Kitabı oku: «Beter, Mönche und Gelehrte»

Yazı tipi:

Marc Witzenbacher

Beter, Mönche und Gelehrte

Porträts engagierten Christseins

Butzon & Bercker

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiblio­grafie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


PDF ISBN 978-3-7666-4261-5

EPUB ISBN 978-3-7666-4259-2

MOBI ISBN 978-3-7666-4260-8

© 2014 Butzon & Bercker GmbH, Hoogeweg 100,47623 Kevelaer, Deutschland, www.bube.de

Alle Rechte vorbehalten.

Satz und Umschlaggestaltung: Friedrich Lurz

Vorwort

Lebensbilder haben ihren besonderen Reiz. Schon in der Antike interessierten sich die Menschen, wie andere gelebt haben, was sie dachten, wie sie ihren Alltag meisterten. Und bis heute gehört die Sparte „Biografie“ zu den am meisten gefragten Publikationen in den Buchhandlungen und Kiosken. Ob die wissenschaftliche Biografie oder das Klatschblatt der Reichen und Schönen: Wie andere leben, will man wissen. Was macht das Leben der anderen eigentlich so spannend? Der eine orientiert sich daran, versucht den fremden Lebensentwurf nachzuahmen und bestimmte Gedanken, Handlungsweisen und Entscheidungen in das eigene Leben zu integrieren. Der andere erfährt aus dem Scheitern des anderen, worin er sein eigenes Leben ändern muss.

Beispiele und Lebensbilder können uns darin helfen, unser Leben als Christen zu gestalten. Dabei geht es nicht um pure Information oder das bloße Nachahmen eines Lebenslaufs, sondern solche Lebensbilder wollen uns anregen, Impulse schenken und uns zeigen, wie vielfältig sich der christliche Glaube im Leben eines Einzelnen ausdrücken kann.

Daher ist die Rubrik „Engagiertes Christsein“ auch ein fester Bestandteil des monatlich erscheinenden Stundenbuchs MAGNIFICAT. Dort werden Menschen aus allen Zeiten und Traditionen vorgestellt, die ihren Glauben konsequent gelebt haben, für die Geschichte der Kirche einen wesentlichen Meilenstein markieren oder bis heute wichtige Dienste und Aufgaben im kirchlichen Leben übernehmen. Eine Auswahl der in dieser Rubrik erschienenen Texte sind nun leicht überarbeitet in diesem Buch versammelt worden. Sie zeigen ein buntes Panorama des kirchlichen und christlichen Lebens quer durch die Kirchengeschichte – auch durch alle Konfessionen. Immer wieder verbindet sie die eine Frage, wie sich der christliche Glaube im Alltag bewährt, welche Antworten Menschen unterschiedlicher Zeiten auf die jeweils aktuellen und immer drängenden Fragen der Zeit gefunden haben. Neben den Lebensbildern werden in MAGNIFICAT immer wieder auch Heilige Orte vorgestellt. Wie die Lebensbilder besitzen sie eine besondere Ausstrahlung, haben Menschen zu allen Zeiten Kraft und Inspiration verliehen. Ob es der Friedhof oder eine bestimmte Kirche ist. An manchen Orten dieser Welt ist uns Gott besonders nahe, und das spürt man deutlich. Teilweise pilgern seit Jahrhunderten Menschen zu diesen Orten, weil sie ahnen, dass sich dort das Heilige in besonderer Weise zeigt.

Die Lebensbilder und Orte sind nach verschiedenen Kategorien geordnet. Die Auswahl allerdings mag teilweise etwas willkürlich erscheinen. Doch orientiert sich die Vorstellung der jeweiligen Personen und Orte in der Rubrik „Engagiertes Christsein“ in der Regel an den Monatsthemen der Ausgaben des Stundenbuchs MAGNIFIACT. So mag für den einen oder anderen eine bestimmte Person oder ein Ort fehlen, die er in der Kategorie erwartet hätte. Dies hängt eben nicht daran, dass die Personen oder Orte nicht für wichtig gehalten wurden, sondern dass sie vielleicht in anderen Zusammenhängen im Stundenbuch noch beschrieben werden. Von daher versteht sich diese Sammlung auch als Einladung, das Stundenbuch MAGNIFICAT als regelmäßige Inspiration und Anregung für das persönliche Gebet und geistliche Leben zu nutzen.

Marc Witzenbacher

„Und ihr werdet meine Zeugen sein“ (Apg 1, 8) – Leidenschaft für ­Christus in aller Welt

Bereits in seinen Anfängen verstand sich das Christentum nicht als Kreis von Eingeweihten, sondern als Gemeinschaft von Zeuginnen und Zeugen des auferstandenen Jesus Christus. Von ihm hatten sie den Auftrag, die Frohe Botschaft in alle Welt zu tragen und seine Zeugen zu sein bis an die Enden der Welt. Glaube ist seinem Verständnis nach immer missionarischer Glaube. Die Kirche schließt ihre Botschaft nicht ein, grenzt sich nicht ab, sondern lädt stets dazu ein, sich der Nachfolge Jesu Christi anzuschließen und nach seinen Worten und Geboten das Leben zu gestalten.

Quer durch alle Jahrhunderte haben sich Menschen daher auf den Weg gemacht, die Frohe Botschaft zu verkünden. Sie haben dabei teilweise größte Mühen auf sich genommen, haben sich schrecklichen Gefahren ausgesetzt, bewiesen Mut und Glaubensstärke selbst in widrigsten Zeiten. Viele gründeten missionarisch geprägte Werke und Gemeinschaften, obwohl dies gar nicht ihr ursprüngliches Ziel war.

Immer wieder blitzte in einigen Menschen der göttliche Funke besonders auf. Sie besaßen eine Strahlkraft, die andere Menschen anzog. Sie verkündeten das Evangelium insbesondere durch die Art und Weise, wie sie ihr Leben gestalteten. Sie begeisterten als Begeisterte. Sie halfen Kranken und Ausgegrenzten, weil sie davon überzeugt waren, dass Gottes Liebe keine Schranken und Grenzen kennt. Ihre Leidenschaft für Christus hat sie zu wichtigen Zeuginnen und Zeugen ihres Glaubens werden lassen. Dabei waren es nicht nur die Geistlichen oder Ordensleute, die bleibende Spuren ihres Glaubens hinterlassen haben. Auch Politiker wie Robert Schuman oder politisch engagierte Pfarrer wie Christian Führer verdeutlichen, in welch unterschiedlichen Bereichen des Lebens der christliche Glaube praktisch und konkret gelebt werden kann und damit dazu beiträgt, schon jetzt das Reich Gottes in dieser Welt sichtbar zu machen. Einige von diesen engagierten Zeuginnen und Zeugen stellt dieses Kapitel vor. Die Darstellung folgt der chronologischen Abfolge der jeweiligen Lebensdaten.

Himmelwärts und erdverbunden: Hildegard von Bingen

Bereits zu Lebzeiten sprach man davon, dass sie eine Heilige war. Hildegard von Bingen – eine Frau, an der sich die Geister scheiden, bis heute. Prophetin und Mystikerin nennen sie die einen, die anderen machen sich mit esoterischem Interesse an ihrem Werk zu schaffen und verbannen sie in das Reich der „Kräuterhexen“: Hildegard-Tee, Hildegard-Seife, Hildegard-Kräuterlikör – mit dem Namen der Nonne aus Rheinhessen lassen sich selbst die obskursten Kräutermixturen verkaufen. Die Heilkundige, die Mystikerin, die Köchin und Autorin von Rezepten, die esoterische Gesundheitsratgeberin: Diese rein naturverbundene Sicht auf Hildegard von Bingen wird dieser außergewöhnlich begabten Frau nicht gerecht. Sie komponierte, dichtete und betrieb Kirchenpolitik. Es waren Visionen, aus denen Hildegard von Bingen ihre Kraft zum schöpferischen Denken und Handeln gewann. Hildegard war eine starke Frau, eine selbstbewusste Persönlichkeit, die den Mächtigen durchaus auch ins Gewissen redete.

Vieles aus dem Werk und auch aus dem Leben der Hildegard mutet heute jedoch erstaunlich modern an und fasziniert gerade deswegen viele, eben auch der Kirche fernstehende Menschen. Ihre Rede von der „Harmonie und Symphonie der Schöpfung“ beispielsweise, ihr Wissen über die heilende Wirkung von Pflanzen, Speisen und Steinen, ihre ganzheitliche Sicht von Mensch und Kosmos lassen den zeitlichen Abstand fast vergessen, der uns von der mittelalterlichen Frau trennt.

Hildegard wurde 1098 geboren. Zur Zeit ihrer Geburt kämpften Kaiser und Papst um die Investitur, die Einsetzung von Bischöfen und Äbten, und damit zugleich um die politische Macht im Abendland. Ein Kreuzfahrerheer eroberte Jerusalem, innerhalb des Klerus herrschten teilweise unmoralische Sitten. Zur gleichen Zeit brach mit der Entstehung neuer Orden eine Blütezeit der Frömmigkeit an. Hildegard stammte aus einer adligen Landfamilie, ihre Eltern und fast alle ihrer neun Geschwister bekleideten wichtige und einflussreiche Ämter in Staat und Kirche. Hildegard, die Jüngste, sollte Gott geweiht werden. Die Eltern übergaben sie in die Obhut einer Frauenklause, die dem Mönchskloster auf dem rheinhessischen Disibodenberg angebaut worden war. Dort lernte Hildegard lesen und schreiben, sie übte in lateinischer Sprache die Psalmen und den Gesang des Stundengebets ein. Obwohl Frauen zu jener Zeit nicht die „artes liberales“, die freien Künste, gelehrt wurden, also Fächer wie Geometrie, Rhetorik und Musik, eignete sich Hildegard mit ungeheurem Wissensdurst ein fundiertes Wissen über die Heilige Schrift, Texte der Kirchenväter und weltliche Wissenschaften an. So verlebte sie zunächst ein ruhiges Klosterleben, auch wenn sie zu dieser Zeit einige innere Visionen hatte. Nach dem Tod ihrer Lehrerin Jutta von Sponheim wurde die mittlerweile achtunddreißigjährige Hildegard 1136 von ihren Mitschwestern zur neuen Meisterin gewählt. Von nun an war Hildegard mit der Erziehung ihrer Mitschwestern betraut und unterwies sie auch in weltlichen Dingen. Ihr Ruf drang immer mehr nach außen.

