Kitabı oku: «Über die Klassen der chinesischen Gesellschaft / Über den Widerspruch »
Mao Tse-Tung
Über die Klassen der chinesischen Gesellschaft
Über den Widerspruch
Impressum
Texte: © Copyright by Mao Tse-Tung
Umschlag: © Copyright by Gunter Pirntke
Verlag:
Das historische Buch, Dresden / Brokatbookverlag
Gunter Pirntke
Mühlsdorfer Weg 25
01257 Dresden
gunter.50@gmx.net
Inhalt
Impressum
Über die Klassen der chinesischen Gesellschaft
Über den Widerspruch
I. Die zwei Arten der Weltanschauung
II. Die Allgemeinheit des Widerspruchs
III. Die Besonderheit des Widerspruchs
IV. Der Hauptwiderspruch und die hauptsächliche Seite des Widerspruchs
V. Identität und Kampf der gegensätzlichen Seiten des Widerspruchs
VI. Der Platz des Antagonismus in den Widersprüchen
VII. Schlußfolgerung
Der Autor
Über die Klassen der chinesischen Gesellschaft
Wer sind unsere Feinde? Wer sind unsere Freunde? Das ist eine Frage die für die Revolution erstrangige Bedeutung hat. Wenn alle bisherigen revolutionären Kämpfe in China nur sehr geringe Erfolge brachten, so lag die Grundursache darin, daß man es nicht vermochte, sich mit den wahren Freunden zuammenzuschließen, um die wahren Feinde zu bekämpfen. Eine revolutionäre Partei ist der Führer der Massen, und keine Revolution ist jemals erfolgreich gewesen, wenn die revolutionäre Partei die Massen auf einen falschen Weg geführt hat. Um sicher zu sein, daß wir die Revolution nicht auf einen falschen Weg führen, sondern unbedingt Erfolg haben werden, müssen wir dafür sorgen, daß wir uns mit unseren wahren Freunden zusammenschließen , um unsere wahren Feinde zu bekämpfen. Um die wahren Freunde von den wahren Feinden zu unterscheiden, müssen wir die ökonomische Lage der verschiedenen Klassen in der chinesischen Gesellschaft und deren jeweilige Einstellung zur Revolution analysieren.
Wie verhält es sich nun mit den verschiedenen Klassen der chinesischen Gesellschaft?
Die Klasse der Grundherren und die Kompradorenklasse.1 In ökonomisch rückständigen, halbkolonialen China sind die Klassen der Grundherren und der Kompradoren im wahrsten Sinne des Wortes Vasallen der internationalen Bourgeoisie und hängen in ihrer Existenz und Entwicklung vom Imperialismus ab. Diese Klassen vertreten die rückständigsten und reaktionärsten Produktionsverhältnisse in China und verhindern die Entwicklung seiner Produktivkräfte. Ihre Existenz ist mit den Zielen der chinesischen Revolution völlig unvereinbar. Besonders die großen Grundherren und die großen Kompradoren stehen stets auf seiten des Imperialismus und bilden eine extrem konterrevolutionäre Gruppe. Ihre politischen Vertreter sind die Gruppe der „Etatisten“ und der rechte Flügel der Kuomintang.
Die mittlere Bourgeoisie. Diese Klasse vertritt in China die kapitalistischen Produktionsverhältnissse in Stadt und Land. Unter der mittleren Bourgeoisie versteht man hauptsächlich die nationale Bourgeoisie. Ihre Einstellung zur chinesischen Revolution ist widerspruchsvoll: Wenn sie die Schläge des ausländischen Kapitals, die Unterdrückung durch die Militärmachthaber schmerzlich verspürt, fühlt sie die Notwendigkeit einer Revolution und tritt für die gegen den Imperialismus und gegen die Militärmachthaber gerichtete revolutionäre Bewegung ein; wenn aber das einheimische Proletariat kühn an der Revolution teilnimmt, das internationale Proletariat der Revolution von außen aktive Hilfe leistet und infolgedessen die mittlere Bourgeoisie spürt, daß die Verwirklichung ihres sehnlichen Wunsches, in ihrer klassenmäßigen Entwicklung die Stellung der Großbourgeoisie zu erlangen, bedroht ist, beginnt die wieder an der Revolution zu zweifeln. Sie tritt in ihren politischen Auffassungen für die Schaffung eines Staates ein, in dem die nationale Bourgeoisie als einzige Klasse herrschen soll. Jemand, der sich als „wahrer Jünger“ Dai Dji-taos bezeichnet, erklärte in der Pekinger Zeitung Tschenbao: „Erhebe deine Linke zur Niederschlagung der Kommunistischen Partei.“ Diese Worte zeigen anschaulich die widerspruchsvolle und ängstliche Haltung der mittleren Bourgeoisie. Diese Klasse ist dagegen, daß das Prinzip der Kuomintang vom Volkswohl im Sinne der Lehre vom Klassenkampf erklärt wird, ist gegen das Bündnis der Kuomintang mit Rußland und gegen die Aufnahme von Kommunisten und Linksgerichteten in die Kuomintang. Aber ihr Versuch, einen Staat zu schaffen, in dem die nationale Bourgeoisie herrscht, ist gänzlich unrealisierbar, weil die gegenwärtige Weltlage durch den Endkampf zwischen den zwei großen Kräften, der Revolution und der Konterrevolution, gekennzeichnet ist. Jede dieser beiden großen Kräfte hat ein großes Banner erhoben: Das eine ist das rote Banner der Revolution, hoch erhoben von der III. Internationale, die alle unterdrückten Klassen in der Welt aufruft, sich um ihr Banner zu scharen; das andere ist das weiße Banner der Konterrevolution, erhoben vom Völkerbund, der alle Konterrevolutionäre in der Welt aufruft, sich um sein Banner zu scharen. Die Zwischenklassen werden sich bestimmt sehr bald spalten: Die einen werden nach links – zur Revolution -; die anderen nach rechts – zur Konterrevolution – abschwenken; es gibt keinen Spielraum für ihre „Unabhängigkeit“. Deshalb ist die Konzeption der mittleren Bourgeoisie Chinas von einer „unabhängigen“ Revolution, in der ihre Klasse die Hauptrolle spielen würde, eine Illusion.
