Kitabı oku: «Die verborgenen Geheimnisse»
Marc Lindner
Die verborgenen Geheimnisse
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ismars Strafe
Bruder Johannes' Mission
Ells Vater
Der Nussbaum
Das ausgelassene Abendessen
Der unerwartete Besuch
Die Rückkehr der Novizin
Manegold
Die Predigt
Die Lehre einer Abtrünnigen
Magdalena
Tag der Entscheidung
Der Besuch
Die Entscheidung des Abtes
Rauchzeichen
Der vergessene Weg
Klosterleben
Der Preis der Freiheit
Das Geheimnis des Klosters
Das Lager im Wald
Der kaputte Tisch
Der Aufbruch
Das große Grab
Abschied
Impressum neobooks
Ismars Strafe
An diesem Wochenende war Monatsmarkt. Ismar mochte diese Tage. Anders als bei den üblichen Wochenmärkten kamen auch Handwerker und Händler, die seltener die Burg aufsuchten. Einige kannten Ismar und unterhielten sich gerne mit ihm. Vielleicht lag es auch daran, dass er nicht selten etwas kaufte, wenn es ihn faszinierte, aber auch seine Neugier und sein ehrliches Interesse schienen sie an ihm zu schätzen. Seine Begeisterung war umso größer, je weniger er von etwas verstand. Das Wissen, das er hier erlangte, war anders als das, was ihm sein Hauslehrer vermittelte, auch wenn er diesen bisweilen um Erklärungen bat, die über das Wissen der einfachen Leute hinausging.
Wohlgelaunt sah Ismar dabei zu, wie die Einzelnen ihre Stände aufbauten oder hektisch ihren Platz suchten oder gegen aufdringliche Platzneider zu verteidigen versuchten. An etlichen Stellen brachen kleine Raufereien aus, doch im schlimmsten Fall reichten wenige Worte der Stadtwachen, die an diesem Tag vermehrt patrouillierten, um Streitereien zu beenden und dafür zu sorgen, dass einer der Streithähne weiter zog, wenn auch mit einer Faust in der Tasche.
Plötzlich hörte Ismar eine aufbrausende Stimme toben. Es war kein Streit, sondern reines Geschimpfe. Es war nicht weit entfernt, aber Ismar musste seine Stellung auf der Mauer aufgeben, um es sich anzusehen. Er konnte Geschimpfe nicht ausstehen. Wenn zwei sich stritten, war es ihm egal, aber bei Geschimpfe gab es immer einen, der sich nicht wehren konnte.
Ismar kletterte an einem kleinen Wachturm vorbei und eilte in geduckter Haltung westwärts und verließ damit die Hauptmarktstraße. Es war Ells Vater, der mit seiner Tochter schimpfte. Ell ließ es wie selbstverständlich über sich ergehen und mühte sich vergebens ab, ihre Hühner zusammenzutreiben. Doch nun, da sich Hektik unter diese gemischt hatte, versuchten sie in alle Richtungen zu fliehen und sich unter irgendwelchen Gegenständen zu verstecken. Das Geschreie war wenig förderlich um Ells Bemühen, die Hühner beisammen zu halten oder gar zu fangen, zu unterstützen. Dabei schrie er Ell genau deshalb an, da er weiter zu ihrem Standplatz wollte. Doch als wäre Ell mit einem Fluch belegt, stob ihr Gefieder entgegen ihrer Natur immer wieder auseinander, wenn sie die sieben Hühner zusammen getrieben hatte.
Ismar konnte sich das Schauspiel nicht länger anschauen. Er ließ sich hinter einem Stand die Mauer hinabgleiten. Als er hinter einer fülligen Marktdame hervortrat, schrie diese erschrocken auf und verschaffte ihm mehr Aufmerksamkeit als beabsichtigt.
Er versuchte sich zu entschuldigen, doch die Frau wollte davon nichts wissen und drohte ihm in unterdrücktem Ärger für das nächste Mal Schläge an.
Mit einer wohlgeübten Unschuldsmiene empfahl er sich und stellte sich zwischen Ell und ihren tobenden Vater.
„Warte, ich helfe dir.“ Ismar ignorierte, dass ihr Vater ihn nun in seine Flüche mit aufnahm. Ell war leicht verzweifelt und sah ihn resignierend an.
Ismar zögerte nicht lange und hatte alsbald das erste Huhn gefangen, das sich eben unter einen der Wagen stehlen wollte. Er ging damit zu Ell und reichte es ihr mit den Füßen nach oben. Ihr Vater stemmte die Hände in die Seiten seines dicken Bauches und blickte mürrisch drein. Statt zu schreien, begnügte er sich damit, ungeduldig zu atmen. Ismar fing ein Huhn nach dem anderen ein, um es Ell zu geben. Ismar fing sich etliche Verwünschungen ein, weil er anderen Marktteilnehmern in die Quere kam. Es war Ell unangenehm, nicht helfen zu können, doch mit den Hühnern in der Hand, war es ihr nicht möglich. Ebendies war ohnehin ihr Dilemma gewesen. Es war schier unmöglich, alleine sieben Hühner einzufangen und gleichzeitig festzuhalten. Jeder, insbesondere ihr Vater, musste das wissen.
Mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht, brachte Ismar endlich das siebte Huhn. Doch da wurden die Hühner unruhig und flatterten selbst mit dem Kopf nach unten hängend wild umher. Das war sonderbar, dann normalerweise taten Hühner das nie. Plötzlich stöhnte Ell schmerzhaft auf und ließ eine Hand los. Ihr Vater schrie auf und wollte sie schlagen, doch Ismar ging dazwischen und fing unfreiwillig die Ohrfeige an ihrer statt ein. Verdutzt blieb ihr Vater stehen und stotterte etwas Unverständliches zusammen. Er wusste nur zu gut, wer er war. Ismar wendete sich Ell zu und wollte fragen, was los war als er sah, dass ihr Arm blutete. Gleich darauf traf auch ihn ein Stein, der eigentlich für Ell oder ihre Hühner gedacht war. Ismar drehte sich wütend um und erkannte Mauricius, wie er auf dem Dach eines niedrigen Hauses hockte und seine Steinschleuder auf sie gerichtet hielt.
„Hey du Dumpfbacke, komm da herunter, du feiger Hund!“, schrie Ismar ihn an.
„Komm doch hoch, wenn du dich traust.“ Der Junge streckte ihm die Zunge heraus und hielt sich für den Größten.
„Na warte, dir werde ich noch Manieren beibringen!“ Mit diesen Worten nahm Ismar Anlauf und war in drei Zügen auf dem Dach, wo er dem verdutzten Mauricius gegenüber stand.
Ismar nutzte dessen Überraschung und entriss ihm gleich die Schleuder. Der Junge war stärker als Ismar, doch Ismar war flinker und wusste die Bewegungen seines Gegenübers zu seinem Vorteil zu nutzen. Bald lag Mauricius flach auf dem Dach mit einem Arm hinter dem Rücken.
„Komm da herunter“, schrie eine Männerstimme.
Ismar blickte verwundert hinunter und sah dort den Burgherren stehen, seinen Vater. Ismar schluckte kräftig und stand sogleich auf und gab Mauricius frei. Ohne zu zögern ging Ismar auf dem Dach nach vorne, da er wusste, dass alles Zögern die Konsequenzen nur verschlimmern würde.
Er wollte eben hinabspringen, als er hörte, dass Mauricius auf ihn zulief. Im letzten Moment duckte sich Ismar und sprang zur Seite. Mit dem Schwung mit der er Ismar hinab stoßen wollte, fiel Mauricius herunter. Schmerzhaft landete er auf allen Vieren und begann gleich zu weinen. Ismar beeilte sich hinab.
„Sei still und verschwinde du hinterhältiger Hund. Das geschieht dir nur Recht!“
Ismar stellte sich aufrecht vor seinen Vater, so wie dieser es ihn gelehrt hatte. Als Dank empfing er eine derbe Ohrfeige, die sogar Ells Vater zusammenzucken ließ. Vielleicht lag es auch nur an seinem schlechten Gewissen.
„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du dich nicht herumprügeln sollst.“
Ell stellte sich neben den Burgherren und wollte es wagen ihm zu wiedersprechen. Ismar schüttelte rasch den Kopf und drückte sie zur Seite.
„Verzeiht Vater, ich war unartig. Last mich helfen, dem Mädchen ihren Schaden gutzumachen, sie hat drei ihrer Hühner verloren.“
Der Burgherr wank einen Mann zu sich.
„Zahle dem Mädchen für ihre drei Hühner und verdoppele es für den Schreck, den es erlitten hat.“
Ell bedankte sich mit einem ungeübten Knicks. „Vielen Dank Herr, ihr seid zu gnädig.“
„Ein Mann hat sich ehrenhaft zu benehmen. Es soll nicht euer Schaden sein, wenn mein Sohn sich nicht zu benehmen weiß.“
Ell knickste vorsichtshalber gleich noch einmal und nahm mit großen Augen die Zahlung des Schatzmeisters entgegen. Sie hatte in ihrem Leben noch keine so teuren Hühner besessen, als sie nun bezahlt bekam. Selbst Ells Vater machte große Augen und sah sich auch zu Dank verpflichtet und verneigte sich ungelenk.
„Du wirst deine Schuld abarbeiten, Ismar!“ Sein Vater erhob die Stimme, so dass es jeder im Umkreis gut verstehen konnte. „Du gehst in den Stall die Pferde missten und du wirst solange deine Dienste anbieten, bis die Schuld beglichen ist. Es sind nicht die Steuerzahler, die für deinen Unfug einstehen müssen.“ Mit diesen Worten verließ der Burgherr den Schauplatz.
„Warum hast du deinem Vater nicht die Wahrheit gesagt?“, fragte Ell ungläubig.
„Weil sie ihn nicht interessiert hätte. Es gibt Väter, die strafen lieber, als zu verstehen.“ Ein Seitenblick ließ Ells Vater verstehen, wer gemeint war. Dieser stand unbeholfen umher, da er wusste, dass Ismar an diesem Tag zweimal wegen seiner Tochter ungerechtfertigt Ohrfeigen bezogen hatte.
„Komm wir müssen uns beeilen die Hühner einzufangen, bevor sie wirklich verschwunden sind.“ Ismar versuchte die verschreckten Hühner einzufangen und diesmal half ihm gar Ells Vater.
Doch sie fanden nurmehr zwei der drei Fehlenden. Das Dritte würde wohl einen glücklichen Dieb sättigen. Ells Vater wollte ihm die zwei Hühner geben, da er sie schließlich auch bezahlt hatte, aber Ismar lehnte ab, und ließ sich stattdessen das Versprechen geben, dass er Ell fortan gerecht behandeln sollte. Ismar war sich nicht sicher, ob es etwas helfen würde, aber er war gewillt an das Gute im Menschen zu glauben.
„Die Strafe wird mir nicht schaden“, verabschiedete sich Ismar selbstbewusst und verschwand in der gaffenden Menge.
Es war längst nicht die erste Strafe dieser Art. Sein Vater verabscheute Gewalt und unnütze Strafen. Eine Ohrfeige war das Höchstmaß an körperlicher Pein, die Ismar ertragen musste, doch selbst dies kam nur selten vor und meist nur bei einem großen Publikum, wie an diesem Tag. Obwohl Ismar erst zehn war, gab es nurmehr wenige Arbeiten, bei denen er noch keinen Strafdienst geleistet hatte. Das Interessante an diesen Strafen war, dass er sich diese selbst aussuchen durfte, diesmal mit Ausnahme des Stallmistens, was eine der Lieblingsstrafen seines Vaters war. Doch das störte Ismar nicht. Er mochte Casper und Michel beide gut leiden und einer der Beiden war meist in den Ställen. Sie erlaubten ihm bisweilen gar, den Pferden das Fell zu striegeln oder sie am Zügel auszuführen. Obwohl die Arbeit des Stallmistens hart war, mochte es Ismar, so nah bei den Pferden zu sein. Dass das Ganze Strafe sein wollte, erheiterte ihn dabei nur. Ohnehin half er hier, wie auch woanders mehr, als er sich durch Strafen als Pflicht einhandelte. Doch nur im Falle einer Strafe tauschte er seine Dienste gegen Geld. Üblicherweise tauschte er es gegen kleine Kunstwerke oder Lehrstunden. Beim Schmied beispielsweise hoffte er mit 17 ein eigenes Schwert zu erlangen, aber das konnte er mit bloßer Arbeit nicht erreichen. Doch zum Glück wusste Haman, der Schmied, es zu schätzen, dass Ismar ihm das Rechnen und in Ansätzen das Schreiben beibrachte. Das war weit mehr Arbeit als Ismar es sich hätte vorstellen können, denn ihm selbst bereitete das Rechnen keinerlei Mühe. Doch so geschickt Haman mit dem Eisen umging, so ungeschickt stellte er sich mit Zahlen an. Nicht selten bezeichnete er es gar als Hexenwerk, kurz bevor er die Lehrstunde abbrach. Aber Ismar hatte ihn mehrmals davor bewahrt über den Tisch gezogen zu werden und so willigte er immer wieder ein, doch weiter zu üben.
An diesem Tag hatte Ismar allerdings wenig Glück. Michel kam der Arbeit nicht hinterher. Wegen des Monatsmarktes war der Stall zum Bersten gefüllt, ebenso drinnen, wie auch draußen die überdachten Flächen. Sogar einige störrische Esel wollten gefüttert werden. Zu allem Übel war Caspar ausgefallen, weil ein junger Hengst in der Unruhe ausgetreten und ihn getroffen hatte. Dabei konnte Caspar sich noch glücklich schätzen. In drei Tagen würde er wohl wieder stehen können, aber auf Wochen würde er keine schwere Arbeit verrichten können.
Michel war völlig damit ausgelastet, die Pferde notdürftig zu versorgen und den Reitern ihre Pferde abzunehmen oder zu geben, wenn sie die Stadt verließen. An Ausmisten war nicht zu denken, auch wenn ihm zwei ältere Männer halfen. Dementsprechend viel war für Ismar zu tun und Michel war mehr als froh über seine Hilfe. Bis in den späten Nachmittag füllte Ismar die Karren, die die Gehilfen dann hinaus fuhren. Gegen Ende schaffte er es kaum noch die Mistgabel hochzuheben, selbst wenn er kaum Mist darauf legte. Deshalb war er diesmal froh als die Arbeit vollrichtet war und er den Dienst quittieren konnte.
Danach war er zu müde um noch über den Markt zu gehen, der sich ohnehin bereits im Rückbau befand. Zumindest für all jene aus dem Umland, die nur einen der zwei Tage blieben und noch vor Einbruch der Nacht zu Hause ankommen wollten. Zurück zu seinem Vater wollte Ismar aber noch weniger. Er verspürte keine Lust ihm über den Weg zu laufen und zudem wollte er seine Schuld begleichen. So ging er zu Haman, weil er dort auch im Sitzen Arbeit fand.
„Ah, Ismar, gut dass du kommst. Es gibt viel Arbeit, wie du siehst.“ Haman war bester Laune und konnte sich nicht über mangelnde Kundschaft beklagen. Viele Reisende wünschten neue Hufeisen für ihre Pferde, gaben Bestellungen auf oder wünschten Reparaturen, die sie dann später im Jahr abholen würden.
„Kannst du Holz nachlegen?“ Haman schenkte Ismar nur kurz Aufmerksamkeit, weil er nicht wusste, was er zuerst tun sollte.
„Pfff“, stöhnte Ismar. „Ich war eben bei Michel.“ Obwohl er seine Arme kaum mehr spürte legte er einige Scheite Holz nach.
„Der kann nicht viel Arbeit für dich gehabt haben“, scherzte Haman, „so viele Pferde wie bei mir sind, muss der Stall bei ihm leer sein.“
„Caspar ist von einem Pferd getreten worden“, berichtete Ismar.
„Oh, schlimm?“ Haman hielt erschrocken inne. Caspar war sein Cousin. Die Beiden neckten sich zwar ständig, aber sie standen sich trotzdem sehr nahe.
„Michel meint er würde wieder ganz der Alte werden.“ Die Flammen nahmen sich rasch dem nachgelegten Holz an.
„Sieht ihm auch ähnlich sich einen Pferdekuss einzuhandeln, um ein paar Tage den faulen Lenz mimen zu können“, lachte Haman, ohne ganz seine Sorgen aus seinem Ton fernhalten zu können. „Und du durftest das dann auch noch ausbaden. Da hast du dir aber einen ungünstigen Tag ausgesucht.“
„Vater hat mir wieder eine Geldstrafe auferlegt“, murrte Ismar. Wie selbstverständlich ging Ismar hinter einen massives Pult und kletterte auf einen für ihn zu großen Hocker.
„Ah, das ist eine gute Idee“, zeigte sich Haman erleichtert. „Dann kann ich endlich weiter arbeiten.“
Ismar nahm sich der anstehenden Kundschaft an. Etlichen passte es nicht, von einem Knaben bedient zu werden, aber wenn sie sahen, wie Ismar die Bestellungen niederschrieb, gaben sie meistens Ruhe. Nur selten war es nötig, dass Haman bestätigte, was Ismar sagte, damit sich die vornehmere Kundschaft fügte. Ismar hatte für sich Preislisten angefertigt und konnte abschätzen, was Haman direkt erledigen konnte oder bis wann etwas fertig sein konnte. Wenn er sich nicht sicher war, fragte er Haman, der sich nun fast vollständig auf seine Arbeit konzentrieren konnte.
Besonders die Boten freuten sich über Ismars Anwesenheit, weil ihre Wartezeit deutlich verkürzt wurde. Auf Wunsch schrieb er ihnen sogar eine Bestätigung der Bestellung mit Preis und Datum der Fertigstellung. Diesen Dienst hätte Haman ihnen niemals gewähren können.
Ismar war froh diesmal im Sitzen arbeiten zu können und wurde sich abermals bewusst, warum es gut war, so viel zu lernen.
„Entschuldigen sie, werter Herr“, schmeichelte ein Mann in einfacher Arbeitskleidung Ismar.
Ismar blickte lächelnd auf. Es war längst Abend und der letzte Kunde war schon eine Weile weg und Ismar war dabei die Einnahmen abzuschätzen und die Bestellungen beiseite zu legen. Übermorgen, wenn der Markt vorbei war, würde er Haman alles vorlesen, weil dieser kaum schreiben und nur sehr schlecht lesen konnte.
„Wie kann ich behilflich sein?“ Ismar machte von seiner guten Erziehung gebrauch.
„Es ist ein wenig kompliziert“, sprach der Mann mittleren Alters um den heißen Brei. „Vielleicht ist es besser ich rede direkt mit Haman.“
Wahrscheinlich wollte der Mann einen Freundschaftsdienst, wollte aber gleichzeitig nicht derjenige sein, der Haman bei der Arbeit störte und hoffte, dass Ismar dies für ihn übernahm.
Ismar war das einerlei und so ging er mit dem Mann hinüber zum Amboss, wo Haman, völlig in seinem Element, auf ein Stück Eisen eindrosch.
„Haman, hier ist jemand der dich sprechen möchte.“
„Moment.“ Das Stück war noch rot glühend und ließ sich leicht formen, und er wollte die Hitze nicht vergeuden. Nach zweidutzend Schlägen legte er das Stück zurück in den Ofen und drehte sich mit von der Hitze gerötetem Gesicht um.
