Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 6
Achtes Capitel.
Eine gefährliche Krisis
Spät am Nachmittage erwachte Sara Purfoy von ihrem unruhigen Schlummer.
Sie hatte von der That geträumt, die sie ausführen wollte und war glühend heiß und fieberte. Sie dachte wohl an die Folgen, welche der Erfolg oder das Fehlschlagen ihres Unternehmens haben würde und sie faßte sich zusammen, wusch ihr Gesicht und ihre Hände und ging so ruhig, wie es ihr nur irgend möglich war, auf das Hinterdeck hinauf. Nichts hatte sich seit gestern verändert. Die Waffen der Schildwachen blitzten ebenso in dem erbarmungslosen Sonnenschein, das Schiff rollte und knarrte, auf den breiten Wogen sich schaukelnd und die Hürde der Gefangenen auf dem unteren Vorderdeck war eben so belebt wie sonst. Dieselben matten, traurigen Gestalten saßen und standen dort wieder in denselben verschiedenen Stellungen. Selbst Mr. Maurice Frere, der sich von seinen nächtlichen Anstrengungen ausgeruht hatte, lag grade wieder in derselben Stellung auf dem zusammengerollten Tau.
Und doch hatte das Auge eines scharfen Beobachters einen Unterschied entdecken können in dieser äußerlichen Gleichheit. Der Mann am Ruder blickte eifriger als sonst auf den Horizont und spie in das rauschende, ungesund düster aussehende Wasser mit niedergeschlagenerer Miene als sonst. Die Angelleinen hingen noch eben so von den Katzenköpfen herunter, aber Niemand sah danach. Die Soldaten und Matrosen, welche zu Zweien und Dreien auf dem Vorder-Kastell beisammen saßen, schienen nicht einmal Lust zum Rauchen zu haben, sondern starrten einander düster und verstimmt an. Vickers saß in der Kajüte und schrieb; Blunt war in seiner Kajüte und Pine war unter ihm mit zwei Tischlern beschäftigt, einige Verbesserungen für das Hospital zu treffen. Das Geräusch von Axt und Hammer klang düster in die Kajüte der Soldaten hinüber. Es war, als ob sie einen Sarg machten.
Im Gefängnis war es auffallend ruhig; es herrschte die Stille dort, die dem Gewitter vorangeht und die Deportierten auf Deck erzählten sich keine Geschichten heute, lachten nicht über zweideutige Witze, sondern saßen düster und schweigsam bei einander, als ob sie auf etwas warteten. Drei Mann waren krank geworden: zwei Gefangene und ein Soldat waren der Krankheit verfallen, seit Rufus Dawes in’s Hospital gebracht worden. Obgleich sich bis jetzt noch grade kein panischer Schrecken verbreitet hatte, so war doch dem Gesicht jedes Einzelnen – Soldaten, Matrosen oder Gefangenen ein eigenthümlicher Ausdruck der Erwartung ausgeprägt, als ob Alle daran dächten, wer nun zunächst an der Reihe sein würde. Ein fürchterlicher Schatten war auf das Schiff gefallen, das wie ein verwundetes Thier ruhelos von einer Seite zur andern schwankte über der durchsichtigen Tiefe des stillen, weiten Meeres.
Der Malabar war wie in eine elektrische Wolke eingehüllt, deren düstere Schwere durch einen einzigen Funken in ein Feuermeer verwandelt werden konnte.
Die Frau, welche in ihrer Hand die beiden Enden der Kette hielt, welche den Funken hervorbringen sollte, kam auf das Deck und nachdem sie sich umgeblickt hatte, lehnte sie sich gegen das Schanzbord und blickte hinunter in die Barrikade. Wie schon gesagt wurde, standen und saßen die Gefangenen zu Vieren und Fünfen beisammen und ihr Blick lenkte sich auf eine besondere Gruppe. Drei Männer, nachlässig gegen die Schanzkleidung gelehnt, bewachten jede ihrer Bewegungen.
»Da ist sie; – ganz richtig,« sagte der praktische Schnüffler.
