Kitabı oku: «Robins Garten»

Yazı tipi:

Marc Späni

Robins Garten

Marc Späni

Robins Garten

Roman

orte Verlag

© 2016 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn

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Umschlaggestaltung: Janine Durot

Umschlagbild: iStock, Jacques Palut

Gesetzt in Arno Pro Regular

Satz: orte Verlag, Schwellbrunn

ISBN: 978-3-85830-193-2

ISBN eBook: 978-3-85830-194-9

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Prolog

In der traditionellen chinesischen Gartenkunst ist die ideale Grundstücksform ein Quadrat. Wird dieses gleichmässig in drei mal drei Abschnitte geteilt, ergibt sich ein sogenanntes Ba Gua-Raster. Der Bereich im Zentrum, das Iching oder Tai Chi, symbolisiert die Mitte der Erde beziehungsweise das Zentrum der Lebenskraft des Gartens, den acht äusseren Bereichen werden verschiedene Aspekte des Lebens zugeordnet: Zhen (Familie, auch Gesundheit und das Verhältnis zu Vorgesetzten), Dui (Kinder und Kreativität), Li (Ruhm und Ansehen), Gen (Wissen, Intuition), Xun (Reichtum und Besitz), Kan (Karriere), Kun (Partnerschaft, Liebe und Ehe), und Qian (hilfreiche Freunde und Reisen). Feng Shui, die Lehre von der Gestaltung von Wohnräumen und Gärten, kennt zahlreiche Accessoires wie Statuen, Brunnen, Pflanzen, Bilder und Symbole, mit denen die Funktion des entsprechenden Abschnittes positiv beeinflusst werden kann.

Seit sich Robin Fahrni, Landwirt, Hobbygärtner und Leiter einer spirituellen Interessengemeinschaft, hinter seinem Bauernhaus einen grossräumigen Feng Shui-Garten angelegt hatte, beschäftigte ihn die Frage, wie es um diese Relation zwischen den neun Bereichen des Gartens und den Aspekten des Lebens bestellt sei. War es so, dass man, indem man sich um einen bestimmten Abschnitt seines Gartens kümmerte, unbewusst diesem Aspekt auch im richtigen Leben mehr Bedeutung zumass? Oder verbarg sich dahinter doch ein ursprünglicheres Prinzip, das seine Wirkung auch dann tat, wenn man die dahinterstehende Lehre nicht kannte?

Nachdem ihn weder das Studium der Arbeiten von Meister Yap Cheng Hai noch die Pflege des eigenen Gartens einer Antwort näher gebracht hatte, begann Robin Fahrni langsam den Verdacht zu hegen, seine Frage könnte der verräterische Ausdruck einer tiefen Verwurzelung im westlichen Rationalismus sein, den er zeitlebens mit aller Kraft zu überwinden versucht hatte. Ein wahrer Feng-Shui-Meister würde wahrscheinlich nachsichtig lächeln und ihn mit einer dieser Zen-Paradoxien abspeisen: «Erst ist ein Berg ein Berg, dann ist der Berg kein Berg, dann ist der Berg wieder nur ein Berg.» Ja, ja, mit solchen Sprüchen konnte man natürlich auch bei völliger Ahnungslosigkeit sehr, sehr weise erscheinen!

1.

Familie, Gesundheit und das Verhältnis zu Vorgesetzten

Als Edwin Gadze um 11.24 Uhr auf seinem Lesesessel neben der Vitrine mit den historischen Modelleisenbahnen in sich zusammensank und nach fast dreiundachtzig Lebensjahren seinen letzten Atemzug tat, bewegten sich nur wenige hundert Meter von der Seniorenresidenz entfernt fünf graue Gestalten im Schutz von Büschen und Hecken langsam unter der warmen Aprilsonne durch das Gelände. Zuerst tauchte jeweils der Anführer aus seiner Deckung auf, legte einige Meter zurück und begab sich sofort wieder in den Schutz des Buschwerks, einer kleinen Erhebung oder einer Holzbeige, drehte dann den Kopf mit dem verbeulten Helm und der Fliegerbrille zu den anderen und gab mit hochgehaltener Hand Signale. Daraufhin machten sich die vier Männer mit den abgewetzten Lederjacken, den Waffengürteln und Motorradstiefeln in seine Richtung auf, schnell und lautlos wie Eidechsen, mit gesenkten Köpfen, oder in der meditativen Langsamkeit von Schildkröten, eins mit der Umgebung. Zwischendurch verharrten sie minutenlang bewegungslos, in der Hocke oder flach auf den Boden gepresst, den Blick in höchster Konzentration nach vorne gerichtet, umringt von frühen Insektenschwärmen.

Als der Trupp im Schutz eines Heuschobers innehielt, bevor er den Weg über offenes Gelände in Angriff nahm, einen gepflügten Acker ohne jede Deckung bis zum kleinen Bachlauf gleich unterhalb des japanischen Gartens, war Edwin Gadze bereits achtzehn Minuten tot. Sein Kiefer hing schlaff nach unten, die Zunge war schwer auf die farblose Unterlippe gesunken. Nur die Neuenburger Wanduhr zwischen den Kupferstichen des Landwasserviadukts und des Kehrviadukts von Brusio tickte unbarmherzig durch das geräumige Appartement. Ein Scharfschütze auf dem Balkon hinter dem Toten hätte freie Sicht gehabt, um mit dem Zielfernrohr die fünf Gestalten zu erfassen, die wenige Augenblicke später im Abstand von etwa zehn Metern über den Acker rannten, und genügend Zeit, einen nach dem anderen abzuschiessen, bevor er die schützenden Büsche erreichte.

Auch der kräftige Mann mit der Glatze und dem Leinenhemd, der nur wenige Meter oberhalb des Baches seinen Bambus zurückschnitt, hätte die schnelle Bewegung wahrnehmen müssen, hätte er nur einen Augenblick seinen Blick auf den Acker statt auf die robusten Bambusstängel gerichtet, hinter denen sich eine ausgedehnte Gartenanlage verbarg mit Fischteichen, Brunnen, Steinfeldern, geschwungenen Wegen und einer kleinen Pergola im Stil eines japanischen Teehauses. Eine kleine, ältere Asiatin fütterte die Karpfen und wandte sich an den Glatzköpfigen, der daraufhin seine Arbeit am Bambus unterbrach. Es vergingen kaum zwei Minuten, in denen sich die fünf Kämpfer mit angehaltenem Atem an die Hecke gepresst hatten, die schmutzigen Motorradstiefel im kleinen Bach. Sobald der Gärtner seinen Platz verliess, zogen sie weiter, lautlos und unsichtbar im Schutz der Hecke, zum Waldrand hoch, wo sie endgültig verschwanden.

Ein Karpfen sprang aus dem Wasser, eine Kohlmeise huschte durch einen blühenden Ranunkelstrauch, in der Residenz wurde das Mittagessen aufgetragen, die letzten Senioren nahmen ihre Plätze im Speisesaal ein. Edwin Gadzes Wanduhr zeigte 11.57 Uhr und tickte pflichtbewusst weiter, ungerührt vom Ableben ihres Besitzers.

Im gleichen Augenblick, drei Minuten vor zwölf, trat Florian Walpen aus dem mächtigen Eingang der Versicherung auf den Gehsteig hinaus. Auf der Teufenerstrasse rauschten lange Autokolonnen vom Stadtzentrum Richtung Appenzell und zurück. Der zwanzigjährige Sachbearbeiter wandte sich nach links, blieb dann aber nach einigen Metern vor einer der Fensternischen stehen, die in die Fassade des Jugendstilbaus eingelassen waren, stellte seine Tasche ab und blickte gespannt auf die Glasfront, auf die von innen der Ausschnitt einer Landkarte projiziert wurde. In jeder der zwölf Nischen war ein anderer Kartenausschnitt sichtbar, eine gewöhnliche Landkarte mit Gebäuden, Strassen, Flüssen, Seen, Symbolen für Gaststätten, Aussichtspunkte, Zeltplätze, Burgruinen, Stauwehre, Rebberge oder Seilbahnen. Eine gewöhnliche Landkarte, ausser dass jedes Grundstück und jedes Stückchen Land in einer von siebzehn Farben erschien, in einem Spektrum, das von sattem Rot über Gelb und Grün bis zu dunklem Violett ging. Besonders war auch, dass die Kartenausschnitte auf den zwölf Glasfronten von einem auf Zufallsgeneratoren basierenden Programm in ständig fliessender Bewegung gehalten wurden. Jede zweite Nische war zudem mit einem Bewegungssensor ausgestattet, der es einem Passanten erlaubte, die Steuerung der Projektion selber zu übernehmen: Durch Vorbeugen des Oberkörpers konnte er einen Ausschnitt heranzoomen, durch Zurücklehnen den Ausschnitt verkleinern, durch kleine Schritte innerhalb einer runden Markierung auf dem Fussboden in alle Himmelsrichtungen navigieren. Weiter oben, auf der anderen Seite des Eingangs, standen einige Schüler und spielten mit der Anlage. Florian Walpen hatte sich eine Nische ohne Bewegungsmelder ausgesucht.

«Du kannst dich wohl nicht losreissen?» Charly, Florians Teamleiter, ging eben in die Mittagspause.

«Ich schau mir nur mal schnell die Umschaltung an.» Florian wandte den Blick nicht vom Bildschirm.

Alle zwei Monate, am letzten Freitag um Punkt 12.00 Uhr, wurde die aktualisierte Versicherungskarte aufgeschaltet, ein Spektakel, das sich Florian in den zwei Jahren, seit er hier arbeitete, kein einziges Mal hatte entgehen lassen.

«Und, schon was Spannendes gesehen?», fragte Charly mit gespieltem Ernst.

Florian schüttelte den Kopf, ohne den Blick vom hell erleuchteten Fenster zu nehmen.

Sein Teamchef konnte nicht verstehen, warum er für jede Umschaltung drei Etagen nach unten fuhr und zehn Minuten seiner Pausenzeit opfert, schliesslich war die ganze Karte der Nordostschweiz, mit viel besseren Navigations- und Such-Tools versehen auch im Internet einsehbar, zudem konnten sich die Sachbearbeiter über Auf- und Abstufungen von Parzellen in der internen Datenbank informieren. Aber Florian liebte diesen Moment, auch wenn er nach 12.00 Uhr meistens keinen Unterschied erkennen konnte.

Der Zwanzigjährige hatte zwar nicht direkt mit der Gestaltung der Karte zu tun, dafür waren die PR- und die grafische Abteilung zuständig, er war nur einer von Hunderten von Sachbearbeitern, welche die Daten, Analysen und Einschätzungen verarbeiteten, auf deren Basis der Hauptcomputer für jede Parzelle in der Nordostschweiz über Auf-, Abstufung oder Beibehaltung der Einstufung entschied, ohne dass Mitarbeiter wie er in die komplexen Berechnungsabläufe Einblick hatten. Dies hatten nur die Versicherungsmathematiker höherer Stufen, die wiederum von den Geschichten nichts wussten, die hinter den Zahlen standen.

Erst einige Sekunden nach 12.00 Uhr löste Florian den Blick vom Bildschirm. Er hatte nichts sehen können, wie meistens. Zu gering waren die Anpassungen, zu gross das kartographierte Gebiet. Erst ein einziges Mal hatte er mitverfolgen können, wie sich vor seinen Augen um 12.00 Uhr eine Parzelle verfärbt hatte – was ihm über eine Woche lang ein besonders Glücksgefühl beschert hatte, und zudem die irrige Vorstellung, dies sei ein Zeichen, dass ihm weiteres Glück bevorstehe.

Charly war einige Schritte weitergegangen, drehte sich dann aber nochmals um. «Bist du am Nachmittag noch da?», fragte er über die Schulter.

«Nein, ich nehme heute meinen freien Halbtag.»

Der Teamleiter nickte und ging.

Florian musste am Nachmittag zu seiner Grossmutter, die in einer Altersresidenz wohnte, über eine Stunde mit S-Bahn und Postbus Richtung Voralpen. Da seine Mutter sich vor einem halben Jahr in klösterliche Isolation begeben hatte, um einmal mehr den Verlust des Vaters endgültig zu überwinden, und sich Moritz erfolgreich mit Kinderbetreuung und Familienpflichten zu entschuldigen pflegte, blieb dieser Besuch an ihm hängen. Diesmal hatte die alte Dame nicht zuerst den älteren Bruder, sondern direkt Florian angerufen, und er hoffte, dass es nicht zur Gewohnheit werden würde. Für seine freien Halbtage hatte er ganz andere Pläne, und wenn es nur war, im Café der Shopping Mall unter seiner Wohnüberbauung Grüntee zu trinken und in einem Magazin über Modellschiffbau zu blättern.

Er musste über eine Reihe von Kinderwägen steigen, um in den Sitzbereich des S-Bahnwagens zu gelangen, wo er, eingezwängt zwischen jungen Vätern und Müttern, quengelnden Kleinkindern und Seniorengruppen schliesslich einen Platz fand. Über den Bildschirm an der Wagendecke liefen abwechslungsweise Werbefilme und Nachrichten. Florian war eine halbe Stunde früher als geplant. Er wollte nur schnell Grossmutters Aufträge abholen und dann endlich wieder einmal bei Robin Fahrni vorbeischauen, der ganz in der Nähe der Seniorenresidenz seinen Hof hatte. Er hatte den Landwirt und Leiter der Freien Interessengemeinschaft für Grenzwissenschaften und Spiritualität schon Jahre nicht mehr gesehen und freute sich auf einen Tee in der Ruhe des japanischen Gartens. Es war 14.38 Uhr, als sich der Zug in Bewegung setzte, aus dem Nebenbahnhof heraus, vorbei an den hohen Verwaltungsgebäuden beim Güterbahnhof und ins Dunkel des Kehrtunnels, der die rund hundert Meter bis ins Riethüsli überwand, von wo aus die Bahn der Kantonsstrasse ins Appenzellische folgte.

