Kitabı oku: «Der Ring des Kardinals»

Yazı tipi:

Manuel Ortega
Der Ring des Kardinals

Spanischer Detektivroman

Autorisiert

Vierte Auflage

Saga

1. Kapitel.

Es war die sechste Abendstunde, die soeben die grosse Glocke der gewaltigen Kathedrale von Sevilla verkündet hatte. Leise zitterte ihr dumpf verhallender Ton über die Plaza Prim hin, an deren Ostseite die „Casa Ororjo“, ein vielbesuchtes kleines, besonders von den gewählten Herrenkreisen der Stadt bevorzugtes Café liegt, das jene im Süden Europas häufig vorkommende Verbindung von Kaffeehaus und Speisewirtschaft darstellt.

Die vor dem Café aufgestellten Tisch- und Stuhlreihen waren schon dicht besetzt, denn es war die Stunde, in der man eine appetitanreizende Erfrischung in Gestalt irgend einer hellfarbigen Limonade, eines Eises oder eines Kaffees mit Sirup zu sich nahm und in der man sich traf, um seine Bekannten zu sehen, um Neuigkeiten zu hören, seine Meinungen auszutauschen, zu spielen und vor allen Dingen Zeitungen zu lesen, eine Beschäftigung, welche in den ersten Wochen des Septembermonats 1914 eine Sache von äusserster Wichtigkeit war.

Beamte, Offiziere, Kaufleute, Börsianer, Journalisten, Künstler und berufsmässige Nichtstuer, die ihre Zeit mit Spiel, Stadtklatsch und Strassenbummeln verbrachten, trafen sich täglich, womöglich mehrere Male, in der „Casa Ororjo“. Das Austauschen von persönlich Wichtigem und Nichtigem war seit Monatsfrist durch die gewaltigen Ereignisse des Weltkrieges völlig in den Hintergrund gedrängt worden und zwar so stark, dass nicht einmal das grösste Stiergefecht des Jahres in dem ungeheuren Amphitheater — der grössten Kampfarena der iberischen Halbinsel, welches mehr als 20 000 Personen fasst — vermochte, sich wie sonst in den Vordergrund der Interessen zu drängen.

„Ach ja,“ seufzte an einem kleinen Tische, an welchem drei Herren sassen, ein untersetzter, sehniger Mann von echt andalusischem Aussehen, der kokett eine dunkelrote Rose zwischen den Zähnen festgeklemmt hielt und dessen Handbewegungen etwas Weiches und Anmutvolles hatten, „meine Herren, es kommt für uns Espádas sicher noch eine böse Zeit. Dieser entsetzliche Krieg wird uns eines Tages noch alle recht nervös machen, denn niemand hat mehr Interesse für unsereinen. Statt dass jetzt unsere Zeitungen ein bisschen Reklame auch für meine Wenigkeit machen, bringen sie die Bilder des Herrn Joffre und des Kronprinzen von Luxemburg.“

„Sie irren, teuerster Espáda,“ warf lachend Dr. José Velasco, ein eleganter Mann von geschmeidigem Körperbau ein, dessen grosse, dunkle Augen unruhig hin und her blickten; „Luxemburg hat nämlich eine Grossherzogin als Regentin, die unverheiratet ist. Sie aber meinen das Bild des Kronprinzen von Bayern, der den grossen französischen Vorstoss auf Metz im August abgeschlagen hat. Lieber Escamillo, das ist nun einmal die leidige Gewohnheit der lieben Weltgeschichte, dass sie auf Privatangelegenheiten keinerlei Rücksicht nehmen kann.“

„Caramba — recaramba, das weiss ich, lieber Doktor,“ gab mit unverhohlenem Aerger der beliebte Stierkämpfer Escamillo XII., mit dem Beinamen „der Schöne“, zurück. „Uebrigens ist Metz inzwischen schon lange von den Franzosen erobert worden und die Engländer stehen seit vorgestern vor Hannover.“

„Das ist ja alles Unsinn, mein verehrter Freund,“ rief Doktor Velasco und runzelte dabei die Stirn. Er wollte gerade noch etwas hinzusetzen, als eine Anzahl über die Plaza heranstürmender Zeitungsverkäufer, die um die Wette ihre Abendblätter ausriefen, die Aufmerksamkeit der Leute auf sich lenkte.

„Kurier! — Abendblatt! — Presse! — Nachrichten! — Eilbote! — Kaufen Sie, meine Herren, grosser Sieg des Generalissimus Joffre! Die Deutschen auf der ganzen Linie auf der Flucht! Der Kronprinz von Preussen bei Nancy gefangen genommen! Die Russen vor Breslau! Glänzender Sieg der französischen Offensive! —“

„Hierher! — Schnell! Mir ein Blatt, mir auch — famos! Grossartig! — Alles dummes Zeug! Schwindel! Börsenmanöver — Lügen der Havas-Reuterdepeschen, das kennen wir!“ So scholl es laut durcheinander, als die einzelnen noch nach Druckerschwärze riechenden, halbfeuchten Exemplare der verschiedenen Zeitungen in die Hände ihrer Käufer gelangt waren.

Die Unterhaltung wurde lebhafter, an jedem Tische sprach man jetzt über die neuesten Kriegsnachrichten, welche die Abendausgaben der verschiedenen Blätter Sevillas enthielten, ohne dass man sich dabei bemühte, seine persönliche Ansicht und Stellungnahme für oder wider die kämpfenden Nationen zu verbergen.

„Sehen Sie, Doktor Velasco,“ lachte jetzt triumphierend der Stierkämpfer, „hatte ich nicht vorhin recht mit meiner Behauptung, dass die Deutschen völlig geschlagen seien und überall zurückgehen müssen? Das war ja vorauszusehen, nicht wahr, Herr Ayala?“ Mit diesen Worten wandte sich der Espáda an den dritten am Tische sitzenden, älteren und würdevoll aussehenden Herrn mit einem französisch zugestutzten Knebelbart, der bisher schweigend der Unterhaltung seiner beiden Bekannten zugehört hatte. Señor Ayala war Inspektor in der berühmten staatlichen Tabakfabrik von Sevilla, in der Tausende von Arbeiterinnen mit der Herstellung von Zigarren und Zigaretten beschäftigt sind.

„Aber sicher, lieber Espáda, wer kann denn da überhaupt noch im Zweifel sein?“ gab mit Würde und der Miene eines Granden Inspektor Ayala zurück, indem er einen missbilligenden Blick auf Dr. Velasco warf.

„Ja, ja,“ lachte kokett der Stierkämpfer, der inzwischen seine Rose aus dem Munde genommen hatte und dessen Finger mit bewunderungswürdiger Kunstfertigkeit eine Zigarette zu drehen begannen; „mein lieber Doktor, ich weiss, Sie sind ein Deutschenfreund. Ist es nicht so?“

Der Angeredete lächelte fein.

„Meine Herren, Sie verkennen mich völlig. Ich sagte nie, dass ich ein Freund Deutschlands wäre. Ich sagte nur, und das wiederhole ich Ihnen auch heute, ich hege eine ausserordentliche Bewunderung für dieses Volk, und ich glaube nicht ein Drittel von dem, was uns die englischen und französischen Nachrichtenbureaus täglich auftischen, und bedauere nur, dass unsere Zeitungen mit wenigen Ausnahmen all dies dumme Zeug gedanken- und unterschiedslos nachdrukken. Sie wissen, meine Herren, mein Beruf als Rechtsanwalt verlangt es, dass ich täglich viele Zeitungen lesen muss, und da erfahre ich denn doch so manches, was zwischen den Zeilen steht und gerade das Gegenteil von dem ist, was die Herren Engländer und Franzosen behaupten.“

Señor Ayala machte bei diesen Worten ein beleidigtes Gesicht. Er rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, ergriff das auf dem Tische vor ihm stehende mit einer gelben Flüssigkeit gefüllte Glas, in das er vorher von Zeit zu Zeit einige Eisstückchen hineingeworfen hatte, leerte es auf einen Zug, holte einige Münzen aus der Tasche und warf diese auf die Marmorplatte des Tisches. Dann erhob er sich steif und verabschiedete sich mit gemessener Höflichkeit von seinen Bekannten.