»Geduld ist eine Tugend, mein sehr edler Knöchler,« sagte die Krähe mit einer Gleichgültigkeit, die nur geheuchelt war. »Gebt dem Mädchen Zeit.«
»Verdammt, wenn ich noch länger warte,« sagte der Riese und biß sich in seine dicken, blauen Lippen. Hier wird man so Tag für Tag hingehalten und muß nach der Pfeife der Dirne tanzen, wie ein abgerichteter Hund. Das Fieber ist an Bord und wir haben Alles bereit. Wozu noch warten? Zeichen oder keine Zeichen, – ich bin dafür, das Geschäft anzufassen! – Da seht,« fügte er hinzu, als die Gestalt von Maurice Frere an der Seite des Kammermädchens erschien und die Beiden auf dem Deck zusammen umkehrten.
»Es ist Alles in Ordnung, Du verdammter Kerl ,« schrie die Krähe, die Geduld verlierend über seinen hartnäckigen, dummen Kameraden. »Wie kann sie uns das Zeichen geben, wenn sie den Kerl neben sich hat?« Gabbett‘s einzige Antwort auf diese Frage war ein wildes Grunzen und eine erhobene, geballte Faust, die Mr. Vetch in großer Eile in die Flucht schlug. Der Riese folgte ihm nicht und Vetch, seine Arme übereinander schlagend, nahm eine Stellung verächtlicher Ueberlegenheit an und wandte Sara Purfoy seine Aufmerksamkeit zu. Sie schien ein Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit zu sein, denn in diesem Augenblick lief ein junger Soldat die Vorderkastelltreppe hinauf und richtete gespannt seinen Blick auf sie. Maurice Frere war hinter ihr her gegangen und hatte ihre Schulter berührt. Seit ihrer Unterhaltung am vorigen Abend, hatte er sich vorgenommen, er wolle sich nicht länger narren lassen. Das Mädchen spielte augenscheinlich mit ihm und er wollte ihr zeigen, daß er das nicht länger duldete.
»Nun Sara?«
»Nun, Mr. Frere?« sagte sie, ließ ihre Hand herunter hängen und wandte sich lächelnd zu ihm.
»Wie gut sehen Sie heute aus, ganz reizend!«
»Das haben Sie mir schon recht oft gesagt,« sprach sie und schmollte. »Haben sie mir gar nichts Neues zu sagen?«
»Nur, daß ich Sie liebe.« Dies wurde sehr leidenschaftlich herausgestoßen.
»Das ist auch nichts Neues. Das weiß ich.«
»Verdammt, Sara, was soll ich denn thun?« Seine Verderbtheit ließ ihn ganz im Stich. »Wozu spielen Sie immer Versteck mit mir ?«
»Sie sollten sich besser helfen können in solcher Lage, Mr. Frere. Ich habe Sie nicht gebeten, sich in mich zu verlieben. Wenn Sie mir nicht gefallen, ist das etwa nicht Ihr Fehler ?«
»Was meinen Sie ?«
»Sie Soldaten, Sie haben an so viele andre Dinge zu denken, an Wachen und Inspektion und Schildwachen und Andres und haben gar keine Zeit für unsereins übrig.«
»Keine Zeit übrig,« rief Frere. »Verdammt, Sie haben nichts für mich übrig. Ich wäre schnell genug dabei, wenn das Alles ist ?«
Sie senkte ihre Blicke und ein bescheidenes Erröthen flog über ihre Wangen. »Ich habe so viel zu thun,« sagte sie. »So viele Augen sehen auf mich; ich kann mich nicht rühren, ohne daß es bemerkt wird,« flüsterte sie.
Sie hob ihr Gesicht und um ihren Worten mehr Nachdruck zu geben, blickte sie rings auf dem Deck umher. Ihr Blick traf den des jungen Soldaten auf dem Vorderkastell und wenn die Entfernung auch zu groß war, um die Züge zu unterscheiden, so erkannte sie doch, daß es Miles und daß er eifersüchtig war.
Frere lächelte entzückt über ihre veränderte Manier und näherte sich ihr mehr und mehr und flüsterte etwas in ihr Ohr. Sie that, als ob sie erschrecke und wechselte bei der Gelegenheit einen Blick mit der Krähe.
»Ich will um acht kommen,« sagte sie mit bescheiden abgewandtem Gesicht.
