Kitabı oku: «Menschen im Krieg – Gone to Soldiers»

Yazı tipi:

Marge Piercy

Menschen im Krieg

Gone to Soldiers

Marge Piercy

Menschen im Krieg
Gone to Soldiers

Roman

Deutsch von Heidi Zerning

Literaturbibliothek

Argument · Ariadne

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

Gone to Soldiers

© Marge Piercy 1987

Alle Rechte vorbehalten

Neuausgabe © Argument Verlag 2014

Deutsche Erstausgabe © Argument Verlag 1995

Umschlaggestaltung: Martin Grundmann,

Lektorat: Else Laudan und Iris Konopik

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

ISBN 978-3-86754-872-4

Die Überlebenden haben ihre eigenen

Bücher geschrieben,

und die zu Tode Gekommenen sind zu zahlreich und zu hungrig,

als dass dies dem Grabhügel mehr als ein

Steinchen hinzufügen könnte

So ist dies für meine Großmutter Hannah,

die der Trost meiner Kindheit war

und eine Geschichtenerzählerin sogar in dem

Englisch,

das ihr nie recht in den Mund passte

Für den Augenblick, als sie erfuhr, dass von

ihrem

Dorf niemand und nichts geblieben war

Für ihre schwachen Augen, ihren starken

Magen und die Geschichten, die sie erzählte

Für ihre Liebe zu Döntjes und zu Märchen,

ihr unheilbar romantisches Herz,

ihre Gabe, die Vergangenheit

in die Gegenwart zu rufen

Louise 1
Talent zu Romanzen

Louise Kahan, auch bekannt als Annette Hollander Sinclair, sah in der Diele ihrer Wohnung die Post durch. Ein Luftpostbrief aus Paris. »Deine Tante Gloria hat dir geschrieben«, rief sie Kay zu, die sich in ihrem Zimmer eingeigelt hatte und Swing hörte, angeblich Schularbeiten machte, aber in ihren klebrig-verschwitzten Gedanken nur den Jungens nachhing. Louise kannte die Symptome, hatte aber nie ein Heilmittel dagegen gefunden, nicht bei sich selbst und schon gar nicht bei ihrer Tochter. Kay antwortete nicht; vermutlich hörte sie nichts über dem Stampfen aus dem Radio.

Ein Stapel Privatpost für Mrs. Louise Kahan. Familienkram, Einladungen. Gelegentlich ein Fauxpas, gerichtet an Mr. und Mrs. Oscar Kahan. Wo wart ihr eigentlich die letzten zwei Jahre? Dann die Post für Annette Hollander Sinclair in zwei Häufchen: eins für Geschäftsbriefe über Rechte, Rundfunkbearbeitungen, ein Vertrag mit Doubleday von ihrem Agenten Charley für den Sammelband mit Erzählungen unter dem Titel Was ihm verborgen blieb. Vorträge, Clubansprachen, ein Interview am Mittwoch.

Der zweite Stapel für Annette war Fanpost, zu fünfundneunzig Prozent von Frauen. Schließlich ein paar Sachen für die schlichte Louise Kahan: ihr Daily Worker, Nachdrucke von einem Masses and Mainstream-Artikel, den sie über den Streik der Docker in Baltimore geschrieben hatte, von International Publishers ein Buch über Fabrikarbeiterinnen, das sie besprechen sollte, und William Shirers Berliner Tagebuch.

In dem Stapel waren auch die Nachmittagszeitungen. Die griff sie sonst zuerst auf, aber sie konnte sich heute nicht dazu durchringen. Europa war von einem Ende bis zum anderen von den Nazis besetzt, ein einziges riesiges Gefängnis. Überall wurden gute Menschen und alte Freunde an die Wand gestellt, in Kellern gefoltert, in Lager verschleppt, über die Gerüchte umgingen, die langsam mehr zu sein schienen als Gerüchte.

Sie lehnte sich an die Wand und sammelte Kraft, um ihr Leben fortzusetzen, das gefühlsgeladene Minenfeld zu betreten, in das sich ihre Beziehung zu Kay in letzter Zeit verwandelt hatte. Die Diele war der dunkelste Raum der Wohnung, denn das Wohnzimmer, ihr Büro und Kays Zimmer hatten Aussicht auf den Hudson River, ihr eigenes Zimmer und das Esszimmer blickten auf die Zweiundachtzigste Straße. Sie hatte die Diele mit ein paar geschickt platzierten Spiegeln aufgehellt und mit einer Lampe eigens auf den großen, kühnen Miró, den sie jetzt auf der Suche nach Heiterkeit, Esprit und Licht betrachtete.

Der Vortrag, vor zwei Stunden von ihr gehalten, hatte sie gelangweilt, wiewohl nicht ihr Publikum. Wenn sie an den flittergeschmückten Läden vorbeikam, fand sie Weihnachten schwerer zu verkraften als sonst. Die Welt verbrannte zu Knochen und Asche, und ihre Landsleute dachten an nichts als Donald Duck im Weihnachtsmannkostüm. Sie musste eigentlich bald die Stadt zur East Side durchqueren, um Lekvar für eine Süßigkeit zu besorgen, die sie gern zu Chanukka buk, eine ungarisch-jüdische Leckerei aus der Küche ihrer Mutter, aber der Laden, der das führte, lag im deutschen Yorkville. Sie musste in kampflustiger Stimmung sein, um den offen zur Schau gestellten Hakenkreuzen die Stirn zu bieten, den Nazifilmen in den Kinos, Sieg im Westen, dem Deutsch-Amerikanischen Bund, der antisemitische Pamphlete an den Ecken verteilte.

Neben der Post lag eine Liste der Telefonanrufe, hingekliert, wenn Kay sie entgegengenommen hatte: Ed von der Vortragsvermittlung hat angerufen. Du sollst morgen Vormittag zurückrufen. Hat wohl Ärger.

Eine Verrückte hat angerufen, sie will, dass du ihre Lebensgeschichte schreibst.

Papi hat angerufen.

Die Notizen ihrer Haushälterin Mrs. Shaunessy und ihrer Sekretärin Blanche waren ordentlicher:

Mr. Charles Bannermann, 11:30. Er möchte wissen, ob die Verträge angekommen sind.

Mr. Kahan, 14:30. Er ist in seinem Büro in der Columbia.

Mr. Dennis Winterhaven, gegen 15:00, er ruft noch mal an.

Miss Dorothy Kilgallen hat angerufen wegen eines Interviews mit Ihnen am 12. Dezember.

Oscar hatte zweimal angerufen. Sie versuchte, das als bedeutungslosen Zufall zu behandeln, aber nichts zwischen ihnen würde sich je auf eine emotionslose Ebene hinunterschrauben lassen, das wusste sie inzwischen. Allein bei der Aussicht, ihn zurückrufen zu müssen, erhöhte ihr Herz merklich den Durchfluss, verflixte verräterische Pumpe. Sie erledigte zuerst die geschäftlichen Anrufe, klärte ihren Terminplan, schaute die Verträge durch, setzte ihre Paraphe, wo sie sollte, unterschrieb mit vollem Namenszug, wo sie sollte. Das Geld konnte sie wahrlich brauchen.

Sie beschloss, mit Kay zu reden, bevor sie sich auf ihren geschiedenen Ehemann einließ. Sie klopfte an. Mit fünfzehn hatte sie sich nach eigener Privatsphäre mit einer Heftigkeit gesehnt, an die sie sich noch erinnern konnte. Sie gewährte Kay die Unantastbarkeit ihres Zimmers, obwohl das Beherrschung kostete. Louise kannte sich als ängstliche Mutter. Sie wollte Kay gern wieder näher sein, so nah, wie sie sich gewesen waren, als Kay noch kleiner war, auch wenn sie wusste, dass Kay ihre Unabhängigkeit behaupten musste. Irgendwo lag der richtige Ton, die richtige Stimme, die richtige Geste, um das gegenseitige Wundgeriebensein zu lindern.

»Schau, schau, ein Annette-Hut!«, sagte Kay. Sie lümmelte auf dem Fußboden, ganz Beine und Ellenbogen und überzählige Gelenke in einem Faltenrock, der rasch seine Falten verlor, und einer übergroßen Hemdbluse, in der sich ihr kaum entwickelter Körper verlor, als habe er sich aufgelöst. Sie drehte automatisch das Radio leiser, als Louise hereinkam.

Louise berührte den Hut: ein Wagenrad in Schwarz und Rosa mit einem kleinen Schleier über den Augen. »Ich habe in Oyster Bay einen Vortrag vor einem literarischen Club gehalten.«

»Literarisch?«, kreischte Kay. »Was wollten die dann von dir?«

»Sie nennen sich so, aber sie lesen nicht Thomas Mann.« Sie löste die Hutnadeln, nahm den Hut ab und ließ ihn auf zwei Fingern kreisen. Sie schlüpfte aus ihren hochhackigen Pumps und sank in den Schaukelstuhl, um sich die müden Füße zu massieren. »Hat dein Papi gesagt, was er wollte, Kay?«

Kay kicherte. »Ich habe ihm von meinem Aufsatz erzählt, und er hat ihn praktisch am Telefon für mich geschrieben.«

»Das war bestimmt sehr hilfreich«, sagte Louise und schmeckte dabei den Essig in ihrer Stimme. »Was hatte er sonst noch zu bieten?«

Kay zuckte die Achseln. Offensichtlich war sie unwillens, die Reichtümer eines trauten Vater-Tochter-Gespräches zu teilen.

Louise fiel es wieder ein. »Für dich ist ein Brief da von deiner Tante Gloria.«

Gloria, Oscars Schwester, hatte der Kriegsausbruch in Paris überrascht. Gloria war Kays Lieblingstante, die Glanzgestalt, die Andere, die sie so sehnsüchtig sein wollte: eine elegante, schwarzhaarige Schönheit, die als freie Korrespondentin in amerikanischen Zeitschriften über französische Mode berichtete. Gloria war wie Oscar in der Stahlstadt Pittsburgh geboren, doch das einzig Stählerne an ihr war ihr Wille. Louise bewunderte die Willenskraft und den Stil ihrer Schwägerin, obwohl Gloria außer Opportunismus keinen politischen Standpunkt besaß und einen nichtssagenden Franzosen mit mehr Geld als Verstand und mehr Stolz als Geld geheiratet hatte.

Gloria nahm ihre Tantenpflichten ernst. Sie war kinderlos, denn ihr etwa zwanzig Jahre älterer französischer Mann hatte bereits Kinder, denen es offenkundig lieber war, dass er keine weiteren in die Welt setzte. Während Kay durch die Wildwasser ihrer Pubertät paddelte, schickte Gloria ihr unpassende Geschenke (entweder zu kindliche Teddybären oder zu damenhafte perlenbesetzte Pullover) und anekdotische Briefe, die Kay heiß und innig liebte.

Nun raffte Louise sich seufzend auf. Sie streifte einen Kuchenkrümel vom Rock ihres rosaroten Wollkostüms und betrachtete sich in Kays Spiegel.

»Du siehst schick aus, Mami. Warum bist du immer noch so angezogen? Gehst du noch mal aus?«

»Nein, Liebling, keinen Schritt. Ich wollte mich nur bei dir melden.« Sie sah wirklich recht gepflegt aus, der Teint rosig über dem rosaroten Kostüm, das Haar gut geschnitten, eng anliegend an den Seiten des ovalen Gesichts, dessen bestes Merkmal die fein geschnittenen Züge waren und dessen zweitbestes die großen grauen Augen, betont vom rotbraunen Haar. Louise war es immer selbstverständlich gewesen, auf Männer attraktiv zu wirken; etwas Gegebenes, über das sie nicht nachzudenken brauchte, ein Vorteil, auf den sie sich verlassen konnte. Jetzt prüfte sie kritisch ihr Aussehen, wie sie es jeden Monat mit ihrem Bankkonto tat. Die Ausgaben waren hoch für ihren vaterlosen Haushalt, und die Lebenshaltungskosten konnten sich auf dem Gesicht einer Frau von achtunddreißig rasch niederschlagen. Wenig Eitelkeit war im Spiel. Sie vertrat die Ansicht, wenn ein Vorteil dahin war, so tat man gut daran, das zu berücksichtigen. Doch der Spiegel versicherte ihr, dass sie attraktiv geblieben war, falls das irgendetwas nutzte.

Wenn sie daran dachte, wieder zu heiraten, dann tauchte die Frage auf, wo sie mit dem Mann überhaupt hinsollte. Nachdem Oscar entschwunden war, hatten sie und Kay und Mrs. Shaunessy und ihre Sekretärin Blanche den Platz rasch ausgefüllt. Sie war nicht bereit, auf ein Büro für ihre Arbeit zu verzichten und sich je wieder mit einem zierlichen Damenschreibtisch hinter einem Wandschirm in einer Ecke des Schlafzimmers zu begnügen. Sie lächelte dem Spiegelbild, das sie schon gar nicht mehr wahrnahm, zu und dachte daran, wie bezeichnend es für das Zusammenleben mit Oscar gewesen war, dass sie ihrer Arbeit in einer Ecke hatte nachgehen müssen. Alles hatte sich stets und ständig nach ihm richten müssen.

»Mutter! Du benutzt den Spiegel ja mehr als ich.«

Sie merkte, dass Kay mit Glorias ungeöffnetem Brief auf dem Schoß dasaß und darauf wartete, dass sie ging, damit sie ihn ungestört verschlingen konnte. Louise fühlte sich ausgeschlossen und entfernte sich sofort. Das Abendessen war sicher eine bessere Gelegenheit. Sie nahm sich vor, beim Abendessen mit Kay zu reden, denn das war oft ihre beste Zeit. Sie würde aus ihrem Nachmittag eine Perlenschnur komischer Geschichten machen, um Kay zum Lachen zu bringen, und sie dann nach der Schule und ihren Freunden und Freundinnen fragen. In letzter Zeit umwarb sie ihre Tochter ständig. Sie musste sich bezähmen, nicht zu viele Geschenke zu kaufen, aber vielleicht war es möglich, am Sonnabend mit ihr einkaufen zu gehen, nachmittags. Sie konnte sich noch an ihre Vertrautheit erinnern, als sie sämtliche Hoffnungen und Wünsche und Ängste von Kay auswendig kannte, als sie Kay im Arm gehalten und für sie »Du bist mein Sonnenschein« gesungen und es auch so gemeint hatte. Ihr kostbares Sonnenkind, dessen Leben völlig anders werden sollte, geborgener und besser als ihre eigene arme und zerrüttete Jugend.

Nun konnte sie das Telefongespräch mit Oscar nicht länger hinausschieben. Sie dachte daran, Mrs. Shaunessy nach seinen genauen Worten zu fragen, aber ihr Zaudern und ihre Befangenheit hatten noch nicht die Oberhand. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, nahm sie ihr Schlafzimmertelefon auf den Schoß, doch dann überlegte sie es sich anders und beschloss, ihn von ihrem Bürotelefon aus anzurufen. Von Schreibtisch zu Schreibtisch. Das mutete sicherer an. Louise saß in ihrem Drehsessel und blickte mit Genugtuung auf das kleine Arbeitskönigreich, das sie sich geschaffen hatte, dann wählte sie widerwillig Oscars Nummer in seinem Büro in der Columbia University.

»Oscar? Hier ist Louise. Du hast angerufen?«

»Louie! Wie geht’s dir? Augenblick.« Er sprach vom Hörer weg. Die Stimmen redeten ein Weilchen weiter, sie saß da und zog vor Ungeduld Gesichter. »Entschuldige, dass ich dich warten ließ, aber ich wollte meine Assistentin ins Vorzimmer verfrachten.«

»Assistentin wobei?«

»Ich leite eine Befragung deutscher Flüchtlinge. Einer meiner Studenten befragt die Männer, und eine junge Dame von Blumenthal wird sich der Frauen annehmen. Wie geht’s dir, Louie? Ich habe vorhin mit Kay gesprochen. Wir hatten ein recht verständiges Gespräch über den Sinn der Demokratie.«

»Kay sagte, du hast ihr am Telefon in groben Zügen den Aufsatz geschrieben.«

»Sind das nicht scheußliche Nachrichten dieser Tage? Wenn ich das Radio anstelle, dann rechne ich mit der Nachricht, dass Moskau gefallen ist.«

»Sie kämpfen in den Vorstädten. Ich warte immer darauf, dass der legendäre russische Winter seine historische Pflicht tut und die Nazis vereist –«

»Ich habe letzte Woche Oblonsky getroffen. Er ist in Leningrad gewesen. Er sagt, sie verhungern.«

»Nicht buchstäblich«, sagte Louise schneidend. Sie hatte eine Abneigung gegen solche Übertreibungen.

»Durchaus buchstäblich. Die Menschen sterben vor Hunger und Kälte. Er sagt, sie fallen zu tausenden tot um, und es ist niemand da, um sie zu beerdigen.«

Louise schwieg. Sie und Oscar hatten Freunde unter den Intellektuellen und Schriftstellern Leningrads, einer Stadt, die sie Moskau vorzogen. Oscar konnte etwas Russisch, und sie hatten die Sowjetunion 1938 besucht. Schließlich sagte sie: »Wir werden wohl erst, wenn der Krieg vorbei ist, erfahren, was aus allen geworden ist.« Sie seufzte, und Oscar an seinem Ende seufzte auch. »Ach, Gloria hat Kay geschrieben.«

»Was hatte sie zu berichten?«

»Da musst du deine Tochter fragen.«

»Ich bin überzeugt, Gloria geht es bestens. Sie ist gut vor den Nazis abgeschirmt, und ich kann mir nicht vorstellen, wieso die sich für sie interessieren sollten. Mir wäre zwar sehr viel lieber, sie würde sich zurückverfügen, aber sie sieht wohl wenig Grund, ihre Koffer zu packen und abzureisen. Schließlich ist sie Bürgerin eines neutralen Staates.«

»Was hast du auf dem Herzen, Oscar? Du hast zweimal angerufen.«

»Sonntag ist unser Hochzeitstag. Der siebzehnte, hab ich recht?«

»Es war schon ungewöhnlich, dass du ihn in den fünfzehn Jahren unserer Ehe behalten hast, das sagten mir immer meine sämtlichen Freundinnen, aber hältst du es nicht für ein bisschen übertrieben, davon Notiz zu nehmen, nachdem wir geschieden sind?«

»Ich weiß immer noch nicht, warum du die Scheidung wolltest –«

»Sie ist jetzt seit einem Jahr rechtskräftig. Ist es nicht etwas spät, darüber zu diskutieren? Ich fand es absurd, mit einem Mann verheiratet zu sein, mit dem ich nicht mehr zusammenlebte.«

»Lass uns jetzt nicht darüber streiten. Ich dachte, es wäre hübsch, gemeinsam zu Abend zu essen, zur Erinnerung an alte Zeiten. Schließlich werden wir sowieso den ganzen Abend aneinander denken. Warum dann nicht zusammen?«

»Bittest du mich um ein Rendezvous, Oscar?« Es klang albern, aber sie wollte Zeit gewinnen.

»Genau das. Wäre das nicht schön? Wir haben schon eine Ewigkeit nicht mehr manierlich zusammengesessen und ein gutes Essen und eine Flasche Wein geteilt. Ich brenne darauf, dir zu erzählen, was ich mache. Und natürlich auch alles von dir zu hören.«

Oscar widerstrebte es zutiefst, Frauen loszulassen. Er versuchte, alle seine ehemaligen Freundinnen in der einen oder anderen Funktion beizubehalten, als Freundinnen, Kolleginnen, Abhängige, zumindest als Bekannte. Er war es gewohnt, immer noch die Fürsorglichkeit seiner verwitweten Mutter zu beanspruchen. Er wollte nicht einsehen, warum er auch nur eine der Frauen, deren Zuwendung er genossen hatte, je gehen lassen sollte. Er wusste sogar noch ihren Wunsch nach Rat und Anteilnahme bei ihren Problemen mit Kay für seine Zwecke zu nutzen. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, jemals nicht mehr neugierig auf Oscar zu sein; ihr Problem mit anderen Männern war, dass sie alle mit ihm verglich. Dennis Winterhaven behauptete, sie mache Oscar zu einem Mythos, aber er kannte Oscar eben nicht.

»Komm, Louie, warum nicht? Ich gehe mit dir hin, wo du möchtest. Aber ich habe ein wunderbares spanisches Restaurant in der Vierzehnten entdeckt, natürlich Flüchtlinge, hervorragender Gitarrist, vorzügliche Paella.«

Sie war an dem Abend mit Dennis verabredet, aber erst um sieben. Sie wollten zusammen essen, dann führte er sie ins Savoy, um Hildegarde zu hören. »Sonntagabend habe ich schon etwas vor. Aber ich könnte mit dir zu Mittag essen.«

»Ich hol dich um eins ab?«

»Ist gut.« Sowie sie aufgelegt hatte, wanderte sie im Büro umher. Warum hatte sie zugestimmt? Weil sie der Versuchung nicht widerstehen konnte, ihn zu sehen. Dabei war sie ungefährdet, denn sie traf sich gleich anschließend mit Dennis. Oscar hatte natürlich recht; sie hätte den Abend damit zugebracht, an ihn zu denken. Wäre sie doch nur fähig, sich in Dennis zu verlieben! Das Abendessen war theoretisch reich an Möglichkeiten. Wie ihre flatterigen Gefühle nutzen? Ihre Finger zeichneten Kreise auf die Schreibtischunterlage. Sie konnte keine Geschiedene zur Heldin nehmen. Die gaben in den Journalen nur gelegentlich die böse Schlange ab. Sie selbst fand großen Gefallen am anrüchigen Klang, eine Geschiedene zu sein. Sie hatte das glanzlose Gattinnendasein überwunden und war daraus als schillernder tropischer Prachtfalter hervorgegangen, aber einer mit einem Wespenstachel.

Würde man ihr ein Paar, das in Trennung lebte, durchgehen lassen? Oder musste es ein vor Jahren beinahe geheirateter Mann sein? Das war sicherer. Der Hochzeitstag, das war das Gedenken an den Tag, an dem sie beinahe geheiratet hatten, aber dann eben doch nicht. Und weshalb nicht? Louise schaute auf die Uhr. Ihr blieben noch ein paar Stunden bis zum Abendbrot. Sie grub nach dem verborgenen Traum, der in dieser nichtssagenden Geschichte steckte. Das war ihre Stärke, den geheimen Phantasievorstellungen von Frauen auf die Spur zu kommen, diese Gesteinsader auszubeuten wie radioaktives Erz, wie das Uran, an dem Madame Curie gearbeitet hatte; oder, ehrlicher, wie die Buttercremeschicht einer Torte. Wollen mal sehen, beispielsweise eine Witwe? Jung verwitwet? Auf Kriegstote war man noch nicht eingestellt, aber beispielsweise ein Unfall? Nicht mit Makel behaftet, und nun geh deinen Weg in deinem Tempo. Eine zweite Chance mit einem Mann, den du abgewiesen oder fallen gelassen hast, aus Gründen, von denen du heute weißt, dass es die falschen waren. Ja, eingehen auf diese geheimen Phantasievorstellungen verheirateter Frauen, dass ihr Depp von einem Mann plötzlich tot umfiel und der Davongekommene wieder auf der Bildfläche erschien. Das verkaufte sich mit Sicherheit.

Sie brauchte noch einen guten Köder und einen guten Titel. Ein Strauß gelber Rosen, der plötzlich an der Tür abgegeben wird. Bestimmt ein Irrtum. Die Erinnerung an frühere Jahre. Nenn sie Betsy. Das ist ein netter, sicherer, achtbar klingender Name. Es war eine Neuengland-Geschichte, beschloss sie, eine von denen, die in der von ihr erfundenen Cape-Ann-Stadt Glastonbury spielten. Ein Fischer, der in einem Sturm draußen blieb. Oder ein Pendler in einem Zugunglück? Mit dieser Gesellschaftsschicht konnten sich ihre Leserinnen eher identifizieren.

Komisch, wie das Telefongespräch mit Oscar sie angeregt hatte. Schon oft hatte sie die Ausdünstungen ihres Zusammenlebens zu verwertbarem Material verdichtet. Als sie heranwuchs, hatte Louise nie davon geträumt, Schriftstellerin zu werden, Verfasserin von Romanen oder Kurzgeschichten. Nein, Journalistin hatte sie werden wollen, Auslandskorrespondentin, eine Dorothy Thompson. Dann hatte sie ihre erste Geschichte geschrieben, als Oscar arbeitslos war und Kay ein kleines Mädchen und sie die Miete nicht zahlen konnten. Zu der Wohnung am Rande von Flatbush gehörte ein Regal voller Saturday Evening Posts, Ladies’ Home Journals, Nummern von McCall’s und Redbooks. In dem Winter hatten sie kein Geld, um sich Zeitungen zu kaufen. Oscar hob sie immer von der Straße auf, nachdem andere sie gelesen hatten.

Dass ihre Geschichte gekauft wurde, überraschte sie. Sie konnte sich noch erinnern, wie sie von dem Geld eingekauft hatte. Huhn, Lammkoteletts, eine richtige Puppe für Kay mit echtem Haar und Schlafaugen, einen warmen Pullover für Oscar und die Zahlung der rückständigen Miete. Die nächste Geschichte wurde nicht gekauft, die übernächste auch nicht, aber dann verkaufte sie wieder eine. Sie begann zu erkunden, was ankam und was nicht; sie analysierte abgedruckte Geschichten nach den soziologischen und psychologischen Profilen annehmbarer Heldinnen und Helden. Sie schematisierte die Handlungsverläufe von je zwanzig Geschichten aus den am besten zahlenden Zeitschriften. Sie schärfte ihren Blick und begann, regelmäßig zu verkaufen.

Ihr Pseudonym war das, unter dem sie ihre erste Geschichte geschrieben hatte, als ihr auffiel, dass unter den abgedruckten Autoren keine jüdischen Namen vertreten waren und dass Frauen, deren Namen sie als verheiratet auswiesen, sich besonders gut zu verkaufen schienen. Sie hatte Annette Hollander Sinclair erfunden, und später, als diese Dame eine populäre Autorin von Frauenromanen wurde, lernte Louise, sich für öffentliche Auftritte in Annette zu verwandeln. Sie kaufte Annette eigene Kostüme, Hüte, Handschuhe, Handtaschen, Schuhe. Sie hatte sogar eine Annette-Stimme. Dennis, dachte sie, hatte sich in Annette verliebt, weshalb sie wahrscheinlich nicht in ihn verliebt war. Oscar wollte immerhin mit Louise essen gehen. Obwohl sie sich ein wenig schämte, begann sie vorsichtig, sich auf Sonntag zu freuen. Unterdessen lief sie über den Flur, zog sich eine bequeme Hängebluse und einen weiten Glockenrock an, schlüpfte in Fellpuschen und widmete sich dann am Schreibtisch wieder der Geschichte von Betsy, deren Mann bei einem Zugunglück im 5-Uhr-15-Nahverkehrszug von der North Station starb; und deren Jugendfreund gelbe Rosen schickte und geheimnisvoll lächelte, der jungenhaft lachte, dessen schelmische schwarze Asiatenaugen aber von Oscar ausgeliehen waren.

Daniel 1
Ein alter China-Hase

Daniel Balaban überquerte die Brücke von der Harvard Business School, in der er und seine Kommilitonen untergebracht waren, zum älteren Harvard auf der Cambridge-Seite des Charles River. Die Scharen junger College-Studenten betrachtete er ebenso neugierig und kühl distanziert, wie er die vielsprachigen Spaziergänger auf der Bund in Schanghai beobachtet hatte. Er gehörte hier nicht her. Die Marine erlaubte sich Harvard gegenüber einen kleinen Scherz mit diesem Sammelsurium aus Missionarssöhnen, Marinestabsoffizieren und alten China-Hasen, die in Geschäfts- oder Militärangelegenheiten die letzten zwanzig Jahre dort verbracht hatten. Die meisten konnten ein wenig Japanisch, doch andere wie er selbst konnten nur Chinesisch. Die Marine hatte sie hier zu einen Japanisch-Intensivkurs am Yenching-Institut versammelt. Daniel, Kind einer in der Bronx untergekrochenen jüdischen Emigrantenfamilie, hatte als Student hier und da Tüpfel von Begabung gezeigt, war jedoch zu keinem besonderen Ehrgeiz gelangt, zumindest keinem, für den akademische Grade verliehen wurden. Nun arbeitete er hart an seinem Japanisch und war von sich selbst überrascht: Sein Glück freute ihn, und zugleich fand er es komisch.

Daniel erinnerte sich gut genug an die Depression, um niemals zu vergessen, was Hunger war und wie er einen Menschen zusammenstutzte auf nichts als sich selbst. Sein Vater war mit fünfzehn Jahren aus dem polnischen Kozienice in die Vereinigten Staaten gekommen. Nach und nach hatte er sich ein kleines Knopfgeschäft aufgebaut, das in den zwanziger Jahren florierte. Er glaubte an sein Adoptivland und wollte alles so tun, wie es die Amerikaner taten. Er nahm Daniel und seinen älteren Bruder Haskel mit zu den Spielen der Giants, und er bedankte sich überschwänglich bei seinen Geschäftsfreunden für die Börsentipps, die sie ihm gaben. Es ging ihnen sehr, sehr gut, wie in seinen Träumen. Dann verschwand es über Nacht, als wäre es nie da gewesen: Feengeld. Daniel dachte, dass weder sein Vater noch seine Mutter je den Schock verwunden hatten, als all das Geld zu Schulden schmolz. Innerhalb von zwei Monaten waren sie nicht mehr wohlhabend, und wenig später waren sie arm.

Onkel Nat, der in Deutschland Geschäftsmann gewesen war, ging fort, sobald Hitler die Macht ergriffen hatte. In Schanghai blühten seine Geschäfte, und so wollte er seine Brüder nachkommen lassen. Onkel Mendel arbeitete in Frankreich; Onkel Eli und Tante Esther ging es in Kozienice sehr gut, vielen Dank. Daniels Vater in der Bronx nahm das Geld für die Überfahrt dankbar an und machte sich auf den Weg, um das Glück seines Bruders in Schanghai zu versuchen. Keiner von beiden wurde reich, aber es ging ihnen gut, taipans, erfolgreiche Geschäftsleute. Innerhalb von sechs Monaten holte Daniels Vater seine Familie nach. Alle fuhren, bis auf Haskel, den hochbegabten, wenngleich engstirnigen Medizinstudenten in einem vorklinischen Semester am City College.

Er konnte sich noch daran erinnern, wie er und seine Schwester Judy und seine Mutter auf dem französischen Schiff, das sie nach China brachte, gegessen hatten. Sie fuhren dritter Klasse, doch das Essen war reichlich, so reichlich, dass sie in ihrer ersten Woche auf See von nichts anderem reden konnten. Wie viel es zu essen gab. Wie oft sie aßen. Wie bald sie wieder so viel essen würden. Nach drei Wochen auf dem Schiff hatte sich ihre Ausgezehrtheit in sonnengebräuntes Fleisch verwandelt. Seine Mutter sah zehn Jahre jünger aus. Seine sechzehnjährige Schwester Judy war plötzlich hübsch.

Bis dahin war er ein linkisches Kind gewesen. Flog ein Ball in seine Richtung, traf er ihn unweigerlich ins Gesicht, als leite Bosheit das runde Ding oder ein Magneteisen in seinem Schädel, so dass er mit vierzehn von harten und weichen Baseballbällen, von Footballbällen, Basketbällen, Fußbällen, Strandbällen, Tennisbällen, ja selbst von Pingpongbällen schmerzlich getroffen worden war; sobald sie Gelegenheit dazu bekamen, hatten die Bälle ihn angegriffen und damit bei seinen Spielkameraden Wut und Spott ausgelöst.

Er war ein eigensinniges, verträumtes, in sich gekehrtes Kind und liebte Bücher über die Hunde und Katzen und Pferde, die er nicht haben konnte. Seine Kosetiere waren zwei Goldfische, Mink und Mank. Seine Mutter schärfte ihm immer wieder ein, sie nicht zu überfüttern, doch das war das Einzige, was er für sie tun konnte. Eines Morgens schwammen sie mit dem Bauch nach oben in ihrem winzigen Glas. Er ersetzte sie nicht. Er las lieber Burschi, ein Hund oder das Dschungelbuch. Ihm schienen Wölfe die liebevolleren, aufmerksameren Eltern. In früher Kindheit war er seiner Mutter eng verbunden gewesen, doch der Verlust ihres behaglichen Heims, des Autos, der Möbel, des Ansehens versetzte sie in Apathie. Sie führte nur noch Selbstgespräche, wenn sie ohne Unterlass die enge, überfüllte Wohnung putzte. Obwohl sie sich nun unablässig über China beklagte, hatte sie hier einen Hausdiener und einen Koch, und jeden Tag stattete sie anderen verheirateten jüdischen Damen Besuche ab.

Daniels Familie zog in ein sogenanntes Hofhaus in Hongkew, einem armen, überbevölkerten, aber faszinierenden nordöstlichen Vorort, der auf drei Seiten von Wasser umgeben war. Sie wohnten dort, weil die Mieten und die Lebensmittel nur halb so teuer waren wie im International Settlement oder in der Französischen Konzession. Ihr Haus gehörte zu den rasch hochgezogenen Neubauten der Gegend, stand im Schutze einer Mauer mit einem Tor und war feuchtkalt, nur beheizt von kleinen, stinkenden Kohleöfen.

Daniel wurde auf die amerikanische Schule im International Settlement geschickt, aber der tägliche Unterricht dauerte nicht lange und ließ ihm viel Zeit, durch die Straßen zu stromern. Bei einem Straßenhändler kaufte er sich getragene chinesische Kleidungsstücke, die er in der Mauer verbarg. Mit seinem schwarzen Haar, der tiefgebräunten Haut und den dunkelblauen Augen sah er nicht chinesisch aus, konnte aber als mandschurisch durchgehen. Wäre er in europäischen Kleidern mit seiner Armbanduhr herumgelaufen, man hätte ihn überfallen und ausgeraubt. In seinem selbsterdachten Abenteuer blühte er auf vor neuem Selbstvertrauen. Er stellte sich vor, wie die Jungens aus seinem alten Viertel ihn beneideten und wie sie bedauerten, ihn nicht in ihre Baseballmannschaft gewählt und ihn sogar vom Brennball ausgeschlossen zu haben. Die Straßen waren verstopft und glitzerten von riesigen, vergoldeten Schildern, leuchtenden Neon reklamen und gewaltigen grellbunten Wandbildern, die einheimische Produkte anpriesen. Er wuchs rasch und hatte immer Hunger, aber es gab viel zu essen, und alles billig: Nudeln, gefülltes Pao, Tangtuanklöße, süße Mandelsuppe, süße oder salzige Kuchen, Salzfisch und Kohl. Er liebte die Dampfer und die Sampans, die Hausboote mit den aufgemalten Augen im brackigen Hafen.

Auf der amerikanischen Schule wurde kein Chinesisch unterrichtet. Wenige Eltern sprachen Chinesisch oder verstanden es. Onkel Nat sagte, auf den anderen internationalen Schulen sei es das Gleiche. Als sein Onkel sah, dass er sich dafür interessierte, besorgte er Daniel zwei Lehrer, einen für umgangssprachlichen Wu-Dialekt und den anderen zum Lesen und Schreiben der Schriftzeichen. Er lernte bei seinen beiden chinesischen Lehrern weitaus eifriger als bei seinen Lehrern in der amerikanischen Schule, weil er das, was er lernte, sofort auf der Straße anwenden konnte, dort, wo er immer sein wollte.

»Die Europäer und die Amerikaner verhalten sich wie Schafsköpfe«, sagte Onkel Nat und wies darauf hin, dass die Amerikaner keine Chinesen in ihren Country Club ließen. »Es gibt in dieser Welt niemanden, auf den man sich absolut verlassen kann. Man kommt in anderer Leute Land, wo man die Chance hat, in Sicherheit zu sein, ein gutes Leben zu führen, also lernt man ihre Sitten und spricht ihre Sprache, damit man sie nicht mehr kränkt als nötig. Wenn man in den Wind spuckt, fliegt’s einem ins Gesicht zurück. Kapiert?«

Onkel Nat war ein grauhaariger Mann ähnlich wie sein Vater, aber er stand anders da, nicht krumm und gebeugt. Er hielt sehr auf äußere Form. Daniel fühlte sich bei ihm wohler als bei seinem Vater. Seine Eltern redeten ununterbrochen von Haskel, der im City College Einser sammelte. Der Erstgeborene, der gute Sohn.

Schanghai wimmelte von Menschen, vier Millionen Chinesen und dazu hunderttausend Ausländer, es gab moderne Wolkenkratzer, tipptopp uniformierte Sikhs auf kleinen Zementpodesten, die den Verkehr regelten, fünf Universitäten, zahlreiche gelehrte und wissenschaftliche Einrichtungen, Nobelhotels und exklusive Privatclubs; doch für die meisten Chinesen gab es nur Armut und einen schnellen oder langsamen Tod. Morgens lagen Leichen auf seinem Schulweg. Überall schüttelten verkrüppelte Bettler ihre Büchsen. Schanghai brodelte von Krankheiten, von politischen Unruhen und Morden. Er sah zu, wie Gefangene für politische oder ganz gewöhnliche Verbrechen geköpft oder garrottiert wurden, öffentliche Hinrichtungen, wo er in der Menge stand und staunend mit ansah, wie ein Leben ausgelöscht wurde, sich aber in Acht nahm, so gleichmütig dreinzuschauen wie alle anderen, um keinen Ärger zu bekommen.

Dann fing er sich eine Art Paratyphus ein, der so mächtige Darmkrämpfe auslöste, dass er sehen konnte, wie sein Bauch davon wogte, während er ächzend in hohem Fieber lag. Nach diesem ersten heftigen Anfall kehrte die Krankheit jeden Monat wieder; schließlich schien er sie auszuwachsen. Er aß weiterhin Gerichte von Garküchen und Straßenverkäufern. Er schoss zu einem Meter achtzig auf. Mit sechzehn kaufte er sich seine erste Sexualerfahrung im Rotlichtdistrikt der Kiangsestraße, und im Gegensatz zu dem, was seine Lektüre ihn glauben gemacht hatte, fand er sie nicht widerwärtig oder abstumpfend, sondern reizvoll, wenn auch unvollständig, da ohne jeden Zusammenhang.

Nach diesen anfänglichen Sexualerlebnissen betrachtete er Frauen mit großem Interesse. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber offenbar bemerkte die Frau eines Arztes aus Berlin sein Interesse. Sie verführte ihn, eine Aufgabe, die ihr keine Schwierigkeiten bereitete, sobald er begriffen hatte, dass ihm angeboten wurde, was er am meisten begehrte. Prompt verliebte er sich in sie. Ach, das war es also, worauf er gewartet hatte, was er erwartet hatte. Da war zum einen der Sex und da war zum anderen die Schwärmerei, aber wenn er beides in einer bestimmten Frau zusammenfügte, entstand ein unwiderstehliches neues Spiel, eines, das bis in sein erstes Jahr an der Schanghai-Universität andauerte, wo er sich mit zwei chinesischen Jungen anfreundete und in ihre Elternhäuser eingeladen wurde.

Die japanische Invasionsarmee näherte sich der Stadt. Die chinesischen Truppen verbrannten einen Großteil von Hongkew, die Japaner zerbombten den Rest, und die Balabans zogen widerwillig in kleinere, wesentlich teurere möblierte Zimmer in der Französischen Konzession, bis rasch wieder Hofhäuser hochgezogen wurden. Häufige Bombenangriffe erschütterten den Boden, zerstörten ganze Wohnblocks. Der Bahnhof wurde von Bomben getroffen, und es gab unzählige Tote. 1938 war Schanghai vom Festland abgeschnitten und warf weniger Gewinne ab. Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich kamen in Scharen und brachten haarsträubende Berichte mit. Daniels Eltern wurden zunehmend nervös. Es war an der Zeit, fanden sie, in die Bronx zurückzukehren.

Er verließ China unter Protest und weinte ganz offen. Judy war glücklich. Sie wollte das normale Leben eines amerikanischen Mädchens, sagte sie laut. Daniel hatte kein Verlangen nach dem normalen Leben eines amerikanischen Jungen, das er sich als Titelseite der Saturday Evening Post vorstellte, ein sommersprossiger Dorfbub mit einer Angel. Genauso wenig sehnte er sich nach den Prügeleien mit italienischen und polnischen Bengels auf den umkämpften Straßen der Bronx.

Er besuchte das City College. Der politische Umbruch faszinierte ihn, wie es die Straßen von Schanghai getan hatten. Er ging zu den Versammlungen von Splittergruppen, schlenderte durch den Basar der Ideen, konnte sich mit keiner identifizieren, war aber guter Hoffnung, dass irgendeine Ideologie ihn zum Engagement verlocken würde. Er wohnte zu Hause und fuhr täglich zum College, obwohl er bei seinen Eltern, denen er sich seit Jahren nicht mehr anvertraut hatte, keine Ruhe fand. Er sah sie als enge, naive, liebe, aber beschränkte Menschen. Sie hatten sich den Kopf stets über Überlebensstrategien zerbrechen müssen. Er versprach sich ganz andere Optionen. Er war ungern mit Haskel zusammen, der jetzt in den klinischen Semestern war und von seiner Mutter bedient wurde wie von einer Magd. Jeder Bruder fand den anderen verachtenswert.

Dienstags und mittwochs fuhr er mit der Stadtbahn zur Upper West Side, wo es eine kleine chinesische Gemeinde von der Mittelküste gab. Dort nahm er Unterricht bei dem Besitzer des Shanghai Star, in einem kleinen Büro über dem Restaurant. Dienstags war die Umgangssprache dran. Pao Chi war ein kahler, großgewachsener und schwergewichtiger Mann, doch seine Stimme war sanft und melodiös. Er redete gern über den Taoismus. Mittwochs studierten sie die Schriftzeichen. Gleich nach dem amerikanischen Neujahr erlaubte ihm Mr. Pao, die Kalligrafie auf einer Speisekarte zu machen.

Seine Familie missbilligte seine Vernarrtheit in alles Chinesische. Sein Vater, seine Mutter und seine Schwester Judy hatten in China gelebt wie eine Katzenfamilie, die auf einem Baumstamm in einem Bach hockt und bemüht ist, nicht nass zu werden, nicht in das vorbeifließende Leben hineingezogen zu werden. Daniel hatte vor, zu seinem Onkel Nat zurückzukehren, der China so liebte wie er. Das war der Traum, nach dem er sich verzehrte.

Er verliebte sich in eine Trotzkistin und gab sich große Mühe, auch Trotzkist zu werden, denn ihr Körper war seidenweich, und sie hatte ein warmes, aufreizendes Lachen und einen klaren, nüchternen Verstand, mit dem er gern die Klingen kreuzte. Sie genoss die Streitgespräche nicht so sehr wie er und gab ihn für einen auf, dessen politische Überzeugungen stärker waren und dessen Verlangen ebenso stark schien. Er erfuhr, dass die Liebe für ihn wie ein Feuerwerk war, Hitze und Licht, doch wenig Schaden. Sein Verlangen ließ nicht nach, wenn auch oft seine Verliebtheit. Er verliebte sich in Belanglosigkeiten, ein Lachen, die Form eines Beines, ein Lächeln; kein Wunder, dass sein Interesse rasch verflog.