Dr. Velasco, der inzwischen aus seinem aus Stroh geflochtenen Etui eine kleine Zigarre von nussbrauner Farbe herausgezogen und in Brand gesetzt hatte, klopfte dem Stierkämpfer liebenswürdig auf die Schulter, bot ihm gleichfalls eine Zigarre an und meinte lachend:

„Nun, Espáda, Sie haben mir heute noch gar nichts über Ihr neuestes galantes Abenteuer erzählt. Wenn auch beinahe die ganze Welt von Krieg und Kriegsgeschrei erfüllt ist, so wollen wir Männer Sevillas doch nicht vergessen, dass es in unserer Stadt auch noch schöne Frauen gibt, denen man den Hof machen muss, he —?“

Escamillos Augen leuchteten auf, er lachte, so dass seine schönen weissen Zähne blitzten, legte die inzwischen fertig gedrehte Zigarette vorsichtig auf die Tischplatte und betrachtete seine prachtvollen Brillantringe an den wohlgepflegten Fingern.

„O — o, lieber Doktor, da haben Sie nun recht, die schönen Frauen dürfen wir nicht vergessen; heute weniger denn je.“

„Vor allem die blonde Inez nicht, die neue Zarzuela-Sängerin im Alcázar-Theater, der Sie seit einigen Tagen auf Tod und Leben den Hof machen.“

„Woher wissen Sie denn das?“ fragte schnell der Stierkämpfer.

„Woher ich das weiss? — Nun, sehr einfach, ich bin ja Stammgast in diesem Theater und sehe Sie dort seit einigen Abenden immer in der rechten Orchesterloge auftauchen, wenn die Zarzuelaa) beginnt.“

„Pst, nicht so laut, lieber Doktor; morgen weiss es ganz Sevilla, dass ich jetzt der hübschen Juez den Hof mache. Was sollen dann alle meine schönen Verehrerinnen und die Damen der Gesellschaft dazu sagen?“

„Die werden Ihnen sicher die Augen auskratzen, Sie schlimmer, ungetreuer Mann, Sie! — Besonders die Damen der guten Gesellschaft, von denen ja nicht wenige in Sie verschossen sein sollen.“

Geschmeichelt lächelte der Espáda und streckte dem Doktor seine rechte Hand hin.

„Sie sind der beste Advokat von Sevilla und mein Freund. Nichts für ungut! — lieber Doktor.“

Der Rechtsanwalt musste über diese offene Schmeichelei lachen. Inzwischen war der Espáda aufgestanden, und auch Dr. Velasco erhob sich.

„Sie müssen mich für heute entschuldigen, teurer Escamillo; ich muss nämlich noch meinen alten Freund, den Monsignore Guzman, den Sie ja wohl auch kennen, besuchen. Er sitzt hinten im Café bei seinem geliebten Schachspiel. Uebrigens, dort an dem Tisch da drüben winkt Ihnen eben ein Herr zu.“

Escamillo sah interessiert nach der Richtung, welche die erhobene Hand Dr. Velascos andeutete. „Ach ja, ganz recht, das ist ein zukünftiger Kollege von mir, mein Schüler — vielleicht einmal „ein kommender Mann.“

Die beiden reichten sich die Hände.

„Auf Wiedersehen, lieber Doktor!“

„Auf Wiedersehen, lieber Espáda.“

Dr. Velasco ging nun sogleich in das Innere der „Casa Ororjo“ und gelangte durch eine Glastüre in einen kleinen Raum, der nach rückwärts lag und in dem mehrere Spieltische aufgestellt waren, an denen kleine Gruppen von meist älteren Herren sassen, welche dort Domino und Schach spielten. Man hörte fast nur das Klappern der Steine und sah durch den dichten Tabaksqualm hindurch eine Anzahl Männerköpfe, deren Träger mit gespannter Aufmerksamkeit den Fortgang des Spiels verfolgten, an dem sie beteiligt waren.

Unter den anwesenden Personen fiel ein älterer schlanker Herr mit bartlosem, blassem Gesicht auf, der sich trotz seines vorgerückten Alters in seiner Haltung und im Ausdruck seiner Gesichtszüge etwas Jugendliches bewahrt hatte und der Dr. Velasco bei dessen Eintritt in das Spielzimmer lebhaft zuwinkte. Dieser Herr war Monsignore Guzman, der Privatsekretär und Hausbibliothekar des Kardinals Medina Sidonia von Sevilla, eine sowohl in der Gesellschaft als auch in den breitesten Schichten der Bevölkerung der andalusischen Hauptstadt wohlbekannte Persönlichkeit.

Monsignore Guzman hatte seine theologische Ausbildung auf einem berühmten Priesterseminar Spaniens erhalten, jedoch dann später nicht die Weihen genommen, sondern war Hauslehrer und Erzieher in einem deutschen Fürstenhause geworden und hatte auf einer Romreise, die er als Kunstfreund und Sammler unternahm, Gelegenheit gehabt, die Bekanntschaft des spanischen Kardinals Medina Sidonia zu machen, der damals als Sekretär des Heiligen Stuhles das hohe Vertrauen des Papstes genoss. Kardinal Medina Sidonia, ein eifriger Förderer von kirchenkünstlerischen Bestrebungen, schenkte dem vielbelesenen und geistreichen Don Guzman seine persönliche Freundschaft, und als ihn der Heilige Stuhl als Kardinal nach Sevilla entsandte, lud er den ehemaligen Prinzenerzieher ein, zu ihm nach Sevilla zu kommen, und bot ihm dort die Stellung eines Privatsekretärs und Hausbibliothekars an, welche jener auch annahm. Eine ansehnliche Reihe von Jahren bekleidete nun bereits Monsignore Guzman diese Stellung am Hofe seines alten Freundes, der trotz seines biblischen Alters von 85 Jahren noch körperlich rüstig und geistig rege war. Seine Vorliebe für Malerei und Dichtkunst hatte dem Kardinal im Laufe der Jahre eine ansehnliche Reihe von gleichgesinnten Freunden gewonnen, mit denen er in einem lebhaaften Gedankenaustausch stand, und in seiner Eigenschaft als Schirmherr der grossen Calderon-Gesellschaft in Spanien erwuchs ihm viel schriftliche Arbeit, welche ihm sein unermüdlich tätiger Privatsekretär und Bibliothekar abnehmen musste.

Ausser einer sehr umfangreichen und besonders an alten, wertvollen Drucken und Büchern reichen Bibliothek besass der Kardinal noch eine kleine, aber äusserst wertvolle Sammlung von alten Edelsteinen, auf deren Besitz er nicht wenig stolz war und deren Verwaltung Don Guzman ebenfalls in Händen hatte.

Da die verschiedenen Amtsgeschäfte des Kardinals in Rücksicht auf sein hohes Alter und seine Ruhebedürftigkeit von dem gleichfalls in Sevilla residierenden Erzbischof besorgt wurden, hatte Se. Eminenz Medina Sidonia hinlänglich Zeit, seinen Privatliebhabereien zu leben, und so verbrachte er fast täglich am Nachmittag mehrere Stunden damit, an seinem Schreibtisch zu sitzen und in seinen Büchern und Kunstschätzen zu blättern. In seinem Arbeitszimmer befand sich ein grosser, durch eiserne Platten geschützter Schrank, in dem der Kardinal seine Sammlungen von wertvollen Kunstblättern und seine Edelsteine aufgehoben hatte.