»Um acht Uhr ist Ablösung,« sagte er mahnend.
Sie warf ihren Kopf zurück . . . »Gut, dann sehen Sie nach Ihrer Ablösung; ich mache mir nichts daraus.«
»Aber Sara, bedenke —«
»Als wenn man bedenkt, wenn man liebt.« rief sie und warf ihm einen brennenden Blick zu, der in der That auch kältere Männer als Frere erweicht hätte.
– Also sie liebte ihn! Was für ein Narr, wenn er sie jetzt zurückwiese. Das Erste war doch, daß sie einwilligte zu kommen. Wie seine Pflicht mit seinem Vergnügen in Einklang zu bringen wäre, das konnte er ja noch immer überlegen.
Ueberdies konnte die Ablösung auch dies eine Mal ohne seine Revision fertig werden.
»Gut, also um acht, Liebste.«
»Still,« sagte sie.
»Hier kommt der dumme Kapitain.«
Und da Frere sie verließ, wandte sie sich um und ihre Augen fest au die Barrikade der Deportierten gerichtet, ließ sie ihr Taschentuch, das sie in der Hand hielt, grade über die Hinterdeckreeling fallen. Es fiel genau vor die Füße des verliebten Kapitains und mit schnellem Blick auf sie, hob es der würdige Herr auf und brachte es ihr.
»O danke, Kapitain Blunt,« sagte sie und ihre Augen sagten mehr, als ihre Zunge.
»Haben Sie das Laudanum genommen ?« flüsterte Blunt mit Augenblinken.
»Etwas,« sagte sie. »Ich will heute Abend die Flasche zurückbringen.«
Blunt ging davon, lustig pfeifend und begrüßte Frere mit einem Schlag auf den Nacken. Die Beiden lachten, Jeder über seine eignen Gedanken, aber ihr Gelächter ließ ihre ganze Umgebung noch trostloser erscheinen als vorher.
Sara Purfoy blickte nach der Barrikade und sah, daß die drei Männer ihre Stellung verändert hatten. Sie waren wieder zusammen, aber die Krähe hatte ihre Mütze abgenommen und hielt dieselbe mit einer Hand in Armeslänge von sich fort, während er seine Stirn mit der andern Hand wischte. Ihr Zeichen war gesehen worden. Während dieser Zeit lag Rufus Dawes, der in’s Hospital gebracht war, flach auf seinem Rücken und starrte auf die Decke über sich und versuchte, sich an etwas zu erinnern, das er sagen wollte. Als die plötzliche Ohnmacht, welche der Anfang seiner Krankheit war, ihn überfiel, erinnerte er sich, aus seiner Koje gerissen zu sein. Wütende Gesichter hatten ihn angesehen und irgend eine Gefahr hatte ihm gedroht.
Er erinnerte sich, daß, als er so da gelegen im halben Fiebertraum, er irgend etwas gehört habe, das von der größten Wichtigkeit für ihn und das Schiff, – aber was es gewesen, war ihm gänzlich entschwunden. Vergebens versuchte er, es sich zurückzurufen, vergebens suchte er sich, vermöge seines Willens, im heftigsten Kampfe mit dem Delirium, das seine Sinne fesselte, Worte oder Gedanken zurückzurufen. Alles entschlüpfte ihm wieder, sowie er es zu fassen glaubte. Er fühlte sich wie erdrückt von dem Gewicht dieser halben Erinnerungen.
Er wußte, daß eine schreckliche Gefahr ihn bedrohe; er wußte, daß wenn er nur zehn Minuten hinter einander klar denken könne, er solche Auskunft geben würde, die ihn und das Schiff aus dieser Gefahr erretten sollte. Aber er lag da mit heißem Kopfe, trocknen Lippen und schwachem Körper und fühlte sich wie verzaubert. Er konnte weder Hand noch Fuß bewegen. Der Platz, wo er lag, war nur schwach erleuchtet. Pine hatte eine Art von Leinwandzelt erfunden, das vor der Thür hing, so daß die Sonne nicht in die Kabine scheinen konnte. Dies Zelt nahm fast alles Licht fort. Er konnte nur grade die Decke über seinem Kopf sehen und drei andre Kojen unterscheiden, die der Seinen ähnlich waren. Das einzige Geräusch, das die Stille unterbrach, war der gurgelnde Ton des Wassers unter dem Schiff und das Klopfen von Pine, der neue Krankenabtheilungen zurecht zimmerte. Bald hörte auch das Klopfen auf und Rufus unterschied jetzt das Stöhnen und Aechzen der andern Kranken, die mit ihm in derselben Kajüte lagen, – ein Zeichen, daß seine Gefährten noch lebten.
