auf den Tisch und blickte aus dem Fenster. Er sah, wie seine Mutter mit Pablo am Kräutergarten unter einem Baum saß und zu ihm sprach. Er konnte spüren, dass sie über ihn redete. Neugierig steckte er seinen Kopf aus dem Fenster und lauschte.
»Schau mich nicht so an«, hörte er die Señora mit liebevoller Stimme sagen, während sie Pablo am Ohr streichelte.
Der Briard hatte seine Augen weit geöffnet und legte seinen Kopf gegen die kleine Pfoteninnenfläche der Igeldame.
»Du hast ja recht. Als ich in dem Alter war, in dem Tyran jetzt ist, wollte ich auch die ganze Welt erobern.«
Pablo wedelte mit dem Schwanz.
»Wahrscheinlich mache ich mir zu viele Sorgen, oder? Meinst du, ich sollte mir das erst mal anschauen und dann entscheiden?«
Pablo schnaufte erquickt.
»Ist ja schon gut. Noch eindeutiger geht es wohl kaum.« Die Señora lachte. »Danke, dass ich immer auf deinen Rat zählen kann.« Sie umarmte ihren Hund und ging wieder ins Haus. Der Briard legte sich unter den Baum, um ein Nickerchen zu machen.
Wenig später hörte Tyran Schritte näher kommen. Er sprang vom Tisch, legte sich schnurstracks ins Bett und drehte sich zur Wand.
Die Türe öffnete sich. »T-Tyran?« Die Señora kam herein.
Tyran wandte seinen Kopf, blinzelte mit einem Auge in ihre Richtung und sah, dass sie die Pfoten in den Hosentaschen ihrer Latzhose vergraben hatte.
»Ich habe mir die Sache noch mal durch den Kopf gehen lassen«, sagte sie.
Verwirrt drehte sich Tyran um. »Was meinst du damit?«
»Das Casting«, antwortete sie unsicher.
Tyran presste seinen Oberkörper in die Senkrechte. Seine Mutter hatte jetzt seine volle Aufmerksamkeit. »Nun sag schon!«, bohrte er ungeduldig nach.
»Wir können …«
»Was können wir?«
Die Señora holte kurz Luft und fing den Satz noch einmal von vorne an: »Wir können dort hingehen.«
»Wirklich? Das ist kein Witz, oder?«
Sie schüttelte den Kopf.
Sprachlos sah Tyran zu Timmy hinüber, der ebenso verdutzt zu sein schien, wie er es war. Dann riss er die Arme in die Höhe und ließ ein euphorisches »Jaaa!« ertönen, während er aufstand und zum Sprung ansetzte.
»¡No, Tyran!«, sagte die Señora und winkte ab.
Mit einem Hechtsprung landete Tyran auf seiner Mutter. Timmy tat es Tyran gleich. Die Señora lag schneller mit den beiden auf dem Rücken, als sie Luft holen konnte.
»Aber wenn es mir nicht gefällt, dann gehen wir wieder!«, stieß sie mit angestrengter Stimme aus.
»Einverstanden!«, erwiderte Tyran.
Freudig umarmten die beiden Igeljungs ihre Mutter und für einen kurzen Augenblick war ihre Welt wieder in Ordnung.
Aufbruch
Für einen Sommertag war es recht kühl. Tyran schlang am Frühstückstisch seine Beeren-Nuss-Mischung herunter und erinnerte seine Mutter pausenlos daran, dass sie pünktlich losgehen mussten, um nicht zu spät zum Casting zu kommen. Schließlich brauchten sie für den Weg knapp eine Stunde.
Die Aufbruchstimmung machte Pablo nervös. Ruhelos lief er um die Igel herum, besonders um die Señora, die gerade dabei war, etwas in einen Jutesack zu packen.
Dann machten sich alle auf den Weg. Unterwegs hörten sie Vogelgezwitscher, sahen die schönsten Blumen, kletterten über Stock und Stein und durchquerten auf Pablos Rücken sogar einen schmalen Fluss.
Etwas früher als geplant erreichten sie einen kleinen Hügel, der einen guten Blick auf den Platz nahe dem Waldrand bot.
»Da vorne ist es!«, rief Tyran aufgeregt. Er drehte sich zu Timmy und Pablo um, während er an seiner Mutter zerrte. Beinahe hätte sie den Jutesack fallen lassen.
Auf dem Platz tummelten sich Bären, Eichhörnchen, Frettchen, Frösche, Hirsche, Rehe, Tauben, Wildschweine, Wölfe und andere Waldbewohner vor einem unscheinbaren, langen Truck mit Anhänger.

Während Pablo sich nicht rührte, machten Tyran und Timmy Anstalten, zum Platz runterzulaufen.
»Nicht so schnell!«, bremste sie die Señora.