„Oh, Bechtol, altes Haus, dich habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Wie laufen die Geschäfte?“
„Ehrlich gesagt, ging es schon besser. Jetzt da sie den Wald im Norden der Stadt roden, will kaum einer mehr das Holz aus dem Westen, wo ich die Lizenz zum Holzfällen habe. Es ist mit einem Tagesmarsch zu weit entfernt. Es lohnt nur für das gute Bauholz, da es besser ist als die jungen Bäume im Norden.“
„Und wie kann ich dir helfen?“
Ismar konnte Haman ansehen, dass sie gute Freunde waren.
„Ich musste mir einige zusätzliche Pferde zulegen, weil keiner mehr bereit ist, das Holz selbst holen zu kommen.“
„Dann brauchst du wohl Hufeisen?“, mutmaßte Haman.
„Ja, vier Tiere sind vom letzten Jahr und hatten noch gar keine und bei zwei weiteren sollten die Beschläge erneuert werden.“
„Das ist kein Problem. Ich nehme an du möchtest, dass ich deswegen zu dir komme, damit du mit diesen lahmen Gäulen nicht herkommen musst.“
„Das wäre prima aber nicht wirklich nötig. Mein Problem ist, dass ich kein Geld mehr habe. All mein Besitz steckt nun in den Tieren.“
„Aber Bechtol, du kannst jederzeit bei mir anschreiben, das weißt du doch.“
„Das werde ich dir nie vergessen!“ Bechtol war mehr als erleichtert und es war ihm anzumerken, dass er nur widerwillig zum Schuldner wurde.
„Warum so kompliziert?“, meldete sich Ismar zu Wort.
Bechtol sah Ismar verwundert an. Er war es wohl nicht gewohnt von einem Jungen im Gespräch unterbrochen zu werden, doch scheinbar machte es Haman nichts aus, und überrascht war er wohl auch nicht.
„Haman, bei den Unmengen an Holz die du brauchst, kann Bechtol dich gleich damit bezahlen.“
Bechtol machte große Augen. „Natürlich, daran hatte ich gar nicht gedacht.“
Auch Haman nickte eifrig und klopfte Ismar anerkennend auf den Kopf. „Oft scheinen die komplizierten Lösungen einfacher zu sein, weil es kompliziert ist, die einfachen Lösungen zu finden.“ Das war einer von Hamans Lieblingssprüchen, wenn er sich unnütz Mühe gegeben hatte.
Mit einem breiten Grinsen im Gesicht zog Ismar von dannen. Es war Zeit, dass er zu Hause einkehrte, sonst würde es nochmals Ärger geben. Derweil blieb Bechtol bei Haman und ging ihm soweit er konnte zur Hand. Haman hatte ihm für die Nacht ein Quartier angeboten, aber er musste noch bis zum letzten Licht des Tages arbeiten, weil Morgen Einige ihre Bestellung abholten, bevor sie abreisen würden.
Bruder Johannes' Mission
Hönnlin ritt ohne Eile weiter nach Westen. Er hatte unterwegs viel erlebt und viel gelernt. Das Leben, das er früher geführt hatte und das nun auf ihn wartete, würde er nicht weiter führen können. Dort würden sie ihn Bruder Johannes nennen, doch den Namen hatte er irgendwo auf der Rückreise abgelegt. Zwar trug er noch sein Mönchgewand, doch hatte das eher praktische Gründe. Auf seinen Reisen hatte er seinen Glauben gefunden und gefestigt, aber das führte dazu, dass er sich von seiner Religion würde trennen müssen. Hönnlin wollte den Menschen dienen und seinem Glauben treu sein. Er wollte keine Lügen leben oder leere Worte predigen wie seine Brüder. Im Gegensatz zur Kirche wollte er sich fremden Wissen nicht verschließen. Wüsste die Kirche um sein Wissen und um seinen Besitz, soviel war gewiss, würde er als Ketzer brennen. Hönnlin wusste nicht alles, eigentlich war er sich bewusst, dass er recht wenig wusste, aber es reichte, um die Mechanismen der Kirche zu durchschauen. Sie diente sich selbst und nicht wie sie predigte Gott und erst recht nicht den Menschen, die sie dumm und abergläubisch zu halten pflegte. Hönnlin war auf seiner Reise viel Wirken seiner Kirche begegnet. Wirken, das schon lange vergangen war, und jenes, das noch andauerte.
Nein, Hönnlin war sich sicher. Die Wege seiner Kirche und der seine würden sich trennen, doch erst noch würde er in seine Heimat reisen. Dort würde er dann auf seine Weise Gott, und vor allem den Menschen dienen. Aber zuvor musste er noch etliche Tagesreisen hinter sich bringen und dabei wollte er den Schutz seines Ordens nicht aufgeben, schließlich hatte er die Reise auch in deren Interesse auf sich genommen. Bloß die Antworten, die er gefunden hatte, waren nicht die gewesen, die zu finden seine Mission gewesen war. Aber dies war nun einmal die Gefahr, wenn man nach Antworten suchte, und sicher nicht sein Fehler.
Bis Norditalien hatte er es bereits zurückgeschafft, doch die Spuren des Winters waren hier noch zu spüren. Deshalb hatte er es auch nicht eilig, da er wusste, dass er die Alpen erst mit Beginn des Sommers würde überqueren wollen. Deshalb wollte er am folgenden Tag auch ein Kloster aufsuchen und für wenige Wochen rasten.
Der Abend brach herein und so suchte Hönnlin sich ein geschütztes Plätzchen in einem Waldstück abseits des Weges.
An einer lichten Stelle grub er ein Loch. Dabei legte er die Erde auf einer Decke ab, da er keine Spuren hinterlassen wollte. Er vermied es, das Loch groß werden zu lassen und grub stattdessen in die Tiefe. Doch die zahlreichen Wurzeln erschwerten sein Bemühen. In unregelmäßigen Abständen hielt er inne und überprüfte ob sich keiner näherte.
Schließlich nahm er einen Teil seines gut verstauten Gepäckes, legte es fest in Leder verschnürt in die Erde und schloss das Loch. Die überschüssige Erde trug er fort und verteilte sie unauffällig. Über der Grabstelle entzündete er ein gemütliches Feuer und richtete sich für die Nacht ein. Er sparte diesmal nicht mit dem Holz, mit dem er das Feuer unterhielt.
Er kochte sich Wasser für einen Tee und stand nochmals auf, um wie fast jeden Abend eine Walnuss zu pflanzen. Erst dann aß er zu Abend und nutzte die letzten hellen Minuten zum Lesen, und legte sich dann früh schlafen.
Am Morgen darauf war die Feuerstelle abgekühlt. Sorgsam überprüfte er, dass die Asche die Spuren seines Versteckes kaschierte, und prägte sich die Stelle gut ein, für den Fall, dass er unerwartet doch länger fern bleiben würde.
Eine halbe Tagesreise trennte ihn von dem kleinen Städtchen mit dem vertrauten Kloster. Auch deshalb war es eher ungewiss, dass einer sich hierher verlief.
Gegen Mittag trat er durch das Stadttor. Es herrschte nur mäßiges Treiben auf den Straßen. Wie anderenorts auch waren die Meisten damit beschäftigt, die Arbeiten zu vollrichten, für die beim nächsten Wetterumschwung keine Zeit mehr bleiben würde. In zwei Wochen würde vieles hier anders aussehen. Hönnlin mochte diese Atmosphäre und ging deshalb nicht auf direktem Weg zum Kloster.
Hönnlin brachte seinen Esel zum Stall des Ordens. Dieser verdiente den Namen nicht wirklich, aber der Abt würde es ihm nicht verzeihen, wenn er sein Tier im Stall der Städter unterbringen würde. Hönnlins Esel war heute das einzige Tier im Stall, da das Kloster über keine Eigenen verfügte und nur jene seiner Gäste versorgte. Hönnlin wusste aber, dass dies mehr schlecht als recht geschah und versorgte es gleich selbst.
„Bruder Johannes! Meine Augen haben mich nicht getäuscht“, wurde Hönnlin von der Seite angesprochen, als er seinen Esel striegelte. „Was für eine Freude.“
„Bruder Matthias“, begrüßte Hönnlin seinen Ordensbruder und guten Bekannten. Sie hatten einige kleine Reisen gemeinsam bestritten, bevor der einige Jahre ältere Bruder Matthias hier schließlich hängen geblieben war. Aber von den Abenteuern der Anderen hörte er immer noch gerne und träumte sich dann mit auf Reisen. Wäre sein Rheuma nicht schlimmer geworden, wäre er wohl auch nicht sesshaft geworden.
Lange blieben die Beiden im Stall und tauschten sich aus. Es gab viel zu erzählen.
„Aber was bin ich dir ein Freund“, unterbrach Bruder Matthias sich selbst. „Ich frage dich aus und denk dabei nur an mich. Du hast sicher Hunger und ein wenig Rast wird auch dir nichts schaden. Komm ich bringe dich in die Küche.“
Hönnlin hatte nichts dagegen einzuwenden, und folgte der Einladung gerne. Die Küche war wie gewohnt spärlich ausgestattet und nun nach dem Mittagsessen menschenleer. Bruder Matthias legte ein Stück Holz auf die Glut im Ofen und kochte Hönnlin Haferbrei. Zur Feier des Tages griff Bruder Matthias in ein Gefäß mit den klostereigenen Rosinen und ließ diese im Haferbrei verschwinden.
Bruder Matthias setzte sich mit an den Tisch, aß selbst aber nichts. Stattdessen hielt er nun seinerseits Hönnlin Gespräch und unterrichtete ihn über das Wenige, das sich im Kloster zugetragen hatte, aber auch über das, was ihm von außerhalb zu Ohren gekommen war. Für Letzteres begeisterte er sich merklich inniger.
„Welcher Faulpelz wärmt sich da wieder am Herd“, wurde eine Stimme aus dem Flur herangetragen. „Oh, es wird gar gegessen!“ Die Stimme kam Hönnlin bekannt vor, aber es war das Temperament, das ihm verriet, wer gleich zur Tür hereintreten würde.
„Bruder Matthias, erklärt euch.“ Er sah Hönnlin erst jetzt und sah ihn prüfend an, da er ihn nicht gleich erkannte.
„Vater Andreas, Bruder Johannes ist von seiner langen Reise zurückgekehrt. Die Nächstenliebe verpflichtete mich, unserem Gast Rast und Verpflegung zuteil werden zu lassen.“
„Nun gut, meine Schuldzuweisung war unnötig“, ruderte der Abt zurück, zumal er sah, dass Bruder Matthias nichts vorzuwerfen war.
„Herzlich willkommen zurück, Bruder Johannes“, begrüßte der Abt Hönnlin reserviert. „War die Reise gesegnet?“ Hönnlin war dem Abt nicht verhasst, aber dieser betrachtete sein Treiben mit Argwohn. Er verachtete das Reisen. Er war vielmehr der Auffassung, dass das Leben eines Mönches innerhalb der Klostermauern vonstatten zu gehen hatte. Hier sollte er beten, schreiben, den Garten unterhalten und sich im Verzicht üben. Er war einer der wenigen Äbte, denen Hönnlin auf seinen Reisen begegnet war, die das ernst meinten und nicht nur ihren Mönchen auftrugen. Da Hönnlin das wusste, nahm er ihm sein kühles Benehmen nicht übel. Den Abt quälte nur ein Laster, wenn man es so nennen wollte, er liebte es neue Bücher lesen zu können, wohl aber nur jene, die mit der Kirche zu vereinen waren. Für ihn galt es als höchste Aufgabe daraufhin die Botschaft des Herrn kopieren oder übersetzen zu lassen und in die Welt hinaustragen zu lassen. Deshalb war dieses Kloster auch weithin bekannt für seine sorgsame Kopierwut. Das war auch der Grund, warum er Hönnlins Treiben widerwillig unterstützte, denn nicht wenige Schätze seiner Bibliothek verdankte er ihm und, wie der Abt es bezeichnete, anderen Abenteuern.
„Ich bin nicht mit leeren Händen zurückgekehrt. An etlichen Stellen werden auch Kopien für das Kloster erstellt. Ihr könnt stolz auf die hiesige Bibliothek sein. Das Interesse an den Schriften, von denen ich berichten konnte, war groß“, erzählte Hönnlin nicht ohne Freude.
„Stolz ist ein falscher Freund“, belehrte Vater Andreas. „Aber es freut mich, dass die Schriften des Herrn auch in diesen fernen Gegenden Anklang finden.“
„Selbst in der Ferne ist Gott vielen nah“, stichelte Hönnlin, der damit seine Abenteuerlust verteidigte. Der Abt nickte stumm und spielte gedankenvertieft mit seinen Fingern.
„Ruht euch erst einmal aus“, fuhr der Abt fort. „Wenn ihr wollt, könnt ihr mir Morgen genauer von euren Reisen erzählen.“
Hönnlin war dieser Aufschub recht und so nutzte er den restlichen Tag, um durch das Kloster und seinen Garten zu streifen, während er alte Bekanntschaften auffrischte.
Am folgenden Morgen nahm der Abt Hönnlin gleich nach der ersten Andacht in Beschlag. Während die Brüder zum Frühstück gingen, folgte Hönnlin Vater Andreas nach einem kurzen Umweg in dessen Arbeitszimmer. Hönnlin war darauf vorbereitet gewesen und hatte den Ertrag seiner Pilgerfahrt bereitgestellt.
Es war ein etwas merkwürdiger Besuch. Wirklich gut kannten die Beiden sich nicht. Ihre Verbundenheit fußte fast nur auf ihre gemeinsame Ordenszugehörigkeit. Zwar war Hönnlin in all den Jahren öfters hier gewesen, doch meist nur für wenige Tag und zweimal für einige Wochen. Ihre Gespräche waren meist kurz und zweckgebunden. Vater Andreas hatte nie einen Hehl daraus gemacht, das Reisen von Mönchen nicht zu mögen, wenngleich er das Missionieren durchaus begrüßte. Hönnlin wusste nie recht, ob Vater Andreas sich des Widerspruchs bewusst war, oder ob es genau das war, worüber er sich eigentlich am meisten ärgerte.
„Wie lange beabsichtigt ihr zu bleiben?“, fragte der Abt unvermittelt, nachdem er sich alle Bücher und Schriften angesehen hatte und die beiden Bücher, die Hönnlin für dieses Kloster mitgebracht hatte, sorgsam in einem Schrank verstaute.
„Ich gedachte in meine Heimat zurückzukehren und mich ganz dem Klosterleben zu widmen.“
„Das freut mich zu hören. Ihr werdet sehen, eure Seele wird endlich Ruhe finden.“
Hönnlin nickte verständnisvoll. „Aber ich wollte die Alpen nicht vor Beginn des Sommers überqueren, darum wollte ich mich für wenige Wochen den Aufgaben hier stellen und wenn es möglich ist, solange hier bleiben.“
„Ihr seid stets willkommen und eine Bereicherung für das Kloster.“
Hönnlin fand, dass sich der Abt diesmal eigenartig benahm. Er war auch unruhiger als es Hönnlin von ihm kannte.
„Sind die Bücher fertig, um die ich gebeten hatte?“
„So weit ich weiß sind sie bereits seit Monaten fertig. Sie liegen für euch bereit.“ Der Abt war mit seinen Gedanken woanders.
„Dann wird es wahrlich Zeit, dass ich zurückkehre. Ich war nun etliche Jahre fort.“
„Darf ich um etwas Aufschub eurer Heimreise bitten?“
„Wenn es euer Wunsch ist.“ Hönnlin war gespannt, auf was der Abt hinaus war. Auf jeden Fall behagte es ihm nicht, Hönnlin das fragen zu müssen.
„Die Nonnen sind vor dem Winter mit einem Wunsch an mich herangetreten, den ich nicht abschlagen kann“, begann Vater Andreas schwerfällig.
Hönnlin wartete geduldig.
„Sie haben eine Novizin, die nach Frankreich muss. Dort soll sie ihr Französisch festigen, da sie des Italienischen nun mächtig ist.“
„Und jetzt sucht ihr sicheres Geleit?“
„Ja, die Nonnen wollen sie nicht unkultivierten Menschen in Obhut geben, erst recht nicht für eine solch lange Reise.“
„Sie ist wohlmöglich von großem Wert“, schlussfolgerte Hönnlin und aus dem Gesicht des Abtes konnte er lesen, dass er recht hatte.
„Jeder Mensch ist gleich viel wert!“, behauptete Vater Andreas mit gespielter Empörung, da er die Wahrheit weder aussprechen noch hören wollte.
„Die Nonnen können keine solche Reise unternehmen, es wäre für sie zu gefährlich.“
„Es ist für jede Frau gefährlich, erst recht, wenn sie wie Nonnen weithin als solche erkenntlich sind“, bestätigte Hönnlin. Er verstand die Nonnen nur allzu gut. Das Problem das Vater Andreas wegen dem Ganzen empfand, war eigentlich nur, dass er Hönnlin abermals in ein Abenteuer schickte.
„Ich nehme an, ich soll mit ihr alleine reisen und Sorge tragen, dass sie unbeschadet ankommt?“
„So ist es“, sprach Vater Andreas es erleichtert aus, nun da es heraus war.
Hönnlin dachte eine Weile nach.
„Ich bin für ihren Schutz verantwortlich?“, fragte Hönnlin nach.
„So ist es!“
„Als Novizin ist die Reise zu gefährlich. Für sie genau so wie für mich.“
Der Abt mochte das Wort gefährlich noch weit weniger hören als das Wort Abenteuer.
„Ich bin gerne dazu bereit, aber sie wird sich kleiden wie ein Mönch.“
„Das kommt nicht infrage!“, empörte sich Vater Andreas.
„Wenn euch ihr Schutz wichtig ist, werdet ihr dem zustimmen“, blieb Hönnlin ruhig.
Der Abt schüttelte hilflos den Kopf.
„Meinet wegen kann sie die Stadt als Novizin verlassen und als Novizin wird sie ankommen. Aber dazwischen trägt sie Mönchskleidung.“
Der Abt dachte darüber nach.
„Es bleibt unser drei Geheimnis. Es dient einzig ihrem Schutz“, versprach Hönnlin.
„Es ist eine Sünde, ein Leben unnütz in Gefahr zu setzen. Der Herr wird über euch wachen, aber ihr sollt ihn nicht auf die Probe stellen. Clara wird die Stadt als Novizin verlassen. Gott allein weiß was danach passiert.“
„Wann soll die Reise beginnen?“, fragte Hönnlin.
„In etwa einem Monat. Noch ist es zu kühl.“
„Dann bereite ich alles vor“, nahm Hönnlin die Aufgabe an. Für ihn spielte es keine Rolle, dass ihm ein Umweg auferlegt wurde. Dann würde er eben über Frankreich reisen. Hier war das Gebirge ohnehin leichter zu überqueren.
Gute drei Wochen nach Hönnlins Ankunft im Kloster schwang das Wetter um, und es wurde spürbar wärmer. An einem Montagsmorgen standen die Äbtissin und Clara beim Abt im Arbeitszimmer. Hönnlin war dorthin bestellt worden, damit sich die Äbtissin ein Bild von ihm machen konnte.
Neben Clara vertraute sie ihm auch eine fest eingepackte Kiste an. Vater Andreas musste davon gewusst haben, denn er war keineswegs überrascht.