Plötzlich rief eine Stimme: »Freilich sind seine Wechsel vierhundert Pfund werth; aber lieber Herr, vierhundert sind für einen Mann in meiner Lage nichts nutze. Ich habe vierhundert Pfund für eine Laune von meiner Sara ausgegeben. Ist das Recht, Du Jezabel? Sie ist ein gutes Mädchen, ein sehr gutes Mädchen. Mrs. Lionel Crofton von Croft von Seven-Oaks-Kent-Seven-Oaks-Kent-Seven-Oaks.«
Ein Lichtstrahl brach in Rufus gequältes Gehirn. Der Mann war John Rex, sein Gefährte. Mit Anstrengung rief er:
»Rex!«
»Ja, ja, ich komme; seid nur nicht so eilig. Die Schildwache ist ganz sicher und die Haubitze steht nur fünf Schritte von der Thür. Ein Sturm auf Deck und das Schiff ist unser – Burschen! Nein meines ist es, mein und meiner Frau gehört’s. Mrs. Crofton von Seven-Oaks, nein – Croft von Oaks, nein Sara Purfoy, Kammermädchen und Wärterin – ha – ha – Kammermädchen, – Wärterin!«
Dieser letzte Satz war der Schlüssel zu dem Labyrinth, in dem Rufus in seinem vom Fieber gequälten Zustande umhergewandert war. »Sara Purfoy.« Jetzt war ihm plötzlich jedes Wort der Unterhaltung gegenwärtig, die er belauscht hatte und wie dringend war es, daß er augenblicklich die Verschwörung entdeckte, die das Schiff bedrohte.
Wie diese Verschwörung in’s Werk gesetzt werden sollte, daran dachte er weiter nicht. Er war sich nur bewußt, daß er an dem Rande des Deliriums schwebte, und daß er seine Mittheilung machen mußte, ehe sein Bewußtsein ganz verloren ging.
Er machte einen Versuch aufzustehen, aber seine Glieder versagten ihm vollständig den Dienst. Er wollte sprechen, aber seine Zunge klebte am Gaumen und seine Kinnladen waren nicht zu öffnen. Er konnte keinen Finger rühren und keinen Ton hervorbringen. Die Bretter über seinem Kopf schienen hin und her zu schwanken und die ganze Kajüte, wirbelte im Kreise herum, während der Lichtschein zu seinen Füßen auf und nieder flackerte wie das Licht einer Kerze. Er schloß seine Augen mit einem tiefen Seufzer der Verzweiflung und er ab sich in sein Schicksal. In diesem Augenblick hörte das Zaudern auf und die Thür öffnete sich. Es war sechs Uhr und Pine war gekommen, um noch einen Blick aus seine Patienten zu werfen. Es war noch Jemand bei ihm, denn eine freundliche, etwas gemessene Stimme sprach von der mangelhaften Einrichtung und der »Nothwendigkeit, der absoluten Nothwendigkeit, sich nach den Königlichen Anordnungen zu richten.«
Der ehrliche Vickers, obgleich er in Todesangst wegen seines Kindes schwebte, wollte in nichts seine Pflicht versäumen und war gekommen, um die Kranken zu besuchen. Freilich wußte er, daß er dieses Besuches wegen, sein eigenes krankes Kind nicht sehen durfte. Mr. Vickers hatte oft in den Garnisonsgesellschaften sich selbst beklagt und bedauert, weil »der gute John solch ein Sklave der Disziplin und des Dienstes sei.«
