Kitabı oku: «Psychische Störungen bei Säuglingen und Kleinkindern»

Die Autorin
Dr. rer. nat. Margarete Bolten, Co-Leiterin der Sprechstunde für Säuglinge, Klein- und Vorschulkinder der Klinik für Kinder- und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPKKJ) und am Universitätskinderspital Beider Basel (UKBB).
Margarete Bolten
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-036290-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-036291-8
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Geleitwort zur Buchreihe
Klinische Psychologie und Psychotherapie bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen: Verhaltenstherapeutische Interventionsansätze
Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter sind weit verbreitet und ein Schrittmacher für die Entwicklung weiterer psychischer Störungen im Erwachsenenalter. Für einige der für das Kindes- und Jugendalter typischen Störungsbereiche liegen empirisch gut abgesicherte Behandlungsmöglichkeiten vor. Eine Besonderheit in der Diagnostik und Therapie von Kindern mit psychischen Störungen stellt das Setting der Therapie dar. Dies bezieht sich sowohl auf den Einbezug der Eltern, als auch auf mögliche Kontaktaufnahmen mit dem Kindergarten, der Schule, der Jugendhilfe usw. Des Weiteren stellt die Entwicklungspsychopathologie für die jeweiligen Bände ein zentrales Kernthema dar.
Ziel dieser neuen Buchreihe ist es, Themen der Klinischen Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie in ihrer Gesamtheit darzustellen. Dies umfasst die Beschreibung von Erscheinungsbildern, epidemiologischen Ergebnissen, rechtliche Aspekte, ätiologischen Faktoren bzw. Störungsmodelle, sowie das konkrete Vorgehen in der Diagnostik unter Berücksichtigung verschiedener Informanten und das konkrete Vorgehen in der Psychotherapie unter Berücksichtigung des aktuellen Wissenstandes zur Wirksamkeit.
Die Buchreihe besteht aus Bänden zu spezifischen psychischen Störungsbildern und zu störungsübergreifenden Themen. Die einzelnen Bände verfolgen einen vergleichbaren Aufbau wobei praxisorientierte Themen wie bspw. Fallbeispiele, konkrete Gesprächsinhalte oder die Antragsstellung durchgehend aufgenommen werden.
Christina Schwenck (Gießen)
Hanna Christiansen (Marburg)
Tina In-Albon (Landau)
Die Herausgeberinnen
Prof. Dr. Tina In-Albon, Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Koblenz-Landau. Leitung der Landauer Psychotherapie-Ambulanz für Kinder und Jugendliche und des Studiengangs zur Ausbildung in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie der Universität Koblenz-Landau.
Prof. Dr. Hanna Christiansen, Professur für Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters an der Philipps-Universität Marburg; Leiterin der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie-Ambulanz Marburg (KJ-PAM) sowie des Kinder- und Jugendlichen-Instituts für Psychotherapie-Ausbildung Marburg (KJ-IPAM).
Prof. Dr. Christina Schwenck, Professur für Förderpädagogische und Klinische Kinder- und Jugendpsychologie, Justus-Liebig-Universität Gießen. Leiterin der postgradualen Ausbildung Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie.
Inhalt
1 Geleitwort zur Buchreihe
2 1 Erscheinungsbild, Entwicklungspsychopathologie und Klassifikation
3 1.1 Entwicklungspsychopathologische Grundlagen
4 1.2 Symptomatik und Klassifikation
5 1.3 Erscheinungsbild häufiger Störungen im Säuglings- und Kleinkindalter
6 1.3.1 Exzessives Schreien
7 1.3.2 Schlafstörungen und Probleme mit der Schlafregulation
8 1.3.3 Frühkindliche Fütter- und Essstörungen
9 1.4 Klassifikation im Säuglings- und Kleinkindalter
10 1.4.1 Klassifikation des Exzessiven Schreiens
11 1.4.2 Klassifikation von Schlafstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter
12 1.4.3 Klassifikation von Fütter- und Essstörungen
13 1.5 Überprüfung der Lernziele
14 2 Epidemiologie, Verlauf und Folgen
15 2.1 Epidemiologie des exzessiven Schreiens
16 2.2 Verlauf und Folgen des Exzessiven Schreiens
17 2.3 Epidemiologie der Schlafstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter
18 2.4 Verlauf und Folgen von Schlafstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter
19 2.5 Epidemiologie der Fütter- und Essstörungen
20 2.6 Verlauf der der Fütter- und Essstörungen
21 2.7 Überprüfung der Lernziele
22 3 Komorbidität und Differenzialdiagnostik
23 3.1 Komorbidität und Differenzialdiagnostik des Exzessiven Schreiens
24 3.2 Komorbidität und Differenzialdiagnostik bei Schlafstörungen
25 3.3 Komorbidität und Differenzialdiagnostik bei frühkindlichen Fütter- und Essstörungen
26 3.4 Überprüfung der Lernziele
27 4 Diagnostik und Indikation
28 4.1 Ziele und Struktur des diagnostischen Prozesses
29 4.2 Besonderheiten des diagnostischen Prozesses im Säuglings- und Kleinkindalter
30 4.3 Exploration und Anamnese
31 4.4 Kategoriale Klassifikation nach DC: 0-5
32 4.5 Dimensionale Symptomerfassung
33 4.5.1 Basisdiagnostik im Säuglings- und Kleinkindalter
34 4.5.2 Störungsspezifische Fragebögen
35 4.6 Beurteilung der Eltern-Kind-Beziehung
36 4.7 Beurteilung der psychosozialen Umwelt
37 4.8 Standardisierter Entwicklungstestung
38 4.9 Differenzial- und Ausschlussdiagnostik
39 4.10 Psychopathologischer Befund
40 4.11 Spezifisches Vorgehen bei Fütter- und Essstörungen
41 4.11.1 Diagnostik bei Gedeihstörungen
42 4.12 Überprüfung der Lernziele
43 5 Störungstheorien und -modelle
44 5.1 Exzessives Schreien
45 5.2 Schlafstörungen
46 5.2.1 Kindfaktoren
47 5.2.2 Interaktionelle Faktoren
48 5.2.3 Proximal extrinsische Elternfaktoren
49 5.3 Fütter- und Essstörungen
50 5.4 Überprüfung der Lernziele
51 6 Psychotherapie
52 6.1 Therapieantrag
53 6.2 Therapieziele und Behandlungsplan
54 6.3 Konzeptionelle Grundlage der Behandlung
55 6.4 Therapieindikation
56 6.4.1 Behandlung von Schrei- und Schlafproblemen im ersten Lebensjahr
57 6.4.2 Behandlung von Schlafstörungen ab dem zweiten Lebensjahr (ab 12 Monaten)
58 6.5 Überprüfung der Lernziele
59 7 Psychotherapieforschung
60 7.1 Exzessives Schreien
61 7.1.1 Kogitiv-behaviorale orientierte Ansätze beim Exzessiven Schreien
62 7.1.2 Tiefenpsychologisch orientierte Ansätze beim Exzessiven Schreien
63 7.1.3 Alternative Behandlungsansätze beim Exzessiven Schreien
64 7.2 Schlafstörungen
65 7.3 Fütter- und Essstörungen
66 7.4 Überprüfung der Lernziele
67 8 Rechtliche Aspekte
68 8.1 Einbezug der Bezugspersonen
69 8.2 Recht auf Information
70 8.3 Mitwirkungspflichte Eltern
71 8.4 Recht auf Geheimhaltung
72 8.4.1 Vorgehensweise bei einer Mitteilung an das Jugendamt
73 8.5 Überprüfung der Lernziele
74 9 Zusammenfassung und Ausblick
75 Literatur
76 Stichwortverzeichnis
1 Erscheinungsbild, Entwicklungspsychopathologie und Klassifikation
Fallbeispiel
Pauls (14 Monate) Mutter wird in der Kinderklinik vorstellig, da sie am Rande ihrer Kräfte ist. Der Junge weist zum Zeitpunkt des Erstgespräches eine generalisierte Regulationsstörung mit Schrei-, Schlaf- und Fütterproblemen auf. Nico weigerte sich bisher (seit Beginn der Einführung fester Nahrung im Alter von 6 Monaten) feste Nahrung in Form von Brei oder Finger Food zu sich zu nehmen, so dass die Mutter in zunehmender Frequenz stillen musste. Durch das häufige Stillen entwickelte sich aber sowohl das Schlafverhalten als auch die Selbstregulation mehr und mehr dysfunktional. Zum Zeitpunkt des Eintrittes in die Kinderklinik, verlangt Nico annähernd stündlich nach der Brust, verweigert jegliche feste Nahrung und wird fast ständig von der Mutter im Arm gehalten und umhergetragen. Er weint sehr viel und schläft tagsüber kaum. Auch in der Nacht ist sein Schlaf stark fraktioniert.
Die Mutter berichtet, dass sie selbst aufgrund einer Borderline-Persönlichkeitsstörung in psychiatrischer Behandlung sei. Sie könne das Schreien von Paul kaum aushalten. Das Verhalten ihres Sohnes rufe bei ihr extreme Stressgefühle und Anspannung hervor. In den letzten Wochen sei es ihr zunehmend schwergefallen, sich unter Kontrolle zu behalten. Manchmal möchte sie nur schreien. Gleichzeitig sei sie sehr gerne Mutter und betrachte Paul als ihren Lebensmittelpunkt.
Lernziele
• Sie wissen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um von auffälligem Verhalten im Säuglings- und Kleinkindalter zu sprechen.
• Sie kennen die Definition des exzessiven Schreiens nach Wessel.
• Sie kennen die häufigsten Schlafstörungen bei Säuglingen und Kleinkindern, können diese beschreiben und von Normvarianten abgrenzen.
• Sie kennen mind. zwei Klassifikationssysteme, welche spezifisch für psychische Auffälligkeiten im Säuglings- und Kleinkindalter (0–5 Jahre) entwickelt wurden.
• Sie kennen den Begriff »Pädiatrische Fütterstörungen« und können ihn definieren.
1.1 Entwicklungspsychopathologische Grundlagen
Verhaltensprobleme und psychische Störungen können bereits bei Säuglingen und Kleinkindern auftreten. Entsprechend dem Entwicklungsstand sehr junger Kinder, sehen wir vor allem Schwierigkeiten mit der Verhaltensregulation in verschiedenen Kontexten. Dies ist im Altersbereich von 0–3 Jahren vor allem die Regulation von Erregungen und Stress (bzw. Emotionen), Verhaltensabläufen, des Schlaf-Wach-Rhythmus und der Nahrungsaufnahme. Im folgenden Kapitel sollen deshalb die Erscheinungsbilder der drei Hauptproblembereiche Schreien, Schlafen und Nahrungsaufnahme beschrieben werden. Dabei werden neben den jeweiligen Definitionen von Störungen in diesen Bereichen auch psychopathologische Entwicklungsmodelle und die Klassifikationsmöglichkeiten aufgezeigt.
Das Entwicklungsmodell von Sroufe (1989) sieht in den ersten sechs Lebensjahren eines Kindes folgende Entwicklungsaufgaben vor:
1. Regulierung innerer Abläufe wie beispielsweise Schlaf und Nahrungsaufnahme (0–6 Monate)
2. Bindung und motorische Selbstkontrolle (6–12 Monate)
3. Sprache, Exploration und Autonomie (1–3 Jahre)
4. Impulskontrolle und Beziehung zu Peers (3–6 Jahre)
1.2 Symptomatik und Klassifikation
Störungen in der frühen Kindheit sind eng mit der biologischen Reifung des Zentralnervensystems und der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben verknüpft. Daraus folgt, dass sich die Symptomatik bei sehr jungen Kindern zumeist anders als bei älteren Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen äußert und sich mit zunehmendem Alter verändern kann. Folglich müssen bei der Beurteilung eines Kindes im Säuglings- und Kleinkindalter entsprechende Normvarianten von pathologischen Abweichungen des Verhaltens und der Emotionalität unterschieden werden.