1141 erhielt Hildegard nach ihren eigenen Aussagen von Gott den Auftrag, ihre Visionen schriftlich festzuhalten. Sie zögerte zunächst aus Angst vor ihren Mitschwestern und dem Gerede der Leute. Doch schrieb sie letztlich doch auf, was sie aus den Visionen erfuhr. Zehn Jahre arbeitete sie an ihrer ersten Schrift mit dem Titel „scivias“ – „Wisse die Wege“. Hildegard entfaltet darin das Bild einer Welt, in der die Menschen und der Kosmos untrennbar mit Gott verbunden sind. In 26 Visionen stellt sie das gesamte Schöpfungs- und Erlösungswerk dar. Nach wie vor zerrissen sie aber Zweifel, ob ihre Visionen tatsächlich echt waren. So schrieb sie an Bernhard von Clairvaux, der ihr freundlich und zustimmend antwortete und sie in ihrer Arbeit bestärkte. Hildegard wagte sich darauf erstmals mit ihrem Werk an die Öffentlichkeit. Auf der Trierer Synode 1147 las Papst Eugen III. sogar aus ihrem Werk vor und ermutigte sie in einem Brief zur Fortsetzung ihres Werkes. Aus der Seherin wurde eine beglaubigte Prophetin. Die Anerkennung von Papst und Synode veränderten das Leben der Hildegard nachhaltig. Sie geriet in das öffentliche Interesse. Zahlreiche Menschen pilgerten auf den Disibodenberg, um sich Rat bei Hildegard zu holen. Mehrere adlige Frauen schlossen sich der Frauenklause an. Der Platz wurde eng, so fasste Hildegard den Entschluss, das Disibodenberger Kloster zu verlassen und ein eigenes Kloster auf dem Rupertsberg zu eröffnen, einem unbesiedelten Hügel an der Mündung der Nahe in den Rhein bei Bingen, etwa 30 Kilometer entfernt vom Disbodenberg. Es begannen die Jahre der Selbstentfaltung Hildegards, das Kloster blühte auf. Hildegard begann weiter zu schreiben und verfasste ein Buch über den Widerstreit zwischen Tugenden und Lastern. Im Zentrum stehen die Auseinandersetzung des gläubigen Menschen mit Gut und Böse und seine Verantwortung für die Weltordnung. Und Hildegard schrieb Briefe. Über 300 sind erhalten, darunter Briefe an die Mächtigsten ihrer Zeit, wie den Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Von ihm erhielt das Kloster Schutz, doch hinderte dies Hildegard nicht, den Kaiser für törichtes Handeln zu tadeln und sich in seine Politik einzumischen.

Hildegard unternahm Predigtreisen nach Köln, Trier und Würzburg. Sie wurde regelrecht berühmt. Und sie neigte zu unkonventionellem Handeln: 1178 brach ein schwerer Konflikt mit dem Mainzer Erzbischof aus, weil Hildegard einen exkommunizierten, jedoch kurz vor dem Tod vom Kirchenbann befreiten Edelmann auf dem Klosterfriedhof beerdigen ließ. Auch wenn sich der Konflikt schließlich löste, zehrte diese schwere Auseinandersetzung aber an den Kräften der mittlerweile über 80 Jahre alten Nonne. Am 17. September 1179 starb sie auf dem Rupertsberg.

Offiziell wurde Hildegard niemals heiliggesprochen. Mehrere Versuche kurz nach ihrem Tod scheiterten an der Kirchenpolitik. Zum einen sperrte sich das Mainzer Domkapitel, zum anderen konnte man sich einigen, wer für den Kanonisierungsprozess zuständig war. Aufgrund ihrer Verehrung und der großen Bedeutung ihres Lebens und Werkes wurde Hildegard aber in den 1584 erstmals erschienenen offiziellen Katalog der Heiliggesprochenen aufgenommen. Im Mai 2012 bestätigte Papst Benedikt XVI. ihre Aufnahme in den Heiligenkalender. Am 7. Oktober 2012 erhob der Papst Hildegard von Bingen zudem zur Kirchenlehrerin.

Johannes Calvin – Der Schweizer Reformator

Durch eine plötzliche Bekehrung änderte und unterwarf er sein Herz. Dies sei für ihn der Beginn der Reformation gewesen: eine persönliche Erfahrung und keine theoretische wissenschaftliche Spekulation. So beschreibt der Schweizer Reformator Johannes Calvin den Ursprung der reformatorischen Bewegung. Der Reformator war von Gott in einem unmittelbaren Erleben ergriffen worden. „Ich bringe mein Herz Gott zum Opfer dar“, berichtet er von seinem reformatorischen „Urerlebnis“. Er gab sich von dieser Stunde an selber auf, um Christus nachzufolgen. Jetzt wollte er nicht mehr seinen Willen, sondern den eines anderen tun: „Die Ehre Gottes und das, was zu seinem Reich gehört, muss immer zuerst kommen.“

Calvin wurde im Juli 1509 in Noyon, Frankreich, geboren. Sein Vater, Notar des Domkapitels und Vermögensverwalter des Bischofs von Noyon, bestimmte schon früh seinen Sohn zum Studium der Theologie und versorgte ihn mit zwei Pfründen der Diö­zese. 1523 begann der junge und begabte Jean, wie er von Hause aus hieß, sein Studium in Paris. Schon damals beschloss er für sich eine ausgesprochen asketische Lebensführung, die ihm schließlich die Gesundheit deutlich gefährdete. 1528 schloss er sein Studium ab und ging anschließend nach Orléans, um dort – ebenfalls auf Wunsch seines Vaters – ein Jurastudium aufzunehmen. 1531 starb der Vater und Calvin ging zurück nach Paris, um seine humanistischen Studien fortzuführen.

Wann Calvin seine reformatorische Bekehrung hatte, ist historisch nicht mehr eindeutig festzumachen, vermutlich in den Jahren 1533 oder 1534. Die Reformation hatte sich schon in zahlreichen Gebieten ausgebreitet. So setzte sich Calvin in Paris intensiv mit Luthers Thesen auseinander und mischte sich in den Streit des Wittenberger Mönchs mit der Kirche ein. Calvin rieb sich sehr an den Thesen Luthers, teilte aber sein Anliegen und gewann ähnliche Einsichten. Außer der Tatsache seiner Bekehrung gewährt der Schweizer Reformator allerdings kaum einen Einblick in sein Privatleben. Ein Zug, der den ganzen calvinistischen Zweig der Reformation prägen sollte. Jedenfalls hatte er sich in diesen Jahren den reformatorischen Ansichten verschrieben und betrachtete sich als „Protestanten“. 1534 verließ er Paris, weil der König den Protestanten drohte, sie zu verhaften und in die Kerker zu stecken. Calvin verzichtete auf seine Pfründe und damit auf ein Einkommen und ging nach Basel, wo er sich unter einem Decknamen dem Studium der Bibel und der Kirchenväter sowie der Schriften Luthers widmete. Dort schrieb er auch schon die ersten Teile seines theologischen Hauptwerkes „Unterricht in christlicher Religion“ (Institutio Christianae Religionis), das 1536 mit einer Vorrede an den französischen König Franz I. in Paris publiziert wurde. Calvin rief den König dazu auf, die neue Sicht des Evangeliums anzunehmen oder zumindest zu tolerieren. Diese erste Fassung war noch ganz an der Form des klassischen lutherischen Katechismus orientiert. Zeit seines Lebens schrieb Calvin an diesem Werk weiter, ergänzte und korrigierte es.

Über Ferrara, wo Calvin bei der Herzogin Renata Unterschlupf fand, Frankreich und Straßburg gelangte der Reformator schließlich nach Genf, wo er, abgesehen von drei Jahren Wirken in Straßburg, bis zu seinem Tode bleiben sollte. Calvin traf dort mit Wilhelm Farel zusammen, der als Evangelist tätig war und in Calvin einen Verbündeten suchte, um die Reformation in Genf einzuführen. Calvin ließ sich überreden und sah darin seine künftige Lebensaufgabe.

So lehrte Calvin in Genf die Heilige Schrift und unterrichtete Kinder und Erwachsene ohne Bezahlung, weitgehend anonym; der Stadtrat nannte ihn einfach „den Franzosen“. Mit den Stadtoberen hatte Calvin auch viel Ärger, schließlich wies man ihn aus. Calvin reiste zunächst nach Basel und fand dann in Straßburg Zuflucht. Drei Jahre musste Calvin im „Exil“ verbringen. In dieser Zeit nahm Calvin an zahlreichen Disputationen und den so genannten Religionsgesprächen teil. Auf diesen Treffen, an denen führende reformatorische Theologen teilnahmen, lernte Calvin die unterschiedlichen kirchlichen Verhältnisse kennen, mit Philipp Melanchthon verband ihn anschließend eine enge Freundschaft. Allerdings konnte auch diese Freundschaft nicht verhindern, dass sich Calvin insbesondere zu Luther und seinen Lehren distanzierte. Calvin entwickelte seine eigene Theologie weiter und suchte dabei weiterhin die Einheit der Kirche, sogar mit den Katholiken verhandelte er weiter, aber für Luther und seine Theologie hatte er meist nur polemische Sätze übrig.

