Kitabı oku: «Vom Wind verweht»
Zum Buch
Vom Wind verweht ist ein Klassiker der amerikanischen Literatur, eine abenteuerliche Liebesgeschichte, vor allem aber das große Epos des amerikanischen Bürgerkriegs, ein Pendant zu Krieg und Frieden, das Andreas Nohl und Liat Himmelheber zum ersten Mal vollständig ins Deutsche übertragen haben.
Jeder kennt die tragische Liebesgeschichte von Scarlett O’Hara und Rhett Butler, wenn auch oft nur aus dem Film, in der Gestalt von Vivien Leigh und Clark Gable. Der Film gilt als einer der erfolgreichsten der Filmgeschichte, aber auch das Buch, das 1936 erschien, war umgehend ein Bestseller und wurde schon 1937 ins Deutsche übersetzt: Keine Geschichte hat unser Bild von den Südstaaten, dem amerikanischen Bürgerkrieg und der Zeit der Reconstruction so sehr geprägt wie Margaret Mitchells Gone With the Wind.
Diese erste Neuübersetzung seit 1937 – zugleich die erste ungekürzte Übersetzung in deutscher Sprache –, folgt dem schnörkellosen, journalistischen Stil von Margaret Mitchell und lässt uns so fast einen anderen Roman lesen. Natürlich ist es immer noch das große Epos des amerikanischen Bürgerkriegs, die tragische Liebesgeschichte und die Geschichte einer jungen Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Doch die Neuübersetzung von Andreas Nohl und Liat Himmelheber vermeidet den romantisierenden Stil, die rassistischen Stereotypen und den teils kitschigen Ton der Übersetzung von 1937 und zeigt uns einen Roman, der moderner und ambivalenter ist als das verklärte Bild, das wir bisher hatten. Wir haben damit – endlich – die Möglichkeit, Vom Wind verweht richtig zu lesen: als den epischen amerikanischen Roman, der Konflikte und Brüche beschreibt, die die USA bis heute prägen.
Über die Autorin
MARGARET MITCHELL, geboren 1900 in Atlanta, hat in ihrem Roman Vom Wind verweht aus den Erinnerungen ihrer Familie geschöpft, deren Schicksal eng mit dem des Staates Georgia verknüpft war. Als er 1936 erschien, wurden in einem halben Jahr über eine Million Exemplare verkauft, das war noch bei keinem Buch vorgekommen. 1937 erhielt sie dafür den Pulitzerpreis. Der Roman wurde in viele Sprachen übersetzt und erschien in 37 Ländern. Margaret Mitchell kam am 16.8.1949 durch einen tragischen Autounfall ums Leben.
Margaret Mitchell
VOM WIND VERWEHT
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt
von Liat Himmelheber und Andreas Nohl
Verlag Antje Kunstmann
Herausgegeben von Andreas Nohl aufgrund der Erstausgabe
»Gone With the Wind«, erschienen im Juni 1936 in New York
bei The Macmillan Company
© dieser Ausgabe Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2020
Umschlaggestaltung: lowlypaper, Marion Blomeyer
eBook-Produktion: HGV Hanseatische Gesellschaft für Verlagsservice mbH
ISBN 978-395614-340-3
Für J. R. M.
INHALT
Teil I
Teil II
Teil III
Teil IV
Teil V
ANHANG
Nachwort
Zur Übersetzung
Anmerkungen
TEIL I
KAPITEL 1
Scarlett O’Hara war keine wirkliche Schönheit, auch wenn dies den Männern, die ihrem Charme erlagen – wie jetzt die Tarleton-Zwillinge –, selten auffiel. Zu wenig harmonierten in ihrem Gesicht die feinen Züge ihrer Mutter, einer Ostküsten-Aristokratin französischer Abstammung, mit den derben ihres rotgesichtigen irischen Vaters. Aber es war ein faszinierendes Gesicht, mit spitz zulaufendem Kinn und kräftigem Unterkiefer. Ihre leicht schrägstehenden, blassgrünen Augen hatten nicht die geringsten braunen Einsprengsel und waren von einem Kranz kräftiger schwarzer Wimpern umgeben. Die dichten schwarzen Brauen darüber schnitten verblüffend geschwungene Linien in ihre magnolienweiße Haut – diese Haut, die von den Südstaatenfrauen so geschätzt und so sorgsam mit Häubchen, Schleiern und Handschuhen vor der heißen Sonne Georgias geschützt wurde.
Wie sie dort an jenem klaren Aprilnachmittag des Jahres 1861 mit Stuart und Brent Tarleton im kühlen Schatten der Veranda von Tara, der Plantage ihres Vaters, saß, gab sie ein reizendes Bild ab. Ihr neues, grünes Musselinkleid bauschte sich mit seinen zehn Metern geblümten Stoffs über ihre Krinoline und passte genau zu den flachen Maroquin-Schuhen, die ihr Vater kürzlich aus Atlanta mitgebracht hatte. In dem Kleid kam eine Taille von siebzehn Zoll, die in drei Countys ihresgleichen suchte, perfekt zur Geltung, und das eng geschnürte Mieder betonte ihre wohlgeformten Brüste, die für ihre sechzehn Jahre schon sehr entwickelt waren. Doch bei aller Sittsamkeit der ausgestellten Röcke, der Strenge des in einem Haarnetz eingefangenen Chignons und der Reglosigkeit der kleinen weißen Hände, die gefaltet in ihrem Schoß ruhten, ließ sich ihr wahres Selbst nur schwer verbergen. Die grünen Augen in dem bemüht liebenswürdigen Gesicht sprühten vor Eigensinn und Lebenslust, ganz im Gegensatz zu ihrem züchtigen Gebaren. Die Manieren waren ihr durch die sanften Ermahnungen ihrer Mutter und durch die weit strengere Zucht ihrer Mammy aufgeprägt worden; die Augen gehörten ihr.
Zu ihren beiden Seiten fläzten sich die Zwillinge entspannt in ihren Stühlen und blinzelten durch große, mit Minzeblättern garnierte Gläser ins Sonnenlicht, während sie lachten und plauderten und die langen, kräftigen Reiterbeine in kniehohen Stiefeln lässig gekreuzt von sich streckten. Neunzehn Jahre alt, 1,85 groß, schlaksig und muskulös, mit sonnengegerbten Gesichtern und kastanienrotem Haar, die Augen vergnügt und hochmütig, in identische blaue Jacketts und senffarbene Reithosen gekleidet, glichen sie einander wie eine Baumwollkapsel der anderen.
Draußen warf die späte Nachmittagssonne ihre Strahlen in den Garten und ließ die Hartriegelbäume wie eine weiße Blütenwand vor dem Hintergrund neuen Grüns aufleuchten. Die Pferde der Zwillinge, große Tiere, fuchsrot wie das Haar ihrer Herren, waren in der Auffahrt angebunden; und zwischen ihren Beinen balgte sich eine Meute schlanker, nervöser Jagdhunde, die Stuart und Brent überallhin begleiteten. Etwas abseits, wie es sich für einen Aristokraten gehört, lag ein schwarzgefleckter Dalmatiner, die Schnauze auf den Pfoten, und wartete geduldig, dass die Jungs nach Hause zum Abendessen aufbrachen.
Zwischen den Hunden, den Pferden und den Zwillingen herrschte eine Seelenverwandtschaft, die nicht nur auf ihrem ständigen Zusammensein beruhte. Sie waren allesamt gesunde, gedankenlose junge Tiere, geschmeidig, anmutig, temperamentvoll, die Jungs ebenso feurig wie die Pferde, die sie ritten, heißblütig und gefährlich, doch dabei sanftmütig gegen Leute, die sie zu nehmen wussten.
Obgleich sie in das bequeme Leben der Plantagenbesitzer hineingeboren und seit ihrer Kindheit von vorne bis hinten bedient worden waren, wirkten die drei auf der Veranda weder schlaff noch weichlich. Sie strotzten vielmehr vor Kraft und Lebendigkeit, denn als Landbewohner hatten sie ihr ganzes Leben im Freien zugebracht und ihre Köpfe nur wenig mit ödem Bücherkram beschwert. Das Leben im Clayton-County im Norden von Georgia war noch neu und, gemessen an den Maßstäben von Augusta, Savannah und Charleston, etwas ungehobelt. In den gesetzteren und älteren Landstrichen des Südens rümpfte man die Nase über Leute, die aus Georgias Norden stammten, doch hier war ein Mangel an klassischer Bildung keine Schande, sofern ein Mann sich in den Dingen auskannte, die wirklich zählten. Gute Baumwolle anbauen, gut reiten, treffsicher schießen, leichtfüßig tanzen, elegant die jungen Damen umwerben und Alkohol wie ein Gentleman vertragen, das waren die Dinge, die zählten.
In all diesen Fertigkeiten exzellierten die Zwillinge ebenso wie in ihrer berüchtigten Unfähigkeit, irgendetwas zu lernen, das sich zwischen zwei Buchdeckeln befand. Ihre Familie hatte mehr Geld, mehr Pferde, mehr Sklaven als sonst jemand im County, doch die Jungs hatten weniger Ahnung von Grammatik als die meisten armen weißen Farmer in ihrer Nachbarschaft.
Genau aus diesem Grund lungerten Stuart und Brent an diesem Aprilnachmittag in Tara auf der Veranda herum. Sie waren gerade erst von der Universität von Georgia relegiert worden, der vierten Universität, die sie innerhalb von zwei Jahren hinausgeworfen hatte. Und ihre älteren Brüder Tom und Boyd waren mit ihnen nach Hause zurückgekehrt, weil sie sich weigerten, in einer Institution zu bleiben, in der die Zwillinge nicht willkommen waren. Stuart und Brent betrachteten ihren letzten Hinauswurf als einen gelungenen Witz, und Scarlett, die seit dem Verlassen der Fayetteville Female Academy im Jahr zuvor freiwillig kein Buch mehr aufgeschlagen hatte, fand das Ganze ebenso erheiternd wie sie.
»Ich weiß, euch beiden ist es egal, wenn ihr rausgeschmissen werdet, und Tom genauso«, sagte sie. »Aber was ist mit Boyd? Er legt doch eher Wert auf Bildung, und ihr beide habt ihn aus der Universität von Virginia und Alabama und South Carolina rausgerissen, und jetzt aus der von Georgia. So bekommt er doch nie einen Abschluss.«
»Ach, er kann doch in Richter Parmalees Kanzlei in Fayetteville Jura studieren«, erwiderte Brent sorglos. »Außerdem schadet es nicht sonderlich. Wir hätten sowieso vor Semesterende nach Hause gemusst.«
»Wieso?«
»Der Krieg, Gänschen! Der Krieg kann jeden Tag losgehen, und du glaubst doch nicht, dass irgendwer von uns auf dem College bleibt, wenn es Krieg gibt, oder?«
»Du weißt genau, dass es überhaupt keinen Krieg geben wird«, sagte Scarlett gelangweilt. »Das ist doch alles nur Geschwätz. Ashley Wilkes und sein Vater, die haben erst letzte Woche zu Pa gesagt, dass unsere Unterhändler in Washington mit Mr. Lincoln zu … zu … einer gütlichen Vereinbarung über die Konföderation kommen werden. Und überhaupt haben die Yankees viel zu viel Angst vor uns, um zu kämpfen. Es wird keinen Krieg geben, und ich hab’s satt, davon zu hören.«
»Keinen Krieg geben!« riefen die Zwillinge aufgebracht, als wollte man sie um etwas betrügen.
»Aber Herzchen, natürlich wird’s Krieg geben«, sagte Stuart. »Die Yankees haben vielleicht Angst vor uns, aber so wie General Beauregard sie vorgestern aus Fort Sumter rausgebombt hat, müssen sie kämpfen, oder sie stehen vor der ganzen Welt als Feiglinge da. Und die Konföderation …«
Scarlett verzog ungeduldig den Mund.
»Wenn ihr noch einmal ›Krieg‹ sagt, gehe ich ins Haus und mache die Tür zu. Ich hab noch nie in meinem Leben ein Wort so satt gehabt wie ›Krieg‹, außer vielleicht ›Sezession‹. Pa redet von morgens bis abends vom Krieg, und die ganzen Gentlemen, die ihn besuchen, palavern über Fort Sumter und die Rechte der Bundesstaaten und Abe Lincoln, bis ich vor Langeweile schreien könnte! Und die Jungs haben auch nichts anderes zu reden; das und ihre blöde alte Truppe. Auf keiner Party in diesem Frühjahr hatte man das geringste bisschen Spaß, weil die Jungs von nichts anderem reden können. Ich bin wirklich froh, dass Georgia mit der Sezession bis nach Weihnachten gewartet hat, sonst wären auch noch die Weihnachtspartys verdorben worden. Wenn ihr noch einmal ›Krieg‹ sagt, geh ich ins Haus.«
Sie meinte es ernst, denn sie konnte keine Unterhaltung lange ertragen, in der nicht sie im Mittelpunkt stand. Aber sie lächelte beim Sprechen, damit ihre Grübchen noch tiefer wurden, und ließ ihre schwarzen Wimpern flattern wie Schmetterlingsflügel. Die Jungs waren gebührend verzaubert und entschuldigten sich eilig, dass sie sie gelangweilt hatten. Sie dachten wegen Scarletts Desinteresses keineswegs geringer von ihr. Eigentlich stieg sie sogar in ihrer Achtung. Der Krieg war Männersache, nichts für Frauen, und Scarletts Haltung erschien ihnen als Ausdruck von Weiblichkeit.
Nachdem Scarlett sie von dem öden Kriegsthema abgebracht hatte, wendete sie sich voller Interesse erneut der gegenwärtigen Situation der beiden zu.
»Was hat denn eure Mutter dazu gesagt, dass ihr zwei wieder rausgeflogen seid?«
Die Jungs schauten betreten. Sie erinnerten sich, wie ihre Mutter sie vor drei Monaten empfangen hatte, als die Universität von Virginia sie nach Hause zurückgeschickt hatte.
»Naja«, sagte Stuart, »sie hatte noch keine Gelegenheit, irgendwas dazu zu sagen. Tom und wir beide sind heute früh von zu Hause weg, bevor sie aufgestanden ist, und Tom ist drüben bei den Fontaines, während wir hierher gekommen sind.«
»Hat sie nichts gesagt, als ihr gestern Abend zu Hause ankamt?«
»Gestern Abend hatten wir Glück. Kurz bevor wir ankamen, wurde der neue Hengst gebracht, den Ma letzten Monat in Kentucky gekauft hat, und da war die Hölle los. Das Riesenvieh – es ist ein Prachthengst, Scarlett; du musst deinem Pa unbedingt sagen, er soll sofort rüberkommen und ihn sich ansehen – hatte schon seinem Stallburschen ein Stück Fleisch rausgebissen, und nach zwei von Mas Darkys, die sie am Zug in Jonesboro in Empfang genommen haben, hat er ausgekeilt. Und kurz bevor wir nach Hause kamen, hat er den halben Stall zerlegt und Strawberry, Mas alten Hengst, fast umgebracht. Wie wir heimkamen, war Ma draußen im Stall mit nem Sack voll Zucker und hat ihm gut zugeredet, und zwar mit ziemlichem Erfolg. Die Darkys hingen an den Dachsparren und hatten Stielaugen vor lauter Angst, aber Ma hat mit dem Pferd geredet, als wär’s ein Mensch, und es fraß ihr aus der Hand. Keiner kann so gut mit Pferden wie Ma. Und wie sie uns sieht, sagt sie: ›Was zum Teufel macht ihr vier wieder zu Hause? Ihr seid schlimmer als die Ägyptischen Plagen!‹ Und dann fing das Pferd an zu schnauben und zu steigen, und sie sagte: ›Raus mit euch! Seht ihr nicht, wie nervös er ist, mein großer Schatz? Um euch vier kümmre ich mich morgen früh!‹ Dann sind wir ins Bett gegangen, und heute Morgen sind wir los, bevor sie uns erwischen konnte, und haben Boyd dagelassen, damit er das mit ihr deichselt.«
»Glaubst du, sie wird Boyd schlagen?« Scarlett konnte sich, wie das gesamte County, nie daran gewöhnen, wie die zierliche Mrs. Tarleton ihre erwachsenen Söhne kujonierte und ihnen sogar mit der Reitpeitsche zu Leibe ging, wenn sie es für nötig hielt.
Beatrice Tarleton war eine vielbeschäftigte Frau, denn sie hatte nicht nur eine große Baumwollplantage, einhundert Schwarze und acht Kinder am Hals, sondern obendrein noch die größte Pferdezucht im ganzen Staat. Sie war jähzornig und verlor leicht die Beherrschung, wenn ihre vier Söhne wieder einmal etwas angestellt hatten, und während es niemandem erlaubt war, ein Pferd oder einen Sklaven mit der Peitsche zu schlagen, fand sie, dass ihren Söhnen eine Tracht Prügel dann und wann nicht schaden konnte.
»Natürlich schlägt sie Boyd nicht. Sie hat Boyd nie viel geschlagen, weil er der Älteste ist und der Kleinste im Rudel«, sagte Stuart, stolz auf seine knapp eins neunzig. »Deswegen haben wir ihn ja zu Hause gelassen, damit er ihr die Sache erklärt. Meine Güte, Ma sollte aufhören, uns zu schlagen! Wir sind neunzehn und Tom ist einundzwanzig, und sie tut immer noch so, als ob wir sechs wären.«
»Reitet eure Mutter das neue Pferd morgen zu Wilkes’ Barbecue?«
»Sie will schon, aber Pa sagt, er ist zu gefährlich. Und die Mädchen lassen sie sowieso nicht. Sie haben gesagt, sie würden dafür sorgen, dass sie wenigstens zu einer Party in der Kutsche fährt, wie ne Lady.«
»Ich hoffe, morgen regnet es nicht«, sagte Scarlett. »Es hat jetzt eine Woche lang fast an jedem Tag geregnet. Es gibt nichts Schlimmeres als ein Barbecue, das als Picknick im Haus endet.«
»Ach, morgen wird’s klar und heiß wie im Juni«, sagte Stuart. »Guck dir den Sonnenuntergang an. Ich hab noch keinen röteren gesehen. Man kann das Wetter immer nach Sonnenuntergängen vorhersagen.«
Sie schauten über die endlose Fläche von Gerald O’Haras frischgepflügten Baumwollfeldern zum roten Horizont. Jetzt, da die Sonne in wirbelndem Karminrot hinter den Bergen jenseits des Flint River unterging, ließ die Wärme des Apriltages nach, und eine leichte, balsamische Kühle kam auf.
Der Frühling war in diesem Jahr zeitig gekommen, mit kurzen, warmen Regenschauern und plötzlich aufschäumenden rosa Pfirsichblüten und dem Hartriegel, der die dunklen Auen am Fluss und die fernen Berge mit weißen Sternen sprenkelte. Das Pflügen war fast schon erledigt, und die blutrote Pracht des Sonnenuntergangs tauchte die frisch gezogenen Furchen im roten Lehm Georgias in noch rötere Farben. Die feuchte hungrige Erde, die aufgebrochen die Baumwollsamen erwartete, zeigte sich auf den sandigen Schollen rosafarben und dort, wo Schatten in den Furchen lag, purpur-, scharlach- und kastanienrot. Das weißgetünchte Backsteinhaus glich einer Insel in einem wilden roten Meer, einem Meer aus geschwungenen, wirbelnden und wogenden Wellen, die in dem Augenblick erstarrt waren, da ihre rosa Kämme in Gischt zerstoben. Denn hier gab es keine langen, geraden Furchen wie in den gelben flachen Lehmfeldern des mittleren Georgia oder in der fruchtbaren schwarzen Erde der Küstenplantagen. Das hügelige Land der Gebirgsausläufer von Nordgeorgia wurde in Millionen von Windungen gepflügt, damit die reiche Erde nicht in die Flusstäler geschwemmt wurde.
Es war ein wildes rotes Land, blutfarben nach Regenfällen, wie Ziegelstaub in Dürrezeiten, das beste Baumwollland der Welt. Ein liebliches Land mit weißen Häusern, friedlichen gepflügten Feldern und trägen gelben Flüssen, aber auch ein Land der Gegensätze, voll grellem Sonnenlicht und tiefem Schatten. Die Plantagenrodungen und die meilenweit ausgedehnten Baumwollfelder lächelten beschaulich und zufrieden zur heißen Sonne empor. An den Feldrainen ragte der Urwald auf, dunkel und kühl selbst in den heißesten Mittagsstunden, geheimnisvoll und ein bisschen unheimlich; die ächzenden Kiefern schienen mit urzeitlicher Geduld dort zu warten und leise seufzend zu drohen: »Sei auf der Hut! Sei auf der Hut! Früher hast du uns gehört! Wir können dich zurückholen!«
Zu den dreien auf der Veranda drangen Geräusche von Hufen, das Klirren von Zaumzeug und das sorglose Lachen der Sklaven, als die Feldarbeiter und die Maultiere von den Äckern heimkehrten. Aus dem Inneren des Hauses ertönte die sanfte Stimme von Scarletts Mutter, Ellen O’Hara, die nach dem kleinen schwarzen Mädchen rief, das ihren Schlüsselkorb trug. Die helle Kinderstimme antwortete: »Ja, Ma’m«, und man hörte Schritte nach hinten hinaus zum Räucherhaus, wo Ellen die Essensrationen für die heimkommenden Arbeiter zuteilte. Porzellan und Silberbesteck klirrten, als Pork, der Hausbutler, den Tisch fürs Abendessen deckte.
Bei diesem Geräusch merkten die Zwillinge, dass es Zeit war, nach Hause aufzubrechen. Aber es graute ihnen davor, ihrer Mutter unter die Augen zu treten, und sie trödelten noch auf der Veranda herum in der leisen Erwartung, Scarlett würde sie zum Abendessen einladen.
»Hör mal, Scarlett, wegen morgen«, sagte Brent. »Nur weil wir weg waren und von dem Barbecue und dem Ball nichts gewusst haben, ist das kein Grund, dass wir morgen Abend nicht jede Menge Tänze kriegen. Du hast sie noch nicht alle versprochen, oder?«
»Tja, habe ich aber! Woher sollte ich wissen, dass ihr nach Hause kommt? Ich konnte nicht riskieren, als Mauerblümchen dazusitzen, nur weil ich auf euch warte.«
»Du und Mauerblümchen?« Die Jungs brüllten vor Lachen.
»Hör zu, Schätzchen. Mir musst du den ersten Walzer geben und Stu den letzten, und du musst mit uns essen. Wir setzen uns oben auf den Treppenabsatz wie beim letzten Ball und holen Mammy Jincy, damit sie uns wieder die Zukunft voraussagt.«
»Ich kann Mammy Jincys Wahrsagerei nicht ausstehen. Sie hat gesagt, ich würde einen Gentleman mit rabenschwarzem Haar und einem langen schwarzen Schnurrbart heiraten, und ich kann schwarzhaarige Männer nicht ausstehen.«
»Du magst sie rothaarig, oder, Schätzchen?« grinste Brent. »Jetzt komm schon, versprich uns alle Walzer und das Essen.«
»Wenn du’s versprichst, verraten wir dir auch ein Geheimnis«, sagte Stuart.
»Was für eins?« rief sie, neugierig wie ein Kind.
»Meinst du das, was wir gestern in Atlanta gehört haben, Stu? Du weißt doch, dass wir versprochen haben, es nicht weiterzusagen.«
»Miss Pitty hat’s uns schließlich auch erzählt.«
»Miss wer?«
»Du weißt schon, die Verwandte von Ashley Wilkes, die in Atlanta lebt, Miss Pittypat Hamilton – die Tante von Charles und Melanie Hamilton.«
»Ach die! Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine dämlichere alte Frau getroffen.«
»Naja, wie wir gestern in Atlanta waren und auf unseren Zug gewartet haben, da kam ihre Kutsche am Bahnhof vorbei, und sie hielt an und redete mit uns, und sie sagte, es würde morgen Abend auf dem Ball bei den Wilkes eine Verlobung bekannt gegeben.«
»Ach, das weiß ich doch längst«, sagte Scarlett enttäuscht. »Dieser alberne Neffe von ihr, Charlie Hamilton, und Honey Wilkes. Das weiß man doch schon seit Jahren, dass sie irgendwann heiraten, auch wenn er ein bisschen lau dabei wirkte.«
»Findest du ihn albern?« fragte Brent. »Letzte Weihnachten hast du ihn ganz schön um dich rumscharwenzeln lassen.«
»Ich konnte ihn nicht dran hindern.« Scarlett zuckte achtlos mit den Schultern. »Ich finde, er ist ein grässlicher Waschlappen.«
»Außerdem ist es nicht seine Verlobung, die bekannt gegeben wird«, sagte Stuart triumphierend. »Es ist die von Ashley mit Charlies Schwester, Miss Melanie!«
Scarletts Gesicht zeigte keine Regung, nur ihre Lippen wurden bleich – wie bei jemandem, der ohne Vorwarnung einen heftigen Schlag abbekommen hat und im ersten Schrecken nicht begreift, wie ihm geschieht. Sie starrte Stuart mit so unbewegtem Gesicht an, dass er in seiner Naivität annahm, sie sei nur überrascht und voller Neugier.
»Miss Pitty hat uns erzählt, sie wollten es eigentlich erst nächstes Jahr bekannt geben, weil es Miss Melly nicht so gut geht; aber bei dem ganzen Gerede über Krieg fanden es beide Familien besser, wenn sie schnell heiraten. Also soll es morgen Abend bei der Dinnerpause bekannt gemacht werden. So, Scarlett, jetzt haben wir dir das Geheimnis verraten, und deshalb musst du versprechen, mit uns zu essen.«
»Natürlich«, sagte Scarlett mechanisch.
»Und alle Walzer?«
»Alle.«
»Du bist süß! Ich wette, die anderen Jungs sind dann stinksauer.«
»Lass sie nur sauer sein«, sagte Brent. »Mit denen werden wir schon fertig. Hör mal, Scarlett, setz dich doch auch beim Barbecue am Vormittag zu uns.«
»Was?«
Stuart wiederholte seinen Vorschlag.
»Natürlich.«
Die Zwillinge sahen sich triumphierend, aber auch ein wenig überrascht an. Obwohl sie sich für Scarletts bevorzugte Verehrer hielten, hatten sie derartige Gunstbeweise noch nie so leicht errungen. Normalerweise ließ Scarlett sie bitten und betteln, hielt sie hin und sagte weder Ja noch Nein, lachte, wenn sie schmollten, und wurde kühl, wenn sie sich ärgerten. Und jetzt hatte sie ihnen praktisch den ganzen morgigen Tag versprochen – mit ihnen beim Barbecue zu sitzen, alle Walzer (und sie würden dafür sorgen, dass alle Tänze Walzer waren!) und die Dinnerpause. Das war es wert, von der Universität zu fliegen.
Von ihrem Erfolg animiert, blieben sie noch sitzen, redeten über das Barbecue und den Ball und Ashley Wilkes und Melanie Hamilton, fielen einander ins Wort, rissen Witze und lachten darüber und winkten deutlich mit dem Zaunpfahl, Abendessenseinladungen betreffend. Es verging eine Weile, bis sie merkten, dass Scarlett sehr einsilbig geworden war. Die Atmosphäre hatte sich irgendwie gewandelt. Wie, das wussten die Zwillinge nicht, aber der Nachmittag hatte seinen Glanz verloren. Scarlett schien kaum zu beachten, was sie sagten, auch wenn sie die richtigen Antworten gab. Sie spürten etwas, das sie nicht verstanden, schleppten ratlos und irritiert das Gespräch noch eine Weile fort, bis sie sich schließlich zögernd erhoben und auf ihre Uhren schauten.
Die Sonne stand niedrig über den frischgepflügten Feldern, und die hohen Wälder jenseits des Flusses zeichneten sich nur noch als finstere Silhouette ab. Rauchschwalben schossen durch den Garten, und Hühner, Enten und Truthühner stolzierten, trippelten und watschelten von den Feldern herein.
Stuart brüllte: »Jeems!«, und nach einer Weile rannte ein großgewachsener schwarzer Junge in ihrem Alter atemlos um das Haus und weiter zu den angebundenen Pferden. Jeems war ihr Leibdiener, der sie wie die Hunde überallhin begleitete. Er war der Spielgefährte ihrer Kindheit gewesen und ihnen zu ihrem zehnten Geburtstag geschenkt worden. Als die Tarleton-Hunde seiner ansichtig wurden, erhoben sie sich aus dem roten Staub und warteten gespannt auf ihre Herren. Die Jungs verneigten sich, gaben Scarlett die Hand und sagten, sie würden frühzeitig am Morgen drüben bei den Wilkes sein und auf sie warten. Dann waren sie im Nu unten auf dem Weg, bestiegen ihre Pferde und galoppierten, gefolgt von Jeems, die Zedernallee hinunter, schwenkten ihre Hüte und riefen noch etwas.
Als sie die Kurve der staubigen Straße hinter sich hatten, die sie vor Tara verbarg, brachte Brent sein Pferd unter einem überhängenden Hartriegelgebüsch zum Stehen. Stuart hielt ebenfalls an, und der schwarze Junge blieb ein paar Pferdelängen hinter ihnen stehen. Als die Pferde spürten, dass die Zügel gelockert wurden, senkten sie die Hälse, um das zarte Frühlingsgras zu rupfen, und die geduldigen Hunde legten sich erneut in den weichen roten Staub und blickten sehnsüchtig zu den Schwalben hinauf, die in der zunehmenden Dämmerung kreisten. Brents breites, offenes Gesicht wirkte verblüfft und leicht ungehalten.
»Hör mal«, sagte er, »findest du nicht auch, sie hätte uns bitten können, zum Abendessen zu bleiben?«
»Ich hatte fest damit gerechnet«, sagte Stuart. »Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass sie uns fragt, aber sie hat’s nicht getan. Wie erklärst du dir das?«
»Ich kann’s mir gar nicht erklären. Aber ich finde, sie hätte uns wirklich einladen können. Es ist immerhin unser erster Tag zu Hause, und sie hat uns wer weiß wie lange nicht gesehen. Und wir hatten noch jede Menge zu erzählen.«
»Ich hatte das Gefühl, wie wir kamen, hat sie sich wahnsinnig gefreut, uns zu sehen.«
»Ich auch.«
»Und dann, so vor ner halben Stunde, wurde sie plötzlich still, als ob sie Kopfweh hätte.«
»Das hab ich gemerkt, aber ich habe nicht weiter darauf geachtet. Was, denkst du, war mit ihr los?«
»Keine Ahnung. Haben wir vielleicht was gesagt, das sie geärgert hat?«
Sie dachten ein Weilchen nach.
»Mir fällt nichts ein. Außerdem, wenn Scarlett sich ärgert, merkt das jeder. Sie reißt sich nicht so zusammen wie andere Mädchen.«
»Ja, das mag ich an ihr. Sie läuft nicht kalt und abweisend rum, wenn sie wütend ist – sie sagt dir ihre Meinung. Aber wir müssen irgendwas gesagt oder getan haben, dass sie plötzlich gar nichts mehr gesagt hat und irgendwie krank aussah. Ich könnte schwören, sie hat sich gefreut, wie wir kamen, und vorgehabt, uns zum Abendessen einzuladen.«
»Du meinst, es liegt nicht daran, dass wir rausgeflogen sind?«
»Ach Quatsch! Du spinnst wohl! Sie hat doch irrsinnig gelacht, wie wir darüber geredet haben. Und außerdem gibt Scarlett auf Bücher genauso wenig wie wir.«
Brent wandte sich im Sattel um und rief den schwarzen Burschen.
»Jeems!«
»Sir?«
»Du hast gehört, worüber wir mit Miss Scarlett geredet haben?«
»Nee Sir, Mista Brent! Wie kommen Sie da drauf, dass ich Weißen hinterherspionier?«
»Spionieren, mein Gott! Ihr Darkys kriegt doch immer alles mit. Du alter Schwindler, ich hab’s mit eigenen Augen gesehen, wie du dich um die Ecke von der Veranda geschlichen und im Jasminbusch an der Mauer versteckt hast. Hast du irgendwas gehört, was Miss Scarlett vielleicht geärgert – oder sogar verletzt hat?«
Dergestalt überführt, tat Jeems nicht länger so, als hätte er nicht gelauscht, und runzelte die schwarze Stirn.
»Nee Sir, ich hab nix gehört, was sie ärgern konnt’. Ich hab den Eindruck gehabt, sie war mächtig froh, euch zu sehen, und hatte euch vermisst und sie hat froh wie ‘n Vogel gezwitschert, bis ihr davon geredet habt, dass Mista Ashley und Miss Melly Hamilton heiraten. Da wurd’ sie still wie ’n Vogel, wenn der Habicht drüber kreist.«
Die Zwillinge sahen einander an und nickten, aber ohne zu begreifen.
»Jeems hat recht. Aber ich versteh’s nicht«, sagte Stuart. »Meine Güte! Ashley bedeutet ihr doch nichts, außer als Freund. Sie ist nicht verrückt nach ihm. Verrückt ist sie doch nur nach uns.«
Brent nickte zustimmend.
»Aber kann es vielleicht sein«, sagte er, »dass Ashley ihr nicht gesagt hat, dass er’s morgen Abend ankündigen wird, und jetzt ist sie wütend auf ihn, weil er’s einer alten Freundin wie ihr nicht verraten hat, bevor er’s allen anderen erzählt? Für Mädels ist es furchtbar wichtig, solche Sachen zuerst zu wissen.«
»Ja, kann sein. Aber was ist schon dabei, wenn er ihr nicht gesagt hat, dass es morgen ist? Es sollte geheim und ne Überraschung sein, und ein Mann hat das Recht, seine Verlobung für sich zu behalten, oder? Wir hätten’s nicht gewusst, wenn sich Miss Mellys Tante nicht verplappert hätte. Aber es muss Scarlett doch klar gewesen sein, dass er Miss Melly irgendwann heiratet. Wir wissen das doch seit Jahren. Die Wilkes und die Hamiltons heiraten immer ihre Cousins und Cousinen. Jeder hat gewusst, dass er sie vermutlich eines Tages heiratet, so wie Honey Wilkes Miss Mellys Bruder Charles heiraten wird.«
»Also, ich geb’s auf. Aber schade, dass sie uns nicht zum Essen eingeladen hat. Ich hab nicht die geringste Lust, mir zu Hause Mas Geplärr über unseren Rausschmiss anzuhören. Es ist ja nicht das erste Mal.«
»Vielleicht hat Boyd sie inzwischen besänftigt. Du weißt, was für’n Einschleimer der kleine Halunke ist. Er hat sie noch immer um den Finger gewickelt.«
»Klar kriegt Boyd das hin, aber dafür braucht er Zeit. Er muss um den heißen Brei rumreden, bis Ma so durcheinander ist, dass sie die Waffen streckt und ihm sagt, er soll seine Stimme schonen, bis er Rechtsanwalt ist. Aber er hat noch gar keine Zeit gehabt, überhaupt anzufangen. Ich wette, Ma ist noch so aus dem Häuschen wegen dem neuen Pferd, dass sie ganz vergessen hat, dass wir wieder da sind, bis sie beim Abendessen sitzt und Boyd sieht. Und bevor das Abendessen aus ist, kommt sie richtig in Fahrt und spuckt Feuer. Und es dauert locker bis zehn Uhr, bevor Boyd die Chance kriegt, ihr zu sagen, dass es für uns alle unehrenhaft gewesen wäre, auf dem College zu bleiben, wo der Kanzler so mit dir und mir geredet hat. Und er braucht bis Mitternacht, bevor er sie so weit hat, dass sie auf den Kanzler wütend ist und Boyd fragt, warum er den nicht erschossen hat. Nee, wir können vor Mitternacht nicht nach Hause.«
Die Zwillinge sahen sich niedergeschlagen an. Sie hatten nicht die geringste Angst vor wilden Pferden, Schießereien oder entrüsteten Nachbarn, aber sie hatten einen Heidenrespekt vor den harschen Kommentaren ihrer rothaarigen Mutter und vor der Reitpeitsche, mit der sie ihnen ohne Bedenken die Hosen strammzog.
»Weißt du was«, sagte Brent, »lass uns zu den Wilkes gehen. Ashley und die Mädchen freuen sich bestimmt, wenn wir zum Abendessen kommen.«
Stuart schaute etwas unbehaglich drein.
»Nein, lieber nicht zu denen. Sie sind sicher schwer am Rotieren wegen dem Barbecue morgen, und außerdem …«
»Ach, das hab ich ganz vergessen«, sagte Brent rasch. »Nein, da gehen wir lieber nicht hin.«
Sie schnalzten mit der Zunge ihren Pferden zu und ritten eine Weile schweigend. Stuarts braune Wangen waren noch vor Verlegenheit gerötet. Bis zum vorigen Sommer hatte Stuart India Wilkes den Hof gemacht, mit der Zustimmung beider Familien und des ganzen County. Alle im County meinten, die kühle und beherrschte India Wilkes würde vielleicht einen mäßigenden Einfluss auf ihn haben. Jedenfalls hofften sie das sehnlichst. Und Stuart hätte vielleicht sogar einen Antrag gemacht, aber Brent war nicht glücklich damit. Brent mochte India, aber er fand sie reichlich unattraktiv und langweilig, und er konnte sich einfach nicht in sie verlieben, um Stuart Gesellschaft zu leisten. Es war das erste Mal, dass die Interessen der beiden Zwillinge auseinandergingen, und Brent trug es seinem Bruder nach, dass er einem Mädchen Aufmerksamkeit schenkte, das er selbst in keiner Weise bemerkenswert fand.
Dann war ihnen im vergangenen Sommer bei einer politischen Versammlung in einem Eichenwäldchen bei Jonesboro plötzlich Scarlett O’Hara aufgefallen. Sie kannten sie schon seit Jahren, und seit Kindertagen war sie eine ihrer liebsten Spielgefährten gewesen, denn sie konnte fast genauso gut reiten und auf Bäume klettern wie sie selbst. Doch jetzt war sie zu beider Erstaunen eine erwachsene junge Dame geworden, und zwar wohl die bezauberndste auf der ganzen Welt.
Zum ersten Mal fiel ihnen auf, wie lebendig ihre grünen Augen waren, wie tief ihre Grübchen, wenn sie lachte, was für zierliche Hände und Füße und was für eine schmale Taille sie hatte. Die witzigen Bemerkungen der beiden lösten bei ihr schallendes Gelächter aus, und beflügelt von dem Eindruck, dass Scarlett sie für ein attraktives Gespann hielt, überboten sie sich selbst.
Es war ein unvergesslicher Tag im Leben der Zwillinge. Wenn sie später darüber redeten, fragten sie sich immer, warum ihnen Scarletts Reize bis dahin entgangen waren. Sie kamen nie auf die richtige Antwort, die lautete: Scarlett hatte sich an jenem Tag vorgenommen, die beiden auf sich aufmerksam zu machen. Sie konnte grundsätzlich nicht ertragen, dass irgendjemand in eine andere Frau als sie selbst verliebt war, und der Anblick von India Wilkes mit Stuart bei der Versammlung war zu viel für ihr Raubtiernaturell. Mit Stuart allein nicht zufrieden, machte sie sich zugleich an Brent heran, und zwar mit einer Gründlichkeit, die beide überwältigte.
Jetzt waren beide in sie verliebt, und India Wilkes und Letty Munroe von der Lovejoy-Plantage, der Brent halbherzig den Hof gemacht hatte, waren in Vergessenheit geraten. Was aus dem Verlierer würde, sollte Scarlett sich für einen von ihnen entscheiden, darüber machten sich die Zwillinge keine Gedanken. Das würden sie einfach auf sich zukommen lassen. Gegenwärtig genossen sie es, wieder einer Meinung über ein Mädchen zu sein, denn Eifersucht gab es zwischen ihnen nicht. Diese Konstellation weckte die Neugier der Nachbarn und den Ärger ihrer Mutter, die Scarlett nicht leiden konnte.
»Es geschieht euch nur recht, wenn dieses durchtriebene Stück einen von euch nimmt«, sagte sie. »Oder vielleicht nimmt sie euch beide, und dann müsst ihr nach Utah ziehen, falls die Mormonen euch haben wollen – was ich bezweifle … Was mir allerdings Sorgen macht, ist, dass ihr euch irgendwann betrinkt und wegen diesem falschen kleinen, grünäugigen Luder in die Haare kriegt und euch gegenseitig erschießt. Aber vielleicht wäre das auch nicht das Schlechteste.«
Seit dem Tag der Versammlung fühlte sich Stuart in Indias Gegenwart befangen. Nicht, dass India ihm je Vorwürfe gemacht oder ihm durch Blicke oder Gesten zu verstehen gegeben hätte, dass sie seinen plötzlichen Sinneswandel durchschaute. Dazu war sie zu sehr Dame. Doch Stuart hatte ein schlechtes Gewissen und fühlte sich unwohl in ihrer Gegenwart. Er wusste, dass er Indias Liebe erweckt hatte, und dass sie ihn immer noch liebte. Und tief im Herzen spürte er, dass er sich nicht wie ein Gentleman verhalten hatte. Er mochte sie immer noch furchtbar gern und bewunderte sie für ihre vornehme Erziehung, ihre Belesenheit und all die hochkarätigen Eigenschaften, die sie besaß. Aber, verdammt noch mal, sie war so blass und langweilig und immer gleich, im Gegensatz zu Scarletts sprühendem und launenhaftem Charme. Bei India wusste man immer, woran man war, und bei Scarlett hatte man nie die geringste Ahnung. Das konnte einen Mann zum Wahnsinn treiben, aber es hatte seinen Reiz.
»Na, dann reiten wir rüber zu Cade Calvert und essen da was. Scarlett hat gesagt, dass Cathleen aus Charleston zurück ist. Vielleicht hat sie Neuigkeiten über Fort Sumter, die wir noch nicht kennen.«
»Cathleen doch nicht. Ich wette zwei zu eins, sie wusste nicht mal, dass es im Hafen da draußen ein Fort gibt, zu schweigen davon, dass es voller Yankees war, bis wir sie rausgebombt haben. Sie kann höchstens von den Bällen erzählen, auf denen sie war, und von den Verehrern, die sie um sich versammelt hat.«
»Na, jedenfalls macht es Spaß, ihrem Geschnatter zuzuhören. Und wir können uns dort rumtreiben, bis Ma im Bett ist.«
»Ja, zum Teufel! Ich mag Cathleen, und sie ist lustig, und ich würde gern was von Caro Rhett erfahren und von den anderen in Charleston. Aber ich will verflucht sein, wenn ich noch mal ein Abendessen bei ihrer Yankee-Stiefmutter überstehe.«
»Sei nicht zu hart mit ihr, Stuart. Sie meint es gut.«
»Ich bin nicht hart mit ihr. Sie tut mir leid, aber ich mag keine Leute, die mir leidtun. Ständig macht sie Umstände und versucht, alles richtig zu machen, damit man sich wie zu Hause fühlt, und am Ende sagt und tut sie immer genau das Falsche. Sie macht mich ganz rappelig! Und sie hält die Südstaatler für Barbaren. Das hat sie sogar Ma gesagt. Sie fürchtet sich vor Südstaatlern. Immer, wenn wir da sind, sieht sie aus, als ob sie Todesängste hätte. Sie hockt auf ihrem Stuhl wie ein mageres Huhn, mit weit aufgerissenen, leeren und ängstlichen Augen, immer kurz davor, zu flattern und zu gackern, wenn jemand die geringste Bewegung macht.«
»Du kannst ihr keinen Vorwurf machen. Schließlich hast du Cade ins Bein geschossen.«
»Aber ich war betrunken, sonst hätte ich das nicht gemacht«, sagte Stuart. »Und Cade hat’s mir nie übel genommen. Auch Cathleen nicht oder Raiford oder Mr. Calvert. Bloß die Yankee-Stiefmutter hat rumgeheult und gesagt, ich wäre ein wilder Barbar, und anständige Menschen wären unter unzivilisierten Südstaatlern nicht sicher.«
»Jedenfalls kannst du ihr keinen Vorwurf machen. Sie ist nun mal eine Yankee und hat keine sonderlichen Manieren, und schließlich hast du auf ihn geschossen, und er ist ihr Stiefsohn.«
»Ja, Teufel noch mal! Das ist doch noch lange kein Grund, mich zu beleidigen! Du bist Mas eigenes Fleisch und Blut, aber hat sie sich etwa groß aufgeregt, wie Tony Fontaine dir ins Bein geschossen hat? Nee, sie hat nur den alten Doc Fontaine zum Verbinden holen lassen und ihn gefragt, was mit Tonys Schießkünsten los ist, und ob er wegen dem Alkohol nicht mehr richtig zielen konnte. Weißt du noch, wie wütend Tony darüber war?«
Beide bogen sich vor Lachen.
»Ma ist echt ne Nummer«, sagte Brent mit liebevoller Anerkennung. »Man kann sich immer darauf verlassen, dass sie alles richtig macht und einen nicht vor anderen Leuten bloßstellt.«
»Ja, aber du kannst davon ausgehen, dass sie uns heute Abend vor Vater und den Mädchen bloßstellt«, sagte Stuart düster. »Hör mal, Brent, ich glaube, das bedeutet, dass wir nicht nach Europa fahren. Du weißt, Mutter hat gesagt, wenn wir noch mal von einem College fliegen, können wir unsere Grand Tour vergessen.«
»Ja, Teufel noch mal! Das ist uns doch egal, oder? Was gibt’s in Europa schon zu sehen? Ich wette, diese Ausländer haben nichts zu bieten, was wir nicht auch hier in Georgia haben. Ich wette, ihre Pferde sind nicht so schnell und ihre Mädchen nicht so hübsch, und ich weiß verdammt gut, dass sie keinen Rye Whisky haben, der es mit dem von Vater aufnehmen kann.«
»Ashley Wilkes hat gesagt, sie hätten unheimlich viel Landschaft und Musik. Ashley hat’s in Europa gefallen. Er redet ständig darüber.«
»Na, du weißt ja, wie die Wilkes sind. Sie sind ein bisschen komisch in Bezug auf Musik und Bücher und Landschaften und so. Mutter sagt, das liegt daran, dass ihr Großvater aus Virginia stammt. Sie sagt, die Leute dort legen ziemlich viel Wert auf solche Sachen.«
»Von mir aus können sie die gerne haben. Gib mir ein gutes Pferd zum Reiten und was Gutes zum Trinken, ein gutes Mädchen zum Verlieben und ein schlimmes Mädchen zum Spaßhaben, dann können sie sich ihr Europa an den Hut stecken … Was kümmert’s uns, wenn wir die Grand Tour verpassen? Stell dir vor, wir wären jetzt in Europa, und hier geht der Krieg los! Dann kämen wir nicht mehr rechtzeitig nach Hause. Ich gehe tausend Mal lieber in einen Krieg als nach Europa.«
»Ich auch, jederzeit … Pass auf, Brent! Ich weiß, wo wir hingehen können. Lass uns durch den Sumpf zu Able Wynder reiten. Wir sagen ihm, dass wir alle vier wieder zu Hause sind und Lust zum Exerzieren haben.«
»Das ist ne Idee!« rief Brent begeistert. »Und wir hören alle Neuigkeiten über die ›Truppe‹ und kriegen raus, für welche Uniformfarbe sie sich entschieden haben.«
»Wenn es die Zuavenuniform ist, dann soll mich der Teufel holen, wenn ich zur Truppe gehe. Ich würde mir in diesen roten Pluderhosen wie ein Weichei vorkommen. Für mich sehen die aus wie rote Flanellunterhosen für Frauen.«
»Wollt ihr echt zu Mista Wynder? Weil, wenn ihr da hinwollt, kriegt ihr nich viel zu essen«, sagte Jeems. »Die Köchin is gestorben, und die haben noch keine neue gekauft. Bei denen kocht jetzt ne Pflückerin, und die Nigger sagen, das is die schlechteste Köchin in ganz Georgia.«
»Großer Gott! Warum kaufen sie keine neue Köchin?«
»Von was soll denn armes weißes Pack Nigger kaufen? Die ham doch nie mehr als vier, wenn’s hoch kommt.«
Unverhohlene Verachtung schwang in Jeems’ Stimme mit. Sein eigener sozialer Status war gesichert, da die Tarletons hundert Schwarze besaßen, und wie alle Sklaven von Großplantagen blickte er auf kleine Farmer herab, die nur wenige Sklaven hatten.
»Dafür zieh ich dir das Fell über die Ohren«, rief Stuart aufgebracht. »Nenn Able Wynder ja nicht weißes Pack! Klar ist er arm, aber er ist kein Pack. Und hol mich der Teufel, wenn ich dulde, dass irgendwer, Darky oder Weißer, schlecht über ihn redet. Es gibt keinen besseren Mann in diesem County, oder warum hat ihn die Truppe sonst zu ihrem Leutnant gewählt?«
»Das hab ich auch nie begriffen«, erwiderte Jeems, unbeeindruckt von der finsteren Miene seines Herrn. »Ich dachte, die wähln reiche Gentlemen zu Offizieren und nich Pack ausm Sumpf.«
»Er ist kein Pack! Willst du ihn etwa mit echtem weißem Lumpenpack wie den Slatterys vergleichen? Able ist einfach nur nicht reich. Er ist ein kleiner Farmer, kein großer Plantagenbesitzer, und wenn die Jungs so viel von ihm halten, dass sie ihn zum Leutnant wählen, dann hat kein Darky das Recht, unverschämt über ihn daherzureden. Die Truppe weiß, was sie tut.«
Die Kavallerietruppe war vor drei Monaten aufgestellt worden, genau an dem Tag, als Georgia sich von der Union losgesagt hatte, und seither brannten die Rekruten auf Krieg. Über den Namen war noch nicht entschieden, auch wenn es keinen Mangel an Vorschlägen gab. Jeder hatte darüber seine eigenen Vorstellungen und wollte nicht nachgeben, ebenso wie über die Farbe und den Schnitt der Uniformen. »Clayton Wild Cats«, »Fire Eaters«, »North Georgia Hussars«, »Zuaven«, »The Inland Rifles« (obwohl die Truppe mit Pistolen, Säbeln und Bowiemessern ausgestattet werden sollte, und nicht mit Gewehren), »The Clayton Grays«, »The Blood and Thunderers«, »The Rough and Readys«: jeder Name hatte seine Anhänger. Bis darüber entschieden war, bezeichneten alle die Organisation als die Truppe, und trotz des hochtönenden Namens, den sie schließlich erhielt, blieb sie bis zum Ende ihres Einsatzes schlicht ›die Truppe‹.
Die Offiziere wurden von den Mitgliedern gewählt, da niemand im County über militärische Erfahrung verfügte, außer ein paar Veteranen, die am Mexikanisch-Amerikanischen Krieg und an den Seminolenkriegen teilgenommen hatten. Überdies hätte die Truppe einen Veteranen als Kommandanten abgelehnt, zu dem sie keine Zuneigung und kein Vertrauen hatte. Alle mochten die vier Tarleton-Jungs und die drei Fontaines, lehnten aber unter Bedauern ab, sie zu wählen, weil die Tarleton-Jungs sich zu schnell betranken und Unfug trieben, während die Fontaines aufbrausend bis zur Gewalttätigkeit waren. Ashley Wilkes wurde zum Hauptmann gewählt, denn er war der beste Reiter im County, und man traute seinem kühlen Kopf zu, so etwas wie Ordnung aufrechtzuerhalten. Raiford Calvert wurde zum Oberleutnant ernannt, weil jedermann Raif gernhatte, und Able Wynder, Sohn eines Sumpftrappers und selbst Kleinfarmer, wurde Unterleutnant.
Able war ein schlauer, bedächtiger Riese, ein herzensguter Analphabet, älter als die anderen Jungs und mit ebenso guten, wenn nicht besseren Manieren in Gegenwart von Frauen. Innerhalb der Truppe gab es so gut wie keinen Standesdünkel. Dafür hatten sich zu viele ihrer Väter und Großväter aus Kleinfarmerverhältnissen zu Wohlstand emporgearbeitet. Außerdem war Able der beste Schütze der Truppe, ein echter Scharfschütze, der einem Eichhörnchen aus siebzig Meter Entfernung ein Auge ausschießen konnte und überdies alles über das Leben im Freien wusste: wie man bei Regen Feuer macht, wie man Tiere aufspürt und Wasser finden kann. Die Truppe wusste echtes Verdienst zu schätzen, und da sie Able außerdem wirklich mochten, wählten sie ihn zum Offizier. Er nahm die Ehrung ernst und ohne ungebührlichen Hochmut an, als stünde sie ihm wie selbstverständlich zu. Aber die Damen und die Sklaven von den Plantagen brachten es nicht wie die weißen Männer fertig, darüber hinwegzusehen, dass er nicht als Gentleman geboren war.
Anfangs rekrutierte sich die Truppe ausschließlich aus Pflanzersöhnen, lauter Gentlemen, von denen jeder sein eigenes Pferd, Waffen, Ausrüstung, Uniform und Leibdiener mitbrachte. Allerdings gab es in dem jungen Clayton-County nur wenige reiche Plantagenbesitzer, und um eine ganze Eskadron aufzustellen, war man gezwungen, auch unter den Söhnen von kleinen Farmern, hinterwäldlerischen Jägern, Sumpftrappern und in Einzelfällen sogar unter armen Weißen Rekruten anzuwerben, sofern sie sich etwas über den Durchschnitt ihrer Klasse erhoben.
Diese jungen Männer brannten genauso darauf, im Kriegsfall gegen die Yankees zu kämpfen, wie ihre betuchteren Nachbarn, nur stellte sich dabei das heikle Problem der Finanzierung. Wenige Kleinbauern besaßen überhaupt Pferde. Die Landwirtschaft erledigten sie mit Maultieren, und auch an denen hatten sie keinen Überfluss, selten besaßen sie mehr als vier. Man konnte kein Maultier für den Krieg entbehren, selbst wenn sie in der Truppe akzeptiert worden wären, was ausdrücklich nicht der Fall war. Die armen Weißen betrachteten sich bereits als wohlhabend, wenn sie auch nur ein einziges Maultier besaßen. Die Hinterwäldler und die Sumpfbewohner hatten weder Pferde noch Maultiere. Sie lebten von den Feldfrüchten, die sie anbauten, und vom Wild, das sie im Sumpf jagten, und trieben hauptsächlich Tauschhandel, so dass sie im ganzen Jahr selten mehr als fünf Dollar in die Hand bekamen. Pferde und Uniformen waren für sie unerschwinglich. Aber in ihrer Armut glühten sie genauso vor Stolz wie die Plantagenbesitzer in ihrem Reichtum und weigerten sich, von ihren reichen Nachbarn irgendetwas anzunehmen, das nach einem Almosen aussah. Um also ohne Gesichtsverlust die Truppe auf Kampfstärke zu bringen, hatten Scarletts Vater, John Wilkes, Buck Monroe, Jim Tarleton und Hugh Calvert – alle Plantagenbesitzer mit Ausnahme von Angus MacIntosh – Geld gespendet, um sie mit Pferden und allem Übrigen auszustatten. Schließlich lief es darauf hinaus, dass jeder Plantagenbesitzer seine eigenen Söhne und eine gewisse Anzahl der Übrigen ausrüstete, aber das geschah so taktvoll, dass die weniger begüterten Mitglieder der Truppe Pferde und Uniformen annehmen konnten, ohne in ihrem Ehrgefühl gekränkt zu werden.
Die Truppe traf sich zweimal wöchentlich in Jonesboro, um zu exerzieren und für einen baldigen Kriegsbeginn zu beten. Noch hatte man nicht die ganze Zahl an Pferden beisammen, aber diejenigen, die über Pferde verfügten, vollführten auf dem Feld hinter dem Gerichtsgebäude Truppenbewegungen, die sie für Kavalleriemanöver hielten, wirbelten eine Menge Staub auf, brüllten sich heiser und schwangen die Schwerter aus dem Unabhängigkeitskrieg, die man von den Wohnzimmerwänden abgenommen hatte. Die anderen, die noch keine Pferde hatten, saßen auf dem Randstein vor Bullards Laden und sahen ihren berittenen Kameraden zu, kauten Tabak und fachsimpelten. Oder sie schossen um die Wette. Schießen brauchte man keinem der Männer beizubringen. Die meisten Südstaatler kamen mit dem Gewehr in der Hand auf die Welt, und das lebenslange Jagen machte sie zu guten Schützen.
Zu jedem Appell kam aus den Herrenhäusern der Plantagen und den Blockhütten im Sumpf eine bunte Mischung von Schusswaffen. Es gab lange kleinkalibrige Gewehre, die bei der ersten Überquerung der Allegheny Mountains neu gewesen waren, alte Vorderlader, die während der Gründungszeit Georgias so manchen Indianer das Leben gekostet hatten, große Sattelpistolen, die 1812 in den Seminolenkriegen und in Mexiko ihren Dienst getan hatten, silberbeschlagene Duellpistolen, Taschen-Derringer, doppelläufige Jagdflinten sowie schöne neue Büchsen englischer Herstellung mit glänzenden Schäften aus edlem Holz.
Das Exerzieren endete immer in den Saloons von Jonesboro, und wenn die Nacht hereinbrach, waren so viele Prügeleien im Gange, dass die Offiziere alle Mühe hatten, Verluste zu verhindern, noch ehe die Yankees ihnen welche beibringen konnten. In solch einer Rauferei hatte Stuart Tarleton Cade Calvert angeschossen und Tony Fontaine Brent. Die Zwillinge waren zu Hause gewesen, frisch relegiert von der University of Virginia, als die Truppe gegründet wurde, und sie waren voller Begeisterung eingetreten, aber nach der Schießerei vor zwei Monaten hatte ihre Mutter sie an die staatliche Universität Georgias verfrachtet mit dem strikten Befehl, dort zu bleiben. Sie hatten die spannenden Exerzierübungen schrecklich vermisst, und sie konnten auf Bildung gut verzichten, wenn sie nur zusammen mit ihren Freunden reiten, johlen und herumballern durften.
»Wir reiten einfach querfeldein zu Ables Haus«, schlug Brent vor. »Durch Mr. O’Haras Flussmarsch und die Weide von den Fontaines, dann sind wir im Nu da.«
»Dann kriegen wir aber höchstens Opossum und Grünzeugs«, wandte Jeems ein.
»Du kriegst sowieso nichts«, grinste Stuart. »Weil, du reitest nach Hause und sagst Ma Bescheid, dass wir nicht zum Abendessen heimkommen.«
»Nee, das mach ich nich!« rief Jeems entsetzt. »Nee, mach ich nich! Mir machts genauso wenig Spaß, wenn Miss Beatrice mich aufs Korn nimmt, wie euch. Zuerst fragt sie mich, wieso ich zugelassen hab, dass ihr wieder rausgeflogen seid, und dann, wieso ich euch heut Abend nich zum Verprügeln nach Haus gebracht hab. Und dann stürzt sie sich auf mich wie ne Ente auf nen Junikäfer, und dann kommt raus, dass ich an allem schuld bin. Wenn Sie mich nich zu Mista Wynda mitnehmen, dann versteck ich mich die ganze Nacht im Wald, und vielleicht schnappt mich dann die Patrullje, weil, ich will lieber von der Patrullje geschnappt werden wie von Miss Beatrice, wenn sie sich aufregt.«
Die Zwillinge blickten den entschlossenen schwarzen Jungen verblüfft und verärgert an.
»Es wäre ihm glatt zuzutrauen, dass er sich von der Patrouille schnappen lässt, und dann hätte Ma neuen Gesprächsstoff für mehrere Wochen. Darkys sind einfach eine Pest. Manchmal habe ich das Gefühl, die Abolitionisten haben nicht ganz unrecht.«
»Naja, es wäre nicht fair, Jeems zu was zu zwingen, wovor wir uns drücken. Wir müssen ihn mitnehmen. Aber pass mal auf, du unverschämter schwarzer Esel, wenn du vor den Wynder-Darkys den großen Mann markierst und raushängen lässt, dass wir immer Brathähnchen und Schinken essen, während sie bloß Kaninchen und Opossum kriegen, dann – dann sag ich’s Ma. Und dann darfst du auch nicht mit uns in den Krieg ziehen.«
»Den großen Mann? Vor den billigen Niggern den großen Mann spielen? Nee Sir, ich hab bessere Manieren. Schließlich hat Miss Beatrice mir genauso Manieren beigebracht wie euch.«
»Sie hat bei keinem von uns dreien viel Erfolg gehabt«, sagte Stuart. »Kommt, wir gehen!«
Er riss seinen großen Fuchs herum, gab ihm die Sporen und setzte dann leicht mit ihm über den Lattenzaun auf den weichen Acker von Mr. O’Haras Pflanzung. Brents Pferd folgte und zuletzt das von Jeems, wobei Jeems sich an Sattelknauf und Mähne festklammerte. Jeems setzte nicht gerne über Zäune, aber er hatte schon höhere überwunden als diesen, um mit seinen Herren mitzuhalten.
Während sie sich in der zunehmenden Dämmerung ihren Weg über die roten Furchen und abwärts zur Flussmarsch suchten, rief Brent seinem Bruder zu:
»Sag mal, Stu! Hast du nicht auch das Gefühl, dass Scarlett uns eigentlich zum Abendessen einladen wollte?«
»Mir kam’s die ganze Zeit so vor«, rief Stuart. »Was glaubst du, warum …«
KAPITEL 2
Nachdem die Zwillinge sich auf der Veranda von Scarlett verabschiedet hatten und die letzten Hufschläge verklungen waren, kehrte sie wie eine Schlafwandlerin zu ihrem Sessel zurück. Ihr Gesicht war vor Schmerz erstarrt, und der Mund tat ihr richtiggehend weh, weil sie ihn zum Lächeln verzerrt hatte, damit die Zwillinge nichts von ihrem Geheimnis bemerkten. Sie setzte sich erschöpft, schlug einen Fuß unter, und die Brust wollte ihr vor Kummer schier zerspringen. Ihr Herz zuckte unregelmäßig, ihre Hände waren kalt, und sie fühlte sich von einer Katastrophe überwältigt. Schmerz und Verwirrung standen ihr ins Gesicht geschrieben, die Verwirrung eines verwöhnten Kindes, das immer bekommen hatte, was es wollte, und das jetzt zum ersten Mal mit dem unschönen Ernst des Lebens konfrontiert wurde.
Ashley sollte Melanie Hamilton heiraten!
Das konnte doch nicht wahr sein! Die Zwillinge irrten sich. Sie hatten einen ihrer Scherze mit ihr getrieben. Ashley konnte doch unmöglich in Melanie verliebt sein. Niemand konnte sich in so eine farblose kleine Person verlieben. Scarlett rief sich voller Verachtung das Bild der dünnen, kindlichen Gestalt Melanies vor Augen, ihr ernstes herzförmiges Gesicht, das unscheinbar fast bis zur Reizlosigkeit war. Und Ashley konnte sie seit Monaten nicht gesehen haben. Er war seit der Hausparty, die er im vergangenen Jahr in Twelve Oaks gegeben hatte, höchstens zweimal in Atlanta gewesen. Nein, es war unmöglich, dass Ashley Melanie liebte, weil – oh, sie konnte sich nicht irren! – weil er sie selbst liebte! Sie, Scarlett, war es, die er liebte – das wusste sie!
Scarlett hörte, wie Mammys schwere Schritte den Boden in der Eingangshalle zum Erzittern brachten; sie zog hastig ihren Fuß hervor und versuchte ihrem Gesicht einen gelasseneren Ausdruck zu geben. Auf keinen Fall durfte Mammy Verdacht schöpfen, dass irgendetwas im Argen lag. Mammy war der Meinung, die O’Haras gehörten ihr, mit Leib und Seele, und sie müsse an all ihren Geheimnissen teilhaben; wenn sie nur andeutungsweise eines spürte, so genügte dies, dass sie wie ein Jagdhund ohne Unterlass die Fährte verfolgte. Scarlett wusste aus Erfahrung, dass Mammys Neugier sofort befriedigt werden musste, anderenfalls würde sie das Thema Ellen gegenüber aufbringen, und dann wäre Scarlett gezwungen, ihrer Mutter alles zu offenbaren oder sich eine überzeugende Lüge auszudenken.
Mammy kam aus der Halle nach draußen, eine ausladende alte Frau mit den kleinen, wissenden Augen des Elefanten und einer Haut von glänzendem afrikanischem Schwarz. Sie war bis zum letzten Blutstropfen den O’Haras ergeben, war Ellens Stab und Stütze, die Verzweiflung ihrer drei Töchter sowie der Schrecken der anderen Haussklaven. Mammy war zwar eine Sklavin, aber ihr Verhaltenskodex und ihr Stolz waren ebenso dünkelhaft wie die ihrer Besitzer, wenn nicht sogar dünkelhafter. Ihre Erziehung hatte sie im Schlafzimmer von Solange Robillard, Ellen O’Haras Mutter, genossen, einer zierlichen, kalten, hochnäsigen Französin, die weder ihren Kindern noch ihren Dienstboten die geringste Verletzung der Etikette durchgehen ließ. Mammy hatte bereits für Ellen gesorgt und war nach deren Heirat mit ihr aus Savannah nach dem Norden gezogen. Wen Mammy liebte, den züchtigte sie. Und da ihre Liebe für Scarlett und ihr Stolz auf sie keine Grenzen kannte, fand der Züchtigungsprozess eigentlich kein Ende.
»Sind die Gentlemänner weg? Wieso hast du sie nich zum Abendessen eingeladen, Miss Scarlett? Ich hab Pork gesagt, er soll zwei Gedecke für sie auflegen. Wo sind deine Manieren?«
»Ach, ich hatte es so satt, sie über den Krieg reden zu hören; das hätte ich beim Essen nicht ausgehalten, besonders wenn Pa auch noch eingestiegen wäre und schon wieder über Mr. Lincoln geschimpft hätte.«
»Du hast keine bessren Manieren wie ne Pflückerin, und dabei ham Miss Ellen und ich uns so mit dir abgerackert. Und da sitzt du ohne deine Stola! Dabei wird’s gleich Nacht! Ich red und red mir den Mund fusselig, dass du Fieber kriegst, wenn du mit nix um die Schultern in der Nachtluft sitzt. Komm, ab ins Haus, Miss Scarlett.«
Scarlett wandte sich mit betonter Gleichgültigkeit von Mammy ab, froh, dass diese vor lauter Beschäftigung mit der Stola ihr nichts angemerkt hatte.
»Nein, ich will hier sitzen und den Sonnenuntergang sehen. Er ist so schön. Lauf und hol mir meine Stola, bitte, Mammy, und ich bleibe hier sitzen, bis Pa heimkommt.«
»Deine Stimme klingt, wie wenn du ne Erkältung kriegst«, sagte Mammy argwöhnisch.
»Ich kriege aber keine«, sagte Scarlett ungeduldig. »Hol du mir meine Stola.«
Mammy wackelte in die Halle zurück, und Scarlett hörte sie leise zum Stubenmädchen die Treppe hinauf rufen.
»Du, Rosa! Wirf mir mal Miss Scarletts Stola runter.« Dann, lauter: »Nixnütziges Trampel! Nie is sie da, wenn man sie braucht. Jetzt muss ich selber raufgehn und die Stola holen.«
Scarlett hörte die Stufen knarren und stand leise auf. Mammy würde beim Zurückkommen nur ihre Standpauke über Scarletts mangelnde Gastfreundlichkeit fortsetzen, und Scarlett konnte solche Nichtigkeiten nicht ertragen, während ihr selbst das Herz brach. Als sie noch überlegte, wo sie sich verstecken konnte, bis der Schmerz in ihrer Brust ein wenig nachließ, kam ihr ein Gedanke, der einen kleinen Hoffnungsschimmer enthielt. Ihr Vater war am Nachmittag nach Twelve Oaks geritten, der Wilkes-Plantage, um ihnen Dilcey, die Frau seines Leibdieners Pork, abzukaufen. Dilcey war Aufseherin und Hebamme auf Twelve Oaks, und seit ihrer Heirat vor sechs Monaten lag Pork seinem Herrn Tag und Nacht in den Ohren, Dilcey zu kaufen, damit die beiden auf derselben Plantage leben konnten. Nachdem Geralds Widerstand sich langsam abgenutzt hatte, war er diesen Nachmittag aufgebrochen, um ein Angebot für Dilcey zu machen.
Bestimmt, dachte Scarlett, wird Pa wissen, ob diese grässliche Geschichte wahr ist. Selbst wenn er heute nichts erfahren hat, könnte ihm etwas aufgefallen sein, irgendeine Aufregung bei den Wilkes. Wenn ich ihn vor dem Abendessen unter vier Augen sprechen kann, finde ich vielleicht die Wahrheit heraus – dass es nämlich nur einer von den gemeinen Scherzen der Zwillinge ist.
Gerald musste bald heimkommen, und wenn sie ihn alleine sehen wollte, gab es nur die Möglichkeit, unten an der Abzweigung von der Landstraße auf ihn zu warten. Leise ging sie die vorderen Stufen hinunter und warf einen Blick zurück, um sicher zu sein, dass Mammy sie nicht aus einem der oberen Fenster beobachtete. Da sie kein breites, rundes schwarzes Gesicht unter einem schneeweißen Turban sah, das ihr zwischen wehenden Vorhängen missbilligend hinterherschaute, raffte sie energisch ihre grünen, geblümten Röcke und rannte, so schnell ihre mit Bändern am Fußgelenk festgeschnürten Schuhe sie trugen, zur Auffahrt.
Die dunklen Zedern zu beiden Seiten der Kiesauffahrt schlossen sich über ihr zu einem Gewölbe und machten aus der langen Allee einen dämmerigen Tunnel. Sowie sich Scarlett unter den knorrigen Ästen der Zedern befand, wusste sie sich vor Blicken aus dem Haus sicher und verlangsamte ihren Schritt. Sie keuchte, denn ihre Korsage war für einen Dauerlauf zu eng geschnürt, aber sie ging so schnell sie konnte. Bald hatte sie das Ende des Fahrweges und damit die Landstraße erreicht, aber sie hielt erst an, als sie hinter einer Kurve eine Baumgruppe zwischen sich und das Haus gebracht hatte.
Schwer atmend und mit geröteten Wangen setzte sie sich auf einen Baumstumpf und wartete auf ihren Vater. Er hätte längst da sein müssen, aber sie war froh, dass er so spät kam. So konnte sie noch ihren Atem beruhigen und ihr Gesicht in Ordnung bringen, damit er keinen Verdacht schöpfte. Jeden Augenblick erwartete sie den Hufschlag seines Pferdes zu hören, wenn er in seinem gewohnten halsbrecherischen Tempo den Hügel heraufritt. Doch die Minuten vergingen, und Gerald kam nicht. Sie hielt Ausschau nach ihm, und der Schmerz in ihrem Herzen wallte wieder auf.
Ach, es kann einfach nicht wahr sein! dachte sie. Warum kommt er denn nicht?
Ihr Blick wanderte die Windungen der Straße entlang, die, da es morgens geregnet hatte, blutrot dalag. In Gedanken folgte sie ihrem Verlauf bergab bis zum trägen Flint River, dann durch das Sumpfdickicht im Tal und den nächsten Hügel hinauf nach Twelve Oaks, wo Ashley wohnte. Keinen anderen Sinn hatte die Straße jetzt für sie – es war die Straße zu Ashley und zu dem schönen Haus mit den weißen Säulen davor, das den Hügel bekrönte wie ein griechischer Tempel.
O Ashley! Ashley! dachte sie, und ihr Herz schlug heftiger.
Das wahnwitzige Gefühl der Vernichtung, das sie niederdrückte, seit die Tarleton-Jungs ihr den Klatsch hinterbracht hatten, wurde ein wenig in den Hintergrund gedrängt, und an seine Stelle kroch das Fieber, das sie seit zwei Jahren beherrschte.
Es kam ihr nun seltsam vor, dass sie Ashley, als sie klein war, nie sonderlich anziehend gefunden hatte. In den Kindertagen hatte sie ihn kommen und gehen sehen und keinen Gedanken an ihn verschwendet. Doch seit dem Tag vor zwei Jahren, als Ashley – frisch zurück von seiner dreijährigen Grand Tour durch Europa – in Tara einen Besuch abgestattet hatte, war sie verliebt in ihn. So einfach war das.
Sie hatte auf der vorderen Veranda gesessen, als er die lange Allee heraufgeritten kam, in einem grauen Anzug aus feinem Wollstoff mit breiter schwarzer Krawatte, die sein Rüschenhemd vollendet zur Geltung brachte. Selbst jetzt noch erinnerte sie sich an jede Einzelheit seiner Kleidung, den Glanz seiner Stiefel, die Kamee mit dem Medusenkopf auf seiner Krawattennadel, den breiten Panamahut, den er sofort lüftete, als er sie sah. Er stieg ab, warf die Zügel einem Sklavenkind zu und schaute zu ihr hinauf, seine verträumten grauen Augen im Lächeln weit geöffnet, und die Sonne schien so hell auf sein blondes Haar, dass es wie ein funkelnder Silberhelm wirkte. Er sagte: »Du bist ja erwachsen geworden, Scarlett!« Mit leichten Schritten kam er die Stufen herauf und küsste ihr die Hand. Und seine Stimme! Sie würde nie vergessen, wie ihr Herz hüpfte, als sie ihn, wie zum ersten Mal, auf seine gedehnte, volltönende, melodiöse Weise sprechen hörte.
Sie hatte ihn in diesem ersten Augenblick begehrt, umstandslos und ohne zu überlegen, so wie sie Verlangen nach etwas zu essen hatte, nach einem Pferd zum Reiten oder einem weichen Bett, um sich hineinzulegen.
Zwei Jahre lang war er im ganzen County ihr Begleiter gewesen, auf Bällen, Fischbarbecues, Picknicks und bei den Gerichtstagen; nicht so oft wie die Tarleton-Zwillinge oder Cade Calvert, nie so aufdringlich wie die Fontaine-Jungs, aber trotzdem verging keine Woche, ohne dass Ashley in Tara vorbeigeschaut hätte.
Schon wahr, er hatte ihr nie den Hof gemacht, noch schmachteten seine klaren grauen Augen je so leidenschaftlich, wie Scarlett es von anderen Männern kannte. Und doch – und doch! –, sie wusste, dass er sie liebte. Darin konnte sie sich nicht täuschen. Ein Instinkt, stärker als alle Vernunft, und ein Wissen, genährt aus Erfahrung, sagten ihr, dass er sie liebte. Zu oft war sie seinem Blick begegnet, wenn seine Augen weder verträumt noch distanziert wirkten und er sie voll Sehnsucht und Traurigkeit ansah, so dass sie ganz verwirrt wurde. Sie wusste, dass er sie liebte. Warum hatte er es ihr nicht gesagt? Das konnte sie nicht verstehen. Aber es gab so vieles an ihm, das sie nicht verstand.
Er war immer zuvorkommend, aber distanziert und unnahbar. Niemand wusste je, woran er dachte, Scarlett am allerwenigsten. In einem Lebensumfeld, wo alle genau das sagten, was ihnen gerade in den Sinn kam, konnte einen Ashleys Zurückhaltung auf die Palme bringen. Bei den üblichen Zerstreuungen im County wie Jagd, Glücksspiel, Tanz und Politik war er genauso kompetent wie die anderen, und reiten konnte er besser als sonst irgendjemand. Aber im Unterschied zu den anderen bildeten diese Belustigungen nicht Sinn und Zweck seines Lebens. Mit seinem Interesse an Büchern und Musik und mit seiner Neigung zur Poesie stand er allein.
Ach, warum war er nur so hinreißend blond, so höflich distanziert, so schrecklich langweilig mit seinem Gerede über Europa und Bücher und Musik und Dichtung und Dinge, die sie nicht im Geringsten interessierten – und trotzdem so begehrenswert? Abends, wenn Scarlett ins Bett ging, nachdem sie mit ihm im Halbdunkel auf der Vorderveranda gesessen hatte, wälzte sie sich stundenlang ruhelos herum und tröstete sich nur mit dem Gedanken, beim nächsten Mal würde er ihr bestimmt einen Antrag machen. Doch das nächste Mal kam und ging, und nichts geschah – außer dass das Fieber, das sie erfasst hatte, stieg und hitziger wurde.
Sie liebte und begehrte ihn, aber sie verstand ihn nicht. Sie war geradeheraus und unkompliziert wie der Wind, der über Tara wehte, und wie der gelbe Fluss, der sich darum herumschlängelte, und bis zum Ende ihrer Tage würde sie nicht fähig sein, etwas Komplexes zu verstehen. Doch jetzt, zum ersten Mal in ihrem Leben, stand sie einem komplexen Charakter gegenüber.
Denn Ashley entstammte einer Familie, die ihre Mußestunden eher zu kontemplativer als zu aktiver Beschäftigung nutzte, zum Träumen bunter Träume, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatten. Er bewegte sich in einer Innenwelt, die schöner war als Georgia, und kehrte nur widerstrebend in die Wirklichkeit zurück. Er sah die Menschen und fand sie weder sympathisch noch unsympathisch. Er schaute dem Leben zu und fand es weder beglückend noch betrüblich. Er nahm die Welt und seinen Platz darin als das, was sie nun einmal waren, und wandte sich achselzuckend wieder seiner Musik, seinen Büchern und seiner besseren Welt zu.
Warum Scarlett ihn so faszinierend fand, obwohl seine Mentalität ihr völlig fremd war, wusste sie nicht. Gerade das Geheimnisvolle, das von ihm ausging, erregte ihre Neugier – wie eine Tür ohne Schloss und Schlüssel. Was sie an ihm nicht verstehen konnte, machte sie nur verliebter, und sein seltsam zurückhaltendes Werben verstärkte ihre Entschlossenheit, ihn zu besitzen. Dass er eines Tages um ihre Hand anhalten würde, daran hatte sie nie gezweifelt, denn sie war zu jung und zu verwöhnt, um zu wissen, was eine Niederlage ist. Und jetzt kam diese schreckliche Nachricht wie ein Donnerschlag. Ashley sollte Melanie heiraten! Das konnte nicht wahr sein!
Noch letzte Woche, als sie in der Dämmerung von Fairhill nach Hause ritten, hatte er gesagt: »Scarlett, ich muss dir etwas so Wichtiges sagen, dass ich kaum weiß, wie ich es in Worte fassen soll.«
Sie hatte die Augen sittsam niedergeschlagen, und ihr Herz schlug wild vor Freude, weil sie dachte, der glückliche Moment sei gekommen. Doch dann sagte er: »Nicht jetzt! Wir sind schon fast zu Hause, und die Zeit reicht nicht. Ach, Scarlett, was bin ich doch für ein Feigling!« Und damit gab er seinem Pferd die Sporen und galoppierte mit ihr um die Wette den Hügel nach Tara hinauf.
Scarlett dachte auf ihrem Baumstumpf an diese Worte, die sie so glücklich gemacht hatten, doch plötzlich nahmen sie eine andere, eine grässliche Bedeutung an. Vielleicht hatte er ihr seine Verlobung ankündigen wollen!
Ach, wenn Pa doch endlich käme! Sie konnte die Ungewissheit nicht länger ertragen. Ungeduldig schaute sie wieder die Straße hinunter, und wieder wurde sie enttäuscht.
Die Sonne war unter den Horizont gesunken, und das rote Glühen am Rand der Welt verblasste zu Rosa. Der Himmel wandelte sich langsam von Azur zum zarten Blaugrün eines Drosseleis, und die unirdische Stille der ländlichen Dämmerung legte sich verstohlen über sie. Der Schatten des Halbdunkels kroch über das Land. Die roten Furchen und der Einschnitt der roten Straße verloren ihre magische Blutfarbe und wurden zu schlichter brauner Erde. Jenseits der Straße standen die Pferde, Maultiere und Kühe still auf den Weiden, streckten ihre Köpfe über den Lattenzaun und warteten darauf, zur Abendfütterung in ihre Ställe getrieben zu werden. Sie mochten den dunklen Schatten des Buschwerks nicht, das den Bach säumte, der durch die Viehweiden floss, und spitzten ihre Ohren in Richtung Scarlett, als freuten sie sich der menschlichen Gesellschaft.
Im fremdartigen Halbdunkel ragten die hohen Pinien des Fluss-Sumpflands, das im Sonnenschein so freundlich grünte, schwarz in den pastellfarbenen Himmel, eine undurchdringliche Reihe schwarzer Riesen, die das langsam dahintreibende gelbe Wasser zu ihren Füßen verbarg. Auf dem Hügel jenseits des Flusses verschmolzen die hohen weißen Schornsteine des Wilkes-Hauses nach und nach mit der Düsternis der mächtigen Eichen, die es umstanden, und nur die fernen, stecknadelgroßen Punkte der Tischleuchten verrieten, dass dort ein Haus stand. Die warme dunstige Frühlingsluft umhüllte Scarlett und mischte sich mit dem feuchten Geruch frisch gepflügter Erde und sprießenden Grüns.
Sonnenuntergänge und Frühling und junge Vegetation besaßen für Scarlett keinerlei Zauber. Sie nahm ihre Schönheit als ebenso selbstverständlich hin wie die Luft, die sie atmete, und das Wasser, das sie trank, denn sie hatte Schönheit nie bewusst in irgendetwas anderem gesehen als in Frauengesichtern, Pferden, Seidenkleidern und ähnlich greifbaren Dingen. Dennoch brachte das friedliche Zwielicht über den bestellten Fluren von Tara ein wenig Ruhe in ihr verstörtes Gemüt. Sie liebte dieses Land sehr, ohne sich dessen bewusst zu sein – sie liebte es wie das Gesicht ihrer Mutter unter der Lampe zur Abendandacht.
Immer noch ließ sich Gerald auf der stillen gewundenen Straße nicht blicken. Wenn sie noch deutlich länger wartete, würde Mammy sie mit Sicherheit suchen kommen und sie zurück ins Haus scheuchen. Doch gerade als sie angestrengt die immer dunkler werdende Straße hinunterspähte, hörte sie Hufschlag vom Fuß des Weidehügels und sah Pferde und Kühe erschrocken auseinanderstieben. Gerald O’Hara sprengte querfeldein nach Hause.
Er galoppierte auf seinem fassleibigen, langbeinigen Jagdpferd bergauf und wirkte in der Entfernung wie ein Junge auf einem zu großen Pferd. Sein langes weißes Haar wehte nach hinten, während er das Pferd mit Gerte und lauten Rufen antrieb.
Trotz ihres Kummers betrachtete sie ihn mit liebevollem Stolz, denn Gerald war ein exzellenter Reiter.
»Warum er wohl immer über Zäune setzen muss, wenn er etwas getrunken hat?« dachte sie. »Und das nach dem Sturz, bei dem er sich letztes Jahr genau hier das Knie gebrochen hat. Man würde doch denken, dass er dazulernt. Vor allem, wo er Mutter geschworen hat, nie wieder zu springen.«
Scarlett hatte keine Scheu vor ihrem Vater und fühlte sich ihm altersmäßig näher als ihren Schwestern, denn mit dem Pferd über Zäune zu springen und es vor Mutter geheim zu halten, erfüllte ihn mit einem jungenhaften Stolz und einer Lust am Verbotenen, die ihrem eigenen Vergnügen entsprach, wenn sie Mammy hinters Licht führte. Sie stand auf, um ihn zu beobachten.
Das große Pferd erreichte den Zaun, verhielt kurz und flog dann so mühelos darüber wie ein Vogel; sein Reiter johlte begeistert, hieb mit der Gerte in die Luft, und die weißen Locken standen ihm zu Berge. Ohne seine Tochter im Schatten der Bäume zu bemerken, zog Gerald auf der Straße die Zügel an und tätschelte seinem Pferd anerkennend den Hals.
»Kein Pferd im County kommt an dich ran, sogar im ganzen Staat nicht«, erklärte er ihm stolz im Tonfall der irischen Grafschaft Meath, der seine Zunge immer noch beschwerte, obgleich er schon seit neununddreißig Jahren in Amerika lebte. Dann glättete er rasch sein Haar und zupfte sein verrutschtes Hemd zurecht und die Krawatte, die ihm hinter das Ohr geflattert war. Scarlett wusste, dass er sein Äußeres hastig in Ordnung brachte, um vor seiner Frau als gepflegter Gentleman zu erscheinen, der geruhsam von einem Besuch bei den Nachbarn heimgeritten kam. Das bot ihr einen willkommenen Anknüpfungspunkt für das geplante Gespräch, ohne dass sie ihre wahre Absicht verraten musste.
Sie lachte laut. Wie erwartet, schrak Gerald auf; dann erkannte er sie, und ein gleichzeitig beschämter und trotziger Ausdruck trat in sein rotes Gesicht. Er stieg mit einiger Mühe ab, weil sein Knie steif war, und stapfte mit den Zügeln über dem Arm auf sie zu.