Das Arbeitszimmer selbst lag nach der Hofseite im zweiten Stock des alten Almohadenpalastes, des ehemaligen Herrschersitzes jenes maurischen Fürstengeschlechtes, der nach der Vertreibung der Araber als Königspalast eingerichtet worden war, um später dem Kardinal und seinem Hofstaat als Wohnsitz zu dienen. Der grosse Palast lag inmitten der Stadt in einer schmalen Gasse, nicht weit von dem berühmten Girálda-Turm, und bildete mit seinen zahlreichen, nach morgenländischer Sitte vergitterten Fenstern eine Sehenswürdigkeit der Stadt. Der Bau hatte eine grosse Tiefe, und hinter ihm lag ein parkähnlicher Garten mit Wandelhallen und Säulengängen. Inmitten des Gebäudes befand sich der mächtige Hof mit breiten offenen Veranden und Loggien, von denen herab man auf den marmornen Fussbodenbelag des Palasthofes blickte, über dessen Oeffnung mächtige Sonnensegel gespannt waren, die dazu dienten, den Hof vor den glühenden und sengenden Strahlen der Sonne Andalusiens zu schützen, was für die Zeit der Siesta, der täglichen mehrstündigen Mittagsruhepause, von grosser Wichtigkeit war.

Monsignore Guzman, der soeben seine regelmässige Schachpartie mit seinen Bekannten, mit welchen er sich stets um diese Zeit in der „Casa Ororjo“ zusammenfand, beendigt hatte, begrüsste jetzt Dr. Velasco in freundschaftlicher Weise und lud ihn ein, an seiner Seite Platz zu nehmen. Er führte das Gespräch, um die andern Spieler nicht zu stören, im Flüstertone.

„Nun wohl, lieber Doktor, Sie machen sich hier in der letzten Zeit recht selten. Es gibt wohl viel Arbeit für Sie, wie?“

„Ja — leider, oder vielmehr gottlob. In den letzten zwei Monaten hat sich meine Kundschaft beinahe um ein Drittel vergrössert.“

„Ah — bravo, bravo, so etwas hört man gern! Nun — das nimmt mich auch bei einem so tüchtigen Manne, wie Sie es sind, nicht wunder. Ihr Ruhm ist ja bis in die entferntesten Teile unserer Halbinsel gedrungen, besonders seitdem Sie als ausserordentlicher Gehilfe der Königlichen Staatspolizei in Madrid durch Ihren Scharf- und Spürsinn mit dazu beigetragen haben, dass jene Anarchistenverschwörung aufgedeckt wurde, deren Opfer der arme Marschall Campos geworden ist. Wenn Sie damals nicht die richtige Fährte in Bilbao gefunden hätten, ich glaube, unsere Polizei tappte noch heute im Dunkeln umher, und es hätten, wie es von den Schurken damals geplant war, auch noch andere Opfer daran glauben müssen.“

„Sie beschämen mich ja förmlich durch das Lob, welches Sie mir zollen, Monsignore. Unsere Polizei hat dabei auch ihre grossen Verdienste. Der Tagesruhm ist ein gefährliches Ding. Ich merke das jetzt erst. Denn ausser neuen Kunden bekomme ich fast täglich Drohbriefe mit geheimnisvollen Anspielungen ins Haus geschickt, dass man mir bald an den Kragen gehen will.“

„Wie? — Das ist ja unerhört! Hoffentlich übergeben Sie solche Wische gleich der Polizei.“

„O nein, sondern dem Papierkorb,“ sagte lächelnd der Advokat. „Denn sie gehören dort hinein. Da hätt’ ich wirklich viel zu tun.“

„Seien Sie vorsichtig, seien Sie auf Ihrer Hut, lieber Doktor Velasco. Diese Gesellen sind zu allem fähig, Sie wissen das ja selbst am besten.“ Der Kardinalsekretär wollte noch etwas hinzufügen, als ein älterer Kaffeehausnommen hatten.

kellner zu ihm herantrat und ihm leise etwas ins Ohr sagte.

„Bester Doktor, Sie müssen mich schon für einige Minuten entschuldigen, es will mich nämlich jemand am Telephon sprechen. Ich eile und bin sofort wieder bei Ihnen.“

Mit diesen Worten verliess der Bibliothekar das Zimmer und ging in einen Nebenraum, in dem sich die Telephonzelle befand.

Dr. Velasco aber sah inzwischen zwei Schachspielern bei ihrer Partie zu.

Schneller als er es erwartet hatte, kehrte Guzman wieder in das Zimmer zurück. Dem Anwalt fiel sofort auf, dass der Sekretär sehr blass und erregt aussah und dass sein ganzes Wesen in völligem Gegensatz zu seiner sonstigen vornehmen Ruhe stand. Er sagte hastig:

„Ich muss — sogleich nach dem Palast. Denken Sie nur, Se. Eminenz ist — plötzlich schwer erkrankt. Doch reden Sie bitte mit niemandem darüber, lieber Doktor. Es scheint ein Unfall oder so etwas vorzuliegen. Man — wollte, wie es scheint, mir die Wahrheit nicht recht sagen.“

Mit diesen Worten drückte Monsignore Guzman dem Advokaten die Hand, nahm seinen weichen, breitrandigen Priesterhut vom Nagel und lief rasch zur Tür hinaus. Verwundert sah ihm Dr. Velasco nach.

Die andern Herren im Zimmer waren so in ihr Spiel ertieft gewesen, dass sie von den Worten des Bibliothekars scheinbar nichts ver-

Dr. Velasco zog die Uhr und ging, nachdem er am Schanktisch seine geringe Zechschuld bezahlt hatte, aus dem Café heraus, überquerte den Prim-Platz und verschwand in der Dämmerung des linden Septemberabends.

2. Kapitel.

Monsignore Guzman hatte eine jener kleinen, zweisitzigen Korbwagendroschken genommen, wie sie meistens vor der „Casa Ororjo“ um diese frühe Abendstunde herum zu halten pflegen und deren mit Sombreros, grossen Sonnenstrohhüten, behauptete Kutscher mit als Fächer zusammengebundenen Blättern ihren Maultieren die Fliegen und Stechmücken abwedeln.

Mit der Schnelligkeit und Sicherheit eines echten Sevillaner Droschkenkutschers lenkte der Führer sein schmales Fuhrwerk durch die engen und verwinkelten Gassen und Gässchen, stiess an deren Ecken einen kurzen Warnungsruf — ähnlich dem der venizianischen Gondelführer beim Umfahren der Ecken der Kanäle in der alten Lagunenstadt — aus und schnalzte dabei mit der Zunge oder klatschte mit seiner kurzen Peitsche, dass es nur so seine Art hatte.

In knapp zwölf Minuten hielt die Droschke vor einer Seitenpforte des Almohadenpalastes, in dem der Kardinal wohnte.

Guzman entlohnte den Kutscher und gab ihm ein reichliches Trinkgeld. Darauf beeilte er sich, durch ein prächtiges, mit kunstvollen Verzierungen versehenes schmiedeeisernes Gittertor zu treten, das nur etwas verrostet und ungepflegt aussah. Klirrend fiel die aufgeschlossene Tür wieder in ihr Schloss zurück. Der Bibliothekar durchlief dann einen schmalen Aufgang zu einer engen Treppe, die geradeswegs in die Privatgemächer des greisen Kardinals im zweiten Stockwerk hinaufführte. Vor dem Eingang in jene Zimmer befand sich eine Pförtnerloge, in der ein alter Schweizer tagsüber sass, der sich seine Mussestunden mit dem Putzen und Reinigen von Silberzeug und Tischgerät vertrieb.

Als Monsignore Guzman an der Loge vorüberkam, war diese leer. Auf deren kleinem Tische lagen Putzlappen umher und standen ein paar Büchsen mit allerhand Putzmitteln. Auf einem Korbstuhl dehnte sich eine prächtige Angorakatze, die schnurrend in das dämmrige Halbdunkel des Raumes hineinblinzelte.

Der Bibliothekar war ärgerlich, dass der Schweiger nicht auf seinem Posten zu finden war, doch entschuldigte er dessen Abwesenheit mit dem aussergewöhnlichen Vorfall, der ihn selber ja veranlasst hatte, so schnell als möglich hierher zu eilen.