Merke
In Anlehnung an Steinhausen (2019) gilt ein Verhalten dann als auffällig, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:
a) das Verhalten ist hinsichtlich des chronologischen Alters bzw. des Entwicklungsalters nicht angemessen;
b) die Symptome persistieren über eine spezifische Dauer hinweg und
c) im Rahmen soziokultureller und ökonomischer Rahmenbedingungen wird das Verhalten von der Mehrheit als nicht normativ beurteilt.
Weiterhin muss das kindliche Verhalten zu Leiden, sozialer Einengung, Beeinträchtigung der Entwicklung oder negativen Auswirkungen für andere führen.
Gemäß der im Kasten genannten Definition von auffälligem Verhalten von Steinhausen (2019), müssen Symptome im Säuglings- und Kleinkindalter zwingend in Bezug zu normativen Entwicklungsverläufen und zur erwartenden Variationsbreite von Verhaltensmerkmalen gesetzt werden. Dabei sind insbesondere die Verhaltens- und Emotionsregulation, die Aufmerksamkeitssteuerung und die Handlungskontrolle, aber auch die gesellschaftlichen und sozialen Normen für die Beurteilung relevant.
1.3 Erscheinungsbild häufiger Störungen im Säuglings- und Kleinkindalter
1.3.1 Exzessives Schreien
Schreien gehört zum normalen Verhaltensrepertoire von Säuglingen. Es sichert ihr Überleben, indem es Bezugspersonen als auch Fremde motiviert, die Ursache für das Schreien zu finden, zu beheben und dadurch das Schreien zu beenden. Schreien kann viele Ursachen haben: Hunger, Müdigkeit, körperliches Unwohlsein, Schmerzen oder der Wunsch nach Nähe sind die häufigsten. Wenn Säuglinge jedoch deutlich mehr schreien, als dies von den Eltern erwartet wird, sehr unruhig und quengelig sind, kaum in den Schlaf und zur Ruhe gebracht werden können und auf angemessene Beruhigungsversuche nicht ansprechen, spricht man vom exzessiven Schreien. Das exzessive Schreien wird in der Alltagssprache auch »Drei-Monats-Koliken« oder »Kolikenschreien« genannt. Damit wird im Allgemeinen das vermehrte Schreien von Säuglingen, welches meist auf die ersten drei Lebensmonate begrenzt ist, umschrieben. Diese passagere Schreiproblematik tritt meist in physiologischen Reifungs- und Adaptationsphasen auf und geht zudem oftmals mit einer Beeinträchtigung der Schlaf-Wach-Regulation aber auch mit Problemen bei der Nahrungsaufnahme einher. Abzugrenzen ist diese zeitlich begrenzte Schreiproblematik vom persistierenden exzessiven Schreien, welches über den vierten bzw. sechsten Lebensmonat hinaus anhält. Dieses ist häufig mit einer tieferliegenden, erworbenen oder vererbten erhöhten Reaktivität auf Umweltreize bzw. größeren Schwierigkeiten die eigene Erregung bzw. Emotionen zu regulieren. Bedingt durch diese regulativen Schwierigkeiten haben die betroffenen Kinder meist auch in anderen Bereichen (z. B. beim Schlafen, beim Essen oder in Trennungssituationen) Probleme.
Merke
Das Kennzeichen des exzessiven Schreiens ist, das ein anfallsartiges, unstillbares Schreien, das ohne erkennbaren Grund bei einem ansonsten körperlich gesunden Säugling, auftritt. Angemessene Beruhigungsversuche der Eltern haben bei diesen Kindern meist keinen Erfolg.
Zur Definition des exzessiven Schreiens wird die so genannte 3er-Regel von Wessel et al. (1954) herangezogen.
Definition
Ein Kind schreit dann exzessiv, wenn die Schrei- und Unruhephasen:
1. länger als drei Stunden pro Tag,
2. öfter als dreimal pro Woche und
3. länger als drei Wochen anhalten.
Auch wenn die Schreiproblematik im Rahmen physiologischer Reifungs- und Adaptationsphasen in den ersten Lebensmonaten auftritt, geht sie jedoch zumeist mit einer erheblichen Belastung der Eltern einher. Das Schreien selbst, aber auch Schwierigkeiten bei der Schlaf-Wach-Regulation können zu einer abnormen Erregung bzw. chronischen Erschöpfung bei der Hauptbezugsperson führen. Betroffene Kinder haben oftmals nur sehr kurze Tagschlafphasen (meist weniger als 30 Minuten) und ausgeprägte Ein- und Durchschlafprobleme. Dies führt zu einer Kumulation der Schreiphasen in den späten Nachmittags- und Abendstunden durch Übermüdung bzw. Reizüberflutung.
Exzessiv schreiende Säuglinge sprechen vielfach auf angemessene Beruhigungsversuche nicht an. Zudem fallen sie sowohl während ihrer Wachphasen als auch im Schlaf durch eine erhöhte Schreckhaftigkeit auf. Die Kinder sind filterschwach auf den meisten Sinneskanälen, wodurch sie nur schlecht »abschalten« können und sehr geruchs-, geräusch-, berührungs- oder lageempfindlich sind. Da sie auf Stimuli oft mit starker Erregung reagieren, sind exzessiv schreiende Säuglinge schneller überreizt (Papousek & von Hofacker, 1998). Weitere beobachtbare Merkmale des Schreiens sind ein hoher Muskeltonus mit Überstrecken von Kopf und Rumpf, geballten Fäusten, hochroter Hautfarbe oder schriller Schreie.
Organische Ursachen können in der Regel beim exzessiven Schreien nicht gefunden werden. Akhnikh und Kolleginnen (2014) schätzen auf der Basis ihrer Literaturübersicht, dass bei weniger als 5 % aller exzessiv schreienden Säuglinge ein organisches Problem die Verhaltensschwierigkeiten erklären kann. Dies deckt sich mit Erfahrungen in klinischen Alltagssettings. Nur in äußerst seltenen Fällen konnte eine organische Ursache für das vermehrte Schreien bei Säuglingen, welche in einer Spezialambulanz für Säuglinge und Kleinkinder behandelt wurden, gefunden werden (Bolten, Glanzmann, & Di Gallo, 2020).
1.3.2 Schlafstörungen und Probleme mit der Schlafregulation
Neugeborene Kinder haben noch keinen klaren Tag-Nacht-Rhythmus. Dieser bildet sich im Verlauf der frühen Kindheit in Interaktion mit der Umwelt langsam aus (Yates, 2018). Nächtliches Aufwachen, auch weit über das erste Lebensjahr hinaus, ist also nicht zwingend als pathologisch zu werten (Mindell et al., 2016). Ob bei einem Säugling oder Kleinkind eine Schlafstörung vorliegt, hängt primär von der subjektiven Belastung durch das Ausmaß und die Häufigkeit der nächtlichen Schlafunterbrechungen für die Bezugspersonen ab (Pennestri et al., 2018).
In den ersten drei Lebensjahren treten vor allem Insomnien, also Ein- oder Durchschlafprobleme gehäuft auf. Dabei lassen sich beide Formen nicht vollständig voneinander trennen, denn Durchschlafschwierigkeiten sind meist eine Folge des Unvermögens alleine Einschlafen zu können. So finden diese Kinder am Abend und in der Nacht in der Regel nur dann in den Schlaf, wenn spezifische Gegebenheiten durch die Eltern hergestellt werden (z. B. elterliche Abwesenheit, Stillen oder Flaschenfütterung). Nicht selten benötigen diese Kinder auch die Anwesenheit der Eltern beim Einschlafen, das Sitzen der Eltern am Bett oder auch eine bestimmte Schlafumgebung wie das Elternbett. Fehlen diese Bedingungen, können die Kinder nicht einschlafen bzw. nach dem nächtlichen Erwachen wieder einschlafen. Die Verknüpfung zwischen kindlichen Schwierigkeiten in den Schlaf zu finden bzw. nach dem Erwachen diesen wieder zu erlangen und elterlichen Einschlafhilfen bzw. elterlicher Belastung wird im Rahmen der Research Diagnostic Criteria-Preschool Age (RDC-PA Kriterien; Emde, 2003) deutlich berücksichtigt.
Good to know
Die RDC-PA berücksichtigt die normative Schlafentwicklung im frühen Kindesalter und betont explizit, dass erst ab dem Alter von 12 Monaten von einer Schlafstörung gesprochen werden darf, da vorher die Fähigkeit zur vollständig unabhängigen Schlafregulation bzw. der Fähigkeit alleine in den Schlaf zu finden noch nicht ausgereift ist.
Eine Durchschlafstörung wird insbesondere bei Kindern in den ersten 6 Monaten nur bei erheblicher elterlicher Belastung als pathologisch angesehen. Junge Säuglinge sind zu Beginn noch sehr stark von der ko-regulatorischen Unterstützung durch die Eltern bei der Schlaf-Wach-Regulation abhängig, so dass Probleme in diesem Bereich im ersten Lebensjahr nicht als Schlafstörung im eigentlichen Sinne betrachtet werden sollten. Wiederholtes, kurzes nächtliches Aufwachen ist im Säuglingsalter physiologisch sinnvoll, da zum einen auch in der Nacht noch Energie aufgenommen werden muss (Kersting, Przyrembel, Zwiauer, & Baerlocher, 2014). Zum anderen sind die zwei Schlafregulationsmechanismen zirkadianer Rhythmus und Schlafhomöostase noch nicht so weit ausgereift, dass nächtliches Erwachen in der frühen Kindheit als normativ betrachtet werden muss (Jenni & Benz, 2007). Hinzu kommt, dass auch die Fähigkeit zur Selbstregulation im Kontext der Schlaf-Wachregulation ebenfalls erst ausreifen muss, um ohne Einschlafhilfe zur Ruhe und in den Schlaf zu finden. Entsprechend brauchten in einer Untersuchung von Goodlin-Jones et al. (2001) 50 % der 12 Monate alten Kinder noch Unterstützung beim Einschlafen durch die Eltern. Ergebnisse von Sadeh und Kolleginnen (2009) fanden auf der Basis einer großen Internetbefragung, dass Kinder im ersten Lebensjahr im Mittel 1- bis 2-mal in der Nacht erwachen und zwischen 30 und 60 Minuten wach sind. Weiterhin berichten die Autoren, dass 22 % der unter 3-jährigen Kinder nur in elterlicher Anwesenheit (eigenes Bett oder Bett der Eltern) einschliefen. Auch bei den Durchschlafstörungen zeigten die Ergebnisse, dass nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Säuglinge und Kleinkinder in der untersuchten Stichprobe beim nächtlichen Erwachen ohne elterliche oder anderweitige exogene Einschlafhilfe wieder einschläft. Im Verlauf des zwei Lebensjahres erwerben jedoch die meisten Kinder die Fähigkeit, ohne wesentliche elterliche Hilfe einzuschlafen.
Merke
Nächtliches Erwachen bei Säuglingen sollte als normativ angesehen werden. Nur wenn häufiges Aufwachen mit einer erheblichen Belastung der Eltern verbunden ist, hat es pathologischen Wert.
1.3.3 Frühkindliche Fütter- und Essstörungen
Das Essverhalten eines Säuglings bzw. Kleinkindes entwickelt sich immer im Zusammenspiel komplexer Mechanismen, Erfahrungen und der Interaktionen mit seinen Bezugspersonen (
Abb. 1.1).

