Kitabı oku: «Im Schatten der Dämmerung»

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Marc Lindner

Im Schatten der Dämmerung

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Die große Halle

Der Zwerg

Der Schatten

Der Aufbruch

Die Verfolger

Der Junge mit dem Apfel

Der steinerne Spiegel

Der Steinmetz und seine Last

Das Bergdorf

Der Hinterhalt

Talwärts

Ankunft des Landstreichers

Der ungeschriebene Brief

Der Galgen

Almar und der stumme Mann

Im Verlies

Das Geheimnis der Stadt

Die Heimkehr

Die Geisterstadt

Die Botschaft an die Königin

Der Sonnenbrunnen

Die Treppe

Tiefe Wunden

Der Alarm

Die blühende Stadt

Gebirgsreise

Der Steg

Der Empfang

Die Botschaft

Legarus' Geschichte

Impressum neobooks

Prolog

Ein rauer Wind strich über die tiefen Fugen der dicken Stein­mauern und ließ in der Burg ein unstetes Pfeifen ertönen. Regen klatschte gegen die Fenster, überflutete die Scheiben und ließ die im Dunkeln liegende Welt verschwimmen. Doch das Glas war zu dieser Stunde ohnehin kaum mehr als ein dunkler Spiegel.

Ein breites Himmelbett wurde von dem flackernden warmen Licht eines mannshohen Kamins beleuchtet, und jeder noch so kleine Gegenstand warf unheimliche Schatten.

Im Bett lag ein Kind, ein Junge, und hatte sich tief unter die zahlreichen Decken verkrochen. Die Wände der Burg strahlten eine Kälte aus, die bis tief in die Knochen zog. Längst verfügte nicht jedes Zimmer über einen Kamin und so schlich ein kalter Hauch über den steinigen Boden.

Besonders an Winterabenden wie diesem war der Junge froh, wenn er sich unter seinem Schutzwall aus Decken verstecken konnte und das Knistern seines Kamins gegen das Heulen des Windes kämpfte.

Leise, aber schleifende Schritte näherten sich dem Zimmer und hallten von den kalten Steinen des Flures wider. Wenig später hob sich das eiserne Schloss der massiven Tür. Die rostigen Scharniere wehrten sich gegen die Bewegung und stöhnten unter der Last.

Der spärlich beleuchtete Flur stahl dem Zimmer seine Wärme und ein kalter Luftzug ließ das Feuer lebhafter flackern.

Herein trat ein von den Jahren krumm gewordener Mann. Sein Kopf und der Buckel seines einst kräftigen Rückens waren auf gleicher Höhe. Kleine listige Augen lugten aus dem Dunkel hervor. Ein Grinsen verunstaltete sein altes Gesicht. Hätte der Junge den Eindringling zum ersten Mal gesehen, er hätte nicht gewusst, ob er sich fürchten sollte oder ob jene Grimasse der Freundlichkeit diente. Selbst die Narrenmütze auf dem Haupt des Alten war weit entfernt von der Farbenpracht der anderer Narren. Im Allgemeinen hatte er wenig an sich, womit er mit den übrigen Burgbewohnern vergleichbar gewesen wäre. Vielleicht mochte der Junge den Mann genau deshalb.

Mit lautem Knacken fiel die Tür ins Schloss. Schwerfällige, aber gleichmäßige Schritte näherten sich dem Kamin. Er stocherte mit dem Schürhaken in der Glut, bevor er wie jeden Abend vor dem Feuer stehen blieb, sich die Hände rieb und darauf wartete, dass die Kälte des Tages aus ihm zu weichen begann.

Ohne den geringsten Ton von sich zu geben, lugte der Junge über die Decken hinweg. Er kannte das Ritual und wusste, dass der Alte als Erster sprach. Natürlich hatte seine Ungeduld ihn schon oft diese Regel vergessen lassen, aber dann ging der eigen­sinnige Narr, ohne seine Geschichten zu erzählen. Aber auf eben jene Geschichten freute sich der Junge den ganzen Tag.

Das Zimmer hellte sich auf, als der Alte sich vom Kamin entfernte. Sein ritusähnlicher Weg führte ihn zu dem Fenster, gegen das der Regen klatschte. Mit dem Finger strich er über das Glas als suchte er einen unbekannten Ort auf einer riesigen Landkarte.

Dann endlich, als er sicher war, dass nirgends draußen mehr ein fremdes Licht leuchtete, zog er seinen Körper auf einen mächtigen Sessel neben dem Bett.

Der Junge wurde unruhiger. Seine Finger spielten mit dem ausgefransten Saum der obersten Decke.

Aber noch ließ der Narr sich Zeit mit seiner allabendlichen Geschichte.

„Weißt du, mein Junge“, erlöste der Narr das Kind schließlich. „Habe ich dir schon die Geschichte erzählt ...“ Der Alte sprach gedehnt und doch klang jedes Wort auf seine Art melodisch.

„Nein“, antwortete der Knabe prompt.

Der Mann lächelte gutmütig. Der Kleine hatte recht. Noch nie hatte der alte Mann eine Geschichte zweimal erzählt. Und im ganzen Reich würde man keinen finden, der diese Geschichten einem Jungen verraten würde. Eigentlich wäre es schwierig genug einen zu finden, der sie überhaupt kannte. Es waren Erinnerungen aus Büchern, die längst nicht mehr gelesen wurden.

Für sich genommen war keine davon unsagbar böse oder gar gefährlich. Nein, eigentlich war jede Erzählung, wie sie in einem Geschichtenbuch hätte stehen können – aber dem war nicht so. Zusammen ergaben sie das, womit alles anfing, oder womit alles einmal anfangen würde – die Wahrheit. Eingraviert in die ver­schlungenen Pfade all derer, die gescheitert waren. Es zeigte, wie Verrat Mitleid belohnte. Dass Schmerz der Preis der Gefühle war. Vor allem zeigte es, dass der Friede deshalb verwehrt blieb, weil keiner den Mut und das Opfer aufzubringen in der Lage war, den Weg zu Ende zu gehen, den schon so viele begonnen hatten. Ein Leben voller Qual und der Bann wäre durchbrochen. Ein Jahr­hundert voller Finsternis und die Welt wäre befreit.

Mal erzählte der Narr von dem alten König, der starb, weil er keine Angst hatte. Von dem Thronbesteiger, der sein Reich verlor, weil sein Volk den Glauben an seine Güte verloren hatte. Von Magiern, die ihrer Gier nach Macht erlagen. Von Freunden, die zu Feinden wurden, weil der eine den Weg nicht zu Ende gehen wollte.

Alles in allem, so befand das Prinzenkind, konnte er viel von dem Narren lernen. So etwa, dass Wissen und Unwissen jeweils Fluch und Segen sein konnte. Hoffnung und Wut ebenso Gift wie Heilung versprechen konnte.

Die Stimme des Alten verebbte und das Knistern des Kamins und das Prasseln des Regens erfüllte von Neuem den Raum. Der Junge lag schweigend da und stierte gegen den Baldachin seines Bettes.

„Ich habe Angst davor“, hauchte das Kind.

„Wovor?“ Die Stimme des Narren klang einfühlsam und warm.

„Davor, dass ich zu schwach sein werde.“ Er suchte nach einer Antwort in dem über ihm hängenden Stoff.

„Wenn deine Zeit gekommen ist, mein Junge?“

„Ja, wenn ich König bin.“

„Du kennst dein Schicksal. Genauso kennst du die Gefahren.“ Der alte Mann strich über die Decke des Jungen. „Das Volk braucht dich. Es wird dir vertrauen.“

„Aber, wenn ich dieses Vertrauen nicht verdiene?“ Die Sorgen des Jungen waren groß für jemanden seines Alters.

„Du weißt, was ich dir erzählt habe.“

„An allem zweifeln, aber niemals an mir!“ Der Junge betete den Satz hinunter, ohne ihn wirklich zu glauben.

Er liebte das Volk seines Vaters. Er liebte sein Volk und er wollte alles tun, damit es diesem gut erging. Alles!

„Du weißt, es kommen dunkle Zeiten.“ Das Gespräch nahm altbekannte Züge an. Der Junge würde nicht aufhören die gleichen Fragen wieder und wieder zu stellen, genauso, wie der Narr niemals müde wurde, ihm zu antworten.

„Aber mein Vater sagt doch, dass das Hirngespinste sind!“

„Dein Vater sieht es nicht, weil er es nicht sehen will! Die Zeichen der dunklen Mächte bleiben ihm verborgen, weil er in seinem tiefsten Inneren weiß, dass er ihnen nicht gewachsen sein würde. Vor langer Zeit hat er eine Entscheidung getroffen – und was immer auch geschieht, er wird nie etwas tun, was diese nichtig werden lässt.“

Wie immer an dieser Stelle, so schwieg der Junge auch diesmal.

„Und mir verbietet er dieses Wissen, da er mich schützen will.“ Der Junge klang nachdenklich.

Der Narr konnte ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken. Diese Wendung war neu und es hatte ihn beinahe einen ganzen Winter gekostet, bis der Gedanke sich bei dem Jungen hatte ein­nisten können.

„Er liebt dich, vergiss das nie!“ Der Alte beschwor tiefe Falten der Sorge auf seine Stirn. „Wenn es etwas gibt, das der König mehr liebt als sein Volk, dann ist das seinen Sohn.“ Eine Pause setzte ein. „Lass niemals zu, dass er sich zwischen dir und deinem Volk entscheidet.“

Stille.

„Aber die Feinde von denen du sprichst, Großvater, warum habe ich noch nie einen von denen zu Gesicht bekommen?“

„Dunkles weilt, wo es dunkel ist. Böses graust im Verborgenen. Wären sie gut, warum sollten sie sich verstecken?“

„Vielleicht sind sie schwach. Vielleicht haben sie Angst!“ Der Königssohn konnte es nicht lassen, in jedem etwas Gutes zu sehen.

„Glaubst du, Hochgeborener, dass du einem Feind der Krone gewachsen bist?“

„Nein.“

„Denkst du, Prinz, du könntest einen Verräter überwältigen, bevor er dir sein Messer in den Rücken rammt?“

„Nein.“

„Ah, siehst du!“ Der Alte setzte eine gutmütige Miene auf. „Und doch zeigst du jeden Tag dein Gesicht in der Öffentlichkeit. Du begibst dich auf die Straßen, auf denen dich Gesindel jederzeit ermorden könnte.“

Der Knabe wollte eben ansetzen, Widerspruch zu geben, doch der Alte unterbrach ihn.

„Und das alles bloß, weil dein Herz rein ist, weil du bereit bist, in jedem das Gute zu sehen.“

Der Junge schluckte. Seine Gegenwehr brach zusammen.

„Ich glaube, ich möchte jetzt schlafen, Großvater. Es war ein langer Tag.“

„Sehr wohl mein Kind.“

Der Junge drehte sich um und zog die Decken eng an sich.

„Großvater?“

„Mein Kind?“ Ein Lächeln stahl sich dem Mann ins Gesicht, da er die Frage bereits ahnte.

„Warum bist du eigentlich Narr, wenn doch mein Vater König des ganzen Reiches ist?“

„Angst, mein Junge!“ Der Alte lachte verlegen, als versuchte er seine Trauer zu überspielen. „Auch ich war König einst.“ Zwischen jedem Satz fügte er eine Pause ein. „Genauso wie dein Vater jetzt, genauso wie auch mein Vater vor mir.“

Sein Atem wurde hörbar. Es schien ihm viel Anstrengung abzuverlangen, dies alles zu erzählen. „Damals als alles sich entscheiden sollte, waren von mir die Armeen aus dem ganzen Reich zusammengezogen worden. Selbst unsere Nachbarn hatten ihre Söldner unter meinen Befehl gestellt. Gemeinsam waren wir gegen die Zwerge und Zentauren in den Krieg gezogen. Es waren grausame Zeiten damals. Aber ...“ Die Erinnerung drückte schwer gegen die Brust. „Aber es musste getan werden, wenn wir Freiheit für die Menschen wollten. Frei von den dunklen Verschwörungen, frei von den Flüchen jener Wesen, die glaubten, über allen anderen zu stehen. Und wir hatten sie beinahe besiegt. Sie hatten sich zurückgezogen. Nur aus dem Hinterhalt haben sie wie Feiglinge kleinere Gruppen von uns abgeschlachtet.“

Der Junge zog verängstigt die Decke über das Gesicht, sodass nur die Augen hervorlugten.

„Ihre Verhexungen haben uns getötet, ohne dass wir einen von ihnen zu Gesicht bekamen.“ Der Narr lächelte dem Jungen zu und drückte sein Bedauern aus, ihm das alles erzählen zu müssen. „Du kannst dir die Grauen nicht vorstellen!“ Eine bedrückende Pause setzte ein. „Und da kam dein Vater ins Spiel. Er hat den Anblick der Leichen unseres Volkes nicht mehr ertragen. Dabei kann ich ihn nur allzu gut verstehen. Auch mich hat es geschmerzt, dies alles ertragen zu müssen, aber mir war auch bewusst, dass es keinen anderen Weg gab. Wir waren dem Sieg so nahe. Nur noch wenige Wochen oder Monate und es hätte auf ewig Frieden geherrscht. Stell dir das nur vor, aufzuwachen und zu wissen, dass jeder deines Volkes, sich frei bewegen könnte und keine Angst um sein Leben haben müsste.“ Ein Stöhnen des Schmerzes ertönte. „Aber das Böse durfte überleben. Alles, weil das Herz deines Vaters die Schreie nicht länger erdulden konnte.“ Eine längere Pause setzte ein, während der Alte schwer atmete. „Deshalb war er ins verborgene Reich gestiegen – glaub mir, allein für diesen Mut verdient er große Bewunderung – und er hat einen Pakt ausgehandelt. Ihr Reich würde nie wieder von einem Menschen betreten werden und einem jedem sollte es gar verboten sein, von ihnen zu erzählen. Sie sollten vergessen werden. Keiner durfte wissen, wer sie wirklich waren.“

„Natürlich war ich nicht damit einverstanden. Ich sah den endgültigen Frieden zum Greifen nah. Unser Volk hätte im Vergleich zu dem, was es erleiden musste, nur noch wenig Schmerz ertragen müssen. Dein Vater aber fand viele, die seiner Meinung waren, und so musste ich abdanken. Üblich wäre gewesen, dass er mich getötet hätte, doch dein Vater hat ein großes Herz. Damit mir aber niemand glauben würde, was ich zu erzählen hatte, machte er mich am Tag seiner Krönung zum Hofnarr.“

„Großvater?“

„Mein Kind?“

„Aber das ist schon lange her. Vielleicht sind sie nicht mehr böse. Vielleicht bleibt der Frieden uns erhalten.“

„Das wäre schön, mein Junge.“ Ein aufmunterndes Lächeln erfasste das Gesicht des Alten. „Nichts würde ich lieber glauben als das!“

Ein Stöhnen der Erschöpfung.

„Aber die Schmieden des Bösen rüsten von Neuem. Mit jedem Frühling werden sie mächtiger. Und es gibt einen viel mächtigeren Feind. Vergiss den nicht, auch wenn andere ihn vergessen haben.“ Er kniff die Augen zusammen und sah zur Wand. „Legenden sind nichts weiter als verblasste Erinner­ungen. Sie wirst du nicht mit Schwertern töten können.“

„Mein Vater ist stark.“ Es klang etwas trotzig, so wie der Junge es aussprach. „Wenn sie angreifen, wird er sie besiegen!“

Ein gütiges Lächeln sollte das aufbrausende Gemüt beruhigen.

„Noch sind wir alle sicher. Was den Pakt angeht, so werden sie ihn nicht brechen.“

Stille.

„Wenn der König aber stirbt und du die Krone erbst, werden sie sich nicht länger an den Pakt gebunden fühlen. Dann werden die Grauen von Neuem beginnen. Dann wird es nicht die Aufgabe deines Vaters sein und meine längst nicht mehr. Es ist dein Schicksal, der Weg, der seit deiner Geburt für dich bestimmt ist.“

„Aber mein Vater...?“ Der Junge wollte den Alten unterbrechen.

„... will nicht, dass du das weißt! Deshalb darfst du ihm dies nie erzählen. Er glaubt an den Pakt, er muss es, ansonsten würde er wahnsinnig vor Sorge, was er dir aufbürdet – und selbst darf er nichts tun, da sonst er es wäre, der den Pakt bricht. Tief in seinem Innern weiß er das. Dass er es aber weder aussprechen noch hören muss, ist die einzige Möglichkeit für dich, es ihm erträglich zu machen.“ Der Narr legte seine Hand auf die Decke des Kindes. „Junge, versprich mir eines, kein Wort zu niemandem! Es würde das Herz deines Vaters brechen.“

„Versprochen.“ Eiseskälte ergriff den Jungen.

„Nun schlaf, Triton, mein Junge.“

Der alte Mann stand auf und ließ den Jungen mit seinen verwirrten Gedanken allein.

Eine ganze Weile noch starrte der Junge in den Baldachin.

„Ich werde nicht zulassen, dass mein Volk nochmals leiden muss“, hauchte der Prinz, kurz bevor der Schlaf ihn überwältigte.

Die große Halle

In der großen Halle öffnete sich ein schwerer Flügel der mächtigen Tür. Herein trat ein einzelner Mann, gehüllt in seinen langen dunkelblauen Mantel. Sein Gesicht trotz des warmen Lichtes der zahlreichen offenen Kamine ganz bleich, schien er zu blinzeln, da er noch an das gedämpfte Licht der Tunnel gewöhnt war. Aber ansonsten war sein Gesicht völlig ausdruckslos. Nicht die kleinste Sorgenfalte belastete seine Stirn. Er wirkte beinahe entspannt, missachtete man die Gleichgültigkeit in seinem Blick. Die Kälte, die sich mit seiner Ankunft in dem großen Thronsaal ausbreitete, konnte die Unzahl an Feuern rechtfertigen.

Der König jedoch bemerkte dies nicht, denn seine Miene hellte sich auf, als die stöhnende Tür den Blick auf seinen treuesten Diener freigab.

Noch an der Tür stehend, deutete der Eintretende eine leichte und doch huldvolle Verbeugung an, bevor er, ohne ein Zeichen abzuwarten, auf den Thronsässigen zuging. Obwohl dieser offensichtlich auf ihn wartete, ließ sich der Heranschreitende nicht zur Eile bewegen, noch zögerte dieser. Jeder seiner Schritte wirkte gemessen und unbeirrbar.

„Thanatos, treuester aller Diener, mächtigster aller Freunde, welch Unheil bringt dich so früh in meine einsamen Hallen“, begrüßte Triton den Ankömmling und ließ es sich nicht nehmen, aufzustehen und die letzten Schritte selbst zu bewältigen.

„Herr, meine Hoheit, die Finsternis wird bald über uns ziehen und unsere Feinde verschlingen“, verkündete der Diener mit seiner gefühllosen Stimme und küsste den Ring auf der Hand seines Königs, die dieser ihm darreichte. „Die Jahre der Vorbe­rei­tung haben sich gelohnt. Alles ist fügt sich zusammen.“

Triton nickte und wirkte auf einmal niedergeschlagen.

„Ach, dass diese dunklen Tage die meinen sein müssen.“ Der König wandte sich mit gesenktem Haupt zur Seite. Langsam schritt er auf eines der nahen Feuer zu und begann mit dem Schürhacken darin herum zu stochern. „Von Woche zu Woche werden die Berichte aus den Außenbezirken schlimmer.“ Funken stoben aus dem Kamin, als ein Scheit zur Seite kippte.

Der Diener sah dem Monarchen mit leicht gekräuselten Lippen zu. „Herr, ich verstehe nicht, es war euer Plan“, drang er mit seinen schmucklosen Worten durch die Gedanken seines Herrn bis zu dessen Bewusstsein durch.

„Und an diesem halte ich fest! Es gibt nur diesen einen Weg, um die Fehde zu Ende zu bringen. Aber es wird viele Opfer geben.“

„Ihr seid der König, mein Herr, ihr werdet die Menschen zu glorreichen Zeiten führen. Wenn sie bis alle unter einem Banner vereint sind.“

„Du hast recht.“ Der König seufzte leise. „Du bist so mächtig alter Freund. Manchmal hoffte ich, ein anderer wäre an meiner statt König.“ Er senkte den Blick vor seine Füße. „Du wärest der Richtige.“

„Danke Herr“, verneigte sich der Diener mit einem leicht belustigten Anzeichen eines Lächelns. „Ich zweifle auch nicht an meiner Macht, Herr, aber um König zu sein, bedarf es anderer Größe, mein König. Ich würde die Bürde nicht annähernd so gut tragen wie ihr. Es ist nicht die Krone, die den König schmückt. Es ist der König, der ihr Glanz verleiht. Ich fürchte mein bleiches Antlitz würde mehr Angst als Ehrfurcht verbreiten. Ihr seid der wahre König, mein Herr.“

„Und wieder hast du recht. Verzeih mir! Diese politischen Debatten ermüden mich und machen mich weich.“ Im Gegensatz zu seinem Diener war die Stimme des Königs wohlklingend und sein Ton so rund und voll, dass man ihm ergeben zuhören musste. Selbst, als die Worte seine Sorgen mit sich trugen. Die Sorgen, die er vor keinem anderen jemals würde aussprechen. Er hatte ein Königreich voller Diener aber einzig Thanatos vertraute er blind. Dabei war er nicht einmal einer seiner Untertanen, sondern Mitglied des Blauen Turms und somit zur Neutralität verpflichtet.

„Der neutrale Ring kann den Druck nicht mehr halten. Ich erhalte Berichte, dass die Stadtherren nicht mehr Soldaten aufnehmen können und doch schlüpfen immer mehr Flüchtlinge durch unsere Netze. Ich fürchte das Bündnis der Türme kann auch nicht mehr tun.“

„Der Bogen ist gespannt, mein Gebieter. Ihr habt recht, im nächsten Winter würde die Situation nicht mehr zu kontrollieren sein. Alles ist auf Messerschneide, aber zur rechten Zeit. Wir können die nächste Phase einleiten.“

„Dann stehen die Zwerge bald mit uns im Krieg?“, wollte der König wissen und klang so entschlossen, wie es sich für einen König gehörte.

„Schon bald Herr. Unser Informant hat gute Dienste geleistet. Es ist uns gelungen den Hauptmann der königlichen Wache gefangen zu nehmen. Er wird in diesem Moment nach Sanyna gebracht. Ich selbst breche gleich dorthin auf. Sobald er zurück­kehrt, wird der Krieg unausweichlich sein.“, verkündete Thanatos. „König Momos kommt mit seinen Kriegs­vorbe­rei­tung­en gut voran, und freut sich, dass ihr ihm eure Truppen als Unterstützung entsenden werdet, wenn es so weit ist.“

Triton musste leise lachen. Es klang eher bedrückt als belustigt. König Momos war in vieles eingeweiht, und war in die Vorstellung vernarrt, das Volk der Zwerge auszulöschen. Aber er kannte nicht den großen Plan.