Das Kleinbürgertum. Zu dieser Klasse gehören die Bauern auf Eigenland, die Besitzer von Handwerksbetrieben, die unteren Schichten der Intelligenz – Schüler und Studenten, Lehrer der Mittel und Grundschulen, kleine Beamte, kleine Büroangestellte, kleine Advokaten – und die kleinen Händler. Das Kleinbürgertum verdient seiner zahlenmäßigen Stärke und seiner Klassennatur wegen starke Beachtung. Sowohl die Bauern auf Eigenland als auch die Besitzer von Handwerksunternehmen betreiben eine Wirtschaft der Kleinproduktion. Obwohl sich die verschiedenen Schichten dieser Klasse in der gleichen kleinbürgerlichen wirtschaftlichen Lage befinden, teilen sie sich dennoch in drei verschiedenartige Gruppen. Die erste Gruppe besteht aus denjenigen, die Überschuß an Geld und Getreide haben, d.h. aus Menschen, die nach Befriedigung der eigenen Bedürfnisse durch ihre körperliche oder geistige Arbeit alljährlich einige Überschüsse erzielen. Diese Menschen sind sehr begierig darauf, reich zu werden, und beten Marschall Dschao am eifrigsten an. Sie träumen zwar nicht von großem Reichtum, sind aber ständig bestrebt, in die Stellung der mittleren Bourgeoisie emporzuklettern. Wenn sie jemand sehen, der wegen seines kleinen Vermögens bei den Leuten ein Ansehen genießt, läuft ihnen vor Neid das Wasser im Mund zusammen. Menschen dieser Art sind feige, fürchten die Behörden, haben aber auch ein wenig Angst vor der Revolution. Da sie ihrer wirtschaftlichen Lage nach der mittleren Bourgeoisie sehr nahestehen, glauben sie willig deren Propaganda und bringen der Revolution Mißtrauen entgegen. Diese Gruppe stellt eine Minderheit des Kleinbürgertums dar und ist sein rechter Flügel. Die zweite Gruppe besteht aus Menschen, die sich im großen und ganzen das erwirtschaften, was sie zum Leben brauchen. Diese Menschen unterscheiden sich beträchtlich von denen der ersten Gruppe. Sie träumen ebenfalls vom Reichwerden, aber Marschall Dschao gestattet es ihnen nie; obendrein haben sie infolge der Unterdrückung und Ausbeutung durch die Imperialisten, die Militärmachthaber, die feudalen Grundherren und die Kompradoren-Großbourgeoisie, denen die in den letzten Jahren ausgesetzt sind, das Gefühl, daß sich die Welt geändert hat. Sie merken, daß sie heute bei gleichem Arbeitsaufwand wie früher nicht mehr imstande wären, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Um ihr Dasein fristen zu können, müssen sie jetzt ihren Arbeitstag verlängern, von früh bis spät schuften und im Beruf doppelt auf der Hut sein. Und nun beginnen sie zu schimpfen: Sie bezeichnen die Ausländer als „fremde Teufel“, die Militärmachthaber als „Raffergenerale“, die Tuhao und Liäschen2 als „herzlose Geldsäcke“. Was die Bewegung gegen die Imperialisten und die Militärmachthaber anbelangt, zweifeln sie nur an ihrem Enderfolg (denn die Ausländer und die Militärmachthaber seien doch so mächtig!), die haben Bedenken, sich an ihr zu beteiligen, und beziehen eine neutrale Position; die sind jedoch keineswegs gegen die Revolution. Diese Gruppe ist zahlenmäßig sehr stark; sie macht etwa die Hälfte des gesamten Kleinbürgertums aus. Die dritte Gruppe besteht aus Menschen, deren Lebensbedingungen sich verschlechtern. Viele von ihnen gehörten wohl ursprünglich zu den wohlhabenden Familien, aber ihre Verhältnisse verändern sich allmählich, zuerst kommen sie mit Mühe und Not aus, dann verarmen sie mehr und mehr. Jedesmal, wenn sie am Ende des Jahres die Bilanz ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit ziehen, rufen sie entsetzt aus: „Ach wieder ein Defizit!“ Und da sie einst bessere Tage gesehen haben, nun aber mit jedem Jahr immer tiefer sinken, sich mehr und mehr in Schulden verstricken und ein immer elenderes Dasein fristen, „überhäuft es die eiskalt, wenn sie an die Zukunft denken“. Diese Menschen haben wegen des Kontrastes zwischen Vergangenheit und Gegenwart seelisch stark zu leiden. Sie sind ziemlich wichtig für die revolutionäre Bewegung; ihre Zahl ist nicht gering, und die bilden den linken Flügel des Kleinbürgertums. In Friedenszeiten ist die Einstellung der erwähnten drei Gruppen des Kleinbürgertums zur Revolution unterschiedlich; in Kriegszeiten aber, das heißt, wenn die Wogen der Revolution hochschlagen und das Morgenrot des Sieges sichtbar wird, beteiligt sich an der Revolution nicht nur die linke Gruppe des Kleinbürgertums, sondern auch seine mittlere Gruppe kann an ihr teilnehmen; selbst Elemente seiner rechten Gruppe werden von der mächtigen revolutionären Welle des Proletariats und der linken Gruppe des Kleinbürgertums mitgerissen, und es bleibt ihnen nichts übrig, als mit der Revolution mitzugehen. Die Erfahrungen der Bewegung des 30.Mai im Jahre 1925 und der Bauernbewegung in verschiedenen Gegenden beweisen die Richtigkeit dieser Feststellung.
Das Halbproletariat. Zu dem Halbproletariat, von dem hier die Rede ist, gehören fünf Gruppen:
die überwiegende Mehrheit der Halbbesitzer;
die armen Bauern;
die kleinen Handwerker;
Die Handlungsgehilfen;
die Straßenhändler.