„Darin ist ein Brief für die Äbtissin. Auch sind Bücher darin für deren Bibliothek. Gebt gut darauf Acht.“
Hönnlin versprach Clara und die Bücher vor allem zu schützen, soweit es in seiner Macht lag, den Rest würde er Gott anvertrauen. Hönnlin konnte sich nun sicher sein, dass Clara aus einer reichen Familie stammte. Die Bücher waren die Bezahlung der Ausbildung. Vielleicht hatte auch die Äbtissin selbst entscheiden, das erhaltene Geld gegen Bücher einzutauschen.
Am Morgen danach reisten sie ab. Doch es würde länger dauern als Hönnlin gedacht hatte. Clara war es untersagt worden, zu reiten und so verließen sie die Stadt mit nur einem Esel. Zumindest in einer Sache hatte Hönnlin aber Glück. Clara schien keineswegs verängstigt, wie er es von einer Novizin erwachtet hätte. Vielmehr konnte Hönnlin in ihr das Fernweh erkennen und er spürte, dass sie sich auf die Reise freute. Die Mahnungen und Anweisungen der Äbtissin ließ sie geduldig über sich ergehen. Als sich die Nonne umdrehte und mit gemessenem Schritt fortging, glaubte Hönnlin ein Anflug von einem Lächeln zu erkennen. Doch als sie seinen Blick auffing, gefror ihr Gesicht und sie sah zu Boden. Als sie die Stadtmauern hinter sich ließen, verrieten ihre Augen ihr versteckte Vorfreude. Hönnlin musste schmunzeln. Deshalb hatte sie wohl auch so schüchtern den Blick gesenkt gehalten. Sie hatte wohl befürchtet, dass ihre Freude ihr anzusehen wäre.
„Du freust dich aber viel“, brach Hönnlin das Schweigen.
„Ich reise gerne“, gestand Clara nach anfänglichem Zögern.
„Das ist aber selten für eine Novizin.“ Hönnlin sah prüfend zu ihr herab.
„Gott hat sich nicht so viel Mühe gegeben, die Welt zu erschaffen, damit wir alle im Kloster bleiben“, lächelte sie ihn frech an. Das war eindeutig nicht das erste Mal, dass sie diese Antwort gab.
Hönnlin nickte anerkennend und konnte sich lebhaft vorstellen, dass die Nonnen es nicht immer einfach mit Clara gehabt haben mochten.
Hönnlin bemerkte wie Clara den Horizont mit ihren Blicken abtastete. Zwar verbot sie sich wohl ruckartige Bewegungen, doch auch so viel es ihm auf. Ihm selbst erging es nicht anders, wenn er lange an einem Ort verweilt hatte. Alles in ihm sehnte sich dann danach etwas Neues zu sehen und das Weite vor sich zu entdecken.
„Du fragst gar nicht, wie lange wir unterwegs sein werden?“
„Das tut nur, wer es eilig hat“, antwortete Clara sorglos.
„Und du hast es nicht eilig?“, neckte Hönnlin.
„Ich“, begann Clara. „Ich bin Novizin, ich muss nicht alles wissen“, versteckte Clara sich hinter einer Aussage, die nicht die ihre war.
Hönnlin versuchte sich ein Schmunzeln zu verkneifen. Während der nächsten Stunde sprach keiner ein Wort.
„Warum gehen wir in östlicher Richtung?“, fragte Clara nachdem sie bereits eine Weile abgebogen waren.
„Woher kennst du die Himmelsrichtung?“, wunderte sich Hönnlin.
Clara sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. Sie antwortete aber nicht darauf. Wahrscheinlich konnte sie Hönnlin nicht genug einschätzen.
„Na gut“, lenkte Hönnlin ein. „Es ist nur ein kurzer Umweg. Ich habe noch etwas zu erledigen.“
Hönnlin wartete auf eine weitere Frage, doch die blieb aus.
Vom Umweg unbekümmert schritt sie weiter und ließ ihren Blick hin- und her schweifen. Sie merkte aber, dass Hönnlin sie beobachtete und erwiderte einige Blicke mit einem zarten Lächeln.
Hönnlin ging etwas langsamer, als wenn er alleine unterwegs gewesen wäre. Er wollte Clara nicht gleich am ersten Tag überfordern. Er fürchtete Klagen während der restlichen Reise hören zu müssen. Doch auch hierin überraschte ihn Clara.
Noch etlichen Stunden erkannte er das Waldstück wieder, das er sich eingeprägt hatte.
„Hier werden wir den Weg verlassen“, setzte Hönnlin an. Clara blickte ihn neugierig an. „Ich habe hier etwas zurückgelassen, was ich nun wieder abhole“, erklärte Hönnlin, um Clara nicht unnötig zu verängstigen.
Clara nickte stumm und hielt ihre Fragen für sich. Doch es war keine Spur von Angst in ihren Zügen zu erkennen. Wahrscheinlich hatte sie der Äbtissin geglaubt, dass sie ihm vertrauen konnte. Vielleicht war sie aber auch stets so behütet gewesen, dass sie glaubte, jedem vertrauen zu können. Hönnlin nahm sich vor sie später während der Reise darauf anzusprechen. In dieser Welt konnte man nicht vorsichtig genug sein, besonders als junge Frau.
Wie zu erwarten hatte sich der Wald in den wenigen Wochen beachtlich gewandelt und ein neues Kleid angelegt. Zum Glück hatte sich Hönnlin markante Bäume eingeprägt und so fand er zielsicher seine einstige Lagerstelle. Clara achtete nicht auf den Weg. Sie war fasziniert von all den Tieren, denen sie begegneten und die sie aufschreckten. Einige sah sie wohl zum ersten Mal bewusst. Hönnlin freute sich über die großen Augen, die sie dabei machte und erklärte ihr, was er wusste. Auch maß er seine Schritte bedächtig ab, um weniger Lärm zu verursachen. Doch sein Esel erinnerte sich an seinen störrischen Charakter und machte alles zunichte. Ihm gefiel es nicht, ständig stehen bleiben zu müssen und gab das lauthals kund. Unzählige Vögel flogen in den Himmel und weithin nahmen die Waldbewohner Reißaus oder versteckten sich.
„Dummer Esel“, schüttelte Hönnlin den Kopf.
Clara lachte nur.
„Komm, du kannst mir suchen helfen. Hier irgendwo müsste eine alte Feuerstelle sein. Wahrscheinlich sind nun Blätter darüber.“
Mit freudiger Aufregung half Clara beim Suchen. Hönnlin wusste in etwa, wo die Stelle sein musste, doch er ließ Clara sie finden.
„Hier ist sie“, rief Clara mit für eine Novizin unangebrachter Begeisterung.
Als Hönnlin sich umdrehte, waren die Blätter bereits weggewischt. Die Asche war größtenteils weggeweht und nur mehr grobe Stücke und geschwärzte Erde verrieten das einstige Lagerfeuer.
Hönnlin nahm seine kleine Schaufel und wollte ansetzen das Loch erneut auszuheben, doch Clara bettelte förmlich darum, es selbst tun zu dürfen.
Er wollte sie ermahnen vorsichtig zu sein, doch dazu ließ ihm Clara keinen Grund. Clara schien die geborene Schatzsucherin zu sein. Nur vergaß sie schnell ihr Novizinnentracht und so musste Hönnlin deswegen ihre Abenteuerlust zügeln.
Vorsichtig hob Clara das in Leder eingewickelte Paket hervor und wischte vorsichtig, beinahe andächtig, die anhaftende Erde ab. Nach kurzem Betrachten reichte sie es Hönnlin, ohne zu wagen es zu öffnen.
Hönnlin sah sie eine Weile ins Gesicht und auch wenn Clara es schaffte seinen Blick zu erwidern, stellte sie keine Frage, auch wenn ihre Neugier geweckt war.
„Du möchtest nicht wissen, was darin ist?“, neckte Hönnlin, da es ihm egal sein konnte, wenn sie es wusste.
„Doch“, lachte Clara. „Aber sie werden es kaum hier verstecken, wenn sie möchten, dass jeder weiß, was sie haben.“
„Ja, das stimmt wohl“, zeigte sich Hönnlin beeindruckt. „Du hast einen wachen Geist.“
Clara lächelte zufrieden und schloss das Loch.
„Aber ich möchte überprüfen, ob alles unbeschadet ist und ich habe das Gefühl, dass mein Geheimnis bei dir gut aufgehoben ist.“ Clara würde nichts verraten können, denn in Frankreich würde er das letzte Mal als Bruder Johannes einkehren.
Es waren rund zwei Dutzend Schriften, die Hönnlin hier vergraben hatte, davon waren aber nur die Hälfte als Bücher zu bezeichnen. Auch zwei Schriftrollen waren darunter und ansonsten waren es notdürftig zusammen gebundene Zeichnungen und Texte.
Abermals konnte er sich an Claras großen Augen erfreuen und er ließ sie bereitwillig hineinschauen.
„Aber das kann man doch nicht lesen, oder?“, wollte Clara verwundert wissen, als sie arabische Texte sah.
„Doch, aber es ist eine andere Schrift wie die unsere. Das ist die arabische Schrift“, erklärte Hönnlin.
„Es gibt mehrere Schriften?“ Davon hatte sie noch nie gehört.
„Ja, viele“, bestätigte Hönnlin. „Aber frag mich nicht wie viele.“
„Aber“, wunderte sich Clara, „es gibt doch schon unterschiedliche Sprachen und alle die ich kenne haben die gleiche Schrift. Wie kann das sein?“
„Nun die Schrift ist wohl an vielen Orten gleichzeitig entwickelt worden und deshalb gibt es in vielen Regionen unterschiedliche Schriften. Bei uns hat sich wohl für viele Länder nur eine Schrift behaupten können.“ So recht wusste Hönnlin hierauf auch keine Antwort.
„Aber es ist schon schwer genug eine andere Sprache zu lernen. Wie soll das gehen, wenn man auch noch eine andere Schrift lernen muss?“, versuchte Clara sich die Mühe vorzustellen. „Können sie das lesen?“
„Ja, aber es fällt mir schwer. Aber nur so kann man ganz neue Dinge lernen.“
„Was für Dinge?“, wollte Clara wissen.
„Andere Kulturen, andere Vorstellungen aber auch Erfindungen in Medizin oder in der Kunst des Bauens.“
Clara machte große Augen und blickte Hönnlin sprachlos an.
„Aber warum haben sie die hier versteckt?“, fragte Clara nach einer Weile, als Hönnlin dabei war sie einzupacken. „Im Kloster wären sie doch viel besser geschützt und da könnte jeder sie lesen.“
„Glaubst du das?“, antwortete Hönnlin mit einer Gegenfrage.
Die Frage machte Clara nachdenklich und so antwortete sie nicht gleich darauf.
„Ich habe dir etwas noch nicht gesagt, weil keiner außer dir es wissen darf.“
Clara runzelte die Stirn während Hönnlin zum Esel ging und in einer Tasche kramte.
„Hier habe ich noch eine Mönchskutte und ich möchte, dass du die während der Reise trägst.“
„Wieso? Was ist an meiner Kleidung nicht gut“, fragte Clara verwundert. Aber sie wirkte keineswegs schockiert, so wie Hönnlin es erwartet hatte.
„Hier draußen ist eine andere Welt als in einem Kloster, oder selbst in der Stadt. Hier ist es gefährlich als Mädchen herumzulaufen. Du bist weithin als einfaches Opfer erkennbar. Als zwei Mönche werden wir weniger Aufmerksamkeit auf uns ziehen.“
Clara verstand das nicht ganz, aber sie glaubte ihm.
„Na gut, mir gefällt die Novizinnentracht ohnehin nicht“, lachte sie und schlug sich dann die Hand auf den Mund.
„Keine Angst, das bleibt unser Geheimnis“, lächelte Hönnlin belustigt. „Ich schätze ehrliche Meinungen.“
Clara brannte eine Antwort auf der Zunge, aber sie wagte nicht sie auszusprechen. Aber auch so wusste er, was sie sagen wollte und konnte sie nur allzu gut verstehen.
Hönnlin reichte ihr die Kleidung und Clara ging fort, sich umziehen. Als sie zurückkehrte hatte sie die Kapuze aufgesetzt, grinste frech und freute sich diebisch. Wahrscheinlich stellte sie sich das Gesicht der Äbtissin vor, wenn diese sie so sehen würde.
„Wir können nun den Weg zurück zur Kreuzung gehen“, begann Hönnlin und versuchte seinerseits ein Grinsen zu unterdrücken, „oder wir gehen auf direktem Weg durch den Wald. Du entscheidest.“
„Durch den Wald“, antwortete Clara prompt und spielte mit den ungewohnt weiten Ärmeln ihrer Kutte.
„Du bist mir eine Novizin“, lachte nun Hönnlin und konnte sich nicht mehr halten.
Clara versuchte eine Unschuldsmiene aufzusetzen, doch vergebens, und so fiel sie mit in sein Lachen ein. Doch aus irgend einem Grund fühlte sich das richtig an. Hönnlin war nicht so wie die anderen Mönche und erst recht nicht wie die Nonnen, die sie kannte.
Hönnlin schlug nicht den direkten Weg ein. Stellenweise war der Wald zu dicht und so folgten sie den Pfaden von Wildschweinen und anderem Getier. Er schwor Clara darauf ein, dass sie weglaufen sollte, wenn sie ein Wildschwein mit Jungen zu sehen bekämen. Von der Abenteuerlust, die sie nun voll und ganz durchströmte, enthemmt, demonstrierte sie ihm auch gleich ihr Können, was das Klettern anbelangte.
„Etwa so“, strahlte Clara ihm aus vier Metern Höhe entgegen.
„Genauso!“ Hönnlin hatte die Arme in die Seite gestemmt, weil er sich in der Pflicht gesehen hatte zu protestieren, doch er brachte es nicht fertig. Sein resignierendes Kopfschütteln galt genauso viel sich selbst, wie auch Clara. „Wer hat dir das alles beigebracht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das neuerdings im Kloster lernt.“
„Ich musste mich einige Male verstecken“, berichtete Clara mit einer Unschuldsmiene, dass Hönnlin abermals lachen musste. Nein, er war wirklich nicht mehr für das Klosterleben gemacht. Ihm fehlte der notwendige Ernst.
„Das kann ich mir bei dir lebhaft vorstellen, wobei einige Male wohl auch anders zu nennen wäre?“
„Manchmal bin ich auch artig“, protestierte Clara entrüstet.
„Du meinst, dass du dich manchmal nicht hast erwischen lassen?“
„Ist doch das Gleiche!“, stellte sich Clara beleidigt und kletterte geschickt hinab. Unten angekommen verdrehte sie die Augen und ging an Hönnlin vorbei als wollte sie nichts mehr hören.
„Du hast mir wirklich noch gefehlt“, lachte Hönnlin.
Clara blieb kurz stehen, grinste frech und nickte als Bestätigung bevor sie weiter ging.
Hönnlin blieb stehen und lächelte schwermütig. „Armes Ding, was machst du in einem Kloster?“, flüsterte er zu sich selbst. Er atmete tief aus und folgte Clara, die inzwischen etliche Meter voraus war.
Bis zum Abend hatten sie den Rand des Waldes noch nicht erreicht. Es gab für Clara viel zum Staunen und im Gegensatz zum Vormittag legten sie vermehrt Rast ein. Keiner der Beiden hatte es eilig und so sah Hönnlin es auch nicht ein, sich unter Zeitdruck zu setzen. Während Clara das Abenteuer genoss, bot es Hönnlin Gelegenheit, über das Leben nachzudenken, das er bald führen würde. Er hatte schon lange darüber nachgedacht, aber jetzt war es bald soweit. Er war sich seines Entschlusses sicher, aber es lag doch viel im Ungewissen. Und schließlich war es auch nicht so, dass das Leben, das er hinter sich ließ, ihm verhasst wäre. Er hatte viel gelernt, viele bewundernswerte Menschen kennen gelernt, von denen Einige ihn auch nicht unwesentlich geprägt hatten. Aber das Leben, das er bis eben führte, schaffte es nicht mehr ihn zu erfüllen. Stellen in ihm waren leer, während er viel Zeit damit verbringen musste, Dinge zu tun, von denen er nicht überzeugt war. Genau von diesem Ballast wollte er sich lossagen. Aber er würde auch Freunde zurücklassen. Viel Vertrautes und auch Sicherheit würde ihm verloren gehen. Es war nicht so, dass ihm dies Angst machen würde, aber es beschäftigte ihn doch, nun da es bald soweit war. Vielleicht zeigte er sich Clara auch deshalb so offen. Er löste bereits die ersten Bande und bald gab es kein Zurück mehr, denn die Worte, die er sprach, würden ihn irgendwann einholen.
Ells Vater
Ismar war spät dran und er wusste das. Ebenso wie er um den Ärger wusste, der ihm drohte, da er beim Abendessen nicht erschienen war. Aber zumal im Sommer vergaß er abends schnell die Zeit, weil es nicht früh dunkel wurde. Nach seinem Unterricht war er gleich hinunter zu Caspar gelaufen, weil der sich um die Erweiterung des Stalles kümmerte. Die steinernen Wände des Erdgeschosses waren fertig und jetzt arbeitete er daran, die hölzerne Decke zu verlegen. Darauf wollte er noch ein niedriges Obergeschoss aus Holz bauen, damit sie hier eine kleine Werkstatt bekamen, nur um Geschirr und Sattel zu pflegen. Seid Caspar vom Pferd getreten worden war, suchte er sich gerne andere Arbeit, auch wenn er keine Angst vor Pferden hatte. Wahrscheinlich legte er deshalb selbst soviel Hand beim Bau des Stalles an.
Zwar behauptete er fleißig, der Schreiner würde Wucherpreise fragen, aber keiner kaufte ihm das ab. Dennoch machte es Ismar höllisch Spaß, Caspar zu helfen, vielleicht auch deshalb weil der Schreiner und Caspar bisweilen unterschiedliche Sichtweisen besaßen, wie gebaut werden sollte.
Eigentlich war es reiner Zufall gewesen, dass Ismar daran gedacht hatte, nach Hause zu müssen. Schreie hatten ihn und Caspar aus ihrem Eifer gerissen. Bei dem Gedanken, wer dort Ärger bekam, fühlte sich Ismar an jenen erinnert, der ihm nun drohte. Dabei, ganz so schlimm war es nicht, denn er hatte bereits zweimal diese Woche Strafen bekommen und die arbeitete er eben bei Caspar ab. Aber dennoch, das musste nicht sein. Ismar fürchtete, dass sein Vater bald dahinter kommen würde, dass dies keine Strafe war.
Er beeilte sich nach Hause zu kommen, deshalb fiel ihm nicht gleich auf, welche Hektik auf den Straßen herrschte. Ständig rief ein Anderer und Menschen liefen kreuz und quer. Das war mehr als merkwürdig an einem Abend eines so gewöhnlichen Tages. Ismar wollte wissen, was da los war, doch er wagte nicht langsamer zu werden. Doch dann wurde ihm das Treiben zu bunt. Die Menschen, die ihm entgegen strömten benahmen sich sonderbar.
Plötzlich sah er Wilbolt, Ells Vater, auf ihn zulaufen. Da musste etwas passiert sein. Ells Vater lief nie. Ismar wollte ihn ansprechen, doch Wilbolt kam ihm zuvor. Er machte hektische Gesten als wollte er Ismar verscheuchen. Verdutzt blieb Ismar stehen.