Abb. 1.1: Einflussfaktoren auf des Essverhalten im Säuglings- und Kleinkindalter
Neben reifungsassoziierten Faktoren wie beispielsweise die anatomische und kognitive Reife sowie oralmotorische Fähigkeiten, haben physiologische Regelmechanismen von Hunger und Sättigung eine zentrale Bedeutung bei der Entwicklung des Essverhaltens und der Esskompetenz von Säuglingen bzw. Kleinkindern. Zusätzlich spielen aber auch eine Vielzahl von Lerneinflüssen eine Rolle. Die Lernumwelt wird im Säuglings- und Kleinkindalter vor allem durch die Interaktionen mit Eltern bestimmt. Die Eltern oder Bezugspersonen machen Nahrungsangebote und strukturieren den Tag bzw. die Mahlzeiten, sie füttern aber auch das Kind und setzen Grenzen. Eltern geben im Zusammenhang mit der Essentwicklung die Entwicklungsreize in Form der Nahrungsangeboten. Werden einem Kind nur eingeschränkte Angebote an Nahrungsmitteln gemacht, können auch keine neuen Erfahrungen im Verarbeiten (Beißen, Kauen, Schlucken) gewonnen werden. Dadurch ist das Kind in seinen keine Entwicklungsschritten im Hinblick auf die Erweiterung des Nahrungsmittelspektrums eingeschränkt. Im Zusammenhang mit den Lernerfahrungen sind aber auch Traumatisierungen im Mund-Rachen-Bereich zu nennen. Diese können z. B. durch forciertes Füttern, unsachgemäße Zubereitung der Nahrung (hohe Temperaturen), Verschlucken und Erbrechen oder aber auch durch intensivmedizinische Maßnahmen entstehen. In diesem Gefüge können also auch Störungen der normativen Essentwicklung auftreten.
Generell erscheint es sinnvoll, Fütterstörungen und Essverhaltensstörungen zu unterscheiden. Bei Fütterstörungen erfolgt die Nahrungsaufnahme in dyadischen Beziehungen, da ein unabhängiges Essen des Kindes aufgrund seines Entwicklungsstandes noch nicht möglich ist. Bei den Essverhaltensstörungen können Kinder unabhängig von ihren Bezugspersonen selber essen. Streng genommen sollte deshalb der Begriff »Fütterstörungen« auf Säuglinge oder Kindern mit Entwicklungsstörungen beschränkt sein, welche nicht selbstständig essen können.
In den letzten Jahren gab es vielfältige Veränderungen und Anpassungen bei den verschiedenen Definitionen von Ess- und Fütterstörungen im frühen Kindesalter. Die Revisionen waren dringend notwendig, da die Definitionen der traditionellen Klassifikationssysteme der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) und der 4., überarbeiteten Version des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV-TR) teilweise im klinischen Alltag problematisch waren. So wird die »Fütterstörung im frühen Kindesalter« (F98.2) in der ICD-10 als »eine für das frühe Kindesalter spezifische Störung beim Gefüttert-werden« beschrieben (Remschmidt, Schmidt, & Poustka, 2006). Außerdem muss es definitorisch beim Kind zu einem Gewichtsverlust bzw. keiner Gewichtszunahme in Abwesenheit anderer psychischer oder organischer Krankheiten kommen. Diese Definition ist in vielerlei Hinsicht problematisch, da sie die anhaltende Unfähigkeit, adäquat zu essen, nur sehr allgemein formuliert. Zum anderen wird eine mangelnde Gewichtszunahme bzw. mangelndes Gedeihen vorausgesetzt. Gedeihstörungen sind jedoch nicht zwangsläufig mit Fütter- und Essstörungen assoziiert. Wie Chatoor (2016) ausführt, sind Gedeihstörungen (»Failure to thrive«) ein mögliches Symptom einer Fütter- und Essstörung, aber keine zwingende Voraussetzung für die Vergabe der Diagnose. Mit anderen Worten, manche Fütterstörungen gehen mit einer mangelnden Gewichtszunahme einher, während andere Kinder trotz massiver Essstörung sehr gut gedeihen. Auch der Ausschluss medizinischer Krankheitsfaktoren muss kritisch bewertet werden. Natürlich müssen alleinige organische Ursachen für eine Fütter- und Essstörung ausgeschlossen werden. Auf der anderen Seite gibt es Kinder mit organischen Grunderkrankungen, die komorbid eine Fütter- und Essstörung entwickelten, welche trotz erfolgreicher Behandlung der Grunderkrankung nicht verschwindet (Berlin, Lobato, Pinkos, Cerezo, & LeLeiko, 2011). Ferner haben neuere Studien (Krom et al., 2019; Norris, Spettigue, & Katzman, 2016) wiederholt zeigen können, dass komorbide psychische Störungen bei Fütter- und Essstörungen sehr häufig sind. Internalisierende (vor allem Angststörungen) und externalisierende Störungen (vor allem Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem Verhalten), aber auch Autismus-Spektrums-Störungen sind typische komorbide Störungen. Und abschließend muss bemängelt werden, dass der interaktionelle Aspekt einer Fütterstörung vollkommen ausgeblendet wird.
Eine Neuerung im DSM-5 ist, dass es keine Fütterstörung im Säuglings- oder Kleinkindalter mehr gibt, sondern dass Probleme mit der Nahrungsaufnahme sowohl bei Säuglingen und Kleinkindern als auch bei Erwachsenen im Rahmen einer Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme (Avoidant/restrictive food intake disorder; ARFID; Association, 2013) klassifiziert werden können. Dabei handelt es sich um eine Ernährungs- bzw. Fütterstörung ohne Gewichts- und Figursorgen. Die ARFID ist mit einem signifikanten Gewichtsverlust, signifikantem Nährstoffmangel, Abhängigkeit von Sondennahrung oder einer signifikanten Beeinträchtigung der psychosozialen Funktion verbunden. Nahrungsmittelknappheit, kulturelle Praktiken, Anorexia, Bulimia Nervosa oder körperliche Erkrankungen müssen als Alternativerklärungen für das gestörte Essverhalten ausgeschlossen werden.
Assoziierte Störungsbilder der ARFID können in drei Subkategorien eingeteilt werden: Ernährungsstörung aufgrund (a) einer allgemeinen unangemessenen Nahrungsaufnahme, (b) einer eingeschränkten Akzeptanz von Lebensmitteln oder (c) aufgrund einer spezifischen Angst, sind jeweils mit deutlichen Einschränkungen der akzeptierten Nahrungsmitteln und der aufgenommenen Nahrungsenergie verbunden (Bryant-Waugh, Markham, Kreipe, & Walsh, 2010).
a) Die Nahrungsvermeidung mit emotionaler Störung (Food avoidance emotional disturbance; FAED) wurde erstmals von Higgs, Goodyer und Birch (1989) für Kinder mit einer emotionalen Störung und einer damit einhergehenden Nahrungsvermeidung verwendet. Die Nahrungsvermeidung oder restriktive Nahrungsaufnahme muss mindestens einen Monat präsent sein ohne organische Hirnstörung, Psychose, Drogenmissbrauch oder Medikamenteneinwirkung. Kinder mit FAED erleben häufig emotionale Spannungen mit Sorgen oder Traurigkeit, die den Appetit und den Hunger beeinflussen, ohne das ein Gewichtsverlust angestrebt wird (Bryant-Waugh et al., 2010). FAED geht oft mit Untergewicht, Wachstumsstörungen und einem reduzierten Allgemeinzustand einher (Bryant-Waugh, 2013).
b) Die vermeidend/restriktive Ernährungsstörung aufgrund einer eingeschränkten Akzeptanz von Lebensmitteln, Picky Eating oder selektivem Essen ist durch ein extrem eingeschränktes Nahrungsspektrum und eine starke Vorliebe für ausgewählte Lebensmittel aufgrund von sensorischen oder anderen Merkmalen (Farbe, Geschmack, Konsistenz oder Marke) gekennzeichnet (Bryant-Waugh, 2019). In dieses Spektrum fällt auch die Food Neophobie, also die Ablehnung neuer, unbekannter Lebensmittel (Lobos & Januszewicz, 2019). Zwischen dem extrem selektiven Essverhalten und der Neophobie wurden bisher große Überschneidungen (Cole, An, Lee, & Donovan, 2017) beobachtet. Zudem gibt es eine Häufung bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) (Wallace, Llewellyn, Fildes, & Ronald, 2018). Weitere Ernährungsstörungen aufgrund einer eingeschränkten Akzeptanz von Lebensmitteln sind die von Chatoor (2016) beschriebene »Sensorische Nahrungsvermeidung« und das »Perseverant eating«, also das alleinige Akzeptieren von Babynahrung (Bryant-Waugh, 2019). Im Normalfall hat diese Form der vermeidend/restriktiven Ernährungsstörung keinen Einfluss auf das Gewicht und das Wachstum. Allerdings kann es, je nach Nährstoffzusammensetzung der akzeptierten Lebensmittel, zu Mangelerscheinungen und Wachstumsstörungen kommen (Cooney, Lieberman, Guimond, & Katzman, 2018).
c) Eine vermeidend/restriktive Ernährungsstörung aufgrund einer spezifischen Angst wird auch Nahrungsphobie (NP) genannt, kann als isoliertes Symptom mit akutem Beginn oder als Symptom anderer Störungen auftreten. Die Ernährungsphobie unterliegt häufig einem vorausgehenden traumatischen Erlebnis, wie zum Beispiel würgen (Kreipe & Palomaki, 2012). Die wohl bekannteste Ernährungsphobie ist die funktionelle Dysphagie, bei der die Kinder aufgrund einer Angst vor dem Erbrechen bzw. Würgen Nahrung verweigern. Diese Phobie steht im engen Zusammenhang mit der Emetophobie, einer spezifischen Phobie vor dem Erbrechen (Bryant-Waugh & Lask, 2007).
Im Rahmen der Revision des Klassifikationssytems ZERO TO THREE wurden in der DC: 0-5 (ZERO TO THREE: National Center for Infants, 2016, 2019) die Fütterstörungen in »Essstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter« umbenannt und enthalten nun zwei Hauptklassen: Essstörung mit Überessen (Overeating Disorder) und Essstörung mit Nahrungsverweigerung (Undereating Disorder) sowie eine Restkategorie (Atypical Eating Disorder). Die Essstörung mit Nahrungsverweigerung entsprechen den Frühkindlichen Fütterstörungen der ICD-10, jedoch werden hier acht verschiedene Symptome unterschieden, durch welche sich die Essstörung manifestieren kann. Die DC: 0-5 stellt die durchgängige Weigerung altersadäquat zu Essen ins Zentrum seiner Definition einer Essstörung im frühen Kindesalter. Dabei kann altersadäquat vielerlei bedeuten und ist nicht zwangsläufig nur durch eine mangelnde Nahrungsaufnahme bzw. Gewichtszunahme definiert. Vielmehr spricht das DC: 0-5 auch von einer Essstörung, wenn das Kind bestimmte Verhaltensmuster, wie beispielsweise ein fehlendes Interesse am Essen, extrem selektives Essen oder sehr langes im-Mund-behalten zeigt oder Interaktionen beim Füttern/Essen dysfunktionale Auffälligkeiten aufweisen (z. B. nur im Schlaf, mit Zwang oder Ablenkung).
Sowohl aus der klinischen Praxis, als auch aus verschiedenen Studien ist bekannt, dass Kinder mit Fütter- und Essstörungen oftmals eine Vielzahl von weiteren Begleiterkrankungen (psychische und organische) und Einschränkungen haben (Berlin et al., 2011; Norris et al., 2016; Rommel, De Meyer, Feenstra, & Veereman-Wauters, 2003). Auch Goday et al. (2019) kritisieren in einem Konzeptpapier, dass Fütterstörungen bisher jeweils nur aus der Perspektive einer Disziplin (z. B. Psychiatrie) betrachtet wurden, was zu den bereits oben beschriebenen Problemen der Definition führte. Sie schlagen deshalb den Begriff der »Pädiatrischen Fütterstörungen« (Pediatric feeding disorders, PFDs) vor. Voraussetzung für die Vergabe dieser Diagnose ist eine über mind. 2 Wochen anhaltende Störung der Nahrungsaufnahme, die mit medizinischen Komplikationen (kardiorespiratorische Probleme, wiederkehrende Aspirationen), ernährungsbedingten Dysfunktionen (Mangelernährung, Nährstoffmangel, Notwendigkeit von Sondennahrung oder Nährungsergänzungsmitteln), Dysfunktion in den Essfertigkeiten (Pürieren/Andicken von Nahrungsmitteln, Anpassung von Positionierung/Hilfsmitteln oder Fütterstrategien erforderlich) oder psychosoziale Dysfunktionen (Vermeidungsverhalten, ungeeignete Fütterstrategien der Bezugspersonen, beeinträchtige soziale Funktionen, beeinträchtige Eltern-Kind-Beziehung) assoziiert ist und nicht auf kognitive Prozesse (wie z. B. bei Anorexie), einem Mangel an Nahrung bzw. kultureller Normen erklärbar sind (vgl. Goday et al., 2020).
