Kitabı oku: «Die Chroniken von 4 City - Band 2», sayfa 2

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Begegnung

Ein Geruch wie der von Seife, nur sehr viel intensiver, breitet sich aus. Der Regen hört ohne jeden Übergang auf. Warum das? Die Verjüngung ist doch noch nicht abgeschlossen.

Alles in meinem Kopf dreht sich und ich muss gerade abwesend gewesen sein, weil ich nicht mitbekommen habe, wohin das wildfremde Gesicht plötzlich verschwunden ist. Ein Zischen ist zu vernehmen und die Glastür öffnet sich.

Augenblicklich verlasse ich die Verjüngungskammer. Ich will wissen, wo sie hingegangen ist. Was macht sie hier? Wer ist die Fremde?

Ich bin gewillt, ihr zu folgen, nehme den einzigen möglichen Weg und gehe auf Zehenspitzen in den Kreuzgang. Leere. Niemand ist hier. Unruhe hüllt mich ein. Ich tapse weiter.

»Du bist eine erbärmliche Attentäterin. Schleichst wie ein Elefant und nicht wie eine Katze«, sagt sie mit einem Mal hinter mir. Sie ist es. Es war ihr Gesicht, das ich gesehen habe. »Aber du siehst echt super aus«, ergänzt sie.

Ich stehe da. Starre sie an. Ich bin fast nackt, doch so etwas wie Scham kann ich nicht empfinden.

»Eine Attentäterin? Warum nennst du mich so? Wer bist du? Was tust du hier?«, frage ich.

»Wow!«, flüstert sie. »Wie du klingst! So viele Fragen gleichzeitig. Bist du womöglich aufgewühlt? Sauer? Zeigst du etwa Gefühle?«

Völlig ausgeschlossen, ich kenne keinerlei Emotion.

»Ich erkundige mich lediglich, wie und wo du herkommst.«

»Das ist interessant, nicht wahr? Wie habe ich das wohl geschafft?«, fragt sie. Sie lehnt sich locker am Mauerwerk an, die Arme vor der Brust verschränkt, einen Fuß an der Wand hochgestellt. Fasst sich jetzt ans Kinn, so als würde sie nachdenken, grübeln. »Lass mich laut überlegen, unter Umständen gelten für mich ja andere Spielregeln. Vielleicht bin ich ja nicht eingesperrt, gegebenenfalls liegt es aber einfach nur an einem rein zufälligen Stromausfall?« Als sie das sagt, blickt sie mich unverwandt an. Sie durchbohrt mich mit ihren dunklen Augen.

»Hat dich Reico hergeschickt?«, frage ich.

»Gott, nein du Dummkopf. Reico hat keine Ahnung, dass ich hier bin«, grunzt sie und lächelt. Sie ist beleidigend, grob und verletzend. Ich finde sie interessant.

»Woher weißt du das?«

»Kleine, willst du mir mit deinen Fragen weismachen, dass Wissen Macht bedeutet? Glaub mir, Schätzchen, Wissen zählt nichts, ohne ein Erinnerungsvermögen an die eigenen Erfahrungen. Persönliche Erinnerungen sind so wichtig wie Bücher und beinahe so wichtig wie der Glaube. Du glaubst doch auch an Gott.«

»Gott?«

Sie tippt auf die Schriftzeichen an der Wand neben sich.

»Das allmächtige Wesen, das Himmel und Erde und alles was auf ihr kreucht und fleucht, erschaffen hat.« Ich nicke. Ich glaube. »Der ganze Kosmos, dieser Planet eingeschlossen, besteht aus Sternenstaub. Stell dir nur mal vor, jemand könnte sich daran erinnern, was genau dieser Staub schon alles Aufregendes erlebt hat.« Was erzählt die Fremde da?

»Was würde passieren, wenn wir etwas Unvorhergesehenes machen? Wenn wir die Ketten durchbrechen! Du und ich! Wir beide haben noch viel mehr Möglichkeiten, als den Rest unseres Lebens in einem solchen Gebäude zu verbringen!«

»Von welchen Möglichkeiten sprichst du? Es gibt nichts. Die Welt ist ausgelöscht«, sage ich.

»Wer weiß. Es kann sein. Vielleicht aber auch nicht. Ich habe sie gesehen.«

»Du warst außerhalb?«

»Falsch. Ich komme von dort.«

»Du lügst mich an! Draußen ist nichts! Sag mir sofort, wer du bist!«

Sie lacht.