Die überwiegende Mehrheit der Halbbesitzer bilden zusammen mit den armen Bauern eine zahlenmäßig gewaltige Masse der Landbevölkerung. Und das, was als die Bauernfrage bezeichnet wird, ist hauptsächlich das Problem dieser Schichten. Die Wirtschaft der Halbbesitzer, der armen Bauern und der kleinen Handwerker ist durch eine Kleinproduktion noch geringerer Ausmaße gekennzeichnet. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Halbbesitzer und die armen Bauern zum Halbproletariat gehören, teilen sie sich dennoch ihrer ökonomischen Lage nach wiederum in eine obere, eine mittlere und eine untere Gruppe. Die Halbbesitzer haben ein schwereres Leben als die Bauern auf Eigenland, da ihnen das Getreide nur für etwa ein halbes Jahr reicht und sie, um zusätzliche Nahrungsmittel zu erhalten, gezwungen sind, fremden Boden hinzuzupachten oder teilweise ihre Arbeitskraft zu verkaufen oder Kleinhandel zu treiben. Zwischen Frühjahr und Sommer, wenn die alte Ernte verbraucht ist, die neue aber noch auf dem Halm steht, müssen sie gegen Wucherzinsen Geld leihen und Nahrungsmittel zu hohen Preisen kaufen. Dieser Teil der Bauernschaft hat es natürlich schwerer als die Bauern auf Eigenland, die von keiner Seite Hilfe brauchen, aber dennoch stehen sich die Halbbesitzer besser als die armen Bauern. Denn die armen Bauern besitzen keinen eigenen Boden und erhalten für ihre Arbeit nur die Hälfte oder noch weniger als die Hälfte ihrer Ernte, während die Halbbesitzer zwar von dem Teil des Bodens, den sie hinzupachten, ebenfalls nur die Hälfte oder weniger als die Hälfte der Ernte erhalten, doch vom eigenen Boden die ganze Ernte ihnen gehört. Deshalb sind die Halbbesitzer revolutionärer gesinnt als die Bauern auf Eigenland, aber weniger revolutionär als die armen Bauern. Die armen Bauern sind Pächter auf dem Lande und werden durch die Grundherren ausgebeutet. Der wirtschaftlichen Lage nach kann man die armen Bauern wiederum in zwei Gruppen teilen. Die erste Gruppe besitzt verhältnismäßig ausreichende Ackergeräte und gewisse Geldmittel. Diese Bauern können die Hälfte des Jahresproduktes ihrer Arbeit behalten. Das Fehlende decken sie durch Anbau verschiedener Nebenkulturen, durch Fisch- und Krabbenfang, Hühner- und Schweinezucht oder teilweisen Verkauf der eigenen Arbeitskraft, bestreiten so mit Mühe und Not ihren Unterhalt. Unter schweren materiellen Bedingungen lebend, denken sie nur daran, wie sie bis zur neuen Ernte durchhalten können. Ihr Leben ist somit schwerer als das der Halbbesitzer, aber dennoch leichter als das der zweiten Gruppe der armen Bauern. Die sind revolutionärer gesinnt als jene, aber weniger revolutionär als diese. Die der anderen Gruppe angehörenden armen Bauern besitzen weder ausreichende Ackergeräte noch Geldmittel, haben nicht genügend Dünger, bringen kärgliche Ernten ein, und nach Entrichtung des Pachtzinses bleibt ihnen fast nichts übrig, so daß sie noch mehr genötigt sind, einen Teil ihrer Arbeitskraft zu verkaufen. In Hungerjahren und sonstigen Notzeiten erflehen sie von ihren Verwandten und Freunden leihweise einige Maß Getreide, um sich zunächst einmal ein paar Tage durchzuschlagen; ihre Schulden häufen sich wie die Last auf dem Rücken der Zugochsen, Diese Gruppe der armen Bauern stellt den elendsten Teil der Bauernschaft dar; die ist für revolutionäre Propaganda überaus empfänglich. Was die kleinen Handwerker betrifft, so werden sie deshalb als Halbproletariat bezeichnet, weil sie, obwohl sie einige primitive Produktionsmittel besitzen und überdies als Selbständige gelten, dennoch ebenfalls häufig gezwungen sind, teilweise ihre Arbeitskraft zu verkaufen, und ihre ökonomische Lage etwa der der armen Bauern im Dorf entspricht. Der ewige Druck der Armut – die schwere Last der Ausgaben für den Unterhalt der Familie, das Mißverhältnis zwischen Einkommen und Existenzminimum – und die ständige Furcht vor Arbeitslosigkeit bringen sie im großen und ganzen ebenfalls den armen Bauern nahe. Die Handlungsgehilfen sind Angestellte der Handelsunternehmen und bestreiten den Unterhalt ihrer Familien mit einem bescheidenen Gehalt; während die Warenpreise von Jahr zu Jahr steigen, wird eine Gehaltszulage gewöhnlich nur einmal in mehreren Jahren gewährt. Wenn man gelegentlich mit diesen Menschen näher ins Gespräch kommt, hört man sie fortwährend über ihr Los klagen. Ihre Lage unterscheidet sich wenig von der Lage der armen Bauern und der kleinen Handwerker, und sie sind für revolutionäre Propaganda überaus empfänglich. Die Straßenhändler haben, ganz gleich, ob sie hausieren gehen oder Verkaufsstände auf den Straßen haben, ein geringes Kapital und verdienen nicht genug, um sich zu ernähren und zu kleiden. Sie befinden sich fast in der gleichen Lage wie die armen Bauern und brauchen wie diese eine Revolution, die die bestehenden Zustände ändert.