Die vorgeschlagene Definition erleichtert die multidisziplinäre Arbeit auf den vier potenziell beeinträchtigen Ebenen: organische bzw. medizinische Komplikationen, beeinträchtigte Ess- und Schluckfertigkeiten, Nährstoffversorgung und psychische Beeinträchtigung.
Merke
Eine besondere Form der frühkindlichen Fütter- bzw. Essstörung ist die Sondendependenz. Von Sondendependenz sprechen wir dann, wenn aufgrund erfüllter medizinischer Indikation die Sondenernährung beendet werden könnte, der Übergang zu einer ausreichenden oralen Ernährung vom Kind jedoch nicht gemeistert wird. Das Kind wird somit unbeabsichtigt von der ursprünglich nur als vorübergehend geplanten Sondierung ohne weitere medizinische Indikation abhängig. Bei dieser Form der Fütterstörung haben wir es mit einem aktiven Widerstand bzw. starker Abwehr gegenüber oraler Ernährung zu tun, der bei jedem Kontakt mit flüssigen, breiigen und festen Speisen erfolgt. Somit wird die Sondierung bei ausreichender körperlicher und oralmotorischer Funktion allein aufgrund der anhaltenden Nahrungsverweigerung fortgesetzt.
1.4 Klassifikation im Säuglings- und Kleinkindalter
Das Ziel der Klassifikation ist es, die große Zahl klinischer Bilder nach übergeordneten Gesichtspunkten der Ähnlichkeit zu gruppieren und auf eine überschaubare Menge typischer Systemkonstellationen zu reduzieren (Wittchen, 2011). Die kategoriale Diagnostik dient dazu, eine sinnvolle Informationsreduktion vorzunehmen, um eine klar definierte Nomenklatur zu bieten, die Kommunikation zwischen Fachpersonen zu erleichtern und darauf aufbauend einen schnellen Zugriff auf therapeutisches Störungswissen zu ermöglichen (Suppiger & Schneider, 2009). Des Weiteren ist die Klassifikation sie Voraussetzungen für die Therapieindikation und Therapieforschung.
Sowohl bei Kindern und Jugendlichen, als auch bei Erwachsenen, werden zur diagnostischen Klassifikation primär die »Internationale Klassifikation Psychischer Störungen« (ICD-10; WHO, 1991) und das »Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen« (DSM-5, American Psychiatric Association, 2013) eingesetzt. Wesentliches Merkmal beider Systeme ist der deskriptive Ansatz, bei dem sich die Diagnosekriterien vor allem auf beobachtbare Merkmale einer Störung beziehen und hinsichtlich Ätiologie und Pathogenese weitgehend atheoretisch sind. Da jedoch die meisten Diagnosekriterien des ICD-10 und DSM-5 für Erwachsene erarbeitet wurden, gibt es bei der Anwendung im Säuglings- und Kleinkindalter erhebliche Schwierigkeiten. So fehlen beispielsweise an die verschiedenen Entwicklungsphasen angepasste Kriterien. Manche für diese Altersspanne typischen Verhaltensstörungen fehlen vollständig (z. B. exzessives Schreien, Beziehungsstörungen, sensorische Verarbeitungsstörungen). Aus diesem Grund wurde von der Arbeitsgruppe »ZERO TO THREE« am National Center for Infants, Toddlers and Families 1994 erstmals ein multiaxiales Diagnosesystem zur Klassifikation psychischer Auffälligkeiten bis zum vollendeten dritten Lebensjahr eingeführt (DC: 0-3) und 2016 überarbeitet. Die aktuell gültige Fassung der Diagnostic Classification of Mental Health and Developmental Disorders of Infancy and Early Childhood (DC: 0-5, 2016, 2019) ist für Kinder bis zum vollendeten fünften Lebensjahr geeignet und berücksichtigt im Vergleich zu den Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-5 in höherem Maße altersspezifische Besonderheiten und entwicklungspsychologische Zusammenhänge von Verhaltensstörungen in dieser Altersspanne. Insbesondere die schnellen Veränderungen in der sozioemotionalen Entwicklung und die hohe Relevanz des Beziehungssystems der Kinder in diesem Altersbereich werden bei der Diagnosevergabe mit beachtet.
Das multiaxiale Klassifikationssystem DC:0-5 beibehaltet fünf Achsen. Dabei werden auf der Achse I die klinischen Diagnosen kodiert, wobei acht Störungskategorien unterschieden werden: die Neurobiologische Entwicklungsstörungen, Sensorische Verarbeitungsstörungen, Angststörungen, Affektive Störungen, Zwangsstörungen und verwandte Störungen, Schlafstörungen, Essstörungen der Kindheit, Schreistörungen der frühen Kindheit, Trauma-, Belastungs- und Deprivationsstörungen der frühen Kindheit und die Beziehungsstörungen. Die Achse II umfasst den Beziehungskontext. Dabei wird zum einen die Beziehungsqualität zur primären Bezugsperson eingeschätzt und zum anderen die Qualität der Führsorge-Umgebung. Die Diagnostikerin hat hier die Möglichkeit die Beziehung mittels einer 4-stufigen Skala einzuschätzen (Level 1 = gut adaptierte Beziehung, Level 2 = angespannte Beziehung, Level 3 = beeinträchtigte Beziehung, Level 4 = gestörte bis gefährliche Beziehung).
Auf der Achse III finden sich medizinische Krankheiten und Faktoren, die die psychische Gesundheit direkt oder indirekt beeinflussen können. Komplikationen in der Schwangerschaft oder perinatal werden ebenfalls auf Achse III berücksichtigt. Auf Achse IV werden die psychosozialen Belastungsfaktoren mit Hilfe von Kategorien und spezifischen Stressoren erfasst. Psychosoziale Faktoren beinhalten akute Ereignisse als auch andauernde Umstände wie z. B. Armut oder häusliche Gewalt. Stressoren können zudem direkt (z. B. Hospitation) oder indirekt (z. B. plötzliche Krankheit eines Elternteils) vorliegen. Auch Übergänge oder normale Ereignisse, wie die Geburt eines Geschwisters oder ein Umzug, können stressreich sein. Achse V beschreibt Entwicklungskompetenzen. Dabei werden die folgenden Entwicklungsbereiche berücksichtigt: die emotionale, soziale, sprachliche, kognitive, als auch die motorische und körperliche Entwicklung. Für die Einschätzung beinhaltet das DC:0-5 eine Übersicht an Meilensteinen der Entwicklung für das Alter von 3 bis 60 Monaten.
Entsprechend der Erweiterung der Altersspanne, für welche das DC: 0-5 anwendbar ist, wurden neue Störungsbilder für Kinder bis zum fünften Lebensjahr eingeschlossen. Bezüglich des Altersbereiches zwischen 0 und 3 Jahren gab es folgende Anpassungen.
Die zwei wohl wichtigsten Veränderungen von der DC: 0-3R zur DC: 0-5 sind, dass zum einen der Altersbereich auf die ersten fünf Lebensjahre erweitert wurde und damit auch einige neue Störungskategorien neu hinzugenommen wurden. Zum anderen sind die diagnostischen Kriterien in der DC: 0-5 nicht mehr als Fließtext, sondern mit eindeutigen Kriterien beschrieben, was die Klassifikation deutlich erleichtert und somit auch die Reliabilität des Klassifikationssystems erhöht. Evaluationsstudien zum DC: 0-5 liegen bisher noch nicht vor und auch zu den Vorgängerversionen (DC: 0-3R, DC: 0-3) gibt es nur wenige Untersuchungen (z. B. Skovgaard et al., 2005; Wiefel et al., 2005). In der Studie von Skovgaard et al. (2005) beispielsweise beurteilten drei Kinder- und Jugendpsychiaterinnen die Krankenakten von 116 eineinhalb jährigen Kindern und ein 10-minütiges Fallvideo. Die Untersucherinnen waren dabei verblindet für die jeweilige Diagnose der Kinder. Die Autorinnen berichten Kappa Werte von k = .72 für die Achse I Diagnosen, k = 1.0 für die Achse II Beziehungsklassifikationen, k = .71 für die auf Achse III kodierten medizinischen Probleme, k = .55 für die Klassifikation der psychosozialen Stressoren auf Achse IV und k = .71 für die Klassifikation der funktionell-emotionale Entwicklung auf Achse V des DC: 0-3. Diese Ergebnisse zeigen, dass psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten, die nach den Kriterien der DC: 0-3 Klassifikation diagnostiziert wurden, im Vergleich zur ICD-10 reliabler klassifiziert werden können.
In der Anwendung der DC: 0-3 fanden sich jedoch auch einige Schwierigkeiten. So berichten beispielsweise Wiefel et al. (2005) besonders bei der Klassifikation von Fütterstörungen, aber auch bei der Abgrenzung der einzelnen Subtypen der Regulationsstörungen von Problemen. Für die Bindungsstörungen wurden ebenfalls ausführlichere Kriterien gefordert.
1.4.1 Klassifikation des Exzessiven Schreiens
Sowohl die ICD-10 als auch das DSM-5 bieten keine Klassifikationsmöglichkeiten für frühkindliche Regulationsstörungen und damit auch nicht für das exzessive Schreien. Daher kann im Säuglingsalter mit beiden Klassifikationssystemen exzessives Schreien nicht angemessen klassifiziert werden. Die einzige, allerdings unbefriedigende Möglichkeit ist die Vergabe der Diagnose einer Anpassungsstörung mit Exzessivem Schreien (F43.2). Eine solche Störung wird diagnostiziert, wenn eine identifizierbare psychosoziale Belastung, von einem nicht außergewöhnlichen oder katastrophalen Ausmaß vorliegt, die Symptome und Verhaltensstörungen wie bei anderen Störungen vorliegen und diese Symptome nicht länger als sechs Monate nach Beendigung der Belastung andauern.
Diagnostische Kriterien der Anpassungsstörungen ICD-10, F43.2
A. Identifizierbare psychosoziale Belastung, von einem nicht außergewöhnlichen oder katastrophalen Ausmaß; Beginn der Symptome innerhalb eines Monats.
B. Symptome und Verhaltensstörungen, wie bei F3 (außer Wahngedanken und Halluzinationen), F4 oder F91, die Kriterien einer einzelnen Störung werden aber nicht erfüllt.
C. Die Symptome dauern nicht länger als sechs Monate nach Ende der Belastung oder ihrer Folgen an, außer bei der längeren depressiven Reaktion (F43.21).
Diagnostische Kriterien der Anpassungsstörung nach DSM-51
A. Die Entwicklung von emotionalen oder behavioralen Symptomen als Reaktion auf einen identifizierbaren Belastungsfaktor, die innerhalb von 3 Monaten nach Beginn der Belastung auftreten.
B. Diese Symptome oder Verhaltensweisen sind insofern klinisch bedeutsam, als sie eines oder beide der folgenden Kriterien erfüllen:
1. Deutliches Leiden, welches unverhältnismäßig zum Schweregrad und zur Intensität des Belastungsfaktors ist, nach Berücksichtigung des externen Umfelds und kultureller Faktoren, die den Schweregrad und das Beschwerdebild der Symptome beeinflussen können.