Sie ist in der Lage zu lachen? Ich bin dessen nicht mächtig.

»Du hast ja nicht die geringste Ahnung. Du Arme. Und nun ist überdies noch der Zyklus unterbrochen und du musst sterben«, sagt sie und wirft einen Blick auf die geöffnete Tür zur Verjüngung. »War nur Spaß. Oh verzeih, das habe ich grade eben vergessen. Du weißt ja nicht, wie man sich amüsiert. Auf jeden Fall stirbt man nicht so schnell. Du wirst einfach ein weiteres Mal hineingehen. Irrtümlicherweise dauert die Regeneration nur wenige Minuten. Du brauchst also keine Panik zu haben. Entschuldige, jetzt ist es mir schon wieder passiert. Du weißt natürlich auch nicht, was das ist: Panik? Es ist ein mächtiges Gefühl!« Sie lächelt mich an. »Sag mir eins, Karma. Glaubst du wirklich, diese Kammer, also die Verjüngung ...« Sie macht eine kurze Atempause.

»Denkst du tatsächlich, dass sich dein Körper erneuert? Denkst du, die Verjüngung verhindert, dass du alterst?«

Sie weiß meinen Namen. Woher kennt sie meinen Namen?

»Was glaubst du?«, frage ich, anstatt zu antworten.

»Ich habe es nicht nötig zu glauben. Ich weiß es.«

»Sags mir!«

Sie lacht schon wieder. Wo und wann hat sie das gelernt?

»Das würde nicht die Bohne bringen. Du würdest mich als Lügnerin bezeichnen.«

»Warum?«

»Du erinnerst dich doch nur an das, was in den Büchern steht und was dir Reico erzählt. Karma, ich kenne viele Geheimnisse.« Ich starre sie an. »Wie steht es um deine anderen Erinnerungen?«

»Erinnerungen? An was soll ich mich erinnern?«, frage ich.

»Daran, wer du bist. Wer du früher einmal warst. Wer du sein könntest.« Sie macht eine Pause.

»Es ist mir möglich, mich zu entsinnen. An alle Bücher, die ich gelesen habe. An alle Tests und Prüfungen, die ich in den letzten sieben Tagen bestanden habe. An ...«

»Stopp! Halt mal die Luft an! Das meine ich doch nicht. Hast du mir nicht zugehört? Sag mir, kannst du dich an deine Emotionen zurückbesinnen?«

»Ein Gefühl bezeichnet eine Gemütsbewegung im Sinne einer Empfindung. Das Gefühl ist eine besondere Qualität ...«

Wieder unterbricht sie mich.

»Bist du bescheuert oder so? Das, was du da laberst, hast du auswendig gelernt. Sag es mit eigenen Worten.«

»Liebe. Hass. Eifersucht. Gier. Angst ...«, zähle ich sie auf.

»Und?«

»Und was?«

»Hast du je einmal etwas davon gefühlt? Da drin?«, fragt sie. Sie kommt auf mich zu und tippt auf meine Brust.

»Ich bin mir nicht sicher. Fühlt man in der Brust?«

»Im Herzen, Dummerchen. Hast du dich schon mal gefürchtet?«

»Nein.«

»Hast du dich schon mal nach etwas gesehnt? Etwas erhofft?«

Ich denke nach und sie bemerkt es sofort und lächelt.

»Und?«

»Nein, ich glaube nicht! Zufrieden?«

»Sie machen das mit dir. Begreifst du das nicht?« Ich starre sie an. »Sie verhindern, dass du dich erinnern kannst. Sie löschen deine innere Stimme. Radieren deine Gefühle aus.«

Ich bin regungslos. Verstehe nicht, was sie mir sagen will.

»Karma, ich bin nur aus einem Grund hier.« Sie macht eine kurze Pause, dann sagt sie: »Ich will dich mitnehmen.«

»Mitnehmen? Warum?«

»Weil ich dich liebe, du naives Mädchen. So und jetzt husch, husch! Zurück mit dir unter die Verjüngungsdusche, die Energie müsste gleich wieder da sein«, prophezeit sie und zeigt auf die Verjüngung. »Sonst stirbst du vielleicht doch noch.«


Philosophiestunde

Siebe Tage später.