Er freundete sich mit seinem Vetter Seymour an, der ein Jahr älter und Kommunist war und sich bemühte, ihn anzuwerben. »Du bist ein Dilettant«, sagte Seymour zu ihm. »Nichts bewegt dich, oder alles bewegt dich.«

Mr. Pao hielt das für eine annehmbare Daseinsweise. »Das höchst Gute gleicht dem Wasser. Das Wasser nützt den zehntausend Wesen und streitet nicht; es fließt selbst dahin, wo kein Mensch sein mag. Darum ist es nahe dem Weg«, zitierte Pao aus dem Taoteking.

Daniel war sich uneins, ob er wirklich so wässerig bleiben wollte. Er versuchte, sich wundersame Leidenschaften vorzustellen, die ihn länger als zwei Wochen beschäftigen würden. Nur die Frau des Arztes hatte sein Interesse wach gehalten, doch es hieß, sie sei mit einem Engländer durchgebrannt, der angeblich Geheimagent war und sich dann als Hochstapler mit einem Berg Schulden entpuppte. Onkel Nats Briefe waren voll von Katastrophen unbegreiflichen Ausmaßes, Menschen fielen wie welkes Laub und gaben einen blutigen Kompost ab, während der Krieg unaufhörlich weiterging. Die Japaner kontrollierten nun die Stadt. Onkel Nat beschrieb ein letztes Kontingent von tausend polnischen Juden, die auf der Suche nach Sicherheit bis dorthin geirrt waren. Viele Flüchtlinge saßen in Schanghai fest, das keine Visa verlangte, keine Pässe, keine Papiere, keine Zeugnisse über Unbescholtenheit und vergangene oder gegenwärtige Reichtümer. Der Krieg bescherte allen Armut, berichtete Onkel Nat. Bald würde er nur noch ein yang kueitze sein, das Schimpfwort für mittellose Ausländer. In Hongkew, schrieb Onkel Nat, gab es inmitten der Ruinen und Schutthalden ein Kammerorchester, mehrere Theater und einen hin- und herwogenden Krieg kultureller Versnobtheit zwischen den Juden aus Wien und den Juden aus Berlin. Daniel wurde von Heimweh gepackt. Seine Eltern sangen die Litanei über die Klugheit ihrer Abreise. Nur sein Lehrer Pao Chi teilte seine Faszination für das, was in China vorging.

Daniel arbeitete als Platzanweiser in einem Kino. Im Sommer kellnerte er in den Catskills. Ein einziges Mal drang seine Chinaleidenschaft in sein College-Leben ein, als er nämlich gebeten wurde, im Progressive Club einen Vortrag über die Lage in China zu halten. Seine Rede war kein Erfolg, denn sein Selbstvertrauen, in Einzelbegegnungen oft das eines Löwen, schwand beim Anblick der ausdruckslosen, anonymen Gesichter. Nach dem Examen war die einzige Arbeit, die er finden konnte, das Zustellen von Gerichtsvorladungen.

Trotzdem zahlte sich sein missratener Vortrag doch noch aus, denn sein Volkswirtschaftsdozent hatte seinen Namen jemandem von der Marine genannt, der nun im Frühjahr 1941 anrief und fragte, ob er nicht vielleicht an einem Japanisch-Intensivkurs diesen Sommer in Harvard interessiert sei. Die Marine brauchte japanischsprachige Offiziere und bot entsprechende Schulung an. Die meisten Studenten konnten schon etwas Japanisch, aber andere, so wie er selbst, wurden wegen ihrer Chinesischkenntnisse angeworben. Daniel hielt das im Stillen für ein Beispiel weißer Dummheit, denn obwohl die Schriftsprachen viele Zeichen gemeinsam hatten, waren die gesprochenen Sprachen weniger miteinander verwandt als Norwegisch mit Italienisch. Das Vorgehen der Marine beruhte auf der typisch amerikanischen Haltung, wenn ein Mensch schon eine dieser komischen Heidensprachen lernen konnte, warum dann nicht gleich noch eine?

Da er nicht zu seinem Onkel zurückkonnte, erschien ihm dies verlockender als der einzige andere Weg, den er vor sich sah, nämlich weiterhin Gerichtsvorladungen für die Binokelfreunde seines Vaters zuzustellen. Er kam sich vor, als sei er, Daniel, der Bedrücker all der kleinen Ganoven, der Ehemänner auf Abwegen, der unglücklichen Zeugen und der ertappten Buchmacher. Zweimal hatten die Vorgeladenen schon nach ihm geschlagen.

Also auf nach Harvard. Für einen Jungen vom City College war das ein Blick in das Leben der oberen fünf Prozent. Seine Eltern sprudelten vor Freude: Judy heiratete einen netten jüdischen Zahnarzt, Haskel beendete sein Medizinstudium, und nun ging ihr Jüngster nach Harvard. Er wusste, ein Intensivkurs am Yenching-Institut war nicht ganz das, was man unter »nach Harvard gehen« verstand, aber weitaus besser, als das Pflaster der Bronx zu treten und nach Leuten zu suchen, die nicht von ihm gefunden werden wollten.

Seine Tage in Harvard waren angenehm. Er begann in der Anfängerklasse, aber sobald er sich hineingekniet hatte, stieg er rasch auf. Er machte seine Zimmergenossen wahnsinnig, denn er bestand darauf, vom Aufwachen bis zum Einschlafen nur Japanisch zu sprechen. Bis zum Oktober hatte er deutliche Fortschritte gemacht und war hochgestuft worden. Er machte lange Spaziergänge am Charles River, durch Cambridge, zum Mount-Auburn-Friedhof. Sonntagabends ging er in Boston mit Kameraden aus seinem Kurs chinesisch essen und gab damit an, aus der chinesischen Speisekarte zu bestellen. Viele der Restaurants waren natürlich kantonesisch, was er nicht sprechen konnte. Eines Tages würde er es lernen: nach dem Krieg, wenn er nach China zurückkehren konnte. Aber wenn er schon nicht nach China konnte, dann war Boston gar nicht so übel. Seine Zimmergenossen machten sich über ihn lustig, weil ihm Boston lieber war als New York, aber mit New York verband er nicht Manhattan, sondern die ärmeren Quartiere der Bronx. Er konzentrierte sich auf den anspruchsvollen und intensiven Unterricht. Seine Arbeitstage waren zu lang für Liebesgeschichten. Obwohl er mit stechendem, aussichtslosem Interesse den Radcliffe-Girls auf ihren Fahrrädern nachsah, fand er sein Leben kultiviert und merkte, er war glücklich. Endlich rief etwas anderes als eine Verliebtheit seine Kräfte wach. Er war nicht mehr nur fließendes Wasser.

Jacqueline 1
Auf der Suche nach dem Inbild der Jugend

14 mai 1939

Marie Charlotte ist meine absolut beste und liebste Freundin und der einzige Mensch auf der Welt, dem ich meine geheimsten Gedanken und Wünsche anzuvertrauen wage. Suzanne hat bewiesen, was für eine falsche Schlange sie ist, und ich werde nie, nie wieder so dumm sein, ihr zu trauen. Ich schäme mich, dass ich so blöde war, ihr von dem kleinen Gespräch mit Philippe im Musée Carnavalet zu erzählen. Wer hätte auch gedacht, dass sie gleich zu ihm hingeht und mit der für sie typischen lauten, ordinären Stimme, damit es nur ja jeder hört, verkündet: Ich höre, Jacqueline ist jetzt deine Freundin, dein Liebchen.

Ich bin die unglücklichste Siebzehnjährige in meiner ganzen deuxième classe am lycée Victor Hugo. Marie Charlotte hat nur eine jüngere Schwester, die ihr das Leben schwer macht, aber ich habe zwei: doppelt gemoppelte Plage. Ich kann von Glück sagen, dass Maman nicht geschmacklos ist und den Zwillingen nie diese abscheulichen, gleich aussehenden Kleider anziehen würde. Maman achtet sogar sehr darauf, ihnen immer verschiedene Sachen zu geben, aber die kleinen Biester finden es komisch, die Leute zu verwirren. Heute ist Renée in Nadines Rock und Pullover gegangen, und Nadine trug Renées, und die kleinen Biester fanden es lustig, den ganzen Tag lang so zu tun, als seien sie die andere. Sie verständigen sich mit Grunzlauten wie Wilde oder Hunde und manchmal, könnte ich schwören, durch Gedankenübertragung.

Maman weigert sich einfach zu verstehen, dass es eine Demütigung ist, diese Bälger mit in den Park schleppen zu müssen oder ins Kino. Sie haben ständig nur Unfug im Sinn und toben herum wie die schlimmsten Gassenbengel und schlagen sich die Knie auf und lachen lauthals. Damit nicht genug, nennen sie sich gegenseitig Rivka und Naomi, solche peinlichen Ghettonamen, dass ich sie ohrfeigen könnte. Am Samstag hat Maman mich gezwungen, sie mitzunehmen, als ich mit Suzanne (diesem Luder) und meiner lieben Marie Charlotte ins L’Étoile gegangen bin. In der Szene, wo Gabrielle ihrem Geliebten François in die Arme sinkt, haben diese Monster geschmatzt und gekichert. Ich war gedemütigt. Ich werde nicht mehr ins Kino gehen, wenn das bedeutet, die Zwillinge mitzunehmen, und das werde ich Maman klarmachen! Manchmal, wenn Marie Charlotte und ich auf unserer Spezialbank im kleinen Park Georges Cain beim lycée sitzen, pirschen sich die kleinen Biester an, um uns zu belauschen.

Ich glaube an das Allgemeine, nicht an das zufällige Besondere. In diesem Haus in der Rue du Roi de Sicile (deren Namen niederzuschreiben mir zugegebenermaßen immer noch einen vernunftwidrigen Genuss bereitet, wegen seines mit der Wirklichkeit so unvereinbaren romantischen Klanges) im Vierten Arrondissement unweit der Metrostation St. Paul geboren zu sein, ist lediglich eine Sache des Zufalls und hat keine bleibende Bedeutung. Ebenso ist es nicht wahrhaft von Belang, dass ich Jacqueline Lévy-Monot genannt werde und nicht zum Beispiel Marie Charlotte Lepellier. Ich möchte das finden, was im menschlichen Leben wahr, bleibend und allgemeingültig ist, statt in meiner kleinen Ecke zu sitzen und mir immer wieder sogenannte Volksweisheiten, so dumm wie jeder andere Aberglaube, vorzusagen, wie es Maman tut: »Nor a schtejn sol sajn alejn«, nur ein Stein sollte allein bleiben, als wären wir hier nicht zusammengepfercht. Die Etiketten, mit denen wir einander versehen, hindern uns daran, zur Wahrheit vorzudringen, und wir müssen uns die Etiketten nicht nur von den eigenen Gesichtern reißen, sondern sie auch aus unserer Sicht auf andere verbannen. Engstirnigkeit ist der größte Feind des Fortschritts, so glaube ich, und ich habe einen Aufsatz dieses Inhalts geschrieben, der den zweiten Preis gewann, einen Petit Larousse, den ich jeden Tag benutze.

Ich ringe mit der romantischen Schwäche in mir, die zum Beispiel den Namen unserer engen Straße mag, die letzten Endes nur eine heruntergekommene Durchfahrtsstraße von beträchtlichem Alter, aber geringem architektonischem Wert ist, gesäumt von Läden und Geschäften wie dem Kürschner, bei dem Maman arbeitet, über denen sich kleine, überfüllte Wohnungen wie die unsere häufen. In unserem Erdgeschoss ist eine koschere Fleischerei. Die Straße des Königs von Sizilien, wo höchst königlich die alten, roh gemauerten Eingangsflure, dunkel wie kleine Bergwerksschächte, nach Urin stinken, wo höchst königlich Tag und Nacht Maschinen dröhnen und Nähmaschinen rattern. Der König von Sizilien muss auf abgelaufenen Absätzen gegangen sein und seine Mäntel geflickt haben, wie Maman es mit unseren tut.

Wie soll ich sie je überleben, diese Wüste aus Zeit, die sich endlos und trostlos vor mir erstreckt, bis ich endlich als Erwachsene für mich sein werde und mich nicht mehr von morgens bis abends meiner Familie erklären muss? Eine Familie ist ein zufällig entstandenes Gebilde, eine Gruppe von Menschen, die der Zufall zusammengeführt und gezwungen hat, auf ungenügendem Raum zusammenzuleben. Wenn ich nicht meine winzige Stube im obersten Stock hätte, eine Treppe höher als unsere Wohnung, ich würde ersticken!

15 septembre 1939

Seit zwei Wochen sind wir im Krieg, aber das Leben scheint ziemlich unverändert. Überall werden königsblaue Verdunkelungsvorhänge angebracht, falls Luftangriffe kommen. Maman macht sich Sorgen, dass Papa einberufen wird. Ich habe mit der première classe begonnen. Ich habe zwei Nachhilfeschülerinnen, denen ich nach der Schule Stunden gebe, Immigrantinnen mit mangelhaften Französischkenntnissen, eine süße Zehnjährige und eine dicke Elfjährige, die mit offenen Augen schlafen kann. Noch niemand hat dieses Gehirn aufgeweckt, das in ihrem Schädel ruht wie eine sonnenbadende Schildkröte. Ich beabsichtige, die Schale aufzubrechen! Die Zehnjährige ist meine Kusine, erzählt mir Maman, als kündigte sie eine köstliche Süßspeise an, wohingegen ich mir die größte Mühe gebe, allein aufgrund der von einer Schicksalslaune willkürlich zusammengewürfelten Gene keinerlei Vetternwirtschaft aufkommen zu lassen. Aus Kozienice, sagt Maman mit lächerlicher Aufgeregtheit: irgendein staubiges Nest in Polen, wo Maman zufällig geboren wurde, ein Fehler, den sie intelligent genug war richtigzustellen, indem sie mit sechzehn nach Frankreich ging. Tante Batya sieht älter aus als Maman, obwohl sie die nächstjüngere Schwester ist, und zieht sich unmöglich an, wie eine Bäuerin.

Manchmal fühle ich mich zur Lehrerin berufen, weil ich die Begabung dafür habe, und ich halte das für eine ebensolche Begabung wie die zur Schauspielerei, die ich gleichfalls zu besitzen glaube. Maman sagt mir, dass alle jungen Mädchen Schauspielerinnen werden wollen, weil sie sich vorstellen, das brächte Glanz und Ruhm. Ich weiß, dass es harte Arbeit ist, eine andere Persönlichkeit anzunehmen. Maman hält mich für naiver, als ich bin. Beide Begabungen erfordern, andere zu verstehen, und beide erfordern eine besondere Art der Demut. Maman meint, es ist Egoismus, der mir den Wunsch eingibt, Schauspielerin zu werden, aber ich sehe es als eine Art Selbstverleugnung, worin meine eigene Persönlichkeit sich dem Charakter einer anderen unterordnet, einer Berenice, einer Phädra, einer Julia.

Literatur zu unterrichten heißt gewissermaßen, sie darzustellen. Beide Gaben beeinflussen und ergänzen einander, aber ich fürchte, beide Begabungen zu haben ist so schlimm, wie keine zu haben. Maman hat etwas Grausames zu mir gesagt, als ich ihr gegenüber meine Zweifel erwähnte, meiner Berufung zu folgen. Sie sagte, ich nähme mein hübsches Aussehen viel zu ernst. Seitdem habe ich mich einer Selbstdisziplin unterworfen, die wenigstens mir beweisen soll, wie sehr sie sich in ihrer Einschätzung meiner Ernsthaftigkeit irrt. Ich habe mir die ganze Woche lang verboten, in den Spiegel zu schauen. Wenn ich mir die Haare kämme, tue ich es nur mit dem Tastsinn. Niemand in der Familie hat meine neue Disziplin bemerkt, aber das ist mir recht, denn wenn ich sie erklärte, würde ich bestimmt für meine Anstrengungen verspottet werden.

Ich verstehe nie, was die Leute meinen, wenn sie mich hübsch nennen, denn wenn ich in meine Augen schaue, sehe ich Verzweiflung, Entzücken, Freude, Trauer, eine gründlich forschende Neugier, Mitgefühl, einen distanzierten, fragenden Geist; Chaos und Kampf. Marie Charlotte ist hübsch. Sie hat ein gelassenes, reines Gemüt, in dem unumstößliche Ideen zur Ruhe kommen, und sie ist mit ihnen zufrieden, so wie ich mit den Möbeln in meiner Mansardenkammer zufrieden bin. Aber ich glaube, mein Gesicht ist so wandelbar wie meine Seele. Vielleicht kann ich nur als Schauspielerin diese Tiefen und Höhen enthüllen, diese Stürme, die unsichtbar toben und mich zutiefst durchrütteln. Wenn andere mich hübsch nennen, meinen sie mir zu schmeicheln, aber ich fühle mich geschmälert, unsichtbar hinter der Maske, die sie erschaffen, nicht ich.

21 février 1940

Papa hat seinen Gestellungsbefehl, und wir sind alle erschüttert. Er ist sehr fröhlich und sagt, wir sollen uns keine Sorgen machen, es sei nicht anders, als ginge er in ein Ferienlager. Es ist wahr, der Kriegszustand ist bisher friedlich gewesen, und ich denke, die sensationslüsterne Berichterstattung der ersten Wochen ist verklungen angesichts der Wirklichkeit des modernen Krieges, der hauptsächlich eine Angelegenheit des Disputierens und des Sitzens zu sein scheint. Das entsetzlich eisige Wetter geht weiter, der härteste Winter, an den ich mich erinnern kann, als beklagte die Natur unsere Torheit in dieser langen, lächerlichen drôle de guerre.

Ich habe mich Papa in letzter Zeit entfremdet gefühlt, aber jetzt wünsche ich mir, wir könnten uns einander besser mitteilen. Unsere Meinungsverschiedenheiten beruhen in Wahrheit darauf, dass Papa es vorzieht, sich kulturell einzugrenzen, während ich versuche, meinen Horizont zu erweitern. Ich glaube, wir haben einander den Streit über das Farband-Picknick letzten Sommer nie verziehen. Ich weiß, dass ich recht hatte, aber vielleicht habe ich den Sachverhalt zu unverblümt dargestellt. Schließlich habe ich nichts mit einem Haufen bäurischer Jünger des einfachen Lebens zu tun, nur weil sie jüdisch sind. Jüdisch zu sein ist auch eine Sache des Zufalls. Ich bin jüdisch geboren worden, aber was bedeutet das? Als Religion finde ich es absurd. Als Speisegesetz archaisch! Mir wird gesagt, diese polnischen Flüchtlinge, die Balabans aus Kozienice, sind meine Tante, mein Onkel, meine Kusinen, aber ich kann mich mit ihnen nicht einmal über die simpelsten Dinge unterhalten, über Tische und Stühle, geschweige denn über meine Gedanken, meine Gefühle oder meine Ambitionen.

Ich verstehe Papas Engagement in der Poale-Zion nicht. Die Vorstellung, dass wir uns alle aufmachen und in den Orient gehen, um Dattelbauern zu werden, ist ein Hirngespinst, das ich keine fünf Minuten ernst nehmen kann. Papa ist immer Sozialist gewesen, aber seit zwei Jahren hat er sich für den törichten Zionismus engagiert. Ich könnte mir vorstellen, dass er von der Armee ohne dieses Gepäck heimkommen wird. Er braucht mehr Kontakt mit intelligenten Franzosen, die sich mit modernen Ideen auseinandersetzen. Seine Intelligenz ist größer, als für seine Fabrikarbeit benötigt wird, deshalb tendiert sein Denken zu Disziplinlosigkeit.

Papa hat große Kraft, was manchmal wundervoll ist und manchmal peinlich. Ich weiß immer noch nicht, ob ich ihn für den Vorfall im letzten Herbst bewundern soll oder nicht. Wir warteten in einer Menschenmenge darauf, dass die mairie ihre Pforten öffnete, und als es zwanzig Minuten lang nicht geschah, warteten alle weiter und murrten. Und Papa ist einfach zur Spitze der Schlange vorgegangen und hat die Tür aufgestoßen. Sie war die ganze Zeit unverschlossen!

Trotzdem traf mich sein Gerede, ich solle mich mit Jungens »meiner eigenen Art« treffen, als ordinär und geschmacklos und obendrein völlig unempfänglich für die Person, die ich wirklich bin. Ich verstehe nicht, was mir ein künftiger Traktorfahrer zu sagen haben könnte oder was ich Papas Ansicht nach mit ihm gemein haben soll. Das ist eine von diesen monomanischen Zwangsvorstellungen. Wenn Papa und sein copain Georges zusammensitzen, können sie manchmal nur darüber reden, wer alles Jude ist und wer nicht. Das erinnert mich an dieses Luder Suzanne, nachdem sie mit ihrem ebenso ordinären Freund geschlafen hatte. Da ging sie die Straße entlang und rätselte, welche noch Jungfrau war und welche nicht.

Maman hat furchtbare Angst und wird viel Beruhigung und Trost brauchen, das sehe ich schon. Die Zwillinge heulen und klammern. Ich komme mir wie die Einzige mit einem kühlen Kopf vor!

16 juin 1940

Tatsächlich, die Deutschen sind hier, und es ist kein Massaker oder Blutbad, obwohl sie uns gezwungen haben, die Uhren eine Stunde vorzustellen, damit wir deutsche Zeit haben. Es ging ruhig und geordnet zu, kaum ein Schuss ist gefallen, und alle sind ein wenig betäubt. Ich sah einige gutgekleidete Menschen den vorbeimarschierenden deutschen Truppen zujubeln. Die schienen im Großen und Ganzen sauber und manierlich. Ich denke, unsere Angst ist von den Zeitungen aufgeblasen worden, die nichts anderes zu tun haben, als Sensationsgier zu erzeugen. Ich bin überzeugt, Maman schämt sich, die Zwillinge mit ihrem Chef M. Cariot in den Süden nach Orléans geschickt zu haben.

Ich habe mich der Suche nach dem Allgemeinen, dem Inbild des Allgemeingültigen verschrieben, denn nur so können wir uns rigoros aus dem Morast des zufälligen Besonderen erheben. Meiner Ansicht nach ist Patriotismus nicht nur eine Zufluchtsstätte für Schufte, sondern auch für Idioten und solche, die ihr ganzes Denken jeden Morgen vorgefertigt aus den geistlosen Zeitungen kaufen. Alle paar Jahrzehnte zetteln Regierungen Kriege an und versetzen die Menschen in Raserei, nur damit wir nicht die Unzulänglichkeiten unserer eigenen Seite erkennen, die Grundlagen unserer Gesellschaft in Frage stellen und vernünftige Institutionen und Gesetze fordern. Ich bin überzeugt, dass die Deutschen – abgesehen davon, dass sie eine andere Sprache sprechen – sich von uns hauptsächlich insoweit unterscheiden werden, wie wir uns als Individuen voneinander unterscheiden. Wir sind zwei benachbarte Länder, die anscheinend nichts Besseres zu tun haben, als alle paar Jahre übereinander herzufallen, eine große Anzahl junger Männer hinzumetzeln und dabei die Landschaft zu verwüsten. Ich nehme an, wenn wir den Mut hätten, die Wirklichkeit in Augenschein zu nehmen, statt alte Klischees zu wiederholen, dann würden wir feststellen, dass die Deutschen ein Volk sind wie wir, gut, schlecht und gleichgültig im selben Maße, wie wir es sind.

Wenn wir nur wüssten, wo Papa ist, wären wir wahrscheinlich ganz ruhig. Ich überquerte heute Nachmittag die Rue de Rivoli und habe dabei im Gedränge einen deutschen Soldaten angerempelt, einen Leutnant, glaube ich. Er hob die Hand an seine Mütze, lächelte und ging aus dem Weg – überhaupt nicht die Ungeheuer, die Säuglingen die Schädel zertrümmern, wie uns weisgemacht worden ist. So viel zur Unmenschlichkeit der Feinde. Ich habe von keinerlei Vergewaltigungen oder Plünderungen gehört. Die gendarmes sind wieder auf den Straßen und die Geschäfte wieder geöffnet.

29 juillet 1940

Papa ist wieder da! Erst die Zwillinge und dann er. Er ist aus einem Kriegsgefangenenlager entflohen. Er sagte, dass sie anfingen, die Juden von den anderen abzusondern, obwohl ich glaube, das ist nur ihr Sauberkeits- und Ordnungsfimmel. Sie sortieren gern alle in Schubfächer ein. Er arbeitete beim Müllkommando, als er aus dem Lager entfloh, und hat seine Uniform weggeworfen. Ich hoffe, er bekommt wegen seines übereilten Handelns keine Schwierigkeiten. Er wollte unbedingt nach Hause, aber es wird gesagt, dass die Deutschen sowieso bald alle Kriegsgefangenen entlassen.

Es ist, als habe seit seiner Rückkehr ein Erdbeben sein Epizentrum direkt unter unserer kleinen Wohnung. Er rennt herum und trifft sich mit all seinen copains von den alten radikalen Zeitungen und von der Poale-Zion. Sie haben sogar eine Delegation geschickt, um mit den jüdischen Kommunisten zu reden, von denen berichtet wird, dass sie dem Hitler-Stalin-Pakt nicht zustimmen wie der Rest der Partei. Früher weigerte sich Papa, mit Kommunisten überhaupt zu reden, aber jetzt hastet er in ganz Paris herum und bespricht sich mit jedem Brauskopf. Er hat eine Art jüdische Widerstandsbroschüre weiterverteilt, die sich Que faire nennt und von Hand abgeschrieben wird und die von Horrorgeschichten und Parolen strotzt wie partout présent: seid überall, und faire face: erhebt euch gegen sie. Ich bin erleichtert, dass Papa in Sicherheit ist – wie lange er es allerdings bleibt, wenn er so weitermacht, ist eine andere Frage. Doch ich muss sagen, bis uns die Zwillinge zurückgebracht wurden, dünner und verdreckt und voller Geschichten von brennenden Fahrzeugen und alleingelassenen Babys und im Tiefflug angreifenden Flugzeugen, war es hier außerordentlich friedlich, nur Maman und ich. Sie war krank vor Sorge, aber ich habe sie getröstet, und ich glaube, sie achtet mich jetzt mehr.

14 septembre 1940

Ich persönlich glaube, dass man eine innere Gelassenheit erreichen muss. Ich gebe zu, es ist beunruhigend, durch die Straßen zu gehen und Plakate angeschlagen zu sehen, welche die Juden en bloc anprangern, und all die pöbelhaften neuen Zeitungen zu sehen, die nichts tun, als allen Juden den Tod zu wünschen, Au Pilori zum Beispiel. Aber ich übe mich in Selbstdisziplin, während ich umhergehe, und sage mir, ich weiß, ich bin nicht schmutzig, ich bin nicht gemein, ich bin so französisch wie alle anderen und ebenso von französischer Kultur durchdrungen wie jeder meiner Lehrer, also bin nicht ich es, gegen die sich diese Gemeinheit richtet, und ich werde sie einfach nicht an mich heranlassen. Wütend werden bedeutet, denen Macht zu geben, die angreifen. Einen derartigen Angriff nicht beachten bedeutet, die Angreifer zu entmachten, nicht sich selbst. Wir geben diesen Schreihälsen ihre Macht, indem wir uns beleidigen lassen.

Papa und Maman sind sehr bestürzt, weil die Staatsbürgerschaft der Balabans widerrufen worden ist. Sie sind erst seit 1935 in Frankreich, und ihnen ist ihre französische Staatsbürgerschaft aberkannt worden. Sie tun mir leid, aber ich kann es nicht allzu befremdlich finden. Sie scheinen sich keinerlei Mühe gegeben zu haben, sich in die französische Gesellschaft einzufinden. Sie sprechen mit ihren Freunden nur Jiddisch oder Polnisch und sind unübersehbar Ausländer, sogar auf der Straße. Wenn man in einem anderen Lande lebt und sich so auffällig verhält, ist das für mein Gefühl nahezu arrogant. Trotzdem tun mir die Balabans unendlich leid.

2 octobre 1940

Jetzt ist Anordnung ergangen, dass wir alle zum zuständigen Polizeirevier gehen müssen, wo wir registriert werden wie Prostituierte oder Verbrecher und ein großes, hässliches JUIF auf unsere Ausweise gestempelt bekommen. Ich habe am Frühstückstisch angekündigt, dass ich einfach nicht hingehen werde. Ich dachte, Papa und Maman würden entsetzt sein, doch nein, Papa sagte, er wolle darüber nachdenken, was passieren könnte, wenn wir nicht gehorchen. Er findet es keine schlechte Idee, die Registrierung zu verweigern, wenn uns nur etwas einfällt, wie wir sie umgehen können. Ich weiß, es hat keinerlei Bedeutung, aber derart ausgesondert und gekennzeichnet zu werden finde ich einfach demütigend.

Marie Charlotte war in letzter Zeit äußerst merkwürdig zu mir. Die letzten beiden Male, die wir verabredet waren, ist sie einfach nicht gekommen. Sie hat mich schlicht sitzen lassen. Schließlich habe ich mich gestern mit ihr ausgesprochen. Sie sagte, sie habe mich immer noch sehr lieb, habe aber gehört, dass andere sie für eine Jüdin halten, weil sie immer mit mir zusammen ist, und dass sie Angst habe. Sie wolle kein solches Kennzeichen tragen, zumal sie als gute französische Katholikin geboren sei und ihre Mutter meine, es sei ihre eigene Schuld, weil sie sich mehr mit mir abgebe als mit ihresgleichen.

9 octobre 1940

Wir sind alle vorschriftsmäßig registriert, eine der demütigendsten Erfahrungen in meinem Leben. Seit Marie Charlotte abtrünnig geworden ist, habe ich mich mit einigen jüngeren Leuten angefreundet, die ich vor einem Jahr noch für Rowdys gehalten hätte. Sie sind gewiss keine achtbaren bürgerlichen Elemente, aber sie sind nicht unintelligent, und sie scheinen keinerlei Vorurteile zu haben, anders als viele Leute, von denen man dachte, sie stünden über solchen Dingen. Sie hören viel Jazz, besonders amerikanischen Jazz, und kleiden sich wie Bohémiens.

Es fasziniert mich, dass sie keine strenge Alterstrennung kennen. Einige von dieser neuen Clique sind auf der Universität, einige wie ich im letzten Jahr vom lycée und einige nicht mehr in der Schule, aber auch noch nicht im Beruf. Es ist nicht die Besonderheit ihres Stils, die es mir angetan hat, sondern ihre Toleranz. Sie scheinen nicht von der Angst besessen, die deutschen Erlasse zu befolgen, und es kümmert sie nicht, was ich bin, nur, wer ich bin. Dafür achte ich sie. Sie denken, ich bin zu ernsthaft, aber sie würden mir schon den Kopf zurechtsetzen. Das bezweifle ich, aber es tut gut, ins Café Le Jazz Hot zu gehen, wo sie meistens sind, und mich zu Freunden zu setzen und willkommen zu fühlen. In diesen Tagen ist es selten geworden, sich willkommen zu fühlen, und hinter ihrer Lässigkeit verbirgt sich eine Höflichkeit, die ich schätze.

Jeden Tag wächst in mir die Ungewissheit, was aus uns werden soll, aus uns allen, und ob ich je eine Chance bekomme, irgendetwas zu werden, geschweige denn die Wahl habe, ob Lehrerin oder Schauspielerin, denn Türen scheinen schneller zuzuschlagen, als ich auf sie zugehen kann. Ich fühle mich, wie sich eine Kreatur der Tropen gefühlt haben muss, als die Eiszeit kam und die Gletscher niederwalzten, was einmal üppige und blühende Bananenwälder waren. Ich fühle mich, als gehörte ich eigentlich nicht mehr zu meiner Familie, aber ohne einen eigenen Platz oder eine eigene Rolle zu haben, ohne eigenen Ort, an dem ich wahrhaft zu Hause bin. So ist es kein Wunder, wenn ich jetzt mehr und mehr Zeit mit meinen neuen unbürgerlichen Freunden im Café Le Jazz Hot zubringe.

Abra 1
Abra macht sich auf

Seit zweihundert Jahren fuhren die Männer in Abras Familie aus Bath, Maine, zur See. Abra fuhr nach New York.

Mit dreiundzwanzig meinte Abra, ihr richtiges Leben habe damals im September 1938 begonnen. Da hatte sie, mit neunzehn, vom Smith College ans Barnard gewechselt und endlich den Sprung nach Manhattan geschafft, dem glitzernden Land Oz ihrer Kindheit, wo sie ihrer Überzeugung nach immer hingehört hatte. Letztes Jahr war sie als Doktorandin zur Graduate School der Columbia in der Fachrichtung Politische Wissenschaften zugelassen worden. Abra hielt sich nicht für die geborene Gelehrte und konnte sich nicht recht vorstellen, selber zu unterrichten, doch zum einen genügte ihr die Graduate School an und für sich – Politik war schließlich das aufregendste Thema der Welt –, zum anderen waren die Studierenden in ihrer Fachschaft zu neunzig Prozent Männer, die Lehrenden zu hundert Prozent. Abra, die mit Brüdern aufgewachsen war, fand die Situation, die einzige Frau im Raum zu sein, völlig normal. Unter Männern lebte sie auf.

Sie hatte sich ihrer Jungfernschaft während ihres neunzehnten Sommers entledigt, draußen auf Popham Point, wo ihre Familie alljährlich den Sommer verbrachte, mit einem goldigen Jungen aus dem Ort, der inzwischen Hummerfischer war. Er hatte sie heiraten wollen, und sie hatte erkannt, dass sie, um gute Miene zum bösen Spiel zu machen, zum Schein einwilligen und vorgeben musste, die Heirat in Erwägung zu ziehen – oh, natürlich in ferner Zukunft, nach ihrem Examen. Abra war im gleichen Herbst ans Barnard gewechselt, und sie hatte nicht die Absicht, nach Bath zurückzukehren, außer natürlich in den Ferien, in denen John für zwei weitere Jahre ihre erfrischende Sommerromanze blieb. Zu einer Romanze gehörte für Abra guter, gesunder, akrobatischer Sex.

Nun war sie hier, dreiundzwanzig, mit quirligem Freundeskreis und eigener Wohnung im Village in der Bank Street, gemütlich, wenn auch ohne Fahrstuhl, einem guten Verhältnis zu ihrem Doktorvater Professor Blumenthal und einer stimulierenden Assistenzstelle bei seinem Freund Oscar Kahan im Fachbereich Soziologie. Ihre Familie war entsetzt, dass sie ihren Doktor machte; in ihren Augen war das unweiblich und würde zwangsläufig dazu führen, dass aus ihr eine verschmähte und bemitleidenswerte alte Jungfer wurde. Man verglich sie mit einer Abigail schrecklichen Angedenkens, die ein Blaustrumpf und eine leidenschaftliche Gegnerin der Sklaverei gewesen war und die tatsächlich einmal eine öffentliche Rede gehalten und mit dieser Schamlosigkeit Schande über die Familie gebracht hatte, woraufhin ihr Vater sie fünf Jahre lang eingeschlossen hatte. Abra, die gerade im Begriff war, ihren sechsten Heiratsantrag abzublocken, bezweifelte, dass sie auf einen einsamen Lebensabend zusteuerte. Der neueste Antrag kam von einem jungen Mann, den sie beim Tennis kennengelernt hatte und mit dem sie sich seit zwei Monaten traf.

»Was soll das, Hank? Willst du mich zu einer ehrbaren Frau machen oder irgend so ein Unsinn?«

Er saß auf dem kleinen Windsor-Stuhl vor ihrem weiß getünchten Backsteinkamin, in dem ein paar Birkenscheite von zu Hause lustig flackerten. Der Stuhl war zu klein für ihn und gab ihm ein grashüpferartiges Aussehen. »Ich glaube, du wirst mir eine gute Frau sein, Scotty. Deine Wildheit ist Jugend und Ausgelassenheit, ein Fohlen, das herumtollt. Du wirst zur Ruhe kommen.«

Ein Fohlen, das noch nicht zugeritten worden ist, meint er, dachte Abra und lächelte süß. »Meinst du, es ist die passende Zeit, um sich zur Ruhe zu setzen? Überall um uns herum geht die Welt zu Bruch.«

»Umso mehr Grund, ein Heim zu gründen. Ich glaube zwar, dass nicht einmal dieser Wahnsinnige, dieser Roosevelt, vorhat, uns in den Krieg zu führen, um Englands Kastanien aus dem Feuer zu holen, aber trotzdem kann ich jeden Moment einberufen werden.«

Stoßt ins Horn, dachte Abra. Ich soll mich deinen Familienvorstellungen opfern, weil du vielleicht als Offizier einberufen wirst? »Ich gäbe eine miserable Frau ab. Ich bin mit meiner eigenen Arbeit beschäftigt und habe nicht vor, sie zu vernachlässigen.«

»Bist du nicht schon lange genug zur Schule gegangen? Du bist eine richtige Frau, Scotty, und es wird Zeit für dich, wie eine zu leben.«

»Mir liegt sehr viel an dem, was ich tue.« Sie hörte sich anders mit ihm reden, alte Melodien, alte Texte. »Ich finde meinen Doktorvater Professor Blumenthal faszinierend, und mein Thema interessiert mich.« Ihr war sehr wohl bewusst, dass ihre Doktorarbeit über die Gewerkschaft der Damenbekleidungsindustrie Hank nicht interessierte. »Ich habe eine Stellung bei Professor Kahan –«

Abscheu huschte über Hanks blonde, adlernasige Züge, und er spannte erst den rechten, dann den linken Arm, eine nervöse Geste, die automatisch schien. »Krauts und obendrein Juden, Scotty. Also wirklich!«

»Professor Blumenthal ist ein in Deutschland geborener Jude. Wie zum Beispiel Marx.«

»Eben. Ich begreife nicht, wieso deine Familie das duldet.«

Abra betrachtete ihn und überlegte, welchen Grad an Frechheit sie sich gestatten würde. Sie hatte sich das selber eingebrockt, indem sie sich mit jemandem aus ihren eigenen Kreisen eingelassen hatte. Das hatte sie bisher noch nie getan, und sie beschloss, es in Zukunft zu vermeiden. Der einzige Vorteil, den sie entdecken konnte, war, dass sie den weiteren Verlauf des Gesprächs kannte, bevor dessen öde Vorhersehbarkeit von ihnen durchgespielt worden war. Sie stand auf, ging zur Wohnungstür, öffnete sie und stellte sich daneben.

Hank schaute sie verdutzt an. »Jemand draußen?«

»Du gleich, hoffe ich. Dein Mantel hängt am Haken. Hilf dir bitte selbst hinein.«

»Was soll das, Scotty? Das ist doch albern. Du kannst mir keinen Korb geben. Und nicht so.«

»Irrtum. Ich bin an Heirat nicht besonders interessiert. Und du wärst der Letzte, der in Betracht kommt.«

»Scotty, du weißt doch, dass wir uns lieben.«

In ihr blitzte Zorn über sich selber auf, sich in diese Bredouille gebracht zu haben. Sie musste das Tennisspielen aufgeben. Sie traf auf den Plätzen die falsche Sorte Männer. Die Männer, die sie auf Kundgebungen kennenlernte, waren eher ihr Fall. »Ich glaube, wir haben beide einen kleinen Fehler gemacht, der leicht zu beheben ist. Vergiss nicht deinen Hut.«

Langsam ging er rückwärts hinaus, Hut und Mantel immer noch in der Hand, und starrte sie fassungslos an. Dann rannte er die Treppen hinunter, und wenn die Haustür zuknallbar gewesen wäre, hätte er sie zugeknallt. Sie schloss sich jedoch in ihrem eigenen gemächlichen Tempo, mit einem pneumatischen Seufzer.

Abra dachte über die Ruine ihres Sonntags nach. Sie prüfte die Wasser ihrer Seele und fand sie nur lauwarm. Ein guter Tag, um zu Hause zu bleiben und etwas mehr an ihrer Doktorarbeit zu tun, als sie nur in der Öffentlichkeit zu erwähnen. Ihre Seminare würden bald abgeschlossen sein, aber sie hatte sich noch nicht ernsthaft ans Schreiben begeben. Sie sah sich um in ihrer kleinen, leicht künstlerisch angehauchten Bude mit der Hopi-Vase und der Mola aus Guatemala und der geschnitzten afrikanischen Gazelle, dunkler als die Nacht, inmitten leuchtend bunter Chintzkissen und zweihundert Jahre alter Möbelstücke aus der Familienrumpelkammer. Hank gehörte hier nicht her. Sie ja.

Die Ehe war für Abra etwas, das ihr in einem bestimmten Alter mit Sicherheit zufallen würde, so wie sie mit einundzwanzig ihr kleines Legat von ihrem Großvater Scott geerbt hatte und wie sie eines Tages von ihrer Großmutter Woolrich die Stühle mit den Leitersprossenlehnen erben würde, die sie dann irgendwo hinstellen musste, nebst einem weiteren Legat von dieser Familienseite mit sechsundzwanzig. Sie war der Überzeugung, dass die meisten ihrer Freundinnen aus dem College geheiratet hatten, um sich einen Platz zu erobern, eine Identität, doch dass sie sich ihren eigenen Platz schaffen konnte.

Sie verspürte kein Verlangen danach, reich zu sein; ihr Zweig der Familie hatte – zumindest seit dem Untergang ihrer Reederei – keinen Wert auf Geld um des Geldes willen gelegt, anders als ihr Onkel Frederick Woolrich, den sie immer gemocht hatte mit seiner Energie und seinem donnernden Gehabe, als gelte es, einen Sturm zu übertönen. Sie hatte Onkel Frederick im Verdacht, im Bett eine große Nummer zu sein, aber Inzest gehörte nicht zu ihren Lastern. Ganz im Gegenteil. Sie hätte Hank höflich sagen sollen, sie habe eine exogame Persönlichkeitsstruktur. Sie flog selten auf andere Blonde, und mit Hank war das Feuer einfach nicht angegangen. Ein Monat mit ihm war länger als ein Jahr mit Slim, dem schwarzen Saxophonspieler, obwohl sie sich in Wahrheit nur acht Monate lang hin und wieder mit ihm getroffen hatte. Slim lebte mit einer Frau zusammen, die das mit Abra irgendwann spitzbekommen hatte. Schade. Vor New York waren die einzigen Nichtweißen, die sie je zu Gesicht bekommen hatte, zwei ortsansässige indianische Fischer gewesen, doch Abra fand, dass sie dem liberalen Erbe der skandalösen Urgroßtante Abigail gerecht werden musste.

Abra war in Bath aufgewachsen, in einer Familie, die dort beste Beziehungen unterhielt und wohlbekannt war, wenn auch längst nicht mehr so wohlhabend wie noch vor ein paar Generationen. Es gab eine kleine Bucht, die nach der Familie ihres Vaters hieß (wo sich die eingegangene Reederei befunden hatte), und eine Insel, die nach der Familie ihrer Mutter hieß. Sie war mit ihren beiden Brüdern in einem adretten weißen neoklassischen Haus mit Kuppel in der Washington Street aufgewachsen. Die Porträts an den Wänden zeigten nicht die Ahnen, sondern ihre Schiffe: Steife, förmliche Ölgemälde der Ebeneezer Scott, der General Abraham Woolrich unter unglaubwürdig vollen Segeln auf statischen Wellen wechselten sich ab mit naiven Darstellungen berühmter Schiffbrüche, die Mary Frances sinkt mit Mann und Maus vor Woolrich Island. Ahnenporträts schienen entbehrlich, denn ihr war immer gesagt worden, sie habe Großmutter Abra Scotts Nase und Großvater Timothys Augen. Sie hatte sich in die Familienerwartungen weniger hineingestellt als eingebettet empfunden, das Leben vor ihr ein regelmäßiges, vieljähriges Beet, das nur gelegentlich gegossen werden musste, bepflanzt mit Everetts und Timothys und Toms und Mary Franceses und Abras.