2. Bedeutsame Beeinträchtigung in sozialen, [beruflichen] oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
C. Das belastungsabhängige Störungsbild erfüllt nicht die Kriterien für eine andere psychische Störung und stellt nicht nur eine Verschlechterung einer vorbestehenden psychischen Störung dar.
D. Die Symptome sind nicht Ausdruck einer gewöhnlichen Trauerreaktion.
E. Wenn die Belastung oder deren Folgen beendet sind, dauern die Symptome nicht länger als weitere 6 Monate an.
Bestimme, ob:
F43.21 Mit Depressiver Stimmung: Gedrückte Stimmung, Weinerlichkeit oder Gefühle der Hoffnungslosigkeit stehen im Vordergrund.
F43.22 Mit Angst: Nervosität, Sorgen, Überspanntheit oder Trennungsangst stehen im Vordergrund.
F43.23 Mit Angst und Depressiver Stimmung, Gemischt: Eine Kombination von Depression und Angst steht im Vordergrund.
F43.24 Mit Störung des Sozialverhaltens: Eine Störung des Sozialverhaltens steht im Vordergrund.
F43.25 Mit Störung der Emotionen und des Sozialverhaltens, Gemischt: Sowohl emotionale Symptome (z B Depression, Angst) als auch eine Störung des Sozialverhaltens stehen im Vordergrund.
F43.20 Nicht Näher Bezeichnet: Für unangepasste Reaktionen, die sich nicht als eine der spezifischen Subtypen der Anpassungsstörung klassifizieren lassen.
Bestimme, ob:
Akut: Wenn das Störungsbild weniger als 6 Monate anhält.
Andauernd (Chronisch): Wenn das Störungsbild 6 Monate oder länger anhält.
Im DC: 0-5 gibt es dagegen die Störungskategorie der »Exzessiven Schreistörung«, welche auf der 3er-Regel von Wessel aufbaut. Zudem gibt es eine weitere Klassifikationsmöglichkeit, welche am ehesten dem im deutschsprachigen Raum verwendeten Konzept der Regulationsstörungen entspricht: »Andere Schlaf-, Ess- und Schreistörungen der frühen Kindheit«.
Diagnostische Kriterien der Exzessiven Schreistörung DC:0-5 (ZERO TO THREE, 2019)
A. Das Kind schreit mindestens drei Stunden am Tag, an drei oder mehr Tagen pro Woche seit mindestens drei Wochen (»3er-Regel«).
B. Das Schreien wird nicht besser durch eine medizinische Erkrankung erklärt (z. B. Laktose-Intoleranz, gastroösophageale Refluxerkrankung).
C. Die Symptome der Störung oder Reaktionen der Bezugspersonen haben erheblichen Einfluss auf die Funktionsfähigkeit des Kindes und der Familie auf eine oder mehrere der folgenden Arten:
1. Verursachen Stress und Leid beim Kind.
2. Beeinträchtigen die Beziehungen des Kindes.
3. Schränken die Teilnahme des Kindes an entwicklungsbedingt erwarteten Aktivitäten und Routinen ein.
4. Schränken die Teilnahme der Familie an Alltagsaktivitäten und Routinen ein.
5. Schränken die Fähigkeit des Kindes ein, neue Fertigkeiten zu lernen und zu entwickeln, oder beeinträchtigen den Entwicklungsprozess.
Außerdem gibt es im DC: 0-5 auch eine Mischkategorie der »Schlaf-, Ess- und Schreistörung«, welche dem Konzept der generalisierten Regulationsstörung (Papoušek, Scholtes, Rothenburg, von Hofacker, & Cierpka, 2009) entspricht. Hier müssen sowohl übermäßiges Schreien, als auch Schlaf- und Fütter- bzw. Essschwierigkeiten bestehen.
Diagnostische Kriterien Andere Schlaf-, Ess- und Schreistörungen der frühen Kindheit DC: 0-5 (ZERO TO THREE, 2019)
Alle folgenden Kriterien müssen erfüllt sein.
A. Das Kind hat eines oder mehrere Symptome einer Schlaf-, Ess- und Schreistörung, aber erfüllt nicht die vollen Kriterien für eine Störung.
B. Die Symptome der Störung oder Reaktionen der Bezugspersonen haben erheblichen Einfluss auf die Funktionsfähigkeit des Kindes und der Familie auf eine oder mehrere der folgenden Arten:
1. Verursachen Stress und Leid beim Kind.
2. Beeinträchtigen die Beziehungen des Kindes.
3. Schränken die Teilnahme des Kindes an entwicklungsbedingt erwarteten Aktivitäten und Routinen ein.
4. Schränken die Teilnahme der Familie an Alltagsaktivitäten und Routinen ein.
5. Schränken die Fähigkeit des Kindes ein, neue Fertigkeiten zu lernen und zu entwickeln, oder beeinträchtigen den Entwicklungsprozess.
1.4.2 Klassifikation von Schlafstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter
Auch bei den Schlafstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter sind die Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-5 nur unbefriedigend anwendbar. Sie ermöglichen lediglich eine grobe Klassifikation der Schlafstörungen und differenzieren zwischen typischen Schlafschwierigkeiten nur sehr ungenau. Hingegen differenzieren die DC:0-5, aber auch die »International Classification of Sleep Disorders« (ICSD-III), American Academy of Sleep Medicine, 2014) und die Research Diagnostic Criteria-Preschool Age (RDC-PA Kriterien; Emde, 2003) wesentlich genauer zwischen verschiedenen kindlichen Schlafstörungen (vgl. auch Abschnitt 1.4). So unterscheidet beispielsweise die ICSD zwei verschiedene verhaltens- bzw. interaktionsassoziierte Insomnien: a) den Einschlafassoziierten Typus und b) »Limit-setting« Typus (Sateia, 2014).
Diagnostische Kriterien der Nicht-organische Insomnie ICD-10, F51.0:
A. Klagen über Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen oder eine schlechte Schlafqualität.
B. Die Schlafstörungen treten mindestens dreimal pro Woche mindestens 1 Monat lang auf.
C. Die Schlafstörungen verursachen entweder einen deutlichen Leidensdruck oder wirken sich störend auf die alltägliche Funktionsfähigkeit aus.
D. Verursachende organische Faktoren fehlen, wie z. B. neurologische oder andere somatische Krankheitsbilder, Störungen durch Einnahme psychotroper Substanzen oder durch eine Medikation.
Diagnostische Kriterien der insomnischen Störung (»Insomnia disorder«) nach DSM-52
A. Vorherrschende Beschwerden über Unzufriedenheit mit der Schlafquantität oder -qualität in Zusammenhang mit einem (oder mehreren) der folgenden Symptome:
1. Einschlafschwierigkeit (Bei Kindern kann sich dies als Einschlafschwierigkeit ohne Intervention der Bezugsperson äußern).
2. Durchschlafstörung, charakterisiert durch häufiges Erwachen oder Wiedereinschlafschwierigkeit nach nächtlichen Wachvorgängen (Bei Kindern kann sich dies als Schwierigkeit des Wiedereinschlafens ohne Intervention der Bezugsperson äußern).
3. Morgendliches Früherwachen mit der Unfähigkeit, erneut einzuschlafen.
B. Die Schlafstörung verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
C. Die Schlafstörung tritt in mindestens 3 Nächten pro Woche auf.
D. Die Schlafstörung besteht seit mindestens 3 Monaten.
E. Die Schlafstörung tritt trotz adäquater Gelegenheit zum Schlafen auf.
F. Die Insomnie kann nicht besser durch das Vorhandensein einer anderen Schlafstörung (z B Narkolepsie, atmungsbezogene Schlafstörung, Zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmus-Störung, Parasomnie) erklärt werden und tritt nicht ausschließlich in deren Verlauf auf.
G. Die Insomnie ist nicht Folge der physiologischen Wirkung einer Substanz (z B Substanz mit Missbrauchspotenzial, Medikament).
H. Gleichzeitig bestehende psychische Störungen und medizinische Krankheitsfaktoren bieten keine angemessene Erklärung für die vorherrschenden insomnischen Beschwerden.
Bestimme, ob:
Mit einer Nichtschlafbezogenen Psychischen Störung, einschließlich einer Substanzkonsumstörung
Mit einem Anderen Medizinischen Krankheitsfaktor
Mit einer Anderen Schlafstörung
Codierhinweis: Der Code F51 01 gilt für alle drei Zusatzcodierungen Notiere auch die entsprechende psychische Störung, den medizinischen Krankheitsfaktor oder die andere Schlafstörung direkt hinter dem Code für die Insomnie, um die Verbindung anzuzeigen.
Bestimme, ob:
Episodisch: Die Symptome bestehen seit mindestens 1 Monat, aber seit weniger als 3 Monaten.
Andauernd: Die Symptome bestehen seit 3 Monaten oder länger.
Rezidivierend: Zwei (oder mehr) Episoden innerhalb eines Jahres.
Beachte: Eine akute und kurzzeitige Insomnie (vor allem bei einer Symptomdauer von weniger als 3 Monaten, wenn die anderen Kriterien hinsichtlich Häufigkeit, Intensität, Schwierigkeiten und/oder Beeinträchtigung aber erfüllt sind) sollte als Andere Näher Bezeichnete Insomnie codiert werden.
Diagnostische Kriterien der Durchschlafstörung nach RDC-PA
A. Klagen über Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen oder eine schlechte Schlafqualität
B. Die Schlafstörungen treten mindestens dreimal pro Woche mindestens 1 Monat lang auf.
C. Die Schlafstörungen verursachen entweder einen deutlichen Leidensdruck oder wirken sich störend auf die alltägliche Funktionsfähigkeit aus. (gesamte Familie)
D. Verursachende organische Faktoren fehlen, wie z. B. neurologische oder andere somatische Krankheitsbilder, Störungen durch Einnahme psychotroper Substanzen oder durch eine Medikation.
Diagnostische Kriterien der Einschlafstörung nach DC: 0-5 (ZERO TO THREE, 2019)
Alle folgenden Kriterien müssen zutreffen.
A. Der Säugling/das Kleinkind braucht, an den meisten Nächten, mehr als 30 Minuten, um einzuschlafen.
B. Das Schlafproblem wird nicht besser durch ein Symptom einer anderen Erkrankung erklärt.
C. Die Symptome der Störung oder Reaktionen der Bezugspersonen haben erheblichen Einfluss auf die Funktionsfähigkeit des Kindes und der Familie auf eine oder mehrere der folgenden Arten:
1. Verursachen Stress und Leid beim Kind.
2. Beeinträchtigen die Beziehungen des Kindes.
3. Schränken die Teilnahme des Kindes an entwicklungsbedingt erwarteten Aktivitäten und Routinen ein.
4. Schränken die Teilnahme der Familie an Alltagsaktivitäten und Routinen ein.
5. Schränken die Fähigkeit des Kindes ein, neue Fertigkeiten zu lernen und zu entwickeln, oder beeinträchtigen den Entwicklungsprozess.
Alter: Das Kind ist mindestens sechs Monate alt.
Dauer: Die Symptome müssen über einen Zeitraum von mindestens vier Wochen vorhanden sein.
Diagnostische Kriterien der Durchschlafstörung nach DC: 0-5 (ZERO TO THREE, 2019)
Alle folgenden Kriterien müssen zutreffen.
A. Mehrfaches oder längeres Erwachen, bei dem sich das Kind meldet, in den meisten Nächten.
B. Die Symptome sind nicht erklärbar durch andere Erkrankungen oder medizinische Probleme und medikamentöse Nebenwirkungen.
C. Die Symptome der Störung oder Reaktionen der Bezugspersonen haben erheblichen Einfluss auf die Funktionsfähigkeit des Kindes und der Familie auf eine oder mehrere der folgenden Arten:
1. Verursachen Stress und Leid beim Kind.
2. Beeinträchtigen die Beziehungen des Kindes.
3. Schränken die Teilnahme des Kindes an entwicklungsbedingt erwarteten Aktivitäten und Routinen ein.
4. Schränken die Teilnahme der Familie an Alltagsaktivitäten und Routinen ein.
5. Schränken die Fähigkeit des Kindes ein, neue Fertigkeiten zu lernen und zu entwickeln, oder beeinträchtigen den Entwicklungsprozess.