Am Bildschirm las Florian, dass in der Zone erneut ein Haus überfallen und mit Gewehren beschossen worden war, allerdings ohne dass jemand verletzt worden wäre.

Das war seltsam! Vor allem in der Zone, wo nur noch wenige Leute lebten, die bewusst auf die Vorzüge des modernen Stadtnetzes verzichteten und weitgehend auf sich allein gestellt ihren Alltag bewältigten. Gut, da waren noch die Reichen in ihren Landhäusern, aber deren Grundstücke waren hermetisch abgeriegelt, und eine solche Villa hatten die Heckenschützen nie angegriffen.

Die S-Bahn fuhr grösstenteils unter der Erde. Wo das Trassee zwischendurch kurz an die Oberfläche kam, sah man spielende Kinder und Familien in den Grünzonen der Grossüberbauungen. Gelbe Schilder markierten das Ende des Wohngebiets und den Beginn der Zone, dem Gebiet ohne Versicherungsschutz, in dem sich die Natur langsam, aber sicher ihren Platz zurückeroberte. Verlassene Höfe, ja ganze leerstehende Dörfer wurden Meter für Meter von schnellwachsenden Heidepflanzen überwuchert und von einheimischen Tieren besiedelt, die man ausgestorben geglaubt hatte. Die wenigen bewohnten Flächen bildeten kleine oder grössere Oasen in dieser neuen Wildnis, von alteingesessenen Bauern mit altem Gerät mühsam freigekämpft oder von vollautomatischen Mährobotern systematisch in Spielwiesen, grosszügige Gartenanlagen oder Golfplätze verwandelt. Die Älteren erzählten gerne von der Zeit, als es die Trennung in Stadtnetz und Zone noch nicht gegeben hatte und man sich überall frei bewegen konnte. Erlitt man zu jener Zeit eine Panne oder einen Unfall, konnte man von überall her Hilfe anfordern, was unter Umständen sehr lange dauern konnte. Mit der Versicherung war alles einfacher geworden: Innerhalb des Netzes städtischer Infrastruktur hatte jeder Versicherte Anrecht auf Rettung durch die Rettungskräfte der Versicherung, wofür er je nach Einstufung seines Grundstücks mehr oder weniger bezahlte. Schafften es die Rettungskräfte einmal nicht, in der festgelegten Frist von nur wenigen Minuten vor Ort zu sein, riskierte die Versicherung eine Klage und hohe Entschädigungszahlungen. Das System war gut und gerecht, oder zumindest insofern neutral, als Rechner über die Einstufung entschieden und nicht Menschen, zudem bot es einem etwas vom Wichtigsten im modernen Leben: Sicherheit. Kein Wunder, dass nach und nach die Leute vom Land weg ins Stadtgebiet zogen und auch neue Landwirtschaftsgebiete in dieses integriert wurden. Der Boden ausserhalb der Versicherungsschutzzone verlor innert weniger Jahrzehnte seinen Wert, was den Prozess der Entsiedelung noch beschleunigte. Für Florian war das Geschichte. Solange er sich zurückerinnern konnte, hörte seine Welt bei den gelben Warntafeln auf. Was dahinter lag, war mit Angst und Unsicherheit konnotiert und konnte deshalb auch getrost in seiner Erfahrungswelt fehlen.

Die S-Bahnstrecke führte nur bis zu den Fünf Dörfern, einem Komplex aus fünf neuen Megaüberbauungen mit autonomem Wohnkonzept. Die Station war ein grauer Betonwürfel, dem die Architekten nicht einmal Fenster gegeben hatten, dafür eine auf die Aussenwand projizierte grosse Digitaluhr, die 15:19 Uhr anzeigte. Florian hatte zwanzig Minuten Aufenthalt, weil die Fahrpläne der S-Bahn und des Kleinbusses, der ihn zur Residenz bringen sollte, nicht aufeinander abgestimmt waren. Überhaupt fuhren die Kurse nur, wenn man sich vorher per Handy anmeldete.

Er setzte sich auf eine Bank, einen Betonquader an der Rückseite des Stationsgebäudes, und blickte auf den leeren Gehsteig. Im Schatten war es angenehm kühl. Eine Frau mit einem Dreierkinderwagen ging vorbei, später zwei Senioren mit motorisierten Gehhilfen, anschliessend fuhr ein Elektroauto der Spitex vorbei. Florian gähnte und streckte die Beine aus.

Nach einer Weile kam der Bus. Die Strasse führte zunächst in grosszügigen Serpentinen den Hang hoch. Florian war der einzige Fahrgast, sodass der Bus wenigstens nicht in jedes Seitental fuhr, in das sich die Versicherungszone in immer dünneren Verästelungen zog. Anfänglich waren links und rechts Häuser und Siedlungen zu sehen, dann, als die Strasse ein Plateau erreichte, lag auf beiden Seiten nur die Zone, hinter Maschendrahtzaun, der nur an wenigen Stellen unterbrochen und mit gelben Warntafeln versehen war.

Die Residenz war ein wuchtiger, dunkler Kasten aus den Anfängen des Kurtourismus Ende des 19. Jahrhunderts, auf mehreren Seiten durch unauffällige Neubauten erweitert. Ein halbes Einfamilienhaus, dessen andere Hälfte abgerissen und durch eine nackte, graue Wand ersetzt worden war, ragte wie eine Kriegsruine schräg hinter der Residenz auf.

Die Neuenburger Uhr im Zimmer des toten Erwin Gadze hatte bereits vier Mal geschlagen, als Florian Walpen aus dem Bus und in die Eingangshalle mit den marmornen Treppen trat. Vor rund einer Stunde hatte eine junge Ärztin den Toten gefunden, als sie ihn zur Ergotherapie abholen wollte. Der zugezogene Residenzarzt hatte eine halbe Stunde später den Tod festgestellt, und nun lag Erwin Gadze auf dem Bett, die Hände gefaltet, und auf dem Nachttisch brannte eine Kerze. Ein kurzer Moment des Friedens, bis der Leichenwagen den Weg zur Residenz geschafft hatte und den toten Körper im grauen Kunststoffsarg entsorgte.

Gleich bei Florians Ankunft im Kurhaus ging etwas schief. Statt Grossmutter Hallo zu sagen, seine Aufträge in Empfang zu nehmen und kurz darauf den düsteren Kasten wieder zu verlassen, folgte er, kaum angekommen, einem Freund und Mitbewohner der alten Dame, Herrn Eckert, durch lange Gänge mit schweren Teppichen zum Gewächshaus, wo dieser ihm seine Züchtungen zeigen wollte, sein kleines botanisches Reich, wie er es nannte. Grossmutter hatte er zwar gleich beim Empfang angetroffen, oberhalb der grossen Marmortreppe, im Gespräch mit Eckert und einem anderen älteren Herrn, aber sie schien von seiner verfrühten Ankunft ganz aus dem Konzept zu sein, entschuldigte sich in schlecht überspielter Aufregung, sie müsse sich noch frisch machen – sie trug einen dieser hässlichen Trainingsanzüge, wie man sie speziell für Leute über sechzig fabrizierte – und gab ihren Enkel in die Obhut des Pflanzenliebhabers. Sie hatte Florian bei einem seiner früheren Besuche dem Herrn einmal vorgestellt, aber er konnte sich nicht mehr an seinen Namen erinnern. Überhaupt hatte am Empfang eine seltsame Stimmung geherrscht: Am Tresen stritt sich ein anderer Senior lautstark mit dem Verwalter. Es ging dabei, soviel konnte Florian aufschnappen, um Jagdaufsicht und eine Aufgabe des Försters, und der Verwalter sagte mehrmals etwas von geltendem Gesetz. Aber nicht genug: Kaum hatte Grossmutter sich einige Schritte entfernt, wurde sie von einer anderen alten Frau am Arm gepackt, die aus einem Seitengang gekommen sein musste. Jemand war tot, glaubte Florian zu hören, aber vielleicht täuschte er sich auch. Grossmutter schüttelte energisch den Kopf und riss sich los. Sie habe keine Zeit. Er würde sie später fragen, was los war.

Florian folgte also Herrn Eckert, der sich immer wieder umdrehte und ihn dies und das fragte, ins Gewächshaus am Ende des Flurs. Herr Eckert strahlte eine Aura von Tabakrauch und Sherry aus und erinnerte Florian an einen Englischlehrer aus einem früheren Jahrhundert. Von dem her passte er wunderbar in das Gewächshaus, das ebenfalls mindestens hundert Jahre alt zu sein schien. Unter den Glasscheiben, die sämtliche matt und undurchsichtig geworden waren, staute sich eine unangenehme, mit Blumenduft durchtränkte feuchte Schwüle. Grossmutter hatte Florian so überrumpelt, dass er gar nicht auf die Idee gekommen war, Einwendungen zu machen, und jetzt, wo ihn der alte Hobbygärtner schon in den hinteren Teil des Gewächshauses entführt hatte und ihm seine Sammlung von Wolfsmilchgewächsen zeigte, wäre es natürlich unhöflich gewesen, ihn stehen zu lassen, ohne seinen Schützlingen wenigstens einige Minuten Aufmerksamkeit zu widmen. Und es waren auch wirklich ganz schöne Pflanzen, das musste er zugeben, ausserdem hatte der Hobbybotaniker die Gabe, selbst über etwas so Langweiliges wie eine Pflanzenart ganz spannend zu erzählen. Er stellte seinem Besucher zuerst eine Sukkulente vor, die aus Madagaskar stammte und von diesem als Kaktus eingestuft wurde.

«Wolfsmilchgewächse sind eben keine Kakteen», meinte Eckert amüsiert, «sie gehören zu einer ganz eigenen Gruppe. Wussten Sie, dass es von den Wolfsmilchgewächsen 240 Gattungen und nicht weniger als 6000 Arten gibt?»

Florian fragte sich, wie jemand sich auf etwas wie Wolfsmilchgewächse spezialisieren konnte; schliesslich gab es so viele andere Blumen, die mindestens ebenso schön und vielleicht noch leichter zu züchten wären.

«Die hier», Eckert war schon einige Töpfe weiter, «enthält eine weissliche Milch, daher der Name der ganzen Familie. Ihre wissenschaftliche Bezeichnung ist Euphorbia, nach dem Hausarzt eines mauretanischen Königs.»

Florian nickte höflich.

«Aus einigen dieser Sukkulenten lässt sich ein Gift gewinnen, das von Völkern Zentralasiens für die Jagd und den Krieg verwendet wird.»

Da stand Florian nun in einem antiken Gewächshaus einer historischen Residenz für alte Leute und unterhielt sich mit einem Siebzigjährigen über Blumen! Er musste innerlich den Kopf schütteln. Nicht nur, dass er sich fragte, was das Ganze sollte. Irgendwie hatte es auch etwas Unheimliches: Ein alter Englischlehrer referierte über Pfeilgifte, in der hintersten Ecke eines unfreundlichen Gewächshauses, dessen rostige Türen sicher abgeschlossen waren und durch dessen Scheiben niemand einen Mord beobachten könnte, geschweige denn eine Leiche entdecken würde. Schon dieser penetrante Blumenduft, wie in einer Aufbahrungshalle. Und Herr Eckert erzählte und erzählte, eben noch von einer immergrünen aufrechten Stammsukkulenten von rund 70 Zentimetern Höhe, dann von der Blüte einer Merurialis annua. Florian blickte ab und zu verstohlen auf die Uhr. Die Wolfsmilchgewächse waren ihm mehr und mehr unsympathisch geworden. Als Herr Eckert endlich innehielt und vorschlug, auf der Terrasse bei einem Aperitif auf Grossmutter zu warten, war bereits mehr als eine halbe Stunde vergangen. Er ging mit seinem Gast aber nicht etwa auf dem direkten Weg zurück zum Wohnhaus, nein, Herr Eckert nahm Florian freundlich am Arm und führte ihn durch eine kleine Tür an der Rückseite des Gewächshauses ins Freie, eine Treppe hoch zu einem schmalen Pfad, der oberhalb des Gewächshauses zurück zur Terrasse der Residenz führte. Von diesem Weg aus konnte man zu einem Aussichtsturm hoch blicken, einer Konstruktion aus drei mächtigen Metallträgern mit vier Plattformen, von denen die oberste weit über den Sockel hinausragte. Durch die Ritzen zwischen den Brettern leuchtete die Sonne. Florian erinnerte der Turm an alte kolorierte Ansichtskarten aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert, und aus dieser Zeit stammte der Bau wohl auch. Nur Treppen, kein Lift natürlich.

«Wollen wir noch die Aussicht geniessen?», schlug Herr Eckert vor. «Es ist wirklich lohnend.»