„Dann wirst du ihn laufen lassen?“ Der König klang überrascht.

„Nein, er wird fliehen“, erklärte Thanatos in seinem nüchternen Tonfall.

„Was macht dich da so sicher?“, wunderte sich der König, obwohl er es doch hätte besser wissen müssen.

„Verrat, mein Herr. Ein wahrlich treuer Diener. Mächtiger gar als Angst.“ Der Vertraute des Königs brachte schließlich doch noch ein schwaches Lächeln zustande.

„Wahrlich finster diese Zeiten“, wandte sich der König dem Feuer zu, sodass der Magier seine Sorgenfalten nicht sehen konnte. „Die Feuer sind gelegt, damit der Schatten unseren Weg erhellt?“, sprach der König zu den Flammen. „Hoffnung und Liebe sind der Grundstein aller Kraft.“

„Es ist alles vorbereitet.“

„Er muss verletzlich werden. Wir müssen ihn wieder lehren zu hoffen. Ich fürchte er hat vergessen, wie das geht.“ Der König stocherte gedankenvertieft in den Flammen. Er muss sich der Rebellion anschließen, sonst war all die Vorbereitung umsonst.“

„Wir wissen von zwei Windreitern unter den Rebellen. Der Schatten hält sich derzeit im Norden auf und er scheint unseren Spuren zu folgen. Masborn wird ihn schließlich in die Berge treiben.“

„Dann wird es Zeit unsere Bündnisse zu erneuern. Ich höre schreckliche Berichte aus den anderen Königreichen. Jeder Funke könnte einen Flächenbrand entzünden. Wir müssen Zeichen setzen und ihnen Hoffnung schenken.“

„Der neutrale Ring ist darauf vorbereitet. Ihr selbst könnt bald die frohe Kunde verkünden. Bereitet alles für eine lange Reise vor.“ Thanatos reichte ihm eine winzige Pergamentrolle und verneigte sich. „Ich entsende euch zwei meiner Meister, damit sie bei den Vorbereitungen helfen. Sie werden euch treue Dienste leisten. Es ist in letzter Zeit still geworden, es ist jetzt wichtig, dass wir in Kontakt bleiben.“ Abermals verneigte sich der Magier, ohne dass der König es sah, und verließ mit gemessenem Schritt die Halle.

Selbst als die Tür geschlossen und der Herrscher dieser Hallen und eines großen Reiches alleine war, blieb dieser am Feuer stehen.

Nach einer Weile öffnete er das Pergament und überflog eine lange Liste. Es waren allesamt Städtenamen, die mit einem Datum versehen waren. Plötzlich lief es dem König eiskalt den Rücken herunter, als ihm bewusst wurde, dass der Tag gekommen war. Er ließ das Pergament sinken. Es würde in der Tat eine lange Reise werden. Unterwegs würde er viel Leid sehen, und nur der Glaube an den großen Plan, schenkte ihm die Kraft, die er dafür würde aufbringen müssen. Es wurde Zeit, dass sein Volk neue Hoffnung schöpfte und in bessere Zeiten geführt wurde. Doch aus irgendeinem Grund, wollte ihn dieser Gedanke nicht trösten. In letzter Zeit ergriff ihn ständig das Gefühl zu frieren, und nun gar war es, als würde eine kalte Vorahnung nach ihm greifen. Noch nie hatte er sich so alleine gefühlt, wie in eben diesem Moment, da er dem gierigen Spiel des Feuers zusah.

Der Zwerg

Da lag er nun schon seit einigen Stunden. Harter Stein drückte sich gegen seinen verkrampfenden Rücken. Die lodernde Wut hatte er schon vor Ewigkeiten vergessen – so kam es ihm zumindest vor. Mehr als die Riemen, die ihn an diese Steinplatte fesselten, war es sein tiefer Groll, den er gegen sich selbst hegte, der ihn schmerzte. Diese Qual ließ ihn verhärten, sodass er der Platte in nichts nachstand.

Doch etwas war seltsam. Noch darüber verwundert, warum er am Leben war, fragte er sich, warum sie ihm nicht mehr Aufmerk­samkeit schenkten.

Nicht, dass es seine Art war, aber langsam wurde er unruhig. Ohne es zeigen zu wollen, ließ er seinen Blick durch den Raum gleiten – soweit wie die unnachgiebigen Fesseln es ihm erlauben wollten. Doch außer nackten Wänden und ein paar Ölleuchten konnte er nichts erkennen. Was war eigentlich geschehen? Er konnte sich nur lückenhaft erinnern.

Zu fünft waren sie losgezogen – soviel wusste er noch. Auch dass sie den Wald erkunden wollten, entsann er sich. Er konnte sich an einen heftigen Knall erinnern. Ganz so, als wäre ein hoher Tunnel eingestürzt, nur, dass dieser Lärm von oben kam. Deshalb hatten sie ihre Gänge verlassen. Doch ab dem Moment, da sie den Wald betreten hatten, erschien ihm alles wie ein Traum. Leicht dunstig, und wenn er nach einem Detail greifen wollte, war es, als würde es unter seinen Fingern zu Wasser werden, und verrann bevor er es festhalten konnte. Es war Nacht gewesen, vereinzelte Sterne quälten sich müßig durch das dichte Blätterdach. Aber was war dann passiert?

Er versuchte sich zu beruhigen, um seinen Erinnerungen mehr Raum zu geben. Ein grelles Feuer erschien vor seinem geistigen Auge. Nur schwach drang der Lärm zu ihm durch. Er hörte Schreie. Und Schritte. Hastige, kurze Schritte. Sie liefen, wieder Schreie, dann Stille.

Eine traurige Gewissheit sagte ihm, dass seine Freunde tot waren. Er verfluchte sich, dass er so feige weggelaufen war. Er hätte kämpfen sollen. Besser zu sterben, als nun hier zu liegen und der Ungnade seiner Peiniger ausgeliefert zu sein. Hätten sie ihn doch nur getötet! Denn auch so würde er sterben, nur viel langsamer, dessen war er sich sicher. Aber er würde ihnen nichts verraten – das schwor er sich. Seinen Körper musste er ihnen aus­liefern, aber seinen Willen würden sie nicht brechen. Den wollte er mit in sein wohl schon geöffnetes Grab nehmen. So hoffte er zumindest, denn nun, da er darüber nachdachte – und er hatte viel Zeit zum Nachdenken – sorgte ihn die Vorstellung, sie könnten ihn einfach verbrennen. Diesen Heiden traute er alles zu. Aber er wollte wieder unter die Erde. In den Schoß der geliebten Mutter seines Volkes.

Ob er sie wohl fragen könnte, dass er es selbst ausschaufelte, wenn sie es nicht machten? Er lachte über seinen Gedanken und irgendwie schenkte ihm dieser neuen Mut. Den würde er auch brauchen. Das würde ein langer Tag werden. Der letzte Tag, so hoffte er zumindest, denn er wusste nur zu gut, wie lange ein leidender Körper am Leben gehalten werden konnte. Doch wenn seine Lippen sich öffnen würden, so sollten sie nur Flüche in diesen Steinsarg entlassen. Mit angewidertem Blick betrachtete er die stümperhafte Errichtung dieser Grotte. Mehr als ein Loch war es nicht. Es war nicht zu vergleichen mit den Hallen seines Volkes. Diese Gruft besaß keine Seele. Welch Frevel diese Menschen doch begingen. Dieser Anblick beleidigte ihn fast mehr als die Fesseln, die seinen Körper umschlangen.

Doch immer noch waren seine Peiniger nicht zurückgekehrt. Mit einem staubigen Sack auf dem Kopf hatten sie ihn herunter­getragen. Das war seine erste Erinnerung, die er nach dem Vorfall im Wald besaß. Er versuchte seine Sinne zu schärfen und sich an jedes Detail zu erinnern. Sie legten ihn auf dieser Platte ab, ohne zu bemerken, dass er zu sich gekommen war. Er ließ die Augen geschlossen, als sie ihm den Sack vom Kopf zogen. Erst einmal musste er zu sich finden. Seine Sinne waren trüb und sein Kopf schmerzte. Verwundert spürte er, wie seine Lippen benässt wurden und er musste sich überwinden, nicht zu schlucken und nicht gierig nach mehr zu verlangen. Dabei hatte er irrsinnigen Durst und spürte eine Leere in seinem Magen, als hätte er seit Tagen nichts Festes zu sich genommen. Er überlegte sich, welche Lügen er ihnen verkaufen konnte. Auf keinen Fall durfte er sich in Widersprüche verrennen. Irgendwie musste er sie in die Irre leiten – selbst wenn er nicht hoffen konnte, hier lebend hinaus zu kommen. Aber diese Freude würde er sich nicht nehmen lassen. Er war schließlich ein großer Krieger seines Volkes. Umso mehr schmerzte die Schande, dass er weggelaufen war. Aber gegen einen Magier konnte er nichts ausrichten. Und es waren so viele gewesen. Immer mehr Bilder stiegen in ihm auf. Ganze Reihen von langen Männern, gehüllt in noch längere dunkle Mäntel, waren zwischen den Bäumen aufgetaucht. Wie von einem Donner heraufbeschworen. Gesehen hatten seine Freunde und er diese Gestalten erst, als ein explodierendes Feuer die Nacht zum Tage werden ließ. Grimmige Schatten hatten diese Kreaturen umspielt, so finster, dass nicht einmal die Sterne sie beleuchten wollten. Augenblicklich war klar gewesen, dass sie verloren waren. Die Schreie waren unnötig gewesen, denn der Tod hatte sie allesamt gepackt. Nur mit ihm spielte dieser noch sein grausames Spiel. Als Belohnung für sein schnelles Laufen.

Jene Nacht war zu viel für ihn gewesen. Fast schon war er dankbar dafür, dass die Folterknechte ihn warten ließen. Sie wollten ihn brechen, das wusste er. Die steinigen Wände sollten sich auf ihn stürzen. Ach, diese Narren, er war ein Kind der Mutter Erde und selbst der härteste Stein konnte ihn mit seinem Anmut verzaubern. Auch die harte Platte, auf der er lag, störte ihn wenig. Oft schon hatte er die Nächte auf einem solchen Bett zugebracht, wenn die Eile es ihm verbot seine Zeit damit zuzubringen, ein Lager aufzuschlagen.

Wenn er so darüber nachdachte, so war er doch kein Feigling. Er stellte sich seinem Schicksal, wie man es von einem Zwerg erwarten durfte. Der Tod sah ihm in die Augen und er musste nicht einmal blinzeln.

Ein leichtes Schmunzeln glitt ihm über seine rauen Lippen, so schwach, dass die Leuchten es mit ihren schwachen Licht verborgen hielten.

Aus der Ferne hörte er Schritte und seine Miene wurde so hart, wie die Platte unter ihm. Der Stein der Treppen und die felsigen Wände verrieten den Ankömmling lange bevor dieser in der Nähe der kleinen Kammer angelangt war. Der Fremde kam allein, soviel konnte Almar deutlich heraushören. Zulange hatte er unter der Erde gelebt, um sich von den widerhallenden Geräuschen täuschen zu lassen. Auch schien es ihm, als wirkten die Schritte desjenigen, der nun kommen sollte, etwas unbeholfen. Seine Füße schlürften in unregelmäßiger Folge über den steinernen Boden.

Die Treppe lag hinter ihm, sodass Almar sie nicht erblicken konnte. Allein sein Gehör leistete ihm die Dienste, die er benötigte. Mutter Natur verriet ihm alles, was er nicht sehen konnte. Er verstand die Stimme der Steine so deutlich, als würde er sich in mit jemandem unterhalten. Jeder seines Volkes vermochte dies. Es lag daran, wie sehr sie mit der Erde verbunden waren. Sie respektierten sie und lernten von ihr. Als Lohn verriet sie ihnen all ihre Geheimnisse. Seine Muskeln begannen sich leicht zu verkrampfen, so als wüsste sein Körper von den Schmerzen, die ihm zugefügt würden.

Almar merkte, wie ein schwacher Lichtschein die Schatten auf der vor ihm liegenden Wand verjagen wollte. Der Fremde war da. Er konnte dessen Schritte vernehmen, ohne dass die Wände der Treppe sie noch zu ihm hintragen mussten. Aber dann blieb der Ankömmling stehen. Die Schritte verhallten. Einzig das Licht bewegte sich in dem leichten Luftzug, der es bis in diese Tiefe schaffte.

Schließlich ging der Fremde weiter. Seine Gangart war nun zögerlicher. Das leicht Unbeholfene in seinen Bewegungen war verschwunden. Stattdessen klang es als würde er sich jeden Schritt genau überlegen.

Almar blieb reglos liegen. Seine wachsende Ungeduld wollte er dem Fremden nicht zeigen. Das verbot ihm sein Stolz, und den wollte er sich nicht nehmen lassen, nun, da es um sein Leben bald geschehen sein würde. Der Fremde näherte sich ihm nicht und so konnte er diesen nicht erblicken. Merkwürdiger noch als der Klang der zögernden und doch plump lauten Schritte, war, dass ein Gefühl von Angst den Raum ergriff. Der Zwerg, auch wenn dem Tod nahe, wusste, dass es nicht von ihm stammte.

Zögernd nahm der Ankömmling hinten in einer Ecke Platz. Ein leises Rascheln war zu hören, so als würde ein großes Tuch von etwas heruntergezogen. Wohl die Folterinstrumente, die sorgsam vor dem Staub geschützt waren, dachte der Zwerg. Innig hoffte er, dass der ängstliche Mann sein Handwerk nicht verstand und er so einen schnellen Tod finden konnte. Das war alles, was er noch hoffte. Für viel mehr Hoffnung war in dieser Grotte ohnehin kein Platz und auch seine Riemen, die er straff um seinen Leib trug, wollten ihm nicht viel von diesem flüchtigen Gefühl gestatten.

Nur zu deutlich konnte er hören, wie die Werkzeuge des Mannes über den Tisch gescharrt wurden. Almar verfolgte gebannt die Geräusche. Er wagte es nicht, sich zu rühren und so konnte er nicht sehen, was der Fremde machte, aber er wirkte ordentlicher, als Almar gehofft hatte. Der Mensch bereitete alles vor, und Almar presste vorsichtshalber die Zähne zusammen. Er durfte dem Schmerz nicht erliegen. Er wusste zu viel, was die Menschen niemals in Erfahrung bringen durften. Sein tiefer Groll gegen die Menschen schenkte ihm die nötige Kraft, denn er wusste nur zu gut, was diese Hochgewachsenen seinem Volk angetan hatten. Zumal in letzter Zeit hatten die Grauen zugenommen. Schon seit Jahren wagte sich in manchen Gegenden kein Zwerg mehr an die Oberfläche, wenn es nicht sein musste.

Doch er gehörte zu den Soldaten seines Volkes und als Spion hatte er viel Nützliches zu seiner Königin unter Tage gebracht. Lange würden sich die Zwerge nicht mehr von den Überlangen auf den Kopf treten lassen.

Doch das würde er nicht mehr erleben können. Bald würde er seine Erlösung finden – so wagte er noch zu hoffen. Doch die ungeahnte Sorgfalt des Menschen an diesem untröstlichen Ort, bereitete ihm große Bedenken bezüglich seines baldigen Ablebens. Wenn der Mann ihm doch wenigsten Fragen stellen würde, dann könnte er versuchen, ihn hinters Licht zu führen. Ihm unnützes Wissen an den Kopf werfen, um so den Qualen nur kurz ausgesetzt zu sein. Doch der Mensch schien nicht zu beab­sich­tigen mit ihm zu reden. Nur um seine Werkzeuge kümmerte er sich und ließ diese unentschlossen hin- und hergleiten.

Dann aber wurde es still. Das war fast noch grausamer. Zu viele Gedanken breiteten sich im Kopf des Zwerges aus. Hatte der Mann so viele Foltermittel, dass er sich nicht für eines entschließen konnte? Grausame Vorstellung, und der Zwerg erwischte sich dabei, wie er kräftig schluckte.

Plötzlich ertönte ein Schlag. Ein Splitter flog durch den Raum. Wieder hielt der Mensch inne, als habe der schallende Lärm ihm selbst Angst bereitet. Almar hielt es nicht mehr aus. Was sollte das? Da nur er und der Mann in diesem Raum waren, wagte er es, seinen Kopf leicht anzuheben.

Der Mensch war eine recht dürre Gestalt, fast doppelt so groß wie er selbst. Einem kräftigen Schlag von ihm würde dieser nicht standhalten können, soviel stand fest. Zu dumm, dass er gefesselt war. Der Mann blickte nicht zu ihm hin, sondern betrachtete besorgt ein steinernes Objekt vor sich. Almar musste mit aller Kraft gegen die Fesseln ankämpfen, um sich überhaupt ausreichend erheben zu können, und so war er sich nicht sicher, was er dort sah. War es eine Statur? Zumindest wirkte es so und der Mann strich mit einer Hand über sie hinweg, als würde er einem Kind liebevoll über den Kopf streicheln.

Von Neuem erhob der Mann seinen Meißel und versuchte im schwachen Schein der Leuchten der Büste ein Lächeln aufzu­zwingen. Doch es wollte ihm nicht gelingen. Almars Körper gewöhnte sich an die Anstrengung und so konnte er das Gesicht der Statur ausmachen. Sie war recht gelungen, musste er gestehen und er merkte, dass ihm der Anblick für einen Augenblick sein eigenes trauriges Schicksal vergessen ließ. Es war ein Mädchen, noch jung an Jahren, doch tiefe Trauer lag in ihren Zügen. Obwohl aus Stein, schienen die Augen zu weinen.

Etwas Schweres lag in dem Ausdruck der Büste, etwas das nicht von dem Stein herrührte. Almar versuchte den Mann erneut einzuschätzen. Obwohl er dessen Gesicht nicht erkennen konnte, sah er, dass diesem die gleiche, tiefsitzende Schwere anhaftete. Als habe nicht einzig dessen Alter an dem gekrümmten Rücken gezogen. Almar empfand beinahe Mitleid für diesen Mann. Sollte er es wagen, ihn anzusprechen?

Sei kein Narr, ärgerte er sich im selben Augenblick über seinen irrsinnigen Gedanken. Er musste hart bleiben, nicht für sich, sondern für sein Volk. Eide hatte er geschworen – er, der sich in so vielen Gefechten bewiesen hatte – doch niemals hätte er gedacht, dass er sein Leben so sinnlos hergeben müsste.

Almar ließ sich erschöpft auf die Platte sinken, die Riemen waren doch stärker, als er es war.

Als würde er dem Zwerg sein Ende verkünden, schlug der Mann mit seinem Hammer auf den fein geführten Meißel ein. Nach jedem Schlag hielt der Mann inne, darüber verängstigt, wie viel Lärm er verursachte. Nur sein angespanntes Atmen war dann zu hören.

Armer Mann, dachte der Zwerg. Hier lag er, mit breiten Riemen gefesselt, maß selbst kaum mehr als die Hälfte des Mannes und doch fürchtete sich dieser Mensch vor ihm. Deshalb auch wandte sich Almar von dem Mann ab, leicht mitleidig und nicht minder angewidert. Nur der Stimme des Steines horchte er, ohne aber eine Regung von sich zu geben.

Wieder vergingen Ewigkeiten während einzig die Ausrufe des berstenden Steines die Stille durchbrachen. Wie eine träge Uhr kündete jeder Knall, Schlag um Schlag, von den letzten Stunden des Zwerges. Obschon der Mann hier weilte, bildete sich Almar nicht ein, dass sich auch nur das Geringste an seinem Schicksal ändern würde. Er war dazu verdammt hier unten seine letzte Reise anzutreten, und seine Geheimnisse würde er mitnehmen. Dieser unzerbrechliche letzte Wille versteinerte von Neuem seine Miene. Er war ein Soldat, einer aus der Garde der Königin und allein seine Anwesenheit ließ einen Menschen verängstigt in eine Ecke kriechen. Ha, sollte der Tod nur kommen, er würde ihm mit Würde folgen.

Allmählich begann der Mensch sich von seinem erlittenen Schock zu erholen, oder zumindest bei seiner Arbeit den Zwerg zu vergessen. Seine Schläge wurden schwungvoller und seine Bemühungen diesem Stein seinen Willen einzumeißeln leiden­schaftlicher. Doch da mischten sich fremdartige, leise, aber doch störende Töne in die Musik der Arbeit des Mannes. Erneut waren es verhallende Schritte, die baldiges Eintreffen ankündigten. Der Mann bemerkte es zunächst nicht und ließ nichts von seinem neu erlangten Elan missen. Selbst als sich ein neues Lichtspiel an der Wand breitmachte, sah der Mann nicht von seiner Arbeit auf.

„Wie ich sehe, hast du Gesellschaft gefunden, verehrter Zwerg“, höhnte eine hohe, verächtliche Stimme von der Treppe her und die felsigen Wände waren begierig sie verzerrend zurück­zuwerfen. In einiger Entfernung folgten zwei Soldaten lärmend herab.

Wenigsten waren seine pochenden Kopfschmerzen abge­klung­en, denn diese Stimme war so schon schwer genug zu ertragen.

Der alte Mann hielt erschrocken inne. Der Zwerg aber ließ kein Zucken über sein Gesicht fahren.

Für den Handwerker interessierte sich der Ankömmling jedoch nur geringfügig. Ohne eine Begrüßung ließ er diesen vor dessen Büste unbeholfen und mehr als nur wenig verunsichert verharren.

Der Zwerg spannte seine Muskeln, während er die sich nähern­den Schritte des Störenfrieds vernahm.

„Du wirst sicher nicht mit mir reden wollen?“, fragte der bleiche Ankömmling mit einem beinahe liebevollen Ton, der dem Zwerg das Gefühl gab, er müsse sich übergeben.

„Schade, und dabei bin ich doch froh solch hohen Besuch in dieser schlichten Halle empfangen zu dürfen“, fuhr die hagere Gestalt ihren Monolog fort. „Nicht wahr? Das bist du doch. Herr Almar, Wächter über die Hallen der Herrin der Welt der Regenwürmer.“ Der Mann lachte. Nicht nur dem verängstigten Steinmetz lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Dieses Lachen hatte nichts Menschliches an sich. Nicht, dass einen Zwerg so etwas stören sollte, und dennoch tat es dies. Es drang tiefer als jedes Messer und griff mit kalten Fingern nach dem Herzen. Es ließ ihn erahnen auf welch finsteren Pfaden er seinen Weg ins Totenreich beschreiten würde. Fast schon betete der Zwerg zur Mutter Erde, dass der Handwerker ihn foltern sollte. Denn so wenig er über diesen Neuankömmling wusste, eines war er sich sicher – dieser verstand sein grausames Handwerk.