Das Proletariat. Das moderne Industrieproletariat zählt etwa zwei Millionen Menschen. Die zahlenmäßig geringe Stärke des modernen Industrieproletariats erklärt sich aus der wirtschaftlichen Rückständigkeit Chinas. Diese etwa zwei Millionen Arbeiter sind in der Hauptsache in fünf Zweigen – bei der Eisenbahn, im Bergbau, in der Seeschiffahrt, in der Textilindustrie und im Schiffbau – beschäftigt, und ein großer Teil von ihnen schuftet unter dem Joch ausländischer Unternehmer. Obwohl seine zahlenmäßige Stärke nicht groß ist, ist gerade das Industrieproletariat der Repräsentant der neuen Produktivkräfte Chinas und die fortschrittlichste Klasse im modernen China, ist er zur führenden Kraft der revolutionären Bewegung geworden. Wenn wir die Stärke betrachten, die diese Klasse während der Streiks im Laufe der letzten vier Jahre gezeigt hat, beispielsweise bei den Streiks der Seeleute und der Eisenbahner, bei den Streiks in den Kailuan-bzw. Djiaodsuo-Kohlengruben und in Schamiän sowie bei den Generalstreiks in Schanghai und Hongkong nach den Ereignissen des 30.Mai, können wir sogleich erkennen, welch wichtige Stellung das Industrieproletariat in der chinesischen Revolution einnimmt. Der erste Grund dafür, warum die Industriearbeiter eine solche Stellung einnehmen können, ist ihre Konzentration. Keine andere Gruppe von Menschen ist so konzentriert. Der zweite Grund ist ihre niedrige wirtschaftliche Stellung. Sie sind aller Produktionsmittel beraubt, ihnen sind nur die beiden Hände verblieben; sie haben keinerlei Hoffnung, reich zu werden; sie werden zudem von den Imperialisten, den Militärmachthabern und der Bourgeoisie aufs grausamste behandelt und sind deshalb besonders kampffähig. Die Kräfte der städtischen Kulis verdienen ebenfalls große Beachtung. In dieser Gruppe bilden die Hafenarbeiter und Rikschakulis die Mehrheit; aber zu ihr gehören auch die Fäkaliensammler und die Straßenfeger. Menschen, die dieser Gruppe angehören, haben nichts außer ihren beiden Händen. Ihrer Lage nach stehen sie den Industriearbeitern nahe, doch sie sind enger konzentriert und spielen eine geringere Rolle in der Produktion. Moderne kapitalistische Landwirtschaft gibt es in China sehr wenig. Unter dem Dorfproletariat versteht man Landarbeiter, die auf Jahre, Monate oder Tage gedingt werden. Diese Landarbeiter haben weder Boden noch Ackergeräte und auch keinerlei Geldmittel, sie können nur durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft den Lebensunterhalt verdienen. Von allen Arbeitern haben sie den längsten Arbeitstag, den niedrigsten Lohn, die schlechtesten Lebensbedingungen und den am wenigsten gesicherten Arbeitsplatz. Im Dorf sind die es, die die schwersten Entbehrungen leisen, und sie haben in der Bauernbewegung eine ebenso wichtige Stellung wie die armen Bauern.
Außerdem gibt es noch die ziemlich zahlreichen vagierenden Proletarier. Das sind Bauern, die ihr Land verloren haben, sowie Handwerker, die der Möglichkeit beraubt sind, ihrem Beruf nachzugehen. Ihre Existenz ist unter allen menschlichen Lebensverhältnissen die unsicherste. Überall haben sie ihre Geheimorganisationen, die einst Organisationen der gegenseitigen Hilfe im politischen und wirtschaftlichen Kampf waren, wie der „Dreier-Bund“ in den Provinzen Fukien und Kuangtung, der „Bund der Brüder“ in den Provinzen Hunan, Hupeh, Kueitschou und Szetschuan, die „Gesellschaft der großen Schwerter“ in den Provinzen Anhui, Honan und Schantung, die „Gesellschaft für eine vernünftige Lebensweise“ in der Provinz Dschili3 und in den drei nordöstlichen Provinzen, die „Grüne Gilde“ in Schanghai und anderen Orten. Die Behandlung dieser Menschen ist eins der schweren Probleme, vor denen China steht. Zum mutigsten Kampfe fähig, aber zu Zerstörungsaktionen neigend, können sie, wenn man sie richtig leitet, zu einer revolutionären Kraft werden.
Zusammenfassend kann man sagen, daß alle mit den Imperialisten im Bund stehenden – die Militärmachthaber, die Bürokratie, die Kompradorenklasse und die Klasse der großen Grundherren sowie der zu ihnen gehörige reaktionäre Teil der Intelligenz – unsere Feinde sind. Das Industrieproletariat ist die führende Kraft unserer Revolution. Das ganze Halbproletariat und Kleinbürgertum sind unsere engsten Freunde. Was die schwankende mittlere Bourgeoisie betrifft – deren rechter Flügel unser Feind und deren linker Flügel unser Freund sein kann –, so müssen wir stets auf der Hut vor ihnen sein und dürfen ihr nicht erlauben, an unserer Front Verwirrung zu stiften.
Über den Widerspruch
Das Gesetz des Widerspruchs, der den Dingen innewohnt, oder das Gesetz der Einheit der Gegensätze, ist das fundamentalste Gesetz der materialistischen Dialektik. Lenin sagt: „Im eigentlichen Sinne ist die Dialektik die Erforschung des Widerspruchs im Wesen der Gegenstände selbst.“ Dieses Gesetz nennt Lenin häufig das Wesen der Dialektik, auch den Kern der Dialektik. Deshalb können wir beim Studium dieses Gesetzes nicht umhin, einen weiten Kreis von Problemen, zahlreiche philosophische Fragen zu berühren. Wenn wir in diesen Fragen Klarheit gewinnen, werden wir die materialistische Dialektik von Grund auf verstehen. Es sind dies folgende Fragen: die zwei Arten der Weltanschauung, die Allgemeinheit des Widerspruchs, die Besonderheit des Widerspruchs, der Hauptwiderspruch und die hauptsächliche Seite des Widerspruchs, Identität und Kampf der gegensätzlichen Seiten des Widerspruchs, der Platz des Antagonismus in den Widersprüchen.
Die in den Kreisen der sowjetischen Philosophen in den letzten Jahren geübte Kritik am Idealismus der Schule Deborins hat bei uns größtes Interesse erregt. Der Idealismus Deborins hat einen äußerst schädlichen Einfluß innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas ausgeübt, und man kann nicht sagen, daß die dogmatischen Ansichten in unserer Partei mit der Methodologie dieser Schule nicht zusammenhängen. Daher muß das Hauptziel unserer gegenwärtigen philosophischen Forschungsarbeit die Ausmerzung der dogmatischen Ansichten sein.