Aber darauf hatte Florian nun wirklich keine Lust, ausserdem hasste er nichts mehr als grosse Höhen, vor allem überhängende Plattformen, wo das Auge keinen Fixpunkt mehr fand. Nein, da lehnte er dankend ab.

«Man muss sich nur überwinden können», meinte Herr Eckert kurz, aber Florian erklärte ihm, er könne sich sehr wohl überwinden, wenn es einen wichtigen Grund dafür gäbe. Aber nur zum Spass da hinaufzuklettern, dafür sei er sich nun doch zu lieb. Das schien dem Alten zu gefallen, er klopfte ihm auf die Schulter und führte ihn weiter.

«Ja, ja, wichtig ist, dass man sich überwinden kann, wenn es die Pflicht erfordert, da haben Sie völlig Recht.»

Als sie auf die Terrasse kamen, begann er, über die Wichtigkeit der Familie zu reden, verlor aber den Faden. Ihnen bot sich eine herrliche Aussicht, weit über die Hügel der Voralpen in den noch schneebedeckten Alpstein. Sie fanden einen leeren Tisch an der schmiedeeisernen Brüstung. An den anderen Tischen sassen bereits Senioren, die meisten – das fiel Florian als Erstes auf – mit weissen Turnschuhen an den Füssen. Er war nicht unglücklich, dem unheimlichen Gewächshaus entkommen zu sein und hoffte, dass er nun bald seinen Auftrag bekam und sich wieder auf den Weg machen konnte. Aber Grossmutter wollte einfach nicht auftauchen, was auch dem alten Eckert unangenehm zu sein schien. Auch er sah immer wieder auf die Uhr und versuchte krampfhaft Konversation zu machen: «Wissen Sie», griff er nach einer längeren Pause das Thema wieder auf, das er auf dem Weg vom Turm hierher begonnen hatte, «die Familie mag in Ihrem Alter keine besondere Rolle spielen, aber später, wenn Sie vielleicht selber Kinder haben, werden Sie feststellen, dass sie einen ganz anderen Stellenwert bekommt.»

Florian hörte nur mit halbem Ohr zu. Er überlegte sich, dass er jetzt, wo er später als geplant vom Kurhaus weggehen würde, einen anderen Shuttlebus bestellen musste, und rechnete hin und her, ob es doch noch für einen Besuch bei Robin reichen würde oder nicht. Eckert hatte, ohne ihn zu fragen, zwei Appenzeller bestellt und nötigte ihn nun zum Anstossen. Florian trank selten Alkohol, und das Zeug schmeckte nach Hustensirup und brannte in der Kehle.

«Es gibt keine Kultur, in der die Familie nicht eine absolut primäre Rolle spielt. Sie ist eine Grundkomponente der menschlichen Gesellschaft, ein Archetyp sozusagen, und steht damit über allen anderen Regeln des menschlichen Zusammenlebens.» So nett der alte Pflanzenfreund auch war, so legte er im Gespräch die sehr bemühende Eigenheit an den Tag, für alles die Bestätigung seines Gegenübers einzufordern: «Meinen Sie nicht auch, junger Freund?» «Da müssen Sie mir doch zustimmen, nicht?» «Sehen Sie das nicht ebenso?»

Florian bestätigte brav und sah vor seinem inneren Auge den Sekunden- und Minutenzeiger ticken und seine wertvolle Zeit unwiederbringlich davonrennen.

Endlich kam Grossmutter, nach über einer Stunde, frisch geduscht, in einer lachsfarbenen Bluse, eine Goldkette mit einem grossen Medaillon um den Hals, die braun gefärbten Haare säuberlich hochgesteckt. Als wäre sie nur zwei Minuten in ihrem Zimmer gewesen, reichte sie dem Enkel einen Zettel, auf dem sie von Hand einige Dinge notiert hatte, die er doch bitte für sie besorgen sollte: aus der Buchhandlung eine Einführung in die Moralpsychologie, aus dem Musikgeschäft eine CD mit entspannender, aber stilvoller Musik, einen unauffälligen Mehrfachstecker in dunkler Farbe – nichts, was sie sich auch über das Internet hätte in die Pension bestellen können, aber sie legte besonderen Wert darauf, dass Florian in den Geschäften einen Augenschein nahm und dann nach seinem Gutdünken entschied. Damit war das Thema abgeschlossen.

«Na, habt ihr zwei euch gut unterhalten?», fragte sie mit einem etwas aufgesetzten Lächeln, und bevor Florian etwas sagen konnte, bejahte Eckert enthusiastisch und begann aufzählen: «Wir haben über Selbstüberwindung, die Wichtigkeit der Familie und die Pflichten gegenüber Familienmitgliedern geredet.»

Hatten sie über Selbstüberwindung geredet? Ach ja, beim Turm, als sich Florian geweigert hatte hochzusteigen. Grossmutter schien zufrieden, und der Enkel hatte immer mehr das Gefühl, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Das Gespräch mit Eckert wirkte arrangiert, doch konnte er sich nicht vorstellen, zu welchem Zweck. Eine zweite Runde Appenzeller wurde bestellt. Und als Florian irgendwann signalisierte, dass er in absehbarer Zeit aufbrechen würde, meinte Grossmutter, das gehe nun wirklich nicht.

«Ich habe extra ein zusätzliches Gedeck bestellt, und es ist ganz ausgeschlossen, dass du schon wieder verschwindest, wenn du schon einmal hier bist. Auch Herr Eckert wäre herb enttäuscht!» Dieser bemühte sich ein ganz unglückliches Gesicht zu machen. Da war wohl nichts zu machen, unhöflich wollte Florian nicht sein. Der Besuch auf dem Fahrnihof bei Robin war also gestrichen, aber unterdessen war es ohnehin schon fast halb sechs, sodass er, auch wenn er sich in den nächsten zehn Minuten hätte losreissen können, direkt zurückgefahren wäre. Er hoffte, sie würden hier früh essen, wie in Spitälern und Altersheimen, schliesslich war die Residenz ja etwas Derartiges. Aber noch machte niemand Anstalten, sich in den Speisesaal zu begeben, und als Herr Eckert endlich aufstand, um sich seinerseits noch etwas frisch zu machen, trat sogleich ein anderer Senior an den Tisch und nahm seinen Platz ein.

«Herr Strahm», stellte Grossmutter vor, «war früher im Rahmen der grönländischen Bodenerschliessung tätig. Mein Enkel», wandte sie sich an den Ankömmling, «interessiert sich sehr für Schiffbau und den Norden.»

Strahm trug eine graugrüne Weste mit unzähligen kleineren und grösseren Taschen, wie man sie bei Förstern und Jägern sieht. Er war der zweite Mann gewesen, der bei Florians Ankunft mit Grossmutter geredet hatte.

«Schiffbau, Skandinavien, ein herrliches Hobby!» Er sagte es ohne jede Überraschung, als sei er über die Interessen Florians schon vorgängig informiert worden. Das machte diesen etwas stutzig. Sobald Strahm aber zu erzählen begann, von Bauprojekten, Schiffsreisen, heiklen Situationen, Stürmen, dem unbarmherzigen Klima im Norden, vergass Florian seinen Verdacht wieder. Er mochte den Alten, der etwas weniger gekünstelt wirkte als Eckert, voller Tatendrang steckte und ihm beim Erzählen verschmitzt in die Augen sah. Nach einer Weile kamen sie auf Versicherungen im Allgemeinen und Florians Job im Besonderen zu reden, wobei Strahm ein grosses Interesse zeigte, etwa dafür, wie ein so grosser Betrieb funktionierte, wie die Einstufungsentscheide zustande kamen, wie es mit der Datensicherheit aussehe. Natürlich hätte ihm Florian nicht in dieser Offenheit von den Sicherheitslücken erzählen dürfen, oder vom Passwort, das seit einigen Tagen offen auf dem Pult des Teamleiters lag, schliesslich wusste man nie, was passieren konnte, wenn so etwas an die Medien gelangte, aber er spürte schon die Wirkung der zwei Appenzeller auf nüchternen Magen.

«Das heisst», fasste Strahm interessiert zusammen, «Sie hätten eigentlich die Möglichkeit ins System einzugreifen?»

Florian grinste nur verlegen.

Der Alte lachte: «Und das hat Sie nie gereizt?»

«Sehen Sie, als Sachbearbeiter hat man immer nur mit einzelnen Berichten und Analysen zu tun, man hat keinen Einblick in die ganze Datenfülle, die dann in den Grossrechnern verarbeitet wird. Den Überblick über alle Berichte einzelner Objekte haben nur die Teamchefs.»

«Mit seinem Passwort hätten aber auch Sie Zugriff auf diese Daten», bemerkte Strahm, und Florian nickte vorsichtig. Dann kam der Grönland- und Bauexperte, ohne dass Florian der Zusammenhang klar wurde, auf den zivilen Ungehorsam im Indien der Kolonialzeit zu reden, fand dann nach einer Weile aber wieder zum Thema Versicherungen zurück und verwickelte den jungen Mann in eine Diskussion über Gerechtigkeit. Dieser musste ihm hier und da zustimmen. Es stimmte schon, dass die vielen kleinen Analysen und Einschätzungen an sich nicht für die Objektivität einer Einschätzung bürgen konnten, sogar eine gewisse Willkür kaschierten. So hatte Florian es noch nie gesehen, aber er musste Strahm ein Stück weit Recht geben. Der Alte hatte übrigens dieselbe unangenehme Eigenschaft wie Eckert, immer erst dann weiterzufahren, wenn der Gesprächspartner ihm die fraglichen Punkte explizit bestätigt hatte.

«Die Versicherungen vergessen eine wichtige Sache», meinte Strahm, «den natürlichen Hang des Menschen nach einem eigenen Stück Boden. Auch das ist ein urmenschlicher Trieb» – Urmenschliches und Archetypisches scheint das Lieblingsthema der Alten hier oben zu sein, dachte Florian –, «der Mensch geht sehr weit, wenn er Gefahr läuft, von seinem Land vertrieben zu werden.»

Zur Bestätigung seiner These wusste er eine ganze Reihe von Anekdoten aus seiner Arbeit als Bodenspekulant und Siedlungsplaner. Dann rückte er etwas näher zu Florian heran und begann mit gedämpfter Stimme von der Jagd zu erzählen, auch diese ein Urbedürfnis des Menschen, zu dem sich aber heute kaum mehr jemand bekennen wolle. «Was halten Sie davon?», wollte er wissen.

«Christophe, lass das doch jetzt, bitte!», unterbrach ihn Grossmutter, sichtlich verärgert.

Aber dieser liess sich nicht beirren. «Sehen Sie», meinte er und wies mit der Hand triumphierend auf Grossmutter, «niemand bekennt sich mehr dazu, dabei steckt der Jagdtrieb, der Drang nach Blut, in jedem von uns.»

«Nicht in mir», unterbrach ihn Grossmutter energisch. Sie schaute auf die Uhr und bestimmte, dass man sich in den Speisesaal zu begeben habe.

Bereits zehn vor sechs, dachte Florian, er würde sich nicht vor sieben Uhr verabschieden können, ohne unhöflich zu sein. Das bedeutete, um erst halb neun zu Hause zu sein, ein Abend, mit dem man nicht mehr viel anfangen konnte.

Strahm war noch kurz aufs Zimmer gegangen, Grossmutter führte Florian durch einen weiteren düsteren Gang mit hässlichen alten Gemälden Richtung Speisesaal. Auf dem kurzen Weg musste sie nicht weniger als vier Mal stehen bleiben, um dem Enkel etwas im Vertrauen zu sagen, was sie offensichtlich weder auf der Terrasse in der Anwesenheit von Eckert und Strahm, noch drinnen im Speisesaal tun wollte. Dabei stellte sie sich jeweils so vor ihm auf, dass er notwendig stehenbleiben musste, so sehr es ihm auch widerstrebte und so sehr es ihn zum Speisesaal zog. Beim ersten Halt liess sie sich von ihm rapportieren, was er über die Residenz wusste.

Das alte Kurhaus, dessen Bedeutung nach dem Krieg konstant zurückgegangen war, hatte jahrelang leer gestanden. Private Interessenten hatten sich nach einer seriösen Kostenrechnung zurückgezogen, und nachdem auch die Gemeinde, die eine Zeit lang an einem Kauf interessiert gewesen war, aus Kostengründen abgesagt hatte, wurde das Haus von einer Gruppe sehr wohlhabender älterer Leute gekauft, für Unsummen restauriert und in eine luxuriöse Altersresidenz umfunktioniert. Die Vorgaben des Heimatschutzes waren derart streng, dass das Kurhaus zwar alle Annehmlichkeiten des modernen Seniorenlebens bot, aber nach wie vor der hässliche, efeubewachsene Backsteinkasten mit düsteren, langen Gängen blieb, der er vor der Sanierung gewesen war und in nichts dem prunkvollen, hellen Kurpalast glich, der es – wollte man alten Ansichtskarten glauben – hundert Jahre früher gewesen war. Florians Grossmutter gehörte nicht zu den Wohlhabenden, war aber im Besitz des Grundstücks gewesen, auf dem die Käufer einige Erweiterungsbauten, unter anderem das Schwimmbad und die Wellnessanlage, geplant hatten. Das hatte zur Folge, dass Grossmutters Haus, in dem Florian einen Grossteil seiner Jugend verbracht hatte, abgerissen wurde und Grossmutter selber in die Residenz einzog, wo sie lebenslanges Wohnrecht genoss. Etwas unschön an der Sache war nur, dass ihr Haus Teil eines Doppeleinfamilienhauses war, das beim Umbau der Residenz mittendurch getrennt werden musste. Die Familie Wettlinger, die den anderen Teil bewohnte, musste sich wohl oder übel damit abfinden, von da an in einem halben Haus zu leben, dessen vierte Seite für sie unzugänglich war, weil das Grundstück der Residenz mit einem hohen Maschendrahtzaun gegen Eindringlinge abgeriegelt wurde.