Calvin blieb sein ganzes Leben ein streitbarer Mann. Auch mit den Stadtoberen der Stadt Genf sowie den altkirchlichen Autoritäten geriet Calvin zeitlebens in Konflikt, auch wenn er 1541 auf Wunsch der Genfer Bürgerschaft wieder zurückkehrte. Genf wurde nun Ausgangspunkt der calvinistischen Bewegung, die bald ganz Westeuropa und später sogar Amerika erfasste. Neben der organisatorischen und seelsorglichen Arbeit hielt Calvin unermüdlich Vorlesungen und legte die Bibel aus. Für Calvin ist die ganze Bibel Offenbarung Gottes in seiner souveränen Majestät. Dabei band er seine Auslegungen immer an die kirchliche Praxis und verfiel niemals einem blinden Biblizismus. Reformation ist für Calvin eine Erneuerung der Kirche sowie eine Neuordnung der Gesellschaft. Calvin wandte das Evangelium auf alle Bereiche des Lebens an – Sexualität, Familienleben, Erziehung, Fürsorge – und machte es so zur Grundlage einer neuen Ordnung menschlichen Zusammenlebens. 1564 starb Calvin in Genf.

Dialog und Scharfsinn: Philipp Melanchthon

Als Philipp Melanchthon 1518 seine Antrittsvorlesung an der Universität zu Wittenberg hielt, löste sein Ruf „Zu den Quellen“ ein kleines Erdbeben aus. Der klein gewachsene und schmale Melanchthon hatte gerade die Griechisch-Professur angetreten. In den biblischen Quellen selbst zu forschen – und das auch noch in der Ursprache –, dies war für seine Kollegen der Ruf zur Revolution. Kein Wunder, dass sich Martin Luther und der erst 21 Jahre alte Philipp Melanchthon schnell nahekamen und nicht nur Freunde wurden, sondern sich gegenseitig ergänzten und stützten.

Melanchthon wurde als Sohn des Rüstmeisters Georg Schwarzerdt 1497 in Bretten geboren. Schnell wurde das außerordentliche Talent Philipps erkannt und konnte von der recht begüterten Familie auch gefördert werden. 1508 starben Vater und Mutter aber überraschend schnell hintereinander. Sein berühmter Verwandter Johannes Reuchlin nahm ihn auf und unterrichtete ihn in der Pforzheimer Lateinschule. Von ihm erhielt er auch die Übersetzung seines Nachnamens Schwarzerdt ins Griechische: „melanchthon“ bedeutet „schwarze Erde“. Bereits ein Jahr später begann Melanchthon mit gerade einmal 13 Jahren das Studium in Heidelberg, wechselte 1512 nach Tübingen, wo er die Magisterprüfung ablegte und an der Universität unterrichtete. Da Melanchthon als der beste Griechisch-Gelehrte seiner Zeit galt und die alten Sprachen perfekt beherrschte, erreichte ihn mit 21 Jahren der Ruf an die Wittenberger Universität, damals eine der modernsten in Europa.

Auch wenn er anfangs noch skeptisch war, wurde Martin Luther recht rasch enger Vertrauter und Freund Melanchthons. Melanchthon hatte bereits von Luther gehört und war auch nicht zuletzt seinetwegen nach Wittenberg gekommen. Sein Ziehvater und Lehrer Reuchlin, Humanist und den reformatorischen Ideen eher ablehnend gegen­überstehend, hatte ihn deswegen vor die Wahl gestellt: „Luther oder ich!“ Melanchthon entschied sich für Luther. Reuchlin enterbte ihn und vermachte ihm nicht seine weit über die Grenzen Deutschlands bekannte Bibliothek.

Melanchthons asketische Lebensweise blieb allerdings dem lebensfrohen und Genüssen durchaus zugewandten Luther suspekt. Er ermunterte den meist hinter Büchern sitzenden Melanchthon dazu, fröhlich zu sein und Gottes Schöpfung zu genießen. Und er sollte richtig versorgt werden: Luther brachte ihn 1521 schließlich dazu zu heiraten. Melanchthon sah diesen Schritt bis ins hohe Alter als „den größten Fehler“ seines Lebens an. Dennoch gingen aus der so ungeliebten Ehe mit Katharina Krapp drei Kinder hervor: Anna (1521), Philipp (1525) und Magdalena (1531). Melanchthons Interesse galt aber vorwiegend den Wissenschaften und der Bildung. Unermüdlich arbeitete er und trug dazu bei, der reformatorischen Bewegung Strukturen und theologische Kontur zu geben. In Kursachsen ordnete er die kirchlichen und schulischen Verhältnisse neu. Mit seinen profunden Sprachkenntnissen hatte er maßgeblichen Anteil an Luthers Bibelübersetzung.

Bei allem reformatorischen Eifer war Melanchthon stets bemüht, einen Konsens zu erreichen, und gab bis zuletzt nicht die Hoffnung auf, eine Kirchenspaltung verhindern zu können. „Wir sind zum Gespräch geboren“, war Melanchthons Lebensmotto. Und er bemühte sich beharrlich darum, seinen hitzköpfigen Freund Luther zu Gesprächen zu ermutigen und in vermeintlichen Streitpunkten einzulenken. Als Luther in Acht und Bann stand, vertrat ihn Melanchthon auf dem Augsburger Reichstag 1530. Dazu verfasste er das Augsburger Bekenntnis, ein Dokument der Einigung mit der katholischen Kirche und bis heute eine der wichtigsten evangelischen Bekenntnisschriften. Fast wäre es darüber zum Bruch mit Luther gekommen, der schließlich doch nachgab und die Freundschaft mit Melanchthon nicht verlieren wollte. 1546 starb Luther. Melanchthon wurde zur wichtigsten Person der Reformation.

Melanchthon war der Erste, der die evangelischen Glaubensüberzeugungen systematisch zusammenfasste. Seine „Loci communes“ von 1521, eine Dogmatik des evangelischen Glaubens, bilden bis heute eine wesentliche Grundlage evangelischer Theologie. In universeller Gelehrtheit hatte Melanchthon das gesamte Wissen seiner Zeit präsent und setzte sich unermüdlich für eine allgemeine Bildung in öffentlichen Schulen ein, was ihm den Titel des „Lehrers von Deutschland“ (praeceptor germaniae) einbrachte. Er beriet Städte bei der Gründung von Universitäten, stellte Lehrpläne auf, organisierte die Lateinschule neu als System von drei Klassen und gründete 1526 die erste evangelische Schule in Nürnberg. Bibelauslegung und das Erlernen des Katechismus bekamen in Schule und Universität einen neuen Stellenwert ebenso wie das Studium der alten Sprachen, der Geschichte und der Mathematik. Seine zahlreichen Lehrbücher für Rhetorik, Grammatik, Physik und Psychologie wurden für mehr als 200 Jahre Standardliteratur. Melanchthon erinnert die Kirche bis heute daran, dass der christliche Glaube eine fundierte Bildung für alle fordert und fördert. Melanchthon starb nach schwerer Krankheit am 19. April 1560. Seine letzte Ruhestätte hat er an der Seite seines Freundes Martin Luther in der Wittenberger Schlosskirche gefunden.

Apostel der Aussätzigen: Damian de Veuster

Als Pater Damian de Veuster am 10. Mai 1873 die „Hölle von Malakai“ betrat, zeigte sich ihm ein schreckliches Bild. Auf einer Landzunge der Insel Malakai im Hawaii-Archipel wurden die Leprakranken einfach ihrem Schicksal überlassen. Hunderte Menschen vegetierten dort vor sich hin unter übelsten hygienischen Bedingungen. Die Menschen lebten in einfachen Verschlägen aus Gras und warteten auf den Tod. Die Regierung des Inselstaates wusste sich nicht anders zu helfen, als die sich schnell ausbreitende Krankheit durch Isolation der Erkrankten einzudämmen. Mit Lepra, damals noch als Aussatz bezeichnet, hatte man keine medizinische Erfahrung und war nicht in der Lage, der Krankheit Herr zu werden. Aus Angst vor Ansteckung wurden die Kranken bei der Überfahrt vor Malaki einfach von Bord geworfen.

Für diese Menschen musste man etwas tun. Davon war der Bischof der Ordensgemeinschaft von den „Heiligsten Herzen Jesu und Mariens“ überzeugt. Die Missionare der Ordensgemeinschaft, in Deutschland unter dem Namen der „Arnsteiner Patres“ bekannt, war die seelsorgliche Betreuung der Sandwich-Inseln, wie man das Hawaii-Archipel nannte, anvertraut worden. Die Patres wollten die Leprakranken nicht einfach sich selbst überlassen. Allerdings wusste der Bischof, dass ein Einsatz auf der Insel aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr lebensgefährlich war. Keinen seiner Mitbrüder wollte er zwingen, auf die Insel zu gehen. Gleichwohl meldeten sich spontan vier Patres und erklärten sich bereit, die Leprakranken abwechselnd zu besuchen und ihnen als Seelsorger beizustehen. Der erste von ihnen war Pater Damian de Veuster, der schließlich auf eigenen Wunsch für immer auf Molokai bleiben sollte.

Damian de Veuster wurde unter dem Namen Joseph de Veuster am 3. Januar 1840 als siebtes von acht Kindern eines Bauern im flämischen Tremelo geboren. Zunächst arbeitete er nach der Volksschule auf dem elterlichen Hof, wurde dann aber von seinem Vater auf die Handelsschule geschickt, da der Junge Kaufmann werden sollte. Mit der Kirche war die Familie eng verbunden. Zwei seiner Schwestern waren in einen Orden eingetreten, sein Bruder war Mitglied des Ordens der „Heiligsten Herzen Jesu und Mariens“ in Leuven. Als Joseph 1859 mit seinem Vater den Bruder besuchte, entschloss er sich, ebenfalls in den Orden einzutreten und seine Kraft für die Mission einzusetzen. Der Orden nahm ihn auf, er erhielt den Ordensnamen Damian.

Für den Auftrag der Seelsorge im Hawaii-Archipel entsandte der Orden einige Brüder und Patres. Da Damians leiblicher Bruder aufgrund einer Krankheit nicht mitreisen konnte, nahm Damian seinen Platz ein. Viereinhalb Monate dauerte die Reise, bis die Ordensleute in der Hauptstadt Honolulu auf Hawaii eintrafen. Dort wurde Damian nach drei Monaten zum Priester geweiht und übernahm die Mission auf Puna, der größten der Sandwich-Inseln, auf der rund 30 Katholiken lebten. Damian errichtete eine Kirche und konnte eine kleine, blühende Gemeinde aufbauen. Bis er sich für den Einsatz auf der Leprainsel entschieden hatte.