So leicht, wie er es sich in den letzten Stunden vorgestellt hatte, würde er diesen Mann nicht hinters Licht führen können. Woher wusste dieser das alles? Keiner hatte seinen Namen erwähnt, dessen war er sich sicher. Nur an wortlose Schreie der Wut konnte er sich erinnern. Angst beschlich Almar, nicht wegen der Messer, sondern wegen des Wissens dieses Mannes.

„Du wunderst dich sicher, warum du hier bist“, fuhr der Mann mit einer Gleichgültigkeit fort, die allein schon furchterregend war. „Nun, nenn es Zufall. Einer meiner Schüler wollte meine Gunst gewinnen. Dachte du wärest nützlich – doch da hat er sich geirrt.“

Die dürre Gestalt in ihrem dunkelblauen langen Umhang schritt gemächlich um die steinerne Platte, auf der der Zwerg wie auf einer Totenbarre lag. Mit vorgetäuschtem Interesse fuhr er mit seiner leichenblassen Hand über den muskulösen Körper des Gefesselten. Dieser jedoch gab keine Regung von sich. Er würdigte seinen Peiniger mit keinem Blick. Ein solches Gesicht musste man nicht gesehen haben, soviel stand fest. Jemand, der eine solch unnatürliche Stimme, die seine nannte, konnte nicht von Schönheit gesegnet sein.

„Wie du dir nun sicher einredest, mir nichts zu verraten.“ Der Wortführende zwang sich zu einem mitleidigen Lachen. „Aber alles unnötig. Selbst dein Tod. Nicht einmal einen ehrenhaften Tod wirst du erleiden. Denn ich weiß bereits mehr als selbst du. Aber ...“, er hielt kurz inne, wobei er seine kalten Finger auf der Schulter des Zwerges ruhen ließ. „... ich will kein Unmensch sein.“ Ein markerschütterndes dünnes Lachen ertönte aus seiner Kehle. „Wenn du mich um einen schnellen Tod bittest, so werde ich ihn dir gewähren.“ Er beugte seinen Kopf über jenen des Zwerges um sein Gesicht zu so etwas Ähnlichem wie einem Lächeln zu verzerren. „Nur ein Wort und du kannst deinem Volk in die Welt der Toten vorausschreiten.“ Er fuhr über die Stirn des Zwerges. „Du wirst nicht lange auf sie warten müssen – dafür werde ich sorgen.“

Kein Zucken verriet, dass der Zwerg überhaupt am Leben war.

Der blasse Mann ließ einige Male seine Hand auf der Brust des Zwerges hüpfen, bevor er sich mit enttäuschtem Kopfschütteln abwandte.

„Schade, ich hätte mich dir gerne gnädig gezeigt“, meinte er mit einem kalten Lachen.

Der Mann ging mit leichten Schritten zur Treppe hin, bevor er abermals innehielt.

„Tibur würde es dir etwas ausmachen mir eine Statur von ihm in Lebensgröße anzufertigen? Ich werde beim Stadthalter auch ein gutes Wort für dich einlegen.“ Er wartete auf keine Antwort und betrat die Treppe. Der Handwerker nickte stumm, verängstigt nun doch vom Magiermeister des Zirkels der Acht wahrgenommen worden zu sein. Es war das dritte Mal, dass er ihm persönlich begegnet und mit keinem dieser Tag verband er angenehme Erinnerungen.

„Bringt beide in das Verlies und besorgt ihm einen ausreichend großen Stein“, meinte er zu den beiden Wachen, die ihn herunter begleitet hatten.

Als diese auf den Zwerg zugingen, hallte eine sich entfernende Stimme die Treppe hinunter.

„Nur weil die Zwerge bald alle Geschichte sind, heißt es ja nicht, dass sich keiner erinnern soll, dass es sie einst gab.“ Während die Schritte leiser wurden, drang ein letztes finsteres Lachen bis zu den übrig Gebliebenen herunter.

Der Schatten

Die Sonne spendete ihre letzten Trost bringenden Strahlen, bevor sich ein dunkler Mantel über Land und Leute legen würde. Ein einsamer Reiter ritt zügig am schützenden Wald entlang. Gedankenvertieft pfiff er ein melancholisches Lied in die rasch kühler werdende Abendluft. Kaum einer kannte es noch, es stammte aus einer längst vergangenen Zeit und erzählte von den altvorderen Königen, die alle Völker und Rassen Calvaldurs unter einem Banner vereinten. Obwohl er sehr alt war, stammte es doch aus einer Zeit lange bevor er geboren war. Seine Sorgen waren in letzter Zeit schlimmer geworden und nicht einmal die Menschen waren mehr in einem Bündnis. Fast überall waren geordnete Strukturen verfallen und es bildeten sich immerzu Gruppen, die glaubten ihre Macht ausleben zu müssen. Bis auf wenige Ausnahmen überließen die Könige es den unter ihnen herrschenden Strukturen sich selbst zu festigen, solange die Steuern ausreichend flossen.

Große Kriege hatte es lange nicht mehr gegeben, aber es wimmelte überall von Soldaten und Söldnern, da jeder Stadtherr seine Truppen brauchte um halbwegs für Ordnung zu sorgen. Doch längst boten sie nicht nur Schutz. Sie waren Fluch und Segen zugleich.

Unermüdlich trug der kastanienbraune Hengst den vom Alter gezeichneten Wanderer. Ohne ein reales Ziel seiner Reise zu kennen, setzte er Tag um Tag seinen Weg fort. Überall wo er auftauchte erzählte man sich wundersame Geschichten über einen Schatten. Eine konturlose Erscheinung, die wie aus dem Nebel auftauchte und die Schergen der zahllosen gierigen Stadthalter niederstreckte. Viel Hoffnung war dem einfachen Volk nicht mehr geblieben. Einen ernsten Widerstand, der der Gewalt und der Ausbeutung Einhalt gebot, gab es nicht mehr. Andächtig wurde erzählt, wenn der Schatten den üblichen Plünderungen und der Willkür gegen das eigene Volk entgegentrat, um dann gleichsam wieder im Schleier des Waldes zu verschwinden. Diese seltsame Gestalt war die Hoffnung, die die letzten Widersacher am Leben hielt.

Jahre waren so verstrichen, Tyrannen wechselten sich ab, um dann selbst in Vergessenheit zu geraten. Magier, die einst zum Schutz aller gedient hatten, zeigten sich selten und die meisten lebten zurückgezogen. Sie waren des fortwährenden Wechsels von Krieg und Frieden überdrüssig geworden. Bis auf Splitter­gruppen hatten sie sich zu dem Bündnis der Acht Türme zusammen­geschlossen und widmeten sich der Lehre und der Heilkunst und solange keiner zu mächtig und finster wurde, überließen sie die Reiche der Menschen sich selbst. Es gab nur noch wenige Narren, die zu hoffen wagten. In den Dörfern zeigte sich stets das gleiche Bild. In den Gesichtern der Kinder spiegelte sich die Aussicht auf eine trostlose, mit jedem Tag unsicherer werdende Zukunft. Die Strukturen zerfielen vielerorts und das organisierte Verbrechen nahm sich, was es wünschte. Übrig bleib das Nötigste, um zu überleben. Die Bauern mussten geheime Verstecke anlegen, wollten sie die Winter überleben. Viele mussten in den Wäldern wildern oder verfielen selbst dem Drang zu stehlen. Etliche hatten sich aufgemacht, um in den wenigen scheinbar noch intakten Städten Arbeit zu finden. Doch selbst hart zu arbeiten, reichte meist nicht, um davon auch leben zu können. Meist bot das Militär ihnen den einzigen Ausweg. Ein großer Teil der Männer verließ in den Wintermonaten die Dörfer um sich als Söldner ausbilden zu lassen. Geld gegen Gefolgschaft, das war das Geheimrezept für viele der Stadthalter. Im Sommer bot es den Dörfern zudem scheinbaren Schutz vor kleinen Überfällen. Aber von Frieden war fast nirgends mehr zu sprechen.

Bald schon ließ der Reiter den Wald hinter sich und hielt auf eine Rauchsäule zu. Als er sich näherte, musste er feststellen, dass er erneut zu spät war. In den vergangenen Wochen war es schlimmer geworden und er wusste nicht, was dies zu bedeuten hatte. Aber das hier war nicht das Werk von ein paar herum­streunenden Soldaten, die sich mit Raubzügen bereichern wollten. Seit einigen Tagen folgte er einer Gruppe von etwa fünfzehn Mann.

Legarus blieb stehen und horchte. Er kam an einem Ausläufer des Waldes vorbei. Der nun scharfe Wind trug Stimmen des Grauen zu ihm heran. Es erhob sich bereits eine Rauchwolke in weiter Ferne. Er war soweit entfernt, dass er die einzelnen Hütten nicht einmal erkannte. Einige Menschen liefen schreiend davon, doch wurden sie schnell eingeholt. Seine Miene verfinstere sich und er trieb sein Pferd zur Eile an. Doch er war zu weit entfernt. Als die letzten Kehlen verstummten, saß er noch im Sattel und alles was der Wind verbreitete war Kälte. Angelangt lähmte ihn das Grauen. Er hatte schon viel gesehen, doch dies überstieg alle Vorstellungs­kraft. Wer auch immer die waren, sie hatten alles Leben ausgelöscht. Die Flammen nahmen sich den Hütten an und begannen die Spuren zu vertilgen. Die spärlich ausgestatteten Häuser brachen nacheinander in sich zusammen und beißender Gestank legte sich wie ein undurchdringlicher Schleier über das Dorf. Der Geruch von blutdurchtränkter Erde und verbrennenden Leichen hing an jeder Brise, die sich durch die ausgestorbene Siedlung zwang, und drückte schwer gegen die Brust. Allein der Anblick dieser Schandtat reichte, um ihm zuzusetzen, doch mit dem Tod, der bei jedem Atemzug tiefer in die Lungen drang, verkrampfte sich sein Magen. Eigentlich wollte er nur noch weg, an einen Ort, wo er wegsehen konnte und er nicht mit jeder schwindenden Sekunde leiden musste.

Hier gab es nichts mehr, was Legarus tun konnte. Doch als er weiterziehen wollte, fühlte er, dass er nicht allein war. Zögerlich folgte er seinem Gespür. Er wagte kaum zu hoffen einen Über­lebenden zu finden. Erstaunt fand er ein kleines Mädchen, kaum älter als vierzehn, über seine Mutter gebeugt. Zögernd näherte er sich dem Kind. Lange bemerkte es ihn nicht. Doch urplötzlich sprang es auf und riss ein Schwert von der Wand, um den Leichnam seiner Mutter zu verteidigen. Verkrampft hielt es sich am Schwert fest, das zu schwer für seine Hände war. Die Miene des Mädchens war genauso starr wie ausdruckslos. Nur seine Augen strahlten vor Hass und Wut. Doch dann regte es sich nicht mehr. Es stand nur da. Die Platzwunde am Kopf war bereits am trocknen, aber ansonsten war es kaum verletzt. Dennoch wirkte es wie tot. Von innen tot. Dies alles war zu viel Grauen, zu viel sinnlose Gewalt. Der Tod war allgegenwärtig. Legarus hielt in seiner Bewegung inne. Trauer überwältigte das Mädchen und ertränkte die Wut.

Das Schwert nicht achtend, nahm Legarus das Mädchen behutsam in den Arm. Ohne Vorwarnung ergoss sich ein Strom warmer Tränen auf den Mantel des Mannes. Die Berührung war sanft, die Umarmung tröstend. Doch es war nicht der Fremde, den es in den Armen hielt. Es vergaß seine Anwesenheit. Es war für das Mädchen wie eine letzte Umarmung mit seinen Eltern. Lange stand es schweigend so da, bevor es erschöpft zusammen­brach. Vorsichtig trug Legarus es aus dem Dorf, hüllte es in eine seiner Decken, und säuberte und verband die Wunde am Kopf.

Er suchte in den Taschen seines Pferdes nach einer kleinen Flasche und träufelte dem Mädchen einige Tropfen davon auf die Lippen, damit es ruhiger schlief. Sein Atmen beruhigte sich und Legarus musste sich weniger sorgen, dass es sich im Schlaf verletzen würde. Es war besser wenn sein Kopf nun ruhig lag, auch wenn es nicht lebensbedrohlich war, war es besser wenn er sich darum kümmerte.

Er trat aus dem Gebüsch in das er es gelegt hatte und sah sich in alle Richtungen um. Niemand war zu sehen, doch er wusste in etwa wohin sich die Schergen verzogen hatten. Diesmal durfte er sie nicht davon kommen lassen. Der Bogen war mehr als über­spannt und er war ihnen nah genug.

Mit einem nachdenklichen Blick auf das Mädchen stieg er auf sein Pferd, gab diesem die Sporen und ritt in die Nacht hinein.

Gegen Morgen bemächtigten sich dunkle Träume des Mädchens. Die Wirkung des Trankes war verflogen und sein Unterbewusstsein ließ es die letzten wachen Minuten wieder und wieder durchleben. Es sah die sterbende Mutter blutüberströmt zu Boden sinken, während ihr Mörder dunkel auflachte.

Es hatte dies alles aus nächster Nähe gesehen. Es hätte sich verstecken sollen, doch es konnte es nicht. Als der Mörder abermals auf ihre Mutter einstechen wollte, war sie aus der Hütte hervorgesprungen und auf ihn zugestürmt. Dieser lachte aber nur dunkel auf und trat es mit einem kräftigen Hieb zur Seite. Es stürzte gegen die Wand und verlor sein Bewusstsein.

Im Osten war der Morgen längst noch nicht zu sehen, als das Mädchen aus einem Albtraum erwachte. Es richtete seinen Ober­körper auf und lehnte sich gegen den Stamm. Es wischte sich Tränen aus dem Gesicht. Es war noch erschöpft, aber es fürchtete sich zu sehr einzuschlafen. Der alte Mann war seit zwei Stunden zurück und ruhte sich aus. Schlaf fand er aber keinen. Er versuchte sich einen Reim daraus zu machen, doch die vergangenen Wochen ergaben keinen Sinn. Auch nicht das Gelächter der Männer, als er sie schließlich eingeholt hatte. Sie waren wie von Sinnen und selbst die Letzten hatten bis zum Tod gekämpft obwohl ihnen da bewusst sein musste, dass sie nichts gegen ihn ausrichten konnten. Er gab dem Mädchen ein Stück Brot zum Kauen, damit es etwas zu tun hatte. Davon, dass er weggewesen war, sprach er kein Wort.

Der Alte musterte das Mädchen mit durchdringenden Blicken und so trafen sich ihre Blicke gedankenschwer. Der einsame Pilger und das Mädchen waren sich fremd, doch gab es etwas, das sie verband. Legarus konnte es nicht zurücklassen.

Am Morgen brachen sie sehr früh auf. Das Mädchen war unruhig und konnte nicht sitzen bleiben. Ständig stand es auf und ging hin und her. Ihr Kopf musste immer noch schmerzen, doch es war zu traurig und zu wütend, um es zu merken. Legarus hätte es besser gefunden, wenn das Mädchen noch liegen geblieben wäre, doch da es dies wohl nicht konnte, fand er es besser sie würden hier weggehen. Mit dem anbrechenden Morgen würde das Mädchen sicher zurück ins Dorf wollen. Aber dort gab es nichts, das es sehen sollte. Sie ließen den Ort des Grauens schweigend hinter sich. Nur einmal, als das noch immer glimmende Dorf am Horizont unterzugehen drohte, drehte sich das Mädchen um, und blickte mit gemischten Gefühlen auf die einstige Heimat. Es wusste, dass es nicht blieben konnte und es wollte es auch nicht.

Der einst einsame Pilger hatte nun Gesellschaft. Darüber wunderte er sich wohl selbst am meisten. Es war schon lange her, dass er unter Menschen weilte. Dennoch hatte er viel Trauer und Leid gesehen und oft auch Mitleid gefühlt, aber er hatte sich nie einer verlassenen Seele angenommen. Er half, wenn er sah, dass seine Hilfe notwendig war, aber dann verschwand er so wie er gekommen war. Er wusste zu welchen Forderungen es führte, wenn er irgendwo länger blieb. Aber das Mädchen würde diese Wünsche nicht äußern und vielleicht fand er auch einen sicheren Ort für es.

Lange durchstreiften sie das Land, ohne dass ein überflüssiges Wort fiel. Unruhig hielt der alte Mann den Horizont im Blick. Er suchte nach Zeichen, die er eigentlich nicht sehen wollte. Nach einem weiteren Tagesmarsch gegen Osten, entzündete Legarus ein kleines Lagerfeuer an das sie sich setzten.

„Wer bist du?“ Das vom Schicksal getroffene Mädchen gab erstmals ein Wort von sich. Legarus hatte sich an das Schweigen des Mädchens gewöhnt, und war sichtlich überrascht von der unvermittelten Frage. Er dachte eine Weile nach und wog seine Worte genau ab.

„Ich bin Legarus, Feind aller Verräter, Freund, dem der einen braucht.“ Ein Glitzern in seinen Augen verriet, dass er nicht viel von sich preisgeben wollte. Seine zerschlissenen und von der Sonne geblichenen Kleider standen in groteskem Gegenteil zum restlichen Erscheinungsbild. Ihn umgab eine kraftvolle Aura, die Willenskraft und Weisheit ausstrahlte. Sein bis jetzt nachdenkliches Gesicht nahm weichere Züge an, als er die Frage erwiderte. Durch ein weiteres Lächeln des alten Mannes wurde das Mädchen redseliger und begann zaghaft von sich zu erzählen.

„Mein Name ist Asylma und mein Vater war Manarus.“ Stolz erwachte in den traurigen Augen des Kindes, als es fortfuhr. „Er war ein großer Krieger.“

Legarus nickte und versuchte sich an einen solchen Namen zu erinnern. Doch er fand keine Erinnerung an einen Mann, der infrage kommen konnte. Doch das sorgte ihn nicht, ohnehin waren die Namen, die es bis zu ihm schafften, von einem schlechten Ruf begleitet. Wahrscheinlich war ihr Vater einer der vielen Bauern, die aus Not zum Dienst an den Waffen bereit waren. Und die Geschichten eines großen Kriegers wurden gerne erzählt, um den Kindern das Gefühl von Sicherheit zu schenken.

In Tränen sprach Asylma von ihrem Vater und ihrer Mutter. Über den einen Tag aber verlor es kein Wort. Sie redete und verdrängte, was sie nicht verkraften konnte. Legarus war ein guter Zuhörer. Er ließ Asylma ohne viele Unterbrechungen reden. Tränen rannen ihre Wangen hinunter, aber Asylma verdrängte das und wischte sie weg. Jedes Wort, das ihrem Mund und gleichsam ihrer Seele entwich, schenkte ihr neue Kraft und ihre Muskeln entspannten sich. Asylma versuchte mit ihren Lippen ein Lächeln zu formen, doch die Augen blieben dabei leblos. Legarus bereute es nicht, sich ihrer angenommen zu haben. Doch Gedanken setzten sich bei ihm in Gang, die er nicht mehr zum Verstummen bringen konnte. Es durfte nicht so weitergehen. So oder so, er musste einen neuen Weg einschlagen.

Asylma fürchtete sich vor dem Einschlafen und so versuchte sie sich der Müdigkeit zu widersetzen. Mehrmals versuchte Legarus, dass sie schlafen sollte, doch jedes Mal stellte sie eine andere Frage oder erzählte etwas, das ihr Vater ihr erklärt hatte. Legarus verstand sie nur zu gut und kochte ihr einen Tee, der ihr half einzuschlafen. Legarus beschloss eine Stadt aufzusuchen, um Asylma ein Pferd zu besorgen und den Proviant aufzustocken. So wurde Lasyla, eine kleine Provinzstadt am Rande des Einfluss­gebietes Masborns, zu ihrem neuen Ziel. Asylma hatte sich ihrem neuen Schicksal ergeben. Was blieb ihr anderes übrig? Der schweigsame Fremde war der einzige, den sie hatte. Die Sterne schimmerten schon lange durch die schützenden Äste der Eiche, unter der sie lagen, bevor der Schlaf sie überwältigte.

Asylma war froh, als die Nacht vorbei war und sie aufbrachen. Sie erhaschten neugierige Blicke, wenn sie an vereinzelten Höfen vorbeikamen. Auch wenn Legarus abseits der Wege ritt, so konnte er es nicht überall vermeiden gesehen zu werden. Die Bauern versteckten sich und schielten hinter zerschlissenen Gardinen hervor. Noch hielten sich die meisten in ihren Hütten auf. Viele waren nach dem Winter eben erst von ihren Söldnerdiensten zurückgekehrt und kümmerten sich nun um ihre Werkzeuge, damit sie ihren letzten Sold, den sie oft genug in Form von Saatgut erhielten, bald in die Erde bringen konnten. Einzelne Reiter bedeuteten auf dem Land selten etwas Gutes. Insbesondere wenn es sich nicht um einen Ackergaul handelte. Besonders diese Zeit kurz vor der Aussaat war überlebenswichtig.

Gegen Mittag sahen sie unter der hellstrahlenden Frühlings­sonne eine kleine verfallende Stadt, die aus einem ungeordneten Haufen von dicht stehenden Häusern bestand. Am Stadttor angelangt, wurden sie von schlecht gelaunten Wachsoldaten begrüßt, die bis gerade eben friedlich unter einem Schatten spendenden Strauch ihren Rausch ausgeschlafen hatten.

„Wer seid ihr? Was wollt ihr?“, raunte sie ein mürrischer Soldat an, ohne sich die Mühe zu machen seine Missachtung zu verheimlichen. Legarus suchte ein möglichst unbedeutendes Erscheinungsbild abzugehen.

„Wir sind Pferdezüchter aus Horjza und wollen hier Lebens­mittel erwerben und ...“

Einer der Soldaten wank ab.

„Ja ja, ist schon gut!“ Darauf gaben sie den Weg durch das Tor frei. Als sie passierten, begutachteten die Soldaten sie mit bösen Blicken. Sie waren schon ein Stück weit gegangen und merkten so nicht, wie sich einer aus dem Wachtrupp auf den Weg zur Stadtmitte begab.

