Kitabı oku: «Emscher Zorn»

Yazı tipi:

Mareike Löhnert

Emscher Zorn

Kriminalroman


Zum Buch

Gefährliche Freunde Jakob Teuber steckt in finanziellen Schwierigkeiten, lebt gemeinsam mit seiner zwanghaft gläubigen Mutter in einem renovierungsbedürftigen Mehrfamilienhaus im Dortmunder Norden und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Sein Leben verändert sich, als er den unberechenbaren Rumänen Nelu kennenlernt und sich eine Freundschaft entwickelt. Nelu führt Jakob in eine Welt ein, die aus Alkohol, Drogen, Einbrüchen, Prostitution und Betrug besteht. Erst als eine Katastrophe passiert, wird Jakob klar, dass er sich in einer Falle befindet, aus der er sich nicht befreien kann. Der realitätsferne Polizist Tim König und sein cholerischer Kollege Markowski kommen durch dubiose Umstände in Kontakt mit Jakob. Als ein Mord geschieht und die Ermittlungen der Kripo eingestellt werden, beginnt König in seiner Freizeit zu recherchieren und begibt sich auf die Suche nach Antworten. Das, was er finden wird, übertrifft alle seine Vorstellungen.

Mareike Löhnert wurde 1974 in Nagold geboren. Nachdem sie ihre Kindheit im Schwarzwald verbracht hat, ist sie in Norddeutschland aufgewachsen und lebt nun im Ruhrgebiet. In ihrem recht wilden Leben ist sie mit siebzehn Jahren aus dem Elternhaus ausgezogen, wohnte in besetzten Häusern, machte eine Ausbildung zur Erzieherin, arbeitete in Diskotheken und Fabriken, war ein Jahr selbstständig und ist inzwischen seit neunzehn Jahren als Personalsachbearbeiterin in einem Paketdienst tätig. Emscher Zorn ist ihr erster Roman.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © itsme / Pixabay

ISBN 978-3-8392-6736-3

Kapitel 1 – Jakob

Er stieß die wuchtige Holztür mit beiden Armen auf. Eine Wand aus lauter Schlagermusik, wirrer Gesprächsfetzen und Schwaden von Zigarettenqualm schlug ihm entgegen. Jakob ließ die grelle Mittagssonne hinter sich und tauchte in die stickige Dämmerung der Eckkneipe ein, wie ein Insekt, das vor dem Licht flüchtet. Der Laden war voll. Er schob sich durch dicht gedrängte, schwitzende Männerleiber bis zur Theke.

Ein Typ mit grünlicher Gesichtsfarbe rutschte von seinem Barhocker und verschwand taumelnd auf der Toilette.

Jakob hockte sich auf den frei gewordenen Platz, beugte sich nach vorne und legte mit geschlossenen Augen die Stirn auf den kühlen Tresen. So verharrte er, als hätte er sich in eine steinerne Statue verwandelt und wünschte sich weit weg.

Hinter der Bar schob sich Gustav, die dünnen Augenbrauen in seinem faltigen Gesicht nach oben gezogen, näher an ihn heran, wischte sich die Hände an einem schmutzigen Handtuch ab und musterte ihn interessiert.

»Na Jakob, um diese frühe Zeit schon Feierabend?«

Er lachte sein krächzendes Raucherlachen, das sofort in ein heiseres Husten überging.

»Siehste doch und jetzt mach hin, Alter. Heute hab ich es echt nötig«, brummte Jakob, öffnete ein Auge und blickte grimmig nach oben.

»Scheißtag gehabt, was?« Gustav nickte verständnisvoll.

Schnell und geübt zapfte er ein großes Pils, schüttete einen doppelten Korn ein, knallte die Gläser vor Jakob auf den Tresen und ließ ihn in Ruhe. Er war der perfekte Wirt. Er arbeitete zügig, schien mit seiner Theke verwachsen zu sein und hielt seine Schnauze, wenn es angebracht war.

Jakob kippte den Korn in einem Zug hinunter und spülte mit Bier nach. Er spürte deutlich, wie sich seine zitternden, vibrierenden Nerven beruhigten und ließ seinen Blick durch die Kneipe schweifen.

Es waren größtenteils ältere Männer, die hier schon in der Mittagszeit verkehrten und ihre armselige Rente versoffen, nur an der Dartscheibe standen zwei gelangweilt wirkende Jungs und warfen lustlos ihre Pfeile. Hatten wohl auch den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als hier herumzuhängen und die Zeit verstreichen zu lassen, so wie er. Die große Zeit der Kneipen im Ruhrgebiet war, nach den Schließungen der Zechen und Stahlwerke, vorbei.

Sinnlos. Alles war so sinnlos.

Wieder hatte er eine Maßnahme vom Jobcenter abgebrochen. Wieder würde es kein Geld geben. Leistungen gestrichen. So einfach war das. Er hatte es mit seinen 24 Jahren noch nie geschafft, länger als zwei Wochen einen Job zu behalten.

In den vergangenen zwei Tagen hatte er im Keuning-Park mit Schaufel, Harke und Schubkarren bewaffnet, den Kampf gegen Hundekot, gebrauchte Spritzen der Junkies, benutzte Kondome und anderem Müll aufnehmen müssen, wobei bei dem ganzen Dreck klar war, dass er sowieso nur als Verlierer aus der Schlacht herausgehen würde. Nach einer Nacht voller Drogenexzesse, Sex und überfütterten Kötern sah der Park am nächsten Tag genauso verdreckt aus wie zuvor. Die Mischung aus Gestank, den unzumutbaren Kollegen und der prallen Hochsommersonne, die unbarmherzig seinen Schädel während der Arbeit weichkochte, war zu viel für ihn gewesen.

Wut bohrte ihre langen, spitzen Krallen in seine Eingeweide, packte zu und ließ ihn nicht mehr los. Er ballte die Faust so fest zusammen, dass es schmerzte und widmete sich wieder ausgiebig seinen Getränken, als er bemerkte, wie sein Sitznachbar ihn anstarrte. Der blaue Heinz, wie man ihn im Allgemeinen nannte, saß oder hing vielmehr auf dem Hocker neben ihm und glotzte ihn mit blutunterlaufenen Augen an. Er war ein stadtbekannter Säufer, der bei Gustav seinen Stammplatz hatte.

»Was glotzt du so, Heinz? Schon wieder besoffen?«, raunzte Jakob ihn an.

»Hömma, Junge. Hab dich heute Morgen gesehen. Im Park bei der Maloche«, lallte Heinz und lächelte dümmlich, als sei er stolz auf sein gutes Erinnerungsvermögen.

Jakob stellte fest, dass er fast keine Zähne mehr in seinem Mund hatte.

»Wow, du solltest Detektiv werden«, Jakob wandte sich gelangweilt ab. Wahrscheinlich hatte der Alte auf einer Parkbank gesessen und sich schon morgens einen gezwitschert. Heinz griff nach seinem Arm, den Jakob hastig zurückriss.

»Wolltest den Kollegen kopfüber in den Schubkarren drücken und dann biste einfach abgehauen«, fing er wieder an.

»Der Typ hat es nicht anders verdient«, schrie Jakob den Alten an, »mach dir mal um mich keine Sorgen und quatsch mich nicht blöd von der Seite an.« Er schlug mit der Faust auf die Tischplatte. Gläser klirrten. Seine Nebenmänner warfen ihm irritierte Blicke zu. Jakob schüttelte sich hasserfüllt, als er sich an den übergewichtigen Kollegen erinnerte, der jeden Tag dasselbe rosafarbene, zu enge T-Shirt mit der Aufschrift »Bier formte diesen wunderschönen Körper« trug, wie ein Schwein schwitzte und alles nur Mögliche tat, um sich vor der Arbeit zu drücken.

»Ich geh da nicht mehr hin. Genug ist genug«, murmelte er.

Der blaue Heinz nickte sinnierend und glotzte traurig in sein leeres Glas. Gustav stellte zwei Kurze vor sie auf den Tresen.

»Die Welt ist böse, und die Menschheit besteht aus Lügnern und Egoisten. Dortmund ist nicht mehr das, was es einmal war«, stellte Heinz mit müder Stimme fest.

Jakob stimmte ihm zu. Sie stießen an, tranken, danach verlor sich wieder jeder von ihnen in seine eigene Gedankenwelt.

Jakob verbrachte den Abend in einer Art Dämmerzustand. Es gelang ihm nicht, richtig betrunken zu werden, es legte sich ein grauer Nebel über ihn und hüllte ihn wie eine Decke ein. Die Gäste verschwanden nach und nach, bis nur noch Jakob und der blaue Heinz schweigend an der Theke saßen.

Nachdem sich Gustav mehrere Male lautstark geräuspert und zuvor mehrmals angekündigt hatte, dass dies die letzte Runde sei, nahm er beiden die Gläser weg.

»Feierabend«, sagte er laut und deutlich, »ihr zwei Hübschen geht jetzt fein nach Hause und legt euch in eure Bettchen«, er hustete nachdrücklich und zündete sich eine Zigarette an, »und Jakob, lächele mal wieder. Bei deinem Lächeln geht die Sonne auf, sag ich immer. Steht dir besser, als dieses miesepetrige Gesicht. Wir wissen doch alle, dass du gar nicht so böse bist, wie du immer tust.« Er zwinkerte Jakob zu.

Jakob warf Gustav einen drohenden Blick zu, rutschte gehorsam von seinem Hocker, hob die Hand zum Gruß und trottete mit hängendem Kopf wie ein verjagter Hund nach draußen. Sein verschwitztes T-Shirt stank nach totem Tier.

Die Nacht war noch immer warm. Ruhe lag über dem sonst so lebendigen Nordmarkt. Jakob atmete tief die milde, nach Asphalt schmeckende Sommerluft ein, zog sich die rutschende Jogginghose hoch und schlug zu Fuß den Weg Richtung Schützenstraße ein, wo er gemeinsam mit Mutter lebte. Gedankenverloren trottete er durch die nächtliche Nordstadt.

Morgen musste er mit Mutter sprechen und ihr mitteilen, dass keine Bezüge mehr vom Amt kommen würden und sie wieder zu zweit von ihrer Witwenrente leben mussten. Finanziell würde es eng werden. Ohne Schulabschluss, waren die Jobs, die ihm angeboten wurden, das Allerletzte. Er vergrub die Hände tief in den Hosentaschen, passierte graue Straßen und marode Häuser, mit vor Schmutz starrenden Fenstern.

»Nazis auf die Fresse hauen«, hatte jemand mit einem Filzstift an eine Hauswand geschrieben. »Wie denn, ohne Arme?«, hatte ein Witzbold darunter gekritzelt.

Von irgendwoher erklang laute Musik, das hysterische Gebrüll eines Mannes folgte, dann war es still. Jakob stieg über einen ausgekippten Müllsack, der auf dem dreckigen Bordstein lag. Eine Ratte huschte an seinen Turnschuhen vorbei und lief eilig über die leere Straße. Jakob blickte ihr hinterher. »Verdammt«, schrie er in die Nacht und kickte mit dem Fuß einen leeren Waschmittelkarton zur Seite, »warum muss immer alles so verflucht schwer sein?« Seine Stimme hallte durch die Häuserschluchten. Er schrak zusammen, als er ein heiseres Lachen neben sich hörte und feststellte, dass er nicht alleine war.

Kapitel 2 – Jakob

Eine dunkle Gestalt hockte im Schneidersitz auf dem Dach eines parkenden Autos. In dieser Stadt war es normal, dass man zu jeder Tageszeit auf die skurrilsten Typen traf, dennoch bemerkte Jakob, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Er rührte sich nicht. Durch die Dunkelheit nahm er wahr, wie die schemenhafte Gestalt auf dem Autodach die Arme nach oben richtete und sich ausgiebig streckte.

»Warum denn so wütend?« Die Stimme des Mannes war dunkel und rauchig. Mit einem Satz sprang er, geschmeidig wie eine Katze, auf die Straße und lehnte sich an eine Hauswand. Sein Gesicht blieb im Schatten verborgen, nur seine Augen schienen im Dunkeln zu leuchten.

Wahrscheinlich hat der Typ einfach zu viel Kokain gezogen, versuchte Jakob, sich zu beruhigen, doch die plötzliche Nervosität, die sich in ihm ausbreitete, ließ sich nicht vertreiben. Der Mann trat aus dem Schatten und kam auf Jakob zu. Er war etwa in seinem Alter. Feste Bauchmuskeln bildeten sich unter seinem schwarzen Seidenhemd ab und er trug eine teuer aussehende, perfekt sitzende Anzughose. Sie starrten sich an. Jakob hatte noch nie ein so schönes Männergesicht gesehen. Er glotzte in die tiefblauen Augen des Mannes, auf die harten, hervortretenden Wangenknochen in der fast schon weiblichen Form des schmalen Gesichts, die glatte, hellbraune Haut und das dunkle, nach hinten gegelte Haar und kam sich vor wie ein Idiot.

»Ich hab dich was gefragt«, zischte der Mann, »ich hab dich gefragt, warum du wütend bist.« Er strahlte eine Gefährlichkeit aus, die Jakob faszinierte. Sein Blick blieb an der gezackten Narbe hängen, die sich, zartrosa schimmernd, quer über den Hals des Mannes zog. Er riss sich zusammen und sah beschämt zu Boden. »Bin immer wütend«, murmelte er.

Der Mann nickte wissend und streckte ihm die Hand hin. »Ich bin Nelu.«

Jakob schlug ein und nannte seinen Namen.

»Vielleicht sieht man sich mal wieder.« Nelu zuckte gelangweilt mit den Schultern, wandte sich ab und ging.

Jakob spürte verwundert ein nagendes Gefühl von Sehnsucht, als er dem Mann, dessen Präsenz die ganze Straße einnahm, hinterher sah. Die Schützenstraße schien endlos lang zu sein. Im fahlen Licht der vereinzelten Straßenlaternen hatte er das Gefühl, durch eine Geisterstadt zu wandern. Grau an grau lehnten sich die Häuser, die ihre besten Tage längst hinter sich gelassen hatten, aneinander und beobachteten ihn aus blinden Fenstern.

Endlich kam er an dem renovierungsbedürftigen Mehrfamilienhauses an, in dem er mit Mutter lebte. Er schlurfte die Treppen hinauf bis ganz nach oben.

»Hier wohnen Marianne und Jakob Teuber«, stand auf dem grottenhässlichen, selbst getöpferten Herz, das an der Wohnungstür hing. Peinlich berührt sah Jakob weg. Wenn man das las, könnte man denken, dass hier ein Ehepaar wohnen würde und nicht Mutter und Sohn.

Leise schloss er auf und betrat auf Zehenspitzen die Wohnung, um Mutter nicht zu wecken. Wie immer empfing ihn ein dumpfer Geruch nach Kohlrouladen, der sich nicht vertreiben ließ, egal, wie stark man lüftete. Er schlich durch den engen, schlauchförmigen Flur. Sein Blick fiel nach vorne. Das gerahmte Bild nahm die gesamte Wandbreite ein. Wie immer starrte der streng aussehende Jesus, der darauf in Lebensgröße abgebildet war, strafend auf ihn hinunter, beobachtete jede seiner Bewegungen und ließ ihn nicht aus seinen stumpfen Augen. Er schien bereits auf ihn gewartet zu haben.

»Hör auf zu glotzen, du blöde, langhaarige Tunte«, murmelte Jakob leise in Richtung Bild. In seinem Zimmer streifte er erleichtert die Turnschuhe von den Füßen und warf sich auf sein Bett. Er landete auf etwas Hartem und griff mit einer Hand unter seinen Rücken. Er stöhnte, als er erkannte, was es war. Mutter hatte ihm wieder eine Bibel auf sein Bett gelegt.

Sie würde nie aufgeben.

Er warf die Bibel mit Schwung in die andere Ecke des Zimmers, wo sie erst an die Wand knallte, dann aufgeschlagen auf dem Teppich liegen blieb. Seine gesamte Kindheit hatte er in der Kirche verbracht. Als Vater noch lebte, war es Jakobs einzige Aufgabe gewesen, zu beten, zu schweigen und sich möglichst unauffällig zu verhalten. Nach Vaters Tod, begann er zu rebellieren. Er ging nicht mehr in seine verhasste Schule und heftige Wutanfälle schalteten seinen Kopf aus, die ihn von einer Schlägerei in die nächste führten. Noch immer fühlte sich sein Leben an, als würde er in einer Zwangsjacke stecken, deren Druck sich nur löste, wenn er seiner Wut freien Lauf ließ. Er konnte nichts daran ändern.

Eine bleierne Müdigkeit legte sich über ihn. Er dachte an den seltsamen Mann, der ihm auf dem Weg nach Hause begegnet war. Nelu hatte etwas Besonderes an sich gehabt. Etwas, wonach sich Jakob in seinem tiefsten Inneren sehnte.

Die Albträume ließen, wie fast jede Nacht, nicht lange auf sich warten. Irgendwo in seinem Unterbewusstsein hatten sie den ganzen Tag gelauert, still und verborgen, und hatten Hände reibend auf den Moment gewartet, in dem er endlich in den Schlaf fiel. Sie quälten ihn, bis der Morgen sie vertrieb.

Jakobs T-Shirt klebte feucht an seinem Körper, als er erwachte. Es war Samstag.

Eine Weile lag er in seinem Bett, ohne sich zu rühren, und weigerte sich, die Augen zu öffnen. Wofür sollte er aufstehen?

Die Langeweile, die sein Leben beherrschte, legte sich wie Klebstoff über ihn, ließ ihn bewegungslos werden und nahm ihm die Luft zum Atmen. Erst als ihm einfiel, dass heute ein wichtiges Fußballspiel stattfinden würde und er tatsächlich eine Karte fürs Stadion hatte auftreiben können, begann er, sich zu regen.

Fußball, dieses dämliche Spiel, bei dem erwachsene, durchtrainierte Männer einem Ball hinterherliefen wie Kinder und das Ganze für ein Weltgeschehen hielten.

Er war kein Fan irgendeiner Mannschaft, schaute sich nie ein Spiel im Fernsehen an. Das Einzige, was er an Fußball liebte, war diese aufgeheizte, gewaltbereite Stimmung im Stadion. Diese Aggression, die alles beherrschte und aus einem braven Familienvater ein wildes Tier werden ließ. Heute fand das lang ersehnte Revierderby statt. Gelb gegen Blau. Auf Aggressionen würde er nicht lange warten müssen. Heute ist ein guter Tag, um sich mal richtig zu schlagen, beschloss er und stieg aus dem Bett.