Alter: Das Kind ist mindestens acht Monate alt.
Dauer: Die Symptome müssen über einen Zeitraum von mindestens vier Wochen vorhanden sein.
1.4.3 Klassifikation von Fütter- und Essstörungen
Fütterstörungen lassen sich mit der ICD-10 als »Fütterstörung im frühen Kindesalter« (F98.2) klassifizieren. Diese Störungskategorie umschreibt nach Remschmidt, Schmidt und Poustka (2006) eine, für das frühe Kindesalter spezifische, Störung des Gefüttert-werden«. Zur Vergabe der Diagnose nach ICD-10 müssen beim Kind Nahrungsverweigerung oder ein Gewichtsverlust in Abwesenheit einer anderen psychischen oder organischen Krankheit bzw. Nahrungsmangel vorliegen.
Diagnostische Kriterien der Fütterstörungen im frühen Kindesalter ICD-10, F98.2
A. Anhaltende Unfähigkeit, adäquat zu essen oder anhaltende Rumination oder Regurgation von Speisen.
B. Mangelnde Gewichtszunahme, Gewichtsverlust oder andere eindeutige Gesundheitsstörungen über einen Zeitraum von mindestens einem Monat.
C. Beginn der Störung vor dem sechsten Lebensjahr.
D. Keine anderen psychischen oder Verhaltensstörungen der ICD-10 (außer Intelligenzminderung F7)
E. Keine organische Krankheit, die die Essstörung erklären könnte.
Die Diagnose »Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme (Avoidant/restrictive food intake disorder; ARFID)« wurde 2013 im DSM-5 eingeführt und ersetzte die Diagnose »Fütterstörung im Säuglings- und Kleinkindalter« des DSM-IV (Attia et al., 2013). Die Diagnose ARFID beschreibt eine Beeinträchtigung des Essens bzw. Fütterns (z. B. ein Mangel an Interesse am Essen bzw. Nahrung, Nahrungsverweigerung aufgrund bestimmter sensorische Eigenschaften der Nahrung, Sorgen hinsichtlich bestimmter Konsequenzen, die das Essen haben könnte), die einer unzureichenden bzw. nicht altersadäquaten Nährstoffversorgung führt und mit mindestens einer der folgenden Bedingungen assoziiert ist: signifikanter Gewichtsverlust bzw. fehlende Gewichtszunahme, signifikanter Nährstoffmangel, Abhängigkeit von enteraler Ernährung (Sondennahrung) oder Nahrungsergänzungsmitteln, signifikante Beeinträchtigung des sozialen Funktionsniveaus (Bryant-Waugh, 2019; Eddy et al., 2019).
Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme (Avoidant/Restrictive food intake disorder; ARFID) nach DSM-53
A. Eine Ess- oder Fütterstörung (z. B. offensichtliches Desinteresse an Essen oder Nahrung; Vermeidung von Nahrung aufgrund ihrer sensorischen Merkmale; Sorge um aversive Folgen von Essen), die sich durch das anhaltende Unvermögen manifestiert, den Bedarf an Nahrung und/oder Energie zu decken und mit einem oder mehreren der folgenden Merkmale in Zusammenhang steht:
1. Bedeutsamer Gewichtsverlust (oder Unvermögen, die erwartete Gewichtszunahme zu erreichen oder vermindertes Wachstum bei Kindern).
2. Bedeutsame ernährungsbedingte Mangelerscheinungen.
3. Abhängigkeit von enteraler Ernährung oder oraler Nahrungsergänzung.
4. Deutliche Beeinträchtigung des psychosozialen Funktionsniveaus.
B. Das Störungsbild kann nicht besser durch einen Mangel an verfügbaren Lebensmitteln oder ein kulturell akzeptiertes Verhalten erklärt werden.
C. Die Essstörung tritt nicht ausschließlich im Verlauf einer Anorexia Nervosa oder Bulimia Nervosa auf, und es gibt keine Hinweise auf eine Störung in der Wahrnehmung der eigenen Figur oder des Körpergewichts.
D. Die Essstörung ist nicht Folge einer gleichzeitig bestehenden körperlichen Erkrankung und kann nicht besser durch eine andere psychische Störung erklärt werden. Wenn die Essstörung im Kontext einer anderen Erkrankung oder Störung auftritt, müssen die Symptome schwer genug sein, um für sich allein klinische Beachtung zu rechtfertigen.
Bestimme, ob:
Remittiert: Nachdem die Kriterien der Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme zuvor vollständig erfüllt waren, werden die Kriterien seit einem längeren Zeitraum nicht erfüllt.
Die DC: 0-5 wiederum unterscheidet nur zwei Hauptklassen und eine Restkategorie bei den frühkindlichen Essstörungen:
A. Essstörung mit Überessen (Overeating Disorder)
B. Essstörung mit Einschränkung der Nahrungsaufnahme (Undereating Disorder)
C. Atypische Essstörung (Atypical Eating Disorder)
Die Essstörung mit Nahrungsverweigerung entspricht am ehesten den Frühkindlichen Fütterstörungen der ICD-10, jedoch werden hier acht verschiedene Symptome unterschieden, durch welche sich die Essstörung manifestieren kann. Die DC: 0-5 stellt die durchgängige Weigerung altersadäquat zu Essen ins Zentrum der Definition. Dabei kann altersadäquat vielerlei bedeuten und ist nicht zwangsläufig nur durch eine mangelnde Nahrungsaufnahme bzw. Gewichtszunahme definiert, sondern kann auch bestimmte Verhaltensmuster, wie beispielsweise ein genereller Mangel an Interesse am Essen oder eine dysfunktionale Art zu essen (z. B. nur im Schlaf, extrem selektiv), umfassen.
Diagnostische Kriterien der Essstörung mit Einschränkung der Nahrungsaufnahme nach DC: 0-5 (ZERO TO THREE, 2019)
Alle folgenden Kriterien müssen zutreffen.
A. Das Kind isst durchgängig weniger als für sein Alter angemessen.
B. Der Säugling/das Kleinkind zeigt eine oder mehrere der nachfolgend aufgeführten unangemessenen Essgewohnheiten:
1. Anhaltendes fehlendes Interesse an Essen
2. Ängstliches Vermeiden des Essens
3. Regulationsschwierigkeiten während des Fütterns (z. B. wiederholtes Einschlafen oder Agitiertheit
4. Essen nur während des Schlafs
5. Erfolglose Umstellung auf feste Nahrung
6. Essen nur unter spezifischen und durch das Kind erzwungenen Bedingungen, die durch die Betreuungsperson erfüllt werden. (z. B. vor dem Fernseher mit einem speziellen Programm, beim Spielen oder Vorlesen, etc.)
7. Extrem wählerisches und selektives Essen; das Kind weigert sich, Nahrung mit bestimmten Farben oder Konsistenzen zu essen, oder ungewöhnlich eingeschränkte Auswahl an Speisen
8. Verlängertes Zurückhalten von Nahrung im Mund, ohne sie herunterzuschlucken
C. Das unangemessene Essverhalten ist nicht besser durch eine medizinische Erkrankung oder medikamentöse Nebenwirkungen erklärbar.
D. Die Symptome der Störung oder Reaktionen der Bezugspersonen haben erheblichen Einfluss auf die Funktionsfähigkeit des Kindes und der Familie auf eine oder mehrere der folgenden Arten:
1. Verursachen Stress und Leid beim Kind.
2. Beeinträchtigen die Beziehungen des Kindes.
3. Schränken die Teilnahme des Kindes an entwicklungsbedingt erwarteten Aktivitäten und Routinen ein.
4. Schränken die Teilnahme der Familie an Alltagsaktivitäten und Routinen ein.
5. Schränken die Fähigkeit des Kindes ein, neue Fertigkeiten zu lernen und zu entwickeln, oder beeinträchtigen den Entwicklungsprozess.
Alter: Es gibt keine Altersbeschränkung.
Dauer: Die Symptome müssen über einen Zeitraum von mehr als einem Monat vorhanden sein.
1.5 Überprüfung der Lernziele
• Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, um von auffälligem Verhalten im Säuglings- und Kleinkindalter zu sprechen?
• Definieren Sie den Begriff exzessives Schreien nach Wessel.
• Was sind die häufigsten Schlafstörungen bei Säuglingen und Kleinkindern? Definieren Sie diese.
• Nennen Sie mind. zwei Klassifikationssysteme, welche spezifisch für psychische Auffälligkeiten im Säuglings- und Kleinkindalter (0–5 Jahre) entwickelt wurden.
• Definieren Sie den Begriff »Pädiatrische Fütterstörungen«.
1 Abdruck erfolgt mit Genehmigung vom Hogrefe Verlag Göttingen aus dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders Fifth Edition, © 2013 American Psychiatric Association, dt. Version © 2018 Hogrefe Verlag.
2 Abdruck erfolgt mit Genehmigung vom Hogrefe Verlag Göttingen aus dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders Fifth Edition, © 2013 American Psychiatric Association, dt. Version © 2018 Hogrefe Verlag.
3 Abdruck erfolgt mit Genehmigung vom Hogrefe Verlag Göttingen aus dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders Fifth Edition, © 2013 American Psychiatric Association, dt. Version © 2018 Hogrefe Verlag.
2 Epidemiologie, Verlauf und Folgen
Fallbeispiel
Jan (26 Monate) ist das dritte Kind von Frau K. (24 Jahre). Frau K. ist alleinerziehend und bezieht Sozialhilfe. Die Kinder haben unterschiedliche Väter, zu denen kein Kontakt besteht. Im Erstgespräch berichtet Frau K., dass Jan aus einer Vergewaltigung entstanden sei und sie ihn eigentlich abtreiben wollte. Jedoch habe sie die Schwangerschaft zu spät bemerkt, so dass es für eine Abtreibung zu spät war. Die Schwangerschaft sei insgesamt sehr belastend gewesen, da der Abstand zu den anderen Kindern sehr klein ist. Jan habe von Beginn an sehr viel geschrien und kaum geschlafen. Auch habe er nicht richtig trinken wollen bzw. die Milch gleich wieder erbrochen. Somit sei sie den ganzen Tag damit beschäftigt gewesen, ihren Sohn entweder zu tragen oder zu ernähren. Zunehmend sei die Situation zu Hause für sie immer schwieriger geworden, denn die Versorgung der Kinder habe sie kaum noch zur Ruhe kommen lassen. Das habe dann auch öfter dazu geführt, dass sie ihre Kinder angeschrien habe. Irgendwann habe sich dann das Jugendamt gemeldet.
Wenn Jan weine, versuche sie ihn immer auf dem Arm oder mit Hilfe einer Flasche Milch zu trösten. Jedoch schlafe er einfach nicht in der Nacht, so dass sie begonnen habe, ihn einfach vor den Fernseher oder den Tablett-Computer zu setzen, damit sie wenigstens einige Stunden Schlaf in der Nacht bekommen würde. Allerdings funktioniere das auch nicht immer. Manchmal schlage er wie wild um sich, mit dem Kopf auf den Boden oder gegen die Wand. Nachts sei er zwischen 22:00 und 4:00 Uhr eigentlich immer wach. Seinen Schlafbedarf decke er am Tag und schlafe dann auf ihr oder im Kinderwagen. Auf Nachfrage hin berichtet Frau K., dass ihr Sohn aufgrund der Tag-Nacht-Umkehr nicht wirklich an Familienaktivitäten bzw. täglichen Routinen teilnehme. Jan spreche noch nicht und sei motorisch eher unsicher. So könne er beispielsweise nur an der Hand laufen.