1873 reiste Pater Damian nach Molokai. Zunächst versuchte Pater Damian, die schlimmsten Missstände zu beseitigen. Er versorgte Wunden, organisierte Kleidung und Medikamente. Schließlich versuchte er, die Insel zu bebauen und für die kranken Menschen zu einer erträglichen Heimat zu machen. Sein handwerkliches Geschick kam ihm dabei zugute: Er legte Äcker und Gärten an, errichtete eine Wasserleitung und baute mit den Kranken feste Holzhütten. Damian hatte nach anfänglicher Angst alle Bedenken fahren lassen, die Menschen zu berühren und mit ihnen zu essen. Schließlich wollte er den Kranken ihre Würde wiedergeben und ihnen nahe sein. Zunehmend nahm die Bebauung der Insel Gestalt an. Miteinander errichteten die Bewohner eine Kirche. In ihr feierte Pater Damian bis kurz vor seinem Tod jeden Tag die heilige Messe. Sogar ein Orchester gründete er. Allerdings musste er diesem hohen Einsatz schließlich doch den Tribut zollen. Als 1884 ein Arzt auf die Insel kam, um die Krankheit Lepra weiter zu erforschen, stellte er sie auch bei Pater Damian fest. Sein Arbeitseifer wurde dadurch nicht gebrochen, bis schließlich seine Kräfte nachließen. Äußerlich schwer entstellt und völlig ausgezehrt, starb Pater Damian am 15. April 1889, dem Montag der Karwoche. Er wurde neben seiner Kirche auf Molokai begraben.

Die Nachricht seines Todes zog weite Kreise. Zahlreiche Männer und Frauen traten in den Orden ein, um besonders den Armen und Ausgestoßenen das Evangelium zu verkünden. Auch der Kampf gegen die Lepra bekam durch Pater Damians Wirken einen wichtigen Anstoß. Mehrere Organisationen begannen, sich intensiv mit der Krankheit auseinanderzusetzen und Hilfsmaßnahmen für Erkrankte zu schaffen. Schließlich beruft sich auch die „Deutsche Lepra- und Tuberkolosehilfe“ auf das Wirken des engagierten Paters. Für den Staat Hawaii steht im Washingtoner Kapitol eine Statue des „Apostels der Aussätzigen“, wie man Pater Damian nannte. 1936 wurden seine Gebeine von der Insel nach Belgien überführt und in der Krypta der Klosterkirche in Leuven beigesetzt. Papst Johannes Paul II. würdigte das Leben und Wirken Pater Damians und sprach ihn am 10. Mai 1995 selig. Seine „bedingungslose Pflege von Körper und Seele“ betonte Papst Benedikt XVI., als er ihn in Rom am 11. Oktober 2009 heiligsprach. Um Christus zu folgen, habe er nicht nur seine Heimat verlassen, sondern sogar sein Leben eingesetzt und „dafür den Lohn des ewigen Lebens erhalten“, sagte der Papst. Pater Damians Gedenktag ist der 10. Mai, der Tag, an dem er auf die Insel Molokai kam.

Verehrerin des Herzens Jesu: Margareta Maria Alacoque

Hinter der Herz-Jesu-Verehrung steht das Anliegen, in enger Verbindung mit der Liebe Jesu zu leben. Eine der wichtigsten Vertreterinnen der Herz-Jesu-Verehrung ist die französische Ordensschwester Margareta Maria Alacoque (1647 – 1690). Mit ihr verbindet sich die besondere Andachtsform, sich ganz in die Liebe Jesu zu vertiefen, die sich in dem von Liebe flammenden Herzen zeigt. Für diese Andacht gibt es eigene Gebete und Litaneien, die wöchentliche „Heilige Stunde“ als Gebetsstunde sowie ein jährliches Fest. Das Sichversenken in Szenen des Lebens Jesu war schon im 11. Jahrhundert eine gebräuchliche Form des Betens. Man stellte sich bildhaft beispielsweise die Kreuzigung Jesu vor und konzentrierte sich auf die Wunden Jesu. Sie führten letztlich zum Herz Jesu als dem Quell der erlösenden Liebe. Besonders die Franziskaner verbreiteten symbolische Abbildungen mit den fünf Wunden Jesu, auf denen das Herz Jesu zu sehen war, umwunden mit Dornen und überragt von einem Kreuz. Erst in der Neuzeit wurde das Fest des Heiligen Herzens Jesu durch Papst Clemens XIII. im Jahr 1765 auch in die Liturgie aufgenommen, zunächst noch regional beschränkt. Hierfür gaben die Visionen von Margareta Maria Alacoque den Ausschlag. Gemäß ihrer Visionen wurde es auf den Freitag nach der Fronleichnamsoktav gelegt. Seitdem verbreitete sich die Herz-Jesu-Verehrung stark, vor allem auch die Gebetsformen und Andachtsbilder, die auf Margareta Maria Alacoque zurückgehen. Pius IX. schließlich dehnte 1856 das Herz-Jesu-Fest auf die gesamte Kirche aus. Papst Leo XIII. erhob es im Jahr 1899 sogar in den höchsten Festrang und vollzog die Weihe des gesamten Menschengeschlechts an das Herz Jesu. Das Missale Romanum von 1970 führt es noch als Hochfest, doch im Zuge der Liturgischen Bewegung und der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils geriet das Fest zunehmend in den Hintergrund.

Margareta Maria Alacoque wurde im Juli 1647 als Tochter eines Richters im französischen Lauthecour in der Bourgogne geboren. Als ihr Vater starb, gab ihre materiell schlecht dastehende Mutter sie in ein Internat von Klarissinnen. Mit zehn Jahren erkrankte Margareta Maria an Kinderlähmung und konnte über mehrere Jahre kaum laufen. Sie entwickelte früh eine ausgeprägte Religiosität. Margareta Maria betete viel, tat zahlreiche Bußwerke, bevorzugte Stille und Einsamkeit. Sie wünschte sich, ein Ordensleben zu führen. 1671 trat sie in den Konvent der Schwestern von der Heimsuchung in Paray-le-Monial in Burgund ein. Dort gab es bereits den Brauch der Verehrung des verwundeten Herzens Jesu. Der Orden bezog sich dabei auf die aus dem Mittelalter stammende Passionsfrömmigkeit, die sich besonders der Betrachtung der Leiden Jesu Christi widmete. Die Gründer des Ordens, Franz von Sales und Jeanne de Chantal, betrachteten besonders das Herz als das Zentrum des Menschen und den Sitz der Liebeskraft. Margareta Maria Alacoque versenkte sich sehr in diese Betrachtung des Herzens Jesu. Es setzte sich fort, was sie schon als Kind erlebt hatte: Sie hörte Stimmen und sah Visionen. Im Dezember 1673, am Fest des Evangelisten Johannes, hatte sie eine wegweisende Vision. Sie fühlte Jesus, der sie gemeinsam mit seinem Lieblingsjünger Johannes „an seinem Herzen“ ruhen ließ. Sie schaute, wie Christus ihr Herz in das seine versenkte und gab ihr „Liebesflammen in Form eines Herzens“ zurück. Er bezeichnete Margareta als „die geliebte Jüngerin meines Heiligsten Herzens“.

Später sah sie das Herz Christi in der Form, wie es bereits im Mittelalter mehrfach dargestellt wurde: mit einer Stichwunde und strahlend, von einer Dornenkrone umwunden und darüber ein Kreuz. In einer späteren Vision schaute sie Christus mit seinen fünf Wunden, ein heller Lichtstrahl floss aus seinem in der offenen Brust sichtbaren Herzen. Jesus habe sie darum gebeten, jeden Donnerstagabend eine „Heilige Stunde“ vor dem Altarsakrament zu verbringen und so im Geist mit ihm in Getsemani zu wachen. Schließlich hatte sie kurz nach Fronleichnam 1675 eine große Erscheinung, in der Christus ihr den Auftrag gab, ein besonderes jährliches Herz-Jesu-Fest einzuführen. Wer an diesem Tag die Kommunion erhalte, begehe einen Akt der Wiedergutmachung für die Schmähungen, die dem Altarsakrament zunehmend entgegengebracht worden seien.

Im Orden stand man diesen Visionen zunächst skeptisch gegenüber. Es kam sogar zu heftigen Auseinandersetzungen, die ihr schwer zusetzten und oft monatelange Krankheitsphasen mit sich brachten. Man sah in Margareta Marias Visionen schwere Täuschungen. Jedoch setzte sich auch durch die Hilfe des Paters Claude de la Colombière, dem Oberen der Jesuiten von Paray-le-Monial, diese Frömmigkeitsform durch. Er sah in Margareta Maria eine „begnadete Seele“, was ihr unter einer neuen Oberin auch mehr Ansehen verschaffte. Schließlich wuchsen ihr Einfluss und ihr Ansehen im Kloster mehr und mehr. 1685 wurde sie sogar zur Novizenmeisterin ernannt. Am ihrem Geburtstag im Jahr 1686 wurde dann im Kloster in Paray-le-Monial erstmals ein Herz-Jesu-Fest gefeiert. Margareta Maria Alacoque begann nun zunehmend auch nach außen zu wirken und setzte sich für die Herz-Jesu-Verehrung ein. Zwei Jesuitenpatres unterstützten sie darin und halfen mit, diese Frömmigkeit weiter zu fördern und zu verbreiten. Schließlich wollte man Margareta Maria 1690 sogar zur Oberin des Klosters wählen, was sie ablehnte. Im selben Jahr starb sie. Bereits bei ihrer Beerdigung wurde sie wie eine Heilige verehrt, im Jahr 1920 wurde sie heiliggesprochen, ihr Festtag ist der 16. Oktober.