»Soso, kleine Miss«, sagte er und zwickte sie in die Wange, »du spionierst mir also hinterher und willst mich bei deiner Mutter verpetzen wie deine Schwester Suellen letzte Woche?«
Seine heisere Bassstimme klang etwas indigniert, aber zugleich schmeichelnd, während Scarlett mit neckendem »ts-ts-ts« seine Krawatte zurechtrückte. Eine starke Fahne von Bourbon Whisky, vermischt mit einem Hauch von Pfefferminze, schlug ihr entgegen. Dazu gesellte sich der Geruch von Kautabak, gut geöltem Leder und Pferden – ein Zusammenspiel von Düften, das sie immer mit ihrem Vater verband und instinktiv an anderen Männern mochte.
»Nein, Pa, ich bin keine Tratschtante wie Suellen«, beruhigte sie ihn und trat zurück, um sein wiederhergestelltes Erscheinungsbild zu begutachten.
Gerald war ein kleiner Mann, gerade nur 1,55 Meter groß, doch so stämmig und stiernackig, dass er im Sitzen auf Fremde viel größer wirkte. Sein massiger Rumpf ruhte auf kurzen kräftigen Beinen, die immer in den feinsten Lederstiefeln steckten und sich breit gespreizt gegen den Boden stemmten wie bei noch unsicher stehenden Kleinkindern. Die meisten kleinen Männer machen sich durch Wichtigtuerei lächerlich; doch der Zwerghahn genießt Respekt im Hühnerhof, und das galt auch für Gerald. Niemand hätte sich je erdreistet, in Gerald O’Hara einen lächerlichen Knirps zu sehen.
Er war sechzig Jahre alt, sein krauses Lockenhaar war silberweiß, sein listiges Gesicht aber faltenlos, und seine harten, kleinen blauen Augen zeigten die ganze jugendliche Unbekümmertheit dessen, der sein Gehirn nie mit etwas Abstrakterem belastet hatte als der Frage, wie viele Karten er in einem Pokerspiel ziehen sollte. Ein irischeres Gesicht konnte man auch in seinem Heimatland, das er vor so langer Zeit verlassen hatte, weit und breit nicht finden: rund, gerötet, stupsnasig, mit breitem Mund und unbändiger Streitlust.
Hinter seinem cholerischen Auftreten verbarg Gerald O’Hara ein überaus weiches Herz. Er konnte es nicht ertragen, wenn ein Sklave nach einer Zurechtweisung schmollte, egal wie verdient diese war, oder wenn ein Kätzchen maunzte oder ein Kind weinte – aber er hatte eine Heidenangst, diese Schwäche könnte entdeckt werden. Dass jeder, der ihn kennenlernte, innerhalb von fünf Minuten sein gütiges Herz entdeckte, bemerkte er nicht; und sein Stolz hätte mächtig gelitten, wenn er es herausgefunden hätte, denn er genoss die Vorstellung, dass alle erzitterten und flugs gehorchten, wenn er laut schreiend Befehle erteilte. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass auf der Plantage nur einer Stimme gehorcht wurde – der sanften Stimme seiner Frau Ellen. Das war ein Geheimnis, das er nie erfahren würde, denn alle, von Ellen bis zur unbedarftesten Pflückerin, waren Teil eines stillschweigenden und freundlichen Komplotts, ihn im Glauben zu wiegen, sein Wort sei Gesetz.
Auf Scarlett machten seine Launen und sein Geschrei am allerwenigsten Eindruck. Sie war sein ältestes Kind, und seit Gerald wusste, dass den drei Söhnen, die auf dem Familienfriedhof begraben lagen, kein weiterer mehr nachfolgen würde, hatte er sich angewöhnt, Scarlett wie von Mann zu Mann zu behandeln, was sie sehr genoss. Sie glich ihrem Vater mehr als ihre jüngeren Schwestern, denn Carreen, mit ganzem Namen Caroline Irene, war zart und verträumt, und Suellen, getauft Susan Elinor, bildete sich viel auf ihre Eleganz und damenhaften Manieren ein.
Außerdem waren Scarlett und ihr Vater durch ein gegenseitiges Verschwiegenheitsabkommen verbunden. Wenn Gerald sie dabei erwischte, wie sie über einen Zaun kletterte, statt eine halbe Meile bis zu einem Gatter zu gehen, oder viel zu spät mit einem Verehrer auf den Stufen der Vorderveranda saß, stellte er sie zwar heftig zur Rede, erwähnte es aber nicht vor Ellen oder Mammy. Und wenn Scarlett ihn dabei ertappte, dass er trotz seines feierlichen Versprechens gegenüber seiner Frau über Zäune setzte, oder wenn sie erfuhr, wie viel er beim Poker verloren hatte, was sie unweigerlich durch den Klatsch im County mitbekam, verzichtete sie darauf, bei Tisch darüber zu reden, wie es Suellen in ihrer arglistig arglosen Art tat. Scarlett und ihr Vater versicherten einander feierlich, dass solche Dinge Ellen nur verletzen würden, und nichts konnte sie je dazu bringen, ihr in ihrer Sanftmut wehzutun.
Scarlett sah ihren Vater im schwindenden Licht an und empfand seine Gegenwart als tröstlich, ohne zu wissen, warum. Es war etwas Vitales und Erdverbundenes und Rauhes in ihm, das sie anzog. Da sie nicht im mindesten die Gabe hatte, Menschen zu analysieren, erkannte sie nicht, dass sie in gewissem Maß die gleichen Eigenschaften besaß, obwohl sich Ellen und Mammy sechzehn Jahre lang nach Kräften bemüht hatten, sie ihr auszutreiben.
»Jetzt siehst du sehr präsentabel aus«, sagte sie, »und keiner kommt darauf, dass du wieder Kunststücke gemacht hast, wenn du nicht selbst damit prahlst. Aber ich finde, wo du dir letztes Jahr das Knie gebrochen hast, solltest du vielleicht nicht gerade über denselben Zaun …«
»Also, hol mich der Teufel, wenn ich mir von meiner eigenen Tochter vorschreiben lasse, über was ich springen darf und über was nicht«, rief er und zwickte sie noch einmal. »Mein Genick geht keinen was an, zum Donnerwetter! Und übrigens, kleine Miss, was treibst du hier draußen ohne deine Stola?«
Da sie sah, dass er sich mit seinen üblichen Schlichen aus einer unliebsamen Situation herauslavieren wollte, hakte sie sich bei ihm unter und sagte: »Ich habe auf dich gewartet. Ich wusste ja nicht, dass du so spät kommst. Ich wollte einfach nur hören, ob du Dilcey gekauft hast.«
»Klar hab ich sie gekauft, und der Preis wird mich ruinieren. Hab sie gekauft und ihr kleines Mädchen, Prissy, dazu. John Wilkes wollte sie fast umsonst hergeben, aber keiner soll sagen, dass Gerald O’Hara seine Freunde bei einem Geschäft über den Tisch zieht. Ich hab ihn gezwungen, dreitausend für beide zu nehmen.«
»Um Himmels willen, Pa, dreitausend! Und Prissy hättest du doch gar nicht kaufen müssen!«
»Ist es schon so weit, dass meine Töchter über mich zu Gericht sitzen?« rief Gerald. »Prissy ist ein hübsches kleines Ding, und so …«
»Ich kenne sie. Sie ist ein verschlagenes dummes Biest«, erwiderte Scarlett ruhig, unbeeindruckt von seiner Lautstärke. »Und du hast sie bloß deswegen gekauft, weil Dilcey dich darum gebeten hat.«
Gerald sah geknickt und verlegen aus, wie immer, wenn er bei einer guten Tat ertappt wurde, und Scarlett lachte unverhohlen über seine Durchschaubarkeit.
»Na, und wenn schon? Hätte es einen Sinn gehabt, Dilcey zu kaufen, wenn sie die ganze Zeit ihrem Kind nachtrauert? Nie wieder werde ich zulassen, dass ein Darky von uns jemanden von woanders heiratet. Das ist zu teuer. Also komm jetzt, Puss, gehen wir zum Abendessen.«
Die Schatten waren dichter geworden, der letzte grünliche Schimmer war vom Himmel gewichen, und eine leichte Kühle verdrängte die milde Frühlingsluft. Doch Scarlett trödelte noch, sie überlegte, wie sie über Ashley sprechen konnte, ohne dass Gerald Verdacht schöpfte. Das war schwierig, denn Scarlett hatte nicht die geringste Begabung, sich zu verstellen; und Gerald glich ihr darin so sehr, dass er ihre schwachen Winkelzüge regelmäßig durchschaute, so wie sie die seinen. Und selten war er dabei taktvoll.
»Wie geht’s denn allen drüben auf Twelve Oaks?«
»So wie immer. Cade Calvert war da, und nachdem ich die Sache mit Dilcey klargemacht hatte, saßen wir alle auf der Säulenveranda und haben ein paar Toddies getrunken. Cade ist gerade aus Atlanta zurück, und da sind sie alle ganz aus dem Häuschen, alle reden vom Krieg, und …«
Scarlett seufzte. Wenn Gerald erst einmal anfing, von Krieg und Sezession zu sprechen, dauerte es Stunden, bevor er davon wieder loskam. Sie fiel ihm mit einem anderen Thema ins Wort.
»Haben sie irgendwas über das Barbecue morgen gesagt?«
»Jetzt, wo du’s sagst, fällt’s mir wieder ein: ja, haben sie. Miss – wie heißt sie noch –, die nette Kleine, die letztes Jahr hier war, Ashleys Cousine – ach ja, Miss Melanie Hamilton heißt sie –, sie und ihr Bruder Charles waren schon aus Atlanta gekommen und …«
»Ach, dann ist sie tatsächlich gekommen?«
»Ja, und sie ist so was von einem lieben stillen Ding, sagt kein Wort von sich aus, genau wie eine Frau sein soll. Komm jetzt, Tochter, mach nicht so langsam. Deine Mutter sucht uns sicher schon.«
Bei dieser Neuigkeit sank Scarlett das Herz. Sie hatte entgegen aller Vernunft gehofft, dass irgendetwas Melanie Hamilton in Atlanta zurückhalten würde, wo sie hingehörte, doch nachdem sogar ihr Vater voll des Lobes war für deren sanftes stilles Wesen, das so wenig dem ihren glich, wagte sie einen Vorstoß.
»War Ashley auch da?«
»Ja.« Gerald löste sich vom Arm seiner Tochter und sah sie scharf an. »Und wenn du deswegen hier draußen auf mich gewartet hast, warum sagst du’s nicht gleich, sondern redest um den heißen Brei rum?«
Scarlett wusste darauf nichts zu sagen und spürte, wie sie vor Ärger rot wurde.
»Also, dann mal raus damit.«
Sie sagte immer noch nichts, sondern wünschte sich nur, man dürfte seinen Vater schütteln und ihm den Mund verbieten.
»Er war da und hat sich sehr nett nach dir erkundigt, so wie auch seine Schwestern, und er hat gesagt, er hofft, dass dich nichts abhält, morgen zum Barbecue zu kommen. Ich gehe mal davon aus, dass es kein Hindernis gibt«, sagte er listig. »Aber jetzt, Tochter, was ist mit dir und Ashley?«
»Nichts ist«, sagte sie kurz und zupfte ihn am Ärmel. »Komm, lass uns heimgehen, Pa.«
»Ach, plötzlich willst du nach Hause gehen«, stellte er fest. »Aber jetzt bleibe ich hier stehen, bis ich weiß, was dich umtreibt. Und da fällt mir ein, dass du dich in letzter Zeit ziemlich komisch benimmst. Hat er dir Augen gemacht? Hat er um deine Hand angehalten?«
»Nein«, sagte sie kurz.
»Das wird er auch nicht«, sagte Gerald.
Sie wollte aufbrausen, doch Gerald gebot ihr mit einem Wink zu schweigen.
»Still jetzt, Miss! Ich hab heute Nachmittag streng vertraulich von John Wilkes erfahren, dass Ashley Miss Melanie heiraten wird. Morgen wird es bekannt gegeben.«
Scarletts Hand glitt von seinem Arm. Es war also wahr!
Der Schmerz zerriss ihr das Herz mit Raubtierzähnen. Bei alledem spürte sie den Blick ihres Vaters, ein wenig mitfühlend, aber auch ein wenig gereizt, weil er ein Problem vor sich sah, für das er keine Antwort hatte. Er liebte Scarlett, aber es bereitete ihm Unbehagen, wenn sie ihn mit ihren kindischen Problemen behelligte und wollte, dass er sie löste. Ellen kannte alle Antworten. An sie hätte Scarlett sich mit ihren Kümmernissen wenden sollen.
»Hast du dich etwa zum Affen gemacht – und uns alle blamiert?« schalt er, denn immer, wenn er in Erregung geriet, wurde er laut. »Bist du einem Mann hinterhergelaufen, der dich nicht liebt, wo du jeden Kerl im County haben kannst?«
Zorn und verletzter Stolz verdrängten etwas von ihrem Schmerz.
»Ich bin ihm nicht hinterhergelaufen. Es … es hat mich bloß überrascht.«
»Du lügst doch!« sagte Gerald; dann blickte er in ihr kummervolles Gesicht und fügte in einem Ausbruch von Anteilnahme hinzu: »Es tut mir leid, Tochter. Aber schließlich bist du nur ein Kind, und es laufen noch jede Menge anderer Verehrer herum.«
»Mutter war erst fünfzehn, als sie dich geheiratet hat, und ich bin sechzehn«, sagte Scarlett mit belegter Stimme.
»Deine Mutter war anders«, sagte Gerald. »Sie war nicht so flatterhaft wie du. Jetzt komm, Tochter, Kopf hoch – dann nehm ich dich nächste Woche mit nach Charleston, da besuchen wir Tante Eulalie, und bei dem ganzen Trara, das sie dort wegen Fort Sumter veranstalten, hast du Ashley in einer Woche vergessen.«
Er hält mich für ein Kind, dachte Scarlett. Trauer und Wut schnürten ihr den Hals zu. Er glaubt, er muss nur mit einem neuen Spielzeug vor mir wedeln, schon vergesse ich meine Wehwehchen.
»Jetzt schieb dein Kinn nicht so vor«, warnte Gerald. »Wenn du ein bisschen Verstand hättest, dann hättest du schon längst Stuart oder Brent Tarleton geheiratet. Denk drüber nach, Tochter. Heirate einen der beiden Zwillinge, dann betreiben wir die Plantagen zusammen, und Jim Tarleton und ich bauen dir ein schönes Haus, genau da, wo sie aneinanderstoßen, in dem großen Pinienhain, und …«
»Hörst du auf, mich wie ein Kind zu behandeln!« rief Scarlett aufgebracht. »Ich habe keine Lust, nach Charleston zu gehen oder ein Haus zu haben oder die Zwillinge zu heiraten. Ich will nur …« Sie hielt inne, aber nicht rechtzeitig.
Geralds Stimme war ungewohnt leise, und er sprach langsam, als holte er seine Worte aus einem Gedankenfundus, der selten benutzt wurde.
»Du willst nur Ashley, den kriegst du aber nicht. Und selbst wenn er dich heiraten wollte, dann würde ich nur mit Bauchschmerzen Ja sagen, so gut ich mit John Wilkes befreundet bin.« Da er ihren bestürzten Blick sah, fuhr er fort: »Ich will, dass mein Mädchen glücklich ist, und mit ihm wärst du nicht glücklich.«
»O doch – doch!«
»Du wärst nicht glücklich, Tochter. Nur wenn Gleich und Gleich heiraten, kommt Glück dabei raus.«
Scarlett hatte plötzlich das hinterhältige Verlangen, laut zu schreien: »Aber ihr seid glücklich! Und du und Mutter, ihr seid nicht gleich«, aber sie unterdrückte es aus Furcht, sich für ihre Unverschämtheit eine Kopfnuss einzuhandeln.
»Unsere Familie und die Wilkes sind verschieden«, fuhr er langsam, nach Worten suchend, fort. »Die Wilkes sind anders als all unsere Nachbarn – anders als alle Familien, die ich je gekannt habe. Das sind sonderbare Leute, und es ist am besten, wenn sie ihre Cousins und Cousinen heiraten und ihre Sonderbarkeit bei sich behalten.«
»Aber, Pa, Ashley ist doch kein …«
»Still jetzt, Puss! Ich habe nichts gegen den Burschen gesagt, ich mag ihn nämlich. Und wenn ich ›sonderbar‹ sage, meine ich nicht ›verrückt‹. Er ist nicht so komisch wie die Calverts, die alles, was sie haben, für ein Pferd aufs Spiel setzen würden, oder die Tarletons, die in jedem Wurf ein oder zwei Säufer haben, oder die Fontaines, diese kleinen hitzköpfigen Bluthunde, die einen Mann wegen einer eingebildeten Beleidigung umlegen. Diese Art Sonderbarkeit lässt sich ja leicht verstehen, und ohne Gottes Gnade wäre Gerald O’Hara auch nicht besser! Ich meine damit auch nicht, dass Ashley mit einer anderen durchbrennen würde, wenn du seine Frau wärst, oder dass er dich schlagen würde. Du wärst geradezu dankbar, wenn er das täte, denn wenigstens das würdest du verstehen. Er ist aber auf eine andere Art sonderbar, und man kann ihn überhaupt nicht verstehen. Ich mag ihn, aber das meiste, was er sagt, hat doch weder Hand noch Fuß. Jetzt sag mal ehrlich, Puss: verstehst du denn den Bohei, den er um Bücher und Gedichte und Musik und Ölbilder und diesen ganzen Blödsinn macht?«
»Ach, Pa!« rief Scarlett voller Ungeduld. »Das würde ich ihm doch alles austreiben, wenn ich mit ihm verheiratet wäre.«
»Ach, tatsächlich?« sagte Gerald unwirsch und warf ihr einen scharfen Blick zu. »Dann verstehst du aber verdammt wenig von Männern, von Ashley ganz zu schweigen. Keine Ehefrau hat je an ihrem Mann auch nur ein Fitzelchen verändert, merk dir das. Und einen Wilkes ändern? Herrgott im Nachtgewand, Tochter! Die ganze Familie ist so, und sie waren schon immer so. Und werden es wahrscheinlich auch bleiben. Ich sage dir, die sind als Käuze auf die Welt gekommen. Schau dir an, wie sie nach New York und Boston rasen, um Opern zu hören und Ölgemälde anzusehen. Und kistenweise französische und deutsche Bücher bei den Yankees bestellen! Und dann sitzen sie da und lesen und träumen Gott weiß was, wenn sie ihre Zeit viel besser mit Jagen oder Pokerspielen verbringen könnten, wie es anständige Männer tun.«
»Niemand im County reitet besser als Ashley«, sagte Scarlett wütend, weil Ashley der Makel der Unmännlichkeit angehängt wurde, »niemand außer vielleicht sein Vater. Und was Poker betrifft: Hat Ashley dir nicht letzte Woche in Jonesboro zweihundert Dollar abgeknöpft?«
»Die Calvert-Jungs haben mal wieder geplaudert«, sagte Gerald resigniert, »sonst wüsstest du die Summe nicht. Ashley kann mit den besten Reitern mithalten und mit den besten Pokerspielern – das gebe ich gerne zu, Puss! Und ich bestreite nicht, dass er sogar die Tarletons unter den Tisch trinken kann, wenn er es darauf anlegt. Er kann das alles, aber sein Herz ist nicht dabei. Deswegen sage ich, dass er sonderbar ist.«
Scarlett schwieg, das Herz wurde ihr schwer. Gegen diesen letzten Vorwurf fiel ihr keine Verteidigung ein, denn sie wusste, dass Gerald recht hatte. All die schönen Dinge, die Ashley so gut konnte, tat er ohne Leidenschaft. Alles, wofür andere brannten, entlockte ihm nicht mehr als höfliches Interesse.
Ihr Schweigen richtig deutend, tätschelte Gerald ihren Arm und sagte triumphierend: »Na also, Scarlett! Du gibst zu, dass es stimmt. Was würdest du mit einem Ehemann wie Ashley anfangen? Mondsüchtig sind sie alle, die ganzen Wilkes.« Und dann, in versöhnlichem Ton: »Dass ich die Tarletons vorhin erwähnt habe, heißt nicht, dass ich sie dir aufdrängen will. Es sind feine Burschen, aber wenn du es auf Cade Calvert abgesehen hast, ist es mir auch recht. Die Calverts sind gute Leute, allesamt, auch wenn der Alte eine Yankee geheiratet hat. Und wenn ich mal nicht mehr bin – still jetzt, mein Schatz, hör mir zu! –, hinterlasse ich Tara dir und Cade …«
»Cade würde ich nicht mal auf einem Silbertablett nehmen«, rief Scarlett entrüstet. »Und ich wünschte, du würdest mich endlich mit ihm verschonen! Ich will weder Tara noch sonst eine blöde Plantage. Plantagen bedeuten gar nichts, wenn …«
Sie wollte sagen »… wenn man nicht den Mann hat, den man will«, aber Gerald empörte sich über die wegwerfende Art, mit der sie sein Geschenk abtat – das, was er neben Ellen auf der Welt am meisten liebte –, und er fing an zu brüllen:
»Nimmst du dir etwa heraus, Scarlett O’Hara, mir zu sagen, dass Tara – dass Land – nichts bedeutet?«
Scarlett nickte trotzig. Ihr Herz tat so weh, dass es sie nicht kümmerte, ob sie ihren Vater zur Raserei brachte.
»Land ist das einzige, was in der Welt überhaupt etwas bedeutet«, rief er, wobei er empört mit seinen dicken, kurzen Armen ruderte, »denn es ist das einzige in der Welt, was Bestand hat, merk dir das! Es ist das einzige, wofür es sich zu arbeiten lohnt, zu kämpfen und sogar zu sterben.«
»O Pa«, sagte sie angewidert, »du redest wie ein Ire!«
»Hab ich mich dafür je geschämt? Nein, ich bin stolz darauf. Und vergiss nie, dass du Halbirin bist, Miss! Für jeden, der einen Tropfen irisches Blut in sich hat, ist das Land, auf dem er lebt, wie seine Mutter. Du solltest dich schämen! Ich biete dir das schönste Land in der Welt – außer dem County Meath im alten Irland –, und was machst du? Du rümpfst die Nase!«
Gerald redete sich allmählich lustvoll in Rage, doch etwas in Scarletts kummervollem Gesicht ließ ihn innehalten.
»Aber du bist ja noch jung. Die Liebe zum Land, die wird schon noch über dich kommen. Du kannst ihr als Irin gar nicht entgehen. Du bist einfach noch ein Kind und hast Ärger mit deinen Verehrern. Wenn du älter bist, wirst du schon sehen, wie das ist … Jetzt brauchst du dich bloß noch für Cade oder die Zwillinge oder für einen von Evan Munroes Jungs zu entscheiden, und du wirst sehen, was für eine schöne Aussteuer du kriegst.«
»O Pa!«
Mittlerweile hatte Gerald die Unterhaltung gründlich satt und ärgerte sich, dass das Problem auf seinen Schultern abgeladen wurde. Außerdem kränkte es ihn, dass Scarlett immer noch unglücklich aussah, obwohl er ihr die besten Jungs im County angeboten hatte, und Tara noch dazu. Gerald wollte, dass seine Gaben mit Händeklatschen und Küssen entgegengenommen wurden.
»Also, jetzt keinen Schmollmund mehr, Miss. Es spielt keine Rolle, wen du heiratest, solange er denkt wie du und ein Gentleman und Südstaatler und stolz ist. Bei Frauen kommt die Liebe nach der Hochzeit.«
»O Pa, das ist so ein Spruch aus dem alten Irland.«
»Und es ist ein guter Spruch! Dieses ganze amerikanische Getue mit dem Heiraten aus Liebe, wie die Dienstboten, wie die Yankees! Am besten sind die Ehen, wo die Eltern die Wahl für das Mädchen treffen. Denn wie soll ein dummes Ding wie du einen guten Mann von einem Schuft unterscheiden? Jetzt sieh dir mal die Wilkes an. Was hat sie über die ganzen Generationen stolz und stark gemacht? Na, dass sie Leute heiraten, die sind wie sie, Cousins und Cousinen, wie es von ihrer Familie immer erwartet wird.«
»Oh«, schrie Scarlett auf, denn von neuem traf sie der Schmerz, als Geralds Worte ihr klarmachten, dass an der schrecklichen Wahrheit nicht zu rütteln war. Gerald betrachtete ihren gesenkten Kopf und trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen.
»Du weinst doch wohl nicht?« fragte er und griff ihr mit mitleidzerfurchter Miene ungeschickt unters Kinn, um ihren Kopf aufzurichten.
»Nein«, schrie sie heftig und fuhr zurück.
»Du schwindelst, aber ich bin stolz auf dich. Ich bin froh, dass Stolz in dir steckt, Puss. Und ich will dir morgen beim Barbecue deinen Stolz ansehen. Ich will nicht, dass das County über dich tratscht und dich auslacht, weil du dich nach einem Mann verzehrst, der nie einen Gedanken an dich verschwendet hat, abgesehen von Freundschaft.«
Er hat sehr wohl Gedanken an mich verschwendet, dachte Scarlett kummervoll. Oh, sehr viele sogar! Das weiß ich. Ich habe es gespürt. Wenn ich nur ein bisschen mehr Zeit gehabt hätte, dann hätte ich ihn bestimmt so weit gebracht, dass er sagt … Ach, wenn die Wilkes sich nur nicht immer einbilden würden, sie müssten ihre Cousinen heiraten!
Gerald fasste sie unter den Arm.
»Jetzt gehen wir zum Abendessen, und das Ganze bleibt unter uns. Ich werde deine Mutter damit nicht aufregen – und du auch nicht. Putz dir die Nase, Tochter.«
Scarlett schniefte in ihr zerknäultes Taschentuch, und dann gingen sie untergehakt die dunkle Auffahrt hinauf, während das Pferd langsam folgte. Nahe dem Haus wollte Scarlett gerade etwas sagen, doch da sah sie ihre Mutter im Dämmerschatten der Veranda. Sie trug Haube, Umhängetuch und Handschuhe. Hinter ihr stand Mammy, deren Gesicht einer Gewitterwolke glich. In der Hand hielt sie die schwarze Ledertasche, in der Ellen O’Hara immer die Bandagen und Medikamente trug, wenn sie Sklaven verarzten musste. Mammys Lippen waren groß und hingen herab; wenn sie sich aber ärgerte, konnte sie ihre Unterlippe so weit vorschieben, dass sie doppelt so breit wurde. Jetzt war sie vorgeschoben, und Scarlett wusste, dass Mammy irgendetwas mächtig gegen den Strich ging.
»Mr. O’Hara«, rief Ellen, als sie die beiden die Auffahrt heraufkommen sah – Ellen gehörte einer Generation an, die selbst noch nach siebzehn Jahren Ehe und sechs Schwangerschaften förmliche Umgangsformen pflegte –: »Mr. O’Hara, im Haus der Slatterys herrscht Krankheit. Emmie hat ihr Baby geboren, aber es liegt im Sterben und muss getauft werden. Ich gehe mit Mammy hin und sehe, was ich tun kann.«
Sie hob fragend die Stimme, als hinge ihr Plan von Geralds Einverständnis ab, eine reine Förmlichkeit, die Gerald aber sehr schätzte.
»In Gottes Namen«, polterte Gerald. »Wieso muss dich dieses weiße Gesindel ausgerechnet zur Abendessenszeit holen, wenn ich dir erzählen will, was sie in Atlanta über den Krieg reden! Fahr nur, Mrs. O’Hara. Du würdest in der Nacht kein Auge zukriegen, wenn es irgendwo jemandem schlecht geht, dem du nicht helfen kannst.«
»Sie kriegt nachts doch sowieso nie ihre Ruhe, weil sie immer aufsteht und die Nigger und die armen Weißen pflegt, die für sich selber sorgen könnten«, grummelte Mammy vor sich hin, als sie die Stufen hinabging zu dem Einspänner, der in der Seiteneinfahrt wartete.
»Nimm meinen Platz am Tisch ein, Liebes«, sagte Ellen und tätschelte mit ihrer behandschuhten Hand sanft Scarletts Wange.
Trotz ihrer mühsam zurückgehaltenen Tränen schlug Scarletts Herz höher beim nie versiegenden Zauber der mütterlichen Liebkosung und dem leichten Duft von Zitronenverbene, der ihrem raschelnden Seidenkleid entstieg. Für Scarlett hatte Ellen O’Hara etwas Atemberaubendes, sie war wie ein Wunder, das mit ihr im Haus wohnte und sie einschüchterte, betörte und tröstete.
Gerald half seiner Frau in die Kutsche und wies den Fahrer an, vorsichtig zu fahren. Toby, der seit zwanzig Jahren Geralds Pferde betreute, schob in stummer Entrüstung seine Lippen vor: als ob man ihm sagen müsste, wie er seine Arbeit zu verrichten hatte! Bei der Abfahrt, Mammy saß neben ihm, gaben beide ein perfektes Bild schmollender afrikanischer Missbilligung ab.
»Wenn ich nicht so viel für dieses Slattery-Gesindel tun würde, was sie anderswo bezahlen müssten«, schäumte Gerald, »würden sie mir ihre erbärmlichen paar Morgen Sumpfland verkaufen, und das County wäre sie endlich los.« Doch dann, in der Vorfreude auf einen seiner Streiche, hellte sich sein Gesicht auf: »Komm, Tochter, wir wollen Pork weismachen, statt Dilcey zu kaufen hätte ich ihn an John Wilkes verkauft.«
Er warf die Zügel einem kleinen Sklavenjungen zu, der in der Nähe stand, und schritt die Stufen hinauf. Er hatte Scarletts Kummer schon vergessen und dachte nur noch daran, sich auf Kosten seines Leibdieners einen Spaß zu machen. Scarlett folgte ihm langsam mit bleischweren Füßen. Eine Verbindung zwischen ihr und Ashley erschien ihr nicht sonderbarer als die zwischen ihrem Vater und Ellen Robillard O’Hara. Wie immer fragte sie sich, wie ihr lauter und ruppiger Vater es fertiggebracht hatte, eine Frau wie ihre Mutter zu heiraten, denn keine zwei Menschen konnten aufgrund von Geburt, Erziehung und Denkweise weiter voneinander entfernt sein.
KAPITEL 3
Ellen O’Hara war mit zweiunddreißig Jahren nach den Maßstäben ihrer Zeit eine Frau mittleren Alters, die sechs Kinder geboren und drei begraben hatte. Sie war hochgewachsen, um einen Kopf größer als ihr hitziger kleiner Mann, aber sie bewegte sich so graziös in ihren schwingenden Reifröcken, dass ihre Größe nicht weiter auffiel. Ihr wohlgerundeter und schlanker Hals mit seiner makellos blassen Haut, der sich aus dem schwarzen Taft ihres Mieders erhob, wirkte immer ein wenig zurückgebogen unter der Last ihrer Haarpracht, die hinten von einem Netz zusammengehalten wurde. Von ihrer französischen Mutter, deren Eltern während der Revolution von 1791 aus Haiti geflohen waren, hatte sie die schräggeschnittenen, von tiefschwarzen Wimpern umschatteten dunklen Augen und das schwarze Haar, und von ihrem Vater, einem Soldaten Napoleons, die lange gerade Nase und ihr eckiges Kinn, das durch die sanfte Wölbung ihrer Wangen abgemildert wurde. Doch allein das Leben hatte Ellens Gesicht seinen Ausdruck von Stolz ohne jeglichen Hochmut aufprägen können, seine Güte, seine Melancholie und seinen vollkommenen Mangel an Humor.
Sie wäre eine hinreißend schöne Frau gewesen, hätten ihre Augen auch nur ein Fünkchen Feuer besessen, ihr Lächeln eine Spur Warmherzigkeit oder ihre Stimme, die ihrer Familie und ihren Bediensteten melodisch und sanft in den Ohren klang, ein wenig Spontaneität. Sie sprach mit der leicht verschliffenen Artikulation der Küste Georgias, ihren fließenden Vokalen und weichen Konsonanten, verquickt mit dem Hauch eines französischen Akzents. Es war eine Stimme, die nie laut wurde, wenn sie einem Diener etwas befahl oder ein Kind zurechtwies, der aber auf Tara augenblicklich gehorcht wurde, während man das Poltern und Brüllen ihres Mannes geflissentlich ignorierte.
Soweit Scarletts Erinnerung zurückreichte, war ihre Mutter sich immer gleich geblieben. Ihre Stimme war sanft und liebenswürdig, ob sie lobte oder tadelte, ihr Auftreten tüchtig und unaufgeregt trotz der täglichen Katastrophen, die Geralds turbulenter Haushalt mit sich brachte; stets war sie gelassen und ihr Rücken ungebeugt, selbst beim frühen Tod ihrer drei kleinen Söhne. Nie hatte Scarlett erlebt, dass der Rücken ihrer Mutter die Lehne des Stuhls berührte, auf dem sie saß, oder dass sie sich ohne eine Handarbeit niedersetzte – außer zu Essenszeiten oder wenn sie sich um Kranke oder um die Buchführung der Plantage kümmerte. Wenn Besuch da war, arbeitete sie an feinen Stickereien, doch zu anderen Gelegenheiten war sie mit Geralds Rüschenhemden, den Kleidern der Mädchen oder Kleidungsstücken für die Sklaven beschäftigt. Scarlett konnte sich die Hand ihrer Mutter nicht ohne den goldenen Fingerhut vorstellen und ihre raschelnde Gestalt nicht ohne das kleine schwarze Mädchen, dessen einzige Aufgabe es war, Heftfäden herauszutrennen und den Nähkasten aus Rosenholz von Zimmer zu Zimmer zu tragen, während Ellen durchs Haus ging, um das Kochen, Putzen und die Schneiderwerkstatt der Plantage zu beaufsichtigen.
Nie hatte sie erlebt, dass ihre Mutter aus ihrer nüchternen Gelassenheit herausgetreten wäre; nie war ihr Äußeres anders als untadelig, gleichgültig zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Wenn Ellen sich für einen Ball oder für Gäste oder auch nur für den Gerichtstag in Jonesboro zurechtmachte, brauchte sie mit der Hilfe von zwei Dienstmädchen und von Mammy oft zwei Stunden, bis sie zufriedengestellt war; doch wie rasch sie sich in Notfällen herrichten konnte, war staunenswert.
Scarlett, deren Zimmer auf der anderen Seite des Flurs gegenüber dem ihrer Mutter lag, kannte von Kindheit an das Geräusch, wenn in früher Morgenstunde nackte schwarze Füße über die Holzdielen hasteten, das dringliche Klopfen an Mutters Tür und die gedämpften, angsterfüllten afrikanischen Stimmen, die von Krankheit, Geburt und Tod in der langen Reihe weißgetünchter Hütten im Sklavenquartier flüsterten. Als Kind war sie oft an die Tür geschlichen und hatte durch einen schmalen Spalt beobachtet, wie ihre Mutter aus dem dunklen Zimmer, in dem Gerald in ungestörter Regelmäßigkeit weiterschnarchte, ins flackernde Licht einer hochgehaltenen Kerze trat, ihre Arzneitasche unter dem Arm, das Haar glatt zurückgekämmt und jeder Haken ihres Mieders in seiner Öse.
Es war für Scarlett immer so besänftigend gewesen, wenn sie ihre Mutter bestimmt, aber teilnahmsvoll flüstern hörte, während sie auf Zehenspitzen den Flur entlangging: »Scht, nicht so laut. Ihr weckt noch Mr. O’Hara. So krank sind sie nicht, dass sie gleich sterben.«
Ja, es tat gut, wieder ins Bett zurückzukriechen und zu wissen, dass Ellen in der Nacht unterwegs war und dass alles seine Richtigkeit hatte.
Wenn sie die ganze Nacht bei Geburten oder Sterbefällen assistiert hatte, weil der alte und der junge Dr. Fontaine selbst Hausbesuche machten und nicht erreichbar waren, um ihr zu helfen, saß sie morgens wie gewöhnlich dem Frühstückstisch vor, die dunklen Augen von Müdigkeit umschattet, während Stimme und Benehmen keinerlei Erschöpfung verrieten. Es war etwas Stählernes unter ihrer gelassenen Sanftmut, das dem ganzen Haushalt Ehrfurcht einflößte, Gerald wie den Mädchen, auch wenn er eher gestorben wäre, als es zuzugeben.
Manchmal, wenn Scarlett sich abends auf die Zehen stellte, um ihrer großgewachsenen Mutter einen Kuss auf die Wange zu geben, betrachtete sie den Mund mit seiner zu kurzen, zu zarten Oberlippe, einen Mund, den die Welt allzu leicht verletzen konnte, und fragte sich, ob er sich wohl je zu einem albernen Mädchenkichern gebogen oder an langen Abenden mit Freundinnen über Geheimnisse geflüstert hatte. Aber nein, das war unmöglich. Mutter war immer genauso gewesen wie jetzt, eine Säule der Disziplin, eine Quelle der Klugheit – der eine Mensch, der auf alles eine Antwort wusste.
Doch Scarlett irrte sich, denn vor vielen Jahren hatte Ellen Robillard aus Savannah genauso sinnlos gekichert wie nur irgendein fünfzehnjähriges Mädchen in jener bezaubernden Küstenstadt und nächtelang mit Freundinnen geflüstert, Geständnisse ausgetauscht und alle Geheimnisse ausgeplaudert, bis auf eines. Das war das Jahr, als Gerald O’Hara, achtundzwanzig Jahre älter als sie, in ihr Leben trat – dasselbe Jahr, in dem die Jugend und ihr schwarzäugiger Cousin Philippe Robillard daraus verschwanden. Denn als Philippe mit seinen blitzenden Augen und seiner wilden Ausgelassenheit Savannah für immer verließ, nahm er die Glut in Ellens Herzen mit sich und überließ dem krummbeinigen kleinen Iren, der sie heiratete, nur eine sanfte Hülle.
Aber das genügte Gerald, der überwältigt war von dem unglaublichen Glück, sie tatsächlich heiraten zu dürfen. Und wenn ihr etwas abging, so vermisste er es nicht. Er besaß genug Verstand, um zu wissen, dass es einem Wunder gleichkam, wenn er als Ire, ohne die geringste Empfehlung durch Familie oder Besitz, die Tochter einer der reichsten und angesehensten Familien an der Küste für sich gewinnen konnte. Denn Gerald war ein Selfmademan.
Gerald war mit einundzwanzig Jahren aus Irland nach Amerika gekommen – fluchtartig, wie viele bessere und schlechtere Iren vor und nach ihm, mit nichts als den Kleidern, die er am Leibe trug, zwei Schilling mehr, als ihn die Überfahrt kostete, und einem Kopfgeld in seinem Steckbrief, das er im Verhältnis zu seinem Vergehen als deutlich übertrieben empfand. Kein irischer Oranier diesseits der Hölle wäre der britischen Regierung oder dem Teufel selbst einhundert Pfund wert gewesen; doch wenn die Regierung den Tod des Pachteintreibers eines englischen Großgrundbesitzers, der nicht einmal im Land lebte, so ernst nahm, dann war es für Gerald O’Hara Zeit aufzubrechen, und zwar Hals über Kopf. Zugegeben, er hatte den Pachteintreiber einen »Oranierbastard« gescholten, aber das gab dem Mann in Geralds Augen noch lange kein Recht, ihn zu beleidigen, indem er die ersten Takte von »The Boyne Water« pfiff.
Die Schlacht am Boyne war mehr als hundert Jahre her, aber für die O’Haras und ihre Nachbarn war es wie gestern, dass ihre Hoffnungen und ihre Träume, genauso wie ihr Land und ihr Wohlstand, zusammen mit der Staubwolke verschwanden, in der ein verängstigter Stuart-Prinz floh und Wilhelm von Oranien und seinen verhassten Truppen mit ihren orangefarbenen Kokarden freie Hand ließ, die irischen Anhänger der Stuarts abzuschlachten.
Aus diesem und anderen Gründen nahm Geralds Familie den tödlichen Ausgang seines Streits nicht sonderlich ernst, abgesehen von den schwerwiegenden Folgen, die er nach sich zog. Seit Jahren standen die O’Haras beim englischen Konstabler in schlechtem Ruf, weil er sie regierungsfeindlicher Umtriebe verdächtigte, und Gerald war nicht der erste O’Hara, der die Beine in die Hand nahm und Irland bei Nacht und Nebel Lebewohl sagte. An seine beiden ältesten Brüder, James und Andrew, konnte er sich kaum noch erinnern, es sei denn als zwei verschwiegene junge Männer, die zu nächtlicher Stunde auf geheimnisvollen Botengängen kamen und gingen oder wochenlang untertauchten, zur nagenden Angst ihrer Mutter. Sie waren schon vor Jahren nach Amerika getürmt, nach der Entdeckung eines kleinen Arsenals von Gewehren unter dem Schweinestall der O’Haras. Jetzt waren sie erfolgreiche Kaufleute in Savannah, »auch wenn nur der liebe Gott weiß, wo das liegen mag«, wie ihre Mutter immer einwarf, wenn die beiden ältesten ihrer Jungs erwähnt wurden. Zu ihnen wurde Gerald nun geschickt.
Er verließ sein Elternhaus mit einem hastigen Kuss seiner Mutter auf der Wange und ihrem inbrünstigen katholischen Segen im Ohr, sowie der väterlichen Ermahnung zum Abschied: »Denk immer daran, wer du bist, und nimm niemandem was weg!« Seine fünf großen Brüder nahmen mit einem anerkennenden, wenn auch leicht herablassenden Lächeln von ihm Abschied, denn Gerald war der Jüngste und Kleinste in dieser Familie von Kraftpaketen.
Seine fünf Brüder und ihr Vater waren über eins achtzig groß und breit gebaut, während der kleine Gerald mit einundzwanzig Jahren wusste, dass der HErr in seiner Weisheit ihm nicht mehr als etwas über eins fünfzig zuzubilligen gedachte. Es war typisch für Gerald, dass er nie mit seiner Körpergröße haderte und sich auch nie durch sie behindern ließ, das zu bekommen, was er wollte. Eigentlich machte Geralds gedrungene Gestalt ihn erst zu dem, was er war, denn er hatte früh gelernt, dass kleine Menschen zäh sein mussten, um unter großen überleben zu können. Und Gerald war zäh.
Seine großen Brüder waren grimmige, schweigsame Burschen, bei denen die Familienüberlieferung alter, für immer verlorener Herrlichkeit in schweigsamen Hass umgeschlagen war, der sich in galligem Humor Bahn brach. Wäre Gerald ein ebensolcher Hüne gewesen, wäre er den Weg der anderen O’Haras gegangen und hätte sich klammheimlich den regierungsfeindlichen Rebellen angeschlossen. Doch Gerald war ein »Großmaul und Dickkopf«, wie seine Mutter ihn liebevoll nannte, einer, dem schnell der Kragen platzte und der schnell die Fäuste gebrauchte, weil er beim nichtigsten Anlass in die Luft ging. Er stolzierte unter den großen O’Haras umher wie ein draufgängerischer Zwerghahn in einem Hühnerhof voll riesiger Cochinhähne, und sie liebten ihn, hänselten ihn zum Spaß, um sein Gebrüll zu hören, und traktierten ihn mit ihren großen Fäusten gerade nur so viel als nötig war, um ihren kleinen Bruder auf den ihm gebührenden Platz zu verweisen.
Was er an Bildung mit nach Amerika brachte, war so dürftig, dass er sich dessen nicht einmal bewusst war. Auch wäre es ihm gleichgültig gewesen, wenn man es ihm gesagt hätte. Seine Mutter hatte ihm Lesen und eine saubere Handschrift beigebracht. Er konnte gut rechnen. Und damit war sein Bücherwissen erschöpft. Latein kannte er nur aus den Responsorien der Messe, und an Geschichte lediglich das viele Unrecht, das Irland erlitten hatte. Er kannte keine Dichtung außer die von Moore, und an Musik nur die überlieferten irischen Volkslieder. Während er großen Respekt vor Menschen hatte, die belesener waren als er, empfand er bei sich selbst nie einen Mangel. Und wofür brauchte er diese Dinge auch in einem neuen Land, in dem die ungebildetsten Iren große Vermögen erworben hatten? In einem Land, das von einem Mann nur verlangte, dass er kräftig war und keine Arbeit scheute?
Ebenso wenig bedauerten James und Andrew, die ihn in ihr Geschäft in Savannah aufnahmen, seinen Mangel an Bildung. Seine gute Handschrift, seine Genauigkeit beim Rechnen und seine Gerissenheit beim Feilschen gewannen ihren Respekt, während sie über literarische Kenntnisse und ein feines Gespür für Musik, hätte der junge Gerald sie denn besessen, nur die Nase gerümpft hätten. Amerika war Anfang des Jahrhunderts den Iren wohlgesonnen. James und Andrew hatten ursprünglich Waren in Planwagen von Savannah aus in die Kleinstädte im Inland Georgias transportiert, doch ihr Geschäft prosperierte derartig, dass sie nun einen Laden ihr Eigen nannten, und Gerald prosperierte mit ihnen.
Er mochte den Süden, und bald wurde er seinem eigenen Empfinden nach ein waschechter Südstaatler. Vieles am Süden – und an den Südstaatlern – sollte ihm für immer verschlossen bleiben, doch mit der Unbedingtheit seines Naturells machte er sich die Ideen und Gebräuche des Landes, wie er sie verstand, zu eigen – Poker und Pferderennen, hitzige Politisiererei und Duellregeln, die Souveränität der Einzelstaaten und die Verurteilung aller Yankees, Sklaverei und König Baum wolle, Verachtung für die weiße Unterschicht und eine übermäßige Zuvorkommenheit gegenüber Frauen. Er lernte sogar, Tabak zu kauen. Die Liebe zum Whisky musste man ihm nicht beibringen, damit war er auf die Welt gekommen.
Aber Gerald blieb Gerald. Seine Lebensweise und seine Ansichten änderten sich, aber sein Verhalten hätte er niemals geändert, selbst wenn er dazu in der Lage gewesen wäre. Er bewunderte die gedehnte Sprechweise und Eleganz der reichen Reis- und Baumwollpflanzer, die auf Vollblutpferden aus ihren von Spanischem Moos verhangenen Königreichen nach Savannah geritten kamen, gefolgt von den Kutschen ihrer ebenso eleganten Damen und den Wagen mit ihren Sklaven. Doch Gerald brachte es nie zu Eleganz. Ihre trägen, nuscheligen Stimmen klangen ihm angenehm im Ohr, aber seine eigene schroffe irische Sprechweise klebte ihm an der Zunge. Ihm imponierte die Lässigkeit, mit der sie wichtige Dinge regelten, ein Vermögen riskierten, eine Plantage oder einen Sklaven auf eine Karte setzten und ihre Verluste gut gelaunt und mit ebenso wenig Aufhebens abtaten, wie wenn sie Sklavenkindern eine Handvoll Pennys zuwarfen. Gerald kannte Armut, und er lernte nie, gute Laune oder Haltung zu bewahren, wenn er Geld verlor. Sie waren ein liebenswertes Völkchen, diese Küstenbewohner von Georgia, mit ihren leisen, raschen Wutanfällen und ihren charmanten Widersprüchen, und Gerald mochte sie. Doch der junge Ire, der frisch aus einem Land kam, wo nasse und kalte Winde wehten, wo der Nebel in den Mooren kein Fieber brütete, steckte voll entschiedener und rastloser Vitalität, die ihn von diesen ungerührten vornehmen Leuten mit ihrem subtropischen Wetter und ihren Malariasümpfen unterschied.
Er schaute sich von ihnen ab, was er für nützlich hielt, und den Rest überging er. Als nützlichste Sitte in den ganzen Südstaaten stellte sich Poker heraus, Poker und Trinkfestigkeit. Und es war seine natürliche Begabung für Kartenspiel und Whisky, die Gerald zwei der drei von ihm am höchsten geschätzten Besitztümer einbrachten, seinen Leibdiener und seine Plantage. Das dritte war seine Frau, und sie konnte er nur der unerforschlichen Güte Gottes zuschreiben.
Der Diener, der Pork hieß, glänzend schwarz, würdevoll und ausgebildet in allen Finessen modischer Eleganz, war das Ergebnis eines nächtlichen Pokerspiels mit einem Pflanzer von St. Simons Island, der genauso beherzt bluffte wie Gerald, jedoch nicht annähernd so viel vom New Orleans Rum vertrug. Porks ehemaliger Besitzer bot zwar später an, ihn für den doppelten Preis zurückzukaufen, doch Gerald lehnte hartnäckig ab, denn der Besitz seines ersten Sklaven – und noch dazu des »besten Leibdieners an der ganzen verdammten Küste« – war die erste Stufe zur Erfüllung seines Herzenswunschs. Gerald wollte Sklaven und Land besitzen wie ein Gentleman.
Er war entschlossen, nicht wie James und Andrew den Rest seiner Tage mit Feilschen zu verbringen oder an den Abenden bei Kerzenlicht über langen Zahlenreihen zu hocken. Im Unterschied zu seinen Brüdern empfand er deutlich den sozialen Makel, der Kaufleuten anhaftete. Gerald wollte Pflanzer werden. Mit der hungrigen Sehnsucht des Iren, der ein kleiner Pächter gewesen war auf dem Land, das einst seiner Familie gehört und als Jagdgrund gedient hatte, verlangte es ihn danach, die grüne Fläche seiner eigenen Felder vor sich zu sehen. Mit rücksichtsloser Zielstrebigkeit begehrte er ein eigenes Haus, eine eigene Plantage, eigene Pferde, eigene Sklaven. Und hier in diesem neuen Land, geschützt vor den beiden Bedrohungen in seiner alten Heimat – der Besteuerung, die Ernte und Scheuer auffraß, sowie der stets gegenwärtigen Möglichkeit, durch Pachtentzug plötzlich von Haus und Hof vertrieben zu werden –, würde er all dies besitzen. Aber Wunsch und Wirklichkeit lagen weit auseinander, wie er mit der Zeit feststellen musste. Die Küste von Georgia befand sich viel zu fest in den Händen der tief verwurzelten Aristokratie, als dass Gerald hätte hoffen können, den Besitz zu erwerben, der ihm vorschwebte.
Da tat sich das Schicksal mit einem Pokerblatt zusammen, um ihm die Plantage zuzuschanzen, die er später Tara nannte, und es verschlug ihn von der Küste ins Landesinnere im Norden Georgias.
Es geschah an einem heißen Frühlingsabend in einem Saloon in Savannah, als Gerald zufällig die Unterhaltung eines Fremden aufschnappte, der in der Nähe saß. Der Fremde, aus Savannah gebürtig, war gerade nach zwölf Jahren aus dem Landesinneren zurückgekehrt. Er war einer der Gewinner der Land-Lotterie gewesen, mit der der Staat das riesige Gebiet von Mittelgeorgia aufteilte, das die Indianer ein Jahr, bevor Gerald nach Amerika gekommen war, abgetreten hatten. Der Mann war dorthin gezogen und hatte eine Plantage gegründet; doch jetzt, da das Wohnhaus abgebrannt war, hatte er den »verfluchten Ort« satt und wollte ihn am liebsten loswerden.
Gerald, den der Gedanke an eine eigene Plantage ständig umtrieb, ließ sich dem Fremden vorstellen, und sein Interesse wuchs, als dieser erzählte, wie der Norden des Staates zunehmend von Neuankömmlingen aus North und South Carolina und Virginia bevölkert wurde. Gerald lebte schon lange genug in Savannah, um die Ansicht der Küstenbewohner zu teilen, der Rest des Staates bestünde aus Urwäldern, wo hinter jedem Busch ein Indianer lauerte. Auf Geschäftsreisen für die »Gebrüder O’Hara« hatte er Augusta besucht, hundert Meilen den Savannah River aufwärts, und war weit genug ins Landesinnere gereist, um sich die alten Städtchen westlich davon anzusehen. Er wusste, dass diese Gegend ebenso dicht besiedelt war wie die Küste, doch nach der Beschreibung des Fremden lag dessen Plantage mehr als zweihundertfünfzig Meilen nordwestlich von Savannah und nur wenige Meilen südlich des Chattahoochee River. Gerald wusste, dass das Land nördlich dieses Flusses immer noch den Cherokee gehörte, und er staunte nicht schlecht, als der Fremde nur spottete über Geralds Vermutung, es könne Probleme mit den Indianern geben. Stattdessen berichtete er, in dem neuen Land entstünden blühende Städte und prosperierende Plantagen.
Eine Stunde später, als das Gespräch zu versiegen begann, schlug Gerald mit einer Durchtriebenheit, die die unschuldige Offenheit seiner strahlend blauen Augen Lügen strafte, eine Partie Poker vor. Nachdem der Abend voranschritt und ein Drink den anderen gab, legten die anderen Mitspieler irgendwann ihre Karten nieder, und Gerald und der Fremde blieben allein als Kontrahenten übrig. Der Fremde setzte all seine Chips, und dazu die Besitzurkunde für seine Plantage. Gerald setzte all seine Chips und legte seine Brieftasche dazu. Zwar gehörte das Geld darin zufällig der Firma »Gebrüder O’Hara«, doch belastete das sein Gewissen so wenig, dass er am nächsten Morgen nicht einmal vor der Messe beichten ging. Er wusste, was er wollte, und wenn Gerald etwas wollte, dann nahm er den direktesten Weg. Mehr noch, das Vertrauen in sein Schicksal und in seinen Vierling mit Zweien war so groß, dass ihn der Gedanke nicht einmal streifte, wie er das Geld zurückzahlen sollte, falls der andere eine höhere Hand auf den Tisch legte.
»Sie machen kein Schnäppchen damit, und ich bin froh, dass ich keine Steuern mehr für das Ding zahlen muss«, seufzte der Besitzer eines Full House mit drei Assen und bestellte Feder und Tinte. »Das Wohnhaus ist vor einem Jahr abgebrannt, und die Felder sind überwuchert mit Gestrüpp und Piniensämlingen. Aber es gehört Ihnen.«
»Misch nie Karten und Whisky, wenn du nicht mit irischem Whiskey abgestillt worden bist«, erklärte Gerald noch am selben Abend ernsthaft, als Pork ihm beim Zubettgehen half. Und der Leibdiener, der sich aus Bewunderung für seinen neuen Herrn eines irischen Akzents befleißigte, machte eine Entgegnung, die in ihrem Kauderwelsch aus Geechee und dem Zungenschlag der Grafschaft Meath jeden außer den beiden Beteiligten vor Rätsel gestellt hätte.
Der schlammige Flint River, der still zwischen Wänden aus rankenüberwachsenen Pinien und Lorbeereichen dahinströmte, umschloss wie ein gebogener Arm Geralds neues Land auf zwei Seiten. Für Gerald, der auf der kleinen Anhöhe stand, auf der sich das Haus befunden hatte, war diese wuchtige grüne Barriere ein ebenso sichtbarer wie beglückender Beweis seines Besitztums, als sei sie ein Zaun, den er selbst errichtet hatte, um sein Eigentum zu markieren. Er stand auf den geschwärzten Grundsteinen des niedergebrannten Hauses, blickte die lange Allee entlang, die zur Straße führte, und fluchte herzhaft, denn für ein Dankgebet war seine Freude zu groß. Diese Zwillingsreihen dunkler Bäume gehörten ihm, ebenso die vernachlässigte Rasenfläche, auf der unter weißbesternten jungen Magnolienbäumen hüfthoch das Unkraut stand. Die brachliegenden, von kleinen Pinien und Gestrüppinseln übersäten Felder, die sich mit ihrer welligen, lehmroten Bodenkrume rundherum in die Ferne erstreckten, sie gehörten Gerald O’Hara – alles gehörte ihm, weil er einen trinkfesten irischen Schädel und den Mut hatte, alles auf ein Blatt Karten zu setzen.
Gerald schloss die Augen und spürte in der Stille des unbearbeiteten Landes, dass er nach Hause gekommen war. Hier, wo er stand, würde ein weißgestrichenes Backsteinhaus entstehen. Jenseits der Straße würden für fette Rinder und Vollblutpferde Lattenzäune um Weiden errichtet, und die rote Erde, die sich den Abhang hinunter bis zum fruchtbaren Talgrund am Fluss ausdehnte, würde im Sonnenlicht weiß wie Eiderdaunen leuchten – Baumwolle, Morgen über Morgen voller Baumwolle! Die O’Haras würden wieder zu Wohlstand kommen.
Mit seiner eigenen kleinen Barschaft, einem Darlehen seiner wenig begeisterten Brüder sowie einer hübschen Summe, die er sich mittels einer Hypothek auf das Land besorgte, kaufte Gerald seine ersten Feldarbeiter und ließ sich als einsamer Junggeselle im vierzimmerigen Haus des Aufsehers auf der Plantage nieder, bis die Zeit reif war, die weißen Mauern von Tara hochzuziehen.
Er rodete die Felder und pflanzte Baumwolle und lieh sich von James und Andrew zusätzliches Geld, um mehr Sklaven zu kaufen. Die O’Haras waren eine verschworene Sippe, die in guten wie in schlechten Tagen zusammenhielt, nicht aus überschäumender Familienliebe, sondern weil sie in langen, harten Jahren gelernt hatten, dass eine Familie, wenn sie überleben wollte, der Welt eine geschlossene Front entgegenstellen musste. Sie liehen Gerald das Geld, und in den nächsten Jahren bekamen sie es mit Zinsen zurück. Nach und nach vergrößerte sich die Plantage, Gerald kaufte Morgen hinzu, die an sein Land angrenzten, und bald wurde das weiße Haus vom Traum zur Wirklichkeit.
Es wurde mit Sklavenarbeit erbaut, ein klobiges, weitläufiges Gebäude, das den Hügel krönte und das grüne, zum Fluss hin abfallende Weideland überblickte. Und es gefiel Gerald ausnehmend, denn selbst, als es noch neu war, sah es wie von Patina geadelt aus. Die ausladenden Eichen, unter denen schon Indianer entlanggezogen waren, umstanden mit ihren mächtigen Stämmen das Haus und tauchten das Dach in dichte Schatten. Auf dem von Unkraut befreiten Rasen gediehen Klee und Bermudagras, und Gerald achtete darauf, dass er gut gepflegt wurde. Von der Zedernallee bis zu der Reihe weißer Hütten im Sklavenquartier strahlte alles auf Tara eine Atmosphäre der Gediegenheit und Beständigkeit aus. Und wann immer Gerald um die Straßenbiegung galoppiert kam und sein eigenes Dach durch die grünen Baumkronen schimmern sah, schwoll ihm das Herz vor Stolz, als sähe er es zum ersten Mal.
Er hatte das alles zuwege gebracht, der kleine, dickköpfige, polternde Gerald.
Mit all seinen Nachbarn im County stand Gerald auf sehr gutem Fuß, mit Ausnahme der MacIntoshs, deren Land links an seines angrenzte, und der Slatterys, deren ärmliche drei Morgen sich rechts davon entlang der Sumpfniederungen zwischen dem Fluss und der Plantage von John Wilkes erstreckten.
Die MacIntoshs waren schottisch-irisch und Oranier, und selbst wenn sie sämtliche Eigenschaften der Heiligen im katholischen Kalender auf sich vereinigt hätten, wären sie durch diese Abkunft in seinen Augen für immer desavouiert gewesen. Schon wahr, sie wohnten bereits seit siebzig Jahren in Georgia, und davor hatten sie eine Generation lang in den Carolinas gelebt; doch der erste der Familie, der seinen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatte, stammte aus Ulster, und das genügte Gerald.
Sie waren eine zugeknöpfte und halsstarrige Familie, die strikt für sich blieb und nur innerhalb der Verwandtschaft in Carolina heiratete, und Gerald war nicht der einzige, der sie nicht leiden konnte, denn die Leute im County waren gute Nachbarn und gesellig und nicht allzu nachsichtig mit Leuten, denen es an diesen Eigenschaften gebrach. Gerüchte, sie sympathisierten mit den Abolitionisten, erhöhten die Beliebtheit der MacIntoshs nicht eben. Der alte Angus hatte zwar nie einen einzigen Sklaven freigelassen, und sogar den unverzeihlichen Fauxpas begangen, einige seiner Schwarzen an durchreisende Sklavenhändler zu verkaufen, die auf dem Weg zu den Zuckerrohrfeldern in Louisiana waren – gleichwohl hielten sich die Gerüchte standhaft.
»Er ist Abolitionist, kein Zweifel«, sagte Gerald zu John Wilkes. »Aber wenn die Grundsätze eines Oraniers mit seinem schottischen Geiz ins Gehege kommen, ziehen die Grundsätze den Kürzeren.«
Die Slatterys waren eine andere Kategorie. Als arme Weiße genossen sie nicht einmal den Respekt, den Angus MacIntoshs starrsinnige Unabhängigkeit den Nachbarfamilien abtrotzte. Der alte Slattery, der sich trotz wiederholter Angebote von Gerald und John Wilkes hartnäckig an seine paar Morgen klammerte, war ein wehleidiger Schwächling. Seine Frau mit ihren zerzausten Haaren wirkte kränklich und ausgelaugt. Sie war die Mutter einer Brut missgelaunter, kaninchenartiger Kinder – einer Brut, die pünktlich jedes Jahr vermehrt wurde. Tom Slattery besaß keine Sklaven. Er und seine zwei ältesten Jungs rackerten sich verbissen auf ihren paar Baumwollfeldern ab, während die Frau sich mit den kleineren Kindern um eine Art Gemüsegarten kümmerte. Doch irgendwie wurde aus der Baumwolle nie etwas, und der Garten warf wegen Mrs. Slatterys ständigen Wochenbetten kaum je genug ab, um die Familie zu ernähren.
Tom Slattery, der auf der Veranda eines Nachbarn herumlungerte und um Baumwollsamen oder eine Speckseite bettelte, um »über die Runden« zu kommen, war ein gewohnter Anblick. Slattery hasste seine Nachbarn mit dem wenigen an Energie, das er besaß; er spürte die Geringschätzung hinter ihrer Höflichkeit, und besonders hasste er die »hochnäsigen Nigger der Reichen«. Die Haussklaven im County fühlten sich dem »weißen Gesindel« überlegen, und ihre unverhohlene Verachtung verletzte ihn, während ihre sichere Lebensstellung seinen Neid erregte. Im Gegensatz zu seiner eigenen erbärmlichen Existenz waren sie wohlgenährt, gut gekleidet und bei Krankheit und im Alter versorgt. Sie waren stolz auf den guten Namen ihrer Besitzer und größtenteils stolz darauf, Leuten aus der Oberschicht zu gehören, während er von niemandem für voll genommen wurde.
Tom Slattery hätte seine Farm an jeden Pflanzer im County zum dreifachen Preis verkaufen können. Sie hätten das Geld gerne ausgegeben, um das County von einem Schandfleck zu befreien, er aber war es zufrieden, zu bleiben und sein Leben kärglich vom Ertrag eines Ballens Baumwolle pro Jahr und von den Almosen seiner Nachbarn zu fristen.
Mit allen anderen im County stand Gerald auf freundschaftlichem und bis zu einem gewissen Grad vertraulichem Fuß. Die Wilkes, die Calverts, die Tarletons, die Fontaines, alle lächelten, wenn die kleine Gestalt auf dem großen weißen Pferd ihre Auffahrt heraufgaloppiert kam; sie lächelten und ließen die hohen Gläser bringen, in die ein Gläschen Whisky über einen Teelöffel Zucker und einen zerdrückten Zweig Minze gegossen wurde. Gerald war liebenswürdig, und die Nachbarn bekamen mit der Zeit heraus, was Kinder, Schwarze und Hunde auf den ersten Blick bemerkten, dass hinter seiner lärmenden und rauhbeinigen Fassade ein gutes Herz steckte, ein offenes und zugewandtes Ohr und ein freigiebiger Geldbeutel.
Seine Ankunft wurde jedes Mal von einem Tumult bellender Hunde und kleiner schwarzer Kinder begleitet, die johlend zu ihm rannten und sich um die Ehre balgten, sein Pferd zu halten, und sich kichernd unter seinem gutmütigen Geschimpfe wanden. Die weißen Kinder verlangten lautstark, auf seinem Knie reiten zu dürfen, während er vor ihren Eltern die Niedertracht der Yankee-Politiker anprangerte. Die Töchter seiner Freunde vertrauten ihm ihre Liebesgeschichten an, und die jungen Männer aus der Nachbarschaft, die sich fürchteten, ihren Vätern ihre Spielschulden zu gestehen, fanden in ihm einen Freund in der Not.
»Das bist du jetzt also schon seit einem Monat schuldig, du kleiner Gauner!« rief er dann wohl. »Und warum in drei Teufels Namen kommst du damit erst jetzt zu mir?«
Seine ungehobelte Sprechweise war zu gut bekannt, als dass man sie ihm krummgenommen hätte; die jungen Männer grinsten dann nur dümmlich und antworteten kleinlaut: »Naja, Sir, ich wollte Sie nicht belästigen, aber mein Vater …«
»Dein Vater ist ein guter Mann, das kann man nicht bestreiten, aber er ist streng. Also nimm das hier, und dann Schwamm drüber.«
Die Damen der Pflanzer ergaben sich als letzte. Doch als Mrs. Wilkes – »eine große Dame mit der seltenen Gabe zu schweigen«, wie Gerald sie charakterisierte – eines Abends, nachdem Geralds Pferd die Auffahrt hinuntergaloppiert war, ihrem Mann erklärte: »Er hat ein grobes Mundwerk, aber er ist ein Gentleman«, war Gerald endgültig angekommen.
Es war ihm nicht bewusst, dass er fast zehn Jahre dazu gebraucht hatte, denn es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass seine Nachbarn ihn anfangs misstrauisch beäugt haben könnten. Er selbst hatte nie bezweifelt, dass er dazugehörte, und zwar ab dem Moment, da er Tara zum ersten Mal betreten hatte.
Als Gerald dreiundvierzig war – und so vierschrötig und rotgesichtig, dass er aussah wie ein jagender Gutsherr auf einem kolorierten Kupferstich –, wurde ihm bewusst, dass Tara, sosehr er daran hing, und auch die Leute im County mit ihrer Offenherzigkeit und Gastfreiheit ihm nicht genügten. Er brauchte eine Frau.
Tara schrie geradezu nach einer Herrin. Die dicke Köchin, eine Gartensklavin, die aus Not in die Küche befördert worden war, bekam das Essen nie pünktlich fertig, und das Kammermädchen, ehemals Pflückerin, ließ die Möbel einstauben und hatte nie saubere Bettwäsche zur Hand, so dass die Ankunft von Gästen jedes Mal für viel Wirbel sorgte. Pork, der einzige gelernte Haussklave auf der Plantage, hatte die Aufsicht über die anderen Bediensteten inne, aber sogar er war nach mehreren Jahren der Gewöhnung an Geralds unbekümmerten Lebensstil nachlässig und unachtsam geworden. Als Leibdiener hielt er Geralds Schlafzimmer in Ordnung, und als Butler trug er mit Würde und Stil die Mahlzeiten auf, doch ansonsten ließ er die Dinge schleifen.
Mit unfehlbarem Instinkt hatten die Schwarzen allesamt erkannt, dass Gerald wohl laut bellte, aber nicht bissig war, und sie nutzten ihn schamlos aus. Die Luft war zwar ständig von Drohungen erfüllt, Sklaven in den Süden zu verkaufen oder furchtbar auszupeitschen, aber aus Tara war nie ein Sklave verkauft und nur einmal war einer ausgepeitscht worden, weil er es versäumt hatte, Geralds Lieblingspferd nach einem langen Jagdtag abzureiben und zu striegeln.
Geralds scharfe blaue Augen erkannten, wie effektiv die Haushalte seiner Nachbarn geführt wurden und wie unangestrengt die wohlfrisierten Frauen in ihren raschelnden Kleidern die Dienstboten lenkten. Er hatte keine Ahnung davon, dass diese Frauen vom frühen Morgen bis zum späten Abend damit beschäftigt waren, Küche und Kinderstube, Näh- und Wascharbeiten zu beaufsichtigen. Er sah nur das äußerlich sichtbare Ergebnis, und dieses Ergebnis beeindruckte ihn.
Wie sehr ihm eine Frau fehlte, wurde ihm eines Morgens klar, als er sich ankleidete, um zum Gerichtstag in die Stadt zu reiten. Pork brachte ihm sein bevorzugtes Rüschenhemd, das vom Kammermädchen so stümperhaft geflickt worden war, dass niemand es mehr tragen konnte als sein Diener.
»Mister Gerald«, sagte Pork, und legte dankbar das Hemd zusammen, während Gerald tobte, »was Sie brauchen, is ne Frau, eine, die ne Menge Hausnigger mitbringt.«
Gerald verwies ihm zwar seine Dreistigkeit, aber er wusste, dass Pork recht hatte. Er brauchte eine Frau, und er wollte Kinder, und wenn er sie nicht bald bekam, wäre es zu spät. Doch er würde nicht irgendeine heiraten, wie Mr. Calvert, der die Yankee-Gouvernante seiner mutterlosen Kinder zur Frau genommen hatte. Geralds Frau musste eine Dame sein, und zwar eine Dame von Geblüt, mit genauso viel Eleganz und Allüren wie Mrs. Wilkes und mit der Fähigkeit, Tara genauso gut zu führen, wie Mrs. Wilkes ihr eigenes Reich bestellte.
Doch wenn man in eine County-Familie heiraten wollte, standen zwei Hindernisse im Weg. Das erste war der Mangel an Mädchen in heiratsfähigem Alter. Das zweite, gewichtigere, war, dass Gerald, obwohl er seit fast zehn Jahren hier lebte, ein »Neuankömmling« war und noch dazu ein Ausländer. Niemand wusste etwas über seine Familie. Zwar war die Gesellschaft im Norden Georgias nicht so undurchdringlich wie die Aristokratie an der Küste, aber keine Familie wollte ihre Tochter mit einem Mann verheiraten, über dessen Großvater nichts bekannt war.
Gerald wusste, dass es – trotz der echten Sympathie zwischen ihm und den Männern im County, mit denen er jagte, trank und politisierte – kaum einen gab, dessen Tochter er hätte heiraten können. Und er wollte nicht, dass an den Abendbrottischen darüber geschwatzt wurde, wie dieser oder jener Vater voller Bedauern Gerald O’Hara verwehrt habe, seiner Tochter den Hof zu machen. Trotz dieses Wissens fühlte sich Gerald seinen Nachbarn gegenüber keineswegs minderwertig. Nichts konnte Gerald je dazu bewegen, sich einem anderen unterlegen zu fühlen. Es war lediglich der altmodische Brauch im County, dass Töchter nur in Familien einheirateten, die sehr viel länger als zweiundzwanzig Jahre im Süden gelebt, Land und Sklaven besessen und sich ausschließlich den Lastern ergeben hatten, die gerade in Mode waren.
»Pack zusammen. Wir fahren nach Savannah«, erklärte er Pork. »Und wenn ich dich auch nur einmal ›Herrgott im Nachtgewand‹ oder ›meiner Treu‹ sagen höre, dann verkauf ich dich, denn das sind Ausdrücke, die ich selber fast nie in den Mund nehme.«
James und Andrew hatten in Sachen Ehe vielleicht den einen oder anderen Rat zu geben, und vielleicht gab es Töchter unter ihren alten Freunden, die einerseits seinen Ansprüchen gerecht und andererseits ihn als Ehemann akzeptabel finden würden. James und Andrew hörten sich seine Geschichte geduldig an, aber sie machten ihm nur wenig Hoffnung. Sie hatten in Savannah keine Verwandten, die sie um Unterstützung angehen konnten, denn sie waren als verheiratete Männer nach Amerika gekommen. Und die Töchter ihrer alten Freunde hatten längst geheiratet und zogen eigene Kinder groß.
»Du bist kein reicher Mann, und du hast keine Familie, die was hermacht«, sagte James.
»Ich hab mein Geld selbst verdient, und ich kann eine große Familie gründen, die was hermacht. Und ich werde nicht einfach irgendeine heiraten.«
»Du willst ziemlich hoch hinaus«, bemerkte Andrew trocken.
Doch sie gaben sich große Mühe für Gerald. James und Andrew waren schon alt und genossen in Savannah einen guten Ruf. Sie hatten viele Freunde, und einen Monat lang schleppten sie Gerald von Haus zu Haus, zu Dinners, zu Bällen und Picknicks.
»Mir gefällt nur eine«, sagte Gerald schließlich. »Und sie war noch nicht mal geboren, als ich hier an Land ging.«
»Und wer gefällt dir?«
»Miss Ellen Robillard«, sagte Gerald und versuchte, beiläufig zu klingen, denn die leicht schräggeschnittenen dunklen Augen von Ellen Robillard hatten weit mehr als nur sein Gefallen erregt. Trotz einer für ein fünfzehnjähriges Mädchen höchst seltsamen Lustlosigkeit im Betragen bezauberte sie ihn. Außerdem umgab sie eine Aura der Verzweiflung, die sein Herz rührte und ihn sanfter machte, als er es je zu einem anderen Wesen auf der Welt gewesen war.
»Du bist alt genug, um ihr Vater zu sein!«
»Aber in den besten Jahren!« rief Gerald gekränkt.
James sprach leise.
»Jerry, es gibt in Savannah kein Mädchen, bei dem du weniger Chancen hättest. Ihr Vater ist ein Robillard, und diese Franzosen sind arrogant wie Luzifer. Und ihre Mutter – sie ruhe in Frieden – war eine große Dame.«
»Mir doch egal«, sagte Gerald erregt. »Außerdem ist ihre Mutter tot, und der alte Robillard mag mich.«
»Ja, als Mann, aber nicht als Schwiegersohn.«
»Das Mädchen würde dich sowieso nicht nehmen«, warf Andrew ein. »Sie ist in diesen wilden Kerl, ihren Cousin Philippe Robillard, verknallt, ein ganzes Jahr schon, obwohl ihre Familie ihr von morgens bis abends in den Ohren liegt, dass sie ihn aufgeben soll.«
»Er ist schon seit einem Monat in Louisiana«, sagte Gerald.
»Und woher willst du das wissen?«
»Ich weiß es eben«, erwiderte Gerald, der nicht preisgeben wollte, dass Pork ihm diese wertvolle Information gesteckt hatte, und dass Philippe auf den ausdrücklichen Wunsch seiner Familie gen Westen aufgebrochen war. »Und ich glaube nicht, dass sie so verliebt in ihn ist, dass sie ihn nicht vergessen würde. Fünfzehn ist zu jung, um viel über die Liebe zu wissen.«
»Sie hätten immer noch lieber diesen Draufgänger von Cousin als dich.«
So waren James und Andrew ebenso verblüfft wie alle anderen, als bekannt wurde, dass Pierre Robillards Tochter den kleinen Iren aus dem Norden heiraten würde. Hinter Savannahs Türen summte es vor Spekulationen über Philippe Robillard, der in den Westen gegangen war, doch das Getratsche brachte keine Antwort. Warum die schönste Tochter der Robillards einen lauten, rotgesichtigen Mann heiratete, der ihr kaum bis an die Ohren reichte, blieb allen ein Rätsel.
Gerald selbst durchschaute nie ganz, wie alles zustande kam. Er wusste nur, dass ein Wunder geschehen war. Und dieses eine Mal in seinem Leben empfand er tiefe Demut, als Ellen, sehr blass, aber sehr gefasst ihre leichte Hand auf seinen Arm legte und sagte: »Ich heirate Sie, Mr. O’Hara.«
Die Robillards, die wie vom Blitz getroffen waren, ahnten die Antwort wohl zum Teil, doch nur Ellen und ihre Mammy kannten die ganze Geschichte jener Nacht, als das Mädchen bis zum Morgen wie ein kleines Kind schluchzte und dann als Frau aufstand, die ihren Entschluss gefasst hatte.
Mit einem unguten Vorgefühl hatte Mammy ihrer jungen Herrin ein kleines Päckchen gebracht, in fremder Handschrift aus New Orleans adressiert. Es enthielt ein Medaillon von Ellen, das sie mit einem Schrei zu Boden schleuderte, vier Briefe in ihrer Handschrift an Philippe Robillard sowie den kurzen Brief eines Priesters aus New Orleans, der den Tod ihres Cousins in einer Kneipenschlägerei anzeigte.
»Sie haben ihn verjagt, Vater und Pauline und Eulalie. Sie haben ihn davongejagt. Ich hasse sie. Ich hasse sie alle. Ich will sie nie wieder sehen. Ich will weg von hier. Ich will irgendwohin, wo ich sie nie wieder sehe, und auch die Stadt nicht oder sonst jemanden, der mich an – an – ihn erinnert.«
Und als die Nacht fast um war, protestierte Mammy, die sich wegen des Grams ihrer Herrin die Augen ausgeweint hatte: »Aber, Schatz, das kannst du doch nich machen.«
»Doch, das mache ich. Er ist ein netter Mann. Entweder das, oder ich gehe nach Charleston ins Kloster.«
Es war die Drohung mit dem Kloster, die schließlich zur Einwilligung des bestürzten und tief getroffenen Pierre Robillard führte. Er war strenger Presbyterianer, obwohl er einer katholischen Familie entstammte, und die Vorstellung, seine Tochter könnte Nonne werden, war noch schlimmer als eine Heirat mit Gerald O’Hara. Schließlich sprach gegen den Mann nichts, außer dass er keine Familie vorweisen konnte.
Also kehrte Ellen, nun keine Robillard mehr, Savannah den Rücken, um es nie wieder zu sehen, und reiste mit einem Mann in mittleren Jahren, mit Mammy und zwanzig Haussklaven nach Tara.
Im nächsten Jahr kam ihr erstes Kind zur Welt, das sie nach Geralds Mutter Katie Scarlett nannten. Gerald war enttäuscht, weil er sich einen Sohn gewünscht hatte, aber er freute sich dann doch so sehr über seine kleine schwarzhaarige Tochter, dass er jedem Sklaven auf Tara Rum spendierte und sich selber laut und glücklich betrank.
Falls Ellen je die plötzliche Entscheidung, ihn zu heiraten, bereut hatte, so erfuhr niemand davon, vor allem Gerald nicht, der fast vor Stolz platzte, sooft er sie ansah. Sie hatte Savannah und ihre Erinnerungen hinter sich gelassen, als sie dieser liebenswürdigen Stadt am Meer Lebewohl sagte, und von dem Augenblick an, da sie im County ankam, war Nord-Georgia ihr Zuhause.
Als sie dem Anwesen ihres Vaters für immer den Rücken kehrte, verließ sie ein Haus, dessen Umrisse schön und fließend waren wie der Körper einer Frau, wie ein Schiff unter vollen Segeln; ein blassrosa verputztes Gebäude im französischen Kolonialstil, das vornehm auf einem Sockel thronte, mit geschwungenen Freitreppen, deren schmiedeeiserne Geländer an feine Spitze erinnerten; ein dämmriges, prächtiges Haus – anmutig, aber abweisend.
Sie hatte nicht nur diesen eleganten Wohnort verlassen, sondern die ganze Kultur, die dahinterstand, und sie fand sich in einer Welt wieder, die so fremd und anders war, als hätte sie einen Kontinent durchquert.
Der Norden Georgias war eine rauhe Gegend und bewohnt von einem abgehärteten Menschenschlag. Auf der Hochebene am Fuß der Blue Ridge Mountains sah sie, so weit das Auge reichte, Wellen roter Hügel, aus denen sich hier und da der darunterliegende Granit in riesigen Buckeln erhob, und überall ragten finster hagere Pinien in die Höhe. Ihren Augen, die an die Küste gewöhnt waren, an die stille Dschungelschönheit der Inseln, behangen mit grauem Moos und grünen Ranken, an die weißen Strände, die sich heiß unter der subtropischen Sonne erstreckten, die weiten Ausblicke über flaches sandiges Land, das von Palmetto- und anderen Palmen übersät war – ihren Augen erschien hier alles wild und ungezähmt.
Diese Gegend kannte frostige Winter ebenso wie glutheiße Sommer, und es steckte eine Lebens- und Tatkraft in den Menschen, die Ellen befremdete. Es waren freundliche Leute, höflich, großzügig, voller Gutmütigkeit, aber stämmig, vital und leicht zu erzürnen. Die Menschen an der Küste bildeten sich etwas darauf ein, all ihren Angelegenheiten, selbst ihren Duellen und Fehden, einen Anstrich von Sorglosigkeit zu geben, doch die Menschen hier im Norden Georgias hatten einen gewaltsamen Zug. An der Küste war das Leben gedämpft – hier war es jung und lustvoll und frisch.
Alle Leute, die Ellen unten in Savannah gekannt hatte, schienen aus derselben Gussform zu stammen, so ähnlich waren ihre Ansichten und Traditionen, doch hier gab es die unterschiedlichsten Typen. Die Siedler in Nord-Georgia kamen aus vielen verschiedenen Gegenden, aus anderen Teilen Georgias, aus den beiden Carolinas, aus Virginia, aus Europa und aus dem Norden. Manche, wie Gerald, waren Neuan kömmlinge und suchten ihr Glück. Andere, wie Ellen, kamen aus alten Familien, aber das Leben an ihrem vormaligen Wohnort war ihnen unerträglich geworden, und sie suchten Zuflucht in einem fernen Land. Viele waren ohne jeden Grund hergekommen, nur weil das rastlose Blut ihrer Pionier-Väter noch in ihren Adern pulsierte.
Diese Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen und aus den verschiedensten Gegenden gaben dem Leben im County eine Ungezwungenheit, die Ellen neu war, eine Formlosigkeit, an die sie sich nie ganz gewöhnen konnte. Sie wusste intuitiv, wie ein Küstenbewohner sich in einer beliebigen Situation verhalten würde. Aber was jemand aus Nord-Georgia tun würde, ließ sich nie vorhersagen.
Zugleich wurde die Gegend von einer Woge des Wohlstands erfasst, die über den Süden hin flutete und das ganze Leben beschleunigte. Alle Welt verlangte nach Baumwolle, und der jungfräuliche Boden des County, unverbraucht und fruchtbar, produzierte sie im Überfluss. Baumwolle war der Herzschlag der Provinz, das Pflanzen und Pflücken waren Diastole und Systole der roten Erde. Aus den gewundenen Furchen stieg der Reichtum, und mit ihm kam der Hochmut – Hochmut, der auf grünen Büschen und weiten Flächen aus flauschigem Weiß gründete. Wenn Baumwolle sie in einer Generation reich machen konnte, um wie vieles reicher würden sie dann erst in der nächsten sein!
Diese Gewissheit einer sicheren Zukunft verlieh dem Leben Würze und Überschwang, und die Menschen im County genossen es mit einer Herzhaftigkeit, die Ellen nie begreifen konnte. Sie hatten genug Geld und genug Sklaven, um sich Zeit zum Spiel zu gönnen, und sie spielten gern. Sie waren nie zu beschäftigt, um die Arbeit für ein Fest mit gegrilltem Fisch, für eine Jagd oder ein Pferderennen liegen zu lassen, und kaum eine Woche verging ohne ein Barbecue oder einen Ball.
Ellen wollte oder konnte nie ganz eine von ihnen werden – dafür hatte sie zu viel von sich selbst in Savannah zurückgelassen –, aber sie achtete sie und lernte mit der Zeit, die Offenheit und Ehrlichkeit dieser Leute zu bewundern, die kaum Zurückhaltung kannten und einen Menschen für das schätzten, was er war.
Sie wurde zur beliebtesten Nachbarin im County. Sie war eine sparsame und freundliche Herrin und Haushälterin, eine gute Mutter und ihrem Mann eine hingebungsvolle Frau. Die Selbstlosigkeit eines gebrochenen Herzens, das sie der Kirche hatte weihen wollen, widmete sie nun ihrem Kind, dem Haushalt und dem Mann, der sie aus der Welt von Savannah mit ihren Erinnerungen herausgeholt und nie Fragen gestellt hatte.
Als Scarlett ein Jahr alt war und gesünder und kräftiger, als ein Mädchen nach Mammys Ansicht sein sollte, kam Ellens zweites Kind Susan Elinor zur Welt, die aber immer Suellen genannt wurde, und fristgemäß folgte Carreen, die in der Familienbibel als Caroline Irene eingetragen war. Dann kamen drei kleine Jungen, die alle starben, bevor sie gehen lernten – drei kleine Jungen, die jetzt unter den krummen Zedern auf dem Friedhof hundert Schritt vom Haus entfernt lagen, unter drei Steinen, auf denen jeweils »Gerald O’Hara, Jr.« zu lesen stand.