In der Stadt bot sich ihnen ein trostloses Bild. Auch hier versteckten sich die Einwohner in ihren Häusern. Für eine Stadt waren die Gassen wie ausgestorben. Oft waren es angetrunkene Soldaten, denen sie begegneten. Andere gingen zügigen Schrittes voran und schenkten ihnen keine Beachtung. Auf Fragen antworteten sie, wenn überhaupt, mit einem Kopfschütteln, ohne dabei ihren Gang zu verlangsamen. Allerorts waren die Häuser am verfallen und waren nur notdürftig mit Brettern und Lehm ausgebessert. Der Zahn der Zeit hatte an allen Ecken seine Spuren hinterlassen. Sie hatten den Stadtkern schon hinter sich gelassen, als sie ein eintöniges Hämmern vernahmen. Sie näherten sich dem Lärm und sahen, dass es sich um einen Schmied handelte, der lustlos auf ein verbeultes Stück Eisen schlug, ohne diesem eine erkennbare Form zu verleihen.

„Seid gegrüßt werter Herr“, meldete sich Legarus zu Wort. Als der Handwerker keine Anstalten machte aufzuhören, fuhr er fort. „Wir suchen einen Händler. Wir bräuchten ein Pferd und ein wenig Proviant. Könntet ihr uns weiterhelfen?“

Der letzte lustlos geführte Hammerschlag verhalte und Stille trat ein. Langsam hob der Fremde den Kopf und zeigte sein von Trauer verzehrtes Gesicht. Mit scharfen, aber unterlaufenen Augen musterte er die beiden und sein Blick ruhte etwas länger auf dem Pferd, bevor er langsam den Mund öffnete.

„Dann müsst ihr es stehlen.“ Ein wehleidiges Grinsen verzerrte sein Gesicht. „Seit Masborn die Stadt seinen Soldaten überlässt, könnt ihr vieles nicht mehr kaufen. Alles gehört den Soldaten und die teilen nicht gerne.“ Wieder begann er wie wild auf sein Stück Eisen einzuhämmern. „Das geht jetzt schon so lange so, dass keine Familie mehr hier wohnt, die nicht mindestens einen Soldaten in der Familie hat. Wenn ich euch einen Rat geben darf, dann macht ihr auf der Stelle kehrt. Ich weiß von was ich rede.“ Eine lange peinliche Pause setzte ein und seine Muskeln spannten sich, als Wut in seinen Augen aufloderte. Legarus, den ein ungutes Gefühl übermannte, wurde es unwohl in seiner Haut und mühte sich vergebens nach passenden Worten zu suchen.

Doch wieder war es der muskulöse Handwerker mit seinen zorngeladenen Gesichtszügen, der die Stille durchbrach. „Mein Sohn“, begann er, doch die Worte wollten nicht so recht kommen „er hatte sich geweigert, die Soldaten zu bezahlen und ihnen beitreten wollte er auch nicht ...“ Seine ohnehin finstere Miene wurde noch düsterer, während sich seine Faust um den Hammer ballte, sodass alles Blut aus seinen Fingern wich. Abermals erbebte seine Stimme. „... und sie haben ihn auf offener Straße hingerichtet.“ Er biss sich auf die Lippen. „Auf ihn eingeschlagen, bis er blutbeschmiert im Dreck lag.“ Zum Schluss schilderte er nur noch brüchig und jedes Wort verlangte ihm unglaubliche Willenskraft ab. Als er geendet hatte, stand er schwer atmend vor seinem Amboss und starrte leblos auf die festgestampfte, Öl getränkte Erde, ohne die beiden Fremden zu beachten.

Nach einem weiteren gedankenschweren Moment des Schweigens, wollten sich die beiden zum Weitergehen umdrehen. Doch da suchte der Schmied den direkten Augenkontakt mit Legarus. Dieser hielt dem prüfenden Blick stand und fühlte sich dadurch ermutigt nachzuhaken.

„Tut mir leid, dass diese dunkle Zeit auch euch nicht verschont hat.“ Legarus zögerte. „Könntet ihr uns nicht doch weiterhelfen?“ Obwohl der Schmied den Blick nicht von Legarus wandte, zeigte er keine Regung. Legarus näherte sich ihm und fuhr mit gesenkter Stimme fort, sodass nur dieser es vernehmen konnte. „Ich bin Amulius Agamemnon. Wir sind auf dem Weg zu der Stadt der Vergessenen. Unsere Treue gilt den Verfolgten, jenen, die uns vor langer Zeit verlassen haben.“

Die Miene des Schmieds versteinerte nach einem flüchtigen Zucken. Seine Augen verengten sich und er maß Legarus von oben bis unten ab. Langsam richtete er sich auf und sein Blick wanderte erneut zu dem stattlichen Pferd herüber. „Ist das wahr?“, hauchte er und seine Gedanken suchten nach einem Beweis.

„Es ist wahr. Der Blutzoll ist zu hoch. Es muss sich etwas ändern und ich suche Rat“, sprach Legarus leise.

Der Schmied zögerte und Legarus spürte, wie er zwischen Glauben und Zweifel hin- und hergerissen war. Legarus griff unter seinen Überhang und zog ein kleines Messer hervor. Reflexartig wich der Schmied zwei Schritte zurück, doch Legarus richtete es nicht auf ihn. Stattdessen flüsterte er etwas Unverständliches. Ein blaues Leuchten erschien und der Schmied traute seinen Augen nicht. Er sah staunend zu wie Legarus sein Messer durch das Stück Eisen zog. Ungläubig nahm der Schmied die zwei Hälfen in seine Hände und fuhr prüfend mit einem Finger an der frischen Kante vorbei. Sie war kühl und glatt als wäre sie frisch poliert.

„Dann sind die Legenden wahr.“ In Gedanken setzte er zu­sammen was er noch alles wusste. Er sah Legarus an und wusste um dessen Macht. „Ich möchte dir Glauben schenken“, hauchte der Schmied und richtete sich nun erst zu seiner vollen Größe auf. Hatte er bis zu diesem Augenblick nur aus Trotz in dieser Totenstadt vegetiert, so war es jetzt der schier unersättliche Durst nach Vergeltung, der ihm die Kraft verlieh, weiter zu leben. Die Wandlung des Ungetüms war so absolut und unerwartet, dass Asylma erschrocken ein paar Schritte zurück wisch. Sie sah förmlich, wie jede Faser des kindlosen Vaters belebt wurde. Die Augen bekamen einen neuen Glanz, während seine Willenskraft stärker als je zuvor auflebte. Auch Legarus wusste nicht, wie ihm geschah, als nun ein scheinbar jüngerer Mann in der Blütezeit seines handlungsreichen Lebens vor ihm stand.

„Kommt, seid meine Gäste. Wir sollten nicht hier draußen zusammen gesehen werden.“ Seine Stimme war selbstbewusster. Seine Augen strahlten eine unbändige Kraft aus, und verrieten den frisch erwachten Tatendrang. Mit einer höflichen Geste bat er die erstaunten Fremden in seine Behausung einzutreten. Er legte eine Eleganz an den Tag, die man ihm aufgrund seines schwerfälligen Körperbaus nicht zugetraut hätte. Im Innern seines Hauses waren die Folgen des kargen Lebens sichtbar. Das einzige Mobiliar bestand aus einem grob gefertigten Tisch, drei Strohstühlen und einem Wandschrank. Sonstige Gegenstände – von einem motten­zerfressenen Teppich abgesehen –, die zur Zierde hätten dienen können, fehlten gänzlich. Den Eigentümer störte die Schlichtheit wenig, und er forderte sie auf, Platz zu nehmen.

Die beiden Männer unterhielten sich fieberhaft über die dunklen Kräfte, die überall am Werk waren. Masborns Name fiel des Öfteren, da sie ihn als einen der Drahtzieher vermuteten. Überall wurden Streitkräfte ausgebildet und ausgerüstet, während der Rest der Bevölkerung hungern musste.

„Überall wird es zu einem Aufstand kommen. Wenn ich nur wüsste, wer wem zu Loyalität verpflichtet ist“, rätselte Legarus.

„Du meinst nicht, dass die Soldaten ihre Städte für sich behalten wollen?“

„Es macht keinen Sinn. Warum sollte Masborn tatenlos zusehen? Ohnehin ist zu viel Verkehr auf den Straßen.“

„Aber es gibt keinen Handel mehr. Ich kenne keinen mehr der etwas über hat, das er verkaufen könnte!“

„Hier nicht, aber andere Städte blühen. Masborns Streitkräfte sind gut ausgerüstet und sie sind oft in Bewegung.“

„Du meist Masborn plant einen Angriff auf andere Bezirke?“

„Möglich, warum sonst lässt er sein Gebiet ausbluten. Er zieht alle Ressourcen in sein Militär. Er muss wissen, dass er diesen Zustand nicht mehr lange aufrechthalten kann.“

„Es wird zum Bürgerkrieg kommen.“ Brontes' Hass auf Masborn saß tief. Er wusste wem er die Schuld an seinem Schicksal geben musste.

„Überall lodert es.“ Legarus gefiel es nicht, keine Antwort auf all die Rätsel zu finden. Es ergab keinen Sinn.

„Wir müssen den Aufstand organisieren“, meinte Brontes und erfreute sich an dem Gedanken, es Masborn schließlich doch vergelten zu können.

„Es wird nichts ändern. Ich bin zu weit gereist. Vielerorts sieht es aus wie hier. Selbst wenn wir hier gewinnen könnten, so würden andere Gebietsherren über uns herfallen, um von deren Problemen abzulenken.“

„Du hast gesagt, du möchtest zu den Elfen? Glaubst du sie werden uns helfen?“

„Es ist nicht ihr Krieg, der heraufzieht.“

„Du denkst, dass es zum Krieg kommt?“

„So oder so, ja.“

„Aber warum gehst du zu ihnen, wenn sie nicht helfen werden?“, versuchte Brontes ihn zu verstehen.

„Ich suche nach Antworten.“

Asylma blieb während dessen stumm. Der Krieg ging sie nichts an, auch wenn sie wusste, dass ihr Vater anders gedacht hatte. Er wäre für die Sache gestorben und vielleicht war er das auch. Ihr Vater hatte ihr wohl das meiste verschwiegen. Doch sie verstand die Wut, die Brontes gegen die Herrschenden hegte nur zu gut. Auch sie hatte viel an die sinnlose Gewalt in diesem Lande verloren – zu viel. Tief in ihrem Herzen brannte ein Feuer, das dort unaufhaltsam loderte und von dem geschürt wurde, was sie sah, hörte und fühlte.

„Wir werden Verbündete brauchen. Irgendwo müssen wir anfangen.“

„Das stimmt. Aber erst brauchen wir Antworten. Verbündete werden wir viele finden. Sieh dir die Städte an. Viele sind ausgewandert und verstecken sich in den Wäldern und den Bergen. Aber bevor wir kämpfen…“

Plötzlich klopfte es an einer Wand.

Erschrocken fuhr Brontes auf und ging zur Rückwand seines Hauses. Er schob ein loses Brett beiseite. Legarus und Asylma konnten den Mann dahinter nicht sehen. Aufgeregt flüsterte er mit Brontes. Auf Brontes' Fragen gab er nur abgehackte Antworten und war bald wieder verschwunden.

„Brandolf weiß, wer du bist. Er hat Truppen ausgesandt, um uns gefangen zu nehmen. Wir haben keine Zeit mehr, wir müssen augenblicklich fliehen.“

„Wir? Warum musst du auch weg?“ Legarus zögerte nicht und war dabei seine Habseligkeiten aufzugreifen.

„Sie haben euch beobachtet. Sie wissen, dass ihr bei mir seid.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Er würde mich solange foltern, bis er alles über euch wüsste.“

Brontes führte sie in Richtung der Stadtmauern. Schnell ließen sie das nun gänzlich verlassene Haus hinter sich und eilten zwischen den verschlungenen Gassen hindurch. Obwohl sie die Hufe des Pferdes mit Tüchern umwickelt hatten, waren die Tritte in der ansonsten stillen Stadt verräterisch laut.

Im Stadtzentrum kamen sie schnell voran, aber als sie sich der westlichen Grenzmauer näherten, waren die großen Wegkreuz­ungen von wachsamen Soldaten besetzt. Es war kein Vergleich mit zuvor.

Allein der Ortskenntnis ihres Führers verdankten sie, dass noch keine dieser Truppen sie bemerkt hatte. Er führte sie durch verwinkelte, enge Passagen, in denen die Fassaden die ausge­spülten Pflastersteine bedeckten, anstatt die arg mitgenommenen Häuser vor Regen zu schützen. Es roch nach abgestandener feuchter Luft, modrig und alt.

Kaum mehr als 200 Schritt und drei Wegkreuzungen von der zu überwindenden Mauer entfernt, geschah das Unvermeidliche. Eine Patrouille bog um eine Ecke und erblickte die unge­wöhnliche Gemeinschaft. Sie waren in der sonst ausgestorbenen Stadt so fehl am Platz wie ein Fisch in der Wüste.

„Im Namen Brandolfs, ihr seid festgenommen!“ Sie erweckten nicht den Eindruck, als wollten sie lange reden. Kaum ausge­sprochen zogen sie ihre Schwerter blank und stürmten los.

„Asylma steig auf das Pferd und reite voraus!“, zischte Brontes in einem scharfen Ton. „Hinter dem Dornenstrauch findest du einen Durchschlupf. Warte dahinter auf uns.“ Brontes wandte sich an Legarus. „Komm, wir locken sie hier weg. Dort kommen wir nicht durch.“ Dabei konnte er sich einen ironischen Unterton nicht verkneifen und musste trotz der ungemütlichen Lage grinsen.

Doch das war leichter gesagt als getan. Die Soldaten waren bedrohlich nah als Asylma das Pferd bestieg und Legarus diesem einen Klaps gab. Ihr Vater hatte ihr immer wieder eingebläut, dass Befehle ohne aufzumucken zu befolgen waren, besonders in einer heiklen Situation wie diesen. Darum ritt sie, ohne zu zögern auf den rettenden Spalt zu. Dort angelangt zwängte sich Asylma hindurch, um auf der anderen Seite das Kommen der Männer abzuwarten.

Ein heller Pfiff ertönte. Sie hörte wie das Pferd davonlief. Es war Legarus, der sein treues Pferd zu sich rief. Als Naskur seinen Herrn erblickte, sah es diesen von vier Soldaten umringt. Weitere lagen bereits überwältigt auf der sich färbenden Erde, während andere ihren Kameraden, vom Pfiff angelockt, zu Hilfe eilten. Auf dem Weg zu Legarus rannte Naskur zwei überraschte Gegner zu Boden, bevor es abrupt hinter Legarus zum Stehen kam.

„Brontes steig auf!“ Dieser Tat wie ihm geheißen, während Legarus seine Kontrahenten mit einem derben Hieb seines überlangen Schwertes auf Distanz hielt. Er fasste die hilfreiche Hand und hievte sich blitzschnell auf Naskur.

Abermals lief der Hengst los. Zwar waren sie fürs erste außer Reichweite der Soldaten, doch durch den Lärm geleitet, strömte jetzt aus jeder erdenklichen Richtung Verstärkung an und machte jeden Versuch durch die ohnehin geschlossenen Tore zu fliehen, schon am Ansatz zunichte.

Legarus sah keinen Weg mehr der Stadt zu entkommen. Brontes jedoch schien nicht sonderlich besorgt.

„Gut, dass diese Stadt schon halb verfallen ist. Selbst die Befestigungsanlagen sind ausbesserungswürdig“, erwähnte Brontes wie beiläufig.

Der Schmied hielt die Zügel. Als Legarus auffiel, dass dieser im Halbkreis geritten war, erlangte er neuen Mut. Wenige Hufschläge später tauchte vor ihnen ein gigantisches Trümmerfeld auf, das einst wohl eine beeindruckende Mauer gewesen war. Jetzt aber legten die Trümmer eine gut zwanzig Meter breite Öffnung in der Verteidigungsanlage frei, durch die eine Armee hindurch­marschieren könnte, ohne dabei aus dem Takt zu geraten. Diese Öffnung war von etwa zehn Mann bewacht gewesen, nun aber kündeten nur noch ihre zurückgelassenen Pferde von ihrer einstigen Tätigkeit. Mit dem Beginn des Tumultes, hatten auch sie ihre Posten verlassen. Dank des Schlenkers, den Brontes eingeschlagen hatte, waren nun alle Soldaten des Stadthalters hinter ihnen.

Ungestört passierten sie die Ruine. Brontes stieg von Naskur und übergab Legarus die Zügel. Mit sich selbst zufrieden ging er auf die herrenlosen Pferde zu, bestieg eines und nahm ein weiteres bei den Zügeln.

Mit einem breiten Grinsen überholte er Legarus und führte ihn westwärts der Mauer entlang zu Asylma.

Asylma versteckte sich hinter einem kleinen Busch nicht unweit vom Spalt und lehnte sich erschöpft gegen die Stadtmauer. Beide waren erfreut sie unversehrt wieder zu sehen. Mit seinem neu gewonnenen Elan ritt Brontes voraus, doch dann zog er erschrocken die Zügel. Das Pferd reagierte nervös, weil es sich noch nicht an seinen neuen Reiter gewöhnt hatte. Legarus schloss auf und verengte besorgt seine Augen. Asylma war nicht allein. Im Spalt lag ein Soldat. Seine Kehle war durchgeschnitten. Der Schrecken stand ihm noch im Gesicht. Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, war diesem armen Kerl nicht einmal die Zeit geblieben, irgendeinen vernehmlichen Ton von sich zu geben. Asylma hatte ihn soweit nach vorne gezogen, dass er den Spalt vollständig verstopfte und seine ausgestreckten Arme verhinderten, dass er zurückgezogen werden konnte.

Mit diesem Bild vor Augen verging Brontes das Grinsen. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Sein Mund öffnete und schloss sich mehrmals, bevor er anerkennend nickte.

„Du scheinst einiges auf dem Kerbholz zu haben, junges Fräulein“, meinte Brontes und zwinkerte ihr freundlich zu. Asylma quittierte diese Bemerkung mit einem etwas frechen Grinsen. Legarus musste erst einen Kloß herunterschlucken und versuchte sie zu tadeln. Er stellte sich dabei aber so wenig überzeugend an, dass sie es mit einem Achselzucken überspielte.

Der Aufbruch

„Wir können hier nicht verweilen“, meldete sich der Schmied wieder zu Wort. „Sie werden unseren Spuren folgen!“ Er überlegte kurz. „Du hast gesagt du möchtest nach Osten in die Berge?“ Auch wenn seine Stimme fest und überzeugend klang, so war doch ein leiser Hauch von Zweifel zu vernehmen. Ihm fiel seine Unsicherheit auf und so fuhr er entschlossener fort. „Dann sollten wir nach Norden in den Wald. Kommt, lasst uns reiten!“ Er zog an seinen Zügeln und lenkte sein Pferd nach Norden.

Legarus hatte nichts dagegen einzuwenden. Ohnehin wollte er diesen Weg einschlagen. Er blickte zurück. Etwas stimmte hier nicht, doch auch darauf fehlte ihm eine Antwort.

Für Asylma war das Pferd zwar zu groß, doch sie schlug sich gut. Ohne Hilfe schaffte sie es in den Sattel und ihrer Haltung war anzusehen, dass sie schon oft geritten war. Sie war auch die erste die Brontes im zügigen Galopp folgte. Sie waren zwar entkommen, aber konnten sicher sein, dass Brandolf sie nicht so einfach davonkommen lassen würde. Was immer seine Absicht gewesen war, er würde versuchen sie einzuholen. Und sei es nur, um seine Macht zu untermauern. Aber was war sein Plan? So sehr sich Legarus einreden wollte, dass es bloß Zufall war, es ergab einfach keinen Sinn. Warum wollte Brandolf sie festnehmen und woher wusste er, wer er war? Und wer hatte Brontes gewarnt? Alles war so schnell gegangen und bei dieser Flucht wirkte nicht allein ihr Glück und auch nicht Brontes' Geschick. Warum brauchten die Verfolger so lange um sich zu formieren? Warum hatten die Soldaten an der Ruine ihre Stellung verlassen?

Der Boden raste unter ihnen hinweg. Nur die harten Hufschläge durchbrachen die trügerische Stille, während die ersten noch zarten Wiesenblumen unter ihrem Gewicht knickten. Doch diese Idylle schmeckte Legarus gar nicht. Weit hinter ihnen sah er eine mächtige Staubwolke aufsteigen. Ein beunruhigendes Gefühl bemächtigte sich seiner. Dinge gerieten ins Rollen, die nicht mehr aufzuhalten waren. Fragen quälten ihn, Fragen, deren Antworten nur noch mehr Fragen aufwarfen. Seine tiefsitzenden Sorgen, drängte er zurück, da er sich nun dringenderen Problemen widmen musste.

„Brontes siehst du die Anhöhe dort?“

„Ja“, rief der Schmied in Legarus' Richtung, da der Wind und die harten Hufschläge die Verständigung fast unmöglich machten. Hinzu kam, dass ihre neu erlangten Rösser sich nur widerwillig zu diesem mörderischen Tempo hinreißen lassen wollten. Nur instinktiv wollten sie mit Naskur Schritt halten.

Legarus drehte seinen Körper nach hinten und vertraute darauf, dass Naskur die Richtung beibehielt und auf den Weg achtete.

„Reitet dorthin, und wenn das Gelände leicht abschüssig wird siehst du nordwestlich einen Pfad der in den Wald führt. Folge ihm bis du einen befestigten Graben durchqueren musst, dann dringe an einer lichten Stelle in den Wald und gehe quer zum Pfad etwa tauschend Schritt. Dort findest du eine Hütte. Übernachtet dort. Ich werde in der Nacht zu euch stoßen.“

„Was hast du vor?“ Brontes gefiel es nicht, dass sie sich trennen sollten.

„Der Boden ist trocken. Sie brauchen nur unserer Staubwolke zu folgen. Bis zum Abend werden sie diese nicht verlieren, selbst wenn sie nicht mit uns Schritt halten würden. Ich werde eine andere Spur legen, der sie folgen können.“

„Das schmeckt mir nicht“, hielt Brontes widerwillig dagegen.

„Ich folge euch bis zur Anhöhe, aber lasse mich zurückfallen.“

Brontes reagierte nicht darauf.

„Vertrau mir. Sie werden mir folgen.“

„Das macht mir ja Sorgen.“

„Sollten sie mich einholen werden sie es bereuen.“

Brontes wollte Legarus nicht allein der Gefahr aussetzen.

„Tue es für Asylma“, redete Legarus ihm ins Gewissen.