I. Die zwei Arten der Weltanschauung
In der Geschichte der menschlichen Erkenntnis existieren seit jeher zwei Auffassungen von den Entwicklungsgesetzen der Welt: die eine ist die metaphysische, die andere die dialektische; sie bilden zwei entgegengesetzte Arten der Weltanschauung.
Lenin sagt:
Die beiden grundlegenden (oder die beiden möglichen? oder die beiden in der Geschichte zu beobachtenden?) Konzeptionen der Entwicklung (Evolution) sind: Entwicklung als Abnahme und Zunahme, als Wiederholung, und Entwicklung als Einheit der Gegensätze (Spaltung des Einheitlichen in einander ausschließende Gegensätze und das Wechselverhältnis zwischen ihnen).
Lenin spricht gerade von diesen zwei verschiedenen Weltanschauungen.
Die Metaphysik nennt man in China auch Hsüanhsuä. Sowohl in China wie in Europa gehörte diese Denkweise im Laufe einer sehr langen historischen Periode zur idealistischen Weltanschauung, und sie beherrschte die Köpfe der Menschen. In Europa war in der Frühzeit der Bourgeoisie auch der Materialismus metaphysisch. Da eine Reihe europäischer Länder im Laufe ihrer sozial-ökonomischen Entwicklung in das Stadium des hochentwickelten Kapitalismus eingetreten war, die Produktivkräfte, der Klassenkampf und die Wissenschaft ein in der Geschichte nie dagewesenes Niveau erreicht hatten und das Industrieproletariat zur mächtigsten Triebkraft der geschichtlichen Entwicklung geworden war, entstand infolgedessen die marxistische, dialektisch-materialistische Weltanschauung. Als dann kam in der Bourgeoisie, nebst dem offenen, völlig unverhüllten reaktionären Idealismus, ein vulgärer Evolutionismus als Widerpart der materialistischen Dialektik auf.
Die Weltanschauung der Metaphysik oder des vulgären Evolutionismus betrachtet alle Dinge in der Welt isoliert, statisch und einseitig. Alle Dinge in der Welt, ihre Formen und ihre Gattungen wären demnach ewig voneinander isoliert, ewig unveränderlich. Insofern von Veränderungen die Rede ist, dann nur von quantitativer Zunahme oder Abnahme und von Ortsveränderung. Dabei sollen die Ursachen einer solchen Zunahme oder Abnahme beziehungsweise einer solchen Ortsveränderung nicht in den Dingen selbst liegen, sondern außerhalb ihrer, das heißt in der Einwirkung äußerer Kräfte. Die Metaphysiker vertreten die Auffassung, daß die verschiedenen Dinge in der Welt sowie ihre Eigenschaften vom Beginn ihres Seins an unverändert blieben, ihre späteren Veränderungen bloß quantitative Vergrößerungen oder Verkleinerungen seien. Die Metaphysiker sind der Ansicht, daß ein Ding nur ewig sich selbst reproduzieren, sich aber nicht in ein anderes, von ihm unterschiedliches Ding verwandeln könne. Die Metaphysiker glauben, daß die kapitalistische Ausbeutung, die kapitalistische Konkurrenz, die individualistische Ideologie der kapitalistischen Gesellschaft usw. – daß das alles auch in der antiken Sklavenhaltergesellschaft, ja sogar in der Urgesellschaft anzutreffen sei, daß es ewig und unverändert existieren werde. Was die Ursachen der gesellschaftlichen Entwicklung betrifft, so erklären die Metaphysiker sie aus Bedingungen, die außerhalb der Gesellschaft liegen – aus dem geographischen Milieu, dem Klima usw. Die Metaphysiker versuchen einfach, außerhalb der Dinge die Ursachen ihrer Entwicklung zu finden, und bestreiten die These der materialistischen Dialektik, wonach die Entwicklung der Dinge durch die ihnen innewohnenden Widersprüche hervorgerufen wird. Daher sind sie nicht in der Lage, die qualitative Vielfalt der Dinge und das Umschlagen einer Qualität in eine andere zu erklären. In Europa trat diese Denkweise im 17. und 18. Jahrhundert als mechanischer Materialismus sowie Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts als vulgärer Evolutionismus in Erscheinung. In China wurde die metaphysische Denkweise, die in den Worten „Der Himmel ist unveränderlich, und unveränderlich ist auch Tao“ zum Ausdruck kommt, im Laufe einer sehr langen Zeit von den verfaulten herrschenden Feudalklassen unterstützt. Den mechanischen Materialismus und den vulgären Evolutionismus dagegen, die in den letzten hundert Jahren aus Europa importiert wurden, unterstützt die Bourgeoisie.