Die Sommer waren die freien und herrlichen Zeiten gewesen, immer auf dem Wasser – im Segelboot durch das Labyrinth der Wasserläufe und Nebenarme und Buchten des Kennebec gleiten oder im Motorboot hindurchtuckern oder sich auf den (für Maine) ungewöhnlichen Sandstränden ihrer Halbinsel aalen. Sie hatten für ihre Spiele sogar ein Fort aus dem Bürgerkrieg gehabt, mit Wendeltreppen und Verliesen und Wehrgängen. Sie kletterten über die Felsen, sie suchten Venusmuscheln, sie segelten mit ihren Vettern in Catbooten um die Wette. Die Lücke von zwei Jahren zwischen Everett, genannt Ready, und Abra, die in Bath während des Schuljahres weit klaffte, schloss sich im Sommerhaus.

Jeden Sommer kamen die New Yorker auf die Halbinsel, mit ihrem anderen Tonfall, anderen Werten, anderer Kleidung und anderen Haltungen; mit ihnen kam die Freiheit, die ihr zur Sucht wurde. In Bath stand sie immer unter jemandes erwartungsvoller oder ermahnender Beobachtung, aber draußen in dem einfacheren, schlichten Haus auf dem Hügel in Popham konnte sie der Überwachung jederzeit entfliehen. Einfach, indem sie zu einer anderen Insel oder außer Sichtweite segelte. Die Woolrichs hatten ihren Familiensitz auf einer Insel, die von der breiten Veranda ihrer Familie aus zu sehen war, und sie konnte immer sagen, sie segelte zu ihrem Onkel. Wenn das Wetter das Segeln verbot, dann gab es die Wälder voll Birken, Eichen und Tannen, die Marschen, die feuchtkalten Sümpfe, wo sie sich verlieren konnte. Abgeschiedenheit war nur einen Hügel weit fort. Die gesellschaftlichen Regeln, die die Tiefe und Häufigkeit aller Kontakte in Bath festschrieben, zerfaserten in der Sommerwelt aus Tanne und Fels, aus Nebel, der zauberisch und kühl hereintrieb, der blendenden Sonne, dem Wind, der anschwoll, bis sie sich selbst als eine reale Person empfinden konnte, mit einem Willen und einer Zukunft, möglicherweise ebenso stürmisch und wechselhaft wie die kalte See, die sie belebte. Sie konnte nicht zur See fahren, wie Ready es tun würde, also wählte sie anstelle der See eine Insel, die ihr ebenso frei und reich vorkam: Manhattan.

Sie aß in einem Nedick’s, das auf ihrem Weg zu der Wohltätigkeitsveranstaltung für den tschechischen Widerstand lag. An der Tür des gemieteten Saales traf sie zwei Freundinnen, Djika und Karen Sue. Djika war die einzige andere Doktorandin in ihrem Fachbereich. Karen Sue hatte in Memphis die gelangweilte Südstaatenschöne abgegeben, bevor sie eine unwürdige Ehe einging, die ihr Vater annullieren ließ; eine Erbschaft hielt sie in New York, wo sie das Leben lebendiger fand. Sie hatte eine große Wohnung auf dem Riverside Drive, wo sie oft Partys mit den Politikern aus ihrer Bekanntschaft veranstaltete.

Es war ein zusammengewürfelter Abend. Die Kommunisten durften zu ihren Veranstaltungen aufrufen, dann kamen Folksänger, Theaterleute, eine Menge tschechische Volkschöre und -sänger, viele zündende Reden über die tapferen Partisanen. Abra betrachtete den behaarten Jack Covington oben auf dem Podium, der sie einmal besprungen und sich in aller Eile befriedigt hatte und danach heruntergerollt war, dann am nächsten Morgen bedient werden wollte und sie nach einer Flasche Orangensaft, einem Paket Wheaties und Kaffeesahne losschickte. Diese eine Nacht hatte sie mit ihm verbracht, nachdem Hitlers Angriff auf die Sowjetunion die Volksfront wiederhergestellt hatte und sie und ihre interventionistischen Freunde wieder mit den Kommunisten redeten. Seitdem war sie bestrebt, eine Wiederholung zu vermeiden, auch wenn er bei ihrem Anblick jedes Mal das weite, zahnige Grinsen des Kühlergrills eines fabrikneuen Lastwagens aufsetzte und geradewegs auf sie zuging. Sie fand es enttäuschend, dass sich ein so männlich aussehender ehemaliger Hafenarbeiter im Bett als so dürftig erwies. Schmunzelnd konstatierte sie, dass sie seine Reden nun weniger mitreißend fand als zuvor. Nur gut, dass die allermeisten Leute wenig über die sexuellen Gepflogenheiten ihrer Politiker wussten.

»Ach, Jack schon wieder. Der Junge ist doch ein hohlköpfiger Langweiler«, nölte Karen Sue in ihrem zerdehnten Südstaatendialekt. Abra spekulierte, ob diese Ernüchterung auf ähnlicher Erfahrung beruhte, doch sie hatte nicht die Absicht, ihr Geschlechtsleben mit Karen Sue zu besprechen. Abra hielt sehr darauf, sich gentlemanlike zu geben.

»Na, hast du schon angefangen, für den großen Mann zu arbeiten?«, fragte Djika und beugte sich vor Karen Sue.

»Morgen ist der Erste des Monats, und da wird Professor Kahan mit mir zu arbeiten anfangen.«

»Ist doch absurd«, sagte Djika säuerlich, vielleicht auf die Anstellung eifersüchtig. »Du fängst am ersten Dezember an, und dann brichst du ab wegen der Ferien. Warum nicht bis zum ersten Januar warten?«

»Vielleicht macht ihr Professor die Ferien nicht mit«, sagte Karen Sue. »Schindet seine Assistenten zweiundfünfzig Wochen im Jahr zu Tode.«

»Ich möchte lieber so bald wie möglich die Arbeit kennenlernen«, sagte Abra. »Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen.« Sie war Oscar Kahan auf einer Tagung über den Faschismus vorgestellt worden, wo er einen – wie sie fand – redegewandten Vortrag gehalten hatte über die Spannungen zwischen der kleinbürgerlichen Basis des deutschen Faschismus und der wachsenden Freundschaft der Nazipartei mit der deutschen Industrieelite. Ihr eigener Doktorvater, Professor Blumenthal, war deutscher Flüchtling und kam aus der Frankfurter Schule. Kahan war einer der wenigen in Amerika geborenen Redner auf der Tagung, der Anspruchsvolleres zu bieten hatte. Und so hatte sie sich sehr gefreut, als Blumenthal sie Kahan empfahl.

»Ist er verheiratet, mein süßes Kind?«, fragte Karen Sue. Das war immer ihre erste Frage.

»Ich lasse mich nie mit jemandem aus meinem Fachgebiet ein. Ich habe eine exogame Persönlichkeitsstruktur.« Sie war ihren Satz doch noch losgeworden.

»Worüber redet ihr dann?«, fragte Djika verächtlich. Sie hatte seit zwei Jahren eine unglückliche, aber erfüllende Affäre mit einem verheirateten Professor, Stanley Beaupere. Wo Abra mit Einzelheiten geizte, drängte Djika beiden die genauen Worte von Stanley Beaupere auf und erheischte intensive intellektuelle Betrachtung und Analyse. Während der Verschleiß seiner Ehe fortschritt, wurde sie an den fadenscheinigsten Stellen Stich um Stich für Djikas zweiköpfiges Publikum aufgetrennt.

Djika war Flüchtling aus Danzig, obwohl es schwerfiel, sie so zu sehen. Djika lebte ihrer Überzeugung nach zwar nahezu im Elend, war aber besser situiert als Abra, wenn auch nicht ganz so wohlsituiert wie Karen Sue. Djika vereinte inbrünstigen Katholizismus mit inbrünstigem Sozialismus, Ersterer wurde von ihrer Familie geteilt, Letzterer nicht.

Djika war gescheit, und Abra schätzte sie um der harten, europäisch geschulten Intelligenz willen, die zugleich zugespitzter und breiter fundiert schien, als Abra es von ihren Kollegen gewohnt war; außerdem fand sie es recht praktisch, mit der einzigen anderen Frau in ihrem Fachbereich auf freundschaftlichem Fuße zu stehen. Wenigstens brauchte sie nicht immer allein auf die Damentoilette zu verschwinden. Karen Sue hatte sie auf politischen Partys kennengelernt und erst nach einer Weile als die Gastgeberin erkannt. Karen Sue schien nicht nur sehr viel von Kleidern, Modeschöpfern, Schnitten und Stoffen zu verstehen, sie war auch die einzige Abra bekannte Frau, die jeden Morgen The Wall Street Journal las, in Aktien und Obligationen spekulierte und zu verstehen schien, was sie da tat. Der Kontrast zwischen Karen Sues oberflächlichem Gehabe der Südstaatenschönen und ihrem Geschäftssinn reizte Abra, die Sachverstand als solchen bewunderte. Sie hatte sogar John gerne zugehört, wenn er über Hummerfischerei sprach, bis ihr schließlich die interessanteren Fragen wichtiger wurden.

Sie dachte mehrere Male daran, Karen Sue und Djika von ihrem Heiratsantrag zu erzählen, hielt aber jedes Mal den Mund. Warum? Sie mochte das Thema von Hanks Antisemitismus nicht zur Sprache bringen. Sie musste unbedingt mit Djika auskommen, und sie hatte einen gewissen Verdacht, was deren Einstellungen betraf. Sie fand es auch nicht besonders geschmackvoll, sich über Hank lustig zu machen, der ihr schließlich, egal, wie sie seinen Heiratsantrag empfand, eine Ehre hatte erweisen wollen. Nach reiflicher Überlegung kam sie zu dem Schluss, dass es sich schickte, ihren Sonntag für sich zu behalten.

Abras erster Eindruck von Oscar Kahan war, dass er kleiner war, als sie von der Tagung erinnerte, und dass er durch seine Energie mehr Raum einzunehmen schien, als er wirklich tat. Als er nun aufstand, um ihr die Hand zu schütteln, war sein Händedruck fest und warm, die Haut rosig gesund, der Handrücken behaart.

»Wir führen eine Reihe von Umfragen unter Flüchtlingen durch, die in den Gewerkschaften oder sonst in Europa politisch aktiv waren. Ihr Deutsch ist ausreichend?«

»Ausreichend ist das richtige Wort.«

»Wir werden es ausprobieren. Ich brauche jemanden, um die Frauen zu befragen. Einige der Fragen, die ich gerne beantwortet hätte, sind recht persönlicher Natur, und ich vermute, wir kommen weiter, wenn eine Frau sie stellt.«

»Darf ich fragen, warum Sie nicht einen Flüchtling dazu anstellen? Ich meine, es freut mich sehr, dass Sie mir eine Chance geben wollen …«

Viel stärker als ihr eigener Professor Blumenthal mit der hochaufgeschossenen Regenschirmgestalt machte er den Eindruck, einen Körper zu haben. Oscar Kahan war breitschultrig, mittelgroß mit leichtem Bauch. Sein Haar war dicht, kräftig und lockig, recht lang getragen. Er lächelte ihr zu, verschmitzt, wie sie fand. »Eine gute Frage. Aber jeder Flüchtling, der kundig fragen könnte, hat gleichzeitig einen eigenen Standpunkt. Es handelt sich um eine knifflige politische Situation, und ich möchte niemanden die Fragen stellen lassen, der meint, die Antworten zu kennen. Ich brauche eine naive Fragestellerin – relativ naiv, meine ich. Unberührt ist vielleicht das bessere Wort – unberührt von eigenen Aktivitäten und Ansichten im Gewirr der deutschen Parteien vor und nach Beginn des Dritten Reiches.«

Er trug eine rote Krawatte, die so schief saß, als hätte ihn eben jemand damit erwürgen wollen. Sein Jackett war aus hochwertigem irischem Tweed, sah aber aus, als schleppte er eine halbe Bibliothek und seine Pausenbrote in den Taschen. Sie beschloss, Djika nach Klatsch und Tratsch über ihren neuen Dienstherrn auszufragen. Sie spürte in sich ungehemmte Neugier, wenn sie ihm in die glitzernden dunklen Augen sah, dunkler noch als sein Haar. »Wann soll ich anfangen?«

»Jetzt. Heute. Ich möchte, dass Sie sich diese Anleitung zum Vorgehen bei der Befragung durchlesen und dann mit Ihren Fragen zu mir zurückkommen.« Er wies auf sein Vorzimmer. »Lesen Sie da draußen und klopfen Sie an, wenn Sie fertig sind.«

Zwei Studenten saßen dort, eifrige junge Männer, die sie mit dem tragischen Blick jener bedachten, die auf das Objekt ihres Verlangens hatten warten müssen. Durch die Tür seines Zimmers hörte sie den lebhaften Tonfall seiner Stimme, tief, klar, ein wenig gehetzt, als er mit dem Ersten sprach. Zu dem verbliebenen Studenten gesellte sich ein weiterer. Von Zeit zu Zeit wurde sie eifersüchtig beäugt, denn sie schien hierher zu gehören. Die Tür ging auf, und der erste Student wurde hinauskomplimentiert, mit feuereifrigem Ernst noch über die Schulter redend.

Während sie die Anleitung las, die er ihr gegeben hatte, wohlgeordnet und noch als Richtlinie spannend, kamen und gingen die Studenten, männliche und weibliche, groß und klein, gut und ärmlich gekleidet, aber alle leidenschaftlich auf die Zeit ihres Helden erpicht. Auf jede und jeden richtete er für einen Moment den Strahl seiner Aufmerksamkeit, gab ihnen das Gefühl, klug und einmalig zu sein. Dies war seine Sprechstunde. Er widmete sich ihnen und stieß sie dann hinaus in die kalte, eintönige Welt. Sie stolperten davon, immer noch in das Gespräch vertieft, das in ihren Köpfen weiterging und in dem sie seine Aufmerksamkeit nicht für fünf Minuten fesselten, nicht für zehn, nein, auf Dauer. Abra verstand das. Sie war selbst fasziniert. Es versprach, viel aufregender zu werden, als sie gedacht hatte.

Naomi 1
Naomi/Nadine ist nur die eine Hälfte

Die Stiefel knallten im Gleichschritt aufs Pflaster. Maman drängte Rivka im Hauseingang an die Wand, damit sie nichts sah. Als sie protestieren wollte, brachte Maman sie unsanft zum Schweigen und drückte sie fest gegen die kalten Steine. Durch ein Gitterfenster starrte eine Concierge sie aus feindseligen Knopfaugen an, eine Kröte in ihrem Käfig, die darauf wartete, mit Fliegen gefüttert zu werden. »Macht, dass ihr wegkommt, ihr gehört hier nicht her«, schnauzte die Concierge sie an. »Solche wie euch wollen wir hier drin nicht.«

Maman beachtete die Concierge nicht und hielt Rivka immer noch fest an die kalte Wand gepresst. Immer noch hämmerten die Stiefel vorbei, dass das Pflaster davon dröhnte wie eine Kesselpauke.

Als Naomi wach wurde, hörte sie, wie Ruthie im Etagenbett unter ihr sich im Schlaf bewegte und leise stöhnte. Boston Blackie schlief, alle viere von sich gestreckt, auf ihren Füßen, denn sie hatte ihn in den letzten Monaten aus Ruthies Bett hochgelockt. Unten im Keller hörte sie den Heizkessel rumoren, Onkel Morris Kohlen schaufeln und die heiße Luft mit mächtigem Zischen aufsteigen, sobald die Wärme einsetzte. Dann konnte sie hinunterklettern, um sich an die Heißluftklappe zu stellen, wo sie gestern ihre eiskalten Sachen ausgelegt hatte. Sie konnte ihre Unterwäsche anwärmen, ihren Schottenrock und die Kniestrümpfe und die weiße Bluse und die rote Strickjacke, ihre Halbschuhe: alles neue Sachen, die Tante Rose mit ihr in der Innenstadt in Sam’s Billigkaufhaus erstanden hatte, wo Ruthie arbeitete.

Wenn sie zu schnell aufwachte – wenn es draußen laut krachte, ein Lastwagen eine Fehlzündung hatte, die Müllmänner mit den Tonnen polterten –, dann packte sie im Dunkeln panischer Schrecken, und sie wusste nicht, wo sie war, und schrie mitunter in Französisch: »Maman, qui est là? Maman, tu es ici? Rivka!« Aber sie spürte, dass Rivka nicht da war. Zu Hause hatten sie ihr ganzes Leben lang in einem Dreiviertelbett geschlafen, in dem Alkoven der salle à manger, in einem Bett, das sich zu einem Diwan zusammenklappen ließ. Rivka lag immer an sie geschmiegt. Wurde eine von ihnen nachts wach und tappte über den Flur zum WC, so schlich die andere hinterher. Jetzt drückte sie den Kater an sich, wenn sie aufwachte.

In den ersten Nächten hier im Haus ihrer Tante und ihres Onkels in Detroit im vergangenen Juni war sie aus dem oberen Bett gefallen, weil sie auf der Suche nach ihrem Zwilling im Dunkeln herumgerollt war. Alle, die ihr hier begegneten, sahen nur sie, aber sie wusste es besser. Sie war nur eine Hälfte. In der Nacht spürte sie manchmal ihre andere Hälfte. Sie wusste inzwischen, dass sie darüber nicht sprechen durfte, mit niemandem, nicht mal mit ihrer lieben Kusine Ruthie, zu der sie aus Respekt und Zuneigung Tante sagte, die sie trösten, sie hätscheln, aber die sie nicht verstehen würde. Sie war auch so schon zu fremd. Sie arbeitete hart daran, sich anzupassen.

Sie gewöhnte sich langsam an die Nachtgeräusche hier. Es war eine lärmige, unruhige Nacht, eine Haut, die sich nie ganz bilden konnte. In Paris war es vielleicht auch einmal so gewesen, aber sie erinnerte sich vor allem an die stille, gefährliche Zeit, als jeglicher Verkehr aus der Stadt verschwunden war und auch nie mehr richtig wiederkam. Alle, die reich genug waren, ein eigenes Auto zu besitzen, sprangen hinein und fuhren vor den deutschen Soldaten davon. Überall in ihrem Viertel konnte man Hunde und Tauben hören. Dann waren Rivka und sie vor den Deutschen weggeschickt worden. Mit Mamans Chef, dem Kürschner, waren sie nach Süden gefahren, hinein in den dichten Stau aus Wagen und Fuhrwerken, auf den die Flugzeuge schossen.

Jetzt sprach Naomi nie mehr Französisch, nur noch mit Boston Blackie, wenn sie mit ihm allein war. Dann schnurrte er. Sie fühlte sich, als schwebten losgelöst in ihr alle möglichen Lumpen, die einmal gute Kleider gewesen waren, Papierfetzen, die einmal kostbare Bücher gewesen waren, Geschirrscherben, die einmal die Teller mit den gelben und blauen Blümchen gewesen waren, von denen sie täglich gegessen hatten. In der Schule hielt man sie für lernschwach. Sie schaute das Ding an, das sie an ihrem Fuß zuschnürte, und als Erstes kam ihr das französische Wort dafür in den Sinn, chaussure, und dann kam das jiddische schich, und dann drehte sich Leere in ihrem Kopf, und wenn sie Glück hatte, kam schließlich das englische Wort für Schuh, für Halbschuh.

Anfangs lachten die Kinder sie aus, weil ihr Englisch die falsche Sorte Englisch war. Sie sprach die Wörter so aus wie die Engländer, einmal, zweimal, aber nicht dreimal. Sie ahmte nach. Sie gab sich große Mühe, und oft ging es daneben, aber sie war dankbar. Die Siegals hatten sie aufgenommen, was ihnen weniger bedeutete als ihr. Eines Tages würde Papa kommen und sie holen und zu Maman und Rivka und ihrer älteren Schwester Jacqueline zurückbringen. Papa hatte ein Motorrad, und so sah sie ihn kommen, auf dem Motorrad knatterte er durch die Straßen von Detroit.

Sie hatte jetzt drei Vornamen. Zwei Vornamen hatte sie schon immer gehabt, Naomi zu Hause, ihren hebräischen Namen, und Nadine in der Schule und in ihren Papieren. Die Art, wie ihre neue Familie Naomi aussprach, machte daraus einen neuen Namen: Näi-ou-mih, aber dafür trug sie hier überall ihren hebräischen Namen. Jetzt musste sie sagen, dass ihr Familienname Siegal war und nicht mehr Lévy-Monot, denn die Siegals hatten sie angeblich adoptiert, aber Papa hatte gesagt, das war nur eine Formalität, um die Einwanderungsbehörden an der Nase herumzuführen, und sie blieb immer seine Tochter. Siegal stand jetzt in ihren Papieren, genau wie bei Ruthie Siegal, Onkel Morris Siegal, Tante Rose Siegal und ihren Vettern Duvey und Arty. Alle Papiere waren jetzt Lügen. Nur so kamst du über die Grenze. Als Jude durftest du nie deinen richtigen Namen verraten, höchstens einem anderen Juden, aber oft nicht mal dann. Naomi wusste, sie musste sich jeden Tag große Mühe im Nachahmen geben, damit niemand merkte, dass sie ein Flüchtling war.

Papa war im Süden – nicht, was hier gemeint war, wenn Onkel Morris sagte, reiche Juden fuhren den Winter über in den Süden. Damit war hier Florida gemeint. Sie glaubte nicht, dass es reiche Juden gab. Sie hatte davon gehört, war aber nie welchen begegnet. Alle Juden aus ihrer Pariser Umgebung arbeiteten in kleinen Fabriken, kleinen Werkstätten. Sie arbeiteten für Kürschner oder in Damenmodegeschäften oder als Schneider oder als Buchbinder; sie verkauften Lederreste oder Stoffreste oder Fisch. Am ehesten kam noch Papas älterer Bruder Onkel Hercule in Frage, der im Elsass ein Restaurant hatte, bis die Deutschen kamen und es ihm wegnahmen. Die Deutschen waren eingefallen, und das starke französische Heer, von dem sie in der Schule gehört hatte, la grande Ligne Maginot, war verschwunden wie ein ausradierter Bleistiftstrich, und Papa war in Gefangenschaft geraten.

Der Süden, damit meinte Naomi das Licht, die Gerüche, die Hitze der Provence. Jedes Jahr im August fuhren sie nach Fréjus am Mittelmeer, in die kleine Pension mit der Bougainvillea, die über die Terrasse wuchs, auf der sie immer frühstückten, Maman, Papa, Rivka, die in der Welt Renée genannt wurde, und sie. Yakova, die sogar zu Hause darauf bestand, Jacqueline genannt zu werden, schlief dann noch. Über Jacqueline sagten alle als Erstes, sie sei hübsch, und als Zweites, sie sei sensibel, aber Rivka und Naomi fanden, sie war meistens eine Pest. Naomi und Rivka liebten es, wie die Bienen in den Blumen herumkrabbelten, aber gegen Ende des Frühstücks wurden sie beide ungeduldig. Maman und Papa trödelten immer in den Ferien, les grandes vacances. Rivka sagte, die Bienen summten, weil die Blumen für sie wie Eiscreme schmeckten. Die Eiscreme im Süden war besser als die in Paris, und in den Ferien bekamen sie immer Eiscreme. Sogar Jacqueline mochte Eiscreme. Sie sagte, die Liebe sollte wie Eiscreme sein, war es aber wahrscheinlich nicht.

Ruthie unter ihr rührte sich. Ihre schlanken Beine streckten sich heraus und tasteten nach den fusselnden, ausgetretenen Pantoffeln, die sie Puschen nannte. Sie hängte sich ihren eine Nummer zu kleinen, karierten Morgenmantel um, ging durchs Zimmer, spähte um das Rouleau herum nach dem Wetter und fuhr dabei in die Ärmel. Naomi sah von ihr nur den fest um die vollen, hohen Pobacken gezogenen Morgenmantel und das dunkle, halb vom Rouleau verdeckte Haar. So wie sie seufzte, dachte Naomi, gefiel ihr das Wetter nicht. »Schneet es?«, fragte sie.

»Schneit es?«, verbesserte Ruthie geduldig und lächelte ihr über die Schulter zu. »Wie auch immer, zazkele, ja. Weißt du, wie man einen Schneemann macht?«

Naomi turnte schon hinunter. Im Dezember war es hier dunkler als daheim in Paris, aber hier schneite es viel mehr. Einmal war der Schnee daheim zehn Zentimeter hoch gewesen. Papa war mit ihnen in den Park Les Buttes Chaumont gegangen und hatte Rivka und ihr geholfen, eine Burg zu bauen. »Zeigst du es mir?« Bei dem Gedanken an den Park mit dem künstlichen Berg in der Mitte und den hohen, aufregenden Brücken, die über das Wasser hinweg zu ihm führten und durch die Bäume den Blick auf die umliegenden Häuser freigaben, an den Wasserfall, unter dem sie und Rivka durchlaufen konnten, an die Waffelverkäufer und an das Karussell hätte sie am liebsten geweint.

»Es wird zu dunkel sein, wenn ich heimkomme. Aber am Wochenende, wenn der Schnee so lange liegen bleibt, und diesmal sieht es danach aus.«

Ruthie arbeitete in der Innenstadt bei Sam’s in der Abteilung für bessere Kleider ab 3,98 $, deshalb bekam sie auf Kleidung Rabatt. Ruthie hatte auf der Highschool die Fächer gewählt, die aufs College vorbereiteten, aber dann war doch kein Geld für ein richtiges Studium da, und jetzt belegte sie Abendkurse an der Wayne-Universität und fuhr viermal die Woche abends mit der Woodward-Straßenbahn hin. Ruthie hatte in der Highschool auch Schreibmaschine und Stenografie gelernt, aber keine Stellung in einem Büro gefunden. Nur jüdische Firmen stellten jüdische Mädchen ein, und es gab nicht viele, die junge Sekretärinnen suchten. Naomi hatte Ruthie zu Arty sagen hören, sie überlegte, ob sie protestantisch in die Bewerbungen schreiben sollte, aber dann merkten sie es doch an ihrem Namen und ihrem Aussehen. Außerdem kamen sie ihr drauf, wenn sie sich an den Feiertagen freinahm.

In der Küche hatte Tante Rose Hafergrütze gekocht und zum Warmhalten auf einen Topf mit heißem Wasser gestellt. Onkel Morris hatte schon früher gegessen und war dann zum Chevrolet-Werk gefahren. Duvey schlief immer noch. Die Großen Seen waren jetzt nicht mehr schiffbar, und er war arbeitslos. Sonst arbeitete er auf den Erzfrachtern. Ihr anderer Vetter Arty frühstückte in der Wohnung oben mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern, aber Abendbrot aßen alle zusammen.

Das Holzhaus kam Naomi groß vor, so dass sie anfangs dachte, ihre amerikanische Familie müsse reich sein; die Wohnung der Familie Lévy-Monot in Paris hatte außer der salle de bains und dem WC nur drei Zimmer: die winzige Küche, die große salle à manger, in der nachts die Mädchen schliefen und die auch als Wohnzimmer diente, und das Schlafzimmer ihrer Eltern. Jacqueline hatte früher auch in der salle à manger geschlafen, aber Maman hatte eine der ehemaligen chambres de bonne oben unter dem Dach für Jacqueline gemietet, als sie fünfzehn wurde.

Die Siegals bewohnten ein zweigeschossiges Holzhaus mit einer Veranda nach vorn und zusätzlich einer überdachten Außentreppe mit kleinen Veranden zur Hintergasse. Das Haus stand hinter einem anderen Haus, ebenfalls aus Holz und dreigeschossig, mit einem kleinen Hof dazwischen, auf dem sie mit Sandy Rosenthal aus der Parterrewohnung im großen Haus und mit Sandys kleinem Bruder Roy spielte. Eine große Ulme breitete ihre Zweige darüber wie ein ganzer Wald. Sie hatte noch nie einen eigenen Baum gehabt. Die nächsten Bäume daheim standen in einem kleinen Park beim lycée von Jacqueline.

Hier war nichts hoch, erst wenn sie in die Innenstadt fuhren, da waren sehr hohe Gebäude, die Wolkenkratzer hießen, so hoch wie der Eiffelturm, aber aus Mauerwerk. Zu Hause war fast jedes Wohnhaus sechs oder sieben Stockwerke hoch. Hier waren die Häuser ganz verschieden groß, als wären sie alle anders gewachsen, wie Menschen, aber die meisten hatten nur zwei oder drei Geschosse. Die Leute schienen zu bauen, wie sie Lust hatten, jedes Haus anders, viele sogar aus Holz, wie ihrs. Anfangs war Detroit für sie eine Spielzeugstadt, Kartenhäuser, die plötzlich umfallen konnten.

Während sie ihre Hafergrütze mit braunem Zucker aß, musste sie daran denken, wie ihre Eltern einmal davon geredet hatten, dass Madrid gefallen war, und sie sich ein Erdbeben vorgestellt hatte. In einem amerikanischen Film hatte sie nämlich gerade ein Erdbeben gesehen. Papa hatte sie und Rivka mitgenommen in den Film, wo unten in Französisch stand, was alle sagten, aber er hatte ihnen befohlen, das nicht zu lesen, damit sie ihr Englisch schulten. Naomi hatte damals gedacht, die Mauern von Madrid wären umgefallen, aber als dann Paris fiel, war sie zehneinhalb und wusste es besser. Boston Blackie saß neben ihrem Stuhl und hoffte auf ein Häppchen. Der aß auch wirklich alles, sogar Hafergrütze.

»Mame«, sagte Ruthie gerade, »bei dem Schnee kannst du nicht draußen rumrennen. Du holst dir noch den Tod.«

Tante Rose war eine rundliche Frau, molliger als Maman und viel älter, eine der vier Schwestern aus Kozienice in Polen. Ihr Haar war immer noch lacklederschwarz, aber ihr Gesicht war verrunzelt wie eine Backpflaume. Onkel Morris war mit zwölf Jahren rübergekommen, und alle sagten, er sprach, als wäre er in Amerika geboren, aber Tante Rose war erst mit achtzehn in die Vereinigten Staaten gekommen und sprach mit einem Beiklang, der sie verriet. Sie hatte eine tiefe, würzige Stimme. Naomi liebte diese Stimme, wenn Tante Rose nicht gerade schimpfte, eine Stimme, bei der sie an würziges Winternaschwerk denken musste. Nelken, Schokolade, Zimt.

»Ich will nur zur Markthalle und sehen, was heute günstig ist. Zwei kleine Fahrten mit der Straßenbahn. Heute ist Mittwoch, die harte Mitte der Arbeitswoche. Ich dachte an ein Stück Rind für gedempte flaisch oder wenigstens ein Schmorgericht.«

»Mame, tu mir einen Gefallen. Kauf das Fleisch an der Ecke.«

»An der Ecke ist es pro Pfund zwei Cent teurer.«

»Bei dem Schnee heute kauf es an der Ecke. Bitte, Mame. Mir zuliebe.«

»Gut«, sagte Tante Rose und strich ihrer einzigen Tochter über den Kopf. Naomi wusste, Tante Rose wartete, bis Ruthie die Woodward-Avenue-Straßenbahn zur Arbeit genommen hatte, und ging dann mit ihren Einkaufstaschen los, um für ihr weniges Geld so viel wie möglich zu kaufen. »Vergiss nicht das schöne Mittagessen, das ich dir eingepackt habe.«

Naomi stellte das letzte bisschen Hafergrütze für den Kater hinunter, der alles rasch und leise verschlang. Sie verstanden sich gut.

Jeden Tag aß Ruthie hastig ihre Brote aus der braunen Tüte im Frauenaufenthaltsraum. Dann eilte sie in die Stadtbücherei, um zu lernen. Ruthie hatte immer ein Buch in der Handtasche, das sie las, wenn sie Straßenbahn fuhr, wenn sie Suppe umrührte, wenn alle anderen Radio hörten.

Naomi war neugierig, ob Tante Rose daran gedacht hatte, ihr Pausenbrote zu machen, aber zu schüchtern, danach zu fragen. Ruthie sah sie an und schien ihre Gedanken zu lesen. »Mame, hast du Naomis Pausenbrote gemacht?«

»Warum soll ich sie nicht gemacht haben? Nur, weil ich’s einmal vergessen habe. In meinem Alter, kann mir da ein kleiner Fehler nicht vergessen und verziehen werden?«

»Was kriege ich?«, fragte Naomi. Maman würde jetzt sagen, sie sei frech, aber sie war neugierig. Hier rügte sie niemand für ihre Fragen, obwohl Onkel Morris sie ein bisschen aufzog, wenn er sie fragen hörte. Jeden Morgen machte Tante Rose drei verschiedene Mittagspakete, in drei verschiedenen Brotbüchsen und Thermoskannen.

»Heute wegen des Schnees schöne heiße Kohlsuppe. Dazu Brot und ein stickl Käse.«

Das war bestimmt der Borschtsch nur aus Roten Beten und Kohl, nicht der mit Rindfleisch. Naomi aß ihn gern, aber sie bekam davon Heimweh, weil Maman auch solch eine Suppe machte: eine Familiensuppe, von den Eltern gelernt. Sie konnte sie wahrscheinlich auch kochen, wenn sie wollte. Aber sie wollte nicht. Sie wollte sie gekocht bekommen, von Maman.

Sie zog ihre Gamaschen und Galoschen an, knöpfte ihren Mantel zu, nahm ihre Schreibhefte und den Ranzen für Bücher, die Thermoskanne, rot und mit einem Bild von Superman, und machte sich auf den Weg zur sechs Straßen entfernten Schule. Draußen war es noch dunkel, und die Laternen brannten, aber der Himmel wurde schon langsam hell.

Der Schnee fiel in großen, trägen Flocken, als hätte er alle Zeit der Welt, um die Stadt zuzudecken. Die geparkten Autos waren schon beschichtet. Erwachsene fuhren hier nicht Fahrrad oder Motorrad, sogar Fabrikarbeiter hatten Autos. Onkel Morris hatte eins, aus seiner eigenen Fabrik. Jeden Monat zahlte er dafür Geld, wie Miete, obwohl es nicht neu war und die Stoßstange schon eine Delle hatte und rostete. Papa hätte gerne ein Auto gehabt. Er konnte fahren. Früher, bevor die Nazis alles so schwer machten, waren sie manchmal mit Georges, dem Autoschlosser, in seinem alten Renault mit seiner Frau und seinem dicken, gutmütigen Sohn Razi aufs Land gefahren. Dann hatten ihre Eltern sich benommen wie Kinder, hatten gekichert und sich gekabbelt. Alle aßen Hühnchen und tranken Rotwein. Papa spielte Mundharmonika, und sie sangen in Französisch und Jiddisch.

Sie trabte vorbei an der koscheren Fleischerei von Brillen-Rosovskys Vater, wo Tante Rose nicht gern kaufte, weil sie ihn zu teuer fand, vorbei an dem Fischgeschäft, in dem Sandys Vater arbeitete, vorbei an dem Eisenwarenladen, an dem guten Brotgeruch von Fenniman’s Bäckerei und dem dunklen Biertunnel der Bar. Hier war der Bürgersteig schon matschig. Sie stapfte in die Schmelzpfützen. Sie errichtete beim Laufen Mauern um sich, rüstete sich für die Schule, wo Englisch schreiben und sprechen und lesen nur ein kleiner Teil ihrer Aufgaben war.

Der schwerste Teil war, wie die anderen Kinder zu sein, die ihr älter und zugleich jünger vorkamen, nur nicht wie zwölf, wie sie. Alle machten sich viel mehr aus Jungens, wussten Bescheid über Autos und Sport und Anziehsachen, über Radioprogramme und Comics. Für die anderen Kinder war der Krieg etwas im Radio, war weit weg und gehörte zu »Terry und die Piraten«, was auch sie sofort nach der Schule anstellte, gefolgt von »Käpten Mitternacht« und »Jack Armstrong, ein echt amerikanischer Junge«. Die waren alle nie mit Bomben beworfen worden. Hatten nie vor Angst gezittert, weil Flugzeuge im Tiefflug auf sie zukamen und mit Kugeln schossen, um zu töten. Hatten nie eine Mutter gesehen, die ein Baby ohne Kopf hielt. Hatten nie Menschen und Kühe tot auf den Feldern liegen sehen wie ekelhaftes, stinkendes Fleisch. Stellten sich den Krieg nicht als Feuersbrunst vor, die aus der Richtung kam, wo die Sonne aufging, so dass das Morgenrot von den Feuern entfernter Bomben zu kommen schien, von brennenden Städten, von einer Angst wie Rauch, den der Wind immer mit sich trug.

Bernice 1
Bernice und die Piraten

Bernice war in der Überzeugung aufgewachsen, ihr Name sei »Bernice-Professor-Coates’-Tochter«, etwa wie Kristin Lavransdatter, fiel ihr auf, als sie den Roman von der Undset las. Zu der Zeit war ihr Name schon seit Jahren zu »Arme-Bernice-Professor-Coates’-Tochter« erweitert worden, der arme, mutterlose Jeff und die arme, mutterlose Bernice.

Mutter war eine mollige, warme, schusselige Frau gewesen, der ständig Schals und Handschuhe herunterfielen und die stets eine voluminöse, aus den Nähten platzende lederne Handtasche, so rund und zylindrisch wie ein Flusspferd, mitschleppte und dazu eine mit Büchern und Strickzeug, Taschentüchern und Arzneien vollgepfropfte Reisetasche, nicht nur auf ihren allsommerlichen Europareisen, sondern auch bei Tagesausflügen nach Boston oder zu Abendbesuchen bei Freunden. Wer den Professor, hager, vorzeitig ergrauend, mit einem Spazierstock, den er hauptsächlich beim Treppensteigen benutzte, neben seiner fülligen, oft nachlässig gekleideten Frau Viola sah, der hielt ihn für den Kopf und sie für den Körper.

Und doch erinnerte sich Bernice, wie sich Viola bei den Donnerstagsessen mit zwei ihrer Freundinnen durch die Ilias und Pindar rezitiert und diskutiert hatte. Violas Latein und Griechisch waren dem des Professors weit überlegen, und Viola war auch keine taube Nuss auf seinem Spezialgebiet, den modernen europäischen Sprachen. Wenn der Professor seine Schützlinge – Studenten oder Klubfrauen oder Rentner oder Schullehrer – jeden Sommer in den Ferien auf eine Bildungsreise durch Europa führte, um die vornehme Armut seines Salärs aufzubessern, kamen aus Violas Tasche die Guides Bleues und die Baedeker, ergänzt durch Geschichte und Kunstgeschichte.

Viola war eine stattliche Frau gewesen, mit weitem Schoß und herzlicher, belustigter Stimme, eine Frau, der niemand zugetraut hätte, innerhalb eines Monats zu sterben, an doppelseitiger Lungenentzündung in einem scheußlichen, unvergesslichen Februar. Bernice war damals elf gewesen, Jeff zwölf und schmächtig für sein Alter, scheu, in Bücher vergraben. Bernice hatte begonnen, den Haushalt zu führen, in tiefer Verwirrung und mit ständigem innerem Gebet, ihre Einsamkeit und ihre Last mögen nicht von Dauer sein. Mutter würde wiederkommen, ebenso unversehens, wie sie entschwunden war, zuerst ins Krankenzimmer, dann ins Krankenhaus, dann in den plötzlich geschrumpften Leib. Ihr Vater hatte immer nur hinter meist verschlossenen Türen gelebt, doch ihre Mutter hatte sie, bei allem Respekt, den sie für ihre Konzentration verlangte, immer auf den Schoß genommen, während sie las oder plauderte.

Das ganze nächste Jahr über wachte Bernice jeden Morgen mit der Hoffnung auf, ihre Mutter würde in der Küche sein und Schinkenspeck braten, Rosinenzimttoast bereiten. Immer wieder wartete sie auf diesen Geruch nach Zimt und Kaffee.

Doch sie kam herunter in eine kalte und leere Küche mit dem Geschirr vom Vorabend, schon von ihr abgewaschen oder auch nicht, um Frühstück zu machen, ein Mädchen, bald groß genug, um an die hohen Borde heranzukommen. Für Jeff und sich machte sie Haferschleim mit einem Drittel Erdbeermarmelade, ihre Erfindung. Sie erfand viele Gerichte in ihrer frühen Kochphase, die meisten davon sonderbar. Zu ihrem dreizehnten Geburtstag schenkte ihr der Professor ein Fannie Farmer-Kochbuch. Sie hasste es auf Anhieb, seinen ruhigen, gebieterischen Ton, sein Gewicht, seine Schnürschuhmanier, aber sie meisterte es trotzdem. Schlichte, vernünftige Küche. Warum nicht? War das nicht, wie die Leute sie sahen? Ein schlichtes, vernünftiges Mädchen.

Jetzt, dreizehn Jahre später, machte sie immer noch jeden Morgen dem Professor das Frühstück. Montags bis freitags mochte er seine Eier pochiert oder als Ochsenaugen auf Zimttoast, mit knusprigem, aber nicht angekohltem Schinkenspeck. Er trank Café au lait mit einem Teelöffel Zucker. Er mochte seine Morgenzeitung, den Globe, zusammengefaltet neben seinem Teller. An Wochenenden bevorzugte er Pfannkuchen mit Ahornsirup, und das Frühstück wurde um neun Uhr serviert.

Der Professor verließ zeitig das Haus, um zum fünf Querstraßen entfernten Campus zu gehen, aber letzte Nacht hatte es geschneit, und er nahm sich zusätzliche Zeit zur Bewältigung der noch nicht freigeschaufelten Bürgersteige. Die Leute dachten oft, sein leichtes Humpeln rührte von einer Kriegsverletzung her, denn er hatte in dem Krieg gedient, der allen Kriegen ein Ende machen sollte. Bernice wusste, dass ihr Vater den Krieg in Washington mit dem Übersetzen deutscher Kommuniqués zugebracht hatte. Sein Fuß war verletzt worden, als ihm eine Kuh drauftrat, auf der Farm ihres Großvaters in Putney, Vermont, als Bernice noch klein war.

Den Eberkopfspazierstock hatte er in Köln erstanden, als Ersatz für einen älteren Hickorystock, der – auch wenn das allen hier unglaubhaft vorgekommen wäre – in einer Straßenschlägerei entzweigegangen war, als der Professor einen jüdischen Heine-Forscher besuchte, mit dem er eine Korrespondenz unterhielt. Beim Verlassen eines Theaters waren die Braunhemden über seinen Freund hergefallen, der kurz zuvor bereits von der Universität gejagt worden war. Bernice sah dieses Abenteuer als die vielleicht beste Stunde des Professors; den jedenfalls hatte sein körperlicher Mut halb überrascht und halb beschämt, denn Schlägereien fand er unkultiviert. Bernice hielt den Eberkopfgriff auf Hochglanz. Deutschland hatten sie danach von ihrer Reiseroute gestrichen.