Kaum war Ellen in Tara angekommen, veränderte sich das Gut drastisch. Sie war zwar erst fünfzehn Jahre alt, doch gleichwohl in der Lage, die Verantwortung für eine Plantage zu übernehmen. Vor der Heirat mussten junge Mädchen vor allem lieb, charmant, schön und dekorativ sein, doch nach der Heirat erwartete man, dass sie einen Haushalt mit hundert oder mehr weißen und schwarzen Angehörigen führten, und im Hinblick darauf wurden sie ausgebildet.
Ellen hatte diese Vorbereitung auf die Ehe wie jede andere wohlerzogene junge Dame erhalten, und sie hatte außerdem Mammy an ihrer Seite, die selbst dem trägsten Sklaven Beine machen konnte. Sie brachte rasch Ordnung, Würde und Anmut in Geralds Haushalt, und sie machte Tara schön, was es zuvor nicht gewesen war.
Das Haus war ohne jeden Bauplan errichtet worden, zusätzliche Zimmer wurden hier und da nach Bedarf angebaut, doch durch Ellens sorgsame Eingriffe gewann es einen Reiz, der diesen Mangel wettmachte. Die Zedernallee, die von der Landstraße zum Haus führte – diese Zedernallee, ohne die kein Pflanzerhaus in Georgia vollständig war –, warf kühle dunkle Schatten, die das Grün der anderen Bäume um so lebhafter zur Geltung brachten. Die Glyzinien, die über die Veranden herabhingen, hoben sich prächtig vom Weiß des Hauses ab und halfen zusammen mit den violetten Kreppmyrtensträuchern neben der Eingangstür und den weißblühenden Magnolien im Garten die eher ungeschickten Umrisse des Hauses zu verbergen.
Im Frühling und Sommer wurden das Bermudagras und der Klee auf dem Rasen smaragdfarben, und zwar so verführerisch, dass sie eine unwiderstehliche Anziehung auf die Truthühner und die weißen Gänse ausübten, die eigentlich hinter dem Haus bleiben sollten. Unablässig führte das ältere Geflügel die heimlichen Vorstöße in den vorderen Gartenbereich an, verlockt durch das Grün des Rasens und das Versprechen köstlicher Jasminknospen und Zinnienbeete. Gegen das marodierende Hühnervolk wurde auf der vorderen Veranda ein kleiner Sklavenjunge als Wachtposten aufgestellt. Bewaffnet mit einem ausrangierten Handtuch, saß der Kleine auf den Stufen und gehörte gewissermaßen zur Fassade von Tara – doch zu seinem Kummer war es ihm verboten, das Federvieh zu schlagen, er durfte nur mit dem Handtuch wedeln und es verscheuchen.
Ellen betraute Dutzende von kleinen Schwarzen mit dieser Aufgabe, dem ersten verantwortungsvollen Posten, den ein Sklave auf Tara bekleidete. Wenn sie zehn Jahre alt waren, wurden sie zu Old Daddy, dem Plantagen-Schuster, geschickt, um sein Handwerk zu lernen, oder zu Amos, dem Stellmacher und Zimmermann, oder zu Phillip, dem Kuhknecht, oder zu Cuffee, dem Maultiertreiber. Wenn sie keinerlei Begabung für eines dieser Gewerbe zeigten, wurden sie Feldarbeiter und hatten damit nach Meinung der Schwarzen jeglichen Anspruch auf gesellschaftliches Ansehen verloren.
Ellens Leben war weder leicht noch glücklich, aber sie erwartete auch kein leichtes Leben, und wenn es ihr an Glück mangelte, nun, das war das Los der Frauen. Schließlich war es eine Männerwelt, und sie akzeptierte sie als solche. Dem Mann gehörte der Besitz, und die Frau verwaltete ihn. Der Mann erntete allgemeine Anerkennung für die gute Verwaltung, und die Frau pries seine Klugheit. Der Mann brüllte wie ein Stier, wenn er sich einen Splitter in den Finger zog, die Frau unterdrückte ihr Stöhnen bei der Geburt, um ihn nicht zu stören. Männer nahmen grobe Wörter in den Mund und waren oft betrunken. Frauen überhörten die Ausfälligkeiten und brachten die Säufer ohne ein vorwurfsvolles Wort ins Bett. Männer waren ungehobelt und hielten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg, Frauen waren immer liebenswürdig, vornehm und nachsichtig.
Sie war in der Tradition der großen Damen erzogen worden, die sie gelehrt hatten, wie man seine Bürde trägt und dennoch seinen Charme bewahrt, und sie hatte die Absicht, ihre drei Töchter ebenfalls zu großen Damen zu machen. Bei ihren jüngeren Töchtern hatte sie Erfolg damit, denn Suellen war so darauf erpicht, attraktiv zu sein, dass sie den Lehren ihrer Mutter aufmerksam zuhörte, während Carreen schüchtern und leicht zu lenken war. Aber Scarlett, ganz das Kind ihres Vaters, fand den Weg zum Damesein beschwerlich.
Zu Mammys Empörung wählte sie als Spielkameraden nicht ihre sittsamen Schwestern oder die wohlerzogenen Wilkes-Mädchen, sondern die Sklavenkinder auf der Plantage und die Jungen der Nachbarschaft, und sie konnte ebenso gut wie diese auf Bäume klettern und Steine werfen. Mammy bereitete es Sorgen, dass Ellens Tochter solche Eigenschaften an den Tag legte, und sie beschwor sie oft, sie solle sich »wie ne kleine Lady« benehmen. Ellen betrachtete die Sache etwas gelassener und weitsichtiger. Sie wusste, dass aus Spielkameraden in späteren Jahren Verehrer werden, und es war ja die erste Pflicht eines Mädchens, zu heiraten. Sie sagte sich, dass das Kind einfach sehr lebhaft sei und dass noch Zeit bliebe, um ihr die Künste und die Umgangsformen beizubringen, die sie für Männer attraktiv machten.
Zu diesem Behuf verbanden Ellen und Mammy ihre Anstrengungen, und als Scarlett heranwuchs, wurde sie eine begabte Schülerin in diesem Fach, während sie kaum etwas anderes lernte. Trotz einer Reihe von Gouvernanten und zwei Jahren auf der nahe gelegenen Fayetteville Female Academy war ihre Bildung oberflächlich, doch kein Mädchen im County konnte anmutiger tanzen als sie. Sie wusste, wie sie lächeln musste, damit ihre Grübchen zum Vorschein kamen, wie sie beim Gehen die Füße etwas einwärts stellen musste, um ihren Reifrock verlockend schwingen zu lassen, wie sie zu einem Mann aufschauen musste, um dann den Blick zu senken und mit den Lidern zu flattern, als bebte sie vor sanfter Erregung. Vor allem lernte sie, vor Männern ihre scharfe Intelligenz hinter einem Gesicht zu verbergen, das süß und unschuldig aussah wie das eines Babys.
Ellen, die mit sanfter Stimme mahnte, und Mammy, die im Gegensatz dazu ständig nörgelte, gaben sich alle Mühe, ihr jene Eigenschaften anzuerziehen, die sie als Frau wirklich begehrenswert machen würden.
»Du musst etwas zurückhaltender sein, Liebes, etwas gesetzter«, erklärte Ellen ihrer Tochter. »Du darfst Gentlemen nicht unterbrechen, wenn sie reden, selbst wenn du glaubst, dass du mehr von der Sache verstehst als sie. Gentlemen mögen keine vorlauten Mädchen.«
»Ne junge Frau, was die Stirn runzelt und ihr Kinn vorschiebt und sagt ›Ich will‹ und ›Ich will nich‹, kriegt fast nie nen Mann«, prophezeite Mammy düster. »Ne junge Frau muss die Augen runterschlagen und sagen: ›Ganz recht, Sir‹ und ›Sie sagen’s, Sir‹.«
Im Verein brachten sie ihr alles bei, was eine vornehme Dame wissen musste, aber Scarlett lernte nur die äußerlichen Merkmale der Vornehmheit. Die innere Anmut, der diese Merkmale entspringen, lernte sie nie, und sie sah auch keinen Grund dazu. Der äußere Schein war genug, denn der äußere Schein der Damenhaftigkeit machte sie beliebt, und das war alles, was sie wollte. Gerald prahlte – nicht ganz zu Unrecht –, sie würde von fünf Countys angebetet, denn sie hatte Anträge von fast allen jungen Männern in der Nachbarschaft erhalten und viele aus so fernen Orten wie Atlanta und Savannah.
Mit sechzehn sah sie dank Mammy und Ellen süß, bezaubernd und unbekümmert aus, in Wirklichkeit war sie aber eigensinnig, eitel und starrköpfig. Sie hatte das leicht erregbare Temperament ihres irischen Vaters und darüber nur einen hauchdünnen Firnis vom selbstlosen und duldsamen Wesen ihrer Mutter. Ellen durchschaute nie ganz, wie dünn dieser Firnis war, denn Scarlett zeigte sich ihrer Mutter immer von der besten Seite, verheimlichte ihre Eskapaden, dämpfte ihr Naturell und erschien in Ellens Gegenwart so gutartig, wie sie nur konnte, denn die Mutter konnte sie mit einem tadelnden Blick bis zu Tränen beschämen.
Mammy hingegen machte sich keine Illusionen über sie und passte auf wie ein Schießhund, dass der Firnis keine Risse bekam. Mammy hatte schärfere Augen als Ellen, und Scarlett konnte sich nicht daran erinnern, Mammy jemals allzu lange hinters Licht geführt zu haben.
Es war nicht so, dass diese beiden liebevollen Erzieherinnen Scarletts Ausgelassenheit, ihre Lebendigkeit und ihren Charme missbilligt hätten. Solche Eigenschaften erfüllten Südstaatlerinnen mit Stolz. Beunruhigend war, dass Geralds halsstarriges und impulsives Wesen in ihr zum Vorschein kam, und zuweilen fürchteten sie, es würde ihnen nicht gelingen, ihre negativen Eigenschaften zu verbergen, bevor sie eine gute Partie gemacht hatte. Doch Scarlett hatte sich vorgenommen zu heiraten – und zwar Ashley –, und sie war bereit, sittsam, gefügig und kopflos zu erscheinen, wenn diese Eigenschaften auf Männer anziehend wirkten. Warum die Männer allerdings solche Vorlieben hatten, erschloss sich ihr nicht. Sie wusste nur, dass diese Methoden wirkten. Es interessierte sie nicht, den Grund dafür herauszufinden, denn sie verstand nichts von den inneren Mechanismen der menschlichen Seele, auch nicht ihrer eigenen. Sie wusste nur, wenn sie sich so und so verhielt und dieses und jenes sagte, reagierten die Männer unfehlbar mit dem entsprechenden Verhalten. Es war nicht schwieriger als eine mathematische Formel, und Mathematik war das einzige Schulfach, das Scarlett leichtgefallen war.
Wusste sie schon kaum etwas über das Innenleben der Männer, so war ihr das der Frauen noch fremder, weil diese sie weniger beschäftigten. Sie hatte nie eine Freundin gehabt und empfand in dieser Hinsicht auch keinerlei Mangel. Sie sah in allen Frauen, einschließlich ihrer beiden Schwestern, natürliche Feindinnen bei der Jagd nach der gleichen Beute – dem Mann.
Alle Frauen mit Ausnahme ihrer Mutter.
Ellen O’Hara war anders, und Scarlett betrachtete sie als etwas Heiliges, vom Rest der Menschheit Unterschiedenes. Als Kind hatte Scarlett ihre Mutter mit der Jungfrau Maria verwechselt, und jetzt, da sie älter war, sah sie keinen Grund, ihre Meinung zu ändern. Für sie verkörperte Ellen die vollkommene Sicherheit und Geborgenheit, die nur der Himmel oder eine Mutter schenken kann. Sie wusste, ihre Mutter war das Inbild von Gerechtigkeit, Wahrheit, zärtlicher Liebe und tiefer Weisheit – eine große Dame.
Scarlett wollte liebend gern so sein wie ihre Mutter. Die Schwierigkeit dabei war nur, dass einem, wenn man gerecht und ehrlich und liebevoll und selbstlos war, die meisten Freuden des Lebens entgingen – und mit Sicherheit jede Menge Verehrer. Und das Leben war zu kurz, um sich solch angenehme Dinge entgehen zu lassen. Eines Tages, wenn sie mit Ashley verheiratet und alt wäre, eines Tages, wenn sie Zeit dazu hätte, wollte sie wie Ellen sein. Aber bis dahin …
KAPITEL 4
An diesem Abend übernahm Scarlett in Abwesenheit ihrer Mutter den Vorsitz am Esstisch, doch in ihrem Inneren brodelte es aufgrund der schrecklichen Neuigkeit, die sie über Ashley und Melanie gehört hatte. Verzweifelt sehnte sie die Rückkehr ihrer Mutter von den Slatterys herbei, denn ohne sie fühlte sie sich verlassen und verloren. Welches Recht hatten die Slatterys mit ihren ständigen Krankheiten, Ellen genau in dem Augenblick zu sich zu bestellen, da Scarlett sie so dringend brauchte?
Während des ganzen trübseligen Essens hämmerte ihr Geralds dröhnende Stimme in den Ohren, bis sie es kaum mehr ertragen konnte. Er hatte ihr Gespräch von vorhin komplett vergessen und hielt einen Vortrag über die neuesten Nachrichten von Fort Sumter. Seine Worte unterstrich er, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug und mit den Armen fuchtelte. Gerald hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, das Gespräch bei den Mahlzeiten zu dominieren, und in der Regel war Scarlett so mit ihren Gedanken beschäftigt, dass sie ihn kaum hörte. Doch an diesem Abend konnte sie seine Stimme nicht ausblenden, so angestrengt sie auch auf das Geräusch von Kutschenrädern lauschte, das Ellens Heimkunft ankündigte.
Natürlich wollte sie ihrer Mutter nicht offenbaren, was ihr Herz so sehr beschwerte, denn Ellen wäre entsetzt und tief betrübt, dass eine ihrer Töchter einen Mann begehrte, der mit einem anderen Mädchen verlobt war. Doch im Elend dieser ersten Tragödie ihres Lebens brauchte sie den Trost, den die Gegenwart ihrer Mutter bedeutete. Sie fühlte sich immer geborgen, wenn Ellen bei ihr war, denn nichts war so schlimm, dass Ellen es nicht durch ihre bloße Anwesenheit hätte lindern können.
Plötzlich sprang sie auf, denn sie hörte Räder in der Auffahrt knirschen, doch als diese um das Haus herum in den Hinterhof weiterfuhren, nahm sie wieder Platz. Das konnte nicht Ellen sein, sie wäre bei der Vordertreppe ausgestiegen. Dann drang aus dem dunklen Hof ein wildes Durcheinander von afrikanischen Stimmen und hellem Lachen herein. Draußen vor dem Fenster sah Scarlett, wie Pork, der eben erst das Zimmer verlassen hatte, ein brennendes Pinienscheit in die Höhe hielt, während unkenntliche Gestalten aus einem Wagen stiegen. Das Lachen und Reden in der Nachtluft wurde mal lauter, mal leiser, freundliche, anheimelnde, unbeschwerte Laute, guttural und leise, melodisch und schrill. Dann schuffelten Füße über die Stufen zur Hinterveranda hinauf und durch den Gang, der zum Haupthaus führte, und hielten in der Halle gleich vor dem Speisezimmer an. Nach kurzem Geflüster trat Pork ein, ohne seine übliche Würde, mit leuchtenden Augen und blitzenden Zähnen:
»Mister Gerald«, sagte er feierlich und außer Atem, während der Stolz des Bräutigams sein Gesicht überstrahlte, »Ihre neue Dienerin is da.«
»Neue Dienerin? Ich habe keine neue Frau gekauft«, erklärte Gerald und tat verärgert.
»Doch, Sir, haben Sie wohl, Mister Gerald! Doch, Sir. Und sie steht jetzt da draußen und will mit Ihnen reden«, erwiderte Pork, kicherte aufgeregt und rieb sich die Hände.
»Na, dann hol die Braut mal rein«, sagte Gerald, und Pork winkte seiner Frau, die frisch von der Wilkes-Plantage angekommen war, um sich dem Haushalt von Tara anzuschließen. Sie trat ein, und dicht hinter ihr, von den ausladenden Kaliko-Röcken fast verdeckt, folgte ihre zwölfjährige Tochter.
Dilcey war hochgewachsen und hielt sich kerzengerade. Sie hätte in jedem Alter zwischen dreißig und sechzig sein können, so unbewegt war ihr faltenloses, bronzefarbenes Gesicht, in dem indianische Züge die afrikanischen überwogen. Die rötliche Hautfarbe, die schmale hohe Stirn, die ausgeprägten Wangenknochen und die Adlernase, die unten über den vollen Lippen abflachte, alles verriet die Mischung zweier Ethnien. Sie war selbstbeherrscht und bewegte sich mit einer Würde, die selbst die von Mammy übertraf, denn Mammy hatte sich ihre Würde erworben, während Dilceys angeboren war.
Ihre Aussprache war nicht so verschliffen wie die der meisten anderen Sklaven, und sie wählte ihre Worte mit Bedacht.
»Guten Abend, junge Misses. Mister Gerald, tut mir leid, dass ich störe, aber ich wollte herkommen und noch mal Danke sagen, dass Sie mich und mein Kind gekauft haben. Ne Menge Gentlemänner hätten vielleicht mich gekauft, aber sie hätten meine Prissy nich mitgekauft, nur damit ich nich traurig bin, und ich dank Ihnen dafür. Ich werd mein Bestes für Sie geben und Ihnen zeigen, dass ich das nich vergesse.«
»Emm-ehemm«, räusperte sich Gerald, dem es peinlich war, dass er öffentlich bei einer guten Tat ertappt wurde.
Dilcey wandte sich an Scarlett, und etwas wie ein Lächeln umspielte ihre Augenwinkel. »Miss Scarlett, Pork hat mir gesagt, dass Sie Mister Gerald gebeten haben, mich zu kaufen. Und deshalb geb ich Ihnen meine Prissy als Kammermädchen.«
Sie griff hinter sich und zerrte das Mädchen nach vorn. Es war ein kleines braunes Geschöpf mit dünnen Vogelbeinen und einer Myriade Zöpfchen, die sorgsam mit Zwirn umwickelt waren und steif vom Kopf abstanden. Sie hatte scharfe, durchdringende Augen, denen nichts entging, und einen bemüht einfältigen Gesichtsausdruck.
»Danke, Dilcey«, antwortete Scarlett, »aber ich fürchte, Mammy hat da ein Wörtchen mitzureden. Sie ist seit meiner Geburt mein Kammermädchen.«
»Mammy wird alt«, sagte Dilcey mit einer Gelassenheit, die Mammy zur Weißglut getrieben hätte. »Sie is ne gute Mammy, aber Sie sind jetzt ne junge Dame und brauchen ’n gutes Mädchen, und meine Prissy is schon ein Jahr lang Kammermädchen bei Miss India gewesen. Sie kann nähen und frisieren wie ne Erwachsne.«
Nach einem Stups ihrer Mutter machte Prissy plötzlich einen Knicks und strahlte Scarlett an, die nicht anders konnte, als zurückzulächeln.
Ein schlaues kleines Ding, dachte sie und sagte laut: »Danke, Dilcey, wir kümmern uns darum, wenn Mutter nach Hause kommt.«
»Danke, Ma’m. Ich wünsch Ihnen ne gute Nacht«, sagte Dilcey und verließ den Raum mit ihrem Kind, während Pork um sie herumscharwenzelte.
Nachdem das Essgeschirr abgeräumt war, nahm Gerald seinen Vortrag wieder auf, doch hatte er nur noch geringe Freude daran, von den Zuhörern zu schweigen. Seine dröhnenden Vorhersagen eines baldigen Kriegsausbruchs und seine rhetorischen Fragen, ob der Süden sich weitere Beleidigungen seitens der Yankees gefallen lassen solle, hatten nur ein mattes, gelangweiltes »Ja, Pa« und »Nein, Pa« zur Folge. Carreen, die auf einem Polster unter der großen Lampe saß, war in einen Roman über eine junge Frau vertieft, die nach dem Tod ihres Geliebten ins Kloster gegangen war, und badete mit genussvollen Tränen in der Vorstellung, sie selbst trüge eine weiße Nonnenhaube. Suellen stickte für ihre »Aussteuer«, wie sie es kichernd bezeichnete, und überlegte, ob sie bei dem morgigen Barbecue Stuart Tarleton vielleicht von ihrer Schwester loseisen und ihn mit den süßen fraulichen Eigenschaften betören könnte, die sie – im Gegensatz zu Scarlett – besaß. Und Scarletts Herz war in Aufruhr wegen Ashley.
Wie konnte Pa pausenlos immer weiter über Fort Sumter und die Yankees reden, wo er doch wusste, dass ihr das Herz brach? Wie es für junge Menschen typisch ist, wunderte sie sich, dass keiner an ihren Schmerz dachte und die Welt sich trotz ihres gebrochenen Herzens einfach weiterdrehte.
Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre ein Wirbelsturm hindurchgerast, und es schien sonderbar, dass das Speisezimmer, in dem sie saßen, so friedlich dalag, so unverändert. Der massive Mahagonitisch und die Anrichten, das schwere Silber, die bunten Flickenteppiche auf dem blitzblanken Boden, alles war an seinem gewohnten Ort, als wäre nichts geschehen. Es war ein helles und behagliches Zimmer, und gewöhnlich liebte Scarlett die geruhsamen Stunden, die die Familie hier nach dem Abendessen verbrachte. Doch heute Abend hasste sie den Anblick, und hätte sie die lauten Fragen ihres Vaters nicht gefürchtet, wäre sie hinausgeschlüpft und durch die dunkle Halle in Ellens kleines Arbeitszimmer gegangen, um sich auf dem alten Sofa ihren Kummer von der Seele zu weinen.
Dieses Zimmer mochte Scarlett im ganzen Haus am liebsten. Dort saß Ellen jeden Morgen an ihrem hohen Sekretär, führte Buch über die Plantage und hörte sich den Bericht von Jonas Wilkerson, dem Aufseher, an. Dort lungerte auch die Familie herum, während Ellens Feder über die Kontobücher kratzte, Gerald im alten Schaukelstuhl, die Mädchen auf den durchgesessenen Kissen des Sofas, das zu ramponiert und verschlissen war, um für die vorderen Räume zu taugen. Scarlett sehnte sich danach, jetzt mit Ellen dort allein zu sein, ihren Kopf in den Schoß ihrer Mutter zu legen und ungestört weinen zu können. Kam Mutter denn gar nicht mehr nach Hause?
Da knirschten Räder geräuschvoll auf dem Kies der Auffahrt, und Ellen verabschiedete mit sanfter Stimme den Kutscher. Als sie mit ihrem schwingenden Reifrock eilig ins Zimmer trat, blickte die ganze Gruppe gespannt auf. Ihr Gesicht war müde und traurig. Ein schwacher Duft von Zitronenverbene umgab sie, der den Falten ihres Kleides zu entsteigen schien, ein Duft, den Scarlett immer mit ihrer Mutter verband. Ein paar Schritte hinter ihr folgte Mammy, die Ledertasche in der Hand, mit vorgeschobener Unterlippe und gerunzelter Stirn. Sie brummelte finster vor sich hin, achtete aber darauf, so leise zu sprechen, dass niemand sie verstehen konnte, doch laut genug, dass jeder ihre uneingeschränkte Missbilligung zur Kenntnis nahm.
»Es tut mir leid, dass ich so spät komme«, sagte Ellen, nahm ihr breites Schultertuch ab, reichte es Scarlett und tätschelte im Vorübergehen ihre Wange.
Geralds Gesicht hatte sich bei ihrem Eintreten wie durch Zauberei aufgehellt.
»Ist das Balg getauft?« fragte er.
»Ja, und tot, das arme Ding«, sagte Ellen. »Ich hatte Angst, Emmie würde auch sterben, aber ich glaube, sie überlebt.«
Die Gesichter der Mädchen wandten sich ihr erschrocken und fragend zu, während Gerald nachdenklich seinen Kopf wiegte.
»Naja, es ist besser, dass das Balg tot ist, meiner Treu, das arme vaterlo…«
»Es ist schon spät. Wir sollten mit dem Beten anfangen«, fiel ihm Ellen so geschmeidig ins Wort, dass es niemandem aufgefallen wäre, der sie nicht so gut kannte wie Scarlett.
Es interessierte Scarlett brennend, wer der Vater von Emmie Slatterys Baby war, aber sie wusste, dass sie die Wahrheit nie erfahren würde, wenn sie auf eine Aufklärung durch ihre Mutter wartete. Sie hatte Jonas Wilkerson im Verdacht, denn sie hatte ihn in der Abenddämmerung häufig mit Emmie die Straße entlanggehen sehen. Jonas war ein Yankee und Junggeselle, und die Tatsache, dass er Aufseher war, schloss ihn von jedem gesellschaftlichen Leben im County aus. In keine Familie, die etwas auf sich hielt, konnte er einheiraten, mit niemand konnte er Kontakt knüpfen außer den Slatterys und ähnlichem Gesindel. Da er von seiner Bildung her mehrere Stufen über den Slatterys stand, war es nur natürlich, dass er Emmie nicht heiraten wollte, gleichgültig, wie oft er mit ihr in der Dämmerung spazieren ging.
Scarlett seufzte, denn ihre Neugier war groß. Immer geschahen Dinge unter den Augen ihrer Mutter, die sie so wenig zur Kenntnis nahm, als hätten sie nicht stattgefunden. Ellen ignorierte alles, was ihren Vorstellungen von Schicklichkeit zuwiderlief, und sie versuchte, Scarlett das Gleiche beizubringen, aber mit wenig Erfolg.
Ellen trat zum Kaminsims und wollte ihren Rosenkranz aus seiner kleinen intarsierten Schatulle nehmen, doch da sagte Mammy laut und bestimmt:
»Miss Ellen, Sie essen erst was zu Abend, bevor Sie mit Beten anfangen.«
»Danke, Mammy, aber ich bin nicht hungrig.«
»Ich mach Ihnen das Essen selber, und das wird gegessen«, sagte Mammy mit vor Entrüstung gerunzelter Stirn und ging durch die Eingangshalle Richtung Küche. »Pork!« rief sie. »Cookie soll Feuer machen. Miss Ellen is zurück.«
Während die Dielen unter ihren Füßen erzitterten, wurde der Monolog, den sie in der Eingangshalle gebrabbelt hatte, lauter und lauter, so dass die Familie im Speisezimmer jedes Wort verstehen konnte.
»Wie oft hab ich schon gesagt, dass es nix bringt, für weißes Gesindel was zu tun. Das sind die dümmsten, undankbarsten Nixnütze, die’s gibt. Und Miss Ellen braucht sich für die nich krummlegen. Wenn die nur ’n Schuss Pulver wert wärn, hätten sie Nigger, die sich um sie kümmern. Und ich hab gesagt …«
Ihre Stimme wurde immer leiser, während sie sich auf dem offenen, lediglich überdachten Durchgang zur Küche entfernte. Mammy hatte ihre eigene Methode, ihre Herrschaft darüber in Kenntnis zu setzen, was sie über die Dinge dachte. Sie wusste, dass es unter der Würde der besseren weißen Gesellschaft war, dem Gemurmel einer Schwarzen die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Sie wusste, dass die Weißen, um ihre Würde zu wahren, ignorieren mussten, was sie sagte, selbst wenn sie im Nebenzimmer stand und mit Stentorstimme sprach. Das schützte Mammy vor Tadel und es ließ niemanden über ihre Ansichten im Zweifel.
Pork betrat das Zimmer, er brachte einen Teller, Besteck und eine Serviette. Gleich hinter ihm folgte Jack, ein kleiner schwarzer Junge von zehn Jahren, der mit einer Hand hastig sein weißes Leinenjackett zuknöpfte und in der anderen einen Fliegenwedel aus schmalen Zeitungsstreifen hielt, die an einem Schilfrohr befestigt waren, das länger war als er selbst. Ellen besaß einen sehr schönen Fliegenwedel aus Pfauenfedern, der aber nur zu besonderen Anlässen benutzt wurde und auch dann nur gegen häuslichen Widerstand, weil Pork, Cookie und Mammy dem Aberglauben anhingen, Pfauenfedern brächten Unglück.
Ellen setzte sich auf den Stuhl, den Gerald ihr hinschob, und vier Stimmen fielen über sie her.
»Mutter, die Spitze an meinem neuen Ballkleid hat sich gelöst, und ich will es doch morgen Abend in Twelve Oaks tragen. Kannst du sie bitte wieder annähen?«
»Mutter, Scarletts neues Kleid ist viel schöner als meins, ich sehe in Rosa wie eine Vogelscheuche aus. Warum kann sie nicht mein rosa Kleid tragen und ich dafür ihr grünes? Ihr steht Rosa.«
»Mutter, kann ich morgen bis zum Ball aufbleiben? Ich bin jetzt schon dreizehn …«
»Mrs. O’Hara, hält man es für möglich – still jetzt, ihr Mädchen, oder ich hole meine Gerte! Cade Calvert war heute Morgen in Atlanta, und er sagt – wollt ihr wohl still sein, man versteht ja sein eigenes Wort nicht! –, und er sagt, sie sind dort alle wütend und reden nur noch über Krieg, Waffenübungen, Truppenaufbau. Und er sagt, aus Charleston hört man, dass sie keine weiteren Beleidigungen von den Yankees mehr hinnehmen wollen.«
Ellens müder Mund lächelte in das Durcheinander, als sie sich zuerst, wie es einer Frau gebührte, ihrem Mann zuwandte.
»Wenn die guten Leute in Charleston so denken, werden wir das auch bald tun, da bin ich mir sicher«, sagte sie, denn sie war der festen Überzeugung, dass – abgesehen von Savannah – das vornehmste Blut auf dem ganzen Kontinent in dieser kleinen Hafenstadt versammelt war, eine Überzeugung, die von den Einheimischen weitgehend geteilt wurde.
»Nein, Carreen, nächstes Jahr, Liebes. Dann kannst du für Bälle aufbleiben und Erwachsenenkleider tragen, und wie wird sich dann mein kleines Rotbäckchen amüsieren! Kein Schmollmund, Liebes. Du darfst zum Barbecue, vergiss das nicht, und während des ganzen Abendessens dabei sein, aber Bälle erst mit vierzehn. – Gib mir dein Kleid, Scarlett. Ich nähe die Spitze nach dem Beten an. – Suellen, mir gefällt dein Ton nicht, Liebes. Dein rosa Kleid ist hübsch und passt zu deinem Teint, so wie Scarletts zu ihrem. Aber du kannst morgen Abend meine Granatkette tragen.«
Hinter dem Rücken der Mutter schnitt Suellen ihrer Schwester, die geplant hatte, selbst um die Kette zu bitten, triumphierend eine Grimasse. Scarlett streckte ihr die Zunge heraus. Suellen mit ihrer Quengelei und Selbstsucht war eine lästige Schwester, und ohne Ellens mäßigenden Einfluss hätte Scarlett sie so manches Mal geohrfeigt.
»So, Mr. O’Hara, erzähl mir mehr davon, was Mr. Calvert über Charleston gesagt hat«, sagte Ellen.
Scarlett wusste, dass ihre Mutter sich nicht im Geringsten für Politik und Krieg interessierte, es waren in ihren Augen reine Männerthemen, zu denen sich keine Dame sinnvoll äußern konnte. Aber es machte Gerald Vergnügen, seine Ansichten auszubreiten, und Ellen war stets auf das Vergnügen ihres Mannes bedacht.
Während Gerald seine Neuigkeiten vom Stapel ließ, trug Mammy ihrer Herrin die Teller auf: goldbraun gebackene Biskuits, gebratene Hühnerbrust und eine gelbe, aufgeschnittene Yamswurzel, aus der geschmolzene Butter troff. Mammy zwickte den kleinen Jack, und der beeilte sich, hinter Ellens Rücken langsam mit den Papierstreifen zu wedeln. Mammy stand neben dem Tisch und sah jedem Bissen zu, der vom Teller zu Ellens Mund wanderte, als hätte sie vor, beim ersten Anzeichen des Erlahmens das Essen eigenhändig in ihren Schlund zu befördern. Ellen aß brav, aber Scarlett sah, dass sie vor Müdigkeit kaum merkte, was sie aß. Nur Mammys strenger Blick nötigte sie dazu.
Als sie aufgegessen hatte und Gerald noch mitten in seinen Ausführungen über das Diebsgesindel der Yankees steckte, die Schwarze befreien, aber für ihre Freiheit keinen Penny zahlen wollten, stand Ellen auf.
»Zeit zum Beten?« fragte er widerstrebend.
»Ja, es ist so spät – meine Güte, schon zehn Uhr«, denn die Wanduhr schlug hustend und blechern die Stunde. »Carreen sollte längst im Bett sein. Bitte, die Lampe, Pork, und mein Gebetbuch, Mammy.«
Auf Mammys heiseres Geflüster hin stellte Jack den Fliegenwedel in die Ecke und räumte das Geschirr ab, während Mammy in der Schublade der Anrichte nach Ellens abgegriffenem Gebetbuch suchte. Pork stellte sich auf die Zehenspitzen und zog die Lampe an ihrer Kette langsam herunter, bis die Tischplatte hell erleuchtet und die Zimmerdecke in Dunkel gehüllt war. Ellen raffte ihre Röcke, kniete nieder, legte das Gebetbuch aufgeschlagen vor sich auf den Tisch und faltete darüber die Hände. Gerald kniete neben ihr, und Scarlett und Suellen nahmen ihre gewohnten Plätze auf der anderen Seite des Tischs ein, wobei sie ihre ausladenden Unterröcke zu Polstern für ihre Knie zusammenfalteten, so dass der harte Boden sie nicht so schmerzte. Carreen, die klein für ihr Alter war, reichte nicht zum Tisch herauf und kniete deshalb vor einem Stuhl, die Ellbogen auf die Sitzfläche gestützt. Diese Position war ihr angenehm, weil sie während der Gebetsstunde meist einschlief und ihre Mutter so nichts davon merkte.
Die Haussklaven schlurften und raschelten in der Halle, als sie sich an der offenen Tür hinknieten. Mammy ächzte laut, als sie niedersank, Pork hielt sich aufrecht und steif wie ein Ladestock, Rosa und Teena, die Dienstmädchen, breiteten anmutig ihre bunten Kalikokleider aus, Cookie, die Köchin, schaute hager und scheel unter ihrem schneeweißen Kopftuch hervor, und der schlaftrunkene Jack platzierte sich so weit weg von Mammys kneifenden Fingern wie möglich. Aller dunkle Augen leuchteten erwartungsvoll, denn das Beten mit ihrer weißen Herrschaft war eines der Hauptereignisse des Tages. Die alten ausdrucksstarken Redewendungen der Litanei mit ihrer orientalischen Bildsprache bedeuteten ihnen wenig, doch sie stillten ein Bedürfnis in ihren Herzen, und sie wiegten sich immer zu ihren Responsorien: »Herr, erbarme dich«, »Christus, erbarme dich.«
Ellen schloss die Augen und begann zu beten, ihre Stimme hob und senkte sich, einlullend und besänftigend. Die Köpfe senkten sich im gelben Lichtkreis, als Ellen Gott für die Gesundheit und das Glück ihres Hauses, ihrer Familie und ihrer schwarzen Dienerschaft dankte.
Als sie ihre Gebete für die Menschen unter dem Dach von Tara, für ihren Vater, ihre Mutter, ihre Schwestern, ihre drei toten Söhne und »all die armen Seelen im Fegefeuer« beendet hatte, nahm sie die weißen Perlen in ihre langen Finger und begann den Rosenkranz zu beten. Wie das Säuseln eines leisen Windes kamen die Antworten aus den schwarzen und weißen Kehlen:
»Heilige Maria, Muttergottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.«
Trotz ihres Kummers und dem Schmerz unvergossener Tränen senkte sich wie immer zu dieser Stunde ein Gefühl von Ruhe und Frieden über Scarlett. Ein wenig von der Enttäuschung des Tages und der Furcht vor dem nächsten Tag wichen von ihr und machten einem Gefühl der Hoffnung Platz. Es war nicht die Erhebung ihres Herzens zu Gott, die diesen Trost bewirkte, denn Religion bedeutete ihr kaum mehr als Lippendienst. Es war der Anblick des frohen Gesichts ihrer Mutter, dem Thron Gottes und Seinen Heiligen und Engeln zugewandt, während sie den Segen für ihre Lieben erflehte. Wenn Ellen den Himmel um etwas bat, würde sie, da war sich Scarlett sicher, erhört werden.
Ellen kam ans Ende, und Gerald, der nie zur Gebetsstunde seinen Rosenkranz fand, begann verstohlen seine Gesätze an den Fingern abzuzählen. Während seine Stimme leierte, schweiften Scarletts Gedanken unwillkürlich ab. Sie wusste, sie sollte eigentlich ihr Gewissen prüfen. Ellen hatte ihr beigebracht, dass es am Ende eines jeden Tages ihre Pflicht war, ihr Gewissen gründlich zu erforschen, die vielen Fehler zu gestehen und Gott um Vergebung und um die Kraft zu bitten, sie nicht zu wiederholen. Doch Scarlett erforschte ihr Herz.
Sie senkte den Kopf auf ihre gefalteten Hände, so dass ihre Mutter ihr Gesicht nicht sehen konnte, und ihre Gedanken kehrten traurig zu Ashley zurück. Wie konnte er eine Heirat mit Melanie planen, wenn er in Wirklichkeit sie, Scarlett, liebte? Und wenn er wusste, wie sehr sie ihn liebte? Wie konnte er absichtlich ihr Herz brechen?
Da, plötzlich, blitzte eine Idee, leuchtend und neu, wie ein Komet durch ihren Kopf.
»Aber Ashley hat ja keine Ahnung, dass ich ihn liebe!«
Sie musste fast nach Luft schnappen, so wühlte die unerwartete Erkenntnis sie auf. Ihr Gehirn war einen langen, atemlosen Moment wie gelähmt, dann überschlugen sich die Gedanken.
»Woher soll er es auch wissen? Ich habe mich ihm gegenüber immer so prüde und damenhaft gegeben wie ein Rührmichnichtan, und er glaubt sicher, ich mache mir nichts aus ihm, außer als Freund. Ja, deswegen hat er auch nie geredet. Er glaubt, seine Liebe ist hoffnungslos. Und deswegen sah er auch so …«
Unvermittelt erinnerte sie sich an die Augenblicke zurück, als sie ihn dabei ertappt hatte, wie er sie merkwürdig ansah, als seine grauen Augen, die sonst so vollständig seine Gedanken abschirmten, plötzlich offen und nackt gewesen waren und Traurigkeit und Verzweiflung ausdrückten.
»Er ist so verzweifelt, weil er glaubt, ich bin in Brent oder Stuart oder in Cade verliebt. Und er denkt wahrscheinlich, wenn er mich sowieso nicht haben kann, dann kann er auch seiner Familie den Gefallen tun und Melanie heiraten. Aber wenn er wüsste, dass ich ihn liebe …«
Ihre Stimmung wechselte sprunghaft von tiefster Bedrückung zu erregter Glückseligkeit. Das war die Erklärung für Ashleys Verschlossenheit, für sein seltsames Verhalten. Er wusste es nicht! Eitelkeit eilte ihrem Wunschdenken zu Hilfe und machte aus Glauben Gewissheit. Wenn er wüsste, dass sie ihn liebte, würde er sich sofort in ihre Arme werfen. Sie musste nur …
»Ach!« dachte sie überschwänglich und presste ihre Finger an die gesenkte Stirn. »Wie dumm von mir, dass ich erst jetzt darauf komme. Ich muss es ihm irgendwie klarmachen. Er würde sie nicht heiraten, wenn er wüsste, dass ich ihn liebe! Wie könnte er auch?«
Erschrocken bemerkte sie, dass Gerald geendet hatte und der Blick ihrer Mutter auf ihr ruhte. Hastig begann sie ihre Gesätze, betete mechanisch die Perlen herunter, jedoch mit so bewegter Stimme, dass Mammy die Augen öffnete und ihr einen prüfenden Blick zuwarf. Während sie ihr Gebet abschloss und Suellen und dann Carreen mit ihren Gesätzen begannen, kreisten ihre Gedanken unablässig weiter um die neue verlockende Möglichkeit.
Selbst jetzt war es noch nicht zu spät! Oft genug hatte das County Skandale erlebt, wo Paare durchbrannten, obwohl einer von beiden einer anderen Person versprochen war und praktisch schon mit ihr vor dem Altar stand. Und bisher war noch nicht einmal Ashleys Verlobung bekannt gegeben worden! Ja, es war noch jede Menge Zeit!
Wenn zwischen Ashley und Melanie keine Liebe bestand, sondern nur ein uraltes Versprechen, warum sollte es ihm dann nicht möglich sein, dieses Versprechen zu brechen und Scarlett zu heiraten? Natürlich würde er das tun, wenn er begriff, dass sie ihn liebte. Sie musste Mittel und Wege finden, es ihn wissen zu lassen. Es würde ihr schon etwas einfallen! Und dann …
Scarlett wurde unsanft aus ihrem Wunschtraum gerissen, denn sie hatte die Responsorien versäumt, und ihre Mutter sah sie tadelnd an. Als sie wieder in das Gebet einfiel, hob sie kurz den Blick und sah sich im Zimmer um. Die knienden Gestalten, das sanfte Licht der Lampe, das dämmerige Dunkel, wo die Dienstboten sich wiegten, selbst die vertrauten Gegenstände, die ihr vor einer Stunde noch so hassenswert erschienen waren, nahmen augenblicklich die Farbe ihrer Gefühle an, und das Zimmer wurde wieder schön. Diesen Augenblick und dieses Bild sollte sie nie vergessen!
»Treueste Jungfrau«, hob ihre Mutter an. Die Litanei der Jungfrau begann, und Scarlett antwortete brav: »Bitte für uns«, während Ellen mit sanfter Altstimme die Attribute der Muttergottes pries.
Wie schon seit ihrer frühen Kindheit war dies für Scarlett vor allem ein Moment der Verehrung ihrer Mutter und nicht der Jungfrau. Mochte es auch frevelhaft sein, Scarlett sah vor ihren geschlossenen Augen, während die alten Worte wiederholt wurden, immer das erhobene Gesicht Ellens und nicht das der Heiligen Jungfrau: »Du Heil der Kranken«, »Du Sitz der Weisheit«, »Du Zuflucht der Sünder«, »Geheimnisvolle Rose« – es waren wunderschöne Worte, weil sie auf Ellen passten. Doch heute Abend fand Scarlett, vielleicht aufgrund ihrer Überreiztheit, in der ganzen Zeremonie, den leisen Worten, dem Gemurmel der Responsorien eine überwältigende Schönheit, wie sie sie bis dahin noch nie erlebt hatte. Und ihr Herz erhob sich zu Gott in aufrichtiger Dankbarkeit, dass ihr ein Weg eröffnet worden war – hinaus aus ihrem Elend und geradewegs in Ashleys Arme.
Als das letzte »Amen« erklang, standen alle auf, ein wenig steif, und Mammy musste mit vereinten Kräften von Teena und Rosa auf die Füße befördert werden. Pork nahm einen langen Kienspan vom Kaminsims, zündete ihn an der Lampe an und ging damit in die Halle. Gegenüber der geschwungenen Treppe befand sich eine Anrichte aus Walnussholz, die für das Speisezimmer zu groß war. Auf der großen Abstellfläche standen mehrere Lampen und eine lange Reihe von Kerzenständern. Pork zündete eine Lampe und drei Kerzen an, hielt das Licht hoch über sich und führte mit der selbstgefälligen Würde eines ersten Kammerherrn des königlichen Schlafgemachs, der König und Königin auf dem Weg zu ihren Räumen voranleuchtet, die Prozession die Treppe hinauf an. Ellen folgte ihm an Geralds Arm, dann die Mädchen, deren jede eine eigene Kerze trug.
Scarlett betrat ihr Zimmer, stellte die Kerze auf die hohe Kommode und suchte im dunklen Wandschrank nach dem Ballkleid, das geflickt werden musste. Sie legte es sich über den Arm und ging leise über den Flur. Die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern war nur angelehnt, und bevor Scarlett anklopfen konnte, hörte sie Ellens Stimme, die verhalten, aber in strengem Ton sprach.
»Mr. O’Hara, du musst Jonas Wilkerson entlassen.«
Gerald brauste auf: »Und wo kriege ich einen neuen Aufseher her, der mich nicht ständig übers Ohr haut?«
»Er muss sofort entlassen werden, noch morgen früh. Big Sam ist ein guter Vorarbeiter, er kann die Aufgaben so lange übernehmen, bis du einen anderen Aufseher einstellst.«
»Aha!« ertönte Geralds Stimme. »Soso, ich verstehe! Dann hat der feine Jonas also die …«
»Er muss entlassen werden.«
Dann ist er also der Vater von Emmie Slatterys Baby, dachte Scarlett. Naja, was kann man von einem Yankee und einem Mädchen aus dem weißen Lumpenpack schon anderes erwarten?
Nach einer diskreten Pause, in der Geralds Wortschwall Zeit hatte abzuklingen, klopfte sie an die Tür und reichte ihrer Mutter das Kleid.
Als Scarlett sich ausgezogen und die Kerze gelöscht hatte, stand ihr Plan für morgen in allen Einzelheiten fest. Es war ein einfacher Plan, denn mit der Unbeirrbarkeit, die sie von Gerald geerbt hatte, waren ihre Augen auf das Ziel gerichtet und auf den kürzesten Weg, es zu erreichen.
Zunächst würde sie »stolz« auftreten, wie Gerald es gefordert hatte. Sowie sie in Twelve Oaks ankam, würde sie sich von ihrer fröhlichsten und lebhaftesten Seite zeigen. Niemand würde auf den Gedanken kommen, dass sie wegen Ashley und Melanie je niedergeschlagen gewesen war. Und sie würde mit jedem Mann dort flirten. Das war grausam Ashley gegenüber, aber es würde ihn nur umso mehr nach ihr schmachten lassen. Sie würde keinen Mann in heiratsfähigem Alter übersehen, nicht Suellens Verehrer, den alten Frank Kennedy mit seinem roten Backenbart, und nicht einmal Melanies Bruder, den schüchternen, stillen, immerzu errötenden Charles Hamilton. Sie würden um sie herumschwirren wie Bienen um den Bienenstock, und sicher würde es Ashley von Melanie wegziehen, um sich dem Kreis ihrer Bewunderer anzuschließen. Dann würde sie es irgendwie einrichten, dass sie ein paar Minuten mit ihm allein hätte, fern von der Menge. Sie hoffte, alles möge so klappen, denn anders würde es schwierig. Doch wenn Ashley nicht den ersten Schritt tat, dann musste sie ihn eben selber tun.
Wenn sie dann endlich allein wären, würde in ihm das Bild nachwirken, wie die anderen Männer sich um sie scharten, ihm würde erneut klar, dass alle sie begehrten, und seine Augen hätten wieder jenen Ausdruck von Traurigkeit und Verzweiflung. Dann würde sie ihn wieder glücklich machen, indem sie ihn wissen ließ, dass sie, obwohl so viele hinter ihr her waren, ihn jedem anderen Mann in der ganzen Welt vorzog. Und wenn sie ihm dies offenbarte, zurückhaltend und lieb, würde er noch tausend andere Dinge an ihr wahrnehmen. Natürlich würde alles ganz vornehm vonstattengehen. Sie würde nicht einmal im Traum daran denken, ihm klipp und klar zu sagen, dass sie ihn liebte – das war undenkbar. Doch die Art, wie sie es ihm mitteilen würde, bekümmerte sie nicht im Geringsten. Sie hatte solche Situationen schon zuvor gemeistert, und folglich würde sie es wieder hinbekommen.
Sie lag im dämmrigen Mondlicht wach und hatte die ganze Szene vor Augen. Sie sah die Überraschung und das Glück in seinem Gesicht, als er erkannte, dass sie ihn wirklich liebte, und sie hörte ihn fragen, ob sie seine Frau werden wolle.
Natürlich würde sie dann sagen, es sei für sie schlicht unmöglich, an eine Heirat mit einem Mann zu denken, der mit einem anderen Mädchen verlobt war, aber er würde darauf bestehen, und endlich würde sie sich überreden lassen. Und dann würden sie noch am selben Nachmittag nach Jonesboro durchbrennen und …
Morgen Abend um diese Zeit konnte sie also schon Mrs. Ashley Wilkes sein!
Sie setzte sich im Bett auf und umfasste ihre Knie, und für einen langen glücklichen Augenblick war sie Mrs. Ashley Wilkes – Ashleys Braut! Doch dann durchfuhr sie ein leises Frösteln. Angenommen, es klappte nicht? Angenommen, Ashley würde sie nicht bitten, mit ihr durchzubrennen? Entschlossen verdrängte sie diesen Gedanken.
»Ich will darüber jetzt nicht nachdenken«, sagte sie sich. »Wenn ich jetzt darüber nachdenke, regt es mich nur auf. Warum sollte es nicht so ausgehen, wie ich es will – wenn er mich liebt. Und ich weiß, er liebt mich!«
Sie reckte ihr Kinn, und ihre bleichen, schwarz bewimperten Augen funkelten in der Dunkelheit. Ellen hatte ihr nie erklärt, dass Begehren und Erfüllung zweierlei sind. Das Leben hatte sie nicht gelehrt, dass nicht immer die Schnellsten gewinnen. Sie lag im silbrigen Mondschatten und schmiedete Pläne, wie Sechzehnjährige es tun, wenn ihr Leben immer so angenehm dahingeflossen ist, dass eine Niederlage nicht infrage kommt, und wenn das Schicksal durch ein schönes Kleid und einen schönen Teint besiegt werden kann.
KAPITEL 5
Es war zehn Uhr früh. Für einen Apriltag war es warm, und das goldene Sonnenlicht strömte hell durch die blauen Vorhänge der breiten Fenster in Scarletts Zimmer. Die cremefarbenen Wände leuchteten im Licht, die Mahagonimöbel schimmerten tief weinrot, während der Boden, wo ihn keine farbenfrohen Flickenteppiche bedeckten, glänzte, als wäre er aus Glas.
Sommer lag in der Luft, der erste Hinweis auf Georgias Sommer, wenn die Fluten des Frühlings widerstrebend vor der unerbittlichen Hitze weichen. Linde Wärme floss ins Zimmer, erfüllt von den samtenen Düften vieler Blüten, sprießender Bäume und der feuchten, frisch umgepflügten roten Erde. Durch das Fenster konnte Scarlett die leuchtende Pracht der Doppelreihen von Narzissen sehen, die den Kiesweg der Auffahrt säumten, sowie die goldenen Massen des gelben Jasmins, der seine Blütenzweige sittsam wie einen Reifrock auf die Erde breitete. Die Spottdrosseln und Häher zankten wie eh und je um den Besitz des Magnolienbaums unter Scarletts Fenster, die Häher schrill und erbittert, die Drosseln mit süßen Klagetönen.
Solch ein strahlender Morgen rief Scarlett gewöhnlich ans Fenster, wo sie sich mit den Armen auf die breite Fensterbank stützte, um die Düfte und Laute von Tara zu genießen. Doch heute hatte sie kein Auge für die Sonne oder den azurblauen Himmel, sie dachte nur kurz: Gott sei Dank regnet es nicht. Auf dem Bett lag das apfelgrüne Ballkleid aus Moiréseide mit dem Besatz aus ungebleichter Spitze bereit, fein säuberlich in einem großen Pappkarton verpackt, um nach Twelve Oaks gebracht und dort vor Beginn des Balls angelegt zu werden, doch Scarlett zuckte bei seinem Anblick nur die Achseln. Wenn ihre Pläne aufgingen, dann würde sie dieses Kleid heute Abend nicht tragen. Lange bevor der Ball begann, wären sie und Ashley schon auf dem Weg nach Jonesboro, um zu heiraten. Die schwierige Frage war nur – welches Kleid sollte sie beim Barbecue tragen?
Welches Kleid brachte ihre Reize am besten zur Geltung und machte sie für Ashley am unwiderstehlichsten? Seit acht Uhr probierte sie Kleider an und verwarf sie, und nun stand sie entmutigt und verdrießlich da in ihren Spitzenhosen, ihrem leinenen Korsettschoner und drei wogenden spitzenbesetzten Leinenunterröcken. Um sie herum lagen Kleider auf dem Boden, auf dem Bett und den Stühlen, bunte Stoffhaufen mit losen Bändern.
Das rosa Organzakleid mit der langen violetten Schärpe stand ihr gut, aber sie hatte es letzten Sommer getragen, als Melanie in Twelve Oaks zu Besuch war, und die würde sich bestimmt daran erinnern. Das schwarze Bombasinkleid mit Puffärmeln und Spitzenkragen brachte ihren weißen Teint wunderbar zur Geltung, aber es machte sie ein bisschen alt. Scarlett beäugte sich ängstlich im Spiegel, als befürchte sie, an ihrem sechzehnjährigen Gesicht Falten oder ein Doppelkinn zu entdecken. Auf keinen Fall durfte sie neben Melanies Jungmädchencharme behäbig und ältlich wirken. Das lavendelfarben gestreifte Musselinkleid mit seinen breiten Saumbesätzen aus Spitze und Tüll war wunderschön, aber es passte nicht zu ihrem Typ. Es hätte perfekt mit Carreens zartem Profil und unausgeprägtem Gesichtsausdruck harmoniert, aber Scarlett fand, dass sie selbst darin wie ein Schulmädchen aussah. Auf keinen Fall durfte sie neben Melanies Gelassenheit schulmädchenhaft wirken. Das grünkarierte Taftkleid mit seinen vielen Volants, von denen jeder mit einem grünen Samtband eingefasst war, stand ihr ausnehmend gut, es war eigentlich ihr Lieblingskleid, weil es ihre Augen smaragdgrün erscheinen ließ. Aber es hatte einen unübersehbaren Fettfleck vorne auf dem Mieder. Natürlich hätte sie ihre Brosche darüber befestigen können, aber vielleicht hatte Melanie scharfe Augen. Es blieben noch verschiedenfarbige Baumwollkleider, die für Scarletts Gefühl nicht festlich genug waren, Ballkleider und das grüngeblümte Kleid, das sie gestern getragen hatte. Aber das war ein Nachmittagskleid und nicht ganz passend für ein Barbecue, denn es hatte nur winzige Puffärmel und war am Hals tief genug ausgeschnitten, um als Tanzkleid durchzugehen. Doch es blieb keine Wahl, sie musste es tragen. Schließlich brauchte sie sich für ihren Hals, ihre Arme und ihren Busen nicht zu schämen, auch wenn es sich nicht schickte, sie am Vormittag zu zeigen.
Während sie so vor dem Spiegel stand und sich drehte, um sich von der Seite zu sehen, hatte sie an ihrer Figur nicht das Geringste auszusetzen. Ihr Hals war kurz, aber schön gerundet, ihre Arme waren drall und verlockend. Ihre Brüste, vom Korsett hochgestützt, waren sehr hübsch. Sie hatte nie nötig gehabt, kleine Halbmonde aus Seidenrüschen in das Futter ihres Mieders zu nähen, wie es die meisten Sechzehnjährigen taten, um ihrer Figur die gewünschten Rundungen zu geben. Sie war froh, dass sie Ellens schmale weiße Hände und ihre kleinen Füße geerbt hatte, und gerne hätte sie auch Ellens Größe gehabt, aber ihre eigene gefiel ihr auch sehr gut. Wie schade, dass man kein Bein zeigen durfte, dachte sie, raffte ihre Unterröcke und betrachtete bedauernd ihre drallen und adretten Beine unter dem Spitzenhöschen. Sie hatte so schöne Beine. Selbst die Mädchen an der Fayetteville Academy hatten das neidlos zugegeben. Und was ihre Taille anbetraf – kein Mädchen in Fayetteville und Jonesboro beziehungsweise in den drei umliegenden Countys hatte eine so schlanke Taille.
Der Gedanke an ihre Taille brachte sie zurück zu praktischen Überlegungen. Das grüne Musselinkleid maß um ihre Taille siebzehn Zoll, und Mammy hatte sie für das achtzehn Zoll weite Bombasinkleid geschnürt. Mammy würde sie fester schnüren müssen. Sie stieß die Tür auf und hörte schon Mammys schwere Schritte in der Halle unten. Ungeduldig rief sie nach ihr, denn sie konnte ihre Stimme ungestraft erheben, da Ellen im Räucherhaus Cookie das Essen für den Tag zumaß.
»Manche glauben wohl, ich kann fliegen«, grummelte Mammy und stapfte die Treppe herauf. Außer Atem und mit einer Miene, die Kampfbereitschaft verriet, trat sie ein. In ihren großen Händen trug sie ein Tablett, auf dem Essen dampfte, zwei große Yams mit Butter, ein Stapel Buchweizen-Pfannkuchen, die vor Sirup troffen, sowie eine dicke Scheibe Schinken, die im Bratensaft schwamm. Als Scarlett Mammys Last sah, wandelte sich ihr Gesichtsausdruck von leichtem Ärger zu störrischer Streitlust. Im Eifer des Anprobierens hatte sie Mammys eiserne Regel völlig vergessen, die O’Hara-Mädchen, bevor sie zu einer Party gingen, zu Hause so mit Essen vollzustopfen, dass sie dort keinen Bissen mehr zu sich nehmen konnten.
»Es ist zwecklos. Ich esse das nicht. Du kannst es gleich wieder in die Küche bringen.«
Mammy stellte das Tablett auf dem Tisch ab und stemmte die Hände in die Hüften.
»Und ob du was isst, Ma’m! Ich will nich noch mal erleben, was beim letzten Barbecue passiert is, wie mir von den Kutteln so schlecht war, dass ich dir kein Essen gebracht hab, bevor du aufgebrochen bist. Du isst das hier ratzekahl alles auf.«
»Das tu ich nicht! Komm lieber her und schnür mich fester, wir sind schon zu spät dran. Ich habe die Kutsche vorfahren hören.«
Mammys Stimme bekam einen schmeichlerischen Tonfall.
»Miss Scarlett, sei lieb und iss wenigstens ’n bisschen. Miss Carreen und Miss Suellen ham ihrs ganz aufgegessen.«
»Das sieht ihnen ähnlich«, sagte Scarlett verächtlich. »Die haben nicht mehr Temperament als ein Karnickel. Aber nicht mit mir! Ich hab genug von deinen Tabletts. Ich erinnere mich noch, wie ich mal das ganze Tablett leer gegessen habe, und dann gab es bei den Calverts Eiscreme aus echtem Eis, das sie aus Savannah hatten kommen lassen, und ich habe nur einen Löffel davon geschafft. Ich will es mir heute gut gehen lassen und so viel essen, wie ich mag.«
Angesichts dieser ketzerischen Aufmüpfigkeit runzelte Mammy unwillig die Stirn. Was ein junges Mädchen tun durfte und was nicht, das war für Mammy so grundverschieden wie schwarz und weiß. Bei den Benimmregeln gab es keinen Mittelweg. Suellen und Carreen waren wie Wachs in ihren mächtigen Händen und folgten respektvoll ihren Warnungen. Aber es war immer ein Kampf gewesen, Scarlett beizubringen, dass die meisten ihrer natürlichen Regungen undamenhaft waren. Mammys Siege über Scarlett waren hart und mit listigen Winkelzügen erkämpft, wie sie einem Weißen nicht leicht beikommen.
»Dir isses vielleicht egal, wie die Leute über die Familie reden, aber mir nich«, polterte sie. »Ich hör mir nich an, dass alle auf der Party sagen, du bist nich gut erzogen. Ich hab mir den Mund fusselig geredet, dass man ne Lady daran erkennt, dass sie wie ’n Vögelchen isst. Und ich will nich, dass du zu Mister Wilkes gehst und wie ’n Pflücker isst und alles in dich reinschlingst wie ’n Schwein.«
»Mutter ist eine Dame, und sie isst trotzdem«, entgegnete Scarlett.
»Wenn du verheiratet bist, dann kannst du auch essen«, gab Mammy zurück. »Miss Ellen hat in deinem Alter nie was gegessen, wenn sie eingeladen war, und auch deine Tante Pauline nich und deine Tante Eulalie. Und die ham alle geheiratet. Junge Misses, die viel essen, kriegen keinen Mann, das is ne Regel.«
»Das glaube ich nicht. Bei dem Barbecue, als du krank warst und ich vorher nichts gegessen hatte, hat mir Ashley Wilkes erklärt, dass er es gerne sieht, wenn ein Mädchen einen gesunden Appetit hat.«
Mammy schüttelte bedenklich den Kopf.
»Was ’n Gentleman sagt und was er meint, is nich dasselbe. Und ich hab nich gehört, dass Mister Ashley gefragt hat, ob du ihn heiraten willst.«
Scarlett schaute finster drein und wollte eine scharfe Antwort geben, fing sich aber noch. Mammy hatte nicht ganz unrecht, und Widerspruch war zwecklos. Als Mammy Scarletts verstocktes Gesicht sah, nahm sie das Tablett und änderte mit der ihr eigenen Hinterlist ihre Taktik. Auf dem Weg zur Tür seufzte sie:
»Na schön, Ma’m, von mir aus. Ich hab Cookie gesagt, wie sie das Tablett hergerichtet hat, man kann ne Lady daran erkennen, was sie nich isst, und ich sag zu Cookie: ›Ich hab noch nie ne weiße Lady gesehn, die weniger gegessen hat als Miss Melly Hamilton beim letzten Mal, wie sie Mister Ashley – ich mein’, Miss India besucht hat.‹«
Scarlett warf ihr einen argwöhnischen Blick zu, doch Mammys breites Gesicht verriet keine Hintergedanken, sondern nur Bedauern darüber, dass Scarlett keine solche Lady wie Melanie Hamilton war.
»Stell das Tablett ab und schnüre mich enger«, sagte Scarlett gereizt. »Und danach versuche ich ein bisschen zu essen. Wenn ich jetzt esse, kannst du mich nicht fest genug schnüren.«
Ohne die Befriedigung über ihren Triumph zu zeigen, setzte Mammy das Tablett ab.
»Was will mein Lämmchen denn anziehn?«
»Das da«, antwortete Scarlett und zeigte auf den flauschigen Hügel aus grüngeblümtem Musselin. Sofort geriet Mammy in Harnisch.
»Nee, das geht nich. Das passt nich für’n Morgen. Du kannst nich vor drei Uhr deinen Busen zeigen, und das Kleid hat keinen Kragen und keine Ärmel. Und du kriegst Sommersprossen so sicher wie’s Amen in der Kirche, und das will ich nich noch mal erleben, wo ich den ganzen Winter Buttermilch auf dich draufgeschmiert hab, um die Sommersprossen zu bleichen, die du dir am Strand von Savannah geholt hast. Das werd ich deiner Mutter sagen.«
»Wenn du auch nur ein Wort zu ihr sagst, bevor ich angekleidet bin, esse ich keinen Bissen«, sagte Scarlett kühl. »Mutter hat keine Zeit, mich noch mal zum Umziehen hinaufzuschicken, wenn ich das Kleid anhabe.«
Mammy seufzte resigniert und gab sich geschlagen. Zwischen den beiden Übeln war es immer noch besser, dass Scarlett mit einem Nachmittagskleid zu einem Vormittagsbarbecue ging, als dass sie schlang wie ein Schwein.
»Halt dich wo fest und hol tief Luft«, befahl sie.
Scarlett gehorchte, nahm sich zusammen und hielt sich an einem der Bettpfosten fest. Mammy zog und ruckte tüchtig an den Schnüren, und als der winzige Umfang der in Fischbein eingezwängten Taille noch schmaler wurde, sah sie Scarlett stolz und liebevoll an.
»Niemand hat ne Taille wie mein Lämmchen«, sagte sie anerkennend. »Immer wenn ich Miss Suellen enger wie zwanzig Zoll schnüre, fällt sie in Ohnmacht.«
»Puh!« keuchte Scarlett. »Ich bin noch nie in Ohnmacht gefallen.«
»Na, es würd dir nich schaden, wenn du hin und wieder mal in Ohnmacht fallen würdest«, riet Mammy. »Du bist manchmal zu forsch, Miss Scarlett. Das wollte ich dir immer schon mal sagen, es macht keinen guten Eindruck, wenn du bei Schlangen und Mäusen und so nich ohnmächtig wirst. Ich mein nich hier zu Hause, sondern wenn du auswärts in Gesellschaft bist. Und ich hab mir den Mund fusselig …«
»Oh, mach schnell und rede nicht so viel. Ich kriege bestimmt nen Mann. Du wirst schon sehen, auch wenn ich nicht kreische und in Ohnmacht falle. Gott, ist das Korsett eng! Zieh mir das Kleid an.«
Mammy ließ vorsichtig die zehn Meter Musselin über die ausladenden Unterröcke gleiten und hakte das enge, tief ausgeschnittene Mieder zu.
»Du behältst in der Sonne das Tuch um die Schultern, und lass bloß den Hut auf, wenn’s dir zu warm wird«, kommandierte sie. »Sonst kommst du braun wie die alte Miss Slattery nach Hause. Jetzt iss mal, Schatz, aber nich zu schnell. Es hat keinen Sinn, wenn alles gleich wieder hochkommt.«
Scarlett setzte sich folgsam vor das Tablett, voller Zweifel, dass sie irgendetwas in ihren Magen und gleichzeitig noch Luft kriegen könnte. Mammy nahm ein großes Handtuch vom Wäschetisch, band es Scarlett sorgfältig um den Hals und breitete die weißen Falten über ihren Schoß. Scarlett begann mit dem Schinken, weil sie Schinken mochte, und zwang ihn in sich hinein.
»Wäre ich doch bloß verheiratet«, sagte sie grollend und nahm widerwillig die Yams in Angriff. »Ich habe es satt, mich immer verstellen zu müssen und nie das zu tun, was ich will. Ich habe es satt, so zu tun, als ob ich nicht mehr esse als ein Vögelchen, und langsam zu gehen, wenn ich rennen will, und zu sagen, dass ich nach einem Walzer erschöpft bin, wo ich zwei Tage durchtanzen könnte, ohne müde zu werden. Ich habe es satt, ›Ich finde Sie so toll!‹ zu Männern zu sagen, die nicht halb so viel Verstand haben wie ich, und ich habe es satt, so zu tun, als wüsste ich nichts, damit die Männer mir etwas erklären und sich wichtig fühlen können, während sie es tun … Ich krieg keinen Bissen mehr runter.«
»Versuch einen Pfannkuchen«, sagte Mammy unerbittlich.
»Warum muss ein Mädchen so doof sein, um einen Mann zu kriegen?«
»Ich glaub, das is so, weil Gentlemänner nich wissen, was sie wollen. Die wissen nur, was sie sich einbilden. Und wenn man ihnen gibt, was sie sich einbilden, erspart einem das ’n Haufen Unglück und man wird keine alte Jungfer. Und die glauben, sie wollen kleine Mäuse, die wie Vögelchen essen und keinen Verstand ham. ’n Gentleman hat doch keine Lust, ne Frau zu heiraten, wenn er glaubt, dass sie mehr Verstand hat wie er selber.«
»Glaubst du nicht, dass die Männer überrascht sind, wenn sie nach der Heirat feststellen, dass ihre Frauen doch Verstand haben?«
»Na, dann isses zu spät. Dann sind sie ja verheiratet. Außerdem rechnen die Gentlemänner damit, dass ihre Frauen Verstand ham.«
»Eines Tages werde ich alles tun und sagen, wozu ich Lust habe, und wenn das den Leuten nicht passt, ist mir das egal.«
»Nee, das lässt du schön bleiben«, sagte Mammy grimmig. »Nich solang ich lebe. Jetzt iss die Pfannkuchen. Tunk sie in die Soße, Schatz.«
»Ich glaube, Yankee-Mädchen müssen sich nicht so dumm benehmen. Als wir letztes Jahr in Saratoga waren, habe ich viele gesehen, die sich benommen haben, als hätten sie richtig Verstand, und zwar auch gegenüber Männern.«
Mammy schnaubte verächtlich.
»Yankee-Mädchen! Ja Ma’m, die sagen vielleicht frei raus, was sie denken, aber ich hab nich viele in Saratoga gesehn, die nen Antrag bekommen haben.«
»Aber Yankees müssen doch heiraten«, hielt Scarlett dagegen. »Sie wachsen schließlich nicht auf Bäumen. Sie müssen heiraten und Kinder kriegen. Sonst gäbe es nicht so viele.«
»Die Männer heiraten sie wegen ihrem Geld«, sagte Mammy bestimmt.
Scarlett tunkte den Pfannkuchen in die Soße und schob ihn in den Mund. Vielleicht war etwas dran an Mammys Behauptung. Es musste etwas dran sein, denn Ellen sagte das Gleiche, nur in anderen und gewählteren Worten. Tatsächlich schärften die Mütter aller Freundinnen ihren Töchtern ein, sich als hilflose, anschmiegsame, rehäugige Wesen zu geben. Wirklich, es brauchte eine Menge Disziplin, um eine solche Pose zu erlernen und durchzuhalten. Vielleicht war sie zu keck gewesen? Gelegentlich hatte sie mit Ashley gestritten und freiheraus ihre Meinung gesagt. Vielleicht war das zusammen mit ihrer gesunden Freude an frischer Luft und am Reiten der Grund dafür, dass Ashley sich der zerbrechlichen Melanie zugewandt hatte. Vielleicht, wenn sie ihre Taktik änderte … Aber sie wusste, wenn er solchen vorher ausgeklügelten Tricks erlag, dann könnte sie ihn nie wieder so achten wie jetzt. Ein Mann, der dumm genug war, um auf ein affektiertes Lächeln, eine Ohnmacht und ein »Oh, wie toll Sie sind!« hereinzufallen, war nicht der Mühe wert. Aber alle schienen das zu mögen.
Wenn sie in der Vergangenheit bei Ashley die falsche Taktik angewendet hatte – tja, das war nun einmal geschehen. Heute würde sie eine andere anwenden, und zwar die richtige. Sie wollte ihn, und sie hatte nur wenige Stunden, um ihn zu gewinnen. Wenn eine echte oder vorgetäuschte Ohnmacht diesen Zweck erfüllte, dann würde sie eben ohnmächtig. Wenn affektiertes Lächeln, Koketterie oder Unbedarftheit ihn anzogen, dann würde sie mit Freude die Kokette spielen und unbedarfter sein als selbst Cathleen Calvert. Und wenn mutigere Maßnahmen nötig sein sollten, dann würde sie auch die ergreifen. Heute oder nie!
Es gab niemanden, der Scarlett erklärte, dass ihre eigene Persönlichkeit, so einschüchternd lebendig sie auch war, anziehender wirkte als jede Maske, die sie sich überstülpte. Hätte man es ihr gesagt, hätte sie geschmeichelt, aber ungläubig reagiert. Und ebenso ungläubig hätte die Gesellschaft, der sie angehörte, reagiert, denn zu keiner Zeit, weder vorher noch nachher, legte man so wenig Wert auf weibliche Natürlichkeit.
Während der Kutschfahrt auf der roten Landstraße zur Plantage der Wilkes erfüllte es Scarlett mit diebischer Freude, dass weder ihre Mutter noch Mammy an der Party teilnahm. Beim Barbecue würde niemand mit leicht hochgezogenen Augenbrauen oder vorgeschobener Unterlippe ihren Plan behindern. Natürlich würde Suellen morgen petzen, aber wenn alles so ausging, wie Scarlett es sich erhoffte, würde das Entzücken der Familie über die Verlobung oder Flucht ihren Unwillen weit überwiegen. Ja, sie war sehr froh, dass Ellen zu Hause bleiben musste.
Gerald hatte sich am Morgen mit einigen Brandys gestärkt und Jonas Wilkerson entlassen, und Ellen blieb in Tara, um die Rechnungsbücher der Plantage durchzugehen, bevor er aufbrach. Scarlett hatte ihrer Mutter in dem kleinen Büro einen Abschiedskuss gegeben, wo sie vor dem hohen Sekretär mit seinen überfüllten Papierfächern saß. Jonas Wilkerson, den Hut in der Hand, stand neben ihr. Sein blasses, straffes Gesicht verbarg kaum seinen Hass und seine Wut darüber, dass er so mir nichts dir nichts aus dem besten Aufseher-Job im ganzen County hinausgeworfen worden war. Und alles nur wegen einem kleinen Techtelmechtel. Er hatte Gerald immer wieder erklärt, dass Emmie Slatterys Baby ebenso gut von einem Dutzend anderer Männer gezeugt worden sein konnte – und Gerald hatte ihm da beigepflichtet –, aber das hatte an der Sache von Ellens Warte aus nichts geändert. Jonas hasste alle Südstaatler. Er hasste ihre kühle Höflichkeit ihm gegenüber und ihre Verachtung für seinen gesellschaftlichen Status, die von ihrer Höflichkeit nur unzureichend verdeckt wurde. Ganz besonders hasste er Ellen O’Hara, denn sie war der Inbegriff all dessen, was er an den Südstaatlern verabscheute.
Mammy als Vorsteherin der Frauen war auf der Plantage geblieben, um Ellen zu unterstützen, und so saß Dilcey neben Toby auf dem Kutschbock, die Ballkleider der Mädchen in einer großen Schachtel auf dem Schoß. Gerald ritt auf seinem hochbeinigen Jagdpferd neben der Kutsche her, angewärmt vom Brandy und zufrieden, dass er die unerfreuliche Wilkerson-Angelegenheit so schnell hinter sich gebracht hatte. Er hatte die Verantwortung auf Ellen abgeladen, und dass sie enttäuscht sein könnte, das Barbecue und ihre Freunde zu verpassen, kam ihm nicht in den Sinn. Denn es war ein strahlender Frühlingstag, und seine Felder waren schön, und die Vögel sangen, und er fühlte sich zu jung und ausgelassen, um an irgendjemand anderen zu denken. Hin und wieder trällerte er das ein oder andere irische Lied wie Peg in a Low-backed Car oder auch die eher düstere Klage um Robert Emmet: She is far from the Land, where her Young Hero Sleeps.
Er war glücklich, voller Vorfreude, den ganzen Tag über die Yankees herziehen und über den Krieg schwadronieren zu können, und er war stolz auf seine drei hübschen Töchter in ihren hellen ausladenden Reifröcken unter ihren närrischen spitzenbesetzten Sonnenschirmchen. An das gestrige Gespräch mit Scarlett dachte er nicht mehr, er hatte es vollständig vergessen. Er fand nur, dass sie hübsch war und ihm alle Ehre machte und dass ihre Augen heute so grün leuchteten wie die Hügel Irlands. Dieser Gedanke hob sein Selbstgefühl, denn es schwang Poesie darin mit, und so traktierte er die Mädchen mit einem lauten und leicht falsch gesungenen Ständchen von The Wearin’ o’the Green.
Scarlett sah ihn mit liebevoller Nachsicht an, wie Mütter sie für ihre kleinen Prahlhänse empfinden. Sie wusste, dass er bei Sonnenuntergang schwer betrunken sein würde. Auf dem Heimweg würde er wie gewöhnlich versuchen, über jeden Zaun zwischen Twelve Oaks und Tara zu springen, und sich hoffentlich dank der barmherzigen Vorsehung und der Klugheit seines Pferdes nicht das Genick brechen. Er würde die Brücke verschmähen und mit seinem Pferd durch den Fluss schwimmen und grölend heimkehren, um dann von Pork auf dem Sofa im Büro zu Bett gebracht zu werden. Pork blieb bei solchen Gelegenheiten immer auf und wartete mit einer Lampe in der vorderen Halle.
Gerald würde seinen neuen feinen grauen Anzug ruinieren, am Morgen lauthals darüber fluchen und Ellen umständlich erklären, sein Pferd sei im Dunkeln von der Brücke gestürzt – eine durchsichtige Lüge, die ihm niemand glaubte, die aber alle akzeptierten, weshalb er sich sehr durchtrieben vorkam.
Pa ist ein lieber, egoistischer und leichtsinniger Kindskopf, dachte Scarlett in plötzlich aufwallender Zuneigung. Sie war so aufgeregt und glücklich an diesem Morgen, dass sie die ganze Welt und auch Gerald in ihre Zuneigung einschloss. Sie war hübsch, und das wusste sie. Noch vor Ende des Tages würde sie Ashley für sich haben. Die Sonne schien warm und angenehm, und die ganze Pracht des Frühlings in Georgia breitete sich vor ihr aus. Am Straßenrand wucherten die Brombeersträucher in sanftestem Grün über die rohen roten Furchen, die der Winterregen in den Boden geschnitten hatte, und die kahlen Granitbuckel, die durch die Erde brachen, waren von Cherokee-Rosenbüschen bedeckt und von wilden Veilchen im zartesten Violett eingefasst. Auf den bewaldeten Hügeln oberhalb des Flusses blühte der Hartriegel blendend weiß, als hätten sich in dem Grün noch Schneereste erhalten. Die Knospen der wilden Apfelbäume brachen auf und leuchteten von Blassweiß bis Dunkelrosa, und unter den Bäumen, wo das Sonnenlicht die Piniennadeln sprenkelte, bildete wildes Geißblatt einen bunten Teppich von Scharlachrot über Orangefarben bis Rosa. Der sanfte Wind trug einen zarten Geruch von wilden Gewürzsträuchern herbei, und die Welt duftete zum Anbeißen süß.
Ich werde mich bis an mein Lebensende daran erinnern, wie schön dieser Tag ist, dachte Scarlett. Vielleicht ist es ja mein Hochzeitstag!
Und ihr Herz hüpfte bei der Vorstellung, wie sie und Ashley vielleicht noch an diesem Nachmittag oder heute Nacht bei Mondschein durch diese schöne Welt aus Blüten und Grün eilends nach Jonesboro zu einem Priester fahren würden. Natürlich müssten sie sich dann von einem Priester in Atlanta noch einmal trauen lassen, aber darum sollten sich Ellen und Gerald kümmern. Ein wenig sank ihr der Mut bei der Vorstellung, wie leichenblass Ellen die Nachricht entgegennehmen würde, dass ihre Tochter mit dem Verlobten eines anderen Mädchens durchgebrannt war, aber sie wusste, Ellen würde ihr vergeben, wenn sie erst sah, wie glücklich sie war. Und Gerald würde schimpfen und schreien, aber obwohl er gestern gesagt hatte, er sei gegen eine Ehe mit Ashley, würde ihn eine Verbindung zwischen seiner Familie und den Wilkes unsagbar froh machen.
Aber darüber kann ich mir den Kopf zerbrechen, wenn ich verheiratet bin, dachte sie und schob die Sorgen beiseite.
Es war unmöglich, an diesem warmen sonnigen Frühlingstag etwas anderes als durchdringendes Glück zu fühlen, während die Schornsteine von Twelve Oaks allmählich über dem Hügel jenseits des Flusses auftauchten.
»Dort werde ich mein ganzes Leben verbringen, und ich werde noch fünfzig Mal einen solchen Frühling erleben, vielleicht sogar öfter, und ich werde meinen Kindern und Enkeln erzählen, wie schön dieser Frühling war, schöner, als sie je einen erleben werden.« Bei diesem Gedanken war sie so glücklich, dass sie in den letzten Refrain von The Wearin’ o’the Green einfiel und Geralds laute Zustimmung erhielt.
»Ich verstehe nicht, wieso du heute Morgen so fröhlich bist«, sagte Suellen verdrossen, denn es nagte immer noch an ihr, dass sie in Scarletts grünseidenem Ballkleid sehr viel besser aussähe als dessen rechtmäßige Besitzerin. Warum war Scarlett auch immer so egoistisch, wenn es um das Verleihen von Kleidern und Hauben ging? Und warum stärkte Mutter ihr immer den Rücken und sagte, Grün sei nicht Suellens Farbe? »Du weißt so gut wie ich, dass heute Abend Ashleys Verlobung bekannt gegeben wird. Pa hat’s heute Morgen gesagt. Und ich weiß, dass du ihm seit Monaten schöne Augen machst.«
»Was du alles weißt«, sagte Scarlett und streckte ihr die Zunge heraus. Sie hatte keine Lust, sich ihre gute Laune verderben zu lassen. Was für ein blaues Wunder Miss Sue morgen früh um diese Zeit erleben würde!
»Susie, du weißt, dass das nicht stimmt«, protestierte Carreen betroffen. »Scarlett hat es doch auf Brent abgesehen.«
Scarlett wandte ihrer jüngeren Schwester lachende grüne Augen zu und fragte sich, wie jemand nur so lieb sein konnte. Die ganze Familie wusste, dass Carreen ihr dreizehnjähriges Herz an Brent Tarleton gehängt hatte, der in ihr nie etwas anderes sah als Scarletts kleine Schwester. Wenn Ellen nicht da war, zogen die O’Haras sie damit auf, bis ihr die Tränen kamen.
»Süße, Brent ist mir völlig egal«, erklärte Scarlett, die vor lauter Glück großzügig wurde. »Und er macht sich auch nichts aus mir. Er wartet nur darauf, dass du erwachsen wirst!«
Carreens rundes kleines Gesicht, in dem Freude mit Ungläubigkeit kämpfte, lief rosarot an.
»O Scarlett, wirklich?«
»Scarlett, du weißt, dass Mutter gesagt hat, Carreen ist noch zu jung, um schon an Verehrer zu denken, und jetzt setzt du ihr solche Flausen in den Kopf.«
»Na, dann geh doch petzen, das ist mir doch egal«, erwiderte Scarlett. »Du willst die Kleine bloß zurückhalten, weil du weißt, dass sie in einem Jahr hübscher ist als du.«
»Ihr haltet heute eure Zungen im Zaum, oder ich komm euch mit der Gerte«, warnte Gerald. »Still jetzt! Hört man da Räder? Das sind die Tarletons oder die Fontaines.«
Als sie sich der Querstraße näherten, die den dicht bewaldeten Hügel von Mimosa und Fairhill herunterkam, wurde das Geräusch von Hufen und Kutschenrädern deutlicher, und hinter den Bäumen ertönten laute Frauenstimmen in fröhlichem Disput. Gerald ritt voraus, brachte dann sein Pferd zum Stehen und gab Toby ein Zeichen, die Kutsche anzuhalten, wo die beiden Straßen sich trafen.
»Das sind die Tarleton-Ladys«, verkündete er seinen Töchtern. Sein rotes Gesicht strahlte, denn keine Frau im ganzen County, von Ellen abgesehen, mochte er besser leiden als die rothaarige Mrs. Tarleton. »Und sie führt selber die Zügel. Ah, die Frau hat ein Händchen für Pferde! Federleicht und zäh wie Leder, und trotzdem zum Küssen hübsch. Zu schade, dass keine von euch solche Hände hat«, fügte er hinzu und warf seinen Töchtern liebevoll tadelnde Blicke zu. »Carreen hat Angst vor den armen Viechern, und Sue hat Hände wie Plätteisen, wenn sie die Zügel halten soll, und du, Puss …«
»Immerhin bin ich noch nie abgeworfen worden«, rief Scarlett gekränkt. »Und Mrs. Tarleton fliegt bei jeder Jagd vom Pferd.«
»Und bricht sich das Schlüsselbein wie ein Mann«, sagte Gerald. »Keine Ohnmacht, kein Gejammer. Aber jetzt Schluss damit, da kommt sie.«
Er richtete sich in seinen Steigbügeln auf und schwenkte den Hut, als die Kutsche der Tarletons in Sicht kam, randvoll mit Mädchen in hellen Kleidern, mit Sonnenschirmen und flatternden Schleiern – und Mrs. Tarleton auf dem Kutschbock, wie Gerald gesagt hatte. Mit ihren vier Töchtern, deren Mammy und Ballkleidern in langen Pappschachteln war die Kutsche so überfüllt, dass kein Platz mehr für einen Kutscher war. Und außerdem ließ Beatrice Tarleton freiwillig niemanden, ob schwarz oder weiß, die Zügel führen, solange sie ihre Arme nicht in der Schlinge trug. Zart, zierlich und so weißhäutig, als hätte die glänzende Fülle ihres Haars alle Farbe aus ihrem Gesicht aufgesogen, verfügte sie gleichwohl über eine strahlende Gesundheit und unerschöpfliche Energie. Sie hatte acht Kinder geboren, alle so rothaarig und lebensvoll wie sie, und nach Ansicht des County prächtig großgezogen, weil sie ihnen die gleiche liebevolle Nachsicht und strenge Disziplin zuteilwerden ließ wie den Fohlen, die sie züchtete. »Bändige sie, aber brich nicht ihren Willen«, lautete Mrs. Tarletons Motto.