„Komm“, hauchte Wilbolt. „Du musst hier weg.“ Er griff im Laufschritt Ismars Arm und zerrte ihn mit sich fort.
„Was ist los? Ich muss nach Hause!“
„Jetzt nicht“, presste Wilbolt zwischen den Zähnen hindurch und versuchte so wenig wie möglich Aufmerksamkeit zu erregen. Er blickte sich prüfend um, als suchte er etwas, oder jemanden.
„Ich erklär es dir unterwegs“, beschwichtigte Wilbolt, als er Ismars Widerstand spürte. „Du musst mir vertrauen!“
Eigentlich müssten die Beiden weithin auffallen, doch in der ganzen Aufregung nahm keiner von ihnen Notiz.
„Du darfst nicht gesehen werden! Vertrau mir.“ Wilbolt hielt mit eiligen Schritten auf das Stadttor zu. Wilbolt hatte ihm noch nie das Gefühl vermittelt, ihm vertrauen zu müssen. Zumal Ismar ihn meist verärgert hatte, weil er Ell vor ihm geschützt hatte. Dennoch klang Wilbolt ehrlich besorgt. Entweder das, oder der Umstand, dass alle so aufgeregt waren, sorgte dafür dass Ismar sich fügte und mit Wilbolt die Stadt verließ.
„Was ist los? Warum sind alle so durchgedreht?“, verlangte Ismar zu wissen als sie in einiger Entfernung zur Stadtmauer waren. Sie waren nicht alleine auf der Straße, aber außer Hörweite der Anderen.
Wilbolt zögerte und zog Ismar weiter.
„Komm weiter. Ich erklär es dir, aber du musst weiter gehen“, lenkte Wilbolt ein, als Ismar abermals versuchte stehen zu bleiben.
„Du musst mir versprechen nicht zu schreien und auf keinen Fall darfst du zurücklaufen!“, begann Wilbolt.
Ismar zögerte. Wenn Wilbolt so anfing, dann würde er mit Sicherheit zurück wollen.
„Versprich es mir!“, beharrte Wilbolt.
„Ich verspreche es“, presste Ismar widerwillig aber ungeduldig hervor.
„Es sind Verräter in der Stadt“, begann Wilbolt endlich. „Sie haben deine Eltern vergiftet.“
„Nein“, rief Ismar und drehte sich um. Wilbolt hatte die Bewegung vorausgeahnt und griff ihn mit seinem starken Arm. Er hob ihn hoch und drückte ihm eine Hand auf den Mund.
„Du kannst nichts tun, Junge. Sie sind auch hinter dir her. Sie dürfen nicht wissen, wo du bist!“
Vorsichtshalber ließ er die Hand auf Ismars Mund. Denn auch er war in Gefahr, wenn sie wussten, dass er Ismar bei sich versteckte. Und das Schlimme daran war, dass er nicht einmal wusste, wer sie waren.
„Wer auch immer das war, er will, was dir zusteht. Ich habe gehört, dass zwei Männer sich nach dir erkundigt haben. Sie dürfen dich nicht finden.“ Wilbolt spürte wie Ismars Widerstand nachließ und so entfernte er seine Hand. Er behielt ihn aber weiterhin auf dem Arm, denn er kannte seinen Eigenwillen zur Genüge.
„Ich bringe dich zurück, sobald es für dich sicher ist.“
„Sind sie tot?“, fragte Ismar und spürte Tränen seine Wangen hinunterlaufen.
„Soweit ich weiß, ja. Ich habe es nicht selber gesehen.“
Ismar sprach seine Hoffnung nicht aus.
„Ich gehe Morgen früh zurück in die Stadt und werde mich umhören. Wen soll ich fragen, was mit dir geschieht?“
Ismars Gedanken überschlugen sich.
„Was ist mit meiner Schwester? Was ist mit Elisabeth?“
„Ich habe sie nirgends gesehen. Aber ich habe auch nur nach dir gesucht.“ Wilbolt dachte nach. „Aber außer deinen Eltern schien keiner vergiftet worden zu sein.“
Wilbolt merkte, dass das wenig beruhigend war.
„Wahrscheinlich hat auch jemand sie versteckt. So wie ich dich.“
Ismar murmelte unverständlich.
Als Ismar am folgenden Morgen in Wilbolts Haus aufwachte, hatte er das Gefühl, kein Auge zugemacht zu haben. Dennoch war er hellwach und wollte unbedingt in die Stadt. Doch Wilbolt ließ es nicht zu, und so blieb Ismar bei Ell und ihrer Mutter zurück, während Wilbolt in aller Früh in die Stadt ging. Er würde versuchen, zu Ismars Hauslehrer zu gelangen und sollte er daran gehindert werden, sollte er sich an Caspar wenden, weil dieser durchgelassen würde.
Obwohl Wilbolt bereits am frühen Mittag zurück kehrte, wurden es lange Stunden für Ismar. Das erste Mal wollte er sich die Zeit nicht durch Arbeit vertreiben und durch nichts was sich Ell oder ihre Mutter einfallen ließen, war er davon abzubringen, beim Fenster stehen zu bleiben.
„Er kommt“, rief er plötzlich. Obgleich er sich vorgenommen hatte, Wilbolt entgegen zu laufen, sobald er diesen sah, blieb Ismar stehen und wandte seinen Blick nicht mehr von Wilbolt, bis dass dieser in der Tür erschien. Ell und ihre Mutter wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten und stellten sich hinter Ismar.
Wilbolt blickte die Drei an und wusste nicht, wie er es sagen sollte. Unterwegs hatte er einige Varianten ausprobiert, doch nun wollte ihm keine mehr einfallen. Jeder der Wilbolt kannte, wusste, dass er kein Mann der Worte war.
„Deine Eltern sind beide tot. Aber deine Schwester lebt und sie ist in Sicherheit“, sagte Wilbolt steif.
Ismar blieb reglos stehen. Wut und Hilfslosigkeit lähmten ihn. Obwohl er versucht hatte, sich keine Hoffnung zu machen, traf ihn der Schlag ein zweites Mal.
Ell griff vorsichtig noch seiner Hand und er ließ es zu.
„Dein Hauslehrer bat mich, dir dies zu geben.“ Wilbolt nahm einen Brief aus seiner Tasche und reichte ihn Ismar. „Er bat mich, dass du noch zwei Tage bei uns bleibst. Er sorgt sich um deine Sicherheit.“ Wilbolt hielt kurz inne. „Aber das wird er dir wohl auch geschrieben haben.“
Ismar wollte aufbegehren, besann sich dann aber anders und öffnete den Brief. Zahlreiche Strafen hatten es ihm abgewöhnt zu schnell zu antworten.
Er erkannte gleich Wigandus' Schrift, auch wenn dieser diesmal sichtlich in Hast geschrieben hatte. Dennoch war der Brief ungewöhnlich lang. Er bestätigte ihm was er bereits von Wilbolt wusste. Obendrein versuchte er ihn zu beruhigen und bat ihn vernünftig zu sein. Wigandus würde versuchen beim Bischof Schutz für ihn und seine Schwester zu erwirken. Der Sitz des Stadthalters würde neu vergeben werden und er wäre der Einzige, der später einen Anspruch äußern dürfte, aber noch war er zu jung.
Er lobte gar Wilbolt für dessen besonnenes Handeln und schwor Ismar ein, ihm zu vertrauen.
„Es gab einen Verräter, der deinem Vater nah stehen musste, sonst hätte das so nicht geschehen können“, schrieb Wigandus. „Auch ich werde bald die Stadt verlassen und einige Andere auch. Gleichwohl wer von dieser Tat seinen Nutzen zieht, die Stadt wird nicht mehr die Gleiche sein“, hieß es einige Zeilen später.
Ismar überflog den Brief erst hastig, dann noch einmal langsam. Keiner sprach ein Wort. Ismars Hände zitterten und Tränen liefen ihm die Wange hinunter. Er wusste was das bedeuten würde, auch er musste die Stadt verlassen. Schlimm genug, dass seine Eltern tot waren, aber nun verlor er auch noch seine Heimat, alles was ihm vertraut war.
„Wigandus wollte, dass ich dir noch etwas sage, das er nicht niederschreiben wollte“, begann Wilbolt als Ismar seinen Kopf hob. „Er möchte dich nochmal sehen bevor er geht.“
„Kann ich jetzt zu ihm?“ Ismar hielt auf die Tür zu.
„Nein, Wigandus hat kurz nach mir die Stadt verlassen. Er hatte bereits gepackt. Er hat mir gesagt, wo ich ihn in drei Tagen finden werde.“
„Ich muss aber etwas tun. Irgendwas!“, schrie Ismar hilflos.
Ells Mutter eilte zu ihm und nahm ihn in den Arm.
„Junge“, setzte Wilbolt an, doch dann merkte er, dass ihm die Worte fehlten.
„Dein Vater war ein gerechter Herr. Wir werden ihn alle vermissen“, sagte er schließlich aus tiefster Überzeugung.
„Wohl wahr“, bestätigte seine Frau. „Du kannst auf ewig stolz auf ihn sein!“
Drei Tage später brachen Wilbolt und Ismar zum Treffpunkt auf. Ismar war völlig erschöpft. Wilbolt hatte versucht ihn mit Arbeit abzulenken und Ismar hatte geschuftet wie ein Berserker.
Der Junge tat Wilbolt leid und er wurde sich aufs Neue bewusst, wie oft er ihm Unrecht getan hatte. Weder sein Vater noch er hatten diesen Verlust verdient, aber vielleicht musste dies das Schicksal all derer sein, die gutherzig waren, schloss Wilbolt wehmütig. Vielleicht war das Gottes Willen um die Menschen zu bestrafen. Wilbolt machte sich Sorgen um die Zukunft seiner Familie. Er hatte zuviel Schreckliches von Bekannten und Verwandten gehört, die andere Lehnsherren hatten.
Wilbolt ging mit Ismar zur alten Eiche. Das war ein allgemein bekannter Treffpunkt. Die alte Eiche war so windverdreht und verknotet, dass keiner ihr Holz wollte. Sie lag nahe der Weggabelung, die von der Stadt wegführte. Für viele galt der Baum gar als unantastbar. Bereits Wilbolts Vater hatte ihm als kleiner Junge erklärt, dass der Baum heilig war. Viele glaubten in den Knoten Gesichter zu erkennen. Wilbolt zählte nicht zu denen, genauso wenig kam er hierher zum Beten, wenn er ein persönliches Anliegen hatte. Für ihn stand fest, dass man zum Beten in die Kirche ging und dass das hauptsächlich die Aufgabe der Pastoren und Mönche war. Abgesehen vom Tischgebet sagte er meist nur Amen, wenn der Pastor sprach, aus Angst, etwas Falsches zu sagen, was Gottes Zorn auf ihn lenkte. Ansonsten wurde er nicht müde sich zu bekreuzigen, wenn ihm etwas unheimlich war.
Als die Beiden ankamen, hatten sie eine knappe Stunde Fußweg hinter sich. Dennoch waren sie alleine. Wilbolt hatte sich entgegen seiner Art von Ismars Ungeduld anstecken lassen und war früher als verabredet losgegangen.
Allzu lange mussten sie aber nicht warten. Auch Wigandus kam weit vor Mittag. Dabei hatten sie ihn beinahe nicht erkannt. Vorsichtshalber waren die Zwei in den Wald getreten, um nicht für jedermann sichtbar zu sein. Dabei wusste Wilbolt nicht, ob die Straße an diesem Tag besonders viel genutzt wurde, oder ob er sich das nur einbildete. Wigandus kam aus der Stadt, dabei hätte Wilbolt ein Huhn darauf verwettet, dass er aus einer der beiden anderen Richtungen kommen würde.
Erst als der Reiter an der Eiche vom Pferd stieg und sich suchend umblickte, erkannte Ismar seinen Lehrer. Er sah ganz anders aus als üblich. Dabei fiel Ismar auf, dass er ihn nie in Reisekleidung gesehen hatte und erst recht nicht auf einem Pferd.
„Lehrer Wigandus“, gab sich Ismar zu erkennen. Obwohl er seinen Lehrer mochte, hatte sich Ismar nie so gefreut ihn wieder zu sehen.
„Pscht“, zischte Wigandus gleich seine Erleichterung heraus. „Wir sollten kein Aufsehen erregen.“
Wilbolt trat hinter Ismar aus dem Wald hervor.
„Danke Wilbolt, das werde ich dir nie vergessen“, begrüßte Wigandus Wilbolt, der ihn um über eine Kopfhöhe überragte.
„Gern geschehen“, brummte Wilbolt verlegen.
„Wir sollten gleich weiter“, wandte sich Wigandus gleich an Ismar und machte deutlich wie nervös er war.
Ismar wusste nicht recht, wie er sich von Wilbolt verabschieden sollte. Verlegen reichte er ihm die Hand. „Danke.“ Seine Stimme klang brüchig.
Wilbolt war auch nicht geübt darin, sich zu verabschieden. Nochmals wurde ihm bewusst, dass sich nun vieles ändern würde. Er hätte niemals gedacht einmal nicht froh zu sein, wenn Ismar ihn nicht mehr ärgern könnte.
Ohne darüber nachzudenken zog er Ismar an sich und klopfte ihm auf den Rücken. „Pass auf dich auf.“ Dann hob er ihn hoch und setzte ihn auf das mitgeführte Pferd.
Wigandus bedankte sich förmlich bei Wilbolt und drückte ihm eine Kleinigkeit in die Hand.
„Bitte geh mit einem großen Umweg nach Hause. Es ist besser für uns alle, wenn dich keiner mit Ismars Verschwinden in Verbindung bringt.“
Wilbolt bedankte sich mit einem Nicken. Er sah nachdenklich aus. Diese Miene hatte Ismar so noch nie bei ihm gesehen. Er stellte sich dicht neben die Eiche. Dort blieb er stehen bis die beiden Reiter außer Sicht waren. Erst dann wandte er sich ab und verschwand im Wald.
„Es tut mir leid, was passiert ist“, begann Wigandus nach einer Weile.
Ismar hatte geschwiegen, da ihm die Tränen gekommen waren und er nicht wollte, dass er es hörte.
„Wo ist Elisabeth? Wie geht es ihr?
„Ihr geht es gut und sie ist in Sicherheit. Einer der Wächter war gegenwärtig genug, sie zu verstecken.“ Wigandus erzählte daraufhin, was sich ereignet hatte.
Er hatte Elisabeth gleich mit zum Bischof genommen als er für sie zwei Schutz ersuchen wollte.
Der Bischof selbst war nicht zugegen gewesen, doch sein Stellvertreter hatte die Bedingungen ausgehandelt und schließlich akzeptiert.
Vom Mörder fehlte jede Spur, aber Wigandus hatte sich ohnehin keine Illusion gemacht, diesen zu erwischen und selbst wenn, wäre es wohl nur ein Handlanger gewesen. Wigandus hatte noch nicht gehört, dass jemand Ansprüche auf die Stadt stellte. Aber das war ohnehin zu früh, da es sonst verdächtig sein würde. Aber auch so wusste Wigandus, dass es besser für ihn war, nicht zu bleiben.
Ismars Vater war bei vielen Adligen unbeliebt. Er vertrat eine völlig andere Art zu regieren. Dementsprechend hatte er auch Leute um sich geschart, die ähnlicher Ansicht waren. Es war weithin bekannt, dass er die Sorgen seines ihm anvertrauten Volkes verstand und sich für sie einsetzte. Korruption und Machtmissbrauch gab es nur in kleinem Maße, dementsprechend viele fühlten sich um ihre Privilegien betrogen. Genau dafür würden all jene, die von ihm eingestellt worden waren, die Strafe zahlen müssen. Selbst in der Kirche hielt sich die Trauer in Grenzen. Das hatte Wigandus bereits zu spüren bekommen, als er den Preis für Ismar und Elisabeth ausgehandelt hatte.
„Du wirst ebenso wie deine Schwester bis zur Vollendung deines zwanzigsten Lebensjahres im Kloster bleiben.“
„Aber wie lerne ich das Kämpfen?“
„Du lernst lesen und schreiben.“
„Aber das kann ich schon. Warum können sie mich nicht weiter lehren?“
„Das geht nicht. Wir könnten nirgends sicher leben und ich muss für meine Familie sorgen.“
Ismar verfiel in Schweigen. Ihm gefiel es gar nicht, in einem Kloster zu leben, aber ihm blieb keine Wahl. Er wusste, dass sich Wigandus nicht umstimmen lassen würde. Ebenso war er sich bewusst, dass er nur sein Bestes wollte. Auch war Wigandus keiner der leichtfertig Entschlüsse fasste.
„Ich habe zwei Briefe von deinem Vater, die er mich gebeten hat aufzubewahren und dir im Falle seines Todes zu geben.“
Wigandus griff in seine Satteltasche und nahm zwei dicke Briefe hervor.
„Lese erst den. Den hat er mir gegeben, als du beinahe sieben warst.“
Ismar erkannte das Siegelzeichen seines Vaters. Er zögerte lange bis er es wagte das Siegel aufzubrechen. Was mochte das sein, was er ihm all die Jahre nicht gesagt haben konnte. Er las langsam und viele Stellen doppelt. Es war ihm unheimlich und in seinem Kopf hörte er seinen Vater ihm den Brief vorlesen. Mehr als einmal kamen ihm die Tränen. Das konnte nicht wahr sein. Nach einer Weile machte er sich nicht einmal die Mühe sie wegzuwischen.
„Du sagst nichts?“, fragte Wigandus nachdem Ismar den Brief eine Weile neben sich in der Hand hängen ließ.
„Wussten sie das?“
„Ja, dein Vater hat es mir gesagt, als er mir den Brief gab.“
„Aber er ist nicht mein Vater!“
„Unsinn, er ist dein Vater! Er hat dich groß gezogen und er hat dich geliebt, wie seinen eigenen Sohn. Das darfst du nie vergessen!“
„Aber wer ist denn mein wirklicher Vater? Kann ich nicht zu ihm?“
„Ich weiß nicht wer dein leiblicher Vater ist. Deine Mutter war bei deiner Geburt gestorben. Dein Vater war ein armer Bauer und verzweifelt. Reinhart war auf einer Reise und hörte die Schreie deiner Mutter und bot die Hilfe seines Leibarztes an, doch ihr Tod war unvermeidbar. Dein Vater hatte noch zwei weitere Kinder, doch beide waren noch sehr jung. Reinhart wusste es würde auch deinen Tod bedeuten, wenn du dort bleiben würdest. Und Reinhart hatte ein Problem. Nach langen kindlosen Jahren war Alheyt endlich schwanger, doch um ihr Leben stand es nicht gut und auf ein weiteres Kind konnte er nicht hoffen. Selbst wenn sie und das Kind es überleben sollte, wäre ein Junge ungewiss. Deshalb nahm er dich mit und gab deinem Vater reichlich Geld, damit er seine zwei älteren Söhne ernähren konnte. Als er mit dir ankam, war deine Schwester bereits zwei Tage alt und so wurdet ihr als Zwillingskinder vorgestellt. Nur der Leibarzt, eine Hebamme und eine Dienerin deiner Mutter wussten Bescheid. Wie es scheint haben sie bis heute alle Wort gehalten und darüber geschwiegen.