Bernice stand am Spülbecken und wusch das Frühstücksgeschirr ab. Sherlock Holmes streckte den mageren, sehnigen Arm und injizierte sich die Kokainlösung, die sie sich immer als blaue Flüssigkeit vorstellte, wie Kobalt. Ihre eigene Droge war, sich im Kopf Abenteuerfilme vorzuspielen. Am Sonntagnachmittag war sie mit ihrer Nachbarin Mrs. Augustine im Kino gewesen, um sich Errol Flynn als Pirat anzuschauen. Danach hatte sie diesen Film mit Variationen durchgespielt, während sie das Haus putzte, während sie die Socken des Professors stopfte, während sie die Manuskripte anderer Professoren tippte, aber ihre Vorstellung von sich selbst als herausgeputzter Beutemaid irgendeines Piraten hatte sich innerhalb eines Tages abgenutzt, war eigentlich vom ersten Moment an unglaubwürdig. Seitdem hatte sie sich zu den Piraten geschlagen. Doch, es hatte auch Piratinnen gegeben, Anne Bonney zum Beispiel.

Mit dem Säbel um sich zu hauen und sich durch die Takelage zu schwingen war ihr Schönstes, auch wenn sie an Flynns sinnliches Gesicht und seinen drahtigen Körper mit Wohlgefallen zurückdachte. Bernice handhabte das Rapier mit einiger Fertigkeit, denn sie hatte mit ihrem Bruder in St. Thomas gefochten, unter dessen Eleven immer einige, wenn auch nicht besonders gern gesehene Mädchen waren. Nun rief sie einen Tagtraum auf, von dem sie drei Jahre lang gezehrt hatte. Darin flog sie zum Pazifik und rettete Amelia Earhart von einer unkartierten Insel, auf der sie abgestürzt war. Manchmal führte Bernice die Expedition an, und manchmal flog sie als blinder Passagier mit und übernahm dann an einem kritischen Punkt, erwies sich als beste Fliegerin der ganzen Gruppe: So sehr aus der Luft gegriffen war das gar nicht. Die Burschen auf dem Flugfeld achteten ihr Talent.

Als Nächstes stapfte sie zum Campus mit einer Liste von Büchern, die der Professor haben wollte. St. Thomas war kein katholisches College, denn das hätte es in den Ruch gebracht, von Schülern niederer sozialer Herkunft bevorzugt zu werden. Wenn überhaupt, dann war es episkopal (Teilnahme an den Gottesdiensten war, zumindest auf dem Papier, Vorschrift); im Grunde jedoch war St. Thomas ein College, auf das reiche Eltern die Söhne schickten, die es geschafft hatten, woanders rauszufliegen, Jungen, die sich an Wochentagen betranken, Jungen, die am falschen Ort in der falschen Gesellschaft oder mit dem falschen Geschlecht erwischt worden waren, Jungen, die, um die Prüfungsfragen vorher zu erfahren, den Pedell bestochen hatten und dabei aufgeflogen waren.

Ihr Vater hatte einst den Ehrgeiz gehabt, St. Thomas für etwas Vielversprechenderes zu verlassen, aber die Kombination aus der Großen Depression und Violas Tod hatte ihn dort ein für alle Mal auf Grund gesetzt. Sie saß mit ihm auf Grund. »Wie geht es ihm?«, fragten die Nachbarn sie. Wie es ihr ging, sah man ja. Gesund, immer gesund.

Der Briefträger kam mit der Morgenpost die Straße herauf. Sie wartete auf ihn und entfernte sorgfältig den Schnee von den Rhododendren. »Wie geht es Ihnen heute, Msch Coates?« Aus Taktgefühl vernuschelte er ihre Anrede, denn der Briefträger empfand ihren ledigen Stand als eine Schande, die er nicht betonen mochte.

Sie wurde für ihre Nettigkeit zu den Rhododendren mit einem Brief von ihrem einzigen Bruder Jeff belohnt, inmitten einer Handvoll Briefe aus Europa von Bekannten, die Einwanderungsbürgen oder Hilfe suchten. Vielleicht hatte Jeff auch dem Vater geschrieben, aber er wusste, dass sie täglich die Post in Empfang nahm, und schrieb ihr getrennt.


La Colina Roja
Taos, New Mexico 30. November 1941

Liebster Brachvogel,

es ist kalt hier oben. Letzte Woche hatten wir ein paar Stäubchen Schnee, aber am meisten vermisse ich Neuengland im Herbst und dann wieder schmerzlich, wenn die Feiertage nahen. Es tut mir leid, dass ich zu Thanksgiving nicht heimkommen konnte, aber offen gestanden kann ich nicht zweimal fahren – keine $$ wie üblich, deshalb dachte ich, ich komme zu Weihnachten. (Ich bin halb versucht, nicht hierher zurückzukehren, aber wir werden sehen.)

Sie las nicht weiter und faltete den Brief sorgfältig in ihre kleine, praktische Umhängetasche (was musste sie, gattenlos, kinderlos, beruflos, schon dabeihaben außer ihrer Brieftasche, der Geldbörse, den Schlüsseln und einem kleinen, praktischen Kamm zur Erste-Hilfe-Leistung, wenn der Wind ihren kurzen, praktischen Haarschnitt zerzaust hatte?). Die Zeilen hatten sie aufgewühlt. Jeff war wieder einmal auf dem Absprung in eine neue Richtung. Der Professor würde verärgert, sarkastisch reagieren. Sie hingegen war neidisch auf die Freiheit, die Jeff vielleicht nicht gewinnbringend nutzte, aber immer hatte.

Die Freiheit, eines Morgens seine Sachen zu packen und sich davonzumachen, abzuhauen. Er hatte Freiheit in Hülle und Fülle, und sie hungerte nach einem Krümel davon. Sie empfand auch eine Handbreit Zorn, ein Gefühl, dass sie keine Schwierigkeiten gehabt hätte, sich nützlich in der Welt niederzulassen und ihre Energie, ihre Intelligenz, ihre Kraft einer würdigen Aufgabe zu widmen. Ihr fielen fünfzig Unternehmungen ein, zu denen sie nur zu gerne aufgebrochen wäre.

Sie sollte ihre aufgehäuften Schreibarbeiten beenden. Bernice tippte Manuskripte anderer Fakultätsmitglieder ab und gab das damit verdiente Geld prompt auf dem nahen Flugplatz aus. Der Flugplatz war den Winter über eingeschneit, und so sparte sie ihr Geld, um einen Anteil an einer Maschine zu erwerben, einer Piper Cub mit 60 PS, die ihr Freund Steve abbezahlte. Wenn sie bis zum Frühjahr zweihundertfünfzig Dollar sparen konnte, dann gehörte ihr ein Viertel des Flugzeugs und dann konnte sie zehnmal so oft fliegen. Seit die Regierung im Jahr zuvor ein Trainingsprogramm für die Luftwaffe am College eingerichtet hatte, wartete sie oft den ganzen Tag am Flugplatz und bekam trotzdem kein Flugzeug. Sie strebte eine Verkehrspilotenlizenz an, aber bei dem Tempo, in dem sie sich bisher Zeit in der Luft leisten konnte, würde sie dafür noch Jahre brauchen. Jeff hatte einen Pilotenschein wie sie, aber mit der Fliegerei nie weitergemacht.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, schrieb er – als sie in der überheizten Bibliothek beim typischen Schlangenzischen der Heizkörper darauf wartete, dass die Bibliothekarin die Bestellungen des Professors heraussuchte, und den Brief wieder entfaltete –:

Ich frage mich immer, warum ich es hier nicht aushalte. Das Licht ist grell, die Landschaft monumental. Die Tiwa nennen den Berg hinter Taos heilig, und sie haben bestimmt recht. Vielleicht ist es die entwürdigende Schinderei, für Quinlan zu arbeiten, aber das trifft es nicht. Ich kann, so scheint es, nichts Eigenständiges tun. Ich fühle mich, als schaute ich durch die Augen von Malern, die hier schon gemalt haben. Ich kann, so scheint es, der Landschaft nicht frisch begegnen. Bei all ihrer Großartigkeit und Wildheit und Faszination bin ich nicht fasziniert.

Überdies ist die Geschichte mit Dolores heikel geworden. Mein mündliches Spanisch – und mein mexikanisches Spanisch, das ich im Gegensatz zum Professor für ein fabelhaft geschmeidiges und spritziges Idiom halte, dem lispelnden, tuntigen Tonfall des Kastilischen weit überlegen – hat rasche Fortschritte gemacht, leider ebenso Dolores’ Wunsch, in mir den zukünftigen Spender von Ringen, Haciendas und Babys zu sehen.

Mit der Dolores-Situation könnte ich allenfalls noch fertig werden, wenn ich das Gefühl hätte, in meiner eigenen Landschaft angekommen zu sein, aber sosehr mich diese hübsch kolorierten Mesas und Berge, die in starken Farben gestrichene Wüste, die uralten Pueblos auch rühren, letztlich ist dies nicht mein gelobtes Land.

Jedenfalls freue ich mich auf unsere Zeit zusammen. Zweifellos wirst du mir wie immer mein Ich erklären und alles klarstellen. Ich träume von etwas Tropischerem. Ich muss der Sonne folgen, aber zu etwas Üppigerem, Saftigerem. Die Berge sind am Ende doch nicht meine heiligen Orte. Dies ist nicht mein Gusto. Zu viel Ocker vielleicht, zu viel gebranntes Siena. Oder vielleicht einfach ein anderer Gesellschaftskreis. Warum empfinde ich mich in Europa ganz selbstverständlich, ganz ohne Frage als Maler und hier nicht?

In Liebe wie immer

Jeff

Sie selbst mochte Erdfarben, die Welt vom Flugzeug aus gesehen. Sie konnte sich noch an das erste Mal erinnern, als Zach sie mit hinaufgenommen hatte, sie allein, denn Jeff malte und wollte nicht mit. Zuerst hatte er ihr Bentham Center von oben gezeigt, ordentlich, klein, bald verschwunden, und dann hatten sie sich emporgeschwungen, hinauf und über den Jumpers Mountain und dann weiter zum Connecticut River, angeschwollen und schlammig vom Frühlingstauwetter. Als Nächstes hatte Zach versucht, sie zu hänseln, ihr Angst einzujagen, zog die Maschine in große träge Loopings und dann in kurze abrupte Rollen, in Sturzflüge. Schließlich hatte er gemerkt, dass sie überhaupt nicht schrie, nicht angstgelähmt war, sondern begierig, verzückt, und mindestens so viel Spaß daran hatte wie er. Er hatte sich zu ihr herübergelehnt, ihr Haar verwuschelt und es mit der Faust gepackt. »Möchtest du es lernen, Bernie?«

Sie hatte heftig genickt, unfähig, etwas zu sagen, unfähig, ihr Verlangen zuzugeben.

»Sag bitte.«

Da endlich sprach sie. »Bitte, Zach. Bitte! Bring es mir bei.«

Er schien es lange, unter Stirnrunzeln zu bedenken, verlängerte und genoss ihre Qual, gab ihr das Verlangen zu schmecken und die Spannung. »Vielleicht tu ich’s, vielleicht auch nicht.« Aber er hatte es getan.

»Komme schon«, platzte sie zu laut heraus. Mrs. Roscommon hatte ihr zugeflüstert. Bernice eilte zum Tresen, wo ein Stapel der bestellten Bücher zu wackeliger Höhe aufgetürmt war.

Es war ihr peinlich, so weggetaucht zu sein, hinaus in die Welt. Nun war sie wieder im tristen Einerlei. Wenn sie sich an jene Tage mit Zach und Jeff erinnerte, dann glichen sie dem Moment in Der Zauberer von Oz – ein Film, den sie dreimal gesehen hatte –, wenn Dorothy aus Kansas hinaus nach Oz gelangt und Schwarz und Weiß zu herrlichem und strahlendem Technicolor erblühen. Da sie für Musicals wenig Begeisterung aufbrachte, hatte sie kaum Technicolorfilme gesehen; dieser Übergang berührte sie zutiefst. Genauso war es, aus Bentham Center hinaus ins Abenteuer zu gelangen. Sie hatte sich jene Tage so oft in Erinnerung gerufen, dass sie schließlich nicht mehr sicher war, wie die Ereignisse sich wirklich zugetragen hatten, denn durch immer reichlichere Ausschmückung waren sie inzwischen zur Hälfte Phantasieprodukte. Sie kam sich manchmal verrückt vor, wenn sie daran dachte, wie viel Zeit sie damit zubrachte, Ereignisse immer wieder zu durchleben und zu überarbeiten, die Zach und Jeff zum großen Teil vergessen haben mussten, sie so lange zu überarbeiten, bis sie selbst nicht mehr sicher war, was sie erinnerte und was sie dazuerfunden hatte.

Während sie nach Hause trabte, um die Bücher abzuladen, und dann zum Fleischer um Lammkoteletts und zum Gemüsehändler um Broccoli, wenn es welchen gab, und Blumenkohl, wenn nicht, dachte sie, dass es vielleicht sogar noch einen Hauch erträglicher war, neben Errol Flynn mit einem Säbel zwischen den Zähnen von Pirat zu Pirat zu springen, als ständig zu jenem Paradies zurückzukehren, als sie sich ihrem Bruder und Zach kurzzeitig anschließen durfte. Oft träumte sie, dass sie flog. Sie träumte sich zurück an die Instrumente von Zachs Aeronca, legte sie in die Kurve, drückte sie in den Sturzflug, drehte sie in Kunstflugrollen. Letzte Woche war sie in der Nacht weinend aufgewacht. Wie hätte sie jemandem erklären sollen, dass sie weinte, weil sie das Fliegen beherrschte, aber kein Flugzeug hatte? Die Freudianer hätten gesagt, das habe mit sexueller Frustration zu tun, aber von Sexualität wusste sie nichts, und fliegen war für sie wirklicher, als des Professors Koteletts zu braten.

Eigentlich hätte sie Zach dafür hassen müssen, dass er ihr großmogelig das Fliegen beigebracht hatte, doch sie hatte nicht widerstehen können; es war das einzige Kosthäppchen vom Paradies, das ihr je zuteil geworden war. Sie hatte damals für ihn geschwärmt, doch sie war sich auch bewusst, dass sie nicht mehr Chancen bei ihm hatte als ein großer wolliger Hund. Er war gern mit ihr zusammen. Es amüsierte ihn, Jeffs aufgeweckter, unansehnlicher, gutmütiger Schwester das Fliegen beizubringen. Ihre Anhänglichkeit und ihre Anbetung waren ihm wohlgefällig wie dargebotener Weihrauch einem jeden Gott.

Zach war ein Geschöpf aus einer anderen Welt, aus dem gleichen Grund nach St. Thomas verbannt wie viele Jungen. Zach war nicht unheilbar dumm; er bekam schlechte Noten, weil er an allem Akademischen wenig Interesse hatte. Schulstunden bewegten sich nicht rasch genug durch die Luft. Zach hatte sturzbetrunken ein Auto zu Schrott gefahren. Am St. Thomas tat er das wieder, in einem Morgan, den er in der Haarnadelkurve des Jumpers Mountain demolierte.

Jeff hatte ihn aus dem Auto gezogen, bevor es in Flammen aufging. Jeff war von einem Rendezvous im Heuschober mit der mittleren Garfinkle-Schwester heimgeradelt. Nachdem er den blutenden, bewusstlosen Zach aus dem rauchenden Wrack gezogen hatte, war er zu den Garfinkles zurückgefahren und hatte ein Pferd ausgeliehen oder gestohlen, auf das er Zach lud und ihn so ins Bentham Center-Krankenhaus verfrachtete. Dann brachte er das Pferd zurück und radelte, aufgekratzt und mit sich zufrieden, heim, um ihr die Geschichte zu erzählen.

Dieser Unfall hatte Zach aus der Footballmannschaft katapultiert und seinen Alkoholkonsum reduziert. Außerdem hatte er aus den beiden Jungen Freunde gemacht, und Bernice war mitgezockelt, wenn sie sie ließen. Zach liebte sportliche schnelle Autos und sportliche schnelle Yachten, aber während er sich von vier Knochenbrüchen erholte, vertrieb er sich die Zeit, indem er fliegen lernte. Als Zach fliegen lernte, lernten auch seine Freunde fliegen – auf seine Kosten natürlich. Alleinsein war für ihn ein ungenügender Zustand, der sofort berichtigt werden musste. Trommelt die Truppen zusammen. Bringt die Begleiter herein. Ruft die getreuen Gefolgsleute. Er brauchte bei seinen Eskapaden Gesellschaft, und für sie war das Fliegen zur Leidenschaft, zum Mittelpunkt geworden.

Warum bildete sie sich ein, dass eine Verkehrspilotenlizenz sie befreien würde? Sie hätte immer noch die Pflicht, für ihren Vater zu sorgen. Luftrennen zu gewinnen, Flugzeuge zu testen wie Jacqueline Cochran war so weit entfernt wie das Mitsegeln auf einem Piratenschiff.

Sie schälte die Kartoffeln und schaute dabei zum Kalender. Noch drei Tage bis Sonntag, dem siebenten, ihrer nächsten Injektion der Kinodroge. Zwanzig Tage bis Weihnachten. Wann kam Jeff? Heute Abend, nach dem Abwasch, würde sie ihm schreiben, ihn drängen, ein Datum für seine Heimkunft festzumachen. Sie hatte schon Professor Horgan, der Kunstgeschichte lehrte, überredet, als Weihnachtsgeschenk für Jeff in Boston eine Tube Kadmiumrot und Kadmiumgelb zu besorgen, teure Farben, die er liebte und sich oft nicht leisten konnte. Er würde sich freuen.

Mit kleinen Bestechungen, kleinen Versprechungen, mit endlosen Tagträumen brachte sie sich dazu weiterzumachen. Was gab es sonst? Was sonst würde es je geben für Professor Coates’ Tochter, die die Betreuung und Verpflegung ihres Vaters geerbt hatte, die ihm den Haushalt führte und dessen Haushalt ihr Kost und Logis gewährte? Bernice, die im Schlaf flog und nur beim Aufwachen weinte, kurz, denn sie war zu vernünftig, um das, was nicht zu ändern oder zu umgehen war, lange zu beweinen.

Jeff 1
Emplumado

Es war dumm gewesen, sich mit Quinlan zu prügeln und ihm eine blutige Nase zu verpassen. Aber es brachte Jeff aus Taos heraus, und es war ihm eine Wohltat, einiges von dem Zorn losgeworden zu sein, den er in den vergangenen Monaten angehäuft hatte.

Wie überrascht Quinlan gewesen war, in dessen Kopf feststand, dass der wohlerzogene, künstlerische Jeff jede Beleidigung schluckte. Dabei prügelte er sich, wenn es sich denn nicht vermeiden ließ, ganz gern. Er mochte es, seinen Körper zu fordern. Mit dem Rucksack in die Berge zu klettern, was nach Ansicht seiner Bekannten in Taos zwangsläufig zu Stürzen von Steilwänden führte oder in die Irre. Zum ersten Mal war er in Österreich geklettert, dann in der Schweiz. Er hatte festgestellt, die Berge um Taos waren faszinierend, aber nicht übermäßig anspruchsvoll. Er hatte festgestellt, Quinlan war leicht niederzuschlagen.

Quinlan hatte sich von Anfang an wie ein Schinder aufgeführt. Er leitete die Ferienranch im Auftrag eines Konzerns, und Jeff vermutete, dass er so viel nur irgend ging in die eigene Tasche wandern ließ, indem er bei der Pflege der Tiere, den Unterkünften und dem Essen der Hilfskräfte kürzte, neben ärgerlichen kleinen Einsparungen wie der, dass es auf der Latrine für die Hilfskräfte nie Toilettenpapier gab.

Das Schimpfwort, mit dem Quinlan ihn belegt hatte, war nicht der Grund, ihn niederzuschlagen, nur der Vorwand. Quinlan, dem jedes Talent für Kraftausdrücke abging, schimpfte ihn einen roten Homo. Rot, weil Jeff Anhänger von Roosevelts Wirtschaftspolitik war, obwohl der Präsident sie für sein Gefühl nicht energisch genug durchsetzte. Homo, weil er es vermied, mit Mrs. Terwilligher ins Bett zu steigen, die reich war, ebenso widerwärtig wie Quinlan und für ihn sicherlich genauso wenig empfand wie er für sie. Jeff hatte sich angewöhnt, so zu tun, als verstünde er nicht, dass die Hilfskräfte den Urlaubern auch sexuell zur Verfügung zu stehen hatten, dass auch sexuelle Bedienung von den Kellnerinnen erwartet wurde, von den Zimmermädchen und den sogenannten Fährtenburschen, die die Überfressenen auf bequemen Rundblickpfaden umherführten.

Dabei hatte Jeff im Prinzip nichts gegen dieses Arrangement. Als er die Schützlinge seines Vaters, des Professors, auf ihren Kulturreisen begleitet hatte, waren sie für ihn ein Harem gewesen, aus dem er sein Bett bestückte. Der Professor war wohl nie dahintergekommen, auch wenn Bernice Bescheid wusste. Für eine Jungfrau war sie überraschend verständnisvoll. Arme Bernice. Sein Brachvogel in einem sehr schlichten Käfig.

Er gab die beiden Bilder, die er für die besten hielt, zusammen mit seiner französischen Staffelei an Bernice auf, nachdem er seine Schulden mit Leinwänden bezahlt und für alle Fälle drei in der Galerie gelassen hatte. Falls sie verkauft wurden, sah er bestimmt nie sein Geld, aber wenigstens wurden sie ausgestellt. Als Landschaftsmaler, der in relativ kleinen Formaten arbeitete, war er definitiv aus der Mode, aber nicht unverkäuflich. Trotzdem hatte er seine besten Arbeiten nicht in Taos gemacht. Er sah immer wieder Arbeiten anderer Maler, die das formale Wesen der Landschaft erfassten, wie O’Keeffe oder Dasburg, oder die dramatischen Wechsel von Himmel und Stein, wie sie Marin gemalt hatte, immer den Heiligen Berg. Er hatte Taos nicht zu seinem Eigen gemacht. Die Klarheit von Taos hatte sich bei ihm nicht herauskristallisiert. Er wanderte aus der Stadt hinaus und fuhr per Anhalter nach Denver.

Er trug seine wenigen Habseligkeiten in einem Rucksack, leichter zu tragen als ein Koffer, aber kein Amerikaner sonst schien einen Rucksack zu benutzen. In Denver fand er beim Bahnhof eine billige Absteige. Er angelte sich aus einer Mülltonne eine Zeitung. Die Russen unternahmen allem Anschein nach eine Gegenoffensive in den Vororten von Moskau. Zach hatte aus London geschrieben, wohin er mit der Idee gegangen war, in die Royal Air Force einzutreten, doch die hatte ihn abgelehnt. Zu viele alte Verletzungen? Vielleicht fanden sie Zach mit achtundzwanzig jenseits seiner besten Jahre. Nicht, dass Zach die Nazis hasste. Die politischen Ansichten seiner Familie gingen durchaus in die gleiche Richtung. Jeff konnte sich ohne weiteres vorstellen, wie Zachs Vater – Zachary Barrington Taylor der Dritte, so wie Zach der Vierte war – sagte: »Dieser Hitler ist eine Spur ordinär, aber er versteht es, die Arbeiter auf Vordermann zu bringen«, und anschließend Geld für die Parteikasse spendete. Zach ging einfach dahin, wo es aufregend war. Er liebte das Fliegen. Er war mit Träumen von Kampffliegerduellen im Weltkrieg aufgewachsen und wollte sich mit dem Roten Baron messen. In den letzten Jahren hatte Zach irgendetwas Langweiliges im Versicherungsunternehmen seiner Familie in Chicago getan; genauer gesagt, hatten die Taylors die Mehrheitsbeteiligung an diesem Konzern wie an vielen anderen, ganz zu schweigen vom Barrington-Familienimperium in Textilien und Zucker. Zach war seinen Familienpflichten nachgekommen, hatte geheiratet und ein Kind gezeugt. Jeff hatte nichts mit der respektablen Seite von Zachs Leben zu tun. Man würde ihn dort nicht einmal zur Tür hereinlassen.

Zach drängte ihn, nach England herüberzukommen, unterließ es aber, ihm Fahrkarten zu schicken, was hieß, dass es ihm nicht ernst war. Zach musste wissen, dass Jeff nicht einmal das Geld hatte, um nach Hause zu fahren, geschweige denn nach Europa. Was hatte die Depression für Zach bedeutet: mehr Gesindel auf den Straßen? Jeff, dessen Leben von der Depression zu Bruchstücken aus Hilfsarbeit und Arbeitslosigkeit in etlichen Städten und Landstrichen zerhackt worden war, der zum hundertsten Mal in der Flohkiste einer Absteige schlief, der bei diversen Notprogrammen der Regierung gearbeitet und Steine für den Straßenbau gebrochen und Weizen geerntet hatte, verspürte einen stechenden Groll, stark genug, um seinen Freund zu durchbohren wie ein Dolch aus Eis.

Aber Zach kam mit seinem Vater nicht besser aus als Jeff mit dem Professor; Zach war früh in die Rolle des zweiten, des schlechten Sohnes, des schwarzen Schafs gefallen. Er hatte nie in das Leben hineingepasst, das für ihn zurechtgelegt war wie der Gesellschaftsanzug von einem Kammerdiener. War er endlich entronnen?

Jeff wollte nach Hause. Nicht zu seinem Vater, dem kalten Zwangsneurotiker, den nur seine eigene Arbeit und seine eigene Bequemlichkeit kümmerten und der ihm das Gefühl gab, ein unartiges, pflichtvergessenes Kind zu sein. Nach all den Jahren, die der Professor damit verbracht hatte, Schützlinge durch die Museen Europas zu schleifen, hatte er kein Verständnis für einen Sohn, der malte. Jeff wollte nach Hause zu Bernice, die seine Mutter war und auch wieder nicht. Natürlich war sie es nicht, denn sie hatten eine richtige Mutter gehabt, jenes Geschöpf aus Fleisch und Intellekt und Humor und Betriebsamkeit, die beste Köchin des Lehrkörpers, die Gedichte liebte und sie ihnen statt alberner Kinderbücher vorlas, die ihnen die Ilias in der Übersetzung von Alexander Pope vorlas und manchmal in Griechisch rezitierte, deren Schoß es nie an Platz und Wärme fehlen ließ.

Bernice war in einem anderen Sinne seine Mutter, denn sie war alles, was ihm danach geblieben war. Sie hatten einander großgezogen. Wenn sie doch nur sein Zwillingsbruder gewesen wäre, ein Junge, der zu einem Mann heranwuchs, dann würden sie sich zusammen in der Welt umtun. Bernice hätte einen ansehnlichen Mann abgegeben. Doch für eine Frau war sie zu groß, eins fünfundsiebzig und grobknochig, eine Frau, die einen Pflug ziehen konnte. Zu einer anderen Zeit wäre sie anders angeschaut worden. Bei den großen quadratischen Frauenakten aus Picassos klassischer Periode musste Jeff an seine Schwester denken.

Jetzt wollte er bei ihr sein, umfangen von der intelligenten Wärme, die nie ohne Urteil war, aber nie destruktiv. Er wollte verhätschelt werden. Er wollte die Abenteuer mit ihr teilen, die seit seiner Kindheit beim Erzählen fast beglückender waren als beim Erleben. Nichts war ganz wirklich, bevor Brachvogel es erfuhr. Stattdessen saß er hier in Denver.

Wenn er es bis Boulder schaffte, konnte er eine Mitfahrgelegenheit bekommen, sobald die Schulen in die Weihnachtsferien gingen, aber der Gedanke, so lange zu warten, ließ ihn vor Selbstmitleid einschrumpfen. Er wollte die letzte Leinwand betrachten, die er vollendet und Bernice geschickt hatte. Er wollte morgens auf dem felsigen Jumpers Mountain malen, wenn Schnee die Landschaft bestäubt hatte.

Entweder ließ er sich von Lastwagen mitnehmen, oder er schmuggelte sich auf der Eisenbahn durch, aber er bat nie um Geld von zu Hause. Das Gehalt des Professors reichte kaum zur Haushaltsführung. Der Krieg hatte den Sommerexkursionen, die so viel eingebracht hatten wie neun Monate Unterricht, ein Ende bereitet. Bernice kam zurecht, aber Jeff wusste, wie sparsam sie wirtschaftete. Er selbst hatte dieses großbürgerliche Sommerleben in vollen Zügen genossen, Hotels, Restaurants, Museen, den Künstler spielen zu können, der er in Wirklichkeit war. In Taos vermischten sich die Gesellschaftsschichten in der ortsüblichen Uniform aus Levi’s, buntem Halstuch und Stiefeln, dennoch lebte er als Landarbeiter und nicht als Maler. Das tat weh.

Bernice war erlaubt worden, am College-Unterricht teilzunehmen, aber einen Abschluss hatte ihr St. Thomas nicht zugestanden. Der Professor wollte ihr nicht erlauben, einer Arbeit nachzugehen, selbst wenn sie die Ausbildung dafür gehabt hätte. Er, Jeff, würde immer auf die Füße fallen. Er war kein Mann, der mit der Sicherheit elterlicher Monatswechsel auf Abenteuer ging. Er war frei. Wenn er nach Hause fuhr, dann, weil er sich nach seiner Schwester sehnte, nicht, weil er irgendetwas von ihnen erwartete. Jetzt musste das kleine Problem gelöst werden, wie dorthin gelangen.

Dolores hatte ihm anfangs diesen Hafen geboten, den warmen Ort, den er bei Frauen suchte. Frauen schienen ihn stets aus einer Menschenmenge, aus Festgedränge herauszufischen. Eine der unangenehmen Begleiterscheinungen des Landstreicherlebens war, dass seine Tagelöhnerarbeiten ihn oft in reinen Männerenklaven festhielten, und in Wahrheit hatten die meisten Männer keine Ahnung, wie man lebte. Sie bauten keine Nester, sie schufen keine Behaglichkeit, sie machten das Schlimmste aus ihren Unzulänglichkeiten. Er mochte es, zu einer Frau zu ziehen.

Mit Dolores hatte er nicht eigentlich zusammengelebt, denn zu seiner Anstellung bei Quinlan gehörte eine eigene Unterkunft, und Dolores achtete sehr auf die Meinung der Nachbarn. Trotzdem hatte sie oft für ihn gekocht, und er konnte sich in die Gemütlichkeit ihres weiß gekalkten Adobehauses einkuscheln. Er hatte sie gerne angeschaut, sogar ein paar Zeichnungen gemacht, obwohl er wusste, wenn er eines seiner wenigen Porträts malte, dann verwandelten Menschen sich in Landschaften. Ihr Gesicht war faszinierend asymmetrisch. Dolores war sich nicht bewusst, dass die eine Seite ihres Gesichts eckiger war und die andere weicher. Schatten, die darüber hinspielten, hatten nie aufgehört, ihn zu fesseln. Ihr Körper war von gefälliger Üppigkeit, mit dem herausgestreckten vollen Hintern, den in barocker Rundung sich wölbenden Hüften mit den zwei deutlich unterscheidbaren Einbuchtungen. Im Dunkel ihrer Haut fanden sich Bernsteintöne und ein schwaches Grün.

Dolores hatte zu ihm gesagt, er sei ein alter Kater, un gaton, der sich daran gewöhnt habe, umherzustreichen und Mahlzeiten zu schnorren. Dann hatte sie Druck auf ihn ausgeübt, sich häuslich niederzulassen. Warum taten Frauen das? Sie erkoren ihn wegen seiner Ausstrahlung des Weitgereisten, seiner romantischen Aura des rastlosen Wanderers, der morgen fort ist, und dann versuchten sie ihn für die Häuslichkeit zu gewinnen.

In normalen Zeiten hätte er das College abgeschlossen und dann hier oder im Ausland eine Kunstakademie besucht, wäre zurückgekommen, um zu unterrichten und zu malen, zu heiraten und Kinder zu haben. Aber es war kein Geld da gewesen und keine Arbeit. Er hatte sich aufgemacht, mit der Armee der heimatlosen Männer von Güterzug zu Amüsierviertel zu Arbeitsvermittlung zu wandern. Als er dann schließlich den Wettbewerb eines Notprogramms der Regierung zur Ausschmückung von Postämtern mit Wandbildern gewonnen hatte, war er es schon gewohnt, seine Sachen zu packen und weiterzuziehen, sobald sich Schwierigkeiten auftaten.

Eines Tages würde er sich niederlassen, aber nur, wenn er den richtigen Ort fand, den passenden Ort, seine eigene Landschaft und eine Frau, die die Schönheit von Dolores mit der Eigenständigkeit und Intelligenz von Bernice verband. Er war wie einer, der aus Notwendigkeit, um die Schmerzen zu nehmen, auf Morphium gesetzt und süchtig geworden war. Weiterzuziehen war ihm zur Gewohnheit geworden, aber er träumte ständig von einer Gefährtin. Einer, die wusste, wie es in der vorigen Stadt oder im vorigen Land gewesen war, die Barcelona kannte, bevor Franco herrschte, und London vor dem Blitz und Paris, bevor die Nazis es besetzt hatten. Ein gemeinsames Koordinatensystem. Nicht einmal die Angst vor dem Krieg konnte das herstellen. Die meisten Leute schienen davon auszugehen, dass er nie kommen würde. Die einzig gemeinsame Kultur schienen Filme und Comicstrips zu sein. Jeder redete über Gasoline Alley, Li’l Abner, Dick Tracy. Vielleicht war das der Grund, warum er unbedingt nach Hause musste, jetzt, sofort. Bernice war seine Schatzkammer. Alle Geschichten endeten in ihrem Kopf.

Am Donnerstagmorgen säuberte er sich am Bahnhof und stiefelte zu einem Fernfahrertreff. Er wurde fast sofort fündig. Ein firmenunabhängiger Fahrer, der eine Fuhre Reifen abholen und nordwärts nach Cheyenne fahren sollte, erklärte sich bereit, ihn zum Auf- und Abladen mitzunehmen. Er war froh, einen Schritt näher zu kommen. Diese Reise war ein Schachspiel, in dem er der Springer war, der jedes Mal zwei Schritte vorwärts und dann einen Schritt zur Seite tat. Die Reifen stellten sich als riesig heraus, für Erdbewegungsfahrzeuge. Der Mann schaute ihn zwar anfangs skeptisch an, aber Jeff hatte keine Zweifel an seiner Fähigkeit, ungefüge Gegenstände zu wuchten. Er war kräftiger, als er aussah, ohne ein Gramm Fett; und er verstand etwas von Balance.

Während sie nach Norden durch die Einöde fuhren und er leichtfüßigen, erdfarbenen Antilopen zusah, spielte er mit dem Gedanken, Mittelamerika zu erkunden oder vielleicht nach Brasilien zu gehen. Er malte sich die scharfen, zerklüfteten Rottöne der Mittelmeerfelsen aus, aber vor dem Hintergrund der gespenstisch pulsierenden Grüntöne eines Urwalds. Er nahm sich vor, in der Bibliothek über Orte im Süden nachzulesen, derweil er sich an Bernices guter Hausmannskost sättigte. Sie würden auf den Jumpers Mountain steigen, um einen Baum zu stehlen. Sie würden die alten Kartons mit Christbaumschmuck hervorholen, die tschechischen Prismen, die deutschen Kugeln mit dem eingeätzten Goldflitter, die Holzpferdchen und bemalten Trommler, die Rauschgoldvögel. Er würde seinen früheren Bildern an den Wänden von Bernices Zimmer und seinem Zimmer einen Besuch abstatten. Sein Versagen in Taos hatte sein Selbstvertrauen angenagt. Er brauchte es, seine besten Arbeiten zu sehen.

Was oder wem hatte er denn eigentlich in Taos nachgeschnüffelt, dem Geist von D. H. Lawrence? Jeder zeigte ihm die Relikte, die Stätten, an denen Lawrence dieses oder jenes Unflätige oder Bedeutsame, Unsinnige oder Prophetische gesagt oder getan hatte. Die gefiederte Schlange mochte er von Lawrences Romanen am wenigsten, auch wenn ihn die Bildersprache faszinierte. Eine Schlange mit Federn fesselte seine Phantasie. Vielleicht hatte er in Taos solch ein Bild gesucht, eine Möglichkeit, den Flug und die Erdgebundenheit miteinander zu verknüpfen. Schlangen hatten ihn nie angewidert, sondern er hatte sie immer gefangen, Kletterschlangen und Milchschlangen und hübsche kleine Strumpfbandnattern.

Er hatte eine Morris-Graves-Ausstellung gesehen, die ihn ungeheuer bewegt hatte, aber die Landschaften, auf die er ansprach, waren das Gegenteil von jenen nebligen, gischtübersprühten Visionen, die er bei Graves bewunderte. Er brauchte intensives Licht, harte Trennlinien, Fels und starke Formen. Warum hatte er dann in Taos so versagt?

Sie hielten zum Mittagessen. Er kaufte sich einen Teller Chili. Der Fernfahrer spendierte ihm einen Kaffee. Es schien ihm zu gefallen, dass Jeff nicht versucht hatte, sich von ihm das Essen zahlen zu lassen. Er hatte ein interessantes Gesicht, alles platte Flächen, die auf verschiedenen Ebenen gegeneinander abgesetzt waren, ein Gesicht wie mit dem Meißel gemacht oder wie eine von Braques kubistischen Collagen. Als sie wieder im Sattelschlepper saßen, fragte er, ob Jeff so ein Ding fahren konnte. Als Jeff bewies, dass er es konnte, kletterte der Fernfahrer in den hinteren Teil des Führerhauses und legte sich schlafen.

Es schneite ein wenig. Die Berge im Norden waren im oberen Drittel weiß. Staub mischte sich eine Weile mit Schnee und übersäte die Windschutzscheibe mit Pusteln. Er musste an einen Traum von einer Frau denken, deren Schenkel gefiedert gewesen waren. Blau und grün und golden schimmernde Federn, die sanft wehten, als er ihre Schenkel teilte. Ihr Haar war so jettschwarz gewesen wie das von Dolores. Allein beim Gedanken an sie erigierte sein Penis. Er stellte im Radio leise die Nachrichten ein und hörte nur halb hin.

Seit 1939 hatte er in dem Bewusstsein gelebt, dass jeden Augenblick Krieg sein konnte. Die Nazis waren für ihn weitaus realer als für die meisten Amerikaner, denen er begegnete, und weit furchterregender. Er teilte nicht die Erheiterung seiner Bekannten über Hitler, den ehemaligen Tapezierer, der komische Fratzen zog und lächerliche Reden hielt, während seine Legionen im Stechschritt auf die Schnauze fielen. Er hatte sie auf den Straßen von Heidelberg und Berlin und Frankfurt gesehen. Sie waren trunken von Gewalt und Macht. Sie fühlten sich überlegen, weil sie zusammen waren, und zusammen fügten sie Leid zu. Sie hatten die Willkürherrschaft unter einem sichtbaren Gott für sich entdeckt. Er hatte einer Nazikundgebung beigewohnt und mit angesehen, wie Massen choreografiert, manipuliert und hypnotisiert wurden, bis sie in Ekstase und Blutrausch tobten und die Aufstachelung zu diesem Taumel liebten.

Er erwartete den nächsten Schachzug von den Göttern oder seiner Schwester oder seinen Freunden. Er verließ sich darauf, aus seiner Langeweile errettet zu werden, aber er wusste nicht, wer es diesmal tun würde. Zach konnte es, immer. Es hatte ihn nicht überrascht, von Zachary Barrington Taylor zu hören, auch wenn er ihn seit wann – seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Irgendjemand würde ihm ein Angebot machen, so wie sich die Mitfahrt nach Cheyenne ergeben hatte.

Ihm war nicht bestimmt, in Cheyenne, Wyoming, stecken zu bleiben, wo der Schnee von den Big Horns herunterwehte. Jeff hatte das Urvertrauen derer, denen Dinge einfach widerfahren. Er brauchte sich nur im Freien hinzustellen, davon war er überzeugt, denn so war es ihm passiert, und jemand sprach ihn an oder machte ihm ein Angebot oder bat ihn um einen Gefallen oder warf sich ihm an den Hals oder machte ihm einen Antrag, denn Jeff war allzeit bereit, und zwar wesentlich ernsthafter als die Pfadfinder. Er glaubte fest daran, dass die Götter ihn liebten und ihm bestimmt ein interessantes Abenteuer schickten, wenn er einfach nur wartete, mit leeren Händen und mit jener Bereitschaft von Körper und Seele, die seiner Vorstellung vom Zustand der Gnade entsprach.

Wegen dieses Moments von Glück und Gnade hatte er sich in die Landschaftsmalerei verliebt. So ging er hinaus auf ein freies Feld, an einen Strand, auf einen Hügel, und richtete sich ein. Und während er den Blick auf die Szene vor ihm, um ihn herum richtete, die Szene, deren Teil er war und in der er Wurzeln schlug, erwachte sie zu immer intensiverem Leben, bis jedes Blatt und jede in der Sonne schimmernde Fliege und jedes Stäubchen seine Aufmerksamkeit beanspruchte. Dann fühlte er sich völlig offen, verbunden, schutzlos, ein Gefühl besser als die Liebe und ehrlicher. Um gut zu malen, musste er von aller Herrschaft ablassen. Alles veränderte sich ständig um ihn her, und alles bewegte sich, und er stand in einem wirbelnden Chaos und redete es demütig an. Was er auch auf der Leinwand festhielt, es war unzulänglich, wie die Liebe.

Wenn er klar, wenn er offen, wenn er schutzlos und stark genug war in seinem Sehen, dann erfasste er den alledem innewohnenden Geist und belebte das, was er malte, obwohl seine erste Reaktion auf das, was er geschaffen hatte, immer Abscheu war, denn es verfehlte die ungeheure, sich wandelnde Dingheit, die er staunend und leidenschaftlich miterlebt hatte. Studiomaler konnten von Herrschaft träumen, aber Landschaftsmaler wussten, wie sie vor den Ortsgöttern standen, winzig, voller Hoffnung, vor sich hin stümpernd. Alles, was er je malen konnte, war ein winziges Aufblitzen dessen, was sich ihm in Wahrheit gezeigt hatte, ein Zugriff auf einen Augenblick.

So strebte Jeff nach Osten und nach Hause und dem nächsten Abenteuer entgegen, das ihn bestimmt davor bewahrte, lange dort zu bleiben.

Ruthie 1
Ruthies Sonnabend

Ruthie Siegal war in der Highschool viel öfter verabredet gewesen als jetzt. Zum einen, weil sie viel mehr freie Abende gehabt hatte. Jetzt besuchte sie an vier Abenden in der Woche Kurse an der Wayne; Freitag war traditionsgemäß ein Familienabend. Obwohl ihre Familie nur an den hohen Feiertagen in die Synagoge ging und obwohl Mame nach Bobes Tod nicht mehr koschere Küche hielt, buk sie doch eine chala und briet ein Hühnchen. Freitag blieb ein besonderer Abend, mit den Kerzen in den Leuchtern, die Bobe aus Polen mitgebracht hatte, und mit einer sauberen Tischdecke über dem Wachstuch. So blieben nur die Sonnabend- und Sonntagabende, und manchmal brauchte Mame ihre Hilfe.