Sie liebte Pferde und kannte kaum ein anderes Gesprächsthema. Sie verstand sie besser und ging besser mit ihnen um als irgendein Mann im County. Die Koppel, die bis zum Rasen vor dem Haus reichte, wimmelte förmlich vor Fohlen, so wie das weitläufige Haus auf dem Hügel vor Kindern wimmelte, und Fohlen und Söhne und Töchter und Jagdhunde tummelten sich hinter ihr, wenn sie durch die Plantage ging. Sie schrieb ihren Pferden, insbesondere ihrer Stute Nellie, menschliche Intelligenz zu; und wenn die häuslichen Pflichten sie über den Zeitpunkt ihres täglichen Ausritts hinaus beschäftigt hielten, drückte sie einem Sklavenkind die Zuckerdose in die Hand und sagte: »Gib Nellie eine Handvoll und sag ihr, ich komme gleich.«
Nur selten trug sie etwas anderes als Reitkleidung, denn ob sie ritt oder nicht, sie ging immer davon aus, dass sie reiten würde, und in dieser Erwartung kleidete sie sich an. Jeden Morgen, bei Regen oder Sonnenschein, wurde Nellie gesattelt und vor dem Haus auf und ab geführt, bis Mrs. Tarleton sich für eine Stunde von ihren Pflichten freimachen konnte. Doch die Verwaltung der Fairhill-Plantage war aufwendig und freie Zeit nicht leicht zu erübrigen, und so wurde Nellie Stunde um Stunde reiterlos am Zügel geführt, während Beatrice Tarleton ihren Tagesgeschäften nachging und dabei gedankenlos das lange Ende ihres Rocks über den Arm gehängt hatte, so dass darunter sechs Zoll blankgeputzter Stiefel zum Vorschein kamen.
Heute, da sie ein mattschwarzes Seidenkleid über einem unmodisch schmalen Reifrock trug, schien sich an ihrem alltäglichen Äußeren kaum etwas geändert zu haben, denn das Kleid war so streng geschnitten wie ihre Reittracht, und der kleine schwarze Hut mit seiner langen schwarzen Feder, die schräg über einem der warm funkelnden, braunen Augen wippte, war eine Kopie des zerbeulten alten Huts, den sie zur Jagd trug.
Sie winkte mit der Peitsche, als sie Gerald sah, und brachte ihr tänzelndes Paar Rotfüchse zum Stehen. Die vier Mädchen im Fond der Kutsche lehnten sich heraus und gaben so laute Begrüßungsschreie von sich, dass sich die Pferde vor Schreck aufbäumten. Ein zufälliger Beobachter hätte sicher gedacht, dass Jahre vergangen sein mussten, seit die Tarletons die O’Haras gesehen hatten, in Wirklichkeit waren es jedoch nur zwei Tage. Aber sie waren eine gesellige Familie und mochten ihre Nachbarn, vor allem die Mädchen der O’Haras. Das heißt, sie mochten Suellen und Carreen. Kein Mädchen im County, vielleicht mit Ausnahme der dämlichen Cathleen Calvert, konnte Scarlett wirklich gut leiden.
Im Sommer gab es im County im Durchschnitt jede Woche ein Barbecue und einen Ball, doch für die rothaarigen Tarletons mit ihrer enormen Fähigkeit, sich zu amüsieren, war jedes Barbecue und jeder Ball so aufregend, als ob sie noch nie etwas dergleichen erlebt hätten. Sie waren ein hübsch anzuschauendes, vollbusiges Quartett und so in der Kutsche zusammengequetscht, dass ihre Reifröcke und Volants sich verhedderten und ihre Sonnenschirme über den breiten, mit Rosen und schwarzsamtenen Kinnbändern geschmückten Florentiner Strohhüten fortwährend aneinanderstießen. Alle Schattierungen von rotem Haar waren unter diesen Hüten vertreten, Hettys einfach rotes Haar, Camillas Rotblond, Randas kupferfarbenes Goldbraun und das Karottenrot der kleinen Betsy.
»Das ist ne nette Mädchenschar, meiner Treu«, sagte Gerald galant und lenkte sein Pferd an die Seite der Kutsche. »Aber die müssen sich sehr anstrengen, wenn sie ihre Mutter übertreffen wollen.«
Mrs. Tarleton rollte ihre rotbraunen Augen und biss sich in gespielter Verlegenheit auf die Unterlippe, während die Mädchen johlten: »Ma, hör auf, ihm schöne Augen zu machen, sonst sagen wir’s Pa!« »Ich schwöre, Mr. O’Hara, sie lässt uns nie eine Chance, wenn ein gut aussehender Mann wie Sie auftaucht!«
Scarlett lachte mit den anderen über diese Späße, aber wie jedes Mal erschreckte es sie, wie die Tarletons mit ihrer Mutter umsprangen. Sie verhielten sich, als sei sie eine von ihnen und keinen Tag älter als sechzehn. Für Scarlett war schon die Vorstellung, solche Dinge zu ihrer eigenen Mutter zu sagen, beinahe ein Sakrileg. Und doch – und doch –, das Verhältnis der Tarleton-Mädchen zu ihrer Mutter hatte etwas sehr Sympathisches, und auch wenn sie sie kritisierten, schalten und auf den Arm nahmen, liebten sie sie über alles. Nicht, so sagte sich Scarlett rasch, dass sie eine Mutter wie Mrs. Tarleton Ellen vorgezogen hätte, aber trotzdem würde es Spaß machen, mit der Mutter so herumzualbern. Sie wusste, dass bereits diese Vorstellung Ellen gegenüber respektlos war, und schämte sich ein wenig. Es war ihr klar, dass keine solch komplizierten Gedanken je die Köpfe unter den vier flammenden Haarmähnen in der Kutsche beschwerten, und wie immer, wenn sie das Gefühl hatte, anders zu sein als ihresgleichen, beschlich sie eine gereizte Verwirrung.
So fix ihr Verstand war, so wenig taugte er zum Analysieren, doch halb unbewusst erkannte sie, dass die Tarleton-Mädchen, mochten sie auch unbändig wie Fohlen und wild wie Märzhasen sein, eine sorglose Unbeirrbarkeit geerbt hatten. Sowohl von Mutterseite wie von der des Vaters stammten sie von den ersten Siedlern in Nord-Georgia ab und waren nur eine Generation von den Pionieren entfernt. Sie waren ihrer selbst und ihrer Lebenswelt sicher. Sie wussten instinktiv, wer sie waren, genauso wie die Wilkes, wenn auch auf vollkommen andere Art, und sie kannten solche Konflikte nicht, wie sie häufig in Scarletts Brust tobten, wo sich das Blut einer leise sprechenden, überzüchteten Küstenaristokratin mit dem durchtriebenen, erdverbundenen Blut eines irischen Bauern mischte. Scarlett wollte ihre Mutter wie eine Göttin verehren und anbeten und sie zugleich necken und ihr das Haar zerzausen. Und sie wusste, dass sie nur eines von beidem konnte. Das gleiche widerstreitende Gefühl erweckte in ihr einerseits den Wunsch, eine zarte und vornehme Dame zu sein, während sie andererseits gerne ein Wildfang war, der nichts gegen ein paar Küsse einzuwenden hatte.
»Wo steckt denn Ellen heute Morgen?« fragte Mrs. Tarleton.
»Sie kümmert sich um die Entlassung unseres Aufsehers und geht mit ihm die Bücher durch. Und wo ist der Gatte mit den Jungs?«
»Oh, die sind schon vor Stunden nach Twelve Oaks geritten – um zu probieren, ob der Punsch auch stark genug ist, nehme ich an, als ob sie dafür nicht bis morgen früh Zeit hätten! Ich werde John Wilkes bitten, sie über Nacht dazubehalten, selbst wenn er sie im Stall unterbringen muss. Fünf betrunkene Männer sind einfach zu viel für mich. Bis zu drei, das geht noch, aber …«
Gerald unterbrach sie hastig, um das Thema zu wechseln. Er spürte, wie seine Töchter hinter seinem Rücken kicherten. Sie konnten sich gut erinnern, in welchem Zustand er vom letzten Barbecue bei den Wilkes im vergangenen Herbst heimgekehrt war.
»Und warum reiten Sie heute nicht, Mrs. Tarleton? Ohne Nellie sehen Sie überhaupt nicht wie Sie selber aus. Sie sind doch eigentlich ein Stentor, das sind Sie.«
»Ein Stentor? Sie dummer Junge!« rief Mrs. Tarleton und versuchte seinen irischen Akzent nachzuahmen. »Sie meinen einen Zentaur. Stentor war ein Mann mit einer Stimme wie ein Messinggong.«
»Stentor oder Zentaur, das ist doch egal«, antwortete Gerald, unbeeindruckt von seinem Fehler. »Und außerdem haben Sie ne Stimme wie ein Gong, Ma’m, wenn Sie Ihre Hunde antreiben, da gibt’s kein Vertun.«
»Da hörst du’s, Ma«, sagte Hetty. »Ich hab dir gesagt, du schreist wie ein Komantsche, wenn du einen Fuchs siehst.«
»Aber nicht so laut, wie du schreist, wenn Mammy dir die Ohren wäscht«, erwiderte Mrs. Tarleton. »Und das mit sechzehn! Nun, warum ich heute nicht reite: Nellie hat heute Morgen gefohlt.«
»Wirklich!« rief Gerald mit ungeheucheltem Interesse. Die irische Leidenschaft für Pferde blitzte in seinen Augen auf, und Scarlett erschrak erneut über den Unterschied zwischen ihrer Mutter und Mrs. Tarleton. Für Ellen fohlten Stuten nicht, und Kühe kalbten nicht. Kaum, dass Hühner Eier legten. Ellen ignorierte diese Dinge vollständig. Doch Mrs. Tarleton kannte keine solche Zurückhaltung.
»Eine kleine Stute, oder?«
»Nein, ein hübscher kleiner Hengst mit zwei Meter langen Beinen. Sie müssen rüberreiten und ihn sich ansehen, Mr. O’Hara. Es ist ein richtiges Tarleton-Pferd, so rot wie Hettys Locken.«
»Und sieht auch sonst ziemlich aus wie Hetty«, sagte Camilla und verschwand dann kreischend inmitten eines Tumults von Röcken, Spitzenunterhosen und wippenden Hüten, als Hetty, die tatsächlich ein langes Gesicht hatte, anfing, sie zu kneifen.
»Meine Fohlen sticht heute Morgen der Hafer«, sagte Mrs. Tarleton. »Sie sind schon die ganze Zeit außer Rand und Band, seit wir die Nachricht von Ashley und seiner kleinen Cousine aus Atlanta gehört haben. Wie heißt sie noch mal? Melanie? Das gute Kind, es ist ein süßes kleines Ding, aber ich kann mich nie an ihren Namen oder an ihr Gesicht erinnern. Unsere Köchin ist die Frau von Wilkes’ Butler, und er kam gestern Abend mit der Nachricht herüber, dass heute Abend die Verlobung bekannt gegeben wird, und Cookie hat es uns heute Morgen erzählt. Die Mädchen sind ganz aufgeregt deswegen, ich verstehe nur nicht, warum. Alle haben seit Jahren gewusst, dass Ashley sie heiraten wird, oder auch eine seiner Burr-Cousinen aus Macon. So wie Honey Wilkes Melanies Bruder Charles heiraten wird. Jetzt sagen Sie mir mal, Mr. O’Hara, ist es für die Wilkes denn illegal, außerhalb ihrer Familie zu heiraten? Denn wenn …«
Scarlett hörte den Rest der abfällig scherzenden Worte nicht mehr. Einen kurzen Augenblick war es, als hätte die Sonne sich hinter einer kalten Wolke weggeduckt und die Welt in Schatten getaucht, so dass alle Dinge ihre Farbe verloren. Das frische grüne Laub sah kränklich aus, der Hartriegel bleich und die vorhin noch so prächtig rosa blühenden Holzapfelbäume verblasst und reizlos. Scarlett grub ihre Finger ins Sitzpolster, und einen Augenblick lang schwankte ihr Sonnenschirm. Von Ashleys Verlobung zu wissen war eines, etwas ganz anderes aber, Leute so beiläufig darüber reden zu hören. Dann kehrte ihr Mut mit Macht zurück, die Sonne kam wieder heraus, und die Landschaft leuchtete erneut. Sie wusste, das Ashley sie liebte. Das war sicher. Und sie lächelte bei der Vorstellung, wie überrascht Mrs. Tarleton wäre, wenn heute Abend keine Verlobung bekannt gegeben würde – wie überrascht, wenn stattdessen eine Entführung stattfände. Und sie würde den Nachbarinnen erzählen, was für ein Schlitzohr Scarlett war, einfach dazusitzen und ihrem Gerede über Melanie zuzuhören, während sie und Ashley die ganze Zeit … sie schmunzelte, wenn sie daran dachte, und Hetty, die die Wirkung der Worte ihrer Mutter genau beobachtet hatte, sank mit leicht gerunzelter Stirn zurück.
»Sie können sagen, was Sie wollen, Mr. O’Hara«, sagte Mrs. Tarleton entschieden. »Das ist grundverkehrt, dieses Heiraten unter Cousins und Cousinen. Für Ashley ist es schlimm genug, dass er das Hamilton-Kind heiratet, aber dass Honey den farblosen Charles Hamilton heiraten soll …«
»Honey wird nie jemanden abkriegen, wenn sie Charlie nicht heiratet«, sagte Randa mit der Grausamkeit eines Mädchens, das sich seiner Beliebtheit sicher ist. »Sie hat außer ihm noch nie einen Verehrer gehabt. Und er hat sich nie so benommen, als hätte er eine Schwäche für sie trotz ihrer Verlobung. Scarlett, erinnerst du dich, wie er letztes Weihnachten hinter dir her war …«
»Sei nicht so boshaft, Miss«, sagte ihre Mutter. »Cousins und Cousinen sollten nicht heiraten, auch nicht die zweiten Grades. Es schwächt die Erbanlagen. Das ist nicht wie bei den Pferden. Man kann eine Stute mit ihrem Bruder paaren oder einen Hengst mit seiner Tochter und gute Ergebnisse erzielen, wenn man die Abstammungslinien kennt, aber bei Menschen funktioniert das nicht. Man bekommt vielleicht einen guten Stammbaum, aber ohne Saft und Kraft. Man …«
»Also, Ma’m, da muss ich Ihnen widersprechen! Können Sie mir bessere Leute als die Wilkes nennen? Und sie heiraten untereinander seit Brian Borus Kindertagen.«
»Und es ist höchste Zeit, dass sie damit aufhören, denn man sieht es langsam. Naja, nicht so sehr bei Ashley, der ist ein gutaussehender Teufel, obwohl auch er … Aber sehen Sie sich die beiden blutleeren Wilkes-Mädchen an, diese armen Dinger! Nette Mädchen, natürlich, aber blutleer! Und sehen Sie sich die kleine Miss Melanie an. Dünn wie eine Bohnenstange und so schmächtig, dass der Wind sie wegblasen kann, und keinerlei Temperament. Ohne einen einzigen eigenen Gedanken. ›Nein, Ma’m!‹, ›Ja, Ma’m!‹ – mehr hat sie nicht zu sagen. Verstehen Sie, was ich meine? Diese Familie braucht neues Blut, schön kräftiges Blut so wie meine Rotschöpfe oder Ihre Scarlett. Aber missverstehen Sie mich nicht. Die Wilkes sind gute Leute auf ihre Art, und Sie wissen, dass ich sie alle gern habe, aber seien wir ehrlich! Sie treiben Inzucht und sind überzüchtet, oder? Sie kommen gut auf einem trockenen Geläuf zurecht, auch auf einer schnellen Rennbahn, aber ich sage Ihnen, ich glaube nicht, dass die Wilkes auf einer Lehmbahn klarkommen. Ich glaube, das Stehvermögen ist aus ihnen rausgezüchtet, und ich glaube nicht, dass sie gegen Schwierigkeiten ankämpfen, wenn es mal drauf ankommt. Ein Schönwetterstall. Ich ziehe ein Pferd vor, das es mit jedem Wetter aufnimmt! Und dass sie nur untereinander heiraten, hat sie zu Leuten gemacht, die anders sind als die normalen Leute hier. Immer klimpern sie auf dem Klavier oder stecken ihre Nasen in Bücher. Ich glaube sogar, dass Ashley lieber liest als zur Jagd geht! Ja, ehrlich, Mr. O’Hara! Und sehen Sie sich nur ihre Knochen an. Zu dünn. Die brauchen Frauen und Männer mit Saft und Kraft …«
»Achemm«, räusperte sich Gerald, der plötzlich schuldbewusst bemerkte, dass das Gespräch, das für ihn hochinteressant und nicht im Geringsten anstoßerregend war, für Ellen eine Zumutung gewesen wäre. Er wusste, sie würde nicht darüber hinwegkommen, wenn sie erführe, dass ihre Töchter einer so ungeniert offenen Unterhaltung beiwohnten. Doch Mrs. Tarleton war wie gewöhnlich taub für Einwände, wenn es um ihr Lieblingsthema ging: das Züchten, sei es von Pferden oder von Menschen.
»Ich weiß, wovon ich rede, weil ich ein paar Cousins und Cousinen hatte, die untereinander geheiratet haben, und Ehrenwort, ihre Kinder, die armen Dinger, hatten alle Glotzaugen wie Ochsenfrösche. Und als meine Familie wollte, dass ich einen Cousin zweiten Grades heirate, habe ich gebuckelt wie ein Füllen. Ich sagte: ›Nein, Ma. Ohne mich. Meine Kinder kriegen ja alle Spat und werden dämpfig.‹ Ma ist in Ohnmacht gefallen, als ich das mit der Dämpfigkeit sagte, aber ich bin nicht davon abgegangen, und Grandma hat mir den Rücken gestärkt. Sie verstand auch was von Pferdezucht, wissen Sie, und hat mir recht gegeben. Sie hat mir sogar geholfen, mit Mr. Tarleton durchzubrennen. Und sehen Sie sich meine Kinder an! Groß und kerngesund, und kein schwächliches oder kleinwüchsiges dabei, auch wenn Boyd nur eins achtundsiebzig groß ist. Doch bei den Wilkes …«
»Nicht, dass ich das Thema wechseln möchte«, warf Gerald ein, denn er sah Carreens verdutzten Blick und die brennende Neugier auf Suellens Gesicht und fürchtete, sie könnten Ellen peinliche Fragen stellen, und dann käme heraus, was für ein verantwortungsloser Vater ihrer Töchter er war. Puss, so nahm er mit Erleichterung wahr, schien über andere Dinge nachzudenken, wie es sich für eine Dame gehörte.
Hetty Tarleton erlöste ihn aus seiner Verlegenheit.
»Um Himmels willen, Ma, lass uns endlich weiterfahren!« rief sie ungeduldig. »Ich verglühe hier in der Sonne und kann schon hören, wie auf meinem Nacken die Sommersprossen wachsen.«
»Nur eine Minute noch, Ma’m, bevor Sie weiterfahren«, sagte Gerald. »Wie haben Sie sich entschieden, was den Verkauf der Pferde für die Truppe angeht? Der Krieg kann jeden Tag ausbrechen, und die Jungs wollen, dass die Sache geregelt ist. Es ist eine Truppe aus Clayton County, und wir wollen Clayton County-Pferde für sie. Aber Sie störrisches Wesen weigern sich immer noch, uns Ihre schönen Pferde zu verkaufen.«
»Vielleicht gibt’s ja gar keinen Krieg«, wiegelte Mrs. Tarleton ab, ohne einen weiteren Gedanken an die seltsamen Heiratsgepflogenheiten der Wilkes zu verschwenden.
»Aber Ma’m, Sie können doch nicht …«
»Ma«, unterbrach Hetty erneut, »kannst du darüber nicht auch in Twelve Oaks mit Mr. O’Hara reden?«
»Genau, Miss Hetty«, sagte Gerald, »und ich werde Sie auch nicht mehr als eine Minute festhalten. Wir sind ja gleich in Twelve Oaks, und alle Männer dort, alt und jung, wollen über die Pferde Bescheid wissen. Aber es bricht mir das Herz, dass eine so hinreißende Lady wie Ihre Mutter so geizig mit ihren Pferden sein kann! Wo bleibt Ihr Patriotismus, Mrs. Tarleton? Bedeutet Ihnen die Konföderation denn gar nichts?«
»Ma!« rief die kleine Betsy. »Randa sitzt auf meinem Kleid, und es wird ganz knittrig.«
»Dann schubs Randa runter, Betsy, und sei still. Jetzt hören Sie mir mal zu, Gerald O’Hara«, erwiderte sie, und ihre Augen begannen zu blitzen. »Kommen Sie mir nicht mit der Konföderation! Ich nehme doch an, mir bedeutet die Konföderation genauso viel wie Ihnen, wo ich vier Jungs in der Truppe habe und Sie keinen. Aber meine Jungs können auf sich selbst aufpassen, und meine Pferde können das nicht. Ich würde die Pferde gerne umsonst hergeben, wenn ich wüsste, dass sie von Jungs geritten werden, die ich kenne, von Gentlemen, die an Vollblüter gewohnt sind. Nein, ich würde keine Minute zögern. Aber meine schönen Pferde der Gnade von Hinterwäldlern und irgendwelchem Gesindel überlassen, die gewohnt sind, Maultiere zu reiten? Nee nee! Ich kriege Albträume, wenn ich mir vorstelle, dass sie wund geritten und nicht anständig abgerieben und gestriegelt werden. Glauben Sie, ich lasse irgendwelche ahnungslosen Trottel meine weichmäuligen Lieblinge reiten, ihre Mäuler zersägen und sie schlagen, bis ihr Wille gebrochen ist? Ich habe jetzt schon eine Gänsehaut, wo ich nur daran denke! Nein, Mr. O’Hara, es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie meine Pferde wollen, aber Sie gehen besser nach Atlanta und kaufen dort ein paar alte Ackergäule für Ihre Bauerntölpel. Die werden den Unterschied nicht merken.«
»Ma, können wir bitte weiterfahren?« gesellte sich Camilla zum Chor der Ungeduldigen. »Du weißt ganz genau, dass du ihnen am Ende deine Lieblinge doch geben wirst. Wenn Pa und die Jungs erst mal fertig sind mit ihren Vorträgen, dass die Konföderation sie braucht und so, dann wirst du weinen und sie gehen lassen.«
Mrs. Tarleton lächelte und hob die Zügel.
»Das werde ich nicht tun«, sagte sie und berührte die Pferde leicht mit der Peitsche. Die Kutsche fuhr schnell an.
»Eine prachtvolle Frau!« sagte Gerald, setzte seinen Hut auf und ritt wieder an die Seite seiner Kutsche. »Fahr los, Toby. Wir werden sie schon noch mürbe machen und die Pferde kriegen. Natürlich hat sie recht. Sie hat vollkommen recht. Wenn ein Mann kein Gentleman ist, hat er auf einem Pferd nichts verloren. Dann gehört er in die Infanterie. Umso schlimmer, dass es in diesem County nicht genug Pflanzersöhne gibt, um eine Truppe vollzumachen. Was hast du gesagt, Puss?«
»Pa, reite bitte hinter oder vor uns. Du wirbelst so viel Staub auf, dass wir husten müssen«, sagte Scarlett, die das Gefühl hatte, kein Gespräch mehr ertragen zu können. Es lenkte sie zu sehr von ihren Gedanken ab, und sie wollte unbedingt ihre Gedanken und ihr Gesicht unter Kontrolle bringen, bevor sie Twelve Oaks erreichten. Gerald gab seinem Pferd gehorsam die Sporen und galoppierte in einer roten Wolke hinter der Kutsche der Tarletons her, wo er sein Gespräch über Pferde fortsetzen konnte.
KAPITEL 6
Sie überquerten den Fluss, und die Kutsche fuhr den Hügel hinauf. Noch bevor Twelve Oaks in Sicht kam, sah Scarlett Rauchschleier über den Wipfeln der hohen Bäume hängen, und sie roch den Duft von brennenden Hickory-Scheiten und von gegrilltem Schweine- und Hammelfleisch.
Die Barbecue-Feuerstellen, die seit dem Vorabend langsam vor sich hin brannten, mussten nun lange Tröge voll rotglühender Holzkohle sein, über denen sich das Fleisch an Spießen drehte, und der Saft tropfte zischend auf die Glut. Scarlett wusste, dass der Geruch von der hohen Eichengruppe hinter dem großen Haus herüberwehte. John Wilkes veranstaltete seine Barbecues immer dort, auf der sanft zum Rosengarten hin abfallenden Wiese, einer angenehm schattigen Stelle, angenehmer jedenfalls als der Ort, den die Calverts benutzten. Mrs. Calvert mochte gegrilltes Essen nicht und erklärte, die Gerüche setzten sich tagelang im Haus fest, und so durften ihre Gäste sich auf einer flachen unbeschatteten Stelle eine Viertelmeile vom Haus entfernt zu Tode schwitzen. John Wilkes, für seine Gastfreiheit im ganzen Staat gerühmt, verstand sich dagegen wirklich auf Barbecues.
Die langen, aufgebockten Tischplatten, gedeckt mit dem feinsten Leinen der Wilkes, standen immer im Schatten, mit schlichten Bänken ohne Rückenlehnen auf beiden Seiten sowie Stühlen und großen und kleinen Sitzpolstern aus dem Haus, die man für diejenigen Gäste auf der Lichtung verteilt hatte, die ungern auf den Bänken saßen. Die langen Feuergräben, wo das Fleisch schmorte und die riesigen eisernen Waschkessel standen, von denen die verführerischen Düfte von Barbecue-Soße und Brunswick Stew aufstiegen, befanden sich weit genug abseits, um den Rauch von den Gästen fernzuhalten. Mr. Wilkes hatte immer mindestens ein Dutzend Schwarze, die mit Tabletts hin und her eilten, um die Gäste zu bedienen. Hinter den Scheunen befand sich eine weitere Feuerstelle, wo die Hausbediensteten und die Kutscher und Dienstmädchen der Gäste ihren eigenen Festschmaus aus Maisfladen, Yams und Schweinekutteln bekamen, die die Schwarzen so gerne essen, und in der Reifezeit der Wassermelonen auch davon genug, um satt zu werden.
Als der Geruch von knusprigem Schweinefleisch zu ihr herüberwehte, krauste Scarlett genussvoll die Nase und hoffte, dass sie wieder Appetit haben würde, wenn es gar war. Sie war so vollgestopft und eng geschnürt, dass sie jeden Moment fürchtete, aufstoßen zu müssen. Das wäre überaus peinlich, denn nur alte Männer und sehr alte Frauen durften aufstoßen, ohne allgemeine Missbilligung zu erfahren.
Sie erreichten die Anhöhe, und vor ihr erhob sich in vollkommener Symmetrie das weiße Haus mit seinen hohen Säulen, breiten Veranden und seinem flachen Dach, schön wie eine Frau, die sich ihrer Reize so sicher ist, dass sie zu jedermann großzügig und liebenswürdig sein kann. Scarlett liebte Twelve Oaks noch mehr als Tara, weil es eine Schönheit und gelassene Alterswürde ausstrahlte, die Geralds Haus nicht besaß.
Die geschwungene Auffahrt war voller gesattelter Pferde und Kutschen sowie aussteigender Gäste, die ihren Freunden Grüße zuriefen. Strahlende Sklaven, aufgeregt wie immer bei einer Party, führten die Tiere in den Scheunenhof, um sie für den Tag auszuspannen und abzusatteln. Scharen von Kindern, schwarze und weiße, rannten johlend über den frühlingsgrünen Rasen, spielten Fangen und Himmel und Hölle und prahlten, welche Unmengen sie nachher verdrücken würden. Die große Halle, die vom Eingang bis zur Rückfront des Hauses reichte, wimmelte von Menschen, und als die Kutsche der O’Haras an der Vordertreppe vorfuhr, sah Scarlett Mädchen in Krinolinen, bunt wie Schmetterlinge, die eng umschlungen die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf- und hinunterschwebten, sich über das zierliche Geländer lehnten, lachten und den jungen Männern unten in der Halle etwas zuriefen.
Durch die offenen Verandatüren erhaschte sie Blicke auf die älteren Frauen, die würdevoll in dunklen Seidenkleidern im Wohnzimmer saßen, sich fächelten und über Babys und Krankheiten sprachen und wer wen warum geheiratet hatte. Tom, der Butler der Wilkes, eilte mit einem Silbertablett durch die Räume, verbeugte sich und strahlte, während er den jungen Männern in beigen und grauen Hosen und fein gerüschten Leinenhemden große Gläser anbot.
Auf der sonnigen Vorderveranda drängten sich die Gäste. Ja, das ganze County war hier, dachte Scarlett. Die vier Tarleton-Jungs und ihr Vater lehnten an den hohen Säulen, die Zwillinge Stuart und Brent, wie immer unzertrennlich, Seite an Seite, Boyd und Tom bei ihrem Vater James Tarleton. Mr. Calvert stand dicht neben seiner Yankee-Frau, die auch nach fünfzehn Jahren in Georgia noch nirgendwo dazuzugehören schien. Alle waren höflich und freundlich zu ihr, weil sie ihnen leidtat, doch niemand konnte vergessen, dass sie den Makel ihrer Herkunft noch dadurch verschlimmert hatte, dass sie die Erzieherin von Mr. Calverts Kindern gewesen war. Die beiden Calvert-Jungs, Raiford und Cade, standen mit ihrer umwerfenden blonden Schwester Cathleen zusammen und neckten den braunhäutigen Joe Fontaine und seine hübsche zukünftige Braut Sally Munroe. Alex und Tony Fontaine flüsterten Dimity Monroe etwas ins Ohr, was nicht enden wollendes Gekicher auslöste. Aus dem zehn Meilen entfernten Lovejoy, aus Fayetteville und Jonesboro waren Familien da, ein paar sogar aus Atlanta und Macon. Das Haus schien aus allen Nähten zu platzen vor Menschen, und ein unaufhörliches Plätschern von Gesprächen und Lachen, Gegacker und Kreischen wogte mal lauter, mal leiser nach draußen.
Auf den Verandastufen stand John Wilkes, weißhaarig und aufrecht, und verströmte seinen gemessenen Charme und eine Gastlichkeit, die so warm und verlässlich waren wie die Sommersonne in Georgia. Neben ihm stand Honey Wilkes, die so genannt wurde, weil sie ausnahmslos jeden – von ihrem Vater bis zu den Feldarbeitern – mit diesem Kosenamen ansprach, und begrüßte aufgeregt kichernd die ankommenden Gäste.
Honeys nervöses und leicht zu durchschauendes Bemühen, für jeden Mann in Sichtweite attraktiv zu erscheinen, stand in scharfem Kontrast zur Gelassenheit ihres Vaters, und Scarlett kam der Gedanke, dass vielleicht doch etwas dran war an Mrs. Tarletons Äußerungen. Gewiss hatten die Männer in der Wilkes-Familie das gute Aussehen gepachtet. Die dichten tiefgoldenen Wimpern, die die grauen Augen von John Wilkes und Ashley umrahmten, waren bei Honey und ihrer Schwester India spärlich und farblos. Honey hatte das seltsame wimpernlose Aussehen eines Kaninchens, und India ließ sich nur mit dem Wort reizlos beschreiben.
India war nirgendwo zu sehen, aber Scarlett wusste, dass sie wahrscheinlich dem Personal in der Küche letzte Anweisungen gab. »Die arme India«, dachte Scarlett, »sie hat so viel Mühe damit, den Haushalt zu führen, seit ihre Mutter gestorben ist, dass sie nie die Chance hatte, sich einen Verehrer zu angeln, mit Ausnahme von Stuart Tarleton, und es war sicher nicht meine Schuld, wenn er mich hübscher fand als sie.«
John Wilkes kam die Stufen herunter, um Scarlett den Arm zu reichen. Als sie aus der Kutsche stieg, bemerkte sie, dass Suellen geziert lächelte, weil sie anscheinend irgendwo in der Menge Frank Kennedy ausgemacht hatte.
Wenn ich keinen besseren Verehrer als diese alte Jungfer in Reithosen fände! dachte Scarlett voller Verachtung, als sie den Fuß auf den Boden setzte und John Wilkes dankbar anlächelte.
Frank Kennedy eilte zur Kutsche, um Suellen beim Aussteigen zu helfen, und Suellen warf sich derart in die Brust, dass Scarlett sie am liebsten geohrfeigt hätte. Frank Kennedy mochte mehr Land als sonst jemand im County besitzen und er mochte ein sehr gutes Herz haben, aber diese Dinge wogen nicht auf, dass er hager und nervös und schon vierzig war, einen schütteren roten Bart hatte und ein tantenhaft betuliches Benehmen an den Tag legte. Doch eingedenk ihres Plans unterdrückte Scarlett ihre Verachtung und warf ihm ein so bezauberndes Lächeln zu, dass er, seinen Arm schon zu Suellen ausgestreckt, kurz innehielt und Scarlett verwirrt und beglückt anstarrte.
Während Scarlett liebenswürdig mit John Wilkes plauderte, suchten ihre Augen in der Menge nach Ashley, aber er war nicht auf der Veranda. Ein Dutzend Stimmen riefen Begrüßungen, und Stuart und Brent Tarleton kamen auf sie zu. Die Munroe-Mädchen eilten herbei, um lautstark ihr Kleid zu bewundern, und prompt stand sie im Zentrum eines Kreises von Stimmen, die lauter und lauter wurden, um sich im Lärm vernehmbar zu machen. Aber wo war Ashley? Und Melanie und Charles? Sie versuchte, nicht allzu auffällig umherzuschauen und in die Halle zu spähen, wo lachende Menschen standen.
Während sie so schnatterte und lachte und mit raschen Blicken das Innere des Hauses und den Garten überflog, fiel ihr ein Fremder auf, der allein in der Halle stand und sie auf so lässig unverfrorene Weise anstarrte, dass sich sofort zwei widerstreitende Gefühle in ihr regten: einerseits schmeichelte es ihr, dass sie die Aufmerksamkeit eines Mannes auf sich gezogen hatte, andererseits aber war sie verlegen, weil ihr Kleid zu tief ausgeschnitten war. Er sah ziemlich alt aus, mindestens wie fünfunddreißig. Er war groß und kräftig gebaut. Scarlett hatte das Gefühl, noch nie einen Mann mit solch breiten Schultern gesehen zu haben, so muskelbepackt, fast zu kräftig für einen Gentleman. Als ihre Augen sich trafen, lächelte er, wobei animalisch weiße Zähne unter seinem kurzgestutzten schwarzen Schnurrbart zum Vorschein kamen. Er hatte eine dunkle Gesichtsfarbe, wettergegerbt wie die eines Piraten, und seine Augen waren so draufgängerisch und schwarz wie nur je die eines Freibeuters, der sich unschlüssig ist, ob er als Nächstes eine Galeone versenken oder eine Jungfrau entehren will. Sein Gesicht strahlte souveräne Verwegenheit aus, sein Lächeln hatte etwas Zynisches, und Scarlett hielt den Atem an. Sie spürte, dass ein solcher Blick eigentlich beleidigend für sie war, und ärgerte sich über sich selbst, dass sie sich keineswegs beleidigt fühlte. Sie hatte keine Ahnung, wer der Mann war, aber unzweifelhaft verriet sein dunkles Gesicht eine gewisse Vornehmheit. Das zeigte sich an der schmalen Hakennase über seinen vollen roten Lippen, an der hohen Stirn und den weit auseinanderstehenden Augen.
Sie wandte den Blick ab, ohne sein Lächeln zu erwidern, und er drehte sich um, als jemand rief: »Rhett! Rhett Butler! Komm mal her! Ich möchte dir das hartherzigste Mädchen in ganz Georgia vorstellen.«
Rhett Butler? Der Name kam ihr bekannt vor, irgendein reizvoller Skandal haftete ihm an, doch sie war innerlich mit Ashley beschäftigt, und so ließ sie den Gedanken fallen.
»Ich muss nach oben und meine Haare richten«, sagte sie zu Stuart und Brent, die versuchten, sie in Beschlag zu nehmen. »Ihr wartet auf mich und lauft mir nicht mit einem anderen Mädchen davon, sonst werde ich ernstlich böse.«
Sie merkte, dass Stuart heute nicht leicht zu handhaben sein würde, wenn sie mit einem anderen flirtete. Er hatte schon einiges getrunken und die herausfordernde, streitlustige Miene aufgesetzt, die, wie sie aus Erfahrung wusste, nichts Gutes verhieß. Sie blieb in der Halle stehen, um mit Freunden zu sprechen und India zu begrüßen, die aus den hinten liegenden Küchenräumen des Hauses kam, unfrisiert und mit winzigen Schweißperlen auf der Stirn. Arme India! Es war ja schon schlimm genug, farblose Haare und Wimpern und ein vorstehendes Kinn zu haben, das ein störrisches Wesen verriet – aber dann auch noch zwanzig Jahre alt und obendrein eine alte Jungfer! Scarlett fragte sich, ob India es ihr sehr übel nahm, dass sie ihr Stuart ausgespannt hatte. Viele Leute sagten, sie sei immer noch verliebt in ihn, doch andererseits wusste man nie, was eine Wilkes dachte. Wenn sie es übel nahm, so zeigte sie es jedenfalls nicht. Vielmehr behandelte sie Scarlett mit der gleichen leicht reservierten, freundlichen Höflichkeit, mit der sie ihr immer schon begegnet war.
Scarlett wechselte ein paar nette Worte mit ihr und war im Begriff, die breite Treppe hinaufzugehen, als eine Stimme verhalten ihren Namen rief. Sie drehte sich um und erblickte Charles Hamilton. Er war ein gutaussehender junger Mann mit einem Busch weicher brauner Locken über der weißen Stirn und Augen, die so tiefbraun, so rein und arglos waren wie die eines Collies. Er war schick in senffarbene Hosen und ein schwarzes Jackett gekleidet, und sein plissiertes Hemd wurde von einer extrem breiten und hochmodischen schwarzen Krawatte gekrönt. Als sie sich zu ihm umdrehte, errötete er, denn er war Mädchen gegenüber schüchtern. Wie die meisten zurückhaltenden Männer bewunderte er aufgeschlossene, lebhafte, ungezwungene Mädchen wie Scarlett. Sie hatte ihm bisher nie mehr als flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt, und als sie ihm nun zur Begrüßung freudestrahlend beide Arme entgegenstreckte, verschlug es ihm fast den Atem.
»Ach, Charles Hamilton, Sie alter Schwerenöter! Ich wette, Sie sind den ganzen Weg von Atlanta hergekommen, nur um mein armes Herz zu brechen!«
Charles stotterte fast vor Aufregung, hielt ihre warmen kleinen Hände in den seinen und sah in ihre strahlenden grünen Augen. So redeten die Mädchen mit anderen jungen Männern, aber niemals mit ihm. Er hatte nie verstanden, warum die Mädchen ihn immer wie einen jüngeren Bruder behandelten; sie waren zwar furchtbar nett, aber nie kamen sie auf die Idee, ihn zu necken. Er hatte sich immer danach gesehnt, dass sie mit ihm flirteten und scherzten, wie sie es mit anderen Jungs taten, die viel weniger gut aussahen und nicht so mit weltlichen Gütern gesegnet waren wie er. Doch bei den wenigen Gelegenheiten, die sich ergaben, fiel ihm keine Erwiderung ein, und er starb tausend Tode vor Verlegenheit. Dann lag er die ganze Nacht wach und dachte über all die galanten Sprüche nach, die er hätte anbringen können; aber er bekam nur selten eine weitere Chance, denn die Mädchen gaben ihn nach ein oder zwei Versuchen auf.
Selbst bei Honey, mit der eine stillschweigende Übereinkunft bestand, im nächsten Herbst zu heiraten, wenn er seinen Besitz antrat, war er unsicher und still. Manchmal hatte er das ungalante Gefühl, dass Honeys Koketterie und besitzergreifendes Verhalten eigentlich gar nicht ihm persönlich galten, denn sie war so auf Jungs versessen, dass er sich vorstellen konnte, sie würde sich gegenüber jedem Mann so geben, der ihr Gelegenheit dazu bot. Charles war nicht sonderlich begeistert über die Aussicht, sie zu heiraten, denn sie weckte in ihm keinerlei leidenschaftliche Gefühle, die, wie er aus seinen geliebten Büchern wusste, einem Liebenden eigentlich geziemten. Er hatte sich immer danach gesehnt, von einem schönen, umwerfenden Mädchen voller Feuer und Schalk geliebt zu werden.
Und jetzt zog ihn Scarlett O’Hara damit auf, dass er ihr das Herz brechen wolle!
Er überlegte eine Antwort, aber es fiel ihm keine ein, und insgeheim segnete er sie dafür, dass sie unaufhörlich weiterplauderte und ihn damit der Notwendigkeit einer Konversation enthob. Es war zu schön, um wahr zu sein.
»Also, Sie warten jetzt hier, bis ich wiederkomme, denn ich möchte mit Ihnen Barbecue essen. Und fangen Sie bloß nicht an, mit anderen Mädchen zu flirten, ich bin nämlich sehr eifersüchtig«, kamen die unglaublichen Worte von ihren roten Lippen, mit den Grübchen auf beiden Seiten. Und schnell senkten sich ihre schwarzen Wimpern sittsam über die grünen Augen.
»Natürlich nicht«, hauchte er endlich, ohne zu ahnen, dass er ihr wie ein Kalb vorkam, das auf den Schlachter wartet.
Sie tippte ihm mit ihrem geschlossenen Fächer leicht auf den Arm, doch als sie sich umdrehte, um die Treppe hinaufzusteigen, fiel ihr Blick wieder auf den Mann namens Rhett Butler, der wenige Schritte von Charles entfernt für sich alleine stand. Offenbar hatte er das ganze Gespräch mitgehört, denn er grinste sie boshaft an wie ein Kater, und erneut musterte er sie mit einem Blick, der jegliche Ehrerbietung vermissen ließ, die sie gewohnt war.
»Herrgott im Nachtgewand!« dachte Scarlett mit Geralds Lieblingsfluch. »Er guckt, als ob – als ob er wüsste, wie ich unter meinem Kleid aussehe.« Sie warf den Kopf zurück und ging die Treppe hinauf.
Im Schlafzimmer, wo die Umhängetücher ausgelegt waren, traf sie Cathleen Calvert, die sich vor dem Spiegel hübsch machte und auf ihren Lippen herumkaute, damit sie röter wurden. In ihrer Schärpe steckten frische Rosen von der Farbe ihrer Wangen, und ihre kornblumenblauen Augen sprühten vor Aufregung.
»Cathleen«, sagte Scarlett und versuchte, das Mieder ihres Kleids höher zu ziehen, »wer ist dieser grässliche Mann da unten, der Butler heißt?«
»Ach, sag bloß, das weißt du nicht?« flüsterte Cathleen aufgedreht, mit einem achtsamen Auge auf das angrenzende Zimmer, wo Dilcey und die Mammy der Wilkes-Mädchen sich austauschten. »Ich weiß nicht, wie Mr. Wilkes das aushält, dass er hier ist, aber er war auf Besuch bei Mr. Kennedy in Jonesboro – irgendwas mit einem Baumwollkauf –, und natürlich musste Mr. Kennedy ihn mitbringen. Er konnte ja nicht einfach weggehen und ihn zurücklassen.«
»Was ist denn mit ihm?«
»Meine Liebe, er ist nicht gesellschaftsfähig!«
»Ist das wahr?«
»Ja, wirklich.«
Scarlett verarbeitete diese Information schweigend, denn sie hatte sich noch nie mit jemandem unter einem Dach aufgehalten, der nicht gesellschaftsfähig war. Das war sehr aufregend.
»Was hat er denn gemacht?«
»O Scarlett, er hat einen schandbaren Ruf. Er heißt Rhett Butler und stammt aus Charleston, und seine Familie gehört zu den feinsten dort, aber sie reden nicht mal mit ihm. Caro Rhett hat mir letzten Sommer von ihm erzählt. Er ist nicht verwandt mit ihrer Familie, aber sie weiß alles über ihn, wie jeder. Er wurde aus West Point rausgeworfen. Stell dir das mal vor! Und zwar für Sachen, die so schlimm sind, dass Caro sie nicht einmal wissen darf. Und dann war da noch die Geschichte mit dem Mädchen, das er nicht geheiratet hat.«
»Erzähl mir davon!«
»Ach Schätzchen, weißt du denn gar nichts? Caro hat es mir letzten Sommer erzählt, und ihre Mutter würde tot umfallen, wenn sie wüsste, dass Caro es weiß. Tja, dieser Mr. Butler hat mit nem Mädchen aus Charleston einen Ausflug gemacht, in einem Einspänner. Ich hab nie erfahren, wer es war, aber ich habe einen Verdacht. Sie kann nicht sonderlich fein sein, sonst wäre sie doch nicht spät nachmittags mit ihm ohne Anstandswauwau losgefahren. Und, meine Liebe, sie sind fast die ganze Nacht weg gewesen und zu Fuß nach Hause gekommen und haben dann erzählt, das Pferd wäre durchgegangen und hätte den Wagen zertrümmert, und sie hätten sich im Wald verlaufen. Und jetzt rate mal, was …«
»Ich kann nicht raten. Erzähl’s mir«, sagte Scarlett begierig. Sie hoffte das Schlimmste.
»Am nächsten Tag hat er abgelehnt, sie zu heiraten!«
»Oh!« sagte Scarlett enttäuscht.
»Er sagte, er hätte – ähem – ihr nichts getan, und er sehe nicht ein, warum er sie heiraten solle. Und natürlich hat ihr Bruder ihn dann gefordert, und Mr. Butler sagte, lieber würde er sich erschießen lassen, als eine dumme Kuh zu heiraten. Also haben sie sich duelliert, und Mr. Butler hat ihren Bruder angeschossen, und er ist gestorben, und Mr. Butler musste Charleston verlassen, und jetzt will keiner mehr etwas mit ihm zu tun haben«, schloss Cathleen triumphierend und gerade noch rechtzeitig, denn Dilcey kam ins Zimmer zurück, um einen letzten Blick auf die Toilette ihres Schützlings zu werfen.
»Hat – sie ein Baby bekommen?« flüsterte Scarlett Cathleen ins Ohr.
Cathleen schüttelte heftig den Kopf. »Aber sie war trotzdem ruiniert«, zischte sie zurück.
Ich wünschte, ich hätte Ashley dazu gebracht, mich so zu kompromittieren, dachte Scarlett plötzlich. Er wäre zu sehr Gentleman, um mich dann nicht zu heiraten. Aber irgendwie keimte unversehens etwas wie Achtung für Rhett Butler in ihr auf, weil er es abgelehnt hatte, ein Mädchen zu heiraten, das ihm zu dumm war.
Scarlett saß hinter dem Haus im Schatten einer großen Eiche auf einer hohen Ottomane aus Rosenholz, ihre Volants und Rüschen bauschten sich um sie, und zwei Zoll ihrer Schuhe aus grünem Maroquinleder – gerade so viel, wie eine Lady zeigen konnte, um immer noch eine Lady zu bleiben – lugten darunter hervor. Sie hatte einen kaum berührten Teller in der Hand und sieben Kavaliere um sich herum. Das Barbecue hatte seinen Höhepunkt erreicht, und die warme Luft war erfüllt von Gelächter und Gesprächen, dem Klirren von Silber auf Porzellan und dem reichen, schweren Duft nach gebratenem Fleisch und würzigen Soßen. Gelegentlich, wenn der Wind sich drehte, schwebten Rauchschwaden von den langen Grillgräben über die Menge, worauf die Damen in gespieltem Entsetzen quietschten und die Palmettofächer heftig geschwungen wurden.
Die meisten jungen Frauen saßen mit ihren Partnern auf den Bänken an den langen Tischen, aber im Bewusstsein, dass ein Mädchen nur zwei Seiten hat und dass auf jeder Seite nur ein Mann sitzen kann, hatte Scarlett es vorgezogen, sich abseits zu lagern, um so viele Männer wie möglich um sich zu scharen.
Unter dem Blätterdach der Laube saßen die verheirateten Damen, deren dunkle Kleider einen züchtigen Kontrast zu der übermütigen Buntheit ringsumher bildeten. Matronen, gleich welchen Alters, schlossen sich immer zusammen, entfernt von ihren Töchtern mit den glänzenden Augen, von deren Verehrern und der allgemeinen Fröhlichkeit, denn mit verheirateten Schönheiten wurde im Süden nicht geflirtet. Von Grandma Fontaine, die das Privileg ihres Alters nutzte und zwanglos rülpste, bis zur siebzehnjährigen Alice Munroe, die mit der Übelkeit ihrer ersten Schwangerschaft kämpfte, steckten sie allesamt die Köpfe zusammen in endlosen Diskussionen über Genealogie und Geburtshilfe, die aus derartigen Zusammenkünften solch angenehme und lehrreiche Veranstaltungen machten.
Scarlett warf ihnen hin und wieder geringschätzige Blicke zu, denn sie kamen ihr vor wie ein Schwarm fetter Krähen. Verheiratete Frauen hatten nie den geringsten Spaß. Es kam ihr nicht in den Sinn, dass sie als Ashleys Ehefrau automatisch zu den biederen Matronen in dunklen Seidenkleidern in die Lauben und Salons verbannt würde, ebenso bieder und stumpf wie diese, statt an Spaß und Ausgelassenheit teilzuhaben. Wie bei den meisten Mädchen trugen ihre Phantasien sie bis zum Altar und nicht weiter. Außerdem war sie jetzt zu unglücklich, um solchen Nebengedanken nachzuhängen.
Sie senkte den Blick auf ihren Teller und knabberte anmutig an einem Blätterteigkeks, mit solcher Eleganz und solch einem Mangel an Appetit, dass sie Mammys ungeteilten Beifall gefunden hätte. Obwohl sie Verehrer im Überfluss hatte, fühlte sie sich so elend wie noch nie in ihrem Leben. Irgendwie waren ihre Pläne der vergangenen Nacht, soweit sie Ashley betrafen, vollkommen fehlgeschlagen, ohne dass sie verstand, warum. Sie hatte Dutzende von Verehrern angezogen, aber nicht Ashley, und all die Ängste des gestrigen Nachmittags bestürmten sie wieder, ließen ihr Herz erst schnell und dann wieder langsam schlagen und ihre Wangen erst hochrot und dann bleich werden.
Ashley machte keinen Versuch, sich dem Kreis um sie anzuschließen; sie hatte seit ihrer Ankunft nicht ein Wort mit ihm allein sprechen können, seit der ersten Begrüßung hatte sie überhaupt noch nicht mit ihm geredet. Er war auf sie zugekommen, um sie willkommen zu heißen, als sie in den Garten trat, aber er hatte Melanie am Arm gehabt, Melanie, die ihm kaum bis zur Schulter reichte.
Sie war ein extrem zierliches Mädchen und wirkte wie ein Kind, das sich mit den riesigen Reifröcken seiner Mutter verkleidet hat, ein Eindruck, der durch den schüchternen, fast verängstigten Ausdruck ihrer viel zu großen braunen Augen noch verstärkt wurde. Ihr Haar, eine Wolke krauser dunkler Locken, wurde so streng von einem Netz zusammengehalten, dass keine einzige vorwitzige Locke sich losmachen konnte. Und diese dunkle Masse mit ihrem spitzen Haaransatz auf der Stirn betonte die Herzform ihres Gesichts. Zu breit waren die Wangenknochen, zu spitz das Kinn, so dass es ein liebes und scheues, aber reizloses Gesicht war, und sie verfügte nicht über die weiblichen Verführungskünste, um ihre Reizlosigkeit überspielen zu können. Sie sah aus – und war – so einfach wie Erde, so gut wie Brot, so durchsichtig wie Quellwasser. Doch trotz der Unscheinbarkeit ihrer Züge und ihrer zierlichen Statur lag in ihren Bewegungen eine gesetzte Würde, die seltsam anrührend und viel reifer wirkte, als ihre siebzehn Jahre vermuten ließen.
Ihr graues Organzakleid mit der kirschroten Schärpe verdeckte durch seine aufgeblähten Rüschen, wie kindlich unentwickelt ihr Körper war, und der gelbe Hut mit den langen kirschroten Bändern gab ihrer blässlichen Haut eine leichte Tönung. Ihre schweren Ohrgehänge baumelten unter den Schlaufen ihrer vom Netz eingefassten Haare, die neben ihren braunen Augen schaukelten, Augen, die glänzten wie ein Waldteich im Winter, wenn braune Blätter durch das stille Wasser schimmern.
Sie hatte Scarlett schüchtern begrüßt und ihr schönes grünes Kleid bewundert. Scarlett war es schwergefallen, auch nur einigermaßen freundlich zu antworten, so begierig war sie auf ein Gespräch unter vier Augen mit Ashley. Seither saß Ashley auf einem Schemel zu Melanies Füßen, abgesondert von den anderen Gästen, und sprach leise mit ihr und lächelte das langsame, verträumte Lächeln, das Scarlett so liebte. Unter seinem Lächeln hatte sich zu allem Überfluss ein Glanz in Melanies Augen geschlichen, der selbst Scarlett zwang zuzugeben, dass sie beinahe hübsch aussah. Während Melanie Ashley anblickte, wurde ihr unscheinbares Gesicht von innerem Feuer erleuchtet, denn wenn sich je ein liebendes Herz in einem Gesicht gezeigt hatte, zeigte es sich jetzt in dem von Melanie Hamilton.
Scarlett versuchte, nicht zu den beiden hinzuschauen, aber es gelang ihr nicht, und nach jedem Blick verdoppelte sie ihren Übermut gegen ihre Kavaliere, lachte, äußerte gewagte Dinge, spottete, warf den Kopf hin und her, wenn sie ihr Komplimente machten, bis ihre Ohrringe tanzten. Sie sagte häufig »papperlapapp!«, erklärte, sie seien allesamt ausgemachte Schwindler, und schwor, sie würde nie etwas glauben, was ein Mann ihr sagte. Doch Ashley nahm überhaupt keine Notiz von ihr. Er blickte nur zu Melanie auf und sprach weiter, und Melanie blickte mit einem Gesichtsausdruck auf ihn herab, der deutlich verriet, dass sie ihm gehörte.
Also fühlte Scarlett sich elend.
Für einen Außenstehenden hatte kaum je ein junges Mädchen weniger Grund gehabt, sich elend zu fühlen. Sie war ohne Zweifel die Königin des Barbecue, das Zentrum der Aufmerksamkeit. Dass sie bei den Männern derartig Furore und den anderen Mädchen das Herz schwer machte, hätte ihr zu jedem anderen Zeitpunkt großes Vergnügen bereitet.
Charles Hamilton, ermutigt durch ihre Zuwendung, hatte sich fest zu ihrer Rechten installiert und ließ sich nicht einmal durch die vereinten Bemühungen der Tarleton-Zwillinge vertreiben. Er hielt ihren Fächer in der einen Hand und seinen unberührten Teller mit Grillfleisch in der anderen und weigerte sich standhaft, Honeys Blicken zu begegnen, die aussah, als wollte sie gleich in Tränen ausbrechen. Cade fläzte sich auf Scarletts linker Seite, zupfte an ihrem Rock, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und musterte Stuart mit angriffslustigem Blick. Die Luft zwischen ihm und den Zwillingen war bereits geladen, und sie hatten grobe Worte gewechselt. Frank Kennedy benahm sich wie eine Glucke mit einem einzigen Küken und lief zwischen der Eiche und den Tischen hin und her, um verlockende Leckerbissen für Scarlett zu holen, als stünden nicht ein Dutzend Dienstboten zu ebendiesem Zweck herum. Infolgedessen hatte Suellens mürrische Abneigung bereits den Punkt erreicht, wo sie sich nicht mehr damenhaft überspielen ließ, und sie starrte Scarlett hasserfüllt an. Die kleine Carreen hätte heulen können, denn trotz Scarletts aufmunternden Worten vom Morgen hatte Brent nicht mehr als »Hallo Schwesterchen« zu ihr gesagt und an ihrem Haarband gezupft, ehe er seine volle Aufmerksamkeit Scarlett zuwandte. Gewöhnlich war er so nett und behandelte sie mit selbstverständlicher Hochachtung, so dass sie sich ganz erwachsen vorkam und heimlich von dem Tag träumte, an dem sie die Haare hochstecken, den Rocksaum herunterlassen und ihn als richtigen Verehrer empfangen würde. Und jetzt schien es, als hätte Scarlett ihn erobert. Die Munroe-Mädchen verbargen zwar ihren Kummer über den Verrat der braungebrannten Fontaine-Jungs, aber sie waren verärgert darüber, wie Tony und Alex am Rand des Kreises standen, immer auf dem Sprung, um einen Platz in Scarletts Nähe zu ergattern, sollte einer von den anderen aufstehen.
Mithilfe leicht hochgezogener Brauen signalisierten sie Hetty Tarleton, wie sehr sie Scarletts Verhalten missbilligten. »Schamlos« war der einzig passende Begriff dafür. Gleichzeitig hoben die drei jungen Damen ihre Spitzensonnenschirme, bemerkten, sie hätten wirklich genug gegessen, danke schön, legten die Fingerspitzen leicht auf den Arm des nächststehenden Mannes und bettelten reizend darum, den Rosengarten, den Brunnen und das Sommerhaus gezeigt zu bekommen. Dieser strategisch geordnete Rückzug entging einer gewissen anwesenden Dame nicht, ließ die Männer aber kalt.
Scarlett kicherte, als sie bemerkte, wie drei Männer aus ihrem Dunstkreis entführt wurden, um Sehenswürdigkeiten zu erforschen, die alle Mädchen seit Kindertagen kannten, und wandte rasch den Blick, um zu sehen, ob Ashley es bemerkt hatte. Aber er spielte mit Melanies Schärpe und lächelte zu ihr empor. Der Schmerz zerriss Scarlett das Herz. Sie hätte Melanies Elfenbeinhaut bis aufs Blut zerkratzen können, und zwar mit Wonne.
Als ihre Augen sich von Melanie abwandten, begegnete sie dem Blick Rhett Butlers, der sich nicht unter die Gäste gemischt hatte, sondern abseits stand und mit John Wilkes sprach. Er hatte sie schon eine Weile beobachtet, und als sie zu ihm hinüberschaute, lachte er sie geradeheraus an. Scarlett hatte das ungute Gefühl, dass dieser nicht gesellschaftsfähige Mann der einzige Anwesende war, der den Grund ihres wilden Übermuts durchschaute, und dass ihm dies ein boshaftes Vergnügen bereitete. Auch ihm hätte sie mit Wonne das Gesicht zerkratzt.
Wenn ich dieses Barbecue wenigstens bis zum Nachmittag überlebe, dachte sie, dann gehen alle Mädchen nach oben und legen sich hin, um am Abend frisch zu sein, und ich werde unten bleiben und mit Ashley reden. Er muss doch sicher bemerkt haben, wie beliebt ich bin. Sie tröstete ihr Herz mit einer neuen Hoffnung: Natürlich muss er aufmerksam gegen Melanie sein, sie ist ja schließlich seine Cousine, aber sie ist überhaupt nicht beliebt. Wenn er sich nicht um sie kümmern würde, wäre sie bloß ein Mauerblümchen.
Bei diesem Gedanken schöpfte sie neuen Mut und verdoppelte ihre Bemühungen um Charles, dessen braune Augen sie gebannt anglühten. Es war ein wunderbarer Tag für Charles, ein Traumtag, und er hatte sich Hals über Kopf in Scarlett verliebt. Hinter diesem neuen Gefühl verlor sich Honey in dämmrigem Dunst. Honey war ein laut schimpfender Spatz, Scarlett ein schillernder Kolibri. Sie neckte ihn und zog ihn den anderen vor und stellte ihm Fragen, die sie selbst beantwortete, so dass er sehr klug wirkte, ohne ein Wort sagen zu müssen. Die anderen jungen Männer waren erstaunt und verärgert über ihr offensichtliches Interesse an ihm, denn Charles brachte vor Schüchternheit kaum zwei Worte hintereinander heraus, und sie mussten die ganze ihnen zu Gebote stehende Höflichkeit mobilisieren, um ihren wachsenden Zorn zu verbergen. Alle brodelten innerlich, und es hätte ein echter Triumph für Scarlett sein können – wenn Ashley nicht gewesen wäre.
Als die letzten Bissen Schweinefleisch und Hähnchen und Lamm aufgegessen waren, hoffte Scarlett, nun würde India aufstehen und den Damen vorschlagen, sich ins Haus zurückzuziehen. Es war zwei Uhr und die Sonne strahlte heiß am Himmel, aber India war erschöpft von den dreitägigen Vorbereitungen für das Barbecue und hochzufrieden, in der Laube sitzen zu bleiben und einem schwerhörigen alten Herrn aus Fayetteville Bemerkungen ins Ohr zu schreien.
Schläfrige Trägheit senkte sich auf die Gäste. Die Haussklaven räumten die langen Tische ab, auf denen die Speisen gestanden hatten. Das Gelächter und die Gespräche erstarben allmählich. Alle warteten darauf, dass die Gastgeberin das Zeichen zum Ende der vormittäglichen Festivitäten gab. Die Palmettofächer wedelten langsamer, und mehrere Herren waren infolge der Hitze und ihrer überfüllten Mägen eingenickt. Das Barbecue war vorbei, und man machte es sich, solange die Sonne hoch stand, bequem.
In dieser Pause zwischen der Vormittagsparty und dem abendlichen Ball wirkten alle heiter und friedlich. Nur die jungen Männer hatten die rastlose Energie nicht verloren, die noch kurz zuvor die gesamte Gästeschar erfüllt hatte. Sie schlenderten zwischen den Gruppen umher, unterhielten sich leise in ihrer gedehnten Sprechweise, hübsch wie junge Rassehengste und ebenso unberechenbar. Mittagsmüdigkeit hatte sich auf die Versammlung gelegt, aber darunter lauerte ein Feuer, das in Sekundenschnelle tödlich aufflackern und ebenso rasch wieder erlöschen konnte. Männer wie Frauen waren schön und wild, allesamt ein wenig gewaltbereit und ungezähmt unter dem Firnis ihrer liebenswürdigen Manieren.
Die Zeit schleppte sich dahin, während die Sonne immer heißer brannte, und nicht nur Scarletts Blick wanderte erneut zu India. Die Gespräche erstarben, als plötzlich Geralds aufgebrachte Stimme in die Stille platzte. Er stand in einiger Entfernung von den Barbecuetischen mit John Wilkes in einen Streit verwickelt, der gerade seinen Höhepunkt erreichte.
»Herrgott im Nachtgewand! Für eine friedliche Einigung mit den Yankees beten? Nachdem wir bei Fort Sumter auf die Schurken geschossen haben? Friedlich? Der Süden muss mit Waffen zeigen, dass er sich nicht beleidigen lässt und dass er aus der Union nicht mit der gnädigen Erlaubnis der Union austritt, sondern aus eigener Kraft!«
Du liebe Güte, dachte Scarlett. Er hat es wieder geschafft. Jetzt sitzen wir alle bis Mitternacht hier.
Im Nu war die Schläfrigkeit von den dösenden Gästen gewichen, und die Luft knisterte vor Spannung. Die Männer sprangen von den Bänken auf, gestikulierten mit den Armen und überschrien sich gegenseitig, um sich Gehör zu verschaffen. Den ganzen Vormittag war auf Mr. Wilkes’ Bitte, die Damen nicht zu langweilen, kein Wort über Politik oder den drohenden Krieg gefallen. Doch nun hatte Gerald mit lauter Stimme die Worte »Fort Sumter« gerufen, und schon vergaßen alle anwesenden Männer die Ermahnung ihres Gastgebers.
»Natürlich werden wir kämpfen« – »Diese Yankee-Diebe« – »Die erledigen wir in einem Monat« – »Ach, ein Südstaatler erledigt zwanzig Yankees« – »Denen werden wir’s zeigen, das vergessen sie nicht so schnell« – »Friedlich? Die lassen uns nicht friedlich ziehen« – »Nein, seht euch doch an, wie Mr. Lincoln unsere Gesandten beleidigt hat!« – »Ja, er hat sie wochenlang hingehalten und geschworen, er würde Fort Sumter räumen lassen!« – »Sie wollen den Krieg, und den werden sie dank uns gründlich sattbekommen« – und über allem donnerte Geralds Stimme. Scarlett hörte nur, wie er immer wieder »unser Recht als Staat, Herr des Himmels!« bölkte. Gerald unterhielt sich, im Gegensatz zu seiner Tochter, prächtig.
Sezession, Krieg – Scarlett konnte diese ständig wiederholten Worte nicht mehr hören, aber nun hasste sie ihren bloßen Klang, denn sie bedeuteten, dass die Männer jetzt stundenlang herumstehen und sich gegenseitig Vorträge halten würden, und sie bekäme keine Gelegenheit, mit Ashley allein zu sprechen. Natürlich würde es keinen Krieg geben, das wussten die Männer ja alle. Sie liebten es einfach, zu reden und sich selber reden zu hören.
Charles Hamilton war nicht mit den anderen aufgestanden, und da er sich so gut wie allein bei Scarlett befand, lehnte er sich näher zu ihr und flüsterte mit dem Wagemut neuer Liebe ein Geständnis.
»Miss O’Hara – ich – ich – habe schon vor einer Weile beschlossen, dass ich, wenn wir wirklich kämpfen, nach South Carolina gehe und mich dort den Truppen anschließe. Es heißt, dass Mr. Wade Hampton eine Kavallerietruppe aufstellt, und natürlich will ich mit ihm gehen. Er ist ein fabelhafter Mann und er war der beste Freund meines Vaters.«
Scarlett dachte: »Was soll ich jetzt machen – dreimal Hurra schreien?«, denn Charles’ Gesichtsausdruck ließ erkennen, dass er ihr die tiefsten Geheimnisse seines Herzens anvertraute. Ihr fiel nichts zu sagen ein, so dass sie ihn nur anschaute und sich fragte, wieso die Männer so töricht waren zu glauben, solche Dinge könnten eine Frau interessieren. Er deutete ihr Schweigen als verblüffte Anerkennung und fuhr hastig und noch beherzter fort:
»Wenn ich fahre – würde – würde Ihnen das leidtun, Miss O’Hara?«
»Ich würde jede Nacht in mein Kissen weinen«, sagte Scarlett, die spöttisch klingen wollte, doch er nahm die Antwort ernst und errötete vor Freude. Ihre Hand war in den Falten ihres Kleids verborgen, aber die seine schlängelte sich ihr vorsichtig entgegen und drückte sie, überwältigt von der eigenen Kühnheit und ihrem Einverständnis.
»Würden Sie für mich beten?«
Was für ein Blödmann, dachte Scarlett verbittert und ließ unauffällig den Blick schweifen in der Hoffnung, dass jemand sie aus diesem Gespräch befreite.
»Würden Sie?«
»Oh – ja sicher, Mr. Hamilton. Jeden Abend mindestens drei Rosenkränze.«
Charles sah sich kurz um, holte tief Luft und zog den Bauch ein. Sie waren de facto allein, und eine solche Chance würde nie wiederkommen. Und selbst wenn sich eine solche gottgesandte Gelegenheit wiederholte, könnte ihm der Mut versagen.
»Miss O’Hara – ich muss Ihnen etwas sagen. Ich – ich liebe Sie.«
»Hm?« erwiderte Scarlett geistesabwesend, denn sie versuchte gerade durch die Menge der debattierenden Männer Ashley zu erspähen, der immer noch Melanie zu Füßen saß und mit ihr redete.
»Ja«, flüsterte Charles, beglückt, dass sie weder gelacht noch aufgeschrien hatte oder in Ohnmacht gefallen war, nach seiner Vorstellung das übliche Verhalten junger Mädchen unter solchen Umständen. »Ich liebe Sie. Sie sind das schö… das schö …« und zum ersten Mal in seinem Leben wurde er beredt. »Das schönste junge Mädchen, das ich je kennengelernt habe, und die Liebste und die Netteste, und Sie sind so reizend und ich liebe Sie von ganzem Herzen. Ich darf nicht hoffen, dass Sie jemanden wie mich lieben können, aber, meine liebe Miss O’Hara, wenn Sie mir ein Zeichen der Ermutigung geben würden, dann tue ich alles in der Welt, um Ihre Liebe zu gewinnen. Ich werde …«
Charles brach ab, denn es fiel ihm keine Leistung ein, die schwierig genug war, um Scarlett die ganze Tiefe seines Gefühls zu beweisen, daher sagte er einfach: »Ich möchte Sie heiraten.«
Das Wort »heiraten« brachte Scarlett mit einem unsanften Ruck wieder auf die Erde zurück. Sie hatte von Heirat und Ashley geträumt und blickte Charles mit kaum verhülltem Ärger an. Warum musste dieser kalbsgesichtige Trottel sie ausgerechnet an diesem Tag mit seinen Gefühlen belästigen, wo sie vor Sorgen nahezu den Verstand verlor? Sie sah in die flehenden braunen Augen, und sie bemerkte darin nichts von der Schönheit der ersten Liebe eines schüchternen Jungen, von der Anbetung eines leibhaftigen Ideals oder vom rasenden Glück und der Zärtlichkeit, die ihn gleich einer Flamme durchfuhren. Scarlett war es gewohnt, dass Männer ihr Heiratsanträge machten, Männer, die weit anziehender waren als Charles Hamilton und mehr Feingefühl besaßen, als bei einem Barbecue um ihre Hand anzuhalten, wo sie mit Wichtigerem beschäftigt war. Sie sah nur einen Zwanzigjährigen, rot wie eine Rübe, der reichlich albern aussah. Sie wünschte, sie könnte ihm sagen, wie albern er aussah. Aber ganz automatisch kamen ihr die Worte auf die Lippen, die Ellen ihr für derlei Notfälle beigebracht hatte. Aus alter Gewohnheit senkte sie den Blick und murmelte: »Mr. Hamilton, ich bin mir bewusst, welche Ehre Sie mir mit Ihrem Antrag erweisen, aber das kommt alles so plötzlich, dass ich gar nicht weiß, was ich sagen soll.«
Damit konnte man die Eitelkeit eines Mannes schonen und ihn zugleich am Gängelband halten, und Charles biss sofort an, als wäre ein solcher Köder etwas Neues und er der erste, der ihn schluckte.
»Ich würde ewig warten! Ich möchte Sie nur haben, wenn Sie ganz sicher sind. Bitte, Miss O’Hara, sagen Sie, dass ich hoffen darf!«
»Hm«, sagte Scarlett, die mit ihren scharfen Augen beobachtete, dass Ashley, der nicht aufgestanden war, um an dem Kriegsgerede teilzunehmen, zu Melanie emporlächelte. Wenn dieser Trottel, der nach ihrer Hand suchte, nur einen Moment den Mund hielte, könnte sie vielleicht hören, worüber sie sprachen. Sie musste es unbedingt hören. Was mochte Melanie sagen, dass er sie so fasziniert ansah?
Charles’ Worte verwischten die Stimmen, auf die sie angestrengt lauschte.
»Pscht!« zischte sie und kniff ihn in die Hand, ohne ihn auch nur anzusehen.
Erschrocken, zunächst auch beschämt, errötete Charles über die Zurückweisung, doch als er sah, dass ihr Blick auf seine Schwester geheftet war, lächelte er. Scarlett fürchtete, jemand könnte seine Worte hören. Sie war natürlich verlegen und scheu und hatte große Angst, belauscht zu werden. Ein Gefühl ungewohnter Männlichkeit stieg in Charles auf, denn zum ersten Mal in seinem Leben hatte er ein Mädchen in Verlegenheit gebracht. Das Gefühl war berauschend. Er gab seinem Gesicht einen, wie er glaubte, sorglos unbeteiligten Ausdruck und erwiderte vorsichtig Scarletts Kneifen, um ihr zu zeigen, dass er als Mann von Welt ihren Tadel verstand.
Sie spürte es nicht einmal, denn sie konnte die sanfte Stimme, die Melanies Hauptreiz ausmachte, deutlich hören: »Ich fürchte, deine Meinung zu den Werken von Thackeray kann ich nicht teilen. Er ist ein Zyniker. Ich fürchte, er ist nicht so ein Gentleman wie Dickens.«
Wie dumm, so etwas zu einem Mann zu sagen, dachte Scarlett und hätte vor Erleichterung fast losgekichert. Sie ist ja nichts als ein Blaustrumpf, und jeder weiß doch, was Männer von Blaustrümpfen halten … Man weckte bei einem Mann Interesse und hielt es wach, indem man über ihn sprach und dann allmählich das Gespräch auf sich selber lenkte – und dann bei diesem Thema blieb. Scarlett wäre alarmiert gewesen, wenn Melanie gesagt hätte: »Wie großartig du bist!« oder »Wie kommst du nur auf solche Gedanken? Mein kleines Gehirn würde platzen, wenn ich auch nur versuchen würde, so etwas zu verstehen!« Aber sie saß da, mit einem Mann zu ihren Füßen, und sprach so ernsthaft, als wäre sie in der Kirche. Scarletts Aussichten hatten sich verbessert, so sehr sogar, dass sie Charles aus purer Freude anstrahlte. Hingerissen von diesem Beweis ihrer Zuneigung, ergriff er ihren Fächer und wedelte mit solchem Eifer, dass ihr Haar in Unordnung geriet.
»Ashley, du hast uns deine Meinung noch gar nicht verraten«, rief Jim Tarleton aus der Gruppe lärmender Männer, und mit einer Entschuldigung gegenüber Melanie stand Ashley auf. Keiner der Anwesenden sah so gut aus, dachte Scarlett, während sie die Eleganz seiner nachlässigen Haltung bewunderte. Die Sonne glänzte auf seinem goldenen Haar und Schnurrbart, und sogar die älteren Männer verstummten, um seine Worte zu hören.
»Na klar, meine Herren, wenn Georgia in den Kampf zieht, ziehe ich mit. Weshalb wäre ich denn sonst in die Truppe eingetreten?« sagte er. Seine grauen Augen waren weit geöffnet, und ihre Verträumtheit hatte einer Intensität Platz gemacht, die Scarlett nie zuvor gesehen hatte. »Aber wie mein Vater hoffe ich, dass die Yankees uns in Frieden gehen lassen und dass es keinen Kampf gibt …« Er wehrte lächelnd mit der Hand ab, als sich von den jungen Tarletons und Fontaines ein babylonisches Stimmengewirr erhob. »Ja, ja, ich weiß, dass man uns beleidigt und belogen hat – aber wenn die Yankees versuchen würden, die Union zu verlassen, wie hätten wir uns an ihrer Stelle verhalten? Ziemlich genauso. Es hätte uns nicht gefallen.«
Typisch, dachte Scarlett. Immer versetzt er sich in andere Leute. Für sie stand das Recht in einer Auseinandersetzung immer nur auf einer Seite. Manchmal konnte man Ashley einfach nicht verstehen.
»Lasst uns nicht zu hitzköpfig sein und lasst uns keinen Krieg anfangen. Das meiste Elend auf der Welt ist durch Kriege entstanden. Und wenn dann die Kriege vorbei waren, wusste kein Mensch mehr, weshalb sie stattgefunden hatten.«
Scarlett rümpfte die Nase. Zum Glück hatte Ashley einen untadeligen Ruf, was seinen Mut anbetraf, sonst hätte es Probleme geben können. Während sie das noch dachte, ertönte um Ashley erzürnter Widerspruch.
In der Laube stieß der schwerhörige alte Mann aus Fayetteville India an.
»Worum geht’s? Was reden die da?«
»Krieg«, rief India, die Hände an den Mund gelegt, in sein Ohr. »Sie wollen gegen die Yankees kämpfen.«
»Also Krieg?« rief er und tastete nach seinem Stock. Er erhob sich mit solcher Energie aus seinem Sessel, wie er sie seit Jahren nicht mehr an den Tag gelegt hatte. »Ich werd ihnen was über Krieg erzählen.« Mr. McRae hatte nicht oft Gelegenheit, über den Krieg zu sprechen, weil seine Frauensleute ihn immer zum Schweigen brachten.
Er stapfte rasch zu den Männern hin, schwenkte seinen Stock und rief laut, und da er die Stimmen um sich herum nicht hören konnte, beherrschte er binnen kurzem das Feld.
»Ihr jungen Feuerfresser, hört mal zu. Ihr wollt nicht wirklich kämpfen. Ich habe gekämpft, und ich weiß, was das bedeutet. Ich bin in den Seminolenkrieg gezogen, und ich war blöd genug, auch noch am Mexikanischen Krieg teilzunehmen. Ihr wisst alle nicht, was Krieg ist. Ihr glaubt, da reitet ihr auf einem hübschen Pferd, und die Mädchen werfen euch Blumen zu, und ihr kommt als Helden nach Hause. So ist das aber nicht. Nein, Leute! Krieg heißt hungern und vom Schlafen in der Nässe Masern und Lungenentzündung kriegen. Und wenn es nicht Masern und Lungenentzündung sind, dann sind es eure Gedärme. Menschenskind, was der Krieg mit den Gedärmen macht – Ruhr und so weiter …«
Die Damen erröteten. Mister McRae war ein Überbleibsel aus rauheren Zeiten, wie Grandma Fontaine und ihre peinlich lauten Rülpser, aus Zeiten, an die niemand mehr erinnert werden wollte.
»Lauf und hol deinen Großvater«, zischte eine der Töchter des alten Herrn ein Mädchen in der Nähe an. »Ich muss schon sagen«, flüsterte sie den aufgeplusterten Matronen in ihrer Nähe zu, »er wird von Tag zu Tag schlimmer. Stellen Sie sich vor, heute Morgen hat er zu Mary gesagt – und sie ist erst sechzehn: ›Also, kleine Miss …‹« Doch die Stimme verlor sich in einem Wispern, als die Enkelin sich vordrängelte und Mr. McRae nötigte, an seinen Platz im Schatten zurückzukehren.
Unter all den Menschen, die sich unter den Bäumen ergingen, den Mädchen, die aufgeregt lächelten, und den Männern, die leidenschaftlich debattierten, gab es nur einen einzigen, der bei alledem gelassen wirkte. Scarlett schaute zu Rhett Butler hinüber, der an einen Baum gelehnt stand, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er stand allein, seit Mr. Wilkes sich jemand anderem zugewandt hatte, und beteiligte sich mit keinem Wort an dem zunehmend hitzigen Gespräch. Die roten Lippen unter dem schmalen schwarzen Schnurrbart verzogen sich spöttisch, und in seinen schwarzen Augen schimmerte ein Funke herablassender Belustigung – als hörte er den Prahlereien kleiner Kinder zu. Ein sehr unangenehmes Lächeln, dachte Scarlett. Er lauschte schweigend, bis Stuart Tarleton mit zerzausten roten Haaren und leuchtenden Augen wiederholte: »Mensch, wir könnten sie in einem Monat erledigen. Gentlemen kämpfen immer besser als dieses Pack. In einem Monat – ach was, in einer einzigen Schlacht …«
»Gentlemen«, sagte Rhett Butler, ohne sich von der Stelle zu rühren oder die Hände aus den Taschen zu nehmen, in der gedehnt monotonen Sprechweise, die seine Herkunft aus Charleston verriet, »darf ich ein Wort dazu sagen?«
Ein verächtlicher Zug lag in seinem Verhalten und in seinen Augen, überspielt von einer Courtoisie, die irgendwie ihrer aller Manieren parodierte.
Die Gruppe wandte sich ihm zu und erwies ihm die Höflichkeit, die einem Auswärtigen gebührt.
»Hat irgendeiner der Gentlemen je daran gedacht, dass es keine Geschützgießerei südlich der Mason-Dixon-Line gibt? Wie wenige Eisengießereien im Süden überhaupt existieren? Oder Wollwebereien und Baumwollspinnereien und Gerbereien? Haben Sie bedacht, dass wir nicht ein einziges Kriegsschiff besitzen und dass die Flotte der Yankees innerhalb einer Woche unsere Häfen absperren würde, so dass wir unsere Baumwolle nicht mehr ins Ausland verkaufen können? Aber – natürlich – die Gentlemen haben an all das gedacht.«
Was fällt ihm ein? Er hält die Jungs für einen Haufen Trottel! dachte Scarlett empört, und das Blut schoss ihr in die Wangen.
Offensichtlich war sie nicht die einzige, die auf diesen Gedanken kam, denn mehrere der Jungs reckten ihr Kinn. John Wilkes kehrte beiläufig, aber schnell an seinen Platz neben dem Sprecher zurück, wie um allen Anwesenden zu zeigen, dass dieser Mann sein Gast war und dass überdies Damen anwesend waren.
»Das Problem mit den meisten von uns Südstaatlern«, fuhr Rhett Butler fort, »ist, dass wir entweder nicht genug reisen, oder dass wir von unseren Reisen nicht genug mitnehmen. Natürlich sind Sie alle weit gereist, Gentlemen. Aber was haben Sie gesehen? Europa und New York und Philadelphia, und die Damen sind natürlich in Saratoga gewesen.« Er verbeugte sich leicht in Richtung der Gruppe unter den Bäumen. »Sie haben die Hotels und die Museen gesehen, die Bälle und die Casinos. Und sie sind heimgekehrt mit dem Glauben, dass nichts dem Süden das Wasser reichen kann. Was mich betrifft, so bin ich zwar in Charleston geboren, aber ich habe die letzten paar Jahre im Norden verbracht.« Er bleckte grinsend seine weißen Zähne, als wäre ihm klar, dass alle Anwesenden wussten, warum er nicht mehr in Charleston lebte, als wäre ihm das aber völlig egal. »Ich habe vieles gesehen, was Sie alle nicht gesehen haben. Tausende von Einwanderern, die mit Freuden für Essen und ein paar Dollars für die Yankees kämpfen würden – die Fabriken, die Gießereien, die Werften, die Eisen- und Kohlebergwerke – all die Dinge, die wir nicht haben. Lieber Himmel, wir haben nichts als Baumwolle und Sklaven und Arroganz. Sie würden uns binnen eines Monats erledigen.«
Einen angespannten Moment lang herrschte Schweigen. Rhett Butler zog ein feines Leinentaschentuch aus seiner Jackentasche und wischte nachlässig Staub von seinem Ärmel. Dann erhob sich ein bedrohliches Murmeln in der Menge, und aus der Laube ertönte ein Summen, so unmissverständlich wie das Summen eines aufgestörten Bienenschwarms. Obwohl ihr die heiße Zornesröte in die Wangen gestiegen war, erkannte Scarletts praktischer Verstand, dass dieser Mann die Wahrheit sagte und dass es vernünftig klang. Tatsächlich hatte sie noch nie eine Fabrik gesehen, und sie kannte auch niemanden, der schon mal eine gesehen hatte. Aber selbst wenn es stimmte, war es eines Gentlemans unwürdig, so etwas zu behaupten – und noch dazu auf einer Party, wo alle Spaß haben wollten.
Stuart Tarleton trat mit finster zusammengezogenen Augenbrauen vor, Brent gleich hinter ihm. Natürlich waren die Tarleton-Jungs gut erzogen und würden auf einem Barbecue keinen Streit vom Zaun brechen, selbst wenn sie übermäßig provoziert wurden. Dennoch empfanden alle Damen ein angenehmes Prickeln, denn sie erlebten so selten eine Szene oder einen Streit. Normalerweise erfuhren sie davon nur aus dritter Hand.
»Sir«, sagte Stuart mit Nachdruck, »was wollen Sie damit sagen?«
Rhett blickte ihn freundlich, aber mit leisem Spott an.
»Ich will damit sagen«, antwortete er, »was Napoleon – vielleicht haben Sie schon von ihm gehört? – einmal gesagt hat: ›Gott ist auf der Seite der stärkeren Bataillone!‹« Dann wandte er sich John Wilkes zu und sagte mit ungespielter Höflichkeit: »Sie hatten versprochen, mir Ihre Bibliothek zu zeigen, Sir. Wäre es unverschämt, jetzt darum zu bitten, sie sehen zu dürfen? Ich fürchte, ich muss am frühen Nachmittag nach Jonesboro zurück, wo Geschäfte auf mich warten.«
Er drehte sich schwungvoll zu den anderen um, schlug die Hacken zusammen und verneigte sich wie ein Tanzmeister, eine Verbeugung, die für einen so kräftigen Mann erstaunlich graziös und zugleich so frech wie eine Ohrfeige wirkte. Dann überquerte er erhobenen Hauptes zusammen mit John Wilkes den Rasen, und sein aufreizendes Lachen scholl zurück zu der Versammlung bei den Tischen.