»Hier sind sie,« sagte Pine. »Ihrer sechs. Dieser Mann,« dabei ging er zu Rex heran, »ist am schwersten krank. Wenn er nicht eine Constitution wie ein Pferd hätte, würde er diese Nacht nicht mehr überleben.« »Drei, achtzehn, sieben, vier,« murmelte Rex, »trage Einen. Ist das eine Beschäftigung für einen Herrn? Nein Herr. Gute Nacht mein Lord, gute Nacht! Höre es schlägt neun, fünf sechs, acht! Ihr habt Eure Vergnügen gehabt und könnt Euch nicht beklagen.« »Ein gefährlicher Kerl,« sagte Pine, mit der hochgehobenen Laterne. »Ein sehr gefährlicher Kerl, – das heißt – das war er. Sehen Sie sich den Platz an; es ist ein wahres Rattenloch. Was soll man aber machen?« »Lassen Sie uns auf Deck gehen,« sagte Vickers schaudernd. Rufus Dawes fühlte den Angstschweiß in großen Tropfen auf seiner Stirn stehen. Sie ahnten nichts. Sie gingen wieder fort. Er muß sie warnen. Und mit übermäßiger Anstrengung wendet er sich in seine Koje herum und streckt die Hand weit aus seiner Decke heraus. »Hallo, was ist das?« ruft Pine und bringt ihm die Laterne näher. »Liegt still, Mann. Wasser, – ja – ja; da nehmt!« Und er hält den Becher an die trockenen, schwarzen Lippen. Der kühle Trunk befeuchtete ihm den trockenen Gaumen und der Deportierte machte eine letzte Anstrengung, um zu sprechen. »Sara Purfoy – heute Nacht – Gefängnis – Meuterei!!« Das letzte Wort, in der verzweifelnden Anstrengung des Unglücklichen fast herausgeschrieen, bringt John Rex wieder etwas zum Bewußtsein. »Still,« ruft er. »Bist Du es Jemmy? Sara hat Recht. Wartet bis sie das Zeichen gibt?«
»Er phantasiert,« sagt Vickers. Pine schüttelt den Deportierten an den Schultern. »Was sagst Du mein Mann? Eine Meuterei unter den Gefangenen?«
Rufus Dawes machte mit festgeschlossenen Händen und offenem Munde da liegend eine neue Anstrengung um wenigstens bejahend zu nicken, denn er war unfähig zu sprechen, – aber sein Kopf fiel auf seine Brust. Im nächsten Augenblicke schon schwanden das flackernde Licht, das düstere Gefängnis, das angstvolle Gesicht des Doktors und das erstaunte Gesicht von Vickers vor seinen umnachteten Sinnen. Er sah, wie die beiden Männer sich anstarrten in Unruhe und Zweifel, und dann schwamm er dahin auf dem kühlen, dunklen Strom seiner Kindheit und wollte mit Sara Purfoy und Lieutnant Frere zusammen eine Meuterei anstiften, um sich des Hydaspes zu bemächtigen, der im alten Hause zu Hampstead lag.
Neuntes Capitel.
Die Waffen einer Frau
Die Beiden, welche das schreckliche Geheimnis entdeckt hatten, hielten Rath mit einander. Vickers wollte die Wachen aufrufen und den Gefangenen ankündigen, daß eine Verschwörung entdeckt sei, aber Pine, der sich besser auf Deportiertenschiffe verstand, verwarf dies gänzlich. »Sie kennen die Burschen nicht so gut, wie ich sie kenne,« sagte er.