Grossmutter zeigte sich zufrieden über den Wissensstand des Enkels, und sie gingen einige Schritte weiter, bevor sie ihm erneut den Weg versperrte, um ihn im Flüsterton über die prekäre finanzielle Situation einiger Bewohner aufzuklären: «Alt sein ist teuer, viele haben in den Börsenwirren der letzten Jahrzehnte bedeutende Teile ihres Vermögens eingebüsst. Stell dir vor, sie müssten die Residenz aufgeben, in ihrem Alter! So etwas nur zu denken, ist beschämend, findest du nicht?»

Florian nickte, um sich damit wieder einige Meter Richtung Speisesaal zu verdienen. Als sie nach drei Schritten erneut stehenblieb, spürte er, wie in ihm ein innerer Drang überhand nahm, sie vor sich her in den Speisesaal zu schieben, um endlich dort anzukommen.

«Bevor wir hier reingehen, muss ich dir noch etwas Letztes sagen, Florian.» Sie schien seine Unruhe bemerkt zu haben. «Hier in der Residenz denken nicht alle gleich gut von dir, ich meine von deinem Beruf.»

Florian runzelte die Stirn: Was sollte das nun wieder?

«Du stammst doch von hier, und dass du nun für die Versicherung arbeitest, das betrachten viele fast als Verrat.»

Das verstand er nicht, er musste ja etwas arbeiten, und er tat den Leuten ja nichts zuleide!

Sie winkte ab: «Die Auf- und Abstufung ist eben ein heikler Prozess, das betrifft die Leute ganz direkt, und da ist ein Vertreter der Versicherung natürlich schon eine kleine Provokation.»

Er wusste nicht, dass dem Grundstück eine Umstufung drohte und wollte auch nicht Geschäftliches mit dem Familienbesuch mischen.

Die zweiflüglige Tür war schon in Reichweiter, als sich Grossmutter ein letztes Mal vor ihm aufstellte. Mit ihrem faltigen Hals kam sie ihm vor wie ein übergrosser, aufgeplusterter Truthahn: «Im Alter verändert sich vieles, man wird angreifbarer, verletzlicher.»

Er konnte die Augen nicht von ihrem faltigen Hals nehmen.

«Viele hier haben grosse Angst wegen der Überfälle.»

Florian nickte. Er hatte gehört, dass in der nahegelegenen Zone mehrfach Häuser überfallen worden waren.

«Was wäre, wenn das uns passiert? Wir sind alt und wehrlos.»

Wehrlos wirkte sie nun doch nicht. «Und die Polizei?»

«Ach, Florian, du weisst, hier draussen kommen die doch immer erst, wenn alles vorbei ist.» Damit war auch dieses Thema erledigt, und sie liess ihn endlich in den Speisesaal. Er hatte wieder dieses ungute Gefühl, dass die alte Dame ein Spiel spielte, in dem sie Eckert, Strahm und vor allem ihrem Enkel eine Rolle zugewiesen hatte, es war ihm nur nicht klar, welche. Aber vielleicht war es auch nur die Wirkung des Alkohols, die er unangenehm spürte.

Mit seiner Stoffhose und der beigen Jacke kam er sich im Speisesaal völlig deplatziert vor. Wenn der Saal auch nicht sonderlich festlich schien, mehr an eine Betriebsmensa erinnerte, hatten alle Alten doch grosse Sorgfalt auf ihre Kleidung verwendet. Die Frauen trugen Blusen, Deuxpièces, die Herren Hemd und Veston, sogar die weissen Sportschuhe strahlten eine gewisse Eleganz aus. Vielleicht lag es auch am Alter der Leute oder an der Tatsache, dass man ihn beim Vorbeigehen von allen Tischen verstohlen musterte: Er fühlte sich äusserst unbehaglich. Warum hatte Grossmutter ihn so lange aufhalten müssen, dass sie jetzt fast als Letzte den Saal betraten? Von einem Tisch drang leises Murmeln herüber. Beim näheren Hinhören glaubte er Tischgebete zu hören. Mein Gott, wo war er da gelandet?

«Das sind die Religiösen», erklärte Grossmutter, die seinen fragenden Blick beobachtet hatte. «Wir haben im Haus zwei Fraktionen, die Religiösen und wir. Die haben ihre eigene Kapelle eingerichtet und sind allesamt etwas sonderbar, aber alles in allem harmlos. Am Anfang waren sie noch ganz normal, das hat sich erst in den letzten Jahren verschlimmert.»

Florian war ganz froh, als der fröhliche Strahm auf ihren Tisch zusteuerte, immer noch in seiner Försterkleidung, und sich dazusetzte, als gehörte er zur Familie. Weiter hinten im Saal sass ein anderer Mann in einer ähnlichen Kleidung wie der grönländische Bodenspekulant. Es war der Mann, der sich beim Empfang mit dem Verwalter gestritten hatte. Florian fragte Grossmutter, was am Empfang los gewesen sei, und sie meinte, mit Blick auf Herrn Strahm, er und Herr Kuonen dort drüben wollten einen Jagdverein aufziehen.

«Eine wertvolle Freizeitbeschäftigung», warf Strahm ein.

Aber natürlich, fuhr Grossmutter unbeirrt fort, sei das nicht möglich mit den geltenden Waffengesetzen, Forstgesetzen und überhaupt allen möglichen Gesetzen.

«… die restlos alles einschränken, was man früher problemlos zu seinem Vergnügen und zur Jungerhaltung hatte machen können, restlos alles!»

Grossmutter ging nicht darauf ein, zudem kam die Suppe. In der Folge redete man über dies und das, lockerer, entspannter, auch Grossmutter lachte einige Male lauthals, fing sich aber sofort wieder, als ob es ihr peinlich wäre. Das Essen war exquisit, und der Wein, von dem man ihm fast nach jedem Schluck nachschenkte, versetzte ihn immer tiefer in eine wohlige Schwere. Zwischen Vorspeise und Hauptgang – kühle Ingwer-Suppe, Lammcarrée mit Saisongemüse und Eiernudeln an einer Zitronensauce – kam die alte Frau an ihren Tisch, die Florian ebenfalls beim Empfang gesehen hatte, in einem grässlichen Blumenkleid, und begann halb flüsternd vom Tod eines Mitbewohners zu erzählen – er hatte also doch richtig gehört – und dass dieser gewünscht habe, Grossmutter würde sich um den Nachlass kümmern, man habe eine entsprechende Verfügung in seinem Zimmer gefunden. Grossmutter gab sich abweisend, murmelte ein unfreundliches «Meinetwegen». Als die Alte mit dem Blumenrock sich wieder entfernte, meinte sie abschätzig: «Miriam Caflisch. Eine von den Religiösen», als sei damit alles klar.

Florian entschied sich, das nicht als Seitenhieb auf seine Mutter aufzufassen, die zur Zeit wohl in ihrer Klausur fastete oder betete. Er liess sich durch die Gespräche treiben, lachte manchmal lauter, als er beabsichtige, und hatte beinahe schon seinen Verdacht vergessen, dass etwas mit der ganzen Einladung nicht stimmte. Da stellte er plötzlich fest, dass ihr Tisch als Einziger ein exklusives mehrgängiges Menu im Porzellangeschirr mit dem Goldrand genoss, während an den anderen Tischen einfache Hausmannskost im weissen Residenzgeschirr serviert wurde. Nur auf ihrem Tisch brannten Kerzen in einem silbernen Leuchter, nur sie tranken den Rotwein aus grossen Kristallgläsern. Wahrscheinlich war es das, was die Blicke der anderen Gäste auf ihren Tisch zog. Auch die Tatsache, dass Grossmutter, Eckert und Strahm ständig Blicke austauschten, als wollten sie sich gegenseitig das Stichwort zu irgendetwas geben, liess ihn aufmerken. Etwas stimmte doch nicht. Er bewegte sich unruhig auf seinem Stuhl hin und her, und als sich Grossmutter räusperte und das Wort ergriff, wusste er, an ihrem Tonfall, am Schweigen der beiden anderen, dass jetzt mit Sicherheit etwas Unangenehmes kam.

Die Besorgungen seien nicht der einzige Grund gewesen, ihn hierher zu bestellen, begann die alte Dame.

Florian wischte sich den Mund ab und legte die Serviette hin.

Sie hätten, und damit meinte sie wohl die ganze Tischgesellschaft, sie hätten diesen Nachmittag über dieses und jenes geredet, und sie hätten bei dieser Gelegenheit erforschen wollen, wo Florian stehe.

Dieser runzelte die Stirn und schluckte leer.

Welchen Standpunkt er zu gewissen Dingen hätte.

Florian wurde bleich.

Danach listete sie Punkt für Punkt einzelne Aussagen auf, die er im Verlauf des Nachmittags gegenüber dem einen oder anderen gemacht hatte. «Wir sind uns einig darüber, dass Familienbande von keiner anderen Verbindung an Bedeutung übertroffen werden können und es eine Pflicht über dem Gesetz ist, Familienmitgliedern in Not zu helfen.»

Florian nickte unsicher.

«Ebenfalls hast du beigepflichtet, dass alte Leute als besonders schutzbedürftig gelten und deren Unterstützung eine ethische Pflicht ist, die in Extremsituation ebenfalls über dem Gesetz zu stehen hat. Du bist weiter mit uns einig, dass ziviler Ungehorsam in ausserordentlichen Situationen legitim sein kann.»

Mit jedem Punkt wurde der Enkel bleicher, und sein Herz klopfte schneller.

«Du gehst mit uns einig, dass der Drang nach einem eigenen Stück Boden ein archetypisches Menschenrecht darstellt. Und dass der mutwillige Diebstahl von Grund und Bodens ein grober Verstoss gegen die Menschenwürde ist.»

Es schien Florian, als sei der ganze Speisesaal verstummt und ein grosser Truthahn lese ihm in einem grotesken Gerichtsverfahren die Anklagepunkte vor.

«Du hast selber gesagt, dass das Einstufungsverfahren deiner Versicherung nur äusserlich objektiv ist, ja genaugenommen einer grossen Willkür untersteht. Du hast uns anvertraut, dass du die Möglichkeit hast, in das System einzudringen.»

Er wusste, worum es ging, noch bevor sie es sagte, und als sie es schliesslich ausgesprochen hatte – unter den musternden Blicken von Eckert und Strahm – war er dennoch so schockiert, dass er nur leer schluckte.

Dann entspannte sich Grossmutter, räusperte sich und meinte beschwichtigend, es liege natürlich in seinem Ermessen, niemand wolle ihn zu etwas zwingen. Es wurde Kaffee bestellt, die Gespräche an den anderen Tisch gingen weiter. Über die ungeheuerliche Forderung wurde kein weiteres Wort verloren. Zum Kaffee gab es Gebäck und Schokoladetäfelchen. Die Uhr im Speisesaal, die mit der Wand leicht hin und her schwankte, zeigte ungefähr fünf vor oder nach halb acht.

Draussen an der frischen Luft, unter dem Sternenhimmel, spürte Florian erst die Hitze in seinem Kopf, das Sausen in den Ohren und die Übelkeit in der Magengegend. Sie hatten ihn regelrecht abgefüllt da drinnen! Er blickte zurück zum dunklen Kasten, hinter dessen hohen Bogenfenstern sie nun wohl Manöverkritik übten, die drei. Ein Auto fuhr langsam heran, und in einer eigentümlich übersteigerten Aufmerksamkeit stellte Florian unverzüglich fest, dass es sich beim Fahrer um den Vater Wettlinger handelte. Florian wollte diesen Menschen in diesem Moment, in dieser Verfassung auf keinen Fall kennen. Der andere hatte aber bereits das Fenster heruntergelassen und fuhr im Schritttempo neben ihm her.

«Florian?»

Kurz darauf sass Florian auf dem Beifahrersitz, der mit einem künstlichen Schaffell gepolstert war. Es war stickig und roch nach Alkohol, er wusste nicht, ob von ihm oder von Wettlinger. Er hatte völlig vergessen rechtzeitig den Bus zu bestellen und daher das Angebot des ehemaligen Nachbarn, ihn bis zu den Fünf Dörfern zu fahren, nicht ausschlagen können.

«Und, wie geht’s der Grossmutter?»

Florian erzählte von seinem Besuch, ganz allgemein nur, danach war wieder Stille. «Und was macht der Jürg?», fragte er nach einer Weile seinerseits. Wettlingers Sohn hatte Florian ebenfalls Jahre nicht mehr gesehen.

«Dem geht’s gut …», meinte er und begann mit einer Hand im Handschuhfach etwas zu suchen, während der Wagen in einem leichten Slalom und für Florians Begriff recht schnell in der Mitte der Strasse fuhr.

Das Gespräch führt nirgendwo hin, dachte Florian. «Verrückt, die Sache mit den Überfällen! Wie geht ihr hier oben damit um?»