Es folgte betretenes Schweigen, doch dann brach das Summen wieder los. India stand müde von ihrem Platz in der Laube auf und ging auf den wütenden Stuart Tarleton zu. Scarlett konnte nicht hören, was sie sagte, aber der Ausdruck ihrer Augen, als sie zu seinem gesenkten Gesicht aufblickte, verursachte Scarlett so etwas wie Gewissensbisse. Es war derselbe Ausdruck der Zusammengehörigkeit, den Melanie trug, wenn sie Ashley ansah, nur dass Stuart ihn nicht bemerkte. Also liebte India ihn tatsächlich. Scarlett dachte kurz, wenn sie vor einem Jahr bei der politischen Versammlung nicht so schamlos mit Stuart geflirtet hätte, dann hätte er India vielleicht längst geheiratet. Doch dann wurden die Gewissensbisse von dem beruhigenden Gedanken verdrängt, dass es nicht Scarletts Schuld war, wenn andere Mädchen ihre Männer nicht an sich binden konnten.
Schließlich lächelte Stuart India widerstrebend an und nickte. Wahrscheinlich hatte sie ihn gebeten, Mr. Butler nicht zu folgen und keinen Streit anzuzetteln. Unter den Bäumen begann ein kleiner Tumult, als die Gäste aufstanden und sich die Krümel abklopften. Die verheirateten Frauen riefen nach den Kindermädchen und sammelten ihre Brut, um abzufahren, und Mädchengruppen machten sich lachend zum Haus auf, um in den Schlafzimmern im Obergeschoss zu plaudern oder ein Schläfchen zu halten.
Alle Damen außer Mrs. Tarleton zogen sich aus dem Garten zurück und überließen den Schatten der Eichen und der Laube den Männern. Mrs. Tarleton wurde von Gerald, Mr. Calvert und den anderen festgehalten, weil sie eine Zusage wegen der Pferde für die Truppe von ihr wollten.
Ashley schlenderte halb versonnen, halb amüsiert zu dem Platz, wo Scarlett und Charles saßen.
»Was für ein arroganter Teufel!« bemerkte er und sah Butler hinterher. »Er sieht aus wie einer von den Borgias.«
Scarlett überlegte rasch, konnte sich aber an keine Familie dieses Namens im County oder in Atlanta oder Savannah erinnern.
»Die kenne ich nicht. Ist er mit ihnen verwandt? Wer ist das?«
Ein seltsamer Ausdruck stahl sich in Charles’ Gesicht, Unglaube und Scham im Kampf mit der Liebe. Die Liebe triumphierte, als ihm klar wurde, dass es für ein Mädchen genügte, lieb und sanft und schön zu sein, ohne dass ihre Reize von Bildung beeinträchtigt wurden, und er antwortete rasch: »Die Borgias waren Italiener.«
»Ach«, sagte Scarlett und verlor sofort das Interesse. »Ausländer.«
Sie wandte Ashley ihr hübschestes Lächeln zu, aber aus irgendeinem Grund sah er sie nicht an. Er blickte auf Charles und sein Gesicht verriet Verständnis, und ein wenig Mitleid.
Scarlett stand auf dem oberen Treppenabsatz und spähte vorsichtig über das Geländer nach unten in die verlassene Halle. Aus den Schlafzimmern im Obergeschoss drang das unaufhörliche Gesumm leiser Stimmen, wurde lauter und wieder leiser, hin und wieder unterbrochen von quiekendem Gegicker und: »Na, das hast du doch nicht wirklich!« und »Was hat er da gesagt?« Auf den Betten und Sofas der sechs großen Schlafzimmer ruhten sich die Mädchen aus; die Kleider hatten sie ausgezogen, ihre Korsetts gelockert, das Haar hing ihnen über den Rücken. Nachmittagsschläfchen waren auf dem Land Sitte, und sie waren nie so notwendig wie bei ganztägigen Partys, die früh am Morgen begannen und ihren Höhepunkt in einem Ball fanden. Eine halbe Stunde lang schwatzten und kicherten die Mädchen, dann machten die Dienstboten die Fensterläden zu, und im warmen Halbdämmer verlor sich das Gespräch in Geflüster und erstarb schließlich, bis die Stille nur noch von leisen, gleichmäßigen Atemzügen unterbrochen wurde.
Scarlett hatte sich vergewissert, dass Melanie sich mit Honey und Hetty Tarleton zu Bett gelegt hatte, ehe sie in den Flur schlich und die Treppe hinunterstieg. Vom Fenster des Treppenabsatzes konnte sie die Gruppe der Männer in der Laube sitzen und aus hohen Gläsern trinken sehen, und sie wusste, dass sie dort bis zum späten Nachmittag sitzenbleiben würden. Sie suchte die Gruppe mit den Augen ab, aber Ashley war nicht darunter. Dann lauschte sie und hörte seine Stimme. Wie sie gehofft hatte, stand er immer noch in der Einfahrt vor dem Haus und verabschiedete die abfahrenden Matronen und Kinder.
Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie die Treppe hinuntereilte. Wenn sie nun Mr. Wilkes begegnete? Wie sollte sie erklären, dass sie im Haus herumschlich, während all die anderen Mädchen ihren Schönheitsschlaf hielten? Nun, darauf musste man es ankommen lassen.
Als sie die unterste Stufe erreichte, hörte sie, wie die Dienstboten sich unter dem Kommando des Butlers im Speisezimmer zu schaffen machten und den Esstisch und die Stühle für den Ball nach draußen trugen. Auf der anderen Seite der großen Halle stand die Tür zur Bibliothek offen, und sie schlüpfte lautlos hinein. Dort konnte sie warten, bis Ashley seine Verabschiedung beendet hatte, und ihn dann ansprechen, wenn er ins Haus kam.
Die Bibliothek lag im Halbdunkel, denn die Vorhänge waren wegen der Sonne zugezogen. Der dämmrige Raum mit den deckenhohen Bücherwänden bedrückte sie. Es war nicht der Ort, den sie für ein Stelldichein, wie sie es sich erhoffte, ausgewählt hätte. Große Mengen von Büchern bedrückten sie immer, ebenso wie Leute, die gern viele Bücher lasen. Das heißt, alle außer Ashley. Die schweren Möbel erhoben sich im Zwielicht vor ihr, hochlehnige Sessel mit tiefen Sitzflächen und breiten Armlehnen für die hochgewachsenen Männer der Wilkes, niedrige weiche Samtsessel mit samtbezogenen Kissen davor für die Mädchen. Ganz am anderen Ende des langen Raums reckte das zwei Meter lange Sofa, Ashleys Lieblingsplatz, seine hohe Rückenlehne empor wie ein riesiges schlafendes Tier.
Sie schloss die Tür bis auf einen schmalen Spalt und bemühte sich, ihren Herzschlag zu beruhigen. Sie versuchte sich zu besinnen, was genau sie in der vergangenen Nacht geplant hatte, Ashley zu sagen, aber es fiel ihr nicht mehr ein. Hatte sie sich etwas ausgedacht und es vergessen – oder hatte sie bloß geplant, dass Ashley etwas zu ihr sagen würde? Sie konnte sich nicht erinnern, und plötzlich befiel sie eisiger Schrecken. Wenn ihr Herz doch bloß aufhören würde, in ihren Ohren zu hämmern, dann könnte sie sich überlegen, was sie sagen wollte. Doch das rasende Pochen nahm noch zu, als sie ihn ein letztes Abschiedswort rufen und dann in die Halle kommen hörte.
Ihr fiel nichts anderes ein, als dass sie ihn liebte – alles an ihm, von dem stolz gereckten goldenen Kopf bis zu seinen schmalen dunklen Stiefeln, sie liebte sein Lachen, auch in Momenten, wo sie es nicht verstand, liebte sein rätselhaftes Schweigen. Ach, wenn er einfach nur hereinkäme und sie in seine Arme schlösse, dann bliebe ihr erspart, etwas sagen zu müssen. Er musste sie lieben – »Vielleicht, wenn ich bete« –, sie presste fest die Augen zusammen und begann vor sich hin zu murmeln »Gegrüßetseistdumariavolldergnaden …«
»Nanu, Scarlett!« brach Ashleys Stimme durch das Rauschen in ihren Ohren und machte ihre Verwirrung vollständig. Er stand in der Halle und blickte sie mit einem verwunderten Lächeln durch die halboffene Tür an.
»Vor wem versteckst du dich, vor Charles oder vor den Tarletons?«
Sie schluckte. Also hatte er doch bemerkt, wie die Männer sie umschwärmt hatten. Wie unaussprechlich lieb er da mit erwartungsvollen Augen stand, ohne etwas von ihrer Aufregung zu bemerken. Sie konnte nicht sprechen, aber sie streckte die Hand aus und zog ihn in die Bibliothek. Er trat ein, erstaunt, aber neugierig. Sie wirkte angespannt und ihre Augen funkelten, wie er es nie zuvor gesehen hatte, und selbst im Dämmerlicht konnte er die rosige Glut ihrer Wangen erkennen. Automatisch schloss er die Tür hinter ihnen und ergriff ihre Hand.
»Was gibt’s?« fragte er fast flüsternd.
Als er ihre Hand berührte, begann sie zu zittern. Jetzt würde es geschehen, genau wie sie es sich erträumt hatte. Tausend unzusammenhängende Gedanken schossen ihr durch den Kopf, und sie konnte nicht einen einzigen festhalten und zu einem Wort formen. Sie konnte nur beben und ihm ins Gesicht blicken. Warum sprach er nicht?
»Was gibt’s?« wiederholte er. »Willst du mir ein Geheimnis verraten?«
Plötzlich fand sie ihre Sprache wieder, und ebenso plötzlich fielen die jahrelangen Lehren Ellens in sich zusammen und das forsche irische Blut Geralds sprach aus Scarletts Lippen.
»Ja – ein Geheimnis. Ich liebe dich.«
Einen Augenblick lang herrschte so tiefes Schweigen, als hielten beide den Atem an. Dann ließ das Zittern nach und Freude und Stolz erfüllten sie. Warum hatte sie das nicht schon früher getan? Wie viel einfacher war es als all die damenhaften Winkelzüge, die man ihr beigebracht hatte. Und dann suchte ihr Blick seine Augen.
In ihnen malte sich Bestürzung, Unglauben und noch etwas – was denn nur? Ja, Gerald hatte so ausgesehen, als sein Lieblingsjagdpferd sich das Bein gebrochen hatte und er es erschießen musste. Warum dachte sie gerade jetzt daran? So ein alberner Gedanke. Und warum sah Ashley so merkwürdig aus und sagte nichts? Dann senkte sich etwas wie eine gut eingeübte Maske über sein Gesicht und er lächelte galant.
»Genügt es dir nicht, dass du heute jedem zweiten Mann den Kopf verdreht hast?« fragte er mit dem alten spöttischen, zärtlichen Ton in der Stimme. »Willst du die Sache einstimmig haben? Weißt du, mein Herz hat schon immer dir gehört. Du hast dir die Zähne daran ausgebissen.«
Etwas war verkehrt – ganz verkehrt. In dem rasenden Wirbel der Gedanken in ihrem Kopf begann einer davon Form anzunehmen. Ashley benahm sich aus irgendeinem Grund so, als glaubte er, sie wolle nur mit ihm flirten. Aber er wusste, dass dem nicht so war. Da war sie sich sicher.
»Ashley – Ashley – sag mir – du musst – ach, mach dich nicht lustig über mich! Gehört mir dein Herz? Ach, mein Liebster, ich lie…«
Seine Hand fuhr schnell über ihre Lippen. Die Maske war verschwunden.
»Du darfst das alles nicht sagen, Scarlett! Du darfst nicht. Du meinst das doch gar nicht. Du wirst dich selbst dafür hassen, dass du es gesagt hast, und mich, weil ich es angehört habe!«
Sie riss heftig den Kopf zurück. Ein heißer Strom durchfloss sie.
»Ich könnte dich nie hassen. Ich sage dir, ich liebe dich, und ich weiß, es liegt dir etwas an mir, weil …« Sie brach ab. Noch nie zuvor hatte sie solche Verzweiflung in einem Gesicht gesehen. »Ashley, du empfindest etwas für mich, nicht wahr?«
»Ja«, sagte er tonlos, »ich empfinde etwas für dich.«
Hätte er gesagt, er verabscheue sie, wäre sie kaum erschrockener gewesen. Sprachlos zupfte sie an seinem Ärmel herum.
»Scarlett«, sagte er. »Können wir nicht gehen und vergessen, dass wir das alles je gesagt haben?«
»Nein«, flüsterte sie. »Das kann ich nicht. Was meinst du denn? Willst du – willst du mich nicht heiraten?«
Er erwiderte: »Ich werde Melanie heiraten.«
Plötzlich fand sie sich auf einem niedrigen Samtsessel, und Ashley saß auf dem Sitzkissen ihr zu Füßen und hielt ihre Hände mit den seinen ganz fest. Er sagte Dinge – Dinge, die keinen Sinn ergaben. Ihr Kopf war völlig leer, alle Gedanken, die noch einen Augenblick zuvor darin herumwogten, waren wie weggeblasen, und seine Worte hinterließen nicht mehr Eindruck als Regentropfen auf einer Fensterscheibe. Sie fanden kein Gehör, diese raschen, zärtlichen Worte, voller Mitleid, wie sie ein Vater zu seinem Kind spricht, das sich verletzt hat.
Melanies Name drang in ihr Bewusstsein durch, und sie blickte in seine kristallgrauen Augen. Darin sah sie die alte Reserviertheit, die sie immer vor Rätsel gestellt hatte – und so etwas wie Selbsthass.
»Vater wird die Verlobung heute Abend bekannt geben. Wir werden bald heiraten. Ich hätte es dir sagen sollen, aber ich dachte, du wüsstest es. Ich dachte, jeder wüsste es – schon seit Jahren. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass du – du hast so viele Anbeter. Ich dachte, Stuart …«
Sie wurde wieder lebendig, Gefühl und Verständnis kehrten zurück.
»Aber du hast doch eben gesagt, dass du etwas für mich empfindest.«
Seine warmen Hände taten ihr weh.
»Meine Liebe, willst du mich zwingen, Dinge zu sagen, die dir wehtun werden?«
Ihr Schweigen drängte ihn weiter.
»Wie kann ich dir das bloß begreiflich machen, meine Liebe? Wo du so jung bist und so gedankenlos, dass du gar nicht weißt, was Ehe bedeutet.«
»Ich weiß, dass ich dich liebe.«
»Liebe ist nicht genug für das Gelingen einer Ehe, wenn zwei Leute so verschieden sind wie wir beide. Du würdest einen Mann mit Haut und Haaren besitzen wollen, seinen Leib, sein Herz, seine Seele, seine Gedanken. Und wenn du das nicht bekämst, wärst du todunglücklich. Aber ich könnte mich dir nicht vollständig geben. Ich könnte mich niemandem vollständig hingeben. Und ich würde auch von dir nicht deine gesamten Gedanken und deine ganze Seele wollen. Und das würde dich verletzen, und dann würdest du anfangen, mich zu hassen, und wie! Du würdest die Bücher hassen, die ich lese, und die Musik, die ich liebe, wenn sie mich dir auch nur für einen Augenblick entziehen würden. Und ich – vielleicht würde ich …«
»Liebst du sie?«
»Sie ist wie ich, Blut von meinem Blut, und wir verstehen uns. Scarlett! Scarlett! Kann ich dir nicht begreiflich machen, dass eine Ehe nur friedlich verlaufen kann, wenn die Eheleute sich ähnlich sind?«
Das hatte jemand anderes auch schon gesagt: »Nur wenn Gleich und Gleich heiraten, kommt Glück dabei heraus.« Wer war das gewesen? Es schien eine Million Jahre her zu sein, seit sie es gehört hatte, aber es ergab immer noch keinen Sinn.
»Aber du hast gesagt, du empfindest etwas für mich.«
»Das hätte ich nicht sagen sollen.«
Irgendwo in ihrem Kopf begann ein Feuer zu glühen, und die Wut überlagerte alles andere.
»Nachdem du ein solcher Schuft warst, es zu sagen …«
Sein Gesicht wurde kreidebleich.
»Ich war ein Schuft, es zu sagen, denn ich werde Melanie heiraten. Ich habe dir unrecht getan und Melanie sogar noch mehr. Ich hätte es nicht sagen dürfen, denn ich wusste, du würdest es nicht verstehen. Wie konnte ich vermeiden, Gefühle für dich zu entwickeln – für dich, die all die Leidenschaft für das Leben hat, die mir fehlt? Für dich, die mit einer Gewalt hassen und lieben kann, die mir unmöglich ist? Du bist doch so elementar wie Feuer und Wind und wilde Tiere, und ich …«
Sie dachte an Melanie und sah plötzlich deren ruhige braune Augen mit ihrem in die Ferne schweifenden Blick vor sich, ihre friedlichen kleinen Hände in den schwarzen Spitzenhandschuhen, ihr mildes Schweigen. Und da brach ihr Zorn aus, derselbe Zorn, der Gerald zum Mord getrieben hatte und andere irische Vorfahren zu Verbrechen, die sie den Kopf gekostet hatten. Da war nichts mehr in ihr von den wohlerzogenen Robillards, die alles schweigend ertragen konnten, was die Welt ihnen aufbürdete.
»Sag’s doch, du Feigling! Du hast Angst, mich zu heiraten. Du möchtest lieber mit diesem kleinen Dummchen leben, die ihren Mund nicht aufkriegt, außer um ›ja‹ oder ›nein‹ zu sagen, und du willst mit ihr einen Haufen scheinheiliger Bälger in die Welt setzen, die genauso sind wie sie! Also …«
»So darfst du nicht über Melanie sprechen!«
»Steck dir dein ›du darfst‹ an den Hut! Wer bist du, mir zu sagen, ich dürfte etwas nicht? Du Feigling, du Schuft, du – du hast mich glauben lassen, du würdest mich heiraten …«
»Sei nicht ungerecht«, bat er sie. »Habe ich jemals …«
Sie wollte nicht gerecht sein, obwohl sie wusste, dass er die Wahrheit sagte. Er hatte kein einziges Mal die Grenze der Freundschaftlichkeit überschritten, und als sie daran dachte, stieg neue Wut in ihr auf, die Wut verletzten Stolzes und gekränkter Eitelkeit. Sie war ihm nachgelaufen und er wollte nichts von ihr wissen. Er zog ihr ein milchgesichtiges Dummchen wie Melanie vor. Oh, hätte sie nur Ellens und Mammys Lehren befolgt und nie, niemals verraten, dass sie ihn überhaupt leiden konnte – alles wäre besser, als sich dieser brennenden Scham ausgeliefert zu sehen!
Sie sprang auf, ihre Hände zu Fäusten geballt, und er erhob sich zu seiner vollen Größe, das Gesicht gezeichnet von der stummen Verzweiflung eines Menschen, der sich den Tatsachen stellen muss, während die Tatsachen Qual bedeuten.
»Ich werde dich hassen bis zum Ende meines Lebens, du Schuft – du mieser – mieser …« Was war das Wort, das sie suchte? Es fiel ihr kein Wort ein, das böse genug war.
»Scarlett – bitte …«
Er streckte ihr die Hand entgegen, und in diesem Moment schlug sie ihm mit aller Kraft ins Gesicht. Es klang in dem stillen Raum wie ein Peitschenhieb, und plötzlich war ihre Wut verflogen, und ihr Herz war erfüllt von Trostlosigkeit.
Der rote Abdruck ihrer Hand war deutlich auf seinem bleichen, müden Gesicht zu sehen. Er sagte nichts, sondern hob ihre leblose Hand an seine Lippen und küsste sie. Und ehe sie noch etwas sagen konnte, war er fort und hatte die Tür leise hinter sich geschlossen.
Sie musste sich plötzlich wieder setzen, denn ihr waren nach ihrem Wutausbruch die Knie weich geworden. Er war fort, und die Erinnerung an sein gramerfülltes Gesicht sollte sie bis zu ihrem Lebensende verfolgen.
Sie hörte das leise, gedämpfte Geräusch seiner Schritte in der Halle verklingen, und da wurde ihr die Ungeheuerlichkeit ihres Handelns klar. Sie hatte ihn für immer verloren. Nun würde er sie hassen, und jedes Mal, wenn er sie anschaute, würde er sich daran erinnern, wie sie sich ihm an den Hals geworfen hatte, ohne dass er ihr die geringste Veranlassung dazu gegeben hatte.
Ich bin nicht besser als Honey Wilkes, dachte sie plötzlich, als ihr einfiel, wie alle, und sie selbst mehr als alle anderen, verächtlich über Honeys dreistes Benehmen gelacht hatten. Sie sah Honeys peinliches Hüftwackeln vor sich und hörte ihr albernes Gekicher, wenn sie sich bei jungen Männern einhängte, und der Gedanke stachelte ihre Wut erneut an, Wut auf sich selbst, auf Ashley, Wut auf die ganze Welt. Weil sie sich selbst hasste, hasste sie alle mit der Raserei der enttäuschten und gedemütigten Liebe einer Sechzehnjährigen. Nur wenig echte Zärtlichkeit war in ihrer Liebe gewesen. In der Hauptsache hatte sie aus Eitelkeit und dem selbstgefälligen Vertrauen in ihre eigenen Reize bestanden. Nun war sie unterlegen, und größer noch als die Niederlage wog für sie die Angst, sich öffentlich zum Gespött gemacht zu haben. Hatte sie sich so auffällig verhalten wie Honey? Lachten alle sie aus? Bei diesem Gedanken begann sie zu zittern.
Ihre Hand sank auf einen Beistelltisch und spielte mit einer kleinen Rosenschale aus Porzellan, auf der zwei Putten lächelten. Der Raum war so still, dass sie am liebsten geschrien hätte, um das Schweigen zu durchbrechen. Sie musste irgendetwas tun, sonst würde sie verrückt. Sie nahm die Schale und schleuderte sie wutentbrannt quer durch den Raum gegen den Kamin. Sie flog gerade über die hohe Sofalehne und zersplitterte am Kaminsims.
»Jetzt reicht’s«, sagte eine Stimme aus den Tiefen des Sofas.
So erschrocken war sie noch nie in ihrem Leben, und ihr Mund wurde so trocken, dass sie keinen Laut von sich geben konnte. Sie hielt sich an der Sessellehne fest, denn ihre Knie gaben unter ihr nach, als Rhett Butler vom Sofa aufstand, auf dem er gelegen hatte, und sich übertrieben höflich vor ihr verneigte.
»Es ist schlimm genug, wenn ein Nachmittagsschläfchen durch eine Szene gestört wird, wie ich sie anhören musste, aber warum muss auch noch mein Leben in Gefahr gebracht werden?«
Er war es wirklich, er war kein Gespenst. Beim Allmächtigen, er hatte alles gehört! Mit letzter Kraft versuchte sie sich einen Anschein von Würde zu geben.
»Sir, sie hätten sich bemerkbar machen müssen.«
»Ach so?« Seine weißen Zähne blitzten und seine unverschämten dunklen Augen lachten sie an. »Aber Sie waren der Eindringling. Ich war gezwungen, auf Mr. Kennedy zu warten, und da es mir schien, als sei ich im Garten Persona non grata, habe ich aus Höflichkeit meine unwillkommene Anwesenheit hierher verlegt, wo ich hoffte, ungestört zu bleiben. Aber leider!« Er zuckte die Achseln und lachte in sich hinein.
Allmählich stieg wieder Zorn in ihr auf, als sie sich bewusst machte, dass dieser grobe, unverschämte Mann alles gehört hatte, Dinge gehört hatte, die sie nie im Leben hätte sagen dürfen.
»Der Lauscher an der Wand …«, begann sie wütend.
»Der Lauscher an der Wand hört oft höchst unterhaltsame und lehrreiche Dinge«, grinste er. »Aus meiner langen Erfahrung als Lauscher kann ich …«
»Sir«, sagte sie, »Sie sind kein Gentleman!«
»Eine treffende Beobachtung«, sagte er heiter. »Und Sie, Miss, sind keine Lady.« Er schien sie sehr amüsant zu finden, denn er lachte wieder leise. »Keine Frau, die gesagt und getan hat, was ich gerade gehört habe, kann weiter eine Lady sein. Ladys haben mich bislang allerdings nur sehr wenig interessiert. Ich weiß immer, was sie denken, aber sie haben nie den Mut oder den nötigen Mangel an Erziehung, zu sagen, was sie denken. Und das wird auf die Dauer langweilig. Aber Sie, meine werte Miss O’Hara, sind ein Mädchen von seltenem, bewunderungswürdigem Temperament, und ich ziehe den Hut vor Ihnen. Ich verstehe nur nicht, welche Anziehungskraft der elegante Mr. Wilkes auf ein Mädchen mit Ihrem stürmischen Charakter ausüben kann. Er sollte Gott auf Knien danken für ein Mädchen mit Ihrer – wie sagte er doch gleich? – ›Leidenschaft für das Leben‹, aber da er ein jämmerlicher Wicht ist …«
»Sie sind es nicht wert, ihm die Stiefel zu putzen!« schrie sie wütend.
»Sie wollten ihn doch bis an Ihr Lebensende hassen!« Er ließ sich auf das Sofa fallen und lachte laut.
Wenn sie ihn hätte umbringen können, hätte sie es getan. Stattdessen schritt sie möglichst würdevoll aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.
Sie rannte so schnell die Treppe hinauf, dass sie am oberen Treppenabsatz fürchtete, sie würde ohnmächtig. Sie hielt sich am Geländer fest, und ihr Herz schlug vor Zorn, Beschämung und Anstrengung so heftig, dass es schier ihr Mieder sprengen wollte. Sie versuchte, tief Atem zu holen, aber Mammy hatte sie zu fest geschnürt. Wenn sie nun in Ohnmacht fiel und man sie hier auf dem Treppenabsatz fand, was würden die Leute denken? Oh, sie würden alles Mögliche denken. Ashley und dieser ekelhafte Butler und die grässlichen Mädchen, die nur eifersüchtig waren. Zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie, sie hätte Riechsalz bei sich wie die anderen Mädchen, aber sie hatte nie ein Riechfläschchen besessen. Sie war immer so stolz darauf gewesen, dass ihr nie schwindelig wurde. Sie durfte jetzt einfach nicht ohnmächtig werden!
Allmählich ließ das Schwindelgefühl nach. In einer Minute würde sie sich wieder gut fühlen, und dann würde sie sich in das kleine Ankleidezimmer neben Indias Zimmer schleichen, ihr Korsett lockern und sich dann auf eins der Betten neben die schlafenden Mädchen legen. Sie versuchte ihr Herz zu beruhigen und ihr Gesicht zu glätten, denn ihr war bewusst, dass sie wahrscheinlich wie eine Wahnsinnige aussah. Wenn jemand von den Mädchen wach war, würden sie sofort wissen, dass etwas nicht stimmte. Und niemand durfte je erfahren, dass etwas vorgefallen war.
Durch das breite Erkerfenster auf dem Treppenabsatz konnte sie sehen, dass die Männer immer noch unter den Bäumen und im Schatten der Laube auf Stühlen herumlungerten. Wie sie sie beneidete! Wie herrlich war es, ein Mann zu sein und niemals solche Kümmernisse zu erleiden, wie sie sie gerade erlebt hatte. Während sie noch benommen und mit heißen Augen hinüberblickte, hörte sie Pferdegetrappel auf der vorderen Auffahrt, das Aufspritzen von Kies und eine aufgeregte Stimme, die den Sklaven eine Frage zurief. Wieder spritzte der Kies, und dann sah sie einen Reiter über den grünen Rasen zu den Müßiggängern unter den Bäumen galoppieren.
Irgendein später Gast, aber warum ritt er über den Rasen, auf den India so stolz war? Sie konnte ihn nicht erkennen, aber als er vom Pferd sprang und John Wilkes am Arm packte, verriet sich Aufregung in jeder Faser seines Körpers. Die Männer scharten sich um ihn, Gläser und Palmettofächer blieben auf den Tischen oder auf dem Boden zurück. Trotz der Entfernung konnte sie das Stimmengewirr aus Fragen und Rufen hören und die fiebrige Anspannung der Männer spüren. Dann erhob sich über dem Durcheinander Stuarts Stimme mit einem Jubelruf: »Jippiiijeh!«, als wäre er bei der Treibjagd. Ohne es zu wissen, hörte sie zum ersten Mal den Rebellenschrei.
Plötzlich lösten sich die vier Tarletons, gefolgt von den Fontaine-Jungs, aus der Gruppe, eilten auf den Stall zu und riefen im Laufen: »Jeems! Hey Jeems! Sattle die Pferde!«
Irgendwo muss es brennen, dachte Scarlett. Aber Feuer hin, Feuer her, sie musste ins Schlafzimmer zurück, ehe man sie entdeckte.
Ihr Herz war jetzt ruhiger, und sie schlich auf Zehenspitzen die Stufen zum stillen Flur hinauf. Eine schwere, warme Schläfrigkeit lag über dem Haus, als ruhte es wie die Mädchen bis zum Abend, wenn es mit Musik und Kerzenlicht zu voller Schönheit erwachen würde. Vorsichtig schob sie die Tür zum Ankleidezimmer auf und glitt hinein. Mit einer Hand hielt sie noch den Türknauf hinter sich, da ertönte Honey Wilkes’ Stimme leise, fast flüsternd durch den Spalt der gegenüberliegenden Schlafzimmertür.
»Ich finde, Scarlett hat sich heute so schamlos benommen, wie sich ein Mädchen überhaupt nur benehmen kann.«
Scarlett spürte, wie ihr Herz wieder wie verrückt zu rasen begann, und sie presste unbewusst die Hand dagegen, als wollte sie es zum Gehorsam zwingen. »Der Lauscher an der Wand hört oft sehr lehrreiche Dinge«, höhnte eine Erinnerung. Sollte sie sich wieder hinausschleichen? Oder sich bemerkbar machen und Honey in Verlegenheit bringen, wie sie es verdiente? Doch die nächste Stimme ließ sie innehalten. Keine zehn Pferde hätten sie wegbringen können, als sie Melanies Stimme hörte. »O Honey, nein! Sei nicht so unbarmherzig! Sie ist einfach lebendig und temperamentvoll. Ich fand sie sehr charmant.«
Oh, dachte Scarlett und grub die Fingernägel in ihr Mieder. Jetzt muss dieses heuchlerische kleine Biest sich auch noch auf meine Seite schlagen!
Das war noch schwerer zu ertragen als Honeys unverhohlene Gehässigkeit. Scarlett hatte keiner Frau je getraut und hatte auch keiner – außer ihrer Mutter – je andere als eigensüchtige Motive unterstellt. Melanie wusste sich im sicheren Besitz Ashleys und konnte sich daher solch christliche Barmherzigkeit gut leisten. Scarlett sah darin einfach nur Melanies Art, mit ihrer Eroberung zu prahlen und gleichzeitig noch als lieb und nett zu gelten. Scarlett hatte oft denselben Trick angewendet, wenn sie mit Männern über andere Mädchen sprach, und er hatte nie verfehlt, die törichten Männer von ihrem Liebreiz und ihrer Selbstlosigkeit zu überzeugen.
»Also, Missy«, sagte Honey eingeschnappt, »du bist wohl blind.«
»Pscht, Honey«, zischte Sally Munroes Stimme, »man hört dich im ganzen Haus!«
Honey senkte die Stimme, fuhr aber fort.
»Ihr habt doch gesehen, wie sie mit jedem Mann in ihrer Reichweite schamlos geflirtet hat – sogar mit Mr. Kennedy, dabei ist er der Verehrer ihrer eigenen Schwester. So was habe ich noch nie erlebt. Und sie hat sich auf jeden Fall an Charles rangemacht.« Honey kicherte verlegen. »Und ihr wisst, Charles und ich …«
»Wirklich?« flüsterten aufgeregte Stimmen.
»Naja, verratet es niemandem, Mädels – noch nicht!«
Man hörte noch mehr Kichern, und die Bettfedern ächzten, als jemand Honey drückte. Melanie murmelte, wie glücklich sie sei, dass Honey ihre Schwester würde.
»Tja, ich freue mich nicht, Scarlett zur Schwester zu kriegen, denn sie ist ein lockeres Mädchen, wie ich nur je eins gesehen habe«, ertönte die bekümmerte Stimme von Hetty Tarleton. »Aber sie ist schon so gut wie verlobt mit Stuart. Brent behauptet, sie hätte nicht das geringste bisschen für ihn übrig, aber natürlich ist auch Brent verrückt nach ihr.«
»Wenn ihr mich fragt«, sagte Honey mit geheimnistuerischer Wichtigkeit, »gibt es nur eine Person, für die sie etwas übrig hat, und das ist Ashley.«
Während das Geflüster mit Fragen und Unterbrechungen wild durcheinanderging, wurde es Scarlett eiskalt vor Angst und Scham. Honey war dumm und hatte keine Ahnung von Männern, aber sie besaß einen weiblichen Instinkt für andere Frauen, den Scarlett unterschätzt hatte. Die Beschämung und die Verletzung ihres Stolzes, die sie in der Bibliothek mit Ashley und Rhett Butler erlebt hatte, waren im Vergleich dazu bloße Nadelstiche. Bei Männern konnte man sich darauf verlassen, dass sie den Mund hielten, sogar Männer wie Mr. Butler, aber wenn Honey Wilkes anschlug wie ein Hund bei der Jagd, wusste das gesamte County bis sechs Uhr darüber Bescheid. Und Gerald hatte noch am Vorabend gesagt, er würde nicht dulden, dass das County seine Tochter auslachte. Und wie sie jetzt alle lachen würden! Kalter Schweiß begann ihr von den Achseln die Rippen hinunterzurinnen.
Melanies Stimme, gemessen und friedlich, erhob sich mit leichtem Tadel über die anderen.
»Honey, du weißt, dass das nicht stimmt. Und es ist einfach gemein.«
»Das ist es, Melly, und wenn du nicht immer so damit beschäftigt wärst, das Gute in Menschen zu suchen, an denen nichts Gutes ist, dann würdest du es sehen. Und ich bin froh darüber. Es geschieht ihr recht. Scarlett O’Hara hat nie etwas anderes getan, als Unruhe zu stiften und anderen Mädchen die Verehrer wegzuschnappen. Ihr wisst genau, dass sie India Stuart ausgespannt hat, und dabei wollte sie ihn nicht einmal. Und heute hat sie versucht, Mr. Kennedy und Ashley und Charles zu erobern …«
Ich muss nach Hause! dachte Scarlett. Ich muss sofort nach Hause!
Wenn sie doch bloß durch Zauberei nach Tara und in Sicherheit gebracht werden könnte. Wenn sie nur bei Ellen sein könnte, nur um sie zu sehen, sich an ihren Rock zu klammern, in ihrem Schoß zu weinen und ihr Herz auszuschütten. Wenn sie noch ein einziges Wort zu hören bekam, würde sie hineinstürzen und Honey das strähnige, bleiche Haar mit vollen Händen ausreißen und Melanie Hamilton anspucken, um ihr zu zeigen, was sie von ihrer Barmherzigkeit hielt. Aber sie hatte sich bereits ausgiebig danebenbenommen, wie weißes Lumpenpack – und darin steckte ihr gesamtes Problem.
Sie presste die Hände fest gegen ihre Röcke, damit sie nicht raschelten, und schlich verstohlen wie ein wildes Tier rückwärts wieder hinaus. Nach Hause, dachte sie, als sie durch den Flur eilte, vorbei an geschlossenen Türen und stillen Zimmern, ich muss nach Hause.
Sie war bereits auf der Vorderveranda, als ein neuer Gedanke sie innehalten ließ – sie konnte nicht nach Hause gehen! Sie konnte nicht weglaufen! Sie musste es durchstehen, die Gehässigkeit der Mädchen ertragen und ihre eigene Erniedrigung und ihren Liebeskummer. Wenn sie weglief, lieferte sie ihnen nur neue Munition.
Mit geballter Faust schlug sie gegen den hohen weißen Pfeiler, neben dem sie stand, und wünschte sich, Samson zu sein, so dass sie Twelve Oaks zum Einsturz bringen und alle Menschen darin töten könnte. Es würde ihnen noch leidtun. Sie würde es ihnen zeigen. Sie wusste noch nicht so recht, wie, aber sie würde es ihnen zeigen. Sie würde ihnen schlimmer wehtun als sie ihr.
Für den Augenblick war Ashley als Person vergessen. Er war nicht mehr der große, verträumte junge Mann, den sie liebte, sondern ein Angehöriger der Wilkes, von Twelve Oaks, dem County – und sie hasste sie alle, weil sie lachten. Mit sechzehn war die Eitelkeit stärker als die Liebe, und im Augenblick gab es in ihrem heißen Herzen nur Raum für Hass.
Ich gehe nicht nach Hause, dachte sie. Ich bleibe hier und zahle es ihnen heim. Und ich werde es Mutter nie sagen. Nein, ich werde es nie irgendjemandem sagen. Sie wappnete sich, um ins Haus zurückzukehren, die Treppe wieder hinaufzusteigen und in ein anderes Schlafzimmer zu gehen.
Als sie sich umwandte, sah sie Charles, der vom anderen Ende der langen Halle ins Haus kam. Als er sie bemerkte, eilte er ihr entgegen. Sein Haar war zerzaust und sein Gesicht fast geranienrot vor Erregung.
»Wissen Sie, was passiert ist?« rief er, noch bevor er bei ihr angekommen war. »Haben Sie es gehört? Paul Wilson ist gerade mit der Nachricht von Jonesboro herübergekommen!«
Atemlos blieb er vor ihr stehen. Sie sagte nichts und starrte ihn nur an.
»Mr. Lincoln hat Männer, Soldaten einberufen – ich meine Freiwillige – fünfundsiebzigtausend!«
Schon wieder Mr. Lincoln! Konnten Männer denn nie an irgendetwas denken, das wirklich wichtig war? Jetzt erwartete dieser Blödian, dass sie sich über Mr. Lincolns Kapriolen aufregte, während ihr Herz gebrochen und ihr Ruf so gut wie ruiniert war.
Charles verschlang sie mit den Augen. Ihr Gesicht war weiß wie Papier, und ihre zusammengekniffenen Augen sprühten wie Smaragde. Er hatte noch nie solches Feuer in einem Mädchengesicht gesehen, solche Glut in den Augen.
»Was bin ich für ein Stoffel«, sagte er. »Ich hätte es Ihnen behutsamer beibringen sollen. Ich hatte vergessen, wie zart besaitet Damen sind. Es tut mir leid, dass ich Sie so erschreckt habe. Fühlen Sie sich schwach? Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?«
»Nein«, sagte sie und brachte ein schiefes Lächeln zustande.
»Sollen wir uns auf die Bank setzen?« fragte er und nahm ihren Arm.
Sie nickte, und er stützte sie sorgsam auf dem Weg die Vordertreppe hinunter und führte sie über den Rasen zu einer Eisenbank unter der großen Eiche im Vorgarten. Wie zerbrechlich und zart Frauen sind, dachte er. Bei der bloßen Erwähnung von Krieg und Härte fallen sie in Ohnmacht. Dieser Gedanke gab ihm ein Gefühl von Männlichkeit, und er half ihr doppelt schonungsvoll auf den Sitz. Sie blickte so seltsam, aber es war eine wilde Schönheit in ihrem Gesicht, die sein Herz hüpfen ließ. Konnte es sein, dass die Vorstellung, er würde vielleicht in den Krieg ziehen, sie unglücklich machte? Nein, an solch einen eitlen Gedanken konnte er nicht glauben. Doch warum sah sie ihn so merkwürdig an? Und warum zitterten ihr die Hände, während sie ihr Spitzentaschentuch zerknäulte? Und ihre dichten, schwarzen Wimpern – sie bebten, wie die Augen der Mädchen in den Romanen, die er gelesen hatte, vor Schüchternheit und Liebe bebten.
Er räusperte sich dreimal, um zu sprechen, und dreimal misslang es ihm. Er senkte den Blick, denn ihre grünen Augen durchdrangen die seinen mit ihrem Blick, fast, als sähe sie ihn gar nicht.
Er hat eine Menge Geld, dachte sie rasch, während ein Gedanke und ein Plan durch ihren Kopf schossen. Und er hat keine lästigen Eltern, und er lebt in Atlanta. Und wenn ich ihn auf der Stelle heirate, dann denkt Ashley, dass er mir völlig egal ist – dass ich bloß mit ihm geflirtet habe. Und Honey würde glatt sterben. Sie kriegt nie, nie einen anderen Verehrer, und alle würden sich über sie totlachen. Und es würde Melanie verletzen, weil sie Charles so liebt. Und es würde Stu und Brent verletzen … Sie wusste eigentlich nicht, warum sie denen wehtun wollte, außer, weil sie gehässige Schwestern hatten. »Und es würde ihnen allen leidtun, wenn ich in einer feinen Kutsche auf Besuch käme mit jeder Menge schöner Kleider und einem eigenen Haus. Und sie würden mich nie, nie mehr auslachen.«
»Natürlich bedeutet das Kampf«, sagte Charles nach einigen verlegenen Anläufen. »Aber machen Sie sich keine Gedanken, Miss Scarlett, in einem Monat ist es vorbei und die verschwinden mit Heulen und Zähneklappern. Jawohl, mit Heulen und Zähneklappern! Das möchte ich für mein Leben nicht verpassen. Ich fürchte, mit dem Ball heute Abend wird es nichts, weil die Truppe in Jonesboro zusammenkommt. Die Tarleton-Jungs sind schon unterwegs, um die Nachricht zu verbreiten. Ich weiß, dass die Damen traurig sein werden.«
Sie sagte »oh«, weil ihr nichts Besseres einfiel, aber es genügte.
Allmählich wurde sie gelassener, und ihr Verstand sammelte sich. Reif lag auf all ihren Gefühlen, und es schien ihr, als würde sie nie wieder tief empfinden können. Warum nicht diesen hübschen, aufgeregten Jungen nehmen? Er war so gut wie jeder andere, und ihr war es egal. Nein, es würde ihr nie wieder irgendetwas wichtig sein, selbst wenn sie neunzig Jahre alt wurde.
»Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich in Mr. Wade Hamptons South Carolina Legion eintreten soll oder in die Gate City Guard von Atlanta.«
Wieder sagte sie »oh«, ihre Blicke trafen sich, und ihre bebenden Wimpern waren sein Untergang.
»Werden Sie auf mich warten, Miss Scarlett? Es – es wäre himmlisch, einfach zu wissen, dass Sie auf mich warten, bis wir sie erledigt haben!« Er hing atemlos an ihren Lippen, beobachtete, wie sie sich an den Mundwinkeln aufwärts bogen, bemerkte zum ersten Mal die Schatten darin und überlegte, was es bedeuten würde, sie zu küssen. Ihre schweißkalte Hand glitt in die seine.
»Ich möchte nicht warten«, sagte sie, und ihre Augen waren ganz verschleiert.
Er saß mit aufgerissenem Mund da und hielt ihre Hand fest in der seinen. Scarlett spähte unter ihren Wimpern hervor und dachte teilnahmslos, dass er wie ein aufgespießter Frosch aussah. Er stotterte mehrmals, schloss den Mund und öffnete ihn wieder und wurde erneut rot wie eine Geranie.
»Könnten Sie mich denn lieben?«
Sie sagte nichts und blickte in ihren Schoß, und Charles fiel erneut in einen Zustand der Ekstase und Verlegenheit. Vielleicht durfte ein Mann einem Mädchen solch eine Frage nicht stellen. Vielleicht war es nicht mädchenhaft, darauf zu antworten. Da Charles bislang nie den Mut aufgebracht hatte, sich in eine derartige Situation vorzuwagen, wusste er nicht, wie er sich verhalten sollte. Er hätte am liebsten geschrien und gesungen und sie geküsst und Freudensprünge auf dem Rasen vollführt und wäre dann losgelaufen, um allen, ob schwarz oder weiß, zu erzählen, dass sie ihn liebte. Aber er drückte bloß ihre Hand, bis ihre Ringe ihr in die Finger schnitten.
»Werden Sie mich bald heiraten, Miss Scarlett?«
»Hm«, sagte sie und spielte mit einer Falte ihres Kleids.
»Sollen wir eine Doppelhochzeit mit Mel…«
»Nein«, sagte sie hastig, und ihre Augen glitzerten unheilvoll. Charles wusste sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte. Natürlich wollte ein Mädchen seine eigene Hochzeit haben – keinen geteilten Ruhm. Wie lieb sie seine Fehltritte übersah. Wenn es doch nur dunkel wäre und er, von Schatten ermutigt, ihre Hand küssen und alles sagen könnte, was er so gerne sagen wollte.
»Wann darf ich mit Ihrem Vater sprechen?«
»Je eher, desto besser«, sagte sie in der Hoffnung, dass er den schmerzhaften Druck auf ihre Ringe lösen würde, ehe sie ihn darum bitten musste.
Er sprang auf, und einen Augenblick lang dachte sie, er würde einen Purzelbaum schlagen, ehe er sich wieder zusammenriss. Er lächelte sie an, sein ganzes reines, einfaches Herz leuchtete aus seinen Augen. Niemand hatte sie je so angesehen, und nie würde ein Mann sie wieder so ansehen, aber in ihrer seltsamen Teilnahmslosigkeit fand sie nur, dass er aussah wie ein Kalb.
»Ich gehe jetzt Ihren Vater suchen«, sagte er und strahlte übers ganze Gesicht. »Ich kann nicht mehr warten. Entschuldigen Sie mich bitte – Liebste?« Das Kosewort war nur schwer herauszubringen, aber nachdem er es einmal gesagt hatte, wiederholte er es noch einmal voller Inbrunst.
»Ja«, sagte sie. »Ich warte hier. Es ist so schön kühl.«
Er überquerte den Rasen und verschwand hinter dem Haus, und sie blieb allein unter der rauschenden Eiche. Aus den Ställen strömten Reiter, die Sklaven direkt hinter ihren Herren. Die Munroe-Jungs trabten vorbei und schwenkten ihre Hüte, und die Fontaines und die Calverts ritten johlend die Straße hinunter. Die vier Tarletons stürmten auf ihren Pferden an ihr vorbei über den Rasen, und Brent rief: »Mutter gibt uns die Pferde! Jippiiijeh!« Die Erde spritzte auf, und schon waren sie fort, und Scarlett war allein.
Das weiße Haus ragte mit seinen hohen Säulen vor ihr auf und schien sich würdevoll vor ihr zurückzuziehen. Es würde also nie ihr Haus werden. Ashley würde sie nie als seine Braut über die Schwelle tragen. O Ashley, Ashley, was habe ich getan? Tief in ihr, unter Schichten von verletztem Stolz und kaltem Nutzendenken regte sich etwas Schmerzendes. Ein erwachsenes Gefühl wurde geboren, stärker als ihre Eitelkeit oder ihre launenhafte Selbstsucht. Sie liebte Ashley, das wusste sie, und sie hatte ihn nie so geliebt wie in dem Augenblick, als sie Charles in der Biegung des Kieswegs verschwinden sah.
KAPITEL 7
Innerhalb von zwei Wochen war Scarlett verheiratet, und zwei Monate später war sie Witwe. Sie war der Fesseln rasch ledig, die sie sich so vorschnell und gedankenlos angelegt hatte, doch die unbeschwerte Freiheit ihrer Jungmädchenzeit sollte sie nie wieder erleben. Die Witwenschaft folgte der Ehe auf dem Fuß, doch zu Scarletts Bestürzung schloss sich bald die Mutterschaft an.
Wenn sie später an jene letzten Apriltage des Jahres 1861 zurückdachte, konnte sie sich nie recht an Einzelheiten erinnern. Die Zeit und ihre Ereignisse erschienen wie durch ein umgedrehtes Teleskop entrückt, durcheinandergewürfelt wie ein Albtraum, ebenso unwirklich und sinnlos. Bis zu ihrem Tod bildeten diese Tage eine Leerstelle in ihrem Gedächtnis. Besonders verschwommen waren ihre Erinnerungen an die Zeit zwischen Verlobung und Hochzeit. Zwei Wochen! Eine solch kurze Brautzeit wäre in Friedenszeiten unmöglich gewesen. Damals hätte man eine schickliche Pause von einem Jahr oder mindestens sechs Monaten eingehalten. Aber im Süden war der Krieg entbrannt, die Ereignisse wirbelten wie von einem mächtigen Sturm angetrieben vorüber, und mit der Gemächlichkeit des früheren Lebens war es vorbei. Ellen hatte die Hände gerungen und zum Aufschub geraten, damit Scarlett sich die Sache länger überlegen konnte. Aber Scarlett verzog nur mürrisch das Gesicht und stellte sich taub, wenn Ellen ihr Vorhaltungen machte. Sie wollte heiraten! Und zwar schnell. Innerhalb von zwei Wochen.
Als sie erfuhr, dass Ashleys Hochzeit vom Herbst auf den ersten Mai vorverlegt worden war, damit er mit der Truppe aufbrechen konnte, sobald sie ihren Marschbefehl erhielt, legte sie ihre Hochzeit auf den Tag davor. Ellen protestierte, aber Charles setzte sich mit neugewonnener Beredtheit dafür ein, denn er wollte sich unbedingt Wade Hamptons Legion in South Carolina anschließen, und Gerald ergriff die Partei der jungen Leute. Er war vom Kriegsfieber erfasst und freute sich über Scarletts gute Partie, und wie hätte er sich einer jungen Liebe in den Weg stellen können, wenn Krieg war? Ellen gab schließlich entmutigt nach, wie so viele Mütter in den Südstaaten. In ihrer ehedem friedlichen Welt kehrte sich das Unterste zuoberst, und ihr Flehen, ihre Gebete und Ratschläge konnten nichts ausrichten gegen die gewaltigen Kräfte, die alles mit sich rissen.
Der Süden war trunken vor Begeisterung und Erregung. Man war sich sicher, dass der Krieg nach einer einzigen Schlacht entschieden sein würde, und jeder junge Mann meldete sich sofort freiwillig, ehe der Krieg vorbei war – und heiratete noch rasch seine Liebste, bevor er nach Virginia eilte, um den Yankees eine Schlappe beizubringen. Im County gab es Dutzende von Kriegstrauungen, und es blieb kaum Zeit für Abschiedsschmerz, denn man war zu beschäftigt und zu aufgeregt für feierliche Gefühle oder Tränen. Die Damen nähten Uniformen, strickten Socken und rollten Bandagen, die Männer exerzierten und schossen. Tagtäglich fuhren Züge voller Soldaten auf dem Weg nach Atlanta und Virginia durch Jonesboro. Manche Abteilungen trugen die farbenfrohen Paradeuniformen von Milizen, je nach Herkunft scharlachrot, hellblau oder grün, einige kleine Gruppen waren mit handgesponnenem, handgewebtem Stoff und Waschbärfellmützen gekleidet, andere trugen statt Uniformen feine Wollanzüge und Batisthemden. Alle waren halb ausgebildet, halb bewaffnet, rasend vor Aufregung und schrien durcheinander, als wären sie unterwegs zu einem Picknick. Der Anblick dieser Männer versetzte die Jungs aus dem County in Panik, denn sie fürchteten, der Krieg könnte schon vorbei sein, ehe sie Virginia erreichten. Deshalb wurden die Vorbereitungen für die Abreise der Truppe beschleunigt.
Mitten in diesem Chaos wurde Scarletts Hochzeit vorbereitet, und ehe sie sichs versah, stieg sie in Ellens Brautkleid und Schleier am Arm ihres Vaters die breite Treppe zur Halle von Tara hinab und blickte auf die dichtgedrängte Menge der Gäste. Später erinnerte sie sich noch wie aus einem Traum an Hunderte von brennenden Kerzen an den Wänden, an das Gesicht ihrer Mutter, liebevoll und ein wenig verstört, während sich ihre Lippen in einem stummen Gebet für das Glück ihrer Tochter bewegten, an Gerald, hochrot vom Branntwein und vor Stolz, dass seine Tochter Geld und einen vornehmen und noch dazu alten Namen heiratete – und an Ashley, der am Fuß der Treppe stand, Arm in Arm mit Melanie.
Als Scarlett seinen Gesichtsausdruck sah, dachte sie: Das kann einfach nicht wahr sein. Es kann nicht sein. Es ist ein Albtraum. Gleich wache ich auf und merke, dass alles ein Albtraum ist. Ich darf jetzt nicht daran denken, sonst fange ich vor all diesen Leuten zu schreien an. Ich kann jetzt nicht denken. Ich werde später nachdenken, wenn ich es aushalten kann – wenn ich seine Augen nicht sehe.
Alles war traumartig: wie die lächelnden Menschen eine Gasse bildeten, so dass sie hindurchgehen konnte, Charles’ knallrotes Gesicht und sein Stottern und ihre Antworten, so erschreckend klar, so kalt. Und die Glückwünsche danach und die Küsse und die Trinksprüche und das Tanzen – alles, alles wie ein Traum. Selbst das Gefühl von Ashleys zartem Kuss auf der Wange, selbst Melanies leise geflüstertes »Jetzt sind wir richtige Schwestern« waren unwirklich. Sogar die Aufregung, die durch die Ohnmacht von Charles’ rundlicher, rührseliger Tante, Miss Pittypat Hamilton, verursacht wurde, hatte etwas von einem Albtraum.
Aber als das Tanzen und die Trinksprüche schließlich aufhörten und der Morgen dämmerte, als all die Gäste aus Atlanta, die in Tara und dem Haus des Aufsehers untergebracht werden konnten, auf Betten, Sofas und Strohsäcken auf dem Boden schliefen und alle Nachbarn nach Hause gefahren waren, um sich auf die Hochzeit in Twelve Oaks am nächsten Tag vorzubereiten, da zerbarst die traumartige Trance vor der Wirklichkeit wie ein Kristallglas. Die Wirklichkeit war der errötende Charles, der im Nachthemd aus ihrem Ankleidezimmer kam und dem erschrockenen Blick auswich, den sie ihm über der hochgezogenen Bettdecke zuwarf.
Natürlich wusste sie, dass Verheiratete in einem Bett schliefen, aber daran hatte sie bis zu diesem Augenblick überhaupt nicht gedacht. Es kam ihr bei ihren Eltern vollkommen natürlich vor, aber für ihre eigene Person hatte sie das nie in Betracht gezogen. Jetzt begriff sie zum ersten Mal seit dem Barbecue, was sie sich aufgeladen hatte. Der Gedanke, dass dieser fremde Junge, den sie eigentlich gar nicht hatte heiraten wollen, zu ihr ins Bett kommen würde, während ihr das Herz brach vor Verzweiflung über ihre voreilige Entscheidung und vor Schmerz, dass sie Ashley nun für immer verlor, war einfach unerträglich. Als er sich zögernd dem Bett näherte, sprach sie in heiserem Flüsterton.
»Ich schreie, wenn du mir nahekommst. Wirklich. So laut ich kann! Geh weg! Wage nicht, mich anzufassen!«
Also verbrachte Charles Hamilton seine Hochzeitsnacht in einem Sessel in der Zimmerecke, was ihn nicht übermäßig unglücklich machte, denn er verstand oder glaubte zu verstehen, wie züchtig und zart besaitet seine Braut war. Er war bereit zu warten, bis ihre Angst verflog, bloß – bloß … Er seufzte, während er sich hin und her wälzte und eine bequeme Position suchte, denn schon so bald würde er in den Krieg ziehen.
War ihre eigene Hochzeit ein Albtraum, so war Ashleys Hochzeit noch schlimmer. Scarlett stand in ihrem apfelgrünen Kleid »für den zweiten Tag« im Salon von Twelve Oaks im Glanz von Hunderten von Kerzen im Gedränge derselben Menschenmenge wie am Abend zuvor und erlebte, wie das unscheinbare kleine Gesicht von Melanie Hamilton zu Schönheit erblühte, als sie Melanie Wilkes wurde. Nun war Ashley für immer verloren. Ihr Ashley. Nein, nicht mehr ihr Ashley. Hatte er je ihr gehört? Alles ging in ihrem Kopf durcheinander, und ihr Kopf war so müde, so verwirrt. Ashley hatte ihr seine Liebe gestanden, aber was hatte sie dann getrennt? Wenn sie sich doch nur darauf besinnen könnte. Sie hatte durch ihre Hochzeit mit Charles die Klatschmäuler im County zum Schweigen gebracht, aber was spielte das jetzt für eine Rolle? Es war ihr irgendwann sehr wichtig erschienen, aber jetzt war es vollkommen unwichtig. Nur Ashley war wichtig. Jetzt war er fort, und sie war mit einem Mann verheiratet, den sie nicht nur nicht liebte, sondern sogar aus tiefstem Herzen verachtete.
Oh, wie sie alles bereute! ›Sich ins eigene Fleisch zu schneiden‹ war für sie bisher nur eine Redensart gewesen. Jetzt wusste sie genau, was es bedeutete. Und mit ihrer wilden Sehnsucht, Charles loszuwerden und in die Geborgenheit Taras zurückzukehren und wieder ein unverheiratetes Mädchen zu sein, war untrennbar das Wissen verbunden, dass sie selbst an allem schuld war. Ellen hatte versucht, sie zurückzuhalten, aber Scarlett hatte nicht auf sie gehört.
So durchtanzte sie wie betäubt den Abend von Ashleys Hochzeitstag, unterhielt sich mechanisch und lächelte und staunte über die Torheit der Leute, die sie für eine glückliche Braut hielten und nicht sahen, dass ihr Herz gebrochen war. Gott sei Dank konnten sie es nicht sehen!
Nachdem Mammy ihr in dieser Nacht beim Auskleiden geholfen hatte und Charles, der sich fragte, ob er eine weitere Nacht auf dem Rosshaarsessel verbringen müsste, schüchtern aus dem Ankleidezimmer gekommen war, brach sie in Tränen aus. Sie weinte, bis Charles zu ihr ins Bett kam und sie zu trösten versuchte. Sie weinte ohne Worte, bis die Tränen versiegten, und schließlich lag sie da und schluchzte an seiner Schulter.
Wäre nicht Krieg gewesen, hätte sich eine Woche mit Besuchen im ganzen County angeschlossen, mit Bällen und Barbecues zu Ehren der beiden frischverheirateten Paare, bevor sie ihre Hochzeitsreisen nach Saratoga oder White Sulphur antraten. Wäre nicht Krieg gewesen, hätte Scarlett auch Kleider für den dritten, vierten und fünften Tag gehabt, die sie auf den Partys ihr zu Ehren bei den Fontaines, Calverts und Tarletons getragen hätte. Aber jetzt gab es keine Partys und keine Hochzeitsreisen. Eine Woche nach der Hochzeit reiste Charles ab, um in Oberst Wade Hamptons Legion einzutreten, und zwei Wochen später zogen Ashley und die Truppe ab und ließen das County verwaist zurück.
In diesen beiden Wochen sah Scarlett Ashley niemals alleine und sprach kein einziges vertrauliches Wort mit ihm. Nicht einmal im schrecklichen Augenblick des Abschieds, als er auf seinem Weg zur Eisenbahn in Tara vorbeikam, konnte sie unter vier Augen mit ihm reden. Melanie, mit Haube und Schultertuch und neuerworbener Matronenwürde, hing an seinem Arm, und alle, die auf Tara arbeiteten, schwarz wie weiß, liefen zusammen, um sich von Ashley zu verabschieden, bevor er in den Krieg zog.
Melanie sagte: »Du musst Scarlett einen Kuss geben, Ashley. Sie ist jetzt meine Schwester.« Und Ashley beugte sich mit angespanntem Gesicht herab und berührte mit kalten Lippen ihre Wange. Scarlett konnte sich kaum über den Kuss freuen, so verdross es ihr Herz, dass sie ihn Melly zu verdanken hatte. Beim Abschied erdrückte Melanie sie fast mit ihrer Umarmung.
»Du musst unbedingt nach Atlanta kommen und mich und Tante Pittypat besuchen! Ach Liebste, wir möchten dich so gerne bei uns haben. Wir wollen Charlies Frau besser kennenlernen.«
Fünf Wochen vergingen, in denen von Charles aus South Carolina schüchterne, ekstatische, liebevolle Briefe ankamen, worin er von seiner Liebe sprach, von seinen Zukunftsplänen für die Zeit nach dem Krieg, von seinem Wunsch, um ihretwillen zum Helden zu werden, und von seiner Bewunderung für seinen Kommandanten Wade Hampton. In der siebenten Woche kam ein Telegramm von Oberst Hampton persönlich und dann ein Brief, ein teilnahmsvolles, würdiges Beileidsschreiben. Charles war tot. Der Oberst hätte gerne früher telegrafiert, aber Charles, der seine Krankheit für unbedeutend hielt, wollte seine Familie nicht ängstigen. Der unglückliche Junge wurde nicht nur um die Liebe betrogen, die er glaubte gewonnen zu haben, sondern auch um seine hochfliegenden Hoffnungen auf Ruhm und Ehre auf dem Schlachtfeld. Er war beschämenderweise ganz schnell an den Masern gestorben, die sich zu einer Lungenentzündung auswuchsen, ohne dass er den Yankees je näher gekommen war als in das Feldlager in South Carolina.
Zum erwarteten Termin wurde Charles’ Sohn geboren, und da es Mode war, kleine Jungen nach den Kommandanten ihrer Väter zu nennen, wurde er Wade Hampton Hamilton getauft. Scarlett hatte vor Verzweiflung geweint, als sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr, und sich gewünscht, sie wäre tot. Aber sie trug das Kind ohne nennenswerte Unannehmlichkeiten aus, gebar es mit wenig Schmerzen und erholte sich so rasch, dass Mammy ihr erklärte, das sei eigentlich unstandesgemäß – Damen müssten mehr leiden. Sie hatte den Sohn nicht gewollt und nahm ihm seine Ankunft übel, und nun, da er auf der Welt war, konnte sie nicht recht glauben, dass er zu ihr gehörte, ja ein Teil von ihr war.
Zwar genas sie in peinlich kurzer Zeit von Wades Entbindung, doch sie blieb seelisch betäubt und krank. Sie war niedergeschlagen, obwohl die gesamte Plantage versuchte, sie aufzumuntern. Ellen lief mit sorgenzerfurchter Stirn umher, und Gerald fluchte noch öfter als sonst und brachte ihr aus Jonesboro nutzlose Geschenke mit. Selbst der alte Dr. Fontaine musste zugeben, dass er mit seinem Latein am Ende war, nachdem sein Stärkungstrank aus Schwefel, Melasse und Kräutern ihr nicht wieder auf die Beine half. Unter vier Augen erklärte er Ellen, Scarletts gebrochenes Herz mache sie abwechselnd so reizbar und lustlos. Wenn Scarlett hätte reden wollen, hätte sie ihnen sagen können, dass sie an ganz anderen, viel komplizierteren Beschwerden litt. Sie verriet nicht, dass es die entsetzliche Langeweile und Verwirrung über ihr ungewohntes Muttersein und vor allen Dingen Ashleys Abwesenheit war, was sie so gramgebeugt erscheinen ließ.
Die Langeweile war umfassend und wich nicht von ihr. Im County hatte es, seit die Truppe in den Krieg gezogen war, keinerlei Unterhaltung oder gesellschaftliches Leben gegeben. Alle interessanten jungen Männer waren fort – die vier Tarletons, die beiden Calverts, die Fontaines, die Munroes und alle aus Jonesboro, Fayetteville und Lovejoy, die jung und attraktiv waren. Nur die älteren Männer, die Krüppel und die Frauen waren übrig, und sie verbrachten ihre Zeit damit, zu stricken und zu nähen, mehr Baumwolle und Mais anzubauen und mehr Schweine und Schafe und Kühe für die Armee zu züchten. Nie bekam man einen richtigen Mann zu sehen, außer wenn einmal im Monat die Versorgungstruppe unter Suellens ältlichem Verehrer Frank Kennedy geritten kam, um Vorräte einzusammeln. Die Männer der Versorgungstruppe waren nicht sonderlich aufregend, und der Anblick von Franks schüchternem Werben ging Scarlett derartig auf die Nerven, dass es ihr schwerfiel, auch nur höflich zu ihm zu sein. Wenn er und Suellen es doch endlich hinter sich brächten!
Selbst wenn die Versorgungstruppe interessanter gewesen wäre, hätte das Scarletts Lage nicht aufgeholfen. Sie war Witwe und ihr Herz war ihrem Mann ins Grab gefolgt. Zumindest glaubte jedermann, es sei im Grab, und erwartete, dass sie sich entsprechend verhielt. Das ärgerte sie, denn sosehr sie sich auch bemühte, es kam ihr so gut wie keine Erinnerung an Charles, nur dass er wie ein sterbendes Kalb geschaut hatte, als sie ihm sagte, sie wolle ihn heiraten. Und selbst dieses Bild verblasste allmählich. Aber sie war Witwe und hatte sich auch als solche zu benehmen. Die Vergnügungen der unverheirateten Mädchen kamen ihr nicht zu. Sie musste tiefernst und auf Abstand bedacht sein. Das hatte Ellen in einem langen Vortrag betont, nachdem sie Franks Leutnant dabei erwischt hatte, wie er Scarlett, die vor Lachen jauchzte, in der Gartenschaukel anschubste. Voller Bestürzung hatte Ellen ihr erklärt, wie leicht man als Witwe ins Gerede kam. Eine Witwe musste doppelt so sehr auf ihr Betragen achten wie eine Matrone.
Und Matronen, dachte Scarlett, während sie gehorsam ihrer Mutter zuhörte, haben weiß Gott niemals auch nur ein bisschen Spaß. Witwen könnten also genauso gut tot sein.
Als Witwe musste man scheußliche schwarze Kleider tragen, ohne die Spur einer Borte, die sie ein bisschen aufgehellt hätte, ohne Blume, ohne Band oder Spitze, nicht einmal Schmuck war erlaubt, außer Trauerbroschen aus Onyx oder Halsketten aus dem Haar des Verstorbenen. Und der schwarze Crêpe-Schleier an ihrer Haube musste bis zu den Knien reichen, erst nach dreijähriger Witwenschaft konnte er auf Schulterhöhe gekürzt werden. Witwen durften nie vergnügt plaudern oder laut lachen. Selbst ihr Lächeln musste kummervoll und tragisch sein. Aber am schlimmsten war, dass sie nicht das geringste Gefallen an Männergesellschaft finden durften. Und sollte ein Herr je so unerzogen sein, sich für sie zu interessieren, musste sie ihn mit einer würdevollen, wohlformulierten Anspielung auf ihren verstorbenen Ehemann zum Erstarren bringen. O ja, dachte Scarlett trübselig, manche Witwen heiraten tatsächlich ein zweites Mal, aber erst wenn sie alt und runzlig sind. Weiß der Himmel, wie sie das anstellen, wo ihre Nachbarn sie immerfort beobachten. Und dann ist es meistens irgendein verzweifelter alter Witwer mit einer Riesenplantage und einem Dutzend Kindern.
Die Ehe war schon schlimm genug, aber für eine Witwe – oh, da war das Leben für immer vorbei. Wie dumm waren die Leute, wenn sie davon sprachen, was für ein Trost der kleine Wade Hampton für sie sein musste, nachdem Charles nicht mehr war. Wie dumm von ihnen zu sagen, jetzt habe sie etwas, wofür sie leben könne! Alle redeten davon, wie rührend es sei, dass sie nun ein posthumes Andenken an ihre Liebe habe, und natürlich belehrte sie sie nicht eines Besseren. Aber nichts lag ihr ferner als ein solcher Gedanke. Sie nahm nur sehr wenig Anteil an Wade, und manchmal musste sie sich mühsam daran erinnern, dass er tatsächlich ihr Kind war.
Jeden Morgen beim Aufwachen war sie einen schlaftrunkenen Augenblick lang wieder Scarlett O’Hara, und die Sonne schien hell auf den Magnolienbaum vor ihrem Fenster, und die Spottdrosseln sangen, und der herrliche Duft von gebratenem Speck stieg ihr in die Nase. Sie war wieder sorglos und jung. Dann hörte sie das fordernde Hungergeschrei, und immer – immer folgte eine Schrecksekunde, in der sie dachte: »Nanu, da ist ja ein Baby im Haus!« Dann erst fiel ihr ein, dass es ihr eigenes Baby war. Das war alles zutiefst verstörend.
Und Ashley! Ach, vor allen Dingen Ashley! Zum ersten Mal in ihrem Leben hasste sie Tara, hasste die lange, rote Straße, die bergab zum Fluss führte, hasste die roten Felder mit der aufschießenden grünen Baumwolle. Jeder Fußbreit Erde, jeder Baum und Bach, jeder Weg und Saumpfad erinnerte sie an ihn. Er gehörte einer anderen Frau, und er war in den Krieg gezogen, aber sein Geist spukte immer noch auf den Straßen in der Dämmerung und lächelte sie im Schatten der Veranda aus verträumten grauen Augen an. Und jedes Mal, wenn sie Hufschlag vom Fluss aus der Richtung von Twelve Oaks heraufkommen hörte, dachte sie einen süßen Augenblick lang – Ashley.
Inzwischen hasste sie Twelve Oaks, das sie einst so geliebt hatte. Sie hasste es, aber es zog sie magisch an, weil sie dort John Wilkes und die Mädchen über ihn reden hörte – und seine Briefe aus Virginia vorgelesen bekam. Das tat ihr weh, aber Scarlett musste sie hören. Sie mochte die hochnäsige India und die töricht plappernde Honey nicht, und sie wusste, dass das auf Gegenseitigkeit beruhte, aber wegbleiben konnte sie auch nicht. Und jedes Mal, wenn sie aus Twelve Oaks nach Hause kam, legte sie sich verdrießlich auf ihr Bett und weigerte sich, zum Abendessen aufzustehen.
Diese Weigerung zu essen war das Besorgniserregendste für Ellen und Mammy. Mammy trug verführerische Essenstabletts herauf und gab Scarlett zu verstehen, dass sie jetzt als Witwe so viel essen könne, wie sie wolle, aber Scarlett hatte keinen Appetit.
Als Dr. Fontaine Ellen ernst erklärte, dass schwerer Kummer häufig zu körperlichem Verfall führe und dass manche Frauen sich bis in den Tod abhärmten, wurde Ellen kreidebleich, denn genau diese Furcht trieb sie um.
»Aber kann man denn gar nichts tun, Doktor?«
»Das Allerbeste für sie wäre ein Tapetenwechsel«, sagte der Arzt, der nur zu gerne eine unliebsame Patientin loswerden wollte.
Also reiste Scarlett freudlos mit ihrem Kind ab, zunächst zu ihren O’Hara- und Robillard-Verwandten in Savannah und dann zu Ellens Schwestern Pauline und Eulalie in Charleston. Doch einen Monat früher, als Ellen erwartet hatte, kehrte sie nach Tara zurück, ohne ihre Heimkehr zu erklären. Man hatte sich in Savannah rührend um sie gekümmert, aber James und Andrew und ihre Frauen waren alt und zufrieden damit, still herumzusitzen und über die Vergangenheit zu reden, für die Scarlett nicht das geringste Interesse aufbrachte. Genauso war es bei den Robillards, und Charleston fand Scarlett einfach schrecklich.
Tante Pauline und ihr Mann, ein kleiner alter Greis, der mit seinen formellen, spröden Umgangsformen und seiner Geistesabwesenheit wie ein Mann aus einem vergangenen Zeitalter wirkte, lebten auf einer Plantage am Fluss, die noch abgelegener war als Tara. Ihr nächster Nachbar wohnte zwanzig Meilen entfernt, erreichbar nur über finstere Wege durch stille Urwälder aus Zypressensümpfen und Eichen. Die Lebenseichen mit ihren wehenden Vorhängen aus grauem Moos waren Scarlett unheimlich und erinnerten sie immer an Geralds Erzählungen von irischen Geistern, die in schimmernden grauen Nebelschwaden spukten. Es gab nichts zu tun außer Stricken und abends Onkel Carey zuzuhören, wenn er aus den lehrreichen Werken von Mr. Bulwer-Lytton vorlas.
Eulalie, verborgen hinter einer hohen Gartenmauer in einem großen Haus auf der Battery in Charleston, war auch nicht unterhaltsamer. Scarlett, die an eine Aussicht über weites, rotes Hügelland gewöhnt war, fühlte sich wie im Gefängnis. Es gab dort zwar etwas mehr gesellschaftliches Leben als bei Tante Pauline, aber Scarlett mochte die Besucher nicht mit ihren Allüren und Traditionen und ihrem Familiendünkel. Sie wusste genau, dass sie von allen für das Kind einer Mesalliance angesehen wurde. Niemand konnte verstehen, wie eine Robillard je einen frisch eingewanderten Iren hatte heiraten können. Scarlett hatte das Gefühl, dass Tante Eulalie sich hinter ihrem Rücken für sie entschuldigen musste. Das machte sie wütend, denn eine vornehme Abkunft bedeutete ihr ebenso wenig wie ihrem Vater. Sie war stolz auf Gerald und alles, was er ohne äußere Hilfe, nur mit seinem schlauen irischen Schädel erreicht hatte.
Und die Leute in Charleston spielten sich derartig mit Fort Sumter auf! Lieber Himmel, begriffen sie denn nicht? Wenn sie nicht so dumm gewesen wären, den Schuss abzufeuern, der den Krieg auslöste, hätten irgendwelche anderen Dummköpfe es getan! Da sie an die forsche Sprechweise des Berglands in Georgia gewöhnt war, kam ihr die monotone, gedehnte Sprechweise des Tieflands affektiert vor. Sie hatte das Gefühl, wenn sie je wieder jemanden ›Paaamen‹ statt ›Palmen‹ oder ›Haaos‹ statt ›Haus‹ oder ›Moaa und Poaa‹ statt ›Ma und Pa‹ sagen hörte, müsste sie schreien. Aus Verdruss machte sie bei einem Anstandsbesuch zum Entsetzen ihrer Tanten Geralds irischen Akzent nach. Darauf kehrte sie nach Tara zurück. Immer noch besser, sich von Erinnerungen an Ashley quälen zu lassen als vom Akzent der Bewohner Charlestons.
Ellen, die Tag und Nacht damit zubrachte, die Produktivität Taras zur Unterstützung der Konföderation zu verdoppeln, war entsetzt, als ihre älteste Tochter abgemagert, bleich und schnippisch aus Charleston zurückkehrte. Sie kannte Liebeskummer aus eigener Erfahrung und grübelte Nacht für Nacht neben dem schnarchenden Gerald darüber nach, wie sie Scarletts Leid lindern könnte. Charles’ Tante, Miss Pittypat Hamilton, hatte ihr mehrmals geschrieben und sie gedrängt, Scarlett für einen längeren Besuch nach Atlanta fahren zu lassen, und nun zog Ellen dies zum ersten Mal ernsthaft in Betracht.
Miss Pittypat und Melanie lebten allein in einem großen Haus und »ohne männlichen Schutz«, so schrieb sie, »nun, da der liebe Charlie nicht mehr ist. Natürlich ist da noch mein Bruder Henry, aber er wohnt nicht bei uns. Aber vielleicht hat Scarlett Ihnen schon von Henry erzählt. Der Takt verbietet mir, mehr über ihn zu Papier zu bringen. Melly und ich würden uns so viel wohler und sicherer fühlen, wenn Scarlett bei uns wäre. Drei einsame Frauen sind besser als zwei. Und vielleicht würde die liebe Scarlett ein wenig Erleichterung in ihrem Kummer erfahren, wenn sie wie Melly unsere braven Jungs im hiesigen Spital pflegte – und natürlich sehnen Melly und ich uns danach, das süße Baby zu sehen …«
Also wurde Scarletts Trauergarderobe wieder in ihre Reisetruhe gepackt, und sie machte sich mit Wade Hampton und seinem Kindermädchen Prissy auf nach Atlanta, den Kopf voller Verhaltensmaßregeln von Ellen und Mammy und mit hundert Dollar in Banknoten der Konföderation von Gerald. Sie hatte keine besondere Lust, nach Atlanta zu fahren. Sie fand Tante Pitty eine schrecklich alberne alte Dame, und beim bloßen Gedanken, mit Ashleys Ehefrau unter einem Dach zu wohnen, graute ihr. Aber das County mit seinen Erinnerungen war mittlerweile unerträglich geworden, und jede Abwechslung war willkommen.
TEIL II
KAPITEL 8
Auf der Zugfahrt nach Norden an diesem Morgen im Mai 1862 überlegte Scarlett, dass Atlanta unmöglich so langweilig sein konnte wie Charleston oder Savannah, und so war sie trotz ihrer Abneigung gegen Miss Pittypat und Melanie gespannt, wie es der Stadt seit ihrem letzten Besuch im Winter vor Kriegsbeginn ergangen war.
Für Atlanta hatte sie immer mehr übriggehabt als für alle anderen Städte, weil Gerald ihr, als sie klein war, erzählt hatte, sie und Atlanta seien gleich alt. Später kam sie allerdings dahinter, dass Gerald es mit der Wahrheit nicht allzu genau genommen hatte, wie immer, wenn ein bisschen Flunkern einer Geschichte aufhalf, aber Atlanta war nur neun Jahre älter als sie selbst und damit erstaunlich jung im Vergleich zu allen sonstigen Städten, von denen sie je gehört hatte. Savannah und Charleston strahlten eine gewisse Alterswürde aus; die eine zählte weit über hundert Jahre, während die andere sogar schon ihr drittes Jahrhundert anbrach, und Scarletts jungen Augen waren beide immer wie uralte Großmütter erschienen, die friedlich in der Sonne sitzen und sich Luft zufächeln. Atlanta gehörte dagegen ihrer eigenen Generation an, es hatte etwas ungehobelt Junges an sich und war ebenso eigensinnig und ungestüm wie sie selber.
Geralds Erzählung basierte auf der Tatsache, dass sie und Atlanta im selben Jahr getauft worden waren. Neun Jahre vor Scarletts Geburt hieß die Stadt Terminus, später dann Marthasville, und erst in Scarletts Geburtsjahr wurde sie zu Atlanta.
Als Gerald in den Norden Georgias zog, gab es an dieser Stelle nicht einmal so etwas wie ein Dorf; der Ort war reine Wildnis. Doch 1836, im darauffolgenden Jahr, hatte der Staat den Bau einer Eisenbahnlinie Richtung Nordwesten genehmigt, durch das Gebiet, das die Cherokee kurz zuvor abgetreten hatten. Das Ziel der geplanten Strecke, Tennessee und der Westen, stand fest, doch der Ausgangspunkt in Georgia war einigermaßen unsicher, bis ein Ingenieur ein Jahr später einen Pfahl in den roten Lehm rammte, um das südliche Ende der Bahnlinie zu markieren, und damit war Atlanta, ehedem Terminus, geboren.
Damals existierte überhaupt keine Eisenbahnlinie im Norden Georgias, und auch sonst gab es nur sehr wenige. Aber in den Jahren vor Geralds Heirat mit Ellen wuchs die winzige Siedlung zwanzig Meilen nördlich von Tara allmählich zu einem Dorf heran, und die Schienen bahnten sich ihren Weg nach Norden. Und nun erst begann die eigentliche Ära des Eisenbahnbaus. Von der alten Stadt Augusta aus wurde eine zweite Eisenbahnlinie durch den Staat nach Westen gelegt, um einen Anschluss an die neue Strecke nach Tennessee zu schaffen. Aus der alten Stadt Savannah wurde eine dritte Linie zunächst bis Macon im Herzen Georgias und schließlich nordwärts durch Geralds County bis nach Atlanta gebaut, um an die beiden anderen Strecken anzuschließen und für Savannahs Hafen eine Verbindung in den Westen herzustellen. Von ebendiesem Knotenpunkt, vom jungen Atlanta aus, wurde eine vierte Bahnlinie Richtung Südwesten nach Montgomery und Mobile gebaut.
Durch eine Eisenbahnlinie entstanden, wuchs Atlanta im Gleichschritt mit den Bahngleisen. Nach Vollendung aller vier Strecken war Atlanta mit dem Westen, dem Süden, der Küste und – via Augusta – mit dem Norden und Osten verbunden. Es war zum Kreuzungspunkt der Nord-Süd- und der Ost-West-Achsen geworden, und das kleine Dorf tat einen Sprung ins Leben.
In einem Zeitraum kaum länger als Scarletts siebzehn Jahre hatte sich Atlanta von einem Pfosten im Boden zu einem blühenden Städtchen mit zehntausend Einwohnern entwickelt, das die Aufmerksamkeit des gesamten Staates auf sich zog. Die älteren, gesetzteren Städte beäugten die geschäftige neue Stadt mit dem Misstrauen einer Henne, die ein Entlein ausgebrütet hat. Weshalb unterschied sich dieser Ort so stark von allen anderen in Georgia? Warum wuchs er so schnell? Sie fanden, er habe eigentlich nichts vorzuweisen – außer seinen Eisenbahnlinien und einer Menge sehr rühriger Leute.
Die Menschen, die sich in der neuen Stadt niederließen, waren tatsächlich ungemein unternehmerisch. Rastlose, energische Männer aus den älteren Teilen Georgias und aus weiter entfernten Staaten wurden von dieser Stadt angezogen, die um den Eisenbahnknoten herumwucherte. Sie kamen voller Tatendrang und bauten ihre Geschäfte an den fünf roten Lehmstraßen, die sich nahe dem Bahnhof kreuzten. Ihre schönen Wohnhäuser bauten sie an der Whitehall und der Washington Street und entlang dem Hügelrücken, auf dem unzählige Generationen von Indianern mit ihren Mokassins einen Pfad getrampelt hatten, der Peachtree Trail genannt wurde. Sie waren stolz auf diesen Ort, stolz auf sein Wachstum, stolz auf sich selbst, die dieses Wachstum verursacht hatten. Sollten doch die älteren Städte Atlanta schlechtreden, wenn sie wollten. Atlanta konnte das gleichgültig sein.
Scarlett hatte Atlanta immer gemocht, aus den gleichen Gründen, aus denen Savannah, Augusta und Macon es verteufelten. Genau wie sie selbst war die Stadt eine Mischung aus allem, was es in Georgia an Altem und Neuem gab, wobei das Alte in seinem Konflikt mit dem willensstarken, kraftvollen Neuen oft den Kürzeren zog. Außerdem hatte eine Stadt, die im selben Jahr geboren oder wenigstens getauft war wie man selbst, etwas aufregend Persönliches an sich.
* * *
Die Nacht zuvor war stürmisch und regnerisch gewesen, doch als Scarlett in Atlanta ankam, schien die Sonne warm und versuchte tapfer, die Straßen, die sich in rot schlängelnde Schlammflüsse verwandelt hatten, zu trocknen. Auf dem freien Platz rund um den Bahnhof war der weiche Boden durch den ununterbrochenen Durchgangsverkehr so aufgerissen und umgewühlt worden, dass er einer riesigen Schweinesuhle glich, und hie und da steckten die Wagen bis zur Radnabe in den Furchen. Eine unaufhörliche Reihe von Armee- und Ambulanzwagen brachte Nachschub zu den Zügen und lud Verwundete ab, und sie verschlimmerten den Schlamm und das Durcheinander beträchtlich, wenn sie sich heran- und wieder hinauskämpften. Die Kutscher fluchten, die Maultiere sanken ein, und der Matsch spritzte meterweit.
Scarlett stand auf der untersten Wagenstufe, eine hübsche, blasse Gestalt in schwarzem Trauergewand, dessen Crêpe-Schleier fast bis zu den Absätzen wallte. Sie zauderte, denn sie wollte ihre Schuhe und Rocksäume nicht schmutzig machen, und blickte sich suchend in dem lärmenden Wirrwarr von Wagen, Einspännern und Kutschen nach Miss Pittypat um. Es fand sich keine Spur von der rundlichen rosigen Dame, doch während Scarlett ängstlich Ausschau hielt, kam ein alter, grauhaariger Schwarzer, der Würde und Autorität ausstrahlte, mit dem Hut in der Hand durch den Morast heran.
»Da hamwer Miss Scarlett, stimmt’s? Das hier is Peter, Miss Pittys Kutscher. Nich in den Matsch steigen!« befahl er streng, als Scarlett ihre Röcke raffte. »Sie sind genauso schlimm wie Miss Pitty, die is wie ’n Kind, wenn sie ihre Füße nass machen kann. Ich trag Sie.«
Er hob Scarlett trotz seines Alters und seiner scheinbaren Gebrechlichkeit mühelos in die Höhe, doch dann bemerkte er Prissy, die mit dem Baby in den Armen auf der Wagenplattform stand, und hielt inne. »Is das Kind da Ihrs? Miss Scarlett, die is zu jung, um auf Mister Charles sein einziges Kind aufzupassen. Aber da kümmern wir uns später drum. Du, Kleine, komm mir nach, und lass bloß das Baby nich fallen!«
Scarlett ließ sich gehorsam zur Kutsche tragen und erhob auch keinen Widerspruch gegen die herrische Art, mit der Uncle Peter sie und Prissy zurechtwies. Während sie sich durch den Matsch kämpften und Prissy schmollend hinterherpatschte, fiel Scarlett ein, was Charles über Uncle Peter erzählt hatte.