Wie immer hatte Mutter den Küchentisch liebevoll gedeckt. Sobald er sich setzte, hörte er das Schlappen ihrer Hausschuhe näher kommen und spürte, wie seine Nackenhaare sich aufstellten. Sie schob ihren runden, weichen Körper zu ihm in den Raum und strich mit der Hand über sein millimeterkurz rasiertes Haar.

Unwillig zog er den Kopf zur Seite.

Aus dem Wohnzimmer dröhnte das stumpfsinnige Geplapper des Fernsehers.

Sie setzte sich zu ihm an den Tisch.

»Habe ich einen Hunger, Hase. Mir knurrt der Magen, aber ich wollte so gerne mit dir zusammen frühstücken, also habe ich gewartet. Ich sehe dich ja so selten, jetzt, wo du jeden Tag auf der Arbeit bist.« Sie strahlte ihn dämlich an, während sie ihm Kaffee einschenkte und fürsorglich eine Scheibe Graubrot aus dem Discounter auf seinen Teller legte.

Jakob beobachtete sie schweigend. Er hasste dieses Gefühl von Mitleid, das ihn überkam, wenn er sie ansah.

Sie faltete ihre Hände und schloss die Augen. »Herr. Wir danken dir für Speis und Trank. Gesegnet seien deine Gaben und deine Güte. Amen.«

»Amen«, antwortete Jakob leise. Er bestrich sein Brot lustlos mit Marmelade und biss hinein. Mutter schien es wie immer zu schmecken. Sie kaute mit vollen, rosigen Backen. »Ich muss mich beeilen. In einer halben Stunde fängt die Quizshow ›Raten mit Robert‹ an. Danach läuft gleich der Rosamunde-Film. Ich liebe das Fernsehprogramm am Samstagnachmittag.« Ihr einfältiges Lächeln hatte etwas Seliges.

Komisch, dachte Jakob, sie hängt den ganzen Tag vor der Glotze, verlässt das Haus nur zum Einkaufen und am Sonntag, wenn sie zum Gottesdienst die Straße runter in die Pauluskirche wackelt, trotzdem scheint sie glücklich zu sein. Wie macht sie das nur?

Er räusperte sich. »Mutter, ich muss dir was sagen.«

»Was denn?«, fragte sie. »Hase?« Ihre Stimme nahm einen misstrauischen Ton an.

»Die Maßnahme vom Jobcenter. Ich bin gestern gegangen. Habe abgebrochen. Bin mit den Kollegen nicht klar gekommen.« Er sah sie an.

Es dauerte lange, bis sie reagierte.

»Warum sind die Menschen immer so gemein zu dir, Jakob? Ich bin mir sicher, dass du nichts falsch gemacht hast. Die Leute verstehen dich einfach nicht. Das war schon immer so. Ärgere dich nicht, Hase. Es wird alles gut.« Sie widmete sich wieder ausgiebig ihrem Teller und verzog trotzig die Mundwinkel.

Jakob nahm das angespannte Flackern in ihren Augen wahr.

»Es geht nicht darum, ob ich mich ärgere oder nicht«, brauste er auf und kämpfte darum, nicht laut zu werden, »es geht darum, dass uns das Geld fehlen wird. Das Jobcenter wird nichts mehr zahlen. Verstehst du? Was machen wir jetzt?«

Ihr Blick irrte in der Küche umher, ohne etwas zu fassen, streifte planlos über die ramponierte Kücheneinrichtung.

»Die Wege des Herrn sind unergründlich«, flüsterte sie mit wackliger Stimme, »wir sind Gottes Kinder, und alles hat seine Richtigkeit, auch wenn wir es im ersten Moment nicht verstehen. Wir müssen einfach vertrauen. Das hat dein Vater auch immer gepredigt. Erinnerst du dich?« Ein verklärtes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Jakob spürte die Blitze, die plötzlich in seinem Kopf zu zucken anfingen, ein violetter Schleier legte sich über seine Augen, und er hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können.

»Du sollst nicht mit mir über Vater sprechen. Wie oft soll ich dir das noch sagen?«, keifte er sie an. Er schnappte nach Luft und knallte mit zitternder Hand seine Kaffeetasse auf den Tisch. »Bin fertig«, murmelte er mit heiserer Stimme und sprang auf, »ich leg mich noch mal hin.«

»Ok, Schatz«, rief sie gut gelaunt und begann, vor sich hin summend, den Tisch abzuräumen. Sie war eine Meisterin darin, die Realität zu verdrängen. Fluchtartig verließ er die Küche und verschwand in seinem Zimmer. Er legte sich auf sein Bett und starrte an die Decke. Es gelang ihm nicht, dafür zu sorgen, dass es Mutter gut ging. Nichts in seinem Leben gelang ihm.

Die gewohnte Geräuschkulisse des Fernsehers, die durch die Wohnung hallte, wurde lauter.

Er griff mit einer Hand unter das Bett und zog die Flasche Wodka hervor, die er dort deponiert hatte. Er trank einen großen Schluck direkt aus der Flasche und wurde augenblicklich ruhiger. Noch zwei Stunden, bis er zum Fußball gehen würde. Genau die richtige Zeit, um schon mal vorzuglühen. Er setzte die Flasche an.

Kapitel 3 – Jakob

Der Alkohol waberte in weichen Wellen durch seinen Körper, als er einige Zeit später aus dem Bett stieg, um sich fertig zu machen. Vor dem Kleiderschrank rümpfte er die Nase.

Er besaß nur eine einzige Jeans, die zwar abgewetzt war und Löcher an den Knien hatte, die aber immer noch cooler aussah als seine üblichen Jogginghosen. Er zog sie und ein ausgebleichtes, ehemals schwarzes T-Shirt an und musterte sich im Spiegel.

Er war zu dünn. Seine mageren Arme ragten wie Striche aus den Ärmeln seines T-Shirts hervor, und unter dem Stoff wirkten die Knochen seiner schmalen Schultern wie spitze Dolche. Immerhin war sein Aussehen gut geeignet, um einen Feind zu täuschen, redete er sich ein. Er mochte vielleicht einen dürren Körper haben, aber er war zäh und in einer Schlägerei nahezu schmerzunempfindlich.

Kurz steckte er den Kopf ins Wohnzimmer. »Tschüss Mutter, ich bin mal kurz weg.«

Sie saß hoch aufgerichtet auf der Couch, stopfte sich abwesend Pralinen in den Mund und starrte wie hypnotisiert auf das flimmernde Fernsehbild. »Mmmh«, murmelte sie, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden.

Schön, dass sie glücklich war.

Bevor Jakob die Haustür hinter sich zuzog, sah er genau, wie Jesus auf dem Bild im Flur die Stirn runzelte und ihm argwöhnisch hinterhersah.

Das animalische Grölen der Fans riss ihn mit wie eine Sturmflut, als er neben ihnen über die Möllerbrücke in Richtung Stadion lief. Das sonst so friedliche Kreuzviertel, mit seinen hübsch sanierten Altbauten, normalerweise überlaufen von Pädagogen, Lehrern, Studenten, Alternativen, ökologisch korrekten Eltern mit Kleinkindern und linken Möchtegernintellektuellen, verwandelte sich bei einem Heimspiel in einen brodelnden Sumpf. Durch die große Menschenansammlung und die vielen Polizisten kamen sie nur langsam voran. Sie bewegten sich in Schneckentempo und als eine gesammelte Macht. In ihrer einheitlichen grellgelben Fantracht, gemeinsame Parolen und Lieder brüllend, wirkten die Fußballfans wie Soldaten in Uniform, die bereit und auf dem Weg waren, um in den Krieg zu ziehen. Jakob spürte das Kribbeln, das sich von seinen Fingerspitzen aus in den gesamten Körper ausbreitete, als würden Tausende von Bienen unter seiner Haut beginnen zu brummen.

Die Nachmittagssonne brannte so heiß, dass die von Testosteron geschwängerte Luft zu flimmern schien.

»Tod dem SV 30«, brüllte ein krank aussehender, rothaariger Mann neben ihm, und Tropfen seiner Spucke trafen Jakob an der Stirn.

»Tod dem SV 30«, brüllten alle anderen zurück.

Sie waren eine Einheit. Eine gelbe Einheit voller Kraft und Unbesiegbarkeit. Kurz überkam Jakob das trügerische Gefühl dazuzugehören, aber er schüttelte den Gedanken schnell wieder ab. Er würde sich keiner Gruppe Hooligans anschließen und Teil von ihnen werden wollen. Er war schon immer ein Einzelkämpfer gewesen und würde das auch bleiben. Wenn es drauf ankommen würde, hätte er kein Problem damit, auch Fans der eigenen Mannschaft zusammenzuschlagen, wenn sich die Möglichkeit ergeben würde. Er hatte nur einen Grundsatz, an den er sich eisern hielt, wenn es um Gewalt ging. Er schlug sich nur mit Gegnern, die sich ebenfalls schlagen wollten. Niemals würde er sich an einem wehrlosen Opfer vergreifen, das würde gegen seine Prinzipien verstoßen. Gut, dass es genug Trottel gab, die sich gerne prügeln wollten.

Am Stadion angekommen, musste er die Tortur der Durchsuchung am Eingang über sich ergehen lassen.

Mit zusammengepressten Lippen ließ er sich widerstrebend von den Ordnern abtasten. Endlich ließen die Typen von ihm ab und er durfte weitergehen.

Erleichtert atmete er auf, besorgte sich an einem der Getränkewagen Bier, drängte sich durch die aufgebrachte Menge und stellte sich in seinen Block auf der Südtribüne.

Die Spieler liefen ein, das Spiel begann. Die Fans tobten, obwohl noch gar nichts passiert war. Er sah sich im Publikum um. Ausverkauftes Stadion. Das Übliche.

Die Menschen ähnelten dicht aneinandergedrängten Schafen in einer Herde, sie standen und glotzten, machten bei jeder Ballberührung der eigenen Mannschaft ungelenke Sprünge, umarmten ihre Nachbarn, die sie normalerweise auf der Straße nicht mal grüßen würden, und klatschten bei jeder Situation in die Hände wie geistig zurückgebliebene Kinder. Jeder bemühte sich sichtlich, endlich mal aus sich hinauszugehen und die Sau rauszulassen. Jakob seufzte. Das Spiel langweilte ihn.

Volle Bierbecher wurden nach vorne geworfen, das Gegröle der Fangesänge wurde lauter.

Jakob begann, sich innerlich darauf vorzubereiten, was draußen auf der Straße gleich passieren würde. In absehbarer Zeit würde sein eigenes Spiel beginnen. Er schloss die Augen und sah das verschwommene Bild eines konturlosen Gesichts vor sich und seine eigene Faust, die mitten hineindrosch. Zerrissene blaue Trikots voller Blut tauchten vor seinem inneren Auge auf. Er lächelte.

»Hömma, hat dir schon mal jemand gesagt, dass du aussiehst, wie ein kleiner Junge, wenn du lächelst? Richtig süß«, lallte ein betrunkener Fußballfan neben ihm und riss ihn aus seinen Gedanken. Jakob versuchte, ihn mit seinen Blicken zu töten und der Mann war schlau genug, ihn in Ruhe zu lassen.

Erst als die ersten Besucher des Fußballspiels ihn grob in den Rücken stießen, um sich an ihm vorbei zu den Treppen zu drängeln, bemerkte er, dass das Spiel zu Ende und abgepfiffen worden war. Das Publikum schob ihn Richtung Ausgang und zog ihn mit sich. Angespannt verließ er mit den anderen das Stadion.

Sobald er auf der Straße war, kam die Wut mit voller Kraft zurück und brüllte ihn an, dass sie endlich hinausgelassen werden wollte.

Breitbeinig und mit erhobenem Kopf stolzierte er provozierend langsam durch die herumstehenden Menschen, die Bier trinkend vor dem Stadion herumlungerten, sich aufgebracht über das Spiel unterhielten und nicht nach Hause wollten.

Misstrauisch beäugte er die Polizisten, die sich, mit Helmen, Schutzschildern und Knüppeln bewaffnet, am Straßenrand aufgereiht hatten und nur darauf zu warten schienen, dass es endlich losging. Drei der gegnerischen Fans standen etwas abseits der anderen, die sich sammelten, um geschlossen Richtung Bahnhof zu gehen.

Der größte der drei Männer fing seinen Blick auf und fixierte ihn, ohne zu zwinkern. Arrogant musterte er ihn von oben nach unten. Seine Lippen öffneten sich, und er bleckte seine schiefen, gelblichen Zähne. Kaum erkennbar nickte er mit dem Kopf in Jakobs Richtung.

Jakob reagierte sofort. Das Adrenalin pochte in seinen Adern.

Er spurtete los, rannte auf den Mann zu, boxte ihm erst mit der Faust in den Magen, umrundete ihn und sprang von hinten auf seinen Rücken. Er schlang ihm die Arme von hinten um die Kehle und drückte mit aller Kraft zu.

»Scheiß SV 30, du Hurensohn«, keuchte er in sein Ohr, »jetzt bist du dran.«

Der Große versuchte, ihn abzuschütteln, aber es gelang ihm nicht. Wie ein Sack hing Jakob auf seinem Rücken und presste die Arme immer fester um seinen Hals.

»Ey«, schrie einer der Kollegen des Mannes, »bist du wahnsinnig? Der kriegt keine Luft mehr. Lass ihn los, du Spinner.« Er versuchte, Jakob von hinten zu packen, doch dieser trat ihm voll ins Gesicht.

Jakob hörte das Knacken seiner Nase und trat direkt noch einmal zu. Der Mann krümmte sich, vergrub das Gesicht in den Händen und wandte sich ab. Inzwischen hatte Jakob den Großen zu Boden geworfen, stürzte sich auf ihn und schlug ihm mit der Faust immer wieder ins Gesicht. Der erste Schlag war wie eine Befreiung. Jeder Muskel seines Körpers befand sich im Einklang, jede Sehne war angespannt. Endlich konnte er sich spüren und war eins mit seinem Körper.

Jakob roch das Blut, bevor er es sah. Tief atmete er den metallischen Geruch ein. Ein Gefühl von Freiheit begann, sich in seiner Brust auszubreiten, das ihn schwindelig machte.

Wie ein wildes Tier blickte er um sich in die verschwommene Traube von Menschen, die sich um sie herum gebildet hatte, und sah direkt in die dunkelblauen Augen des schwarz gekleideten Mannes, der ihm am Vorabend auf der Straße begegnet war. Nelu sah interessiert zu ihnen hinüber, und ein leichtes Lächeln huschte über sein schönes Gesicht. Jakob starrte ihn an. Dann fühlte er einen dumpfen Schlag auf seinem Hinterkopf, und alles um ihn herum wurde schwarz.

Kapitel 4 – Tim

Tim König stand neben seinen Kollegen, die ein Spalier am Straßenrand gebildet hatten, und schaute mit gequältem Gesichtsausdruck auf die Fußballfans, die an ihnen vorbeiliefen. Bei manchen torkelnden Gestalten konnte man es kaum Laufen nennen.

Er beobachtete, wie einer dieser gelben Irren sich in einem großen Schwall auf seine eigenen Schuhe erbrach, und wandte schnell den Blick ab.

Wieder einmal mussten sie nach einem Fußballspiel für öffentliche Sicherheit sorgen. Die Hundertschaften, die normalerweise für solche Einsätze zuständig waren, waren abgezogen worden, da in der Nachbarstadt heute Nacht eine groß angekündigte Razzia im Rotlichtbezirk stattfinden sollte. Die Hälfte der Kollegen war im Sommerurlaub, sodass man sogar ihn, der normalerweise ausschließlich Bürodienst machte, hinter seinem Schreibtisch hervorgezogen hatte.

Es war heiß, er schwitzte, und seine Haut juckte unter dem Schutzpanzer. Mit Mühe unterdrückte er ein Gähnen und versuchte krampfhaft, seine Augen offen zu halten, die immer wieder zufallen wollten.

Gestern Nacht hatte er bis zum Morgengrauen gezockt und war endlich bei dem besten Computerspiel der Welt »Warriors of Darkness« im fünften Level angekommen.

Beim Zocken machte ihm so schnell niemand etwas vor, und er brauchte Zeit dafür, egal, ob Markowski ihn nach seinem letzten Krankenschein wieder schief von der Seite angesehen hatte. Jetzt war er schließlich hier, stand wie ein Dominostein in einer Reihe mit den anderen und betete innerlich, dass bloß keiner dieser Fußballidioten austicken würde.

Königs Blick schweifte misstrauisch über die Menschenmenge. Noch war alles ruhig. Wenn dieses Herumgestehe bloß nicht so langweilig wäre.

Hatte er heute Mittag, bevor er zum Dienst ging, eigentlich Jutta, die Katze, die ihm Corinna bei ihrem fluchtartigen Auszug aus der gemeinsamen Wohnung hinterlassen hatte, gefüttert? König überlegte konzentriert. Doch, beschloss er, er war sich ganz sicher, eine Dose dieses übel riechenden Katzenfraßes geöffnet und in ihre Schüssel gefüllt zu haben. »Rebhuhn mit Erbsen«, hatte auf der Dose gestanden. So etwas Feines bekam er selber nicht zu essen. Sofort begann sein Magen zu knurren. Verstohlen blickte er auf seine Uhr. Es war nach sechs Uhr abends. Wenn nichts Weltbewegendes mehr geschehen würde, wäre vielleicht pünktlich um halb neun Feierabend.

König zuckte zusammen, als plötzlich der schrille Pfiff einer Trillerpfeife direkt neben ihm ertönte.

»Zugriff. Deeskalation. Rechte Seite. Steinmauer«, brüllte eine Stimme. Sein Blick fuhr automatisch nach rechts.

An der Mauer, die den urigen Biergarten umschloss, hatte sich eine Menschenansammlung gebildet, stellte er überrascht fest.

Einige der Leute wichen gerade erschrocken zurück und gaben den Blick frei auf zwei Typen, die in einer Lache Blut am Boden lagen.