Plötzlich tauchte neben den beiden Igeljungs ein Schimpanse aus einem Gebüsch auf und fragte sie mit heruntergezogenen Augenbrauen: »Was wollt ihr hier?«
Die beiden blieben erschrocken stehen.
»Beim C-Casting mitmachen«, antwortete Timmy zögerlich.
»Richtige Antwort!«, verkündete der Schimpanse und lachte schrill. Während Tyran und Timmy in sein Lachen einfielen, kramte der Schimpanse im Gebüsch und holte einen Notizblock hervor. »Eure Namen?«
»Tyran. Und das ist mein Bruder –«
»T-Timmy«, ergänzte Timmy.
Der Schimpanse notierte ihre Namen. »Alles klar«, sagte er. »Ich bin übrigens Elroy. Viel Erfolg wünsche ich euch!«
Die Señora und Pablo kamen hinzu. Aus heiterem Himmel bellte der Briard Elroy an, der einen Schritt zurückwich.
»Ganz ruhig«, sagte die Señora.
»Bis gleich, Mama!« Tyran verschwand mit Timmy in der Menge der Tellys.
»So wartet doch!«, rief ihre Mutter ihnen hinterher.
Währenddessen – es war kurz nach Mittag – befanden sich Smokey und Gordo im Anhänger des Trucks.
»Das Publikum wird langsam ungeduldig«, sagte Gordo, der vor dem Vorhang einer Umkleidekabine stand. »Boss?«
Smokey öffnete schwungvoll den Vorhang. »Tadaaa!«
»Oh, Boss hat sich fein gemacht!«
Smokey trug ein blau glitzerndes Jackett. Übertrieben grinsend steckte er sich eine Zigarre an.
»Öh«, sagte Gordo.
»Was?«
»Deine Zigarre, Boss. Was sollen die Casting-Teilnehmer darüber denken?«
»Wo wäre ich bloß, wenn ich dich nicht hätte?« Smokey drückte die Zigarre in Gordos Pfote aus.
Gordo setzte zum Schrei an, da hielt Smokey ihm den Mund zu.
»Shhht! Was sollen denn die Casting-Teilnehmer darüber denken?«, wiederholte er. Damit unterband er weitere Anbiederungsversuche seines Gehilfen und fügte hinzu: »Let the show begin!« Mit diesen Worten gab Smokey den Startschuss für das Casting und betätigte im selben Augenblick die Play-Taste einer in die Jahre gekommenen Musikanlage, die direkt an der Wand neben Gordo auf dem Boden stand. Popmusik dröhnte durch einen Lautsprecher, der am Dach des Anhängers befestigt war.
Die Tellys begannen zu grölen und im Takt der Musik mitzuklatschen. Tyran und Timmy, die zunächst vor Schreck zusammenzuckten, weil sie nicht wussten, wo die Musik genau herkam, taten es ihren Mitstreitern gleich. Dann sah sich Tyran um und erblickte seine Mutter, die sich mit Pablo durch die Menge quetschte. Seitlich am Truck klappte langsam eine Rampe herunter und aus zwei Düsen zu beiden Seiten der Rampe entwich Rauch, der in Sekundenschnelle die Umgebung einnebelte. Tyran gab Timmy ein High Five und lächelte seine Mutter an, die verhalten einen Daumen nach oben reckte.
»Mein Name ist Smokey!«, hallte es durch den Nebel. Allmählich nahmen die Konturen eines Affen Gestalt an. Er hielt eine Art metallischen Stock mit rundem Kopf vor seinen Mund, der seine Stimme lauter machte, bemerkte Tyran interessiert.
»Was ist das?«, fragte er seine Mutter neugierig.
»Ein Mikrofon!«, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen.
Ein Mikrofon will ich auch haben, dachte er euphorisch und malte sich schon aus, wie er den ganzen Wald mit seiner Stimme unterhielt, aber vermutlich, so schlussfolgerte er weiter, würde seine Mutter dies strikt untersagen.
Der Nebel lichtete sich und zog über die Bäume hinweg. Smokey stand mit ausgebreiteten Armen da, die Brust breit geschwellt und den Kopf stolz in die Höhe gereckt. Er fuhr fort: »Ihr wollt einen der drei heiß begehrten Praktikumsplätze gewinnen?«
Die Tellys waren nicht mehr zu bändigen. Sie jubelten und pfiffen.
Tyran stupste seinen Bruder an. »Schau mal, Timmy, der trägt eine Augenklappe! Das gehört bestimmt zur Show!«
»Meinst d-du?«
Bevor Tyran antworten konnte, sprach Smokey bereits weiter: »Die Gewinner werden von mir persönlich betreut!«
Pablo knurrte.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte die Señora.
Die Musik stoppte.
»Und das Beste kommt noch, denn dem Begabtesten unter euch winkt –« Smokey brach ab und lächelte. Dann ließ er seinen Blick über die Menge der Tellys schweifen, unter denen eine angespannte Stille herrschte.