Arnold Janssen: Missionar aus Leidenschaft für die biblische Botschaft

Seine Begeisterung prägt noch heute viele Menschen: In 63 Ländern der Welt sind insgesamt mehr als 6 000 „Missionare des göttlichen Wortes“ tätig, 3 500 „Dienerinnen des Heiligen Geistes“ wirken in 41 Ländern in der Verkündigung des Evangeliums und 400 „Dienerinnen des Heiliges Geistes von der Ewigen Anbetung“ in zehn Ländern begleiten den Dienst ihrer Brüder und Schwestern im Gebet. Die „steyle“ Karriere einer Bewegung, deren Ziel es war und ist, das christliche Leben der Menschen zu vertiefen.

Arnold Janssen, Gründer der „Steyler Missionare“, benannt nach ihrem Gründungsort Steyl in den Niederlanden, war erfüllt von dem Gedanken, die Botschaft des Evangeliums den Menschen in aller Welt zu verkünden. Angeleitet von der Zusage Jesu, „ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1, 7–8), breitete sich die von ihm ins Leben gerufene Bewegung in alle Welt aus.

Dabei hatte Janssen zu Beginn seines Lebens noch nicht die ganze Welt im Blick. Als zweites von zehn Geschwistern einer Fuhrmannsfamilie 1837 im norddeutschen Goch geboren, wurde er von der praktischen und den Alltag durchdringenden Religiosität seiner Eltern geprägt. Alles hatte mit dem Glauben, mit der Kirche zu tun. Schon früh soll der kleine Arnold stundenlang im Gebet verbracht haben. Für den frommen und gewissenhaften Jungen sahen die Eltern daher früh den Weg zum Priester vorgezeichnet. Sie schickten ihn auf das gerade eingerichtete Gymnasium im Nachbarort Gaesdonck. Nach dem Abitur studierte er zunächst Mathematik, Naturwissenschaften und Philosophie und nahm 1859 das Theologiestudium in Bonn auf. 1861 wurde Janssen im Dom zu Münster zum Priester geweiht. Zwölf Jahre wirkte Janssen anschließend als Lehrer an der Bürgerschule in Bocholt. Er galt als streng und war bei seinen Schülern nicht sonderlich beliebt. In dieser Zeit kehrte sich Janssen sehr stark nach innen: Selbst von einem intensiven Gebetsleben und einer tiefen Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu erfüllt, wurde Janssen dann zum Leiter des Gebetsapostolates der Diözese Münster ernannt. Dabei machte Janssen einen wesentlichen Schritt, als er – durchdrungen von der Bitte Jesu, dass alle seine Jünger eins sein sollen (vgl. Joh 17, 21) – den Apostolat auch für andere Konfessionen öffnete. Zu dieser Zeit um 1870 wahrlich keine Selbstverständlichkeit!

Doch spürten er und die Verantwortlichen, dass Janssen als Gymnasiallehrer seine Begabungen nicht ausleben konnte. Er verzichtete auf seine Lehrtätigkeit und gab anschließend die Zeitschrift „Der kleine Herz-Jesu-Bote“ heraus. In ihr warb er für die Mission und haderte mit der vom Kulturkampf schwer gezeichneten Situation der Kirche in Deutschland. In anderen Ländern wurden Missionare für den Dienst in aller Welt ausgebildet, in Deutschland blieb das der Kirche untersagt: Reichskanzler Bismarck versuchte mit allen Mitteln, den Einfluss der katholischen Kirche zurückzudrängen, und legte ihr zahlreiche Verbote und Arbeitshindernisse auf.

Dennoch gedrängt von dem Auftrag, die Botschaft des Evangeliums an alles Volk auszurichten, gründete Arnold Janssen im grenznahen niederländischen Steyl die Gesellschaft des Göttlichen Wortes (Steyler Missionare) und später zwei Genossenschaften der Dienerinnen des Heiligen Geistes, Missions- und Anbetungsschwestern. Aus bescheidenen Anfängen wuchs eines der größten Missionswerke, das Tausende Priester und Missionsschwestern in alle Kontinente entsandte. Bis heute breitet sich der Orden der Steyler Missionare weiter aus.

Arnold Janssen war begeistert – im wahrsten Sinn. Er verehrte besonders den Heiligen Geist als die Kraft, die Menschen dazu befähigt, die Botschaft des Evangeliums weiterzugeben. Seine Kraft bezog Janssen aus einem regelmäßigen Gebet, vor allem des Rosenkranzes, sowie einem intensiven Bibelstudium. Leben und Arbeiten solle durchdrungen sein von der biblischen Botschaft, das gab er auch an seine Ordensleute weiter. Der Eifer schlug nicht selten in eine asketische Strenge um und ließ manche an den hohen Ansprüchen des Ordensgründers scheitern.

Doch die drei Ordensgemeinschaften wuchsen dennoch schnell und wirkten segensreich in vielen bislang vom Evangelium unerreichten Winkeln der Erde. Geschickt machte sich Janssen dabei die rasante Entwicklung der Presse in seiner Zeit zu eigen und entwickelte bei seinen zahlreichen Lesern missionarisches Bewusstsein und die Bereitschaft, die Missionare auch finanziell zu unterstützen. Am 15. Januar 1909 starb Janssen, dankbar für das Wirken seines Ordens in allen Kontinenten. Paul VI. sprach Janssen am 19. Oktober 1975, dem Weltmissionssonntag, selig. Bereits 2003 wurde Janssen von Johannes Paul II. heiliggesprochen.

Was können Christen 100 Jahre nach Arnold Janssens Tod von dem Heiligen lernen? Ein geregeltes Gebetsleben ist fruchtbar und wirkt sich darauf aus, wie wir als Christen im Alltag unser Leben gestalten. Wer mit Gott spricht und im lebendigen Dialog mit dem Dreieinen steht, der möchte anderen das Wort Gottes erschließen und entfalten. Missionarische Kirche zu sein, die im Dialog Position bezieht und nicht mit ihrer Meinung hinterm Berg hält, das war Janssens Bestreben. Immer im Bund mit der Liebe, die Gott zu allen Menschen hat. Im Leitbild der Steyler Missionare ist bis heute verankert, Menschen in ihrer Kultur, in ihrer Sprache und in ihrer Lebenswelt das Evangelium nahezubringen.

SVD – Societas Verbi Divini – Gesellschaft des göttlichen Wortes: So heißt die Gründung Arnold Janssens. Den Schatz der Bibel zu heben und ihm im Alltag lebbar zu machen, war ein weiteres Anliegen des Steyler Ordensgründers. Vielleicht erlebt die Kirche vor allem in der Rückbesinnung auf ihre Wurzeln von Gebet und Bibelstudium einen missionarischen Aufschwung. Arnold Janssens Werk und Leben zeigen, dass dieser Weg fruchtbar sein kann.

Missionarin der Nächstenliebe: Mutter Teresa

Für einige ihrer Zeitgenossen war die kleine Frau die mächtigste Frau der Welt. Ihr Wort hatte Gewicht. Ob Staatsmänner, Wirtschaftsbosse oder der Papst: Auf das, was Mutter Teresa sagte, hörte man. Wahrscheinlich, weil man ihr abnahm, was sie sagte. Sie hatte von Beginn an Ernst mit ihrem Leben gemacht. In größter Gefahr für das eigene Leben scheute sie keine Mühen und Anstrengungen, den Ärmsten der Armen zu helfen und ihnen beizustehen.

Als Mutter Teresa, die Missionarin der Nächstenliebe, im Jahr 1997 starb, gingen die Bilder von der kleinen, runzeligen Frau im einfachen Sari mit dem blauen Streifen um die Welt: Mutter Teresa in den Heimen für Leprakranke in Kalkutta, in den Krankenstationen, wo Menschen mit Tuberkulose und Aidskranke um ihr Leben kämpften. Aber auch Bilder von der betenden Mutter Teresa. Von einer Frau, die ihre Kraft aus ihrem Glauben und der engen Beziehung zu Gott schöpfte. Als in den vergangenen Jahren die Tagebuchaufzeichnungen von Mutter Teresa auftauchten, konnte man auch von den Zweifeln und den Schwierigkeiten lesen, die Mutter Teresa beschäftigten. Doch ließ sie sich nicht beirren, hielt unerschütterlich fest an der Überzeugung, in den Ärmsten Christus zu begegnen.

Als Agnes Gonxha Bojaxhiu wurde Mutter Teresa am 27. August 1910 in Skopje geboren. Agnes, deren albanische Eltern katholisch waren, setzte ihren Wunsch durch, sich dem irischen Loretoorden anzuschließen, der in Indien missionierte. Schon mit achtzehn Jahren wurde sie nach Kalkutta an die St. Mary’s Highschool geschickt, wo sie schließlich jahrelang unterrichtete und auch die Leitung übernahm. 1936 legte Agnes die ewigen Gelübde ab und nannte sich Teresa nach der heiligen Thérèse von Lisieux.