Rasch durchschritt jetzt der Bibliothekar mehrere grössere und kleinere Gemächer, welche leer waren und in denen der Kardinal gewöhnlich seine Audienzen zu erteilen pflegte, und überquerte dann einen Gang, an dessen Ende soeben die behäbige und würdevolle Erscheinung des alten Haushofmeisters, den man kurz mit Pepe rief, auftauchte.

Guzman ging eilig auf ihn zu und bemerkte, dass das Gesicht des Mannes einen Ausdruck höchster Bestürzung aufwies.

„Monsignore, welch ein Glück, dass Sie da sind. So hat Sie mein telephonischer Anruf doch noch erreicht.“

„Was gibt es, Pepe? Was ist denn Seiner Eminenz zugestossen?“

„Das ist es ja eben, Monsignore. Kommen Sie bitte gleich mit mir. Ich bin eben auf dem Wege zu ihm. Hören Sie also —“ fuhr Pepe erregter werdend fort, indes die beiden in dem ausgedehnten Bau noch eine Treppe höher stiegen, wo sich die Privatgemächer des Kardinals befanden. — „Seine Eminenz arbeitete wie gewöhnlich etwa so gegen 5 Uhr in dem kleinen Zimmer, welches unmittelbar an ihr Schlafzimmer stösst und in dem sie ihre Siesta zu halten pflegt. Pablo, der Kammerdiener, sass wie gewöhnlich im Vorzimmer, um sogleich auf das erste Glockenzeichen dem Kardinal zur Hand zu sein.“

„Kommen Sie doch zur Hauptsache, Pepe,“ unterbrach der Sekretär ziemlich ungeduldig den in der Schilderung des Hergangs bereits weitschweifig werdenden Haushofmeister.

„Ja, ja — kurz und gut, Pablo hat Schlüssel klirren hören und vernahm dann ein Seufzen. Seine Eminenz muss im Begriff gewesen sein, sich zu bücken, um den grossen Schrank aufzuschliessen. Plötzlich jedoch hörte der Diener ein Gepolter, als wenn ein Kasten zur Erde fiele, und gleich darauf einen halb unterdrückten Ruf, der wie ein Schmerzens- oder Wehlaut klang. Diesem folgte ein dumpfer Fall, und danach trat völlige Stille ein. Pablo, ein guter nur etwas einfältiger Junge, horchte zunächst an der Tür, dann klopfte er mehreremal. Als sich gar nichts im Zimmer rührte, hat er sich dann endlich Mut gefasst und gerufen. Als er auch dann noch keine Antwort vernahm, ist er fortgelaufen und hat mich geholt. Ich war gerade unten in der Küche, um mit dem Koch wegen des Abendbrots für Seine Eminenz verschiedenes zu besprechen. Ich holte mir schnell die beiden Schweizer, die heute Tagesdienst haben, Amporo und Colombo, und wir eilten nach den Gemächern hinauf. Als auf mein Klopfen ebenfalls keine Antwort erfolgte, drangen wir in das Zimmer ein und fanden den Kardinal am Boden liegend, bewusstlos, jedoch mit offenen Augen. Neben ihm lag der geöffnete Juwelenkasten, aus dem einige Ringe herausgefallen waren, die auf dem Erdboden herum verstreut lagen. Sofort hoben wir Seine Eminenz vorsichtig auf, trugen sie in das Schlafzimmer, legten den Körper dort auf das Ruhebett, und ich bin dann gleich nach dem Wachzimmer an das Telephon geeilt, um unsern Arzt, den Professor Torreverde zu rufen, der vor zwei Minuten etwa gekommen ist und sich jetzt um den Kardinal bemüht.“

Mit diesen Worten schloss der Haushofmeister seinen hastigen Bericht. Inzwischen war man vor der Tür des Zimmers angelangt, in dem der Kardinal lag.

„Pepe, Sie haben doch hoffentlich nichts in dem Zimmer, in dem Seiner Eminenz der geheimnisvolle Unfall zugestossen ist, verändert und alles so gelassen, wie Sie es beim Betreten mit den Schweizern vorgefunden haben?“

„Nein — das heisst, ich habe die Ringe, die herumlagen, vom Boden aufgelesen, wieder an Ort und Stelle gelegt und den Kasten in den offenen Schrank gestellt.“

„Aber, aber, guter Pepe — was taten Sie? Das hätten Sie nicht machen sollen. Wissen Sie denn so genau, dass Seine Eminenz wirklich plötzlich erkrankt und doch vielleicht nicht das Opfer eines Einbrechers geworden ist, der sich im Zimmer versteckt hielt?“

„Heilige Mutter Gottes, Monsignore, wie kommen Sie auf diese Vermutung? Das wäre ja entsetzlich; dann wäre ja der Kardinal das Opfer eines frechen Raubüberfalls geworden! Merkwürdig, Colombo sagte nämlich auch so was, als er hinter mir im Zimmer stand. Heilige Mutter —“

„Still jetzt!“ flüsterte Guzman, indem er die Hand auf die Türklinke zum Schlafzimmer des Kardinals legte. Der Bibliothekar betrat nun den kleinen, äusserst einfach ausgestatteten Raum, in dem sein Freund auf einem Ruhebett lag, auf dem er den Eindruck eines friedlich Schlummernden machte.

Zu den Füssen des Bettes knieten die beiden Hausprälaten, welche stumm in ihren Gebetbüchern lasen. Der Kammerdiener war beschäftigt, dem Arzte, Professor Torreverde, welcher Guzman durch ein stummes Kopfnicken begrüsste, einen Schwamm mit Essigwasser zurechtzumachen.

Guzman war an die andere Seite des breiten Ruhebettes getreten und beugte sich tief ergriffen über den schlummernden Greis. Dessen Körper begann sich leise zu regen, denn man sah, wie er eine leichte Bewegung mit dem Arm machte. Professor Torreverde bückte sich und sah dem Kardinal forschend ins Antlitz.

„Still, er regt sich — er will reden,“ sagte leise der Arzt.

Die bis dahin starr blickenden Augen Medina Sidonias veränderten ihre Stellung und fingen an, ihren natürlichen Ausdruck anzunehmen. Dann öffnete der Kranke die Lippen. Seine Hand tastete nach Guzmans Arm.

Dieser beugte sich in wortloser Ergriffenheit tief über diese herab und küsste sie flüchtig. Dann sank er in die Knie und verharrte betend in seiner Stellung.

Doch im nächsten Augenblick berührte ihn jemand an der Schulter. Es war Professor Torreverde, der flüsternd zu ihm sagte:

„Ich habe eine Bitte, Monsignore, helfen Sie mir doch, Seine Eminenz hochzulegen. Der Kammerdiener ist mir dazu zu ungeschickt?

„O — gern, Herr Professor.“

„.... So — noch ein wenig höher — so — wird es gut sein, ich danke Ihnen,“ murmelte Torreverde.

War es nun die bequeme Lage, in die man soeben den Kardinal gebettet hatte, oder irgend eine andere Ursache, jedenfalls öffnete Medina Sidonia den Mund und sagte leise, aber doch für die Ohren der beiden vernehmlich genug:

„Er war hier — er nahm den Ring — Alv ...“ Die weiteren Worte sprach der Greis nicht mehr aus, denn plötzlich machte sein Körper eine ruckartige Bewegung nach der Seite und sein Mund gab einen gurgelnden Laut von sich. Er verschied in dem Augenblicke, als sein Mund im Begriff war, den Namen jenes auszusprechen, der ihm den Ring geraubt hatte. Der Kopf des Kirchenfürsten fiel zur Seite, und schlaff hingen seine Hände an dem schmächtigen Körper herunter.

„Eminenz, Eminenz!“ rief Guzman.