Im Gegensatz zur metaphysischen Weltanschauung vertritt die dialektisch-materialistische Weltanschauung die Meinung, daß wir beim Studium der Entwicklung der Dinge von ihrem inneren Gehalt, von dem Zusammenhang des einen Dinges mit anderen ausgehen sollen, das heißt, daß wir die Entwicklung der Dinge als ihre innere, notwendige Selbstbewegung betrachten, wobei sich jedes Ding in seiner Bewegung mit den anderen, es umgebenden Dingen in Zusammenhang und Wechselwirkung befindet. Die Grundursache der Entwicklung eines Dinges liegt nicht außerhalb, sondern innerhalb desselben; sie liegt in seiner inneren Widersprüchlichkeit. Allen Dingen wohnt diese Widersprüchlichkeit inne, und sie ist es, die die Bewegung und Entwicklung dieser Dinge verursacht. Diese innere Widersprüchlichkeit der Dinge ist die Grundursache ihrer Entwicklung, während der Zusammenhang und die Wechselwirkung eines Dinges mit anderen Dingen sekundäre Ursachen darstellen. Somit tritt die materialistische Dialektik der Theorie von der äußeren Ursache, vom äußeren Anstoß, die dem metaphysischen mechanischen Materialismus und dem metaphysischen vulgären Evolutionismus eigen ist, entschieden entgegen. Es ist klar, daß rein äußere Ursachen nur eine mechanische Bewegung der Dinge hervorzurufen vermögen, das heißt eine Vergrößerung oder Verkleinerung des Umfangs, Vermehrung oder Verminderung der Menge; es läßt sich aber aus ihnen nicht erklären, warum den Dingen eine unendliche qualitative Mannigfaltigkeit und ihre wechselseitige Verwandlung ineinander eigentümlich sind. In Wirklichkeit wird selbst die durch einen äußeren Anstoß ausgelöste mechanische Bewegung ebenfalls mittels der inneren Widersprüchlichkeit der Dinge bewerkstelligt. Auch das einfache Wachstum, die quantitative Entwicklung in der Pflanzen- und Tierwelt wird hauptsächlich durch innere Widersprüche bewirkt. Ebenso ist die Entwicklung der Gesellschaft in der Hauptsache nicht durch äußere, sondern durch innere Ursachen bedingt. Viele Länder mit fast den gleichen geographischen und klimatischen Bedingungen unterscheiden sich dem Stand ihrer Entwicklung nach sehr stark voneinander und entwickeln sich äußerst ungleichmäßig. Sogar in ein und demselben Land gehen gewaltige soziale Wandlungen vor sich, ohne daß sich das geographische Milieu und das Klima geändert hätten. Das imperialistische Rußland verwandelte sich in die sozialistische Sowjetunion, und das abgekapselte feudale Japan wurde zum imperialistischen Japan, obwohl diese Länder keine geographischen und klimatischen Veränderungen erfahren haben. China, wo lange Zeit der Feudalismus herrschte, hat in den letzten hundert Jahren große Wandlungen durchgemacht und verändert sich jetzt in der Richtung eines emanzipierten, neuen China; doch die geographischen und klimatischen Verhältnisse in China sind gleichgeblieben. Zwar ändern sich auch die geographischen Bedingungen und das Klima der Erde als Ganzes wie ihrer einzelnen Teile, aber im Vergleich zu den gesellschaftlichen Wandlungen sind diese Veränderungen völlig belanglos: während die einen Zehntausende, Hunderttausende und Millionen von Jahren brauchen, um sich bemerkbar zu machen, genügen für die anderen Jahrtausende, Jahrhunderte, Jahrzehnte, ja sogar bloß einige Jahre oder Monate (in Zeiten der Revolution). Vom Gesichtspunkt der materialistischen Dialektik sind die Veränderungen in der Natur hauptsächlich durch die Entwicklung der Widersprüche innerhalb dieser selbst bedingt. Die gesellschaftlichen Veränderungen hängen in der Hauptsache von der Entwicklung der Widersprüche innerhalb der Gesellschaft ab, also der Widersprüche zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, zwischen den Klassen, zwischen dem Neuen und dem Alten; die Entwicklung dieser Widersprüche treibt die Gesellschaft vorwärts und gibt den Impuls für die Ablösung der alten Gesellschaft durch eine neue. Schließt die materialistische Dialektik äußere Ursachen aus? Keineswegs. Sie betrachtet die äußeren Ursachen als Bedingungen der Veränderung und die inneren Ursachen als deren Grundlage, wobei die äußeren Ursachen vermittels der inneren wirken. Bei einer entsprechenden Temperatur wird ein Ei zu einem Küken, aber keine Wärme kann einen Stein in ein Küken verwandeln; denn die Grundlage der Veränderung ist bei den beiden verschieden. Die verschiedenen Völker wirken beständig aufeinander ein. In der Epoche des Kapitalismus, insbesondere in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution, sind der wechselseitige Einfluß und Anstoß der verschiedenen Länder auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet sehr beträchtlich. Die Sozialistische Oktoberrevolution leitete eine neue Ära nicht nur in der Geschichte Rußlands, sondern auch in der Weltgeschichte ein. Sie beeinflußte die inneren Veränderungen in anderen Ländern der Welt, so auch – und zwar mit besonderer Tiefenwirkung – die inneren Veränderungen in China. Diese Veränderungen erfolgten jedoch vermittels der inneren Gesetzmäßigkeiten dieser Länder beziehungsweise Chinas selbst. Wenn in einer Schlacht das eine Heer siegt und das andere unterliegt, so werden Sieg und Niederlage durch innere Ursachen bestimmt. Der Sieg ist das Ergebnis der Stärke des Heeres oder seiner richtigen Führung, die Niederlage ist durch die Schwäche des Heeres oder durch Fehler der Führung bedingt; die äußeren Ursachen wirken vermittels der inneren. Die Niederlage, die in China im Jahre 1927 die Großbourgeoisie dem Proletariat zufügte, war durch den Opportunismus bewirkt worden, der in den Reihen des chinesischen Proletariats selbst (innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas) geherrscht hatte. Nachdem wir mit dem Opportunismus Schluß gemacht hatten, nahm die chinesische Revolution erneut einen Aufschwung. Später litt die chinesische Revolution wiederum ernstlich unter den Schlägen des Feindes: diesmal infolge des Abenteurertums, das innerhalb unserer Partei aufgetreten war. Und als wir dann mit dem Abenteurertum aufgeräumt hatten, erfuhr unsere Sache abermals einen Aufschwung. Folglich muß sich eine Partei, um die Revolution zum Sieg zu führen, auf die Richtigkeit ihrer politischen Linie und auf die Festigkeit ihrer Organisation stützen.
Die dialektische Weltanschauung ist sowohl in China als auch in Europa bereits im Altertum aufgekommen. Doch trug die Dialektik des Altertums einen spontanen, primitiven Charakter, konnte gemäß den sozialen und historischen Bedingungen jener Zeit noch nicht die Gestalt einer abgeschlossenen Theorie annehmen, daher auch keine umfassende Interpretation der Welt geben; sie wurde in der Folge durch die Metaphysik ersetzt. Der berühmte deutsche Philosoph Hegel, der Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts lebte, hat einen sehr bedeutsamen Beitrag zur Dialektik geleistet, aber seine Dialektik war idealistisch. Erst als die großen Vorkämpfer der proletarischen Bewegung Marx und Engels die in der Geschichte der menschlichen Erkenntnis erzielten positiven Ergebnisse verallgemeinerten und insbesondere die rationellen Elemente der Hegelschen Dialektik kritisch übernahmen und die großartige Theorie des dialektischen und historischen Materialismus schufen, ging eine beispiellose Revolution in der Geschichte der menschlichen Erkenntnis vor sich. Diese großartige Theorie wurde in der Folge von Lenin und Stalin weiterentwickelt. Sobald sie in China Eingang gefunden hatte, rief sie im geistigen Leben Chinas sofort die größten Veränderungen hervor.