»Zuerst ist es auch möglich, daß gar keine Meuterei beabsichtigt ist. Vielleicht ist die ganze Geschichte eine Albernheit von dem Burschen, dem Dawes und wenn wir erst den Kerls den Gedanken an eine Meuterei in den Kopf setzen, so ist gar nicht zu sagen, was noch geschieht.«
»Aber der Mann schien ganz fest und seiner Sache sicher zu sein,« sagte der Andre. »Er erwähnte auch meiner Frau Mädchen.«
»Und wenn er es that? Ich glaube, daß er wahr gesprochen hat. Ich konnte niemals den Blick des Mädchens leiden. Aber wenn wir ihnen sagen, daß wir dies Mal ihr Vorhaben entdeckt haben, so wird sie das nächste Mal nicht abhalten, es wieder zu versuchen. Wir kennen ja auch ihren Plan nicht.« Wenn es eine Meuterei ist, so kann das halbe Schiff dabei betheiligt sein. Nein, Kapitain Vickers, ich habe als Oberarzt unser Handeln zu bestimmen. Sie wissen, daß – — «
»Daß den Königlichen Befehlen gemäß, Sie mit der vollen Macht betraut sind,« unterbrach ihn Vickers, der in solchen Fällen stets der Disziplin dachte. »Natürlich ich erlaubte mir nur anzudeuten. Ich weiß nichts von dem Mädchen, als daß sie ein gutes Zeugniß von ihrer letzten Herrschaft brachte – einer Mrs. Crofton, glaube ich – so war der Name. Wir waren froh, überhaupt Jemand für die Reise zu bekommen.«
»Gut,« sagte Pine. »Hören Sie. Voraus gesetzt, wir sagen diesen Schurken, daß ihre Absicht, wie sie auch gewesen sein mag, uns bekannt ist. Gut. Sie werden völlige Unwissenheit heucheln und ein andres Mal dasselbe wieder versuchen, wovon wir dann vielleicht nichts wissen. Auf alle Fälle wissen wir bis jetzt gar nichts von der Art der Verschwörung und kennen die Anführer nicht. Lassen Sie die Wachen verdoppeln und die Soldaten ruhig antreten. Lassen Sie Fräulein Sara thun was ihr gefällt, und wen n die Meuterei ausbricht, ersticken wir sie in der Knospe! Stecken alle Kerls, die dabei sind, in Eisen und übergeben sie den Behörden in Hobart-Town, sobald wir ankommen. Ich bin nicht grausam, Herr, aber wir haben eine Ladung wilder Thiere an Bord und wir müssen vorsichtig sein.«
»Aber Mr. Pine, haben Sie auch den Verlust an Menschenleben dabei in Anschlag gebracht? Ich möchte wirklich – in der That, – ein menschlicheres Verfahren. – Vorbeugen, – wissen Sie. – «
Pine wandte ich mit der grimmigen, kalten Art an ihn, die ihm zur Natur geworden »Haben sie denn die Sicherheit des Schiffes gedacht, Kapitain Vickers? Sie wissen oder haben wenigstens davon gehört, was für unerhörte Dinge bei diesen Meutereien vorfallen. Haben Sie daran gedacht, was das Schicksal der Soldatenfrauen sein wird? Haben Sie an Ihre eigene Frau und an Ihr Kind gedacht.«
Vickers schauderte.
»Machen Sie, wie Sie denken, Mr. Pine. Sie verstehen es besser. Aber schonen Sie so viele Leben wie möglich.«
»Sein Sie ruhig, Sir,« sagte der alte Pine. »Ich thue es zum Besten Aller, – bei meiner Seele! Sie wissen nicht, was für Leute Deportierte sind oder vielmehr, wozu sie das Gesetz gemacht hat, – doch – « .
»Arme Menschen,« sagte Vickers, der gleich manchen Kriegshelden ein zartfühlendes Herz hatte. »Güte vermöchte viel bei ihnen, immerhin sind sie unsre Mitmenschen.«
»Ja das sind sie. Aber wenn Sie das Argument brauchen wollen, wenn die Leute das Schiff genommen haben, dann werden Sie nicht weit damit kommen. Lassen Sie mich machen, Herr und um’s Himmelswillen, sagen Sie Niemand etwas. Unser Leben hängt vielleicht an einem Wort.«
Vickers versprach es und hielt sein Versprechen. – Er speiste mit Blunt und Frere und plauderte fröhlich mit ihnen, schrieb aber einen Zettel an seine Frau, daß, was sie auch immer hören möge, sie nicht aus ihrer Kajüte gehen solle, bis er zu ihr käme. Er wußte, daß sie, trotz ihrer Thorheiten, einem so gefaßten Befehl von ihm nicht ungehorsam sein würde. Nach der Gewohnheit auf den Gefangenenschiffen, wurden die Wachen alle zwei Stunden abgelöst und um sechs Uhr Abends wurde die Hinterdeckwache auf dem Quarterdeck aufgestellt, und die Waffen, welche bei Tage oben auf den Waffenkisten lagen wurden Nachts auf einem Reck aufgestellt, das auf dem Quarterdeck angebracht war. Frere erhielt keine Mittheilung und Vickers selbst befahl, daß sämmtliche Soldaten mit Ausnahme derer, die am Tage auf Wache gewesen waren, antreten sollten und verbot jede Mittheilung nach dem oberen Deck hin. An die Thür der Barracke stellte er als Schildwache seinen eignen alten Diener, einen Soldaten, auf dessen Treue er sich vollkommen verlassen konnte. Dann verdoppelte er die Wachen, nahm selbst die Schlüssel des Gefängnisses von dem Offizier in Verwahrung, der sie sonst aufzubewahren hatte und ließ die Haubitze auf dem unteren Deck mit Kartätschen laden. Um drei Viertel aus sieben faßten er und Pine Posten an dem Weg zur großen Luke und waren Beide entschlossen, bis zum Morgen zu wachen.