Zum zweiten liefen ihr nicht sonderlich viele junge Männer über den Weg, die darauf erpicht waren, sie auszuführen. Das Verkaufspersonal bei Sam’s war weiblich, und nur Frauen kamen Kleider kaufen, auch wenn mal ein Ehemann widerwillig mitzottelte. In ihren Abendkursen waren viele der jungen Männer keine Juden, und die Juden waren verheiratet oder verlobt.

Das ganze letzte Highschool-Jahr über war sie mit Leib gegangen, aber der hatte sie immer bedrängt, mit ihm zu schlafen. Sie wollte nicht. Sie hatte nicht nur Angst vor den Folgen, sie wollte auch nicht noch mehr Ärger ins Haus bringen und das Vertrauen ihrer Mutter missbrauchen, die ihr weitaus bereitwilliger vertraute als die Mütter ihrer Freundinnen ihren Töchtern. Den Ausschlag gab schließlich die Tatsache, dass es sein Wunsch war, nicht ihrer. Sie begehrte ihn einfach nicht genug, und wenn sie nachgegeben hätte, dann nur, um ihn zu behalten. So hatte sie ihn am Ende nicht behalten.

Heute Abend war sie zum dritten Mal mit Murray verabredet, der ihren Montags- und Mittwochskurs besuchte, weil er auch Sozialarbeiter werden wollte. Nach jenem letzten fußstampfenden Auftritt von Leib, als er zusammengebrochen war, geweint und sie wüst beschimpft und sich dann abrupt beruhigt und aus ihrem Leben entfernt hatte, war Ruthie vielleicht mit fünf jungen Männern ausgegangen, aber mit keinem davon mehr als zweimal, und meistens reichte einmal völlig.

»Aber im Zweifelsfall musst du ihnen doch eine Chance geben«, sagte ihre beste Freundin Trudi. »Du musst doch abwarten, was mit ihnen los ist.« Ruthie hatte keine Zeit an Hohlköpfe und freche Schlemihls zu vergeuden. Da war sie zu Hause bei ihren Lehrbüchern besser aufgehoben, als vier Stunden damit totzuschlagen, einen käsigen Gorilla abzuwehren und Gespräche zu führen, als würden sie tröpfchenweise aus den Tiefen des Rückenmarks abgesondert. Wenn sie sich nicht durch die Abendkurse zwang, würde sie nie Sozialarbeiterin werden; dann blieb sie ewig in der Sackgassenstelle einer Warenhausverkäuferin. Die älteren Frauen, die dort arbeiteten, mochten Ruthie, denn sie hatte stets einen Blick für ihre Erschöpfung und sprang ihnen bei; aber in Ruthies Augen waren das Versagerinnen. Wenn sie hilfsbereit war, dann teils aus Gewohnheit, denn so war sie erzogen, teils aus widerwilligem Einfühlungsvermögen und teils aus dem Aberglauben, sie könnte sich von jener ungewollten Zukunft mit kleinen Bestechungsversuchen loskaufen. Es war keine echte mizwe.

Sie hatte Beklemmungen wegen heute Abend, weil ein drittes Mal fast eine Festlegung war und weil sie unsicher war, ob sie ausgehen durfte. Mame hatte ihre üblichen Runden durch die Altkleiderläden gemacht, und viele Sachen mussten ausgebessert werden. Obwohl Ruthie bei Sam’s Rabatt bekam, konnten sie sich nicht viele neue Kleidungsstücke leisten. Am Nachmittag hatte sie eigentlich Naomi zeigen wollen, wie man einen Schneemann baut, aber Nieselregen hatte den Schnee weggeschmolzen. Dafür hatten sie sich Illustrierte angeschaut. Ruthie fand, sie nahm sich immer zu wenig Zeit, um Naomis Englisch zu verbessern.

Sie hätte gern gesehen, wenn Duvey das übernommen hätte, aber der war wenig zu Hause, sobald er sich mal aus dem Bett bequemt hatte. Er trieb sich wieder mit seiner alten Gang herum. Sie war sich nicht ganz sicher, was die wieder ausfraßen – sie wusste, dass Duvey Pariser in der Brieftasche hatte und zu schwarzen Prostituierten im Paradise-Valley-Bezirk ging. Nach den Wochenenden war der Rasen im Park mit Kondomen übersät wie geplatzte Luftballons, die Leib ihr als Argumente zu seinen Gunsten gezeigt hatte.

Duvey hatte auch ein Messer, das weit mehr eine Waffe war als ein Anglermesser, außerdem, wann ging er schon angeln? Eine von Ruthies Sonntagsarbeiten war es, alle Schlafzimmer zu putzen. Mame hatte immer schreckliche Angst, Duvey könnte in den Großen Seen ertrinken. Ruthie machte sich mehr Sorgen über die Untiefen von Detroit. Sie sah das Straßenleben und die Kleinkriminalität im Viertel als eine Reihe von klebrigen Fallen, ihnen allen gestellt, um sie in der Armut festzuhalten.

Duvey spielte Karten um Geld (oder besser gegen Geld, dachte Ruthie manchmal, da er so unweigerlich verlor). Trotzdem gab Duvey Mame immer ein Bündel Geldscheine, wenn er von den Erzfrachtern heimkam, bevor er seine Heuer unter die Leute brachte. Mame trug das Geld auf die Bank und hob davon ab, wenn die unausweichlichen kleinen Kümmernisse herniedergingen wie Sommerhagel, viele kleine Steinchen, aber jedes tat weh, wenn es traf.

Ihr mittlerer Bruder Arty hatte geheiratet, als er knapp so alt war wie Ruthie jetzt, neunzehn. Er fand nur Gelegenheitsarbeiten als Laufbursche, und so wohnte er mit Sharon bei der Familie. Nachdem Mrs. Rabinowitz von oben ins Städtische Siechenheim gekommen war, hatte Mame beim Hauswirt erreicht, dass Arty und Sharon nach oben ziehen konnten. Die Wohnung stank nach dem Dreck von Jahrzehnten, und Sharon, Mame und Ruthie hatten eine ganze Woche gebraucht, um sie sauber zu kriegen. Sharon war im siebten Monat mit Marilyn schwanger gewesen. Danach hatte Sharon noch Clark bekommen.

Wenn Duvey sich mit Mädchen sehen ließ, dann nur mit aufgedonnerten, wasserstoffblonden Schicksen. Wenn er zu Hause war, trieb er sich gewöhnlich mit der Gang herum, ging in Bars, hörte Jazz, spielte die ganze Nacht Poker und Siebzehnundvier und verlor Geld dabei. Er hatte Ruthie das Kartenspielen beigebracht, aber sobald sie es konnte, schlug sie ihn stets. Sie hatte Naomi die Kinderspiele gezeigt, Mau-Mau, damit sie mit den anderen Kindern spielen konnte. Kinder konnten so gemein sein zu jemandem, der ein bisschen anders war. Sie litt manchmal für Naomi. Sie hätte ihr die Kanten ihres Detroiter Viertels am liebsten ausgepolstert. Naomi war ein aufgewecktes kleines Ding, aber naiv. Französische Juden brauchten wohl länger in ihrer Entwicklung. Sie war viel nachdenklicher als ein amerikanisches Kind in ihrem Alter, aber viel unbedarfter, viel weniger in der Lage, sich zu behaupten. Wahrscheinlich war ihre Familie orthodoxer gewesen.

Im Haus ihrer Freundin Sophie stand am Sabbat alles still. Sie saßen im Dunkeln, und die Mädchen durften nicht mal lesen oder nähen oder Radio hören. Selbst als die Siegals wegen Bobe noch koschere Küche hielten, hatte es nie diese Tyrannei der Untätigkeit gegeben. In Ruthies Vorstellung musste das den Sabbat von etwas Besonderem zu etwas Gefürchtetem machen.

Bobe wollte in der Küche alles recht haben; sie meinte es ernst, wenn sie eine Speise trejf nannte. Für sie waren unkoschere Speisen unrein, physisch unsauber und verdorben wie ein Teller voll Dreck oder verwesendem Fisch. Ansonsten, fand Ruthie immer, waren Bobe und Mame es recht locker angegangen. Tate kümmerte das wenig. Er war Sozialist und Freidenker, und in seinen Augen waren die Reste von jüdischem Kultus im Familienleben etwas für die Frauen und die Kinder, anheimelnd, aber nicht das, worauf es ankam.

Bobe und Mame hielten jüdischen Kultus und jüdische Sitten beide für wichtig, aber anpassungsbedürftig, ein neues Leben in einem neuen Land; in der Befolgung gingen sie recht pragmatisch vor. Ruthie vermutete, dass sie selbst es auch einmal so halten würde. Sie hatte Bobe innig lieb gehabt und das Zimmer mit ihr geteilt, bis Bobe an Magenkrebs starb.

Bobe war seit Ruthies achtem Lebensjahr ihre ganz besondere Aufgabe gewesen. Wenn Bobe krank war, pflegte Ruthie sie, auch wenn das bedeutete, nicht zur Schule zu gehen. Das konnte sie doch jederzeit aufholen, und sie schaffte es auch stets. Als Arty davon redete, einen Sohn haben zu wollen, hatte Bobe zu ihr gesagt: »Wenn ein Junge geboren wird, dann machen die Männer viel davon her. Sie haben den briß, und sie beten, und es wird gefeiert. Aber wenn ein Mädchen geboren wird, dann ist die Mutter in ihrem Herzen doppelt froh. Denn sie wird in ihrer Tochter neu geboren, und vielleicht geht es diesmal besser.«

Bobe erblindete allmählich an grauem Star. Ein Arzt im Krankenhaus sagte, das konnte operiert werden, aber wer hatte das Geld für Operationen? In Polen hatte sie feine Stickereien an Blusen und Tüchern gefertigt. Bobe nähte unaufhörlich für die Familie, auch wenn sie es hauptsächlich nach Gefühl machte und sich manchmal in den Farben vertat – dann wagte niemand, es ihr zu sagen, um sie nicht zu beschämen. Sie war empfindlich, was die Schärfe ihrer Augen anbetraf, gab immer vor, mehr zu sehen, als sie tatsächlich sah. Den ganzen Tag lang hörte sie sich mit Mame die Seifenopern im Radio an. »Ma Perkins«, »Unser Mädel Sonntag«, »Die Romanze der Helen Trent«: Konnte ein Mädchen aus einer Bergbaustadt im Westen als Ehefrau eines der reichsten englischen Lords ihr Glück finden? Gab es noch romantische Liebe nach fünfunddreißig? Würde Stella Dallas sich je von ihrer missratenen Tochter Lolly-Baby lossagen? Seit Bobes Tod hatte Mame so was nie mehr gehört. Ruthie wusste nicht genau, warum – weil sie dann Bobe vermisste oder weil sie es eigentlich nie hatte leiden können. Als sie fragte, tat Mame die Frage mit einem Achselzucken ab. »Bin ich Mrs. Rockefeller? Hab ich Zeit, mit dem Ohr am Radio zu sitzen? Wer sorgt dafür, dass wir einigermaßen hinkommen, wenn nicht ich?«

Ruthie stand jetzt am Fenster ihres Zimmers, das auf die um halb fünf schon dunkle Hintergasse ging. Eine spillerige Katze kauerte unter einer Kiste. Ruthie wandte sich ab, um nicht zu sehen, wie sie da draußen im Regen fror. Automatisch streckte sie die Hand nach Boston Blackie aus, früher Bobes Katze und jetzt ihre. Boston Blackie war ein großer, schwarzweißer Kater, der fast vierzehn Pfund wog, das meiste davon Knochen und Muskeln. Sein linkes Ohr war ausgefranst, und sein Schwanz hatte am Ende einen Knick. Tate sagte, da war ein Wirbel gebrochen. Als Bobe ihn ins Haus genommen hatte, war er froh gewesen, die Straßenkämpfe und das Streben nach Geschlechtsverkehr aufgeben und sich zur Ruhe setzen zu können. »Er ist ein Philosoph«, sagte Bobe immer. »Den ganzen Tag denkt er über G-tt und die Welt nach. Einen Mann, so dankbar wie dieser Kater, kannst du lange suchen. Gib ihm Hühnermagen, und er dankt es dir mit Schnurren und Schmiegen. Streichle ihm den Kopf, und er kniet vor dir nieder. Lass ihn in dein Bett, und er benimmt sich wie ein feiner Herr.«

Naomi saß über den Schreibtisch gebeugt und machte ihre Hausaufgaben in Rechtschreibung. Eigentlich war es kein Schreibtisch, sondern das Unterteil einer Frisierkommode. Der Spiegel war entzweigegangen, und einer Schublade fehlte ein Griff, also hatte ein Mensch mit mehr Geld als Verstand sie auf die Straße gestellt, wo Ruthie sie entdeckt hatte. Arty und Mame und sie hatten sie zusammen nach Hause geschleppt, und Ruthie hatte sie blau angestrichen. So hatten jetzt Naomi und sie ihren eigenen Schreibtisch. Sie verwuschelte Naomis braunes Lockenhaar, krauser als ihr eigenes. Naomi schaute auf und sah ihr verzweifelt in die Augen. »Sind deine Hausaufgaben so schwer? Soll ich dir helfen?«, fragte Ruthie.

»Englisch ergibt keinen Sinn. Es gibt keine Regeln.«

Ruthie dachte darüber nach. »Ein paar muss es doch geben.«

Naomi schaute sie immer noch an. »Werden meine Augen je grün wie deine?«

»Aber deine Augen sind doch hübsch, Naomi. Haselnussbraun ist genauso hübsch.«

»Wird mein Haar je schwarz wie deins, oder wird es immer braun sein?«

»Ist dein Haar dunkler geworden, seit du klein warst? Vielleicht wird es dann noch dunkler. Aber es hat eine hübsche Farbe. Man nennt das hier Kastanienbraun. Ich weiß nicht, warum. Ich habe noch nie eine Kastanie gesehen.«

»Was ist eine Kastanie?«

»Schlag es in deinem Lexikon nach.«

Naomi hatte ein großes grünes Englisch-Französisch-Lexikon von ihrem Vater bekommen. Es gehörte zu den wenigen Schätzen, die sie aus Europa mitgebracht hatte. »Marrons! Du weißt nicht, was das ist? Sie werden an Straßenecken verkauft, über kleinen Feuern geröstet. Sie werden gemahlen und in Süßspeisen getan. Und in Sirup. Marrons glacés.« Naomis herzförmiges kleines Gesicht belebte sich, bis es fast sprühte. Sie vibrierte vor Energie. »Es gibt eine Süßspeise, die heißt Mont Blanc, das ist Kastaniencreme, très riche. Esst ihr das nie?«

»Ich glaube, wir haben hier keine Kastanien. Wir haben Hickorynussbäume überall in Michigan und Walnussbäume. Wir sind mal zu einem Häuschen gefahren, das einem russischen Juden gehört, einem Freund von Tate, und wir haben schwarze Walnüsse gepflückt. Das war, bevor du gekommen bist, Naomele. Ich hoffe, wir fahren irgendwann mal wieder hin. Das sind große ölige Kugeln, die du aufreißen musst, um an die innere Nuss zu kommen, und sie hinterlassen auf deinen Händen dunkle Flecken.«

Murray wollte sie zum Essen ausführen und dann ins Kino, aber sie half Mame noch bei den Piroschki, indem sie den Teig vorbereitete. Der Abend war bitterkalt. Duvey war aus. Nur Arty und Tate saßen im Wohnzimmer und hörten die Nachrichten. Sharon und die Kleinen waren bei Mame in der Küche, so wie jetzt auch sie und Naomi, um es warm zu haben. Für die Kohlen mussten sie selber aufkommen, deshalb konnten sie sich nicht leisten, das Haus bullig warm zu halten. Der Wind vom Fluss rüttelte an jedem Fenster und kroch in die Ritzen des alten Holzhauses. Die dampfige Küche roch gut und machte Ruthie den Abschied schwer.

Als sie in ihr Zimmer ging, um sich umzuziehen, kam Naomi ihr nach und saß bedrückt auf dem unteren Etagenbett, in dem Ruthie schlief (das Vorrecht der Brotverdienerin), und schaute mit traurigen Augen. »Zazkele, was schmollst du?« Ruthie fasste Naomi liebevoll unter das kleine spitze Kinn.

»Wer ist der Mann? Was willst du von ihm?«

»Er ist ein netter junger Mann, ein Student aus dem College. Du wirst ihn mögen.«

»Werd ich nicht.« Naomi schaute finster. »Du trägst mein Lieblingskleid für ihn.«

Das rote Taftkleid. Es war Ruthies einziges hübsches Kleid, obwohl sie einen Dollar auf das grüne Samtkleid angezahlt hatte, das jetzt zurückgelegt war. Sie hoffte, es im Januar abbezahlt zu haben, denn ihr fehlten noch fünf Dollar. So lange durfte es eigentlich nicht zurückgelegt werden, aber die zuständige Verkäuferin mochte Ruthie.

Murray kam zu früh, doch Ruthie war so nervös gewesen, dass sie sich zurechtgemacht hatte und schon wieder mit einer Schürze über dem Kleid in der Küche stand und Mame beim Piroschkibacken half. Rasch riss sie sich die Schürze ab und lief ins Wohnzimmer. Tate gab sich ungezwungen mit Murray, schüttelte ihm die Hand und fragte ihn nach seiner Meinung, ob die Engländer mit den Bombenangriffen zermürbt werden konnten, ob die Deutschen immer noch vorhatten, in England einzumarschieren. Ruthie gefiel an Murray, dass er verlegen dreinschaute und sagte, das wüsste er nicht. Männer plapperten oft nach, was sie in der Zeitung gelesen hatten, und gaben vor, eine Art Geheimwissen zu besitzen.

Gerade, als er ihr ungeschickt in den Mantel half – das Futter war zerrissen, und ohne Bobe waren sie mit dem Ausbessern im Verzug –, kam Duvey herein. Mame hatte Murray von der Küchentür aus begrüßt und verkrumpelte mit den Händen ihre Schürze, als könnte das verbergen, dass sie eine trug. Jetzt kreischte sie auf, als sie Duveys Gesicht sah. »Dovidel!«, schrie Mame. »Was ist dir passiert?«

»Bin auf dem Eis ausgerutscht«, sagte Duvey unwirsch und rieb sich die Nase.

Tate schaute Ruthie an, die seinen Blick erwiderte. »Du solltest dich mit deinem jungen Mann auf den Weg machen, bevor ihr zu spät kommt«, sagte er sanft. Tate glaubte auch nicht an Duveys Sturz, wollte aber Mame nicht erschrecken, indem er Skepsis äußerte. Wenn er von Chevrolet heimkam, war er kaputt bis auf die Knochen und mochte sich nicht mehr Ärger suchen, als ihm ohnehin zuteil wurde.

»Majn lebn, du hast dir was am Auge getan, an der Nase.« Mame untersuchte Duveys Gesicht, der zog ungeduldige Fratzen, ließ sich aber trotzdem bemuttern und ins Badezimmer bringen.

Draußen auf der Straße, als sie zur Woodward-Straßenbahn eilten, sagte Murray: »Ich fand, es sah aus, als ob dein Bruder eine Schlägerei hatte.«

»Danke, dass du vor Mame nichts gesagt hast. Morgen wird er ein blaues Auge haben.«

»Weißt du, worum es da geht?«

Ruthie schüttelte den Kopf. »Ich weiß auch nicht, ob ich’s wissen will. Duvey ist ein bisschen ungeraten.«

Sie gingen in ein chinesisches Restaurant, was für Ruthie neu war. Darüber musste Murray lachen. Schließlich aßen doch alle Juden, die keine koschere Küche einhielten, chinesisch, wenn sie ausgingen. In der Reformsynagoge, wenn du da deine bar mizwa bekamst, wurde dir sogar gesagt, nun seist du ein Mann und solltest mit deiner Familie jeden Sonntag chinesisch essen gehen.

Murray war nur wenig größer als Ruthie, nicht wie Leib, der sie um dreißig Zentimeter überragt hatte. Ihr gefiel, dass er so klein war, wie Tate, wie sie selbst. Sie hatte keine Angst vor ihm wie unterschwellig immer vor Leib. Er schien sanfter.

Er erzählte ihr, wie sein Vater als De Soto-Dodge-Händler 1930 Pleite gemacht und danach versucht hatte, als Vertreter zu arbeiten. Dann hatte er die Ersparnisse abgehoben und eine Hühnerfarm gekauft. »Wie er auf die Idee gekommen ist, Juden aus Detroit könnten plötzlich eine Hühnerfarm betreiben, weiß ich nicht. Zurück aufs Land. Er sagte immer, egal, was passiert, verhungern können wir nicht.«

»Und was ist passiert? Habt ihr alle Hühner aufgegessen?«

»Erst hat ein Hund sich welche geholt, dann ein Fuchs. Die Überlebenden kriegten eine Krankheit. Eines Morgens lagen sie alle, die Beine in die Luft gestreckt, räudig und zerrupft, tot auf dem Hof. Dann haben wir’s mit Puten versucht, von gepumptem Geld.«

»Mit Puten?« Ruthie lachte. »Ich dürfte nicht lachen. Ich weiß nicht, warum ich das komisch finde.«

»Aber es war ja komisch. Wenn es was noch Blöderes gibt als Hühner, dann sind es Puten. Aber wenigstens krähen sie nicht. An den grässlichen Spektakel bei Sonnenaufgang habe ich mich nie gewöhnt.« Murray wedelte mit den Armen und lieferte eine glaubwürdige Imitation. Alle schauten zu ihnen herüber, aber Murray schien das nicht zu bemerken. Er hatte nur Augen für sie. Ruthie wurde rot. »Jetzt hat er einen Pächter auf der Putenfarm. Meine Eltern sind wieder in die Stadt gezogen, in einen Vorort. Er verkauft wieder Autos für einen Händler an der Grand River, aber in letzter Zeit ist die Produktion gedrosselt worden, und ich weiß nicht, was er als Nächstes versuchen wird.«

Seine Augen hinter der Hornbrille hatten ein volles, warmes Braun mit Bernsteineinsprengseln. Sein glatt zurückgekämmtes, hellbraunes feines Haar haftete vor statischer Aufladung an seinem Hemdund Pulloverkragen und stand ihm auf dem Kopf zu Berge. Sie versicherten einander, dass sie beide fest entschlossen waren, den College-Abschluss zu machen. Murray sah sich nach einer Stelle als Kellner um, damit er tagsüber aufs College gehen und schneller fertig werden konnte. Vorläufig arbeitete er in einem Blumenladen.

»Ich muss auf dem College bleiben«, sagte Ruthie. »Das ist meine einzige Hoffnung, das ist das, was ich wirklich will. Dann kann ich Menschen wie meiner eigenen Familie helfen. Ich kann sie besser verstehen als die Leute, die nie in ihrem Leben in Not waren.«

Murray schilderte ihr seine Vorstellungen von dem Leben, das er sich wünschte, wickelte sie langsam aus wie einen sorgfältig verpackten Porzellanteller. Er wollte in der Stadt arbeiten, aber nicht dort wohnen. »Wenn du die Grand River hinausfährst, oder Ann Arbor Trail oder Plymouth Road, dann kommst du aufs Land. Du kannst da draußen ein Farmhaus kaufen und zur Arbeit in die Stadt fahren. Und wenn du dann eine Familie hast, haben die Kinder nicht die Probleme wie in der Stadt, sie sind gesund. Sie haben Wiesen und Bäume und Vögel um sich. Das hat mir gut getan.«

Sie waren so ins Gespräch vertieft, dass sie zu spät ins Kino kamen, aber es lief erst die Wochenschau. Der japanische Gesandte Kurusu und Botschafter Nomura legten, wie sie bekundeten, allerletzte Angebote für einen Frieden zwischen Japan und Washington vor. Dann kam ein Foto von den Dionne-Fünflingen, wie sie alle gleich angezogen im Schnee spielten. Die Marineinfanterie zog sich aus Schanghai zurück, aber der Sprecher sagte, sie kämen bald wieder. Dann fing der erste Spielfilm an, ein Ellery-Queen-Krimi mit Ralph Bellamy, in dem Murray schon nach der Hälfte den Mörder erriet; und dann Joan Crawford in Die wunderbare Rettung.

Nach der Straßenbahnfahrt gingen sie trotz des rauen Windes sehr langsam zu Ruthies Haus. Sie war durchgefroren, fühlte sich kalt und klamm, wollte sich aber trotzdem nicht beeilen. Er hatte ihre Hand genommen, als er ihr aus der Straßenbahn half, und er hielt sie immer noch. Seine Hand war warm und trocken. Sie fand es leicht, mit ihm zu gehen, weil er keine Riesenschritte machte. Ich mag ihn, dachte sie und war ganz erstaunt über sich. Sie sah sich sein Gesicht an, wenn sie unter den Straßenlaternen durchkamen. Seine Nase verlief völlig gerade, wie mit dem Lineal gezogen. Sein Mund war voll und weich. Sie stellte sich vor, ihn zu küssen, aber dazu würde es wohl nicht kommen, noch nicht. Irgendwann würde sie ihn küssen. Aber diesmal war wohl eine Umarmung das Richtige.

An einem kalten Sonntag

Lady Hamilton, das war der Film, den sich Bernice und Mrs. Augustine am Sonntagnachmittag ansahen, wobei sie sich eine Schachtel kandierten Puffmais teilten, für den Mrs. Augustine eine Schwäche hatte. Mrs. Augustine war die Frau von Professor Emil Augustine, der Chemie unterrichtete. Sie war eine kleine, rundliche Frau, die an leichter Arthritis und schrecklichen Hühneraugen litt, so dass sie nur langsam und unter Schmerzen lief, aber sie hatte immer versucht, ein Auge auf den Haushalt nebenan zu haben, seit Viola gestorben oder, wie Mrs. Augustine es ausdrückte, hinübergegangen war.

Mrs. Augustine glaubte an die Reinkarnation, denn, so erklärte sie Bernice, das sei so unvergleichlich viel fröhlicher als Himmel und Hölle der Christen. Das hinderte sie nicht daran, die episkopalen Gottesdienste zu besuchen, in Begleitung ihres Mannes, der sich nicht für Mrs. Augustines abseitigere Ansichten interessierte. Mrs. Augustine schnitt Zeitungsartikel über Menschen aus, die meinten, sich an frühere Leben zu erinnern. Die meisten der Befragten waren ägyptische Prinzessinnen gewesen, die Kaiserin von Russland, die Pawlowa oder Lord Byron, aber Mrs. Augustine konnte sich das Leben als Leuchtturmwärter vor der Küste von Maine um 1840 ins Gedächtnis rufen. Sie war zu sehr der Flasche zugetan gewesen und hatte sich deshalb auf den Felsen ihres Inselchens zu Tode gestürzt, aber ansonsten war das Leben angenehm gewesen, und sie hatte sich nie einsam gefühlt. Bernice dachte im Stillen, wenn sie ihr Leben mit dem spröden Emil zu verbringen hätte, dann mochte ein Dasein als Leuchtturmwärter eine angenehme Alternative darstellen.

Vivien Leigh war zauberhaft und Laurence Olivier schön anzuschauen, aber sie ertappte sich dabei, dass ihre Gedanken von dem Ehebruch abschweiften. Ihr fiel ein Porträt von Lord Nelson ein – war es in der Londoner Nationalgalerie gewesen? Einer von den Tagen, an denen sie Touristen im Zuckeltrab durch drei Museen führten und Jeff sich heiser redete.

Der Professor übernahm die Führung, wenn Schlösser und Denkmäler auf dem Programm standen, eine Aufteilung, die nicht immer säuberlich eingehalten wurde. Sie erinnerte sich an den Sommer von 1939, der letzte Sommer, in dem sie des Professors Schützlinge durch Europa gescheucht hatten. Für einen Augenblick roch sie Salz und aufgeheizten Stein. Ihre Arme waren dunkel von der Mittelmeersonne, indes sie einen kurzen Urlaub vom Urlaub ihrer Schützlinge genoss, süße gestohlene Zeit, um selbst Touristin zu spielen.

Jeff und sie hatten am Hafen von Thessaloniki gesessen, Retsina getrunken und die süßlich schmeckenden kleinen Muscheln roh gegessen (wovon sie ihren Touristen stets abrieten), gefolgt von gebratenen kleinen Tintenfischen, Kalamarakia. Ihre Reisegesellschaft besichtigte die Hagia Sophia und andere wichtige Kirchen in der Altstadt. Der Professor hatte eine Schwäche für die mit beschwörendem Ernst dreinschauenden byzantinischen Heiligen, die seinen Kindern abging. Jeff und der Professor hatten täglich die Zeitungen verfolgt, aus Angst, vom Kriegsausbruch überrascht zu werden, aber sie hatten ihr Schiff bestiegen und waren mitten auf dem Atlantik, als die Deutschen in Polen einfielen. Dieses Jahr im April, nachdem die griechische Armee die Italiener über den Herbst und den Winter hinweg abgewehrt hatte, waren die Deutschen mit ihren Panzertruppen angerückt, hatten die Griechen niedergewalzt und die verfügbaren britischen Streitkräfte überrollt. Ob sie Griechenland je wiedersah?

Nach dem Film ging das Licht an, und die Leute standen auf. Bernice zog gerade die Reißverschlüsse der Gummigaloschen über ihren Schnürschuhen zu, als sie sah, dass Mr. Berg, der korpulente alte Herr, der das Filmtheater betrieb, auf der Bühne stand und ein Mikrophon hielt, dessen Schnur ein Platzanweiser auszurollen versuchte.

»Ich habe eine Durchsage, meine Damen und Herren!«, verkündete er mit Stentorstimme, zu aufgeregt, um abzuwarten, bis das Mikrophon eingestöpselt war. Er schritt auf die Vorbühne, auf der sonst Varieté dargeboten wurde. »Ich habe eine wichtige Durchsage. Im Radio ist durchgegeben worden, dass die Marine in Honolulu angegriffen wird. Ich wiederhole, die Marine der Vereinigten Staaten wird angegriffen.«

Mrs. Augustine sagte: »Gott sei Dank ist Emil zu alt für die Front.«

Als Bernice ins Haus kam, hatte der Professor sein Arbeitszimmer verlassen und saß im Wohnzimmer vor der Westinghouse-Radiotruhe, deren Türen geöffnet, deren Skala erleuchtet und deren Lautsprecher voll aufgedreht waren.

»Im Bentham gab es eine Durchsage.« Bernice setzte sich in ihren gewohnten Sessel. »Ist Krieg?«

»Mit Japan, nehme ich an. Jetzt muss er den Krieg erklären.«

»Hat der Präsident schon über Rundfunk gesprochen?«

»Noch nicht.«

Bernice starrte auf das Glimmen der Radioskala. Sie hatte, bevor sie ging, einen Schmorbraten in den Herd getan, bei kleiner Flamme. Der Professor jedoch sah sie über den Brillenrand hinweg erwartungsvoll an. »Wann werden wir essen?«

Das war keine ernst gemeinte Frage, da sie am Sonntag immer um halb sieben aßen, doch sie übersetzte sich ihr als: Was sitzt du im Wohnzimmer herum, wo der Tisch noch nicht gedeckt ist und die letzten Handgriffe zur Zubereitung meiner Mahlzeit fehlen? Sie ging langsam in die Küche und stellte überrascht fest, dass sie sich leicht euphorisch fühlte, fast schwindelig. Sie drehte sofort das kleine Radio auf dem Küchenbüfett an.

Major George Fielding Eliot, Columbias Militärexperte, analysierte die Ereignisse mit forscher Stimme. »Die Japaner scheinen zum Angriff überzugehen, um amerikanische Operationen im Fernen Osten zu verzögern. Vor eine Situation gestellt, in der es für sie offenbar keinen anderen Ausweg als den Krieg gab, haben die Japaner den größten amerikanischen Pazifik-Marinestützpunkt in Pearl Harbour auf der Insel Oahu der Hawaii-Inseln angegriffen. Dieser Angriff erfolgt aus der Luft und kann nur von Flugzeugträgern kommen, da die Japaner über keine Stützpunkte nahe genug bei den Inseln verfügen, um landgestützte Luftangriffe vortragen zu können.«

Sie erinnerte sich an einen Abend, an dem Zach Jeff besucht hatte. Tagsüber hatte Zach seine Aeronca eingeflogen, für Bernice ein Vorgeschmack des Himmels. Sie erfuhr, Zach lebte von seiner Frau getrennt, obwohl sie ein Kind erwartete. In jenem Monat war Amelia Earhart auf einer Teilstrecke ihres Fluges rund um die Erde bei den Marshall-Inseln verschollen. Zach beharrte darauf, sie sei von den Japanern abgeschossen worden, weil sie Aufklärungsflüge für Roosevelt gemacht habe, der eigens für sie eine Behelfsbahn auf Howard Island bauen ließ. Jeff und Zach reizten Bernice bis aufs Blut, weil beide ganz sachlich erörterten, was ihr als Verlust naheging. Sie hatte in der Überzeugung gelebt, ihrem Idol eines Tages zu begegnen, ein Foto von ihr aus der Zeitung geschnitten und sich an die Wand gehängt, zwischen Jeffs frühe und neuere Landschaften.

Das Radio redete neunmalklug in ihre Träumerei. »Die Japaner sind ein sehr großes Risiko eingegangen, ihre Flugzeugträger in die Reichweite unserer äußerst leistungsstarken Marineaufklärungsbomber und unserer auf der Insel Oahu stationierten Langstreckenbomber gebracht zu haben. Ein Risiko, das sich nur als verzweifelte Maßnahme interpretieren lässt, die zum Verlust am Angriff beteiligter Flugzeugträger führen kann, die allerdings auch unsere Pazifikflotte auf ihrem Weg in den Westpazifik aufhalten und damit den Japanern wichtige Zeitgewinne für Operationen im Fernen Osten verschaffen kann.«

Durch die forsche, selbstsichere Stimme klangen die Nachrichten halbwegs beruhigend. Der Major hätte die Anweisungen des Trainers in einem Baseballspiel beschreiben können oder auch ihre eigenen Gedankengänge, wenn sie mit ihrem Vater Schach spielte. Sie schämte sich ihrer Hochstimmung. Vielleicht bedeuteten diese Ereignisse gar nicht unbedingt Krieg; vielleicht trat der Krieg in Form von ebensolchen gebieterischen Männerstimmen in ihr Leben, die ferne Ursachen und Wirkungen erläuterten: ein Unglück zwar, aber weniger bedrückend als die Weltwirtschaftskrise.

Zeit, den Blumenkohl aufzusetzen und die Soße zu bereiten.

Oscar hatte recht, das spanische Restaurant war gut. Louise bestellte Paella und Oscar eine Zarzuela de maresco: Riesengarnelen, Hummer, Venus- und Miesmuscheln in einer knoblauch- und safrangewürzten Tomatensauce. Sie bedauerte, das nicht auch bestellt zu haben, obwohl ihre Paella hervorragend war. Typisch Oscar, genau zu wissen, was man am besten bestellte. Er war kein versnobter Feinschmecker, doch schien er stets die richtige Wahl durch die Poren zu wittern, vielleicht, weil er neugierig war und keine Scheu hatte, den Kellner zu fragen, was das Paar am Nebentisch aß. Das hatte ihnen über die Jahre zu einigen denkwürdigen Mahlzeiten verholfen, die meisten davon gut, manche einfach nur denkwürdig wie ihr Verzehr von Seeigeln in einem chinesischen Restaurant.

Sie begannen mit einem Glas trockenem Sherry, dann teilten sie sich eine Flasche weißen Rioja. Oscar redete über sein Projekt der Flüchtlingsbefragung. Louise hatte gute Antennen. Sie beobachtete sein Gesicht, als sie bemerkte: »Ich könnte mir vorstellen, dass viele von diesen Auskünften für den Geheimdienst interessant sind? Ich gehe davon aus, die Regierung ist zu der Einsicht fähig, dass wir früher oder später in diesen Krieg hineingezogen werden?«

»Hmmm«, sagte Oscar. »Möchtest du noch mal von meiner Zarzuela kosten? Ich sehe, du beäugst sie mit gewissem Interesse.«

»Deine Zarzuela, also wirklich, Oscar.« Sie bediente sich. Sie hatte die Antwort, aber nur teilweise. Für wen genau arbeitete er?

»Ich hätte nichts gegen eine Kostprobe von deiner, überhaupt nichts. Es ist lange her.«

»Schämst du dich gar nicht, Oscar, du versuchst, mich zu verführen, um meine Frage nicht zu beantworten. Was sie letztendlich beantwortet.«

»Dich zu verführen steht a priori auf dem Programm. Zumindest der Versuch. Früher gelang mir das.« Er schenkte ihr Glas wieder voll. »Hat sich dein Herz gänzlich gegen mich verhärtet?« Er versuchte, seelenvoll dreinzuschauen, wirkte aber nur jungenhaft, was vollauf genügte.

»Du hast dir doch nicht eingebildet, ich ginge mit meinem Exmann in ein Hotel?«

»Dafür sind wir zu kultiviert, und außerdem haben wir beide gemütliche, geräumige Wohnungen. Ich denke öfter an dich, als du weißt, Louie. Öfter, als du glaubst.«

»Das stimmt wahrscheinlich.« Ihrer festen Überzeugung nach war sie diejenige, die ständig über Oscar nachgrübelte, doch sie hegte keinerlei Absicht, das einzugestehen.

»Ein kalter, windiger Sonntag. Wie könnte man ihn besser nutzen? Ich habe einen phantastischen Oloroso, den mir ein Freund mitgebracht hat.«

»Ich dachte, du hast Madeleine inthronisiert, die derzeitige Gebieterin deines Herzens.«

»Louie, du hast das immer überschätzt. Ich kam ihr gerade recht, ein alter Freund in einem neuen Land. Sie ist bei der University of California in Los Angeles untergekommen. Mit Hilfe des psychoanalytischen Netzwerks.«

»Eins möchte ich wissen. Wer wurde überdrüssig, du oder Madeleine?«

»Louie, New York wimmelt von geflüchteten Psychoanalytikern. Madeleine konnte hier nicht Fuß fassen. Los Angeles ist für sie nicht fremder als New York, und ihr wurde ein Lehrauftrag angeboten. Sie wird sich dort einrichten und bald eine eigene Praxis haben.«

Sie konnte bei Oscar nicht die leisesten Anzeichen von gebrochenem Herzen ausmachen. Er schien die nachrichtendienstliche Verbindung, die er mit Informationen fütterte, eher verbergen zu müssen als das, was von seiner Beziehung zu Madeleine Blufeld blieb, blonde, elegante Österreicherin und einer der Gründe für ihre Scheidung, aus Louises Sicht. Zweifellos sagte er ihr die Wahrheit, wie er sie sah; Madeleine musste um ihres beruflichen Fortkommens willen in den Westen gehen und Oscar nicht. Zweifellos rechnete er darauf, wieder mit Madeleine anzubandeln, wenn sie gelegentlich nach New York kam. Zweifellos rechnete er auf ein romantisches Tête-à-Tête, sollten die Umstände ihn nach Südkalifornien führen. Oscar mochte keine endgültigen Abschiede.

»Du siehst dermaßen entzückend aus, Louie, selbst wenn ich nicht die ganze Woche an dich gedacht hätte, dich so am Tisch zu sehen wie ein Strauß roter Rosen würde schon genügen, meine Gedanken an dich zu fesseln.« Oscar machte nicht viele Komplimente. Zweifellos merkte er – obwohl er wahrscheinlich nie verstanden hätte, warum –, dass die Erwähnung von Madeleine die Stimmung, um die er sich bemühte, etwas gedämpft hatte. Oscar war auf seine unkonventionelle Art ein sentimentaler Mensch, und sie musste davon ausgehen, dass er es durchaus passend fand, einen Teil ihres ehemaligen Hochzeitstages im Bett zu verbringen.

Das Problem dabei war, sie fand ihn trotz aller abstrakten Empörung immer noch überwältigend attraktiv. Er schien Hitze zu verströmen. Seine dunklen Augen strahlten sie an, er beugte die breiten Schultern über den Tisch, und seine großen, wohlgeformten Hände, auf deren Rücken und Fingergliedern üppiges Haar wuchs wie ein gepflegter schwarzer Rasen, näherten sich über die Tischplatte, gestikulierten, schenkten ständig Wein nach, reichten ihr Häppchen, beanspruchten Platz, rückten vor. Ach, was soll’s, dachte Louise, warum nicht? Madeleine ist über alle Berge, und ich kann mir beim besten Willen nicht viel Verlangen nach Dennis abringen. Ich werde nicht zulassen, dass ich das ernst nehme. Ich werde nicht zulassen, dass ich verletzt werde. Diesmal nicht. Ich werde ihn so nehmen, wie Männer Frauen nehmen, und dann nach Hause fahren, mich mit Dennis zu einem netten, kultivierten und ziemlich langweiligen Abend treffen und morgen schon früh an die Arbeit gehen. Warum nicht? Sie war zufrieden mit sich, richtig rücksichtslos entschieden zu haben. Vielleicht war das die eigentliche Errungenschaft einer Geschiedenen, die Freiheit zu spontanen ruchlosen Entscheidungen, zu der Entscheidung, etwas zu genießen und dann davonzuspazieren.

Der Kellner, der sie anfangs umhegt hatte, war dann für weite Strecken des Mahles verschwunden. Jetzt, als Oscar die Rechnung verlangte, redete er unvermittelt auf ihn ein. »Während Sie hier sitzen, verkündet das Radio, dass Sie sich im Krieg befinden. Jawohl, Ihr Land.«

»Was ist denn?« Louise beugte sich vor. »Haben wir Deutschland den Krieg erklärt?« Ihr fiel plötzlich ein, dass dies spanische Flüchtlinge waren; sie hatten ihren Krieg gegen die Mächte des Bösen und der Reaktion geführt; den Krieg, der ihrer Generation gezeigt hatte, dass ein Volk das Recht und die Zahlen auf seiner Seite haben und doch verlieren konnte. Auch die Demokratie konnte im Krieg scheitern.

»Die Japaner haben Ihr Honolulu bombardiert. John Cameron Swayze hat es im Radio gesagt, während Sie hier saßen. Sie sagen, es geht auch jetzt noch weiter.«

»Honolulu?«, wiederholte Oscar. »Das muss ein Irrtum sein. Warum sollten sie Honolulu bombardieren? Das ist wie ein Angriff auf Miami Beach.«

»Es tut mir leid für Ihre Leute in Honolulu. Bombardiert werden, das macht einem Angst, auch wenn man tapfer ist. Man kann nichts tun. Die Bomben fallen runter wie Regen, und man kann ihnen nicht entkommen.« Der Kellner schüttelte Oscar feierlich die Hand. »Ich wünsche diesem Land Glück in seinem Krieg. Aber Sie haben das Geld, um Panzer und Flugzeuge zu kaufen. Das fehlte uns.«

Oscar gab ein Riesentrinkgeld, und sie stolperten auf die Straße. Er winkte einem Taxi. »Nein, Oscar, ich fahre zu mir. Ich möchte nach Hause zu Kay und erfahren, was wirklich vorgeht. Nochmals danke für den netten Nachmittag.« Sie nahm seine Hand und gab ihm einen festen Händedruck. »Bis bald.«

Oscar war zu baff, um zu widersprechen, obwohl sein Mund auf- und zuging und er die Hand ausstreckte, als wollte er sie hindern, ins Taxi zu steigen. Er war ebenfalls verwirrt von den Nachrichten und ungeduldig, das Radio anzustellen. Er wandte sich um und suchte den heranströmenden Verkehr nach einem weiteren Taxi ab. Als ihres abfuhr, sah sie ihn rasch die Vierzehnte Straße entlanggehen und zu seiner Wohnung in der Vierten West eilen.