Diese dialektische Weltanschauung lehrt uns vor allem, die Bewegung der Widersprüche in den verschiedenen Dingen verständnisvoll zu beobachten und zu analysieren und auf der Grundlage dieser Analyse die Methoden für die Lösung der Widersprüche zu bestimmen. Daher ist das konkrete Verständnis des Gesetzes von dem Widerspruch, der den Dingen innewohnt, für uns äußerst wichtig.
II. Die Allgemeinheit des Widerspruchs
Um der bequemeren Darlegung willen werde ich zunächst die Allgemeinheit des Widerspruchs und dann seine Besonderheit behandeln. Es handelt sich darum, daß die Allgemeinheit des Widerspruchs bereits von vielen anerkannt worden ist, nachdem die Begründer und Fortsetzer des Marxismus – Marx, Engels, Lenin und Stalin – die dialektisch-materialistische Weltanschauung ausgearbeitet und die materialistische Dialektik mit allergrößtem Erfolg auf zahlreiche Gebiete der historischen und naturgeschichtlichen Forschung, bzw. auf viele Gebiete der Umgestaltung der Gesellschaft und der Natur (zum Beispiel in der Sowjetunion) angewandt haben; deshalb braucht man nicht lange bei der Klärung dieser Frage zu verweilen. Was jedoch die Besonderheit des Widerspruchs betrifft, so sehen hierin viele Genossen, vor allem die Dogmatiker, noch nicht klar. Sie verstehen nicht, daß die Allgemeinheit des Widerspruchs gerade in dessen Besonderheit existiert. Ebensowenig verstehen sie, welch große Bedeutung es für unsere Anleitung der revolutionären Praxis hat, die Besonderheit der den vorliegenden konkreten Dingen innewohnenden Widersprüche zu studieren. Deshalb müssen wir auf das Studium der Besonderheit des Widerspruchs Nachdruck legen und der Klärung dieses Problems hinreichenden Raum widmen. Wir beginnen deswegen die Analyse des Gesetzes von dem den Dingen innewohnenden Widerspruch mit der Behandlung der Allgemeinheit des Widerspruchs, dann analysieren wir eingehend die Besonderheit des Widerspruchs und kehren schließlich zum Problem seiner Allgemeinheit zurück.
Der allgemeine oder absolute Charakter des Widerspruchs ist in einem doppelten Sinn zu verstehen: Erstens existieren Widersprüche in den Entwicklungsprozessen aller Dinge, zweitens existiert im Entwicklungsprozeß jedes Dinges die Bewegung der Widersprüche von Anfang bis Ende.
Engels sagt: „Die Bewegung selbst ist ein Widerspruch ...“
Die Leninsche Definition des Gesetzes von der Einheit der Gegensätze lautet, daß es die „Anerkennung (Aufdeckung) widersprechender, einander ausschließender, gegensätzlicher Tendenzen in allen Erscheinungen und Vorgängen der Natur (darunter auch des Geistes und der Gesellschaft)“ ist. Sind diese Thesen richtig? Ja, sie sind richtig. Die wechselseitige Abhängigkeit und der Kampf der Gegensätze, die jedem Ding innewohnen, bestimmen das Leben aller Dinge, treiben die Entwicklung aller Dinge vorwärts. Es gibt keine Dinge, die nicht Widersprüche in sich trügen; ohne Widersprüche gäbe es kein Weltall.
Der Widerspruch ist die Grundlage einfacher Bewegungsformen (zum Beispiel der mechanischen Bewegung) und um so mehr die Grundlage komplizierter Bewegungsformen.
Engels erläutert die Allgemeinheit des Widerspruchs folgendermaßen:
Wenn schon die einfache mechanische Ortsbewegung einen Widerspruch in sich enthält, so noch mehr die höhern Bewegungsformen der Materie und ganz besonders das organische Leben und seine Entwicklung ... das Leben [besteht] grade vor allem darin, daß ein Wesen in jedem Augenblick dasselbe und doch ein andres ist. Das Leben ist also ebenfalls ein in den Dingen und Vorgängen selbst vorhandner, sich stets setzender und lösender Widerspruch; und sobald der Widerspruch aufhört, hört auch das Leben auf, der Tod tritt ein. Ebenso sahen wir, wie auch auf dem Gebiete des Denkens wir den Widersprüchen nicht entgehen können und wie z.B. der Widerspruch zwischen dem innerlich unbegrenzten menschlichen Erkenntnisvermögen und seinem wirklichen Dasein in lauter äußerlich beschränkten und beschränkt erkennenden Menschen sich löst in der für uns wenigstens praktisch endlosen Aufeinanderfolge der Geschlechter, im unendlichen Progreß.
... die höhere Mathematik [hat] den Widerspruch ... zu einer ihrer Hauptgrundlagen ... Aber auch schon in [der niederen Mathematik] wimmelt es von Widersprüchen.
Lenin erläutert die Allgemeinheit des Widerspruchs auf die gleiche Weise:
In der Mathematik + und -. Differential und Integral.
In der Mechanik Wirkung und Gegenwirkung.
In der Physik positive und negative Elektrizität.
In der Chemie Verbindung und Dissoziation der Atome.
In der Gesellschaftswissenschaft Klassenkampf.
Offensive und Defensive, Vormarsch und Rückzug, Sieg und Niederlage im Krieg – das alles sind einander widersprechende Erscheinungen. Die eine Seite kann ohne die andere nicht existieren. Der Kampf der beiden Seiten und ihre Verbundenheit bilden zusammen das einheitliche Ganze des Krieges, treiben die Entwicklung des Krieges an und lösen die Probleme des Krieges.