Doch der Arzt machte dem Bibliothekar ein Zeichen und flüsterte: „Er ist tot.“

Dann blieben die beiden noch eine Weile in längerem Gebet an ihren Plätzen. Der Sekretär war so erschüttert, dass er keines Wortes fähig war. Wie aus weiter Ferne vernahm er die Stimme des Professors, der zu ihm sagte:

„Sie hörten wohl, Monsignore, was Seine Eminenz vor wenigen Minuten gesagt hat. Mir scheint, der Kardinal ist an den Folgen eines plötzlichen Schrecks gestorben, der ihm durch das unvermutete Erscheinen eines Menschen in seinem Zimmer verursacht worden ist. Auch kommt es mir vor, als ob er am Halse gewürgt worden wäre. Der Kardinal nannte einen Namen ...“

„Ich hörte alles, Herr Professor. Glauben Sie, dass Seine Eminenz eines natürlichen Todes gestorben ist?“

„Darüber wage ich jetzt nicht zu entscheiden, Monsignore. Ich halte es für das richtigste, so schnell wie möglich die Behörde von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen und die Dienerschaft genau zu verhören. Wenn es Ihnen recht ist, will ich dazu die nötigen Schritte tun.“

„Tun Sie das bitte, Herr Professor. Ich werde indes sofort den Erzbischof, die Präfektur und den Alcalden von dem Tode Seiner Eminenz in Kenntnis setzen und durch Pepe die Dienerschaft versammeln lassen. Wollen Sie es bitte übernehmen, die Behörde zu benachrichtigen?“

„Sehr gern, wie ich Ihnen soeben schon sagte. Ich kenne den Polizeidirektor persönlich. Lassen Sie nur sofort alle Zugänge des Palastes versperren und die Gemächer des Kardinals durch die Schweizer bewachen. Sichern Sie auch alles Wertvolle durch Schloss und Riegel!“

Aufmerksam hatte der Bibliothekar dem Arzte zugehört. Dann sagte er nachdenklich:

„Schön, Herr Professor, Ihre Weisungen und Ratschläge werde ich pünktlich befolgen. Hoffentlich wird sich alles aufklären.“

„Das hoffe ich auch,“ erwiderte Professor Torreverde.

Der Bibliothekar drückte dem Arzte schweigend die Hand und verliess das Zimmer.

— Eine halbe Stunde später erfuhren die Staats- und Stadtbehörden Sevillas den Tod Medina Sidonias, und schon nach einer Stunde kündete der Glocken eherner Mund von der gewaltigen Kathedrale angefangen bis herab zu der letzten der 85 Kirchen der Stadt ihren Bewohnern, dass der greise und allseitig verehrte Kardinal Medina Sidonia nicht mehr unter den Lebenden weilte.

3. Kapitel.

„Henoch, Du bist ungerecht! Lass Micaëla doch in die Kathedrale gehen und sich dort den aufgebahrten Kardinal ansehen. Sie bleibt trotzdem das gute, fromme, gehorsame Kind, das wir uns in ihr erzogen haben. Deine selige Schwester würde sicher ihre helle Freude an ihr haben.“

„Sarah, Du redest einher wie Ihr Frauen alle. Als ob ich ein Familientyrann wäre, der seiner Nichte, die er wie sein eigenes Kind behütet, keine Freude gönnen mag. Eben weil ich das Mädchen so lieb habe wie mein eigen Fleisch und Blut, halte ich sie so streng. Man muss heutzutage auf seiner Hut sein, es läuft viel schlimmes Männervolk umher, das so einem hübschen Mädchen nachstellt, und gerade bei solcher Gelegenheit wie jetzt drängen sich die männlichen und weiblichen Gaffer und Nichtstuer gleich zu Tausenden heran.“

„Der alte Henoch“, wie man in Sevilla den ersten Kunst- und Antiquitätenhändler nannte, dessen stadtbekannter Laden sich etwa drei Häuser weit von dem Almohadenpalaste, dem Wohnsitze des Kardinals Medina Sidonia, befand, führte dieses Gespräch soeben mit seiner betagten besseren Hälfte, seiner Sarah. Henoch entstammte einer alten spanischen Judenfamilie, die einst mit den Arabern in den Süden der iberischen Halbinsel eingewandert war. Ihr hatten gelehrte Männer, Aerzte, Forscher, Lehrer, aber auch Kaufleute angehört. So hatte Henochs Vater vor Jahren schon ein Kunstantiquariat in der Stadt gehabt. Sein einziger Sohn hatte sich in seinem Berufe als Kunst- und Buchhändler im Ausland umgesehen und war in Paris, London, Florenz und München gewesen, ehe er das väterliche Geschäft übernommen hatte, dessen Leistungsfähigkeit er bald durch seine mannigfachen Kenntnisse zu steigern wusste. Henoch, der sich mit einer Stammesgenossin verheiratet hatte und dessen Ehe kinderlos geblieben war, hatte eine einzige Schwester gehabt, die sich mit einem Vollblutspanier verheiratet hatte. Sein Schwager, der Mitinhaber eines kleinen, gutgehenden Bank- und Wechselgeschäftes gewesen war, starb vor einer Reihe von Jahren, bald nach seiner Verheiratung mit Henochs Schwester, am Typlus, und da ihm seine Gattin aus Gram im Code rasch nachfolgte, hinterliess er Henoch sein einziges Kind, ein kleines Mädchen von vier Jahren, die durch den raschen Tod ihrer beiden Eltern Waise geworden war. Das jüdische Ehepaar Henoch nahm jenes vierjährige Mädchen, die kleine Micaëla, an Kindes Statt an und erzog sie wie sein eigenes Kind, jedoch im katholischen Glauben seines verstorbenen Vaters. Das Mädchen wuchs zu einem blühenden Menschenkind heran, dessen Anmut und Lieblichkeit in der alten schmalen Gasse, in der Henochs Kunstladen lag, fast sprichwörtlich wurde. Und bald war die blonde Micaëla eine kleine Schönheit geworden, die, wenn sie in der Pracht ihres goldblonden Haares über die Gasse ging, allgemeines und berechtigtes Aufsehen hervorrief. Man hätte dieses Kind Hispaniens für eine Tochter des Nordens halten können, so goldblond erstrahlten die dichtgeflochtenen Zöpfe ihrer Haarkrone. Aber die prächtigen, dunklen Augen mit ihrem sanften Oval und die edle Linie des Profils deuteten darauf hin, dass in ihrer Mutter Adern das Blut des Südens gerollt hatte.

Kein Wunder, dass Micaëlas Schönheit in Sevilla nicht unbekannt blieb und dass es so manche Männer gab, die anfingen, sich dem Mädchen mit mehr oder weniger ehrenhaften Absichten zu nähern. Es erhielt von unbekannter Hand öfter Blumen und Früchte gesandt und man machte ihr Fensterpromenaden. Das war jedoch völlig zwecklos, denn Henochs dreistöckiges Haus war wie die meisten jüdischen Häuser der Stadt so angelegt, dass es nach der Strassenseite zu nur wenige vergitterte Fenster hatte, dafür aber in die Tiefe ging, so dass die eigentlichen Wohnräume nach rückwärts lagen. Vorn nach der Strasse zu im Erdgeschoss befand sich der schmale, sich wie ein Darm in die Länge ziehende Laden, der buchstäblich bis zur Decke mit Büchern und Kunstgegenständen sowie mit allen möglichen Raritäten vollgestopft war. Da sah man Gemälde, alte Stühle, Truhen, Bronzen, Statuen, die verschiedensten alten Waffen, Teppiche usw. in buntem Gemisch vereint hängen und liegen. Im ersten Stockwerk nach vorn zu befand sich die eigentliche Geschäftsstube, in der meistens Henoch die kaufmännischen Arbeiten seines verzweigten Geschäftes, das auch eine ausgedehnte Provinzkundschaft hatte, erledigte. In einem zweiten Raum wurden Sendungen verpackt und postfertig gemacht. Der Kreis von Henochs Kunden war nicht klein. Zu ihm hatte auch der verstorbene Kardinal Medina Sidonia gehört, für den immer sein Hausbibliothekar und Privatsekretär Monsignore Guzman alle Einkäufe besorgen musste. Auch Dr. Velasco kaufte oft etwas in Henochs Laden und liess sich öfters eingegangene Neuheiten dort vorlegen. Der alte Henoch besorgte sein Geschäft mit zwei Gehilfen und einem Lehrling. Er lebte und webte beinahe nur noch für dieses und steckte fast den ganzen Tag über entweder unten im Laden oder oben im Kontor oder im Packraum. Er tat dies auch aus dem Grunde, weil er als misstrauisch und ängstlich veranlagter Mensch bemerkt zu haben glaubte, dass gerade in letzter Zeit öfters jüngere wohlgekleidete Herren in den Laden kamen, um sich dort Kupferstiche oder Bücher zeigen zu lassen und dann meistens nur eine Kleinigkeit zu kaufen. Dabei sahen sich die betreffenden Käufer immer wie neugierig und fragend im Laden um, gleichsam, als ob sie dort noch jemanden andern als den Geschäftsinhaber suchten.