»Er hat die ganzen Feldzüge in Mexiko an der Seite meines Vaters mitgemacht und hat ihn gepflegt, als er verwundet war – er hat ihm sogar das Leben gerettet. Uncle Peter hat Melanie und mich praktisch aufgezogen, denn wir waren noch klein, als Vater und Mutter starben. Tante Pitty zerstritt sich etwa zur selben Zeit mit ihrem Bruder, Onkel Henry, deshalb zog sie zu uns und kümmerte sich um uns. Sie ist eine völlig hilflose Seele – wie ein liebes, erwachsenes Kind, und so behandelt Uncle Peter sie auch. Sie kann beim besten Willen keine Entscheidung fällen, also tut Uncle Peter das für sie. Er war es, der dafür sorgte, dass ich mit fünfzehn mehr Taschengeld bekam, und er bestand darauf, dass ich für mein letztes College-Jahr nach Harvard wechselte, während Onkel Henry wollte, dass ich meinen Abschluss an der University of Georgia mache. Und er entschied, ab welchem Alter Melly ihr Haar hochstecken und auf Partys gehen durfte. Er erklärt Tante Pitty, wann es zu kalt oder zu nass ist, um Besuche zu machen, und wann sie eine Stola umlegen soll … Er ist der klügste alte Darky, den ich je gesehen habe, und auch der treueste. Das einzige Problem mit ihm ist, dass er uns drei vollständig unter seiner Fuchtel hat, mit Leib und Seele, und das weiß er auch.«
Charles’ Worte bestätigten sich, als Peter den Kutschbock bestieg und die Peitsche ergriff.
»Miss Pitty regt sich furchtbar auf, weil sie nich zum Abholen gekommen is. Sie hat Angst, dass Sie das vielleicht nich verstehn, aber ich hab ihr gesagt, dass sie und Melly sich bloß mit Matsch vollspritzen und ihre neuen Kleider verschandeln, und dass ich’s Ihnen erkläre. Miss Scarlett, nehmen Sie mal lieber das Kind. Das Gör wird’s noch fallen lassen.«
Scarlett warf Prissy einen Blick zu und seufzte. Prissy war nicht sonderlich geeignet als Kindermädchen. Ihre jüngst erfolgte Beförderung von einem dürren Kind mit kurzem Rock und steifen Zöpfchen zu einer Respektsperson in langem Kalikokleid und gestärktem weißem Turban war ihr etwas zu Kopf gestiegen. Sie wäre niemals so früh zu solcher Bedeutung aufgestiegen, wenn nicht die Erfordernisse des Krieges und die Ansprüche der Versorgungsstelle an Tara es Ellen unmöglich gemacht hätten, auf Mammy oder Dilcey oder auch nur auf Rosa oder Teena zu verzichten. Prissy war noch nie weiter als eine Meile von Twelve Oaks oder Tara weggekommen, und die Zugfahrt plus ihre Beförderung zum Kindermädchen waren fast mehr, als ihr kleines Hirn verkraften konnte. Die zwanzig Meilen lange Fahrt von Jonesboro nach Atlanta hatte sie so aufgeregt, dass Scarlett gezwungen war, das Baby auf der ganzen Fahrt selber zu halten. Nun brachte der Anblick so vieler Gebäude und Menschen Prissy endgültig aus dem Gleichgewicht. Sie drehte sich von einer Seite zur anderen, deutete auf Dinge, hüpfte herum und rüttelte das Baby so durch, dass es verzweifelt jammerte. Scarlett sehnte sich nach Mammys dicken alten Armen. Mammy brauchte ein Kind bloß zu berühren, und es hörte sofort auf zu weinen. Aber Mammy war in Tara, und Scarlett konnte nichts tun. Es hatte keinen Sinn, Prissy Wade wegzunehmen. Wenn sie selbst ihn hielt, schrie er genauso laut wie bei Prissy. Außerdem würde er an ihren Haubenbändern zerren und ohne Zweifel ihr Kleid zerknittern. Daher tat sie so, als habe sie Uncle Peters Vorschlag nicht gehört.
»Vielleicht lerne ich irgendwann, mit Babys umzugehen«, dachte sie verstimmt, während die Kutsche aus dem Morast vor dem Bahnhof hinauszuckelte und -ruckelte, »aber es wird mir nie Spaß machen, mich mit ihnen zu beschäftigen.« Und als Wades Gesicht vor Gebrüll lila anlief, zischte sie gereizt: »Gib ihm den Zuckerschnuller aus deiner Tasche, Priss. Tu irgendwas, damit er still ist. Ich weiß, dass er Hunger hat, aber das kann ich jetzt nicht ändern.«
Prissy holte den Zuckerschnuller hervor, den Mammy ihr an diesem Morgen gegeben hatte, und die Babyschreie verstummten. Nachdem wieder Ruhe herrschte und so viel Neues zu sehen war, begann sich Scarletts Laune ein wenig zu bessern. Als Uncle Peter schließlich die Kutsche aus den Schlammlöchern heraus in die Peachtree Street manövriert hatte, fühlte sie zum ersten Mal seit Monaten Neugier in sich aufsteigen. Wie war die Stadt gewachsen! Ihr letzter Besuch war erst etwas über ein Jahr her, aber es schien unmöglich, dass das kleine Atlanta, das sie kannte, sich derartig verändert hatte.
Im vergangenen Jahr war sie so mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt gewesen, so gelangweilt von jeder Erwähnung des Krieges, dass ihr vollständig entging, wie dramatisch sich Atlanta von der ersten Minute der Kampfhandlungen an verwandelt hatte. Dieselben Eisenbahnlinien, die die Stadt in Friedenszeiten zu einem Umschlagplatz für den Warenverkehr gemacht hatten, waren nun im Krieg von entscheidender strategischer Bedeutung. Weit entfernt von der Front bildete die Stadt mit ihren Gleisen die Verbindung zwischen den beiden konföderierten Armeen, der in Virginia und der in Tennessee und im Westen. Und außerdem verband Atlanta beide Armeen mit dem tieferen Süden, aus dem sie ihren Nachschub erhielten. Aufgrund der Erfordernisse des Krieges war Atlanta ein Produktionszentrum geworden, ein Lazarettstützpunkt und eines der wichtigsten Depots für Nahrungsmittel und Nachschub für die Armeen im Feld.
Scarlett schaute sich vergeblich nach der kleinen Stadt um, an die sie sich so lebhaft erinnerte. Die gab es nicht mehr. Die Stadt, die sie jetzt sah, glich einem Baby, das über Nacht zu einem tatkräftigen Riesen herangewachsen ist.
Atlanta summte wie ein Bienenstock, im stolzen Bewusstsein seiner Wichtigkeit für die Konföderation. Tag und Nacht wurde daran gearbeitet, eine landwirtschaftliche Region in eine Industrieregion zu verwandeln. Vor dem Krieg hatte es südlich von Maryland nur wenige Baumwollspinnereien, Wollwebereien, Waffen- und Maschinenfabriken gegeben – was alle Südstaatler mit Stolz erfüllte. Der Süden brachte Staatsmänner und Soldaten, Pflanzer und Ärzte, Rechtsanwälte und Dichter hervor, aber gewiss keine Ingenieure und Mechaniker. Sollten doch die Yankees diese niederen Berufe ausüben. Aber jetzt, da die Häfen der Konföderierten durch die Kanonenboote der Yankees gesperrt waren, gelangten europäische Güter nur spärlich ins Land, wenn die Blockade durchbrochen wurde, und der Süden versuchte verzweifelt, sein Kriegsmaterial selbst zu produzieren. Der Norden konnte sich an die gesamte Welt wenden, um Nachschub und Soldaten zu bekommen, und Tausende Iren und Deutsche strömten in die Armee der Union, verlockt durch das Handgeld, das der Norden ihnen bot. Der Süden war auf sich selbst zurückgeworfen.
In Atlanta gab es Maschinenfabriken, die in schleppender Langsamkeit Maschinen für die Produktion von Kriegsgerät herstellten – langsam, weil es im Süden nur wenige Maschinen gab, an denen man sich orientieren konnte, und weil fast jedes Rad und jedes Zahnrad nach Zeichnungen angefertigt wurde, die von England aus erst die Blockade überwinden mussten. Man sah jetzt fremde Gesichter auf den Straßen Atlantas, und die Einwohner, die vor einem Jahr noch bei einem westlichen Akzent die Ohren gespitzt hätten, kümmerten sich nicht im Geringsten um die fremden Sprachen der Europäer, die trotz der Blockade gekommen waren, um Maschinen zu bauen und Munition für die Konföderierten zu produzieren. Es waren fähige Männer, ohne die die Konföderation große Schwierigkeiten gehabt hätte, Pistolen, Gewehre, Kanonen und Schießpulver herzustellen.
Man konnte beinahe den Herzschlag der Stadt spüren, während Tag und Nacht daran gearbeitet wurde, das Kriegsmaterial durch die Eisenbahnarterien an die beiden Kriegsfronten zu pumpen. Die Züge donnerten zu jeder Tages- und Nachtzeit in die Stadt und wieder hinaus. Ruß aus den neu erbauten Fabriken regnete in dichten Wolken auf die weißen Häuser. In der Nacht glühten die Hochöfen, und die Hämmer dröhnten noch lange, nachdem die Stadtbewohner ins Bett gegangen waren. Wo im Vorjahr Grundstücke brachgelegen hatten, fanden sich jetzt Manufakturen, die Zaumzeug, Sättel und Stiefel fertigten, Waffenfabriken, die Revolver und Kanonen produzierten, Walzwerke und Gießereien, die Eisenschienen und Güterwägen herstellten, um diejenigen zu ersetzen, die die Yankees zerstört hatten, und alle möglichen Betriebe, in denen Sporen, Geschirrteile, Beschläge, Zelte, Knöpfe, Pistolen und Säbel erzeugt wurden. In den Gießereien begann bereits das Eisen knapp zu werden, denn durch die Blockade kam wenig bis gar nichts, und die Bergwerke in Alabama standen fast still, weil die Bergleute an der Front waren. Es gab auf den Rasenflächen Atlantas keine eisernen Staketenzäune, keine eisernen Gartenhäuschen, keine Eisentore, nicht einmal Eisendenkmäler mehr, denn sie hatten alle schon früh den Weg in die Schmelztiegel der Walzwerke gefunden.
Hier an der Peachtree Street lagen die Hauptquartiere der verschiedenen Heeresabteilungen; jedes Büro wimmelte von Uniformierten, die Requirierungsbehörde, das Fernmeldekorps, die Feldpost, der Eisenbahntransport, die Kommandantur der Militärpolizei. Am Stadtrand waren die Remonten angesiedelt, wo Pferde und Maultiere sich in großen Pferchen drängten, und in den Seitenstraßen lagen die Lazarette. Als Uncle Peter Scarlett von ihnen erzählte, erschien ihr Atlanta als eine Stadt der Verwundeten, denn es gab allgemeine Lazarette, Seuchenlazarette und Rekonvaleszentenlazarette ohne Zahl. Und Tag für Tag spien die Züge unterhalb von Five Points noch mehr Kranke und Verwundete aus.
Das kleine Städtchen war verschwunden, und die rasend schnell wachsende Stadt barst geradezu vor unaufhörlicher Energie. Der Anblick von so viel Geschäftigkeit raubte Scarlett, die frisch aus der ländlichen Ruhe kam, fast den Atem, aber er gefiel ihr. Der Ort hatte eine quirlige Atmosphäre, die sie aufmunterte. Es war, als spürte sie, wie der beschleunigte, regelmäßige Puls der Stadt im Gleichklang mit dem ihren schlug.
Während sie sich langsam ihren Weg durch die Schlaglöcher der Hauptstraße bahnten, bemerkte sie interessiert all die neuen Gebäude und Gesichter. Die Bürgersteige waren voll Uniformierter, die Abzeichen aller Dienstgrade und Waffengattungen trugen; die enge Straße war verstopft mit Fahrzeugen – Kutschen, zweirädrigen Wagen, Ambulanzen, Planwagen der Armee mit zivilen Fuhrmännern, die fluchten, während sich die Maultiere durch die Wagenrillen kämpften. Graugekleidete Kuriere stürmten mit Befehlen und telegrafischen Depeschen durch die Straßen von einem Hauptquartier zum nächsten, Genesende humpelten an Krücken umher, gewöhnlich mit einer hilfsbereiten Dame auf jeder Seite. Von den Exerzierplätzen, wo die Rekruten ausgebildet wurden, ertönten Horn- und Trommelsignale und gebellte Befehle. Und dann schlug Scarlett das Herz bis zum Hals, denn sie sah zum ersten Mal Yankee-Uniformen, als Uncle Peter mit seiner Peitsche auf eine Abteilung abgerissen aussehender Blauröcke deutete, die von Konföderierten mit aufgepflanzten Bajonetten zum Bahnhof eskortiert wurden, um in den Zug zum Gefangenenlager verladen zu werden.
Oh, dachte Scarlett mit dem ersten echten Gefühl von Freude seit dem Tag des Barbecues, hier wird es mir gefallen! Es ist so lebendig und aufregend!
Die Stadt war sogar weit lebendiger, als sie ahnte, denn es gab Dutzende neuer Bars; Prostituierte im Kielwasser der Armee schwärmten durch die Stadt, und zum Entsetzen der frommen Kirchenleute sprossen gut besetzte Bordelle aus dem Boden. Alle Hotels, Pensionen und Privathäuser waren randvoll mit Besuchern, die ihren verwundeten Angehörigen in den großen Lazaretten Atlantas nahe sein wollten. Jede Woche wurden Partys und Bälle und Basare abgehalten, und es gab Kriegstrauungen ohne Zahl: die jungen Männer auf Heimaturlaub in Hellgrau mit goldenen Tressen und die Bräute im Putz, der über die Hürden der Blockade gedrungen war; gekreuzte Säbel bildeten den Ehrengang, Toasts wurden mit Blockadechampagner ausgebracht, und dann kam der tränenreiche Abschied. Nacht für Nacht hallten die baumbestandenen Boulevards von tanzenden Füßen wider, und aus den Salons klimperte Klaviermusik, Sopranstimmen mischten sich mit den Stimmen der Soldaten in der gefälligen Melancholie von The Bugles Sang Truce und Your Letter Came, but Came Too Late. Derlei traurige Balladen konnten sanftmütige Augen, die noch keinen echten Kummer erfahren hatten, mit Tränen der Erregung füllen.
Während sie sich durch den schmatzenden Schlamm voranarbeiteten, bestürmte Scarlett Peter mit Fragen, die dieser beantwortete, indem er mit seiner Peitsche hierhin und dorthin deutete und stolz seine Kenntnisse vorführte.
»Das is das Arsenal. Ja, Ma’m, da werden Gewehre und so Sachen aufbewahrt. Nein, Ma’m, das da sind keine Läden, das sind Blockadebüros. Gott, Miss Scarlett, wissen Sie nich, was ’n Blockadebüro is? Das is ’n Büro, wo ’n Ausländer drin is, der kauft uns konföderierte Baumwolle ab und bringt sie mit nem Schiff aus Charleston und Wilmington weg und dann bringt er uns Schießpulver zurück. Nee, Ma’m, ich hab keine Ahnung, was für ne Sorte Ausländer das is. Miss Pitty sagt, das sind Engländer, aber wenn die reden, kamman kein Wort verstehn. Ja, Ma’m, es is verdammt rauchig, und der Ruß ruwiniert ziemlich Miss Pittys Seidenvorhänge. Der kommt von der Gießerei und den Walzwerken. Und was die nachts für nen Krach machen! Da kann keiner schlafen. Nee, Ma’m, ich kann nich anhalten, damit Sie sich umgucken können. Ich hab Miss Pitty versprochen, dass ich Sie schnurstracks nach Hause bringe … Miss Scarlett, nicken Sie mal da rüber. Da sind Miss Merriwether und Miss Elsing, die grüßen Sie.«
Scarlett erinnerte sich dunkel an zwei Damen mit diesen Namen, die zu ihrer Hochzeit von Atlanta nach Tara gekommen waren, und es fiel ihr ein, dass sie Miss Pittypats beste Freundinnen waren. Daher wandte sie sich rasch in die Richtung, in die Uncle Peter zeigte, und verbeugte sich. Die beiden saßen in einer Kutsche vor einem Textilgeschäft. Der Eigentümer und zwei Angestellte standen auf dem Gehweg, beladen mit Ballen von Baumwollstoffen, die sie den Damen vorgeführt hatten. Mrs. Merriwether war eine große, korpulente Dame, die so eng geschnürt war, dass ihr Busen wie ein Schiffsbug vorsprang. Ihre Frisur wurde durch falsche Locken aufgehübscht, deren stolzes Braun jedoch partout nicht zum übrigen eisengrauen Haar passen wollte. In ihrem runden, geröteten Gesicht verband sich wohlwollende Schlauheit mit der Gewohnheit zu befehlen. Mrs. Elsing war jünger, eine magere, zerbrechliche Frau, die ehedem eine Schönheit gewesen war und sich eine verblasste Frische erhalten hatte, ein gewisses elegant-herrisches Gebaren.
Diese beiden Damen waren neben einer dritten, Mrs. Whiting, die Stützen Atlantas. Sie hatten die drei Kirchen, denen sie jeweils angehörten, unter ihrer Fuchtel, mitsamt den Geistlichen, den Chören und den Gemeindemitgliedern. Sie organisierten Basare und präsidierten über Nähzirkel, waren Anstandsdamen bei Bällen und Picknicks, sie wussten, wer eine gute Partie machte und wer nicht, wer heimlich trank und wer wann ein Baby erwartete. Sie waren Expertinnen in der Genealogie aller Leute, die in Georgia, South Carolina und Virginia etwas darstellten. Mit den anderen Staaten belasteten sie ihre Gedanken nicht weiter, denn sie waren überzeugt, dass niemand, der etwas darstellte, aus einem anderen Staat als diesen dreien kommen konnte. Sie wussten, was sich schickte und was nicht, und hielten mit ihrer diesbezüglichen Meinung nicht hinter dem Berg – Mrs. Merriwether mit Stentorstimme, Mrs. Elsing mit geziert ersterbenden, gedehnten Silben und Mrs. Whiting in vornehm gequältem Geflüster, das durchblicken ließ, wie ungern sie über derlei Dinge sprach. Die drei Damen misstrauten sich gegenseitig und konnten sich so wenig ausstehen wie das erste Triumvirat in Rom, und vermutlich hatten sie sich aus demselben Grund verbündet.
»Ich habe Pitty schon gesagt, dass ich Sie in meinem Lazarett haben muss«, rief Mrs. Merriwether lächelnd. »Sagen Sie bloß nicht Mrs. Meade oder Mrs. Whiting zu!«
»O nein«, sagte Scarlett, die nicht die geringste Ahnung hatte, wovon Mrs. Merriwether sprach, aber es sehr genoss, herzlich willkommen geheißen und gebraucht zu werden. »Ich hoffe, wir sehen uns bald.«
Die Kutsche pflügte vorwärts und hielt einen Augenblick vor zwei Frauen an, die mit Körben voller Bandagen vorsichtig auf Trittsteinen die Straße überquerten. In diesem Moment wurde Scarletts Blick von einer Gestalt auf dem Bürgersteig gefesselt, die ein schreiend buntes Kleid trug – zu bunt für Straßenkleidung –, und darüber ein Paisleytuch mit Fransen bis zu den Schuhabsätzen. Als sie sich umdrehte, sah sie eine hochgewachsene, gutaussehende Frau mit herausforderndem Gesicht und einer Fülle roter Haare, die zu rot waren, um echt zu sein. Es war das erste Mal, dass Scarlett eine Frau sah, die mit Sicherheit »etwas mit ihren Haaren gemacht« hatte, und sie betrachtete sie fasziniert.
»Uncle Peter, wer ist denn das?« flüsterte sie.
»Weiß nich.«
»Das weißt du wohl, das merke ich. Wer ist es?«
»Sie heißt Belle Watling«, sagte Uncle Peter und schob die Unterlippe vor.
Scarlett bemerkte sofort, dass er dem Namen kein »Miss« oder »Mrs.« vorangestellt hatte.
»Wer ist das?«
»Miss Scarlett«, sagte Peter finster und ließ die Peitsche auf das erschrockene Pferd niedersausen. »Das wird Miss Pitty nich gefallen, wenn Sie Fragen stellen, die Sie nix angehn. Es gibt ’n Haufen Volk in dieser Stadt, über die man nich reden sollte.«
Lieber Himmel, dachte Scarlett, vom Tadel zum Schweigen gebracht. Das muss ein schlimmes Frauenzimmer sein.
Sie hatte noch nie ein schlimmes Frauenzimmer gesehen, und sie verdrehte den Kopf und starrte ihr hinterher, bis sie sich in der Menge verlor.
Die Läden und die neuen Kriegsgebäude standen nun weiter auseinander, und unbebaute Grundstücke lagen dazwischen. Endlich ließen sie die Geschäftsbezirke hinter sich und Wohnhäuser kamen in Sicht. Scarlett entdeckte alte Bekannte unter ihnen, das Haus der Leydens, würdevoll und stattlich, das der Bonnells mit kleinen weißen Säulen und grünen Fensterläden, das unnahbare georgianische Ziegelhaus der Familie McLure hinter seinen gestutzten Buchsbaumhecken. Sie kamen nun noch langsamer voran, denn aus Veranden und Gärten und vom Bürgersteig riefen ihr Damen Grüße zu. Manche kannte sie flüchtig, an andere erinnerte sie sich undeutlich, aber die meisten kannte sie überhaupt nicht. Pittypat hatte offensichtlich ihre Ankunft überall angekündigt. Der kleine Wade musste immer wieder hochgehoben werden, damit die Damen, die sich bis zu ihren Kutschsteinen durch den Schlick wagten, in Begeisterung über ihn ausbrechen konnten. Alle riefen sie ihr zu, dass sie unbedingt in ihre und ja nicht in andere Strick- und Nähkränzchen und Lazarettkomitees eintreten dürfe, und sie versprach unbekümmert alles nach beiden Seiten hin.
Als sie an einem weitläufigen grünen Schindelhaus vorbeifuhren, rief ein kleines schwarzes Mädchen, das auf der Vordertreppe postiert worden war: »Da kommt sie!«, und Dr. Meade und seine Frau und der kleine dreizehnjährige Phil kamen heraus, um sie zu begrüßen. Scarlett erinnerte sich, dass auch sie an ihrer Hochzeit teilgenommen hatten. Mrs. Meade stieg auf den Kutschstein des Hauses und verrenkte sich den Hals, um einen Blick auf das Baby zu werfen, während der Doktor unbekümmert durch den Schlamm bis an den Wagenschlag stapfte. Er war groß und hager und trug einen eisgrauen Spitzbart, und die Kleider hingen an seiner dürren Gestalt, als wären sie von einem Wirbelwind dorthin geblasen worden. In Atlanta galt er als Wurzel aller Kraft und Weisheit, und es war kein Wunder, dass er ein wenig von diesem Glauben verinnerlicht hatte. Doch trotz seiner Gewohnheit, in Orakeln zu sprechen, und trotz seines leicht blasierten Gehabes war er ein herzensguter Mann, wie es nur wenige in der Stadt gab.
Nachdem er Scarlett die Hand geschüttelt und Wade mit dem Zeigefinger in den Bauch gestupst und ihm Komplimente gemacht hatte, verkündete der Doktor, Tante Pittypat habe Stein und Bein geschworen, dass Scarlett keinem anderen Lazarett- und Bandagenrollkomitee angehören werde als dem von Mrs. Meade.
»O weh, das habe ich aber schon tausend Ladys versprochen!« sagte Scarlett.
»Ich wette, auch Mrs. Merriwether«, rief Mrs. Meade ungehalten. »Der Teufel soll sie holen! Ich glaube, sie passt jeden Zug ab.«
»Ich habe es versprochen, weil ich keine Ahnung hatte, worum es geht«, gestand Scarlett. »Was sind denn Lazarettkomitees überhaupt?«
Der Doktor und seine Frau wirkten ein wenig entgeistert über ihre Ahnungslosigkeit.
»Natürlich konnten Sie das da draußen auf dem Land nicht mitbekommen«, entschuldigte Mrs. Meade sie. »Wir haben Pflegekomitees für verschiedene Lazarette und verschiedene Tage. Wir pflegen die Männer und helfen den Ärzten und stellen Bandagen und Kleider her, und wenn es den Männern so gut geht, dass sie das Lazarett verlassen können, nehmen wir sie für die Genesungszeit in unsere Häuser auf, bis sie wieder ins Feld zurückkehren können. Und wir kümmern uns um die Frauen und Familien mancher Verwundeter, die mittellos oder noch schlimmer dran sind. Dr. Meade ist am Institutslazarett, wo mein Komitee arbeitet, und alle finden ihn fabelhaft und …«
»Na, na, Mrs. Meade«, sagte der Doktor liebevoll. »Gib nicht mit mir an! Das ist wohl das Mindeste, was ich tun kann, nachdem du mich nicht zur Armee gelassen hast.«
»Nicht gelassen!« rief sie ungehalten. »Ich? Die Stadt wollte dich nicht gehen lassen, das weißt du genau. Wissen Sie, Scarlett, als die Leute hörten, er wolle als Feldarzt nach Virginia gehen, haben alle Damen eine Petition unterzeichnet, in der sie ihn zum Hierbleiben aufforderten. Natürlich kann die Stadt nicht auf dich verzichten.«
»Na, na, Mrs. Meade«, sagte der Doktor, der sich sichtlich in ihrem Lob sonnte. »Vielleicht ist ein Sohn an der Front für den Augenblick auch genug.«
»Und ich gehe nächstes Jahr!« rief der kleine Phil und sprang aufgeregt herum. »Als Trommler. Ich lerne schon trommeln. Wollen Sie mal hören? Ich hole schnell meine Trommel.«
»Nicht jetzt«, sagte Mrs. Meade und zog ihn an sich, während ihr Gesicht sich plötzlich verkrampfte. »Nicht nächstes Jahr, mein Schatz. Vielleicht im Jahr darauf.«
»Aber dann ist der Krieg ja vorbei!« rief er vorwurfsvoll und wollte sich von ihr losreißen. »Außerdem hast du es versprochen!«
Über seinem Kopf trafen sich die Blicke der beiden Eltern, und Scarlett verstand: Darcy Meade diente in Virginia, und die Eltern klammerten sich nun fester an den kleinen Jungen, der ihnen geblieben war.
Uncle Peter räusperte sich.
»Miss Pitty war schon durch ’n Wind, wie ich losgefahren bin, und wenn ich nich bald ankomm, kriegt sie nen Ohnmachtsanfall.«
»Auf Wiedersehen. Ich komme heute Nachmittag mal herüber«, rief Mrs. Meade. »Und richten Sie Pitty von mir aus, wenn sie Sie nicht in mein Komitee lässt, dann kann sie was erleben.«
Die Kutsche glitt und rutschte die aufgeweichte Straße hinunter, und Scarlett lehnte sich in die Kissen zurück und lächelte. Sie fühlte sich schon jetzt so gut wie seit Monaten nicht. Atlanta mit seinem Gewimmel und seiner Hektik und seiner Unterströmung von spannender Lebensintensität war faszinierend und so viel schöner als die einsame Plantage außerhalb von Charleston, wo nur das Bellen der Alligatoren die Nachtruhe störte; es war sogar besser als Charleston selbst, das in seinen Gärten hinter hohen Mauern vor sich hin träumte, besser als Savannah mit seinen breiten, palmengesäumten Straßen und dem schlammigen Fluss an seinem Rand. Ja, und vorübergehend sogar besser als Tara, sosehr sie Tara auch mochte.
Diese Stadt hatte etwas Aufregendes an sich mit ihren schmalen, matschigen Straßen, eingebettet in rote Hügel, sie hatte etwas Wildes, Ungezähmtes, das unter dem dünnen Firnis der Wohlanständigkeit, den Ellen und Mammy ihr aufgelegt hatten, eine verwandte Saite zum Klingen brachte. Sie spürte plötzlich, dass sie hierher gehörte, nicht in heitere alte Städte, die ruhig an gelben Flüssen schlummerten.
Die Häuser standen nun in immer weiteren Abständen, und als Scarlett sich hinauslehnte, sah sie die roten Ziegelmauern und das Schieferdach von Miss Pittypats Haus. Es war beinahe das letzte Haus am Nordende der Stadt. Dahinter wurde die Peachtree Road deutlich schmaler und kurviger und verschwand unter Bäumen im dichten, stillen Wald. Der akkurate Lattenzaun war kürzlich weiß gestrichen worden, und der Vorgarten, den er einschloss, war gelb besternt von den letzten Narzissen des Jahres. Auf der Vortreppe standen zwei Frauen in Schwarz und hinter ihnen eine umfängliche hellhäutige Sklavin mit den Händen unter der Schürze und einem breiten Lächeln im Gesicht, das ihre weißen Zähne leuchten ließ. Die füllige Miss Pittypat wippte aufgeregt auf ihren klitzekleinen Füßen und presste eine Hand auf ihren üppigen Busen, um ihr Herzklopfen zu beruhigen. Neben ihr stand Melanie, und mit einer Woge von Abneigung erkannte Scarlett, dass das Haar in der Suppe von Atlanta diese zierliche Person im schwarzen Trauerkleid sein würde, deren wilde Locken in matronenhafter Glätte streng zurückgebunden waren, und die sie mit einem liebevollen Lächeln glücklichen Willkommens auf ihrem herzförmigen Gesicht begrüßte.
Wenn Südstaatler sich die Mühe machten, einen Schrankkoffer zu packen und für einen Besuch zwanzig Meilen weit zu fahren, dann dauerte dieser Besuch selten kürzer als einen Monat, gewöhnlich aber viel länger. Die Südstaatler waren ebenso begeisterte Gäste wie Gastgeber, und es war nichts Besonderes, wenn Verwandte kamen, um über die Weihnachtsfeiertage zu bleiben, und erst im Juli wieder abreisten. Wenn junge Eheleute in den Flitterwochen ihre übliche Besuchsrunde machten, blieben sie nicht selten in einem besonders angenehmen Haus, bis ihr zweites Kind auf die Welt kam. Ältere Onkel und Tanten kamen manchmal zum Sonntagsessen und blieben, bis sie Jahre später begraben wurden. Besucher waren keine Last, denn die Häuser waren groß, das Dienstpersonal zahlreich und zusätzliche Esser fielen in diesem Land der Fülle nicht weiter auf. Besuche machten männliche und weibliche Wesen aller Altersstufen, Jungverheiratete, junge Mütter, die ihre Neugeborenen stolz herumzeigten, Genesende, Trauernde, Mädchen, deren Eltern sie vor den Gefahren einer unklugen Partnerwahl bewahren wollten, und Mädchen, die das gefährliche Alter erreicht und noch keinen Mann gefunden hatten und nun hoffentlich mithilfe von Verwandten in einer anderen Gegend eine passende Partie machen würden. Besucher brachten Spannung und Ablenkung in das gemächliche südliche Leben, und sie waren immer willkommen.
So war auch Scarlett nach Atlanta gefahren, ohne zu wissen, wie lange sie bleiben würde. Wenn ihr Besuch sich als so trist herausstellte wie der in Savannah oder Charleston, würde sie nach einem Monat heimfahren. Wenn ihr der Aufenthalt gefiel, würde sie auf unbestimmte Zeit bleiben. Doch kaum war sie angekommen, begannen Tante Pitty und Melanie darauf hinzuarbeiten, dass sie sich für immer bei ihnen niederließ. Sie führten jedes denkbare Argument ins Feld. Sie wollten sie um ihrer selbst willen bei sich haben, weil sie sie lieb hatten. Sie waren einsam und fürchteten sich oft nachts in dem großen Haus, und Scarlett war so tapfer, dass sie ihnen Mut machte. Sie war so bezaubernd, dass sie sie in ihrem Kummer aufheiterte. Nun, da Charles gestorben war, gehörte sie mit ihrem Sohn in das Haus seiner Familie. Außerdem gehörte laut Charles’ Testament die Hälfte des Hauses ihr. Und schließlich brauchte die Konföderation jedes Paar Hände zum Nähen, Stricken, Bandagenaufwickeln und Pflegen der Verwundeten.
Auch Charles’ Onkel Henry Hamilton, der als Hagestolz im Atlanta Hotel in der Nähe des Bahnhofs lebte, erörterte dieses Thema ernsthaft mit ihr. Onkel Henry war ein untersetzter, schmerbäuchiger, cholerischer alter Herr mit rosigem Gesicht, einer langen, silbernen Mähne und einem kompletten Mangel an Verständnis für weibliche Ängste und Hirngespinste. Aus letzterem Grund wechselte er kaum ein Wort mit seiner Schwester, Miss Pittypat. Von Kindheit an war ihrer beider Temperament absolut gegensätzlich gewesen, und seine Einwände gegen ihre Erziehungsmethoden bei Charles hatten zu ihrer Entfremdung entscheidend beigetragen – »Macht sie da einen Jammerlappen aus dem Sohn eines Soldaten!« Vor Jahren hatte er sie einmal so beleidigt, dass Tante Pitty ihn seither nur noch in vorsichtigem Flüsterton und mit solcher Scheu erwähnte, dass ein Fremder den rechtschaffenen alten Anwalt mindestens für einen Mörder halten musste. Die Beleidigung war vorgefallen, als Tante Pitty fünfhundert Dollar aus ihrem Vermögen, dessen Treuhänder er war, abheben wollte, um sie in eine nicht existierende Goldmine zu investieren. Er hatte seine Zustimmung verweigert und hitzig erklärt, sie habe nicht mehr Verstand als ein Junikäfer, und außerdem mache es ihn ganz zipfelsinnig, länger als fünf Minuten in ihrer Gegenwart zu sein. Seit jenem Tag traf sie ihn nur noch einmal im Monat geschäftlich, wenn sie sich von Uncle Peter zu seiner Kanzlei fahren ließ, um das Haushaltsgeld abzuholen. Nach diesen kurzen Besuchen zog sich Pitty für den Rest des Tages mit Tränen und Riechsalz in ihr Bett zurück. Melanie und Charles, die sich mit ihrem Onkel hervorragend verstanden, boten häufig an, ihr diese qualvolle Aufgabe abzunehmen, aber dann kniff Pitty immer ihren Kindermund zusammen und lehnte ab. Henry war das Kreuz, das sie zu tragen hatte. Daraus zogen Charles und Melanie den Schluss, dass sie diese gelegentliche Aufregung, die einzige Aufregung in ihrem behüteten Leben, zutiefst genoss.
Onkel Henry mochte Scarlett auf Anhieb, denn, so sagte er, man konnte sehen, dass sie trotz ihrer albernen Affektiertheit ein paar Körnchen Verstand besaß. Er verwaltete nicht nur Pittys und Melanies Vermögen, sondern auch das Erbe, das Charles Scarlett hinterlassen hatte. Es war eine angenehme Überraschung für Scarlett, dass sie nun eine wohlhabende junge Frau war, denn Charles hatte ihr nicht nur die Hälfte von Pittys Haus vererbt, sondern auch Farmland und weiteren Grundbesitz in der Stadt. Und die Geschäfte und Lagerhäuser entlang den Gleisen in der Nähe des Bahnhofs, die zu ihrer Erbschaft gehörten, hatten sich seit Kriegsbeginn im Wert verdreifacht. Als Onkel Henry ihr eine Aufstellung ihres Vermögens vorlegte, brachte er bei dieser Gelegenheit auch das Thema ihrer dauernden Niederlassung in Atlanta aufs Tapet.
»Wenn Wade Hampton volljährig wird, ist er ein reicher junger Mann«, sagte er. »So schnell, wie Atlanta wächst, ist sein Besitz in zwanzig Jahren zehnmal so viel wert, und es ist nur recht und billig, wenn der Junge dort groß wird, wo sein Besitz ist, damit er lernt, sich darum zu kümmern – ja, und auch um den Besitz von Pitty und Melanie. Er wird über kurz oder lang der einzige Mann mit Namen Hamilton sein, denn mich wird es ja nicht immer geben.«
Uncle Peter ging sowieso davon aus, dass Scarlett gekommen war, um zu bleiben. Es war für ihn unvorstellbar, dass Charles’ einziger Sohn an einem Ort aufwachsen sollte, wo er, Peter, sein Aufwachsen nicht beaufsichtigen konnte. Zu all diesen Argumenten lächelte Scarlett, ohne etwas zu sagen, denn sie wollte sich nicht festlegen, ehe sie herausgefunden hatte, ob Atlanta und das ständige Zusammensein mit ihrer Schwiegerfamilie ihr zusagten. Auch mussten Ellen und Gerald überzeugt werden. Und nun, da Tara weit weg war, begann sie es schrecklich zu vermissen. Sie vermisste die roten Felder und die grün sprießende Baumwolle und die liebliche Stille der Dämmerung. Zum ersten Mal bekam sie eine Ahnung davon, was Gerald gemeint hatte, als er sagte, die Liebe zum Land liege ihr im Blut.
Daher vermied sie auf charmante Weise, konkrete Aussagen über die Dauer ihres Besuchs zu machen, und ließ sich leichtherzig auf das Leben im roten Ziegelhaus am ruhigen Ende der Peachtree Street ein.
Seit sie bei Charles’ Blutsverwandten lebte und das Haus kennenlernte, aus dem er stammte, konnte Scarlett den Jungen, der sie in so rascher Folge zur Frau, Witwe und Mutter gemacht hatte, etwas besser verstehen. Es war leicht zu erkennen, warum er so schüchtern, so wenig weltgewandt, so idealistisch gewesen war. Falls Charles irgendwelche Eigenschaften des strengen, furchtlosen, heißblütigen Soldaten geerbt hatte, der sein Vater gewesen war, so wurden diese bereits in der Kindheit durch die damenhafte Atmosphäre, in der er aufwuchs, ausgelöscht. Er hatte Pitty mit ihrem kindlichen Gemüt heiß geliebt und war Melanie näher gewesen, als Brüder ihren Schwestern gewöhnlich sind, und zwei liebenswürdigere, weltfremdere Frauen ließen sich nicht denken.
Tante Pittypat war vor sechzig Jahren auf den Namen Sarah Jane Hamilton getauft worden, aber seit jenem lange vergangenen Tag, als ihr Vater, der sie abgöttisch liebte, ihr wegen ihrer leichten, rastlosen, trappelnden Füßchen diesen Spitznamen gab, hatte niemand sie mehr anders genannt. In den Jahren nach dieser zweiten Taufe hatte sie sich in mancher Hinsicht verändert, so dass der Spitzname nicht mehr recht passte. Von dem lustig herumhüpfenden Kind waren nur noch zwei winzige Füße geblieben, die ihr Gewicht nicht recht tragen konnten, und eine Neigung, fröhlich und ziellos vor sich hin zu plappern. Sie war dick, rotwangig und silberhaarig und immer ein wenig kurzatmig, weil ihr Korsett zu eng geschnürt war. Mehr als von einer Querstraße zur nächsten konnte sie auf ihren kleinen Füßchen, die sie in noch kleinere Schühchen zwängte, nicht laufen. Ihr Herz raste bei jeder Aufregung, was sie schamlos ausnutzte, denn sie fiel bei der geringsten Veranlassung in Ohnmacht. Alle Leute wussten, dass ihre Ohnmachten in der Regel bloß damenhafte Allüren waren, aber sie hatten sie so gern, dass sie nicht darüber sprachen. Alle mochten sie, verwöhnten sie wie ein Kind und weigerten sich, sie ernst zu nehmen – alle, außer ihrem Bruder Henry.
Klatsch hatte sie für ihr Leben gern, lieber noch als Tafelfreuden, und sie plapperte auf harmlos nette Art stundenlang über die Angelegenheiten anderer Leute. Namen, Daten oder Orte konnte sie sich nicht recht merken und sie brachte häufig die handelnden Personen des einen Dramas in Atlanta mit denen eines anderen durcheinander, was aber nicht zu Verwechslungen führte, denn niemand war so töricht, irgendeine ihrer Äußerungen ernst zu nehmen. Niemand erzählte ihr je etwas wirklich Empörendes oder Skandalöses, denn ihr Status als alte Jungfer musste beschützt werden, auch im Alter von sechzig Jahren, und ihre Freundinnen hatten sich verschworen, sie im Zustand eines behüteten und verzärtelten alten Kindes zu belassen.
Melanie glich ihrer Tante in vieler Hinsicht. Sie hatte ihre Schüchternheit, ihr plötzliches Erröten, ihre Bescheidenheit, aber an gesundem Menschenverstand gebrach es ihr nicht – »zumindest so einigermaßen, das muss ich zugeben«, dachte Scarlett unwillig. Wie Tante Pitty hatte Melanie das Gesicht eines behüteten Kindes, das nie etwas anderes erfahren hat als Einfachheit und Freundlichkeit, Aufrichtigkeit und Liebe, das niemals Härte oder Bosheit erlebt hat und beides nicht erkennen würde, auch wenn man es mit der Nase darauf stieß. Da sie immer glücklich gewesen war, wollte sie, dass alle Menschen in ihrer Umgebung glücklich waren, oder zumindest zufrieden. Zu diesem Zweck suchte sie in allen Menschen immer das Beste und hob es liebenswürdig hervor. Kein Dienstbote war so dumm, dass sie nicht irgendeinen Zug von Loyalität oder Gutherzigkeit an ihm gefunden hätte, der alles wieder wettmachte; kein Mädchen so hässlich und unsympathisch, dass sie an ihr nicht ein anmutiges Betragen oder einen noblen Charakter entdeckt hätte, und kein Mann so nichtsnutzig oder langweilig, dass sie ihn nicht im Licht seiner Möglichkeiten statt in dem seines tatsächlichen Wesens gesehen hätte.
Aufgrund dieser Eigenschaften, die offen und spontan aus einem großzügigen Herzen flossen, wurde sie sehr umschwärmt, denn wer kann jemandem widerstehen, der in anderen bewundernswerte Züge entdeckt, von denen sie selbst im Traum nichts geahnt haben? Sie hatte mehr Freundinnen als sonst irgendjemand in der Stadt und auch mehr Freunde, allerdings nur wenige Verehrer, denn es fehlten ihr Flatterhaftigkeit und Eigensucht, auf die Männer so leicht hereinfallen.
Melanie tat nichts anderes, als was allen Südstaaten-Mädchen beigebracht wurde: unentwegt für allgemeine Unbefangenheit und Unbeschwertheit zu sorgen. Diese wohlwollende weibliche Verschwörung machte das gesellschaftliche Leben in den Südstaaten so behaglich. Die Frauen wussten, dass ein Land, wo die Männer zufrieden waren, wo ihnen niemand widersprach oder sie in ihrer Eitelkeit verletzte, mit großer Wahrscheinlichkeit auch den Frauen ein angenehmes Leben bot. Daher bemühten sie sich von der Wiege bis zur Bahre, die Männer in ihrer Selbstzufriedenheit zu bestärken, und die Männer vergalten es ihnen reichlich mit Galanterie und Verehrung. Die Männer waren bereit, den Frauen alles auf der Welt zuzugestehen, außer Intelligenz. Scarlett wirkte ebenso gewinnend wie Melanie, allerdings dank einstudierter Kunstfertigkeit und vollendetem Geschick. Der Unterschied zwischen den beiden jungen Frauen lag darin, dass Melanie freundliche, schmeichelhafte Dinge sagte, weil sie die Menschen glücklich machen wollte, und sei es nur für den Augenblick, während Scarlett immer nur ihre eigenen Zwecke verfolgte.
Von den beiden Menschen, die er am meisten liebte, hatte Charles keinerlei ertüchtigende Einflüsse erfahren, nichts über Härte oder die Wirklichkeit gelernt, denn das Haus, in dem er zum Mann heranwuchs, war weich ausgepolstert wie ein Vogelnest. Verglichen mit Tara war es ein unglaublich stiller, altmodischer, sanfter Ort. Scarlett fand, dass es förmlich nach dem männlichen Duft von Brandy, Tabak und Makassar-Öl schrie, nach rauhen Stimmen und gelegentlichen Flüchen, nach Gewehren, Backenbärten, Sätteln und Zaumzeug, und nach Jagdhunden, die einem zu Füßen lagen. Ihr fehlten streitende Stimmen, die in Tara immer zu hören waren, sobald Ellen ihnen den Rücken kehrte: Mammy stritt sich mit Pork, Rosa und Teena zankten, sie selbst hatte erbitterte Wortwechsel mit Suellen, und Gerald stieß brüllend Drohungen aus. Kein Wunder, dass Charles in einem solchen Haus ein Weichling geworden war. Hier gab es nie Aufregung, niemand erhob die Stimme, jeder fragte rücksichtsvoll die anderen um ihre Meinung, und zum Schluss bekam der schwarze, grauhaarige Tyrann in der Küche seinen Willen. Scarlett, die sich mehr Freiheiten erhofft hatte, nachdem sie Mammys Aufsicht entronnen war, musste zu ihrem Kummer feststellen, dass Uncle Peters Ansprüche an damenhaftes Benehmen, besonders für Mister Charles’ Witwe, noch strenger waren als Mammys.
In diesem Haushalt fand Scarlett zu sich selbst zurück, und ehe sie sichs versah, war ihre Laune wiederhergestellt. Sie war erst siebzehn, sie erfreute sich bester Gesundheit und steckte voller Energie, und Charles’ Verwandte gaben sich größte Mühe, ihr alles recht zu machen. Wenn es ihnen nicht völlig gelang, so war es nicht ihre Schuld, denn niemand konnte Scarlett den Schmerz nehmen, der in ihrem Herzen pochte, wann immer Ashleys Name fiel. Und Melanie erwähnte ihn so oft! Aber Melanie und Pitty suchten unermüdlich Mittel und Wege, um den Kummer zu lindern, unter dem Scarlett ihrer Meinung nach litt. Sie schoben ihren eigenen Kummer in den Hintergrund, um sie abzulenken. Sie waren ständig besorgt, dass sie genug aß und die Zeiten für ihren Mittagsschlaf und ihre Spazierfahrten einhielt. Nicht nur bewunderten sie aufs Höchste ihr Temperament, ihre Figur, ihre kleinen Hände und schmalen Füße, ihren weißen Teint, sie sprachen es auch häufig aus und streichelten, umarmten und küssten sie, um ihre liebevollen Worte noch zu bekräftigen.
Scarlett lag nichts an den Zärtlichkeiten, aber sie genoss die Komplimente. Niemand in Tara hatte je so viele reizende Dinge über sie gesagt. Eigentlich hatte Mammy die ganze Zeit daran gearbeitet, ihrer Eitelkeit den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der kleine Wade war keine Nervensäge mehr, denn die Familie, schwarz wie weiß, und auch die Nachbarn vergötterten ihn, und es herrschte ein unaufhörlicher Wettstreit, auf wessen Schoß er sitzen durfte. Melanie liebte ihn besonders. Selbst wenn er fürchterlich schrie, fand Melanie ihn hinreißend und sagte: »Ach, du wonniger Schatz! Ich wünschte, du wärest meiner!«
Manchmal fiel es Scarlett schwer, ihre Gefühle zu verbergen, denn sie hielt Tante Pitty nach wie vor für eine alberne alte Dame und ihre Geistesabwesenheit und ihre Hirngespinste gingen ihr unsäglich auf die Nerven. Gegen Melanie empfand sie eifersüchtige Abneigung, die mit jedem Tag wuchs, und manchmal musste sie abrupt den Raum verlassen, wenn Melanie, strahlend vor Liebesstolz, von Ashley sprach oder seine Briefe vorlas. Aber alles in allem verlief das Leben so glücklich, wie es unter diesen Umständen nur möglich war. Atlanta war interessanter als Savannah, Charleston oder Tara, und es hatte so viele unbekannte kriegsbedingte Beschäftigungen zu bieten, dass Scarlett wenig Zeit fand, zu grübeln oder Trübsal zu blasen. Nur manchmal, wenn sie die Kerze löschte und ihren Kopf im Kissen vergrub, seufzte sie und dachte: »Wäre Ashley doch nicht verheiratet! Müsste ich doch nicht in diesem vermaledeiten Lazarett arbeiten! Ach, wenn ich doch ein paar Verehrer hätte!«
Die Krankenpflege war ihr von Anfang an zuwider, aber sie konnte sich dieser Pflicht nicht entziehen, denn sie war sowohl in Mrs. Meades als auch in Mrs. Merriwethers Komitee. Das bedeutete vier Vormittage pro Woche in der Hitze des stinkenden Lazaretts, das Haar unter einem Tuch hochgesteckt und in einer warmen Kittelschürze, die sie vom Hals bis zu den Füßen bedeckte. Jede Matrone in Atlanta, ob alt oder jung, pflegte, und zwar mit einem Enthusiasmus, der Scarlett nachgerade fanatisch vorkam. Sie gingen davon aus, dass Scarlett von der gleichen patriotischen Inbrunst durchdrungen war wie sie selber, und wären schockiert gewesen, hätten sie gewusst, wie wenig ihr an diesem Krieg lag. Abgesehen von der ständig gegenwärtigen Angst, dass Ashley fallen könnte, interessierte sie der Krieg nicht im mindesten, und mit der Krankenpflege beschäftigte sie sich lediglich deshalb, weil sie nicht wusste, wie sie sich davor drücken sollte.
Jedenfalls hatte die Pflege nichts Romantisches an sich. Sie bedeutete Stöhnen, Delirium, Tod und Gestank. Die Lazarette waren übervoll mit schmutzigen, unrasierten, verlausten Männern, die entsetzlich rochen und an ihren Körpern Wunden trugen, die jedem Christenmenschen den Magen umdrehten. Es stank nach Wundbrand, ein Geruch, der ihre Nase attackierte, lange bevor sie die Tür erreichte, ein widerwärtiger Geruch, der an ihren Händen und Haaren klebte und sie bis in ihre Träume verfolgte. Fliegen und Stechmücken schwebten in summenden, sirrenden Schwärmen über den Krankenbetten und quälten die Männer, bis sie fluchten oder leise schluchzten, und Scarlett schwang, während sie ihre eigenen Mückenstiche kratzte, Palmettowedel, bis ihre Schultern schmerzten und sie wünschte, alle Männer wären tot.
Melanie dagegen schienen der Gestank, die Wunden und die Nacktheit nichts auszumachen, was Scarlett bei der ängstlichsten und schamhaftesten aller Frauen seltsam fand. Manchmal sah Melanie kreidebleich aus, wenn sie Becken und Instrumente hielt, während Dr. Meade vom Wundbrand befallenes Fleisch herausschnitt, und einmal fand Scarlett sie nach einer solchen Operation in der Wäschekammer, wo sie sich leise in ein Handtuch erbrach. Aber solange die Verwundeten sie sehen konnten, war sie sanft, einfühlsam und fröhlich, und die Männer in den Lazaretten nannten sie einen Engel der Barmherzigkeit. Scarlett hätte sich diesen Titel auch gewünscht, aber dazu musste man Männer berühren, auf denen Läuse herumkrabbelten, bewusstlosen Patienten den Finger in den Hals stecken, um herauszufinden, ob sie sich an Kautabak verschluckt hatten, Gliederstümpfe verbinden und Maden aus faulendem Fleisch ziehen. Nein, sie mochte das Pflegerinnendasein nicht!
Vielleicht wäre es erträglich gewesen, wenn sie mit den Genesenden hätte flirten dürfen, denn viele von ihnen waren anziehend und aus guter Familie, aber das war im Witwenstand undenkbar. Um die Genesenden kümmerten sich die jungen Damen der Stadt, denen nicht gestattet war zu pflegen, weil sie dabei womöglich Dinge zu sehen bekämen, die für die Augen einer Jungfrau unpassend waren. Ungehindert von Ehe oder Witwenschaft machten sie sich schamlos an die Rekonvaleszenten heran, und selbst die unattraktivsten Mädchen hatten, wie Scarlett betrübt beobachtete, keinerlei Schwierigkeiten, sich einen Verlobten zu angeln.
Mit Ausnahme der Gesellschaft von schwerkranken und schwerverwundeten Männern lebte Scarlett in einer gänzlich weiblichen Welt, was sie verdross, denn weder fand sie ihre Geschlechtsgenossinnen sympathisch noch vertrauenswürdig, und was noch schlimmer war, sie langweilten sie unendlich. Aber an drei Nachmittagen in der Woche musste sie an Nähzirkeln und Verbandwickelkomitees von Melanies Freundinnen teilnehmen. Die Mädchen, die alle Charles gekannt hatten, waren bei diesen Zusammenkünften sehr rücksichtsvoll und aufmerksam ihr gegenüber, vor allem Fanny Elsing und Maybelle Merriwether, die Töchter der stadtbeherrschenden Witwen. Aber sie behandelten sie so ehrerbietig, als sei sie schon alt und abgehalftert, und ihr ständiges Geschnatter über Bälle und Verehrer machte Scarlett neidisch auf ihre Vergnügungen und erfüllte sie mit Unmut, weil ihr Witwenstand ihr solchen Zeitvertreib verbot. Schließlich war sie dreimal so attraktiv wie Fanny und Maybelle. Ach, wie ungerecht das Leben doch war! Wie ungerecht, dass alle Leute glaubten, ihr Herz sei im Grab, was doch gar nicht stimmte! Es war in Virginia bei Ashley!
Doch trotz all dieser Ärgernisse gefiel Atlanta ihr sehr gut. Und während die Wochen verflossen, zog sich ihr Besuch immer länger hin.
KAPITEL 9
Eines Morgens im Hochsommer saß Scarlett an ihrem Schlafzimmerfenster und beobachtete traurig die Wagen und Kutschen voller Mädchen, Soldaten und Anstandsdamen, die vergnügt die Peachtree Road hinunterfuhren, um grünen Waldschmuck für den Basar zu sammeln, der am Abend zugunsten der Lazarette veranstaltet werden sollte. Die rote Straße lag im sonnengesprenkelten Schatten der sie überwölbenden Bäume, und die zahlreichen Hufe wirbelten rote Staubwölkchen auf. Voraus fuhr ein Wagen mit vier kräftigen, axtbewehrten Schwarzen, deren Aufgabe es war, immergrüne Zweige zu schlagen und Ranken herunterzureißen. Hinten im Wagen waren mit Servietten bedeckte Tragekörbe, Spankörbe mit Proviant und ein Dutzend Wassermelonen aufgetürmt. Zwei der schwarzen Kerle gaben gerade auf Banjo und Harmonika schwungvoll If You Want to Have a Good Time, Jine the Cavalry zum Besten. Hinter ihnen folgte ein fröhlicher Zug von Mädchen in dünnen, geblümten Musselinkleidern mit leichten Schultertüchern, Hauben, Glacéhandschuhen und Sonnenschirmchen, um ihre Haut zu schützen; dann ältere Damen, die inmitten des Gelächters und der scherzenden Rufe von Kutsche zu Kutsche milde schmunzelten; Rekonvaleszenten aus den Lazaretten, eingeklemmt zwischen Anstandsdamen und schlanken Mädchen, die sich mit großem Getue um sie kümmerten; Kavallerieoffiziere, die im Schneckentempo neben den Kutschen herritten – Räder knirschten, Sporen klirrten, Goldtressen glänzten, Sonnenschirme hüpften, Fächer wedelten, Schwarze sangen. Alle fuhren die Peachtree Road hinaus, um Grünzeug zu sammeln und ein Picknick mit Melonen abzuhalten. Alle, dachte Scarlett, nur ich nicht.
Sie winkten und riefen im Vorbeifahren zu ihr hinauf, und Scarlett versuchte, mit Anmut zu antworten, aber es fiel ihr schwer. Ein harter kleiner Schmerz war in ihrem Herzen erwacht und bewegte sich langsam aufwärts in ihren Hals, wo er sich in einen Kloß und dann in Tränen verwandeln würde. Alle fuhren zum Picknick, außer ihr. Und alle gingen heute Abend auf den Basar und den anschließenden Ball, alle außer ihr. Das heißt, alle außer ihr und Pittypat und Melly und den anderen Unglücklichen in der Stadt, die in Trauer waren. Aber Melly und Pittypat schien das nichts auszumachen. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn, dass sie Lust haben könnten, hinzugehen. Aber Scarlett war es in den Sinn gekommen. Und sie wollte hingehen, unbedingt.
Es war einfach ungerecht. Sie hatte doppelt so hart gearbeitet wie die anderen Mädchen der Stadt, um alles für den Basar vorzubereiten. Sie hatte Socken gestrickt und Babymützchen und Umschlagtücher und Schals und meterweise Schiffchenspitze hergestellt und porzellanene Haargefäße und Schnurrbarttassen bemalt. Und sie hatte ein halbes Dutzend Kissenbezüge mit der Flagge der Konföderation bestickt. (Zugegeben, die Sterne waren ein wenig ungleichmäßig, manche waren fast rund und andere hatten sechs oder sieben Zacken, aber die Gesamtwirkung war gut.) Gestern hatte sie bis zur Erschöpfung im staubigen alten Schuppen einer Waffenfabrik gelbe, rosa und grüne Gaze über die Verkaufsstände drapiert, die längs der Wände aufgereiht standen. Unter der Aufsicht des Damenlazarettkomitees war das harte Arbeit und nicht das geringste Vergnügen. Es machte nie Spaß, in Mrs. Merriwethers, Mrs. Elsings und Mrs. Whitings Gegenwart zu sein, sich von ihnen wie eine Sklavin herumkommandieren zu lassen und anhören zu müssen, wie sie mit der Beliebtheit ihrer Töchter prahlten. Zu allem Überfluss hatte Scarlett sich zwei Brandblasen zugezogen, als sie Pittypat und Cookie dabei half, Schichttorten für die Tombola zu backen.
Sie hatte geschuftet wie eine Pflückerin, und nun, da der Spaß losging, musste sie sich wohlanständig zurückziehen. Ach, es war einfach ungerecht, dass sie einen toten Ehemann hatte und ein schreiendes Baby im Nebenzimmer, und dass sie sich von allem, was Vergnügen machte, fernhalten musste. Vor kaum mehr als einem Jahr hatte sie getanzt und bunte Kleider getragen statt dieser düsteren Trauerkleidung und war mit drei jungen Männern so gut wie verlobt gewesen. Jetzt war sie erst siebzehn, und ihre Füße kribbelten immer noch vor Tanzlust. Oh, es war so ungerecht! Das Leben zog an ihr vorbei, eine schattige sommerliche Straße entlang, das Leben in grauen Uniformen und klirrenden Sporen und geblümten Organzakleidern und mit Banjospiel. Sie gab sich Mühe, den Männern, die sie am besten kannte, denen, die sie im Lazarett gepflegt hatte, nicht zuzulächeln oder allzu begeistert zuzuwinken, aber es fiel ihr schwer, ihre Grübchen zu unterdrücken und so auszusehen, als wäre ihr Herz im Grab – wo es doch gar nicht war.
Ihr Nicken und Winken fand ein abruptes Ende, als Pittypat, wie immer außer Atem vom Treppensteigen, das Zimmer betrat und sie ohne viel Federlesens vom Fenster zurückriss.
»Hast du denn den Verstand verloren, Schätzchen, dass du von deinem Schlafzimmerfenster aus Männern zuwinkst? Ich muss schon sagen, Scarlett, ich bin entsetzt! Was würde deine Mutter dazu sagen?«
»Naja, sie wussten ja nicht, dass es mein Schlafzimmer ist.«
»Aber sie konnten sich vorstellen, dass es dein Schlafzimmer ist, und das ist genauso schlimm. Alle Leute werden über dich reden und sagen, dass du liederlich bist – und außerdem weiß Mrs. Merriwether, dass es dein Schlafzimmer ist.«
»Und ich nehme an, sie wird es den Jungs erzählen, die alte Hexe.«
»Schätzchen, pst! Dolly Merriwether ist meine beste Freundin.«
»Sie ist trotzdem eine Hexe – oh, Entschuldigung, Tantchen, nicht weinen! Ich hatte vergessen, dass es mein Schlafzimmerfenster ist. Ich tu’s nicht wieder – ich – ich wollte sie nur vorbeifahren sehen. Ich wünschte, ich könnte mit.«
»Schätzchen!«
»Wirklich. Ich habe es so satt, zu Hause herumzusitzen.«
»Scarlett, versprich mir, so etwas nie wieder zu sagen. Die Leute würden sich den Mund zerreißen. Sie würden sagen, dass du Charlies Andenken nicht ehrst …«
»O Tantchen, nicht weinen!«
»Ach, jetzt habe ich dich auch zum Weinen gebracht«, schluchzte Pittypat erfreut und suchte in ihrer Rocktasche nach einem Taschentuch.
Der harte kleine Schmerz war endlich in Scarletts Hals angekommen, und sie schluchzte laut auf – nicht wegen dem armen Charlie, wie Pittypat glaubte, sondern weil die letzten Wagengeräusche und das Lachen verhallt waren. Melanie eilte besorgt aus ihrem Zimmer herbei, in der Hand eine Bürste. Ihr gewöhnlich streng mit einem Netz gebändigtes schwarzes Haar floss in verschwenderischen krausen Locken um ihr Gesicht.
»Ihr Lieben! Was ist los?«
»Charlie!« schluchzte Pittypat, die sich nun vollständig dem süßen Gefühl ihres Kummers hingab und ihren Kopf an Mellys Schulter vergrub.
»Oh«, sagte Melly, und ihre Unterlippe zitterte bei der Erwähnung ihres Bruders.
»Sei tapfer, meine Liebe. Nicht weinen. O Scarlett!«
Scarlett hatte sich auf ihr Bett geworfen und schluchzte hemmungslos, schluchzte um ihre verlorene Jugend und die jugendlichen Freuden, die ihr versagt waren, schluchzte mit der Wut und Verzweiflung eines Kindes, das einst mit Tränen alles erreichen konnte und plötzlich erkennt, dass Weinen nichts mehr hilft. Sie vergrub ihren Kopf im Kissen und weinte und trat mit den Füßen gegen die quastengeschmückte Tagesdecke.
»Ich könnte genauso gut tot sein!« schluchzte sie verzweifelt. Vor einem solch tiefen Schmerz versiegten Pittypats locker sitzende Tränen, und Melly stürzte ans Bett, um ihre Schwägerin zu trösten.
»Liebste, nicht weinen! Tröste dich mit dem Gedanken, wie sehr Charlie dich geliebt hat! Versuch an dein süßes Baby zu denken!«
Die Entrüstung darüber, derartig missverstanden zu werden, mischte sich mit Scarletts hoffnungslosem Gefühl, von allem abgeschnitten zu sein, und schnürte ihr den Hals zu. Das war ein Glück, denn andernfalls hätte sie die Wahrheit in Geralds unverblümten Worten herausgeschrien. Melanie streichelte ihre Schulter und Pittypat ging geräuschvoll auf Zehenspitzen durchs Zimmer und zog die Rouleaus herunter.
»Lass das!« rief Scarlett und hob ihr rotes, verquollenes Gesicht vom Kissen. »So tot, dass ihr die Rouleaus herunterlassen müsst, bin ich noch nicht – obwohl ich es genauso gut sein könnte. Geht bloß weg und lasst mich in Ruhe!«
Sie ließ ihr Gesicht wieder auf das Kissen sinken, und nachdem die beiden sich flüsternd beraten hatten, schlichen sie hinaus. Als sie die Treppe hinuntergingen, konnte Scarlett hören, wie Melanie leise zu Pittypat sagte:
»Tante Pitty, du solltest nicht mit ihr über Charles sprechen. Du weißt doch, wie sie das immer trifft. Die Arme, sie bekommt dann diesen komischen Gesichtsausdruck, und ich merke ganz genau, dass sie versucht, nicht zu weinen. Wir dürfen es ihr nicht noch schwerer machen.«
Scarlett trat in machtloser Wut gegen die Decke und suchte nach einem möglichst wüsten Ausdruck.
»Herrgott im Nachtgewand!« rief sie schließlich und fühlte sich ein wenig erleichtert. Wie konnte Melanie sich damit abfinden, zu Hause zu bleiben und niemals Spaß zu haben und Trauerkleidung für ihren Bruder zu tragen, obwohl sie erst achtzehn Jahre alt war? Melanie schien nicht zu wissen, oder es bekümmerte sie nicht, dass das Leben mit klirrenden Sporen an ihr vorbeiritt.
»Sie ist eben ein Schlafmittel«, dachte Scarlett und schlug mit der Faust auf das Kissen. »Und sie war nie beliebt, so wie ich, deshalb fehlen ihr die Dinge nicht, die mir fehlen. Und – und außerdem hat sie Ashley, und ich – ich habe niemanden!« Und bei diesem frischen Schmerz brach sie in erneutes Wehgeschrei aus.
Bis zum Nachmittag blieb sie trübsinnig in ihrem Zimmer, und auch der Anblick der heimkehrenden Ausflügler in ihren hoch mit Pinienästen, Ranken und Farnen beladenen Wagen munterte sie nicht auf. Alle winkten ihr müde und glücklich zu, während sie die Grüße missmutig erwiderte. Das Leben war einfach hoffnungslos und nicht wert, gelebt zu werden.
Die Erlösung kam in höchst unerwarteter Form, als in der Ruhezeit nach dem Essen Mrs. Merriwether und Mrs. Elsing vorfuhren. Erschrocken über einen Besuch zu dieser Stunde erhoben sich Melanie, Scarlett und Tante Pittypat, hakten hastig ihre Mieder zu, glätteten sich die Haare und stiegen in den Salon hinab.
»Mrs. Bonnells Kinder haben die Masern«, sagte Mrs. Merriwether grimmig und ließ deutlich durchblicken, dass sie Mrs. Bonnell persönlich dafür haftbar machte, dass sie so etwas zugelassen hatte.
»Und die McLure-Mädchen sind nach Virginia gerufen worden«, sagte Mrs. Elsing mit ihrer ersterbenden Stimme und fächelte sich matt, als wäre weder dies noch irgendetwas anderes sonderlich bedeutsam. »Dallas McLure ist verwundet.«
»Wie schrecklich!« riefen ihre Gastgeberinnen im Chor. »Ist der arme Dallas …«
»Nein. Nur an der Schulter«, sagte Mrs. Merriwether kurz angebunden. »Aber es hätte wirklich zu keiner ungünstigeren Zeit passieren können. Die Mädchen fahren in den Norden, um ihn nach Hause zu holen. Aber, du lieber Himmel, wir haben keine Zeit, hier herumzusitzen und zu plaudern. Wir müssen schnell wieder zur Waffenfabrik zurück und fertig schmücken. Pitty, wir brauchen dich und Melly heute Abend. Ihr müsst für Mrs. Bonnell und die McLure-Mädchen einspringen.«
»Oh, aber Dolly, wir können nicht kommen.«
»Sag nicht ›können nicht‹ zu mir, Pittypat Hamilton«, sagte Mrs. Merriwether energisch. »Wir brauchen dich für die Beaufsichtigung der Darkys bei den Erfrischungen. Das wäre Mrs. Bonnells Aufgabe gewesen. Und Melly, du musst den Stand der McLure-Mädchen übernehmen.«
»Oh, das können wir einfach nicht, wo Charlie doch erst seit …«
»Ich weiß, wie ihr euch fühlt, aber kein Opfer ist zu groß für die Gute Sache«, unterbrach Mrs. Elsing mit leiser entschiedener Stimme.
»Wir helfen natürlich gerne, aber könnt ihr denn nicht ein paar nette, hübsche Mädchen für die Stände auftreiben?«
Mrs. Merriwether schnaubte trompetenartig.
»Ich weiß nicht, was mit der Jugend von heute los ist. Da gibt es überhaupt kein Verantwortungsgefühl. All die Mädchen, die noch keinen Stand übernommen haben, finden so viele Ausreden, dass man mit dem Drohen gar nicht nachkommt. Aber mich führen sie nicht hinters Licht! Sie wollen bloß nicht dabei gestört werden, mit den Offizieren zu turteln, das ist alles. Und sie fürchten, ihre neuen Kleider kämen hinter den Ladentischen nicht zur Geltung. Ich wünschte zu Gott, dass dieser Blockadebrecher – wie heißt er noch?«
»Captain Butler«, half Mrs. Elsing nach.
»Ich wünschte, er brächte mehr Krankenhausbedarf und weniger Reifröcke und Spitze. Hätte ich heute Augen für Kleider gehabt, ich hätte zwanzig gesehen, die er hereingeschmuggelt hat. Captain Butler – ich kann den Namen nicht mehr hören. Also Pitty, ich habe keine Zeit zum Streiten. Du musst kommen. Das werden alle verstehen. Außerdem sieht dich im Hinterzimmer sowieso niemand, und Melly wird nicht auffallen. Der Stand der armen McLure-Mädchen ist ganz hinten und nicht sonderlich hübsch, so dass dich niemand bemerken wird.«
»Ich finde, wir sollten hingehen«, sagte Scarlett und versuchte ihren Eifer zu dämpfen und ihr Gesicht ernst und harmlos aussehen zu lassen. »Das ist das Mindeste, was wir für das Lazarett tun können.«
Keine der Besucherinnen hatte ihren Namen auch nur erwähnt, und sie musterten sie mit kritischen Blicken. Selbst in dieser Notlage hätten sie nie in Betracht gezogen, eine Frau, die erst seit knapp einem Jahr Witwe war, zu einer solchen Veranstaltung zu bitten.
»Ich finde, wir sollten hingehen und dazu beitragen, dass es ein Erfolg wird, wir alle. Ich finde, ich sollte mit Melly an den Stand gehen, weil – ich glaube, es sieht besser aus, wenn wir zu zweit da stehen als nur eine. Findest du nicht auch, Melly?«
»Naja«, begann Melly hilflos. Der Gedanke, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, während sie in Trauer war, erschien so unerhört, dass er sie komplett überforderte.
»Scarlett hat recht«, sagte Mrs. Merriwether, die Anzeichen des Einlenkens wahrnahm. Sie erhob sich und schüttelte ihren Reifrock zurecht. »Alle beide – alle drei müsst ihr kommen. Pitty, jetzt fang nicht wieder mit den Ausflüchten an. Bedenk doch bitte, wie dringend das Lazarett Geld braucht für neue Betten und Medikamente. Und ich weiß, dass es Charlie freuen würde, wenn ihr die Gute Sache unterstützt, für die er gestorben ist.«
»Tja«, sagte Pittypat, hilflos wie immer in Gegenwart einer stärkeren Persönlichkeit, »wenn du meinst, dass die Leute dafür Verständnis haben.«
»Zu schön, um wahr zu sein! Zu schön, um wahr zu sein!« jubelte es in Scarlett, als sie unauffällig in den rosa und gelb drapierten Verkaufsstand schlüpfte, der eigentlich für die McLure-Mädchen vorgesehen war. Sie war tatsächlich auf einer Party! Nach einjährigem Eingesperrtsein mit Trauerkleidung und gedämpften Stimmen und Langeweile bis zum Wahnsinnigwerden war sie wirklich auf einer Party – der größten, die Atlanta je gesehen hatte. Und sie konnte Menschen und viele Lichter sehen und Musik hören und mit eigenen Augen die hübsche Spitze und die Kleider und Kinkerlitzchen betrachten, die der berühmte Captain Butler auf seiner letzten Fahrt durch die Blockade bugsiert hatte.
Sie ließ sich auf einem der kleinen Hocker hinter der Theke nieder und blickte den Saal hinunter, der bis zu diesem Nachmittag ein kahler und hässlicher Exerzierraum gewesen war. Wie mussten die Damen heute gearbeitet haben, um ihn so zu verschönern. Er sah entzückend aus. Jede Kerze und jeder Kerzenständer Atlantas war anscheinend heute Abend in diesem Saal, dachte sie – silberne mit einem Dutzend Armen, solche aus Porzellan, an deren Basis sich reizende Figürchen drängten, und alte Messingständer, aufrecht und würdevoll, standen mit lorbeerduftenden Kerzen aller Größen und Farben auf den Gewehrhaltern an den Längswänden, auf den langen blumengeschmückten Tischen, auf den Ladentheken und sogar an den offenen Fenstern, wo die warme Sommerluft gerade genug hereinwehte, um sie flackern zu lassen.
Der klobige große Lüster, der an rostigen Ketten in der Mitte des Saals von der Decke hing, war vollkommen verwandelt durch Efeuranken und wilden Wein, auch wenn sie aufgrund der Hitze bereits welk wurden. Die Wände waren mit würzig duftenden Pinienzweigen verkleidet, die in den Ecken des Saals hübsche Lauben für die Anstandsdamen und alten Frauen bildeten. Lange, anmutige Girlanden von Efeu, Weinranken und Stechwinden hingen an den Wänden, umkränzten die Fenster und bogen sich geflochten über die bunten Gazestände. Und überall zwischen dem Grün leuchteten auf Fahnen und Wimpeln die hellen Sterne der Konföderation auf ihrem blau-roten Grund.
Das Podium für die Musiker war besonders kunstvoll gestaltet. Es war durch das aufgetürmte Grün und den bestirnten Flaggenstoff nahezu vollständig den Blicken entzogen, und Scarlett wusste, dass sämtliche Topfpflanzen der Stadt hier standen, Buntnesseln, Geranien, Hortensien, Oleander, Begonien – sogar Mrs. Elsings vier geheiligte Gummibäume, welche die Ehrenplätze an den vier Ecken einnahmen.
Am anderen Ende des Saals, gegenüber dem Podium, hatten die Damen sich selbst übertroffen. An dieser Wand hingen große Bilder von Präsident Davis und dem aus Georgia stammenden »Little Alec« Stephens, dem Vizepräsidenten der Konföderation. Über ihnen hing eine gigantische Fahne, und darunter befand sich auf langen Tischen die Ausbeute aller Gärten der Stadt, Farne, Berge von Rosen, rot, gelb und weiß, stolze Gladiolensträuße, verschiedenfarbige Kapuzinerkresse zuhauf, und hochragende Gebirgsmalven, die ihre braunvioletten und cremefarbenen Köpfe über die anderen Blumen reckten. Dazwischen brannten Kerzen wie Altarlampen. Die beiden Gesichter blickten auf die Szene herab, zwei Gesichter, wie sie bei Männern, die eine so folgenschwere Unternehmung leiteten, verschiedener nicht hätten sein können: Davis mit eingefallenen Wangen und den kalten Augen des Asketen, die dünnen, stolzen Lippen fest aufeinandergepresst, Stephens mit dunkel brennenden, tiefliegenden Augen in einem Antlitz, das nichts als Krankheit und Schmerzen gekannt und mit Humor und innerem Feuer darüber triumphiert hatte – zwei Gesichter, die sehr geliebt wurden.
Die älteren Damen des Komitees, in deren Händen die Verantwortung für den Basar lag, segelten wie vollgetakelte Fregatten herein, trieben verspätete jungverheiratete Frauen und kichernde Mädchen in ihre Verkaufsstände und wogten dann durch die Türen in die Hinterzimmer, wo die Erfrischungen vorbereitet wurden. Tante Pittypat schnaufte hinterher.
Die Musikanten kletterten strahlend auf das Podium – ihre schwarzen Pausbacken glänzten bereits von Schweiß – und fingen an, ihre Geigen zu stimmen und im Vorgefühl ihrer Wichtigkeit mit ihren Bögen zu sägen und zu knarzen. Der alte Levi, Mrs. Merriwethers Kutscher, der die Kapelle schon seit damals, als Atlanta noch Marthasville geheißen hatte, bei jedem Basar, jedem Ball und jeder Hochzeit leitete, klopfte mit dem Bogen auf sein Pult. Es waren, abgesehen von den Damen, die den Basar organisierten, erst wenige Leute da, aber alle Augen richteten sich auf ihn. Dann begannen die Geigen, Bassgeigen, Akkordeons, Banjos und Knuckle Bones eine langsame Version von Lorena – zu langsam zum Tanzen, denn das Tanzen würde später anfangen, wenn die Stände leer gekauft waren. Scarletts Herz schlug schneller, als sie die liebliche Melodie des Walzers hörte:
Die Jahre, ach, sie zieh’n, Lorena!
Der Schnee bedecket schon das Gras.
Die Sonne steht schon tief, Lorena …
Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei, tief-Schwung-drei, drehn-zwei-drei. Was für ein wunderschöner Walzer! Sie breitete ein wenig die Arme aus, schloss die Augen und schaukelte im schwermütigen Rhythmus des Ohrwurms hin und her. Irgendwie mischte sich die traurige Melodie und Lorenas verlorene Liebe mit ihrer eigenen Aufregung und schnürte ihr die Kehle zu.
Dann, als hätte die Walzermusik sie herbeigezaubert, drangen unten von der dunklen, nur vom Mond beleuchteten Straße Geräusche herein, Hufgetrappel und Wagenräder, Gelächter in der warmen, samtigen Luft und die leise Schärfe von Sklavenstimmen, die um Anbindeplätze für ihre Pferde zankten. Auf den Treppen herrschte ausgelassenes Durcheinander, die hellen Stimmen der Mädchen mischten sich mit den Basstönen ihrer Begleiter, muntere Begrüßungsrufe und Freudenschreie ertönten, wenn Mädchen Freundinnen erkannten, von denen sie sich erst am Nachmittag verabschiedet hatten.
Plötzlich erwachte der Saal zum Leben. Er war voller Mädchen, die in schmetterlingsbunten Kleidern hereinschwebten, mit gewaltigen Reifröcken, unter denen Spitzenunterhosen hervorlugten, mit nackten, runden Schultern und einer zarten Andeutung von Brüsten, die sich über dem Spitzenbesatz abzeichneten, während der Spitzenschal lässig über dem Arm hing. Mit Sternen bemalte Fächer und solche aus Schwanendaunen und Pfauenfedern hingen an schmalen Samtbändern von ihren Handgelenken. Manche Mädchen trugen ihr dunkles Haar in strengen Knoten, die so schwer waren, dass ihre Köpfe stolz und kess nach hinten gebogen wurden, bei anderen ringelte sich die blonde Lockenpracht um den Hals, während goldene Ohrringe mit den Locken um die Wette schaukelten und tanzten. Spitze und Seidenstoffe und Kordeln und Bänder waren alle durch die Blockade geschmuggelt worden und deswegen umso kostbarer, und sie wurden mit entsprechend großem Stolz als besonderer Affront gegen die Yankees zur Schau gestellt.
Nicht alle Blumen der Stadt blühten zu Ehren der Anführer der Konföderation. Die kleinsten und wohlriechendsten Blüten schmückten die Mädchen. Teerosen hinter rosa Ohrmuscheln, Gardenien und Rosenknospen in gebogenen Girlanden über Kaskaden von Schläfenlöckchen, Blüten, die keusch in Satinschärpen steckten, Blumen, die noch vor Ende der Nacht als wohlgehütetes Andenken ihren Weg in die Brusttaschen grauer Uniformen finden würden.
Es waren so viele Uniformen in der Menge zu sehen – so viele Uniformen an so vielen Männern, die Scarlett kannte, Männer, die sie an Feldbetten im Lazarett kennengelernt hatte, auf der Straße, am Exerzierplatz. Prachtvoll waren diese Uniformen mit ihren glänzenden Knöpfen und prunkvollen verschlungenen Goldtressen an Aufschlägen und Kragen, den je nach Waffengattung roten, gelben oder blauen Biesen auf den Hosen, die das Grau perfekt zur Geltung brachten. Scharlachrote und goldene Schärpen baumelten hin und her, Säbel blinkten und stießen gegen glänzende Stiefel, Sporen rasselten und klirrten.
Was für stattliche Männer, dachte Scarlett wohlgefällig, während die Männer Grüße austauschten, Freunden zuwinkten und sich tief über die Hände älterer Damen beugten. Alle sahen so jung aus, trotz ihrer schwungvollen blonden Schnauzer und ihrer schwarzen und braunen Vollbärte, so hübsch, so unbekümmert mit Armen in der Schlinge, mit kalkweißen Kopfverbänden über sonnengebräunten Gesichtern. Manche gingen an Krücken, und wie stolz waren die Mädchen, die sorgsam ihren Schritt dem Gehumpel ihrer Begleiter anpassten. Unter all den Uniformen befand sich ein wilder Farbtupfer, der den bunten Putz der Mädchen in den Schatten stellte und auffiel wie ein Paradiesvogel – ein Zuave aus Louisiana mit blau-weiß gestreiften Pluderhosen, beigen Gamaschen und einer engen roten Jacke, ein dunkles, grinsendes Äffchen von einem Mann, der den Arm in einer schwarzen Seidenschlinge trug. Er war Maybelle Merriwethers besonderer Verehrer, René Picard. Das ganze Lazarett musste gekommen sein, zumindest alle, die laufen konnten, auch alle Männer auf Urlaub und im Krankenstand, sowie die Besetzungen aller Bahn- und Postämter und alle Krankenhaus- und Requirierungsabteilungen zwischen hier und Macon. Wie würden sich die Damen freuen! Das Lazarett würde heute Abend ein Heidengeld einnehmen.
Von der Straße klangen gedämpfte Trommelwirbel herauf, das Geräusch von Marschierenden und die bewundernden Ausrufe der Kutscher. Ein Signalhorn ertönte, und eine Bassstimme gab Befehl, aus dem Glied zu treten. Im nächsten Augenblick erbebte die Treppe unter den Schritten der Bürgerwehr und der Miliz, deren Mitglieder kurz darauf in ihren hellen Uniformen unter Verbeugungen, Salutieren und Händeschütteln in den Saal drängten. In der Bürgerwehr waren Knaben, die Krieg spielten und sich fest vorgenommen hatten, nächstes Jahr um diese Zeit, sollte der Krieg so lange andauern, in Virginia zu sein; alte weißbärtige Männer, die sich wünschten, jünger zu sein, und sich, stolz auf ihre Uniform, im Ruhm ihrer Söhne an der Front sonnten. In der Miliz gab es viele mittelalte und einige ältere Männer, aber auch nicht wenige Männer in felddienstfähigem Alter, die sich nicht so fesch und stramm hielten wie die Älteren und Jüngeren. Es wurde bereits getuschelt, warum sie wohl nicht an Lees Seite waren.
Wie sollten sie alle in den Saal passen? Vor wenigen Minuten hatte er noch enorm groß ausgesehen, und nun war er brechend voll und zugleich erfüllt von warmen Sommernachtsgerüchen aus Duftkissen und Eau de Cologne, von Pomade und brennenden Lorbeerkerzen und Blumenduft, aber auch vom Staub, der vom alten Exerzierboden aufgewirbelt wurde. Der Lärm und das Stimmengewirr machten es nahezu unmöglich, etwas herauszuhören, und der alte Levi, als spürte er die Freude und Erregung des Anlasses, brach Lorena mitten im Takt ab, klopfte energisch mit seinem Bogen, und das Orchester fiedelte Bonnie Blue Flag, als gelte es das Leben.
Hunderte Stimmen fielen ein und sangen das Lied johlend mit. Der Hornist der Bürgerwehr kletterte aufs Podium, setzte genau zum Refrain ein, und die hohen silbrigen Töne schwebten mitreißend über dem Gesang der Menge. Die nackten Arme bekamen Gänsehaut, und kalte Schauer rieselten so manchen Rücken hinab:
Hurra! Hurra! Für des Südens Recht, Hurra!
Hurra für die schöne blaue Flagge,
Die ein einz’ger Stern nur schmückt.
Sie schmetterten den zweiten Vers, und Scarlett hörte während des Mitsingens, wie hinter ihr Mellys hoher, süßer Sopran aufstieg, klar und rein und begeisternd wie das Spiel des Horns. Sie wandte sich um, und da stand Melly, die Hände an die Brust gepresst, und zarte Tränen rannen aus ihren geschlossenen Augen. Als die Musik endete, verzog sie ihren Mund zu einem verlegenen Lächeln und tupfte sich die Augen mit dem Taschentuch ab.
»Ich bin so glücklich«, flüsterte sie, »und so stolz auf die Soldaten, dass ich einfach weinen muss.«
Eine schwärmerische Glut strahlte in ihren Augen und machte ihr kleines, unscheinbares Gesicht einen Moment lang schön.
Das gleiche Leuchten zeigte sich beim Ende des Liedes auf den Gesichtern aller Frauen; Tränen des Stolzes auf rosigen wie runzligen Wangen, ein verklärtes Lächeln, eine tiefe, heiße Glut in den Augen, als sie sich ihren Männern zuwandten, die Liebende dem Geliebten, die Mutter dem Sohn, die Ehefrau ihrem Mann. Alle waren sie schön, von der blendenden Schönheit, die selbst die hässlichste Frau verwandelt, wenn sie sich vollkommen geborgen und geliebt fühlt und diese Liebe tausendfältig zurückgibt.