„Aber was ist mit meinem Vater passiert?“
„Ich weiß nicht viel mehr als im Brief steht. Nur, dass dein Vater als du zwei wurdest die gleiche Reise wiederholt hatte, um nach ihm zu suchen und ihm von dir zu berichten. Aber er fand nur ein verlassenes Haus und keiner in der Gegend konnte sagen, wo die Drei hin waren.“
„Das heißt er lebt noch?“
„Gut möglich, denn er hatte das Dorf im Herbst verlassen und alles mitgenommen, was er besaß. Keiner der ihn zuletzt gesehen hatte wusste zu berichten, dass er schwach oder gar krank gewesen wäre.“
„Wie heißt er denn?“
„Sie nannten ihn der arme Willi“, erzählte Wigandus. „Es hieß, er hätte oft Pech im Leben gehabt. Dein Vater hat in dem Dorf jedem eine Goldmünze versprochen, der dazu helfen würde ihn zu finden. Aber bis heute hat sich keiner gemeldet.“
Ismars Gedanken schossen kreuz und quer.
„Möchtest du nicht auch den zweiten Brief lesen?“
„Steht da noch etwas über meine Eltern darin?“
„Nein, dein Vater gab ihn mir vor drei Jahren. Damals hatte bereits einer versucht ihn zu töten und er wollte dir deshalb diesen Brief hinterlegen, für…“
„Davon weiß ich nichts!“, fuhr Ismar erschrocken dazwischen.
„Das wissen auch nur sehr wenige. Der Täter wurde erwischt und gezwungen sein eigenes Gift zu essen. Die Symptome damals wie diesmal waren die gleichen, weshalb ich denke, dass es der gleiche Auftragsgeber war.“
„Aber warum weiß ich das nicht?“
„Er wollte nicht, dass du in Angst aufwächst und es hätte sein Ansehen geschwächt, würden es alle wissen.“
Wigandus hob den zweiten Brief Ismar entgegen.
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich glaube ich will den heute nicht mehr lesen.“
„Sicher?“
Ismar nickte und betrachtete den Brief in seiner Hand. Mehrmals während des Nachmittags setzte Ismar an etwas zu sagen, doch er brach jedes Mal ab. Das ergab alles keinen Sinn.
Erst als sie zur Nacht Rast einlegten, war er mit seinen Gedanken wieder einiger Maßen bei seiner gegenwärtigen Situation.
Wigandus war das Reisen nicht gewohnt und er machte daraus auch keinen Hehl. Andererseits reichte es ihm beim Feuermachen zuzuschauen. Rein theoretisch wusste er wie es ging, allein es fehlte ihm die Übung.
„Darf ich dir helfen?“, fragte Ismar und versuchte seine Belustigung zu verbergen.
„Ich fürchte meine Hände sind es zu sehr gewohnt Buch und Feder zu halten und zu sonst nicht viel nutze“, gestand Wigandus und freute sich, dass Ismar lebhafter wurde.
„Das ist ganz einfach, wenn alles Nötige zur Verfügung steht“, erklärte Ismar stolz und wühlte in Wigandus' Tasche.
„Caspar hat mir alles zusammen gepackt, was wir bräuchten“, meinte Wigandus und klang leicht verloren.
„Haben sie nie Feuer gemacht?“ Ismar war verwundert, aber voller Begeisterung seinem Lehrer etwas zeigen zu können.
„Nein, wenn immer ich es gebraucht hätte, war ein anderer dabei, der es tat.“
„Und als sie mit Elisabeth die Stadt verlassen haben?“ Er musste eben an seine Schwester denken und dass auch sie so gereist sein musste, wie er eben.
„Wir waren zu viel mehr. Allein hätte ich auch nicht mit deiner Schwester unterwegs sein wollen. Cunlin, Jorge, Gilig, Ott und Ewalt waren mit dabei.“ Das waren der Schatzmeister, zwei Ratgeber, der Koch und der Wachtmeister gewesen. Ihre Nachsicht für das Volk würde der neue Stadthalter zu unterbinden wissen und dem kamen sie so zuvor. Sie wollten nicht, dass an ihnen ein Exempel errichtet würde.
Wigandus sah Ismars verwundertes Gesicht.
„Sie haben die Absicht später zurückzukehren, wenn der Stadthalter erst einmal bekannt ist. Sie sind deinem Vater über den Tod hinaus loyal. Sie werden nur bleiben, wenn sie hören, dass der Stadthalter das Erbe Reinharts ehrt und in dessen Sinn weitermacht.“ Wigandus blickte in Richtung Horizont.
„Aber das glauben sie nicht?“
Wigandus verengte die Augen. Dann kehrte er mit seinem Blick und seinen Gedanken zurück.
„Nein.“ Er zeigte ein resignierendes Lächeln. „Nein, das tut keiner von uns. Aber Einige hoffen, dass es nicht zu schlimm wird.“
„Und was glauben sie?“
Wigandus suchte Ismars Blick und hielt ihn eine Weile fest. Dann wandte er sich abermals dem Horizont zu, als würde er dort etwas nahen sehen.
„Nur ein böswilliger Mensch hätte deinen Vater getötet. Er war ein gutherziger und gerechter Mann und Stadthalter. Du findest im ganzen Reich keinen, der deinem Vater ebenbürtig ist. Darauf kannst du stolz sein!“
Auch Ismar hatte seine Mühe das Feuer zu entfachen, aber er stellte sich weitaus geschickter an als Wigandus zuvor.
Als Ismar endlich saß und an seinem Essen herumknabberte, wurde er unruhiger und immer mehr Fragen formten sich in ihm zusammen.
Wigandus beantwortete alle Fragen ausgiebig und erzählte auch von sich aus Dinge, die Ismar bisher nicht wissen konnte oder sollte. Es wurde ein langer Abend.
Der Nussbaum
Im Wald vor ungewünschten Blicken geschützt, saßen Hönnlin und Clara an einem gemütlichen Lagerfeuer. In der Nacht konnte es doch noch empfindlich kalt werden, zumal wenn man, wie Clara, es nicht gewohnt war im Freien zu schlafen. Zum Glück mussten sie keinen Hunger leiden, denn die Äbtissin hatte für reichlich Proviant gesorgt. Zudem verstand sich Hönnlin darin, aus Wenig eine schmackhafte Suppe zu kochen. Durch das viele Reisen war das zu einer Gewohnheit geworden, weil nichts besser wärmte als eine warme Suppe. Clara war gegen Abend hin doch müde geworden, auch wenn sie sich wesentlich besser geschlagen hatte, als Hönnlin hätte hoffen können. Aber gleich wie erschöpft sie sein mochte, so hatte sie kein Wort der Klage von sich gegeben. Hönnlin hatte nur bemerkt, wie ihre Schritte schwerfällig wurden und so den Entschluss gefasst, ein Lager aufzuschlagen.
Hönnlin ging zu seinem Esel und brachte einen neugefüllten Sack Wallnüsse zum Vorschein. Eine nahm er heraus und pflanzte sie in der Mitte der kleinen Lichtung nicht unweit vom Feuer.
„Wieso machen sie das?“ Clara folgte Hönnlin interessiert mit ihren Blicken, war aber, nun da sie saß, zu müde um aufzustehen.
„Viele sagen es wäre an Gott, sich um alle zu sorgen. Doch das glaube ich nicht. Vielmehr denke ich, dass Gott uns die Welt zur Verfügung gestellt hat. Es ist die Natur, die dafür sorgt, dass alle satt werden, und wir mit unserer Arbeit.“
„Aber warum pflanzen sie einen Baum mitten in den Wald?“, rätselte Clara. „Hier sieht ihn doch niemand.“
„Niemand, der in den Dörfern und Städten lebt.“
„Dann helfen sie den Abtrünnigen?“, wunderte sich das Mädchen.
„Ein ziemlich böses Wort um die zu beschreiben, die du nicht kennst. Findest du nicht?“
„Aber es sind doch welche“, wagte sie es nicht nochmal, das Wort in den Mund zu nehmen. Zeitlebens hatte sie nur dieses Wort für die Menschen gehört, die so lebten.
„Aber kennst du ihre Geschichte?“
Clara wollte mit einer Antwort ansetzen, überlegte und schüttelte dann nachdenklich den Kopf.
„Nun, wie würdest du einen Familienvater nennen, dessen Frau schwer krank wird und er seine Steuerschuld nicht zahlen kann, weil er sie pflegen und sich alleine um zwei junge Kinder kümmern muss und dadurch sein Landrecht verliert und nichts mehr zum Leben hat?“
Clara zuckte mit den Schultern.
„Wie nennst du einen jungen Mann, der mit verdrehten Armen zur Welt gekommen ist, nicht arbeiten kann und von seiner Familie verstoßen worden ist?“
Abermals zuckte Clara mit den Schultern und musste kräftig schlucken.
„Wie nennst du eine Frau, die von ihrer Familie in ein Kloster gesteckt wurde, weil diese keine Verwendung für sie hat, die Frau aber aus dem Kloster flieht, weil sie nicht für dieses Leben gemacht ist?“
Clara starrte Hönnlin an. Dann blickte sie neben sich auf die Erde und schwieg. Hönnlin setzte sich neben sie ans Feuer und las in einem seiner Bücher.
„Dann sind sie nicht böse?“, fasste Clara nach einiger Zeit ihre Verwirrung zusammen.
„Sie sind nicht alle gut, und du solltest keinem vorschnell trauen. Aber viele sind zu dem geworden, zudem wir sie gemacht haben. Richte nie über einen Menschen, dessen Geschichte du nicht kennst.“
Wieder schwieg Clara und Hönnlin las weiter.
„Aber der eine Baum wird nichts ändern.“
„Nein, vielleicht nicht. Aber wenn er in den kommenden hundert Jahren nur einen vor dem Verhungern rettet, dann war er es wert.“
Clara blickte zum Esel hinüber und erinnerte sich an den gefüllten Sack.
„Aber es ist nicht der eine Baum?“
„Eine Nuss an jedem Abend an dem ich unterwegs bin.“
Clara versank in Gedanken.
„Aber es ist verboten ihnen zu helfen“, sprach Clara den Konflikt aus, der in ihr immer wieder auftauchte.
„Ja, ist es“, gestand Hönnlin offen.
„Aber warum?“
„Weil Angst eine Waffe ist.“
„Das verstehe ich nicht.“ Clara war an diesem Abend so verwirrt wie noch nie zuvor.
„Um arme Menschen unter Kontrolle zu halten, muss du eine Situation schaffen, wo sie noch weniger haben können und vor der sie Angst haben. Genau das ist die Aufgabe der Abtrünnigen. Je schlechter es diesen geht, je mehr sich die Menschen vor ihnen fürchten, umso eher sind sie bereit alles Andere zu erdulden.“
„Aber das ist ungerecht!“, protestierte Clara. „Warum tut die Kirche nichts dagegen?“
Hönnlin sah Clara innig an, antwortete aber nicht.
„Oder weiß sie es nicht?“, klammerte sie sich an die einzige Schlussfolgerung, die für sie Sinn ergab. „Sie müssen es ihr sagen.“
„Ich muss es ihr nicht sagen. Sie weiß es.“
„Aber“, setzte sie an und fand keine Worte.
Es war eine unruhige Nacht für Clara. Nicht nur, weil ihr die Geräusche des Waldes im Dunkeln unheimlich waren, sondern vor allem wegen ihrer Gedanken. Sie beschäftigte weit mehr Fragen, als sie gewagt hatte zu stellen. Sie hatte sich nie so benommen, wie die Nonnen es von ihr gewünscht hatten. Risse erschienen in dem Gerüst, indem sie sich bewegte und in dem sie dachte. Wollte Hönnlin sie nur testen. Log er, um ihren Glauben auf die Probe zu stellen. Aber was wenn er Recht hatte? Und was bedeutete es für sie, wenn sie wusste was Hönnlin offenbar wusste? Würde Hönnlin es in Frankreich verraten, wenn sie nun infrage stellte, was nicht infrage zu stellen war? Dabei fühlte es sich richtig an, mit ihm offen zu reden. Sie fühlte sich ihm näher als allen, die sie kannte. Selbst ihrer Mutter, die sie zweimal besucht hatte, fühlte sie sich nicht so nahe.
Hönnlin war längst wach, als Clara etwas wiederwillig die Augen öffnete. Er hatte das Feuer angefacht und einen Tee gekocht.
Es war bereits eine Weile hell, doch die feuchtkalte Luft der Nacht hatte sich in ihre Decke und ihre Kleider geschlichen. Deshalb richtete sie ihren Oberkörper auf und setzte sich näher ans Feuer. Hönnlin reichte ihr eine selbstgeschnitzte Holztasse mit wärmendem Tee.
„Wie hast du geschlafen?“, fragte Hönnlin dem aufgefallen war, wie unruhig Clara gelegen hatte. Sie zuckte unschlüssig mit den Schultern.
„Deine erste Nacht im Freien?“
Nach anfänglichem Zögern schüttelte sie den Kopf.
„Nein?“
„Ich bin einmal aus dem Kloster weggelaufen“, blickte Clara schuldbewusst drein.
„Und?“
„Nach drei Tagen bin ich zurück gegangen, weil ich Hunger hatte“, grinste Clara verlegen.
„War jemand böse zu dir?“ Hönnlin verurteilte sie nicht dafür.
„Nicht wirklich.“ Schon wieder so ein verwirrendes Gespräch, dachte sie.
„Nein?“, hackte Hönnlin nach.
„Ich“, zögerte sie. „Mir gefiel es nicht im Kloster. Immer wenn ich etwas wissen wollte, sagten sie mir, ich sei dumm und böse.“ Sie blickte Hönnlin direkt ins Gesicht, doch sie erkannte dort keine Verärgerung.
„Es ist nichts Böses daran, mehr wissen und verstehen zu wollen.“ Hönnlin sah Clara mitfühlend an.
„Aber warum sagen sie das?“, wagte sich Clara weiter vor.
„Angst“, antwortete Hönnlin prompt. „Angst vor Wissen, das mit der Religion nicht zu vereinen ist.“
„Aber ist die Religion nicht richtig?“, fragte Clara erschrocken.
„Der Glaube ist richtig! Der Glaube lässt sich auch nicht von Wissen erschüttern, aber die Religion ist ein Mantel, den die Menschen erfunden haben und über den Glauben gestülpt haben.“
Clara starrte Hönnlin entgeistert an. Dabei hatte sie von Ungläubigen gehört, aber diese Worte aus dem Munde eines Mönches zu hören, schockierte sie. Es brachte Grundfeste ins Wanken von denen sie geglaubt hatte, dass sie unumstößlich seien.
„Aber Sie sind Mönch!“, versuchte Clara an ihrer Weltordnung festzuhalten.
„Ja, das bin ich“, nickte Hönnlin nachdenklich. „Aber ich werde die Mönchskutte bald ablegen“, gestand er, weil er es endlich ausgesprochen haben wollte.
Das war zuviel für Clara und so fiel sie in Schweigen. In ihrem Kopf schossen die Fragen nur so umher. Ebenso flogen die Aussagen der Nonnen durch ihren Kopf. Man müsse den Prüfungen des Teufels widerstehen, sagten sie immer wieder. War dies nun eine solche Prüfung? Musste sie zeigen, dass sie und ihr Glaube stark waren? Musste sie Hönnlin auf den rechten Weg zurück führen?
Selbst eine Stunde nach ihrem Aufbruch, war noch kein unnötiges Wort gefallen. Doch nun brach Hönnlin das Schweigen, auch aus Angst, sie zu sehr verstört zu haben. Er war sich auch schnell bewusst geworden, dass er den Samen des Zweifels in ihren Kopf gesetzt hatte, der ihr die verbleibende Zeit im Kloster unnötig schwer werden ließ. Er hätte besser darüber nachdenken sollen.
Darum wählte er seine Worte nun mit Bedacht und mied verfängliche Themen. Er zeigte ihr Pilze und Kräuter und erklärte ihr, welche man essen konnte und für was sie hilfreich sein mochten. Auch machte er auf die Spuren von Tieren aufmerksam.
Obwohl Clara mehr und mehr sprach, so konnte Hönnlin an ihrer Nachdenklichkeit nichts mehr ändern. Sie war tief aufgewühlt und Hönnlin bereute es, so offen mit ihr gesprochen zu haben. Es war egoistisch von ihm gewesen. Für ihn war es eine Erleichterung, doch für Clara war es eine Last, die zu schwer für sie war. In ihr herrschte Rebellion und zum Teil war es Hönnlins Rebellion, die mit tobte, aber in Clara fand diese zu wenig Widerstand.
Es gab einen Ausweg, aber den konnte er Clara unmöglich antun. Stattdessen versuchte er sie bestmöglich abzulenken und die Reise für sie so interessant wie möglich zu gestalten.
Wirklich schwierig fiel das Hönnlin nicht, da sich Clara von der Natur rasch faszinieren ließ. Auch lernte sie schnell und stellte viele Fragen. Kein Wunder, dass die Nonnen mit ihr überfordert waren, dachte Hönnlin mehr als einmal.
Das ausgelassene Abendessen
Es war nicht Ismars erste Reise, aber die mit Wigandus war eindeutig die seltsamste davon. Dessen Laune verschlechterte sich mit jedem Tag, auch wenn er tapfer versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Ihm fehlten vor allem ein gemütliches Bett und wohl auch andere Annehmlichkeiten, die das Leben in der Stadt bieten konnte. Auch war ersichtlich, dass er zwar reiten konnte, aber mögen tat er es nicht. Die ersten beiden Tage war er bemüht, Ismar Mut zuzusprechen, doch ab dem dritten Tag wurde die Reise zunehmend schweigsamer. Als sie am elften Tag am frühen Nachmittag ankamen, beschränkte sich ihr Wortwechsel nur mehr auf das Nötigste. Auch der Abschied fiel recht kurz aus. Wigandus lieferte ihn beim hiesigen Abt ab, händigte den im Namen des Bischofs verfassten Brief aus und verabschiedete sich mit den Worten, dass er weiter müsse. Schon seltsam, dachte Ismar, als er die erste Nacht in seinem neuen Bett lag, wie sich Menschen auf Reisen verändern können.
Er lag an diesem Abend lange wach. Er wusste, dass sein Leben ab Morgen ein ganz anderes sein würde, schließlich kannte er auch Jungs, die im Kloster waren. Sein Empfang hier hätte schlimmer sein können. Der Abt wirkte streng, aber nicht unmenschlich. Der Mönch, der sich seiner angenommen hatte, Bruder Baldemarus, war allerdings sehr reserviert geblieben. Ismar fragte sich ob Lachen im Kloster überhaupt gestattet war. Er lag auf dem Rücken und musste schlucken, als er an all die Späße dachte, die er hier wohl nicht mehr machen konnte. Er dachte an Caspar, an Michel und an Haman und vermisste sie jetzt schon. Die Gedanken an seine Eltern versuchte er zu verdrängen, doch auch sie geisterten ihm durch den Kopf und ließen den Drang nach Späßen verfliegen. Er fragte sich, wie es wohl seiner Schwester ging. Wigandus hatte ihm nicht genau gesagt, wo sie war, da er es wohl selbst nicht wusste. Ohnehin schien Wigandus auf einmal viel mehr nicht zu wissen, als Ismar das bei ihm gewohnt war.
Wigandus hatte ihm versprochen ihn im Alter von fast einundzwanzig abholen zu kommen. Das waren noch elf lange Jahre, dachte Ismar und richtete seinen Blick in den dunklen Raum.