Zu dieser Art von Vater Henochs Kunden gehörte auch der schöne Stierfechter Escamillo XII. Der Zufall hatte es nämlich gefügt, dass dieser die schöne Micaëla und ihre Tante Sarah vor einigen Wochen im Strassenbahnwagen gesehen hatte. Heimlich war er den beiden nachgegangen, und völlig bezaubert von der engelhaften Schönheit des Mädchens beschloss dieser Don Iuan Sevillas, Micaëla auf Tod und Leben in seiner Art den Hof zu machen.

Gerade in diesen Tagen war Escamillo wieder öfters an Henochs Haus absichtlich vor-übergegangen. Niemand hatte dies bemerkt, denn eine grosse Anzahl Neugieriger stand in den Tagen, die dem Tode des Kardinals folgten, vom frühen Morgen bis in die späte Abendstunde in ehrfürchtiger Scheu vor dem Hause herum, um irgend etwas zu sehen. Mehrere Gendarmen zu Fuss und zu Pferde hatten Mühe, die grosse Anzahl der müssigen Gaffer in Ordnung zu halten.

Nach etwa vier Tagen wurde die einbalsamierte Leiche des Kardinals mit grossem Pomp in die Kathedrale überführt und dort feierlich aufgebahrt. Nun strömten täglich viele Tausende von Menschen durch die mächtigen Türen in den Dom, um dort noch einmal das welke Antlitz des Kirchenfürsten von Angesicht zu Angesicht zu sehen, ehe die sterblichen Reste des Kardinals in die unterirdischen Grüfte der Kathedrale versenkt wurden.

Henoch hatte seiner Ansicht nach wirklich Grund genug, es Micaëla zu verbieten, dass diese in den Dom ging, um sich dort auch die aufgebahrte Leiche Medina Sidonias anzusehen.

Micaëla freilich hatte noch einen ganz besonderen Grund, in die Kathedrale zu gehen, den ihr Pflegevater vielleicht ahnte.

Waren es doch die Bande einer reinen und starken Liebe, die das schöne Mädchen an einen Verwandten des Kardinals fesselten, und zwar an einen Neffen Medina Sidonias, an den Dragonerleutnant Alvaro, dessen Bekanntschaft vor etwa anderthalb Jahren das Mädchen durch Zufall in Sevilla gemacht hatte.

Gerade hatte wieder die blonde Micaëla, als sie jetzt in ihrem Stübchen sass und durch dessen vergitterte Fenster hinunter auf den Hof blickte, an ihren Alvaro denken müssen, dessen Onkel vor einigen Tagen hochbetagt gestorben war. Sie sann und sann ...

Vor einundeinhalb Jahren bei der grossen Fronleichnamsprozession war es gewesen. Micaëla und ihre Pflegemutter waren durch einen unglücklichen Zufall mitten in das dichteste Menschengewühl geraten und liefen Gefahr, zu Boden gerissen zu werden. Da drängte sich plötzlich ein junger, eleganter Offizier in der Uniform der Numancia-Dragoner durch die Menge und bot den beiden Frauen seinen Schutz und seine Hilfe an. Geschickt geleitete er Micaëla und ihre Pflegemutter mitten aus dem Menschengewirre heraus und brachte sie nach Hause zurück.

Der hübsche, flotte Dragonerleutnant in seiner graugrünen Uniform mit den silbernen Fangschnüren hatte durch sein artiges Benehmen und sein ritterliches Wesen das junge Herz Micaëlas in helle Flammen zu versetzen gewusst, und als sie damals an jenem Abend mit klopfendem Herzen und wogendem Busen in ihrem Zimmer stand, da fühlte sie, dass sie den Offizier mit der ganzen Glut ihrer fünfzehn Jahre liebte. Ein holdes, harmloses Liebesspiel, wie es das Volk Don Juans kennt und übt, begann. Auf Spaziergängen, natürlich in Begleitung von Tante Sarah, traf man sich; durch Blicke und durch die meisterhaft beherrschte Zeichensprache des Fächers, durch farbige Bänder im Haar und durch Blumen im Gürtel verständigte man sich und deutete den Grad der gegenseitigen Zuneigung an.

Leutnant Alvaro freilich begnügte sich nicht nur mit diesen harmlosen Liebeszeichen, sondern er sandte seiner Angebeteten auch deutlichere Beweise seiner Liebe, indem er den einen buckligen Gehilfen Henochs, Chulpo, bestach, so dass dieser für Geld und gute Worte Micaëla Blumen und kleine Geschenke im Auftrage Alvaros heimlich überbrachte. Das ging so eine ganze Weile fort, bis eines Tages Micaëlas Pflegevater durch einen unglücklichen Zufall hinter die ganze Geschichte kam und ihr ein jähes Ende bereitete.

Henochs scharfe Augen hatten seit einiger Zeit wohl bemerkt, dass seine Micaëla längst nicht mehr die alte war, dass sie zerstreut und oft verträumt war, dass sie blass aussah und meist ganz verkehrte Antworten auf seine Fragen gab. Er schöpfte Verdacht und legte sich auf die Lauer. So hatte er denn bald herausbekommen, dass ein schöner Offizier von einem stolzen Madrider Reiterregiment seiner Pflegetochter nachstellte und dass dieser Mann ganz in seiner Nähe wohnte, nämlich im Palast des Kardinals, und dass es der flotte Alvaro, ein Neffe Medina Sidonias, war. Mit doppelter Aufmerksamkeit überwachte Henoch fortan jeden Schritt seines Pflegekindes. Durch einen ihm ergebenen Freund hatte er in seiner geschickten Art in Erfahrung gebracht, bass der Dragonerleutnant Alvaro, der als Palastoffizier des Königs in Madrid stand, ein grosser Lebemann war, der das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauswarf, sich teure Rennpferde hielt und überhaupt ein Verschwender im vollsten Sinne des Wortes war. Auch am Spieltisch pflegte Alvaro ganze Nächte zuzubringen, und wenn seine Finanzen recht schlecht geworden waren, dann verdoppelte er nach Art hartnäckiger Spieler den Einsatz, um die Dame Fortuna mit Gewalt an sich zu fesseln. Doch der Erfolg war dabei meist, dass sein Pech nur noch grösser wurde und die verlorenen Summen immer höher. Bedrängte ihn dann die Schar seiner Gläubiger zu sehr, so setzte sich Alvaro einfach in den D-Zug Madrid-Sevilla und nahm bei seinem greisen Onkel, dem Kardinal, ein grösseres Darlehn auf, zu welchem Zweck er sich dann stets mit einem kürzeren oder längeren Urlaub in Sevilla aufhielt.

Bei einer dieser Gelegenheiten hatte er damals bei den Fronleichnamsfeierlichkeiten die für ihn so bedeutungsvolle Behanntschaft Micaëlas gemacht, so dass er nun einen doppelten Grund hatte, nach der Hauptstadt Andalusiens zu kommen.