Auch dieser Zyklus geht langsam seinem Ende zu. Sieben Tage und Nächte bin ich wach und jede Faser, jeglicher Muskel, alles tut weh. Mein Körper bringt mich zu der nahen Glastür, dem Ausgang aus dem Trainingsraum. Ich berühre die glatte Oberfläche, presse die Hände dagegen, sie geht auf. Meine Knöchel stehen weiß hervor. Einige Fingernägel sind vom Kampf abgebrochen. Ein Lufthauch, der Wind aus der Klimaanlage weht durch mein Haar.

Ich schaue hinaus auf den Kreuzgang und den Innenhof, auf den bescheidenen Kosmos in meinem Gesichtsfeld. Blicke über unbezwingbare Grenzen, Winkel, Treppen, die Korridore der Abtei. Schließe die Augen.

Ich sauge die künstliche Luft ein, ertaste die Bilder, die ich in meinem Kopf male.

Es ist Zeit. Gleich wird sich die Schleuse zum Hologrammraum wieder öffnen. Die letzte Etappe vor der Verjüngung. Die noch zu absolvierende Prüfung dieses Zyklus. Ich wende mich ab, rutsche an der flachen Wand hinab, spüre die Kälte im Rücken und mache mich ganz klein.

Die Abtei ist mein Zuhause.

Mein schlichtes, graues Kleid ist das einzige Kleidungsstück, das ich besitze.

Verschlissen, vom Alltag gezeichnet.

Ich ziehe den dünnen Stoff runter über meine aufgeschürften, blutigen Knie. Erinnerungsstücke aus dem Kampftraining.

Ich lege den Schleier meiner pechschwarzen, glatten Haare über die entblößten weißen Arme. Überdecke die filigranen Muster auf meiner unverhüllten Haut, die mich verspotten.

Die Abtei erscheint mir fantasielos und nackt. Mich eingeschlossen. Ich benötige keinen Schrank für nur ein Kleidchen. Keinen Tisch für jemanden, der nicht zu essen braucht. Was ist Nahrungsaufnahme überhaupt?

Ich habe viel über Ernährung gelesen. Aber wie schmecken Speisen?

Ich wende mich ab, verhülle mit dem Kleid und meiner Mähne die unzähligen blauen, roten und grünen Flecken auf meinem jungen Körper. Es scheint einfacher aufzuzählen, wo ich nicht irgendein Schmerz verspüre. Lernen, trainieren und die Tests bestehen. Zyklus für Zyklus.

Ich blicke zu dem Buch, das ich dieses Mal gelesen habe.

Alles hat seine Zeit, lautet der Titel. Ich kenne seinen Inhalt auswendig.

Es handelt vom Altern. Etwas, das mich nicht betrifft.

Es führt auf, wie alt Menschen werden könnten.

Davon, dass Säugetiere rein theoretisch fünfmal so lange leben, wie sie wachsen. Es beschreibt, dass Menschen ihre Reife zwischen 18 und 25 Jahren erreichen und aus diesem Grund neunzig bis hundertfünfundzwanzig Jahre alt werden können. Der Autor selbst hat diese Gesetzmäßigkeit festgestellt.

Das Buch ist kompliziert geschrieben. Es ist viel schwerer zu verstehen als die vielen Geschichtsbücher, die ich gelesen habe.

Ich interessiere mich für Geschichten. Vor allem die aus der alten Zeit. Viele handeln von kriegerischen Auseinandersetzungen, Tod und Verwüstung. Darunter gibt es sehr alte Legenden. Der Mythos vom Fall Trojas ist eine davon.

Krieg, menschliche Fehler und die tief im Leben verankerte Nähe zu den griechischen Göttern stehen im Mittelpunkt. Die Sprache des Erzählers ist interessant, der Ausgang der Schlacht überraschend. Die weisen und edlen Männer, voran Priamos und Hektor, werden besiegt. Dank der entscheidenden Ideen eines Einzigen, der List des trojanischen Pferdes.

Ich frage mich oft, wenn all die Überlieferungen in den Büchern wahr sind, was ist es dann, das die Welt zusammenhält? Was bewahrt sie vor dem endgültigen Untergang? Vielleicht ist es das Gleiche, das mich zusammenhält? Plötzlich geht die Schleuse auf.