Sieben weitere Betten standen in dem Zimmer, das kleiner war als sein Schlafgemach zu Hause. Die anderen hatten keine Probleme zu schlafen. Zwei waren in etwa sein Alter, die anderen jünger oder älter. Zwei wussten nicht einmal genau wie alt sie waren. Vor dem Schlafengehen, hatten sie erzählt, dass sie ausgesetzt worden waren.
Ein Mönch hatte sie zwischendurch unterbrochen, um zu sagen, dass endlich Ruhe sein sollte, doch später war er nicht mehr zurückgekehrt, und so hatten sie Ismar ausgefragt und auch von sich erzählt. Es schien für alle ein recht aufregendes Ereignis zu sein, wenn ein Neuer kam.
Die Geschichte, die er als die Seine erzählte war mit Wigandus besprochen und in weiten Zügen entsprach es der Wahrheit, aber nur soweit, dass keine Gerüchte aufkamen, wer er wirklich war. Nicht einmal der Abt kannte die Geschichte und selbst ein Großteil seines Erbes, das der Bischof verwahren sollte, würde die Abtei nie sehen. Wigandus hatte ihm dies alles erklärt, damit Ismar wusste, auf welchen Empfang er sich einstellen sollte.
Je schneller du dich anpasst, so hatte sein Lehrer ihm als Rat gegeben, umso einfacher wird es für dich werden. Du wirst die Abtei nicht ändern, aber sie zur Not dich. Diese Worte geisterten Ismar nun durch den Kopf. Vergiss nicht wer du bist, vergiss nicht, was du möchtest, aber egal was du zu tun gedenkst, die oberste Regel, merk dir das gut, lass dich nicht erwischen.
Ismar war sich bewusst, dass sich sein Leben grundlegend änderte. Während er dem gleichmäßigen Atmen der Schlafenden zuhörte, schwor er sich darauf ein. Es galt die neuen Gesetzmäßigkeiten auszuloten, ohne sich zu oft den Kopf zu stoßen. Das waren immer Hamans Worte gewesen, wenn Ismar wieder Ärger bekommen hatte. Du musst lernen mit dem Strom zu schwimmen, wenn er dich dorthin trägt, wo du hin möchtest, und dich aus der Strömung zu halten, wenn er es nicht tut. Er hörte Hamans lachende Stimme und ihm wurde es leichter ums Herz. Bald darauf war er eingeschlafen.
Am folgenden Morgen verstand er, warum die Anderen so leicht eingeschlafen waren. Es war unmenschlich früh als sie geweckt wurden. Dabei wurde wenig Federlesen gemacht und Ismar musste sich arg überwinden, um sich nicht gleich eine Blöße zu geben. Baldemarus, einer der wenigen Mönche, der sich vorrangig um die Novizen kümmerte, ließ Ismar nicht aus den Augen. Scheinbar wartete er nur darauf, den Neuen zurecht zu weisen.
„Nimm dich vor ihm in Acht“, flüsterte der kleine Utz, ein Knabe, der etwas jünger war als Ismar. Er hatte gemerkt, dass auch Ismar Baldemarus beobachtete. „Der sucht nur nach einem Grund, einen von uns zu betrafen.“
„Danke, kein Bedarf“, grinste Ismar ihm im Halbschlaf zu. „Die Freude mach ich dem nicht. Danke für die Warnung.“
„Ruhe“, raunte Baldemarus. „Vor der Andacht wird nicht gesprochen.“ Unschlüssig blickte er sich um, da er nicht wusste, wer gesprochen hatte. „Ich habe dich im Auge. Dass du mir keinen Ärger machst“, schoss er seinen ersten Pfeil auf Ismar ab.
Ismar entgegnete nichts, rollte nur übertrieben mit den Augen, als Baldemarus sich umdrehte und brachte Utz damit fast zum Lachen.
Die Morgenandacht war so langweilig, wie es sich anhörte und Ismar hatte Mühe sich gegen das Einschlafen zu wehren. Baldemarus hielt sein Versprechen und verweilte vorrangig in Ismars Nähe. Das war nervig, aber Ismar nahm die Herausforderung an.
Das Frühstück war recht karg und musste, wie sollte es anders sein, schweigend eingenommen werden. Nein, das war kein Leben für ihn, dessen war er sich schnell bewusst.
In den folgenden Tagen und Wochen musste er unzählige Male lernen, dass nichts was er konnte, den Vorstellungen des Klosters entsprach. Seine Schrift war zu ungestüm. Seine Wortwahl zu wenig gottesfürchtig. Erst recht sein Tatendrang war ein häufiges Ärgernis und wo immer er ein Schlupfloch suchte, war es, als würde jemand seine Gedanken lesen und sich einen Spaß daraus machen, seine Pläne zu durchkreuzen. Bald hatte auch seine Ausrede, dass er sich verlaufen hatte, ausgedient und nicht Wenige beäugten ihn misstrauisch, wenn sie ihm alleine begegneten.
Die Strafen, die er hier erfuhr, bereitetem ihm weit weniger Freude, als er es gewohnt war. Ständig musste er irgendetwas abschreiben. Oft waren es Notizen des Kochs mit den Vermerken, was sie verbraucht hatten. Baldemarus wurde dabei nicht müde, ihm Schläge anzudrohen, wenn zu Beginn der Erntezeit die Inventur nicht aufging, weil er sich verschrieben hatte. Widerworte führten allzu leicht zu neuerlichen Strafen und so schwieg er. Das Schreiben war monoton und bald schmerzte sein Handgelenk auch zu sehr. Beinahe hätte er darum gebettelt, irgendetwas anderes zu machen, und wäre es nur in der Küche zu helfen, das Gemüse zu schneiden. Doch scheinbar waren diese Strafen eher den Lieblingen im Kloster vorbehalten, wenn es beispielsweise Gruppenstrafen gab, weil abends Unruhe im Schlafzimmer herrschte, oder weil einer während einer Andacht eingeschlafen war.
Doch ohnehin hatte Ismar bemerkt, dass wenn die falsche Person wusste, was einem Freude bereitete, dass man sich dann sicher sein konnte, keine Gelegenheit mehr zu finden, es zu tun. So war es Ismar mit den Lesungen ergangen. Weil ihm das Reden fehlte, fand er schnell Gefallen daran, und schlecht war er auch nicht. Während die meisten Kinder diese Aufgabe scheuten, hatte er den Fehler gemacht, sich zu oft freiwillig zu melden, einzig um sprechen zu dürfen, und bald kam er gar nicht mehr dran.
„Sei bei der Sache. Du hast wieder nur Flausen im Kopf“, rügte ihn Baldemarus, der ebenfalls im Schreibzimmer war, um eine Buchkopie zu erstellen und gleichzeitig darüber zu wachen, dass Ismar seiner Strafarbeit nachging.
„Nein“, widersprach Ismar und sein Grinsen wurde noch breiter. Ihm war eine Idee gekommen und er genoss es wie Baldemarus auf einen Streit mit ihm gierte. „Nein“, wiederholte Ismar und legte seinen Kopf nachdenklich zur Seite. Baldemarus nahm bereits tief Luft. „Ich beginne nur Gefallen am Schreiben zu finden“, erklärte Ismar seine gute Laune.
„Was weißt denn du schon“, blaffte er ihn an.
„Wenn ich groß bin, möchte ich ebenso schöne Bücher schreiben können, wie sie Bruder Baldemarus.“ Ismar tat als würde er dessen Ärger nicht bemerken.
„Bücher sind nicht schön. Sie sind lehrreich!“, rügte ihn Baldemarus, da er keine andere Möglichkeit sah Ismar zu strafen.
„Mag sein“, blieb Ismar unbeirrt. „Aber es ist dennoch eine Kunst, so lehrreiche Bücher zu schreiben.“ Ismar nutzte was Wigandus ihm an Rhetorik gelehrt hatte. „Ich muss deshalb lernen, mit meiner Aufgabe eins zu werden.“ Ismar erlaubte sich nur ein kurzes Grinsen, senkte den Kopf und schrieb weiter. Er war sich vollends bewusst, dass Baldemarus ihn nun genau beobachtete.
Ismar spürte förmlich, wie er grübelte, wie er Ismar quälen konnte. Doch scheinbar hatte selbst er Regeln, an die er sich hielt und wenn es keinen Anlass für eine Strafe gab, gab es keinen. Doch war sich Ismar sicher, dass Baldemarus nichts unversucht lassen würde, um Ismar diese Anmaßung zehn und zwanzigfach zurück zu zahlen. Eines war besiegelt, er hatte nun einen Feind auf Lebzeiten. Doch wirklich stören tat es Ismar nicht. Heimlich freute er sich sogar über die Streitigkeiten mit ihm. Es schärfte seinen Verstand und sorgte zudem für einige Spannung in dem ansonsten eintönigen Tagesablauf. Er musste erneut grinsen, während er sich vorstellte, wie er Baldemarus mit Freundlichkeit, Fleiß und dergleichen ärgern würde. Baldemarus war ein einfach gestricktes Gemüt und Wigandus' Lehren nutzten Ismar in vielfacher Hinsicht. Baldemarus war schnell durchschaut. Er hatte selbst nicht viel zu sagen im Kloster und versuchte deshalb seinen Frust an den Kleinen abzulassen und so ein wenig das Gefühl zu haben, über Macht zu verfügen.
„Dir werde ich das Grinsen noch abgewöhnen“, konnte Baldemarus nicht mehr an sich halten.
„Das ist aber nicht nett“, zuckte Ismar unbekümmert mit den Schultern.
„Ich werde deinen Ungehorsam melden.“
„Dafür habe ich größtes Verständnis. An einem jedem ist es, seiner Pflicht nachzukommen.“ Ismar musste sich anstrengen nicht laut los zu prusten. Baldemarus' Gesicht schwankte zwischen Wut und Hilflosigkeit.
Ismar senkte den Blick und ließ ihn für den restlichen Nachmittag unten. Auch verkniff er sich ein weiteres Grinsen. Baldemarus stand an seinem Stehpult und tobte innerlich.
Ismar spürte, dass der Bogen bald überspannt war. Dennoch hoffte er, das erreicht zu haben, was er wollte. Diesmal verging die Zeit wie im Flug. Bald war Essenszeit, doch Baldemarus machte keine Anstalten seine Feder niederzulegen oder Ismar zu entlassen. Auch wenn Ismar merkte, dass er weit weniger schnell schrieb als üblich. Selbst als zu hören war, dass die anderen zu Tisch gingen, blieb Baldemarus eisern und stellte Ismar auf die Probe.
Obschon sein Magen knurrend Protest einlegte, gab Ismar keine Schwäche preis. Er musste mit anhören, wie Schüsseln ausgeteilt wurden. Wenig später drangen hölzerne Geräusche der Löffel, die verrieten, wie sich die Schüsseln leerten, über den Flur zu ihnen durch. Ismar schaute dennoch nicht auf. Auch wenn seine Hand fürchterlich schmerzte, schrieb er Wachstafel um Wachstafel die Notizen auf das Papier vor ihm. Einzig Baldemarus' Bösartigkeit verdankte er, dass der Turm vor ihm noch nicht leer war. Baldemarus machte sich gerne einen Spaß daraus, weit mehr Tafeln aus dem Schrank vor ihm aufzutürmen, als irgend möglich war, selbst in zwei Tagen zu schreiben. Inzwischen beschlich Ismar das Gefühl, dass einzig er selbst alle Notizen aus der Küche niederschrieb. Vielleicht war es Baldemarus' Aufgabe und so suchte er sich jemanden, der sie ihm abnahm. Das würde so manches erklären. Ismars Hand juckte schmerzhaft. Es gab aber keinen triftigen Grund, seine Feder niederzulegen und so schrieb er weiter.
Inzwischen waren die Anderen vom Tisch aufgestanden und Stimmen belebten das Kloster. Einige gingen in ihre Schlafgemächer, um sich kurz auszuruhen, andere suchten die Gemeinschaftsräume auf oder zogen sich in die Bibliothek zurück. Es war einer der wenigen Momente im Tagesablauf, die nicht vorbestimmt waren. Wenig später wurde es ruhiger in diesem Teil des Klosters.
Deshalb erschrak Ismar, als plötzlich jemand hinter ihm in der Tür stand. Zum Glück hatte er die Feder eben gehoben, um neue Tinte zu fassen.
„Bruder Baldemarus, ich habe euch am Tisch vermisst“, sprach Vater Ferdinand in nüchternem Ton. Baldemarus verzog sein Gesicht und suchte fieberhaft nach einer Erklärung. Jeder wusste, dass Vater Ferdinand es keineswegs schätzte, wenn jemand dem Abendmahl fern blieb.
„Verzeiht, Vater Ferdinand, es war meine Schuld. Ich habe Bruder Baldemarus gedrängt, dies fertigschreiben zu können.“
Baldemarus' Gesicht verzog sich noch länger, während er versuchte unschuldig drein zu blicken.
„Ismar, lügen ist eine Sünde. Aber dieses Mal will ich sie dir verzeihen.“
Er kam näher an Ismar heran und betrachtete sein Schaffen.
„Deine Schrift entwickelt sich“, begutachtete er, was er sah. Sein Ton ließ dabei offen, ob er es gut oder schlecht fand. „Sind das unsere Verbrauchslisten?“
„Ja, Vater Ferdinand“, bestätigte Ismar und spürte wachsenden Unmut.
„Wie kommt es, dass du sie abschreibst?“ Sein Blick machte deutlich, dass er nicht nochmal angelogen werden wollte.
„Ich habe gesündigt, Vater. Das ist meine gerechte Strafe.“
„Eine Sünde verlangt Buße und Einsicht“, holte Vater Ferdinand aus. „Aber war es eine Sünde oder vielmehr Ungehorsam, und wer legte dir diese Strafe auf?“ Vater Ferdinand ignorierte Baldemarus vollständig. Dieser stand wie auf heißen Kohlen. Sein Blick zeigte deutlich, dass er Ismar am liebsten die Zunge herausreißen würde. Doch er war zum Schweigen verdammt und musste tatenlos zusehen.
„Ungehorsam, Vater. Es war Bruder Baldemarus, der mich erwischt, gerügt und bestraft hat.“
Vater Ferdinand ließ seinen Blick auf Ismar ruhen und nahm sich Zeit zum Nachdenken. Auch er war aufgewühlt und ließ Baldemarus, der sich krampfhaft verteidigen wollte, links liegen.
„Deine Strafe ist hiermit abgeleistet. Du wirst heute hungrig zu Bett gehen und darüber nachdenken, was heute passiert ist.“
„Bruder Baldemarus, Morgen nach der Andacht werden sich alle, Mönche und Novizen, im Kapitelsaal einfinden. Tragen sie dafür Sorge, dass jeder Bescheid weiß.“
„Ja Vater Ferdinand.“ Baldemarus machte eine Faust hinter dem Stehpult und versuchte so ruhig wie möglich zu klingen, doch seinen Unmut konnte er nicht ganz verbergen.
„Geh nun in deinen Schlafraum, Ismar“, lotste Vater Ferdinand ihn aus Baldemarus’ Blickfeld. Ismar stand in keiner Weise der Sinn danach, diese Anordnung zu missachten. Hungrig ins Bett zu gehen, war in diesem Fall die beste Aussicht.
Während der Andacht am folgenden Morgen saß Ismar wie auf heißen Steinen. Nicht wegen dem, was er hörte, das bekam er ohnehin nur am Rande mit, sondern wegen Baldemarus’ Blicken. Wohl hatte er für sich entschieden, Ismar die Schuld daran zu geben, was nun geschehen mochte.
Vielleicht fand Ismar auch deshalb, dass die Andacht an diesem Morgen recht schnell abgehalten war. Trotz seines Hungers hielt sich seine Freude darüber in Grenzen.
Normalerweise verließen sie die Kapelle schweigend, doch diesmal war überall Getuschel zu hören. Vater Ferdinand machte sich nicht einmal die Mühe, sie zur Ruhe zu rufen. Als sie dann aus der Kapelle traten, mehrten sich die Stimmen und wurden lebhafter.
Es kam häufiger vor, dass Vater Ferdinand sie alle zusammen rief, doch wenn es nach einer Morgenandacht geschah, dann war das nie ein gutes Zeichen.
Nachdem alle Platz gefunden hatten, wartete Vater Ferdinand geduldig, bis Ruhe einkehrte und wanderte mit seinem Blick von einem zum anderen und wieder zurück. Er ließ ihn auf jedem ruhen, der glaubte noch etwas sagen zu müssen.
„Ich freue mich, dass ihr euch allesamt eingefunden habt“, begann der Abt und überblickte die Menge. Ismar hasste es, wenn die Wahrheit so leichtfertig strapaziert wurde. Aber scheinbar neigten alle Mönche dazu, für dergleichen eine Leidenschaft zu entwickeln. Zumindest klang es bei Vater Ferdinand nicht so selbstgefällig wie bei manch anderen Glaubensbrüdern.
„Danke Bruder Philipp für die Lesung heute Morgen. Geben wir uns Zeit, um die Worte sacken zu lassen.“
Ismar wurde es plötzlich heiß. Hätte er doch besser zugehört. Angestrengt versuchte er sich zu erinnern, um was es in der Lesung gegangen war.
„Wer weiß, was uns dieser Brief sagen wollte?“, fuhr der Prior nach einer kurzen Pause fort.
Erst zaghaft, dann lebhafter begann eine Diskussion über Fleiß, Ruhm und Eitelkeit. Baldemarus hielt sich aus dieser Diskussion entgegen seiner Art heraus. Allmählich begann Ismar zu dämmern, warum. Zwar konnte er sich immer noch nicht an die Lesung erinnern, aber er begriff, worauf Vater Ferdinand hinauswollte. Unruhig rutschte Ismar auf der steinernen Bank umher, und hörte mit an, wie die anderen Brüder Baldemarus verurteilten, ohne dass sie sich dessen bewusst waren. Aber auch Andere fühlten sich angesprochen und zeigten dies durch ihr Schweigen.
Vater Ferdinand ließ der Diskussion Zeit sich entfalten zu können und lenkte sie mit Zwischenfragen in die gewünschte Richtung.
„So ist es, so ist es“, sprach er langsam als die Diskussion abebbte. „Fleiß und Ehrgeiz sind jeweils ein zweischneidiges Schwert.“ Mit einem Nicken bedankte er sich für die Gedankenanstöße, der jeweiligen Redner. „Deshalb möchte ich auch eine neue Regel einführen, und mir war wichtig, dass ihr alle sie hört.“ Er sprach ganz ohne Eile und erlaubte seinen Worten Wirkung zu entfalten. „Es geschieht zu eurem Schutze, da ich euch vor der teuflischen Versuchung des falschen Ehrgeizes bewahren möchte.“
Er legte eine Pause ein und sah einen Jeden einzeln an und schloss mit einem gütigen Lächeln.
„Ihr Novizen geht des Öfteren Fehl. Dies nehme ich euch nicht böse, es ist das Vorrecht der Jugend, einen Umweg zu gehen. Aber es bedarf Strafen, um zu leiten. Sie schärfen den Charakter, den Glauben, den Geist und bisweilen übernehmt ihr dadurch wichtige oder sogar ehrvolle Aufgaben für das Kloster.“
Einigen Novizen war es zwischendurch unwohl in ihrer Haut geworden, doch nun begannen sie sich zu beruhigen.