Ein erschütterndes Berufungserlebnis bewog sie, dieses relativ komfortable Leben aufzugeben, um nur noch den Armen zu dienen. Papst Pius XII. entsprach ihrer Bitte um Exklaustrierung, sie durfte als Nonne außerhalb des Ordens arbeiten. Fortan lebte sie im Slumviertel Kalkuttas unter den gleichen Bedingungen wie die Bewohner, die oft ablehnend und misstrauisch waren. In Paris hatte sich Mutter Teresa einige medizinische Kenntnisse erworben und nach ihrer Rückkehr nach Kalkutta 1948 den Orden der Missionarinnen der Nächstenliebe gegründet. Unterstützt wurde Teresa bei ihrer unter schwierigsten Voraussetzungen zu leistenden Arbeit von vielen anderen Frauen, die unentgeltliche Hilfe anboten und sich nicht von schrecklichen Verstümmelungen und stinkenden Wunden abschrecken ließen. Der entscheidende Schritt aus dem komfortablen Kloster mit allen seinen Annehmlichkeiten mitten hinein in die Slums von Kalkutta konnte ihr mit Gottes Hilfe nur deshalb gelingen, weil sie lange harte Arbeit gewohnt war und über eine außergewöhnliche körperliche Konstitution verfügte. Im Kloster hatte sie jahrelang eine innere Unruhe gespürt, die genau im Gegensatz zu ihren dortigen nach außen hin abgesicherten Lebensverhältnissen stand. Die Frage nach Gottes eigentlichem Auftrag für sie beschäftigte Mutter Teresa immer mehr und ihre wahre Ruhe fand sie in dem rastlosen, anstrengenden Einsatz für die Ärmsten der Armen. Vom 10. September 1946, dem Tag ihrer Berufung in der Berufung, bis zum 2. Juni 1983, dem Tag einer schwereren Verletzung am Fuß in Rom, war sie ohne eine einzige Ruhezeit ununterbrochen tätig. Trotz des Leids und der erschütternden Armut, die sie umgab, verbreitete Mutter Teresa stets Fröhlichkeit angesichts schlimmsten Elends. Woher nahm sie die Kraft? Nur eine Antwort, unwidersprochen, glaubwürdig: „Nicht ich, Gott tut alles.“

Neben der notwendigsten Versorgung gehörte auch Bildungs- und Sozialarbeit zu den Aufgaben des Ordens. Nicht selten erntete Mutter Teresa auch Kritik – insbesondere wegen ihrer toleranten Haltung sowie ihres oft nachlässigen Umganges mit Vorschriften und hygienischen Vorbeugemaßnahmen. Beispielsweise konnten Menschen mit ansteckenden Krankheiten in den einfachen Häusern des Ordens nicht isoliert werden. Auf den Vorwurf, mit ihrem Einfluss nicht zu versuchen, die allgemeinen Lebensbedingungen in Indien zu verbessern, antwortete sie: „Ich bin nicht für den großen Weg, die Dinge zu tun. Worauf es uns ankommt, ist der Einzelne. Wir sind keine Krankenschwestern, wir sind keine Sozialarbeiter, wir sind Nonnen.“ Mutter Teresa handelte mit praktischem Verstand, wenn sie für ihre Armen Geld auftreiben musste. Als Paul VI. ihr 1964 bei einem Indienbesuch sein Luxusauto schenkte, machte sie eine Versteigerung, die den vielfachen Wert einbrachte. Das Galadiner zu ihren Ehren nach der Verleihung des Nobelpreises im Jahr 1979 lehnte sie ab und ließ sich den Wert auszahlen.

Im März 1997 übergab Mutter Teresa die Leitung des Ordens an ihre Nachfolgerin Schwester Nirmala. Am 5. September desselben Jahres starb sie in Kalkutta. In aller Welt trauerte man um die überzeugende Missionarin der Nächstenliebe. Zu ihren Ehren fand eine große Trauerfeier statt, an der Staatsoberhäupter aus aller Welt sowie hohe kirchliche Würdenträger teilnahmen. Karl Kardinal Lehman, damals Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, würdigte das Leben Mutter Teresas als „Zeugnis des Glaubens und Lebens für alle Hoffnungslosen“. Die Kraft für diese Aufgabe schöpfte sie ihren eigenen Worten zufolge aus dem Gebet. Hingabe an Gott und Liebe zum Nächsten gehörten für sie nahtlos zusammen. Am 19. Oktober 2003 wurde Mutter Teresa von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

Aus dem Schweigen zum Handeln: Thomas Merton

Seine Autobiografie „Der Berg der sieben Stufen“ wurde insgesamt mehr als eine Million Mal verkauft und in 28 Sprachen übersetzt. Der Trappistenmönch Thomas Merton schrieb über siebzig Bücher, mehrere hundert Gedichte und zahllose Artikel. Darin setzte er sich mit der monastischen Spiritualität, aber auch mit politischen Fragen wie den Rechten und Pflichten der Bürger, den Möglichkeiten gewaltfreier Konfliktlösung und den Folgen nuklearen Wettrüstens auseinander. Eine laute Berufung im Leben in Stille: Der asketische Mönch hat zahlreiche Menschen tief beeindruckt und nachhaltig beeinflusst.

Thomas Merton führte ein bewegtes Leben, bevor er zu einem der wichtigsten Vertreter des kontemplativen Lebens des vergangenen Jahrhunderts wurde. Merton wurde im französischen Prades (Nord-Pyrenäen) geboren. Seine Eltern, der Vater Neuseeländer, die Mutter Amerikanerin, waren Künstler. Sie hatten sich in einer Malschule in Paris kennen gelernt. Nach der Heirat in London kehrten sie nach Frankreich zurück, wo Thomas am 31. Januar 1915 das Licht der Welt erblickte. Die Mutter starb, als Thomas sechs Jahre alt war. Zusammen mit seinem reiselustigen Vater habe er eine „wilde Kindheit und Jugend“ verbracht, schreibt Merton im Rückblick. Die zahlreichen schulischen Stationen in Frankreich, England und den Vereinigten Staaten legen davon Zeugnis ab.

An der Columbia University New York nahm Merton schließlich das Studium der Journalistik auf. Er kam mit wichtigen Literaturgrößen seiner Zeit zusammen und interessierte sich fürs Schreiben und die politische Auseinandersetzung. In dieser Zeit sei er ein strikter Atheist gewesen. Zwar machte der als Protestant getaufte Merton erste Erfahrungen mit dem römischen Katholizismus schon im Alter von sechzehn Jahren in Italien, doch führte ihn letztlich der Tod seines Großvaters zum christlichen Glauben und dann zum Mönchtum. Als sein Großvater 1937 starb, beschäftigte sich Merton intensiv mit dem Glauben und trat nach eigenen Worten „aufgrund eines dramatischen Bekehrungserlebnisses“ am 10. Dezember 1941 in die Abtei Notre-Dame von Gethsemane in Kentucky (USA) ein, eine Gemeinschaft von Mönchen aus dem Orden der Zisterzienser der strengen Observanz (Trappisten), einer der streng asketisch lebenden Orden. Siebenundzwanzig Jahre verbrachte er in Gethsemane.

Sein Leben war zunächst das eines strengen Asketen, der mehr der Stille und dem Gebet als der Welt zugewandt war. Doch wenn auch das Zentrum seines Lebens das geistliche Leben in der Einsamkeit seiner Klosterzelle war, drängte ihn sein Glaube auch auf die politische Bühne. Dass Merton ein Talent für begeisternde Schriften hatte, entdeckte auch sein Abt Frederic Dunne, der ihn bat, bereits mit 33 Jahren seine Autobiografie zu veröffentlichen und damit den Orden bekannt zu machen. So verbrachte Merton seine Jahre im Kloster zwischen Kontemplation und Dialog. Das betende Schweigen und das politische wache Handeln gehörten seiner Ansicht nach untrennbar zusammen.

„Mehr Bücher als notwendig“ habe er schließlich geschrieben, so Merton selbst. Aber die machten ihn zu einem der gefragtesten Gesprächspartner in Fragen der christlichen Ethik und der monastischen Spiritualität. Mit allen Größen seiner Zeit pflegte Merton einen intensiven Austausch. Er korrespondierte mit Päpsten, Bischöfen und Schriftstellern, Theologen aller Konfessionen und Religionen. Gemeinsam mit dem Jesuitenpater und Friedensaktivist Daniel Berrigan wurde Merton zum Gewissen der Friedensbewegung der 1960er-Jahre. In den bitteren Erfahrungen des Rassismus und der Aufrüstung war Merton ein starker Befürworter einer konsequent gewaltlosen Bürgerrechtsbewegung, die er als „das große Vorbild des christlichen Glaubens in Aktion in der sozialen Geschichte der Vereinigten Staaten“ bezeichnete. Für sein soziales Engagement musste Merton schließlich heftige Kritik von Katholiken und Nichtkatholiken gleichermaßen einstecken. Als seine Meinungen nicht immer gesellschaftsfähig waren, wurden Mertons politische Schriften als unpassend für einen Mönch angegriffen. Letztlich lag Merton aber wohl nicht viel daran, für wichtig gehalten zu werden. Im Kloster wurde er wie alle anderen behandelt. Als einfach, uneitel, unklerikal und äußerst liebenswürdig beschrieben ihn seine Mitbrüder. Schließlich hatte Merton bei aller Prominenz sein Lebensziel nicht aus dem Auge verloren: eine erfüllte Spiritualität.

So setzte sich Merton während seiner letzten Lebensjahre intensiv mit den asiatischen Religionen auseinander. Insbesondere vom Zen-Buddhismus war er fasziniert. Durch die Beschäftigung mit den östlichen Religionen werde der Ost-West-Dialog gefördert, war Merton überzeugt. Der Dalai Lama bezeichnete Merton als Freund, der ihn ein tiefes Verständnis des Christentums gelehrt habe. Ebenso habe Merton die Anliegen des Buddhismus besser nachvollzogen als viele Buddhisten selbst, so der Dalai Lama. Der Abt erlaubte Merton 1968 eine Reise nach Bangkok, wo sich zahlreiche religiöse Größen aus aller Welt zu einem Austausch zum Ost-West-Dialog trafen. Seine letzte Reise: Am 10. Dezember 1968 starb Merton in seinem Hotelzimmer an den Folgen eines Unfalls, genau am siebenundzwanzigsten Jahrestag seines Eintritts in das Kloster Gethsemane.

Ein Baumeister Europas: Robert Schuman

Ernst, aber nicht humorlos, unbestechlich, fleißig und tief religiös, nüchtern, hager und kahlköpfig. So haben Zeitgenossen den deutsch-französischen Politiker Robert Schuman beschrieben. Mit Sicherheit war Schuman nicht das Idealbild eines großen Staatsmanns. Kein Mann der großen Gesten und scharf geschliffenen Reden, sondern eher des Ausgleichs und der leisen, aber durchaus bestimmten Töne. Erst spät geriet der zurückhaltende Schuman in das politische Rampenlicht. Das war 1947. Viele der großen Figuren der französischen Politik waren von der Bildfläche verschwunden, ihre allzu blumig ausgefallenen Ausmalungen einer starken französischen Position in Europa wie Seifenblasen zerplatzt. Da trat Robert Schuman auf den Plan, als 61-Jähriger wurde er Ministerpräsident der durch die Wirren der Nachkriegszeit schwer gebeutelten Republik. Bis dahin war Schuman ein Unbekannter, sprach sogar nicht einmal fließend Französisch, denn er stammte aus dem damals noch zu deutschem Gebiet gehörenden Lothringen. Dennoch fiel der unbestechliche Jurist auf. Vor allem durch seinen Fleiß, mit dem er wie ein Uhrwerk die schwierigsten Aufgaben meisterte. Ein Mann mit seinen Fähigkeiten war nun gefragt. Sachlich und unpathetisch mussten die anstehenden Probleme gelöst werden.