Brontes wandte seinen Blick zur Seite. Sein Brummen war wegen der harten Hufschläge nicht zu hören und auch sein darauf folgendes Nicken, war wegen dem Galopp nicht zu erkennen. Er spornte sein Pferd an und dieses zog widerwillig an Naskur vorbei. Legarus sprach Asylma Mut zu und versprach ihr, bald wieder bei ihr zu sein. Ihre Augen waren feucht, aber das mochte auch dem Wind geschuldet sein. Nur ihr Blick mit dem sie Legarus folgte, als dieser sich langsam zurückfallen ließ, zeigte wie wenig es ihr gefiel. Legarus gab ihrem Pferd einen kräftigen Klapps auf das Hinterteil und so überwand dieses schnell die Lücke die zu Brontes entstanden war.

Brontes rief Asylma zu sich, da er sie nun lieber neben sich wusste. Auch er sprach ihr Mut zu und feuerte sie beide zu mehr Eile an. Je schneller sie ritten, umso schneller konnte Legarus ihnen folgen. Für den Moment war das alles, vorauf sich Brontes konzentrierte.

Immer zu drehte er sich nach hinten. Nachdem sie die Anhöhe hinter sich gelassen hatte, konnte er die Staubwolke ihrer Verfolger nicht mehr sehen. Legarus war etwa hundert Schritt hinter ihnen und drehte leicht von ihrem Weg ab. Brontes wusste nicht recht, ob seine Augen ihm einen Streich spielten, aber er wurde den Eindruck nicht los, dass Legarus für einen Reiter mächtig viel Staub aufwirbelte.

„Komm, bald haben wir es geschafft“, spornte Brontes sie ein letztes Mal an. Mit neuer Zuversicht hielt er auf den Wald zu. Je eher sie vom Horizont verschwanden, umso besser. Er drehte sich kein weiteres Mal um. Erst als er den Wald betrat, überzeugte er sich, dass von ihren Verfolgern noch nichts zu sehen war. Noch hatte keiner von ihnen die Anhöhe erreicht. Aber lange würde es nicht mehr dauern, denn die Wolke, die sie verriet war nicht mehr weit entfernt.

Brontes ließ die Pferde in einen zügigen Trab auslaufen. Die Erde war hier feuchter und sie würden so keine weit sichtbare Fahne hinterlassen. Er konnte jetzt nur hoffen, dass sie sich täuschen ließen, denn wenn nicht, wäre es einfach, sie einzuholen und sie hinterließen im Waldboden Spuren. Doch zumindest in dieser Hinsicht machte sich Brontes rasch keine Sorgen mehr, als er die zahllosen anderen Spuren sah.

Allerdings führte dies zu einem anderen Problem, denn Legarus sollte recht behalten. Wider seiner Erwartung war tatsächlich viel Bewegung auf den Straßen. Zum Glück machten die Soldaten viel Lärm, und so gelang es den beiden rechtzeitig von der Straße zu verschwinden und tief genug in den Wald vorzudringen, bevor eine reichlich bewachte Karawane vorbeizog. Vier massive Karren wurden von je vier Pferden gezogen, und so langsam wie sie sich fortbewegten, mussten sie reichlich schwer sein.

Asylma zitterte am ganzen Leib. Brontes fiel es allerdings erst auf, als der Trupp fast vorbeigezogen war.

„Ach Herrje“, wurde sich Brontes besorgt ihrer Angst bewusst. Er strich ihr über den Rücken. „Komm her!“ Er drückte sie fest an sich, als sie sich nicht beruhigte. „Die können dir hier nichts tun.“

Asylma vergrub ihr Gesicht in seiner Brust. Selbst der Klang der sich entfernenden Rüstungen und das Gegröle setzten ihr noch zu und es dauerte eine Weile bis ihr Körper ihr wieder ganz gehorchte.

„Mistkerle sind das“, meinte Brontes schließlich als sie sich nach einer längeren Pause zurück auf die Straßen wagten. Der Schmied ließ Vorsicht walten, da er sich gleichermaßen vor einer Nachhut fürchtete, wie auch davor, dass ihre Verfolger sich doch für den Waldweg entschieden hatten. Doch zumindest das war nun unwahrscheinlich.

Doch eine gewisse Anspannung wollte Brontes nicht mehr loslassen. Aufmerksam achtete er auf jedes Geräusch, da er nicht wusste, aus welcher Richtung die größere Gefahr drohte, da er jede Begegnung vermeiden wollte. Auch deshalb ritten sie nun noch langsamer, auch wenn die Dämmerung einsetzte, und er die Stelle, die Legarus ihm genannt hatte, noch nicht gefunden hatte.

Brontes störte sich an ihrem Schweigen, weil er Asylma allzu gern Mut zugesprochen oder sie abgelenkt hätte, doch er wollte nicht unachtsam werden, und so blieb ihm nur festzustellen, wie Asylma in sich zusammengesackt neben ihm her ritt. Wirklich ängstlich kam sie ihm nicht vor, nur unbeschreiblich nieder­geschlagen und teilnahmslos. Dass sie sich auf einer Flucht befanden, war ihr kaum anzumerken.

Mit dem schwindenden Licht des Tages fand Brontes endlich den mit Steinplatten ausgelegten Graben und bog mit Asylma in den Wald. Wegen der tiefhängenden Äste stiegen sie ab und führten ihre Pferde an den Zügeln. Trotz der Beschreibung war es nicht leicht die gedrungene Hütte zu finden, da sie sich in einer Mulde versteckte und fast vollständig von Gestrüpp überwuchert war.

Brontes untersuchte ihre Satteltaschen, doch fand dort bei weitem weniger als er erhofft hatte. Die beiden Decken gab er Asylma, die diese dankbar annahm. Auch das bisschen Essen reichte er ihr, auch wenn es keine Mahlzeit ersetzen konnte.

„Nein?“, fragte Brontes als Asylma den Kopf schüttelte.

„Wir teilen!“, entschied sie und versuchte den Kanten Brot in zwei zu reißen.

„Lass nur, ich habe reichlich Reserven“, meinte Brontes und rieb sich über seinen leicht gewölbten Bauch. Asylma schüttelte energisch den Kopf.

„Ich will nicht alleine essen“, erklärte sie entschieden, bevor erneut Tränen ihre Wangen nässten. Sie reichte ihm den Kanten zurück, damit er ihn brach. Ihre Hände waren kalt und nach dem langen Ritt kraftlos.

„Aber du musst essen“, versuchte es Brontes erneut.

„Ich habe schon die zwei Decken“, argumentierte sie, während sie ihre Tränen ignorierte. Ihr Blick machte deutlich, dass sie in diesem Punkt nicht nachgeben wollte.

Brontes brummte und setzte sich neben Asylma.

„Ich warte noch bis ich ein kleines Feuer anzünde.“ Rasch war es um das letzte Licht geschehen. „Du kannst aber ruhig schon schlafen.“ Asylma saß dicht an den Schmied gelehnt und so spürte er wie sie erneut den Kopf schüttelte. „Aber du bist doch sicher müde.“ Ein Achselzucken war ihre einzige Antwort. „Versuche es wenigstens, ich passe auch auf. Morgen werden wir sicher früh aufbrechen.“

Sie drückte sich fest an ihn und er legte unbewusst seinen Arm um sie. „Erzähl mir etwas von dir“, versuchte sich Asylma vor dem Schlafen zu drücken.

Brontes sah zu ihr herab, konnte ihr Gesicht in der Dunkelheit aber nicht mehr erkennen.

„Ich wüsste nicht, was“, dachte er nach einer Weile laut. Asylma zuckte leicht mit einer Schulter, sagte aber nichts.

Brontes hielt sie weiterhin im Arm, während sie im Dunkeln saßen. Eine Weile hingen beide eigenen Gedanken nach. Allmählich wurde der Schmied sich bewusst, auf was er sich eingelassen hatte. Er wunderte sich, warum er Legarus nur so leicht Glauben geschenkt hatte. Schließlich war Legarus mit all seinen Namen zu einem Mythos geworden, und das was er ihm verraten hatte, war nurmehr eine Legende, aber eine die jedes Kind zu hören bekam. Es war die Hoffnung, die diese Geschichten nährte und wahrscheinlich war es auch die Hoffnung, dass all die Ungerechtigkeit bald ein Ende erfahren sollte, warum er so bereitwillig gefolgt war. Und in Lasyla hielt ihn nichts mehr. Überall, wo er hinsah, wühlten ihn schlechte Erinnerungen auf, und verdrängten jene, an die er sich erinnern wollte.

Irgendwann wurde ihm wieder bewusst, dass Asylma in seiner Umarmung an ihm lehnte, und er wollte das Schweigen verdrängen.

Langsam begann er von seinem früheren Leben zu erzählen. Davon, wie er mit seiner frisch verheirateten Frau nach Lasyla gezogen war, da er der Willkür seines alten Stadtherren entkommen wollte. Lasyla versprach, ein Idyll für Handwerker zu sein, und so war es auch gewesen. Er arbeitete hart, aber sie waren glücklich, und bald kam ihr Sohn zur Welt. Brontes erzählte nur von den ersten Jahren, nur von den Momenten, an die er sich gerne zurück erinnerte. Manchmal musste er leise für sich lachen und schwelgte dann für eine Weile und schwieg.

Asylma fiel das nicht einmal auf, und irgendwann schlief sie im Sitzen ein. Als Brontes es merkte, legte er sie vorsichtig hin und deckte sie so gut es ging zu. Er stand auf und versuchte Feuer zu machen, wurde sich aber seines Fehlers bewusst, da er im Dunkeln Schwierigkeiten hatte, alles Notwendige zu finden. Mehrfach stieß er gegen etwas, und fluchte tonlos, da er Asylma nicht wecken wollte. Als es ihm schlussendlich gelang, wärmte er sich die Hände. Sein Blick war zur Seite gewandt. Asylmas Gesicht war von dem schwachen Schein des Feuers erhellt. Ihr Schlaf war unruhig. Sie drehte sich von einer Seite zur anderen und immer wieder durchfuhr sie ein Zucken.

Langsam wurde Brontes' Kopf schwer und sank auf seine Brust.

Plötzlich war ein Wiehern zu hören und Brontes schreckte aus seinem leichten Schlaf auf. Die Pferde waren unruhig. Rasch stand er auf und griff nach einem Knüppel, den er sich zurecht gelegt hatte, und stellte sich hinter die Tür.

Draußen hörte er Schritte. Kleine Äste brachen als der Fremde vor die Türschwelle trat.

„Brontes ich bin es. Sorge dich nicht“, meinte Legarus noch bevor er nach der Tür griff, um sie zu öffnen.

Brontes ließ den Knüppel sinken und sein Herzschlag beruhigte sich.

„Ich hätte keinen Besseren finden können, um auf das Mädchen Acht zu geben“, flüsterte Legarus als er eintrat und klopfte Brontes beruhigend auf die Schulter. „Brandolfs Truppe ist in eine andere Richtung unterwegs. Wahrscheinlich haben sie die Suche inzwischen eingestellt.“

Brontes glaubte nicht, dass Legarus wirklich dieser Meinung war, aber trotzdem nickte er.

„Wann brechen wir auf? Noch im Dunkeln?“

„Hier sind wir für den Augenblick sicher. Wir sollten alle versuchen zu schlafen. Es kommen lange Tage auf uns zu. Wenn wir erst durch offene Gegenden reiten, werden wir drei auffallen, und wer immer nach uns sucht, wird von uns hören.“

„Wie sieht dein Plan aus?“

„Vier oder fünf Tage werden wir uns noch größtenteils in Waldstücken bewegen können. Während der Zeit sollten wir uns mit allem versorgen, was wir später benötigen. Danach halten wir geradewegs auf die Berge zu.“

„Und du kennst den Weg zu den Elfen?“

„Ich werde ihn finden, wenn wir soweit sind“, meinte Legarus und klang dabei, als wäre das seine geringste Sorge.

Bei Tagesanbruch nutzten sie die Gelegenheit sich Reserven anzulegen. Der Wind hatte gedreht und in den nächsten Tagen würde wohl Regen zu ihrem treuen Begleiter werden.

Brontes wich nie weit von Asylma und versuchte sie auf Trapp zu halten, damit sie nicht viel Zeit zum Nachdenken hatte.

„Wir könnten aufbrechen, doch in einer Stunde wird es bereits dunkel werden“, meinte Legarus als sie alles zusammengetragen hatten. „Aber weit werden wir nicht kommen, also sollten wir die Nacht noch in der Hütte verbringen.“

„Ich denke, eine solche Gelegenheit werden wir nicht noch oft haben“, bekräftigte Brontes Legarus' Aussage.

„Es gibt vielerorts solcher Verstecke, aber sie werden von Abtrünnigen und Wilderen genutzt und ich möchte unser Glück nicht zu sehr herausfordern. Für den Moment sollten wir unbemerkt bleiben, auch wenn die wenigsten uns etwas tun würden – aber sie würden reden.“

Asylma äußerte sich nicht, ließ sich nur vor dem kalten Kamin auf ein Stück Holz fallen auf der ihre Decke lag.

Legarus und Brontes wechselten einen nachdenklichen Blick. Schließlich nickte der Schmied.

„Asylma, komm, wir gehen nach draußen.“

Das Mädchen gehorchte willenlos und stand auf. Brontes ging in den Wald hinein und suchte nach einem passenden Ast, während Asylma im folgte.

„Dieser junge Baum sollte passen“, meinte Brontes zufrieden und tatenfreudig. Mit einer kleinen Axt bearbeitete er den jungen Stamm und ließ Asylma ihn dann von Seitentrieben säubern und auf ihre Körperlänge kürzen.

„Hier ist noch einer“, gab Brontes kund, als er einen weiteren passenden Stamm ausfindet gemacht hatte.

Asylma blieb zitternd stehen und ließ die Axt fallen. Ihr wurde bewusst, was der Schmied vorhatte.

„Was ist los“, wollte Brontes erstaunt wissen, als er sah wie Asylmas Gesicht alle Farbe verlor. „Du brauchst keine Angst haben.“

Asylmas Lippen zitterten nur, und sie blieb wie leblos stehen. Plötzlich rannen erneut Tränen hervor.

„Es ist nicht das erste Mal, dass du trainierst?“

Asylma schüttelte den Kopf und ließ den Blick sinken.

„Dein Vater war auch ein Söldner?“

Asylma antwortete nicht.

„Er hat es dir beigebracht?“

Ein schwaches Nicken war zu erkennen. „Er“, begann sie und verlor die Stimme. „Er kam eben erst zurück um auf dem Feld zu...“ Ihre Stimme versagte nun vollständig.

„Vertrau mir, es wird dir gut tun, wenn du deine Wut aus dir lassen kannst.“ Er nahm ihr die Axt ab und stellte den zweiten Stab fertig. Asylma blieb stehen und versuchte erfolglos ihre Gefühle zu ordnen.

Der Schmied stellte sich vor Asylma und forderte sie auf, Stellung einzunehmen. Sie bewegte sich, als wäre ihr Körper derjenige eines Fremden. Mehrmals schlug Brontes ihr mit dem ersten Hieb den Stab aus der Hand, bevor sie endlich beherzter zugriff. Tränen trübten ihr die Sicht, doch nach einer Weile kam ihre Wut hervor und schenkte ihren Schlägen mehr Kraft.

Die Verfolger

Der Boden unter ihnen wurde steiniger und die letzten großen Waldflächen lagen bereits hinter ihnen. Größere Städte suchte man hier auch vergebens und es wirkte eher wie ein vergessenes Stückchen Land. Über weite Strecken zogen sich lange Weiden, und von Zeit zu Zeit sahen sie in der Ferne eine Ansammlung von ein paar Bauernhöfe, wo einige wenige versuchten dem kargen Boden etwas abzutrotzen.

Sie konnten es nicht überall vermeiden, gesehen zu werden, denn abseits der Wege zu reiten, würde nur noch mehr Aufsehen erregen. Beängstigend viele Soldaten zeigten Präsenz, und es war nicht immer ersichtlich, in welcher Mission sie unterwegs waren. Gleich zweimal in der vergangenen Woche mussten sie Reißaus nehmen, und sie konnten ihre Verfolger nur mit Mühe abschütteln. Es war offensichtlich, dass sie nach drei Reitern Ausschau hielten, doch trennen wollten sie sich auf keinen Fall. Und so blieb ihnen nur die Flucht nach vorne. Sie verlangten sich und den Rössern alles ab, mit dem Wissen, dass noch eine lange Reise vor ihnen lag.

Nach einigen Tagen mit frühlingshaft schönes Wetter waren über Nacht erneut dunkle Wolken aufgezogen. Gegen Mittag brachen sie auf und die Luft kühlte sich rasch ab, während die fleißigen Bienen, die die ersten aufblühenden Mondviolen und Veilchen bestäubten, das Weite suchten. Sie hatten früh aufgesattelt, doch auch jetzt saßen sie nicht ab, sondern trieben ihre Pferde zur Eile an. Sie mussten den Vorsprung ausbauen. Die Reise war beschwerlich, der kalte Regen durchnässte ihre Kleider und das Wasser lief nur so an Reiter und Tier herunter. Doch zumindest würde der Regen helfen ihre Spuren zu tilgen.

Asylma und Brontes sprachen viel miteinander, während Legarus schweigend nebenher ritt. Der Schleier, der ihn seit ewigen Zeiten umgab, spann weiterhin seine sich windenden Fäden, die jene vergessenen Geheimnisse festhielten, die ihn zu einem verfolgten Jäger machten.

Brontes und Asylma tat es allerdings gut, jemanden gefunden zu haben, mit dem sie belanglos reden konnten. Brontes entpuppte sich als großartiger Erzähler. Er kannte Geschichten, Legenden und Mythen und ebenso wusste er viel über Pflanzen und Tiere. Er war aber verwundert, wie viel auch Asylma bereits wusste. Doch ein Grund dafür lernte Brontes nach und nach kennen. Asylma ließ sich schnell für alles begeistern, was sie noch nicht wusste. Wann immer sich eine Gelegenheit bot, hinterfragte sie was Brontes und manchmal auch Legarus ihr erzählte. Dabei schöpfte sie aus einer schier unerschöpflichen Quelle neue Fragen, mit denen sie ihren Horizont erweitern wollte. Brontes ließ es sich nicht nehmen, den Wissensdurst mit ausschweifenden Erklärungen zu stillen. Dabei überraschte der Handwerker seine Gefährten mit einer unglaublichen Wortgewandtheit. Auch vermochte er Wahrheit und Legende so unzertrennlich mitein­ander zu verweben, dass sie nahtlos ineinander übergingen. So verging Kilometer für Kilometer, Tag für Tag, während sie allmählich in höhere Gebiete ritten und die Weiden immer mehr Felsen und trockenen Gebüschen weichen mussten. Das Wetter klarte glücklicherweise zusehends auf und es gab nur noch kurze Schauer. Die weite hellgrüne Ebene wechselte in ein spärlich bewaldetes Hochplateau, um schließlich in einer fruchtlosen steinigen Landschaft zu enden.

Nun waren es auch nicht mehr unzählige umhersurrende Insekten, sondern vereinzelte Adler, die den Himmel für sich beanspruchten und stolz ihre Kreise enger zogen, um dann mit tödlicher Präzision ahnungslose Mäuse zu fangen.

„Schau“, meldete sich Brontes zu Wort und zeigte auf einen dunklen Punkt unter der noch steigenden Mittagssonne. Es war ein kleiner unbedeutender Punkt am Himmel. Langsam wuchs er, während er auf sie zuflog. Er war beinahe über ihnen, bevor sie die Konturen eines mächtigen Steinadlers erkannten.

Obwohl in großer Höhe seine Umrisse neben den letzten Wolkenresten klein und unbedeutend erschienen, erkannte Asylma dennoch die Kraft, die von diesem Tier ausging. Der König der Lüfte streckte seinen braun gefiederten Kopf nach unten, zog seine Flügel fest an den Körper und schnellte wie ein Pfeil gen Erde. Sein Sturzflug war kurz, sein Erscheinen überraschend und nur ein leises ersticktes Quieken erfuhr der erstarrten Maus bevor sie, vom Adler getragen, sich zu ihrer letzten Reise gen Himmel aufmachte.

Sie ritten schweigend weiter.

„Was hältst du davon?“, wandte sich Brontes nach einer Weile an Asylma.

Asylma, die in ihren Gedanken woanders schweifte, brauchte etwas länger, bevor die Frage bei ihr ankam.

„Wovon?“

„Dass der Adler die Maus getötet hat!?“

„Er musste sie töten. Das ist die Natur! Sonst hätte er verhungern müssen.“ Sie zögerte keine Sekunde.

„Warum glaubst du, dass er Hunger hatte? Er hätte sie auch aus Spaß töten können. Nein?“

„Nein, Tiere tun das nicht!“

„Aber Menschen …?“

Es begann ihr zu dämmern, worauf er hinauswollte und suchte nach einer passenden Antwort.

„Ja, aber …“

Brontes unterbrach sie und vervollständige an ihrer statt.

„… das ist etwas anderes. War es das, was du sagen wolltest?“

Asylma fühlte sich völlig falsch verstanden und stotterte etwas Unverständliches.

Ein Kribbeln bahnte sich einen Weg durch ihren Magen. Doch Brontes' Ton klang versöhnlich, als er von Neuem ansetzte.

„Ich glaube nicht wirklich, dass das deine Gedanken waren. Aber ist es doch die Antwort, die einem jene geben die schon Boten des Todes waren.“

Asylma schwieg.

Brontes zügelte sein Pferd und Asylma tat es ihm gleich. Er hielt sie fest am Arm und blickte ihr mit der gut gemeinten Strenge eines Vaters in die Augen. Der Blick war fesselnd, ebenso seine feste Stimme, die jede Spur von dem ansonsten mitschwingenden Humor verloren hatte.

„Es werden Tage kommen, in denen du tötest, um zu leben und solche, in denen du tötest, weil du glaubst, töten zu müssen. Doch bedenke eines, du tötest nicht den Soldaten, sondern den Ehemann, den Vater!“

Asylma schwieg.

„Ich habe gesehen, dass du schnell mit dem Messer bist. Bereit zu töten. Doch das erfordert weder Mut noch Weisheit!“

Der Bann zwischen ihren Augen löste sich, als er an ihr herabblickte. Sein Gesicht zeigte wieder die gutmütigen, sanften Züge, die so unpassend zu seinem ansonsten stählernen Körper waren. Aber dennoch blieb er nicht weniger ernst.

„Ich werde dich lehren, dass dein Mitgefühl schneller ist als dein Instinkt und dein Verstand schärfer als dein Messer. Du kannst töten und dennoch verlieren, genauso aber verschonen und siegreich sein.“

Sie ritten eine Weile nebeneinander her.

„Macht ist nicht der Lohn des Tötens, sondern Leben die Gabe der Weisheit.“

Brontes sah sie mit fragenden Augen an, doch Asylma blieb weiterhin stumm.