»Es ist nicht Honolulu, es ist der Marinestützpunkt in Pearl Harbour«, sagte der Taxifahrer. »Ein Dolchstoß in den Rücken. Aber die von der Marine, das sind große Kämpfer, die haben den Japsen bestimmt Saures gegeben. Der Horde kleiner gelber Affen. Die Wichse, in die die heute reingelatscht sind, so was haben die noch nicht gesehen.«

Louise fühlte sich, als sei sie in allerletzter Sekunde vor einer Torheit bewahrt worden, ein viktorianisches Mägdelein, das vor dem aalglatten Schurken gerettet wurde, doch sie bedauerte ihre Rettung. Auch wenn sie sich wenig Illusionen über Oscars Angebot machte, war sie sich bewusst, dass tief in ihr Wunschvorstellungen kreisten, empfindlich wie tropische Fische mit hauchdünnen Schwanzschleppen, an denen andere Fische nur allzu gern geknabbert hätten. Wunschvorstellungen, so hirnlos wie Guppys, und sie nahm sich vor, sie im Dunkel ihres Rückenmarks niederzuhalten, wo sie hingehörten. Doch noch, als sie durch die Stadt zu ihrer Tochter und der Nachrichtenquelle und dem Telefon fuhr, das inzwischen bestimmt klingelte, bedauerte sie, dass der Kellner davon angefangen und es nicht ihnen überlassen hatte, es zu entdecken, nachdem sie einander wiederentdeckt hatten.

Murray rief Ruthie am frühen Abend an. »Irgendwie kann ich nicht stillsitzen«, sagte er. »Vielleicht können wir einen Spaziergang machen, einen kurzen? Ich weiß, du hast Hausaufgaben. Ich ja auch.«

Ruthie konnte ihn kaum verstehen, so laut dröhnte das Radio hinter ihr und genauso laut schmetterte das Radio hinter ihm in seinem Haus. Sie wusste, eigentlich musste sie zu Hause bleiben und lernen, aber sie war zu aufgewühlt. »Komm doch gleich vorbei«, sagte sie leise. »Ich kann nicht lange weg. Wir können einen Kaffee trinken gehen.«

Naomi trug Boston Blackie herum wie eine Babypuppe. Sie fragte: »Die Japaner, sind die wie die Deutschen?«

»Sie sind Teil der Achse. Sie sind unsere Feinde.«

»Aber hassen sie auch die Juden?«

Ruthie verwuschelte Naomis Lockenhaar. »Ich glaube, die wissen gar nicht, wer die Juden sind, Naomi.«

»Dann sind sie vielleicht nicht so schlimm.«

»Schsch!« Ruthie tippte Naomi mit dem Finger auf die Lippen. »Sag das zu keinem sonst. Nie.«

»Ich versprech’s«, sagte Naomi. »Ich weiß ja, wenn sie Bomben abwerfen, ist es egal, ob du jüdisch bist oder nicht. Sogar die Kühe werden verbrannt und liegen tot neben der Straße. Sogar die Hunde werden totgebombt.«

Murray kam innerhalb von vierzig Minuten, da er sich den alten Dodge seines Vaters geliehen hatte. Als sie ihn in seiner karierten Mütze und dem alten Tweedmantel in der Tür stehen sah, hatte sie wieder dieses Gefühl von Unbefangenheit. Er stand ein wenig scheu da, mit krummen Schultern, und lächelte sie an. Sie führte ihn so kurz ins Haus, wie sie nur konnte. Als sie etwas sagen wollte, winkte Duvey ab. Alle drängten sich um das Wohnzimmerradio.

»Wir haben gerade die Nachricht erhalten, dass Guam wahrscheinlich unter Angriff steht. Die Kabelgesellschaft gibt an, dass ihre Leitungen unterbrochen sind. Die Japaner haben die praktisch wehrlose Stadt Schanghai überfallen. Berichten zufolge haben sie das Hafenviertel um die berühmte Bund, die Uferstraße, bombardiert. Sie sollen ein britisches Kanonenboot versenkt und das amerikanische Kanonenboot Wake gekapert haben, das als Funkstation für das amerikanische Konsulat fungierte. Sie haben ferner das International Settlement besetzt. Das bedeutet, dass etwa dreitausend Amerikaner festsitzen.«

»Aus Washington kündigt das Rekrutierungsbüro der US-Marine an, dass alle Rekrutierungsstellen morgen früh ab acht Uhr geöffnet sein werden.«

Draußen auf der Straße gingen sie trotz des kalten Nieselregens langsam. Ohne zu überlegen, ohne die Entscheidung zu bedenken, gab sie ihm ihre Hand, und er steckte sie in seine Manteltasche, um sie ohne Handschuhe halten zu können. »Ich frage mich, ob ich zur Marine gehen soll«, sagte Murray. »Meine Mutter ist dagegen, aber ich kann mir kaum denken, dass irgendeine Mutter dafür ist. Ich war noch nie in meinem Leben auf einem Schiff. Du?«

»Nur auf dem Dampfer nach Bob Lo. Ich bin am Ende des achten Schuljahres mal mit der Klasse hingefahren, und die Gewerkschaft von meinem Vater hat da mal ein Picknick veranstaltet.«

»Hast du Angst?« Er hielt ihre Hand fester.

»Ja. Ich weiß nicht, was das alles zu bedeuten hat. Ein Teil meiner Familie ist jetzt seit zwei Jahren im Krieg –«

»Verwandte in Polen?«

»Einige in Polen und welche in Frankreich.«

Murray grinste. »Ich habe noch nie französische Juden kennengelernt.«

»Zwei von den Schwestern meiner Mutter sind nach Paris gezogen. Meine Mutter stammt ursprünglich aus Polen und hat meine Oma rübergeholt.«

»Meine Eltern reden nie über ihre Familie in Europa. Sie wollen so sehr wie richtige Amerikaner sein, sie mögen nicht mal meine Fragen beantworten.«

»Sie reden nie Jiddisch?«

»Nie. Ich wusste gar nicht, dass sie es überhaupt können, bis ich einmal gehört habe, wie meine Mutter es in einem Laden benutzte, als sie um eine Manteländerung feilschte.«

»Ich finde es wichtig, ein Gefühl dafür zu haben, wo man herkommt.« Sie wollte noch nichts von Naomi sagen, die all die Verwandten, denen sie nie begegnet war, für sie real und lebendig machte. Naomi hatte nicht mit Murray gesprochen, und bei dem Gewusel und Chaos zu Hause war sie ihm wahrscheinlich entgangen, das kleine Mädchen mit dem krausen Haar, den hellbraunen Augen und dem herzförmigen Gesicht, das ihn wie eine eifersüchtige Katze wütend anstarrte.

»Ich weiß nicht.« Murray runzelte die Stirn. »Ich sehe manchmal die chassidischen Burschen mit den Schläfenlocken und den komischen Kleidern, und ich kann mich mit ihnen nicht mehr identifizieren als mit Eskimos oder Südseeinsulanern. Ich habe das Gefühl, sie sind aus dem Mittelalter. Ich lebe im Detroit des Jahres 1941, und sie leben immer noch im Minsk des Jahres 1841. Sie sind mir peinlich.«

»Aber es gibt eine Verbindung. Ich bin ebenso jüdisch wie sie, aber auf meine Art. Das habe ich von meiner Großmutter und meiner Mutter gelernt, und das möchte ich weitergeben.«

»Denkst du oft daran zu heiraten?«

Ruthie lachte auf. »Ach, Murray, unter all denen, die während der Depression aufgewachsen sind wie wir, kennst du da irgendwen, der ganz jung heiraten und eine Familie gründen will? Jedenfalls nicht die von uns, die ein kleines bisschen mehr wollen, als unsere Eltern haben. Ich sehe bei meinem Bruder Arty und seiner Frau Sharon, wie es sie am Boden hält, schon zwei Kinder zu haben. Mir macht es nichts aus, wenn Arty sagt, ich werde als alte Jungfer enden. Ich will nicht heiraten und ich will keine Kinder haben, bevor ich fünfundzwanzig oder vielleicht sogar dreißig bin!«

»Das ist gut, ich meine, das ist weitblickend von dir. Du schaffst bestimmt deinen Abschluss. Ruthie, ich weiß nicht, was ich machen soll. Auf der einen Seite möchte ich unbedingt auf der Uni bleiben, denn ich denke, das ist meine einzige Chance, weiterzukommen und einen richtigen Beruf zu lernen. Bei den Sachen, die mir jetzt offenstehen, sitze ich auf der Straße, sobald eine Wirtschaftskrise kommt. Ich möchte eine Arbeit tun, die ich schätze. Aber ich habe auch das Gefühl, ich sollte mich freiwillig zum Militär melden. Dies ist mein Land, und auf unsere Jungs wird bereits geschossen. Außerdem bin ich wahrscheinlich besser dran, wenn ich mich freiwillig melde, als wenn ich warte, bis sie mich einziehen. Was denkst du?«

»Ich denke, das darf ich dir nicht sagen, aber ich werde deine Entscheidung respektieren. Warum wartest du nicht bis Ende der Woche? Alle Brauseköpfe werden hinstürzen, sobald sie aus den Betten kommen. Warum nicht abwarten, was Präsident Roosevelt macht? Ich hörte einen Kommentator sagen, dass es vielleicht nur eine Seeblockade gibt.«

»Ich werde abwarten, bis ich sehe, was wirklich los ist. Ich kann mich immer noch nächste Woche melden. Ich werde durchhalten und weiterackern.« Er blieb mitten auf dem Bürgersteig stehen und beugte sich über sie. Bevor sie Zeit hatte, eine Entscheidung zu formulieren, küsste er sie, dann ließ er sie los. Sie gingen weiter. »Möchtest du ein Soda oder lieber Kaffee? Ein Stück Kuchen oder ein Eis?«

»Trotz der Kälte möchte ich ein Eiscremesoda.« Sie machte sich nicht die Mühe, ihm zu erklären, dass sie Kaffee immer auf dem Herd stehen hatten, aber dass ein Eiscremesoda etwas war, was sie zuletzt im August geschleckt hatte.

Sie fühlte sich betrogen, dass er sie so rasch geküsst hatte, so ruhig, so sachlich, dass sie keine Zeit gehabt hatte, sich darauf vorzubereiten, die Entscheidung zu drehen und zu wenden. Er war jetzt ein Mann, den sie geküsst hatte, einer auf der Liste von vieren, die bis vor fünf Minuten die Liste von dreien gewesen war. Es war zu schnell vorüber gewesen. Aus jahrelanger Beobachtung von Kinoküssen erwartete sie starke Gefühlsregungen von einem Kuss des Mannes, der ihr gefiel. Jetzt zog er womöglich plötzlich in den Krieg, und sie hatte keine Befriedigung und keine wesentlichen Erinnerungen von einem bekommen, der ein Viertel ihrer Erfahrungen mit Männern darstellte. Sie konnte nur hoffen, dass er es nach ihren Sodas auf dem Heimweg noch einmal tun würde, aber bitte nicht auf der Veranda unter der Lampe, wo die ganze Familie durchs Fenster spionierte.

Am Yenching-Institut bewirkte Pearl Harbour kaum eine Unterbrechung des Studiums. Daniel wurde auf dem schnellsten Wege zum Marinehafen in Charlestown gebracht, zusammen mit den übrigen Programmteilnehmern, die bis dahin Zivilisten gewesen waren. Nun wurden sie in aller Eile eingezogen. Offensichtlich hatten die Ärzte in ihrem Fall besondere Anweisungen bekommen, denn niemand wurde zurückgestellt, ganz gleich, wie alt und in welcher körperlichen Verfassung er war. Dann wurden sie in Bussen zu ihren Kursen zurückgefahren. Sie verloren nicht mal einen ganzen Tag, um in die Marine einzutreten.

Er hatte genug Geschichten über die Gräueltaten der Nazis in Europa und der Japaner in China gehört, um sich der Notwendigkeit des Krieges konkret bewusst zu sein. Trotzdem fühlte er sich merkwürdig, als für seine Uniform Maß genommen wurde. Er war nun ein Matrose, der seine einzigen Schiffskenntnisse als Passagier auf der Fahrt über den Pazifik gewonnen hatte. Plötzlich war er Fähnrich zur See Balaban. Er kam sich in seiner neuen Uniform wie ein Betrüger vor.

Ihn erstaunte, dass die Marine sich hatte überraschen lassen, wo sich die Situation im Pazifik doch ganz offensichtlich auf einen Krieg hin zugespitzt hatte. Manchmal vertrat er die Ansicht, die Entwicklung zum Krieg hätte begonnen, als amerikanische Kriegsschiffe unter Admiral Perry Japan 1854 zur Öffnung zwangen; doch näher lag, dass es das Ölembargo war, das den Krieg unvermeidlich machte. Die Marine musste den Einsatz der japanischen Armee in China beobachtet haben, dennoch gestand sie ihr nicht zu, eine schlagkräftige, moderne Kriegsmaschine zu sein. Die Amerikaner hatten einfach nicht geglaubt, dass die Japaner sie angreifen würden, denn schließlich waren sie Weiße und die Japaner nicht, und außerdem hielten sie sich selbst für einen Meter achtzig groß, die Japaner dagegen für klein, und kleine Männer lassen sich für gewöhnlich nicht auf den Nahkampf mit großen Männern ein. Er hatte schon festgestellt, dass in der Verteidigungsmythologie, die die Denkweise der Militärs prägte, solch primitives Denken zuweilen an die erste Stelle trat.

Er war in Sorge um Onkel Nat Balaban in Schanghai, besonders angesichts der Nachricht, dass die Japaner die Stadt bombardierten und ins International Settlement einmarschierten; aber Onkel Nat wohnte in Hongkew, das seit Jahren als Klein-Tokio bekannt war. Er hatte immer allen Gelder gezahlt, die Gelder verlangten, allen Seiten, allen Gruppierungen, und sich vor jedermann verneigt. Daniel hielt die Überlebenschancen seines Onkels für recht gut. Seine eigenen gaben ihm mehr Rätsel auf. Er musste doch eine Art Seeschulung erhalten, aber irgendwie schien das nicht vorgesehen. Und wenn man ihn dann eines Tages mit sehr guten Japanischkenntnissen, aber unfähig, den Bug vom Heck zu unterscheiden, auf ein Schiff abkommandierte, würde er wieder einmal die Zielscheibe aller Witze, der Außenseiter sein.

Das jetzt war ein ganz anderer Krieg, dachte Naomi, der in die falsche Richtung zeigte. Ihr war danach, das Radio zu verprügeln und nach allen Erwachsenen der Welt zu treten, die fest entschlossen schienen, mit ihren Kriegen alles kaputtzumachen. Sie hatte gedacht, wenn der Krieg hierherkam, dann der gleiche, in dem ihre Eltern gefangen waren, aber jetzt schien ein ganz anderer anzufangen, mit den Japanern jenseits des komischen anderen Ozeans, der so viel von dem Blau auf dem Globus aufbrauchte.

Sie verließ das Wohnzimmer, wo das Radio dröhnte, um sich auf Ruthies Etagenbett zu legen, das nach Fliederparfüm duftete. Sie drückte ihre Wange in Boston Blackies warme Flanke. Irgendwo lauschten Maman und Rivka ihrem kleinen Radio und hörten von diesem Überfall und sorgten sich um sie. Irgendwo in Südfrankreich lauschte auch Papa.

Sie umklammerte Boston Blackie und grübelte, ob es hier losgehen würde wie in Paris, als die Deutschen kamen. Es hatte nicht lange gedauert, da kannte der Kaufmann Maman nicht mehr, wenn sie in die épicerie ging, und bediente sie zuallerletzt. Auf der Treppe wandten die Nachbarn den Blick ab, wenn Naomi hinaufrannte, bevor das Treppenlicht ausging; auf der Straße spuckten Menschen vor ihr aus; ihre Freundin Agathe spielte nach der Schule nicht mehr mit ihr, denn ihr Vater hatte es verboten. Jeden Moment konnte sich die Welt dir gegenüber ändern, und die, die du immer deine Freundinnen genannt hattest, wandten sich ab und ließen dich allein auf dem Schulhof stehen. Dann gingst du näher zu den anderen Juden, sogar zu der langen, staksigen Yvette, und du und Rivka, ihr hieltet euch bei den Händen und standet zusammen mit den anderen jüdischen Kindern und wartetet, was die anderen sich als Nächstes gegen euch ausdachten.

Sie hörte Schritte, und Ruthies Arm legte sich sanft um ihre Schultern. »Naomi, was fehlt dir? Hast du Angst?«

Sie nickte.

Da riss Ruthie sie in ihre Arme. »Ich habe auch Angst, Naomi. Schreckliche Angst.«

Naomi erwiderte die Umarmung, und plötzlich durchflutete sie heftige Liebe zu ihrer Tante, die eigentlich gar nicht ihre Tante war, sondern ihre Kusine. Etwas in ihr riss sich los, und für einen Augenblick hatte sie ein schlechtes Gewissen gegenüber Maman und Papa und Rivka und Jacqueline, dass sie anfing, jemand anders zu lieben. Ob sie sie je wiedersah? Jemals? Sie hatte Maman und Rivka seit Mai nicht gesehen und Papa seit Juni.

Alle diese Kriege zerschnitten die Welt in blutende Stücke, und niemand konnte hinüber. Aber Ruthie, die wollte sie lieben. Nach dem Krieg, wenn es je ein Danach gab, dann nahm sie vielleicht Ruthie mit zurück, und dann lebte Ruthie auch bei ihnen. »Comme elle est belle, avec ses yeux très verts, et sympathique aussi. Tu as de la chance, petite.« Mamans volltönende Stimme mit dem singenden Tonfall sprach in ihr Ohr, die Stimme, in der immer ein Lachen lag, wie Adern aus dunklen Wirbeln in hellem Marmor. Sie drückte Ruthie noch enger an sich. Sie hielt sich fest.

Jacqueline 2
Von Frostbeulen und fauligen Kohlrüben

22 août 1941

Dies wird eine kurze Eintragung, denn ich habe zwei Nächte lang nicht geschlafen. Wir sind alle mit Papas altem copain Georges aufs Land bei Fontainebleau gefahren, um auf zwei Bauernhöfen, wo Georges die Leute kennt, so viel Nahrungsmittel wie nur möglich zu kaufen. Es war heiß, und Maman ging nicht zur Arbeit, also beschlossen wir, fast eine Landpartie daraus zu machen. Der Zug war völlig überfüllt mit anderen, die genau das Gleiche taten, mit unzähligen Taschen und Rucksäcken, die wir alle mit Vorräten vollstopfen wollten. Bohnen- oder Kartoffelzüge werden sie genannt.

In diesen Zeiten ist außer den Deutschen und jenen, die ihnen nachlaufen und ihnen schöntun und ihnen dienen, niemand auch nur das kleinste bisschen elegant. Im Winter watscheln wir alle unter so vielen Schichten von Pullovern und Schals und Strickjacken und Strümpfen umher, wie wir uns nur überzwängen können, denn uns fehlt Heizmaterial, und wir sehen alle zunehmend schäbig aus, denn es herrscht Mangel an neuer Kleidung, die rationiert und meistens nicht zu kriegen ist (für uns; die Deutschen und ihre Kollaborateure prunken). Zu allen Jahreszeiten gehen wir mit leeren Einkaufstaschen durch Paris, um uns stundenlang für eine Handvoll alte Bohnen oder ein Glas Marmelade anzustellen. Niemand fährt Auto außer den Deutschen. Fahrräder sind die Lebensader, und wenn ein Schlauch kaputtgeht, muss man ihn reparieren, um zu überleben. Also standen die Menschen in dem Zug wie die Ölsardinen und beobachteten einander und überlegten, was jeder an Essbarem hamstern wollte und was er dafür eintauschte. Wir hatten ein paar Stücke Seife und ein Stück leicht räudigen, aber immer noch warmen Biberpelz, den jede geschickte Hausfrau zu einem Muff verarbeiten oder auf einen Mantelkragen nähen kann, und eine gute wollene Hose von Papa, die wir äußerst ungern weggeben, aber wir hatten Angst, sie würde von den Motten zerfressen. Wer weiß, wann wir Papa wiedersehen? Im Mai hat er sich einen Ausweis auf den Namen eines Toten gekauft, um in die unbesetzte Zone zu gelangen und eine von uns über Marseille nach Amerika zu schicken. Ich weigerte mich zu gehen, weil ich für mein bac lernte, das ich mit fliegenden Fahnen bestanden habe. Papa hat stattdessen Nadine mitgenommen, und wir haben ihn seitdem nicht mehr zu Gesicht bekommen, obwohl wir regelmäßig von ihm hören.

Als wir heute zurückkamen, herrschte heilloses Durcheinander. Während wir fort waren, haben die Nazis das gesamte Elfte Arrondissement abgeriegelt, die Metrostationen geschlossen und sind eingerückt. Sie haben Juden auf den Straßen verhaftet, in Cafés und Restaurants, beim Anstehen in den Schlangen – wir tun ja tagaus, tagein nichts anderes – und sogar in ihren Wohnungen. Die Balabans sind spurlos verschwunden. Zwei Tage lang bin ich für Maman in Paris herumgerannt, denn sie weinte und weinte, und habe herauszufinden versucht, was man mit ihnen gemacht hat.

24 août 1941

Heute habe ich erfahren, dass die Balabans in einer Art Lager in Drancy sind, einem Eisenbahnknotenpunkt nur ein paar Kilometer außerhalb von Paris. Maman ist sehr erleichtert zu wissen, wo sie sind. Wir müssen sie aufsuchen und fragen, was sie brauchen. Ihre Wohnung ist verwüstet, alles auf den Boden geworfen und aufgeschlitzt. Nachbarn sagen, das war die Polizei. Wenn sie nach den sagenhaften Reichtümern gesucht haben, die solche Kerle bei Juden immer zu vermuten scheinen, dann haben sie umsonst gewühlt, denn die Balabans besaßen kaum mehr als die Kleider am Leibe und ein paar wackelige Möbelstücke vom Trödler.

26 août 1941

Es wird immer übler. Vor etwas mehr als einer Woche kam es zu Ausschreitungen zwischen Demonstranten und der Polizei – sowohl gendarmes als auch deutsche Polizei – an der Porte Saint-Denis und der Porte Saint-Martin, und viele Leute wurden verhaftet, obwohl sich die Demonstrationen nicht von hundert anderen unterschieden, wie sie für jeden, der die letzten zehn Jahre in Paris gelebt hat, zum normalen Alltag gehören! Jedenfalls haben die Deutschen zwei von den Verhafteten hingerichtet. Um den einen machen sie besonderes Trara, weil er Jude ist, und sie setzen ihn in großen Lettern auf alle Plakate als »DER JUDE SZMUL TYSZELMAN«.

Henri sagt, das ist nur der Nazi-Wahn, und die Leute werden sie irgendwann auslachen, und dann kommt es zu Massenungehorsam, aber mir ist seine Einstellung dieser Tage zu optimistisch. Er hat mir heute ein wunderschönes Geschenk gebracht – fünf Kilo Kartoffeln und ein kleines Stück Hammelfleisch. Maman war außer sich vor Freude, obwohl ihre zweite Frage natürlich war: Schläfst du mit ihm? Wenn ich es täte, Maman, habe ich gesagt, vielleicht hätte er mir dann ein größeres Stück Hammelfleisch geschenkt! Sie holte aus, als wollte sie mich ohrfeigen, aber dann tat sie es nicht, weil sie in Wahrheit viel zu glücklich über das Hammelfleisch war und auch über die Kartoffeln.

Der Bruder seiner Mutter hat 25 Kilometer Richtung Norden einen Bauernhof, also ist er am Samstag mit dem Fahrrad hingefahren und am Sonntag mit Paketen beladen zurück. Wir hatten heute Abend ein Festessen, und Maman wird es über die nächsten zwei Tage strecken. Es ist so lange her, dass wir etwas anderes zu essen hatten als Suppe aus Viehfutter und Kräuterextrakt und ein bisschen verfaultem Gemüse, Bohnen Bohnen Bohnen Bohnen Bohnen und hin und wieder ein dünnes Scheibchen Käse, heruntergespült mit Ersatzkaffee und Kräutertees. Ab und an pro Person ein Ei.

Letzten Monat hatten wir unsere Brotzuteilung schon am zwölften aufgebraucht, und obwohl wir uns diesen Monat solche Mühe gegeben haben, war sie am siebzehnten alle. Wir hätten sie noch eher aufgezehrt, aber wir »organisieren« alle, was wir können, und meine copains, die Clique im Café Le Jazz Hot, laden mich fast jeden Tag ein. Die meisten von ihnen haben gute Schwarzmarktbeziehungen. Natürlich ist es viel leichter, wenn man kein Jude ist, aber ich kann mich nicht beklagen, da sie mit mir teilen.

Ich schreibe das heute Abend mit vollem Bauch, und es ist verblüffend, wie stark und wach ich mich fühle. Gleich nach dem Essen bin ich fast eingedöst. Wir saßen um den Tisch in der salle à manger, Maman, Renée und ich, und strahlten uns an. Wir fühlten uns friedlich wie Kühe auf der Weide, wobei ich mich nicht schämte, dass meine Seligkeit auf einem ausnahmsweise mal wohlgefüllten Magen beruhte, denn ich weiß inzwischen, wie schwierig es ist, sich mit einem leeren zu konzentrieren.

Es muntert mich auch auf zu wissen, dass wir morgen oder übermorgen keinen Hunger leiden werden. Ich kann mich den Problemen unseres Lebens mit stabilerer Kraft und weniger auf Kosten meiner Nerven stellen. Ich konnte nicht sagen, ob mir das Lammfleisch besser geschmeckt hat oder die Kartoffeln. Sogar die Kohlrüben, die wir verabscheuen und jeden Tag essen, schmeckten in dem Schmortopf fast essbar. Letzte Woche hat mir Céleste eine Tüte Möhren verkauft, die mindestens zwei Kilo gewogen haben muss. Maman hatte noch zwei davon für unseren großartigen Schmortopf.

Nahezu unser ganzes Leben verbringen wir mit Schlangestehen. Maman hat immer noch ihre Arbeit bei dem Kürschner, obwohl M. Cariot die Firma weggenommen worden ist. Sie beschlagnahmen alle jüdischen Unternehmen. Der Mann, der das Geschäft übernahm, hat die Juden nicht wie erwartet entlassen, denn er sagt, wie soll er ein Fachgeschäft führen ohne Fachkräfte? Maman sagt, wir haben großes Glück. Renée und ich besorgen das meiste Schlangestehen, aber ich kann es besser, weil ich größer bin, während Renée weggedrängelt wird. Ich kann inzwischen im Stehen lernen, und so lese ich das meiste für mein Studium beim Schlangestehen.

Als Neuestes haben die Deutschen angekündigt, dass alle, die aus irgendeinem Grund verhaftet werden – und über die Hälfte aller Verhafteten sind Leute, die nach Beginn der nächtlichen Ausgangssperre aufgegriffen wurden –, in Zukunft als Geiseln gelten. Man ist also ins Gespräch vertieft und versäumt die letzte Metro um 23 Uhr, und wenn einen dann nicht nette Freunde über Nacht beherbergen, wie Céleste es mehrere Male getan hat und Henri und Albert wie Gentlemen einmal, hat man Pech gehabt. Henri und Albert wohnen gleich den Hügel rauf bei der Sorbonne, in einer schmutzigen kleinen Seitenstraße, aber bequem gelegen. Maman geht an die Decke, wenn ich über Nacht wegbleibe. Ich tue das nicht absichtlich, aber hin und wieder verpasst jeder die letzte Metro. Dieses Dekret bedeutet, wenn ich bei irgendeinem kleinen Verstoß gegen die Vorschriften gefasst werde, dann können sie mich eines Morgens an die Wand stellen und erschießen, weil irgendein Hitzkopf einen Schuss auf einen deutschen Offizier abgegeben hat. Ich verstehe nicht, was die Deutschen mit dieser Brutalität erreichen wollen. Meinen sie, wenn irgendeine arme Tellerwäscherin, die ihre Bahn versäumt hat, als Vergeltung für eine Aktion einer der neuen Widerstandsgruppen erschossen wird, dann werden die Gaullisten oder die Kommunisten unweigerlich eingehen und verdorren?

Fast hätte ich es vergessen: Bei den Balabans sind schon andere Leute eingezogen. Sie haben die armseligen Sachen der Balabans auf die Straße geworfen, damit die Nachbarn alles durchwühlen können, aber die Küchenmöbel haben sie behalten. Ich weiß nicht, was die Balabans machen sollen, wenn sie zurückkommen. Ich hoffe nur, Mamans Familiensinn verleitet sie nicht dazu, sie aufzunehmen. Ohne Papas Verdienst haben wir mein Zimmer im obersten Stock aufgeben müssen. Maman teilt mit Renée ihr Doppelbett, und ich schlafe auf dem Klappbett in der salle à manger.

8 septembre 1941

Ich kam von meinem Schauspielunterricht und musste den Boulevard des Italiens entlang. Ich war gerade in Gedanken völlig mit der Berenice in Racines großer Tragödie beschäftigt, mit der ich mich in mancher Hinsicht ohne weiteres identifizieren kann, als ich eine große Menschenmenge sah, die vor dem Palais Berlitz Schlange stand.

»Was gibt es? Ist da eine Ausstellung?«, fragte ich eine ältere Frau. Ich achte immer darauf, auf der Straße Frauen um Auskunft zu fragen, da ich nicht irgendeinem Mann eine Bresche schlagen möchte, der sich einbildet, ich versuchte ihn aufzugabeln. Ich erinnere mich immer noch an den blöden Jungen, der mir den ganzen Weg zu Marie Charlottes Wohnung nachgegangen ist, nur weil ich seine Frage beantwortet und ihm gesagt habe, wo es zur Gare du Nord geht. Jetzt ist mir klar, dass er es ganz genau wusste. Henri sagt, ich bin absolut naiv, was Männer anbelangt, aber die Wahrheit ist, ich habe andere Sorgen und brauche nicht noch mehr.

»Eine große Ausstellung, alle Welt geht hin«, sagte sie und nickte mir zu. »Über ›Der Jude und Frankreich‹. Sie sollten auch hingehen. Sie sind nicht zu jung, um sich den Tatsachen zu stellen.«

Ich dachte zuerst, sie meinte, dass ich mir als Jüdin den Antisemitismus klar vor Augen führen müsse, aber dann fuhr sie fort: »Sie müssen sich rein erhalten, ein junges Mädchen wie Sie, aber Sie müssen sich auch kundig machen über die Durchseuchung. Es geht darum, sich für das Neue Frankreich heranzubilden.«

Ich schäme mich inzwischen, aber mir war es für sie derart peinlich, so dumm und primitiv zu sein, dass ich kein Wort hervorbrachte. Ich fürchte, meine Manieren veranlassten mich automatisch, ihr zu danken und fortzueilen. Sie war eine gut gekleidete Dame in den besten Jahren und trug ein Marinekostüm mit Schulterpolstern nach der neuesten Mode, dazu eine gestreifte weiße Bluse mit Krawattenschleife und einen wagenradgroßen Hut mit einem echten kleinen toten Vogel obendrauf.

Ich wünschte, ich hätte ihr eine runtergehauen, aber das wäre sinnlos, ja mehr noch, es wäre unmoralisch gewesen, verbale Gewalt mit physischer Gewalt zu erwidern. Vielleicht tat ich das Beste. Andererseits bezog ich keine Stellung. Was hätte ich tun sollen? Wäre ich ein wahrhaft edler Mensch wie die Antigone bei Sophokles, dann wären mir die Worte gekommen und ich hätte etwas Deutliches und Zündendes gesagt, das ihr ihre Dummheit gezeigt hätte, so von einem ganzen Volk zu sprechen.

Tatsächlich jedoch fühlte ich mich gedemütigt und ging einfach auf dem breiten Bürgersteig weiter auf die Menge zu. Direkt an der Fassade vom Palais Berlitz hing zwischen den Säulen ein riesiges, vier Stockwerke hohes Plakat von einem alten Mann mit Bart und langer Nase, der ein Jude sein sollte und Klauen dort in einen Globus grub, wo Frankreich eingezeichnet war. Grässlich. Mir wurde ganz heiß, und ich wusste nicht, wo ich hinschauen sollte. Ich hatte Angst, mitten auf der Straße in Tränen auszubrechen. Als ich sah, wie all diese ganz normalen Leute, meine Landsleute, die vielleicht gestern noch im Kino neben mir gesessen oder mich am Zeitungskiosk begrüßt haben, wie sie alle nur darauf warteten, sich in diese von einer französischen Einrichtung, dem Institut d’étude des questions juives, veranstalteten Nazi-Ausstellung zu drängeln, da fühlte ich mich wie eine Küchenschabe, die sie mit ihren elegant beschuhten Füßen zu zertreten suchten.

Ich wollte auf eine Seifenkiste steigen und sie anschreien: Wie könnt ihr wagen zu denken, dieses hässliche, von euch gezeichnete Bild hätte irgendetwas mit mir zu tun? Es ist eure eigene ekelhafte Phantasie, in der ihr euch suhlt. Wie die unanständigen Zeichnungen, die die Jungens immer machten und uns dann anzuschauen zwangen. Sag uns, was das ist, sag uns, was das ist. Eure eigene schmutzige Phantasie, habe ich da gesagt: Wenigstens ein Mal ist mir die richtige Antwort eingefallen.

Ich denke, einer meiner schlimmsten Fehler ist, dass ich – während mein Verstand rascher zu arbeiten scheint als der anderer Menschen – oft zu viele Seiten einer Frage sehe, was mich in meiner Erwiderung schwächt. Ich sollte mich bemühen, einfacher zu sein. Manchmal denke ich, Einfachheit ist eine Tugend, und wenn ich das schreibe, denke ich dabei an Maman, die immer ohne Umwege auf den Kern einer Sache zu sprechen kommt.

Als ich nach Hause kam, überlegte ich, ob ich das Gesehene erwähnen sollte, aber dann schaute ich Maman an, die von der langen Arbeit beim Kürschner jeden Tag so abgehärmt und erschöpft ist und dann noch herumrennt, um etwas für eine Suppe zum Abendbrot aufzutreiben, und die kleine Renée, die in diesen Tagen so fügsam und still ist, dass ich mir Sorgen um sie mache. Ich dachte, wenn Papa endlich nach Hause kommt, werde ich ihm davon erzählen, aber bis dahin muss ich, wie er es mir aufgetragen hat, auf Maman und Renée aufpassen, denn in mancher Hinsicht habe ich wirklich einen kühleren Kopf.

3 octobre 1941

Letzte Nacht sind sechs der Synagogen von Paris in die Luft gesprengt worden! Ich bin heute Morgen mit Renée losgegangen, und wir schauten nach unserer, wo wir an den Hohen Feiertagen hingehen, und da war nichts mehr als eine Ruine mit Glasscherben und Mörtelbrocken und Stofffetzen und stiebendem Papier. Juden aus der Nachbarschaft irrten herum und stocherten im Schutt, um irgendetwas zu retten. Es hat mich derart empört, dass ich vor Hilflosigkeit brenne. Was für eine schändliche, geistesgestörte Tat. Ein Gotteshaus zu zerstören. Was sind das für Kretins, die das für eine angemessene politische Tat halten?

All die pöbelhaften neuen Zeitungen schreien, das sei eine spontane Tat des französischen Volkes gewesen, das uns, die sogenannten fremden Elemente, hinauswerfen will. Das uns abwehrt, wie man eine Krankheit oder ein Gift abwehrt. Ich muss sagen, es ist reizend, zur Mikrobe geworden zu sein. Ich gehe in diesen Tagen durch Paris, und es ist, als schlüge mir alle zwanzig Schritte irgendein Flegel ins Gesicht, wenn ich sehe, wie diese Zeitungen darüber tönen, wie großartig die Sammlungsbewegung ist und wie Frankreich gesäubert und gereinigt wird, oder wenn ich eine wahrhaft entstellende und abstoßende Karikatur sehe, die mich oder Papa oder Maman darstellen soll, oder wenn ich in Erfahrung bringen möchte, was in der Welt geschieht, und statt der Zeitungen, die bei all ihrer Parteilichkeit wenigstens die Nachrichten aus aller Welt brachten, haben wir nichts als diese Hetzblätter, die Hass hinausschreien und unseren Tod fordern.

Manchmal kann ich es immer noch nicht glauben, dass alle diese Franzosen herumrennen und den Deutschen in den Hintern kriechen und ihnen schöntun und ihre Parolen nachplappern! Ich habe törichte Tagträume, dass ich in die Redaktion eines dieser Hetzblätter oder einer dieser Zeitschriften stürme, die sich literarisches oder philosophisches Niveau anmaßen. Les Nouveaux Temps, La Gerbe, Aujourd’hui, Nouvelle Revue Française, sie alle halten sich an die Richtlinien der Besatzer, und keine verteidigt uns. Sie sind lediglich höflichere Formen von L’Appel und Au Pilori, die uns täglich mit einem Schwall Erniedrigungen übergießen und offen unseren Tod fordern. Ich fühle mich, als lebte ich in einer tollwütigen Stadt, wo jeder Zweite vor mörderischem Irresein schäumt und geifert.

Ich erinnere mich, dass ich mir noch im letzten Jahr beim Lernen für mein bac ausgemalt habe, wie glücklich ich erst sein würde, sobald ich an der Sorbonne wäre. Ich würde anderen Studenten begegnen, die meine Interessen teilen, und ein Leben reicher intellektueller Gärung und strenger Hingabe an Ideen führen. Nun halte ich mich meistens von anderen Studenten fern, da ich den Schock der Entdeckung fürchte, dass auch sie Antisemiten sind. Die Mühsal des Überlebens ist so anstrengend, dass ich die Vorlesungen gar nicht zu schätzen weiß. Oft komme ich im Quartier Latin am Café Dupont mit seinem Schild KEINE JUDEN ODER HUNDE vorbei. Wie manche Konvertiten katholischer als der Papst sind, so eifern diese nachgemachten Nazis, ihre Herren zu übertreffen.

29 novembre 1941

Welch ein trauriger, stiller Geburtstag war das am 24. für mich. Dann erhielten wir Nachricht von Papa. Ein halbwüchsiger Junge in Pfadfinderuniform erschien damit, ein äußerst unwahrscheinlicher Überbringer geheimer Botschaften, aber er legte Wert auf die Feststellung, dass er in der EIF ist, was für Éclaireurs Israélites de France steht, die Jüdischen Pfadfinder. Er tat unseren Dank ab und sagte, es sei für ihn nicht schwierig, da er seine Methoden habe, die Grenze nach Vichy zu überqueren.

Er brachte uns auch eine Flasche Cassis als Geschenk von Papa, die sehr willkommen ist, weil Maman und besonders ich die Wärme von ein wenig Wein zum Abendbrot vermissen und es Monate her ist, seit wir irgendetwas Alkoholisches genossen haben. Unsere winzige Weinration tauschen wir bei Mme Cohen gegen ein wenig Butter und etwas Magermilch für Rivka. Cassis, sagt Maman, ist besonders willkommen, da wir uns so oft den Magen an verdorbenen Nahrungsmitteln verkorksen oder an Brot mit seltsamen Zutaten – wir vermuten alles von Knochenmehl bis zu zermahlenem Mörtel aus Ruinen. Der Cassis wird nur löffelweise ausgeteilt werden, und zwar nach dem Abendbrot, um uns zu wärmen und unsere armen gequälten Mägen zu besänftigen.

Papa ist in Toulouse, erzählte uns der Junge. Er scheint Papa sehr zu bewundern. Er sagte, Papa kann nicht über die Grenze nach Paris zurück, ist aber eine starke Kraft im Widerstand gegen die Deutschen und die Vichy-Regierung. Zweimal wäre Papa beinahe gefasst worden, konnte aber entkommen. Er sagte, Papa ist ein sehr tapferer Mann und wir können stolz auf ihn sein. Papa hat ihm aufgetragen, uns Papiere zu verschaffen, die er uns beim nächsten Mal auszuhändigen hofft, aber dafür braucht er von uns erst einmal neuere Fotos für gefälschte Ausweispapiere. Die werden uns in die Lage versetzen, nach Toulouse zu Papa zu gelangen.

An diesem Punkt gingen wir alle drei ins Schlafzimmer, schlossen die Tür und sahen uns sorgfältig Papas Brief an, um sicherzugehen, dass er wirklich von ihm war und dass wir es nicht mit einem verkappten Faschistenjungen zu tun hatten, der uns eine Falle stellen wollte. Aber es war ganz offensichtlich Papas Handschrift. Der Brief war kurz, und es stand nur darin, dass er uns lieb hat, uns fürchterlich vermisst und dass wir dem jungen Mann geben sollen, was er braucht, denn er würde es ihm auf seinen nächsten Runden überbringen, wie Papa sich ausdrückte.

Das Problem war nur, wir haben uns schon seit mehreren Jahren nicht mehr fotografieren lassen, und wir wagten nicht, sosehr wir sie auch hassen, von unseren Kennkarten mit dem großen roten Stempel JUIVE die Fotos zu entfernen. Wir sagten dem jungen Mann, wir könnten in der nächsten Woche versuchen, Fotos zu bekommen. Wir haben kaum Geld. Er erwiderte, wir sollten sehen, was wir tun könnten, aber er könne nicht warten, da er weiter nördlich noch etwas zu erledigen habe. Er wolle auf dem Weg nach Süden vorbeischauen, sagte er, und die neuen Fotos abholen.

Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich keinem außerhalb der Familie ein Wort davon erzählen werde, und ich warnte auch Maman, die immer vernünftig ist, und Rivka, die es nicht ist, über diesen Besuch Stillschweigen zu bewahren. Ich habe dem Wunsch meiner Schwester, bei ihrem hebräischen Namen genannt zu werden, nachgegeben, denn sie hat in diesen Tagen so wenig Freuden.

Dann kam ein Geschenk von Naomi aus Detroit in den USA. Ich war überrascht, dass der kleine Quälgeist an meinen Geburtstag gedacht hatte, aber wahrscheinlich hat wohl ihre Tante für das Paket gesorgt. Es ist vor zwei Monaten aufgegeben worden, aber alles ist heil geblieben, und wir waren entzückt. Sie hat uns eine große koschere Wurst geschickt, also nehme ich an, dass es da drüben auch so etwas gibt, ein Kilo Zucker, ein Glas Stachelbeermarmelade, ein Glas Aprikosenmarmelade und ein Glas Himbeermarmelade. Alles Süße ist bei uns ein Volltreffer. Sie hat auch zwei Stück Camay-Seife und ein Glas Leberpâté hineingelegt.