Jeder Unterschied in den menschlichen Begriffen ist als die Widerspiegelung eines objektiven Widerspruchs zu betrachten. Die Widerspiegelung der objektiven Widersprüche im subjektiven Denken bildet die widersprüchliche Bewegung der Begriffe; diese Bewegung treibt die Entwicklung des menschlichen Denkens vorwärts und löst in einem fort die Fragen, die sich dem menschlichen Denken stellen.
Ständig kommt es innerhalb der Partei zur Gegenüberstellung und zum Kampf verschiedener Ansichten, und das ist eine Widerspiegelung der in der Gesellschaft vorhandenen Widersprüche zwischen den Klassen, zwischen dem Alten und dem Neuen in der Partei. Gäbe es in der Partei keine Widersprüche und keinen ideologischen Kampf zur Lösung dieser Widersprüche, dann würde das Leben der Partei aufhören.
Somit haben wir es klargemacht, daß es überall, in allen Prozessen Widersprüche gibt, in den einfachen Bewegungsformen wie in den komplizierten, in den Erscheinungen der objektiven Welt wie in denen des menschlichen Denkens. Existiert jedoch der Widerspruch auch im Anfangsstadium eines jeden Prozesses? Ist dem Entwicklungsprozeß eines jeden Dinges eine Bewegung der Widersprüche von Anfang bis Ende eigen?
Wie aus den Artikeln hervorgeht, in denen sowjetische Philosophen die Schule Deborins kritisieren, vertritt diese Schule den Standpunkt, daß der Widerspruch nicht gleich zu Beginn eines Prozesses auftritt, sondern erst wenn dieser ein bestimmtes Entwicklungsstadium erreicht hat. Daraus würde folgen, daß bis dahin die Entwicklung des Prozesses unter der Einwirkung äußerer und nicht innerer Ursachen vor sich ginge. Deborin kehrt so zur metaphysischen Theorie der äußeren Ursache und des Mechanismus zurück. Von diesem Standpunkt ausgehend, gelangte die Schule Deborins bei der Analyse konkreter Probleme zum Schluß, daß es unter den sowjetischen Verhältnissen zwischen den Kulaken und der Masse der Bauernschaft keine Widersprüche, sondern nur Unterschiede gäbe, und stimmte so mit der Ansicht Bucharins vollkommen überein. Bei der Analyse der Französischen Revolution war sie der Meinung, daß es vor der Revolution im Dritten Stand, der sich aus den Arbeitern, den Bauern und der Bourgeoisie zusammensetzte, ebenfalls nur Unterschiede, aber keine Widersprüche gegeben hätte. Diese Ansichten der Schule Deborins sind antimarxistisch. Sie begriff nicht, daß in jedem Unterschied, den es auf der Welt gibt, schon ein Widerspruch enthalten ist, daß Unterschied eben Widerspruch ist. In demselben Augenblick, da das Proletariat und die Bourgeoisie aufkamen, wurde der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital geboren; er hatte sich nur noch nicht verschärft. Auch zwischen den Arbeitern und den Bauern gibt es selbst unter den gesellschaftlichen Verhältnissen der Sowjetunion einen Unterschied. Dieser Unterschied ist eben ein Widerspruch, allein dieser Widerspruch wird sich, im Unterschied zum Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital, zu keinem Antagonismus zuspitzen und nicht die Form des Klassenkampfs annehmen; die Arbeiter und Bauern haben im Laufe des sozialistischen Aufbaus ein festes Bündnis geschlossen, und der Widerspruch zwischen ihnen wird im Prozeß der Entwicklung vom Sozialismus zum Kommunismus allmählich gelöst. Hier geht es um den unterschiedlichen Charakter der Widersprüche, nicht aber um das Vorhandensein oder Fehlen von Widersprüchen. Der Widerspruch ist allgemein, absolut; er existiert in allen Entwicklungsprozessen der Dinge und durchdringt alle Prozesse von Anfang bis Ende.
Was bedeutet die Entstehung eines neuen Prozesses? Es bedeutet, daß eine alte Einheit und die sie bildenden Gegensätze einer neuen Einheit und den sie bildenden Gegensätzen Platz machen, dann entsteht ein neuer Prozeß, der den alten ablöst. Der alte Prozeß ist zu Ende, ein neuer entsteht. Der neue Prozeß enthält wiederum neue Widersprüche und beginnt nunmehr seine eigene Entwicklungsgeschichte der Widersprüche.
Eine derartige Analyse dieser Bewegung der Widersprüche, die sich durch den Entwicklungsprozeß eines Dinges von Anfang bis Ende hinzieht, hat Marx, wie Lenin bemerkt, im Kapital in mustergültiger Weise vorgenommen. Das ist die Methode, die beim Studium des Entwicklungsprozesses jedes Dinges angewendet werden muß. Auch Lenin selbst wandte sie richtig an und hielt sich an sie in allen seinen Werken.
Marx analysiert im Kapital zunächst das einfachste, gewöhnlichste, grundlegendste, massenhafteste, alltäglichste, milliardenfach zu beobachtende Verhältnis der bürgerlichen (Waren-) Gesellschaft: den Warenaustausch. Die Analyse deckt in dieser einfachsten Erscheinung (in dieser „Zelle“ der bürgerlichen Gesellschaft) alle Widersprüche (resp. die Keime aller Widersprüche) der modernen Gesellschaft auf. Die weitere Darstellung zeigt uns die Entwicklung (sowohl das Wachstum als auch die Bewegung) dieser Widersprüche und dieser Gesellschaft in ihrer einzelnen Teile, von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende.
Gleich dahinter bemerkt Lenin: „Dieser Art muß auch die Methode der Darstellung (resp. Erforschung) der Dialektik überhaupt sein.“
Die chinesischen Kommunisten müssen diese Methode beherrschen lernen; nur dann werden sie die Geschichte und die gegenwärtige Lage der chinesischen Revolution richtig analysieren und deren Perspektiven davon ableiten können.
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