„Ich kannte deinen Vater!“

Nun war es Asylma deren Augen, jene Brontes suchten und einmal gefunden so fixierten, als versuchten sie ein Geheimnis zu lesen, das tief in ihnen wohnte und nie durch Worte den Weg in die Welt finden konnte.

Sie wollte reden. Sie suchte jemanden mit dem sie über ihre Eltern reden konnte. Und jetzt wo sie einen gefunden hatte, blieb sie stumm. Unfähig ihrer Freude oder Trauer Worte zu schenken, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Die kleinen Perlen rollten auf ihren weichen Wangen herunter und zerrannen an ihren Lippen. Es waren nur wenige Tränen, doch diese waren voll von Gefühlen, die sich mit ihnen den Weg ins Freie suchten.

Ihr Mund öffnete sich mehrmals, während der Wind sanft durch ihr Gesicht streichelte und die nun nicht mehr fließenden Rinnsale trocknete. Die Sonne schien hell, als wollte sie Licht in die finstersten Windungen ihrer Seele bringen. Die Erde schluckte jedes Geräusch, und so herrschte absolute Stille, als würde die Natur selbst darauf warten, dass Asylma sich öffnete.

Langsam formten ihre blassen Lippen Worte. Zunächst stürzten sie brüchig hervor.

„Kanntest … du ihn … gut?“

„O ja. Wir waren zusammen aufgewachsen. Er war immer der Stürmischere von uns beiden.“

„Und warum … habe ich dich nie bei uns gesehen?“

„Du warst noch ganz klein, als ich das letzte Mal bei euch war …“

„Aber warum …“

„Warum ich nicht wiedergekommen bin? – Die Zeit. Sie ändert alles. Zu viele Dinge waren geschehen, grausame Dinge.“

Asylmas Augen drohten abermals überzulaufen und so ertranken ihre Fragen in ihrer Kehle.

„Eines musst du wissen: es zählt nicht nur, was man verloren hat, sondern auch das, was man noch hat!“

Legarus, der merkte, dass Brontes, mit seinem Versuch der Aufmunterung kläglich scheiterte, schaltete sich dazwischen: „Egal wie finster und kalt die Nächte sind, es wird immer einen Ort geben, an dem ein Licht für dich brennt, und immer wird ein warmes Herz für dich schlagen.“

Legarus ließ seine Worte verhallen, bevor er mit seiner sonnengegerbten Hand eine einzelne Perle auf ihrer Wange auffing und mit sanfter Stimme und mitfühlendem Blick weiterfuhr: „Du hast verloren, was nicht zu ersetzen ist, gesehen, was nicht zu beschreiben ist, gehört, was nicht zu ertragen ist, und dennoch lebst du. Du lebst und bist frei! Frei zu hoffen, frei zu lieben. Du musst lernen los zu lassen – loszulassen, aber nicht zu verdrängen, noch zu vergessen.“

„Für jeden kommt die Zeit, wenn man gehen muss. Doch wenn die Zeit gekommen ist, ist es dennoch immer zu früh. Nur die Liebe allein kennt keine Zeit. Sie lebt ewig, aber auch nur dort, wo sie Einlass findet.“

Brontes und Legarus verloren sich in ihren Reden. Mit jedem neuen Satz, den sie immer wieder länger als den vorigen spannen, verloren sie mehr den Hang zur Realität. Versuchten sie zunächst Asylma Mut zuzusprechen, so war es bald schon ein Wettdichten und Philosophieren.

Die Wirkung aber hätte nicht besser sein können. Asylma gewann ihr Lächeln zurück und Wärme fand den Weg in ihr Herz. Es waren nicht die Worte, die sie trösteten, nicht das Gebärden der Freunde, die ihr Kraft schenkten, sondern das Gefühl, nicht allein zu sein. Es war nicht wichtig, wie die beiden sie zu trösten versuchten, wichtig allein war, dass sie es versuchten. Denn in einer Freundschaft zählen nicht die Ergebnisse, sondern das Bemühen, nicht die Worte, sondern das Gefühl.

Auch wenn es eine Flucht war, so bedeutete es Asylma viel in Gesellschaft des geheimnisvollen Legarus und dem redseligen Schmied durch Feld und Flur zu reiten. Wenn der frische Frühlingswind mit ihren Haaren spielte, und die Wolken rätselhafte Figuren über die Erde huschen ließen, dann erinnerte sie sich an die zahllosen Ausflüge mit ihrem abenteuerlustigen Vater, der sie viel über die Natur lehrte. So versank sie bei jeder Spur eines bekannten Tieres, die dieses in dem teils lehmigen Boden hinterlassen hatte, in Geschichten, die sie einst gehört hatte.

Erst in der dritten Woche verringerten sie ihr Tempo und genehmigten sich und ihren Rössern öfter Verschnaufpausen. Auch wenn sie sich mehr Zeit nahmen, war es für Asylma dennoch wenig erholsam. Brontes nahm sich weiterhin ihrem Training an. Er zeigte ihr zu Beginn jeder Lehrstunde neue Stellungen, wie sie ihr Schwert halten sollte, und auf was sie beim Gegner achten musste. Wenn sie dann aber ihre beiden Holz­schläger einsetzten, wurde Asylma flau zumute, denn der von ihr liebgewonnene Schmied, zeigte dann keine Gnade mehr. Brontes war zu Beginn überrascht, wie gut sie bereits war, aber dann wurde er sich nochmals bewusst, welches Leben auf dem Land geführt wurde. Es war einfach zu gefährlich, wehrlos zu sein. Doch das machte es für Asylma nun nicht leichter. Eher das Gegenteil war der Fall. Er drosch förmlich auf sie ein, nutzte Deckungsfehler aus, um ihr einen Hieb gegen die Seite zu platzieren. Zwar bremste er den Schlag im letzten Moment ab, doch mit der Zeit gab es keine Stelle die Asylma nicht schmerzte. Aber auch sie nutze jede Gelegenheit auszuteilen. Es lenkte sie ab, da ihr keine Zeit blieb über etwas anderes nachzudenken.

Wenn sie dann erschöpft und leicht mürrisch sich auf eine Pferdedecke fallen ließ, um sich zu sammeln, war Legarus zur Stelle. Er beanspruchte nicht ihre Kräfte, ebenso wenig zog sie sich bei ihm Verletzungen zu. Doch diese Übungen waren nicht minder ermüdend. Es waren banale Geistesübungen, doch Legarus verstand sich meisterhaft in den Künsten der Ablenkung. Dagegen fand sie jedoch schnell eine Abschottung und so schaffte sie es schließlich, unempfindlich für Störungen in ihrer Umwelt zu werden. Deswegen gab Legarus es nach einer weiteren erfolg­reichen Stunde auf, ihre Konzentration auf die Probe zu stellen und fuhr damit fort ihre Sinne zu schärfen.

Hier befand Asylma sich in ihrem Element. Abends, wenn die Sonne den Horizont sanft streifte, zogen sich die beiden zurück und setzten sich auf einen höher gelegenen Felsen oder an einen scharfen Abhang. Dort weilten sie und sogen die Landschaft in sich auf. Solange bis sie mit ihr verschmolzen. Zeit spielte nicht länger eine Rolle. Zufriedenheit durchströmte Asylma, wenn sie die Natur in ihrer Einzigartigkeit betrachtete. Die Formen, die die Natur erschafft, die Farben, mit denen sie spielt, sind Balsam für verletzte Seelen, die ihren inneren Frieden verloren haben. Zeit ist vergänglich und versucht man einen Moment festzuhalten so ist er einem schon beim Gedanken daran entwichen. Doch vermag die Harmonie des Augenblicks als Erinnerung gebündelt einem Faden gleichen. Einem, so rein wie das Licht der Sonne, so frei wie der Wind und so beständig wie Fels, Teil eines Bildgewebes der Ewigkeit und Schlüssel zu der inneren Truhe der Ausge­glichen­heit.

Der Junge mit dem Apfel

Der Junge rang um Atem. Die beiden Hünen waren ihm dicht auf den Fersen. Hastig blickte sich das Kind um. Es konnte in der engen Gasse aber keine Nische erspähen. Die Marktleute mit ihren Körpern hinderten den Jungen daran, schneller zu laufen. Seine Verfolger schienen sich davon weit weniger aufhalten zu lassen. Deutlich war ihr Geschrei zu vernehmen. Aufgeregt und um ihre Waren besorgt, beugten sich die meisten überstürzt über ihre Stände und bildeten einen kleinen Durchlass kurz nachdem sich der zehnjährige Junge durchgekämpft hatte. Seinen Verfolgern konnte es nicht schnell genug gehen. Mit ihrer Masse pflügten sie sich hindurch und liefen nicht wenige der Händler über den Haufen. Obwohl die beiden Männer für einiges an Wirbel in der Gasse sorgten, blieb es vergleichsweise still. Nur ihre Schreie und der Lärm umstürzender Gegenstände waren zu hören. Keiner der Händler wollte die Aufmerksamkeit der Wachsoldaten erregen. Sie beschränkten sich darauf, ihr Hab und Gut zu schützen und schweigend Umgestürztes aufzurichten und die Scherben mit stummen Flüchen auf den Lippen zusammenzukehren. Kunden, die sich über dieses rücksichtslose Geschubse aufregen konnten oder wagen würden, gab es in diesem Teil der Stadt ohnehin kaum. Denn für den offiziellen Markt waren diesen Händlern die Standgebühren zu hoch. Wer sich hierhin verirrte, besaß nicht mehr als seine Hoffnung. Diese war es auch die die Händler dazu veranlasste ihr Gerümpel feilzubieten – einen Wert besaß kaum einer der Gegenstände.

Das einzige, was für einen Kunden von Interesse gewesen wäre, hielt der Junge fest in seinen Händen und versteckte sich in seiner Jackentasche. Nicht nur deshalb rannte er, als ginge es um sein Leben. Er kannte sich in diesen Gassen aus. Sein ganzes Leben hatte er in dieser Stadt verbracht. Hastig warf er seinen Blick von einer Seite zur anderen. So viele Nischen kannte er, die ihn retten könnten. Doch eine jede war verstopft. Eigentlich war die Gasse viel zu eng für einen Markt. Doch die Not ließ viele Hindernisse überwinden. Kleine Karren versperrten dem Jungen jeden Fluchtweg.

„Haltet ihn.“ Schreie überschallten die Gasse.

Keiner dachte daran, sich zu bewegen.

Einer der Hünen riss in seiner Wut einen Karren um. Lange schepperten die rostigen und verbeulten Töpfe über die Pflastersteine.

Erschrocken blickte sich der Junge um. Sie waren näher als er es für möglich hielt – viel zu nah. Angst verlieh dem Kleinen neue Kraft. Er riss seinen Blick widerwillig nach vorne. Nur im letzten Moment konnte er einer Frau ausweichen. Panisch sprang er ein wenig zu weit zur Seite. Sein Mantel verfing sich an einem Widerhacken eines alten Karrens. Seine Manteltasche riss auf. Taumelnd lief er weiter. Doch schon nach wenigen Schritten verlor er zwei Äpfel aus seiner Tasche. Am ganzen Leib zitternd blieb er stehen. Starrte ungläubig auf die beiden Äpfel, die dabei waren unter einen Stand zu rollen. Blickte auf. Sah seine Verfolger. Blut schoss ihm in den Kopf und es wurde ihm heiß. Sein Herz schlug ihm gegen die Kehle. Hastig bückte er sich und griff nach einem der Äpfel. Erleichtert umfassten seine Finger die Frucht. Ein heftiger Tritt traf den Jungen in die Seite und er stürzte gegen eine Hauswand. Bewusstlos blieb er liegen, während der Apfel aus seiner schlaffen Hand rollte.

Der steinerne Spiegel

So wie in den vergangenen Wochen, so ging der alte Mann auch an diesem Morgen die dunklen Gänge hinunter. Selbst im schwachen Fackellicht war zu erkennen, dass er sich bei dem Gedanken unwohl fühlte, die Gesellschaft des Zwerges aufzu­suchen. Nicht, dass er sich in der Nähe der Wächter wohler fühlte. Doch die Angst, die er bei ihnen empfand, während sie ihn zu seiner neuen, ungewöhnlichen Arbeitsstätte begleiteten, hatte etwas Bekanntes an sich. Er wusste, dass er sie nicht mochte, ja, dass er sie fürchtete, fast mehr als den Tod selbst. Denn dieser würde ihm nicht mehr viel nehmen können. Doch wenn er bei dem Zwerg war, fühlte er eine andere Angst, eine, die er sich nicht erklären konnte. Kein Zittern brachte sie zum Ausdruck. Sie verweilte tief in ihm selbst, als wäre sie ein Schatten, der sich auf ihn legte. Dazu kam dieser finstere Ort, der für sich schon den Wunsch in ihm erweckte, weg zu wollen.

Doch das konnte er nicht, und das wusste er auch. Er hatte eine Aufgabe zu erledigen und dem Wunsch von Thanatos, einem Berater des Rates der Acht Türme, sollte man besser entsprechen. Nicht, dass er sich großartig Belohnungen ausmalte. Nein, er wollte endlich Ruhe finden. Mehr wollte er gar nicht – einfach nur noch in Ruhe gelassen werden. Er fand, dass das nicht zu viel verlangt war, auch wenn er sich schon fast damit abgefunden hatte, dass es ein Traum bleiben würde.

So schritt er hinter den Wachen her, als freier Mann, wie er sich einreden musste, denn diese Umgebung wollte ihm ständig ein anderes Gefühl aufzwingen.

Scheinbar gelangweilt schritten die Wächter vor ihm her und lästerten über jene, die dem Dienst in dieser Nacht entgangen waren. Sie waren müde, und der Handwerker konnte an ihren langen Schritten – denen er kaum zu folgen vermochte – spüren, dass sie zügig nach oben und in ihre noch kalten Betten wollten.

Für ihn aber begann jetzt erst der Tag, mit vielen mühsamen Stunden, in denen er das Ebenbild eines Zwerges aus dem Stein hauen sollte. Genau so wie in den vergangenen Wochen, würde er kein Tageslicht zu Gesicht bekommen.

Auch deshalb klangen seine Schritte entmutigt und unsicher im Vergleich zu den festen Schritten der Wachen. Immer tiefer unter die Erde drangen die Geräusche, die an diesem Ort unheimlich verhallten und den armen Handwerker noch mehr ängstigten. Er war ein freier Mann und bald würde er mit seiner Arbeit fertig sein. Dann müsste er diesen unwirklichen Ort nicht mehr betreten. Das musste er sich ständig vorsagen, damit seine Füße ihm nicht den Dienst quittierten. So groß sein Unbehagen auch war, er durfte es nicht zeigen, nicht seine Arbeit unbeendet lassen, denn das wäre sein sicherer Tod – daran zweifelte er nicht einen Augenblick. Und vielleicht würde Thanatos gar Wort halten und beim Stadthalter ein gutes Wort einlegen, dass er zurück in seine Werkstatt durfte und nicht in diese Grotte verbannt blieb.

Tibur achtete nicht großartig auf seinen Weg. Er ließ sich hinterher treiben und so war er nicht wenig überrascht, als die Wächter auf einmal stehen blieben. Waren sie schon da? Der Weg war doch sonst länger gewesen. Waren sie auch nicht. Die Wachen waren in mitten eines in der Finsternis verschwindenden Ganges stehen geblieben.

„Eines noch sollten wir dir sagen“, begann einer der Wachen mit einer kräftigen, leicht mürrisch klingenden Stimme – er war doch müder, als sein gespannter Brustkorb es verraten wollte. „Du wirst heute allein hier unten sein. Wir müssen gleich zurück und es wird keine Ablösung kommen. An diesem Morgen trifft König Triton bei uns ein, und er lässt eine Versammlung einberufen. Alle Soldaten müssen erscheinen – ohne Ausnahme alle. Es heißt er will uns von der neuen Welt erzählen, von dem Frieden, den er uns allen versprochen hat. Solange wird keiner dir helfen können.“

Der Handwerker war verwundert, wie viele Worte der Soldat verwendete, um es ihm zu erklären. Noch sonderlicher fand er, dass es schien, als täte er es nur ungern.

„Wir werden dir den Zwerg vorsichtshalber fesseln“, erklärte der andere Soldat mit belegter Stimme. Dieser hatte dem Schlaf mit ein paar kräftigen Zügen aus einem Weinschlauch widerstehen wollen.

„Danke“, schluckte der Handwerker kräftig, da ihm noch unwohler bei dem Gedanken wurde, den Tag mit dem Zwerg zu verbringen.

Dabei beließen es die Wachen und kehrten dem ausgemergelten Mann den Rücken zu und schritten in unvermindertem Tempo den Gang hinunter.

An der ungeliebten neuen Arbeitsstätte ließen die Wachen den Handwerker vor der rostigen Gittertür stehen. Sie eilten hinein, um den wehrlosen Zwerg mehr als es gebührte zu fesseln. Auch wenn sich der Zwerg über diese Behandlung wunderte, so ließ er seine Muskeln schlaff und widersetzte sich nicht dem Bemühen der fast doppelt so großen Wachen. Hier zu entkommen war völlig ausgeschlossen. Die Genugtuung aber, dass sie seine Kraft brechen konnten, wollte er ihnen nicht geben.

Wie angekündigt ließen die Wachen den Handwerker mit dem Zwerg allein und verschlossen die Gittertür sorgsam, während der Zwerg wie üblich starr in den Raum blickte.

So wie der Steinmetz den Zwerg das erste Mal positioniert hatte, war dieser wortlos und ohne die geringste Regung verharrt. Während die Statur die Züge des Zwerges annahm, fragte der Mann sich allmählich, wer von beiden eigentlich aus Stein war.

Mit dem Wunsch seine Arbeit so schnell wie möglich zu beenden, begab sich Tibur gleich an seinen Auftrag. Anfangs war es ihm schwer gefallen sich mit der Figur des Zwerges anzufreunden, doch inzwischen hatte er sich an die Merkmale gewöhnt, die diese Rasse ausmachte, und so ging er mit der gleichen Selbstverständ­lich­keit an das zu bearbeitende Objekt, wie er es bei Menschen tat. Nur eines war anders – und es war ihm schon einige Male aufge­fallen – er musste sich eingestehen, dass es ihm Freude bereitete in die Züge des Zwerges einzutauchen und somit irgendwie auch dessen Volk verstehen zu können. Denn für einen guten Bildhauer reichte es nicht, das Offensichtliche in den Stein zu hauen. Selbst, wenn man es schaffte, eine Figur zu erschaffen, die dem Original glich wie ein Tropfen dem anderen, so konnte es dennoch sein, dass es einen nicht berührte, da die Seele fehlte. Eines faszinierte Tibur besonders, und das war das steinerne Ausharren des Zwerges, das er versuchte in die Nachbildung mit einfließen zu lassen.

Es war eine Sache zu versuchen, dem Stein aufzuzwingen, die weichen Züge einer Frau anzunehmen, doch nun sollte er diese unzerbrechlichen Züge des Zwerges zum Ausdruck bringen. So schnell er auch von hier verschwinden wollte, so war er dennoch nicht bereit, seine Arbeit übereilt zu beenden. Es war seine Faszination, die ihn mit dieser Kunst verband, die ihn den Ort um ihn herum vergessen ließ. Es gab so viel, was er in den Stein legen musste, um diesem einen Wesen gerecht zu werden. Selbst seine anfängliche Angst vergaß er gar. Das Gesicht des Zwerges war so reich, dass er immer wieder seinen Blick auf dessen Gesicht ruhen ließ. Einzig dem Zauber dieser harten und doch seltsam warmen Züge erlegen.

Tibur war beinahe selbst von seiner Handfertigkeit überrascht und erstaunt, wie viel von dem Zwerg bereits in dem Stein weilte.

„Wer ist sie?“, störte plötzlich eine dunkle Stimme die Stille und riss den Mann aus den tiefen Gedanken, in die er versunken war.

Der alte Mann brauchte eine Weile, bis er realisierte, dass der Zwerg eben gesprochen hatte. Zumal er dessen Stimme noch nie vernommen hatte. Tibur war so in seine Leidenschaft vertieft gewesen, dass er vergessen hatte, dass er nicht allein war. Das Schweigen des Zwerges war so selbstverständlich geworden und dessen Regungslosigkeit so vollkommen, dass nichts vermuten ließ, dass dieser lebte oder überhaupt jemals gelebt hatte. Es waren zwei steinerne Zeugen gewesen, mit denen er diesen Raum und seine Tage teilte. Eine fertige Statur und eine, die er dabei war zu erschaffen. Aber eine davon erlaubte sich auf einmal zu sprechen.

Tibur starrte auf den Mund des Zwerges, darüber verwundert, dass dieser sich bewegt haben sollte. Doch er konnte erkennen, dass auch der Zwerg ihn beobachtete.

„Wer ist sie?“, fragte der Zwerg erneut und seine Stimme war frei von jedem Groll. „Das Mädchen, dessen Statue ich sah?“, ergänzte der Zwerg, als er merkte, dass Tibur ihn entgeistert anstarrte, als würde dieser ihn zum ersten Mal sehen.

Tibur wunderte sich darüber, dass der Zwerg seine Sprache so gut sprach, auch wenn sie einen eigenartigen, aber nicht unangenehmen Nachklang hatte. Doch was ihn vom Antworten abhielt, war die Frage selbst.

In Gedanken glitt er zurück in sein zugewiesenes Atelier, zog mit zittrigen Händen das Tuch von dem Tisch und enthüllte die Büste. Dort stand sie und schenkte ihm ein trauriges Lächeln, ein letztes, bis in alle Ewigkeit.

Der Meißel lag ruhend in der Hand des Mannes und wieder war der Zwerg vergessen. Der Zwerg seinerseits wartete geduldig und betrachtete den Mann mit seinen kleinen dunklen Augen. Abermals erkannte er die Schwere, die auf diesem lastete.

„Ostara“, sagte der Mann, als er sich erinnerte, dass ihm eine Frage gestellt worden war. Doch er sah nicht zu dem Zwerg, sondern irgendwohin in den Raum, dorthin wo die Öllampen nicht hinleuchten wollten. „Meine Tochter!“ Er sprach mehr zu sich, als dass er noch an den Zwerg dachte. Dieser war für ihn verschwunden, so wie es alles in letzter Zeit für ihn war. Mehr als sein alterndes Leben hatte er nicht mehr und so reiste er ständig in eine andere Welt, in seine Vergangenheit, oder einfach nur einen Traum – so recht konnte er das nicht länger unterscheiden.

Der Gefangene betrachtete Tibur und fragte sich, welche Wunden er dort berührte.