Die anderen zwei Kinder sind am Vormittag zwar im Kindergarten, sie selbst komme jedoch kaum zur Ruhe. Das Schreien und Quengeln löse bei ihr häufig Gefühle von Panik aus. Auch fühle sie sich innerlich häufig leer und sehr traurig. Gleichzeitig erlebe sie jedoch auch Phasen mit einer unkontrollierbaren Wut. Auf ihre eigene Gesundheit angesprochen, berichtet Frau K. von ständigen Schmerzen.
Lernziele
• Sie kennen die Prävalenzzahlen für das exzessive Schreien, Schlaf- und Fütterstörungen.
• Ihnen sind typische Verläufe von Schrei-, Schlaf- und Fütterstörungen vertraut.
• Sie können den Begriff Schütteltrauma definieren und kennen dessen Ursachen.
2.1 Epidemiologie des exzessiven Schreiens
Vermehrtes Schreien des Säuglings ist einer der häufigsten Vorstellungsgründe in Kinderarztpraxen. Gemäß Papousek (2004) ist etwa in Deutschland jeder 4. bis 5. in den ersten drei Lebensmonaten ein exzessiv schreiender Säugling. Die Prävalenzzahlen schwanken dabei je nach Studie erheblich. Diese Differenzen lassen sich primär auf abweichende Definitionen, die verwendeten Diagnoseinstrumente bzw. die Altersspanne der untersuchten Kinder zurückführen. Reijneveld et al. (2001) verglichen Prävalenzraten in einer niederländischen Population für zehn verschiedene Operationalisierungen des exzessiven Schreiens und fanden Werte von 1,5–11,9 %.
Wird die 3er-Regel von Wessel (
Kap. 1) zur Definition herangezogen, liegen aktuelle Prävalenzzahlen in europäischen Ländern zwischen 1,5 % (Niederlande; Reijneveld et al., 2001), 9,2 % (Dänemark; Alvarez, 2004) und 16,3 % (Deutschland; von Kries, Kalies, & Papousek, 2006). Fazil (2011) fand in einer populationsbasierten Beobachtungsstudie in Pakistan Prävalenzzahlen von 21,7 % für das exzessive Schreien, erfasst mit der Wessel-Regel. Außerdem zeigten sich keine statistisch bedeutsamen Unterschiede zwischen exzessiv und normal-schreienden Säuglingen in Hinblick auf das Geschlecht, das Gestationsalter, das Geburtsgewicht, den Geburtsmodus und die Ernährungsform. Lediglich bei Erstgeborenen fanden sich signifikant höhere Prävalenzen für das exzessive Schreien.
Auch aufgrund der hohen Entwicklungsabhängigkeit der Symptomatik schwanken die Prävalenzzahlen für das exzessive Schreien sehr stark – je nach Alter der untersuchten Säuglinge. So fanden von Kries et al. (2006), dass von den untersuchten Säuglingen zwar 16,3 % innerhalb der ersten drei Lebensmonate exzessiv schrien, aber nur 5,8 % über den dritten und 2,5 % über den sechsten Lebensmonat hinaus. Olsen et al. (2019) untersuchten in einer dänischen Studie, die Häufigkeit von Komorbiditäten zwischen den drei Störungen Schrei-, Schlaf- und Fütterungstörungen in einer populationsbasierten Stichprobe von 2 598 Säuglingen im Alter von 2–6 Monaten. Sie fanden dabei Prävalenzzahlen von 2.9 % (zwei Symptombereiche) und 8.6 % (drei Symptombereiche). Geringe mütterliche Schulbildung und ein Migrationshintergrund waren dabei die Hauptprädiktoren für das Persistieren der Regulationsproblematik. Wolke, Bilgin und Samara (2017) verglichen in ihrem systematischen Review Daten aus insgesamt 28 Studien und fanden keine statistische Evidenz für einen »universalen« Gipfel der Gesamtschreidauer mit ca. 6 Wochen, obwohl ein leichter Anstieg des Schreiens über die ersten 5–6 Wochen über alle Studien hinweg beobachtet werden konnte. Dagegen war die Abnahme der Schreidauer zum Ende der ersten 3 Lebensmonate in allen untersuchten Studien deutlich erkennbar. Die Autoren berichten von sehr unterschiedlichen Prävalenzen innerhalb der verschiedenen Länder und in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen des Säuglings. Die berichteten Zahlen lagen zwischen 2,1 % (5–6 Wochen, Japan) und 34.1 % (3–4 Wochen, Canada).
2.2 Verlauf und Folgen des Exzessiven Schreiens
Hemmi, Wolke und Schneider (2011) zeigten in einer Metaanalyse, dass Kinder mit persistierenden Schrei-, Schlaf- oder Fütterproblemen in der Kindheit häufiger Verhaltensprobleme haben. Die Metaanalyse stützt sich auf 22 Studien, die zwischen 1987 und 2006 durchgeführt wurden und bezog insgesamt ca. 17 000 Kinder in die Analyse ein. Die Autoren kommen zum Schluss, dass Babys mit Schrei-, Schlaf- oder Essproblemen, welche über die ersten drei Lebensmonate hinweg andauerten, ein deutlich höheres Risiko für spätere Verhaltensstörungen wie aggressives und destruktives Verhalten sowie Aufmerksamkeitsdefizite haben. Das Risiko war umso höher, je mehr Bereiche der Verhaltensregulation (Schreien, Schlafen, Füttern) betroffen waren. In einer prospektiven Studie mit 64 Säuglingen, die an exzessivem Schreien über den dritten Monat hinaus litten, entwickelten in den folgenden 8 Jahren 18,9 % starke und 45,3 % mäßige Hyperaktivitätssymptome mit sozialen Verhaltensstörungen (Wolke, Rizzo, & Woods, 2002). Die Eltern berichteten weiterhin, dass die persistierend schreienden Kinder in ihrer Emotionalität negativer, schwieriger und weniger anpassungsfähig waren. Auffallend sind auch die Parallelen zwischen der Möglichkeit, Kinder mit Regulationsstörungen durch Hyperstimulation zu beruhigen und der klinischen Beobachtung, dass ADHS Kinder oft stundenlang konzentriert am Computer spielen können, ohne dass sie als überstimuliert auffallen. Ob eine Kausalität besteht und wie sie sich entwickelt, bleibt jedoch unklar. Es kann aber angenommen werden, dass die Impuls-, Emotions- und Verhaltenskontrolle, welche eine zentrale Stellung bei den verschiedenen Störungen einnimmt, zu einem erheblichen Anteil durch die selbstregulatorischen Kompetenzen bestimmt wird. (Wolke, Schmid, Schreier, & Meyer, 2009) fanden außerdem, dass vermehrtes Schreien mit leichten kognitiven Entwicklungsdefiziten, erfasst mit der Columbia Mental Maturity Scale (CMMS), im Alter von 56 Monaten assoziiert waren. Diese Zusammenhänge waren besonders ausgeprägt, wenn mehrere regulative Bereiche (Schreien, Schlafen, Essen) betroffen waren. Dabei wurde sowohl das Ausmaß des Schreiens als auch die kognitive Leistungsfähigkeit durch die Gestationslänge, neonatale neurologische Komplikationen, beeinträchtige Eltern-Kind-Beziehungen und psychosoziale Probleme beeinflusst.
Dysregulierte kindliche Verhaltenszustände können auf Seiten der Eltern zu Erschöpfung, Schlafdeprivation, Ohnmachtsgefühlen und Versagensängsten führen. Auch Wut, Ablehnung, Selbstvorwürfe oder ängstliche Überfürsorglichkeit können die Folge sein. So fanden Vik et al. (2009) bei Müttern, deren Säuglinge im Alter von 2 Monaten exzessiv schrien nach weiteren 4 Monaten deutlich erhöhte mütterliche Depressionswerte. Chronische Unruhe und unstillbares Schreien wirken sich negativ auf die Beziehungsgestaltung zum Kind aus und gehen zunehmend auf Kosten entspannter Interaktionen zwischen Eltern und Säugling (Goodlin-Jones & Anders, 2001; Newnham, Milgrom, & Skouteris, 2009; Raiha, Lehtonen, Huhtala, Saleva, & Korvenranta, 2002). Belastungsfaktoren für die Eltern-Kind-Beziehung sind besonders dann kritisch, wenn infolge der überwiegenden negativen Interaktionen mit dem unstillbar schreienden Säugling und der erlebten Hilflosigkeit durch die Eltern, die intuitive elterliche Kompetenz beeinträchtigt wird und damit das Handeln der Eltern nicht mehr auf die kindlichen Bedürfnisse abgestimmt ist. Dies wiederum hat zur Folge, dass der Säugling zunehmend weniger ko-regulatorische Unterstützung durch seine Eltern erfährt. Es sind wiederholt dysfunktionale Interaktionen zwischen Eltern und Kind zu beobachten, die von einer hohen negativen Gegenseitigkeit geprägt sind, was wiederum zu einer tiefgreifenden Ablehnung, Vernachlässigung oder sogar Misshandlung des Kindes (»Shaken-Baby-Syndrome«) führen kann (Barr, Paterson, MacMartin, Lehtonen, & Young, 2005; Talvik, Alexander, & Talvik, 2008). Je länger eine solche dysfunktionale Wechselseitigkeit aufrechterhalten wird, umso mehr können sich bestimmte Interaktionsmuster verselbstständigen, rigide werden und die Entwicklung langfristig gefährden. Unstillbares Schreien und die daraus resultierende chronische Stressbelastung, kann sich aber auch negativ auf die Partnerschaft auswirken und damit Beziehungskonflikte hervorrufen (Meijer & van den Wittenboer, 2007; Papousek & von Hofacker, 1998; Wake et al., 2006).
Eine der gravierendsten bzw. für die Gesundheit des Kindes gefährlichsten Folgen des exzessiven Schreiens, ist das sogenannte Schütteltrauma (»Shaken-Baby-Syndrom«). Besonders Kinder, deren Eltern psychisch stark belastet sind oder Zwillinge sind, haben ein erhöhtes Risiko, geschüttelt zu werden (Talvik et al., 2008).
Merke
Das Schütteltrauma ist eine spezielle Form der Kindesmisshandlung, in deren Folge durch ein stumpfes Trauma und/oder durch heftiges Schütteln es zu Schädigungen an Schädelknochen, Gehirn und Rückenmark kommt (Narang, Fingarson, Lukefahr, Council On Child, & Neglect, 2020). Häufig kommt es zu intrakraniellen Verletzungen, die mitunter zu einer Gehirnschädigung führen können. Treten subdurale sowie retinale Blutungen in Kombination mit einer akuten Enzephalopathie auf, wird dies als »Shaken-Baby-Syndrom« oder »Abusive Head Trauma« genannt.
Ein Schütteltrauma tritt meist bei sehr jungen Kindern auf und beruht vor allem auf zwei Umständen:
1. Das Schütteln eines Kindes wird vorrangig durch Phasen intensiven Schreiens getriggert.
2. Die Verletzungsfolgen durch das Schütteln sind bei Säuglingen aufgrund der Größen- und Gewichtsrelation des Kopfs zum Körper sowie der geringeren Kopfkontrolle wahrscheinlicher als bei älteren Kindern.
Die Symptome eines Schütteltrauma variieren je nach Ausmaß und Art der Gewalt stark. Sie können von einer leichten Schädelprellung bis hin zu einer schweren diffusen Hirnschädigung mit akuter Enzephalopathie mit Todesfolge reichen. Äußerliche Verletzungszeichen fehlen auch bei einem schwerem Schütteltrauma häufig. Jedoch führt ein schweres Schütteltrauma in den meisten Fällen zu zentralneurologischen Phänomenen wie Bewusstlosigkeit und Krampfanfällen. Säuglinge und Kleinkinder fallen zunächst durch ausgeprägte Schläfrigkeit oder Unruhe, Trinkunlust, reduzierte Spontanmotorik, verlangsamte Reagibilität sowie vegetative Symptome wie Temperaturregulationsstörungen auf. Es können aber auch periphere Lähmungen oder Augenbewegungsstörungen auftreten.