Wettlinger hatte endlich das Bonbon, nachdem er gesucht hatte, im Mund und fuhr wieder etwas ruhiger, wenn auch immer noch schnell und mitten auf der Fahrbahn. «Diese Jugendbanden! Das ist doch das Letzte!» Er riss das Steuer herum und erwischte die nächste Kurve gerade noch, während Florians Magen immer stärker gegen den dynamischen Fahrstil rebellierte. «Da müsste man mit anderen Mitteln vorgehen, sag ich dir. In anderen Ländern hätte das schon lange ein Ende.»

Florian konzentrierte sich darauf, dass sein Mageninhalt dort blieb, wo er hingehörte.

«Und wie läuft’s bei dir, bei der Versicherung?», fragte Wettlinger und steckte sich ein weiteres Bonbon in den Mund.

«Ganz gut, immer der gleiche Trott halt, nicht immer spannend, aber man muss ja etwas tun.»

Wettlinger nickte und schwieg wieder. Er ist alt geworden, dachte Florian, aber nicht alt wie die Alten in der Residenz, eher verbraucht, zu früh verbraucht. Dann musste er sich wieder auf den Mittelstreifen konzentrieren, um sich nicht zu übergeben. Es war nicht gerade förderlich, dass dieser sich unregelmässig vor der Wagenmitte hin- und herbewegte. Auf die Abstufung wollte Florian nicht zu reden kommen, und ein anderes Thema kam ihm nicht in den Sinn. Wettlinger schien die Gesprächspause beenden zu wollen, indem er mit Höchstgeschwindigkeit die Serpentinen hinunterraste, vor jeder Kurve abbremste und in der Kurve voll beschleunigte, sodass sich Florians Mageninhalt bereits bis in die Halsgegend hochgearbeitet hatte. Dann endlich die Siedlungen, die Station. Erleichterung im Wagen.

Als Florian etwas unsicher ausgestiegen war, lehnte sich Wettlinger aus dem geöffneten Fenster und rief ihm etwas nach, etwas von Erwartungen, die er doch nicht enttäuschen würde.

Er wusste es also auch schon! Florian winkte nur dankend zurück, als habe er nichts gehört, stolperte zur erstbesten Bank und liess sich auf den Betonquader fallen. Die nächste Viertelstunde blickte er starr geradeaus und fixierte ein kleines Leuchtsignal neben den Gleisen. Bis der Zug kam, hatte sich sein Magen einigermassen beruhigt und dafür einem peinvollen Blasendruck Platz gemacht.

2.

Kinder und Kreativität

Der Wortführer, ein hagerer Alter mit einer Lesebrille und einem kleinen Bärtchen, holte tief Luft. «Seht ihr denn nicht, dass wir nur gemeinsam mit den anderen etwas erreichen können?» Er blickte in die Runde.

Die zehn Senioren, die mit ihren Stühlen einen Kreis gebildet hatten, einer davon im Rollstuhl, runzelten mehrheitlich die Stirn oder schüttelten den Kopf, eine Frau drehte mechanisch einen Rosenkranz in den Händen.

«Versteht mich richtig, mir geht es nicht darum, im Allgemeinen gemeinsame Sache mit denen zu machen, aber gegen die Abstufung können wir doch nur zusammen etwas erreichen. Ich habe diesbezüglich bereits mit Lisa Karrer das Gespräch gesucht. Die haben Kontakte …»

«Glaubst du ernsthaft», warf eine Frau ein, «der Enkel von der Karrer kann einfach in die Versicherung reinspazieren und nach Belieben etwas an den Einstufungen herumschrauben?»

Während der Hagere noch nach einer Antwort suchte, stand ein anderer Mann auf: «Ich verstehe gar nicht, warum ihr euch von dieser Einstufung derart Angst machen lasst. Auch wenn wir eine Stufe runterrutschen, wenn die Versicherung teurer wird – unsere Finanzen sind noch immer solide, das braucht uns doch nicht zu kümmern. Wir dürfen uns von denen nicht ins Bockshorn jagen lassen.»

Einige nickten zustimmend.

Der Wortführer rang die Hände: «Mündliche Zusagen reichen mir nicht. Wie soll ich wissen, dass das Geld auch wirklich noch da ist? Ich bin überzeugt, keiner von euch will seine finanzielle Situation offenlegen. Oder machst du den Anfang?»

Der andere setzte sich wieder, murmelte etwas von Vertrauen, die anderen schwiegen.

Als Nächstes erhob sich eine dicke Frau in einem braunen Trainingsanzug mühsam aus ihrem Stuhl: «Die Abstufung ist nur ein Punkt von vielen. Das Problem ist doch, dass wir uns ganz allgemein viel zu viel bieten lassen. Da muss man doch mal etwas unternehmen. Das wäre deine Aufgabe, Thomas, und ich finde, du nimmst sie zu wenig ernst!»

Ein Raunen ging durch die Gruppe.

Der Wortführer kratzte sich nervös am Bärtchen: «Und was, bitte, sollen wir deiner Meinung nach tun?» Er blickte in die Runde.

«Der Herr wird uns schon beistehen!», meinte einer der Teilnehmer mit ernster Stimme. Er sass neben der Frau mit dem Rosenkranz und hielt ihre freie Hand.

Einige verzogen gelangweilt die Gesichter, man kannte den alten Störrlein.

«Gian», meint der Wortführer, «wir ehren deinen Glauben und vertrauen ebenso auf Gottes Beistand, sonst wären wir nicht hier in dieser Gemeinschaft. Aber in dieser Sache hilft uns das nicht weiter. Da muss weltlich gehandelt werden. Da muss man taktieren, Strategien entwerfen, Entscheidungen fällen.»

Der Alte blickte beschämt zu Boden, seine Frau fingerte weiter an ihrem Rosenkranz herum.

Die Dicke ergriffwieder das Wort: «Ernsthaft, Thomas, du lässt dich von denen einlullen, die tanzen dir auf der Nase herum!»

«Niemand tanzt mir auf der Nase herum!», wehrte sich der Wortführer, ganz rot geworden. «Und überhaupt: Was glaubst du, wem es zu verdanken ist, dass wir die ständigen Konflikte endlich überwunden haben und einigermassen in Frieden nebeneinander leben können?»

«In Frieden? Schöner Frieden! Du bist einfach blind für die ständigen Provokationen. Nimm als aktuelles Beispiel den Erinnerungskult um den Gadze. Nennst du das Frieden?»

Der Wortführer wischte mit einem Putztüchlein die Brille und blickte die Dicke fragend an: «Was für ein Erinnerungskult?»

«Wahrscheinlich war ja Gadze nicht mehr ganz richtig im Kopf», erklärte sie und tippte sich an die Stirn, «auf jeden Fall hat er die Verwaltung seines Nachlasses niemand anderem überlassen als Lisa Karrer.»

Alle hoben interessiert die Köpfe.

«Und wisst ihr, was sie damit macht? Sie will alles einem dieser Foren zur Veröffentlichung übergeben, ihn und sein Leben schamlos ausstellen, als ob ihr die Ehre des Verstorbenen nichts wert wäre.»

Der Wortführer wollte etwas einwenden, aber sie liess ihn nicht zu Wort kommen: «Gadze war keiner von uns, sicher, aber immerhin ein Katholik und kein Atheist wie die anderen …» Sie schien den Faden verloren zu haben.

«Ja, überhaupt dieser ganze Freizeit- und Jugendkult!», warf ein anderer Greis ein. «Die ständigen Verjüngungskuren und Zellerneuerungen und das ganze Zeug. Da werden unsere Werte mit Füssen getreten. Die ewige Suche nach noch ausgefalleneren Freizeitaktivitäten: Spielclubs, Internetgemeinschaften und jetzt diese Jagdmanie von Strahm und Kuonen. Sie machen ja nicht einmal einen Hehl daraus, spazieren in ihren Jägerkleidern herum, und jeder weiss, dass sie heimlich jagen gehen. Aber keiner zeigt sie an. Das könnten wir tun, nicht immer nur reden, reden, reden!»

Die Versammlung stimmte begeistert zu, nur ein langbeiniger Teilnehmer mit Vollglatze schüttelte amüsiert den Kopf. Gleich zu Beginn der Versammlung hatte er seinen Stuhl etwas aus dem Kreis geschoben, als wollte er demonstrieren, dass er nicht dazugehöre.

«Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun», schaltete sich der Wortführer wieder ein. «Sollen die jagen oder sich jung therapieren. Solange sie uns in Ruhe lassen, kann uns das doch egal sein.»

Einige nickten.

«Es ist sicher nicht unsere Aufgabe, die anderen anzuzeigen», fuhr er fort, «dafür haben wir eine Verwaltung …»

«Die Verwaltung», unterbrach ihn die Dicke, «wird nie und nimmer etwas unternehmen. Die ist ganz im Griff der anderen. Auch die lässt sich alles bieten. Und ich wiederhole, Thomas, auch wenn du es nicht wahrhaben willst: Die lassen uns nicht in Ruhe, die provozieren uns, untergraben unseren Lebensstil …»

«Jetzt macht mal einen Punkt», rief der langbeinige Alte gelangweilt. «Können wir endlich über den Antrag zur Zimmervergabe von Gadze abstimmen? Ich habe noch anderes zu tun.»

Zuerst getraute sich niemand, etwas zu sagen, doch dann meldete sich ein kleiner, leicht buckliger Mann, ohne aufzustehen. «Anträge, Anträge,» rief er laut, «jetzt ist aber Herrgott-nochmal Schluss mit diesem Gewäsch! Anträge, pah! Jetzt muss mal was getan werden, aufräumen muss man mit diesem Pack!»

Auf einigen Gesichtern war Unverständnis, Ärger oder Mitleid zu lesen, einige verdrehten die Augen. Auch den verrückten Alexander Hinnen und seine aggressiven Vorstösse kannte man nur zu gut.

«Alex, bitte!», versuchte der Wortführer den Kleinen zu beruhigen.

«Nein, lass mich reden!»

«Also, von mir aus», resignierte er achselzuckend, «aber ich bitte dich inständig, dich zu mässigen, wir haben in dieser Runde gewisse Regeln.»

«Ich scheiss auf eure Regeln! Aufräumen muss man mit dem Saupack! Und zwar mit allen, mit den Atheisten und den Sektierern vom Fahrnihof, bevor sie sich in unsere Gemeinde einschleichen oder uns brutal überfallen wie die anderen!»

«Alex, die Überfälle haben doch nun wirklich nichts mit dieser Sache zu tun», meinte der Wortführer verzweifelt. «Und der Fahrni mit seinem Garten …»

«Die stecken alle unter einer Decke, seid ihr denn blind?»

Die Versammlung blickte kollektiv zu Boden, der Wortführer war einen Schritt zurückgewichen und wartete ab, die Frau mit dem Rosenkranz war bleich geworden. «Herr, steh uns bei», flüsterte sie.

«Herr, steh uns bei», äffte sie der Kleine nach. «Glaubst du, der Herr hat nichts Besseres zu tun?»

Das erste Mal seit Beginn der Versammlung hörten die Finger auf, mit dem Rosenkranz zu spielen.

«Jetzt sind wir gefordert! Und zwar nicht mit Reden. Wir müssen etwas tun, das Schwert des Glaubens ziehen und in den Kampf ziehen.»

Die meisten schüttelten den Kopf, einige bekreuzigten sich.

Nur der Lange, Kahle schien sich über den Ausbruch zu amüsieren. «Also, halten wir fest für das Protokoll», spottete er, «Alexander ergreift das Schwert des Glaubens und reinigt das Gebiet von allem teuflischen Gesocks. Damit wäre dieses Problem gelöst, und wir können endlich zum nächsten Traktandum gehen.»

Niemand lachte über den Spötter, nur der Kleine stand wutentbrannt auf und ging fluchend zur Tür. Dort blieb er stehen. «Die Verräter sind schon in unseren Reihen. Die da» – er zeigte auf eine Teilnehmerin – «trifft sich mit dem Sektierer, fragt sie nur selber!» Dann knallte er die Tür hinter sich zu.

«Die ist zu», bemerkte der Lange sichtlich amüsiert. «Machen wir endlich weiter?»

Aber niemand reagierte, alle Blicke waren auf die Frau gerichtet, die ganz nervös geworden war.

«Elsa, ist das wahr, was er sagt?», fragte sie der Wortführer ganz ernst.

«Nein, natürlich nicht. Ich meine, wenn ich dem Fahrni auf einem Spaziergang begegne und ein paar Worte wechsle, das – das muss doch erlaubt sein, oder etwa nicht?»

Sie blickte ganz entrüstet in die Runde, aber alle schwiegen. «Was soll das? Wir haben uns zusammengeschlossen, um unsere Religiosität zu leben, nicht um uns vom Rest der Welt abzukapseln und alle anderen als Sektierer und Atheisten zu bezeichnen. Reicht es nicht, dass der arme Alexander nicht mehr bei Sinnen ist, fangt ihr jetzt auch noch an?» Sie schüttelte entrüstet den Kopf und setzte sich wieder, die Arme verschränkt. Die andern gaben ihr etwas verlegen Recht, und der Wortführer ging zum nächsten Punkt der monatlichen Sitzung über.