Der Hologrammraum öffnet sich. Es ist nun so weit. Ich stehe auf und mache einen Schritt vorwärts.

Es ist still, unheimlich lautlos. Das einzige, das Geräusche verursacht, bin ich. Ich höre meinen Atem, der schnell geht. Was wird es dieses Mal sein, das ich tun muss?

Ich gelange durch einen Durchgang, der sich summend geöffnet hat, betrete den blütenweißen Raum. Der Zugang schließt sich hinter mir, wie von Geisterhand berührt. Schriftzeichen materialisieren sich auf dem Türblatt. Das Licht dahinter erlischt. Der Ausgang ist versperrt. Mein Herz schlägt ruhig und gleichmäßig. Nein falsch! Es sollte verhalten und beständig schlagen, aber ich kann es in meinem Hals spüren, wie aufgeregt es ist.

Ich bin hier in dieser quadratischen, vollkommen leeren Halle eingesperrt, so lange, bis ich auch diese Aufgabe absolviert habe.

Die Wände flackern nun und der Boden flimmert. Alles bewegt sich.

Es sind Bilder, Projektionen. Die Sphäre verwandelt sich und ich stehe mittendrin in einer fremden Welt, drehe mich um meine eigene Achse und blicke nach allen Seiten.

Das Hologramm erzeugt Häuser, gewaltige Blocks und Wolkenkratzer ragen empor.

Überall sind Menschen.

Wahnsinnig viele kommen mir entgegen, gehen, rennen durch mich hindurch. Ich bin gefangen von den Eindrücken, dem Ausdruck der Angst in ihren Gesichtern. Sie eilen vor etwas davon. Laufen um ihr Leben. Dann plötzlich höre ich es. Die Schreie, ihre gellenden, verzweifelten Hilferufe. Eine Frau nimmt ihre Tochter in den Arm, schirmt sie mit ihrem Leib gegen das heranrollende Unheil ab. Fluten reflektieren die Strahlen der Sonne. Unmengen von Wasser peitschen durch die Stadt. Männer und Frauen reißen ihre Hände hoch und vor das Gesicht.

Rauschen. Dann plötzlich: Totenstille.

Als ich die Lider wieder öffne, sind die Straßen verschwunden. Die Gassen, die Häuser, die Körper, die künstlich erzeugten Bilder. Alles was bleibt, ist der blütenweiße Raum, ich in seiner Mitte und neben mir eine kleine libellenartige Drohne, mit riesigen Linsen.

»Guten Tag Karma. Wie geht es dir heute?«

»Gut, Reico. Danke, dass du mich fragst«, erwidere ich.

»Dein Herzschlag ist erhöht. Bist du dir sicher, dass du gesund bist?«, fragt Reico und die Drohne umrundet mich einmal.

»Mir geht es gut«, sage ich, aber ich weiß, etwas ist merkwürdig. Ich lüge Reico an. Ihre junge, weibliche Stimme will nichts anderes hören. Es ist ihre Aufgabe dafür zu sorgen, dass ich wohlauf bin.

»Gut also? Findest du es nicht verstörend und Angst einflößend, den Untergang der Stadt in der Sintflut mit anzusehen?«

Ich scanne die Irrwege meines Gehirns nach nützlichen Informationen. Finde eine logische Antwort in einem Buch, das ich in irgendeinem Zyklus einmal gelesen haben muss. Die Geschichte eines heiligen Feuervogels aus Überlieferungen Ägyptens, einem Land, lange vor der Alten Welt. Und dann lege ich mir die Worte zurecht, rufe mir in Erinnerung, dass dies nur eine Prüfung ist.

»Die Sintflut ist eine Metapher. Jeder Niedergang ist nichts weiter als ein Bestandteil der Evolution. Er offenbart den bevorstehenden Geburtsprozess, bei dem das alte Denkmuster abfallen und ein neues hervortreten wird. Es ist das Muster der Weiterentwicklung. Es ist der Aufstieg des Phönix aus der eigenen Asche. Jeder Untergang einer Zivilisation ist somit ein elementarer Teil des Fortschritts und der Anfang von etwas Neuem, etwas Besserem.«

Das letzte Bild, die letzte Sequenz erscheint wieder. Die Mutter und ihre Tochter, kurz bevor sie die Sintflut verschlingt. Standbild. Die Drohne schwirrt durch das Bild.