Ein Viertel nach Sieben hätte Jeder, der in Kapitain Blunts Kajüte hineinblickte, ein sehr sonderbares Schauspiel gehabt. Der tapfere Kommandeur saß auf seinem Bett mit einem Glas Rum und Wasser in der Hand und Mr. Vickers hübsches Kammermädchen saß auf einem niedrigen Stuhl an seiner Seite. Auf den ersten Blick konnte man bemerken, daß der Kapitain ganz betrunken war. Sein graues Haar hing nach allen Richtungen hin in Strähnen über sein rothes Gesicht und er blinkte und nickte wie eine Eule im Sonnenschein. Er hatte bei Tisch mehr Wein als gewöhnlich getrunken und hatte jetzt sogar die Rumflasche vor sich, um nach Tische noch einen ruhigen Schluck zu nehmen, als der Gegenstand seiner Liebe, das Opfer seiner Reize durch die nur angelehnte Thür schlüpfte und ihn bald dazu bewog, weiter zu trinken.
»Komm, Sara,« stammelte er. »Das ist Alles recht schön, aber Du brauchst nicht so stolz zu sein, mein Herz. Ich bin nur ein einfacher Seemann.sehr – sehr einfach Sara. Phineas Blunt, Kommandeur des Malabar. – Das ist doch gesprochen – he?« Sara lachte ein wenig und schob ihren hübschen Fuß vor. Der verliebte Phineas bog sich vor und versuchte ihre Hand zu nehmen.
»Du liebst mich und ich – ich liebe Dich, Sara. Und ein liebes süßes Geschöpf bist Du, gib einen Kuß Sara.«
Sara stand auf und ging nach der Thür.
»Was ist das? Fortgehen? Sara gehe nicht.« Und er richtete sich stramm in die Höhe und mit dem Glas Grog in der Hand, fürchterlich hin und herfuchtelnd, näherte er sich ihr.
Die Schiffsglocke schlug sieben. Jetzt oder nie war es Zeit. Blunt umfaßte Sie mit einem Arm und von Liebe und von Rum erhitzt, versuchte er, den begehrten Kuß zu rauben. Sie erfaßte den Augenblick und sich seiner Zärtlichkeit überlassend, zog sie aus ihrer Tasche das Laudanumfläschchen und ihre Hand über seine Schulter legend, goß sie die Hälfte des Inhalts in sein Glas.
»Du denkst, ich bin betrunken, nein, mein Liebchen.«
»Aber Sie werden es sein, wenn Sie noch mehr trinken. Jetzt trinken Sie das schnell aus und dann lassen Sie es gut sein oder ich gehe!«
Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu, der ihre Worte Lügen strafte und der das verdüsterte Gehirn von Blunt etwas aufhellte. Sich einen Augenblick aus seinen Hacken drehend, wobei er sich an einen Kajütsbalken festhielt, starrte er sie mit seligem, trunkenem Lächeln der Bewunderung an, dann sah er in sein Glas und von dem plötzlichen Gefühl unerfüllter Pflicht durchdrungen, stürzte er den ganzen Inhalt des Glases auf ein Mal herunter. Die Wirkung war fast augenblicklich. Er ließ das Glas fallen, wankte auf Sara zu und dann mit dem Schwanken des Schiffes selbst den Halt verlierend, fiel er auf sein Bett und schnarchte sogleich wie ein Wallfisch.