Schumans Leben liest sich wie der frühe Entwurf des heutigen Weltbürgers. Die Mutter Luxemburgerin, der Vater Lothringer, ein Zollbeamter. Beide gaben sie ihm eine tief religiöse Prägung mit auf den Lebensweg. In Bonn, München und Berlin studierte Schuman Jura, wurde an der Pariser Sorbonne zum Doktor promoviert und ließ sich anschließend in Metz als Anwalt nieder. Dem Staat gegenüber loyal diente Schuman im Ersten Weltkrieg als preußischer Reserveoffizier. Seine Treue galt aber vor allem seiner Kirche, der er in den politischen Wirren nicht nur eine wichtige Funktion zuschrieb, sondern ihre Stimme auch dort einbringen wollte. Als er seine Mutter mit 24 Jahren durch einen Verkehrsunfall verlor, spielte Schuman sogar mit dem Gedanken, Priester zu werden. Letztlich ließ er sich aber von seinem Freund Henri Eschbach davon überzeugen, dass diese Zeit vor allem dem Engagement der Laien gehören müsse: „Die Heiligen dieses Jahrhunderts tragen Straßenanzug!“

Als 1919 Lothringen wieder an Frankreich fiel, engagierte sich Schuman in der katholischen Gruppe „Démocrates Populaires“ und wurde Stadtrat in Metz. Sein Engagement sowie sein unerschütterlicher Glaube brachten ihn während des Zweiten Weltkrieges in große Schwierigkeiten. Er wurde von der Gestapo verhaftet und zur Kollaboration genötigt. Schuman widerstand den Angeboten und floh nach Südfrankreich. Dort pflegte er intensive Kontakte zur Widerstandsbewegung, versteckte sich in Klöstern und Kirchen, in denen oft nachts Versammlungen stattfanden. In einer dieser Zusammenkünfte, bei denen auch der Bischof von Metz teilnahm, verkündete Schuman fest entschlossen: „Hitler ist verloren! Dessen könnt ihr sicher sein!“ Da dies den Nazischergen nicht verborgen blieb, setzten sie eine hohe Prämie auf seinen Kopf aus.

Schuman entkam abermals und gründete nach Kriegsende mit Freunden die Katholische Volkspartei. 1946 wurde er französischer Finanzminister mit der schwierigen Aufgabe, das finanzielle Chaos der Nachkriegszeit in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken. Um einer drohenden Inflation Einhalt zu gebieten, scheute er sich nicht vor unpopulären Maßnahmen. Das machte ihn nicht berüchtigt, im Gegenteil: Aufgrund seiner Erfolge wurde er mit dem Amt des Außenministers betraut, kurze Zeit später wurde er Ministerpräsident.

Seinen Einfluss nutzte er dafür, seiner großen europäischen Idee Gestalt zu geben und mit dem Bau des europäischen Hauses zu beginnen. Auf einer Konferenz der Präsidenten von christlich-demokratischen Parteien in Luxemburg 1948 gehörte Schuman zu den treibenden Kräften einer „Deklaration über die europäische Zusammenarbeit“. Es war eine Zeit des Umbruchs und des drohenden Unfriedens: der tschechische Staatsstreich, die Gründung des Staates Israel, die Berlinblockade, der Koreakrieg und der damit einhergehende Konflikt zwischen Ost und West und die Gründung der NATO. Schuman hielt in diesen Zeiten an der aus seinem Glauben genährten Idee eines friedlichen Europas fest und verfolgte sie konsequent.

Damit hatte er Erfolg: Die Konferenz der europäischen Außenminister betraute Schuman mit dem Auftrag, eine gemeinsame Deutschland- und Europapolitik vorzulegen, die schließlich in die „Europäische Verteidigungsgemeinschaft“ mündete. 1953 unterzeichneten 26 europäische Staaten die von Schuman maßgeblich gestaltete „Straßburger Konvention für Menschenrechte“. Mit der Annahme der Römischen Verträge im Jahr 1957 schließlich wurde der Grundstein für die Europäische Union gelegt. Wesentliche Impulse der Verträge stammen von Robert Schuman. Die Staaten wussten, wem sie dies zu verdanken hatten, und machten Schuman, den „Vater Europas“, 1958 zum ersten Präsidenten des Europäischen Parlaments. Sein Glaube hinterließ dabei bis heute Spuren: Die Zahl der Sterne auf der Flagge Europas bezieht sich nicht auf die ursprünglich zwölf Mitgliedsstaaten, sondern verdankt sich einem biblischen Bild. In der Offenbarung des Johannes heißt es: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt“ (Offb 12, 1). Sich so an einem Himmelszeichen zu orientieren, relativiert das menschliche Tun und Lassen, setzt dem menschlichen Streben nach Vollkommenheit eine Grenze. Das wohl wollte der Erbauer des zusammenwachsenden Europas vor Augen führen.

Robert Schuman steht bis heute für die Glaubwürdigkeit christlicher Werte in der Politik und er bleibt dafür ein Vorbild. Um dies zu verdeutlichen, läuft seit 1990 das Seligsprechungsverfahren für Robert Schuman. Im Bistum Metz wurde es 2004 abgeschlossen, die Unterlagen zur Seligsprechung des „Heiligen im Straßenanzug“ nach Rom weitergeleitet.

Christian Führer: Die Revolution, die aus der Kirche kam

Vertrauen bzw. Glauben und Glaubwürdigkeit heißen die entscheidenden Faktoren unseres Handelns, plus Fantasie und Humor.“ Das schrieb Christian Führer, Pfarrer an der Leipziger Nikolaikirche in den entscheidenden Jahren der friedlichen Revolution. Der nicht gerade groß gewachsene, stets mit einer lässigen, ärmellosen Jeans­jacke bekleidete grauhaarige Mann ist rein äußerlich keine wichtige Erscheinung der Weltgeschichte. Sein leises Reden kommt unscheinbar daher, verrät aber eine unerschütterliche Beharrlichkeit. Und eine beruhigende wie gelassene Sicherheit. Darüber, was er denkt und wie er handelt. Zahlreiche Preise hat Führer in seinem Leben schon erhalten. Doch die größte Auszeichnung ist und bleibt für ihn die Freiheit. Das Wahrwerden der friedlich eingeleiteten und durchgeführten Revolution in der ehemaligen DDR, an deren Ende – oder sagen wir besser: Wende – die Einheit des deutschen Volkes stand.

Nicht politisches Kalkül oder aufrührerisches Gedankengut: Grenzen zu öffnen, das erreichte Führer schlicht mit den Worten der Heiligen Schrift. Am Beispiel Jesu, an den Worten der Bergpredigt richteten sich die Revolutionäre aus. Das überzeugte auch diejenigen, für die Jesus nur ein Hirngespinst und das Christentum ein lästiges Überbleibsel aus dem Kapitalismus war. Da ging es nicht um ferne Heilige, in Stein gemeißelt und legendenumrankt. Es waren die Leute bei den Friedensgebeten in der Nikolaikirche und später die Demonstranten auf der Straße, welche die Seligkeit ererben sollten. Davon war Christian Führer überzeugt, dafür lebte und dafür betete er – gemeinsam mit tausenden von Menschen.

Christian Führer wuchs in einem sächsischen Pfarrhaushalt auf. Das prägte ihn, er entschied sich frühzeitig für ein Theologiestudium. Nach dem Studium an der Karl-Marx-Universität in Leipzig war Führer zunächst in Lastau und Colditz, zwei kleinen Orten zwischen Leipzig und Chemnitz, als Gemeindepfarrer tätig. Die zunehmende Kirchenfeindlichkeit der DDR, die in Leipzig mit der Sprengung der Universitätskirche im Mai 1968 ihren traurigen Höhepunkt fand, untermauerte seine kritische Position dem atheistischen Staat gegenüber. Die Proteste gegen die Sprengung der Kirche bezeichnet Führer als „erste große öffentliche Kundgebung gegen die Willkür des Staates seit den Ereignissen um den 17. Juni 1953“. Führer sieht einen inneren Zusammenhang zwischen dem Protest von 1968 und den Ereignissen im Herbst 1989.

1980 nahm er den Dienst als Pfarrer an der Nikolaikirche in Leipzig auf. Dort engagierte er sich verstärkt für Friedensfragen aller Art und übernahm das Modell der Friedensdekade sowie der wöchentlichen Friedensgebete, bei denen Themen wie Frieden und Abrüstung im Mittelpunkt standen. Neben seiner Arbeit für die Kirche setzte er sich für die Andersdenkenden in der DDR ein, die wegen ihrer politischen Überzeugungen in Bedrängnis gerieten. Gemäß dem Motto der Nikolaikirche „Offen für alle“ fanden dort für den Staat und die Kirche ungewöhnliche Veranstaltungen statt: etwa ein Konzert der Band „Wutanfall“ oder die zahlreichen Gespräche über Wehrdienstverweigerung und Ausreise. Führer konnte sich der ständigen Beobachtung durch die Staatssicherheit, aber auch der Kirchenleitung sicher sein. Führer plädierte für eine generelle Öffnung der Kirche für Andersdenkende, für Unbequeme und Ausgegrenzte. Er wollte die Grenzen in den Köpfen öffnen und machte dafür die Türen seiner Kirche auf.