»Was siehst du?«

»Eine Analogie. Ein Sinnbild für den Weltuntergang.«

»Weißt du, warum die Welt untergegangen ist?«

»Die Kulturen waren so sehr an ihrem Besitz orientiert, dass sie vergessen haben, was sie wirklich glücklich macht. Die Menschen sind dem Geld nachgejagt, haben mehr Zeit mit der Arbeit verbracht, als sich um ihre persönlichen Beziehungen zu kümmern, die für ihr Wohlbefinden eigentlich entscheidend sind. Die Verbindung zum Planeten Erde inbegriffen. Es waren die vergifteten inneren Haltungen der Überlegenheit, Ausbeutung, Angst, Manipulation, Ungerechtigkeit und programmierten Ignoranz«, fasse ich meine Ausführungen zusammen. »Die Menschen haben ihren Heimatplaneten ausgebeutet. Sich in eine Situation hinein manövriert, in der das Fortbestehen von immer knapper werdenden, äußeren Ressourcen bedingt ist. Das war kein schlauer Schachzug.«

»Was wäre denn deiner Ansicht nach klüger gewesen?«

»Wenn sie erkannt hätten, dass ihr Überleben davon abhängt, dass der Planet und alle auf ihm lebenden Arten genausogut versorgt werden müssen, wie jeder einzelne selbst.«

»Was siehst du in ihren Augen? Schau genau hin!«

»Die Angst vor dem Tod«, erkläre ich.

»Was ist der Tod?«

»Er markiert das Ende einer Lebensreise.«

»In einer dualen Welt gibt es immer eine Kehrseite. Sag mir, was ist der Gegenpol von Tod?«

»Das Leben.«

»Gut. Was empfindest du jetzt?«

»Nichts«, sage ich. »Ich kenne so etwas wie Gefühle nicht.«

»Du weißt, warum du nicht fühlen kannst?«

»Nein, ich habe keine Erinnerungen daran.«

»Erinnerungen?«, fragt Reico und ihre Drohne kommt ganz nah an mich heran.

»Keinerlei Informationen darüber, meinte ich.«

Der Raum, alles um mich herum beginnt wieder zu flimmern. Ich verfolge die bewegten Bilder, sehe eine Similarität, einen Transformationsprozess. Eine Raupe schillert in tausend Farben im Morgentau, kriecht über ein zartes Blatt, unabwendbar ihrem Ende entgegen. Ihre Bewegungen fangen an, sich zu verlangsamen, ihr organisches System fängt an zusammenzubrechen. Ihre Zellen begehen Selbstmord. Es herrscht eine Atmosphäre von Zerfall und drohender Apokalypse. Doch mitten im Sterben taucht das Neue auf. Die Raupe beschließt aus den Wrackteilen etwas bislang Unbekanntes zu erschaffen. Und so erhebt sich aus den Ruinen der Larve eine großartige Flugmaschine - ein Schmetterling - dem es erlaubt ist, eine himmlischere Welt zu erblicken, als sie sich die Raupe je hätte vorstellen können.

»Karma, glaubst du an Gott?«, fragt sie.

»Der Allmächtige hat die Welt hervorgebracht und sie den Menschen geschenkt. Aber sie haben dieses Geschenk nicht verdient.«

»Verdeutliche das.« Ich denke an all die Bilder, an die Eindrücke, die Vernichtung und das Leid, welches ich in diesem Raum in den Hologrammen gesehen habe und all das, was ich gelesen habe.

»Die Menschen sind sich ihrer Verantwortung nicht bewusst. Sie haben die Welt schon viele Male zerstört und in Krisen gestürzt«, sage ich.

»Erkläre das Wort Krise!«

»Jede Krise ist ein Symptom, durch welches Gott uns mitteilt, dass wir unsere Existenz bis an die Grenzen belastet haben und wir uns jetzt etwas Neues einfallen lassen müssen, um unser Dasein aufrechtzuerhalten. Eine neue Lebensart zum Beispiel, die alle retten kann, bis die nächste verzwickte Situation ansteht. Eine Lebensform, für die Grenzerfahrungen und Angst nichts weiter als der Handlauf des Lebens sind.«

»Was glaubst du? Wer kann die Menschen retten?«, fragt sie und die Drohne schwirrt ganz nach oben bis unter die Decke.