„Ich möchte aber verhindern, dass solche Strafen den einzelnen Mönchen als Hilfe für ihre eigenen Aufgaben dienen. Darum“, er machte eine lange Pause, „erlasse ich folgende Regel: Jedem Mönch ist es gestattet, wo nötig, Strafen zu erteilen, aber er muss einen anderen Mönch benennen, bei dem der Betroffene sie absitzen muss. Damit solltet ihr vor falschem Ehrgeiz geschützt sein. Wer eine Strafe erhält, die dagegen spricht, ist sogleich von ihr befreit und stattet mir Bericht.“ Ein Raunen ging durch die Menge. Die Mönche begannen zu diskutieren. Eine solche Demütigung hatten sie lange nicht mehr erfahren. Die Novizen tauschten verwunderte und teilweise erleichterte Blicke aus.
Ismar fing einen bösen Blick von Baldemarus ein und versuchte, seine Freude zu verbergen. Er hätte nie gedacht, so gut aus dieser Angelegenheit heraus zu kommen.
Der unerwartete Besuch
Am fünften Tag ihrer Reise schlug das Wetter um und es regnete. Nach einem kräftigen Schauer gegen Mittag, wollte es gar nicht mehr aufhören. Auch an diesem Tag wartete Hönnlin vergeblich auf eine Klage von Clara. Anfangs fand sie es gar lustig. Doch gegen Abend hin fröstelte sie unter ihrem Kapuzenmantel und an den Beinen war sie nass.
„Das Schlimmste wird die Nacht, wenn wir es nicht schaffen, Feuer zu machen.“
„Oh stimmt, daran habe ich gar nicht gedacht. Dabei habe ich mich schon darauf gefreut, mich am Feuer zu wärmen.“
„Ist dir kalt?“
„Ein wenig“, gestand Clara. Für sie war das immer noch nur ein großes Abenteuer. Sie genoss es, und sehnte sich überhaupt nicht zurück ins Kloster.
„Lass uns noch eine gute Stunde weiter gehen. Solange wird es wohl noch regnen. Glaub mir, im Gehen ist der Regen weniger schlimm, als wenn wir rasten.“
„Wenn sie das sagen“, lächelte Clara. Sie hatte jede Scheu vor ihm verloren und vertraute ihm.
Sie wanderten noch geschlagene zwei Stunden bis, dass der Regen endlich abschwächte. Am späten Abend musste Hönnlin alle Register ziehen, um trotz des Regens ein Feuer zu entfachen. Für ihn war es nicht so wichtig, da es trotz des Regens noch recht mild war, aber er fürchtete, dass Clara krank würde, wenn sie sich nicht aufwärmen konnte.
Mit dem trocken eingewickelten Reisig und Blättern, die er stets für den Folgetag einpackte, schaffte er es, ein kleines Feuer zu entzünden, dem er dann vorsichtig weitere Nahrung gab. Das Feuer knisterte wild während es sich des nassen Holzes annahm. Hönnlin baute ein kleines Überdach aus Ästen, Reisig und Blättern. Clara half ihm ebenso fleißig wie fasziniert.
Erst als es dunkel wurde, hielt es ganz auf zu regnen und so gab Hönnlin Clara die Ersatzkutte, die er ihretwegen eingepackt hatte. Die nasse Kutte hängte er neben das Feuer.
Hönnlin beugte sich nach vorne, um nach dem Feuer zu sehen. „Wir sind nicht allein! Denk an das, was ich dir gesagt habe. Sieh keinem in die Augen!“
Clara war dabei sich die Hände vor dem Feuer zu reiben und hielt inne. Ihr Herz begann wild zu schlagen. Hönnlin hatte ihr so viel gesagt. Die Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Mit einiger Verzögerung merkte sie, dass sie so tun sollte, als wüsste sie von nichts und rieb sich weiter die Hände.
„So“, richtete sich Hönnlin auf. „Jetzt können wir endlich etwas kochen. Ich vergehe gleich vor Hunger.“
Clara wollte etwas antworten, doch ihr Mund brachte nichts hervor. All die Male, wo Hönnlin ihr erzählt hatte, dass so etwas passieren könnte, hatte es ihr nichts ausgemacht. Doch nun erfüllte sie Angst. All die Geschichten über die Abtrünnigen schossen ihr durch den Kopf. Einige erzählten gar sie würden andere bei lebendigem Leib essen. Schauer liefen ihr über den Rücken und lähmten sie. Fortwährend rieb sie sich die Hände und verspürte unablässig den Drang sich umdrehen zu müssen.
„Ich finde das ist das Beste am Reisen“, versuchte Hönnlin ein unauffälliges Bild abzugeben.
„Waldpilzsuppe.“ Hönnlin gab die Zutaten in den Topf mit dem noch kalten Wasser.
„Findest du nicht auch, George?“
Clara nickte stumm.
„Ich hoffe nur, dass wir Morgen mehr Glück mit dem Wetter haben.“ Hönnlin rührte im Topf und begann die Suppe abzuschmecken, ohne sich daran zu stören, dass er keine Antwort erhielt. Mit sich und der Welt zufrieden, schien er voll und ganz damit beschäftigt, sich um die Suppe zu kümmern.
Clara ärgerte sich über sich selbst und versuchte ihre Lähmung zu überwinden.
„Ich habe das Gefühl als würde ich nie mehr warm werden.“
„Nun“, lachte Hönnlin auf. „Dann bist du wohl nicht fürs Reisen geboren.“ Hönnlin gab weitere Kräuter hinzu. „Aber die Suppe wird helfen. Du wirst sehen, sie muss jetzt nur noch ziehen. Hohl schon mal die Schüsseln heraus.“
Clara stand auf und suchte im Gepäck nach Schüsseln. Es half ihr zu wissen, was sie tun sollte.
„Wie ich sehe, gibt es hier etwas zu essen?“ Der Fremde sprach französisch und sein Aussehen ließ keinen Zweifel daran, dass er ein Abtrünniger war. Seine Haare und sein Bart waren ungepflegt, seine Kleider schmutzig und verschlissen. Seine Stimme und sein Tonfall waren aber nicht unfreundlich, auch wenn seine Art eine gewisse Heimtücke nicht verstecken konnte.
„Du siehst richtig. Wenn du magst kannst du dich mit dazu setzen.“ Hönnlin ließ sich nichts anmerken. Nur Clara stand wie angewurzelt da und starrte den Mann an.
Hönnlin bot dem Fremden neben sich einen Platz an und nickte in Claras Richtung, damit sie sich setzte.
„Zu freundlich der Herr!“ Der Fremde setzte sich zu ihnen als wäre dies für ihn alltäglich.
„Aber bekommt ihr dann nicht zu wenig?“, erkundigte sich der Neuankömmling. Das Mitgefühl in seiner Stimme war wohl geübt.
„Es sollte reichen, zur Not habe ich noch einen Kanten Brot.“
Der Mann nickte nachdenklich. „Würde es euch etwas ausmachen, wenn ich meine Frau dazu rufe. Wir haben seit einer Woche nichts Richtiges mehr gegessen.“
„Nur zu, dann gebe ich noch einige Pilze hinzu.“
„Zu gütig der Herr“, nickte der Mann eifrig. Dann stand er mühsam auf. Dabei griff er sich an den schmerzenden Rücken. Er atmete zweimal schwerfällig und griff sich mit zwei Fingern in den Mund.
Ein gellender Pfiff ertönte und in einem weiten Umkreis erhoben sich die Vögel in den dunklen Himmel.
Erleichtert setzte der Mann sich wieder hin.
„Mit dem Pfiff kann man ja Tote erwecken“, scherzte Hönnlin anerkennend. Clara war nun starr vor Angst.
„Meine Frau hat schlechte Ohren“, lachte der Mann und hielt den Topf im Auge.
Hönnlin war dabei nachzufüllen. Er gab ihren ganzen Vorrat an Pilzen hinzu. „Ich möchte nicht, dass ihr nachher hungrig aufstehen müsst“, erklärte Hönnlin, als er seine weit geöffneten Augen sah. Der Topf war bis oben hin gefüllt und er musste beim Rühren Acht geben, damit er nichts verschüttete.
„Zu gütig der Herr!“ Ihm lief förmlich das Wasser im Mund zusammen und er zog sich fortwährend die Lippen in den Mund.
Eine Weile war außer dem Knistern des Feuers nichts zu hören. Dann aber hörte Hönnlin Schritte und kurze Zeit später trat eine Frau zwischen den Bäumen hervor. Aber nicht nur dort raschelte es. Auf der anderen Seite bewegten sich das Gestrüpp ebenfalls. Er hörte wie sie kurz innehielten, doch der Erste war schnell beruhigt und schritt selbstbewusst hervor. Gleich darauf traten zwei weitere Männer hervor.
„Oh, da sind aber viele hungrig“, lachte Hönnlin erheitert auf und tat als würde er die bedrohliche Spannung nicht spüren. Die Umzinglung war taktischer Natur, falls sie Beide sich hätten zur Wehr setzen wollen.
„Es sind harte Zeiten“, erklärte der Mann, der neben Hönnlin saß. Sein fixierter Blick auf den Topf verriet, dass er nicht Zeit mit Reden verlieren wollte.
„Es wird aber knapp werden“, gab sich Hönnlin besorgt.
„Keine Sorge, das wird schon reichen!“ Einer der neuangekommenen Männer trat näher und begutachtete den Topf. Seine Stimme war gebieterisch und hatte nichts für gespielte Freundlichkeit übrig. „Gib die Teller rüber. Ihr müsst nichts essen“, erklärte er, wie er es sich vorstellte.
„Mein Herr ihr seid sehr grob“, entrüstete sich Hönnlin.
„Ich bin hungrig und jetzt gib her, bevor ich mich vergesse!“
„Mathias, sei nett zu unseren Gastgebern. Sie waren auch sehr freundlich zu mir“, mischte sich der sitzende Mann ein und verteidigte Hönnlin scheinheilig.
„Dann sorg dafür, dass ich gleich was zu essen habe!“
„Ihr werdet sicher Verständnis dafür haben“, entschuldigte sich Jules für das Benehmen seines Anführers. „Es sind harte Zeiten“, wiederholte er, als wäre damit alles gerechtfertigt.
„Wohl wahr“, pflichtete Hönnlin ihm bei. „Der Herr hat mich zu euch geführt, also wird es sein Wille sein, dass ihr heute satt werdet“, nickte Hönnlin fromm und füllte eine der Schüsseln, um sie dem Mann zu reichen.
„Worauf wartet er, ich habe Hunger“, protestierte Mathias.
Hönnlin nahm Clara rasch die zweite Schüssel ab. „Verzeiht, George versteht kein Französisch.“ Er füllte die Schüssel. „Die Herren haben Hunger. Sie sind heute unsere Gäste“, erklärte Hönnlin unnötiger weise auf Deutsch. Clara nickte stumm und ließ den Blick gesenkt.
„Geht doch!“, Mathias flößte sich gleich die Suppe ein.
Auch die Anderen traten näher und Hönnlin füllte Mal um Mal die Schüsseln nach, bis dass der Topf völlig leer war.
„Er hat noch Brot“, erinnerte sich Jules.
„Er wird noch so manches haben“, gab sich Mathias zuversichtlich. „Nur her damit“, wank er in Hönnlins Richtung. „Nur keine falsche Scheu.“
„Sehr wohl“, antwortete Hönnlin kleinlaut. „Wie du meinst.“
„Das fromme Mönchspack ist heute aber ganz schön artig“, lachte Mathias selbstgefällig und wies Hönnlin an, ihre Taschen zu leeren.
Er nahm alles Essbare hervor, nur die Bücher ließ er verborgen, aus Angst, sie würden ins Feuer geworfen.
„Am besten ihr lasst gleich alles hier, auch den Esel, und seht zu, dass ihr verschwindet.“
„Der Herr gibt, der Herr nimmt“, betete Hönnlin. „Seine Wege sind unergründlich.“
„Mach, dass ich dir nicht das Leben nehme, wenn du nicht aufhörst so fromm zu quatschen.“
„Nein, das darfst du nicht!“, rief die Frau dazwischen.
„Oh, ihr und euer Aberglaube“, lachte Mathias und brummte verstimmt, da er um seinen Spaß betrogen wurde. „Heute ist euer Glückstag. Ich nehme euch eure Sachen und schenke euch euer Leben.“
„Zu gütig der Herr“, konnte es sich Hönnlin nicht verkneifen und streichelte ein letztes Mal seinen Esel. „Möge der Herr euch ein langes Leben bescheren. Er allein weiß, wie hart und entbehrungsreich euer Leben ist.“ Es war nie verkehrt Abergläubische versöhnlich zu stimmen.
„Ich weiß nicht, wie mir das schmecken soll.“ Mathias stand breitbeinig und mit verschränkten Armen da und betrachtete Hönnlin misstrauisch. „Jetzt haben wir mal Glück einen auszurauben und der tut als wäre es das Normalste auf der Welt. Das macht doch keinen Spaß.“
„Lass ihn doch. Er ist ein guter Mönch.“
„Aber sonst konnte man sich immer so schön prügeln!“
„Lenk nicht seinen Zorn auf uns!“, flehte die Frau und fürchtete sich vor irgendwelchen Zaubersprüchen oder Flüchen.
„Der Mistkerl regt sich aber nicht einmal auf.“ Mathias betrachtete die Zwei vor sich. „Nur der Knabe sieht aus, als hätte er sich in die Kutte gemacht“, lachte er auf und zwei der Männer fielen mit in sein Gelächter ein.
„Er ist fromm“, verteidigte die Frau Hönnlin. „Er wird bestimmt einmal heilig gesprochen“, hauchte sie andächtig und ihre Furcht wurde noch größer.
„Aber dann kann ich mir einen Spaß mit dem Jungen erlauben. Der wird bestimmt nicht heilig gesprochen, soviel Scheiße, wie der in der Hose hat“, grölte Mathias auf.
„Es ist seine erste Reise, seid bitte nachsichtig“, bat Hönnlin und überlegte, wie er die Aufmerksamkeit wieder auf sich lenken konnte. „Ich bin schon viel gereist und viele Male ausgeraubt worden“, erklärte Hönnlin. „Ich habe gelernt mich nicht zu wehren, wenn es keinen Sinn hat. Ich gebe euch, was ich besitze und behalte dafür mein Leben. Würde ich anders handeln, würde ich beides verlieren.“
„Da kannst du Gift drauf nehmen!“ Mathias gefiel es immer noch nicht und seine geballten Fäuste wollten sich abreagieren.
„Aber dann hältst du uns für böse.“ Der Frau wurde es noch unwohler.
„Böse Menschen rauben nicht um satt zu werden!“, erklärte Hönnlin. „Böse Menschen erheben ungerechte Steuern von Bauern, die dann hungern müssen. Sie tragen Rüstungen und nehmen sich, was sie wollen und sie töten und quälen einzig aus Vergnügen“, machte Hönnlin deutlich, dass sie bis jetzt noch keinen Fluch von ihm zu befürchten hatte.
„Mathias, du darfst ihnen nichts tun“, redete Jules, der immer noch am Feuer saß, auf ihn ein.
„Ja doch, ich habe es verstanden.“
Hönnlin senkte sein Haupt zum Abschied und zog Clara neben sich, damit sie mit ihm ging.
„Warte“, rief Mathias.
Hönnlin blieb stehen und drehte sich langsam um.
„Die Schuhe! Ich will deine Schuhe!“
Hönnlin atmete tief ein. Der wollte unbedingt mit ihm spielen.
„Wenn es sein muss“, entgegnete Hönnlin mit deutlichem Missfallen.
„Das muss es!“
Hönnlin zog seine Schuhe aus und stellte sie vor sich.
„Der Junge auch.“
„Ich bitte euch. Mir wird es nichts anhaben, aber er ist es nicht gewohnt. Es würde seinen Tod bedeuten und ohnehin sind seine Schuhe zu klein für einen von euch.“
„Mathias, bitte!“, flehte die Frau.
„Gut“, stieß Mathias gelangweilt die Luft aus. „Wenn ihr mich alle so bittet, dann lass ich es für diesmal gut sein“, gab er sich großzügig und scheuchte die Beiden fort.
Hönnlin musste Clara kräftig ziehen, damit sie mitkam. Obwohl sie nichts wie weg wollte, lähmte sie ihre Angst.
„Beruhig dich“, redete Hönnlin auf sie ein, als sie außer Hörweite waren. „Es ist nichts passiert.“
Clara antwortete nicht, aber ihr Widerstand ließ nach und er hörte wie sie weinte.
Sie gingen eine viertel Stunde bevor Hönnlin es wagte stehen zu bleiben. Clara war völlig steif und Hönnlin versuchte sie zu beruhigen. Erst als er merkte, wie allmählich mehr Leben in ihre Züge einkehrte, setzte er den Weg fort.
„Es tut mir leid. Das wird heute eine lange Nacht.“
Clara nickte, brachte aber kein Wort heraus.
„Keine Angst, die sehen wir nicht wieder.“
Nach einer weiteren viertel Stunde blieb er erneut stehen.
„Hier bist du sicher.“
Clara sah ihn mit großen Augen an. Es war längstens dunkel und die Stimmen der Nacht hatten den Wald für sich gewonnen. „Wie meinst du das?“, fragte sie ängstlich.
„Ich muss zurück unsere Sachen holen“, setzte er an.
„Lassen sie mich nicht allein.“ Sie griff nach seinem Arm. „Sie kommen nicht zurück.“
„Doch, es wird mir nichts passieren. Sie schlafen jetzt tief und fest und wir brauchen unsere Bücher und unsere Habseligkeiten.“
„Dann komme ich mit! Lassen sie mich nicht allein.“
„Unsinn, selbst die geringste Gefahr ist mir für dich zu hoch. Wenn doch einer wach ist, wird es zum Kampf kommen.“
„Mönche können aber nicht kämpfen“, schüttelte Clara den Kopf und hoffte er würde nicht zurück gehen. Sie werden sterben.“
„Auf Reisen lernt man viel“, entgegnete er. „Und ich habe ihnen einen Schlaftrank gebraut. Es muss viel schief gelaufen sein, wenn auch nur einer ein Auge aufmacht.“
„Dann nehmen sie mich mit!“
„Das möchte ich nicht. Was wenn noch andere in der Nähe waren. Ich schleiche mich an und du würdest uns beide in Gefahr bringen. Du kletterst doch so gut. Ich dachte du könntest dir hier einen Baum aussuchen und hochklettern. Dann wartest du oben in Sicherheit.“
„Aber“, setzte Clara an. „Aber ich habe Angst.“
„Ich auch, um dich. Deshalb möchte ich, dass du hier wartest.“
Clara schluckte den Klos hinunter.
„Auf dem Baum bist du sicher. Ich werde mich beeilen.“
Clara merkte, dass sie sich fügen musste. Ohnehin verspürte sie wenig Lust zurück zu gehen.
„Bei meiner Rückkehr kann es sein, dass ich dich nicht direkt finde. In der Nacht sehen alle Bäume gleich aus. Wenn du Schritte hörst, ruf auf keinen Fall nach mir und mach auch sonst keinen Lärm, der dich verrät.“
„Aber wenn ihr es doch seid und mich sonst nicht findet?“, fragte Clara ängstlich.