Fallbeispiel
Tom wird zusammen mit seiner Mutter durch den Notarzt in die Universitätskinderklinik eingewiesen. Die Nachbarn hatten die Polizei gerufen, nachdem es in der Wohnung mitten in der Nacht sehr viel Geschrei und Weinen der drei Kinder gegeben hatte. Auf der Notfallstation präsentiert sich der 9 Monate alte Säugling in schläfrigem Zustand und mit wiederholtem Erbrechen. Eine Schädelsonographie zeigt eine deutliche Hirnschwellung.
Auffallend ist zudem auch das »Verdrehen« der Augen und eine Prellmarke an der Stirn. Der Notfallmediziner vermutet sofort eine Gewalteinwirkung, die nach erstem Negieren von der Mutter bestätigt wurde. Gewalt zwischen ihr und ihrem Partner sei immer mal wieder ein Thema, doch da sie sich illegal im Land aufhalte und kein eigenes Einkommen habe, müsse sie zusammen mit ihm und ihren zwei Kindern in einer sehr kleinen Wohnung leben. In letzter Zeit seien die Spannungen zwischen ihnen jedoch immer mehr geworden, vor allem weil Tom sehr viel geschrien habe und nur schlecht schlafe. In der Nacht als das Schütteln passierte, sei ihr Partner komplett ausgerastet. Er habe sie angeschrien, sie solle endlich dafür sorgen, dass ihr Sohn aufhöre zu schreien. Schließlich sei er dann selbst zu den Kindern ins Zimmer gegangen und habe Tom aus dem Bett gerissen. Er habe ihn angeschrien und geohrfeigt. Als Tom immer weiter weinte, habe er ihn drei- bis viermal richtig durchgeschüttelt, dann habe er ihn auf das Bett geworfen. Sie könne sich nicht mehr erinnern, wie lange das gedauert habe. Sie wisse nur noch, dass irgendwann die Polizei an der Tür geklingelt habe.
Der Patient wird nach Aufnahme zusammen mit seinem älteren Bruder notfallmäßig zur Beobachtung und zum Schutz vor weiterer Gewalteinwirkung in der Kinderklinik hospitalisiert. Das Jugendamt wird involviert, welches die Unterbringung beider Kinder in einer Pflegefamilie veranlasst.
2.3 Epidemiologie der Schlafstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter
Gemäß einem Literaturreview (Honaker & Meltzer, 2016) berichten bis zu 30 % aller Eltern von Schlafstörungen in der pädiatrischen Praxis. Regelhaftes nächtliches Erwachen über den 6. Monat tritt gemäß Sadeh et al. (2009) bei ca. 55 % aller Kinder auf. Schlafprobleme im Säuglings- und Kleinkindalter sind also ein sehr häufiges Problem. Die Prävalenzzahlen für Schlafstörungen schwanken jedoch sehr stark, abhängig von der jeweils zugrunde gelegten Definition und der untersuchten Population. Beispielsweise berichten asiatische Eltern in der Studie von Sadeh, Mindell und Rivera (2011) deutlich häufiger, dass ihr Kind ein Schlafproblem habe als europäisch-stämmige Eltern (26 % vs. 52 % für Schlafprobleme gesamt; 2 % vs. 17 % für schwerwiegende Schlafprobleme). In einer schwedischen Untersuchun (Thunstrom, 1999) mit insgesamt 2 518 Kindern zwischen 6 und 18 Monaten berichteten 16 % der Eltern von mittleren bis schweren Einschlafproblemen und 30 % berichteten regelmäßiges nächtliches Erwachen. In der Studie von Mersky et al. (2020) berichten 11 % der befragten US-amerikanischen Mütter von mindestens dreimaligem nächtlichem Erwachen bei ihren Kindern in den ersten 12 Lebensmonaten. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um sogenannte verhaltensassoziierte Schlafstörungen (»behavioral sleep problems«). Verhaltensassoziierte Schlafprobleme während des Säuglings und Kleinkindalter sind vor allem verlängerte Einschlafphasen (»bedtime resistence«), nächtliches Erwachen und eine verkürzte Gesamtschlafdauer. Laut Davis et al. (2012) treten solche Störungen bei mehr als der Hälfte der untersuchten Kinder täglich auf.
Für die meisten Eltern von Säuglingen und Kleinkindern sind Schlafstörungen jedoch insgesamt nur ein leichtes Problem (23 %). Lediglich 2 % der Eltern berichteten von schwerwiegenden Schlafproblemen. Dies spiegeln auch die longitudinalen Daten von Eltern zu den Schlafschwierigkeiten ihrer Kinder in den ersten 12 Monaten von Cook et al. (2020) wider. Die Autoren untersuchten 1 460 Erstgeborene Kinder im Alter von 3, 6, 9 und 12 Monaten. Dabei fanden sie bei 24,7 % der untersuchten Kinder keine bedeutsamen und bei 27,3 % moderate Schlafprobleme im Elternurteil. Keine der befragten Eltern klassifizierten außerdem häufiges nächtliches Erwachen ihrer Kinder in den ersten 3 Monaten als problematisch. Erst nach 6 Monaten bezeichneten einige Eltern das häufige Erwachen ihres Kindes als Schlafproblem. Obwohl Schlafprobleme von Säuglingen und Kleinkindern ein so häufiges Phänomen sind, stellen sie also für die wenigsten Eltern eine massive Beeinträchtigung dar und nur wenige suchen aufgrund der Probleme professionelle Hilfe auf (Paavonen et al., 2020). Es zeigt sich aber auch, dass Eltern, welche das Schlafverhalten ihres Kindes als problematisch bezeichnen, selbst häufiger psychosozialen Stressfaktoren ausgesetzt waren (Sadeh et al., 2011) oder stark ausgeprägte Sorgen und Ängste um das Wohlbefinden und die Gesundheit des Kindes hatten, obwohl alle bisherigen pädiatrischen Untersuchungen keinen Anlass dazu gaben und sich die Kinder mit schweren Schlafstörungen nicht hinsichtlich verschiedener Gesundheitsparametern von den Kindern ohne Schlafprobleme unterschieden (Thunstrom, 1999).
Die Prävalenzen für schwere Schlafstörungen im Säuglingsalter (0–12 Monate) gemäß der International Classification of Sleep Disorders (ICSD, 1990) lagen bei 6,2 %, in einer schwedischen Stichprobe (Thunstrom, 1999) und bei 10 % für eine US-amerikanische Stichprobe (0–36 Monate) (Byars, Yolton, Rausch, Lanphear, & Beebe, 2012). Andererseits kann das nächtliche Erwachen eine massive Belastung für Kind und Familie darstellen. In diesem Fall hätte die Störung Krankheitswert, so dass als zusätzliches diagnostisches Kriterium die elterliche Belastung hinzukommen muss.
2.4 Verlauf und Folgen von Schlafstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter
In einer Studie von Goodlin-Jones et al. (2009) hatten 29 % der untersuchten Kinder vorübergehende (bei einem oder zwei Terminen) und nur 2 % persistierende, schwere Einschlafstörungen (bei drei oder mehr Terminen). Ähnlich verhielt es sich in Bezug auf die Durchschlafstörungen. Während 33 % aller Kinder intermittierende Durchschlafstörungen aufwiesen, waren die Probleme nur bei 3 % der Kinder persistierend. Aus diesen Ergebnissen kann gefolgert werden, dass bei einem erheblichen Anteil der Säuglinge und Kleinkinder die Symptomatik fluktuierend und nur von kürzerer Dauer ist, während bei einer kleinen Subgruppe die Störung persistierend verläuft. Cook et al. (2020) fanden jedoch deutlich höhere Prävalenzzahlen für persistierende Schlafstörungen im ersten Lebensjahr. Bei 19,4 % der untersuchten Kinder waren die Schlafstörungen sehr stark ausgeprägt und persistierten über das gesamte erste Lebensjahr hinweg. Solche schweren persistierenden Schlafstörungen waren sowohl mit präpartalen als auch mit postpartalen mütterlichen Depressionen, Ängsten und mit häuslicher Gewalt assoziiert.
Zu beachten ist aber auch, dass Schlafstörungen einen Risikofaktor für weitere psychische Auffälligkeiten sind – sowohl internalisierender wie externalisierender Art (Reid, Hong, & Wade, 2009). Die Autorinnen erforschten an einer kanadischen Stichprobe von 2–3-Jährigen, welche longitudinal bis zum Alter von 6 Jahren untersucht wurden, den Zusammenhang zwischen Schlafproblemen und Verhaltensauffälligkeiten. Kleinkinder, welche mit 2 bis 3 Jahren Ein- und Durchschlafprobleme hatten, wiesen auch häufiger internalisierende und externalisierende Verhaltensprobleme im Verlauf des Vorschulalters auf. In einer prospektiven Längsschnittstudie fanden Sadeh et al. (2015), dass eine geringe Schlafqualität mit 12 Monaten dabei deutlich mit einer beeinträchtigten Aufmerksamkeitssteuerung und Verhaltensproblemen im Alter von 3–4 Jahren assoziiert war. Auch in einer Studie von El-Sheikh et al. (2007) waren Schlafstörungen mit emotionalen und Verhaltensproblemen (internalisierenden als auch externalisierenden Störungen) assoziiert, jedoch waren diese Zusammenhänge für die internalisierenden Störungen stärker ausgeprägt. Dabei waren Schlafqualität und -dauer sowohl in Bezug auf die Einschätzungen der Eltern als auch der Lehrerinnen hinsichtlich kindlicher Verhaltensauffälligkeiten, aber auch kognitiver Leistungsfähigkeit prädiktiv.
Bei Schulkindern zeigten sich infolge von experimentell induzierten Schlafdefiziten deutlich erhöhte Konzentrationsprobleme und eine Reduktion der kognitiven Leistungsfähigkeit (Fallone, Acebo, Seifer, & Carskadon, 2005; Sadeh, Gruber, & Raviv, 2003). In einer Studie von Cao et al. (2018) wiesen 3–6-jährige Kinder mit Schlafstörungen ein deutlich höheres Risiko für ADHS Symptome (
Kap. 3, Komorbiditäten). Eine verzögerte Bettgehzeit (OR = 2.50), verlängerte Einschlaflatenzen (OR = 1.76), kein Mittagsschlaf (OR = 1.57) und Schlafstörungen gesamt (OR = 4.57) waren deutlich mit der Wahrscheinlichkeit assoziiert, dass ein Kind ADHS Symptome aufwies. Andersherum reduzierte eine längere Gesamtschlafdauer nachts (> 8.5 h) das Risiko für ADHS Symptome (OR = 0.76).
Neben den langfristigen Auswirkungen, welche Schlafstörungen auf das Verhalten eines Kindes haben können, muss auch beachtet werden, dass schwerwiegende Schlafstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter oftmals mit einer erheblichen Belastung der Eltern einhergehen (Honaker & Meltzer, 2016). Insbesondere wenn schwere Schlafstörungen nicht behandelt werden, zeigen sie eine Tendenz zur Chronifizierung und Persistenz ins spätere Kindesalter. Auch Hemmi, Wolke und Schneider (2011) wiesen in ihrer Metanalyse darauf hin, dass Regulationsstörungen, bei denen Kinder mindestens in zwei regulativen Bereichen (z. B. Schlaf und Schreien) als Säuglinge auffällig waren, das Risiko für spätere internalisierende und externalisierende Störungen erhöhten.
Ausgeprägte Schlafstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter können also negative Folgen für die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, aber auch für soziale Kompetenzen und andere Funktionsbereiche haben. Entsprechend sollten Schlafstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter frühzeitig diagnostiziert und behandelt werden, um das Persistieren solcher Verhaltensprobleme zu verhindern und weitere Folgeerkrankungen zu vermeiden.
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