»Bist du eingeschlafen, oder was?«, raunzte dieser Schleimer Dressler ihn von der Seite an, »leg einen Zahn zu und schieb deinen Body da rüber. Die Mauer war dein Part der Überwachung. Haste ja toll hingekriegt.«

König schluckte und lief trabend hinter Dressler durch die Menge auf die Mauer zu.

»Gehen Sie aus dem Weg. Polizei!«

Er versuchte, nicht zu würgen, als er durch die Menge trat. Es war viel Blut geflossen. Der ganze Boden schimmerte in einem bräunlichen Dunkelrot. Einer der beteiligten Kerle, dessen Gesicht ähnlich aussah wie das Katzenfutter von Jutta, rappelte sich gerade schwankend vom Boden auf und wurde dabei von seinen beiden Kumpels gestützt, von denen einer heftig aus seiner schief stehenden Nase blutete.

»Kann mir bitte jemand sagen, was hier los war?«, fragte er resigniert in die Runde, nahm den Schutzhelm ab und strich sich müde sein verschwitztes, braunes Haar aus der Stirn.

»Da war so ein Verrückter«, keuchte der Unverletzte der drei Männer, »der ist von hinten auf Thomas drauf gesprungen, wie ein wild gewordenes Tier, ohne Vorwarnung und ohne was zu sagen. Hat auf ihn draufgeschlagen, einfach so. So was hab ich noch nicht erlebt. Ich hasse dieses Dortmunder Gesocks.« Er schüttelte schockiert den Kopf, atmete schwer, als wäre er selbst zusammengeschlagen worden.

König sah ihn schweigend an.

Eine blonde junge Frau trat hervor. »Er hat recht. Ich habe das Ganze beobachtet. Es ging ganz schnell. Die drei standen da, und der«, sie wies mit der Hand auf das zusammengesunkene Stück Mensch in der Blutlache, »der kam angerannt, sprang den einen an, würgte ihn und trat mit dem Fuß nach dem anderen. Als er den einen Mann zu Boden gebracht hatte, kam er in eine Art Blutrausch und schlug auf ihn ein, als würde es um sein Leben gehen.«

»Und dann habt ihr zurückgeschlagen, oder was? Immer schön rauf auf den Dortmunder.«

»Na ja«, meinte der mit der zertrümmerten Nase, »der Typ schien plötzlich wie weggetreten zu sein und glotzte wie hypnotisiert in die Menge, während er vorher nur damit beschäftigt war, Thomas halbtot zu schlagen. Ich habe die Chance ergriffen, ihm eine Flasche über den Hinterkopf gezogen und ihn außer Gefecht gesetzt. Der Typ«, seine Stimme zitterte, »er ist doch nicht tot?«

König trat vorsichtig mit der Schuhspitze in die Rippen des auf dem Boden liegenden Mannes. Ein Stöhnen erklang von unten.

»Nö. Ist er nicht«, erklärte König. »Hat sonst noch jemand was zu sagen, um den Sachverhalt zu klären?« Er sah sich fragend im Publikum um.

Markowski drängte plötzlich seinen haarigen, stämmigen Körper zwischen ihn und die Menge und stieß ihn grob zur Seite.

»So, König. Jetzt lass mal gut sein. Du bist diese Art von Arbeit doch gar nicht gewohnt. Ich übernehme.« Sein Stiernacken glänzte wie immer rot leuchtend, genauso wie sein Gesicht. Er zückte sein Notizbuch und begann mit seinen Befragungen.

Der Rettungswagen kam. Ein Sanitäter warf einen flüchtigen Blick auf die zwei ansprechbaren Verletzten, dann kniete er sich in die Lache Blut auf dem Boden, schob mit den behandschuhten Fingern das Augenlid des bewusstlosen Mannes nach oben und beleuchtete mit einer Lampe seine Pupille. Der Bewusstlose zuckte plötzlich, richtete sich auf, hob seine Hand und krallte die Finger in das schulterlange, gelockte Haar des Sanitäters.

»Fick dich«, schrie er ihn mit geschlossenen Augen an und spuckte dem Mann ins Gesicht, dann sank er zurück auf die Straße.

»Der Mann ist ok«, stellte der Sanitäter fest, räusperte sich und wischte sich den Rotz aus dem Gesicht, »die Wunde ist nicht tief. Ich werde sie desinfizieren, aber nehmen Sie ihn in Polizeigewahrsam. Der Junge muss sich dringend ausnüchtern. Falls Sie morgen eine ungewöhnliche Veränderung seiner Pupillen wahrnehmen, bringen Sie ihn ins Krankenhaus.«

Die Sanitäter verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren.

Dressler, Markowski und König sahen den blinkenden Lichtern des Rettungswagens hinterher. Dann wandten sie ihren Blick der zusammengekrümmten Gestalt auf dem Boden zu.

»Wir müssen ihn mitnehmen«, stellte Markowski fest.

Sie sahen auf den jungen Mann mit den raspelkurzen Haaren und dem schwarzen T-Shirt hinunter.

»Wenn er mich anspuckt, lasse ich ihn fallen«, sagte Markowski entschlossen.

Sie schauten sich an. Ohne ein Wort zu sagen, griffen sich Dressler und Markowski jeweils einen Arm und ein Bein des Mannes, König schob seine Finger unter das Genick und sicherte den Kopf. Er stöhnte.

»Was hat der in seinem Schädel? Steine?«, rief er.

Er spürte das vertraute Ziehen in seinem Rücken.

Er war mit seinen 35 Jahren einfach zu alt für so einen Einsatz.

Sie schleppten den Mann zu ihrem Streifenwagen und versuchten, ihn nach hinten ins Auto zu legen. Ein dumpfer Knall ertönte.

»Vorsicht. Sein Kopf«, schimpfte Markowski.

Sie bugsierten ihn unter großen Anstrengungen auf den Rücksitz. Markowski schnaufte, und sein dicker Schnurrbart, der ihn aussehen ließ wie ein Walross, bebte dabei lustig auf und ab.

»Jetzt auf zur Wache, Jungs. Ab in die Zelle mit dem Typen, Berichte schreiben und Feierabend. Obwohl«, er kratzte sich am Kopf, »ich mir eigentlich nicht sicher bin, ob er nicht doch besser in ein Krankenhaus gehören würde. Na ja, was soll’s, ich bin kein Arzt. Los, auf geht’s.« Er klatschte in die Hände.

König hasste das. Es fühlte sich an, als wäre er ein Schuljunge und Markowski sein Lehrer.

Sie machten sich auf den Weg. Die Straßen waren voll, und es dauerte eine Ewigkeit, bis sie die Polizeiwache Nord erreichten. Dass der Mann auf dem Rücksitz langsam zu sich kam, war nicht zu überhören. Er stieß erst seltsame, lang gezogene Geräusche aus, dann brabbelte er irgendwelche unsinnigen Wörter vor sich hin, als würde er in einer fremden Sprache sprechen.

Ob er bei dem Schlag auf den Kopf seinen Verstand verloren hat? König wurde unruhig. Oder war er gar kein Mensch? Vielleicht kam er von einem anderen Planeten und war hier, um die Erde zu vernichten. Er versuchte, sich zusammenzureißen. Er spielte wirklich zu viele Computerspiele, seine Fantasie ging immer öfter mit ihm durch.

Er drehte seinen Kopf nach hinten und musterte den verletzten Mann. Dieser riss genau in diesem Augenblick die blutunterlaufenen Augen auf und starrte ihn an.

»Verpiss dich, Bullenschwein«, schrie der Mann ihn an.

König war beruhigt. Es war kein Außerirdischer, so ging das normale Volk heutzutage mit Polizisten um. Alles ganz normal.

Er lächelte, als der Mann wüste Flüche und Beschimpfungen von hinten brüllte. Die Polizisten stellten sich taub.

Als sie auf der Wache ankamen, schien der Mann erschöpft zu sein, leistete keine Gegenwehr und ließ sich mit hängendem Kopf in das Büro führen.

Sie nahmen sein Handy an sich und überprüften seine Personalien. Markowski zog seine buschigen Augenbrauen nach oben. »Oha. Schon öfter hier gewesen, was? Immer wegen Gewaltdelikten und Körperverletzung. Na, dann kennst du dich ja aus.«

Der Mann reagierte nicht.

Irgendwie schien ihm alles egal zu sein, dachte König. Etwas an diesem Mann machte ihn traurig. Er wirkte einsam und ernsthaft verzweifelt.

Sie brachten ihn in die Ausnüchterungszelle, wo er sich von selbst, ohne dass sie ihm Anweisungen geben mussten, die Schuhe auszog und den Gürtel ablegte und ihnen schweigend in die Hand drückte. Dann legte er sich in der Zelle auf die Pritsche und starrte an die Decke.

»Angenehme Nacht«, rief Markowski ihm zu und schloss die Zellentür. Er rieb seine dicken Hände aneinander und musterte nacheinander Dressler und König.

»Und wer, was denkt ihr, wer schreibt jetzt den Bericht?«, fragte er vergnügt in die Runde und zwinkerte Dressler zu.

»König. Wer sonst?«, Dressler kicherte wie ein kleines Mädchen.

»Was? Warum ich schon wieder?«, fragte König zickig.

»Weil du, Tim König«, Markowski tippte ihm mehrmals mit dem Zeigefinger gegen die Brust, »vor Kurzem wieder mal zwei Wochen einen Schein genommen und krankgefeiert hast. Glaub mir, wir wissen genau, dass du nicht wirklich krank warst.«

König schnappte nach Luft. »Das ist eine Unterstellung«, fing er empört an, doch Markowski unterbrach ihn.

»Fang bloß nicht an, dich rauszureden, sonst werde ich ernsthaft wütend. Mach dich an die Arbeit. Strafe muss sein und übrigens, geh endlich mal zum Friseur. Deine Haare sind viel zu lang und stehen von deinem Kopf ab, als hättest du einen Stromschlag bekommen. Du könntest glatt als Musiker in einer dieser ausgeflippten Reggae-Bands durchgehen, bald nenne ich dich nur noch Pumuckl«, er stieß ein bellendes Lachen aus, »los, Dressler. Wir trinken noch ein Feierabendbier zusammen, dann geht’s ab nach Hause.«

Das Klatschen seiner Hände hallte über den Flur.

König sah Dresslers höhnisches Grinsen noch vor sich, als er sich in dem stickigen, kleinen Büro an den Schreibtisch setzte, erfolglos versuchte, mit der Hand sein widerspenstiges, kurzes Haar zu glätten und den Computer hochfuhr.

Kapitel 5 – Jakob

Jakobs Kopf dröhnte, als er erwachte und durch seine verquollenen Augen linste, um zu erkennen, wo er sich befand.

Der gestrige Tag rauschte wie verschwommener Brei durch sein Gehirn und ließ sich nicht fassen. Er richtete sich auf, setzte sich auf die Pritsche, auf der er gelegen hatte, und blickte irritiert um sich.

Es dauerte einige Zeit, bis er zuordnen konnte, dass er sich in einer Gefängniszelle aufhielt.

Er starrte auf seine Hände, an denen getrocknetes Blut klebte. Hoffentlich hatte er den anderen wenigstens gut erwischt, dachte er und sah sich um.

Er kannte diese quadratischen, winzigen Räume nur zu gut. Er stand auf, machte einen großen Schritt und erreichte die gegenüberliegende Wand, wo sich eine Toilette und ein im Boden fest verankertes Waschbecken befanden, und begann, sich kaltes Wasser ins Gesicht zu klatschen. Das Becken verfärbte sich rot. Vorsichtig betastete er mit der Hand sein Gesicht, die frisch verschorfte Wunde und die riesige Beule an seinem Hinterkopf.

Er zuckte vor Schmerz zusammen, stellte aber erleichtert fest, dass seine Verletzungen nicht weiter schlimm waren. Manche seiner Schlägereien waren übler ausgegangen. Er konnte sich bewegen und schien keine Knochenbrüche zu haben. Es gelang ihm, ohne Schwierigkeiten zu atmen, und er hatte noch alle seine Zähne im Mund. Alles in Ordnung. Jetzt musste er nur noch hier raus. Er ging zur Tür und hämmerte mit den Fäusten dagegen.

»Hallo?«, rief er, »kann mich vielleicht mal irgendwer rauslassen? Ich habe noch was anderes zu tun, als hier abzuhängen.«

Es dauerte eine Ewigkeit, bis er trottende Schritte und das Geklirre eines Schlüsselbundes vor der Tür hörte.

Typisch, die Bullen mussten einem mit jeder kleinen Geste klarmachen, dass sie am längeren Hebel saßen. Arme Schweine eigentlich, wenn sie so was nötig hatten.

Ein Riegel wurde zur Seite geschoben, und ein dickes Bullengesicht schaute durch das kleine vergitterte Fenster, das in der Tür eingebaut war.

»Na. Schon wach?«, brummte der Mann draußen.

»Ne, ich liege eingekuschelt auf eurer verfickten Pritsche und schlafe wie ein Baby«, schrie Jakob ihm durch die Tür zu und sprang ungeduldig auf und ab.

»Ich mein ja nur. Wundert mich, dich so ausgeschlafen zu sehen, so wie du letzte Nacht geschrien hast. Wir waren kurz davor, den Arzt zu rufen, und der mag es gar nicht, wenn er nachts gestört wird. Hast uns ganz schön auf Trab gehalten«, erklärte der Wärter.

Diese verdammten Albträume. Sie würden nie aufhören, Jakob zu verfolgen.

»Ist mir scheißegal, was mit eurem Arzt ist. Ihr könnt das Wohnzimmer hier für den nächsten Gast fertig machen, ich bin bereit abzureisen.«

»Immer langsam, junger Mann«, sagte der Bulle beschwichtigend, »ich werde nachfragen, ob du gehen kannst.« Er schlurfte davon.

Jakob begann, durch den Raum zu laufen, von einer Ecke in die andere, und wartete. Nervös wischte er sich seine feuchten Handflächen an der Jeans ab. Endlich kam der Bulle zurück, schloss umständlich die Zellentür auf, händigte Jakob in einem langen Prozedere Schuhe, Gürtel, Wertsachen und seinen Ausweis aus und ließ ihn irgendein Dokument unterschreiben. Dann durfte er gehen.

Von der Sonne geblendet, trat er durch die Glastür der Polizeiwache auf die Straße, wo ihn ein heißer Sommervormittag empfing. Er blinzelte und wollte gerade den Weg nach Hause antreten, als er mitten in der Bewegung innehielt und abrupt stehen blieb.

Auf dem Rand eines Betonkübels, in den, bei einem vergeblichen Versuch, das Nordstadtbild zu verschönern, von einem der vielen alternativen Gutmenschen ein traurig aussehendes Bäumchen gepflanzt worden war, saß Nelu, rauchte eine Zigarette und blickte zu ihm hinüber.

Zögernd machte Jakob einen Schritt auf ihn zu, blieb dann wieder stehen.

Was wollte der Typ von ihm? Hatte er auf ihn gewartet?

War er ein Stalker oder so was?

Entschlossen wandte er sich ab und begann, die Straße in die entgegengesetzte Richtung entlang zu laufen.

»Was ist los? Hast du Angst vor mir?«, rief Nelu hinter ihm her und lachte heiser.

Seine Stimme zog Jakob magisch an. Er gab sich einen Ruck und ging mit klopfenden Herzen auf ihn zu.

Er fühlte sich schäbig in seiner blutverschmierten, zerknitterten Kleidung, die er schon gestern getragen hatte, er roch nach Schweiß und hatte seine Zähne nicht geputzt.

Nelu verströmte einen frischen Duft nach teurem Parfüm. Er bot Jakob schweigend eine Zigarette an. Sie rauchten wortlos.

»Du kannst gut kämpfen. Hab dich vor dem Stadion gesehen.« Anerkennend sah Nelu ihn an, während Jakob verärgert spürte, wie er rot anlief.

»Außer natürlich, wenn du abgelenkt und von so Weicheiern hinterrücks mit einer Flasche k.o. geschlagen wirst.« Nelu lachte. »Das hätte echt nicht sein müssen. Los komm, wir gehen.«

Als wäre es das Natürlichste auf der Welt, spazierten sie nebeneinander los. Schweigend schlugen sie den Weg Richtung Stadtkern ein und überquerten den Burgwall.

Nelus Gang hatte etwas Tänzelndes. Jede seiner Bewegungen verströmte Energie. Die Aura, die ihn umgab, war so stark, dass sie zu leuchten schien und Jakob sich sicher war, sie sehen zu können.

Die Straßen füllten sich, als sie sich dem Brückstraßenviertel näherten. Selbst an einem Sonntag herrschte hier reges Treiben. Früher als Treffpunkt der Drogen- und Rotlichtszene bekannt, hatte sich das Viertel inzwischen zu einem bunten Szenequartier entwickelt. Fressbuden, Kinos und Kneipen reihten sich dicht aneinander. Menschen, verschiedenster Kultur und Herkunft, kreuzten ihren Weg. Frauen, die ihnen entgegenkamen, starrten Nelu mit bewundernden Blicken an. Er wurde offen angehimmelt. Leidenschaftliche Blicke verfolgten sie.

Der seltsame Mann lungerte an einer der Hauswände herum. Jakob bemerkte ihn schon von Weitem. Er starrte ihnen entgegen, gekleidet in seinem klassischen, braunen Anzug, mit seinem Lederkoffer in der Hand, wirkte er wie ein Bankangestellter, seine gebeugte Körperhaltung allerdings sah irgendwie schräg aus. Er krümmte sich zusammen, als hätte er heftige Schmerzen. Er kam ihnen mit schnellen Schritten und gesenktem Kopf entgegen, blickte ab und zu auf und strahlte Nelu mit verzerrtem Gesicht an. Er schwitzte stark und strich sich ruckartig feuchte Haarsträhnen aus der Stirn.

Sein verkrampftes Grinsen sah nicht normal aus, stellte Jakob angewidert fest, als er sich ihnen näherte.

Kriecherisch griff der Mann nach Nelus Hand und verbeugte sich beim Händeschütteln mehrmals vor ihm. »Vasile, wie schön, dich zu sehen. Es bleibt bei heute Abend, ja? Es geht doch alles klar, oder?« Er klang nervös und bettelnd, wie ein Kind, das unbedingt Süßigkeiten haben will.

»Klar«, bestätigte Nelu knapp, ohne das kranke Lächeln des Mannes zu erwidern.

Der Mann blieb einen Moment unschlüssig stehen, nickte immer wieder hektisch und lief dann hastig davon, ohne sich zu verabschieden.