Konflikte blieben dabei nicht aus. Auch und gerade mit den beherbergten Gruppen. 1988 geriet Führer in eine Auseinandersetzung mit den Ausreisewilligen und den oppositionellen Basisgruppen. Die Kirchenleitung nahm den Akteuren die freie Gestaltung der Friedensgebete wieder aus der Hand, um eine politische Radikalisierung der Friedensgebete zu verhindern. Dennoch bemühte sich Führer um die Rückkehr der Basisgruppen in die Nikolaikirche, die man praktisch vor die Tür gesetzt hatte und die ihre Diskussionen nun draußen auf dem Kirchhof und auf der Straße fortsetzten. Die wöchentlichen Friedensgebete in der Nikolaikirche florierten allerdings weiter. Immer mehr Menschen kamen. Die Organisation der Friedensgebete hatte Christoph Wonneberger übernommen. Er verfasste auch mit den Mitgliedern der in seiner Lukaskirchgemeinde tätigen Bürgerrechtsgruppen einen Appell, der in der Nacht zum 9. Oktober mühsam vervielfältigt und am „Tag der Entscheidung“ an alle Interessierten verteilt wurde. Darin tauchte schon das vielfach skandierte „Wir sind ein Volk“ auf.

Nach der Wende wurde Christian Führer von den Medien zum Gesicht der Friedlichen Revolution aufgebaut. Immer wieder wehrte sich der bescheidene Pfarrer gegen eine solche Heldenrolle. Er sei Begleiter und Betreuer gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Führer will weiter an die Friedliche Revolution erinnern, auch nachdem er im März 2008 als Pfarrer in den Ruhestand trat. Dies soll nun durch die Stiftung „Friedliche Revolution“ gelingen. Hauptanliegen der Stiftung, zu dessen Vorstand Führer zählt, ist es, die Idee von damals in die Zukunft zu tragen. Es geht um Bürgermut und demokratisches Engagement. Die Friedliche Revolution muss und sie wird weitergehen. Das ist auch eine Überzeugung des Grenzöffners Christian Führer.

„… und forschten Tag für Tag in den Schriften“ (Apg 17, 11) – Gelehrte und Theologen

Engagiertes Christsein braucht eine theologische Ausrüstung. Wo der Glaube sich allein in der mystischen Vertiefung verliert oder die tätige Nächstenliebe ihre Verwurzelung im Evangelium verleugnet, geht die eigentliche Essenz des christlichen Glaubens verloren. Der Missionsauftrag Jesu Christi an seine Jünger schließt auch die Lehre ein (Mt 28, 18–20). Bildung und Wissenschaft gehören daher von Beginn zur Kirche und zum christlichen Glauben dazu. Erst wer sich mit den Heiligen Schriften und der Tradition kritisch auseinandergesetzt hat, kann das Evangelium verkünden. Wer das „lebendige Wasser“ des Glaubens weitergibt (vgl. Joh 4, 14), muss selbst an der Quelle sitzen. Es ist nicht verwunderlich, dass viele der berühmten Prediger hochgelehrte Menschen waren, die sich oft tage- und wochenlang darum bemühten, die biblische Botschaft zu durchdenken und sie dann in die Sprache ihrer Zeitgenossen zu übersetzen.

Die Kirche braucht also die Theologie, ebenso wie die theologische Wissenschaft ohne kirchliche Bindung ins Leere läuft und zur bloßen Religionswissenschaft zu werden droht. Zu allen Jahrhunderten hat es gelehrte Theologen gegeben, denen die Kirche wesentliche Impulse und wichtige Anstöße verdankt. Einige wenige haben die Theologie als regelrechte Lichtgestalten wesentlich geprägt und beeinflusst wie Augustinus oder Thomas von Aquin. Andere wirkten eher in der Stille, haben mit ihren Schriften aber zahllose Menschen tiefer in das Geheimnis des Glaubens einführen können. Dieses Kapitel stellt einige der Gelehrten und Theologen vor.

Theologe zwischen Antike und Moderne: Augustinus

Seinesgleichen habe es in der Antike und in der Kirchengeschichte nicht mehr gegeben, behauptete einst der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack. Tatsächlich hat Augustinus von Hippo wie kaum ein zweiter die Geistesgeschichte des christlichen Abendlandes mitbestimmt. Er sei das große Licht der westlichen Welt gewesen, das die Intelligenz Europas geprägt habe, sagte Kardinal Newman über den glänzenden Rhetoriker und Theologen aus Nordafrika. In Augustinus sehen viele Forscher den letzten antiken und den ersten modernen Menschen, der das antike philosophische Gedankengut mit dem christlichen Glauben ins Gespräch und auch in Beziehung brachte. Gleichwohl war der Weg des Theologen und Kirchenlehrers doch recht steinig und weit, bis er zum Glauben fand und zu einem der wichtigsten Kirchenlehrer wurde.

Durch die eigenen Schriften Augustins, insbesondere seine „Bekenntnisse“, weiß man vergleichsweise viel über das Leben und Denken des antiken Theologen. Er wurde im Gebiet des heutigen Algerien, in der kleinen Landstadt Thagaste, am 13. November 354 geboren. Seine Familie war angesehen in der Stadt. Augustins Mutter Monika war Christin und entstammte bereits einer christlichen Familie, der Vater Patricius hatte wohl keinen Zugang zum christlichen Glauben gefunden, bekämpfte ihn aber nicht. Der Vater war es, der für den aufgeweckten Augustinus eine große Karriere plante und dafür auch einige Opfer in Kauf nahm. Obwohl Patricius als Stadtrat von Thagaste nicht übermäßig wohlhabend war, investierte er gehörige Summen in eine profunde Ausbildung des Sohnes, um ihm eine Beamtenkarriere in der kaiserlichen Verwaltung zu sichern. Den Elementarunterricht erhielt Augustin in Thagaste selbst und fiel in diesen Jahren zunächst nicht durch besondere Leistungen auf. Griechisch schien ihm nicht zu liegen, und bis zum Schluss blieb ihm die Sprache fremd. Platon beispielsweise wird er selbst nie im Original gelesen haben. Er schulte sein Sprachvermögen vielmehr an Vergil, entwickelte eine große Liebe zum Theater und zu anderen lateinischen Dichtern. In der benachbarten Stadt Madaura setzte Augustin mit den Fächern Grammatik und Rhetorik seine Studien fort und entwickelte seine Talente. Im Alter von 16 Jahren kam er nach Karthago. Dorthin schickte ihn der ehrgeizige Vater, obwohl für die teuren Studien des Sohnes die Mittel doch knapp wurden und er zeitweise zurück ins Elternhaus kommen musste. An der Rhetorikschule der Hafenstadt Karthago machte sich Augustinus schnell einen Namen. Er kostete alle Vorzüge und auch das freizügige Leben der Studenten gehörig aus. Mehrere Affären werden ihm nachgesagt, bis er mit 18 Jahren ein festes Verhältnis mit einer Frau einging, der er schließlich 14 Jahre die Treue hielt. Aus dieser Verbindung ging der Sohn Adeodatus („von Gott geschenkt“) hervor, der allerdings im Alter von 16 Jahren starb.

Immer wieder hatte die Mutter Monika versucht, ihren begabten Sohn vom christlichen Glauben zu überzeugen. Zeitweilig stand er auch auf Listen der Katechumenen, blieb dem Unterricht aber fern. Ihn faszinierte vielmehr die Welt der Manichäer, einer damals weit verbreiteten Sekte. Diese vorderasiatische Religion führte alles in der Welt auf den Kontrast zwischen Gut und Böse zurück. Sein Weg führte Augustinus weiter nach Rom, wo er als Rhetorikprofessor eine Anstellung fand, sich zunehmend von der Religion entfernte und sich mehr als areligiöser Skeptiker in der Tradition griechischer Philosophen sah. Im Jahr 384 wechselte Augustin die Hochschule und gelangte nach Mailand, wo er den bereits zu Lebzeiten legendären Bischof Ambrosius kennen lernte. Er besuchte dessen Gottesdienste und interessierte sich mehr und mehr für den Glauben. In einer Vision soll ihn schließlich ein Kind aufgefordert haben, zur Bibel zu greifen. Darin las er den Satz des Paulus: „Zieh an den Herrn Jesus Christus!“ Diese Vision führte ihm sein ganzes Leben vor Augen, das ihm plötzlich schäbig und unnütz vorkam. Jedenfalls ließ sich Augustin im Jahr 387 von Ambrosius taufen und machte anschließend einen radikalen Schnitt in seinem Leben. Er zog sich zurück und führte gemeinsam mit Freunden eine Art klösterliches Gemeinschaftsleben.

Schließlich kehrten sie zusammen nach Nordafrika zurück. Doch mehrten sich die Stimmen seiner Freunde, sein Talent nicht in der Einsiedelei zu vergraben, sondern für den Dienst in der Kirche einzusetzen. So wurde Augustin 391 zum Priester geweiht. Vier Jahre später erreichte ihn der Ruf zum Bischof von Hippo. Bis zu seinem Tod im Jahr 430 wirkte er in dieser Stadt als anerkannter Hirte und genialer theologischer Lehrer. Er übernahm schnell die geistige Führung der Kirche in Nordafrika, ja der gesamten westlichen Kirche. Sicherlich kam ihm neben seinem scharfen Verstand sein rhetorisches Talent zugute, das er glänzend einsetzte, um selbst schwierige Sachverhalte einfach und verständlich sowie mitreißend darzustellen. Augustinus schrieb keine dogmatischen Traktate, sondern entwickelte in Dialogen oder wie in den „Bekenntnissen“ sogar in Gebeten seine theologischen Gedanken. Augustin verstand es, die philosophische Tradition sowie die Gedanken seiner Zeit in seine Theologie fruchtbar einzubeziehen. Für ihn ist der christliche Glaube prinzipiell mit den Mitteln des Verstandes nachzuvollziehen. „Liebe die Vernunft sehr!“, lautete seine Devise, die er in zahlreichen Briefen immer wieder äußerte. Gleichzeitig eröffnete er philosophischen Denkern Wege zur Bibel, die er in seinen Schriften stets mit einbezog.

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