Sara Purfoy beobachtete ihn einige Augenblicke, dann blies sie das Licht aus, schritt aus der Kajüte und schloß die Thür recht fest hinter sich zu. Dieselbe düstere Finsterniß, welche in der vorigen Nacht aus dem Schiff geherrscht hatte, hüllte auch jetzt wieder das Deck ein. Eine Laterne hing am Vorderkastell und folgte den Bewegungen des Schiffes. Das Licht an der Gefängnistür warf einen Schein durch die Luke hinauf und zu ihrer rechten brannten in der Kajüte da Oellampen. Sie blickte mechanisch hinein, ob Vickers da sei, der immer zu dieser Stunde dort zu finden, aber die Kajüte war leer. Um so besser, und ihren dunklen Mantel fester um sich ziehend, klopfte sie an Freres Thür.
Indem sie es that, schoß ein heftiger Schmerz durch ihre Stirn und ihre Knie zitterten. Mit großer Anstrengung schüttelte sie den Schwindel ab, der sie zu umfangen schien und hielt sich aufrecht. Jetzt war keine Zeit zu unterliegen.
Die Thür öffnete sich und Maurice Frere zog sie herein, »So, sind Sie da?« sagte er.
»Ja, ach, wenn mich aber Jemand gesehen hätte!«
»Gesehen. Unsinn! Wer sollte Sie gesehen haben ?«
»Kapitain Vickers, Doktor Pine, irgend Jemand.«
»Ach die. Beide sind seit Mittag schon in Doktor Pine’s Kajüte. Die sind sicher.«
»In Doktor Pine’s Kajüte! Diese Nachricht erfüllte sie mit einer unbestimmten Angst. Was für eine Ursache zu diesem ungewöhnlichen Verfahren. Wenn sie nun etwas argwöhnten. »Was machen sie da,« fragte sie. Maurice Frere war nicht in der Stimmung, Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten zu erwägen. »Wer weiß? Ich nicht. Verdammt sollen sie sein,« fügte er hinzu. »Was geht es uns an? Wir brauchen sie doch hier nicht, Sara?« Sie schien auf etwas zu horchen und antwortete nicht.
Ihr ganzes Nervensystem war auf’s Aeußerste angespannt. Der Erfolg der Verschwörung hing von den nächsten fünf Minuten ab.
»Wonach blickst Du so starr? Sieh mich doch an? Was hast Du für Augen – und was für Haar!«
In demselben Augenblick unterbrach ein Flintenschuß die Stille. Die Meuterei hatte begonnen. Dieser Ton weckte in dem Soldaten das Plichtgefühl. Er sprang auf und die Arme lösend, die sich um seinen Hals geschlungen hatten, stürzte er nach der Thür. Der Augenblick, auf den die Mitschuldige der Deportierten gewartet, war gekommen. Sie hing sich mit aller acht an ihn. Ihr langes Haar berührte sein Gesicht, ihr warmer Atem strich über seine Wange, ihr herabgerissenes Kleid ließ die bebende Schulter sehen. Er wandte sich zurück, halb besiegt, halb trunken von Leidenschaft, als plötzlich die reiche Gluth ihres Antlitzes erbleichte; die Lippen wurden weiß und eine aschgraue Farbe überzog ihr Gesicht. Ihre Augen schlossen sich in Todesangst und ihn loslassend, schwankte sie auf ihren Füßen und ihre Hände ; aus die Brust drückend, stieß sie einen scharfen Angstschrei aus. Das Fieber, das sie seit zwei Tagen gepackt hatte, und das sie mit ihrem starken Willen und durch die große Aufregung in der sie sich befand, bisher niedergehalten hatte, brach in diesem wichtigen Augenblick plötzlich mit neuer Gewalt aus. Todtenbleich und krank taumelte sie an die Seite.
Ein zweiter Schuß fiel und ein heftiges Klirren von Waffen ließ sich hören. Frere überließ das unglückliche Weib , seinem Schicksal und sprang aus der Kajüte auf Deck.