Es brauchte ja niemand zu wissen, dass Elsa Huguenin tatsächlich regelmässig den Hof der Interessengemeinschaft für Grenzwissenschaften und Spiritualität besuchte, um sich mit Robin Fahrnis thailändischer Frau über Teekräuter und Naturheilkunde auszutauschen. Sie würde in Zukunft vorsichtiger sein müssen. Und dieser Hinnen gehörte wirklich in eine geschlossene Anstalt. Nun gut, genau genommen war er das ja bereits. Wie sie alle hier.

Warme Luftmassen schoben sich durch die Täler, rauschten um die Hügel und schüttelten die Baumkronen, dass die noch frischen Blätter in den dunklen Himmel stoben. An den Alpsteinhöhen hatten sich dunkle Wolkenberge aufgetürmt. Innerhalb der nächsten Stunden würde ein heftiges Gewitter die nachmittägliche Schwüle zerschlagen, eine Wetterlage, die sich seit Anfang März in regelmässigen Abständen wiederholte. Das Kurhaus sah noch schwärzer, noch ungemütlicher, fast bedrohlich aus, etwa so wie Florians Gemütslage, wenigstens in den letzten zwei Wochen, seit seinem Besuch hier oben. Gewissensbisse, dumpfe Angst, verzweifelte Geschäftigkeit, Schmieden und Verwerfen von Plänen, Resignation, unerwartete Panikattacken – das ganze Programm hatte er mehrmals vor- und rückwärts abgespult. Und jedes Mal, wenn er in der Versicherung an Charlys Schreibtisch vorbeiging, lachte ihn das vermaledeite Passwort hämisch an, ein gelbes Zettelchen, unachtsam auf die Schreibunterlage geklebt. Wie konnte der nur so blöd sein, auch noch Systempasswort darauf zu schreiben, und wie konnte er es wochenlang dort kleben lassen, ohne es zu bemerken?

Trotz der Jugendstilleuchter lag die kühle Empfangshalle fast im Dunkeln. Florian hatte die Tasche mit den Besorgungen für seine Grossmutter an den Empfangstresen gelehnt: darin eine CD mit ethnomeditativer Klangholzmusik, Dr. Luckmanns Einführung in die Moralhygiene als Hörbuch und ein cremefarbener Mehrfachstecker mit Sicherheitsabdeckung. Diesmal hatte er seinen Besuch nicht angemeldet. Er wollte nicht erneut gegen seinen Willen von Grossmutter, Herrn Eckert und den anderen festgehalten und einer weiteren Gehirnwäsche unterzogen werden. Ausserdem wusste er nicht recht, was er Grossmutter sagen sollte, die sicher eine Antwort erwartete. Nachdem der Verwalter in seiner Loge verschwunden war, um telefonisch nach der alten Dame zu suchen, studierte Florian ein Anschlagbrett mit Mitteilungen für die Pensionäre. Neben dem Menu, den Tagesaktivitäten und Abendanlässen, Adressen von Bus- und Taxiunternehmen sowie einer Todesanzeige hing ein dicht bedrucktes Blatt, in dem die Senioren über die gesetzlichen Grundlagen im Zusammenhang mit Waffenbesitz, Jagd- und Forstrecht unterrichtet wurden. Ein leuchtroter magnetischer Pfeil war darauf gerichtet und unterstrich die Wichtigkeit des Dokuments.

Er schreckte auf, als eine Frauenstimme seinen Namen rief, eine zu junge Stimme für dieses Haus. Er drehte sich um und erkannte Sonny, eigentlich Sonja, eine alte Schulfreundin aus der Fachmittelschule, der er alle paar Monate mal begegnete, bei einem Spaziergang am See, beim Einkaufen oder in einem der Lokale in der Mall unterhalb seiner Wohnung, wo sie eine Zeit lang im Khao Chong Thai Takeaway jobbte. Sonny hatte sich gleich nach der Schule in die Selbstständigkeit gewagt und in verschiedenen Projekten ein grosses, unternehmerisches Talent an den Tag gelegt. Sie schien über einen sechsten Sinn dafür zu verfügen, was auf dem Markt als Nächstes gefragt sein würde, seien es die kleinen Umhängetaschen mit der Aufschrift s Täschli, die sie über Internet an Zehntausende von Schülerinnen und Schülern in der ganzen Schweiz verkaufte, seien es bedruckte Yogamatten oder aufklappbare Meditationsbänkchen in trendigen Farben – immer hohe Qualität, überzeugende Einfachheit und einwandfreies Design zu einem anständigen Preis. Sonny war apart, aber nicht wirklich hübsch, dafür strahlte sie eine Souveränität aus, die Florian faszinierte. Mit ihrem brünetten Pferdeschwanz, der teuren Sportmode und der eleganten Brille hätte sie genauso gut in die Chefetage eines Pharmaunternehmens, in die Ausstellhalle eines Möbelgeschäftes oder in ein Meditationszentrum gepasst. Auch jetzt war sie geschäftlich unterwegs, hatte mit einer älteren Dame ein Verkaufsgespräch für ihr neustes Projekt, Memostore, musste aber warten, bis diese aus dem Therapiebad kam. Während Florian noch auf den Verwalter wartete, setzte sich Sonny schon mal auf die Sitzgruppe gegenüber dem Empfang und begann geschäftig auf ihrem Organizer herumzutippen.

Als der Verwalter nach einer Weile mit der Nachricht zurückkam, Grossmutter sei sicher bis um achtzehn Uhr durch verschiedene Therapien und Wellnessprogramme verhindert, liess sich Florian einen Zettel geben, schrieb einige Grussworte, übergab ihn zusammen mit der Tasche dem Verwalter und ging zu Sonny hinüber, halb froh darüber, Grossmutter nicht begegnen zu müssen, halb verärgert, dass er den weiten Weg gemacht hatte, nur um die drei Artikel am Empfang abzugeben. Wenigstens hatte er diesmal genügend Zeit, um bei Robin reinzuschauen.

Sonny klappte ihren Organizer zu und fragte Florian, ob er auf Familienbesuch sei. Er nickte, erzählte ihr kurz von seinen Plänen für den Nachmittag und fragte sie dann nach Memostore.

«Du musst dir eine Art Schliessfach vorstellen», erklärte sie, «in dem du Gegenstände und Informationen ablegst, die deine Biographie dokumentieren, zum Teil virtuell, zum Teil physisch in einem Lagerraum.»

«Und wozu macht man das?»

«Alles, was du ablegst, ist öffentlich einsehbar, gegen Bezahlung natürlich. Im Grund genommen ist es eine andere Form, deine Memoiren zu veröffentlichen.»

Florian nickte. «Und das läuft?» Natürlich lief es. Alles, was Sonny anpackte, lief.

«Bis jetzt sieht es gut aus. Ich treffe mich hier mit einer Interessentin, die mir in Aussicht gestellt hat, in Eigeninitiative weitere Kunden unter den Residenzgästen zu rekrutieren.»

Auf den Knien hatte sie eine Dokumentationsmappe von Memostore, mit dem Namen der Interessentin beschriftet: Lisa Karrer.

«Ist das deine Interessentin?», fragte Florian erstaunt.

Sonny nickte und sah ihn fragend an.

Grossmutter! War das möglich? Natürlich! Ob sie das für sich machte? Kaum. Das hatte sicher mit dieser Nachlassverwaltung zu tun. Sie schreckte für etwas Unterhaltung vor nichts zurück. Therapien und Wellness bis sechs!

Während Florian Sonny über seine Verbindung zur Kundin aufklärte und ihr dies und das über das Kurhaus erzählte, kamen Herr Strahm und sein Freund die Marmortreppe hoch und spazierten grinsend, ohne die beiden Jungen zu beachten, durch die Halle, beide in ihren feldgrauen Forstarbeiterwesten, jeder ein Gewehr über die Schulter gehängt, eine Szene wie aus einem alten Heimatfilm.

«Glauben Sie ja nicht, dass Sie damit durchkommen!», fuhr sie der Verwalter an, als sie an seiner Loge vorbeistolzierten.

«Man darf doch wohl noch seine Antiquitäten durch das Gebäude tragen», meinte Strahm scheinheilig.

«Damit kommen Sie nicht durch!» Der Verwalter schüttelte wütend den Kopf, und die beiden gingen lachend durch die Tür in den Wohntrakt.

«Ich fahre um sechs wieder runter», meinte Sonny, die zusammen mit Florian die Szene beobachtet hatte, «wenn du willst, kann ich dich mitnehmen.»

Florian sagte zu, und einige Minuten später meldete der Verwalter, Frau Karrer sei jetzt bereit. Sonny packte ihre Mappe und folgte ihm, während Florian sich auf den Weg zum Fahrnihof machte, der nur fünf Minuten entfernt hinter einem kleinen Hügel lag.

Der Regen prasselte wie Trommelfeuer auf das Dach des Teehauses.

«Das sieht übel aus für den Garten», meinte Florian besorgt. Die Anlage mit ihren Büschen, Bäumchen, Steingärten und Teichen war hinter den sintflutartigen Regenströmen kaum mehr zu sehen. Eine feine Gischt sprühte bis zu Florian und Robin, die vom Trockenen aus das Gewitter beobachteten.

«Ein Garten muss das aushalten», meinte Robin ruhig, «sonst ist er schlecht angelegt.»

Florian hatte es gerade noch geschafft, bevor das Gewitter losgebrochen war. Das letzte Stück war er gerannt, um dem Regen zu entkommen, der von Sekunde zu Sekunde stärker wurde, und hatte beim Eingang fast Robin umgeworfen, der einige Töpfe und Gerätschaften in Sicherheit brachte. Florian hatte sich auf dem Weg überlegt, wie er dem Landwirt und Esoteriker nach so vielen Jahren begegnen wollte, aber der überraschende Zusammenprall hatte keine formelle Begrüssung zugelassen, und jetzt sassen sie am langen Holztisch, und alles war wie früher, ausser dass der chinesische Garten mit dem Teehäuschen damals noch nicht angelegt war. Im Haus hatte er zu seiner Überraschung auch noch seinen Jugendfreund Jürg angetroffen, der zwar gleich weg musste, aber unbedingt nächstens mal mit Florian eins trinken gehen wollte.

Namwan hatte beiden eine Tasse ihres berühmten Tees hingestellt, während sie vor Freude über die Rückkehr Florians keine Worte fand.

«Ich weiss noch, wie du da gesessen bist, an diesem Tisch, und das Büchlein geschrieben hast», lachte Robin. «Du warst eine Art Werbeträger für die FIGS.»

Es war Bedauern, keine Spur des Vorwurfs, vor dem sich Florian insgeheim etwas gefürchtet hatte. Irgendwann hatte er einfach nicht mehr auf den Fahrnihof gehen können, aus verschiedenen Gründen. Er hatte es Robin nie erklärt, sich nie richtig verabschiedet und sich auch später aus Scham über sein Verhalten nicht mehr gemeldet.

«Ich weiss, wir haben dich damals etwas missbraucht», meinte Robin. «Ich hätte das nicht tun dürfen. Deine Mutter hatte immer Mühe damit. Vielleicht sind wir damals wirklich zu weit gegangen.»

Florian lachte: «Ja, für Mutter war das etwas Unerhörtes!»

Damals, er war vierzehn Jahre alt, hatte er an langen Abenden zusammen mit Robin, der eben erst die Freie Interessengemeinschaft für Grenzwissenschaften und Spiritualität, abgekürzt FIGS, gegründet hatte, ein Büchlein verfasst, das sie Grundregeln des spirituellen Menschen nannten. Florian konnte sich nicht mehr erinnern, wie viele der fünfzig Regeln von ihm stammten, wie viele von Robin, und wie viele sie gemeinsam formuliert hatten. Auf jeden Fall gab Robin die Grundregeln als Geistesprodukt des vierzehnjährigen Florian Walpen aus. Es waren im Grunde schöne Gedanken, die vom Recht des Menschen auf Sinnsuche handelten, von seiner Eigenverantwortung und der Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen, von existenziellen Pflichten im Interesse des Gerechten, Redlichen, Vernünftigen und Intentionalen, oder von der Entwicklung des Gedanklich-Gefühlvollen wie auch des Spontanen und empfindungsmässig Liebevollen. Als Mutter in ihre religiöse Phase trat, wollte sie von dieser sektiererischen Anmassung, wie sie es nannte, nichts wissen und verleidete ihm die Besuche auf dem Fahrnihof mit ihrem Unverständnis. Später im Gymnasium wäre es Florian aus anderen Gründen peinlich gewesen, wenn seine Klassenkameraden oder noch vielmehr seine -kameradinnen von seiner spirituellen Seite gewusst hätten. Das alles zusammen hatte dazu geführt, dass er schliesslich der FIGS den Rücken gekehrt hatte. Schade eigentlich, dachte er voller Wehmut. Die lauen Sommerabende mit Robin und Namwan waren doch eine verdammt schöne Zeit gewesen!

«Nun, jetzt bist du ja wieder da, du glaubst nicht, wie ich mich freue! Was macht deine Mutter übrigens?»

«Die ist im Kloster. Versenkung, Meditation. Die Sache mit Vater verarbeiten – einmal mehr.»

Robin zog die Augenbrauen hoch und schwieg. Danach redeten sie eine Weile von Formen selbstauferlegter Isolation, von klösterlichem Leben, Meditation als Lebenshilfe, und Florian erzählte Robin von seinen eigenen bescheidenen Versuchen mit Entspannungstechniken.

«So was brauchst du doch nicht!», meinte Robin.