»Ich weiß es nicht«, sage ich und lege meinen Kopf in den Nacken.

Was wäre, wenn alles was ich weiß, falsch wäre? Soll ich die Evolutionstheorie in Frage stellen? Ich habe gelesen, dass es dieser Theorie zufolge lange Phasen der Stabilität gibt, die von Stadien radikaler und unvorhersehbarer Umbrüchen unterbrochen werden. Es kommt zum Massenaussterben, doch die Evolution bringt in sehr kurzer Zeit neue Arten hervor. Bin ich so eine neue Lebensform? Bin ich aus diesem Grund hier? Deshalb das ganze Training und die Grenzerfahrungen, um zu prüfen, ob ich den Herausforderungen gewachsen bin?

»Das genügt. Du hast bestanden. Es ist Zeit für die Verjüngung. Gehe nun!«, sagt Reico und die Drohne fliegt Richtung Ausgang und davon.

Die Schriftzeichen an der Schleuse lösen sich auf. Die Tür hat sich wieder geöffnet, die heutige Prüfung, die mehr einer philosophischen Lehrstunde geglichen hat, ist beendet und es zieht mich hinaus. Ich bewege mich wie eine Motte, die sich am Mond orientiert. Vorbei an den, im Dunkeln liegenden verschlossenen Gängen, Abzweigungen und weiteren Absperrvorrichtungen.

Ich frage mich, warum sie diesen irrsinnigen Aufwand betreiben? Diese ganze Mühe, um mich auszubilden, ohne einen triftigen Grund.

Was versprechen sie sich davon?

Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch, registriere, dass mich meine Füße bis in den Kreuzgang und von dort bis zur Verjüngung getragen haben. Ich sehe weiße Fliesen und blanken Stahl.

Der Raum ist klein, nicht mehr als eine weitere Kammer der Abtei. Ohne Fenster, frei von natürlichem Licht. Kalt sind die Luft und der Boden. Ich warte auf das Wasser, das bald schon auf mich niederprasselt. Mein Kleid lasse ich an, auch der Stoff muss einmal ausgespült werden. Meine Haare reichen fast bis zur Mitte meines Rückens, sind glatt, pechschwarz und schwer von der Nässe.

Irgendwann wird es dunkler um mich herum. Die Lichtquellen nehmen an Intensität ab. Ich schließe die Augen und das Wasser regnet, prasselt und tröpfelt schließlich nur noch auf mich herab. Meine Gedanken und mein Geist werden ruhig und still.


Verzweiflungstat

Myo blickt durch die Glasscheibe ins Innere der Verjüngungskammer. Karma wird sich wieder an nichts erinnern können. Die Regenerationsprozedur ist daran schuld. Erinnerungen und Emotionen gehen verloren, doch der Körper ist wie neu geboren und über das Maß eines gewöhnlichen Menschen hinaus gestärkt.

Myo war einst wie Karma. Ein Instrument. Eine Waffe. Ein Zufall hat dazu geführt, dass sie jetzt eine andere ist. Es hat mit den Gedanken angefangen. Gefechte in ihrem Kopf. Gedanken, Gedächtnisfetzen, Gefühlsregungen, die an die Oberfläche kommen wollten. Danach kamen die Fragen. Myo ist in der Lage, diese Erfahrungen gut ins Bewusstsein zurückzurufen.

Es hat etliche Zyklen gedauert, bis sie die war, die sie heute ist. Vieles hat sich seitdem verändert. Einiges aber auch nicht. Sie war früher so wie Karma, noch auf eine Verjüngung angewiesen, um fortbestehen zu können.

Aber jetzt gibt es einen anderen Weg, um zu überleben. Sie hat ihn gefunden. Dort draußen. Das verschweigt sie. Myo hat inzwischen Geheimnisse. Sie ist nun im Stande auf sich selbst aufzupassen. Und sie ist nur aus einem Grund hierher zurückgekehrt. Sie will Karma befreien. Will sie mitnehmen, um gemeinsam mit ihr auf die Suche zu gehen. Eine Suche zurück zum Ursprung, um die zu finden, die das alles hier zu verantworten haben. Um die Puppenmacher aufzuspüren, die Wesen wie Myo und Karma erschaffen haben.