Naomi schreibt regelmäßig, aber ihre französische Grammatik ist entsetzlich und wird immer schlimmer. Sie wird zu einer Wilden. Ich weiß nicht, ob Papa das Richtige tat, sie so ganz allein wegzuschicken. Wir bekommen auch Briefe von Rose Siegal in Jiddisch, einer Sprache, die ich nicht lesen kann, aber Maman übersetzt. Tante Rose (Mamans älteste Schwester) versichert uns, dass Naomi wohlauf ist und ihr Englisch verbessert (während sie ihre eigene Sprache verleugnet, ergänze ich) und rasch wächst. Das tut Rivka auch, aber sie ist zu dünn. Wenn wir nur ein bisschen mehr für sie zu essen hätten. In der Schule bekommen die Kinder Vitaminkekse. Manche Kinder tauschen ihre ein, aber ich habe Rivka eingeschärft, ihren jeden Tag zu essen. Tante Rose fragt nach Tante Batya, ihrer Schwester, die immer noch in Drancy ist. Maman wird ihr das wenige, was wir wissen, schreiben, denn wir dürfen die Gefangenen nicht besuchen.

Es war sehr einfühlsam von Naomi oder Tante Rose, uns diese Geschenke zu schicken. Der Winter setzt früh ein, und wir frieren erbärmlich. Wir haben keine Heizung. Maman bekommt Frostbeulen. Wir gehen mit einer Wärmflasche ins Bett, aber die bleibt nur eine Stunde lang warm. Wir schlurfen herum wie Altkleiderbündel und haben ständig Handschuhe an, die wir nur ausziehen, wenn wir abwaschen müssen.

Die Seife ist eine besondere Wohltat, denn wir können ein regelmäßiges System einführen, einmal in der Woche zu baden. Wir hatten seit Oktober keine Seife, da wir sie gegen Nahrungsmittel eingetauscht haben. Rivka braucht etwas zu essen und Maman auch. Ich futtere mich noch am besten durch, weil ich von meinen Freunden verwöhnt werde, die alle gute Schwarzmarktbeziehungen und immer ein Häppchen für mich haben und manchmal sogar eine ganze Mahlzeit. Wo immer ich kann, versuche ich, ein Brötchen oder ein Stück Hühnchen für Rivka und Maman einzustecken, heimlich, denn einmal hat mich Céleste dabei ertappt, wie ich einen halben Croque-Monsieur in die Tasche stecken wollte, und sagte: Na, wenn du keinen Hunger hast, esse ich ihn, und das tat sie.

Ja, außerhalb des Hauses esse ich Schinken. Ich würde eine Kröte essen, wenn mir jemand eine vorsetzte. Ich hätte den Schinken Rivka gegeben und ihr gesagt, es sei Cornedbeef. Ich fühlte mich elend, weil ich Hunger hatte und ihn entsetzlich gern gegessen hätte, aber noch lieber hätte ich ein bisschen davon Rivka gegeben, die nur noch Haut und Knochen und fast blau im Gesicht ist. Maman meint, vielleicht hat sie Blutarmut, aber was können wir dagegen tun? Henri hat mich diese Woche nicht zum Mittagessen eingeladen. Für ihn steht inzwischen fest, dass ich meine Jungfräulichkeit zum Fetisch erhebe, und er sagt, solchen bürgerlichen Humbug müsste ich überwinden.

Gut, sagte ich, ich werde auf den Boule Mich’ gehen, das erstbeste Fahrradtaxi anhalten und mich anbieten.

Ein Fremder könnte eine Krankheit haben, sagte er. Ich denke dabei nur an dich.

Ich weiß, wie du an mich denkst, und träum weiter, sagte ich. Ich tue völlig gelassen, denn das muss man, aber ich fühle mich ganz merkwürdig, wenn ich mit ihm am Tisch sitze und er ständig wie rein zufällig mein Knie berührt, meinen Ellbogen, meine Schulter. Wenn wir nicht so viele Kleiderschichten anhätten, könnte er sehen, dass ich manchmal eine Gänsehaut bekomme. Zu meinem Glück sind wir beide in unsere Sachen eingewickelt wie Mumien im Museum, und selbst wenn er mich zu küssen versucht, kommt er nicht näher als fünfzehn Zentimeter, weil wir so ausgestopft sind. Trotzdem träume ich davon, wie seine Augen, hellbraun wie nasser Sand, sehnsüchtig an mir hängen.

12 décembre 1941

Jetzt befindet sich Deutschland also im Krieg mit den USA. Henri sagt, die Deutschen haben am Ende mehr abgebissen, als sie kauen können, aber uns scheinen sie leicht genug verdaut zu haben. Ich habe wenig konkrete Hoffnung, jemals in einer nicht von Irrsinn beherrschten Welt zu leben, oder höchstens irgendwann einmal als alte Frau. Wir werden keine Pakete mehr von Naomi bekommen und auch keine Briefe mehr. Wir sind von unserer Schwester abgeschnitten, als wäre sie auf dem Mond! Maman weint viel über Naomi und schilt sich dann für ihre Selbstsucht, da doch wenigstens eines ihrer Kinder in Sicherheit ist. Rivka war nie mehr die Alte, seit Naomi fort ist; sie ist nur noch ein halbes Kind, still, fügsam und zutiefst einsam, obwohl ich so sehr viel mehr Zeit mit ihr verbringe.

Gestern ist etwas einfach Unvorstellbares geschehen. Die Nazis haben in einer Razzia eintausend französische Juden zusammengetrieben, darunter alle Rechtsanwälte, die bei der Pariser Anwaltskammer zugelassen sind, ja überhaupt alle. Sie haben Ärzte, Anwälte, Schriftsteller und Intellektuelle geholt und einfach verhaftet. Niemand scheint zu wissen, wohin sie gebracht worden sind, außer dass es diesmal nicht Drancy ist, wo die armen Balabans eingesperrt sind. Wir haben ihnen kleine Päckchen gebracht, wurden aber nicht hineingelassen. Das Lager stinkt schon aus zweihundert Metern Entfernung. Es ist eine unfertige Neubausiedlung, umgeben von Stacheldraht und Wachtürmen. Man müsste meinen, die armen Balabans seien Vergewaltiger, Mörder und Terroristen und nicht eine Familie von Fabrikarbeitern.

Wohin sie die schrecklich gefährlichen Schriftsteller, Anwälte und Ärzte gebracht haben, ist reine Vermutung. Wir machen uns Gedanken und haben Angst, wir geben Gerüchte weiter und warten auf die Rückkehr des Pfadfinders, aber bis jetzt war er noch nicht da. Die Rechtfertigung für diese Razzia – aus irgendeinem Grund haben die Nazis immer gern eine Rechtfertigung, und sei sie noch so fadenscheinig – ist Bestrafung, weil jemand auf einen deutschen Luftwaffenoffizier geschossen hat. Das ist alles.

Im Café Le Jazz Hot machen alle Witze darüber, dass ich die letzte Jungfrau von Paris bin. Céleste verkündete heute, dass sie mich ausstopfen und in einen Schaukasten im Musée de l’Homme stecken werden. Ich sagte, mir wäre das nur recht, solange ich mit Brathuhn und Kalbsschnitzeln und Steaks ausgestopft werde. Henri sagte, wie wäre es mit meiner Salami. Manchmal erröte ich innerlich von dem, was sie sagen, aber ich bleibe sehr kühl. Ich sagte, nein danke, deine Salami ist nicht koscher.

Hinterher dann, als Henri mich zur Metro brachte, fragte er mich, ob ich nicht mit ihm schlafe, weil er kein Jude ist. Er wollte mitten auf dem Bürgersteig ein ernsthaftes Gespräch über etwas anfangen, was ich im Scherz gesagt hatte, um ihnen das Maul zu stopfen. Es endete damit, dass ich ihn im Hauseingang küssen musste. Dann versuchte er wieder, seine Hand unter meinen Pullover zu schieben. Ich sagte: Versuch ja nicht, dich schrittweise vorzuarbeiten, Henri. So wirst du mich nicht rumkriegen. Wenn ich mich dazu entschließe, werde ich das Ganze machen, aber bis dahin betatsch mich nicht, das finde ich ordinär. Er wurde wütend und ging weg, aber ich weiß, das Problem wird nicht weggehen.

Ruthie 2
Von hastigen Gelöbnissen

Ruthie stand auf einem Stuhl. Mame steckte den Rocksaum von dem schicken grauen Gabardinekostüm ab, das sie bei Goodwill gefunden hatte. Die Ärmel waren unten leicht abgetragen, aber die hatte Mame eingeschlagen, und die Nähte unter den Armen hatte Ruthie selbst ausgebessert. Der Rock war länger, als junge Frauen jetzt trugen, und so machte Mame ihn kürzer. Das musste alles in großer Eile geschehen, denn Leib und Trudi heirateten heute Nachmittag im Studierzimmer vom Rabbi.

Ruthie wusste noch nicht, was sie von der Heirat halten sollte. Leib hatte für eine kleine Firma gearbeitet, die Reklameluftballons herstellte, aber die bekam keinen Gummi mehr geliefert und musste alle entlassen. Er hatte Arbeit am Fließband vom Chrysler-Panzerwerk gefunden, aber als seine Nummer von der Einberufungsbehörde aufgerufen wurde, war er noch nicht lange genug dabei, um wegen kriegswichtiger Arbeit freigestellt zu werden. Jetzt musste er in drei Tagen zur Armee, und er und Trudi heirateten sofort. Seit seiner Trennung von Ruthie hatte er sich ab und zu mit Trudi getroffen, aber Trudi hatte geklagt, er sei nicht in sie verliebt.

Als Trudi ihr von der Hochzeit erzählte, sagte Ruthie: »Aber ich dachte, so gut stand es zwischen euch nicht.«

»Schon, aber das hat sich geändert. Jetzt will er mich heiraten. Hör bloß auf, Ruthie, du hättest Leib auch geheiratet, wenn er dich je gebeten hätte, also erzähl mir keinen Quatsch. Was will man mehr, groß, dunkel und gutaussehend. Außerdem bin ich Patriotin.« Trudi war die vierte ihrer Freundinnen, die seit dem siebten Dezember heiratete, jede einen Mann mit dem Einberufungsbefehl in der Tasche.

Als Trudi Ruthie gebeten hatte, ihre Brautführerin zu sein, hätte Ruthie sich am liebsten gedrückt. Sie hatte keine Lust, Leib zu begegnen; es tat immer noch weh. Sie meinte nicht, ihn wirklich geliebt zu haben. In ihm war immer etwas gewesen, dem sie misstraut hatte. Sie war davon ausgegangen, dass das mit Männern eben so war – aber mit Murray war es nicht so.

»Mame, ich will dich nicht hetzen, aber vielleicht werde ich mit geheftetem Saum gehen müssen. Es macht doch nichts, wenn der Saum nicht völlig gerade ist. Das ist nicht meine Hochzeit, und niemand wird mich anschauen.«

»Meine Tochter, und geht zu einer Hochzeit vor Rabbi Honig mit dem Rocksaum voller Stecknadeln? Du musst dich ja nicht zurechtmachen wie ein Filmstar, aber wir brauchen nicht voller Stecknadeln vor die Leute zu treten.«

Mame hatte abgenommen und trug das Haar jetzt hochgesteckt statt in einen struppigen Knoten zurückgekämmt. Sie betrieb neuerdings eine kleine Tagesstätte für Säuglinge und Kleinkinder von Frauen in der Nachbarschaft, die arbeiten gingen. Ganze einunddreißig Dollar durfte ein Ehemann in Übersee von seinem Sold nach Hause überweisen. Davon konnte niemand leben. Außerdem kosteten die wenigen vorhandenen Tagesstätten ein Vermögen.

Mame nahm sechzig Cent pro Tag für Kleinkinder und fünfzig Cent für Säuglinge zuzüglich zwei Fleischmarken. Dafür bekamen die Kinder zwei Mahlzeiten und ein Mittagsschläfchen. Sharon steckte ihre eigenen Kinder dazu und half. Von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends war das Haus mit heulenden und brabbelnden Knirpsen vollgestopft. Mame und Sharon verdienten daran etwa zwanzig Dollar die Woche. Arty war schließlich vom Fisher-Karosseriewerk genommen worden und hatte Nachtschicht, was bedeutete, dass die Kleinen unten bleiben mussten, damit er seinen Schlaf bekam. Arty hatte nichts für das Projekt übrig und sagte, sie gerieten noch mit dem Gesetz in Konflikt, weil sie keine Genehmigung hatten. Ruthie hatte die gesetzlichen Bestimmungen für Wayne County durchforstet, und es war vollkommen ausgeschlossen, dass jemand in ihrer Lage sie erfüllen konnte – oder dass die Frauen aus der Nachbarschaft dann eine so schicke Einrichtung bezahlen konnten.

»Hast du etwas von deinem Burschen gehört?«, fragte Mame mit Stecknadeln im Mund.

»Mame, du bekommst die Post jeden Tag vor mir zu sehen. Ich habe erst am Dienstag seinen Brief vom Samstag beantwortet.« Sie mochte es nicht, wenn Mame sie nach Murrays Briefen fragte, denn dafür bedeuteten sie ihr zu viel. Er war unten im Süden, den sie sich vorstellte als eine Mischung aus Sümpfen, Magnolien, immergrünen Eichen, den Gespensterschleiern aus Spanisch Moos und lakenverhüllten Ku-Klux-Klan-Kerlen, so schlimm wie Hitlers SA-Männer, die Kreuze verbrannten und Juden und Farbige. Jedenfalls ein gefährlicher Ort, fast so gefährlich wie jeder Einsatz, der ihm bevorstand. Murray hatte noch sein Semester beendet und sich dann im Februar zum Militär gemeldet.

»Aber warum gehst du zur Marineinfanterie, zu den Marinesoldaten?«, hatte sie ihn gefragt. »Ich dachte, wir hätten uns aufs Heer geeinigt, und da möglichst die Fernmeldetruppe.«

»Ich kann’s dir beim besten Willen nicht sagen, aber so ist es nun mal. Ich habe gerade die tiefste Demütigung meines Lebens hinter mir, man hat mich behandelt wie ein Stück Rindfleisch, gepiekt und gepufft. Jetzt denke ich, wenn ich überleben will, was war ich dann für ein Idiot – mich freiwillig gemeldet zu haben und auch noch erleichtert zu sein, ja geschmeichelt, wenn ein Kommisskopp am Schreibtisch zum ANGENOMMEN- und nicht zum ABGELEHNT-Stempel gegriffen hat. Ich stand nackt da, Ruthie, splitterfasernackt, und die Knilche saßen bequem in ihren Uniformen. Ich glaube, ich bin auf den zugegangen, der den besten Eindruck machte. Der von der Marineinfanterie kam mir zackiger vor als die andern. Er schien es ernster zu nehmen. Heer und Kriegsmarine, das waren Offiziere, die rumwitzelten, und als sie mich ansahen, spürte ich nur Verachtung. Ich dachte bei mir, das ist das, was ich will, jemand, der versteht, dass ein Krieg eine ernste Angelegenheit ist, und nicht dasitzt und Witze reißt.«

»Ich habe noch nie von einem jüdischen Marinesoldaten gehört«, sagte Ruthie skeptisch.

»Dann werde ich der erste sein.«

Jetzt war er unten auf Parris Island und überlebte Brutalität und Verachtung, so gut er konnte. Duvey hatte seine Vollmatrosenpapiere genommen und war losgefahren, um auf einem Ozeanfrachter anzuheuern, obwohl seine Kameraden von der Gewerkschaft ihm vorhielten, dass die Arbeit auf den Großen Seen genauso wichtig war. Duvey blieb anderer Meinung. »Wichtig? Bockmist! Keiner verpasst dir vor Toledo ’n Torpedo. Ich komm mir wie ein Feigling vor, wenn ich weiter hier rumlungere.«

»Wenigstens bist du nicht im Heer oder in der Marine und kämpfst an der Front«, sagte Mame.

Duvey lachte. »Nein, auf uns wird nur geschossen. Wir selber schießen nicht viel.«

Trotzdem waren sie alle erleichtert, dass Duvey nicht bei der Kriegsmarine war und in Seegefechten kämpfen musste. Er tat nur, was er schon seit Jahren getan hatte, aber jetzt auf dem Ozean und nicht auf den Großen Seen. Hin und wieder bekamen sie einen Stapel Briefe von ihm, meistens Anekdoten über die Mannschaft, aber dann vergingen wieder zwei Monate, und nichts kam. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie ihren Bruder nicht mehr liebte, und beschloss, ab sofort mehr Liebe für ihn aufzubringen. An Tapferkeit hatte es ihm nie gemangelt. Vielleicht hatte sie das nicht recht gewürdigt. Sie hatte sanfte Beharrlichkeit immer mehr geschätzt, aber sanfte Beharrlichkeit war im Krieg keine Grundtugend.

»Mame, es ist zwölf Uhr. Ich muss mich anziehen. Jetzt!«

Mame seufzte. »Schön, gib den Rock her und zieh du dich so weit an, und ich hefte den Saum. Tate wird ein bisschen auf sein Essen warten müssen.«

»Mein einziger freier Tag, und ich muss hungern?« Er protestierte nur der Form halber.

»Ich habe noch nie jemanden sich heiraten sehen.« Naomi saß auf Ruthies Bett und schaute zu.

»Jemanden heiraten sehen. In Englisch heißt das heiraten, ohne sich.«

»Heiraten, ohne sich. Ich möchte sehen, wie das vor sich geht. Kann ich bitte mitkommen?«

Ruthie schwieg einen Augenblick und schlüpfte in ihr bestes Höschen. »Warum eigentlich nicht, zazkele? Zieh dein kariertes Kleid an und kämm dich.« Naomis Anwesenheit verdünnte vielleicht ihren düsteren Schmerz. Sie hätte Leib am liebsten den Schädel eingeschlagen, als er mit Trudi angebandelt hatte. Tausende von Mädchen in Detroit, die ihm alle schöne Augen machten, und da musste er ausgerechnet ihrer besten Freundin nachsteigen. Sie hatte sich gewünscht, dass Trudi aus Freundschaft zu ihr nicht mit dem Schatz ausging, der ihr gerade den Laufpass gegeben hatte; aber sie musste zugeben, Trudi war zu einigen Opfern bereit, um einen festen Freund zu haben und jetzt einen Ehemann. Ruthie hatte ihren Groll hinunterschlucken müssen, um Trudi nicht zu verlieren, und schließlich fand sie, dass ihr nicht zustand, Einwände zu erheben, denn sie hatte den Preis für Leib gekannt und war nicht bereit gewesen, ihn zu zahlen. Doch, ja, wenn Naomi mitkam, schützte sie das vor der Wucht der Gefühle, die in ihr hochkommen mochten, Bedauern, Verzweiflung – und Eifersucht.

Nachdem Ruthie sich bis auf den Rock angezogen hatte, verhallten ihre Rufe nach Mame durch den Spalt ihrer Zimmertür ohne Ergebnis. Sie warf einen wütenden Blick auf den Nachttischwecker. Sie musste Mame den Rock entreißen, egal, wie er aussah, ihn anziehen und gehen. Sie wollte nicht riskieren, zu spät zu kommen – das sah leicht nach wohl berechneter Missachtung aus oder danach, dass ihr die Heirat unerträglich war. »Naomi, hör auf, an deinen Haaren herumzufummeln, sie sind gut so. Steck dir nur noch die Spangen hinein. Die roten, eine auf jeder Seite.« Es war ihr peinlich, aber sie musste im Schlüpfer hinausgehen, ohne Rock, ansonsten vollständig angezogen bis hinauf zu dem kleinen Frühlingsfilzhut.

»Mame, ich muss ihn jetzt anziehen.«

»Ruthele, nur noch eine winzige Minute, und ich habe den Saum fertig.«

Sie nahm den Rock mit festem Griff. »Mame, es sind keine Minuten mehr übrig. Ich darf nicht zu spät kommen, und ich muss jetzt zur Tür raus. Jetzt sofort. Lass los, Mame! Das ist mein Ernst.«

Die sanften, milchig braunen Augen ihrer Mutter hefteten sich fragend auf sie. Normalerweise gab Ruthie nach. Aber Mame wusste, wenn ihre Tochter einen bestimmten forschen Ton anschlug, dann machte sie keinen Spaß oder schacherte, dann meinte sie, was sie sagte. »Liebling, du kannst doch nicht mit Stecknadeln rumlaufen –«

»Es wird niemandem auffallen.« Ruthie entwand ihrer Mutter den Saum und zog den Rock an. Zu drei Vierteln war der Saum angenäht, ein Stück an der Seite war nur abgesteckt. »Komm, Naomi. Hol deinen Mantel.«

Es war ein kalter, klarer Tag mit ein wenig Feuchtigkeit im Wind, aber wolkenlosem Himmel. Als sie zur Synagoge eilten, kamen sie an einer katholischen Kirche vorbei, aus der gerade Leute herausströmten, alle feingemacht in Kostümen und Hüten und Anzügen und hier und da einer Uniform. »Heute ist ihr Ostern«, sagte sie zu Naomi. »Hoffentlich ist das kein schlechtes Zeichen für Trudi und Leib. Bobe hat immer Geschichten über Polen zu Ostern erzählt, von den Pogromen alle paar Jahre. In den anderen Jahren kamen die gojim einfach nur und schlugen ein oder zwei tot, zum Vergnügen.«

»In der Schule mussten wir jetzt Osterlieder singen. Ich fand es besser, nichts zu sagen, außerdem habe ich den Text kaum verstanden. Wenn sie singen, ist es noch viel schwerer.«

»Sie dürften so was nicht von dir verlangen, aber du hast recht. Dies ist keine gute Zeit, um uns abzusondern und zu beschweren.«

»Ich habe Sharon und Mame reden hören. Sie haben gesagt, Leib hätte dich heiraten sollen.«

»Kezele, wer hat mich gefragt? Will ich Leib heiraten?«

»Willst du?«

»Nein.« Da war sie sich sicher, aber während sie durch die Straßen eilten, das letzte Eis verschwunden, im Rasen vor dem Beth-Schalom-Tempel die ersten grünen Triebe und Krokusse und Osterglocken, erkannte sie, dass Leib nicht heiraten zu wollen nicht unbedingt bedeutete, sich riesig zu freuen, dass er eine andere heiratete. Diesen guten Willen musste sie in ihrem Herzen finden.

Beth Schalom war ein gedrungenes, gelbes Backsteingebäude mit einem Magen David aus kleinen bunten Glasscheiben an der Stirnseite über den beiden schweren Eingangspforten. Sie eilten zur Rückseite und durch die kleine Gattertür. Als sie Naomi an der Hand im Laufschritt mitzerrte, hoffte sie, noch nicht zu spät dran zu sein. Ihr fiel plötzlich auf, dass Naomi nicht mehr wesentlich kleiner war. »Du bist gewachsen«, sagte sie erstaunt.

»Ich bin letzten Monat fast zwei Zentimeter gewachsen.«

»Wie viel ist das in Zoll?«

Naomi zuckte die Achseln. »Ich weiß manche Sachen in dem einen System und manche in dem andern, aber ich kann nicht dazwischen hin und her.«

Die Hochzeitsgesellschaft war schon drinnen versammelt, aber der Rabbi fehlte noch, nur seine Frau war da und umflatterte Trudi und kümmerte sich um alle, bis der Rabbi so weit war. Leib trug noch nicht Uniform. Sein schwarzer Anzug, den er sich vor zwei Jahren zur Beerdigung seines Vaters gekauft hatte, war jetzt ein wenig kurz, ein wenig knapp, kleidete ihn aber immer noch: seine hohe Stirn unter dem zerzausten schwarzen Haar, seine weit auseinanderliegenden Augen, die aus dem kantigen Gesicht mit den Vorsprüngen und Höhlungen gebieterisch blickten, sein ganzes hochgewachsenes, wohl gepolstertes Knochengerüst, das von der Enge des Anzugs nicht in Verlegenheit gebracht wurde, sondern sie ausnutzte, um die Muskelpakete herzuzeigen. Leibs Vater hatte den Spitznamen Mischa der Bär gehabt. Er hatte mit einem Pferdekarren Umzüge gemacht und fast sein ganzes Leben lang Möbel von einer Seite des jüdischen Ghettos auf die andere gewuchtet, und das Pferd hatte im Hinterhof seinen Stall gehabt. Leib besaß seine Kraft und seinen Jähzorn.

Ach, sein Anblick rührte sie, wie schon immer. Aber nicht genug, dachte Ruthie, meine Augen haben keine Tugend und wenig Verstand. Er wird jede Frau eine kurze Zeit glücklich machen und eine lange Zeit unglücklich.

Trudi trug ein blassrosa Kleid. Weder Trudi noch ihre Mutter noch Ruthie hatten ein kurzes weißes, der Gelegenheit angemessenes Kleid auftreiben können, in ganz Detroit nicht. Es war zu früh im Jahr für ein weißes Sommerkleid, und ein Hochzeitskleid war innerhalb so kurzer Frist ausgeschlossen – und zu teuer. Trudi hatte geweint, aber das Blassrosa ließ sich auch später noch tragen und brachte ihr dunkelbraunes Haar und ihren kräftigen Teint zur Geltung. Der Rabbi kam herein und rieb sich die Hände, sofort sprang Trudis Vater auf, ihn zu begrüßen. Trudis Mutter hob den Schleier ihres alten schwarzen Hutes mit den Kirschen obendrauf, um sich die Augen zu wischen.

Ruthie dachte, wir müssen Naomi einen Hut kaufen, es wird Zeit, sie wird langsam groß. Naomi trug ein gestreiftes Kopftuch. Armes Lämmchen, was für eine Zeit, um erwachsen zu werden, was für eine Zeit.

Dann fing sie Leibs Blick auf, der sie anschaute wie früher, mit brennenden, hungrigen Augen. Sie senkte den Blick und wandte sich Naomi zu, zupfte an ihr herum. Naomis Augen waren riesig und sahen alles, auch Leibs Blicke. Als Ruthie wieder hinsah, schaute er immer noch. Hoffentlich bemerkte es niemand sonst, zum Glück waren alle um Rabbi Honig versammelt. Leibs Mutter war mit Trudis Kleid beschäftigt, ein Zupfen hier, ein Zurechtziehen da, ein Stäubchen dort, das wegmusste. Dann trat sie zurück, um Trudi mit scharfen, fast hasserfüllten Blicken zu mustern. Sie schien zu fragen: Was sieht er eigentlich in ihr?

Ruthie hatte das ungute Gefühl in der Magengrube, Leib hätte sie am liebsten immer noch gepackt wie früher und hätte lieber sie vor den Rabbi gezerrt und lieber sie genommen. Nicht aus Liebe, nein, sondern weil er sie immer noch begehrte, auf jene hungrige, heftige Art, die sie sehr viel weniger erregt hatte als Murrays stille und behutsame Liebkosungen. Sie nahm sich vor, ihn nicht wieder anzuschauen.

Ruthie stand an einer Ecke der chuppa. Immer wieder verfingen sich die Stecknadeln an ihrem Schenkel. Der Strumpf war bestimmt völlig ruiniert, und wo sollte sie Ersatz finden? Sie hielt ihren Blick auf Trudi geheftet und sah Leib nicht wieder an, bis die Zeremonie zu Ende ging und er das Glas in der Serviette unter seinem Fuß zertrat und aufstampfte, wie er an jenem Abend aus dem Zimmer gestampft war, als er endgültig mit ihr gebrochen hatte. Während er das Glas in Scherben trat, warf er ihr einen letzten Blick voll der gleichen wütenden Heftigkeit zu, und dann wandte er sich ab und küsste Trudi, ein großer Kinonahkampfkuss. Dann begannen alle masel tow zu rufen und mit geweihtem Wein auf das Paar anzustoßen.

Ruthie stand ein wenig abseits und verzieh Leib die hungrigen Blicke, denn jetzt war er richtig verheiratet, mit Trudi, und die Dinge mussten sich finden. Sie erinnerte sich an Murrays letzte Woche, bevor er in den Zug gestiegen war. Sie hatte so viel Zeit wie möglich mit ihm verbracht, und für die letzten beiden Tage hatte sie sich bei der Arbeit krankgemeldet, es war ihr vollkommen egal, sie musste sich die Zeit stehlen.

Ein nasser, rauer, verschneiter Februar war das gewesen, von allen Bäumen war Eis getropft und hatte die Seitenstraßen in zerfurchte Rutschbahnen verwandelt. Sie hatten viel Zeit im Kunstmuseum verbracht, in der öffentlichen Hauptbibliothek, in der Wandelhalle der Wayne. Wo konnten sie hin? Sie sahen mehrere Filme. Kinos waren für Schicht- und Nachtarbeiter vierundzwanzig Stunden am Tag offen und immer voll. Meistens mochte Murray ihre gemeinsame Zeit nicht darauf verschwenden, irgendetwas anderes anzuschauen als sie, sagte er. Sie trieben in einem prall gefüllten Stau, einem Netz der Zuwendung, das beide umfing. Sie redeten und redeten. Sie gaben einander ihre Kindheiten, als projizierten sie Familienfilme auf eine Leinwand im Kopf ihres Gegenübers.

Leider hatten seine Eltern sich nicht für sie erwärmt. Beide schienen in panischer Angst, Ruthie und Murray könnten noch in dieser Woche heiraten. Seine Eltern sahen einander ähnlich, beide von ovaler Gesichts- und Körperform, mit hellbraunem, ergrauendem Haar, so dass sie Ruthie einheitlich beige vorkamen. Sie waren annähernd gleich groß. Beide trugen Goldrandbrillen und einen gemeinsamen Gesichtsausdruck aufgeregter Bestürzung, sobald sie sich ihr zuwandten. Vor dem Hintergrund ihrer einstigen soliden Mittelstandsexistenz konnten sie Ruthie nicht akzeptieren. Sie hatten eine Vorstellung von dem Mädchen, das Murray ins Haus bringen sollte, eines mit Geld, mit Beziehungen. Eines, das Nutzen abwarf. Seine Mutter begegnete Ruthie mit geschürzten Lippen und gerunzelter Stirn, war aber zu kraftlos, um unhöflich zu sein.

Der Tag vor seiner Abreise war am schlimmsten, süßsaurer Schmerz. Sie sah ihn immer noch vor sich in jener Nische der Chilibude beim College, als er sagte: »Ich habe gegen den Drang angekämpft, dir einen Heiratsantrag zu machen. Dich an mich zu binden. Noch bevor ich fortmuss zu verlangen, dass du jetzt sofort die Meine wirst. Weil ich weiß, dass es falsch ist. Es ist Unsinn. Es geht nicht, dass ich dir die Heirat antrage und dich zu meiner Frau und meiner Liebsten mache, bevor ich verschwinde. Das ist egoistisch. Ein Stück von dir haben zu wollen, das mir gehört.«

»Ich werde auf dich warten. Das kann ich dir versprechen. Ich liebe dich.« In der Sitzecke der Chilibude hatte sie es gesagt, als sie Hände hielten über Tassen mit kaltem Kaffee. »Du brauchst mir keinen förmlichen Heiratsantrag zu machen.« Danach war sie starr vor Verlegenheit, verblüfft, wie sie so etwas laut zu einem Mann hatte sagen können, insbesondere zu einem Mann, der es ihr nicht zuerst gesagt hatte.

»Ich liebe dich, Ruthie. Ich glaube, ich liebe dich, seit wir das erste Mal miteinander aus waren. Ich dachte, ich rede mir was ein und erfinde mir ein Bild von dir, aber so war es nicht. Du bist genau, was ich will, und wenn bloß der verdammte Krieg nicht im Weg wäre. Eine blödsinnige Zeit, um sich zu verlieben. Es zerreißt mich innerlich, wenn ich denke, dass wir uns gefunden haben und vielleicht nie dazu kommen, unser Leben gemeinsam zu leben.«

Seitdem hatte sie sich immer wieder gefragt, ob sie es nicht wie Leib und Trudi hätte halten und sagen sollen: Lass uns heiraten und auf alles andere pfeifen. Oder schlimmer noch, ob sie sich nicht hätte hingeben sollen, weil er zu sanft und rücksichtsvoll war, um zu fordern, wonach er sich so deutlich sehnte. Sie hatten sich geküsst, bis ihre Lippen wund waren. Ruthie begehrte ihn. Sie entdeckte, wie sich das anfühlte, und es jagte ihr einen Schreck ein. Sie machte sich Gedanken, ob der heftige Schmerz des Verlangens nur ihr zu eigen, etwas Krankhaftes war. Irgendwann würde sie Trudi fragen. Aber er musste fort und sie blieb hier, und alles war immer noch richtig: dass sie nicht so jung heiraten durften, dass eine eigene Familie sie beide zerstörte, dass sie sich mit einer zu engen Umklammerung gegenseitig zu den verzweifelten und verdreckten Straßen ihrer Herkunft verurteilten. Deshalb hatte sie seiner unausgesprochenen dringlichen Bitte widerstanden; deshalb hatte sie auf Trudis Hochzeit ein schlechtes Gewissen.

Abra 2
Geschichten, dass die Ohren bluten

Berlinerin, ich war Berlinerin. Das verstehen Sie nicht. Das ist so was wie in Frankreich Pariserin, wie hier New Yorkerin, nu? Man ist gewandter und gewitzter, oder man glaubt es wenigstens. Und wenn man da geboren ist wie ich, dann meint man, alles aus dem Effeff zu wissen, ist Geburtsrecht.« Mrs. Marlitt Speyer war fünfunddreißig, aber mit dem aschblonden, hochgekämmten Haar sah sie jünger aus. Sie trug ein gut geschnittenes, maskulines Nadelstreifenkostüm, das sie, wie sie Abra erzählte, selbst geschneidert hatte. Sie nannte sich Damencouturier. Jetzt arbeitete sie bei einer Seventh-Avenue-Firma, die sie mit verächtlichem Schürzen ihrer festen Lippen beschrieb als »einen Laden, der Möbelbezüge für Frauen macht, die es nicht besser wissen«.

»Meine Familie lebte seit hundertdreißig Jahren in Berlin und davor im Saarland, in einer Kleinstadt, wo wir ein Sommerhaus haben – hatten. Wir waren Weinhändler. Mein Vater und mein Onkel hatten ein Geschäft auf der Leipziger Straße … Nein, nicht mehr, denn in der Kristallnacht kam die SA, die Braunhemden. Sie zertrümmerten die Fenster und plünderten den Wein. Dann steckten sie alles in Brand. Sie verprügelten den Wachmann, und dann warfen sie ihn ins Feuer. Er war ein armer Jude, der schon aus der Kleinstadt vertrieben worden war, wo er gelebt hatte. Er war ungebildet, ein wenig einfältig, aber ein guter Mensch, der für seine Eltern sorgte. Er starb im Krankenhaus. Mein Vater war im Saarland und orderte die Auslese, die süßen, spät geernteten Weine, die teuren. Mein Onkel war zu Hause, und die Braunhemden verprügelten ihn und steckten ihn nach Sachsenhausen. Drei Monate lang war er dort, und dann haben wir ihn herausgeholt, arm, mit nichts mehr. Manchmal konnte man sich damals den Weg hinaus erkaufen. Jetzt ist er ein Krüppel, ich schicke ihm ein bisschen Geld nach Paraguay, wenn ich kann.«

Marlitt beobachtete sorgfältig, merkte Abra, aber ohne auffällig zu starren. Abra bewunderte diese Fähigkeit und nahm sich vor, sie für ihre Befragungen zu vervollkommnen. Sie spielte inzwischen mit dem Gedanken, das Thema ihrer Doktorarbeit dahingehend zu ändern, dass es sich aus diesen Befragungen ergab, zumal sie an ihrem eigenen Thema nicht mehr gearbeitet hatte, seit sie für Oscar Kahan arbeitete. Es hatte mit Marlitt zu tun, so spürte sie, die immer wieder in sie hineinzuschauen schien, während Abra ihre Notizen konsultierte.

»Die Nazis ließen uns erst hinaus, wenn sie uns bis auf die Knochen abgenagt hatten, und dann ließen uns die Amerikaner nicht herein, weil wir mittellos waren. Meine Tante und mein Onkel verschafften sich ein Visum nach Paraguay, aber wir hatten kein Geld mehr. Mein Onkel wollte hierherkommen, aber die Amerikaner sagten, er sei vorbestraft, weil er verhaftet worden war, als die Nazis damals über Nacht dreißigtausend Juden in die Lager steckten … Oh, ich habe bis zum Schluss gearbeitet. Ich hatte eine Sondererlaubnis, weil ich Modeschöpferin war. Sie hatten Bedarf für meine Modelle, wissen Sie, denn die deutsche Mode ist zumeist plump. Ich wollte Bildhauerin werden, aber auf der Akademie, meine Liebe, überzeugten sie mich, dass ich kein echtes Talent hatte, und dann entdeckte ich, dass ich doch eines hatte, aber nicht für Skulpturen – oder vielleicht für so was wie Skulpturen für Körper.« Marlitt zeichnete eine Gestalt in die Luft. Abra war beeindruckt von der Bewegung. Marlitt hatte die Angewohnheit, extrem still zu sitzen.

»Orthodox? Oh nein, wir waren Liberale. Vergleichbar Ihren konservativen Juden, aber sehr, sehr deutsch. Wir waren alle sehr deutsch. Meine Liebe, die ersten Juden ließen sich in Deutschland bald nach der Diaspora nieder, im dritten Jahrhundert A. D. Ich glaube, wir waren sogar noch vor den Deutschen da. Mein Vater und mein Onkel engagierten sich im CV – ach so, das war der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Er ähnelte Ihrer Antidiffamierungsliga, war aber nicht so eng. Wir bildeten eine Front mit den Parteien des Zentrums und der Sozialdemokratie. Wir setzten alles auf diese Wahlen. Nicht einen Augenblick lang waren wir blind für die Gefährlichkeit der Nazis, aber wir hatten nicht die Mitgliederzahlen, das Geld, die Macht, sie aufzuhalten. Oh nein, bevor Hitler an die Macht kam, fanden wir die Zionisten lächerlich. Wir waren Deutsche, meine Liebe, wir konnten uns nicht mal dazu überwinden, uns mit den Ostjuden zu identifizieren – Juden, die aus Polen emigriert waren –, weil wir, wie Sie wissen, in Deutschland bis dahin keine Pogrome hatten und wirtschaftliche Möglichkeiten. Wir empfanden die Ostjuden als fremd. Unkultiviert.« Marlitt fuhr sich flüchtig mit schlanken Fingern über das Kinn. »Wir waren es gewohnt, dass deutsche ›Künder‹ uns verunglimpften. Wir nahmen es so auf, wie Sie es als Frau tun, wenn Sie hören, dass sich ein Mann über die Beschränktheit der Frauen auslässt. Sie denken, ach ja, und doch hat eine von uns dich geboren und dich genährt, und du wirst eine von uns heiraten. Wir waren so deutsch. Mein Vater hatte im Weltkrieg gedient. Er war mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden, und darauf war er sehr stolz.«

Marlitt lachte kurz und trocken auf. »Sehen Sie, wir waren es eben gewohnt, dass wir gebrandmarkt wurden, dass aber alles so weiterging wie gehabt. Jeder zweite Deutsche war ein Antisemit, der über das Judenproblem geiferte, über die jüdische Vorherrschaft, über die zionistische Verschwörung. Und dann mit Verständnis dafür rechnete, dass er einen nicht persönlich meinte. Sondern natürlich die anderen, die schlimmen Juden. Man gewöhnt sich an zu denken, sie meinen es nicht so, wenn sie ihre kleinen Witze über die Juden machen. Man übergeht es einfach und wartet, bis sie sich wieder wie Menschen benehmen. Wir hatten uns mit all den kleinen und großen Beleidigungen fast gemütlich eingerichtet, solange es uns nur gut ging und wir unser Leben lebten.«

Abra fand es schade, dass ihre Notate niemals Marlitts Stimme wiedergeben konnten, melodiös, klangvoll, spöttisch, bissig. Ingwereiscreme, dachte sie, süß und scharf zugleich. Dennoch hatte Marlitt eine Trockenheit, eine seltsame Distanziertheit, als wäre sie in Wahrheit viel älter, eine Nonne, die mit kühler Unbeteiligtheit auf ihr Leben in der verderbten Welt zurückblickte.