Florian zuckte mit den Schultern. Er selber glaubte sehr wohl, dass ihm etwas mehr Ruhe und Verinnerlichung gut täten, um wenigstens ab und zu mal über den Dingen zu stehen.

Der Garten des Fahrnihofes war wunderschön, eine kleine Oase des Friedens, durch dichten Bambus vom anderen Leben da draussen abgeschirmt. Florian und Robin blickten schweigend in den feinen Regen, das Tosen des Gewitters war bereits Vergangenheit. Robin war nicht viel älter geworden, höchstens etwas runder um die Hüften, und wenn er etwas mehr Falten im Gesicht hatte, liessen ihn seine lebhaften Augen noch gleich jugendlich aussehen wie seit jeher. Mit seinem Kahlkopf, den er schon hatte, seit Florian ihn kannte, wirkte er mehr wie ein Metzger als wie der Leiter eines spirituellen Zentrums.

Florian war begeistert von Robins chinesischem Garten.

«So ein Garten ist immer mein Traum gewesen», erklärte dieser stolz. «Einen Ort der Ruhe, des Friedens erschaffen. Namwan und ich leben hier wie die Kinder im Paradies.»

Die Thailänderin hatte sich, nachdem sie den Tee serviert hatte, wieder ins Haus zurückgezogen, wo sie irgendwelchen Verrichtungen nachging. Wie früher.

«Gibt es die FIGS eigentlich noch?», wollte Florian wissen.

«Nun, die FIGS war nie eine feste Institution, daher kann man das gar nicht so genau sagen. Ich habe noch Briefwechsel mit einigen Seelenverwandten im Ausland, aber ein regelmässiges Programm, Besuche und Veranstaltungen gibt es nicht mehr. Zuerst lief es ganz gut, aber dann, nach dem Absturz, hatte sich das Netzwerk langsam aufgelöst. Und jetzt sind eigentlich nur noch Namwan und ich die FIGS.»

«Warum gerade beim Absturz? Für eine Gemeinschaft, die sich auch mit Ufologie beschäftigt, kann doch nichts Besseres passieren, als dass hundert Meter hinter dem Bauernhaus ein Raumschiff abstürzt, von dem niemand etwas weiss und das niemand vermisst.»

Robin nickte. «Eigentlich wäre das ideal gewesen, und anfänglich gab es auch ein grosses Interesse. Jeder wollte die Absturzstelle sehen, die Kraft des Ortes aufnehmen, Energieströme messen, meditativ Kontakt mit den Fremden finden. Aber die ersten Wochen war das Gelände vollständig in der Hand der Rettungskräfte, Bergungsteams, Polizei und Fluguntersuchung. Dazu kam der ganze Tross der Medien, ein Übertragungswagen neben dem anderen – die mussten sogar zusätzliche Stromleitungen legen, um das Netz nicht zu überlasten. Da kannst du Begehungen, Meditationen und dergleichen vergessen. Und bis jedes Trümmerteilchen aufgesammelt und zu weiteren Analysen ins Ausland verfrachtet war, hatte Epprecht, erst vor Kurzem Gemeindepräsident geworden, klammheimlich das Gelände gekauft, riegelte es ab und verlangte unverschämte Preise für Begehungen. Ich war nur zweimal mit einigen Interessenten da, allerdings ist es kein Kraftort, trotz allem, nur ein grosser Krater, zudem geologisch unsicher. Das ist übrigens auch der Grund für die drohende Abstufung des ganzen Gebietes mit den angrenzenden Grundstücken und Landwirtschaftszonen. Jahrelang passiert nichts, dann wird routinemässig wieder mal eine Analyse erstellt, und wenn du Pech hast, reicht es aus, um eine Umstufung zu erwirken.»

Florian nickte. Er wusste genau, wie das funktionierte. Rein mathematisch reichte irgendeine Stelle weit hinter der Null aus, um durch einen Rundungseffekt eine Umstufung zu erzwingen. Ganz neutral, ganz objektiv.

«Vielleicht war es auch gut so», fuhr Robin fort. «Die FIGS-Aktivitäten gingen mehr und mehr zurück, und wir begannen uns mehr auf den Garten zu konzentrieren, uns auf das Wesentliche zurückzubesinnen.» Er schien wirklich zufrieden. «Und du? Was treibst du so?»

«Na ja, ich bin bei der Versicherung gelandet», gestand Florian.

«Die Versicherung? Du sagst das, als ob du dich schämtest! Ist doch sicher ein guter und spannender Job?»

«Ja, ich mach es ganz gern. Es ist so – sauber. Alles basiert auf Zahlen, auf unpersönlichen Analysen, das gefällt mir. Auf der anderen Seite habe ich auch manchmal ein ungutes Gefühl. An den Einstufungen hängen dann ja doch wieder menschliche Schicksale.»

«Dafür bist ja nicht du verantwortlich, oder?»

«Nein, schon nicht. Das spielt sich in grösster Abstraktion ab …»

«Na also, dann brauchst du dir ja keine Vorwürfe zu machen. Jeder braucht einen Job, und wenn du ihn nicht machst, macht ihn ein anderer.»

«Nett, dass du das sagst. Aber das sehen nicht alle so.»

«Redest du von drüben?» Robin zeigte in Richtung der Residenz, und Florian nickte. «Aber deine Grossmutter hat doch nichts Derartiges gesagt? Das würde mich wundern bei der alten Dame. Sie hat ja ihre Ecken und Kanten, aber im Innern ist sie doch ein guter Mensch.»

«Nein, nicht sie selber, sie hat nur gemeint, dass andere im Haus sich daran stossen würden, weil ich halt auch von hier bin und jetzt gewissermassen einen Verrat begehe.»

«Das ist doch Unsinn!» Er schüttelte den kahlen Kopf. «Wie findest du die Seniorenrunde?»

Florian überlegte einen Moment. «Seltsam. Etwa diese Trennung in die Religiösen und die anderen. Irgendwie haben sich beide etwas isoliert. Scheinen in ihrer ganz eigenen Welt zu leben.»

«Ja, das ist schon seltsam, aber auf der anderen Seite sind sie auch wieder nicht so extrem. Einzelne von den Religiösen sind ganz normal, wollen einfach ihre Religiosität leben, nichts anderes eigentlich, als ich hier tue. Aber andere gehen wirklich zu weit, da hast du schon Recht. Vielleicht ist es ja das Alter. – Die alte Frau Huguenin etwa, um ein Beispiel zu geben, ist mittlerweile zu einer guten Freundin von Namwan geworden. Und Thomas Lam selber ist eigentlich ein netter Typ, hat sich nur durch seine Rolle als Wortführer in eine ungute Position gebracht.»

Robin schien wohl für jeden Menschen Verständnis aufzubringen.

«Aber zurück zu dir. Was machst du neben der Arbeit? Arbeit ist ja hoffentlich nicht alles»

Florian erzählte von seinen Hobbys, dem grossen Dreimaster im Massstab 1:50, fast einen Meter lang, an dem er seit zwei Jahren arbeitete, von seinem Leben, seinen Freizeitgewohnheiten, wo er wohnte, von seinen Nachbarn, besonders von Lia, bei der er oft war und sich sehr wohlfühlte, erzählte und erzählte, als hätte er seit Jahren darauf gewartet, wieder einmal mit einer Menschenseele zu reden. Irgendwann kamen sie auf Jürg zu sprechen.

«Ich war erstaunt ihn hier zu treffen. Habt ihr viel Kontakt? Ich selber habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen.» Für Florian passten Jürg und Robin nicht recht zusammen. Da gab es auf dem Fahrnihof die FIGS mit Robin und Namwan, und da gab es im halben Einfamilienhaus die Wettlingers, den Vater und Jürg, mit dem er früher zeitweise fast pausenlos zusammen war, bis Florian aufs Gymnasium ging und Jürg in die Real. Zwei Welten ohne Verbindung.

«Er arbeitet ab und zu für mich, hat es nicht so gut zu Hause.»

«Ich habe vor zwei Wochen den Vater getroffen.» Florian erzählte Robin von der nächtlichen Fahrt zu den Fünf Dörfern. «Was ist los mit ihm?»

«Er hat Alkoholprobleme, vielleicht auch Schulden. Man erzählt sich, dass seine Treuhandfirma nicht besonders gut läuft. Nach aussen spielt er immer den erfolgreichen Geschäftsmann, aber …»

«Vielleicht das Alleinsein», meinte Florian.

«Nein, er ist nicht allein. Hat eine Frau aus Venezuela. Eine nette Person, aber ich kann nicht zuschauen, wie er mit ihr umgeht. Er lässt sie kaum je allein aus dem Haus, sieht sie als eine Art Ware an. Er hat mir gegenüber schon geprahlt und wollte sich mit mir verbrüdern, weil ich mir ja auch so eine angeschafft habe, wie er sich ausdrückte. Das ist doch widerlich!»

Florian wusste, wie sehr die Beziehung von Robin und Namwan von Respekt, Rücksicht und echter Liebe geprägt war. Dass die Thailänderin kaum je etwas sagte, änderte daran überhaupt nichts.

«Und Jürg arbeitet also für dich?»

«Ja, wir bauen einen Internetvertrieb für Eso-Produkte auf. Das läuft recht gut, vor allem die Tees gehen gut weg, das ist Namwans Spezialgebiet. Daneben haben wir verschiedene Heil- und Kulturpflanzen und solche Sachen. Wir eröffnen nächsten Monat einen kleinen Laden in der Stadt, den wird Jürg übernehmen. Weisst du, der will nur weg von zu Hause. Was ich gut verstehen kann.»

Florian freute sich für seinen Jugendfreund, den er mochte, auch wenn sie eigentlich ganz andere Interessen hatten und anderen Gruppen angehörten.

«Jürg ist ein guter Kerl», fuhr Robin fort, «manchmal etwas naiv, aber ein herzensguter Kerl. So will er mich unbedingt vor diesen Überfällen schützen und redet sogar davon, mit Freunden eine Art Bürgerwehr aufzuziehen. Aber ich werde ihn schon noch davon überzeugen, dass das der falsche Weg ist. Eine gefährlicher obenhin.»

«Aber machst du dir denn gar keine Sorgen wegen dieser Jugendgang? In der Seniorenresidenz sind sie ganz nervös deswegen.»

«Ja, ich weiss. Deine Grossmutter und Herr Eckert waren kürzlich deswegen bei mir. Kennst du ihn?»

«Er hat mir seine Wolfsmilchblumen gezeigt.»

Robin lachte: «Bei mir waren sie, um über Massnahmen gegen die Überfälle zu reden. Noch mehr aber wegen der Abstufung. Aber da kann ich ihnen nicht dienen. Mich betrifft die Abstufung auch kaum. Wir sind autonom, und wenn es hart auf hart kommt, könnten wir sogar den Kontakt zur Aussenwelt ganz einstellen und von unseren Produkten leben.»

«Aber vor den Überfällen musst du doch Angst haben! Vielleicht sind wir im Stadtnetz etwas überbehütet, aber wenn ich mir vorstelle, dass ich hier draussen lebte und wüsste, dass da eine bewaffnete Jugendgang ihr Unwesen treibt – ich könnte nicht mehr ruhig schlafen.»

Robin schüttelte nur den Kopf und lächelte. «Zum einen glaube ich nicht an die Theorie von der Jugendbande, dafür habe ich eine viel zu gute Meinung von der Jugend. Aber es geht mir noch um etwas ganz anderes.» Er stand auf und forderte seinen Gast höflich auf, ihm zu folgen. Mittlerweile hatte der Regen ganz aufgehört, und der Garten sah etwas zerzaust, aber wie frisch gewaschen aus.

In der nächsten halben Stunde führte Robin Florian durch den Garten und erklärte ihm das Konzept. Die Anlage war nach den Regeln des Feng Shui konzipiert, aber abgesehen vom Bambus fast ausschliesslich mit einheimischen Pflanzen bepflanzt. Neun rechteckige Bereiche entsprachen unterschiedlichen Aspekten des menschlichen Lebens oder der Seele: der Familie, dem Reichtum, der Karriere oder der Partnerschaft, was bei der Wahl der Pflanzen und anderen Gestaltungselementen, Steinen, Brücken oder Wasserspielen, berücksichtigt wurde. Geschwungene Wege und liebevolles Ausbalancieren verschiedener Gegensätze zwischen Farben, Grössen, Formen oder Materialien förderten die Bewegungen der guten Energie und blockierten die schlechte. Florian fragte Robin, ob er daran glaube, dass die Gestaltung bestimmter Bereiche des Gartens einen Einfluss auf das Leben hätte.

«Eine schwierige Frage.» Er überlegte lange. «Ich kann es dir nicht sagen. Es ist etwas, was mich selber seit Längerem beschäftigt. Aber Feng Shui ist eigentlich etwas ganz Einfaches.»

Überhaupt hatte Robin dafür, dass er sich sein halbes Leben mit fernöstlicher Philosophie und Spiritualität befasst hatte, eine sehr handfeste Zugangsweise zum chinesischen Gartenkonzept. Er ging davon aus, dass die Regeln und Gesetze des Feng Shui weitgehend einem Grundverständnis von Architektur und Gartenbau entsprachen, das weltweit Gültigkeit hatte. Dass offene Fluchten nicht zum Verweilen einluden und harte Kanten störend wirkten, war keine Erfindung der Asiaten, nur hatten sie diese alten Weisheiten gesammelt und systematisch festgehalten. Dass sich Robin beim Anlegen seines Gartens strikt an die Gesetze des Feng Shui hielt, war aus der Freude entstanden, sich selber Regeln aufzuerlegen und den Geist, wie er sagte, etwas an die Leine zu nehmen.