„Warte“, kam Hönnlin auf eine Idee. Er bückte sich und suchte auf dem Boden umher. „Hier, das sollte reichen.“ Er reichte ihr einen morschen Ast. „Nimm den mit dir hoch und brich ihn dir in kleine Stücke. Wenn du glaubst mich zu hören, werfe ein Stück hinunter. Wenn ich nicht reagiere, dann bin ich es nicht. Wirf auf keinen Fall ein zweites in kurzem Abstand.“
Clara nickte verunsichert.
„In Ordnung?“, fragte Hönnlin nach.
„Ja“, hauchte Clara. Sie schluckte. „Ja“, wiederholte sie und wollte entschlossener klingen.
„Gut, jetzt klettre hoch. Ich warte bis du sicher oben bist. Such dir eine Stelle, wo du bequem sitzen kannst. Du wirst eine Weile dort sitzen.“
Clara nickte und suchte sich einen dicken Baum aus. Trotz der Dunkelheit hatte sie keine Mühe hinauf zu gelangen. Als sie oben war konnte Hönnlin hören, wie sie den Ast gleich in Stücke brach.
Er rieb sich nachdenklich die Stirn. Auch ihm gefiel es nicht, Clara allein zurück zu lassen. Er hatte aber keine große Wahl. Der Verlust für ihn war schon beachtlich, aber wenn er Claras Vermögen nicht zurück erlangte, würde sie im Kloster vielleicht nicht eingelassen und er als Dieb verhaftet werden.
Selbst für ihn war es nicht einfach, den Weg zurück zu finden, obgleich er versucht hatte, sich markante Stellen einzuprägen. Aber aus der entgegengesetzten Richtung, war es bei Tage schon nicht einfach. Doch schließlich hatte er Glück. Von ihrem siegreichen Überfall versichert, hatten sie das Feuer geschürt. Der Schein führte ihn schließlich zu ihnen. Sie lagen allesamt um das Feuer, das munter brannte. Sie schliefen tief und fest.
Das geklaute Essen ließ er ihnen. Demonstrativ legte er es auf einen kleinen Haufen zusammen. Ihm ging es um die anderen Dinge. Er nahm die gesuchten Habseligkeiten, streichelte seinen Esel beruhigend, damit dieser still bleiben sollte, und band ihn los, damit er im Zweifelsfall schnell fortkam. Mathias, der seine Schuhe trug, zog er diese aus und stellte damit zufrieden fest, wie sein Gebräu Wirkung zeigte. Mathias gab nur ein kurzes Zucken von sich und drehte sich zur Seite, wo er sich zusammen kauerte. Hönnlin nahm seinen Spaten und zeichnete ein großes Kreuz in den Waldboden, genau dort, wo der Proviant aufgehäuft lag. Aberglaube war bisweilen sehr hilfreich und wollte gepflegt sein. Dann nahm er Laub auf den Spaten und verstreute es großzügig über die Schlafenden. Das würde ihnen einen schönen Schreck bereiten, wenn sie am Morgen aufwachten. Er betrachtete sein Werk, legte zwei gebrochene Äste ins Feuer nach und verschwand mit einem zufriedenen Lächeln in die Dunkelheit.
Die ersten Schritte waren die schwierigsten, da seine Augen noch an das Licht des Feuers gewöhnt waren. Aber er gewöhnte sich rasch an das spärliche Licht. Nur seinem Esel gefiel es nicht, ins Dunkel zu gehen, auch wenn Hönnlin schon oft das Gefühl hatte, dass er deutlich besser im Dunkeln sah als er selbst. Wohl auch deshalb ließ dessen Widerstand nach als sie den Schein des Feuers hinter sich ließen.
Nach einer Weile wurde Hönnlin aber selbst unruhig. Er erkannte keine Stelle wieder. Er wusste grob die Richtung und dass er bald bei Clara sein musste. Aber er war sich nicht ganz sicher, wo er war. Sein Esel spürte seine Unruhe und durchschnitt die Stille mit seinem Schreien.
„Dass du dummer Esel nicht still sein kannst, wenn du es sollst“, streichelte Hönnlin seinen Esel an den Wangen und hinter den Ohren, dort wo er es mochte, um ihn zu beruhigen.
Vergeblich horchte er nach einem Zeichen. Er setzte den Weg fort, blieb aber nun alle hundert Schritt stehen. Sein Gefühl sagte ihm, dass er nicht mehr weit weg sein konnte.
Nach dem fünften Halt wechselte er die Richtung und ging schräg zurück. Das wiederholte er zweimal bis er endlich etwas in einiger Entfernung fallen hörte.
Er wechselte abermals die Richtung, aber dennoch fand er Claras Baum nicht. Wer wusste wie weit sie in seine Richtung geworfen hatte und in der Nacht waren die Geräusche trügerisch.
Erst jetzt fiel ihm ein, dass er auch für sich ein Zeichen hätte vereinbaren sollen, denn er wollte sie nun ungern rufen. Wer wusste, wer in diesem Wald noch alles wach sein würde.
Er blieb stehen und wartete. Vielmehr blieb ihm nicht übrig. Das nächste Stück fiel keine zehn Meter von ihm entfernt. Nach fünfzehn Metern sah er einen dicken Baum und glaubte ihn wiederzuerkennen.
„Clara“, flüsterte er als er darunter stand.
„Bruder Johannes!“, stieß sie erleichtert aber leise hervor und kletterte hinab.
„Endlich, ich hatte so schrecklich Angst“, fiel sie ihm in die Arme.
„Es ist alles in Ordnung.“ Er fuhr ihr mitfühlend über den Kopf. Sie zitterte am ganzen Leib.
Abermals ließ der Esel ein Schreien ertönen, weil er sich freute Clara wiederzusehen und stupste sie an. Doch diesmal bekam er nichts zu fressen. Stattdessen kraulte Clara ihn hinter den Ohren. Die Zwei hatten sich rasch angefreundet, stellte Hönnlin erfreut fest.
„Was meinst du?“, fragte Hönnlin. „Meinst du, du kannst jetzt schlafen?“
Clara sah ihn an, überlegte kurz und schüttelte zaghaft den Kopf.
„Gut“, atmete Hönnlin erleichtert aus. „Ich würde ohnehin noch lieber eine halbe Stunde gehen, dann eine Rast einlegen und morgen sehr früh aufbrechen. Was immer auch passiert, ich glaube es ist besser, wenn wir denen kein zweites Mal begegnen.“
Clara nickte wie in Trance. Ihr war alles recht, solange sie nicht in die Nähe der Abtrünnigen musste. Bei Nacht durch den Wald zu gehen, war keine leichte Angelegenheit und sie kamen weit weniger schnell voran als am Tag und so gab es Hönnlin noch vor der halben Stunde auf. Fürs erste würde sie keiner einholen und wenn sie morgen früh losgingen, dann war die Fläche, die die anderen absuchen müssten viel zu groß, als dass sie eine Chance hätten sie zu finden. Aber Clara hatte schwer gelitten. Obschon sie mehr als müde war, fand sie lange keinen Schlaf. Auch kam sie aus dem Frieren nicht mehr heraus, weil Hönnlin kein Feuer wagte und wohl auch keines zustande bekomme hätte. Die einzige Wärme, die Hönnlin ihr geben konnte, war die seines Esels. Clara lag eng an seine Seite geschmiegt, da Hönnlin ihr versichert hatte, dass er ruhig schlief, erst recht, wenn er selbst seiner Wärme bedurft hatte.
Mit beginnender Morgendämmerung schreckte Hönnlin aus dem Schlaf. Er hatte ein Geräusch gehört. Er blickte sich bedächtig um. Es war wohl ein Tier gewesen. Trotzdem stand er auf und ging in einem weiten Kreis um ihr notdürftiges Lager. Es war kein Mensch weit und breit. Dennoch wurde er seine innere Unruhe nicht los als er vor Clara stand. Ihre Augen flackerten ängstlich im Schlaf. Er blieb unentschlossen stehen. Es war wahrscheinlich übertrieben, aber er wollte weiter. Aus Erfahrung wusste er, dass einzelne Grüppchen an Abtrünnigen selten weit verstreut waren. Oft gingen sie ihre eigenen Wege, aber doch hielten sie sich in den gleichen Gegenden auf. Es war sicherer Verbündete in der Nähe zu haben und wenn ihre Gäste von heute Nacht aufwachten, würden sie vielleicht Alarm schlagen.
Mit diesem Wissen bückte er sich. „Wach auf“, fuhr er ihr sanft an die Schulter. Sie war viel zu schnell wach und wollte sich gleich aufrichten. „Es ist alles in Ordnung. Ich möchte nur weiter.“
Clara nickte und stand auf. Der Aufbruch ging rasch von statten.
„Es tut mir leid, dass das passiert ist.“ Hönnlin machte sich deshalb große Sorgen.
„Sie konnten doch nichts dafür“, sprach Clara endlich und versuchte sich an einem Lächeln.
Sie schluckte angestrengt, da ihre Kehle ganz trocken war.
„Ich habe fürchterlich Durst“, sorgte sie sich jetzt um andere Dinge und ging zum Esel der unbekümmert hinter ihnen her schritt. Dort hing ihre Trinkflasche.
„Nimm nur kleine Schlucke“, riet Hönnlin dem eben erst auffiel, dass er das gleiche Bedürfnis empfand. Er griff zu seiner Flasche. „Sonst kullert das Wasser nachher in deinem Bauch.“ Er setzte zum ersten Schluck an. „Das ist kein gutes Gefühl.“
Clara zwang sich sichtlich nicht gleich die ganze Flasche zu leeren.
„Wie sieht es mit deinem Hunger aus?“, wollte Hönnlin wissen.
„Habe ich auch. Aber ich dachte es ist besser, wenn wir jetzt keine Rast machen?“
„Tapferes Mädchen“, lobte er Clara. „Ohnehin muss ich gestehen, dass wir nichts mehr zu essen haben.“ Hönnlin setzte eine Miene auf, die sein schlechtes Gewissen zeigte.
„Aber“, begann Clara verwirrt. „Aber sie waren doch alles zurückholen?“ Clara konnte das nicht recht verstehen.
„Ja und nein“, gestand Hönnlin. „Ich habe alles geholt, was wir wirklich brauchen. Viel von unseren Rationen hatten die Fünf ohnehin bereits in sich gestopft. Den Rest habe ich ihnen gelassen.“
„Aber wieso? Werden wir jetzt verhungern?“ Clara war gleichermaßen verwirrt und besorgt.
„Werden wir nicht. Nicht wenn du mit mir unterwegs bist und nicht zu dieser Jahreszeit. Wir werden alles finden, was wir brauchen. Wir werden nur etwas Zeit verlieren.“
Clara nickte bloß. Sie konnte es sich nicht vorstellen. Ja, er hatte ihr bereits Einiges gezeigt, und die Pilze vom gestrigen Abend hatten sie selbst gepflückt. Aber konnten sie so viel finden, dass es für den Rest des Weges reichte?
„Du hast gefragt, warum?“, fuhr Hönnlin fort.
Clara nickte.
„Es gibt zwei Gründe“, erklärte er. „Erstens führen sie ein hartes und vielleicht ungerechtes Leben und die Freude wollte ich ihnen nicht nehmen.“
Das machte keinen Sinn, fand Clara.
„Zweitens musst du eines bedenken, merk dir das gut, man begegnet sich immer zwei Mal im Leben. Und selbst wenn nicht, so wollte ich sie freundlich stimmen, denn sie werden dies auch bei anderen Reisenden versuchen und dann ist es gut, wenn sie nicht böse gestimmt sind.“
„Aber sie sind doch böse“, widersprach Clara.
„Nein Clara, die Fünf waren nicht böse und das war unser Glück.“
„Aber Mathias“, begann Clara und wusste nicht recht, wie sie ihn beschreiben sollte.
„Auch er nicht. Ja, er war grob, aber nicht böse. Eigentlich wollte er sich nur aufspielen. Das tun die meisten Menschen, wenn sie glauben über etwas Macht zu verfügen.“
„Aber noch keiner wollte mich töten!“
„Mathias wollte das auch nicht. Er wollte uns nur einen Schrecken einjagen.“
Sie redeten noch eine Weile darüber, da es Hönnlin wichtig war, dass Clara den Unterschied verstand. Als Clara ihm nicht länger widersprach und über alles nachdachte, erzählte er, wie er zu den Fünf zurückgekehrt war, und wie er ihnen für den heutigen Tag einen Schrecken vorbereitet hatte.
Daraufhin musste Clara lachen und stellte sich vor, wie sie an diesem Morgen aufgewacht waren und vielleicht wild umhersprangen, um das Laub von sich abzuschütteln. Sie konnte förmlich hören, wie Mathias fluchte, während die Frau betete, dass es keinen Fluch gab, der auf ihnen lag.
„Es gibt einen Spruch, den du dir merken sollst“, gab Hönnlin sein Wissen weiter. „Wie du in den Wald rufst, so schallt es heraus.“
„Was soll das bedeuten?“
„Oh, in diesem Fall ist es ganz einfach. Respektiere die, die im Wald wohnen und sie werden dich respektieren“, erklärte er. „Nun ja, vielleicht auf ihre Art“, ergänzte er als Clara in skeptisch ansah. „Aber es zählt auch anderswo. So wie du dich benimmst, werden die Anderen auf dich reagieren. In der Bibel steht geschrieben: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das bezieht sich auf das Negative, aber es geht auch im Positiven.“
„Aber warum sind so viele böse?“
„Weil Hass eine starke Frucht ist. Säe einmal Hass und du kannst sicher sein, dass du ihn hundertfach erntest. Mit Nachsicht, Respekt und Liebe verhält es sich leider anders. Es kann sein, dass du sie ein Leben lang aussähst und später an dem Unkraut erstickst, den die Anderen gesät haben.“
„Aber das ist nicht gerecht“, protestierte Clara.
„Nein, das ist es nicht. So funktioniert die Welt auch nicht. Der Herr wird über uns richten, und er allein weiß, was gerecht ist“, kündete Hönnlin von seinem Glauben. „An jedem einzelnen von uns ist es zu entscheiden, wie er leben will und welche Frucht er säen möchte.“
„Ich möchte gerecht leben und das Gute säen“, verkündete Clara. Hönnlin erschrak, wie entschlossen sie das aussprach.
„Das möchte ich auch“, sprach Hönnlin nach einer Weile. Clara war in Gedanken versunken.
„Dann setzen sie deshalb die Nussbäume?“
„Ja auch, ich finde es ein beruhigendes Gefühl zu wissen, etwas gesät zu habe, das Früchte trägt. Findest du nicht?“
Clara nickte und stellte sich vor, wie eine Reihe von Bäumen sich dort erstreckte, wo Hönnlin gereist war.
„Aber wir haben jetzt keine Nüsse mehr“, schreckte Clara aus ihren Gedanken auf.
„Nein, haben wir nicht“, lächelte Hönnlin und freute sich über ihre Teilnahme. „Wenn du im Kloster bist, werde ich Kräuter und Pilze sammeln und sie in Städten gegen Nüsse eintauschen. Ich hatte darüber nachgedacht, ob ich einige Nüsse entwenden sollte, doch ich habe mich entschieden in der folgenden Wochen je zwei Nüsse pro Tag zu pflanzen. Eine mittags, eine abends.“
„Ich möchte euch helfen“, entschloss sich Clara begeistert.
„Wir werden schon so genug sammeln, um satt zu werden. Auch möchte ich Pilze eintauschen, damit wir nicht die nächste Zeit allein von Pilzen und Kräutern leben müssen.“
„Dann sammeln wir einfach ein wenig mehr“, entschied Clara und lächelte Hönnlin herausfordernd an.
„Aber dann verlieren wir zu viel Zeit“, entgegnete Hönnlin. „Wir werden so bereits langsam sein.“
„Es eilt doch nicht“, grinste Clara ihn an.
„Willst du denn nicht zurück ins Kloster. Ein Dach über dem Kopf, ein Bett?“ Hönnlin hatte zu Beginn der Reise alles für möglich gehalten, aber nicht, dass die ihm anvertraute Novizin am Reisen Gefallen finden könnte.
Clara schüttelte gleich den Kopf, überlegte kurz. „Nein“, grinste sie schelmisch. Es klang nach einer Mischung aus verspielt und entschlossen.
„Aber dort wirst du in Sicherheit sein. Dort gibt es keine Räuber“, rief Hönnlin ihr ins Gedächtnis.
„Ja, aber Nonnen“, wagte Clara ihre Gedanken auszusprechen und ihr Gesicht zeigte deutlich, dass sie sich der Rüge bewusst war, die nun kommen würde.
Doch Hönnlin verzichtete auf eine Rüge, da er ausreichend damit beschäftigt war, sich ein Grinsen zu verkneifen. Wenn er nun hätte zornig klingen wollen, fürchtete er, dass er lachen musste.
„Aber warum kann ich nicht bei euch bleiben?“ Claras Selbstvertrauen bekam durch den fehlenden Tadel Aufwind. „Sie gehen auch nicht zurück ins Kloster!“
Damit hatte sie wohl recht, dachte Hönnlin, aber das durfte er nicht zulassen. „Ich habe mir sehr lange Zeit gelassen, darüber nachzudenken. Du aber bist erst knapp eine Woche hier draußen unterwegs.“ Hönnlin spürte zu spät, dass er sich gleich in die Defensive begab.
„Ich möchte schon lange aus dem Kloster.“
„Ja, weg aus dem Kloster. Aber du willst sicher keine Abtrünnige werden.“ Hönnlin hoffte, dass dieses Wort Wirkung zeigen würde. Und tatsächlich brachte es Clara zum Grübeln.
„Ich will keine Abtrünnige werden“, entscheid Clara.
Hönnlin wurde es leichter ums Herz.
„Ich will mit euch Gutes tun!“, setzte Clara nach und klang noch entschlossener als zuvor.
„Aber das kannst du auch im Kloster.“
„Da beten wir nur!“ Clara erwiderte Hönnlins Blick und hielt ihn fest.
„Aber du sollst jemanden heiraten! Dann wirst du viel Einfluss haben und kannst vielmehr Gutes bewirken, als ich es jemals tun könnte.“
„Ich will den nicht heiraten“, stellte Clara klar. „Und selbst wenn, ich bin eine Frau. Alles was die Nonnen mir erklären, ist, dass ich später tun muss, was mir gesagt wird. Ich will aber frei sein“, ließ Clara ihren angestauten Ärger entweichen.
„Aber“, setzte Hönnlin etwas hilflos an und wollte sich Zeit zum Nachdenken verschaffen.
„Ich werde sowieso aus dem Kloster weglaufen, bevor ich zurück geschickt werde.“
Damit hatte sie die Linie übertreten. Wenn dem so war, dann würde Hönnlin sie nicht aufhalten können. Ohnehin verstand er sie nur zu gut, aber er wollte es nicht zugeben.
„Was solls“, gab er nach, „dann sammeln wir eben so viel wie wir tragen können. Dann kann ich dir noch viel zeigen und dich lehren.“
Clara grinste zufrieden.
„Auf ein paar Tage mehr kommt es auch nicht an.“
„Das sehe ich genauso“, zeigte Clara ihre Freude. Ein paar Tage Aufschub waren ihr gewiss und danach konnte sie immer noch einen Weg finden, dem Kloster oder zumindest der Hochzeit zu entgehen.
„Das wird harte Arbeit werden!“, versuchte er, ihre Freude zu mindern. Ihm blieben nur wenige Wochen Zeit ihr deutlich zu machen, dass dieses Leben nichts für sie war.
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