»Ich dachte, du heißt Nelu«, murmelte Jakob und blickte dem Mann irritiert hinterher.

»Ein richtiger Rumäne hat viele Namen.«

Jakob sah ihn an. »Du bist Rumäne?«

»Scheiße gelaufen, was? Jetzt rennst du hier mit ’nem Ausländer durch die Stadt. Wie peinlich für dich, du strahlender Sohn deutscher Helden.«

Jakob wollte widersprechen, doch Nelu ließ ihn nicht zu Wort kommen.

»Ich verstehe dich schon«, er klang versöhnlich, »ich bin ganz deiner Meinung. Meine Landsleute sind der letzte Dreck, strohdumm und nicht in der Lage, was aus ihrem Leben zu machen. Hilflose, verblödete Irre sind das. Und sie sind faul. Sie stinken wie Abfall, weil sie zu faul sind, sich zu waschen.« Er lachte.

Jakob starrte ihn ungläubig an.

»Ich meine das völlig ernst«, versicherte ihm Nelu, »ich werfe mich selbst nicht mit denen in einen Topf. Ich habe mit den Menschen meiner Nationalität nichts, rein gar nichts gemein.«

Er wurde ernst, richtete sich auf und reckte das Kinn nach oben. »Ich bin anders.«

Jakob nickte, das glaubte er ihm aufs Wort. Schweigend setzten sie ihren Weg fort.

Unweit der Fußgängerzone hockte eine Gruppe Afrikaner auf einer Bank vor dem Pylon, einer 49 Meter hohen Konstruktion aus Stahl und Glas, die wohl Kunst darstellen sollte. Die Männer machten Scherze und unterhielten sich angeregt.

»Schlimmer noch als Rumänen ist dieser schwarze Dreck«, brüllte Nelu plötzlich aus vollem Hals in ihre Richtung. »Neger, Syrer, Türken, Mulatten. Alle so viel wert wie der Dreck, der unter meinen Schuhsohlen klebt. Ich scheiß auf Dortmunds multikulturelles Gehabe.«

Jakob war von Nelus rasantem Stimmungswechsel hingerissen. Seine Wut kam aus dem Nichts, strömte aus ihm heraus, sprühte schillernde Funken und flimmerte in leuchtenden Farben durch den öden, stickigen Sonntagnachmittag.

Nelu fixierte die afrikanischen Männer mit hasserfülltem Blick. Seine Augen glühten.

Der Klingelton von Nelus Handy durchbrach die angespannte Stimmung. Genervt zog er das Gerät aus seiner Hosentasche und entfernte sich. Beim Telefonieren lief er weiter den Gehsteig entlang. Jakob folgte ihm.

»Natürlich, Margarete«, zwitscherte Nelu mit sanfter Stimme, »bitte beruhige dich. Es gab gute Gründe dafür, dass ich dich gestern versetzt habe. Mein kranker Bruder hatte wieder einen Rückfall. Wie bitte? Es kann doch nicht sein, dass du so etwas von mir denkst. Bitte mach mich nicht traurig.« Seine Stimme klang kläglich, aber er grinste Jakob von der Seite an und verdrehte dabei die Augen.

»Natürlich habe ich dein Geld für seine Therapie verwendet. Es ging ihm ja auch schon wieder besser. Aber was soll ich sagen, die Ärzte meinten, ein Rückfall könne immer wieder vorkommen, genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet.«

Er stöhnte theatralisch auf.

»Jetzt geht das Ganze wieder von vorne los. Ich werde neues Geld in seine Behandlung stecken müssen. Was?« Er zögerte.

»Ich komme nur, wenn du mir versprichst, mir nie wieder zu unterstellen, dass ich nur auf dein Geld scharf bin. Ich habe auch Gefühle. Margarete, he Engelchen, hör auf zu weinen.« Er wartete einen Moment.

»Ich komme vorbei, dann können wir in Ruhe reden. Bin schon unterwegs.« Er machte albernde Kussgeräusche in den Hörer und steckte das Handy weg.

Jakob starrte ihn entgeistert an. Nelu zuckte entschuldigend mit den Achseln.

»Dumme alte Pute«, erklärte er trocken und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. »Also, Jakob«, er wirkte abgelenkt, »ich hab was Geschäftliches zu tun. War nett, dich kennenzulernen.«

Jakob spürte eine Leere in seinem Inneren, die wehtat.

Nelu überlegte einen Augenblick.

»Soll ich dich nach Hause fahren?«, fragte er dann.

Jakob nickte stumm. Nelu wies ihn mit einer Handbewegung an, ihm zu folgen.

Sie bogen in eine Seitenstraße ein und gingen auf einen alten, verrosteten VW zu. Nelu deutete mit der Hand auf das Fenster des Wagens, das wegen der Hitze einen winzigen Spalt geöffnet war.

»Gut. So ist es am einfachsten«, murmelte er zufrieden.

Er schaute sich kurz nach allen Seiten um, langte dann in seine Schultertasche und zog eine platte, biegsame Eisenstange hervor, die vorne an der Spitze einen kleinen Haken hatte. Mit einem geübten Griff fuhr er mit der Stange durch den Fensterspalt und hebelte professionell in Sekundenschnelle von innen die Tür auf. Er schwang sich auf den Fahrersitz, riss mit einem Ruck unter dem Lenkrad die Kabel aus der Armatur, rieb sie aneinander und startete den Wagen.

»Worauf wartest du? Steig endlich ein«, rief er ungeduldig nach draußen, »geht’s ein bisschen schneller oder bist du eingeschlafen?«

Jakob riss sich zusammen und setzte sich zu ihm in den Wagen.

»Du klaust so einfach ein Auto?«, stammelte er unbeholfen.

»Ich hab dir doch gesagt, dass ich Rumäne bin. So was lernt man bei uns schon als Kleinkind.« Nelu lächelte versonnen.

»Wo müssen wir denn hin?«

Jakob erklärte stockend, wo er wohnte.

»Wir treffen uns morgen Abend um acht Uhr auf dem Hansaplatz. Sei pünktlich«, befahl Nelu.

Jakob nickte wie eine Marionette, deren Fäden ein anderer zog.

Als sie die Innenstadt hinter sich ließen und Richtung Norden fuhren, er den Fahrtwind durch das Fenster auf seinem Gesicht spürte und sich langsam entspannte, begann ein Gefühl von Freiheit sein Herz zu kitzeln, und das Lachen, das tief aus seiner Brust hervorquoll, war hemmungslos und laut.

Kapitel 6 – Leyla

Leyla Öztürk lehnte in der offenen Tür des kleinen Gemüseladens ihres Vaters und blinzelte in die Sonne. Aus den geöffneten Fenstern ihrer Nachbarn schallte ein wirrer Mix aus Musik durch die Blumenstraße. Türkische Klänge vermischten sich mit deutschem Schlager, aus dem Haus gegenüber dröhnte harter Punkrock. Lelya lächelte. Sie mochte dieses Viertel. Jeder ließ den anderen leben, so wie er war. Zwei Studenten fuhren lachend mit den Fahrrädern an ihr vorbei und winkten ihr zu. In den Getränkehaltern an ihren Rädern steckten Bierflaschen. Auf der anderen Straßenseite malten zwei schmutzige, dünne Kinder mit leidenschaftlicher Energie Kreidezeichnungen auf den Bordstein. Vor der Trinkhalle hatten sich die üblichen Kunden zu einem Schwätzchen verabredet.

Leyla kniff ihre großen, schwarzen Augen zusammen. Den jungen, schlanken Mann, der in seinem eleganten Anzug auf ihren Laden zu schlenderte, hatte sie hier noch nie gesehen. Mit einem herablassenden Lächeln auf seinem schönen Gesicht kam er auf sie zu.

Er strahlte Kälte aus. Leyla kreuzte die Arme vor der Brust und unterdrückte ein Schaudern. Seine dunkelblauen Augen bohrten sich in ihre, als er sich ohne ein Wort zu sagen, an ihr vorbei schob und den Laden betrat.

Leyla folgte ihm misstrauisch, stellte sich hinter die Ladentheke und beobachtete ihn. Verächtlich sah er sich in dem, mit Regalen zugestellten, dunklen Verkaufsraum um. Ein Lichtstrahl fiel durch das Fenster auf die ramponierten Dielen des alten Holzfußbodens und ließ tanzende Staubflocken sichtbar werden. Der fremde Mann passte nicht hierher. Er wirkte in seiner schicken Kleidung und dem perfekt sitzenden, nach hinten gegeelten Haar, zwischen den staubigen Einmachgläsern und den Körben mit Obst, Gemüse und Kräutern wie eine Karikatur. Er nahm einen Apfel in die die Hand und roch daran. Mit einem abfälligen Gesichtsausdruck ließ er ihn von oben zurück in den Korb fallen.

Lelya konnte sich nicht länger zurückhalten. »He, ein bisschen vorsichtiger mit unserer Ware, ja? Die Früchte gehen kaputt, wenn sie so geworfen werden.«

Langsam drehte er sich zu ihr um. Leyla schluckte schwer. Der Mann fixierte sie einen Moment mit kaltem Blick, dann wanderte er weiter durch den Laden und verschwand hinter den Regalen. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Die Stille im Raum war bedrückend. Der Mann tauchte wieder auf und wandte sich der Tür zu.

»Moment mal, Freundchen.« Lelya blickte auf die große Beule in der Sakkotasche des Mannes. »Was hast du da? Hast du was geklaut, oder was?«

»Süße, das würde ich nie tun. Nicht bei einem so bezaubernden Mädchen, wie du es bist. Hab ich auch gar nicht nötig.« Seine melodische Stimme klang angenehm. Sein Gesicht sah hinreißend aus.

Leyla ließ sich nicht täuschen.

Mit schnellen Schritten ging sie zornig auf den Mann zu, bis sie dicht vor ihm stand. Sein Atem roch nach Alkohol.

»Zeig mir, was du in der Tasche hast, sonst rufe ich die Polizei, du Lackaffe«, zischte sie ihn leise an.

Für einen winzigen Moment wirkte der Mann verunsichert, dann verzog sich sein Gesicht vor Abscheu. »Du dumme Schlampe. Das kannst du doch nicht ernst meinen. Weißt du eigentlich, wen du vor dir hast?«

»Das interessiert mich nicht«, sie griff an ihm vorbei und stieß die Tür auf, »gib die Ware zurück und dann hau ab. Du hast hier Hausverbot.« Ihre Stimme wurde lauter.

»Leyla, gibt es Ärger? Brauchst du Hilfe?« Der psychisch kranke Kurt, der dreimal am Tag mit seinen drei kläffenden Pekinesen sein Haus verließ und einen Spaziergang durch das Hafenviertel machte, steckte seinen riesigen, kahlen Kopf durch die Tür.

»Tasche auf«, brüllte Leyla außer sich vor Zorn.

Es ging hier nicht um etwas Obst, es ging um ihre Ehre. Die Stammkunden der Trinkhalle versammelten sich vor dem Eingang des Gemüseladens.

»Tu, was sie sagt!«, schrie Horst, mit dem aufgeschwemmten Gesicht von draußen, als würde es um sein Leben gehen.

Der fremde, junge Mann blickte fassungslos auf die wütende Meute vor der Tür, dann griff er in die Tasche seines Sakkos und zog zwei Orangen daraus hervor, die er auf die Holzdielen fallen ließ.

»Das wirst du bereuen, Bitch«, stieß er zwischen zusammengepressten Lippen hervor. Als er eilig verschwand und mit großen Schritten die Blumenstraße entlanglief, schallte der Applaus und das Johlen von Leylas Nachbarn noch eine ganze Weile durch die engen Häuserschluchten.

Leyla ahnte nicht, welches Nachspiel ihr Handeln haben würde.

Kapitel 7 – Jakob

Den gesamten Montag war Jakob aufgeregt und fieberte dem Treffen mit Nelu entgegen. Ruhelos spazierte er in der Wohnung auf und ab und wusste nichts mit sich anzufangen.

Jesus auf dem Bild verfolgte ihn mit so erzürnten Blicken, dass Jakob sich sicher war, lodernde Flammen in seinen Augen zu erkennen. »Fick dich«, murmelte er und ging ins Wohnzimmer.

»Hase, heute Abend mache ich uns etwas Feines zu essen. Was meinst du?« Mutters Augen waren von der vielen Fernglotzerei ganz klein und rot unterlaufen.

Jakob würgte, als er an dicke Bohnen mit Speck, Schlodderkappes oder andere westfälische Gerichte dachte.

»Wie siehst du eigentlich aus?« Sie musterte sein Gesicht und die aufgeschürften Knöchel seiner Hände.

»Hab mich beim Sport verletzt«, erklärte Jakob schnell.

Wie immer ließ sie sich schnell beruhigen. In ihrer kleinen rosaroten Welt musste alles in Ordnung sein. Die Seifenblase, in der sie lebte, durfte keine Risse bekommen.

»Ach ja. Bei körperlicher Ertüchtigung kann so was schon mal passieren. Finde ich gut, dass du versuchst, etwas für deine Gesundheit zu tun. Sei nur das nächste Mal ein bisschen vorsichtiger, ja?« Ihr Lächeln wirkte debil. »Und wo warst du Samstagnacht?«, fuhr sie fort und kicherte albern, »bei deiner Liebsten? Hast du die Nacht bei ihr verbracht?« Sie sah ihn erwartungsvoll an.

»Ja, ich habe jemanden kennengelernt«, erwiderte er knapp, »aber mehr erzähl ich dir nicht, das kannst du vergessen.«

Immerhin musste er nicht lügen, auch wenn sie sich wohl etwas anderes unter seinen Worten versprach.

»Oh Hase, wie schön«, sie jubelte, »ich will sie kennenlernen. Bitte tu mir den Gefallen und stell sie mir bald vor. Du hattest schon immer Schwierigkeiten, Kontakt zu anderen zu finden, hattest nie Freunde oder Freundinnen, nicht mal als Kind. Du warst immer so allein, und jetzt hast du endlich ein nettes Mädchen gefunden, das dich versteht. Ich freue mich so.« Euphorisch klatschte sie in die Hände.

»Alles ist in Ordnung, Mutter«, sagte er müde, »ich geh mal unter die Dusche und ich habe keinen Hunger, bin später noch weg.«

Sie kicherte und zwinkerte ihm vielsagend zu, dann tappte sie wie in Trance zurück zum Sofa, ließ sich schwerfällig darauf hinabsinken und widmete sich wieder dem Fernseher.

Endlich saß Jakob mit klopfendem Herzen im überfüllten Bus und lehnte seinen heißen Kopf an die Fensterscheibe. Seine Hände zitterten und eine leichte Übelkeit breitete sich in seinem Magen aus. Es war lächerlich, aber er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal verabredet gewesen war.

Am von Menschen überfüllten Hansaplatz angekommen, entdeckte er Nelu sofort. Er zog jeden Blick auf sich. Mit undurchdringlicher Miene saß er in seiner maßgeschneiderten Kleidung mittig auf den breiten Steintreppen und musterte mit abschätzendem Blick die Passanten, die einen respektvollen Abstand zu ihm einhielten.

Jakob eilte auf ihn zu. Nelu wirkte angespannt und nervös. Seine Kiefermuskeln zuckten.

»Nicht gut drauf heute?«, fragte Jakob leise und sah ihn von der Seite an.

»Nicht der Rede wert. Nur eine kleine Schlampe, die mich ein bisschen auf die Palme bringt. Keine Sorge, sie wird schon bekommen, was sie verdient.« Endlich lächelte er.

Eine Weile hockten sie nur da und beobachteten die Leute, die an ihnen vorübereilten.

Die Menschen in der Fußgängerzone wirkten wie Drogenabhängige, wie sie mit verklärtem Blick von einem Geschäft ins nächste taumelten, die Arme fest um ihre vollen Einkaufstüten geschlungen. Wie immer war die Innenstadt überlaufen. Das Ballungszentrum Ruhrgebiet. Zu viele Menschen, auf zu wenig Platz.

»Die tun mir leid, diese mickrigen, kleinen Gestalten«, Nelu fuhr sich mit der Hand durch sein glänzendes Haar, »malochen den ganzen Tag von früh bis spät, verbraten dann ihren kümmerlichen Lohn, um sich unnütze Konsumgegenstände zu kaufen, und versuchen sich einzureden, dass sie das glücklich macht. Abends Fernsehprogramm und wenn’s gut läuft ein kleiner Fick mit der Alten.« Er spuckte angewidert auf die Straße. »Das kann doch nicht alles sein. Das Leben ist doch viel zu kurz, oder?«

Er sah Jakob an, der zustimmend nickte.

»Aber nicht mit mir«, stieß Nelu grimmig hervor, »ich werde irgendwann am Strand sitzen, mit einem Drink in der Hand auf das Meer schauen und es mir gut gehen lassen. Warst du schon mal in Italien?«

Jakob druckste herum und sah zu Boden.

»Mallorca«, flüsterte er kaum hörbar.

»Was ist los? Ist doch auch geil. Aber in Italien gibt es das beste Essen der Welt, und die Italiener sind ein echt entspanntes Volk. Was hast du?«

»Kein cooler Urlaub gewesen damals«, Jakob räusperte sich.

Nelu musterte ihn, sagte aber nichts. Die Gesprächspausen waren nicht unangenehm.

Ein etwa 14-jähriges, blasses Mädchen drückte sich seit einiger Zeit neben ihnen herum. Sie rutschte, die Finger um die Treppenstufen gekrallt, als wolle sie sich daran festhalten, näher an Nelu heran.

»Was?«, fuhr Nelu sie plötzlich an, »was zum Teufel ist los, Luisa?« Seine Augen wurden zu engen Schlitzen, als er ihr wütend ins Gesicht starrte.

Das Mädchen schreckte zurück. Sie zitterte so stark, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen.

»Vadym, ich will heute nicht schon wieder zu Paul gehen«, flüsterte sie mit piepsender Stimme.

Sie schien all ihren Mut gesammelt zu haben, um diese Worte auszusprechen. Dem Mädchen begannen Tränen über das Gesicht zu laufen.

Nelu blickte sie kalt an und zeigte keine Regung.

»Natürlich gehst du«, zischte er gefährlich leise.