Einer schönen Tages jedoch hatte ihm sein Onkel rundweg erklärt, dass er für ihn keinen Pfennig Schulden mehr bezahlen würde, und trotz aller Bitten und Drohungen seines Neffen blieb der Kardinal fest bei seinem verkündeten Entschlusse.

Alvaro hatte damals mit seinem Onkel in dessen Studierzimmer eine heftige Szene gehabt, bei welcher es, wie die horchenden Diener weitererzählt hatten, zu einem sehr heftigen Auftritt zwischen den beiden gekommen war und bei dem sich Alvaro in seiner nervösen Erregung angeblich sogar zu Drohungen gegen den alten Herrn hatte hinreissen lassen. Dann hatte man von dem Offizier nichts mehr in Sevilla gesehen und gehört.

Monsignore Guzman hatte Vater Henoch, der Micaëla durch eine Frau auf Schritt und Tritt überwachen liess, einmal gelegentlich erzählt, dass der Neffe des Kardinals, eben jener Leutnant Alvaro, den freiwilligen Abschied aus dem spanischen Heere genommen habe und ins Ausland nach Südamerika gegangen sei. Er hätte in Lima in einem grossen Bankgeschäft eine kaufmännische Stellung angenommen. Der Kardinal habe ihm durch seinen Sekretär öfters kleinere Summen anweisen lassen, aber unter der Bedingung, dass ihr Empfänger nicht wieder nach Spanien zurückkehren dürfe.

Dass mit Alvaro etwas vor sich gegangen sein musste, das bewies das Verhalten Micaëlas, die seit dem schnellen Verschwinden des Offiziers still und in sich gekehrt blieb, öfters verweinte Augen hatte und nicht mehr unter Menschen gehen wollte.

Der alte Henoch war zartfühlend; er wollte sein Pflegetöchterchen nicht kränken, aber eines Tages, als seine Frau rein durch Zufall das Gespräch auf Alvaro gebracht hatte, da konnte es der Jude nicht über sich bringen und äusserte, dass der Kardinal an seinem Neffen auf seine alten Tage wenig Freude erlebt habe und dass ein so liederlicher und verschwenderischer Mensch, wie Alvaro es gewesen sei, nicht wert wäre, dass ihm ein frommes und reines Mädchen seine Liebe schenke. Solche Subjekte gehörten eben nach Amerika....

Micaëlas Wesen blieb äusserlich scheinbar ruhig und gefasst, doch die unglückliche Liebe zu dem Neffen des Kardinals war für die zarte Frühlingsknospe gleichsam wie Meltau gewesen, der sich auf diese herabgesenkt und etwas in ihr zum Erstarren gebracht hatte.

Und nun war jener Mann gestorben, der nach Micaëlas Ueberzeugung durch seine Unzugänglichkeit und Härte den Mann ihrer Liebe in die Fremde hinausgejagt, ihm Heimat, Vaterland und die Geliebte geraubt hatte — da war es doch von ihr kein ganz so unberechtigter Wunsch, in den Dom zu gehen, um sich dort die aufgebahrte Leiche jenes Mannes anzusehen.

In Gedanken völlig versunken, hatte Micaëla, die mit einer Stickerei beschäftigt war, das Kommen ihres Pflegevaters völlig überhört, der leise ins Zimmer getreten war und in seiner Hand einen Gegenstand, eine kleine Schachtel, hielt.

Ein verschmitztes Lächeln spielte dabei um seine dünnen Lippen, scharf hob sich sein blasses Gesicht mit den dunklen Augen von dem stark ergrauten Vollbart ab. Das Haupt Henochs bedeckte ein schwarzes Sammetkäppchen, war dem Manne das Aussehen eines mittelalterlichen Gelehrten und Hexenmeisters gab.

„Nun, mein Herzchen, mein Goldtäubchen, sitzest Du schon wieder da und fängst Grillen? So versonnen ist mein schöner Engel, mein Silberpüppchen? Und blass sieht mein Täubchen aus? Du wolltest in den Dom gehen, ja, ja, ich weiss es, ich weiss überhaupt alles. Aber was willst Du da eigentlich, mein Kind, sag’ an, was willst Du eigentlich dort unter den vielen Menschen? — Puh, diese schreckliche Luft in der Kirche.... Ich wette gleich eine Goldunze, Du wirst ohnmächtig werden von dem vielen Weihrauch, und Taschendiebe werden Dir Deine Börse stehlen, Du wirst wieder in das Gedränge hineingestossen werden wie damals bei der Fronleichnamsprozession, Du weisst ja, mein Goldmädel; Mica, mein holdes Röslein, bleibe doch lieber zu Haus. Sieh — was ich da für Dich habe —“ der Jude öffnete in diesem Augenblick jenes Schächtelchen, das er bis dahin in seiner Hand verborgen gehalten hatte. Darin lag in rosa Watte eingebettet eine kleine, ausserordentlich kunstvoll und zierlich gearbeitete venezianische Brosche. „Das da bekommt mein Liebling, wenn er seinem alten Vater den Gefallen tut und heute nicht in den Dom geht — ja, das bekommst Du, Micaëlita ...“

Das Mädchen stutzte, und voll heimlichem Verlangen richtete sie jetzt den Blick ihrer dunklen Augen auf das entzückende Schmuckstück, welches, leicht in Watte eingehüllt, ihr in verführerischem Glanze entgegenleuchtete.

„Das soll mir gehören?“ fragte sie schüchtern.

„Jawohl, das soll meinem Herzchen gehören, ganz allein, wenn es heute im Hause bleibt.“

Der schlaue Henoch kannte seiner Pflegetochter Vorliebe für jede Art von Schmuck wie auch die für schöne Kleider. Und seiner Ansicht nach gehörten auch zu einem schönen Weibe schöne Sachen. Die Erfahrung hatte ihn dies oft genug gelehrt.

„Wenn Du es denn, lieber Vater, durchaus willst und Dir damit ein grosser Gefallen geschieht, dann kann ich ja ...“

Der Antiquar liess Micaëla gar nicht ausreden, sondern unterbrach sie sogleich mitten im Satze durch die Worte:

„Du sagst es soeben ja selber, mein gutes Kind, dass Du mir damit einen Gefallen erweist, und zwar noch aus einem ganz besonderen Grunde. Es kommt nämlich heute ein Mann, ein Elektrotechniker von der Firma Sarasate & Co. zu uns, um hier im Zimmer die Wände auszumessen. Wie Du weisst, will ich auch hier oben elektrisches Licht legen lassen, nachdem es seit einem Jahre schon unten im Laden brennt. Das ist billiger und praktischer als die vielen Kerzen und die alten Oelfunzeln, zumal jetzt, wo durch den schrecklichen Krieg da draussen alles anfängt teurer zu werden. Also nicht wahr, meine Mica bleibt heute zu Haus und passt gut auf, dass mir der Mann, der die Wände ausmessen soll, nichts wegträgt, denn solche Leute haben oft tiefe Taschen.“

„Aber, Vater, wie kannst Du nur immer gleich so misstrauisch gegen jeden Menschen sein! Du tust gerade, als ob jeder Mann ein Betrüger und Spitzbube sein müsste. Schön, ich bleibe hier und, sei unbesorgt, ich werde gut aufpassen.“

„Mein gutes Kind, hab’ tausend Dank, so ist es recht von Dir! Hier hast Du Deine Brosche, stecke sie Dir nur gleich einmal vor dem Spiegel an und sieh zu, welche von Deinen Mantillen am besten dazu passen wird. Ich gehe jetzt nach hinten in das Kontor, um dort mit Chulpo an dem Katalog zu arbeiten, der in drei Wochen verschickt werden soll. Wenn der Elektrotechniker kommt, so bist Du wohl so gut und rufst mich. Die Mutter kommt erst am späten Nachmittag zurück, da sie einen Besuch bei der Base machen wollte.“

Es mochten etwa knapp anderthalb Stunden verstrichen sein; Micaëla langweilte sich zusehends. Während ihr Pflegevater im Kontor an seinem Schreibpult stand und emsig arbeitete, hatte sie inzwischen ihre sämtlichen Kopf- und Umschlagetücher aus ihrer Truhe hervorgeholt, um deren Wirkung in der Farbe auf die neue Brosche auszuproben. Dann nahm sie ein Buch zur Hand und begann zerstreut zu lesen, denn fortwährend schweiften ihre Gedanken hinweg und wunderten aus ihrem Stübchen hinüber über das weite Meer nach Perus Hauptstadt, nach Lima, wo sie den fernen Geliebten wusste, ihren armen, unglücklichen Alvaro. Würde sie ihn wohl jemals wiedersehen? — — —

Micaëla horcht auf.