Sie liebten ihre Männer, sie glaubten an sie und vertrauten ihnen bis zum letzten Atemzug. Wie sollte über Frauen wie sie je Unheil kommen, wo doch diese standhafte, graue Kampflinie zwischen ihnen und den Yankees stand? Hatte es seit Anbeginn der Welt je solche Männer gegeben, so heldenhaft, so kühn, so galant, so zärtlich? Konnte einer Guten Sache, die so gerecht und richtig war wie die ihre, etwas anderes als ein überwältigender Sieg beschieden sein? Eine Gute Sache, die sie ebenso sehr liebten wie ihre Männer, der sie mit Hand und Herz dienten, über die sie sprachen, nachdachten, von der sie träumten – eine Gute Sache, der sie notfalls auch diese Männer opfern und dann den Verlust ebenso aufrecht tragen würden wie die Männer ihre Feldstandarten.
Ihr Herz schwoll vor Hingabe und Stolz, vor Begeisterung für die Konföderation, denn der endgültige Sieg stand bevor. Stonewall Jacksons Triumph im Shenandoah Valley und die Niederlage der Yankees in der siebentägigen Schlacht bei Richmond zeigten das deutlich. Wie konnte es auch anders sein bei solchen Heerführern wie Lee und Jackson? Nur noch ein weiterer Sieg, und die Yankees würden auf Knien um Frieden betteln, und die Männer würden nach Hause reiten und mit Küssen und Lachen empfangen werden. Nur noch ein Sieg, dann war der Krieg vorbei!
Gewiss, da waren leere Stühle und Babys, die nie das Gesicht ihres Vaters sehen würden, und es gab namenlose Gräber neben einsamen Bächen in Virginia und in den stillen Bergen von Tennessee, aber war das ein zu hoher Preis für eine Gute Sache? Seidenstoffe für die Damen und Tee und Zucker waren schwer zu bekommen, aber das konnte man mit einem Scherz abtun. Außerdem führten die verwegenen Blockadebrecher diese Dinge unter der Nase der verärgerten Yankees ein, was ihren Besitz umso erregender machte. Bald würden sich Raphael Semmes und die konföderierte Marine um die Kanonenboote der Yankees kümmern, und dann stünden die Häfen wieder weit offen. Und England würde der Konföderation helfen, den Krieg zu gewinnen, weil die englischen Webereien aus Mangel an Baumwolle stillstanden. Denn selbstverständlich sympathisierte die englische Aristokratie mit der Konföderation gegen eine Bande von Dollarfuchsern wie den Yankees, weil Aristokraten eben untereinander sympathisieren.
Daher raschelten die Damen mit ihren Seidenkleidern und lachten, und wenn ihr Herz beim Anblick ihrer Männer schier bersten wollte vor Stolz, so wussten sie, dass eine Liebe, die man Gefahr und Tod abtrotzte, seltsam erregend und damit doppelt süß war.
Zu Anfang, als sie die Menge betrachtete, hatte Scarletts Herz vor Aufregung, an einer Party teilzunehmen, wild geklopft, aber als sie mit leichtem Unverständnis den hochherzigen Ausdruck auf allen Gesichtern sah, verflog ihre Freude allmählich. Alle anwesenden Frauen waren befeuert von einem Gefühl, das sie selbst nicht empfand. Das verwirrte und bedrückte sie. Der Saal kam ihr nicht mehr so hübsch und die Mädchen nicht mehr so hinreißend vor, und die glühende Hingabe an die Gute Sache, die immer noch alle Gesichter erfüllte, wirkte – nun, sie wirkte einfach töricht!
In einem blitzartigen Moment der Selbsterkenntnis begriff sie, dass sie den leidenschaftlichen Stolz dieser Frauen, ihren Wunsch, sich und alles, was sie besaßen, für die Gute Sache zu opfern, nicht teilte. Vor Staunen stand ihr der Mund offen. Noch ehe sie schuldbewusst dachte: »Nein – nein! Ich darf so etwas nicht denken! Das ist falsch, das ist Sünde«, hatte sie erkannt, dass ihr die Gute Sache überhaupt nichts bedeutete und dass Menschen, die mit fanatischem Blick darüber sprachen, sie einfach langweilten. Die Gute Sache erschien ihr nicht als etwas Heiliges. Auch der Krieg war für sie keine heilige Unternehmung, sondern ein lästiges Ärgernis, in dem Männer sinnlos zu Tode kamen, das Geld kostete und Luxusartikel nahezu unerreichbar machte. Sie erkannte, dass ihr das ewige Stricken und Bindenrollen und Scharpiezupfen, von dem ihre Nagelhaut rissig wurde, gründlich auf die Nerven ging. Und ach, wie satt sie das Lazarett hatte! Überdruss, Langeweile und Ekel erfüllten sie angesichts der widerlichen Wundbrandgerüche und des unablässigen Stöhnens – und der Ausdruck des nahenden Todes in den eingesunkenen Gesichtern machte ihr Angst.
Sie blickte sich verstohlen um, als ihr diese lästerlichen Gedanken durch den Kopf schossen, denn sie fürchtete, man könnte sie deutlich von ihrem Gesicht ablesen. Warum war sie nicht imstande, so zu empfinden wie die anderen Frauen? Sie gaben sich von ganzem Herzen und aufrichtig der Guten Sache hin. Sie meinten alles, was sie sagten und taten. Und wenn jemals jemand argwöhnen sollte, dass Scarlett … Nein, niemand durfte es je erfahren! Sie musste weiterhin so tun, als diente sie mit Begeisterung und Stolz der Guten Sache, und sie musste die Rolle der Witwe eines Konföderationsoffiziers spielen, die tapfer ihren Kummer erträgt und deren Herz gestorben ist, für die der Tod des Ehemanns aber keine Bedeutung hat, wenn er der Guten Sache zum Sieg verhilft.
Ach, warum hatte sie mit diesen liebenden Frauen so gar nichts gemein? Scarlett würde niemals etwas oder jemanden so selbstlos lieben können wie sie. Wie einsam sie sich fühlte – noch nie zuvor war sie einsam gewesen, weder körperlich noch seelisch. Zunächst versuchte sie, die Gedanken zu unterdrücken, aber die harte Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, die zu ihrem Charakter gehörte, ließ das nicht zu. Und während der Verkauf im Basar weiterging und sie und Melanie die Kunden bedienten, arbeitete ihr Geist fieberhaft daran, sich zu rechtfertigen – was ihr selten schwerfiel.
Die anderen Frauen waren eben einfach dumm und hysterisch mit ihrem Gerede von Patriotismus und der Guten Sache, und die Männer waren fast ebenso schlimm mit ihrem Gerede von unverzichtbaren Punkten und Rechten der Bundesstaaten. Sie, Scarlett O’Hara Hamilton, hatte als einzige ihren guten dickköpfigen, irischen Verstand beisammen. Sie würde sich wegen der Guten Sache nicht lächerlich machen, aber sie würde sich auch nicht lächerlich machen, indem sie ihre wahren Gefühle offenbarte. Sie war dickköpfig genug, um die Angelegenheit von der praktischen Seite her zu sehen, und niemand würde je von ihren wahren Gefühlen erfahren. Wie überrascht wären die Leute auf dem Basar, wenn sie wüssten, was sie wirklich dachte! – wie schockiert, wenn Scarlett plötzlich auf das Podium steigen und erklären würde, der Krieg müsse aufhören, damit jeder nach Hause zu seiner Baumwolle gehen könnte und es endlich wieder Partys und Liebesgeplänkel und lindgrüne Kleider in Hülle und Fülle gäbe.
Einen Augenblick lang fühlte sie sich durch ihre Selbstrechtfertigung etwas ermuntert, aber immer noch blickte sie voller Abneigung im Saal umher. Der Stand der McLure-Mädchen war unauffällig, wie Mrs. Merriwether angekündigt hatte, und es gab längere Pausen, in denen niemand in ihre Ecke kam und Scarlett nichts zu tun hatte, als neidisch das vergnügte Gedränge zu betrachten. Melanie spürte ihre Misslaunigkeit, schrieb diese aber der Sehnsucht nach Charlie zu und wollte Scarlett deswegen in kein Gespräch verwickeln. Sie beschäftigte sich damit, die Waren in ihrem Stand ansprechender anzuordnen, während Scarlett dasaß und niedergeschlagen um sich blickte. Selbst die Blumenmauer unter den Bildern von Mr. Davis und Mr. Stephens missfiel ihr.
Das sieht aus wie ein Altar, dachte sie naserümpfend. Und so, wie alle immerfort von den beiden schwärmen, könnten sie auch Gottvater und Sohn sein! Erschrocken über ihre Respektlosigkeit begann sie sich hastig zu bekreuzigen, fing sich aber noch rechtzeitig.
»Ist doch wahr«, erwiderte sie ihrem Gewissen. »Alle tönen herum, als wären sie heilig, dabei sind es bloß Männer, und reichlich unattraktive noch dazu.«
Natürlich konnte Mr. Stephens nichts für sein Aussehen, denn er war sein ganzes Leben lang kränklich gewesen, aber Mr. Davis – sie blickte zu dem selbstgefälligen, hochmütigen Gesicht empor. Am meisten störte sie sein Spitzbart. Männer sollten entweder glattrasiert sein oder einen Schnurrbart oder Vollbart tragen.
Dieses kleine Büschelchen sieht aus, als hätte er nichts Besseres hingekriegt, dachte sie, ohne die kalte, harte Intelligenz in seinem Gesicht zu erkennen, die die Bürde einer neuen Nation trug.
Nein, jetzt war sie nicht mehr fröhlich, dabei hatte sie zu Beginn gestrahlt vor Vergnügen, unter Menschen zu sein. Inzwischen genügte ihr das bloße Dabeisein nicht mehr. Sie war auf dem Basar, aber sie gehörte nicht dazu. Niemand schenkte ihr Aufmerksamkeit, und sie war die einzige junge, unverheiratete Frau, die keinen Verehrer hatte. Und dabei war sie zeit ihres Lebens im Mittelpunkt gestanden. Es war einfach ungerecht! Sie war siebzehn Jahre alt, und ihre Füße klopften den Takt und wollten hüpfen und tanzen. Sie war siebzehn Jahre alt und hatte einen Ehemann, der auf dem Oakland-Friedhof lag, und ein Baby in der Wiege im Haus von Tante Pittypat, und alle Leute fanden, sie müsse mit ihrem Schicksal zufrieden sein. Sie hatte einen weißeren Busen und eine schlankere Taille und kleinere Füße als irgendeins der anwesenden Mädchen, aber das spielte überhaupt keine Rolle; sie hätte genauso gut neben Charles liegen können – unter der in Stein gemeißelten Aufschrift »mit seiner geliebten Ehefrau«.
Sie war kein Mädchen, das tanzen und flirten durfte, und sie war auch keine Ehefrau, die bei den anderen Ehefrauen sitzen und über die tanzenden und flirtenden Mädchen herziehen konnte. Und alt genug, um Witwe zu sein, war sie auch nicht. Witwen mussten alt sein – so furchtbar alt, dass sie keine Lust mehr hatten zu tanzen und zu flirten und sich bewundern zu lassen. Ach, es war so ungerecht, dass sie hier brav sitzen und ein Inbild würdevoller Witwenschaft darstellen musste, wo sie doch erst siebzehn war. Es war einfach ungerecht, dass sie ihre Stimme dämpfen und die Augen niederschlagen musste, wenn Männer, und noch dazu gutaussehende Männer, an ihren Stand kamen.
Jedes Mädchen in Atlanta konnte in Männern waten. Selbst die hässlichsten Mädchen führten sich wie Diven auf – und was das Schlimmste war, sie taten es in so wunderschönen Kleidern!
Hier saß sie wie eine Krähe, bis zu den Handgelenken in heißem schwarzem Taft und zugeknöpft bis zum Kinn, ohne die leiseste Andeutung von Spitze oder Litze, ohne Schmuck außer Ellens Trauerbrosche aus Onyx, und musste zusehen, wie geschmacklos gekleidete Mädchen am Arm attraktiver Männer hingen. Alles nur, weil Charles Hamilton die Masern bekommen hatte. Er war nicht einmal in heldenhaftem Glanz gestorben, so dass sie mit ihm hätte prahlen können.
Trotzig stützte sie die Ellbogen auf den Ladentisch und blickte in die Menge, ungeachtet der oft wiederholten Ermahnungen Mammys, sich nicht aufzustützen, weil das die Ellbogen hässlich und faltig macht. Was spielte es denn für eine Rolle, wenn sie hässlich wurden? Sie würde wahrscheinlich nie wieder die Chance bekommen, sie zu zeigen. Sie konnte die Augen nicht von den vorbeischwebenden Kleidern wenden, einem Reigen aus buttergelber Moiréseide mit Girlanden von Rosenknospen, rosa Satin mit achtzehn von dünnem schwarzem Samtband eingefassten Volants, Röcken aus neun Meter hellblauem Taft, umschäumt von darüberfallender Spitze, entblößten Busen, verlockenden Blumen. Maybelle Merriwether trat am Arm des Zuaven an den Nachbarstand in einem apfelgrünen Tarlatankleid, das so weit war, dass es ihre Taille auf ein Nichts reduzierte. Es war übersät mit gerüschter cremefarbener Chantilly-Spitze, die mit dem letzten Blockadebrecherschiff aus Charleston gekommen war, und Maybelle stellte es so kess zur Schau, als hätte sie selbst und nicht Captain Butler die Blockade durchbrochen.
Wie süß ich in diesem Kleid aussehen würde, dachte Scarlett mit wildem Neid im Herzen. Ihre Taille ist so dick wie die einer Kuh. Das Grün ist genau meine Farbe, und es würde meine Augen … Warum versuchen Blondinen bloß diese Farbe zu tragen? Ihre Haut sieht grün aus wie alter Käse. Und sich vorzustellen, dass ich diese Farbe nie wieder tragen werde, selbst wenn ich tatsächlich mal die Trauer ablegen sollte! Nein, nicht einmal, wenn ich es schaffe, wieder zu heiraten. Denn dann werde ich scheußliches Grau und Braun und Flieder tragen müssen.
Einen Augenblick lang dachte sie über die Ungerechtigkeit von alledem nach. Wie kurz war die Zeit für Spaß, für hübsche Kleider, fürs Tanzen und für Koketterie! Nur wenige, viel zu wenige Jahre. Dann heiratete man und trug gedeckte Farben und bekam Babys, die einem die Taille verdarben, und saß bei Bällen mit anderen humorlosen Matronen in der Ecke herum und kam nur hervor, um mit seinem Ehemann zu tanzen oder mit alten Herren, die einem auf die Füße traten. Wenn man sich nicht daran hielt, kam man bei den anderen Matronen ins Gerede, und dann war der Ruf ruiniert und man brachte Schande über die Familie. Es kam ihr wie eine Riesenverschwendung vor, dass man seine gesamte Mädchenzeit hindurch lernte, attraktiv zu sein und Männer an sich zu binden, um diese Kenntnisse dann nur ein oder zwei Jahre lang anzuwenden. Wenn sie auf ihre Ausbildung bei Ellen und Mammy zurückblickte, erkannte sie, dass diese gründlich und gut gewesen war, denn sie hatte immer ihre Wirkung getan. Es gab Regeln, die man befolgen musste, und wenn man sie befolgte, dann wurden die Bemühungen von Erfolg gekrönt.
Alten Damen gegenüber benahm man sich zuvorkommend und arglos und stellte sich so einfältig wie möglich, denn alte Damen waren schlau und beobachteten die Mädchen missgünstig wie Katzen, bereit, sich auf jede Unbedachtheit von Zunge oder Auge zu stürzen. Bei alten Herren war man als Mädchen naseweis und neckisch und schon fast kokett, so dass die alten Trottel sich in ihrer Eitelkeit geschmeichelt fühlten. Dann kamen sie sich wie junge Teufelskerle vor, kniffen einen in die Wange und erklärten, man sei ein kleines Biest. Und natürlich errötete man dann immer, sonst kniffen sie einen mit ungebührlichem Vergnügen und erzählten ihren Söhnen, man sei liederlich.
Bei jungen Mädchen und jungverheirateten Frauen raspelte man Süßholz und küsste sie bei jeder Begegnung – wenn es sein musste, zehnmal am Tag. Und man legte ihnen den Arm um die Taille und ließ sie dasselbe tun, egal, wie unangenehm man es fand. Man bewunderte rückhaltlos ihre Kleider oder ihre Babys, zog sie wegen ihrer Verehrer auf und lobte ihre Ehemänner und kicherte bescheiden und behauptete, man habe, verglichen mit ihnen, nicht die geringsten Reize. Und vor allem sagte man nie und zu keinem Thema, was man wirklich dachte, ebenso wenig, wie sie sagten, was sie wirklich dachten.
Die Ehemänner anderer Frauen ließ man strengstens in Ruhe, selbst wenn sie eigene, abgelegte Verehrer waren, ganz egal, wie anziehend man sie fand. War man zu nett zu jungen Ehemännern, erklärten ihre Frauen einen für liederlich, und dann bekam man einen schlechten Ruf und nie einen Verehrer.
Aber mit Junggesellen – ha! Das war etwas ganz anderes! Man konnte leise kichern, und wenn sie herbeieilten, um zu erfahren, warum man kicherte, konnte man sich weigern, es ihnen zu verraten, und lauter lachen und sie ewig festhalten, während sie versuchten, es herauszubekommen. Man konnte mit den Augen alles mögliche Aufregende versprechen, worauf er mit allerhand Manövern versuchte, einen allein zu erwischen. Und wenn er einen dann allein erwischt hatte, konnte man sehr, sehr verletzt sein oder sehr, sehr böse, wenn er einen zu küssen versuchte. Man konnte ihn zwingen, sich dafür zu entschuldigen, dass er ein solcher Flegel war, und ihm dann so lieb verzeihen, dass er dablieb und versuchte, einen ein zweites Mal zu küssen. Manchmal, aber nicht oft, ließ man sich auch küssen. (Das hatten Ellen und Mammy ihr nicht beigebracht, aber sie hatte die Erfahrung gemacht, dass es funktionierte.) Dann brach man in Tränen aus und erklärte, man wisse nicht, was über einen gekommen sei, und jetzt könne er einen nie mehr achten. Dann trocknete er einem die Augen, und gewöhnlich machte er dann einen Heiratsantrag, um zu beweisen, wie groß seine Hochachtung war. Und dann gab es – ach, es gab so viele Dinge, die man mit Junggesellen anstellen konnte, und sie kannte sie alle, die Nuance eines Seitenblicks, das halbe Lächeln hinter dem Fächer, das Wiegen der Hüften, so dass die Röcke wie eine Glocke schwangen, die Tränen, das Lachen, die Schmeichelei, das liebevolle Mitgefühl. Ach, all die Tricks, die unweigerlich verfingen – außer bei Ashley.
Nein, es erschien nicht recht, all diese schlauen Tricks zu lernen, sie dann nur so kurz anzuwenden und danach nie wieder. Wie herrlich wäre es, nie zu heiraten, sondern sich immer in blassgrünen Kleidern zu bewegen und von stattlichen Männern umworben zu werden. Aber wenn man das zu lange trieb, dann wurde man eine alte Jungfer wie India Wilkes, und alle Leute sagten in diesem blasierten, gehässigen Ton »armes Ding«. Nein, am Ende war es doch besser, zu heiraten und seine Selbstachtung zu behalten, auch wenn man dann nie mehr Spaß hatte.
Ach, was war das Leben für ein Jammertal! Warum war sie so dumm gewesen, ausgerechnet Charles zu heiraten und ihr Leben mit sechzehn zu beenden?
Ihre bittere und hoffnungslose Träumerei wurde unterbrochen, als die Menge sich rückwärts gegen die Wände drängte, wobei die Damen sorgfältig ihre Reifröcke festhielten, damit kein achtloser Zusammenstoß mehr von ihren langen Unterhosen entblößte als schicklich war. Scarlett stellte sich auf die Zehenspitzen und sah, wie der Hauptmann der Miliz das Podium bestieg. Er brüllte Kommandos, und die Hälfte der Kompanie trat an. Einige Minuten lang exerzierten sie kräftig, bis Schweißperlen auf ihre Stirnen traten und das Publikum jubelnd applaudierte. Scarlett klatschte pflichteifrig mit, und als die Soldaten nach dem Wegtreten zu den Punsch- und Limonadenständen drängten, wandte sie sich an Melanie in dem Gefühl, dass sie ihr Täuschungsmanöver bezüglich der Guten Sache möglichst rasch ins Werk setzen sollte.
»Haben sie nicht gut ausgesehen?« fragte sie.
Melanie beschäftigte sich mit den Strickwaren auf dem Ladentisch.
»Die meisten würden bedeutend besser in grauen Uniformen und in Virginia aussehen«, sagte sie, ohne den geringsten Versuch, ihre Stimme zu dämpfen.
Einige der stolzen Mütter von Milizionären standen in der Nähe und hörten die Bemerkung. Mrs. Guinan lief erst puterrot an und wurde dann bleich, denn ihr fünfundzwanzigjähriger Willie gehörte ebenfalls zu der Einheit.
Scarlett war entgeistert, dass ausgerechnet Melly so etwas sagte.
»Aber Melly!«
»Du weißt, dass das stimmt, Scarlett. Ich meine nicht die kleinen Jungen und die alten Männer. Aber viele in der Miliz sind absolut tauglich, ein Gewehr zu tragen, und genau das sollten sie in diesem Moment tun.«
»Aber – aber …«, begann Scarlett, die noch nie darüber nachgedachthatte. »Jemand muss doch zu Hause bleiben, damit …« Was hatte Willie Guinan doch noch erzählt, um seine Gegenwart in Atlanta zu rechtfertigen? »Jemand muss zu Hause bleiben, damit keiner in unseren Staat einmarschiert.«
»Niemand marschiert bei uns ein, und das wird auch nie geschehen«, sagte Melly kühl, den Blick auf eine Gruppe Milizionäre gerichtet. »Und am besten hält man die Invasoren fern, indem man nach Virginia geht und dort die Yankees besiegt. Und dann das ganze Gerede, dass die Miliz hierbleibt, damit die Darkys keinen Aufstand machen – also, das ist das Dümmste, was ich je gehört habe. Warum sollten unsere Leute einen Aufstand machen? Das ist bloß eine Ausrede für Feiglinge. Ich wette, wir würden die Yankees in einem Monat fertigmachen, wenn alle Milizen unserer Staaten nach Virginia gingen. So!«
»Aber Melly!« rief Scarlett noch einmal und starrte sie fassungslos an.
Mellys sanfte, dunkle Augen funkelten zornig. »Mein Mann hatte keine Angst zu gehen, und deiner auch nicht. Und mir wäre es lieber, sie wären beide tot als hier zu Hause … O Darling, es tut mir leid. Wie gedankenlos und grausam von mir!«
Sie streichelte Scarletts Arm, während Scarlett sie noch immer anstarrte. Aber sie dachte nicht an den toten Charles, sondern an Ashley. Wenn er nun auch noch starb? Sie wandte sich rasch ab und lächelte mechanisch Dr. Meade an, der sich ihrem Stand näherte.
»Na, Mädels«, begrüßte er sie, »es war nett von euch zu kommen. Ich weiß, was für ein Opfer es für euch war, heute Abend auszugehen. Aber es ist ja für die Gute Sache. Und ich verrate euch auch ein Geheimnis. Ich habe noch eine Überraschung auf Lager, wie wir mehr Geld für das Lazarett aufbringen können, ich fürchte nur, dass ein paar Damen darüber schockiert sein werden.«
Er hielt inne, lachte leise und zupfte an seinem Spitzbart.
»Oh, was denn? Bitte verraten Sie’s uns!«
»Wenn ich’s mir recht überlege, dann lasse ich auch euch lieber im Dunkeln. Aber ihr Mädchen müsst zu mir halten, wenn die Kirchenmitglieder mich deshalb aus der Stadt jagen wollen. Schließlich ist es für das Lazarett. Ihr werdet schon sehen. So etwas hat es noch nie gegeben.«
Er stolzierte zu einer Gruppe von Anstandsdamen, die in einer Ecke saßen, und gerade, als sich die beiden Mädchen fragend anschauten, um was für ein Geheimnis es sich wohl handeln könnte, kamen zwei alte Herren an den Stand, die mit lauter Stimme erklärten, sie wollten zehn Ellen Schiffchenspitze. Nun, schließlich waren alte Herren besser als gar keine, dachte Scarlett, während sie die Spitze abmaß und sich sittsam gefallen ließ, ans Kinn gefasst zu werden. Die alten Schwerenöter machten sich zum Limonadestand auf, und andere nahmen ihren Platz am Ladentisch ein. Ihr Stand hatte nicht so viele Kunden wie die anderen, wo Maybelle Merriwethers schrilles Lachen und Fanny Elsings Kichern und die Schlagfertigkeit der Whiting-Mädchen für gute Laune sorgten. Melly verkaufte wie eine Geschäftsfrau still und gleichmütig unbrauchbares Zeug an alte Männer, die dafür keinerlei Verwendung haben konnten, und Scarlett ahmte Mellys Verhalten nach.
Vor allen Ständen außer dem ihren standen Trauben von Menschen, Mädchen schnatterten und Männer kauften. Die wenigen, die sich bei ihnen blicken ließen, erzählten, sie seien mit Ashley auf der Universität gewesen, und er sei ja so ein fabelhafter Soldat, oder sie sprachen voller Respekt von Charles und was für einen Verlust für Atlanta sein Tod doch bedeutete.
Dann brach die Kapelle in die ausgelassene Melodie von Johnny Booker, help this Nigger! aus, und Scarlett hätte schreien können. Sie wollte tanzen. Sie wollte tanzen. Sie schaute über die Tanzfläche und klopfte mit dem Fuß den Takt, und ihre grünen Augen leuchteten so begierig, dass sie geradezu blitzten.
Ganz auf der anderen Seite des Raums stand ein Neuankömmling in der Tür, sah sie beide, zuckte beim Wiedererkennen leicht zusammen und betrachtete eingehend die schrägstehenden Augen in dem mürrischen, aufmüpfigen Gesicht. Dann erkannte er die Einladung, die jeder Mann darin lesen konnte, und schmunzelte.
Er trug einen schwarzen Anzug aus feinem Wollstoff und überragte die Offiziere in seiner Nähe. Er hatte breite Schultern, aber schmale Hüften und absonderlich kleine Füße in Lackstiefeln. Sein strenger dunkler Anzug mit dem feinen Rüschenhemd und den Hosen, die straff unter seinem hohen Rist gespannt waren, stand in merkwürdigem Kontrast zu seinem Körperbau und Gesicht – geckenhafte Kleider eines Dandys an einem Körper, der in seiner lässigen Haltung kräftig und unterschwellig gefährlich wirkte. Sein Haar war kohlrabenschwarz, und sein kleiner schwarzer, kurz gestutzter Schnurrbart sah neben den schneidigen, geschwungenen Schnurrbärten der danebenstehenden Kavalleristen beinahe fremdländisch aus. Man sah ihm an, dass er ein Mann von ungebremsten, schamlosen Gelüsten war. Er strahlte vollkommene Selbstgewissheit und eine nicht recht sympathische Unverfrorenheit aus, und er starrte Scarlett unverhohlen mit einem leicht maliziösen Glitzern in den Augen an, bis sie seinen Blick spürte und erwiderte.
Irgendwie kam er ihr bekannt vor, aber sie konnte sich im Augenblick nicht erinnern, wer er war. Doch er war der erste Mann seit Monaten, der Interesse an ihr zeigte, und sie warf ihm ein fröhliches Lächeln zu. Er verbeugte sich und sie knickste leicht, doch als er sich dann aufrichtete und mit auffallend geschmeidigem, indianisch wirkendem Gang auf sie zukam, schlug sie sich erschrocken die Hand vor den Mund, denn plötzlich erkannte sie ihn.
Wie vom Donner gerührt stand sie regungslos da, während er sich seinen Weg durch die Menge bahnte. Dann drehte sie sich blindlings um und wollte in die Erfrischungsräume flüchten, aber ihr Rock verhakte sich an einem Nagel. Sie zerrte wütend daran, so dass der Rock zerriss, und im selben Augenblick stand er neben ihr.
»Erlauben Sie«, sagte er, bückte sich und machte den Volant los. »Ich hatte nicht zu hoffen gewagt, dass Sie sich an mich erinnern würden, Miss O’Hara.«
Seine Stimme klang überraschend angenehm, die wohlmodulierte, klangvolle Stimme eines Gentleman, überlagert von der flachen, gedehnten Sprechweise von Charleston.
Sie blickte flehend zu ihm auf, das Gesicht flammend rot vor Scham über ihre letzte Begegnung, und traf zwei Augen, so schwarz, wie sie noch kaum je welche gesehen hatte, die in mitleidlosem Vergnügen funkelten. Dass von allen Menschen auf der Welt dieser schreckliche Mensch hier auftauchen musste, der die Szene mit Ashley miterlebt hatte, die ihr immer noch Albträume bereitete; dieser widerliche Schuft, der Mädchen kompromittierte und nicht gesellschaftsfähig war; dieser verachtenswerte Mann, der nicht zu Unrecht gesagt hatte, dass sie keine Dame sei!
Beim Klang seiner Stimme wandte sich Melly um, und zum ersten Mal in ihrem Leben dankte Scarlett Gott für die Anwesenheit ihrer Schwägerin.
»Ach, das ist – das ist ja Mr. Rhett Butler, oder?« sagte Melanie und streckte lächelnd ihre Hand aus. »Ich kenne Sie …«
»Vom glücklichen Anlass der Bekanntmachung Ihrer Verlobung«, setzte er ihren Satz fort und beugte sich tief über ihre Hand. »Sehr freundlich von Ihnen, dass Sie sich meiner erinnern.«
»Und was machen Sie hier, so weit weg von Charleston, Mr. Butler?«
»Langweilige Geschäftsangelegenheiten, Mrs. Wilkes. Ich werde Ihre Stadt von jetzt an öfter besuchen. Ich habe festgestellt, dass es nicht genügt, Waren einzuführen, ich muss sie auch an den Mann bringen.«
»Einzuführen …«, begann Melly mit gerunzelter Stirn, doch dann strahlte sie vor Freude. »Ach, dann – dann müssen Sie ja der berühmte Captain Butler sein, von dem wir schon so viel gehört haben – der Blockadebrecher. Meine Güte, alle Mädchen hier tragen Kleider, die Sie eingeführt haben. Scarlett, ist das nicht aufregend – was ist los, meine Liebe? Fühlst du dich nicht wohl? Setz dich doch hin!«
Scarlett sank auf den Hocker. Ihr Atem ging so schnell, dass sie fürchtete, ihr Korsett würde platzen. Oh, wie entsetzlich! Sie hätte nie erwartet, diesen Mann wiederzutreffen. Er nahm ihren schwarzen Fächer vom Tisch und begann, ihr fleißig Luft zuzufächeln, ein wenig zu fleißig, mit ernstem Gesicht, aber immer noch blitzenden Augen.
»Es ist ziemlich warm hier drinnen«, sagte er. »Kein Wunder, dass Miss O’Hara nicht wohl ist. Darf ich Sie ans Fenster bringen?«
»Nein«, sagte Scarlett so abweisend, dass Melly sie überrascht anschaute.
»Sie heißt nicht mehr Miss O’Hara«, sagte Melly. »Sie ist Mrs. Hamilton. Sie ist jetzt meine Schwester.« Melly warf ihr einen ihrer zärtlichen kurzen Blicke zu. Scarlett glaubte zu ersticken, als sie den Ausdruck in Captain Butlers dunklem Piratengesicht sah.
»Das ist mit Sicherheit ein großer Gewinn für zwei charmante Damen«, sagte er und verbeugte sich leicht. Solche Bemerkungen machten alle Männer, aber Scarlett hatte das Gefühl, dass er das genaue Gegenteil meinte.
»Ihre Ehemänner sind vermutlich hier bei diesem angenehmen Anlass heute Abend? Ich würde mit Vergnügen die Bekanntschaft erneuern.«
»Mein Mann ist in Virginia«, sagte Melly und warf stolz den Kopf zurück. »Aber Charles …« Ihre Stimme brach.
»Er ist im Feldlager gestorben«, sagte Scarlett knapp und fast schnippisch. Würde diese Kreatur nie weggehen? Melly blickte sie erschrocken an, und der Captain machte eine entschuldigende Geste.
»Meine lieben Damen, wie konnte ich nur! Sie müssen mir verzeihen. Aber gestatten Sie einem Fremden die tröstenden Worte: Wer für sein Land stirbt, der lebt ewig.«
Melanie lächelte ihn durch schimmernde Tränen an, während Scarlett von Zorn und ohnmächtigem Hass zerfressen wurde. Wieder einmal hatte er eine artige Bemerkung gemacht, wie sie jeder Gentleman unter diesen Umständen machen würde, aber er meinte nicht eine Silbe davon ernst. Er verhöhnte sie. Er wusste, dass sie Charles nicht geliebt hatte. Aber Melly in ihrer Naivität durchschaute ihn nicht. O bitte, lieber Gott, mach, dass ihn auch sonst niemand durchschaut, dachte sie beklommen. Würde er verraten, was er wusste? Er war ja kein Gentleman, und man konnte nicht vorausahnen, zu was jemand fähig war, der kein Gentleman war. Es gab keine Regel, nach der man so jemanden beurteilen konnte. Sie blickte zu ihm auf und merkte, dass er seine Mundwinkel in gespieltem Mitgefühl herunterzog, während er mit dem Fächer wedelte. Etwas an seinem Blick forderte ihren Widerspruchsgeist heraus, und eine Woge von Antipathie gab ihr neue Kraft. Unvermittelt riss sie ihm den Fächer aus der Hand.
»Es ist gut jetzt«, sagte sie brüsk. »Sie brauchen nicht meine Frisur durcheinanderzuwedeln.«
»Scarlett, Liebste! Captain Butler, Sie müssen ihr verzeihen. Sie – sie ist nicht sie selbst, wenn sie den Namen des armen Charlie hört – und vielleicht hätten wir heute Abend erst gar nicht hierherkommen sollen. Wir sind noch in Trauer, wissen Sie, und es ist für sie eine enorme Belastung – all diese Munterkeit und die Musik, das arme Kind.«
»Das verstehe ich gut«, sagte er mit bemühtem Ernst, aber als er sich Melanie mit einem prüfenden Blick zuwandte, der bis auf den Grund ihrer lieben, sorgenvollen Augen drang, änderte sich seine Miene, und zögernd breiteten sich Respekt und Sanftheit auf seinem dunklen Gesicht aus. »Ich finde, Sie sind eine mutige kleine Frau, Mrs. Wilkes.«
Kein Wort über mich! dachte Scarlett gereizt, während Melly beschämt lächelte und antwortete:
»Lieber Himmel, nein, Captain Butler! Das Lazarettkomitee hat uns für diesen Stand gebraucht, weil in letzter Minute … einen Kissenbezug? Hier ist ein sehr hübscher mit einer Flagge darauf.«
Sie wandte sich drei Kavalleristen zu, die am Stand aufgetaucht waren. Einen Moment lang fand Melanie Captain Butler ausnehmend nett. Dann wünschte sie, zwischen ihrem Rock und dem Spucknapf gleich neben dem Stand wäre etwas Festeres als nur Gaze, denn die Reitersmänner konnten mit dem bernsteinfarbenen Tabaksaft in ihren Mündern nicht so gut zielen wie mit ihren langen Sattelpistolen. Dann vergaß sie den Captain, Scarlett und den Spucknapf, denn weitere Kunden umdrängten den Stand.
Scarlett saß stumm auf dem Hocker, fächelte sich und wagte nicht aufzuschauen. Sie wünschte Captain Butler zurück auf das Schiffsdeck, wo er hingehörte.
»Ist Ihr Mann schon lange tot?«
»O ja, schon sehr lange. Fast ein Jahr.«
»Das ist ja ein Äon.«
Scarlett wusste nicht genau, was ein Äon war, aber der leise Spott in seiner Stimme entging ihr nicht, daher schwieg sie.
»Waren Sie lange verheiratet? Verzeihen Sie meine Fragen, aber ich war so lange nicht mehr in dieser Gegend.«
»Zwei Monate«, sagte Scarlett unwillig.
»Nichtsdestotrotz eine Tragödie«, fuhr er leichthin fort.
Oh, zur Hölle mit ihm, dachte sie wütend. Jeden anderen Mann auf der Welt könnte ich jetzt einfach eiskalt wegschicken. Aber er weiß das mit Ashley, und er weiß, dass ich Charles nicht geliebt habe. Mir sind die Hände gebunden. Sie blickte schweigend auf ihren Fächer hinunter.
»Und jetzt sind Sie zum ersten Mal wieder in Gesellschaft?«
»Ich weiß, dass es unpassend wirkt«, erklärte sie rasch. »Aber die McLure-Mädchen, die diesen Stand übernehmen sollten, mussten woandershin, und es war sonst niemand da, und deshalb haben Melanie und ich …«
»Kein Opfer ist zu groß für die Gute Sache.«
Nanu, hatte Mrs. Elsing nicht genau das Gleiche gesagt? Aber da hatte es völlig anders geklungen. Böse Worte kamen ihr auf die Lippen, aber sie schluckte sie wieder hinunter. Schließlich war sie nicht wegen der Guten Sache hier, sondern weil sie es satt hatte, zu Hause zu sitzen.
»Mir kommen«, sagte er nachdenklich, »diese Trauersitten, wo man Frauen für den Rest ihres Lebens in Krepp einmauert und ihnen jede normale Freude verbietet, schon seit jeher genauso barbarisch vor wie das hinduistische Sati.«
»Sati?«
Er lachte, und sie errötete über ihre Unwissenheit. Sie hasste Menschen, die Worte benutzten, die sie nicht kannte.
»Wenn in Indien ein Mann stirbt, wird er verbrannt und nicht begraben, und seine Frau steigt dann immer auf den Scheiterhaufen und wird mit ihm verbrannt.«
»Wie entsetzlich! Warum tun sie das? Schreitet denn die Polizei nicht dagegen ein?«
»Natürlich nicht. Eine Ehefrau, die sich nicht selbst verbrennt, wäre gesellschaftlich verfemt. All die feinen Hindumatronen würden sich das Maul über sie zerreißen, weil sie sich nicht verhält, wie es sich für eine wohlerzogene Frau schickt – genauso, wie die feinen Matronen in der Ecke da über Sie tratschen würden, wenn Sie heute Abend in einem roten Kleid auftreten und einen Tanz anführen würden. Ich für meinen Teil finde das Sati viel gnädiger als unsere reizende Südstaatensitte, Witwen lebendig zu begraben!«
»Wie können Sie es wagen zu behaupten, ich wäre lebendig begraben!«
»Wie sehr klammern sich die Frauen doch an die Ketten, die sie fesseln! Sie finden die Sitte der Hindus barbarisch, aber hätten Sie den Mut gehabt, heute Abend hier zu erscheinen, wenn die Konföderation Sie nicht gebraucht hätte?«
Derartige Argumente waren für Scarlett immer verwirrend. Die seinen waren doppelt verwirrend, weil sie das dunkle Gefühl hatte, dass sie ein Körnchen Wahrheit enthielten. Aber jetzt war der Augenblick gekommen, um ihm den Mund zu stopfen.
»Natürlich wäre ich nicht gekommen. Das wäre ja respektlos gegen – das hätte ausgesehen, als hätte ich ihn nicht gel…«
Seine Augen hingen voll zynischem Vergnügen an ihren Lippen, und sie konnte nicht fortfahren. Er wusste, dass sie Charlie nicht geliebt hatte, und er würde sich nicht mit den netten, höflichen Empfindungen zufriedengeben, die sie zum Ausdruck bringen konnte. Wie schrecklich war das, wenn man es nicht mit einem Gentleman zu tun hatte! Ein Gentleman machte immer den Eindruck, dass er einer Frau glaubte, selbst wenn er wusste, dass sie log. Das war die Ritterlichkeit der Südstaaten. Ein Gentleman befolgte immer die Regeln und sagte die richtigen Dinge und erleichterte einer Dame das Leben. Aber dieser Mann kümmerte sich anscheinend nicht im Geringsten um Regeln und genoss es, über Dinge zu reden, über die sonst niemand sprach.
»Ich warte atemlos gespannt.«
»Ich finde Sie grässlich«, sagte sie hilflos und senkte den Blick.
Er lehnte sich über den Ladentisch, näherte seinen Mund ihrem Ohr und zischte in einer sehr glaubhaften Imitation der Bösewichte, die hin und wieder im Athenaeum-Saal auftraten: »Fürchtet nichts, edle Frau! Euer sündiges Geheimnis ist bei mir sicher!«
»Oh«, flüsterte sie hastig, »wie können Sie so etwas sagen!«
»Ich wollte Sie nur beruhigen. Was soll ich denn sagen? ›Seid mein, schönste Frau, oder ich werde alles enthüllen‹?«
Sie begegnete unwillig seinen Augen, die vergnügt blitzten, wie die eines kleinen Jungen. Plötzlich musste sie lachen. Es war doch wirklich eine höchst alberne Situation. Er lachte auch, und zwar so laut, dass mehrere der Anstandsdamen in der Ecke sich nach ihnen umblickten. Sie sahen, dass Charles Hamiltons Witwe sich offensichtlich mit einem Wildfremden vergnügte, und steckten missbilligend die Köpfe zusammen.
Plötzlich ertönte ein Trommelwirbel und viele Stimmen machten »Schsch!«, als Dr. Meade das Podium erstieg und die Arme ausbreitete, um sich Gehör zu verschaffen.
»Wir alle müssen den reizenden Damen herzlich danken, deren unermüdliche patriotische Anstrengungen diesem Basar nicht nur zu finanziellem Erfolg verholfen haben«, begann er, »sondern diesen unwirtlichen Raum in eine Laube der Schönheit, einen passenden Garten für die reizenden Rosenknospen gemacht haben, die ich um mich her sehe.«
Alle klatschten Beifall.
»Die Damen haben ihr Bestes gegeben, nicht nur von ihrer Zeit, sondern auch mit ihrer Hände Arbeit, und diese schönen Gegenstände in den Verkaufsständen sind doppelt schön, da sie von den lieblichen Händen unserer reizenden Südstaatlerinnen hergestellt wurden.«
Mehr zustimmende Rufe ertönten, und Rhett Butler, der sich neben Scarlett gegen den Ladentisch fläzte, flüsterte: »Was für ein aufgeblasener Ziegenbock!«
Scarlett war zuerst entsetzt über diese Majestätsbeleidigung gegen Atlantas beliebtesten Bürger und warf ihm einen tadelnden Blick zu. Aber der Arzt sah tatsächlich aus wie ein Ziegenbock, während sein grauer Kinnbart immerfort wackelte, und sie konnte nur mit Mühe ein Kichern unterdrücken.
»Aber das genügt noch nicht. Die lieben Damen des Lazarettkomitees, deren kühle Hände so manch leidender Stirn Linderung gespendet und so manchen tapferen Mann, der im Kampf für die Allertapferste Sache verwundet wurde, dem Rachen des Todes entrissen haben – sie wissen, was wir brauchen. Ich werde nicht alles aufzählen. Aber wir brauchen mehr Geld, um medizinischen Bedarf aus England zu kaufen, und wir freuen uns, heute den furchtlosen Kapitän unter uns zu haben, der schon seit einem Jahr so erfolgreich die Blockade durchbricht und sie auch wieder durchbrechen wird, um uns das Benötigte zu bringen. Captain Rhett Butler!«
Dies kam zwar unerwartet, aber der Blockadebrecher machte eine galante Verbeugung – ein wenig zu galant, fand Scarlett und versuchte sie zu deuten. Es schien fast, als übertreibe er seine Höflichkeit, weil er alle Anwesenden so gründlich verachtete. Lauter Applaus brandete auf, als er sich verbeugte, und die Damen in der Ecke reckten die Hälse. Mit dem also amüsierte sich die Witwe des armen Charles Hamilton! Und dabei war Charlie kaum ein Jahr unter der Erde!
»Wir brauchen mehr Gold, und darum bitte ich Sie jetzt«, fuhr der Arzt fort.
»Ich bitte um ein Opfer, aber um ein so kleines Opfer, verglichen mit den Opfern, die unsere tapferen Männer in Grau bringen, dass es Ihnen lachhaft klein vorkommen wird. Meine Damen, ich brauche Ihren Schmuck. Ich brauche Ihren Schmuck? Nein, die Konföderation braucht Ihren Schmuck, die Konföderation ruft danach, und ich weiß, dass niemand sich verweigern wird. Wie schön glänzt ein Edelstein an einem hübschen Handgelenk! Wie prachtvoll glitzern die Goldbroschen am Busen unserer patriotischen Frauen! Aber wie viel schöner ist ein Opfer als alles Gold und alle Edelsteine Indiens. Das Gold wird eingeschmolzen und die Steine verkauft, und mit dem Geld werden Arzneien und anderer medizinischer Bedarf besorgt. Meine Damen, es werden jetzt zwei unserer tapferen Verwundeten mit Körben durch die Reihen gehen und …« Der Rest seiner Rede ging in einem Sturm der Begeisterung und im Applaus unter.
Scarletts erster Gedanke war, wie glücklich es sich doch traf, dass sie in der Trauerzeit ihre kostbaren Ohrringe und Grandma Robillards schwere Goldkette, die schwarz emaillierten Goldarmbänder und die Granatbrosche nicht tragen durfte. Sie sah, wie der kleine Zuave mit einem Eichenspankorb am gesunden Arm auf ihrer Seite des Saals die Runde machte, und sie sah Frauen, alt wie jung, die lachend und eifrig an ihren Armbändern zerrten, in gespieltem Schmerz quiekten, als Ohrringe aus dem durchstochenen Fleisch gezogen wurden, sich gegenseitig dabei halfen, Kettenverschlüsse zu öffnen und Broschen vom Busen loszumachen. Man hörte ein ununterbrochenes Kling-Klang von Metall auf Metall und Rufe wie: »Halt, halt! Jetzt habe ich es abgekriegt. Hier!« Maybelle Merriwether zog sich ihre wunderschönen Zwillingsarmbänder oberhalb und unterhalb der Ellbogen ab. Fanny Elsing rief: »Mama, darf ich?« und zerrte das schwere Golddiadem mit den Staubperlen, das seit Generationen in ihrer Familie war, aus ihren Haaren. Jedes Mal, wenn eine Opfergabe in den Korb fiel, gab es Jubel und Applaus.
Der grinsende kleine Mann kam nun an ihren Stand, der Korb hing ihm schwer am Arm. Von Rhett Butler flog ein ansehnliches goldenes Zigarrenetui hinein. Als er seinen Korb vor Scarlett auf den Ladentisch stellte, schüttelte sie den Kopf und öffnete die Hände, um zu zeigen, dass sie nichts zu geben hatte. Es war peinlich, die einzige Anwesende zu sein, die nichts spendete. Und da sah sie plötzlich ihren breiten goldenen Ehering aufblitzen.
Einen verwirrten Augenblick lang versuchte sie sich an das Gesicht von Charles zu erinnern – wie er ausgesehen hatte, als er ihn ihr an den Finger steckte. Aber die Erinnerung war verschwommen, verschwommen wegen des plötzlich aufbrandenden Ärgers, den die Erinnerung immer in ihr weckte. Charles – er trug Schuld daran, dass ihr Leben vorbei, dass sie eine alte Frau war.
Sie drehte und ruckte an ihrem Ring, aber er steckte fest. Der Zuave ging weiter zu Melanie.
»Warten Sie!« rief Scarlett. »Ich habe etwas für Sie!« Der Ring löste sich, und als sie drauf und dran war, ihn auf den Haufen aus Ketten, Uhren, Ringen, Anstecknadeln und Armbändern im Korb zu werfen, begegnete sie Rhett Butlers Blick. Seine Lippen verzogen sich zu einem leisen Lächeln. Trotzig warf sie den Ring auf den Haufen.
»Oh, meine Liebe!« flüsterte Melly und drückte ihren Arm. Ihre Augen strahlten vor Liebe und Stolz. »Du tapferes, tapferes Mädchen! Warten Sie – Leutnant Picard, bitte warten Sie! Ich habe auch etwas für Sie!«
Sie zog an ihrem eigenen Ehering, dem Ring, der diesen Finger, wie Scarlett wusste, niemals verlassen hatte, seit Ashley ihn darangesteckt hatte. Scarlett wusste besser als sonst irgendwer, wie viel er Melanie bedeutete. Er ging nur schwer ab, und einen kurzen Augenblick lang hielt ihn die kleine Faust fest. Dann wurde er sanft auf dem Schmuckhaufen abgelegt. Die beiden Mädchen blickten dem Zuaven nach, der sich den älteren Damen in der Ecke näherte, Scarlett trotzig, Melanie mit einem Gesichtsausdruck, der noch bekümmerter war, als wenn sie geweint hätte. Und beides entging dem Mann neben ihnen nicht.
»Wenn du nicht den Mut gehabt hättest, es zu tun, hätte ich mich nie getraut«, sagte Melly, legte Scarlett den Arm um die Taille und drückte sie sanft. Einen kurzen Moment hatte Scarlett Lust, sie abzuschütteln und so laut sie konnte »Herr des Himmels!« zu rufen, wie Gerald es tat, wenn er sich wirklich ärgerte, aber sie fing einen Blick Rhett Butlers auf und brachte ein säuerliches Lächeln zustande. Es ging ihr auf die Nerven, dass Melly ihre Motive stets missdeutete – aber wahrscheinlich war das doch besser, als wenn ihr die Wahrheit geschwant hätte.
»Was für eine schöne Geste«, sagte Rhett Butler leise. »Opfer wie Ihre machen unseren tapferen Jungs in Feldgrau Mut.«
Heiße Worte sprudelten ihr auf die Lippen, und nur mit Mühe konnte sie sie zurückhalten. Aus allem, was er sagte, sprach Spott. Sie fand ihn herzlich unsympathisch, wie er sich da an den Stand flegelte. Dennoch war etwas Anregendes an ihm, etwas Warmes, Lebendiges, Elektrisches. Alles, was irisch an ihr war, lehnte sich gegen seine herausfordernden schwarzen Augen auf. Sie beschloss, diesen Mann ein oder zwei Nummern kleiner zu machen. Dass er ihr Geheimnis kannte, gab ihm einen Vorteil über sie, der zum Aus-der-Haut-Fahren war, und um das zu ändern, musste sie ihn irgendwie in schlechtes Licht setzen. Sie unterdrückte den Impuls, ihm einmal richtig die Meinung zu sagen. Mit Zucker fing man mehr Fliegen als mit Essig, wie Mammy oft sagte, und sie würde diese Fliege fangen und bändigen, so dass sie ihm nie wieder auf Gedeih und Verderb ausgeliefert wäre.
»Danke«, sagte sie liebenswürdig in absichtlicher Verkennung seines Spotts. »Ein solches Kompliment von einem derart berühmten Mann wie Captain Butler ist sehr schmeichelhaft.«
Er warf den Kopf zurück und lachte freiheraus – wieherte, dachte Scarlett wütend, während ihr Gesicht erneut rosa anlief.
»Warum sagen Sie eigentlich nicht, was Sie wirklich denken?« fragte er und senkte die Stimme, so dass nur sie ihn im Geklapper und der Aufregung der Kollekte hören konnte. »Warum sagen Sie nicht, dass ich ein verfluchter Schurke bin und dass ich verschwinden soll, sonst lassen Sie mich von einem dieser mutigen Jungs in Feldgrau fordern?«
Eine scharfe Antwort lag ihr auf der Zunge, doch mit heroischer Anstrengung gelang es ihr zu sagen: »Aber Captain Butler! Was Sie nicht sagen! Als ob nicht jeder wüsste, wie berühmt Sie sind und wie tapfer und was für ein – ein …«
»Ich bin enttäuscht von Ihnen«, sagte er.
»Enttäuscht?«
»Ja. Bei unserem ersten ereignisreichen Treffen dachte ich, ich hätte endlich mal ein Mädchen kennengelernt, das nicht nur schön, sondern auch mutig ist. Und jetzt sehe ich, dass Sie bloß schön sind.«
»Wollen Sie etwa behaupten, ich sei feige?« Sie plusterte sich auf wie ein Huhn.
»Exakt. Ihnen fehlt der Mut, zu sagen, was Sie wirklich denken. Als ich Sie das erste Mal sah, dachte ich: Hier ist das eine Mädchen unter Millionen. Sie ist nicht wie die anderen albernen Närrchen, die alles glauben, was ihre Mamas ihnen erzählen, und sich daran halten, ganz egal, was sie selbst empfinden. Und die all ihre Gefühle und Sehnsüchte und ihren Herzschmerz hinter vielen liebenswürdigen Worten verstecken. Ich dachte: Miss O’Hara ist ein Mädchen von seltenem Charakter. Sie weiß, was sie will, und es macht ihr nichts, ihre Meinung zu sagen – oder mit Vasen zu schmeißen.«
»Oh«, sagte sie, und ihre Wut brach sich endlich Bahn. »Dann sage ich Ihnen sofort meine Meinung. Wenn Sie nur das geringste bisschen Kinderstube hätten, dann wären Sie überhaupt nicht hierhergekommen und hätten ein Gespräch mit mir angefangen. Dann hätten Sie gewusst, dass ich Sie nie wieder sehen wollte. Aber Sie sind kein Gentleman. Sie sind bloß ein grässlicher, unerzogener Kerl. Und Sie glauben, nur weil ihre klapprigen kleinen Schiffe schneller sind als die der Yankees, haben Sie das Recht, hierherzukommen und tapfere Männer zu verhöhnen und Frauen, die alles für die Gute Sache opfern …«
»Halt, halt …«, bat er grinsend. »Sie haben sehr hübsch angefangen und ehrlich Ihre Meinung gesagt, aber jetzt fangen Sie bitte nicht an, von der Guten Sache zu reden! Davon habe ich die Nase gestrichen voll, und ich wette, Sie auch …«
»Wieso, woher wiss…«, begann sie überrumpelt, fing sich dann aber hastig, kochend vor Wut über sich selbst, dass sie ihm auf den Leim gegangen war.
»Ich stand dort in der Eingangstür, ehe Sie mich gesehen haben, und habe Sie beobachtet«, sagte er. »Und ich habe die anderen Mädchen beobachtet. Und die sahen alle aus, als wären ihre Gesichter aus ein und derselben Form gegossen. Aber Ihres nicht. Ihr Gesicht ist leicht zu lesen. Sie dachten nicht an Ihr Geschäft, und ich wette, Sie dachten nicht an die Gute Sache oder an das Lazarett. Es war deutlich zu sehen, dass Sie tanzen und Spaß haben wollten, aber nicht konnten. Deshalb waren Sie durch und durch wütend. Sagen Sie ehrlich! Habe ich nicht recht?«
»Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, Captain Butler«, erklärte sie so förmlich sie konnte und versuchte, die Reste ihrer Würde zusammenzuraffen. »Bloß weil Sie sich etwas darauf einbilden, dass Sie der ›große Blockadebrecher‹ sind, haben Sie noch lange kein Recht, Frauen zu beleidigen.«
»Der große Blockadebrecher! Das ist ja wohl ein Witz! Bitte gönnen Sie mir noch einen Augenblick Ihrer kostbaren Zeit, ehe Sie mich in die Finsternis hinabstoßen. Ich möchte eine so charmante kleine Patriotin nicht im Unklaren über meinen Beitrag zur Sache der Konföderierten lassen.«
»Ich habe keine Lust, mir Ihre Prahlereien anzuhören.«
»Blockadebrechen ist ein Geschäft für mich, und ich verdiene damit Geld. Wenn ich kein Geld mehr damit verdiene, dann höre ich auf. Wie finden Sie das?«
»Ich finde, Sie sind ein käuflicher Schuft – genau wie die Yankees.«
»Exakt«, grinste er. »Und die Yankees helfen mir beim Geldverdienen. Gerade letzten Monat bin ich mit meinem Schiff geradewegs in den New Yorker Hafen gesegelt und habe Waren eingeladen.«
»Was?« rief Scarlett wider Willen interessiert und aufgeregt. »Haben die Sie nicht beschossen?«
»Arme Unschuld! Natürlich nicht. Es gibt einen Haufen strammer Unionspatrioten, die nicht abgeneigt sind, ein bisschen Geld zu machen, indem sie der Konföderation Waren verkaufen. Ich fahre mit dem Schiff nach New York, kaufe bei Yankee-Firmen, natürlich sub rosa, und ab geht’s. Und wenn das ein bisschen zu gefährlich wird, dann fahre ich nach Nassau, wo dieselben Unionspatrioten Pulver und Granaten und Reifröcke für mich hinbringen. Das ist praktischer, als nach England zu fahren. Manchmal ist es ein bisschen schwierig, es nach Charleston oder Wilmington zu bringen – aber Sie wären überrascht, wie weit einen ein bisschen Gold trägt.«
»Oh, ich wusste ja, dass die Yankees niederträchtig sind, aber ich wusste nicht …«
»Warum kritteln Sie an den Yankees herum, die ihre Pennys ehrlich damit verdienen, dass sie ihre hehre Union über Bord werfen? In hundert Jahren ist das sowieso vergessen. Das Resultat bleibt sich gleich. Sie wissen, dass die Konföderation am Ende unterliegen wird, warum sollten sie also kein Geld dabei herausschlagen?«
»Unterliegen – wir?«
»Natürlich.«
»Lassen Sie mich jetzt wohl bitte endlich in Ruhe, oder muss ich meinen Wagen kommen lassen und heimfahren, um Sie loszuwerden?«
»Eine hitzköpfige kleine Rebellin«, sagte er und grinste wieder. Er verbeugte sich und schlenderte davon, während ihre Brust vor ohnmächtiger Wut und Empörung wogte. In ihr brannte eine Enttäuschung, die sie nicht recht erklären konnte, die Enttäuschung eines Kindes, dessen Illusionen zerbersten. Wie konnte er es wagen, die Blockadebrecher so zu entzaubern! Und wie konnte er es wagen zu behaupten, die Konföderation würde unterliegen! Dafür gehörte er erschossen – erschossen wie ein Verräter. Sie blickte sich im Saal um und sah all die wohlbekannten Gesichter, so erfolgsgewiss, so tapfer, so hingegeben, und plötzlich griff ihr etwas Kaltes ans Herz. Unterliegen? Diese Leute – auf keinen Fall! Der bloße Gedanke war unerträglich, ja treulos.
»Was habt ihr beiden denn da geflüstert?« fragte Melanie, deren Kunden weiterzogen. »Mrs. Merriwether hat dich die ganze Zeit fixiert, und du weißt ja, wie sie tratscht.«
»Ach, dieser Mann ist unmöglich, ein unerzogener Flegel«, sagte Scarlett. »Und was die alte Merriwether betrifft, lass sie ruhig reden. Ich hab es satt, mich bloß wegen ihr wie eine doofe Kuh zu benehmen.«
»Aber Scarlett!« rief Melanie entsetzt.
»Sch-sch«, machte Scarlett. »Dr. Meade macht noch eine Ansage.«
Die Versammlung wurde wieder ruhig, als der Arzt seine Stimme erhob, zunächst um den Damen zu danken, die so bereitwillig ihren Schmuck gespendet hatten.
»Und nun, meine Damen und Herren, möchte ich eine Überraschung vorschlagen – eine Neuerung, die den ein oder anderen vielleicht schockieren wird, aber ich bitte Sie, nicht zu vergessen, dass alles für das Lazarett geschieht und zugunsten unserer Jungs, die dort liegen.«
Alles trat erwartungsvoll näher und rätselte, was der gesetzte Arzt wohl Schockierendes vorschlagen könnte.
»Demnächst beginnt der Tanz, und die erste Nummer wird natürlich ein Reel sein, gefolgt von einem Walzer. Die Tänze im Anschluss, die Polkas, die Schottischen, die Mazurken, werden alle von kurzen Reels eingeleitet. Ich weiß gut, wie sehr sich alle darum reißen, einen Reel anzuführen, und daher …«, der Arzt wischte sich die Stirn und warf einen unsicheren Blick in die Ecke, wo seine Frau unter den Anstandsdamen saß. »Meine Herren, wenn Sie gerne einen Reel mit der Dame Ihrer Wahl anführen möchten, müssen Sie ein Gebot für sie abgeben. Ich werde den Auktionator spielen, und der Erlös geht ans Lazarett.«
Die Fächer hielten urplötzlich still, und erregtes Gemurmel erhob sich im Saal. Die Ecke der Anstandsdamen war in Aufruhr, und Mrs. Meade, die versuchte, ihren Mann bei einer Aktion zu unterstützen, die sie von Herzen missbilligte, geriet ins Hintertreffen. Die Damen Elsing, Merriwether und Whiting waren puterrot vor Entrüstung. Aber plötzlich rief die Bürgerwehr »Hurra!«, und dieser Ruf wurde von den übrigen uniformierten Gästen weitergetragen. Die jungen Mädchen klatschten in die Hände und hüpften vor Begeisterung.
»Kommt dir das nicht auch ein bisschen … wie eine Sklavenauktion vor?« flüsterte Melly und starrte unsicher den auf einmal umstrittenen Arzt an, der bisher in ihren Augen ein Ausbund der Vollkommenheit gewesen war.
Scarlett sagte nichts, aber ihre Augen glänzten feucht, und ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Wäre sie doch nur keine Witwe! Wäre sie doch wieder Scarlett O’Hara, da draußen auf der Tanzfläche in einem apfelgrünen Kleid mit dunkelgrünen Samtbändern am Mieder, und mit Tuberosen im schwarzen Haar – dann würde sie den Reel anführen. Und wie! Ein Dutzend Männer würden sich um sie reißen und einander bei dem Arzt überbieten. Ach, dass sie hier wider Willen als Mauerblümchen sitzen und zusehen musste, wie Fanny oder Maybelle den ersten Reel als Ballkönigin Atlantas anführte.
Der Tumult wurde übertönt von der Stimme des kleinen Zuaven, der mit deutlichem kreolischen Akzent rief: »Wen isch darf – swanzisch Dollar für Mieß Maybelle Merriweser.«
Maybelle sank errötend an Fannys Schulter. Die beiden Mädchen vergruben ihre Gesichter am Hals der jeweils anderen und kicherten, während weitere Stimmen andere Namen und Geldsummen riefen. Dr. Meade begann wieder zu lächeln und ignorierte das empörte Geflüster des Damenlazarettkomitees in der Ecke.
Zunächst hatte Mrs. Merriwether lauthals verkündet, ihre Maybelle würde niemals an einem solchen Verfahren teilnehmen, aber da Maybelles Name am häufigsten gerufen wurde und die Summe auf fünfundsiebzig Dollar stieg, ließ ihr Protest nach. Scarlett stützte die Ellbogen auf den Ladentisch und starrte mit funkelnden Augen die erregte, lachende Menge an, die sich um das Podium drängte, die Hände voll Papiergeld der Konföderationswährung.
Jetzt würden alle tanzen – außer ihr und den alten Damen. Jetzt würden alle Spaß haben außer ihr. Sie sah Rhett Butler gleich unterhalb des Arztes stehen, und ehe sie ihren Gesichtsausdruck ändern konnte, erblickte er sie, und ein Mundwinkel bewegte sich nach unten und eine Augenbraue nach oben. Sie reckte das Kinn und drehte ihm den Rücken zu, doch plötzlich hörte sie ihren Namen rufen – mit einer unverkennbaren Charlestoner Stimme, die das Gewirr der anderen Namen übertönte.
»Mrs. Charles Hamilton – hundertfünfzig Dollar – in Gold!«
Plötzlich senkte sich Schweigen über die Menge, sowohl wegen der Summe als auch wegen des Namens. Scarlett war so perplex, dass sie sich kaum rühren konnte. Sie blieb sitzen, das Kinn in die Hände gestützt, die Augen vor Überraschung weit aufgerissen. Alle drehten sich nach ihr um. Der Doktor beugte sich vom Podium hinunter und flüsterte Rhett Butler etwas zu. Wahrscheinlich, dass sie in Trauer war und unmöglich auf der Tanzfläche erscheinen konnte. Sie sah Rhett gleichmütig mit den Achseln zucken.
»Vielleicht eine unserer anderen Schönen?« fragte der Arzt.
»Nein«, sagte Rhett laut und deutlich und ließ unbekümmert seinen Blick über die Menge schweifen. »Mrs. Hamilton.«
»Ich sage Ihnen doch, das geht nicht«, sagte der Arzt unwirsch. »Mrs. Hamilton will nicht …«
Scarlett hörte eine Stimme, die sie zunächst gar nicht als die ihre erkannte.
»Doch, ich will!«
Sie sprang auf, ihr Herz klopfte so wild, dass sie fürchtete, sie könnte nicht stehen, es hämmerte triumphierend, weil sie wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, weil sie das begehrteste aller anwesenden Mädchen war, und vor allem, weil sie wieder tanzen würde.
»Ach, das ist egal! Es ist mir egal, was sie sagen!« flüsterte sie, während süßer Wahnsinn sie überkam. Sie warf den Kopf hoch und eilte aus dem Verkaufsstand, und dabei ließ sie die Absätze knallen wie Kastagnetten und ihren schwarzen Seidenfächer so weit wie möglich aufschnappen. Im Vorübergehen sah sie Melanies ungläubiges Gesicht, die Mienen der Anstandsdamen und der verdrießlichen Mädchen und die begeisterte Zustimmung der Soldaten.
Dann war sie auf der Tanzfläche, und Rhett Butler kam mit seinem boshaften, spöttischen Lächeln durch den Gang, den die Menge bildete, auf sie zu. Aber das war ihr gleichgültig – er hätte sogar Abe Lincoln persönlich sein können! Sie würde wieder tanzen. Sie würde den Reel anführen. Sie machte einen tiefen Knicks und lächelte ihn strahlend an, und er verbeugte sich, eine Hand auf seiner Rüschenbrust. Der entgeisterte Levi rettete die Situation, indem er rief: »Partnerwahl für den Ferginny Reel!«
Und das Orchester stürzte sich in die beste aller Reelmelodien, den »Dixie«.
»Was fällt Ihnen ein, mich derart ins Rampenlicht zu zerren, Mr. Butler?«
»Aber meine liebe Mrs. Hamilton, es war so unübersehbar, dass Sie ins Rampenlicht wollten!«
»Wie konnten Sie vor allen Leuten meinen Namen rufen?«
»Sie hätten ja ablehnen können.«
»Aber, ich bin es der Guten Sache doch schuldig, ich – ich konnte doch nicht an mich selber denken, als sie so viel Gold boten. Hören Sie auf zu lachen, alle gucken schon.«
»Die gucken sowieso. Versuchen Sie nicht, mir dieses Gewäsch von der Guten Sache anzudrehen. Sie wollten tanzen, und ich habe Ihnen die Möglichkeit dazu gegeben. Diese Mühle ist die letzte Figur des Reels, oder?«
»Ja, eigentlich muss ich jetzt aufhören und mich hinsetzen.«
»Warum? Bin ich Ihnen auf den Fuß getreten?«
»Nein, aber man wird über mich reden.«
»Geben Sie da wirklich etwas darauf – in Ihrem innersten Herzen?«
»Naja …«
»Begehen Sie etwa ein Verbrechen? Warum wollen Sie nicht den Walzer mit mir tanzen?«
»Aber wenn Mutter je …«
»Immer noch an Mamas Schürzenzipfel.«
»Sie kriegen es doch immer hin, Tugenden blöd klingen zu lassen.«
»Aber Tugenden sind blöd. Macht es Ihnen etwas aus, wenn die Leute reden?«
»Nein, aber – ach, wir wollen nicht darüber sprechen. Gott sei Dank fängt der Walzer an. Nach Reels bin ich immer außer Atem.«
»Weichen Sie nicht meinen Fragen aus. Hat es Ihnen je etwas ausgemacht, was andere Frauen sagen?«
»Oh, wenn Sie mich unbedingt festnageln müssen – nein! Allerdings sollte man sich als Mädchen etwas daraus machen. Aber heute Abend ist es mir egal.«
»Bravo! Jetzt fangen Sie an, selber zu denken, statt andere für sich denken zu lassen. Das sind erste Anzeichen von Klugheit.«
»Oh, aber …«
»Wenn über Sie erst einmal so viel geredet wird wie über mich, dann werden Sie erkennen, wie unwichtig das ist. Denken Sie mal, in ganz Charleston gibt es kein Haus, wo man mich empfängt. Nicht einmal mein Beitrag zu unserer Gerechten und Heiligen Sache löst den Bann.«
»Wie schrecklich!«
»O nein, nicht im Geringsten. Ehe man seinen guten Ruf nicht verloren hat, erkennt man gar nicht, was für eine Belastung er ist und was Freiheit wirklich bedeutet.«
»Das sind skandalöse Aussagen!«
»Skandalös und wahr. Vorausgesetzt, Sie haben genügend Mut – oder Geld –, kommen Sie ohne guten Ruf bestens aus.«
»Mit Geld kann man nicht alles kaufen.«
»Das muss ihnen irgendjemand erzählt haben. Sie würden von allein niemals auf so eine Plattitüde kommen. Was kann man denn nicht kaufen?«
»Ach, ich weiß nicht – jedenfalls nicht Glück oder Liebe.«
»Im Allgemeinen schon. Und wenn nicht, dann kann man ziemlich beachtlichen Ersatz kaufen.«
»Und haben Sie so viel Geld, Mr. Butler?«
»Was für eine ungebührliche Frage, Mrs. Hamilton. Ich bin überrascht. Aber: ja. Für einen Mann, der in frühester Jugend ohne einen Schilling verstoßen wurde, habe ich es recht weit gebracht. Und ich bin sicher, dass ich mit der Blockade eine Million scheffeln werde.«
»O nein!«
»O doch! Den meisten Menschen scheint nicht klar zu sein, dass man an der Vernichtung einer Zivilisation genauso viel verdienen kann wie an ihrem Aufbau.«
»Was soll denn das heißen?«
»Ihre Familie und meine Familie und alle Anwesenden heute Abend sind zu Geld gekommen, indem sie die Wildnis in eine Zivilisation verwandelt haben. Das ist der Aufbau eines Imperiums. So etwas wirft viel Geld ab. Aber noch mehr wirft die Vernichtung eines Imperiums ab.«
»Über was für ein Imperium reden Sie denn?«
»Das, in dem wir leben – der Süden – die Konföderation – das Baumwollimperium – es zerbröckelt unmittelbar unter unseren Füßen. Bloß sehen das die meisten Dummköpfe nicht und ziehen keinen Vorteil aus dem Zusammenbruch. Ich mache ein Vermögen mit der Vernichtung.«
»Dann glauben Sie also wirklich, dass wir unterliegen werden?«
»Ja. Warum sollte man wie ein Vogel Strauß den Kopf in den Sand stecken?«
»Lieber Himmel, mich langweilen solche Sachen. Sagen Sie nie etwas Hübsches, Captain Butler?«
»Würde es Sie freuen, wenn ich sage, dass Ihre Augen zwei Goldfischgläser sind, bis zum Rand mit ganz klarem grünem Wasser gefüllt, und wenn die Fische an die Oberfläche kommen, wie gerade jetzt, sind Sie teuflisch reizvoll?«
»Oh, das gefällt mir nicht … Ist die Musik nicht herrlich? Ach, ich könnte für immer weitertanzen! Ich wusste gar nicht, dass ich das so vermisst habe!«
»Sie sind die schönste Tänzerin, die ich je in den Armen gehalten habe.«
»Captain Butler, Sie dürfen mich nicht so eng halten. Alle gucken schon.«
»Wenn niemand gucken würde, hätten Sie dann auch etwas dagegen?«
»Captain Butler, Sie vergessen sich.«
»Aber nicht eine Minute. Wie könnte ich, mit Ihnen in den Armen? … Was ist das für ein Lied? Das ist neu, oder?«
»Ja. Ist es nicht himmlisch? Das haben wir von den Yankees stibitzt.«
»Wie heißt es?«
»When This Cruel War Is Over.«
»Wie geht der Text? Singen Sie mal.«
Weißt du noch, beim letzten Male
Sahen wir uns hier.
Flehentlich und voller Liebe
Knietest du vor mir.
Standest stolz im grauen Kleide
Dort im Mondenschein,
Schworest, mir und unsrem Lande
Ewig treu zu sein.
Bittre Tränen wein ich,
Möcht vor Schmerz vergehn.
Wenn der schlimme Krieg vorbei ist,
Wolln wir uns wiedersehn.
»Natürlich heißt es ›im blauen Kleide‹, aber das haben wir in Grau umgeändert … Oh, Sie tanzen so gut Walzer, Captain Butler. Die meisten großen Männer können das nicht, wissen Sie. Und zu denken, dass es Jahre dauern wird, bis ich wieder tanzen kann.«
»Es wird nur ein paar Minuten dauern. Ich werde für den nächsten Reel auf Sie bieten – und für den über- und überübernächsten.«
»O nein, das kann ich doch nicht! Das dürfen Sie nicht! Sie ruinieren meinen Ruf.«
»Der ist schon in Fetzen, was spielt da ein weiterer Tanz für eine Rolle? Vielleicht gebe ich den anderen Jungs eine Chance, wenn ich fünf oder sechs gehabt habe, aber ich muss den letzten bekommen.«
»Also gut. Ich weiß, dass ich verrückt bin, aber es ist mir egal. Es ist mir schnurzegal, was die Leute reden. Ich habe es so satt, zuh Hause zu sitzen. Ich werde tanzen und tanzen …«
»Und nicht mehr Schwarz tragen? Ich verabscheue Grabeskrepp.«
»Oh, die Trauer kann ich nicht ablegen – Captain Butler, Sie dürfen mich nicht so eng halten. Sonst werde ich böse.«
»Und Sie sehen phantastisch aus, wenn Sie böse sind. Ich werde Sie noch einmal drücken – jetzt –, nur um zu sehen, ob Sie wirklich böse werden. Sie haben keine Ahnung, wie reizend Sie aussahen an jenem Tag in Twelve Oaks, als Sie böse waren und mit Sachen geschmissen haben.«
»O bitte – können Sie das nicht vergessen?«
»Nein, das ist eine meiner unbezahlbarsten Erinnerungen – eine wohlerzogene Südstaatenschönheit, mit der das irische Temperament durchgeht – Sie sind sehr irisch, wissen Sie.«
»Ach du je, jetzt ist die Musik aus, und da kommt Tante Pittypat aus dem Hinterzimmer. Ich wette, Mrs. Merriwether hat es ihr gesagt. Um Gottes willen, lassen Sie uns rübergehen und aus dem Fenster gucken. Ich will nicht, dass sie mich jetzt entdeckt. Ihre Augen sind so groß wie Untertassen.«
KAPITEL 10
Beim Waffelfrühstück am nächsten Morgen war Pittypat weinerlich, Melanie stumm und Scarlett trotzig.
»Mir macht es nichts aus, wenn sie tratschen. Ich wette, ich habe mehr Geld für das Lazarett verdient als irgendeins der anderen Mädchen – und auch mehr, als das alte Gelumpe eingebracht hat, das wir verkauft haben.«
»Lieber Himmel, was spielt das Geld für eine Rolle?« jammerte Pittypat und rang die Hände. »Ich hab meinen eigenen Augen nicht getraut, und dabei ist der arme Charlie kaum ein Jahr tot … Und dass dieser schreckliche Captain Butler dich so auf den Präsentierteller gehoben hat – er ist eine grässliche, grässliche Person, Scarlett. Mrs. Whitings Cousine, Mrs. Coleman, deren Mann aus Charleston stammte, hat mir von ihm erzählt. Er ist das schwarze Schaf einer guten Familie – mir unbegreiflich, wie die Butlers so jemanden großziehen konnten! Er wird in Charleston nirgendwo empfangen, und er hat einen ganz grauenhaften Ruf – da war etwas mit einem Mädchen – etwas so Schlimmes, dass Mrs. Coleman nicht einmal wusste, worum es ging …«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so schlimm ist«, sagte Melly sanft. »Er kam mir wie ein perfekter Gentleman vor, und denk doch mal, wie tapfer er die Blockade durchbrochen hat …«
»Er ist nicht tapfer«, sagte Scarlett störrisch und goss sich das halbe Kännchen Sirup über die Waffeln. »Er macht das bloß fürs Geld, hat er mir gesagt. Er gibt keinen Pfifferling auf die Konföderation, und er sagt, wir werden unterliegen. Aber er tanzt wie ein Gott.«
Ihre Zuhörerinnen waren sprachlos vor Entsetzen.
»Ich habe es satt, zu Hause zu sitzen, und ich mache das auch nicht mehr. Wenn sie sich gestern Abend alle den Mund über mich zerrissen haben, dann ist mein Ruf sowieso ruiniert, und es ist egal, was sie sonst noch sagen.«
Sie merkte nicht, dass sie damit Rhett Butlers Meinung wiederholte. So flott kam es ihr über die Lippen und so gut passte es zu ihren eigenen Gedanken.
»Oh, was wird deine Mutter sagen, wenn sie davon erfährt? Was wird sie von mir denken?«
Scarlett schlug das Gewissen, als sie sich Ellens Reaktion vorstellte, sollte sie je erfahren, wie skandalös sich ihre Tochter aufgeführt hatte. Aber dann dachte sie an die fünfundzwanzig Meilen zwischen Atlanta und Tara und fasste wieder Mut. Miss Pitty würde es Ellen ganz gewiss nicht erzählen. Das würde sie als Anstandsdame in zu schlechtes Licht setzen. Und wenn Pitty nicht plauderte, dann war Scarlett sicher.
»Ich glaube …«, sagte Pitty, »ja, ich glaube, ich sollte Henry einen Brief schreiben – sosehr es mir auch widerstrebt – aber er ist unser einziger männlicher Verwandter, und ich sollte ihn dazu bringen, dass er Captain Butler zur Rede stellt. – Ach Gott, wenn doch Charlie noch am Leben wäre. – Du darfst nie, nie wieder mit diesem Mann sprechen, Scarlett.«
Melanie hatte mit den Händen im Schoß still dagesessen, während die Waffeln auf ihrem Teller kalt wurden. Nun stand sie auf, stellte sich hinter Scarlett und legte ihr die Arme um den Hals.
»Liebste«, sagte sie, »sei ganz ruhig. Ich verstehe dich, du hast gestern Abend etwas Mutiges getan, und das wird dem Lazarett sehr helfen. Und wenn irgendwer wagt, auch nur ein Wort über dich zu sagen, dann kriegt er es mit mir zu tun … Tante Pitty, nicht weinen. Es war schlimm für Scarlett, dass sie nirgends hingehen konnte. Sie ist eben noch ein Kind.« Ihre Finger spielten in Scarletts schwarzem Haar. »Und vielleicht wäre es für uns alle besser, wenn wir gelegentlich zu Partys gehen würden. Vielleicht war es sehr egoistisch von uns, dass wir uns hier mit unserem Gram eingeschlossen haben. Kriegszeiten sind nicht wie andere Zeiten. Wenn ich an all die Soldaten in der Stadt denke, so weit weg von zu Hause und ohne Freunde, die sie abends besuchen können – und an die im Lazarett, denen es schon so gut geht, dass sie aufstehen können, aber nicht gut genug, um in die Armee zurückzukehren! – Nein wirklich, wir sind egoistisch gewesen. Wir sollten ab sofort drei Rekonvaleszenten in unserem Haus haben, wie alle anderen Leute, und jeden Sonntag ein paar Soldaten zum Dinner einladen. Komm, Scarlett, sei nicht traurig. Die Leute werden schon nicht reden, wenn sie es verstehen. Wir wissen doch, dass du Charlie geliebt hast.«
Scarlett war weit davon entfernt, traurig zu sein, und Melanies weiche Hände in ihrem Haar machten sie nervös und ärgerlich. Sie hätte sich am liebsten losgerissen und »Papperlapapp« gesagt, denn sie wärmte sich immer noch an der Erinnerung, wie die Bürgerwehr und die Miliz und die Soldaten aus dem Lazarett am vergangenen Abend darum gewetteifert hatten, mit ihr zu tanzen. Von allen Menschen auf der Welt wollte sie Melly am wenigsten als Verteidigerin haben, vielen Dank. Sie konnte sich selbst verteidigen, und wenn die alten Hexen zetern wollten – na schön, sie kam ganz gut ohne die alten Hexen aus. Es gab zu viele sympathische Offiziere auf der Welt, als dass sie sich um das Geschwätz alter Weiber scheren wollte.
Pittypat tupfte sich bei Melanies beschwichtigenden Worten die Augen, als plötzlich Prissy mit einem dicken Brief hereinkam.
»Für Sie, Miss Melly. Hat ’n kleiner Sklavenjunge gebracht.«
»Für mich?« sagte Melly erstaunt und riss den Umschlag auf.
Scarlett machte sich über ihre Waffeln her und bemerkte zunächst nichts, bis Melly in Tränen ausbrach. Als sie aufblickte, griff sich Tante Pittypat ans Herz.
»Ashley ist tot«, kreischte Pittypat, warf den Kopf zurück und ließ ihre Arme erschlaffen.
»O mein Gott!« rief Scarlett, der das Blut gefror.
»Nein! Nein!« rief Melanie. »Rasch! Ihr Riechsalz, Scarlett! Komm, komm, Liebste, geht es besser? Tief atmen! Nein, es ist nicht wegen Ashley. Es tut mir so leid, dass ich dich erschreckt habe. Ich musste weinen, weil ich so glücklich bin.« Und plötzlich öffnete sie ihre Faust und presste einen Gegenstand an die Lippen. »Ich bin so glücklich.« Und wieder brach sie in Tränen aus.
Scarlett konnte flüchtig einen breiten Goldring erkennen.
»Lies«, sagte Melly und deutete auf den Brief, der zu Boden gefallen war. »Oh, wie nett, wie liebenswürdig von ihm!«
Scarlett hob verdutzt das Blatt hoch, auf dem in kühner, schwarzer Schrift geschrieben stand: »Die Konföderation braucht vielleicht das Lebensblut ihrer Männer, aber sie verlangt noch nicht das Herzblut ihrer Frauen. Nehmen Sie, gnädige Frau, dies Zeichen meiner Verehrung für Ihren Mut und fürchten Sie nicht, Ihr Opfer sei vergeblich gewesen, denn dieser Ring ist zum Zehnfachen seines Werts ausgelöst worden. Captain Rhett Butler.«
Melanie schob den Ring auf ihren Finger und betrachtete ihn liebevoll.
»Ich habe dir doch gesagt, dass er ein Gentleman ist«, sagte sie zu Pittypat, und ein Lächeln strahlte durch die Tränen auf ihrem Gesicht. »Nur ein vornehmer und aufmerksamer Gentleman konnte darauf kommen, dass es mein Herz gebrochen hat, den … Ich schicke meine Goldkette stattdessen. Tante Pittypat, du musst ihm eine Karte schreiben und ihn für Sonntag zum Dinner einladen, damit ich ihm danken kann.«
In der Aufregung schien keiner der beiden aufzufallen, dass Captain Butler nicht auch Scarletts Ring zurückgeschickt hatte. Aber sie merkte es und war verärgert. Denn sie wusste, dass nicht Captain Butlers Vornehmheit ihn zu einer solch ritterlichen Geste bewegt hatte. Vielmehr wollte er in Tante Pittypats Haus gebeten werden, und er hatte die sicherste Methode gewählt, um eine Einladung zu bekommen.
»Die Nachricht von Deinem jüngsten Auftreten hat mich über die Maßen betrübt«, begann Ellens Brief, und Scarlett, die ihn am Esstisch las, blickte finster drein. Schlechte Neuigkeiten reisten offensichtlich sehr schnell. Sie hatte in Charleston und Savannah oft sagen hören, dass die Leute in Atlanta mehr tratschten und sich mehr in die Angelegenheiten anderer einmischten als alle übrigen Südstaatler, und nun glaubte sie es. Der Basar hatte Montag Abend stattgefunden, und heute war erst Donnerstag. Welche der alten Hexen hatte sich aufgeworfen, an Ellen zu schreiben? Einen Augenblick lang hatte sie Tante Pittypat in Verdacht, ließ diesen Gedanken aber rasch wieder fallen. Die arme Pittypat hatte vor Angst geschlottert, dass man ihr die Schuld an Scarletts unbekümmertem Verhalten geben könnte, und sie wäre die letzte gewesen, die Ellen von ihrer eigenen ungenügenden Aufsicht berichtet hätte. Vermutlich war es Mrs. Merriwether.