„Aber warum ist sie so traurig?“, fragte der Zwerg und seiner fremdartigen Stimme haftete etwas Mitfühlendes an.

Tibur blickte langsam zum Zwerg hin und ein mattes Fragment eines Lächelns zog wie ein Schatten über sein Gesicht.

„Sie war das glücklichste Kind, das ich jemals sah. Nie habe ich sie ohne ein Lachen in ihren blauen Augen gesehen. Sie war stets zufrieden und fand etwas, woran sie sich erfreuen konnte.“ Der Mann erzählte und sprach doch nur leise zu sich selbst. Als würde er sich an eine Geschichte erinnern, die ihm als Kind erzählt worden war.

Der Zwerg fühlte sich unwohl, dass er diese nie geheilte Wunde mit frischem Blut füllte und wollte den Mann nicht allein in seiner Trauer lassen. „Welcher Krankheit ist sie erlegen?“ Der Zwerg wollte nicht, dass der Mann in sein leidendes Schweigen versank.

„Krankheit?“ Tibur war verwirrt und wieder verzerrte ein Lächeln sein Gesicht, doch diesmal nährte es sich nicht aus einer längst vergangenen unbesorgten Zeit und so hatte sein Ausdruck etwas Unheimliches an sich haften. „Der Krankheit der Menschen“, sprach er weiter und sah den Zwerg diesmal direkt an.

Tiefe Falten durchzogen die Stirn des kleinen gefesselten Mannes und sagten mehr als Worte es tun könnten.

Der Handwerker lächelte dem Zwerg traurig zu und begann von Neuem dessen Bildnis in dem großen Stein zu verewigen.

Es dauerte eine Weile bis sich die Falten auf der Stirn des Zwergs zurückzogen, doch ganz wollten sie nicht verschwinden. Kleinere Splitter sprangen vom Stein ab und wieder klang es mit jedem Schlag, als würde eine riesige Uhr die Zeit abzählen. Und lange Zeit war, außer dieser Uhr, nichts zu hören.

„Was wünschst du dir?“ Es war der Zwerg, der erneut sprach.

Tibur ließ in Gedanken seinen Meißel sinken und die Uhr verstummte. Wieder sah er den Zwerg nicht an, schien aber eine Weile über die Frage nachzudenken. Doch als er seine Arbeit erneut aufnahm, hatte er kein Wort gesprochen. Nur seine Schläge waren fester und die Miene hatte eine seltsame Mischung aus Leere und einer unergründlichen Finsternis angenommen. „Nichts“, stieß er hervor und fuhr prüfend über das steinerne Gesicht vor ihm.

„Und was ist mit Freiheit?“, meinte der Zwerg, dem die Antwort des Mannes nicht gefiel.

Erneut unterbrach dieser seine Arbeit. „Damit sie mir genommen werden kann?“ Tibur schüttelte leicht den Kopf. „Nein danke!“ Abermals wollte er seinen Meißel ansetzen, überlegte es sich dann aber anders. „Glaub mir, ich habe genug verloren, als dass ich noch irgendetwas besitzen wollte.“ Er versuchte den Zwerg mit einem Lächeln zu überzeugen. Doch das gelang ihm nicht im Mindesten.

„Du gibst dein Leben auf? Du lässt deine Frau im Stich, wo sie doch auch den Verlust ihrer Tochter zu beklagen hat?“ Der Zwerg mischte sich in Dinge ein, die ihn nichts angingen. Doch er ärgerte sich zu sehr darüber, dass ein Mensch sich so hängen ließ, sodass er sich darum nicht scherte.

Tibur sah auf und die Finsternis war wie aus seinem Gesicht verbannt. Selbst dessen Trauer konnte der Zwerg nicht mehr erkennen. Stattdessen war etwas wie Mitleid in dessen Zügen aufgetaucht. Aber das konnte sich der Zwerg noch weniger erklären. Er verstand es auch nicht, denn eigentlich hätte der Mann nun wütend sein müssen, ihn anschreien, ja, er hätte sogar verstanden, wenn dieser aufgesprungen wäre und ihn geschlagen hätte. Doch nichts davon tat dieser.

„Sollte ich irgendwann ins Reich der Toten gelangen, so werde ich mich bei ihr entschuldigen, dass ich sie allein ließ“, versuchte der Mann zu lächeln, doch sein Schmerz verzerrte es zu einer traurigen Grimasse.

Abermals zählte die Uhr die quälend langen Sekunden ab, während die beiden schwiegen.

Der Zwerg betrachtete weiterhin den Mann, doch dieser hatte schon lange nicht mehr aufgeblickt, um seine Statur abzugleichen. Er sah den Zwerg nun so klar vor seinem geistigen Auge, dass er diesen nicht mehr brauchte. Oder er war mit seinen Gedanken ganz wo anders und sorgte sich nicht darum, wie das Gesicht aussah, das er nun formte.

„Es war keine Krankheit, oder?“, fragte der Zwerg nach einer langen Pause. Sein schlechtes Gewissen war deutlich heraus­zuhören, genauso, wie auch zu hören war, dass er mit dem Mann mitfühlte. Obwohl er in diesem Gefängnis seinen Tod finden sollte, so schmerzte ihn doch mehr die Vorstellung, was dieser Mann durchgemacht hatte, dass dieser all seine Hoffnung und Wünsche aufgegeben hatte.

Obwohl dem Handwerker nicht klar war, warum er sich einem Zwerg anvertrauen sollte, tat er es. Irgendwie schien ihm dieser Zwerg auf einmal menschlicher als alle Menschen, von denen er in letzter Zeit umgeben war. Er konnte es dem Zwerg nicht einmal übelnehmen, dass er seine Neugierde auslebte. Irgendwie – trotz dieser direkten Fragen – überwog das Gefühl, dass es dem Zwerg nicht darum ging, alles zu wissen, sondern es zu verstehen. Er hörte, dass der Zwerg sich wirklich sorgte – so seltsam dies selbst in seinen Gedanken klang.

„Die Krankheit der Menschen“, wiederholte er, was er schon gesagt hatte. „Macht und Gier. Auch wenn ich bis heute nicht weiß, warum man meine Tochter töten wollte. Sie haben es einfach getan. Jene, die schreien, dass sie für unsere Freiheit kämpfen. Aber die will ich nicht, nicht für diesen Preis!“

„Wer hat sie getötet?“ Der Zwerg schuf einen seltsamen Bann, in dem Tibur endlich aussprechen sollte, was so schwer auf ihm lastete. Er war sich deutlich bewusst, dass es seit Menschen­gedenken kein so tiefes und von der Geschichte ihrer Völker unbelastetes Gespräch zwischen einem Menschen und einem Zwerg gegeben hatte. Doch es gab etwas, was sie verband. Es war eine Reise. Der Mensch war offensichtlich durch die Hölle geschritten und nun in einer endlosen Leere gefangen. Der Zwerg seinerseits sollte schon bald seine letzte Reise antreten. Zu verlieren hatten beide nicht mehr viel. Auch hoffen taten sie nicht. Beide nicht – auch wenn der Zwerg seinem menschlichen Gegenüber genau dies vorwarf – denn der Zwerg hatte schon seit Tagen sein Schicksal völlig verdrängt. Ohne dass der trauernde Mann dies bemerken konnte, hatte der Zwerg Tibur genau beobachtet – von der Stunde an, da dieser mit seiner Arbeit begann, bis dass er wieder in seine Grotte über ihnen verschwand.

„Die Soldaten“, antwortete der Mann kurz, als wäre es selbstverständlich und entschwand gleich wieder in seine tiefen Gedanken.

„Aber warum?“, konnte und wollte der Zwerg es nicht verstehen.

„Es heißt es gäbe für alles einen Grund. Aber den dafür kann ich nicht finden.“ Der Mann fuhr sich mit zitternden Händen durch sein auf einmal noch älter wirkendes Gesicht. „Einfach tot.“ Wieder sprach er wie zu sich selbst. „Sie haben sie einfach umgebracht. Ohne Grund. Ohne eine Erklärung abzugeben.“ Wieder und wieder spielten sich in seinem Kopf die finsteren Tage ab. „Ich bin nach Hause gekommen. Und da lagen sie. Alle beide. Tot.“ Er vergrub sein Gesicht in seinen sehnigen Händen, als wollte er seine Tränen verbergen – doch es kamen keine. Sie hatten seinen Körper bereits alle verlassen – er war leer. Ohne Hoffnung, ohne Tränen. Nicht einmal Wut erfüllte ihn. Nur eine tiefe Trauer, die ihn daran hinderte, aus seinem Leben auszu­brechen. Er war im Körper aus einem anderen Leben gefangen. Wie ein Geist, der seinen Tod vergessen hatte, wanderte er umher, machte seine Arbeit, aß und trank, doch leben tat er nicht mehr. Alles was ihn noch in dieser Welt festhielt, war der Wille, die Erinnerung an seine Tochter – sein ganzer Stolz – und an seine über alles geliebte Frau zu wahren.

Er war zu einer lebenden Erinnerung geworden – ebenso, wie seine Steine. Und genauso fühlte er sich auch. Kalt und schwer.

„Aber weiß euer König nichts davon? Warum unternimmt er nichts?“ Ehrliche Verwunderung erschütterte Almar.

Tibur, der seinen Meißel festhielt als wäre dieser alles, was er noch hatte, lachte dunkel auf und ein Schauer durchfuhr den Zwerg. Nicht weil er Angst bekam, sondern weil er den Schmerz fühlte. Beinahe hoffte er, er wäre nun auf der Folterbank. Dort wusste er, dass jeder Schmerz irgendwann ein Ende haben würde. Aber jenen einen, den er in der Stimme des eigentlich Fremden vernahm, hatte etwas Unvergängliches an sich haften.

„Der ist der Schlimmste von allen!“ Seine Stimme wollte ihm den Dienst verweigern.

„Aber dient ihr nicht alle eurem König? Ihr kämpft für ihn und schwört ihm Eide.“ Die Verwunderung ließ Almar nicht los. Er konnte nicht begreifen, was hier vor sich ging. Er kannte seine Königin und wusste, dass er dieser blind vertraute, er sie sogar liebte – so wie man eine Königin nun einmal liebte. Warum sollte das beim König der Menschen anders sein?

„Ja wir sterben für ihn. Und wegen ihm. Der Tod ist alles, was dieser König kennt.“ Wut fand ihren Weg in die Stimme des Mannes.

„Aber dann bist du ein Verräter, wenn du so von deinem König denkst“, meinte Almar besorgt, da er diesem Mann nichts so Böses zutrauen wollte. Denn seinen König musste man nun einmal lieben und achten. So hielt es jeder Zwerg. Die Königin der Zwerge war manchmal hart, aber ihre Entscheidungen dienten einzig dem Volk. Jeder Zwerg achtete ihre Worte, denn nur so konnte Frieden herrschen. Auch wenn die Menschen versuchten den Krieg in ihr Land zu bringen. Aber unter den Zwergen selbst herrschte Frieden.

„Verräter?“ Wieder lachte der Mann dunkel auf, auch wenn sein Lachen diesmal bei Weitem nicht mehr so viel Kraft besaß. „Verräter.“ Der Alte hauchte das Wort in das kalte Gefängnis. „Er ist der Verräter. Er hat uns alle verraten!“ Sein dunkler Blick, der ziellos in die Schwärze führte, vollendete, was er an Worten unausgesprochen ließ.

Wieder betrachtete Almar den völlig reglosen Steinmetz, und viele Fragen eilten durch seinen Geist. War es vielleicht nicht so, wie er gedacht hatte? Waren die Menschen doch nicht alle gleich?

So oft hatte die Königin ihnen gesagt, dass diese Lang­ge­wachsenen ein rachsüchtiges Volk wären, dass sie alles für sich beanspruchten. Aber diese Vorstellung wollte nicht zu diesem Mann passen.

„Was hast du gegen die Zwerge? Warum willst du sie töten?“, wagte Almar die Frage, auch wenn er Tibur nun vielleicht daran erinnerte, dass sie doch eigentlich Feinde waren.

Tibur aber sah verwirrt auf und beäugte den für seine Augen Kleingewachsenen.

„Gegen die Zwerge?“, wiederholte er die Frage, als würde er sich über diese seltsame Frage wundern. „Nichts“, entgegnete er und schüttelte erstaunt den Kopf. „Was soll ich gegen sie haben. Du bist der erste, den ich sehe.“

„Aber warum greift ihr uns denn an?“, wollte Almar verbittert wissen.

„Wir euch? König Triton sagt, ihr würdet uns in Hinterhalte locken und ohne Vorwarnung töten“, sprach der Mann sein Wissen aus, doch ohne, dass es für ihn von Belang wäre. „Wenn wir nicht Acht geben, würdet ihr das Reich von Momos bald überrennen.“

Wütend über diese Lüge verharrte der Zwerg mit verengten Augen und stierte nun ebenfalls in eine dunkle Ecke.

So schwiegen sie beide, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft. Nicht einmal die Uhr der verhallenden Schläge zählte noch die Zeit.

„Würdest du deinen König verraten?“, fragte der Zwerg leise, ohne von seiner Ecke weg zu sehen.

Es brauchte eine Weile, bis Tibur aus seinen Gedanken aufwachte. „Du meinst, ob ich ihn töten wollte?“, änderte er die Frage, da ihm die Formulierung mit Verrat nicht gefiel.

Almar ließ ein kurzes Grollen in seiner Kehle aufsteigen, um zuzustimmen.

„Ich habe in den letzten Monaten oft darüber nachgedacht. Nur leider sind meine Arme nicht stark genug. Zu viele Wachen.“ Er lachte ein schweres, trauriges Lachen. „Und es ist er nicht allein! Es sind die Soldaten, die machen was sie wollen und König Triton und viele Stadthalter schauen bei allem zu und halten die Hand auf. Bald wird es bei uns so sein, wie in den anderen Reichen auch. Das ganze System ist krank.“

Almar war wie von einem Schlag getroffen. Er hatte die Frage gestellt, um seine abwegige Vorstellung zu verwerfen. Doch nun hatte der Mann sie bestätigt. Wie konnte man seinen König nur so wenig achten – ihn sogar verraten. Diese Menschen waren wahrlich finstere Wesen, hatten vor nichts Respekt. Kein Wunder, dass sie alle Zwerge umbringen wollten. Seine Königin hatte recht behalten, sie müssten sich gegen die Menschen erheben, oder sie würden warten, bis der Tod sie alle ergriff.

Tibur lachte laut auf. Er war in seinen Gedanken weitergelaufen. „Sie würden mich sogar als Held feiern“, meinte er und lachte müde auf, als er es sich vorstellte.

„Sie?“, fragte der Zwerg angewidert. Gab es denn ganze Gruppen von Verrätern unter diesen Menschen? Und schlimmer noch – waren sie auch noch stolz darauf?

„Sie?“, wiederholte Tibur, da ihm die Frage von Neuem seltsam vorkam. „Alle die nicht irgendwie im Sold des Königs stehen“, erklärte der Mann, als könnte er nicht begreifen, wie einer das nicht wissen konnte.

Der Gefangene verfiel dem Schattenspiel der Öllampen. War denn alles falsch, was er zu wissen glaubte?

„Wollt ihr denn keinen Krieg? Mit den Zwergen meine ich?“ Der Zwerg fürchtete sich vor seinen eigenen Worten.

„Krieg? Den haben wir so schon genug. Dafür brauchen wir die Zwerge nicht.“

„Aber, wenn die Zwerge euch nun angreifen? Würdet ihr sie töten?“, wagte es Almar nach einer Weile die Stille zu stören.

Langsam begann der Mensch den Zwerg für verrückt zu halten. Was der sich alles einfallen ließ. „Glaubst du etwa, wir würden nicht unser Leben verteidigen?“

„Und wenn wir euren König töten?“, verfeinerte der Gefesselte seine Frage.

„Wenn du es bloß versuchst, so werde ich dich mit meinem Leben beschützen. Auch wenn das nicht viel wert ist.“ Er lachte, als würde er Gefallen an dieser Vorstellung finden. „Aber du müsstest das ganze System stürzen.“

Schwere Gedanken belasteten den Zwerg und das anfänglich steinerne Gesicht zeigte deutlich die Spuren seiner Sorgen.

„Und die anderen? Euer Volk?“

Der Mann sah auf und lachte dem Zwerg zu. Das erste Mal trug dieses Lachen deutliche Spuren von Freude. „Du würdest zahlreiche Verbündete finden. Nur traut sich keiner mehr gegen seine Handlanger aufzubegehren. Er hat zu viele, die von seiner Herrschaft profitieren, zumindest hier in der Hauptstadt und in den anderen Städten sieht es wohl ähnlich aus. Aber ich wüsste nicht, was die anderen Reiche dann täten. Aber vor allem wären deine Verbündeten ebenso nutzlos wie ich, da sie den Umgang mit Waffen nicht gewohnt sind.“

Schweigen. Einzig die Flammen der Öllampen bewegte sich noch, und mit ihr tanzten die Schatten wie ein dünner Schleier, der niemanden warmhalten konnte.

„Und was...“, der Zwerg hielt inne, da er Angst bekam es auszusprechen. Auf einmal spürte er Hoffnung und er fürchtete den Moment, da sie ihn verlassen würde. Er wusste nur zu gut, dass dieses Gefühl nicht lange währen konnte. „Was, wenn ich dich fragen würde, ob du mich hier herauslässt?“, wagte er es dann doch.

Der Mann schaute den Zwerg verwundert an, zuckte dann aber mit den Schultern.

„Warum nicht, aber ich habe keinen Schlüssel.“

Der Zwerg schluckte kräftig, weil er es für unmöglich gehalten hatte, dass dieser Fremde ihn befreien würde. Doch dann verzerrte Almar sein Gesicht zu einem frechen Grinsen. „Du glaubst doch nicht, dass man einen Zwerg in einem Gefängnis aus Stein halten kann, wenn ein Meißel im gleichen Raum ist.“

Tibur betrachtete verblüfft sein Werkzeug und es schien als würde ihm nun erst bewusst, zu was dieses auch genutzt werden konnte und so erwiderte er das Grinsen. „Du hast recht. Was bin ich doch ein Narr“, lachte er über seine Dummheit. „Warte ich werde dich gleich von deinen Fesseln befreien.“

Ungläubig starrte Almar zu dem Menschen hoch, da dieser aufstand und zu ihm kam.

Bereits Augenblicke später ertönten helle Schläge von Metall auf Metall und die spröden Ketten zersprangen wie Glas. Die ledernen Riemen und die übertrieben zahlreichen Schnüre, die sich in das Fleisch des Zwerges gebissen hatten, waren bald schon von dem steif gewordenen Zwerg entfernt.

Als die letzte Fessel von seinen Fußgelenken gefallen war, stand Almar auf und rieb sich alle schmerzenden Gelenke und blickte ein jedes verwundert an, als könnte er nicht fassen, was eben geschehen war. Er war von einem Menschen befreit worden. Er wusste nicht, ob er sich deshalb schämen oder freuen sollte. Doch als er hoch in Tiburs Gesicht sah, konnte er nicht anders, als sich zu freuen und bedankte sich mit einer kräftigen Umarmung. Obwohl der Zwerg kaum bis an die Brust des Mannes reichte, wäre Tibur beinahe unter der herzhaften Berührung gestürzt.

„Der Höflichkeit halber will ich dir mich richtig vorstellen. Mein Name ist – wie du sicher gehört hattest – Almar.“ Der Zwerg reichte dem Mann seine Hand. „Und dein Name ist wohl Tibur“, meinte er, als er keine Reaktion erkennen konnte.

Verblüfft von der Schnelligkeit seines Handels, blieb Tibur motivationslos stehen. Der Zwerg dagegen wurde zunehmend lebhafter und nachdem er den teilnahmslosen Menschen – mit seiner üblichen Verwirrung, was diesen Mann betraf – angesehen hatte, nahm er diesem den Meißel und den kleinen Hammer aus der schlaffen Hand und begab sich mit seinem neu erwachten Tatendrang an die Arbeit.

Doch es währte nicht lange und Tibur kam zu sich. Es gab noch Einiges zu tun, bis sie hier heraus waren. Denn die Wände waren dick und die Steine hart. Mit dieser Überzeugung ging er zu seinem schweren ledernen Gürtel neben der Statur und suchte nach einem größeren Meißel und passendem Hammer.

Mit beidem in Händen, eilte er mit verschwörerischen, schleich­enden Schritten zu dem auf der Erde hockenden Zwerg. Seltsam war wieder das Gefühl, diese Angst vor jedem Lärm, den er verursachte, die ihn ergriff und beinahe lähmte. Er war nicht weit davon entfernt den Atem anzuhalten, bei all der Spannung, die ihn ergriff.

Doch er bereute nichts von dem, was er getan hatte und reichte dem Zwerg seinen um einiges größeren Meißel. Der Zwerg aber lehnte ihn mit einem belustigten Lächeln ab.

„Danke, dieser reicht mir völlig.“

Tibur konnte das nicht verstehen und schaute dem Zwerg mit ungläubiger Miene über die Schulter.

Almar fuhr bedächtig mit seiner Hand über einen mächtigen Stein, in dem eine der zahlreichen Scharniere eingelassen war. An einigen Stellen klopfte er mit dem im Vergleich zum Stein recht zierlich wirkenden Hammer gegen die Wand, horchte und fühlte, wie der Stein ihm antwortete. Mit zufriedener Miene sah er zu dem ratlosen Menschen auf und schenkte ihm ein verschwörerisches Lächeln.

„Schau mein Freund. Es ist nicht Kraft, die den Stein formt.“

Mit diesen Worten wandte er sich dem in der Wand eingebetteten Stein zu. Den Meißel legte er sorgfältig an den Stein, führte den Hammer testweise zum Meißel hin und schlug einmal kräftig dagegen. Der Schlag war kaum zu hören, denn der Lärm wurde von sich spaltendem Stein übertönt.

Tibur zweifelte an seinen Augen. Selbst nach mehrfachem Reiben der Augen war das Bild, das sie ihm zeigten, das gleiche. Der eine mächtige Stein, auf den er unzählige Male mit seinem großen Hammer hätte einschlagen müssen, lag – nach nur einem Schlag – gespalten in der Wand.

Es dauerte keine Minute und der Zwerg hatte den Stein soweit zerkleinert, dass er ihn in handlichen Größen aus der Wand lösen konnte.