»Ich will nicht«, schluchzte sie, »Paul ist gemein zu mir. Er tut mir immer entsetzlich weh. Günther ist viel netter. Kann ich nicht zu Günther gehen?«

»Wenn du nicht zu Paul gehst, siehst du mich nicht wieder. Er hat extra nach dir gefragt.«

Sie riss ihre Augen auf und starrte ihn entsetzt an.

»Wenn du nicht gehst, dann werde ich deine Schwester kennenlernen und mich nur noch ihr widmen«, fuhr Nelu ruhig fort.

»Natalie ist acht«, kreischte Luisa, und ihre Stimme überschlug sich, »die kann dir noch keinen Gefallen tun.«

Nelu lächelte.

»Aber sicher kann sie das. Früh übt sich. Du wirst schon sehen. Überlege dir gut, was du tust, Luisa, sonst gibt es keinen Vadym mehr für dich. Ich hole dich nicht mehr von der Schule ab, und deine dummen Freundinnen werden nicht mehr dämlich aus der Wäsche gucken und sich vor Neid in den Arsch beißen, wenn sie dich mit mir sehen.«

Sie zögerte, schien nachzudenken, nickte dann gequält und schlich, sichtlich verstört, mit hängenden Schultern davon.

»So«, erklärte Nelu gut gelaunt, und Jakob fiel erneut sein schneller Stimmungswechsel auf. »Wir zwei Hübschen gehen jetzt zum Kanal. Ein bisschen was trinken und vielleicht in die kühlen Fluten springen, es ist immer noch schrecklich heiß, oder? Was meinst du?« Jakob zuckte zusammen.

»Ich kann nicht zum Kanal gehen«, stieß er hektisch hervor und bemerkte, dass seine Stimme viel zu laut klang.

Nelu sah ihn irritiert an.

»Warum nicht? Angst vor Wassergeistern, oder was?« Er lachte.

Jakob starrte ihn aus geweiteten Pupillen panisch an.

»Ja, das trifft es«, er versuchte, sich zusammenzureißen und normal zu sprechen, aber es misslang ihm. »Ich kann nicht zu fließenden Gewässern gehen, ich kann auch nicht ans Meer gehen. Alles, was mit tiefem, dunklem Wasser zu tun hat, funktioniert nicht mehr.« Er schluckte krampfartig. »Ist mal was Komisches passiert, weißt du? Am Meer. Damals auf Mallorca.« Seine Stimme versagte.

»Alles gut. Kein Problem«, Nelu unterbrach ihn und klopfte ihm beruhigend mit der Hand auf die Schulter. »Es gibt auch noch etwas anderes als den Kanal und die Emscher, selbst bei diesem Wetter. Komm mit. Du bist der Auserwählte. Der erste Mensch, dem ich meinen Lieblingsplatz zeige. Wir brauchen noch was zu trinken.«

Er packte Jakobs Arm und zog ihn Richtung Westenhellweg. Die zentrale Einkaufsstraße in der Dortmunder Innenstadt gehörte zu den 10 meistbesuchten Einkaufsmeilen Deutschlands. Sie drängten sich durch die Passanten, betraten ein großes Kaufhaus, in dem sich in der unteren Etage ein Supermarkt befand. Im Laden bewegte sich Nelu zielstrebig auf das Spirituosenregal zu, griff nach einer Zwei-Liter-Flasche Wodka und warf sie mit Schwung in seine Umhängetasche.

Jakob linste über Nelus Schulter auf das Preisschild und wurde blass. So teuren Wodka würde er sich nie leisten können.

Nelu hüpfte entspannt durch die Regalreihen, warf zwei Tüten Chips zu der Flasche und zog den Reißverschluss seiner Tasche zu. Er grinste Jakob breit an und machte sich auf den Weg zur Kasse.

Die Kassiererin war verdammt hübsch. Sie sah so gut aus, dass Jakob verlegen nach unten auf seine Schuhe blickte. Die Frau richtete sofort ihre komplette Aufmerksamkeit auf Nelu und ignorierte Jakob. Erleichtert atmete er auf. Als Nelus Schatten wurde er quasi unsichtbar für alle anderen.

Nelu lachte die Kassiererin an und ließ seine weißen Zähne aufblitzen. »Nichts gekauft, schöne Frau«, sagte er, hob beide Arme nach oben und hielt ihr seine leeren Handflächen vors Gesicht, »aber bei so viel Schönheit, die hinter der Kasse versteckt ist, komme ich bestimmt die nächsten Tage wieder.«

Sie stieß ein grelles Kichern aus und fummelte mit ihren rot lackierten Fingern hektisch an ihren blonden Haarsträhnen herum. Sie schien von Nelus Anblick hingerissen zu sein und wirkte, als stünde sie unter Drogen, als sie versuchte, ihm unter ihren langen Wimpern vielsagende, belämmerte Blicke zuzuwerfen.

Jakob versuchte, ein Lachen zu unterdrücken. So wie die Frau sich aufführte, erschien sie ihm plötzlich gar nicht mehr so gut aussehend.

»Bis zum nächsten Mal, Schätzchen. Ich freue mich auf dich.«

Nelu rückte seine Umhängetasche zurecht und stolzierte lässig aus dem Laden. Jakob stolperte hinter ihm her.

»Geht doch. Wozu bezahlen, wenn es auch anders geht.« Nelu wirkte zufrieden.

Jakob prustete los. »Was hast du mit der Tussi gemacht? Die hat ja gar nichts mehr gecheckt.«

»Man muss nur wissen, wie man mit Frauen umgehen muss, dann bekommt man fast alles geschenkt«, erklärte Nelu, »mit Männern ist es übrigens dasselbe.« Er sah Jakob vielsagend an. »Menschen sind dumm und beeinflussbar. Man muss nur mit den Fingern schnippen, und schon tun sie, was du willst.«

Es war inzwischen dunkel geworden. Die Lichter aus den Schaufenstern der mittlerweile geschlossenen Geschäfte leuchteten in bunten Farben. Die Luft roch nach Sommer. Am Ende der Katharinenstraße blieb Nelu stehen.

»Wir sind gleich da. Ich zeige dir jetzt ein Ritual. Etwas, dass man tun muss, wenn man hier vorbeigeht.« Er ging voran. Jakob schaute neugierig die Treppen hinunter, die zum Hauptbahnhof führten.

Ein alter Obdachloser kauerte in seinem zerrissenen Mantel am Fuße der Treppe. Der Mann hatte langes, fettiges Haar und einen verfilzten, grauen Vollbart, sodass man sein Gesicht kaum erkennen konnte, und starrte stoisch auf die leere Straße.

Die Obdachlosenszene in Dortmund schien mit jedem Tag zu wachsen, dennoch war sich Jakob sicher, diesen Mann schon öfter in der Stadt gesehen zu haben.

Nelu erhöhte sein Tempo, als er die Stufen hinuntersprang und auf den Mann zuging. Bei ihm angekommen, holte er mit seinem Fuß aus und trat mit Wucht gegen den Pappbecher, der vor dem Mann gestanden hatte.

Der Becher flog weit, und das Kleingeld, das sich darin befunden hatte, prasselte klimpernd auf den Asphalt. Es klang wie ein tosender Regen, der durch die Nacht hallte.

Der alte Mann schrak zusammen, wich auf dem Gehsteig zurück und versuchte, sich im Schatten zu verkriechen.

»Du dreckige Kakerlake«, schrie Nelu in seine Richtung, »verkriech dich nur in den stinkenden Ritzen der Straße, du scheiß Tier, du. Das nächste Mal trete ich dir deinen Kopf weg.«

Jakob konnte das ängstliche Wimmern des Mannes hören.

Ganz tief in seinem Inneren regte sich so etwas wie Mitleid, doch er verdrängte das Gefühl.

»Ein alter Bekannter«, riss Nelu ihn aus seinen Gedanken, »tut immer wieder gut, diesen Pennern mal zu zeigen, wo sie stehen, sonst denken sie noch, die Straße gehört ihnen.«

Jakob schwieg.

Sie kamen an einer Hochhausansammlung am Königswall an. Es handelte sich hauptsächlich um verschiedene Büros, die in den Gebäuden ihren Sitz hatten. Nelu steuerte das höchste der Häuser an, das schräg gegenüber dem Fußballmuseum lag. Die meisten Fenster der Geschäftsräume lagen in Dunkelheit, nur vereinzelt war noch Licht hinter den Scheiben zu erkennen.

Nelu zog einen Schlüssel aus seiner Tasche, ging auf das Gebäude zu und schloss die schwere Tür auf. Er legte den Zeigefinger an seine Lippen.

»Ist besser, leise zu sein. Falls uns jemand begegnet, tu so, als würdest du hier täglich ein und aus gehen, als wäre alles ganz normal«, flüsterte er und ging voran.

Mit weichen Knien folgte ihm Jakob.

Nelu ging zielsicher auf die Aufzüge zu, drückte einen Knopf, und mit einem lauten Bing, das durch das gesamte Treppenhaus hallte und Jakob vor Schreck zusammenfahren ließ, öffnete sich die Fahrstuhltür. Sie betraten die Kabine.

Nelu drückte auf den Knopf, der sie bis ganz nach oben in das 20. Stockwerk schicken würde, und die Türen schlossen sich.

»Woher hast du die Schlüssel für das Gebäude?«, fragte Jakob leise. Das monotone Surren des Fahrstuhls entspannte ihn ein wenig.

»Nachmachen lassen. Kannte mal einen, der hier gearbeitet hat und mir einen Gefallen schuldig war.«

Sie kamen oben an, stiegen eine Treppe hinauf, kletterten durch eine Luke und befanden sich auf dem riesigen Flachdach des Gebäudes.

»Das ist mein Lieblingsplatz.« Nelu wirkte stolz – Jakob staunte.

Der Himmel tat sich wie ein nachtschwarzes Zelt über ihnen auf. Viele Tausend Sterne strahlten auf sie hinab und schimmerten hell. Der U-Turm, das ehemalige Gär- und Lagerhochhaus der Dortmunder Union-Brauerei, der mit seinem Programm inzwischen nur noch Studenten, Kunstaffen und langweilige Kreativitätsvernarrte anzog, schien ganz nah zu sein. Die wechselnden Bilder der Kunstinstallation am Dach des Turmes durchbrachen in leuchtenden Farben die Nacht.

»Wow«, stieß Jakob hervor.

Sie setzten sich, lehnten sich mit den Rücken an die Steine eines der quadratisch ummauerten Schornsteine und sahen andächtig in den Himmel.

»Echt schön«, murmelte Jakob.

Nelu zog den Wodka aus der Tasche, öffnete ihn, trank einen großen Schluck und reichte die Flasche weiter an Jakob. Der Wodka brannte angenehm in der Kehle und fühlte sich im Bauch wohlig und warm an, so als würde er dort hingehören. Die angenehme Stille wurde durch den schrillen Klingelton von Nelus Handy unterbrochen.

»Fuck«, schimpfte Nelu genervt, »hab vergessen, das Ding auszuschalten. Tut mir leid, Mann.«

Er sah auf das Display.

»Einmal muss ich noch rangehen. Dann stell ich das Teil auf lautlos, ich verspreche es«, sagte er entschuldigend. »Gisela«, schnurrte er in den Hörer, »ja, meinem Bruder scheint es tatsächlich besser zu gehen. Ich danke dir noch mal. Vielen, vielen Dank. Ich wüsste nicht, was ohne dich aus ihm geworden wäre, meine Sonne. Was? Nein, heute kann ich ihn nicht alleine lassen. Morgen, morgen sehen wir uns, Liebling. Oh, mein Bruder ruft.« Er stieß Jakob mit der Schulter an.

»Rufe, dass ich zu dir kommen soll. Ich heiße Rupi«, zischte er, »worauf wartest du?«

Jakob räusperte sich, er kam sich blöd vor.

»Rupi, kommst du bitte?«, rief er unsicher.

Nelu sah ihn erwartungsvoll an und hielt den Hörer in seine Richtung.

»Rupi, jetzt komm endlich. Ich warte auf dich«, versuchte Jakob es erneut.

Nelu schien zufrieden und säuselte weiter in den Hörer, dann beendete er das Gespräch und seufzte schwer.

»Was sind das für Frauen, die dich immer anrufen?«, fragte Jakob vorsichtig.

»Das ist einer meiner Jobs. Ich bin so was wie ein Schauspieler. Von irgendwoher muss ja die Kohle kommen.«

»Und was ist mit deinem Bruder?«

Nelu sah ihn entgeistert an, dann brach er in lautes Gelächter aus. »Das ist nicht dein Ernst, Mann. Ich habe keinen Bruder, und selbst wenn ich einen hätte, würde mir sein Schicksal am Arsch vorbeigehen.« Er krümmte sich vor Lachen und vergrub sein Gesicht zwischen den angezogenen Knien. Seine Schultern bebten.

Es dauerte lange, bis er sich beruhigte und weitersprechen konnte. »Ich reiße so ein paar alte Muttis auf, die einsam und alleine sind, und mit ein paar herzerweichenden Storys ziehe ich ihnen das Geld aus der Tasche. Die kranke Brudernummer kommt immer wieder gut. Das Zeitmanagement ist halt manchmal nicht so einfach. Die alten Tanten fordern immer mehr Zeit und Aufmerksamkeit. Ich sag es dir, sie versuchen einen auszusaugen. Wenn es zu schlimm wird, muss man sich das nächste Opfer suchen. Man muss da flexibel sein. Ist manchmal echt anstrengend.« Er schüttelte betrübt den Kopf.

»Das hört sich an, als wärst du eine Hure«, rutschte es Jakob heraus. Schnell sah er zu Nelu herüber, doch der schien nicht im Geringsten beleidigt zu sein.

»Meinst du, ich schlafe mit diesen faltigen Steinzeitomas? Das hätten sie zwar gerne, aber ich halte sie an der langen Leine. Sie dürfen mich gerne bekochen und lieb zu mir sein, mal ein bisschen antatschen und knutschen ist drin, aber mehr nicht, das macht mich für sie nur noch begehrenswerter. Ich kann dich ja mal mitnehmen und dir eine vorstellen. Vielleicht stehst du ja auf ältere Semester. Monika ist noch die Schärfste von allen, die springt dich gleich an, wenn sie dich sieht.« Fragend hob er die Augenbrauen.

»Ne, danke. Lass mal«, wehrte Jakob schnell ab.

Nelu betrachtete ihn und fing an zu grinsen. »Ich glaub es nicht. Du bist noch Jungfrau.«

Jakob schwieg.

»Krass«, meinte Nelu und nahm einen großen Schluck aus der Flasche. Sie tranken. Es war still oben auf dem Dach.

Die Geräusche der Stadt, der Autolärm und das Gegröle der Menschen drangen nur gedämpft zu ihnen hinauf.

Die ganze Welt schien unter einem Schleier zu liegen und war meilenweit entfernt von ihnen.

Hier oben waren sie allein. Unbeobachtet und unsichtbar für alle anderen. Weggetaucht aus dem normalen Leben.

Jakob fühlte sich glücklich. Das warme, spürbare Pochen in seinem Herzen war ihm so fremd geworden, dass er sich fühlte, als wäre er aus seiner Haut geschlüpft und ein anderer Mensch geworden.

Sie saßen lange einfach nur da, Zeit spielte keine Rolle mehr.

Der Wodka tat sein Bestes dazu, dass Jakob alles egal wurde.

Nur dieser Moment war wichtig, alles andere hatte keine Bedeutung mehr. Der langweilige, nicht enden wollende Alltag, mit all seinen Problemen, schien meilenweit entfernt zu sein.

Nelu sprang energiegeladen auf.

»Jetzt gehen wir feiern und machen richtig einen drauf«, beschloss er übermütig, breitete beide Arme aus und begann sich, den Kopf in den Nacken gelegt, im Kreis zu drehen.

»Laute Musik und geile Weiber, das ist es, was ich jetzt brauche«, schrie er in den Himmel.

Jakob druckste herum. »Du, äh, ich hab kein Geld und bin auch nicht richtig angezogen.« Er deutete auf seine übliche Jogginghose.

»Scheiß drauf. Ich kenne jeden Türsteher der Stadt. Wir werden überall mit offenen Armen empfangen, egal, was du trägst. Wir machen uns jetzt auf ins Gewerbegebiet Spähenfelde und gehen in die Traumfabrik. Da ist auch am Montag richtig was los.« Entschlossen packte er Jakobs Hand und zog ihn auf die Beine. Seine Euphorie war ansteckend.

Jakob war noch nie in der Traumfabrik gewesen, die in Partykreisen liebevoll als Asi-Park bezeichnet wurde. Er hatte sowieso nie am nächtlichen Partyleben teilgenommen, da ihm für so etwas das Geld fehlte. Das Einzige, was er sich manchmal leistete, waren ein paar Bier und Schnäpse in Gustavs Eckkneipe.

Mach dir nicht immer so viele Gedanken, schalt er sich selbst.

Er ließ sich von Nelu anstecken und von seiner Begeisterung mitreißen. Es war einfach. Zusammen mit Nelu war alles leicht. Jakob hatte das Gefühl, er würde fliegen können, wenn er es nur versuchen würde.

Kapitel 8 – Tim

Tim König wünschte sich den Winter herbei. Während er schwitzend in die Pedale trat und Richtung Wache Nord radelte, sehnte er sich nach Schnee und Kälte. Die kurze Fahrt ähnelte einer Reise in ein anderes Land. Er ließ sich vom gepflegten Kreuzviertel die steile Unionstraße hinab in den dreckigen Schlund der Nordstadt rollen. Schimpfend wich er einem betrunkenen Mann aus, der, unverständliche Lieder singend, über die Straße torkelte.

Wie so oft hatte er verschlafen und war eine halbe Stunde zu spät dran. Sein schmerzender Rücken erinnerte ihn daran, dass er die ganze Nacht vor dem Computer gehangen und gezockt hatte, und noch immer hatte er es nicht geschafft, der Gaming-König von »Warriors of Darkness« zu werden.

Eigentlich hatte er gar keine Zeit zu arbeiten, dachte er frustriert, während ihm der Schweiß über das Gesicht lief.

Für diese Jahreszeit war es immer noch viel zu heiß. Es war Anfang September, und dieser Sommer forderte alles von jemandem, der Kälte liebte. Er wollte einfach nicht zu Ende gehen.