»Es fällt mir schwer zu glauben, dass Du Dich und Deine Erziehung so vergessen konntest. Ich übergehe die Ungehörigkeit, sich in der Trauerzeit in Gesellschaft zu zeigen, denn ich verstehe Deinen tiefen Wunsch, dem Lazarett zu helfen. Aber zu tanzen, und dazu noch mit einem Mann wie Captain Butler! Ich habe viel über ihn gehört (wer hat das nicht?) und Pauline hat mir erst letzte Woche geschrieben, dass er einen schlimmen Leumund hat und nicht einmal von seiner eigenen Familie in Charleston empfangen wird, außer natürlich von seiner unglücklichen Mutter. Er ist ein durch und durch schlechter Charakter, der Deine Jugend und Unschuld ausgenutzt hat, um Dich und Deine Familie öffentlich zu kompromittieren. Wie konnte Miss Pittypat ihre Pflichten Dir gegenüber nur so vernachlässigen?«
Scarlett blickte über den Tisch zu ihrer Tante hinüber. Die alte Dame hatte Ellens Handschrift erkannt, und ihr dickes Mündchen war ängstlich verzogen wie bei einem kleinen Kind, das fürchtet, gescholten zu werden, und hofft, dies mit Weinen abzuwenden.
»Es bricht mir das Herz, dass Du anscheinend Deine Erziehung so schnell vergessen hast. Ich habe schon daran gedacht, Dich sofort nach Hause zu rufen, aber ich werde das dem Gutdünken Deines Vaters überlassen. Er wird Freitag in Atlanta sein, um mit Captain Butler zu sprechen und Dich nach Hause zurückzuholen. Ich fürchte, er wird trotz meiner Bitten streng zu Dir sein. Ich hoffe und bete, dass es lediglich Jugend und Gedankenlosigkeit waren, die ein solch dreistes Verhalten befördert haben. Niemand kann mehr als ich wünschen, unserer Guten Sache zu dienen, und ich möchte, dass meine Tochter genauso empfindet, aber Schande …«
Es folgte noch mehr dieser Art, aber Scarlett las nicht weiter. Ausnahmsweise hatte sie richtige Angst. Sie fühlte sich nicht mehr unbekümmert und aufbegehrend. Sie fühlte sich genauso jung und schuldig wie damals, als sie mit zehn Jahren Suellen bei Tisch mit einem gebutterten Biskuit beworfen hatte. Allein der Gedanke, dass ihre sanfte Mutter sie so scharf tadelte und ihr Vater in die Stadt kam, um mit Captain Butler zu reden! Der wahre Ernst der Angelegenheit wurde ihr allmählich bewusst. Gerald würde streng sein. Dieses Mal würde sie sich ihrer Strafe nicht entwinden können, indem sie sich auf seinen Schoß setzte und niedlich und keck war.
»Keine … keine schlechten Neuigkeiten?« fragte Pittypat bebend.
»Pa kommt morgen, und er wird sich auf mich stürzen wie eine Ente auf einen Junikäfer«, sagte Scarlett bekümmert.
»Prissy, such mein Riechsalz«, hauchte Pitty und schob ihren Stuhl von ihrer halbgegessenen Mahlzeit zurück. »Ich – ich fühle mich schwach.«
»Es is in Ihrer Rocktasche«, sagte Prissy, die hinter Scarletts Rücken stand und das aufregende Drama mit Interesse verfolgte. Wenn Mister Gerald in Wut geriet, war das immer aufregend, vorausgesetzt, die Wut richtete sich nicht gegen ihren Krauskopf. Pitty wühlte in ihren Rockfalten und hielt sich die Flasche unter die Nase.
»Ihr müsst mir alle beistehen und dürft mich keine Minute mit ihm allein lassen«, rief Scarlett. »Er mag euch beide so gern, und wenn ihr bei mir seid, kann er sich nicht so über mich aufregen.«
»Das schaffe ich nicht«, sagte Pittypat matt und erhob sich. »Ich – ich fühle mich krank. Ich muss mich hinlegen. Ich werde morgen den ganzen Tag liegen bleiben. Ihr müsst mich bei ihm entschuldigen.«
Feigling! dachte Scarlett und sah sie finster an.
Melly warf sich in die Bresche, obwohl sie bleich und ängstlich war bei der Vorstellung, dem feuerfressenden Mr. O’Hara entgegenzutreten. »Ich – ich werde dir helfen zu erklären, dass du es für das Lazarett gemacht hast. Das wird er gewiss verstehen.«
»Nein, das wird er nicht«, sagte Scarlett. »Und ich werde sterben, wenn ich mit Schande bedeckt nach Tara zurückmuss, wie Mutter droht.«
»Oh, du kannst nicht nach Hause fahren«, rief Pittypat und brach in Tränen aus. »Dann bin ich ja gezwungen – jawohl, gezwungen, Henry zu bitten, dass er zu uns zieht, und ihr wisst, dass ich mit Henry nicht zusammenleben kann. Ich bin nachts so nervös, wenn nur Melly im Haus ist, wo sich doch so viele fremde Männer in der Stadt aufhalten. Du bist so mutig, dass es mir nichts ausmacht, ohne Mann hier zu sein.«
»Aber er kann dich doch nicht nach Tara mitnehmen!« sagte Melly und sah aus, als würde auch sie im nächsten Augenblick anfangen zu weinen. »Du bist doch jetzt hier zu Hause. Was sollten wir denn ohne dich tun?«
Du würdest liebend gerne auf mich verzichten, wenn du wüsstest, was ich von dir denke, dachte Scarlett verdrießlich und wünschte sich jemand anderen als Melanie, der ihr gegen Geralds Zorn beistehen könnte. Es war abscheulich, von jemandem verteidigt zu werden, gegen den man eine solche Abneigung empfand.
»Vielleicht sollten wir unsere Einladung an Captain Butler zurücknehmen …«, begann Pittypat.
»Oh, das geht nicht! Das wäre der Gipfel der Unhöflichkeit!« rief Melly verzweifelt.
»Hilf mir ins Bett. Ich werde krank«, stöhnte Pittypat. »O Scarlett, wie konntest du mir das antun?«
Pittypat lag krank im Bett, als Gerald am folgenden Nachmittag ankam. Sie schickte ihm zahlreiche Botschaften des Bedauerns aus ihrem geschlossenen Zimmer und überließ es den beiden verängstigten Mädchen, über den Abendbrottisch zu präsidieren. Gerald schwieg unheilvoll, auch wenn er Scarlett einen Kuss gab und Melanie wohlwollend in die Wange kniff und sie mit »Cousine Melly« anredete. Scarlett hätte donnernde Flüche und Vorwürfe bei weitem vorgezogen. Ihrem Versprechen getreu hing Melanie an Scarletts Röcken wie ein kleiner, eiliger Schatten, und Gerald war zu sehr Gentleman, um seine Tochter vor ihr zur Rede zu stellen. Scarlett musste zugeben, dass Melanie ihre Sache sehr gut machte. Sie tat so, als hätte sie keine Ahnung, dass irgendetwas nicht stimmte, und es gelang ihr sogar, nachdem das Essen serviert war, Gerald in ein Gespräch zu verwickeln.
»Ich will alles über das County wissen«, sagte sie und strahlte ihn an. »India und Honey sind solch schlechte Briefschreiberinnen, und Sie wissen doch alles, was dort unten passiert. Bitte erzählen Sie uns von Joe Fontaines Hochzeit!«
Gerald erwies sich als empfänglich für ihre Schmeicheleien und berichtete, die Hochzeit sei eine stille Angelegenheit gewesen, »nicht wie ihr Mädels eine hattet«, denn Joe hatte nur ein paar Tage freibekommen. Sally, der kleine Monroe-Fratz, habe sehr hübsch ausgesehen. Nein, er konnte sich nicht an ihr Kleid erinnern, aber er hatte gehört, dass sie kein »Kleid für den zweiten Tag« gehabt habe.
»Was!« riefen die Mädchen ungläubig.
»Klar, weil sie keinen zweiten Tag hatte«, erklärte Gerald und brüllte vor Lachen, bis ihm einfiel, dass solche Bemerkungen sich vielleicht für weibliche Ohren nicht schickten. Scarletts Lebensgeister erwachten bei seinem Lachen wieder, und sie segnete Melanies Takt.
»Gleich am nächsten Tag ist Joe nach Virginia zurück«, fügte Gerald hastig hinzu. »Es gab keine Besuchsrunde und auch keine Tanzerei hinterher. Die Tarleton-Zwillinge sind zu Hause.«
»Das haben wir gehört. Geht es ihnen besser?«
»Sie waren nicht schlimm verwundet. Stuart hat es am Knie erwischt, und Brent hatte einen Schulterdurchschuss von einem Minié-Geschoss. Ihr habt wohl auch gehört, dass beide im Kriegsbericht wegen Tapferkeit erwähnt worden sind?«
»Nein! Das müssen Sie uns erzählen!«
»Verrückt – alle beide. Ich glaube, da ist was Irisches dabei«, sagte Gerald selbstgefällig. »Ich weiß nicht mehr, was sie gemacht haben, aber Brent ist jetzt Leutnant.«
Scarlett freute sich über ihre Heldentaten, freute sich mit einem gewissen Besitzerstolz. War ein Mann einmal ihr Verehrer gewesen, blieb er ihrer Überzeugung nach ihr Eigentum, und all seine guten Taten machten ihr Ehre.
»Und ich habe Neuigkeiten, da werdet ihr beide staunen«, sagte Gerald. »Es heißt, Stu hat sich wieder aufs Liebeswerben in Twelve Oaks verlegt.«
»Honey oder India?« fragte Melly neugierig, während Scarlett fast missmutig blickte.
»Miss India natürlich. Hatte sie ihn nicht schon so gut wie sicher, bis dieses Balg von mir ihm zugeblinzelt hat?«
»Oh«, sagte Melly etwas verlegen angesichts seiner unverblümten Ausdrucksweise.
»Und zudem hat der junge Brent angefangen, sich in Tara rumzutreiben. Also!«
Scarlett war sprachlos. Die Treulosigkeit ihrer Verehrer war fast beleidigend. Vor allem wenn sie daran dachte, wie die beiden sich aufgeführt hatten, als sie ihnen ihre Absicht, Charles zu heiraten, mitteilte. Stuart hatte sogar gedroht, er würde Charles erschießen oder Scarlett oder sich selbst oder alle drei. Es war hoch hergegangen.
»Suellen?« fragte Melly und lächelte erfreut. »Aber ich dachte, Mr. Kennedy …«
»Ach der?« sagte Gerald. »Frank Kennedy schleicht immer noch wie die Katze um den heißen Brei und fürchtet sich vor seinem eigenen Schatten. Ich frage ihn demnächst mal nach seinen Plänen, wenn er den Mund nicht von selber aufkriegt. Nein, die Kleine ist es.«
»Carreen?«
»Sie ist doch noch ein Kind!« fauchte Scarlett, die ihre Sprache wiedergefunden hatte.
»Sie ist gerade mal ein Jahr jünger als du, Miss, als du geheiratet hast«, erwiderte Gerald. »Heißt das, du missgönnst deiner Schwester deinen alten Verehrer?«
Melly wurde rot, denn sie war solche Direktheit nicht gewohnt, und gab Peter ein Zeichen, den Süßkartoffel-Pie aufzutragen. Fieberhaft suchte sie nach irgendeinem anderen Gesprächsthema, das nicht so persönlich, aber doch geeignet war, um Mr. O’Hara vom Zweck seiner Reise abzulenken. Es fiel ihr nichts ein, aber nachdem Gerald einmal in Fahrt war, brauchte er keinen weiteren Ansporn außer einem Publikum. Er redete über die räuberische Requirierungsbehörde, die jeden Monat dreister wurde, die schurkische Dummheit von Jefferson Davis und über die ehrlosen Iren, die sich mit Handgeld in die Yankee-Armee locken ließen.
Als der Wein auf dem Tisch stand und die beiden Mädchen sich erhoben, um ihn allein zu lassen, sah Gerald seine Tochter unter zusammengezogenen Brauen streng an und verlangte, ein paar Minuten mit ihr allein zu sprechen. Scarlett warf einen verzweifelten Blick auf Melly, die hilflos ihr Taschentuch knetete und im Hinausgehen leise die Schiebetür zuzog.
»So, kleine Miss!« brüllte Gerald und goss sich ein Glas Portwein ein. »Da hast du dich ja mal fein benommen! Versuchst du dir einen neuen Ehemann zu angeln, kaum dass du Witwe bist?«
»Nicht so laut, Pa, die Dienstboten …«
»Die wissen das sowieso schon, alle Leute wissen von deiner Schande. Und deine arme Mutter hat sich deswegen ins Bett legen müssen, und ich kann mich nirgendwo mehr blicken lassen. Das ist schandbar. Nein, Puss, du brauchst nicht glauben, dass du mich diesmal mit Tränen rumkriegst«, sagte er schnell und mit banger Stimme, als Scarletts Lider zu flattern und ihr Mund zu zittern begann. »Ich kenne dich. Du würdest sogar bei der Totenwache deines Mannes flirten. Nicht weinen! Also, ich sage heute Abend nichts mehr, denn ich gehe noch zu diesem feinen Captain Butler, der mit der Reputation meiner Tochter so achtlos umgeht. Aber morgen früh – Komm jetzt, nicht weinen! Das nutzt dir nichts, gar nichts. Ich bin entschlossen, und du kommst morgen mit nach Tara, bevor du uns allen noch mal Schande machst. Nicht weinen, Kind. Schau, was ich dir mitgebracht habe! Ist das nicht ein hübsches Geschenk? Hier, schau! Wie kannst du mir so viele Umstände machen und mich den ganzen Weg hierher fahren lassen, wo ich so viel zu tun habe? Nicht weinen!«
Melanie und Pittypat waren schon vor Stunden schlafen gegangen, aber Scarlett lag mit schwerem, ängstlichem Herzen in der warmen Dunkelheit wach. Atlanta zu verlassen, wo das Leben gerade erst wieder angefangen hatte, und Ellen gegenüberzutreten! Sie würde lieber sterben, als ihrer Mutter unter die Augen zu kommen. Sie wünschte sich, tot zu sein, jetzt sofort, dann würde es allen leidtun, dass sie so gemein gewesen waren. Sie wälzte sich auf dem heißen Kissen hin und her, bis von ganz hinten auf der stillen Straße ein Geräusch an ihre Ohren drang. Es war ein merkwürdig vertrautes Geräusch, so undeutlich und verschwommen es auch klang. Sie schlüpfte aus dem Bett und trat ans Fenster. Die von Bäumen überwölbte Straße lag unter dem dämmrigen Sternenhimmel in tiefem, samtenen Schwarz. Das Geräusch kam näher, der Klang von Wagenrädern, Hufgetrappel und Stimmen. Und plötzlich musste sie schmunzeln, denn es erreichte sie eine wohlbekannte Stimme, stark gefärbt vom irischen Akzent und vom Whisky, die Peg in a Low-Backed Car sang. Hier war zwar nicht Jonesboro am Gerichtstag, aber Gerald kam in genau dem gleichen Zustand nach Hause.
Die dunkle Silhouette eines Einspänners hielt vor dem Haus und undeutliche Gestalten stiegen aus. Jemand war bei ihm. Zwei Gestalten blieben am Gartentor stehen, sie hörte den Riegel klappern, und deutlich ertönte Geralds Stimme:
»Jetzt sing ich dir noch das Lament for Robert Emmet. Das Lied solltest du kennen, mein Junge. Ich bring’s dir bei.«
»Ich möchte es gerne lernen«, erwiderte sein Kumpan mit einem Hauch Belustigung in seinem flachen, gedehnten Tonfall. »Aber nicht jetzt, Mr. O’Hara.«
O mein Gott, es ist dieser grässliche Butler! dachte Scarlett zunächst verärgert. Doch dann schöpfte sie Mut. Zumindest hatten sie sich nicht gegenseitig erschossen. Und sie mussten auf freundschaftlichem Fuß stehen, wenn sie zu dieser Stunde und in diesem Zustand zusammen nach Hause kamen.
»Ich werd es aber singen und du wirst mir zuhören, sonst erschieß ich dich, weil du so ’n Oranier bist.«
»Kein Oranier – ein Charlestonianer.«
»Das ist auch nicht besser. Das ist sogar schlimmer. Ich hab zwei Schwägerinnen in Charleston, ich kenn mich aus.«
Will er das der gesamten Nachbarschaft erzählen? dachte Scarlett entsetzt und griff nach ihrem Umhängetuch. Aber was konnte sie tun? Sie konnte um diese nächtliche Stunde nicht hinuntergehen und ihren Vater von der Straße hereinschleppen.
Ohne weitere Warnung warf Gerald, der sich am Tor festhielt, den Kopf zurück und begann in seinem röhrenden Bass das Lament zu schmettern. Scarlett stützte die Ellbogen auf das Fensterbrett und hörte widerwillig lächelnd zu. Es hätte ein wunderschönes Lied sein können, wenn ihr Vater nur die Töne getroffen hätte. Es war eins ihrer Lieblingslieder, und für einen Augenblick überließ sie sich der zarten Melancholie der Verse:
Sie ist ferne dem Land, wo ihr junger Held ruht,
Und Freier bedrängen sie seufzend.
Das Lied ging weiter, und in den Zimmern von Pittypat und Melly rührte sich etwas. Die Armen, sie würden sich sicherlich echauffieren. Sie waren an Vollblutmänner wie Gerald nicht gewöhnt. Als das Lied zu Ende war, verschmolzen die beiden Gestalten zu einer, kamen den Weg herauf und erklommen die Stufen. Es folgte ein leises Klopfen an der Tür.
»Ich fürchte, ich muss hinuntergehen«, dachte Scarlett. »Schließlich ist er mein Vater, und die arme Pitty würde eher sterben, als aufzustehen.« Außerdem wollte sie nicht, dass die Dienstboten Gerald in diesem Zustand sahen. Und wenn Peter versuchte, ihn ins Bett zu bringen, würde Gerald vielleicht ungebärdig. Pork war der einzige, der mit ihm umgehen konnte.
Sie schloss ihr Umhängetuch mit einer Anstecknadel dicht am Hals, zündete ihre Nachtkerze an und eilte die dunkle Treppe hinunter in die Halle. Dort stellte sie die Kerze auf den Ständer, schloss die Tür auf und erblickte im flackernden Licht Rhett Butler, geschniegelt und gebügelt, der ihren kleinen untersetzten Vater stützte. Das Lament war offensichtlich sein Schwanengesang gewesen, denn er hing seinem Kumpan im Arm. Sein Hut war fort, seine langen Locken waren zerzaust und formten eine weiße Mähne, seine Krawatte hing unter einem Ohr, und über seine Hemdbrust zogen sich Schnapsflecken.
»Ihr Vater, nehme ich an?« sagte Captain Butler, und seine Augen funkelten amüsiert aus dem dunklen Gesicht. Mit einem Blick, der ihr Umhängetuch zu durchdringen schien, weidete er sich an ihrem Négligé.
»Bringen Sie ihn herein«, sagte sie kurz, beschämt über ihren Aufzug und wütend auf Gerald, dass er sie in eine so unwürdige Lage gebracht hatte.
Rhett schob Gerald vorwärts. »Soll ich Ihnen helfen, ihn nach oben zu bringen? Sie können das nicht schaffen. Er ist ziemlich schwer.«
Der Mund blieb ihr offen stehen vor Schreck über diesen unverschämten Vorschlag. Man stelle sich nur vor, was Pittypat und Melly, die angstschlotternd in ihren Betten saßen, denken würden, wenn Captain Butler nach oben käme!
»Heilige Muttergottes, nein! Hier in den Salon aufs Kanapee!«
»Soll ich ihm die Stiefel ausziehen?«
»Nein. Er hat schon öfter damit geschlafen.«
Sie hätte sich die Zunge abbeißen können für diesen Lapsus, denn er lachte leise, während er Geralds Beine übereinanderlegte.
»Jetzt gehen Sie bitte!«
Er ging in die halbdunkle Halle und hob den Hut auf, den er auf der Schwelle hatte fallen lassen.
»Wir sehen uns Sonntag beim Dinner«, sagte er, ging hinaus und schloss die Tür lautlos hinter sich.
Scarlett stand um halb sechs in der Frühe auf, ehe die Dienstboten über den Hof kamen, um Frühstück zu machen, und schlich die Treppe hinunter ins stille Erdgeschoss. Gerald war wach und saß auf dem Kanapee. Seine Hände krallten sich in seinen runden Kopf, als wollte er ihn zwischen den Handflächen zerdrücken. Bei ihrem Eintreten blickte er verstohlen auf. Die Augenbewegung verursachte ihm unerträgliche Schmerzen, und er stöhnte.
»Was für ’n Tag!«
»Du hast dich ja schön aufgeführt, Pa«, zischte sie wütend. »Zu so später Stunde heimkommen und dann noch alle Nachbarn mit deinem Singen wecken.«
»Ich hab gesungen?«
»Gesungen! Du hast mit deinem Lament die Toten aufgeweckt.«
»Kann ich mich gar nicht dran erinnern.«
»Die Nachbarn werden sich ihr Leben lang daran erinnern und Miss Pittypat und Melanie ebenfalls.«
»Mutter der Schmerzen«, ächzte Gerald und fuhr sich mit seiner pelzigen Zunge über die ausgetrockneten Lippen. »Ich kann mich nur an wenig erinnern, nachdem das Spiel losging.«
»Spiel?«
»Dieses Butlerbürschchen hat geprahlt, er wäre der beste Pokerspieler in …«
»Wie viel hast du verloren?«
»Na, ich habe natürlich gewonnen. Ein oder zwei Drinks kommen meinem Spiel sehr zugute.«
»Schau in deine Brieftasche.«
Als müsste er bei jeder Bewegung Höllenqualen aushalten, holte Gerald die Brieftasche aus seinem Jackett und öffnete sie. Sie war leer, und er betrachtete sie in hoffnungslosem Unverständnis.
»Fünfhundert Dollar«, sagte er. »Damit sollte ich Sachen für Mrs. O’Hara von den Blockadebrechern kaufen, und jetzt hab ich nicht mal mehr das Fahrgeld bis Tara.«
Während Scarlett empört die Brieftasche anschaute, kam ihr plötzlich ein Gedanke, der rasch Form annahm.
»Ich kann mich in dieser Stadt nicht mehr blicken lassen«, begann sie. »Du hast Schande über uns alle gebracht.«
»Halt den Mund, Puss. Siehst du nicht, dass mir der Kopf platzt?«
»Betrunken mit einem Mann wie Captain Butler nach Hause kommen und so laut grölen, dass es alle hören, und das ganze Geld verlieren.«
»Der Mann ist zu geschickt mit den Karten, um Gentleman zu sein. Er …«
»Was wird Mutter sagen, wenn sie das erfährt?«
Er blickte bestürzt auf.
»Du wirst das doch deiner Mutter nicht erzählen und ihr Kummer machen, oder?«
Scarlett schürzte schweigend die Lippen.
»Denk mal, wie weh ihr das tun würde, und dabei ist sie doch so fein.«
»Und du hast dir gestern Abend rausgenommen zu sagen, ich hätte Schande über die Familie gebracht. Ich mit meinem armseligen kleinen Tänzchen, um Geld für die Soldaten zu sammeln. Oh, ich könnte heulen.«
»Bitte nicht«, flehte Gerald. »Das wäre mehr, als mein armer Kopf ertragen kann, und der ist schon jetzt am Platzen.«
»Und du hast gesagt, ich …«
»Komm, komm, Puss, nimm’s nicht so schwer, was dein armer alter Vater gesagt hat, wo er es doch gar nicht gemeint hat und auch nicht wusste, worum es geht. Sicher bist du ein feines Mädchen und meinst es gut, ganz sicher.«
»Und du wolltest mich mit Schande bedeckt nach Hause holen.«
»Ach Kind, das würde ich doch nie machen. Ich wollte dich bloß aufziehen. Du wirst doch das mit dem Geld deiner Mutter nicht verraten, wo sie sowieso schon so nervös ist wegen der Ausgaben.«
»Nein«, sagte Scarlett unverblümt, »das mache ich nicht, wenn du mich hierbleiben lässt und Mutter sagst, dass alles bloß Tratsch von alten Hexen war.«
Gerald sah seine Tochter traurig an.
»Das ist ja reine Erpressung.«
»Und das letzte Nacht war ein reiner Skandal.«
»Naja«, begann er begütigend, »wir vergessen das Ganze. Aber glaubst du, eine feine Dame wie Miss Pittypat hat vielleicht so was wie Brandy im Haus? Einen Schluck gegen den Kater …?«
Scarlett schlich auf Zehenspitzen durch die stille Halle ins Esszimmer, um die Brandyflasche zu holen, die sie und Melly hinter Pittypats Rücken die »Ohnmachtsflasche« nannten, weil Pitty immer einen Schluck daraus nahm, wenn ihr Herzflattern sie tatsächlich oder scheinbar in Ohnmacht fallen ließ. Triumph stand ihr ins Gesicht geschrieben und keine Spur von Scham für ihr respektloses Verhalten gegenüber Gerald. Nun würde Ellen mit Lügen beruhigt werden, wenn noch eine weitere Wichtigtuerin ihr schrieb. Nun konnte sie in Atlanta bleiben. Sie konnte nun beinahe tun, was sie wollte, da Pittypat eine so schwache Person war. Sie schloss das Flaschenschränkchen auf und blieb einen Augenblick lang stehen, Flasche und Glas an die Brust gedrückt.
Sie sah eine lange Reihe von Picknicks am plätschernden Peachtree Creek und Barbecues am Stone Mountain, Empfänge und Bälle, Tanztees, Kutschfahrten und Sonntagabendbuffets vor sich. Sie würde dabei sein, im Herzen der Ereignisse, mitten zwischen Männern. Und die Männer verliebten sich so leicht, wenn man ihnen im Lazarett etwas Gutes tat. Jetzt würde ihr das Lazarett nicht mehr so zuwider sein. Die Männer waren nach einer Krankheit so leicht erregbar. Sie fielen einem schlauen Mädchen in die Hände, genau wie die reifen Pfirsiche in Tara, wenn man die Bäume sanft schüttelte.
Mit dem belebenden Trunk kehrte sie zu ihrem Vater zurück und dankte dem Himmel, dass der berühmte O’Hara-Dickschädel das Trinkgelage der vergangenen Nacht nicht unbeschadet überstanden hatte. Und plötzlich fragte sie sich, ob dabei Rhett Butler die Hand im Spiel gehabt hatte.
KAPITEL 11
Eines Nachmittags in der folgenden Woche kam Scarlett erschöpft und gereizt vom Lazarett nach Hause. Sie war den ganzen Vormittag auf den Beinen gewesen und müde, und außerdem ärgerte sie sich über Mrs. Merriwether, die sie scharf zurechtgewiesen hatte, als sie sich bei einem Soldaten aufs Bett setzte, um ihm den Arm zu verbinden. Tante Pitty und Melanie standen aufgeputzt in ihren besten Hauben mit Wade und Prissy auf der Veranda, um ihre wöchentliche Besuchsrunde zu machen. Scarlett erklärte sich außerstande, sie zu begleiten, und ging hinauf in ihr Zimmer.
Als der Klang der Wagenräder erstorben und die Luft rein war, schlich sie in Melanies Zimmer und schloss von innen ab. Es war ein penibel aufgeräumter, jungfräulicher Raum, der still und warm in den schrägen Strahlen der Nachmittagssonne lag. Der gebohnerte Boden war, abgesehen von ein paar bunten Flickenteppichen, nackt und die weißen Wände ohne Schmuck, bis auf eine Ecke, wo Melanie einen Schrein errichtet hatte.
Hier hing unter einer Konföderiertenfahne der Säbel mit dem goldenen Griff, den Melanies Vater im Mexikanischen Krieg getragen hatte und mit dem Charles ins Feld gezogen war. Auch Charles’ Schärpe und sein Pistolengürtel hingen hier, mit dem Revolver noch im Halfter. Zwischen dem Säbel und der Pistole befand sich eine Daguerreotypie von Charles selbst: Sehr steif und stolz in der grauen Uniform schaute er mit seinen großen, leuchtend braunen Augen aus dem Rahmen, ein schüchternes Lächeln auf den Lippen.
Scarlett würdigte das Bild keines Blickes, sondern ging ohne Zögern zum Tisch neben dem schmalen Bett, auf dem ein quadratischer Schreibkasten aus Rosenholz stand. Ihm entnahm sie ein mit blauem Band verschnürtes Päckchen von Briefen, die in Ashleys Handschrift an Melanie adressiert waren. Obenauf lag der Brief, der an diesem Morgen angekommen war, und Scarlett öffnete ihn.
Als Scarlett damit anfing, heimlich diese Briefe zu lesen, hatte sie vor schlechtem Gewissen und vor Angst, erwischt zu werden, so gezittert, dass sie die Umschläge kaum öffnen konnte. Doch inzwischen war ihr ohnehin nicht sonderlich ausgeprägtes Schamgefühl durch Wiederholung abgestumpft, und selbst die Angst vor Entdeckung war verflogen. Nur gelegentlich sank ihr Mut, wenn sie dachte: Was würde wohl Mutter sagen, wenn sie das erführe? Sie wusste, dass Ellen sie lieber tot sähe als zu einer solchen Schandtat fähig. Das hatte Scarlett zunächst belastet, denn sie wollte immer noch in jeder Beziehung ihrer Mutter gleichen, aber die Versuchung, die Briefe zu lesen, war zu groß, und so schlug sie sich den Gedanken an Ellen aus dem Sinn. Sie war in letzter Zeit sehr geschickt darin geworden, unangenehme Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen. Sie hatte sich angewöhnt zu sagen: »Ich denke jetzt einfach nicht an diesen oder jenen lästigen Gedanken. Ich werde morgen darüber nachdenken.« Wenn der nächste Tag kam, meldete sich der Gedanke entweder gar nicht, oder er war durch den Aufschub so abgemildert, dass er nicht mehr sonderlich störte. Darum lastete ihr Umgang mit Ashleys Briefen nicht allzu schwer auf ihrem Gewissen.
Melanie war immer sehr freigebig mit den Briefen und las Tante Pitty und Scarlett Teile daraus vor. Aber das, was sie nicht vorlas, quälte Scarlett und trieb sie, heimlich die Post ihrer Schwägerin zu lesen. Sie musste wissen, ob Ashley seine Frau seit der Heirat lieben gelernt hatte. Sie musste sogar wissen, ob er nur so tat, als liebte er sie. Redete er sie mit zärtlichen Kosenamen an? Was für Empfindungen drückte er aus und mit welcher Wärme?
Sie strich den Brief vorsichtig glatt.
Ashleys kleine, ebenmäßige Schrift sprang sie an. Sie las: »Meine liebe Frau«, und atmete erleichtert auf. Er nannte Melanie noch nicht »Liebling« oder »Schatz«.
»Meine liebe Frau: Du schreibst, Du fürchtest, ich würde meine wahren Gedanken vor Dir verbergen, und Du fragst, was mich in diesen Tagen umtreibt …«
Heilige Muttergottes! dachte Scarlett schuldbewusst. ›Seine wahren Gedanken verbergen.‹ Hat Melly seine Gedanken gelesen? Oder meine? Argwöhnt sie, dass er und ich …
Ihre Hände zitterten vor Schreck, als sie den Brief dichter vor die Augen hielt, doch beim Lesen des nächsten Absatzes entspannte sie sich wieder.
»Meine liebe Frau, wenn ich Dir etwas verborgen habe, so deshalb, weil ich Dir keine Last aufschultern, nicht Deine Sorgen um meine leibliche Sicherheit mit Sorgen um meinen inneren Aufruhr vergrößern wollte. Aber ich kann nichts vor Dir geheim halten, denn Du kennst mich zu gut. Sei nicht beunruhigt. Ich bin nicht verwundet, ich war nicht krank. Ich habe genug zu essen und gelegentlich ein Bett zum Schlafen. Mehr kann ein Soldat nicht verlangen. Aber, Melanie, mein Herz wird von schweren Gedanken bedrückt, und ich will Dir mein Herz offenlegen.
In diesen Sommernächten liege ich noch lange, nachdem das gesamte Lager eingeschlafen ist, wach und blicke zu den Sternen auf und frage mich wieder und wieder: ›Warum bist du hier, Ashley Wilkes? Wofür kämpfst du?‹
Gewiss nicht um Ehre und Ruhm. Der Krieg ist ein schmutziges Geschäft, und ich kann Schmutz nicht leiden. Ich bin kein Soldat und ich bin überhaupt nicht ›erpicht auf Ehre noch im Kanonenmaul‹. Und doch bin ich hier im Feld – ich, für den Gott nie eine andere Rolle vorgesehen hatte als die des gebildeten Landedelmanns. Denn, Melanie, mein Blut wallt nicht auf beim Klang der Fanfaren, das Trommeln fährt mir nicht in die Beine, und ich sehe zu deutlich, dass wir getäuscht wurden, getäuscht durch unser hochmütiges Südstaatlerwesen, als wir glaubten, jeder einzelne von uns könnte mit einem Dutzend Yankees fertigwerden, als wir glaubten, dass König Baumwolle die Welt regiert. Getäuscht auch von Begriffen und Schlagworten, Vorurteilen und Hassgefühlen, die aus dem Mund hochgestellter Personen kamen, von Männern, die wir achteten und verehrten – ›König Baumwolle, Sklaverei, Rechte der Bundesstaaten, Verdammte Yankees‹.
Und wenn ich auf meiner Decke liege und zu den Sternen hinaufschaue und mich frage: ›Wofür kämpfst du?‹, denke ich an die Rechte der Bundesstaaten, an Baumwolle, an die Darkys und an die Yankees, die man uns von frühester Jugend an zu hassen gelehrt hat, und dann weiß ich, dass nichts davon der Grund ist, weshalb ich kämpfe. Stattdessen sehe ich Twelve Oaks vor mir und denke daran, wie das Mondlicht zwischen die weißen Säulen fällt und wie unirdisch die Magnolien aussehen, wenn sie sich bei Mondschein öffnen, und wie die Kletterrosen die Seitenveranda in der Mittagshitze beschatten. Und ich sehe Mutter dort nähen, wie damals, als ich ein kleiner Junge war. Und ich höre die Darkys in der Abenddämmerung von den Feldern heimkommen, müde, singend und hungrig aufs Abendessen, und das Geräusch der Seilwinde, wenn der Eimer in den kühlen Brunnen hinuntergelassen wird. Und dann ist da der weite Blick über die Baumwollfelder und die Straße hinunter zum Fluss und der Dunst, der im Zwielicht aus den Niederungen aufsteigt. Und deshalb bin ich hier, der ich keinerlei Liebe für den Tod oder das Elend oder den Ruhm hege und keinerlei Hass gegen irgendjemanden. Vielleicht ist es das, was gemeinhin Patriotismus oder die Liebe für Heimat und Vaterland genannt wird. Aber, Melanie, es reicht noch tiefer. Denn, Melanie, die Dinge, die ich aufgezählt habe, sind nur Sinnbilder für die Sache, für die ich mein Leben aufs Spiel setze, Symbole für die Lebensart, die ich liebe. Denn ich kämpfe für die alte Zeit, die alten Sitten, die ich so sehr liebe, die aber, fürchte ich, nun für immer verschwunden sind, egal wie der Würfel fällt. Denn ob wir siegen oder unterliegen, verlieren werden wir in jedem Fall.
Wenn wir diesen Krieg gewinnen und den König Baumwolle unserer Träume behalten, so verlieren wir dennoch, denn wir werden ein anderes Volk sein, und das alte geruhsame Leben wird verschwinden. Die Welt wird an unsere Türen klopfen und nach Baumwolle verlangen, und wir können den Preis bestimmen. Dann, fürchte ich, werden wir wie die Yankees, über deren Gewinnsucht, Geldgier und Kommerzdenken wir jetzt noch die Nase rümpfen. Aber wenn wir verlieren, Melanie, wenn wir verlieren?
Ich habe keine Angst vor Gefahr oder Gefangenschaft oder Verwundung oder selbst vor dem Tod, wenn er denn kommen muss, aber ich habe tatsächlich Angst davor, dass wir nach dem Ende dieses Krieges nie wieder zu den alten Zeiten zurückkehren können. Und ich gehöre zu den alten Zeiten. Ich gehöre nicht in diese wahnwitzige Gegenwart des Mordens, und ich fürchte, ich werde auch in keine Zukunft passen, selbst wenn ich mir die größte Mühe gebe. Du ebenso wenig, meine Liebe, denn Du und ich, wir sind vom selben Blut. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber sie kann nicht so schön und so erfüllend sein wie die Vergangenheit.
Ich liege da und schaue die Jungs an, die um mich herum schlafen, und ich frage mich, ob die Zwillinge oder Alex oder Cade dieselben Gedanken haben. Ich frage mich, ob sie wissen, dass sie für eine Sache kämpfen, die schon in dem Moment verloren war, als der erste Schuss fiel, denn unsere Gute Sache ist eigentlich unsere Lebensart, und die ist bereits verschwunden. Aber ich glaube, sie denken so etwas nicht, und da können sie sich glücklich schätzen.
Das hatte ich mir für uns so nicht vorgestellt, als ich um Deine Hand anhielt. Ich hatte mir vorgestellt, dass das Leben in Twelve Oaks weitergehen würde wie immer, friedlich, leicht, unwandelbar. Wir sind uns gleich, Melanie, wir lieben dieselben ruhigen Dinge, und ich sah lange, ereignislose Jahre vor uns, in denen wir lesen, Musik hören und träumen würden. Aber doch nicht das! Niemals das! Dass so etwas über uns alle hereinbrechen konnte, diese Zerstörung der alten Sitten, dieses blutige Schlachten und der Hass! Melanie, nichts ist das wert – weder die Rechte der Bundesstaaten noch die Sklaverei, noch die Baumwolle. Nichts ist das wert, was gerade geschieht und was vielleicht noch geschehen wird, denn wenn die Yankees uns schlagen, wird die Zukunft unglaubliches Grauen bringen. Und, meine Liebe, sie können uns immer noch schlagen.
Ich sollte diese Worte nicht schreiben. Ich sollte sie nicht einmal denken. Aber Du hast gefragt, was mein Herz bewegt, und da ist die Angst vor der Niederlage. Erinnerst Du Dich, wie beim Barbecue an dem Tag, als unsere Verlobung bekannt gegeben wurde, ein Mann namens Butler, der seinem Akzent nach aus Charleston stammte, beinahe eine Rauferei auslöste, als er über die Unwissenheit der Südstaatler sprach? Erinnerst Du Dich, dass die Zwillinge ihn erschießen wollten, weil er sagte, wir hätten nur wenige Gießereien und Fabriken, Walzwerke und Schiffe, Waffen- und Maschinenfabriken? Erinnerst Du Dich, dass er sagte, die Flotte der Yankees sei imstande, uns so einzuschließen, dass wir unsere Baumwolle nicht mehr ausführen können? Er hatte recht. Wir bekämpfen die modernen Gewehre der Yankees mit Musketen aus dem Revolutionskrieg, und bald wird die Blockade so eng sein, dass nicht einmal mehr Medizinbedarf hereingeschmuggelt werden kann. Wir hätten auf das Wissen von Zynikern wie Butler hören sollen statt auf die Gefühle und das Gerede von Staatsmännern. Er sagte de facto, der Süden habe nichts, womit er Krieg führen könne, außer Baumwolle und Arroganz. Unsere Baumwolle ist wertlos, und übrig ist nur noch die von ihm so genannte Arroganz. Aber für mich bedeutet diese Arroganz unvergleichlichen Mut. Falls …«
Scarlett faltete den Brief sorgfältig wieder zusammen und steckte ihn in den Umschlag zurück, denn sie war zu gelangweilt, um weiterzulesen. Außerdem deprimierte sie der Ton des Briefs mit seinem törichten Gerede von einer Niederlage. Schließlich las sie ja nicht Melanies Post, um von Ashleys verschwurbelten und uninteressanten Ideen zu erfahren. Davon hatte sie sich schon damals genug anhören müssen, als er auf der Veranda in Tara gesessen hatte.
Sie wollte nur wissen, ob er leidenschaftliche Briefe an seine Frau schrieb. Bislang hatte er das nicht getan. Sie hatte alle Briefe im Schreibkasten gelesen, und in keinem von ihnen stand etwas, das nicht auch ein Bruder an seine Schwester hätte schreiben können. Sie waren herzlich, humorvoll, weitschweifig, aber nicht die Briefe eines Liebhabers. Scarlett hatte selbst zu viele feurige Liebesbriefe empfangen, um nicht echte Leidenschaft zu erkennen, wenn sie darauf stieß. Die fehlte hier. Wie immer nach ihren heimlichen Lesestunden erfüllte sie ein Gefühl selbstgefälliger Zufriedenheit, denn sie war sich sicher, dass Ashley sie immer noch liebte. Und dann fragte sie sich verächtlich, warum Melanie nicht begriff, dass Ashley ihr nur Freundesliebe entgegenbrachte. Für Melanie ließen die Briefe ihres Mannes offenbar nichts zu wünschen übrig, aber Melanie hatte auch keine Liebesbriefe von anderen Männern bekommen, mit denen sie die von Ashley vergleichen konnte.
Er schreibt einfach verrückte Briefe, dachte Scarlett. Wenn ich jemals von einem Ehemann so einen Quatsch bekäme, würde ich ihm gehörig die Meinung sagen! Da hat ja sogar Charlie bessere Briefe geschrieben. Sie blätterte die Briefe durch, betrachtete die Daten und erinnerte sich an ihren Inhalt. Sie enthielten keine schönen Beschreibungen von Biwaks oder Angriffen, wie Darcy Meade sie an seine Eltern sandte oder wie sie der arme Dallas McLure an seine altjüngferlichen Schwestern Miss Faith und Miss Hope geschrieben hatte. Die Meades und die McLures lasen diese Briefe voller Genugtuung in der gesamten Nachbarschaft vor, und Scarlett hatte sich häufig heimlich geschämt, dass Melanie von Ashley keine solchen Briefe bekam, die man beim Nähkränzchen vorlesen konnte.
Es war, als versuchte Ashley, wenn er an Melanie schrieb, den Krieg völlig außen vor zu lassen und stattdessen um sie beide einen Zauberkreis der Zeitlosigkeit zu ziehen, der alles ausblendete, was seit der Aufregung um Fort Sumter geschehen war. Fast als versuchte er zu glauben, es gebe gar keinen Krieg. Er schrieb von Büchern, die er und Melanie gelesen, und von Liedern, die sie gesungen hatten, von gemeinsamen alten Freunden und von Orten, die er auf seiner Grand Tour besucht hatte. Durch die Briefe zog sich eine wehmütige Sehnsucht, wieder in Twelve Oaks zu sein, und seitenlang schrieb er über Jagden und lange Ritte durch stille Waldwege unter kalten Herbststernen, über die Barbecues und Fischgrillpartys, die Stille der Mondnächte und den heiteren Charme des alten Hauses.
Sie dachte an seine Worte aus dem Brief, den sie soeben gelesen hatte: »Nicht das! Niemals das!«, und sie erschienen ihr wie der Schrei einer gequälten Seele angesichts von Dingen, die sie nicht aushalten kann, aber aushalten muss. Das verwunderte sie, denn wenn er sich nicht vor Tod und Wunden fürchtete, wovor hatte er dann Angst? Mit dieser verwirrenden Frage kam sie nicht zurande.
»Der Krieg verstört ihn und er – er hat etwas gegen Dinge, die ihn verstören … Mich zum Beispiel … Er hat mich geliebt, aber er hatte Angst, mich zu heiraten, weil – ich seine Art zu leben und zu denken durcheinanderbringen würde. Nein, er hatte nicht wirklich Angst. Ashley ist kein Feigling. Das kann er ja nicht sein, wenn er in Kriegsberichten erwähnt wird und Colonel Sloan Melly diesen Brief über sein ritterliches Verhalten bei dem Angriff geschrieben hat. Wenn er sich einmal für etwas entschieden hat, kann niemand tapferer oder entschlossener sein, aber – er lebt in seinem Kopf statt draußen in der Welt, und er hasst es, in die Welt hinauszutreten und – ach, ich weiß nicht, was es ist! Wenn ich dieses eine an ihm vor Jahren schon begriffen hätte, dann hätte er mich geheiratet, das weiß ich bestimmt.«
Sie blieb einen Augenblick stehen, drückte die Briefe an ihre Brust und dachte sehnsüchtig an Ashley. Ihre Gefühle ihm gegenüber hatten sich nicht verändert seit dem Tag, als sie sich in ihn verliebt hatte. Es waren dieselben Gefühle, die ihr an jenem Tag den Atem geraubt hatten, als sie vierzehnjährig auf der Veranda von Tara stand und Ashley lächelnd heranritt, sein Haar silberglänzend in der Morgensonne. Ihre Liebe war immer noch die Anbetung eines jungen Mädchens für einen Mann, den sie nicht verstehen konnte, einen Mann, der all die Eigenschaften besaß, die ihr fehlten, die sie aber bewunderte. Ashley war immer noch der Traum eines jungen Mädchens vom Ritter ohne Fehl und Tadel, und ihr Traum verlangte nicht mehr als das Geständnis seiner Liebe, erhoffte nicht mehr als einen Kuss.
Nachdem sie die Briefe gelesen hatte, fühlte sie mit Gewissheit, dass er tatsächlich sie, Scarlett, liebte, obwohl er Melanie geheiratet hatte, und diese Gewissheit war fast alles, worauf es ihr ankam. So jung und unberührt war sie immer noch. Hätte Charles mit seiner linkischen Unbeholfenheit und seinen verlegenen Intimitäten in irgendeiner Weise die tiefen, leidenschaftlichen Gefühle in ihrem Inneren erwecken können, hätten ihre Träume von Ashley nicht mit einem Kuss geendet. Aber die wenigen Mondnächte allein mit Charles hatten ihre Gefühle nicht berührt und sie nicht reifer werden lassen. Charles hatte nicht die geringste Vorstellung von Leidenschaft oder Zärtlichkeit oder echter Intimität von Körper und Seele wachgerufen.
Sie verstand unter Leidenschaft nur eine unerklärliche männliche Tobsucht, die Frauen nicht teilen konnten, einen schmerzhaften und peinlichen Vorgang, dem man zu Diensten sein musste und der unvermeidlich im noch schmerzhafteren Vorgang der Entbindung endete. Dass die Ehe so aussah, war keine Überraschung für sie. Ellen hatte vor der Hochzeit angedeutet, dass man als Frau die Ehe mit Würde und Tapferkeit über sich ergehen lassen musste, und die geflüsterten Kommentare anderer Matronen hatten dies seit ihrer Witwenschaft nur bestätigt. Scarlett war froh, dass sie Leidenschaft und Ehe hinter sich hatte.
Sie hatte die Ehe hinter sich, aber nicht die Liebe, denn ihre Liebe für Ashley war etwas anderes, das nichts mit Leidenschaft oder Ehe zu tun hatte, sie war etwas Heiliges, atemberaubend Schönes, ein Gefühl, das verborgen in den langen Tagen ihres erzwungenen Schweigens anwuchs und sich aus immer wieder hervorgeholten Erinnerungen und Hoffnungen nährte.
Seufzend wickelte sie das Band wieder um das Päckchen und überlegte zum tausendsten Mal, was es eigentlich war, das sie an Ashley nicht verstand. Sie versuchte zu einer befriedigenden Schlussfolgerung zu kommen, aber wie immer fand ihr einschichtiger Verstand keine Lösung. Sie legte die Briefe zurück in den Schreibkasten und schloss den Deckel. Dann runzelte sie die Stirn, als sie an den letzten Teil des Briefs dachte, der sich auf Captain Butler bezog. Wie seltsam, dass Ashley von etwas beeindruckt war, das dieser Halunke vor einem Jahr gesagt hatte. Denn unbezweifelbar war Captain Butler ein Halunke, auch wenn er wie ein Gott tanzte. Nur ein Halunke konnte solche Sachen über die Konföderation sagen wie auf dem Basar.
Sie ging zum Spiegel und strich sich zufrieden über das glatte Haar. Ihre Laune hob sich wie immer, wenn sie ihre weiße Haut und die schrägstehenden grünen Augen sah, und sie lächelte, um ihre Grübchen hervortreten zu lassen. Die frohe Betrachtung ihres Spiegelbilds vertrieb Captain Butler aus ihren Gedanken, und sie erinnerte sich daran, dass Ashley ihre Grübchen immer gemocht hatte. Dass sie den Ehemann einer anderen Frau liebte und sogar seine Briefe an ebendiese Frau las, verursachte ihr keinerlei Gewissensbisse, die die Freude an ihrer Jugend und ihrem Charme und ihrer erneuten Versicherung von Ashleys Liebe hätten trüben können.
Sie schloss die Tür auf und ging leichten Herzens die dämmrige Wendeltreppe hinunter. Auf halbem Wege begann sie zu singen When This Cruel War Is Over.
KAPITEL 12
Der Krieg ging weiter, größtenteils auch erfolgreich, aber die Leute sagten nicht mehr: »Nur noch ein Sieg, dann ist der Krieg vorbei.« Und sie hatten aufgehört, die Yankees Feiglinge zu nennen. Mittlerweile hatte jeder eingesehen, dass die Yankees alles andere als feige waren und dass man mehr als einen Sieg benötigte, um sie zu überwinden. Dennoch gab es die Siege der Konföderation in Tennessee, die General Morgan und General Forrest errungen hatten, und am Triumph der zweiten Schlacht von Bull Run konnte man sich weiden wie an leibhaftigen Yankee-Skalps. Aber diese Skalps hatten einen hohen Preis. Die Lazarette und Privathäuser in Atlanta quollen förmlich über von Kranken und Verwundeten, und mehr und mehr Frauen trugen Schwarz. Die eintönigen Reihen der Soldatengräber auf dem Friedhof von Oakland wurden von Tag zu Tag länger.
Der Wert der Konföderationswährung war beängstigend gefallen und die Preise für Lebensmittel und Kleidung entsprechend gestiegen. Die Versorgungsstelle requirierte so viele Lebensmittel, dass in Atlanta immer weniger auf die Esstische kam. Weißmehl war rar und so teuer, dass allgemein Maisbrot gegessen wurde statt Biskuits, Brötchen und Waffeln. Die Metzgereien führten kaum Rindfleisch und nur sehr wenig Lamm, und dieses Lammfleisch kostete so viel, dass nur die Reichen es sich leisten konnten. Aber es gab immer noch ausreichend Schweinefleisch, ebenso wie Huhn und Gemüse.
Die Blockade der Yankees um die Häfen der Konföderierten war enger geworden, und Luxusgüter wie Tee, Kaffee, Seide, Fischbein, Eau de Cologne, Modemagazine und Bücher waren selten und kostbar. Selbst der Preis für die billigsten Baumwollstoffe war explodiert, und die Damen sahen sich gezwungen, eine weitere Saison mit ihren alten Kleidern auszukommen. Webstühle, die seit Jahren Staub angesetzt hatten, wurden von den Speichern geholt, und in fast jedem Wohnzimmer traf man selbstgewebte Stoffe aus handgesponnenem Garn an. Soldaten, Zivilisten, Frauen, Kinder und Sklaven, alle begannen Selbstgewebtes zu tragen. Grau als Farbe der Konföderiertenuniform verschwand praktisch ganz und wurde durch das Walnussbraun der selbstgewebten Stoffe ersetzt.
Den Lazaretten bereitete der Mangel an Chinin, Kalomel, Opium, Chloroform und Jod große Sorge. Leinen- und Baumwollbandagen waren inzwischen zu kostbar, um sie nach dem Gebrauch wegzuwerfen, und alle Frauen, die in den Lazaretten pflegten, brachten körbevoll blutige Stoffstreifen zum Waschen und Bügeln nach Hause, um sie für andere Leidende weiterzuverwenden.
Doch Scarlett, die gerade erst aus dem Kokon der Witwenschaft geschlüpft war, erlebte den Krieg als Zeit aufregender Vergnügungen. Selbst die kleinen Entbehrungen bei Nahrungsmitteln und Kleidern störten sie nicht, so glücklich war sie, wieder in der Welt zu sein.
Wenn sie an die Langeweile des vergangenen Jahres zurückdachte, als die Tage sich einer wie der andere dahinschleppten, schien sich das Leben unglaublich beschleunigt zu haben. Jeder Tag war ein spannendes Abenteuer, ein Tag, an dem sie neue Männer kennenlernte, die darum baten, sie besuchen zu dürfen, die sie hübsch fanden und sagten, es sei ein Privileg, für sie zu kämpfen und vielleicht zu sterben. Sie konnte und würde Ashley bis zum letzten Atemzug lieben, aber das hinderte sie nicht, anderen Männern den Kopf zu verdrehen, bis sie ihr Heiratsanträge machten.
Der allgegenwärtige Krieg im Hintergrund verlieh den gesellschaftlichen Beziehungen eine Zwanglosigkeit, die älteren Menschen allerdings zu weit ging. Mütter erlebten, wie fremde Männer ihre Töchter besuchten, Männer, die ohne Empfehlungsschreiben kamen und deren Vorleben man nicht kannte. Zu ihrem Entsetzen ertappten Mütter ihre Töchter beim Händchenhalten mit ebendiesen Männern. Mrs. Merriwether, die ihren Mann zum ersten Mal nach der Hochzeitszeremonie geküsst hatte, traute kaum ihren Augen, als sie Maybelle dabei erwischte, wie sie René Picard, den kleinen Zuaven, küsste, und ihre Empörung wurde noch größer, als Maybelle keinerlei Anstalten machte, sich zu schämen. Selbst dass René sofort um ihre Hand anhielt, verbesserte die Sache nicht. Mrs. Merriwether sagte oft, der Süden stehe vor einem vollständigen moralischen Zusammenbruch. Andere Mütter stimmten ihr aus tiefstem Herzen zu und schoben es auf den Krieg.
Doch ein Mann, der damit rechnen musste, in einer Woche oder einem Monat zu sterben, konnte kein ganzes Jahr warten, ehe er wagte, ein Mädchen mit dem Vornamen anzureden, natürlich mit dem obligaten »Miss« davor. Ebenso wenig machte man den Mädchen auf formelle und langwierige Weise den Hof, wie es die guten Sitten vor dem Krieg verlangt hatten. Gewöhnlich kam nach drei oder vier Monaten der Heiratsantrag. Und die Mädchen, die sehr wohl wussten, dass eine Dame einem Herrn die ersten drei Male einen Korb zu geben hatte, beeilten sich, gleich beim ersten Mal anzunehmen.
Diese Ungezwungenheit machte den Krieg für Scarlett ausgesprochen unterhaltsam. Abgesehen von der schmutzigen Plackerei des Pflegens und dem öden Bindenrollen konnte der Krieg ihretwegen immer so weitergehen. Sie ertrug inzwischen sogar das Lazarett mit Gleichmut, denn es war ein perfektes Jagdrevier. Die hilflosen Verwundeten erlagen kampflos ihrem Charme. Man erneuerte ihre Bandagen, wusch ihnen das Gesicht, klopfte das Kissen auf und fächelte ihnen Luft zu, und schon verliebten sie sich. Oh, nach dem vergangenen trübseligen Jahr war es der Himmel auf Erden!
Scarlett fühlte sich wieder wie vor ihrer Ehe mit Charles, und es war, als hätte sie ihn nie geheiratet, nie den Schock seines Todes erlebt und nie Wade geboren. Der Krieg und die Ehe und die Entbindung waren über sie hinweggegangen, ohne sie tief in ihrem Inneren zu berühren – sie war unverändert. Sie hatte zwar ein Kind, aber die anderen im roten Ziegelhaus kümmerten sich so gut um Wade, dass Scarlett ihn fast vergessen konnte. In Kopf und Herzen war sie wieder Scarlett O’Hara, die Schönheit des County. Ihr Denken und Tun war wie in den alten Zeiten, aber ihr Betätigungsfeld hatte sich beträchtlich erweitert. Ohne der Missbilligung durch Tante Pittys Freundinnen Beachtung zu schenken, verhielt sie sich, wie sie sich vor der Ehe verhalten hatte, sie ging zu Partys, tanzte, ritt mit Soldaten aus, flirtete, machte alles, was sie als Mädchen gemacht hatte, nur die Trauerkleidung legte sie nicht ab. Denn sie wusste, dass das der Tropfen war, der das Fass bei Pittypat und Melanie zum Überlaufen gebracht hätte. Sie war als Witwe ebenso charmant, wie sie es als Mädchen gewesen war, liebenswürdig, wenn alles nach ihrem Willen ging, entgegenkommend, solange damit keine Unannehmlichkeit für sie verbunden war, eingebildet auf ihr Aussehen und ihre Beliebtheit.
Sie war jetzt glücklich, obwohl sie vor nur wenigen Wochen noch verzweifelt gewesen war, glücklich mit den Verehrern, auf die ihr Charme wirkte wie eh und je, so glücklich, wie sie überhaupt sein konnte, solange Ashley mit Melanie verheiratet und in Gefahr war. Aber irgendwie war der Gedanke, dass Ashley einer anderen gehörte, aus der Entfernung leichter zu ertragen. Die Hunderte von Meilen zwischen Atlanta und Virginia ließen es manchmal so erscheinen, als gehöre er ihr genauso wie Melanie.
So vergingen die Herbstmonate des Jahres 1862, und Pflege, Tanzen, Ausfahrten und Bindenrollen füllten ihre gesamte Zeit aus, abgesehen von kurzen Stippvisiten in Tara. Diese Besuche waren enttäuschend, denn es fand sich wenig Zeit für die langen, ruhigen Gespräche mit ihrer Mutter, auf die sie sich so freute, wenn sie in Atlanta war. Es gab kaum Zeit, bei Ellen zu sitzen, während sie nähte, kaum Zeit, den zarten Duft von Zitronenverbene, der ihren raschelnden Röcken entstieg, aufzunehmen und selbst kaum Zeit für ihre sanften Liebkosungen.
Ellen sah abgehärmt und sorgenvoll aus. Von früh bis spät, wenn alle auf der Plantage schon schliefen, war sie auf den Beinen. Die Ansprüche der konföderierten Versorgungsstelle stiegen von Monat zu Monat, und sie musste dafür sorgen, dass Tara lieferte. Sogar Gerald arbeitete zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder, denn er konnte keinen Aufseher finden, der Jonas Wilkerson ersetzt hätte, und so ritt er selbst über seine Felder. Da Ellen zu beschäftigt war, um ihr mehr als einen Gutenachtkuss zu geben, und Gerald den ganzen Tag auf den Feldern verbrachte, langweilte Scarlett sich in Tara. Auch ihre Schwestern waren mit eigenen Dingen beschäftigt. Suellen hatte sich mit Frank Kennedy »verständigt« und sang When This Cruel War Is Over mit einer schalkhaften Bedeutung, die Scarlett nahezu unerträglich fand, und Carreen war zu sehr versunken in ihre Träumereien von Brent Tarleton, um eine anregende Gesellschaft abzugeben.
Obwohl Scarlett immer voller Freude nach Tara fuhr, bedauerte sie es nie, wenn die unvermeidlichen Briefe von Pitty und Melanie kamen, die ihre Rückkehr herbeisehnten. Bei diesen Gelegenheiten seufzte Ellen, denn der Gedanke, dass ihre älteste Tochter und ihr einziges Enkelkind sie verließen, machte sie traurig.
»Aber ich darf nicht nur an mich denken und dich hier festhalten, wenn du als Pflegerin in Atlanta gebraucht wirst«, sagte sie. »Nur – nur, mein Schatz, ich habe leider nie die Zeit, mit dir zu reden, und bevor ich das Gefühl habe, dass du wieder mein kleines Mädchen bist, fährst du schon wieder weg.«
»Ich bin immer dein kleines Mädchen«, sagte Scarlett dann und verbarg ihr Gesicht an Ellens Brust, denn ihr Gewissen regte sich. Sie verriet ihrer Mutter nicht, dass es das Tanzen und ihre Verehrer waren, die sie nach Atlanta zurücklockten, und nicht etwa der Dienst an der Konföderation. Es gab inzwischen vieles, was sie ihrer Mutter nicht sagte. Aber vor allem verschwieg sie, dass Rhett Butler häufig in Tante Pittypats Haus verkehrte.
In den Monaten nach dem Basar kam Rhett, wenn er in der Stadt war, jedes Mal zu Besuch. Er lud Scarlett zu Kutschfahrten ein, begleitete sie zu Tanz- und Wohltätigkeitsveranstaltungen und wartete vor dem Lazarett, um sie nach Hause zu fahren. Sie hatte keine Angst mehr, dass er ihr Geheimnis verraten könnte, aber im hintersten Winkel ihres Bewusstseins lauerte die Erinnerung, dass er sie in ihrem schlimmstmöglichen Zustand erlebt hatte und die Wahrheit über Ashley wusste. Deshalb hielt sie ihre Zunge im Zaum, wenn er sie reizte. Und das tat er oft.
Er war Mitte dreißig, älter als je ein Verehrer von ihr gewesen war, und hilflos wie ein Kind versuchte sie, ihn zu lenken und zu kontrollieren, wie sie ihre gleichaltrigen Verehrer gelenkt hatte. Er wirkte immer, als könnte ihn nichts je überraschen, aber vieles amüsieren, und wenn er es schaffte, sie in sprachlose Wut zu versetzen, kam es ihr vor, als fände er sie so amüsant wie nichts sonst auf der Welt. Nicht selten löste er mit seinen gezielten Provokationen Wutanfälle bei ihr aus, denn hinter dem täuschenden Liebreiz ihres Gesichts, das sie von Ellen geerbt hatte, steckte Geralds irisches Temperament. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich, außer in Ellens Gegenwart, nie bemüht, ihre Launen zu zügeln, und nun war es schmerzhaft, aus Furcht vor seinem belustigten Grinsen Worte hinunterzuschlucken. Wenn er doch wenigstens auch einmal aus der Haut gefahren wäre, dann hätte sie sich nicht so unterlegen fühlen müssen.
Nach Auseinandersetzungen mit ihm, aus denen sie selten als Siegerin hervorging, schwor sie sich, er sei unmöglich, unerzogen und kein Gentleman und sie wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben. Doch früher oder später kehrte er nach Atlanta zurück, besuchte vorgeblich Tante Pitty und überreichte Scarlett mit übertriebener Galanterie eine Schachtel Bonbons, die er ihr aus Nassau mitgebracht hatte. Oder er sicherte sich bei einem Hauskonzert den Platz neben ihr oder forderte sie zum Tanz auf, und gewöhnlich erheiterte seine unverhohlene Frechheit sie so sehr, dass sie lachte und über seine vergangenen Missetaten hinwegsah, bis es zur nächsten kam.
Trotz all seiner ärgerlichen Eigenschaften begann sie sich auf seine Besuche zu freuen. Er hatte etwas Erregendes an sich, dem sie nicht recht auf den Grund kam, etwas, das ihn von allen Männern, die sie je gekannt hatte, unterschied. Es war etwas Atemberaubendes an der Grazie seines großen Körpers, das geradezu eine Schockwelle auslöste, wenn er bloß das Zimmer betrat, und die Unverschämtheit und der sanfte Spott in seinen dunklen Augen weckten ihren Ehrgeiz, ihn zu unterwerfen.
Es ist fast, als wäre ich verliebt in ihn!, dachte sie verwirrt. Aber das bin ich nicht, und ich kann es einfach nicht verstehen.
Aber das aufregende Gefühl blieb. Wenn er zu Besuch kam, ließ seine vollendete Männlichkeit Tante Pittys wohlanständigen und damenhaften Hausstand klein, blass und ein wenig muffig erscheinen. Scarlett war nicht das einzige Mitglied des Haushalts, das seltsam und wider Willen auf seine Ausstrahlung reagierte, denn auch Tante Pitty versetzte er in gehörige Unruhe.
Pitty war sich wohl bewusst, dass Ellen seine Besuche bei ihrer Tochter missbilligen würde, und es war ihr ebenso bewusst, dass man den Bann, den Charlestons vornehme Gesellschaft gegen ihn ausgesprochen hatte, nicht leichtherzig missachten durfte, aber sie konnte seinen ausgefeilten Komplimenten und seinen Handküssen ebenso wenig widerstehen wie eine Fliege dem Honigtopf. Zu allem Überfluss brachte er ihr gewöhnlich ein kleines Geschenk aus Nassau mit, das er, wie er versicherte, speziell für sie gekauft und unter Lebensgefahr durch die Blockade geschmuggelt hatte – Nadelbriefchen, Knöpfe, Spulen mit Seidengarn und Haarnadeln. Es war inzwischen fast unmöglich, diese kleinen Luxusgüter zu erwerben – die Damen trugen holzgeschnitzte Haarnadeln und mit Stoff überzogene Eicheln als Knöpfe – und Pitty fehlte die moralische Energie, sie abzulehnen. Außerdem hegte sie eine kindliche Liebe für Überraschungen und konnte der Versuchung nicht widerstehen, seine Geschenke zu öffnen. Wenn sie einmal geöffnet waren, wagte sie nicht mehr, sie abzulehnen, und wenn sie sie angenommen hatte, brachte sie es nicht mehr über sich, ihm zu sagen, dass seine Besuche bei drei einsamen Frauen, die keinen männlichen Beschützer hatten, aufgrund seiner Reputation höchst ungebührlich waren. Und immer, wenn Rhett Butler im Haus war, hatte Tante Pitty das Gefühl, einen männlichen Beschützer zu brauchen.
»Ich weiß nicht, was er an sich hat«, pflegte sie ratlos zu sagen. »Aber – ich glaube wirklich, er wäre ein netter und anziehender Mann, wenn ich nur den Eindruck hätte, dass – nun, dass er im Grunde seines Herzens die Frauen achtet.«
Seit Melanie ihren Ehering zurückbekommen hatte, hielt sie Rhett für einen Gentleman von seltenem Adel und Feingefühl, und daher fand sie die Bemerkung empörend. Er verhielt sich unfehlbar höflich ihr gegenüber, aber sie war ein wenig scheu in seiner Gegenwart, hauptsächlich weil sie bei jedem Mann scheu war, den sie nicht seit ihrer Kindheit kannte. Insgeheim tat er ihr leid, was ihn, hätte er es gewusst, zweifellos amüsiert hätte. Sie war sich sicher, dass irgendein Liebeskummer ihm das Leben vergällt und ihn hart und bitter gemacht hatte. Ihm fehlte einfach die Liebe einer guten Frau. In ihrem ganzen behüteten Leben hatte sie nie etwas Böses erlebt und konnte kaum glauben, dass es so etwas gab, und wenn hinter vorgehaltener Hand Dinge über Rhett und das Mädchen in Charleston geflüstert wurden, war sie schockiert und glaubte kein Wort. Und statt dass es sie gegen ihn eingenommen hätte, benahm sie sich auf ihre schüchterne Weise noch liebenswürdiger gegen ihn, aus Empörung, dass man ihm, wie sie meinte, unrecht tat.
Scarlett stimmte Tante Pitty insgeheim zu. Auch sie hatte das Gefühl, dass er vor Frauen keine Achtung hatte, außer vielleicht vor Melanie. Sie fühlte sich immer noch entblößt, wenn er seinen Blick von oben bis unten über ihre Gestalt gleiten ließ. Nicht, dass er je etwas Anzügliches gesagt hätte, dann hätte sie ihn mit scharfen Worten zur Rede gestellt. Es lag vielmehr daran, wie dreist seine Augen aus dem dunklen Gesicht blickten, mit einer unangenehmen Frechheit, als gehörten alle Frauen ihm und er könnte sie sich zu gegebener Zeit zu Willen machen. Nur gegenüber Melanie fehlte dieser Ausdruck. Es lag nie dieses Taxieren, dieser Spott in seinen Augen, wenn er Melanie ansah, und in seiner Stimme schwang ein besonderer Ton, wenn er mit ihr sprach, zuvorkommend, taktvoll, beflissen.
»Ich verstehe nicht, warum Sie zu ihr so viel netter sind als zu mir«, sagte Scarlett verdrießlich, als sich Melanie und Pitty eines Nachmittags zum Mittagsschlaf zurückgezogen hatten und sie mit ihm allein war.
Eine Stunde lang hatte sie zugesehen, wie Rhett die Wolle gehalten hatte, die Melanie aufwickelte, hatte seine ausdruckslose, undurchdringliche Miene beobachtet, als Melanie ausführlich und voller Stolz von Ashley und seiner Beförderung erzählte. Scarlett wusste, dass Rhett keine allzu hohe Meinung von Ashley hatte und dass ihm dessen Beförderung zum Major vollkommen gleichgültig war. Dennoch gab er einfühlsame Antworten und fand die richtigen Worte zu Ashleys Tapferkeit.
Aber wenn ich den Namen Ashley bloß erwähne, dachte sie verärgert, zieht er eine Augenbraue hoch und setzt dieses impertinente, wissende Grinsen auf!
»Ich bin viel hübscher als sie«, fuhr sie fort, »und ich sehe nicht ein, warum Sie zu ihr netter sind.«
»Darf ich zu hoffen wagen, dass Sie eifersüchtig sind?«
»Oh, bilden Sie sich das bloß nicht ein!«
»Wieder eine Hoffnung zerstört. Wenn ich ›netter‹ zu Mrs. Wilkes bin, dann liegt das daran, dass sie es verdient. Sie ist einer der ganz wenigen gütigen, aufrichtigen und selbstlosen Menschen, denen ich bisher begegnet bin. Aber vielleicht sind Ihnen diese Eigenschaften bisher entgangen. Und außerdem ist sie bei all ihrer Jugend eine der wenigen wirklich vornehmen Damen, die ich habe kennenlernen dürfen.«
»Wollen Sie etwa behaupten, dass ich keine vornehme Dame bin?«
»Ich dachte, wir hätten uns bei unserer ersten Begegnung geeinigt, dass Sie überhaupt keine Dame sind.«
»Wollen Sie etwa so gemein und unverschämt sein, das wieder aufs Tapet zu bringen! Wie können Sie mir diesen kindischen Wutausbruch immer noch vorhalten? Das ist doch lange her, und ich bin seitdem erwachsen geworden. Ich hätte die Sache längst vergessen, wenn Sie nicht immer darauf herumreiten und Andeutungen machen würden.«
»Ich glaube nicht, dass es ein kindischer Wutausbruch war, und ich bin durchaus nicht davon überzeugt, dass Sie sich verändert haben. Sie sind noch genauso fähig wie damals, Vasen zu schmeißen, wenn Sie Ihren Willen nicht bekommen. Nur bekommen Sie zurzeit meist Ihren Willen. Und deshalb besteht kein Anlass für zerbrochene Nippes.«
»Oh, Sie sind doch … Ich wünschte, ich wäre ein Mann! Dann würde ich Sie zum Duell fordern und …«
»Und sich für die Mühe erschießen lassen. Ich kann auf fünfzig Schritt Entfernung ein Loch in einen Groschen schießen. Bleiben Sie lieber bei Ihren eigenen Waffen – Grübchen, Vasen und Ähnliches.«
»Sie sind einfach ein Schuft.«
»Erwarten Sie, dass ich jetzt in Wut gerate? Da muss ich Sie leider enttäuschen. Sie können mich nicht ärgern, wenn Sie mir gerechtfertigte Bezeichnungen verpassen. Natürlich bin ich ein Schuft, warum denn nicht? Dies ist ein freies Land, und ein Mann darf ein Schuft sein, wenn er will. Nur Heuchlerinnen wie Sie, meine verehrte Dame, die genauso ein schwarzes Herz haben, es aber zu verbergen suchen, werden wütend, wenn man sie als das bezeichnet, was sie sind.«
Sie stand seinem Lächeln und seinen lässigen Bemerkungen machtlos gegenüber. Noch nie zuvor hatte sie jemanden kennengelernt, der so undurchdringlich war. Ihre üblichen Waffen – Verachtung, Kälte und Beschimpfungen – waren stumpf, denn nichts, was sie sagen konnte, brachte ihn in Verlegenheit. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass der Lügner fieberhaft seine Aufrichtigkeit verteidigt, der Feigling seinen Mut, der Unerzogene seine Vornehmheit und der Schuft seine Ehre. Aber nicht so Rhett. Er gab alles zu und lachte und forderte sie zu mehr heraus.
Er kam und ging in diesen Monaten, traf unangemeldet ein und verschwand, ohne sich zu verabschieden. Scarlett fand nie heraus, was für Geschäfte ihn nach Atlanta führten. Nur die wenigsten anderen Blockadebrecher hielten es für nötig, sich so weit von der Küste zu entfernen. Sie löschten ihre Ladung in Wilmington oder Charleston, wo sie von Schwärmen von Händlern und Spekulanten aus den ganzen Südstaaten erwartet wurden, die auf Auktionen die durchgeschmuggelten Waren kauften. Scarlett hätte sich gerne eingeredet, dass er diese Reisen unternahm, um sie zu sehen, doch selbst ihre übersteigerte Eitelkeit weigerte sich, das zu glauben. Hätte er sich je wie ein Liebhaber benommen, sich gegen die anderen Männer eifersüchtig gezeigt, die sie umschwärmten, hätte er versucht, ihre Hand zu halten, oder um ein Bild oder ein Taschentuch als Andenken gebeten, dann hätte sie mit ihrem Charme über ihn triumphiert. Aber er verabsäumte auf enttäuschende Weise, um sie zu werben, und zu allem Überfluss durchschaute er anscheinend auch all ihre Manöver, ihn auf die Knie zu zwingen.
Wann immer er in die Stadt kam, geriet die Damenwelt in Aufregung. Nicht nur hing ihm die romantische Aura des schneidigen Blockadebrechers an, sondern dazu gesellte sich noch der Kitzel des Verruchten. Was hatte er für einen üblen Ruf! Und sooft die Matronen Atlantas zum Tratsch zusammenkamen, wurde sein Ruf schlechter, was ihn für die jungen Mädchen nur noch glamouröser machte. Da die meisten von ihnen unschuldig waren, hatten sie kaum mehr gehört, als dass er »einen sehr lockeren Lebenswandel« hatte – und was ein Mann mit lockerem Lebenswandel genau machte, entzog sich ihrer Kenntnis. Sie hatten auch läuten hören, dass kein Mädchen bei ihm sicher war. Bei einer solchen Reputation war es seltsam, dass er keinem unverheirateten Mädchen auch nur die Hand geküsst hatte, seit er das erste Mal in Atlanta aufgetaucht war. Aber das machte ihn nur noch geheimnisvoller und faszinierender.
Abgesehen von den Helden in der Armee war er in Atlanta das Hauptgesprächsthema. Alle wussten Bescheid, dass man ihn aus West Point hinausgeworfen hatte, wegen Trunkenheit und »Weibergeschichten«. Der gewaltige Skandal wegen des Mädchens aus Charleston, das er kompromittiert und dessen Bruder er erschossen hatte, war ein offenes Geheimnis. Briefe von Freunden in Charleston erbrachten die zusätzliche Information, dass sein Vater, ein reizender alter Gentleman mit eisernem Willen und einem Rückgrat wie ein Ladestock, ihn als Zwanzigjährigen ohne einen Penny verstoßen und sogar seinen Namen aus der Familienbibel gestrichen hatte. Danach war er während des Goldrauschs 1849 nach Kalifornien gegangen, und von dort nach Südamerika und Kuba, und die Berichte über seine Umtriebe in diesen Gegenden waren nicht sonderlich appetitlich. Liebesaffären, Duelle, Waffenschmuggel für die Revolutionäre in Zentralamerika und, horribile dictu, gewerbsmäßiges Glücksspiel gehörten zu den Dingen, die in Atlanta über seine Karriere die Runde machten.
Es gab zwar kaum eine Familie in Georgia, die nicht zu ihrem Kummer mindestens ein männliches Familienmitglied oder einen Verwandten besaß, der spielte und Geld, Häuser, Land und Sklaven verlor, aber das war etwas anderes. Ein Mann konnte seinen ganzen Besitz verspielen und immer noch ein Gentleman bleiben, aber ein professioneller Spieler war gesellschaftlich verfemt.
Ohne den Kriegstrubel und seine Dienste für die Konföderationsregierung wäre Rhett Butler in keinem Haus in Atlanta empfangen worden. Doch mittlerweile brachte der Patriotismus selbst die sittenstrengsten Leute dazu, mehr Nachsicht zu üben. Die empfindsameren Seelen neigten zu der Ansicht, das schwarze Schaf der Familie Butler bereue seinen schlimmen Lebenswandel und versuche, seine Sünden wiedergutzumachen. Daher fühlten sich die Damen verpflichtet, ein Auge zuzudrücken, vor allem im Fall eines so unerschrockenen Blockadebrechers. Jeder wusste inzwischen, dass das Schicksal der Konföderation ebenso sehr vom Geschick der Schmuggelschiffe bei der Umgehung der Yankee-Flotte abhing wie von den Soldaten an der Front.
Es wurde gemunkelt, Captain Butler sei einer der besten Schiffslenker der Südstaaten, verwegen und ohne Nerven. Da er in Charleston aufgewachsen war, kannte er jeden Meeresarm, jede kleine Bucht, jede Untiefe und jeden Fels der Küste Carolinas in der Nähe dieses Hafens, und in den Gewässern um Wilmington war er gleichermaßen zu Hause. Er hatte noch nie ein Schiff verloren oder auch nur eine Ladung über Bord werfen müssen. Zu Beginn des Krieges war er aus dem Nichts mit genug Geld aufgetaucht, um ein kleines, wendiges Schiff zu kaufen, und nun, da Schmuggelgüter auf jede Ladung zweitausend Prozent Gewinn einbrachten, besaß er vier Schiffe. Er hatte fähige Steuerleute, die er gut bezahlte, und in dunklen Nächten stachen sie von Charleston und Wilmington aus in See, beladen mit Baumwolle für Nassau, England und Kanada. Die englischen Baumwollspinnereien standen still, und die Arbeiter hungerten, und jeder Blockadebrecher, der die Yankee-Flotte überlistete, konnte in Liverpool den Preis diktieren. Rhetts Schiffe waren vom Glück außerordentlich begünstigt, sowohl, wenn sie für die Konföderation Baumwolle ausführten, als auch, wenn sie das vom Süden so dringend benötigte Kriegsgerät zurückbrachten. Ja, die Damen konnten einem so tapferen Mann vieles vergeben und nachsehen.
Er war eine blendende Erscheinung, nach der sich die Leute auf der Straße umdrehten. Er gab das Geld mit vollen Händen aus, ritt einen feurigen schwarzen Hengst und trug nur hochmodische, fabelhaft sitzende Anzüge. Schon das war eigentlich genug, um die Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken, denn die Uniformen der Soldaten waren mittlerweile schäbig und abgetragen, und die Zivilisten hatten selbst in ihrem Festtagsstaat kunstvoll geflickte und gestopfte Stellen. Scarlett meinte, noch nie so elegante Hosen gesehen zu haben, wie er sie trug, rehbraun, mit schwarz-weißem Hahnentritt- und Karomuster. Und seine Westen waren unbeschreiblich schön, besonders die aus weißer Moiréseide mit winzigen aufgestickten rosa Rosenknospen. Und er trug diese Kleidungsstücke mit einer eleganten Lässigkeit, als sei ihm ihr Glanz gar nicht bewusst.
Nur wenige Damen konnten seinem Charme widerstehen, wenn er sich ein wenig ins Zeug legte, und schließlich wurde sogar Mrs. Merriwether weich und lud ihn zum Sonntagsdinner ein.
Maybelle Merriwether sollte ihren kleinen Zuaven heiraten, wenn er das nächste Mal Urlaub bekam, und sie weinte jedes Mal, wenn sie daran dachte, denn sie hatte sich in den Kopf gesetzt, in einem weißen Seidenkleid zu heiraten, und weiße Seide gab es in der ganzen Konföderation nicht. Nicht einmal leihen konnte sie sich ein Kleid, da alle seidenen Hochzeitskleider der vergangenen Jahre zu Feldstandarten umgearbeitet worden waren. Es war nutzlos, dass die patriotische Mrs. Merriwether ihrer Tochter Vorwürfe machte und sie darauf hinwies, dass für eine konföderierte Braut Selbstgesponnenes die angemessene Gewandung sei. Maybelle wollte Seide. Sie war bereit, ja sogar stolz darauf, um der Guten Sache willen auf Haarnadeln und Knöpfe und elegante Schuhe und Süßigkeiten und Tee zu verzichten, aber sie wollte ein seidenes Hochzeitskleid.
Rhett, der durch Melanie davon gehört hatte, brachte aus England meterweise schimmernde weiße Seide und einen Spitzenschleier mit und überreichte ihr alles als Hochzeitsgeschenk. Das stellte er so geschickt an, dass es undenkbar war, eine Bezahlung auch nur zu erwähnen, und Maybelle war so glücklich, dass sie ihn fast geküsst hätte. Mrs. Merriwether wusste, dass ein solch teures Geschenk – noch dazu in Gestalt von Kleidung – höchst ungehörig war, aber es fiel ihr keine Möglichkeit ein abzulehnen, als Rhett ihr in blumigsten Worten erklärte, nichts sei zu gut, die Braut eines unserer tapferen Helden festlich auszustaffieren. Also lud Mrs. Merriwether ihn zum Dinner ein und hatte das Gefühl, dass das Geschenk durch dieses Zugeständnis mehr als bezahlt war.
Nicht nur brachte er Maybelle die Seide, er war auch imstande, vortreffliche Ratschläge für den Schnitt des Hochzeitskleids zu geben. Diese Saison waren die Reifröcke in Paris weiter und die Röcke kürzer. Sie waren nicht mehr gerüscht, sondern bauschten sich in bogenförmigen Girlanden und ließen bortenbesetzte Unterröcke sehen. Er erwähnte auch, er habe keine langen Damenunterhosen mehr in den Straßen gesehen, also seien sie wahrscheinlich aus der Mode. Später sagte Mrs. Merriwether zu Mrs. Elsing, wenn sie ihn auch nur im Geringsten ermutigt hätte, dann hätte er vermutlich haarklein erzählt, was für Unterhosen die Pariserinnen gegenwärtig trugen.
Ohne seine so offensichtliche Männlichkeit wäre seine Begabung, sich in allen Einzelheiten an Kleider, Hauben und Frisuren zu erinnern, als weibisch geschmäht worden. Die Damen kamen sich immer ein wenig seltsam vor, wenn sie ihn mit Modefragen bestürmten, aber sie taten es trotzdem. Sie waren von der Modewelt so isoliert wie schiffbrüchige Seeleute, denn nur wenige Modemagazine kamen durch die Blockade. Soweit sie im Bilde waren, mochten die Französinnen sich die Köpfe rasieren und Waschbärfellmützen tragen, daher war Rhetts Gedächtnis für Tand und Flitter ein willkommener Ersatz für Godey’s Lady’s Book. Er konnte sich all die Kleinigkeiten merken, an denen Frauenherzen hingen, und nach jeder Auslandsreise fand man ihn umlagert von Damen, denen er berichtete, die Hauben seien dieses Jahr kleiner und säßen höher, so dass sie den Kopf nur oben bedeckten, man schmücke sie mit Federn und nicht mit Blumen, die Kaiserin von Frankreich habe den Chignon als Abendfrisur abgelegt und lasse sich das Haar auftürmen, so dass ihre Ohren ganz zu sehen seien, und die Abendkleider seien wieder schockierend tief ausgeschnitten.
Einige Monate lang war er die beliebteste und romantischste Gestalt in der Stadt – trotz seines früheren schlechten Rufs, trotz der leisen Gerüchte, dass er nicht nur als Blockadebrecher tätig war, sondern auch mit Lebensmitteln spekulierte. Leute, die ihn nicht mochten, ließen durchblicken, dass jedes Mal, wenn er nach Atlanta komme, die Preise um fünf Dollar stiegen. Aber auch wenn solcher Klatsch sich über geheime Kanäle verbreitete, hätte er seine Beliebtheit behaupten können, wäre sie ihm der Mühe wert gewesen. Stattdessen regte sich in ihm, nachdem er die Gesellschaft der gesetzten und patriotischen Bürger kennengelernt und ihren Respekt und ihre widerwillige Zuneigung erworben hatte, ein rebellischer Drang, sie mit aller Kraft vor den Kopf zu stoßen und ihnen zu zeigen, dass sein Verhalten nur Maskerade gewesen war, und ihm nun keinen Spaß mehr machte.
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