Sein Leben lang hatte der Steinmetz nichts anderes versucht als diesem harten Material seinen Willen aufzuzwingen und nun musste er mit ansehen, wie ein Soldat ihn vorführte, wie ein kleines Kind. Doch er war ihm nicht böse, im Gegenteil, er konnte seinen Blick nicht von den kleinen dicken und doch erstaunlich feinfühligen Fingern des Zwerges abwenden. Stein um Stein fiel dessen sorgsam ausgewählten Schlägen zum Opfer und trennte sich aus der Wand, die immer zaghafter das Tor festhielt.

Die eisernen Gitterstäbe entspannten sich, als sich die eine Seite nach außen ziehen wollte. Nun, da sich die feste Verbindung mit der Wand löste, zerrten die Lasten der Steine nicht mehr an der Tür, die über zwei Jahrhunderte den Versetzungen hatte nachgeben müssen. Nun war sie frei, genauso wie jene es waren, die sie gefangen halten sollte.

Almar war mit seiner Arbeit äußerst zufrieden und drehte sich zu Tibur um. Dieser saß vor der Statur . Selbst als der Zwerg auf die großzügige Öffnung zeigte, blieb Tibur sitzen, als würde es ihn nicht betreffen. Langsam ärgerte sich der Zwerg dann doch. Musste dieser Mann ihn denn immer so verwirren?

„Geh du. Du bist frei mein kleiner Freund“, forderte Tibur Almar auf, seine Freiheit zu ergreifen.

„Du kommst nicht mit?“ Almar fand beinahe keine Worte, weil sein Ärger ihn stumm werden ließ.

„Ich bin hier aufgewachsen. Das ist meine Stadt. Ich will nicht mehr fort!“ Tibur klang dabei so müde wie ein altersschwacher Mensch, der seiner letzten Nacht entgegensah.

„Aber sie werden dich töten“, konnte Almar seinen Zorn kaum noch in seinem Körper halten. Seine Arme schlugen dabei hilflos aufgeregt durch die Luft.

„Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an“, meinte Tibur und sein Ton ließ keine Zweifel daran, dass er seine Worte ernst meinte.

„Und ob es darauf ankommt! Du hast gesagt, du würdest mich mit deinem Leben beschützen, wenn ich deinen König töte. Und das werde ich heute nicht können, also werde ich dich wohl oder übel mitnehmen müssen.“ Almar versuchte es scherzhaft klingen zu lassen, doch es war sein tödlicher Ernst. Er würde nicht ohne Tibur von hier weggehen.

Tibur jedoch war nicht dazu zu bewegen aufzustehen.

„Ich brauche dich, um an den Wachen vorbei zu kommen“, versuchte der Zwerg das Pflichtgefühl des Mannes wachzurufen.

Dieser lachte kurz. „Es sind keine da. Sie haben alle ein Treffen bei dem König“, meinte er schlicht und blieb sitzen.

Der Zwerg lief verloren im Gang hin und her. „Verflucht! Du kannst mich nicht erst befreien und dann bleibst du hier, um zu sterben. Das geht nicht! Das darf nicht sein!“

„Vieles darf nicht sein und doch geschieht es. Geh nun. Du hast einen langen Weg vor dir.“

„Da hast du verdammt recht. Aber ich werde nicht einen Schritt tun, wenn du mich nicht begleitest.“

Der Zwerg stand mit verschränkten Armen vor dem Trümmer­feld, das er hinterlassen hatte. Seine Miene wurde steinern und doch hätte sie nicht ausdrucksstärker sein können.

„Du meinst das ernst, wie“, lachte Tibur. Es klang resignierend. „Gut ich werde dich begleiten. Aber nur bis du in Sicherheit bist.“ Endlich stand Tibur auf.

Der Zwerg lachte. „Das wird vielleicht länger dauern als dir lieb ist. Es zieht ein Krieg auf – da ist niemand sicher.“

Doch nun stand Tibur und so ließ er sich von dieser Aussicht auch nicht mehr aufhalten. Er ging mit, denn das einzige, das er haben wollte, war Ruhe, und der Zwerg hätte ihm keine mehr gelassen, wäre er sitzen geblieben.

Ein tiefes Strahlen erhellte das Gesicht des Zwerges als sein neu gewonnener Freund den Gang betrat. Der Steinmetz wollte auch gleich losschreiten, doch nun war es Almar, der verharrte.

„Was ist?“, wollte der Handwerker wissen.

„Eines habe ich mich die ganze Zeit gefragt“, antwortete dieser, ohne aber zu verraten, was es war.

Mit einer der Öllampen betrat er sein ehemaliges Verlies und ging zu Tiburs Platz.

Er hielt die Lampe nahe an den Stein, den der Handwerker seit Wochen am bearbeiten war. Abermals schaffte der Handwerker es, den Zwerg zu überraschen. Es war als sähe er sich in einem Spiegel. Deutlich erkannte er, dass Tibur seiner Statur eine tiefsitzende Trauer einfließen gelassen hatte. Doch noch etwas erkannte er. Der Steinmetz hatte ihm einen Ausdruck völliger Entschlossenheit verliehen, ganz so als habe er von dem Zwerg gewusst, der er nun erst wieder war. Die Trauer die Almar zu erkennen glaubte, hatte nur wenig mit der eines Sterbenden gemein. Sie spiegelte vielmehr seine tiefen Sorgen wider, die in ihm lasteten, während er nun zurück zu seiner geliebten Königin strebte und damit den Krieg in ihr Reich bringen würde.

„Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der Stein so zum Reden bringt, mein Freund. Dir wird es in den Hallen meiner Königin gefallen. Glaub mir.“ Der Zwerg hielt inne und betrachtete sein steinernes Ebenbild.

„Du hast mich befreit. Nun werde ich dich befreien! Du sollst wieder lernen zu hoffen. Das ist ein Versprechen!“ Almars Stimme zitterte leicht, da er von dem Moment so ergriffen war.

„Wie du meinst. Doch nun sollten wir gehen“, entgegnete Tibur mit einem gutmütigen Lächeln.

Während Tibur bereits voranschritt, sah der Zwerg ganz deutlich die Schwere, die dieser Mann mit sich zog.

Der Steinmetz und seine Last

Die Gänge vor ihnen waren dunkel und die Finsternis ließ sich nur widerwillig von der Öllampe zurückdrängen. Der Steinmetz fühlte sich merklich unwohl. Bei jedem Schritt fürchtete er sich vor seinen eigenen Geräuschen. Obschon er sich sicher war, dass sie hier unten allein waren, wollte diese tiefsitzende Angst ihn nicht loslassen. Dabei wusste er nicht, warum er Angst hatte. Seine geliebte Familie bestand nur noch aus dem kümmerlichen Rest seiner Selbst und sein scheinbar einziger Freund war ein soge­nannter Feind seines Volkes. Auch wenn er selbst ihm diese Bezeichnung niemals gegeben hätte, so änderte es nichts daran, dass diese Reise alles verändern würde. Seiner Heimat, seinem Leben musste er auf ewig den Rücken zukehren und auch wenn ihn das nicht allzu sehr schmerzte, so kam es ihm doch vor, als würde er seine tote Frau und seine Tochter verraten. Als würde er ihr Andenken schänden und sie verlassen, auch wenn er wusste, dass er die Erinnerung an sie überall hin mit sich tragen würde.

Er fühlte sich wie ein steinerner Zeuge, der wieder lernen musste, zu gehen. Jeder Schritt schmerzte, jeder Atemzug schien seine verkrampfte Brust sprengen zu wollen. Die Freiheit, der sein Begleiter entgegen schritt, war für ihn unerreichbar. Dabei wusste er nicht, ob er sie wirklich erreichen wollte. Auch wenn es lediglich ein Fristen war, so wollte er sein altes Leben nicht hinter sich lassen. Die Erinnerung, die Liebe, die er in sich trug, wollte er nicht zurücklassen und die Trauer, die diesen anhaftete, hielt ihn gefangen. Dennoch strebten seine Beine neben dem Zwerg her und dem Tageslicht entgegen. Die Freude darüber wollte sich ihm nicht zeigen und nicht einmal eine Erleichterung, dass er diesen tristen, beängstigenden Ort verlassen würde, wollte ihn erfüllen. Er war leer. Leerer noch als am Morgen, da er seine Arbeit aufnehmen sollte. Es war als wäre er die ganze Zeit geflohen und nun müsste er sich eingestehen, dass er nicht vor sich fliehen konnte, und gab es auf zu laufen. Es war wie ein ferner Traum und so ließ er sich treiben. Ziellos wie ein in den Fluss gefallener Zweig und so schwer wie ein sinkender Stein, der in tiefer Trauer zu ertrinken drohte.

„Willst du mich nicht führen, mein hochgewachsener Freund?“, meinte Almar in einem sorglosen Ton, als wisse er nicht, dass er soeben dem Tod ein weiteres Mal entronnen war und sich auf der Flucht befand.

Wie zuvor brauchte der Handwerker eine Weile bis er aus seinen Gedanken aufwachte und die Frage des Zwerges ihn erreichte. Seine übliche, verwunderte Miene, verzog sich zu einem leicht beschämten Ausdruck völliger Ratlosigkeit.

„Ehrlich gesagt sind wir zu tief in den Gängen. Hier kenne ich mich nicht aus. Tut mir leid, aber wir werden den Weg schon finden. Einfach immer bergauf.“ Mit bescheidenem Erfolg versuchte sich Tibur an einem zuversichtlichen Lächeln.

„Und ob wir den finden!“ Almar lachte belustigt. „Ich hatte nur gedacht, nachdem du gute vier Wochen lang hier jeden Tag hinuntergekommen bist, würdest du den Weg kennen.“ Der Zwerg klang belustigt über die Vorstellung wie wenig sich sein neu gewonnener Freund in seiner eigenen Heimatstätte auskannte.

„Ich kenne allerdings den Weg nur bis dorthin, wo wir uns das erste Mal begegnet waren“, sprach der Zwerg weiter, als er merkte, dass ihm Tibur nichts entgegnen wollte. „Das sollte wohl reichen, damit wir hier herausfinden“, gab sich der Zwerg völlig unbesorgt und versuchte Tibur mit seiner Unbeschwertheit anzustecken. Doch er musste alsbald merken, dass es ihm nicht gelingen wollte. Dort wo der Steinmetz weilte, war er zu fern von allem, als dass die Zuversicht des Zwerges ihn erreichen konnte.

„Das wird es wohl“, entgegnete Tibur tonlos und sein gealtertes Gesicht verzog sich zu einem gutmütigen Lächeln als wollte er dem Zwerg zeigen, dass dieser sich nicht um ihn zu sorgen brauchte.

So gerne der auflebende Zwerg es glauben wollte, so ließ er sich doch nicht von den bescheidenen Täuschungsversuchen über­zeugen. Doch noch sah er keinen Weg, sich für seine Befreiung zu bedanken und seinem Freund – er war gerne bereit den an sich fremden Menschen als solchen zu bezeichnen – seine Hilfe darzubieten. So blieb ihm nichts anderes übrig, als vorerst den Weg aus diesem Tunnellabyrinth zu suchen. Er konnte sich noch an jede Windung, jede Abzweigung des Ganges erinnern, durch den die Hünen ihn in sein Verlies gebracht hatten. Nicht nur weil sie es für unnötig gehalten hatten, ihm die Augen zu verbinden, konnte er jeden Stein wiedererkennen. Viel genützt hätte es ohnehin nicht, denn er war ein Kind der Erde. Sein Leben lang hatte er unter der Erde zugebracht und immer waren es steinerne Gänge gewesen, die seine Wege umschlungen hatten. So wie einer der im Wald aufwächst sich nie in einem solchen verlaufen könnte, so tat es auch niemals ein Zwerg, wenn er sich im Schoß seiner geliebten Mutter Erde befand. Jeder Gang hatte seinen eigenen unverwechselbaren Geruch. Nicht nur die feuchte Luft, die den Duft des Steines in sich trug, verriet ihm, wo sie dran waren. Sicherlich – im Vergleich zu seiner Heimatsstätte – war der Geruch von abgestandenem Wasser an diesem Ort wahrlich einnehmend, und doch waren es andere Gerüche, die Almar leiteten. So wie die Stimmen des Waldes fast, so sprach der Stein zu ihm. Nicht mit Worten, nicht einmal wirklich hörbar und doch so, dass sich der Zwerg der Geschichte des Berges nicht entziehen konnte. Die Feuchtigkeit trug diese Gerüche nur noch deutlicher aus dem Felsen heraus. Es waren die Adern des Berges, die Almar unwiderstehlich wahrnahm. Erze, Steine, Salze und unzählige andere Elemente und Verbindungen malten ihr eigenes Bild im wachen Geist des Zwerges, der nicht blind, nicht taub und unachtsam für die Erzählungen des ihn umgebenden Felses war. Jeder Gang verriet ihm seine Geheimnisse. Nicht nur, dass er bemüht sein sollte, den Weg zu finden, so ärgerte er sich zudem mit welch Unverstand die Menschen ihre Gänge in den Felsen gebissen hatten. Er roch förmlich die blinde Wut, mit der sie gegen seine Mutter Erde vorgegangen waren. Nicht nur die vielen ächzenden Stützen waren bleibende Spuren die er deutlich lesen konnte. Die Menschen hatten sich in dem Felsen festgebissen, ohne von ihrem Willen abzuweichen, hatten sie sich durch die festen Schichten gekämpft, anstatt – so wie es die Zwerge stets taten – der Stimme des Gesteins zu lauschen und sich von ihm den Weg in die Tiefe zeigen zu lassen.

Obwohl die Gänge der Zwerge deutlich großzügiger waren – auch wenn es wegen ihrer bescheideneren Größe nicht nötig wäre –, so ließen sie dem Berg dennoch sein hartes Gestein, um die zahlreichen Gänge tragen zu können. Hier aber erkannte der Zwerg wieder einmal die Unfähigkeit der Menschen nachzugeben. Selbst wenn es zu ihrem Nutzen gewesen wäre. Aber die Menschen – wie es ihnen ihre Königin immer predigte – waren weder bereit zu teilen, noch sich anzupassen. Sie wollten herrschen. Nicht nur über ihr Reich, nein, auch über die Natur und alle Wesen, die dort lebten. Doch man konnte die Erde, die Natur vielleicht bekämpfen, wenn man denn wirklich so blind und dumm sein wollte, man könnte sie sogar in den Niedergang treiben, aber siegen könnte man nicht. Es war einfach kein Kampf, selbst wenn die Menschen es so sehen wollten. Aber es würde mit dem eigenen Untergang enden. Während der Zwerg weiter dem Pfad unter der Erde folgte, schürte sich erneut seine Wut gegen das Volk der Menschen und er wusste, dass diese sich viele Feinde machten. Mit leicht betrübter Miene beäugte er von Zeit zu Zeit den armselig neben ihm her schreitenden Menschen. Seltsam war für ihn, dass obwohl all diese Wut in ihm aufstieg, er nicht anders konnte, als Mitleid für seinen Weggefährten zu empfinden. Er fragte sich, ob er ihm alles erzählen sollte, was er wusste. Doch er entschied sich dagegen, da die Last, die Tibur mit sich schleppte, groß genug war. Vielleicht würde der Krieg, der schon bald heraufziehen würde, diesen weit weniger berühren, als Almar es sich vorstellen konnte. Denn wie hatte Tibur gesagt: Er wolle die Freiheit nicht, weil er sie nicht mehr verlieren können wollte. Das war nicht sein Krieg, auch wenn er mit jenem den Weg teilte, der ihn in sein Land bringen konnte. Almar würde seiner Königin berichten, was er zu berichten hatte. Mehr lag nicht in seiner Macht. Die Königin würde die Entscheidung treffen. Aber er ahnte bereits, wie sie lauten würde. Dieses Wissen ließ seine Schritte schwerer werden, als er es je für möglich gehalten hatte.

Tibur merkte nicht wie die zahllosen ineinander mündenden Gänge sie beide fortwährend höher trugen. Er schritt so selbst­verständlich, so teilnahmslos neben dem Zwerg her, wie in den Tagen zuvor hinter den Wächtern. Seine Gedanken waren aber noch mehr aufgewühlt und ungeordnet. Er wusste, dass er hier herauswollte, schließlich hatte er seit Tagen und Wochen den Moment herbeigesehnt, da er nicht mehr hier hinunter musste, und doch war er für jeden Schritt dankbar, den er noch in dieser abgeschiedenen Dunkelheit weilen konnte. Nur das flackernde Licht, das sie mit sich trugen und die scheinbar unbeschwerten Worte des Zwerges begleiteten ihn. Es schien als könnte der Zwerg – nun da er zu sprechen angefangen hatte – nicht mehr schweigen.

Aber Tibur störte es wenig. Es hatte etwas Beruhigendes an sich. Der Zwerg bedrängte ihn nicht, forderte nicht seine Aufmerk­sam­keit, sondern begleitete ihn mit seinen Worten, seiner kräftigen, dunklen Stimme. Was dieser sagte, bekam der Handwerker nicht mit, und doch verdrängte es die Kälte des Ortes. Ja, es verbannte auf seltsame Weise gar die lähmende Angst. Obwohl der Zwerg in Tiburs Welt zwischen der Wirklichkeit, dem Traum und Wahn nicht einzutreten vermochte, wirkte die wohlklingende Stimme wie ein Anker, an dem sich Tibur festhielt. Der Zwerg weilte am Rande von Tiburs Wahrnehmung und wartete darauf, dass Tibur sich hervorwagte. Almar erschuf mit seinen Worten einen beruhigenden Gesang. Es war für Tibur fern und doch berührte es ihn, so wie ein warmer Abendwind, der über eine auskühlende Ebene streicht. Bei Tibur schwand das erste Mal das Gefühl zu frieren. Er war auf einer langen Reise, das wusste er, und die Musik des Zwerges wurde zu seinem Herzschlag, der ihn in dieser Welt festhielt.

„Wie können die eigentlich ein ganzes Gefängnis unbewacht lassen, diese Narren“, ärgerte sich der Zwerg, da ihm dies alles zu sonderbar vorkam, als dass er sich damit anfreunden konnte. „Wieso waren die Tore in so einem schlechten Zustand? Keines war mehr zu und fast alle waren halb verrostet oder ließen sich gar nicht schließen.“ Der Zwerg regte sich immer mehr auf, denn es machte ihm Angst. Es war zu einfach.

Tibur sah verwundert zu seinem kleineren Freund hinunter. „Freu dich doch.“ Tibur teilte Almars Sorgen nicht.

„Glaub mir, das tue ich auch, aber irgendetwas stimmt hier nicht. Das stinkt gewaltig!“

„Das ist ein uraltes Gefängnis, in dem du warst. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann überhaupt jemals einer dort eingesperrt war“, versuchte sich Tibur an einer Erklärung. Doch zu seinem Verdruss verlangte der rätselnde Blick des Zwerges weitere Erläuterungen.

Tibur ließ ein resignierendes Stöhnen erklingen. „Schon der vorige Stadtherr hat ein neues Tunnelsystem anlegen lassen. Tief unter dem Palast befindet sich ein grausiges Gefängnis. Es soll nur einen einzigen Ausgang haben und dort befindet sich eine zwanzig Meter tiefe Leiter, die immer herausgezogen wird. Der Stadtherr wollte wohl seine Wachen einsparen. Diese Tunnel werden, wenn überhaupt, als Lager genutzt.“

„Aber warum bin ich nicht dorthin gebracht wurden?“, wurde der Zwerg noch verärgerter.

„Vielleicht wollte Thanatos oder der Stadtherr nicht, dass die Menschen wissen, dass ein Zwerg in unserer Stadt ist. Er sagt, ihr wäret ein blutrünstiges Gesindel. Und vielleicht ist das einfach nur eine Lüge.“

„Und ob das eine Lüge ist!“ Der Zwerg brüllte verbittert und vergaß, dass sie sich in unsicheren Gängen befanden und jeden Augenblick entdeckt werden konnten.

Tibur sah zu dem Zwerg herab und schüttelte verwirrt seinen zerstreuten Kopf. Er hatte vergessen, in welcher Gesellschaft er sich befand. Seine Gedanken waren weit abgeschweift und er hatte es seiner Zunge überlassen, die Worte zu wählen. „Verzeih, natürlich weiß ich es nun besser. Aber die anderen nicht. Wahrscheinlich wollten sie, dass es so bleibt. Denn nur so wird er seinen Krieg gegen euch führen können.“

„Du sprichst als habest du ihm schon vorher nicht geglaubt?“ Almar nahm Tibur die schlecht gewählte Formulierung schon nicht mehr übel.

„Wie soll ich einen hassen, den ich nicht kenne? Wie jemanden fürchten, den ich niemals sehe? Da habe ich weit mehr Angst vor diesem König. Seine Gier nach Macht scheint unersättlich. Seine makellosen Auftritte machen mir Angst. Er hat so viele die ihm blind folgen und für meinen Geschmack sind zu viele Magier unterwegs, die allerorts ihre Magie ausprobieren. Er kontrolliert ausreichend Land und doch lässt er seine Stadthalter wildern, als wären wir alle nur Vieh. Wahrscheinlich will er nur die Reichtümer der Zwerge. Als würden eure goldenen Hallen uns ernähren können.“ Tibur schüttelte entmutigt den Kopf. Nein, das war nicht sein Krieg und auch nicht derjenige derer, die für ihr Überleben hart arbeiteten.

„Auch, wenn unsere Arme nicht so weit reichen, wie die eurigen, so werden unsere Waffen euch dennoch hart zusetzen“, meinte der Zwerg grimmig.

„Aus dir spricht der Zorn, mein Freund. Aber bedenke, dass nicht alle Menschen diesen Krieg wollen, nicht einmal diesen König.“

„Aber warum tötet ihr ihn dann nicht?“, versuchte sich Almar an den Gedanken zu gewöhnen einen König zu verraten.

„Alleine ist es unmöglich, und einem Aufstand würden nur wenige folgen. Zu oft wurden diese grausam niedergeschlagen. Für die Sicherheit des Reiches hieß es dann.“

„Aber im Verborgenen könntet ihr doch Verbündete suchen“, meinte Almar, der den König der Menschen am liebsten sogleich tot sehen wollte.

„Wenn man nicht weiß, wer seine Feinde sind, dann kann man sich bei seinen Freunden auch nicht sicher sein“, meinte Tibur traurig.

Der Zwerg sah zu Tibur auf und musste erkennen, dass er abermals überrascht war, über das, was er zu erkennen glaubte.

„Kann es sein, dass du nicht immer nur ein Steinmetz warst?“, fragte er mit trocken gewordenem Mund und leiser Stimme.

„Steinmetz ist mein Beruf, aber nicht immer war ein Meißel in meiner Hand.“ Der Handwerker wollte die Frage nicht recht beantworten.

Sein kleiner Freund akzeptierte dessen Entscheidung und fragte nicht weiter. Seine Gedanken aber blieben nicht stumm.

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