«Dieser Garten ist für mich eine Art begehbarer Meditation, hierher kann ich mich zurückziehen, und hier finde ich manchmal die Ruhe und den Frieden, den ich mein Leben lang gesucht habe. Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich mich in die ganzen Debatten und Diskussionen um die Überfälle und die Abstufung nicht einlassen will. Ich will die Angst vor dem Unbestimmbaren draussen lassen, weil sie den Frieden stört.»

Sie setzten sich wieder ins Teehaus, Namwan brachte eine weitere Tasse Tee, und kurz vor sechs zwang sich Florian aufzustehen und zum Kurhaus zurückzugehen. Er hätte noch stundenlang sitzen und mit Robin plaudern können im Frieden dieser phantastischen Gartenoase. Als er das Grundstück verliess, fühlte er sich wie aus dem Paradies verstossen.

Es war halb acht. Kurz vor sieben war Florian wieder in seiner Wohnung gewesen. Er hatte vergessen einzukaufen und in seiner kleinen Einbauküche nichts Essbares mehr gefunden. Also war er kurz oben gewesen bei Lia, in ihrer kleinen Wohnung direkt über ihm, wo es immer nach Farbe roch. Lia war klein, etwas rund, wirkte immer frisch gewaschen und bekam von irgendwoher ein Stipendium, um ihren künstlerischen Projekten nachzugehen, daneben besuchte sie eine Hochschule für Gestaltung, ganz genau wusste er das auch nicht. Sie war meistens allein, und es schien ihm, als lebe sie zwei Leben, eines ausserhalb der Siedlung, eines innerhalb, in ihrer Wohnung, und er gehörte als einer der wenigen oder vielleicht sogar als einziger – wie er zumindest insgeheim hoffte – zum inneren. Er konnte zu ihr hochkommen, mit ihr reden, mit ihr Gesellschaftsspiele spielen, sich mit ihr Filme ansehen oder sich einfach auf ihr Sofa setzen und sich die Zeit vertreiben, während sie sich mit anderem beschäftigte. Wenn sie zu zweit waren, herrschte eine Harmonie, eine Balance, die durch die kleinste Störung zerfallen würde, das wusste er ganz genau, etwa durch Annäherungsversuche oder Fragen nach ihrem Leben ausserhalb. Die Unmöglichkeit, ihr näherzukommen und ihre Freundschaft zu etwas anderem zu machen, gab ihm eine grosse Sicherheit und Stabilität, die er für nichts auf der Welt aufs Spiel gesetzt hätte. Aber an diesem Abend hatte er ein schlechtes Gefühl. War es wegen Sonny? Er musste zugeben, dass ihn die Karrierefrau faszinierte, und das auf eine ganz andere Art als Lia. Sie war lebendig, geschäftstüchtig, ging direkt auf die Dinge zu, packte an, von einem unerschütterlichen Optimismus getrieben. Eine wie sie liess sich nicht über den Tisch ziehen, hatte eine klare Meinung und hielt damit nicht zurück. Auf der Rückfahrt in ihrem kleinen Hybridwagen hatte fast nur sie geredet und ihm von Memostore und ihrem Geschäftsbesuch in der Residenz erzählt. Es war schon beeindruckend, wie sie das mit ihrem Partner aufgezogen hatte: die alte Bunkeranlage, die sie von der Armeeverwaltung günstig gekauft und in ein Lager mit hochmoderner, ausgeklügelter Stapelanlage umgebaut hatte. Sieben Stockwerke bis vierzig Meter unter dem Boden, weitere acht darunterliegende könnten bei Bedarf noch dazu gemietet werden. Ja, Sonny scheute sich nicht vor dem Grossen! Wenn sie einmal von einer Idee gepackt war, verbiss sie sich so lange darin, bis sie sie umgesetzt hatte. Im Kurhaus war es die Begegnung mit einem Alten gewesen, den Florian nicht kannte, der ihr Unternehmergehirn ins Rotieren brachte. Schon auf der Fahrt hatte sie neue Pläne und Strategien ausgearbeitet, so wie andere Leute von ihren Ferien erzählen. Dieser Alte, von dem niemand so richtig wusste, wie alt er eigentlich war, sollte in regelmässigen Abständen aus seinem Leben erzählen und dabei im Prozess einer fortschreitenden Alzheimer-Demenz kontinuierlich in der Zeit zurückgehen, im Schnitt pro Woche einige Monate bis ein halbes Jahr. Zurzeit erzähle er, zur grossen Verwunderung der Zuhörer, aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, und es scheine sich nicht um Kindheitserinnerungen zu handeln, was bedeutete, dass er wohl an die hundert Jahre als sein müsse. Seine Erzählrunden sollen in der Residenz zu einer festen Institution geworden sein und fein säuberlich protokolliert werden. Sonny war überzeugt, dass dies ein gefundenes Fressen für eine Fernsehdokumentation sei und sie im Zuge der Vermittlung auch noch eine ideale Plattform hätte, um für Memostore Werbung zu machen.

Florian hatte sich gefragt, wie es in einem solchen Fall mit den Persönlichkeits- und Urheberrechten aussehe. Denn offensichtlich war der Alte nicht mehr rechtsfähig, hatte aber auch keinen eigentlichen Vormund ausser der Residenzverwaltung, die sich um den allernötigsten Papierkram kümmerte. Überhaupt war es Florian schleierhaft, wie Leute dazu kamen, bei etwas wie Memostore mitzumachen. Das war doch der reinste Exhibitionismus! Aber wahrscheinlich ging es gerade darum, wie bei diesen peinlichen Reality Soaps, in denen gewöhnliche Menschen ihrem verpatzten Schicksal auf der Bühne des Fernsehens plötzlich einen Sinn zu geben glaubten. Er selber könnte das nie. Auf der anderen Seite, wenn man das wie Memostore aufzog und Objekte und Daten des Lebens diskret lagerte, nur für ein interessiertes, zahlendes Publikum, hatte der Gedanke auch etwas Verlockendes. Sein Schiffsmodell, die Amsterdam, könnte noch nach seinem Tod von einem Liebhaber betrachtet werden, und damit würde ein Stück von ihm selber weiterleben. Er fühlte, wie er eingetaucht war in die Welt der Start-Up-Unternehmen, der grossen Projekte, des schnellen Geldes und der Coolness des Geschäftserfolgs, und plötzlich fragte er sich etwas erstaunt, als er an Sonnys Freund dachte und sich das glänzende Bild etwas verdüsterte, ob er am Ende gar einem Anflug von Verliebtheit erlegen war und er sich deshalb Lia gegenüber so unwohl gefühlt hatte. Aber eigentlich wusste er, und er seufzte tief, dass sich ohnehin weder die eine noch die andere Frau auf eine Beziehung mit ihm einlassen würde, die eine, weil sie ihn nur in ihrem inneren Raum duldete, solange er nicht mehr wollte, als einfach da zu sein, die andere, weil er in der Welt von Mut, Erfolg, schnellen Entscheidungen und Trends ein Fremder war. Woher habe ich eigentlich meine Feigheit?, fragte er sich.

Er sass auf dem Balkon und blickte zwischen zwei verglasten Hauswänden auf den See, eine schwarze Fläche, in der sich hie und da eine Schiffslampe spiegelte. Er hätte am liebsten jemanden angerufen, aber sein Bruder hatte keine Zeit, Mutter war im Kloster, bei Lia war er eben gewesen und Sonny – was hätte er ihr sagen sollen, eine Stunde, nachdem sie ihn zu Hause abgesetzt hatte? Und womöglich ginge noch ihr Freund ans Telefon! Während er ins Dunkel starrte, begann sein Gedankenkarussell, sein ständiger Begleiter in den letzten Wochen, sich wieder zu drehen, noch in einem gemächlichen Tempo, das sich nachts aber steigern würde, bis er mit rasendem Herzen aufschreckte: Die Erwartungen erfüllen und gleichzeitig die gegenteiligen Erwartungen nicht brechen, das Passwort ausleihen und die Analyse manipulieren, vor Grossmutter treten und zugeben, dass er es nicht konnte, vor sie und Herrn Eckert und Herrn Strahm und alle anderen?

Nur hinter wenigen Glasfronten brannte noch Licht, wahrscheinlich auch bei Lia. Zur Zeit malte sie mit dicken Pinseln und viel Farbe aus Comicbänden Figuren ab, eine über die andere, bis die erste nicht mehr erkennbar und eine chaotische Plastik von mehreren Zentimetern Höhe entstanden war, die noch tagelang bei jeder Berührung wie ein Pudding hin- und herwabberte, bis sie endlich eintrocknete.

Wo kommt nur diese Traurigkeit her? Eben noch ist man heiter, unbeschwert, lacht, geniesst den Garten, dieses Paradies, das man selber erschaffen hat, schaut Namwan zu, wie sie mit dem Besen die Spuren des Sturms wegwischt, fast schon selbst ein Teil dieses Gartens. Und plötzlich ist derselbe von der Abendsonne beleuchtete Bambus, sind dieselben Spiegelungen des Wolkenhimmels auf den Seerosenblättern nicht mehr nur schön, beruhigend, ewig, sondern auch von einer dunklen Schwere überschattet, die einen so plötzlich überfällt, dass man es körperlich spüren kann, dass man nur noch weinen möchte. Vielleicht ist es ja doch das, was hinter dem Bambushain liegt. Lauert. Man hat sich einen Garten nach den Prinzipien des Feng Shui angelegt, in perfekter Harmonie mit den umliegenden Hügeln des Appenzellerlandes. Tiger und Drachen auf der Seite, vorne die Schildkröte, der Vogel Phönix im Rücken – sie versprechen Schutz und erfüllen ihr Versprechen auch die meiste Zeit, in Form von Erhebungen, Büschen und der Bambushecke. Aber dann blitzen doch wieder funkelnde Raubtieraugen zwischen den Blättern durch, und man fragt sich, ob die Schutzfunktion des Tigers nicht eine unnatürliche, aufgezwungene ist, will er doch eigentlich fressen, reissen. Man kann meditieren, sich versenken, im Lotussitz, mit Hilfe von Klangschalen, Steinen oder einer Kerze sich perfekt an seinen inneren Rückzugsort begeben, und an einem anderen Tag hängt die geheimnisvolle Last so schwer an einem, dass man nur auf der Bank klebt, niedergedrückt, unfähig zu irgendetwas. Wird man eines Tages doch zu den Waffen greifen, das Paradies verlassen, sich und das Seine verteidigen müssen? Vielleicht ist es ja dies, die ständige nebulöse Bedrohung, die sich frühmorgens in den Talböden festsetzt und tagelang dort sitzt. Nicht einmal diese gewalttätigen Jungen, an die man nicht so recht glauben will, es ist auch der junge Jürg, der in seiner ganzen Herzensgüte den Untergang mit sich trägt, die Alten, die krampfhaft an diesem Leben hängen und alles tun würden, um dem Tod noch einige Stunden abzuhandeln. Doch nein. Sie kümmern einen, ja, aber sie belasten einen nicht. Die Traurigkeit kommt aus einem selber. Vielleicht sind die ganzen Techniken, Gartengestaltungskonzepte und Denkmuster nur Ausdruck des eigenen verzweifelten Kampfs gegen die Traurigkeit, die einfach da ist, dazugehört, die man nicht wahrhaben will, eben weil sie weh tut? Kennt Namwan diese Traurigkeit? Namwan, kennst du diese Traurigkeit? Sie lacht und streicht einem über den Kopf. Aber kennt sie sie auch? Oder ist sie wirklich in diesem Frieden zu Hause. Namwan, ist dieser Frieden echt, ist er in dir? – Du siehst traurig aus, ich bringe dir einen Tee. – Ist die Lebensphilosophie der Asiaten wirklich eine ganz andere, oder verstecken sie einfach ihren Schmerz besser? Oder tragen sie ihn mit sich und lassen ihn zu, während sie Hecken schneiden, Karpfen füttern und die abgerissenen Blätter wegwischen? Wenn es das war, hatte man von ihrer Kultur, ihrem Denken nichts als Äusserlichkeiten übernommen, Techniken und Accessoires, die exotisch aussahen, aber auch nicht halfen, die aufschäumende Traurigkeit, diese Lebensangst, zurückzuhalten. Die ersten Zweifel hatte er damals in Bangkok gehabt. Am Bahnhof, mitten in der Hektik asiatischer Grossstädte, stand ein buddhistischer Mönch und rauchte eine Zigarette, ein anderer kam vom Zug, mit Kopfhörern und einem iPod. Zuerst irritierte ihn das, dann ahnte er, dass hierin eine Synthese lag, die ihre Berechtigung hatte, auch wenn er sie nicht begriff. Zum ersten Mal hatte er Zweifel, ob er sich einem Denken, das solche Widersprüche aufnahm, jemals wirklich annähern könne mit noch so viel Meditation in Ashrams, Yoga bei indischen Meistern und Kinhin im Zen-Dojo. Eine orange Mönchskutte, eine Zigarette, ein iPod, und darin ein unerreichbarer Frieden.

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