Scheiß Klimakatastrophe, dachte König, als er mit schweren Schritten durch den erbsensuppengrün gestrichenen Flur der Wache zu seinem Büro eilte und das quietschende Geräusch seiner Schuhe auf dem abgetretenen Linoleumboden von den Wänden widerhallte, die Jugend hatte schon recht, wenn sie für mehr Klimaschutz auf der Straße protestierte.

Er spürte sofort, dass irgendetwas passiert sein musste, als er das stickige Büro betrat und Markowski ihm schadenfroh grinsend entgegensah.

Dressler stand bewegungslos und wie erstarrt am Kopierer und hatte ihnen den Rücken zugedreht. Vielleicht war er im Stehen eingeschlafen.

»Morgen, Markowski«, grüßte König vorsichtig und ließ sich hinter seinen Schreibtisch sinken.

Markowski antwortete nicht, biss kraftvoll in seinen Salzkuchen mit Mett und ließ ihn dabei nicht aus den Augen.

Der Gestank von Zwiebeln und leicht verdorbenem Hackfleisch war so penetrant, dass König würgen musste. Die Mischung aus Hitze und Gestank erschlug ihn. Er versuchte krampfhaft, so wenig wie möglich zu atmen.

»Sattler will dich sprechen«, stieß Markowski mit vollem Mund hervor, und seine kleinen, verschlagenen Augen fixierten ihn. »Sofort hat sie gesagt, und sie schien nicht besonders gut gelaunt zu sein.«

König wurde blass. Er sah Dresslers Schultern vor unterdrücktem Lachen beben.

Helena Sattler war die Dienstgruppenleiterin der Polizeiwache Nord. Ein rothaariger, meist schlecht gelaunter Drache. Sie versuchte, um sich als weibliche Vorgesetzte Respekt zu verschaffen, strenger, unfreundlicher und gnadenloser zu sein, als jeder männliche Chef es sein könnte.

Eventuell nicht der richtige Weg, um mit ihrem Team Hand in Hand zu arbeiten, war Königs Meinung.

Unter Markowskis gehässigem Blick stand König langsam und wortlos auf und ging zur Tür, dabei stolperte er über den Papierkorb, der wie immer mitten im Weg stand. Dresslers prustendes Gelächter verfolgte ihn, als er hastig den Raum verließ.

Eigentlich war er froh, diese nach Metzgerei stinkende Bude von einem Büro verlassen zu können.

Auf dem Flur musste er den Drang, einfach zur Eingangstür hinauszuspazieren und nach Hause zu fahren, mit aller Kraft unterdrücken. Seit Corinna ihn vor drei Jahren, für ihn völlig überraschend, verlassen hatte, wurde sein Bedürfnis, sich zu verkriechen und die Außenwelt auszusperren, von Tag zu Tag stärker. Ihm war bewusst, dass sein übermenschliches Verlangen nach seinem Computer, einer Tasse Tee und der schnurrenden Jutta auf seinem Schreibtisch nicht normal war. Seit drei Jahren wartete er darauf, dass er, wie durch ein Wunder, wieder Interesse an seiner Umwelt entwickelte, doch das Gegenteil war der Fall. Die ermüdende Realität erschien ihm absurd und bedrohlich.

Er seufzte tief, klopfte leise und betrat das Büro von Sattler.

Sie blickte von den Papierbergen auf ihrem Schreibtisch auf und zog die dünnen, roten Augenbrauen hinter ihrer giftgrün umrandeten Brille nach oben.

»König. Wie schön, Sie mal wieder an Ihrem Arbeitsplatz anzutreffen. Ich hatte Sie eigentlich schon vor einer Stunde erwartet. Wieder mal ein bisschen später geworden, der Dienstbeginn heute, was?« Sie rümpfte ihre schmale Nase.

Eine Angewohnheit, die sie während eines Gesprächs häufiger machte. Schien so etwas wie ein Tick von ihr zu sein.

König antwortete nicht. Wie ein kleiner Junge stand er mit verschränkten Händen vor ihrem Schreibtisch und wartete darauf, dass sie ihm anbot, sich auf einen der Stühle zu setzen. Er schob sich eine Strähne seines unbändigen Haars aus der Stirn.

Sie kostete sein Unwohlsein in vollen Zügen aus und betrachtete ihn ausgiebig durch die dicken Brillengläser. Schließlich erbarmte sie sich und wies ihn an, Platz zu nehmen.

Er tat es, sah sie an und entdeckte, dass etwas mittig auf ihrem rechten Brillenglas klebte. Es sah aus wie ein dicker Kekskrümel.

Ob sie das nicht störte? Warum merkte sie es nicht? Oder sollte das ein bewusstes Ablenkungsmanöver sein, damit man ihr nicht ins Gesicht sah, sondern seine Konzentration allein auf den Krümel richtete.

»Also, König«, riss sie ihn aus seinen Gedanken, »warum ich Sie habe rufen lassen, hat folgenden Grund.« Sie blätterte zerstreut in einer Akte, dann blickte sie nach oben und sah ihm in die Augen. Ihr Blick war hart. »Sie sind fast mehr krank, als dass Sie auf der Arbeit sind. Und Sie kommen fast täglich zu spät.« Sie wartete.

König wusste nicht, was er antworten sollte, sie hatte ja recht, also nickte er und lächelte sie an.

»Gefällt es Ihnen nicht bei uns? Fühlen Sie sich nicht wohl?«, versuchte sie erneut, ein Gespräch in Gang zu bringen.

»Na ja«, druckste er, »die Kollegen und ich, das ist manchmal etwas schwierig.«

Sie knallte ihre Faust auf den Schreibtisch. Wieder zuckte ihre Nase und ließ sie wie ein gestörtes Kaninchen aussehen.

»Die Kollegen sind also schwierig. Herrgott noch mal, König. Dann reden Sie mit denen und klären das. Sie sind Polizist, verdammt noch mal, kein kleines Mädchen.«

Ihr Gesicht hinter der Brille rötete sich und nahm dieselbe Farbe an wie ihr Haar. Sie schnappte nach Luft und kämpfte sichtlich damit, wieder Herr ihrer selbst zu werden.

Mit dem Kekskrümel auf der Brille, der ihr Auge verbarg, und dem roten Haar sah sie der einäugigen Hexe in »Warriors of Darkness« erstaunlich ähnlich, stellte König überrascht fest. Er stellte sich vor, seine Schrotflinte zu laden wie in dem Spiel und ihr den Kopf von den Schultern zu blasen. Wieder musste er lächeln.

»Was lächeln Sie so dämlich?«, fuhr sie ihn an, »manchmal habe ich wirklich das Gefühl, Sie ticken nicht ganz richtig.«

Sie versuchte, sich zu sammeln. »Sie werden ab heute zusammen mit Markowski Streife fahren, dann verbringen Sie genug Zeit mit ihm, um ihn besser kennenzulernen. Glauben Sie mir, Markowski ist in Ordnung. Ich ziehe Dressler in der Zwischenzeit für den Bürokram ab. Mal raus auf die Straße, wie in den guten alten Zeiten. Sie sehen blass aus, König. Ein bisschen frische Luft und mehr sozialer Kontakt zu den Kollegen wird Ihnen guttun.«

Zufrieden lehnte sie sich auf ihrem Schreibtischstuhl zurück. Ihr Blick hatte etwas Schlangenähnliches.

»Äh, also ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist«, begann König.

Ihre Nase zuckte wie wild.

»Das ist keine Idee. Das ist eine Anordnung.« Sie schien langsam wütend zu werden. »Und jetzt raus hier. Ich habe genug Zeit mit Ihnen verschwendet. Regeln Sie das, worüber wir gesprochen haben, ansonsten sehe ich mich gezwungen, andere Schritte einzuleiten.«

Das Gespräch schien beendet zu sein. Sie sah erschöpft aus, als König ihr Büro verließ, und sie tat ihm fast leid. Die Frau hatte es wirklich nicht leicht.

Im Flur kam ihm Markowski mit griesgrämiger Miene entgegen. Seine gute Laune von heute Morgen schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Er hatte sich, trotz der saharaähnlichen Temperaturen draußen, seine hässliche, schwarze Lederjacke übergezogen, die noch aus den 60er-Jahren zu stammen schien. Sein runder Bauch ragte wie ein Ballon aus der geöffneten Jacke hervor. In der Hand schwenkte er den Autoschlüssel.

»Haste ja toll hingekriegt, König«, raunzte er ihn an, »glaub mir, ich bin nicht glücklich darüber, mit dir die nächsten Tage im Streifenwagen verbringen zu müssen. Dressler und ich sind ein eingespieltes Team. Er war kurz davor in Tränen auszubrechen, als er hörte, dass du ihn ersetzen sollst. Das ist echt das Letzte.« Vorwurfsvoll sah Markowski ihn an.

»Ich wusste gar nicht, dass Dressler so sensibel ist«, murmelte König betreten.

»Dressler ist sehr empfindsam und ein wahnsinnig guter Polizist. Von dem könntest du dir eine Scheibe abschneiden. Er ist ein feiner Kerl, etwas weibisch vielleicht in manchen Momenten, aber wenn es hart auf hart kommt, kann man sich blind auf ihn verlassen. Herrgott noch mal, du hast keinen Plan, was draußen auf der Straße los ist. Ich bin mir nicht sicher, ob Sattler weiß, was sie da angerichtet hat.« Fluchend warf Markowski ihm die Wagenschlüssel zu. »Du fährst«, motzte er, drehte sich um und stapfte mit schweren Schritten Richtung Parkplatz.

»Ich hole nur noch schnell meine Tasche«, rief König ihm hinterher.

»Mach das, du Kollegensau«, hörte er Markowski grummeln.

Mit hängenden Schultern sah König ihm hinterher, dann spurtete er los, um seine Tasche zu holen.

Mit gemischten Gefühlen sah er dem kommenden Arbeitstag entgegen.

Kapitel 9 – Jakob

Das weitläufige Industriegebiet Spähenfelde, mit seinen zahlreichen Gewerbeflächen, lag wie ausgestorben vor ihnen. Aus der Traumfabrik dröhnten laute elektronische Beats, und der Bass wummerte selbst draußen auf der Straße so laut, dass der Asphalt des Gehsteiges zu beben schien. Vor dem Eingang hatte sich eine lange Menschenschlange bis hinunter zur nächsten Straßenecke gebildet.

Jakob zog zögernd an Nelus Ärmel. »Meinst du wirklich, ich kann da reingehen? Guck mal, wie ich aussehe.« Hektisch fummelte er an seinem alten T-Shirt herum.

Er betrachtete die Männer in der Schlange. Nicht ein einziger trug Turnschuhe. »Und außerdem muss ich morgen früh zu Frau Siemens-Kleimann.«

Nelu lacht laut auf. »Wer zum Teufel ist Frau Siemens-Kleimann?«

»Meine Sachbearbeiterin vom Jobcenter«, erklärte Jakob mit düsterer Miene, »sie streicht mir immer wieder das Arbeitslosengeld und bietet mir Jobs an, die kein Schwein machen will. Sanktionen nennt sie das. Diese Frau ist eine verfluchte Sadistin. Ich wünschte, die Alte wäre tot.«

»Jetzt hab dich nicht so. Jammere nicht rum und komm endlich mit.« Nelu zog ihn an der Schlange vorbei nach vorne zu dem schrankähnlichen Türsteher in Anzug und Krawatte, dessen Blick grimmig und genervt über die Menschenmenge flog.

Als er Nelu erkannte, entspannten sich seine Gesichtszüge und er begann zu strahlen. Er breitete seine Arme aus, und die beiden umarmten sich brüderlich. Der Türsteher drückte Nelu fest an seine breite Brust.

»Avram, wie kommen wir denn zu der Ehre, dass du uns mal wieder besuchst? Ist das schön, dich zu sehen, Bruder. Komm rein, komm rein.«

»Komm, Jakob«, rief Nelu über die Schulter.

Die Augen des Türstehers musterten Jakob von oben bis unten. Er verzog keine Miene.

»Der gehört zu dir?«, fragte er misstrauisch; als Nelu nickte, lächelte er Jakob zu.

»Herzlich willkommen.« Er winkte ihn mit einer Handbewegung hinein.

Ohrenbetäubende Musik empfing sie. Das Wummern des Basses vermischte sich mit Jakobs Herzschlag.

Im Klub war es dunkel, nur die Tanzfläche und die Bar wurden von zuckenden Lichtern beleuchtet. Die Einrichtung und Wände waren in Rottönen gehalten.

Nelu bewegte sich, als wäre er hier zu Hause, und zog Jakob durch die tanzenden Menschen zur Theke. Er küsste die Bardame auf beide Wangen, die unaufgefordert zwei monströs große Gläser, gefüllt mit einer trüben Flüssigkeit, vor ihnen auf die Theke stellte.

Erst als Jakob sich an seinem Glas festhalten konnte, begann er sich etwas sicherer zu fühlen. Der Drink war stark. Eine Mischung aus Hochprozentigem, die Jakob zuvor noch nicht probiert hatte. Der Geschmack hielt sich in Grenzen, doch die Wirkung des Alkohols war sofort spürbar.

Jakob beobachtete die zuckenden, sich drehenden Leiber vor ihm. Die entrückten Gesichter der Tanzenden, die die Arme in die Luft streckten und das Leben feierten.

Glücklich, frei und mit sich selbst im Reinen.

Sie konnten sich selbst spüren, und ich kann das nicht, dachte Jakob. Ein Gefühl der Verbitterung überkam ihn. Er gehörte nicht dazu. Grenzte sich allein durch seine schäbige Kleidung und sein Aussehen von den anderen ab.

Er trank einen großen Schluck.

Nelu, der neben ihm gestanden hatte, stieß sich von der Bar ab und sprang auf die Tanzfläche. Er lachte Jakob zu und verschmolz sofort mit der Masse. Er bewegte sich geschmeidig und anmutig im Rhythmus der Musik, als würde sie durch die Boxen direkt durch seinen Körper fließen. Sofort richteten sich die Blicke der weiblichen Besucherinnen auf ihn.

Nelu machte ihm Handzeichen und versuchte, ihn auf die Tanzfläche zu locken, doch Jakob schüttelte den Kopf. Niemals würde er vor allen Augen mit seinem dürren Körper ungelenke Tanzversuche und sich zum Gespött der Leute machen.

Er trank und schluckte die brennende Flüssigkeit schnell hinunter. Er beobachtete, wie Nelus Aufmerksamkeit sich auf eine junge Frau richtete und er auf ihre Flirtversuche einzugehen begann.

Sie tanzten nah voreinander, rückten enger zusammen und warfen sich vielsagende Blicke zu.

Jakob war vergessen und spürte den bitteren Geschmack von Galle in seinem Mund. Sein Hals wurde enger, und er hatte Schwierigkeiten zu schlucken.

Eifersucht fuhr wie ein Hammerschlag durch seinen Körper und machte ihn bewegungslos.

Schockiert stellte er fest, dass sich Tränen in seinen Augenwinkeln bildeten, die er schnell mit der Hand wegwischte.

Was war los mit ihm? Lag es am Alkohol, dass er so sentimental wurde? Er drehte sich von der Tanzfläche weg und sah in Richtung Bar.

Die Bardame hantierte mit Flaschen und Gläsern wie eine Schauspielerin auf einer Bühne.

Jede Bewegung wirkte einstudiert, und sie sonnte sich im Scheinwerferlicht und in der Bewunderung der Gäste.

Eigentlich war ihm Gustav in seiner Eckkneipe lieber, dachte er versonnen. Der war wenigstens ein Mensch aus Fleisch und Blut und verstellte sich nicht.

Nelu tauchte plötzlich wieder neben ihm auf. Er strich sich das verschwitzte Haar aus der Stirn.

»Geile Party«, stieß er atemlos hervor.

Jakob nickte, ohne zu lächeln, er wollte ihm den Abend nicht verderben.

»Ich muss bald los«, meinte er, »muss morgen wirklich früh raus.«

»Du bist doch grade erst gekommen.« Nelu wirkte enttäuscht.

Jakobs Herz machte einen kleinen Hüpfer.

Nelu zwinkerte ihm zu.

»Ich hab da was, das dich wach machen wird. Bock auf ’ne kleine Line? Wir bringen dich schon in die richtige Stimmung.« Er wies in Richtung Toiletten.

»Ne, lass mal. Mit Drogen hab ich es nicht so.«

Jakob fummelte verlegen an seinem Glas herum.

»Mann, du bist so ein Spießer. Dann warte kurz auf mich. Bin gleich wieder da.« Er verschwand.

Unsicher drückte Jakob seinen Rücken an die Theke und ließ seinen Blick über die feiernde Masse schweifen.

Nelu kam zurück, ein seliges Lächeln in seinem Gesicht. Ein Rest von weißem Puder schimmerte an seinem rechten Nasenloch.

»Ich muss jetzt los«, wiederholte Jakob.

»Moment. Wir besorgen dir noch Taxigeld.«

Nelu wandte sich dem Mann zu, der neben ihm stand, schon leicht betrunken über der Theke hing und aus glasigen Augen die Bardame anglotzte.

»Natascha, mach mal einen Drink fertig für meinen Bruder hier«, wies Nelu sie an und klopfte dem Mann wohlwollend auf die Schulter. Erfreut grinste der Mann Nelu an.

»Danke, mein Freund. Ich bin Dirk.« Er reichte ihm die Hand.

Nelu schlug ein.

»Luca«, stellte er sich vor. Die Muskeln seines Kiefers bewegten sich rhythmisch. Er knirschte mit den Zähnen.

Sie neigten die Köpfe zueinander und unterhielten sich.

Jakob konnte nicht verstehen, worüber sie sprachen, die Musik war zu laut. Er beobachtete, wie Nelu der Bardame zunickte, die zu den beiden herüberkam und den Mann namens Dirk in ein Gespräch verwickelte.

Nelu zückte ein kleines Fläschchen aus der Tasche, öffnete es, ließ mehrere Tropfen brauner Flüssigkeit in das Glas des Mannes tropfen und steckte es dann wieder weg. Die Bardame ließ von Dirk ab und drehte sich weg.

Mit einem debilen Lächeln auf dem Gesicht strahlte der Mann Jakob und Nelu an.