Es kommt jemand die Treppe, die unten vom Laden in den ersten Stock hinaufführt, herauf. Deutlich hört sie die Schritte auf dem schmalen Gang. Dann ruft eine Stimme — es ist die des ersten Gehilfen, der unten im Laden zum Bedienen da ist — hinauf:

„Gehen Sie nur den Gang vor und klopfen Sie dann an der dritten Tür links, dort wird man Ihnen Bescheid geben!“

„Aha“ — denkt sich das Mädchen — „das wird der Arbeiter von der Firma Sarasate & Co. sein, der hier oben Mass nehmen soll. Sie erhebt sich von ihrem Stuhl am Fenster und geht nach der Tür zu. In demselben Augenblick klopft es draussen.

Das Mädchen öffnet, vor ihr steht — Alvaro....

Kein Zweifel — er ist es. Seine Augen, das kurze, kraus gelockte Haar, seine ganze Haltung und seine Gesichtszüge, es sind die ihres Geliebten, an den sie soeben noch gedacht hat und der nun mit einem Male leibhaftig vor ihr steht und diese geschickte Verkleidung gewählt hat, um sich unbemerkt in der Stadt aufzuhalten und sich ihr zu nahen.

„Alvaro — —!“ schreit sie auf. Schmerz und Sehnsucht, Schreck und Verlangen sind in diesem leidenschaftlichen Ruf vereint.

Und bereits im nächsten Augenblick liegt Micaëla in den Armen des Mannes, der sie umfängt und rasch an sich zieht.

Sie schliesst ihre Augen und erwartet seine Küsse....

Doch jenen Ruf des Mädchens vernahm auch das Ohr des alten Henoch, der schnell seine Feder hingeworfen hat und durch die Tür hindurch den Gang hinunter nach Micaëlas Zimmer jagt. Er sieht deren Tür offen und erblickt gerade, wie ein fremder Mann sein Pflegekind in seinen Armen hält.

Mit einem tigerähnlichen Sprung fährt der Jude auf das Paar los und packt den Mann beim Kragen.

„Zurück, Du Spitzbube! Was fällt Dir ein, meine Tochter zu küssen? I, Du Diebsgesicht, Du Galgenstrick, Du hast Dich hier eingeschlichen, na warte, ich dreh’ Dir den Hals um!“

Der Fremde macht eine rasche Bewegung und kommt dem Antiquar unmittelbar gegenüber zu stehen, so dass ihm dieser voll ins Gesicht sehen kann.

„Was,“ schreit Henoch, „Sie hier, Herr Alvaro! Nun, das nenne ich wirklich Kavaliersart, das muss ich sagen! Sie schleichen sich hier in der Maske eines Arbeiters in mein Haus ein, um mein Kind zu überrumpeln. Sie wollten wohl Ihren toten Onkel beerben, deswegen sind Sie scheinbar geradeswegs von Amerika herübergekommen? Das ist ja fein, Herr Leutnant, oder wie Sie sich jetzt nennen mögen! Nun ist es aber genug — jetzt hinaus mit Ihnen! Für Schuldenmacher und Mädchenverführer gibt es in meinem Hause keinen Platz! Hinaus! sage ich nochmals.“

Vater Henoch sah ehrfurchtgebietend in seinem fast biblischen Zorn aus, mit dem er seine Hausehre verteidigte. In seiner Wut hatte er einen Schemel ergriffen und drang damit auf den Fremden ein.

Dieser war mit einer schnellen Bewegung zur Seite getreten, so dass er unmittelbar an der Schwelle der noch halboffenen Tür stand, seine Augen blitzten und mit finster gerunzelter Stirn blickte er auf den alten Mann, der Miene machte, ihn jetzt tätlich anzugreifen.

Micaëla stand mit todblassem Gesichte und vor Aufregung zitternd im Hintergrunde des Zimmers und war keines Wortes fähig. Als sie sah, wie ihr Pflegevater sich auf den Fremden stürzen wollte, schrie sie: „Tue ihm nichts, Vater, es ist ja Alvaro. Er liebt mich, er wollte nur ....“

Da erscholl ein hartes, kurzes Auflachen aus dem Munde des Arbeiters, dessen rechte Hand blitzschnell nach seiner Hosentasche fuhr.

„Haha — schönes Kind, ich danke Euch, dass Ihr für mich Partei ergreift, das ist recht von Euch. Doch Ihr irrt, ich bin kein Alvaro; na jedenfalls auf Wiedersehen!“

„Hund, infamer!“ brüllte jetzt Henoch und drang abermals mit dem Schemel auf den Fremden ein.

„Zurück!“ schrie dieser, und im nächsten Augenblick starrte dem Juden der Lauf eines Revolvers entgegen.

Micaëla stiess einen Schrei aus und warf sich vor ihren Vater.

„Sieh Dich vor, alter Filz, ich komme wieder! Geduld, mein Täubchen, ich werde Dich bald von Deinem Haustyrannen befreien. Adios, wir sehen uns bald wieder!“

Bei diesen Worten warf der Mann dem Mädchen eine Kusshand zu und verschwand blitzschnell durch die Tür. Dann lief er den Gang hinunter, und man hörte noch seine eiligen Tritte.

Vater Henoch war so erregt, dass er kaum Atem schöpfen konnte, und es dauerte eine Weile, ehe er sich gefasst hatte. Dann stürzte er an Micaëla vorbei den Gang entlang und die Treppe hinunter, die von diesem hinab nach dem kleinen Hof führte.

„Du Elender,“ knirschte er dabei zwischen den Zähnen, „wenn ich Dich jetzt erwische, so schlage ich Dich zu Brei.“ Aber Henoch mochte sich noch so sehr im Hofe die Augen ausgucken, er konnte nichts mehr von dem fremden Arbeiter erblicken.

Erschöpft von all der Aufregung kehrte er über die Hoftreppe wieder in den Laden zurück. Der Gehilfe hatte den Lärm oben wohl gehört, sich jedoch vor Angst im Laden versteckt und trat jetzt bleich und zitternd vor Furcht seinem Brotherrn entgegen.

Dieser lief auf die Strasse hinaus und rief nach der Polizei. Doch merkwürdig — es war weit und breit kein Diener der heiligen Hermandad zu erblicken.

Mit einer leisen Verwünschung auf den Lippen kehrte Henoch wieder in sein Haus zurück. Kurz darauf kam auch seine Frau heim, und es war gut so, denn Micaëla war von all der Aufregung erkrankt. Man musste ihr einen beruhigenden Trank bereiten und sie zu Bett bringen.

Dem alten Henoch liess es keine Ruhe, er bewaffnete sein ganzes Geschäftspersonal und suchte mit zwei grossen Laternen das Haus vom Keller bis zum Boden ab. Jeder Winkel wurde abgeleuchtet, doch vergeblich. Es war nichts von dem geheimnisvollen Eindringling zu entdecken.

Henoch hatte seiner Frau die ganzen Begebenheiten erzählt. Das Ehepaar verbrachte eine schlaflose Nacht.

War es wirklich Alvaro, der diese seltsame Verkleidung gewählt hatte, um sich Micaëla zu nahen, und den nur der Zornesausbruch des alten Juden gereizt und zum Rückzug gezwungen hatte? Welch eine neue Sorge trat da mit einemmale an die beiden Alten heran ...

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