»Jetzt sag schon!«, forderte ihn ein Hirsch auf, der nervös auf seinen Vorderhufen kaute. »Ich halte es kaum noch aus!«
»Dem Begabtesten unter euch winkt ein … Job bei uns!«
Tyran tippte Timmy auf die Schulter und rief ihm ins Ohr: »Einen Job beim Zirkus? Super!«
»Nicht so eilig, Tyran!«, bremste ihn seine Mutter.
Verwundert sah Tyran, wie sie die Pfote erhob, um auf sich aufmerksam zu machen.
»Ja, Madame?«, fragte Smokey höflich.
»Wie sieht ein Praktikum bei Ihnen genau aus? Auf dem Flyer stand dazu nichts!«
»Nun, Madame, wir gewähren einen einmaligen Blick hinter die Kulissen unseres magischen Zirkus und am Ende dürfen die Gewinner bei einer Show assistieren!«
Ein ohrenbetäubendes Hupen versetzte die Tellys für eine kurze Zeit in helle Aufregung. Das Geräusch kam vorne aus der Fahrerkabine. Eine getönte Fensterscheibe fuhr herunter. Dahinter befand sich ein dauergrinsender, sehr dicker Gorilla, der in seinem viel zu engen Hawaii-Hemd und einem übergroßen Strohhut etwas älter wirkte als Smokey. Er begrüßte die Tellys mit einem übertriebenen und lustig gemeinten Soldatengruß – seine Pfote gestreckt von seiner Stirn wegschwingend.
»Das ist unser Bodyguard Titus«, erklärte Smokey. Stolz schwang in seiner Stimme mit, als er auf den Gorilla zeigte. »Er passt auf, dass uns nichts passiert!«
»Titus!«, schrie der Hirsch begeistert.
Die Señora meldete sich erneut zu Wort.
»Ja, bitte?«, kam es dieses Mal nicht ganz so freundlich von Smokey.
»Warum fahren Sie mit einem Truck? Das tun doch nur Menschen.«
»Nur so kommen wir schnell und sicher von Wald zu Wald.«
»Gehe ich also recht davon aus, dass Sie nicht vor Menschen spielen? Falls doch, können meine Lieblinge nämlich nicht bei Ihnen mitmachen!«
»Sie hat recht, das wäre zu gefährlich!«, ertönte ein Ruf aus der Menge.
»Das war’s«, sagte Tyran zu Timmy. »Bestimmt geht es für uns gleich wieder nach Hause!«
»Unsere Show ist nur für unseresgleichen«, entgegnete Smokey, während er sich den Weg durch die Menge zu Pablo und den Igeln bahnte. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Madame!«, sagte er, beugte sich vor und reichte der Señora die Pfote.
Pablo stellte sich schützend vor die Igel und schnappte zu.
Gerade noch rechtzeitig zog Smokey seine Pfote zurück. »Reizender Nobla«, knurrte er.
»Pablo, jetzt hör endlich auf!«, mahnte die Señora.
Der Briard winselte.
Provokant hob Smokey wieder das Mikrofon vor seinen Mund.
»Madame, um Ihre erste Frage noch konkreter zu beantworten, wie so ein Praktikum bei uns aussieht. Mhm… Ich zeig es einfach!« Traditionelle Zirkusmusik dröhnte plötzlich durch die Menge. »Einen großen Applaus für meine entzückenden Assistenten Gooordo und Eeelroy!«
Der Schimpanse, den Smokey als »Gordo« vorgestellt hatte, schoss mit einem Einrad von der Rampe des Trucks auf die jubelnden Tellys zu und fuhr in rasantem Tempo an ihnen vorbei.
»Ich gebe zu, dass ich auf zwei Rädern besser fahre!«, kommentierte Smokey das Spektakel und lachte.
Elroy hob fünf Jonglierkeulen auf, die neben der Rampe auf dem Boden lagen, und warf sie in die Luft, als gäbe es das Gesetz der Schwerkraft nicht. Gordo sprang mit seinem Einrad über Elroy und landete punktgenau hinter seinem Bruder, als die Musik automatisch stoppte. Die Affenbrüder warfen Konfetti in die Menge und verbeugten sich unter dem tosenden Applaus der Tellys.
»Madame, konnte ich Sie überzeugen?«, fragte Smokey beschwichtigend.
»Bitte, Mama!«, flehte Tyran.
»B-Bitte!«, legte Timmy nach.
»Bittööö!«, setzte Smokey obendrauf und ermunterte die anderen Teilnehmer mitzumachen.
»Bitte, bitte, bitte, bitte!«, schallte es auf einmal von allen Seiten auf die Señora ein.
Erst stockte sie, dann aber kam ein leises »Okay« von ihr und sie nickte zur Bestätigung.
»Und nun auf zum Casting!«, rief Smokey voller Elan.
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