»Die Schnecke scheint mich zu mögen«, lallte er voller Stolz, »da habe ich heute den ganz großen Fang gemacht.«

Nelu stieß mit ihm an. Dirk trank in großen Schlucken. Es dauerte eine Weile, bis er sich an der Theke festhalten musste und seine Augen begannen hervorzutreten. Sein Gesicht nahm eine grünliche Farbe an »Scheiße. Was ist los mit mir? Es dreht sich alles.« Er stöhnte. Schweiß lief über sein Gesicht und tropfte auf den Tresen. Mit den Händen fasste er an seinen Magen und krümmte sich.

»Komm mit«, Nelu griff unter seinen Arm, »ich bringe dich auf die Toilette.«

Sie verschwanden und blieben eine ganze Weile weg.

Nelu kam bestens gelaunt und ohne Dirk zurück. Er nickte Natascha hinter der Theke zu, kramte ein Portemonnaie aus der Tasche, zog einen Hunderter daraus hervor und reichte ihn ihr.

»Ich bring dich noch nach draußen«, raunte er Jakob zu.

Die frische Luft tat gut. Ein paar Meter entfernt von der Eingangstür warteten Taxis. Jakob war erleichtert, die Lautstärke des Klubs hinter sich lassen zu können, und atmete befreit auf. Endlich ließ der Druck auf seinen Ohren nach.

Nelu drückte Jakob einen 200-Euro-Schein in die Hand.

»Hier. Komm gut nach Hause.«

»Das kann ich nicht annehmen«, wehrte Jakob entrüstet ab.

»Mann, das ist doch nicht mein Geld, du Affe«, lachte Nelu, »habe ich dem Spacken Dirk abgenommen.«

»Was ist mit ihm? Was hast du ihm ins Glas getan?«

»K.o.-Tropfen. Funktioniert immer wieder gut. Hab ihm auf dem Klo sein Geld abgenommen. Kleine Bezahlung dafür, dass er sich mit mir unterhalten durfte.«

Jakob zögerte.

»Nun schau nicht so blöd aus der Wäsche. Es geht ihm gut, und er wird nicht sterben. Man sollte sich halt vorher überlegen, mit wem man sich einlässt. Ist selbst schuld der Typ. Traue niemandem außer dir selbst, und so prall wie sein Portemonnaie gefüllt war, hat der Vogel genug Geld, glaub mir. Da kann er ruhig mal was abgeben.«

Jakob nickte. Das hörte sich vernünftig an. Menschen waren schlecht, und wer sich verarschen ließ, war selbst schuld. Er nahm den Schein, Nelu zog eine Visitenkarte aus der Tasche.

»Kannst mich ja mal anrufen. Ich gehe rein und schnappe mir die leckere Kleine, mit der ich vorhin getanzt habe. Eine ordentliche Nummer ist ein guter Abschluss für den heutigen Tag.« Jakob schaute auf die Karte in seiner Hand.

»Radu-Cristian Marsavela – Unternehmensberater«, stand auf der Karte und eine Telefonnummer.

»Mach ich«, flüsterte er in die Dunkelheit.

Nelu war längst im Inneren des Klubs verschwunden.

Als Jakob im Taxi saß und entspannt die Beine ausstreckte, spürte er, wie müde er war.

Kapitel 10 – Nelu

Die Schwärze der Nacht verschluckte ihn und ließ ihn unsichtbar werden. Er lief über die hügeligen Waldwege durch die Bittermark. Äste und totes Holz knackten unter seinen Füßen. Irgendwo hörte er eine Eule rufen. In diesem Wald würde er sich blind zurechtfinden. Schon als Kind hatte er jedes Versteck in dieser zugewachsenen, grünen Oase ausgekundschaftet, war auf jeden der alten Bäume geklettert. Er verharrte einen Augenblick vor dem Mahnmal, das an ein Massaker der Nazis an Karfreitag 1945 erinnern sollte, und sich auf einer Lichtung im Wald befand. Dann setzte er seinen Weg fort. Er verließ den Wald und durchquerte ein pingelig gepflegtes, zu Tode langweiliges Wohngebiet.

Vor dem letzten, abseits liegenden Haus in der Siedlung blieb er stehen und spürte sein Herz in der Brust schlagen. Er atmete hechelnd durch den Mund.

Wie konnte es sein, dass dieser Bungalow ihn noch immer so verstörte?

Nelu sprang über das Tor und durchquerte den prächtigen Garten. Der Duft von Rosen drang in seine Nase. Der Geruch holte Erinnerungen zurück und ließ ihm übel werden. Er nahm einen der großen Steine auf, die als Dekoration um das Haus aufgereiht waren, umrundete das Gebäude und blieb vor der hinteren Terassentür stehen. Im Haus war es dunkel. Er holte aus und zertrümmerte mit dem Stein das Fensterglas. Durchsichtige Splitter sammelten sich auf dem Boden.

Sie sollten ruhig denken, dass Einbrecher hier am Werk gewesen waren.

Er griff von innen durch das zerstörte Fenster, öffnete die Tür und trat ein.

Die Beklemmung legte sich wie ein schwarzes Tuch über ihn. Er schaltete das Licht ein und wartete darauf, dass der Schwindel, der ihn ergriff, vorüber ging.

Das kalte Weiß der Möbel, das Weiß des Bodens und der Wände bohrte sich wie Nadelstiche in seine Augen.

Er sah sich als kleiner Junge durch das sterile Haus wandern, auf der vergeblichen Suche nach etwas Lebendigem.

Das schmerzhafte Sehnen nach einem liebevollen Wort, einem Lachen in diesem riesigen Gebäude kam zurück. Seine Hände glitten fahrig über seinen Körper. Ihm wurde kalt.

Geld, alles hatte sich immer nur um Geld gedreht.

Nelu biss die Zähne fest zusammen, schritt langsam zu dem gläsernen Wohnzimmertisch und setzte sich auf das weiße, überdimensional große Ledersofa. Er kramte hektisch das Tütchen und das Metallrohr aus der Tasche seiner Anzughose, zerkleinerte mit seiner Kreditkarte das Pulver, das er auf den Tisch gestreut hatte und zog eine riesige Line. Er stöhnte auf und legte den Kopf in den Nacken.

So war es schon besser. Er fuhr mit dem Finger über die Glasplatte und verrieb die Reste des Pulvers auf seinem Zahnfleisch.

Er sprang auf und tigerte durch das Haus, in dem er aufgewachsen war und noch immer in manchen Nächten schlief, auch wenn er von anwesenden Personen komplett ignoriert wurde.

Hier sprach schon lange niemand mehr mit ihm. In diesem Haus war er ein Geist, der missbilligend akzeptiert wurde.

Seine Eltern würden noch lange nicht nach Hause kommen. Die Partys, die der Golfklub veranstaltete, endeten nie, bevor der nächste Tag angebrochen war.

Sein Blick fiel auf die gerahmten Fotos auf dem Sideboard.

Er betrachtete den kleinen Jungen in Anzug und Krawatte, mit seinem schönen Gesicht, umgeben von Unmengen teurem Spielzeug. Nelu konnte die Verzweiflung und die Angst in seinen dunkelblauen Augen sehen.

Er zog geräuschvoll die Nase hoch und starrte die Bilder an. Mit einer kraftvollen, schnellen Bewegung fuhr sein Arm über das Sideboard und er riss die Fotos zu Boden. Es knirschte, als er die Bilderrahmen mit seinen Füßen zertrat.

Er hastete durch das klinisch saubere Haus, öffnete den Haushaltsraum und holte den großen Vorschlaghammer heraus.

Der erste Schlag gegen den Wohnzimmerschrank, der unter seinem Schwung in tausend Stücke zerbrach, war wie eine Befreiung.

Immer hatte er Druck verspürt. Er sollte höher, weiter, besser sein, als alle anderen Kinder.

Nelu schlug auf das weiße Klavier im Wohnzimmer ein. Die schwarzweißen Tasten stießen jaulende Klimpertöne aus und flogen in alle Himmelsrichtungen.

Wenn sein Vater wüsste, dass er sich inzwischen sein eigenes Imperium aufgebaut hatte. Er hatte es auf seine Weise geschafft, sich Macht, Ansehen und Geld zu verschaffen und er würde es noch weiter bringen, auch ohne den vorgeschrieben Weg des alten, verstockten Mannes zu gehen.

Nach einer Weile hielt er schnaufend inne und sah sich fasziniert in dem Chaos um, das er angerichtet hatte.

Es fühlte sich gut an, doch er musste seine Kräfte sparen.

Er hatte noch viel Arbeit vor sich und Großes vor.

Diesen Volltrottel Jakob, den er kennengelernt hatte, würde er sich so biegen, dass er ihm von großem Nutzen sein würde.

Nelu öffnete mit dem Zahlencode den Safe im Schlafzimmer seiner Eltern und ließ wahllos ein paar Scheine in seine Tasche gleiten. Er stieg über zerbrochenes Glas und die zertrümmerte Einrichtung und verschwand mit einem verklärten Lächeln im Gesicht so lautlos in der Nacht, wie er gekommen war.

Kapitel 11 – Leyla

Leyla umklammerte das Messer so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Sie hackte auf die Melonenstücke ein, die vor ihr auf dem Tisch lagen, um später eingemacht und verkauft zu werden. Eine Spezialität des kleinen Gemüseladens ihres Vaters. Leyla lachte verbittert auf. Ihr Vater, der Pläne mit ihr hatte. Pläne, mit denen sie ganz und gar nicht einverstanden war. Sie stach weiter auf das wehrlose Obst ein. Das gelbe Fruchtfleisch spritzte in alle Richtungen. Sie würde das später sauber machen müssen. Ihr Vater würde einen Herzinfarkt bekommen, wenn er die Sauerei entdeckte.

Sehnsüchtig sah sie durch das Schaufenster hinaus auf die zugeparkte Blumenstraße. Die schiefen Häuser schienen sich gegenseitig stützen zu wollen, um nicht umzufallen.

Vor dem Fenster erschien dieser Typ von gegenüber. Das Baseballcap konnte sein kreidebleiches, eingefallenes Gesicht und die schwarzen Ringe unter seinen Augen nicht verbergen. Er traf sich mit dem anderen, mit dem, der immer diese Gesichtszuckungen hatte. Geldscheine und Plastiktütchen wechselten ihren Besitzer.

Leyla rückte ihr Kopftuch zurecht und wandte den Blick ab.

Ein Sonnenstrahl hatte sich seinen Weg durch die Fensterfront gesucht, das Messer in ihrer Hand blitzte im Licht auf. Zärtlich strichen ihre Finger über die Klinge.

Messer hatte sie schon immer geliebt.

Sie fuhr zusammen, als sie ein ungewohntes Geräusch vernahm.

Vor dem Schaufenster standen zwei dunkel gekleidete Männer mit Sonnenbrillen.

Leyla kannte jeden dieser irren Typen, die hier ein – und ausgingen, diese Personen waren ihr fremd.

Einer der beiden schüttelte eine Spraydose, der andere klopfte mit dem Fingernagel seines Zeigefingers an die Scheibe und glotzte zu ihr hinein.

»Wenn ihr reinkommt, stoße ich euch das Messer mitten ins Herz, ohne mit der Wimper zu zucken«, zischte Leyla in die Stille des leeren Ladens und riss ihre schwarzen Augen auf. Das Ticken der großen Uhr, die an der Wand hing, schien lauter zu werden.

Einer der Männer begann mit schwungvollen Bewegungen große Buchstaben von außen an die Scheibe zu sprühen.

Leyla knallte das Messer auf den Tisch, stürmte zur Eingangstür des Ladens und riss sie auf.

»Seid ihr nicht ganz richtig im Kopf? Was macht ihr da? Das ist Beschädigung fremden Eigentums«, brüllte sie die Männer an.

Die alte Erna aus dem Haus gegenüber, die wie immer aus dem Fenster schaute und das absurde Treiben auf der Straße beobachtete, lachte laut und klatschte ihr Beifall.

»Richtig so, Mädchen«, rief sie applaudierend, »zeig ihnen, wo es langgeht.«

Der Mann, der an das Fenster geklopft hatte, richtete hinter der Sonnenbrille langsam den Blick auf sie.

Lelya spürte, wie sich ihr Magen zusammenschnürte.

»Wir haben eine Botschaft zu überbringen.«

»Wovon redest du? Was für eine verdammte Botschaft?« Sie hasste sich dafür, dass ihre Stimme zitterte.

»Du hast dich mit dem Falschen angelegt, Süße. Hast den Falschen aus deinem mickrigen Laden geschmissen und mit einer Anzeige gedroht.«

Leylas Gedanken rasten durch ihren Kopf. Es kam öfter vor, dass einer ihrer Kunden versuchte, etwas mitgehen zu lassen, aber man kannte sich hier in der Gegend. Sie machte normalerweise kein großes Theater, wenn sie jemanden beim Klauen erwischte, sie ließ anschreiben, wenn jemand kein Geld hatte oder verschenkte auch mal etwas. Ohne das Wissen ihres Vaters natürlich.

»Macht meine Leyla nicht blöd an. Das ist ein gutes Mädchen«, brüllte die alte Erna aus ihrem Fenster. Sie schien sich sichtlich zu freuen, dass endlich mal etwas los war.

Der Mann machte einen Schritt auf Leyla zu. Sein Gesicht war dicht vor ihrem. Sie konnte seinen sauren Atem riechen.

»So etwas macht man nicht mit IHM«, zischte er.

Er musste diesen fremden, elegant gekleideten Schnösel meinen, der neulich im Laden versucht hatte, etwas mitgehen zu lassen.

»Geht«, schrie sie aus voller Kehle, »haut ab, sonst rufe ich die Polizei.«

»Leyla, was machst du da? Komm sofort mit rein. Was sollen die Leute denken?« Ihr Vater war hinter sie getreten und zog sie mit festem Griff zurück in den Laden.

Grob schob er sie zurück in die Ecke an ihren Tisch und stieß sie auf ihren Stuhl. Er lehnte sich erschöpft an die Wand und fuhr mit der Hand über sein faltiges Gesicht.

Die beiden Männer vor dem Laden verschwanden.

»Was waren das für Männer? Und warum schreist du mitten am Tag auf der Straße herum?« Ihr Vater sah sie mit resigniertem Blick an.

»Sie haben unser Schaufenster beschmiert. Was soll ich in so einer Situation deiner Meinung nach tun? Sie höflich reinbitten und ihnen unsere Ware anbieten?«

Ihr Vater seufzte erschöpft. »Nein, natürlich nicht. Wenn es Probleme gibt, ruf mich an. Ich regele das schon. Aber du kannst nicht einfach fremde Leute beschimpfen.«

»Fremde Leute – das sind Kleinkriminelle, und sie wollten mir Angst einjagen, und du, du bist sowieso nie hier. Wenn ich dich anrufe, hat ein Dieb das gesamte Geschäft ausgeräumt, bis du endlich da bist. Seit ich dir im Laden helfe, sitze ich den ganzen Tag hier herum und vergammele, falls du dich erinnerst. Da muss ich mir schon selbst zu helfen wissen. Diese arroganten Penner, die denken, dass die ganze Welt ihnen gehört, haben hier nichts zu suchen.« Ihre Stimme überschlug sich und zitterte vor Wut.

»Hör auf, so zu reden. Das gehört sich nicht. Und hör auf, mir vorzuwerfen, dass ich mich nicht mehr so viel um den Laden kümmern kann, ich tue das nur für dich. Für mein undankbares, kleines Mädchen. Damit sie es einmal gut hat. Ich versuche nur ein zweites Standbein aufzubauen und mit den Import-Exportgeschäften Geld aufzutreiben, damit du diesem kalten Deutschland den Rücken zuwenden und ein besseres Leben in deiner Heimat führen kannst.«

»Dortmund ist meine Heimat. Hier sind meine Freunde. Hier kenne ich jede Straße und bin zu Hause.« Leyla schrie. »Du hörst mir nicht zu. Ich will nicht in die Türkei. Ich spreche nicht mal vernünftiges Türkisch, und vor allem will ich nicht einen Mann heiraten, den ich noch nie gesehen habe.« Sie weinte. Heiße Tränen strömten über ihr Gesicht.

»Leyla«, versuchte ihr Vater sie zu beruhigen, »vertraue mir. Ich weiß, was gut für dich ist. Du wirst mir einmal sehr dankbar sein. Muhammed ist ein guter Mann, er ist genau der Richtige für dich.«

»Ich scheiß auf diesen Hurensohn«, brüllte Leyla außer sich. Sie warf das Schneidebrett mit einem Ruck vom Tisch, sodass die Melonenstücke auf den Fußboden rutschten und klebrige Spuren hinterließen. Leyla sprang auf. Der Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, fiel scheppernd um. Sie schnappte sich ihren Mantel, warf ihrem Vater einen letzten bösen Blick zu und verließ, die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zuschlagend, den Laden.

Ihr Vater sah ihr kopfschüttelnd und mit hängenden Schultern hinterher. Was hatte er bei ihrer Erziehung nur falsch gemacht? Er sah sich im um. Obststücke klebten an den Wänden, in den Regalen und auf dem Fußboden. Seufzend beugte er seinen schmerzenden, steifen Rücken, griff nach dem Putzeimer und tauchte müde den Lappen in die Seifenlauge.

Vor dem Laden starrte Leyla mit offenem Mund auf die riesigen Buchstaben, die von außen auf die Scheibe gesprüht waren:

»Dein Tag wird kommen, Schlampe«.

Kapitel 12 – Jakob

Schwarze Wellen türmten sich auf und schlugen über seinem Kopf zusammen. Etwas streifte seinen Körper, wickelte sich um seine Beine und zog ihn hinab in die Tiefe. Er zappelte, kämpfte, bekam keine Luft mehr. Es war sinnlos, er würde sich nicht befreien können.

Jakob erwachte von seinem eigenen Aufschrei.

Schwer atmend lag er auf dem Bett. Diese verfluchten Albträume.

Stöhnend tastete er nach seinem Handy und sah auf die Uhr. Heute war es zu spät, um sich mit dem Jobcenter in Verbindung zu setzen. Er strich sich über sein verquollenes Gesicht.

Bald würde der Briefkasten wieder überfüllt sein mit Anschreiben, Bescheiden und Mahnungen vom Amt.