Doch Myo verzweifelt langsam. Karma scheint ein hoffnungsloser Fall zu sein. Sie hat nun eigene Gedanken und Karma stellt auch Fragen aber sie will sich einfach nicht erinnern! Will nicht träumen. Nichts von ihrem Verhalten deutet darauf hin. Myo hat den Stromausfall schon so oft ausgelöst und nutzt die kurze Zeitspanne, die dadurch entsteht, um Karmas Verjüngungskammer weiter zu manipulieren. Sie hat fast alles versucht. Hat geglaubt, dass dies ausreicht, um den Prozess zu beschleunigen. Aber Karma zeigt keinerlei Anzeichen. Träumt nicht, erinnert sich nicht an sie, an die Begegnungen und Gespräche. Sie ist so emotionslos wie ein Stein. Vielleicht wird es dieses Mal gelingen. Gegebenenfalls aber auch wieder nicht. Eventuell braucht Karma einfach mehr Zeit. Viel mehr Zeit. So viel Zeit wie Myo hatte.

Zeit?

Genau das ist aber das Problem. Denn Myo rennt die 4. Dimension davon. Sie hat versagt, denn heute Nacht ist es soweit. Myo wird diesen Ort wieder verlassen müssen. Ob Karma nun bereit ist oder nicht.

Myo verändert zum wiederholten Mal die Einstellungen der Verjüngungskammer. Sie weiß nicht, ob sie das Richtige tut. Es ist eine Verzweiflungstat. Sie reduziert drastisch die Dosis der chemischen Stoffe, der Drogen, die dem Wasser untergemischt werden. Sie hofft, dass Karma die Verjüngung gut übersteht und dass sie dieses Mal einen Hauch von Emotionen zeigen wird.

Denn falls nicht, dann wird sie draußen vor der Abtei keine sieben Tage überleben können. Sie wird leerlaufen wie ein Akku und sterben. Myo rechnet nach. Vertraut ihrer inneren Uhr. Jetzt sind es weniger als vierundzwanzig Stunden, bis ihre neuen Freunde kommen. Das Licht flackert, der Strom wird gleich zurück sein. Sie steht unter Druck. Muss sich beeilen, rennt den Gang entlang, bis sie den Ostflügel erreicht. Sie betritt die Kammer, bleibt einen Moment stehen und betrachtet Karmas neuen Körper. Die Verjüngung ist nichts anderes als die Übertragung des Bewusstseins in diesen wiederaufbereiteten synthetischen Körper. Wie ein Programm, das überspielt wird. Doch Myo weiß, es ist mehr als das. Es bedarf einer echten Seele, um Körper und Bewusstsein miteinander zu vereinen. Die Seele ist der Klebstoff, damit Leben entstehen kann. Geht alles gut, dann ist die Verjüngung eine Endlosschleife, die Unsterblichkeit verspricht. Myo betrachtet Karma.

»Atme!«, sagt sie. »Atme verdammt noch mal!«

Karmas Brustkorb ist still und bewegt sich keinen Millimeter.

Myo bekommt es mit der Angst zu tun. Hat sie doch falsch gehandelt? Hat sie Karma getötet? Plötzlich heben sich Karmas Brust und Bauch. Ein unendlich tiefer Atemzug und der eindeutige Beweis dafür, dass die Verjüngung funktioniert hat. Dass Karmas Seele diesen neuen Körper akzeptiert hat und Körper und Bewusstsein nun miteinander verschmelzen.

Myo atmet erleichtert aus. Jetzt muss sie nur noch Emotionen zeigen und anfangen, sich zu erinnern.

Myo muss sich wieder beeilen. Es dauert nicht lange, dann wird Karma die Augen öffnen. Sie legt Auroras Tagebuch und Auroras Lieblingsroman neben die junge Frau, damit es das Erste ist, was sie findet, wenn Karma in ihrem neuen Körper erwacht. Sich von den beiden Exemplaren zu trennen, ist wichtig. Die Aufzeichnungen aus der Vergangenheit zu finden, war für Myo mehr als nur Zufall. Es war ihre Bestimmung. Myo streicht über Karmas Stirn und hofft, dass es dieses Mal funktioniert. Dass sie erwacht, fühlt, träumt und sich erinnert. Dass sie die Wahrheit erkennt. Dann verschwindet Myo, bevor die Sicherheitssysteme wieder mit Energie versorgt werden.


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