Der Tag schleppte sich dahin wie zäher Kleister. Irgendwann hielt er die Enge der Wohnung, Jesus und Mutters abwesende Blicke nicht mehr aus und machte einen Spaziergang durch die Nordstadt, die ihr übliches Bild bot. Graue Straßen, Graffiti an den Wänden, Häuser, gebaut in einer Vergangenheit, an die sich niemand mehr erinnern konnte. Betrunkene, Künstler, Studenten, viele alte Menschen, eine dicke Frau, beladen mit Tüten vom Discounter, Radfahrer, auf der Bank einer Grünfläche eine Frau, verhüllt in eine Burka, daneben ein Junkie, der sich mit seiner Spritze ins Gebüsch verzog.

Jakob zückte sein gebraucht gekauftes Smartphone, zog die Visitenkarte aus der Tasche und wählte mit fahrigen Fingern Nelus Nummer. Es war früher Nachmittag, da würde er ja wohl schon wach sein und hätte sich längst von seiner nächtlichen Bekanntschaft verabschiedet. Die Verbindung baute sich auf, es war das übliche Tuten zu hören, aber niemand ging ans Telefon.

»Empfänger ist nicht zu erreichen«, meldete die gefühllose Stimme am anderen Ende schadenfroh.

Unruhig starrte er auf das Telefon, während er orientierungslos weiter lief.

Durch Straßen, die er schon als Kind gekannt hatte. Ein gähnendes Loch der Langeweile tat sich vor ihm auf.

Dortmund, dachte er müde, eine Stadt, so dreckig und grau, wie ihr Ruf. Daran konnten die vielen Hipster, die in diesem Stadtteil neuerdings wie Pilze aus dem Boden schossen, auch nichts ändern.

Es war kühler geworden, langsam war zu spüren, dass der Sommer sich verabschiedete.

Mit gesenktem Kopf, die Hände in den Hosentaschen vergraben, trottete er deprimiert durch den Nachmittag. Sein Telefon schwieg. Fast von selbst zog es ihn zu Hüseyins Gemüseladen in der Blumenstraße.

Das hübsche, türkische Mädchen stand heute draußen vor dem kleinen Lebensmittelgeschäft, neben sich einen Putzeimer und reinigte mit undurchdringbarer Miene das Schaufenster.

Wie immer setzte Jakobs Herzschlag für einen Moment aus, als er sie sah. Er lehnte sich an eine Hauswand und sah mit gebührendem Sicherheitsabstand verträumt zu ihr hinüber.

Sie schrubbte mit kraftvollen, kreisförmigen Bewegungen die Scheibe, neben sich, der alte Mann im Rollstuhl, den Jakob schon oft vor dem Laden gesehen hatte. Wie immer hockte er mit nacktem Oberkörper und einer Wolldecke über den Knien da, eine Bierflasche in der Hand und erzählte seine endlosen Geschichten. Das Mädchen nickte zwischendurch, als würde sie seiner Erzählung interessiert folgen. Sie schien so etwas wie eine unbezahlte Sozialarbeiterin in diesem Wohngebiet zu sein.

Dies schien in diesem Viertel gerne angenommen und dringend benötigt zu werden. Wann immer Jakob den Laden, unter dem Vorwand etwas Obst kaufen zu wollen, besuchte, sah er, wie sie sich um die Menschen kümmerte.

Diese Frau war, trotz ihrer oft ruppigen Art, ein Engel.

Hingerissen glitt Jakobs Blick über ihren schlanken Körper, der sich durch die hochgeschlossene Kleidung abzeichnete.

Sie bemerkte, dass sie beobachtet wurde und drehte sich in seine Richtung. Jakob erstarrte und schenkte ihr ein schüchternes Lächeln, dann wandte er sich ab und machte sich zügig auf den Heimweg.

Zum Abendessen setzte Mutter ihm eine Schüssel mit Haferflocken und Milch vor.

»Wir müssen sparen, Hase. Ist nicht mehr viel Geld übrig diesen Monat. Lass es dir schmecken und mach dir keine Sorgen. Du weißt doch: Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitte vor Gott kundwerden. Du musst beten, Jakob, lass uns zusammen beten, dann wird alles wieder gut.«

Sie hielt seine Hand und schloss die Augen, als sie das Abendgebet sprach.

Er nahm die Sorgenfalten auf ihrer Stirn wahr.

Beten, dachte er genervt, beten hilft hier auch nichts mehr. Ich muss meinen Hintern hochbekommen und die Sache mit dem Amt regeln.

Er schlang die Haferflocken in sich hinein, ohne etwas zu schmecken.

In seinem Zimmer zog er sein Handy hervor und starrte auf das Display. Die Zahlen der Tastatur verschwammen vor seinen Augen.

Das ist das letzte Mal, dass ich es probiere, schwor er sich. Ansonsten kann der Typ mir gestohlen bleiben. Der Gedanke tat weh. Nelu hatte es geschafft, die eingefrorene Langeweile in Jakobs Leben und sein trostloses Dahinvegetieren von Tag zu Tag zu durchbrechen.

Das sich wiederholende Tuten bohrte sich in seinen Schädel. Er wollte gerade auf Auflegen drücken, um zu vermeiden, wieder die Automatenstimme zu hören, als am anderen Ende jemand ans Telefon ging.

»Was?« Die Stimme von Nelu klang kalt und seltsam fremd.

»Äh, ich bin es. Jakob.«

»Jakob, welcher Jakob? Kenn ich nicht. Was willst du, Mann?«

»Wir waren gestern auf dem Dach, dann im Klub. Erinnerst du dich nicht?« Jakob stockte.

Es blieb einen Moment still am anderen Ende.

»Ach klar, ich erinnere mich. Der dünne Schlägertyp in den Klamotten seines Opas.«

Selbst durch den Hörer klang sein Lachen melodisch.

Jakobs Herz machte einen Satz.

»Der Auserwählte, der meine persönliche Dachterrasse betreten durfte.«

»Ja, genau der«, rief Jakob euphorisch.

»Was gibt’s?«, fragte Nelu lässig.

Jakob musste kurz überlegen. »Eigentlich nichts. Wollte mich nur mal melden und fragen, wie es dir gestern noch ergangen ist.«

»Was glaubst du wohl? Hast die Perle doch gesehen, obwohl ich sagen muss, dass der Eindruck falsche Hoffnungen geweckt hat. Im Bett war sie dann doch nur so Mittelmaß. Bisschen unkreativ und leblos. Bisschen so, als würde man es mit einer Leiche treiben. Ich hab Hunger«, wechselte er abrupt das Thema, »Bock, mit mir was essen zu gehen?«

»Klar. Mein Magen knurrt, und ich hab nichts vor«, erwiderte Jakob hastig.

»Gut, ich hol dich in einer halben Stunde ab. Komm nach draußen auf die Straße, oder soll ich mich noch bei deiner Mutti vorstellen, damit sie weiß, dass du in guten Händen bist und ich auf dich aufpassen werde?« Wieder ertönte sein heiseres Lachen.

»Ich komm raus«, sagte Jakob schnell.

Nelu unterbrach die Verbindung, ohne sich zu verabschieden.

Jakob sprang auf und rannte ins Badezimmer. Eilig duschte er und zog sich frische Kleidung an.

Er zog die Wohnungstür hinter sich zu und hastete nach unten. Er hörte das grollende Brummen des Wagens lange, bevor der blank gewienerte Mercedes um die Ecke bog. Das Licht der inzwischen untergehenden Sonne spiegelte sich im glänzenden Schwarz des Oldtimers. Der Wagen hielt mit laufendem Motor.

Jakob stieg auf der Beifahrerseite ein und ließ sich in die weichen Ledersitze gleiten. Sein Blick fiel auf die herausgerissenen Kabel am Armaturenbrett. Sie fuhren los.

»Hast du keine Angst, dass du mal erwischt wirst?«, fragte Jakob.

»Wieso erwischt? Bei was?« Nelu wirkte erstaunt.

Jakob war sich nicht sicher, ob er nicht nur so tat, als ob er nicht wüsste, wovon er sprach.

»Na, du klaust doch diese Autos.«

»Ich klaue nicht. Bin doch nicht so wie die anderen Rumänen. Ich leihe mir die Autos aus und parke sie halt irgendwo anders. Niemals im gleichen Wagen fahren. Ich liebe die Abwechslung. Ich könnte mir auch eine eigene Karre leisten, einen Lamborghini oder so, aber bei Autos ist es wie bei den Weibern. Immer das Gleiche ist öde, außerdem brauche ich mein Erspartes für Italien«, setzte er verträumt hinzu. »Es dauert nicht mehr lange, dann bin ich weg.«

Er legte den Kopf schief und sah Jakob von der Seite an.

»Ich habe einen Tisch reserviert im ›Dello Chef‹ in der Gartenstadt.«

Jakob hatte das Restaurant bisher nur von außen gesehen. Der Laden wirkte teuer, und Jakob hätte selbst im Traum nicht daran gedacht, dort einmal essen zu gehen.

»Ein Hauch von Italien, damit du mal weißt, wovon ich spreche. Da gibt es das beste italienische Essen der Stadt«, fuhr Nelu fort, »aber wir müssen dich vorher neu einkleiden. Selbst mit mir zusammen würden sie dich dort in den Klamotten nicht reinlassen.«

Unruhig rutschte Jakob auf dem Sitz hin und her. Er war pleite. Das, was von dem Taxigeld gestern übrig geblieben war, hatte er unbemerkt in Mutters Haushaltskasse gesteckt.

Nelu lachte lautlos in sich hinein, blickte nach vorne durch die Frontscheibe und schien sich ganz aufs Fahren zu konzentrieren.

Sie fuhren in den Dortmunder Süden, durch eine prunkvolle Wohngegend, und Jakob betrachtete staunend die riesigen Villen. Sie wirkten wie Schlösser, ein Gebäude war schöner als das nächste und stand in großzügigem Abstand zu den anderen.

Hier müsste man leben. Keine neugierigen, sich streitenden Nachbarn, die man durch die papierdünnen Wände hörte. Gärten so groß wie Parks. Genug Platz, um Mutter den gesamten Tag aus dem Weg zu gehen. Als Nelu den Motor abschaltete, brauchte er einen Moment, um zu sich zu kommen.

Sie stiegen aus dem Wagen. Jakob schnupperte.

»Es riecht hier irgendwie anders. Ein Geruch, den ich nicht kenne«, sagte er und atmete geräuschvoll ein.

»Der Duft des Geldes. Der klebt in der Luft wie Leim. Pass bloß auf, dass er nicht deine Nase verkleistert und dich ersticken lässt. Das ist schon so manch einem passiert«, antwortete Nelu trocken.

Es war inzwischen dunkel. Sie liefen schweigend am Rand der sauberen Straße entlang.

»Selbst die Straße ist schön«, murmelte Jakob versonnen.

»Mann, krieg dich wieder ein. Hier wohnen genau die gleichen Hurensöhne wie bei dir zu Hause in der Nordstadt, nur dass die so viel Kohle haben, dass sie gar nicht wissen, was sie damit anfangen sollen.« Zielstrebig führte er Jakob zu einer Villa, die von einer hohen Steinmauer umgeben war. Hinter der Mauer lag alles im Dunkeln, sodass man das Gebäude nur schemenhaft erkennen konnte. Am Eingangstor war eine kleine Metallklappe angebracht.

Nelu öffnete sie, und eine Tastatur kam darunter zum Vorschein, auf der er ohne zu zögern einen Zahlencode eintippte. Lautlos öffnete sich das Tor.

Jakob riss die Augen auf und folgte Nelu in die Dunkelheit.

Sobald sie sich auf dem Kiesweg befanden, der zum Haus führte, sprangen neben ihnen funkelnde Laternen an, die den Weg säumten und ihnen mit einem warmen Licht den Weg wiesen.

Sie stiegen die steinerne Treppe zur Eingangstür hinauf. Wieder tippte Nelu einen Code auf einer Tastatur ein, es gab ein klackendes Geräusch, und er griff nach dem pompös geschmiedeten Türgriff.

Sie betraten die riesige Vorhalle der Villa. Sobald sie den ersten Fuß in das Haus gesetzt hatten, setzte eine Automatik ein, leise Hintergrundmusik ertönte, und der glitzernde Kronleuchter, der mittig in der Halle an der hohen Decke hing, erstrahlte. Jakob bemerkte, dass sein Mund offen stand.

»Woher kennst du die Codes?«, flüsterte er Nelu zu.

»Du brauchst nicht zu flüstern«, Nelu redete in normaler Lautstärke, »die Bewohner sind im Urlaub. Lassen ihre reichen Ärsche auf den Malediven bräunen. Wir sind ganz allein.«

»Woher weißt du das so genau?« Jakob war vor Aufregung außer sich.

»Ich habe meine Leute, das habe ich dir schon mal versucht zu erklären. Überall. Leute, die mir Gefallen schulden, Leute, die es sich nicht mit mir verscherzen wollen. Die kriegen so was für mich raus, und jetzt reg dich endlich ab. Komm, wir trinken erst mal was.« Er stolzierte über den edlen Marmorfußboden, als wäre er hier zu Hause.

Im Wohnzimmer ging er zur Bar, schenkte großzügig Cognac in zwei Gläser und warf sich auf das weiße Designersofa.

»Setz dich«, er klopfte mit der Hand neben sich auf das Sofa.

Jakob setzte sich vorsichtig auf das Sofa und strich ehrfürchtig mit der Hand über den samtweichen Bezug.

Sie tranken den Cognac, er schmeckte weich, fruchtig und ein bisschen nach Erde. Allein von seinem Duft wurde Jakob ganz schwindelig.

»So, und wozu sind wir hier?«, fragte Nelu wie ein strenger Lehrer. Jakob zuckte verwirrt mit den Schultern.

»Du hast dir dein Gehirn weggesoffen, was? Wir wollten dich neu einkleiden. Schon vergessen?«

Er zog Jakob mit sich die Treppe hinauf, in ein Schlafzimmer, das so groß war wie die gesamte Wohnung, in der Jakob lebte.

Das meterbreite Bett, das im Mittelpunkt des Raumes stand, sah mit seinen vielen Kissen so einladend aus, dass Jakob sich zusammenreißen musste, um nicht mit einem Hechtsprung hineinzuspringen und sich die flauschige Decke über die Ohren zu ziehen.

Nelu lächelte kalt und deutete auf die Zimmerdecke, an der ein riesiger Spiegel angebracht war.

»Die werden es hier miteinander treiben wie die Karnickel«, meinte er und begann, im Kleiderschrank zu wühlen, der die gesamte Wandseite einnahm. Er zog mehrere Anzüge aus dem Schrank.

»Geil, der Typ, der hier wohnt, müsste genau deine Größe haben.« Zufrieden las er die Etiketten. »Gute Marken. Das sind Designerstücke. Exquisiter Geschmack. Wenigstens etwas.« Er nickte anerkennend und warf die Anzüge achtlos auf das Bett. »Worauf wartest du? Los, zieh dich um. Ich habe für neun Uhr reserviert. Wenn man in dem Laden nicht pünktlich ist, ist der Tisch weg, und wir müssen vorher noch die Wohnung umdekorieren.«

»Umdekorieren?«, wiederholte Jakob dümmlich.

»Zeig ich dir später. Das ist mein Markenzeichen bei Einbrüchen, ist jetzt egal, erst mal rein in die Klamotten.«

Jakob genierte sich. Es war ihm peinlich, sich vor Nelu auszuziehen und seinen knochigen Körper zu präsentieren, doch Nelu beachtete ihn gar nicht, hing mit dem Kopf in dem Kleiderschrank und durchstöberte interessiert dessen Inhalt.

Als Jakob das erste Mal in seinem Leben in einem weißen Seidenhemd und einem dunkelgrauen Leinenanzug vor dem Spiegel stand, blieb ihm fast die Luft weg. Der Mann, der ihm im Spiegelbild gegenüberstand, war ihm fremd. Er sah aus wie ein anderer Mensch, nur die Löcher in seinen Socken verschandelten das Bild. Die Kleidung fühlte sich gut auf seiner Haut an und schmiegte sich sanft an seinen Körper. Sofort hatte er das Gefühl, aufrechter zu stehen und seinen Kopf höher zu tragen. Sein magerer Körper sah nicht mehr kantig und dürr aus, sondern wirkte schlank und gesund.

Nelu war begeistert.

»Der ist es. Du brauchst nichts anderes mehr anzuprobieren«, entschied Nelu.

Als Jakob in die passenden braunen Lederslipper geschlüpft war, die sie gefunden hatten, war der Anblick perfekt.

»Soll ich die Sachen wirklich einfach mitnehmen?«, fragte Jakob unsicher.

»Alter, der Typ merkt überhaupt nicht, wenn ein paar Anzüge fehlen. Der hat so viel Zeug in seinem Schrank, dass das gar nicht auffällt. Wir nehmen ja kein Geld mit oder was von dem verdammten Schmuck, der überall herumliegt. Den Anzug hast du dir verdient, Jogginghosen-Jakob.« Das Grinsen überzog Nelus gesamtes Gesicht.

Er räumte alle Klamotten, die inzwischen über den gesamten Fußboden verteilt auf dem flauschigen Teppich herumlagen, ordentlich zurück in den Schrank. Sie verließen das Schlafzimmer genauso, wie sie es betreten hatten.

Zurück im Wohnzimmer packte Nelu die eine Seite des Sofas. »Fass mal mit an.«

Jakob griff zu. Sie schleppten das schwere Ding auf die andere Seite des Raumes. Verstellten den Fernsehtisch, verschoben mit vereinten Kräften die Schränke, sodass schließlich jedes Möbelstück an einem anderen Platz stand. Befriedigt betrachtete Nelu sein Werk.

»Sieht besser aus als vorher«, meinte er, »mach ich immer so. Bevor ich gehe, dekoriere ich die Häuser um. Ich bin der geborene Innenarchitekt. Die Freaks, die hier wohnen, werden sich fragen, ob sie vielleicht nicht mehr ganz frisch im Kopf sind, wenn sie wiederkommen und alles anders aussieht. Ich hinterlasse keine Einbruchsspuren, nehme keine Wertgegenstände mit. Alles, was bleibt, sind benutzte Gläser und neu angeordnete Möbel. Unsere Urlauber werden sich wundern, wenn sie wieder da sind.«

Er schien sich sichtlich darüber zu freuen.

»Und jetzt gibt es endlich was zu essen.«

Sie verließen die Villa, liefen übermütig zu dem alten Mercedes und fuhren in die Innenstadt-Ost.

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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
354 s. 7 illüstrasyon
ISBN:
9783839267363
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