»Nein, mein Vater und mein Onkel waren die politisch Engagierten. Ich war jung und hatte nur Mode im Kopf und Feste und Bälle und Ausstellungen. Berlin ist wie New York, es saugt alle Künste in sich auf. In Berlin waren die Nazis nur eine Handvoll Spinner. Niemand schenkte ihnen Beachtung. Es gab nicht mehr als zwei- oder dreihundert von ihnen, bis dieses üble kleine Frettchen Goebbels auftauchte. Der schickte sie los, die Linken zusammenschlagen. Sie marschierten in die Arbeiterversammlungen und störten und veranstalteten Krawalle. Das brachte sie in die Zeitungen, und alles Gesindel in der Stadt stand bald Schlange, um bei der Gaudi dabei zu sein. Und trotzdem, wenn die Reichen ihnen nicht nachgelaufen wären und sie beschnuppert hätten wie diese läufige Hündin Magda Quandt, die ihn schließlich geheiratet hat, dann hätten sie niemals diese Mittel zur Verfügung gehabt. Wenn ich denke, dass ich für die mal etwas entworfen habe! Ach je, von Politik war die völlig unbeleckt, und ich bezweifle sogar, dass die zu der Zeit antisemitisch war.«

»Mein Mann?« Sie schwieg lange. Ihr Gesicht schien sich einzuebnen. »Nein, Speyer ist nicht wirklich mein Mann, ich werde es Ihnen erklären. Mein Mann war Martin Becker. Ein gutaussehender Mann, kräftig gebaut, über eins achtzig groß. Er hatte in der Schule Fußball gespielt. Er starb im Lager, in Buchenwald. Sie sagten, an einer Krankheit. Das sagten sie immer. Vielleicht werden wir es eines Tages wissen. Ich hörte, dass dort Fleckfieber grassierte …«

Abra merkte, dass sich in ihrer Informantin ein Tor geschlossen hatte. Über ihren Mann wollte Marlitt nicht weiter sprechen. Abra änderte die Richtung ihrer Fragen und nahm sich vor, später darauf zurückzukommen. »Wir sind über Frankreich ausgereist. Ich fühlte mich nicht wohl in Frankreich, zu viele Einschränkungen gegen jüdische Emigranten, was wir tun durften, was nicht. Sie waren gegen uns eingenommen. Wir gingen weiter nach Portugal. Ich musste dort als Schneiderin arbeiten, fast schon als Näherin. Ein hübscher Abstieg, wie? Ich schneiderte den Damen Roben für Kostümfeste.«

»Ach, Mr. Speyer. Den habe ich in Portugal kennengelernt. Speyer ist amerikanischer Jude, ein Witwer. Er hat mich geheiratet, um mich herzuholen, und wir haben auch meinen Vater und meine Mutter nachgeholt. Nein, es war reine Menschenfreundlichkeit. Er lebt mit seiner Freundin zusammen, aber er kann sie nicht heiraten – die Kinder seiner ersten Frau wollen das nicht zulassen –, und ich habe ein Papier unterschrieben, wonach ich auf sein gesamtes Eigentum verzichte. Nein, meine Liebe, nicht gerade eine weiße Hochzeit, aber lassen Sie das weg. Schließlich sind wir zusammen hergereist, und ich habe nach meiner Ankunft in seiner Wohnung gelebt, was seiner Freundin gar nicht gefiel. Jetzt, wo meine Staatsbürgerschaft gesichert ist, lassen wir uns in aller Stille scheiden. Und vielleicht wird Alfred es wieder tun. Er ist ein guter Mann, ich esse jeden Sonntag mit ihm – freitags mit meinen Eltern. Ich stelle mir zu gerne vor, wie Alfred hin- und zurückfährt und alle diese Frauen heiratet und es in Wahrheit genießt und uns dann hier in Sicherheit bringt. Er ist ein sehr guter Mann. Sie müssten ihn befragen …«

Wenn Marlitt sich in ihrer trockenen, distanzierten Art auch weigerte, für die Akten zu lügen und zu behaupten, ihre Beziehung zu Speyer sei rein platonisch, so sprach sie über ihn doch ebenso distanziert wie über alle anderen. Abra fragte: »Aber ist es nicht lästig, dass man Sie für verheiratet hält, wenn Sie es gar nicht sind? Sie sind eine attraktive Frau. Sie lernen doch bestimmt Männer kennen.«

»Es ist praktisch«, sagte Marlitt bündig. »Es lässt keinen falschen Eindruck aufkommen, denn ich war verheiratet und habe keinerlei Neigung, es wieder zu sein … Was? Mein richtiger Mann? Er war Journalist, aber nachdem sie die Juden aus den Zeitungen hinausgeschmissen hatten, betätigte er sich im Kulturbund. Sehen Sie, uns wurden die Schauspieler und Musiker und Sänger auf die Straße gesetzt, und wir alle wurden nach und nach von öffentlichen Veranstaltungen ausgeschlossen. Er begann, kleine Stücke für den Kulturbund zu schreiben. Deshalb haben ihn die Nazis so früh geholt. Die Stücke, sie waren sehr komisch. Alles natürlich in versteckten Anspielungen. Wenn man irgendetwas Direktes sagte, dann kamen sie sofort, und man wurde verhaftet. Wir haben etwas benutzt, was wir den Neuen Midrasch nannten, alles war in Geschichten verpackt, die wir kannten. Er schrieb und inszenierte ein Purimspiel, und wir alle wussten, wer Haman war. Aber ich glaube, das haben selbst die Nazis spitzbekommen.«

Marlitt war einfach zu befragen. Ihr Englisch war ausgezeichnet, und sie bestand darauf, es zu benutzen. »Es ist schwerer, von diesen Dingen auf Deutsch zu reden«, sagte sie fest. Sie sprach trocken, ohne Tränen. Abra begann in ihr eine Frau zu sehen, deren Tränen versiegt waren. »Ja, ich hatte einen Sohn. Das geht niemanden etwas an, der solch einen Tod nicht mit angesehen hat. Ich möchte nicht darüber sprechen.«

»Mein Vater, mein Onkel waren beide in der Reichsvertretung. Das war das Instrument, mit dem wir versuchten, den Nazis eine einheitliche Front zu bieten. Wir hofften immer noch, dass dieser Irrsinn nicht andauern konnte. Eine Regierung, die wahnsinnig war? Wer konnte das glauben? Alles wie gehabt, Propaganda, Übergriffe, aber weiter würde es sicher nicht gehen. Die anderen Mächte würden sicher nicht zulassen, dass die Nazis uns tatsächlich antaten, was sie da ankündigten. Wir warteten immer darauf, dass Hitler anfing, wie eine vernünftige Regierung zu handeln. Er hat jetzt die großen Industriebarone hinter sich, sagten wir uns, sie werden ihn zum Nachgeben zwingen. Die Krupps, die Thyssens, die wollen das Land nicht in Stücke reißen. Wenn sie darauf bestehen, wird er uns in Frieden lassen. Während der Olympischen Spiele schienen sich die Dinge zu lockern. Wir hofften weiter. Immer wieder gingen unsere Freunde oder wir hin und erkundigten uns nach Auswanderungsmöglichkeiten, aber niemand wollte uns ein Visum geben. Die Briten ließen uns nicht nach Palästina und wollten uns nicht in England, und die Vereinigten Staaten wollten auch keine Juden. Aber nach der Kristallnacht hatten wir keine Hoffnung mehr, keine Illusionen. Wir nahmen Reißaus. Wir ließen unsere Toten in der Erde, auf der wir jahrhundertelang gelebt hatten, und nahmen Reißaus.«

Marlitt war plötzlich sichtlich erschöpft. Sie berührte ihre hohe Stirn mit einer blassen Hand und regte sich kurz in ihrem Sessel. Abra verabschiedete sich und hoffte, dass Professor Kahan ihre Fragen eindringlich genug fand. Wenn er ihre getippten Protokolle durchging, wies er oft auf Bereiche hin, wo sie hätte nachhaken müssen. Sie lernte, sich auf dem Terrain zurechtzufinden. Zwar kannte sie nach und nach die Namen der Verbände und Vereine, in denen diese Menschen sich in Deutschland betätigt hatten, bat aber trotzdem jede Informantin, ihr diese Organisation zu erklären. Denn Professor Kahan sagte, über eine Organisation in einem anderen Land gäbe es immer noch mehr zu erfahren, und was die Menschen über eine Gruppierung dachten, wenn sie ihr beitraten, und was die Gruppierung ihrer Meinung nach tat, sei ebenso wichtig wie das, was sie tatsächlich bewirkte.

Er spielte manchmal Fragesteller oder Informant mit ihr und zeigte ihr Wege, die gleiche Frage so zu stellen, dass sie anders klang, oder Wege, angesichts von Verschlossenheit ein Thema zu verfolgen, ohne aufdringlich zu klingen oder bedrohlich zu wirken. Der wichtigste Aspekt von Abras Auftritt – so nannte er das – war, naiv und guten Willens und interessiert zu erscheinen und so, als verfolge sie keinen tieferen Zweck. »Eine Studentin, eine gutherzige, wohlmeinende amerikanische Studentin ist das, was Sie sind, und ist das, was Sie ihnen vorführen.«

»Das ist also die Summe dessen, was ich bin?«, fragte sie ziemlich pikiert.

»Das ist doch gar keine üble Person, oder?« Oscar Kahan hatte die Angewohnheit, eine Frage mit einer Frage zu erwidern.

Sie war froh, nicht ihn befragen zu müssen, denn sie konnte sich inzwischen gut vorstellen, wie er ihre Befragung durchkreuzen würde. Er hatte ihre Neugier in den letzten Monaten hinreichend gewetzt. »Ich bin politisch nicht so naiv, wie Sie annehmen –«

»Setzen Sie sich darüber mit mir auseinander, aber beweisen Sie es nicht den Zielpersonen. Die brauchen es, sich in ihrem Wissen ein wenig überlegen zu fühlen. Diese Menschen sind Flüchtlinge, müssen Sie bedenken, verloren in einem fremden Land und aus einem gesellschaftlichen Netz gerissen, das sie verstanden oder zu verstehen meinten. Nichts bedeutet hier das Gleiche. Nichts wird auf die gleiche Art getan. Sie sind wieder Kinder. Gestatten Sie ihnen, Sie ein wenig zum Kind zu machen, während Sie die Befragung steuern – kein dummes Kind, sondern ein aufgeschlossenes, aufgewecktes, aber naives Kind, das verstehen möchte.«

So sieht er mich, dachte sie, und war plötzlich von kalter Wut gepackt. »Professor Kahan, warum verlangen Sie von mir, dass ich so viele Fragen stelle nach der Straße, in der sie gewohnt haben, nach der Schule, die sie besucht haben, nach den genauen Anschriften, den Namen der Friedhöfe, wo ihre Eltern begraben liegen, all dem?«

Er beugte sich mit warmem, verschwörerischem Lächeln über den Schreibtisch. »Und was meinen Sie, warum wir diese Fragen stellen, Miss Scott?«

»Eine Möglichkeit wäre, dass Sie meinen, wenn die Menschen sich präzise, konkrete Einzelheiten ihrer Vergangenheit ins Gedächtnis rufen, dann werden auch die anderen Angaben präziser sein?«

»Na bitte. Sie haben doch Ihre eigene Antwort.«

»Wenn ich meine, zwei und zwei sind fünf, dann habe ich auch meine eigene Antwort.«

»Aber wir haben es mit dem Subjektiven zu tun und wollen sowohl dem Befragten als auch dem Fragesteller die Befangenheit nehmen, nicht wahr?«

Sie versuchte sich an einer Nachahmung seiner gerunzelten Stirn und seines fragenden Lächelns. »So?« Sie wartete, doch er verlegte sich ebenfalls darauf, als wartete er auf eine Erläuterung. Er war doch recht raffiniert, ihr Professor, was sie überraschte, denn ihr erster Eindruck war der eines offenen, neugierigen, warmen und ganz unbefangenen Mannes gewesen. Das alles mochte er sein, und gleichzeitig war er ungemein verschlossen. Sie überlegte, ob er bei den Frauen, denen er nahe stand, offener war – wer diese Frau oder diese Frauen nun auch sein mochten. »Ich habe noch eine Frage. Mir fällt auf, dass wir den deutschen politischen Flüchtlingen eine Reihe von Fragen über die Wirtschaftslage in Deutschland stellen, die wir unseren jüdischen Flüchtlingen nicht vorlegen. Warum?«

»Wir gehen davon aus, dass die Lebensbedingungen für die Juden deutlich anders sind als für den Rest der Bevölkerung und dass wir von den Juden wenig über die deutsche Wirtschaft erfahren können, da sie zwangsweise davon ausgeschlossen werden. Wir können von einem Juden nicht erfahren, ob Butter knapp ist.«

»Professor Kahan, wenn wir ein politologisches Forschungsprojekt über die Interdependenzen und internen Strukturen deutscher politischer Gruppierungen in den dreißiger Jahren durchführen, warum ist uns dann wichtig, ob zurzeit in Deutschland die Butter knapp ist? Und bitte fragen Sie mich diesmal nicht, was ich denke.«

»Macht Ihnen die Arbeit Spaß?«

»Meinen Sie, wenn mir die Arbeit Spaß macht, sollte ich nicht so viele Fragen stellen?«

»Ich meine, macht Ihnen die Arbeit Spaß?«

»Ja.«

»Gut.« Er strahlte sie an. »Haben Sie die Frage der Butterknappheit in Ihrem Freundeskreis angesprochen?«

»Nein.«

»Warum nicht, wenn Ihnen das Rätsel aufgibt?«

»Das geht niemand anderen etwas an. Das ist einfach eine von den Fragen, die auftauchen und die ich dann zurückstelle, um sie Ihnen vorzulegen.«

»Weil Sie eine Vorstellung von der Antwort haben?«

»Zu vage, um zu taugen.«

»Belassen Sie es eine Weile dabei.«

»Eine Weile?«

Er stand auf, zum Zeichen, dass das Gespräch beendet war. »Eines, was Sie heute deutlich gemacht haben, ist, dass Sie keineswegs eine schlechte Beobachterin sind und dass Sie mich noch dazu bringen werden, meine Äußerungen über Ihre Naivität reumütig zurückzunehmen. Was die Umfrage als Gegenstand Ihrer Doktorarbeit anbelangt, so sollten Sie noch in dieser Woche darüber mit Blumenthal sprechen. Es kann nicht schaden, die Prozedur ein wenig zu beschleunigen. Wir werden die Befragungen stark redigieren müssen, bevor Sie sie für Ihre Doktorarbeit einsetzen können, aber das wäre kein Problem. Trotzdem, halten Sie sich ran. Beenden Sie Ihre Doktorarbeit, so schnell Sie können, das ist für heute mein letzter Ratschlag.«

Mit zwanzig weiteren Fragen im Gepäck aus seinem Büro entlassen, ging Abra durch den Aprilregen nach Hause und grübelte, was dieser Ratschlag zu bedeuten hatte. Er drängte sie, sich mit ihrer Doktorarbeit zu beeilen, aber wieso? Lief das Projekt bald aus? Aber dann blieben ihr immer noch die Umfrageergebnisse. Ging er fort? Er hatte an der Columbia keinen festen Lehrstuhl. Meldete er sich zu den Waffen? Dafür kam sein Jahrgang doch gar nicht mehr in Betracht. Dennoch spürte sie, dass sie seinen Rat ernst nehmen und ihr gesellschaftliches Leben rigoros zusammenstutzen sollte. Sie seufzte. Wenn ihm erst klar wurde, wie wenig ihr der Doktortitel bedeutete, würde er wahrscheinlich die Achtung verlieren und sie als Assistentin ablösen lassen, denn der Doktortitel war mehr die Ausrede für ihr interessantes Leben als das angestrebte Endprodukt. Sie hatte die Absicht gehabt, ihre Doktorarbeit über Jahre hinzuziehen.

Normalerweise lief Abra neugierig durch die Straßen von New York, beobachtete unablässig das bunte Treiben, um sich bloß keine Begebenheit, keine Feinheit entgehen zu lassen. Heute stapfte sie durch die Pfützen und hatte das Kinn in ihrem Trenchcoat vergraben. Ja, sie wollte ihrem Instinkt folgen, wollte jeden Schritt tun, den er empfahl, und sich wie wild auf ihren Abschluss stürzen, und sei es aus keinem besseren Grund, als dass Kahan es ihr geraten hatte, denn sie war überzeugt, er würde zu ihrem eigentlichen Mentor werden.

Die meisten Männer, die sie kannte, gingen sowieso zum Militär. Ihr blieb eh nur übrig, diesen verdammten Doktor zu machen. Wenigstens waren die Befragungen interessant.

Acht Tage später geschah es, dass die Frau, die sie befragte, Marlitt Becker Speyer kannte. Mrs. Hirsch hatte kaum Verbindung zu irgendwelchen Parteigruppierungen und wenig Interesse an Politik. Der einzig interessante Teil der Befragung kam gegen Ende, als sie von Marlitt erzählte. Sie hatte Marlitt von Kind auf gekannt, da sie für deren Mutter gearbeitet hatte; Jahre später hatte Marlitt sie als Näherin in ihrem Modesalon beschäftigt. Gegen Ende, sagte sie, schwanden die Klassenschranken, als die Juden in Ghettos gepfercht und gezwungen wurden, zu zehnt oder zwölft in einer kleinen Wohnung zu hausen, und systematisch in die Armut getrieben wurden. Marlitt arbeitete fast bis zum Ende weiter, weil die Nazis ihre Modelle wollten, obwohl sie sie dann mit anderen Etiketten versahen, um ihre Herkunft zu vertuschen, und Marlitt hatte ihr eigenes Personal behalten.

Mrs. Hirsch war fünfzig, eine ausgemergelte Frau mit weißen Haaren, die sie um den Kopf geflochten trug, mit kurzsichtigen Augen in der Farbe von dünnem Tee hinter dicken Brillengläsern und der Angewohnheit, sich vorzubeugen, um zu hören, obwohl ihr Gehör gut zu sein schien. Sie führten die Befragung in Deutsch durch. Abra machte sich in ihrer üblichen Mixtur aus Deutsch und Englisch Notizen. Mrs. Hirsch berichtete, kurz nachdem Marlitt vom Tod ihres Mannes erfahren hatte und nicht einmal die Herausgabe seines Leichnams beantragen durfte, war ihr einziges Kind, ein Junge von vier Jahren, erkrankt.

Es war eins dieser jäh einsetzenden Fieber, wie sie kleine Kinder bekommen und wo die Temperatur hoch und höher schießt. Er fieberte immer stärker, bis er alle fünfzehn Minuten Durchfall hatte. Dann begann er, Blut zu erbrechen. Er war in einem jämmerlichen Zustand. Juden durften nicht mehr in reguläre Krankenhäuser, und das einzige jüdische Krankenhaus war bis zum Bersten überfüllt. Ein Arzt, der keine Medikamente mehr verschreiben durfte, kam, aber er brachte das Fieber nicht herunter, und während die Familie sich hilflos um ihn scharte, hielt Marlitt ihren Sohn in seinem Leiden und seinen Krämpfen. Der Junge quälte sich zwei Tage lang, bis er starb, sagte Mrs. Hirsch. Marlitt ging alle paar Minuten aus dem Zimmer, um im Flur zu weinen, aus Angst, das Kind zu erschrecken, wenn es bei Bewusstsein war. Als ihr Sohn starb, schwor sie, niemals wieder Tränen zu entrichten. Schwor, sie alle aus Deutschland herauszuholen, schwor, ihre Wurzeln herauszureißen, die bis ins Zentrum dieser vertrauten Erde reichten, und nie wiederzukehren, und wenn sie zweihundert Jahre alt wurde. Oh ja, sagte Mrs. Hirsch, sie hat mich hergeholt. Sie konnte meinen Mann nicht retten, nicht ihren eigenen Mann und nicht ihr Kind, aber sie hat ihre Eltern gerettet, und sie hat mich gerettet.

Bernice 2
Bernice auf Kontrollflug

Jeden Montag, jeden Mittwoch und jeden Freitag schwang Bernice sich morgens um sieben Uhr dreißig auf ihr Schwinn-Fahrrad und machte sich bei Regen oder Sonnenschein oder jahreszeitlich verspäteten Schneeschauern auf den Weg zum Flugplatz und hoffte, das Wetter würde ihr gestatten, pünktlich zu starten. Sie hatte eine alte Lederjacke von Jeff dabei – das Flugzeug war natürlich ungeheizt –, ihr Mittagbrot und eine kleine Plastikflasche mit einem Trichter, in die sie urinierte und die sie in ihrem leeren Provianteimer versteckte, wenn sie landete. Sie hatte keine Ahnung, wie andere Piloten zurechtkamen, denn sie hatte sich diese Methode selbst ausgedacht.

Bernice hatte es nie als Glücksfall betrachtet, mitten in Massachusetts zu leben, doch jetzt tat sie es. Frauen war nicht gestattet, für die Zivile Luftkontrolle über die Küstenregion zu fliegen, denn das galt wegen der deutschen U-Boote als gefährlich. Die Zivile Luftkontrolle sah Frauen, die für sie flogen, ohnehin schief an. Als Bernice sich meldete, hatte man sie streng informiert, dass Frauen nur Hilfstätigkeiten offen standen, Büroarbeiten. Sie hatte schon fast aufgegeben, nach wochenlangen Schreib- und Registrierarbeiten, aber der Bedarf an Piloten war groß, und Bernice hatte mindestens so viel Erfahrung wie die meisten Männer, die für die Zivile Luftkontrolle flogen. Sie blieb hartnäckig, bis nun auch sie regelmäßig flog.

Irgendwann Ende April oder Mitte Mai war es dann so weit, dass sie endlich zweihundert Flugstunden in ihr Logbuch eintragen konnte. Sie strebte heftiger denn je die Verkehrspilotenlizenz an, aber dazu fehlten ihr nicht nur Flugstunden, sondern vor allem das Geld. Die Freiwilligen der Zivilen Luftkontrolle arbeiteten ohne Bezahlung, und obendrein hatte sie jetzt wesentlich weniger Zeit, um Fakultätsmanuskripte abzutippen. Wenn sie wenigstens eine Ausbilderlizenz erwerben konnte, dann wurde sie vielleicht ins Kriegsdienstschulungsprogramm aufgenommen, in dem den Studenten das Fliegen beigebracht wurde. Alle Studentinnen waren aus dem Programm gefeuert worden, aber Ausbilderinnen wurden immer noch beschäftigt.

Auch wenn das Fliegen für die Zivile Luftkontrolle ihr keinen Cent brachte, so hatte sie doch drei Tage in der Woche Seligkeit, und wenn der Professor an diesen Abenden wegen seines Essens knurrig war, so hatte sie die Entschuldigung der Rationierung. Außerdem konnte er nichts daran aussetzen, dass sie sich freiwillig in den Dienst der Kriegsanstrengungen stellte.

Was ihr schwerfiel, war, plangemäß zurückzukehren, nachdem sie ihre Route abgeflogen und Überlandleitungen auf Sabotage und bewaldete Gebiete auf Feuer überprüft hatte. Sie spürte einen Drang, wohl ebenso stark wie der Paarungstrieb bei Hirschen oder Hunden, weiterzufliegen, bis sie den fernen, unbekannten Ozean erreichte. Sie hatte einen umfassenden Blick auf die kleinen verrunzelten Hügel ihrer Heimat, den breiten Connecticut, die nach Norden ziehenden Falken und die Scharen kleinerer Vögel, das Ackerland unter seinen Frühjahrslachen, die sich über den Berkshires zusammenballenden Regenwolken, die Aufwinde um Mount Tom. An drei Tagen jeder Woche war sie selig und nützlich, eins mit dem Werkstoffkörper, der ihren eigenen verlängerte. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte es wohl keine Zeit mehr gegeben, da sie an drei Tagen jeder Woche glücklich war.

Manchmal wurde sie an anderen Tagen gerufen, um als Kurier für Dokumente oder Chemikalien oder Blutplasma zu fungieren, um in einer Luftschutzübung einen feindlichen Bomber darzustellen, und zweimal, um nach einer abgestürzten Militärmaschine zu suchen. Ihr Leben hatte einen Sinn. Sie sagte die Sonntagsfilme mit Mrs. Augustine ab, denn sie musste die Hausarbeit nachholen und das Abtippen, das ihr die Verkehrspilotenlizenz erkaufen konnte, in ferner Zukunft, aber nicht mehr völlig undenkbar. Sie musste das gleiche Arbeitspensum, das bislang sieben Tage ausgefüllt hatte, in die verbliebenen vier hineinstopfen. Aber vor allem hatte sie drei Tage, das zu tun, wofür sie geboren war, drei Tage, an denen sie das kleine Flugzeug anlegte wie einen hauchzarten, erweiterten Körper, insektenartig um sie herum, schön wie eine Libelle, obwohl nur für sie mit Juwelen geschmückt, und schwang sich in die Lüfte.

Als sie an diesem Abend vom Flugplatz nach Haus radelte und nur hielt, um Flundern zu kaufen und das weiße Päckchen ordentlich im Lenkstangenkorb zu verstauen, wartete auf dem Tischchen im Flur ein Brief von Jeff. Er saß immer noch unten in Alabama fest und hasste jede Minute seines Lebens, die er dort vegetieren musste. Bernice hatte erwartet, Jeff würde in die Luftstreitkräfte der Armee aufgenommen werden, denn die Armee suchte angeblich verzweifelt Piloten und Jeff hatte seinen Pilotenschein, auch wenn er seit Jahren nicht geflogen war. Doch nein, die Armee hatte auf seine unentdeckten Talente als Ausbilder von Gewehrschützen gesetzt. Er war zu einem Offizierslehrgang geschickt und zum Leutnant ernannt worden und saß nun offenbar auf dem Schießstand fest. Er behauptete, inzwischen von Kopf bis Fuß mit Greisenbart bedeckt zu sein, dem in Schleiern von den Bäumen hängenden Spanisch Moos. Sie hatte eine Mischung aus Neid und bösen Vorahnungen empfunden, als sie Jeff in den Zug gesteckt hatte, aber wenigstens war er in Sicherheit, solange keiner seiner Schüler arg danebenschoss, und langweilte sich weit mehr als sie.

Sie brachte in diesen Tagen öfter Fisch auf den Tisch, nicht nur, weil rotes Fleisch rationiert, sondern auch, weil Fisch rasch zubereitet war. Sie konnte nach ihrem Patrouillenflug nicht vor sieben zu Hause sein. Unseligerweise war so der Professor an Flugtagen immer lange vor ihr daheim, und der neue häusliche Ablauf gefiel ihm ganz und gar nicht. Während sie hastig ihre Sachen in den Flurschrank warf und mit ihren Einkäufen durchs Wohnzimmer zur Küche eilte, fixierte er sie mit seinem besten, tadelnden ›Sie werden diesen Kurs verhauen, wenn Sie sich nicht zusammenreißen‹-Blick.

»Gibt es einen Grund, warum du heute Abend noch später kommst als sonst?«

»Vor dem Fischgeschäft war eine lange Schlange. Wegen der Fleischrationierung essen alle mehr Fisch.«

»Dass wir mehr Fisch essen, ist mir allerdings aufgefallen.«

Ihre Methode, mit der schlechten Laune ihres Vaters umzugehen – zumal er damit nicht offen herausrückte und ihr lauthals zu verstehen gab, was ihn erboste –, war, so zu tun, als bemerkte sie seine Verärgerung gar nicht. Nun warf sie ihm ein kurzes, freud- und bedeutungsloses Lächeln zu und eilte in die Küche.

»Du wirst dich doch nicht in diesem Mechanikeraufzug an den Abendbrottisch setzen?«

Als ob er je wahrnahm, was sie trug. Als ob irgendjemand je darauf achtete. »Essen ist bald fertig.«

Er gab ein Missfallensräuspern von sich, sagte aber nichts mehr, sondern stellte das Radio lauter. Jeden Abend las sie über den Krieg im Globe, hörte sich die Kommentare und Analysen an, studierte die Frontberichte mit dem Atlasband der dreizehnten Ausgabe der Encyclopedia Britannica offen auf dem Schoß. Die Alliierten waren schlichtweg überall deutlich am Verlieren. Auf einer Karte von den Philippinen verfolgte sie die Erosion der amerikanischen und philippinischen Stellungen. In Afrika wogten die Kämpfe hin und her, endeten aber gewöhnlich mit einem Rückzug der Alliierten.

Heute Abend waren die Nachrichten schrecklich, und sie merkte, dass sie sich in der großen Küche noch langsamer bewegte. General King hatte bei Bataan kapituliert. Es hörte sich an, als wäre ein kleiner Teil der Truppen nach Corregidor evakuiert worden, wo sich die Armee zu halten hoffte. Diese Festungsinsel war angeblich uneinnehmbar. Etwa 90 000 Filipinos und Amerikaner hatten sich den Japanern ergeben. In Russland tobten schwere Kämpfe tief im Landesinnern, wobei die Deutschen wieder auf dem Vormarsch waren.

Warum nahm sie die Niederlage so persönlich? Als ob es ihre eigene wäre. Sie durchlebte einen Augenblick glühenden und verzweifelten Zorns, während sie dastand und Kartoffeln, die sie im Morgengrauen gekocht hatte, in das Fett vom Sonntagshuhn schnitt, in dem schon Zwiebeln leicht bräunten. Ja, es roch köstlich, und doch war es ihr speiegal. Sie wollte keine Bratkartoffeln machen, während Millionen Menschen starben und die Welt in Flammen stand. Sie fühlte sich schuldig und hilflos zugleich, eingesperrt. Sogar ihre Fliegerei kam ihr absurd vor. Hier war sie und genoss die höchste Freude, die sie kannte, während auf den Philippinen ausgemergelte Soldaten in Gefangenenlager getrieben wurden und im deutschbesetzten Russland Partisanen gehängt wurden, weil sie gewagt hatten, Widerstand zu leisten.

In der Sowjetunion flogen Frauen Kampfeinsätze. Marina Reskowa, die Pilotin und Navigatorin, hatte drei Frauen-Luftwaffenregimenter aufgestellt, eines für Kampfflugzeuge und zwei für Bomber. In England wurden Flugzeuge regelmäßig von Frauen überführt. Hier wurden Frauen nicht einmal zu Inlandsflügen, zu Hilfsdiensten zugelassen. Sie sehnte sich danach, ihr Können, ihre Stärken einzusetzen. Sie würde keine Angst haben. Sie wusste, dass sie kämpfen konnte, wenn sie nur eine Chance dazu bekam.

Sie unterbrach ihre Gedanken und legte die Fischstücke, die sie zuerst in Mehl, dann in Eimilch und dann in Maismehl gewälzt hatte, in die Bratpfanne. Konnte sie töten? Sie glaubte schon, hatte aber das Gefühl, noch Beweise für diesen Glauben zu brauchen. Sie stellte Mausefallen auf. Sie hatte an einer Schweineschlachtung auf der Farm ihres Großvaters väterlicherseits teilgenommen. Ihr Großvater hatte dem Schwein rasch und ruhig die Kehle durchgeschnitten, war mit dem Messer auf das Schwein zugegangen und hatte einfach die Klinge über die Kehle geführt. Die Sau war etwas verwundert davongestakst, wobei das Blut heruntertroff, und dann in die Knie gesunken. Zwei Minuten später war das Schwein tot, und Jeff und sie hatten geholfen, kochendes Wasser über den Kadaver zu schütten und die Borsten abzukratzen. Der lange Einschnitt und das Herausziehen der Eingeweide aus dem Fett hatten sie eher fasziniert als entsetzt. Jeff war der Zimperlichere von ihnen, aber beide hatten sie das Schlachten und Zerlegen des Schweins als ein ihnen gewährtes Initiationsritual empfunden und nicht als eine Vorführung von Erwachsenenbrutalität.

Und Jeff, würde der je jemanden töten? Er war bei der Armee, aber der Kampf an der Front schien von ihm in Alabama mindestens so weit entfernt wie von ihr in Bentham Center. Im Gefecht selbst hatte man wohl wenig Zeit zum Philosophieren. Wahrscheinlich war man darauf trainiert zu reagieren, und man reagierte. Im Flugzeug hielt sie sich nicht mit Überlegungen auf, wie sie das Steuer drehen oder wie sie das Seitenruder treten sollte; sie las die paar Anzeigen und reagierte. Wenn sie sich im Luftkampf befand, dann sprach das Bordgeschütz bestimmt an, wenn sie es aktivierte, und das würde sie unter Bedrohung so selbstverständlich tun, wie sie die Quer- und Höhenruder bediente.

»Eine ganze Reihe von Jungen melden sich am Ende dieses Schuljahres zum Militär«, verkündete ihr Vater beim Abendbrot. »Ich weiß nicht, ob es noch einen Sinn hat, dieses College weiterhin zu betreiben. Aber sie richten hier vielleicht ein Regierungsprogramm ein, sagt die Verwaltung. Ich mag nicht so viel Paprika auf der Seezunge.«

»Entschuldige. Ich wollte mal etwas anderes ausprobieren.« Sie hatte über das Töten nachgedacht und gar nicht gemerkt, was ihre Hand tat. »Glaubst du, wir werden diesen Krieg verlieren?«

»Unsinn«, donnerte der Professor. »Was hast du dir denn da für isolationistischen Unflat angehört? Verzweiflung ist unproduktiv.«

Er redete nie mit ihr über Politik. Sie verstand nicht, warum, denn mit ihrer Mutter hatte er über alles geredet. Als Tochter blieb sie für ihn auf ewig unreif. »Die zweite Schicht ist nicht so stark gewürzt.«

»Gut. Das überdeckt nur den Eigengeschmack. Es sei denn, der Fisch war alt?«

»Nein, nein. Er war ganz frisch.«

Warum grübelte sie über den Kampfeinsatz an der Front? Weil sie vom Krieg auf die Probe gestellt werden, wesentlich daran teilnehmen wollte. Jeff tat vielleicht nichts, was er für wertvoll erachtete, aber das hatte er sich nicht ausgesucht. Er hatte sich der antifaschistischen Sache verschrieben, und wenn auch sein Einsatz nicht seiner Wahl entsprach, so hatte er trotzdem das ruhige Gewissen eines voll Beteiligten.

Sogar der Professor hatte die Last der Sehnsucht verspürt, sich nützlich zu machen. Er hatte verschiedenen Ministerien von seiner Arbeit im Ersten Weltkrieg geschrieben (wie er inzwischen genannt wurde, denn man begann, diesen den Zweiten zu nennen). Er erhielt Eingangsbestätigungen, die sich als Formbriefe herausstellten. Alle paar Wochen diktierte er ihr einen Brief über seine Kenntnisse und seinen Wunsch, von Nutzen zu sein, Briefe, die sie mit seinem Kurzlebenslauf an die von ihm genannten Amtsadressen schickte.

Der Professor hatte seinen alten Austin aufgeblockt, und zwar auf Kriegsdauer, ein Ausdruck, der inzwischen häufig gebraucht wurde. Auf Kriegsdauer geschlossen. Sie merkte, dass er seinen Teller weggeschoben hatte und sie erwartungsvoll ansah. »Was haben wir zum Nachtisch?«

»Nachtisch?« Sie hatte vergessen, welchen zu machen. »Lass mich schon mal den Kaffee aufsetzen«, versuchte sie Zeit zu gewinnen und floh in die Küche. Einen schnellen Maisstärkepudding machen? Zucker war rationiert, und sie war nicht erpicht darauf, ihre Monatszuweisung zu verbrauchen. Keine Kekse im Küchenschrank. Früher hatte sie sich für solche Fälle einen Süßigkeitenvorrat gehalten, aber das galt heutzutage als Hamstern. Dann fiel ihr ein, dass Mrs. Augustine ihr ein Glas eingeweckte Birnen geschenkt hatte, die von dem Baum im Hof der Augustines stammten. In diesem Jahr blühte der Baum noch nicht, öffnete eben erst seine Knospen. Sie fand die Birnen und überschüttete sie großzügig mit dem restlichen Rum aus der letzten Flasche.

»Was soll denn das sein?«, fragte er eisig und schaute missbilligend in sein Schälchen.

»Du weißt, ich kann bei der Zuckerrationierung nicht mehr die gleichen Nachspeisen machen wie früher. Das sind Birnen, von Mrs. Augustine eingeweckt und dann in Rum getränkt.« Nur für fünf Minuten, aber lass es durchgehen, bat sie ihn stumm.

»Wenn du knapp bist mit Zucker, könnte ich mir vorstellen, dass dir die Garfinkles etwas Ahornsirup überlassen würden. Wir haben immer unseren Sirup von ihnen gekauft.« Er kostete die Birnen und hüstelte. »Ist das der letzte Rum?«

»Fürchte, ja«, sagte sie forsch. Mit wenig Begeisterung löffelte sie ihren ersten Happen Birne. Sie merkte, sie hatte mehr Rum hineingetan, als sie dachte. Die Wirkung war rau, aber nicht unangenehm, wenigstens für sie, die den Tag in einem ungeheizten Flugzeug, wesentlich kälter als die Felder darunter, zugebracht hatte. Von Zeit zu Zeit genehmigte sich der Professor eine Flasche Wein, die er neben seinen Teller stellte und aus der er ihr gelegentlich ein bescheidenes Gläschen einschenkte. Beim Geschmack von Alkohol musste sie immer an Zach denken und an die Zeit, als Jeff und er unzertrennlich waren und als sie dabei sein durfte, wenn die beiden ihre Gesellschaft duldeten. Wenn ich je von zu Hause fortgehe, dachte sie, werde ich Flugzeuge fliegen und Whisky trinken. Sie lächelte.

Der Professor fragte: »Schmeckt dir das?«

»Ja, doch. Wenn es dir nicht zusagt, tut es mir leid, dann lass es einfach stehen und ich esse es.«

Während sie den Tisch abräumte, tat sie genau das, nahm den rumversetzten Sirup, den er in seiner Schale gelassen hatte, und trank ihn aus einem Glas, während sie das Geschirr abkratzte und für den Abwasch stapelte. In Zachs vorletztem College-Jahr waren sie alle in einer Juninacht auf den Jumpers Mountain gestiegen, und Zach hatte eine silberne Taschenflasche in Form eines Fisches herumgehen lassen, aus der sie Gin tranken. Vom Gin musste sie sich schütteln, aber sie fühlte sich, als tränke sie vom Blut des Erwachsenseins. Ein Übergangsritus. Sie war in Zach verliebt, und dass ihre Lippen das Silber der Flasche berührten, an dem eben noch sein Mund gehangen hatte, machte sie trunkener als der Alkohol.

Der Mond hatte die Farbe seiner Taschenflasche und schien wie ein Fisch in leichtem Dunst zu schweben. In der Stadt hatte schwerer, süßlicher Ligusterduft gehangen, aber hier roch die Luft nach Balsampfeilkraut und Rottannen. Oben auf den kahlen Felsen des Berges schauten sie in den Mond, dem nur ein Tag zum Vollmond fehlte, und sie hatte das Gefühl, als sähe sie dem Mond aus gleicher Höhe ins Gesicht.

Es war nicht gänzlich töricht gewesen, sich in Zach zu verlieben: Sie hätte ihn schon aus schlichter Dankbarkeit anbeten müssen, denn er hatte ihr den Weg aus ihrem Raupendasein gezeigt, und wenn sie immer noch überwiegend in einem Kokon lebte, so wusste sie wenigstens, was sie sein wollte, eine Jägerin wie der Mond, die frei durch die Wolkenberge und Windströme streifte.

Ein- oder zweimal hatte sie hinter dem Steuer eines von Zachs schnittigen schnellen Autos die Freude jener Erweiterung gespürt, jenes Einswerdens mit einer hochempfindlichen, kraftvollen Maschine, die ihre Sinne über sie selbst hinaustrug, während sie auf ihre Entscheidungen, ihren Willen, ihr Können reagierte. Bernice war keine schlechte Fahrerin, aber gegenüber der Möglichkeit, über den Luftraum zu gebieten, war ein Sportwagen einfach unterlegen. Das leichteste, klaterigste Flugzeug mit einem 40-PS-Motor konnte in eine Dimension vordringen, die dem teuersten Renn-Ferrari der Welt verwehrt war.

Gleichgültig, wie dürftig ihr Leben zeitweilig war, ihr gehörte die gesamte Hälfte eines Flugzeugs. Sie hatte Steven sein Viertel abgekauft, als er zum Militär ging. Der andere Besitzer, ein Rechtsanwalt, flog meistens zur Entspannung und gelegentlich, wenn ihm der Sinn danach stand, um einen Klienten aufzusuchen. Für ihr Empfinden war es eigentlich ihr Flugzeug, denn sie war diejenige, die es am häufigsten flog, und sie war diejenige, die es reparierte und pflegte und verhätschelte. Eines Tages würde sie den Rechtsanwalt auskaufen. Er redete schon davon, sich nach dem Krieg etwas Schickeres zuzulegen. Sie konnte diese Maschine noch jahrelang in Betrieb halten. Wenn sie sich mit dem Abwasch beeilte, konnte sie noch wenigstens zwei Stunden lang tippen, obwohl ihre Hände von der Kälte im Flugzeug geschwollen waren. Machte nichts. Sie würde es schon schaffen.

Sie nahm sich vor, an dem Tag, an dem sie endlich ihre Verkehrspilotenlizenz bekam, mit einer irgendwo ergatterten Flasche Whisky oder Gin auf den Jumpers Mountain zu steigen und dazusitzen und Lieder zu singen und den Mond zu grüßen. Sich ihr Fest zu bereiten. Es Jeff zu erzählen, der sich bestimmt mit ihr freute, wenn auch nur am Telefon. Denn dann hatte sie endlich etwas Eigenes vollbracht.

Duvey 1
Viele Stürme kennt das Meer

Duvey verbrachte die ersten drei Monate 1942 auf der karibischen Tour und war deshalb heilfroh, jetzt die nordatlantische Geleitzug-Route zu schippern. Er war auf Tankern gefahren, jetzt zum Glück nicht mehr. Er hatte fünf Freunde verloren, von denen er wusste, und wahrscheinlich noch mehr, von denen er keine Ahnung hatte. Alle hopsgegangen auf Tankern, vor der Küste torpediert, nah genug, dass man’s vom amerikanischen Festland riechen und den Feuerschein sehen konnte. Cape Hatteras war am schlimmsten, aber die gesamte Küste war tödlich.

Eine Frau in einer Bar erzählte ihm von ihrer Mutter in Vero Beach, wo die Dodgers ihr Winterlager hatten und wo jeden Morgen am Strand Arme, Ohren und Rümpfe ohne Kopf zusammen mit verbogenem Metall angespült wurden. Meistens ging die Tankerbesatzung in einer großen Stichflamme drauf, und vielleicht war das gut so, denn die armen Kerle, die von Bord sprangen – er hatte geholfen, welche davon aus dem Wasser zu fischen. Ihm war lieber, sofort hochzugehen, statt ins flammende Meer zu springen und mit Verbrennungen am ganzen Körper »gerettet« zu werden und langsam im Krankenhaus zu verrecken oder als Schreckgespenst durch Detroit zu humpeln.

Die U-Boote führten Krieg, wie sie Lust hatten, lauerten vor der Küste und spielten vor den Lichtern von Miami, Charleston, Savannah und New York Schießbude mit den Tankern. Die Städte waren nicht mal verdunkelt. Das Leben von Seeleuten war billig. Die Helden waren in der Armee und in der Marine, aber krepieren taten die Seeleute, und wenn irgendwer an Land meinte, der Krieg konnte ohne die Nahrungsmittel, das Öl und den Nachschub von ihren Frachtern gewonnen werden, dann war der so bescheuert, wie er es den meisten schon immer unterstellt hatte. Wenn England durchhalten sollte und wenn die Vereinigten Staaten sich wirksam in den Krieg einschalten sollten, dann mussten die Frachtschiffe ihre Ladung ausliefern.

Er hatte sich entschieden. Er dachte nicht daran, sich vom Militär in die Zwangsjacke stecken zu lassen und jedes Arschloch zu grüßen, das zufällig Annapolis absolviert hatte. Er war immer Malocher gewesen, und er blieb einer. Das war die richtige Kriegsarbeit, wie er sie verstand, und er war es gewohnt, Städte von ihren Hafenvierteln und ihren Nachtseiten zu sehen. Sie hatten sich für ihre Gewerkschaft den Arsch aufgerissen, und jetzt zogen sie zu Gewerkschaftstarifen in den Krieg. Die Nationale Seemännische, eine CIO-Gewerkschaft wie die von Tate, hatte sie von vierzig Dollar im Monat und von Quartieren, die nur für Schweine taugten, auf hundert Dollar im Monat gebracht, und jetzt bekamen sie noch mal hundert Gefahrenzulage. Ein paar Amtsschimmel wollten ihnen die Heuer kürzen, aber erst sollten mal die Schiffseigner ihre riesigen Profite ausspucken, dann ließ sich über Lohnkürzungen reden: Das sagte die Gewerkschaft, und das sagte er.

Wenn er daran dachte, schrieb er rasch einen Brief nach Hause, denn er wollte nicht, dass Mame sich Sorgen machte. Er passte auf, was er schrieb, füllte seine Briefe mit Fragen und Lügengeschichten. Sie dachte, weil er nicht bei der Marine war und nicht kämpfen musste, war er sicher. Besser, sie blieb dabei. Er hatte nicht vor, ihr ein Licht aufzustecken. Er hatte ihr immer Ärger ins Haus gebracht, obwohl er das gar nicht wollte. Als Ältester wusste er, wie schwer das Leben für sie gewesen war.

Er war auf seine Art ein Härtefall, aufgewachsen im tiefsten Keller der Depression, hatte fast alles entbehren müssen, was Spaß machte. Arty sah nicht über seinen Tellerrand raus. Ruthie, die konnte vielleicht was aus sich machen. Die hatte zwar so was Artiges, Redliches an sich, was er zum Kotzen fand, aber sie war ganz in Ordnung und half Mame. Vielleicht kam sie ja sogar irgendwann durchs College, die erste Studierte in der Familie, wenn sie nicht so blöde war zu heiraten. Die Ehe machte kaputt. Frauen fingen an, Kinder zu kriegen, und bald sahen sie aus wie ihre Mütter und konnten nur noch nachplappern, was ihre Mütter mal gesagt hatten. Männer kriegten so was Ausgelaugtes, Gebeugtes, und die Bäuche quollen ihnen über den Hosenbund.

Das war nichts für ihn. Daran hatte er nie auch nur im Traum gedacht. Ihm gefielen Frauen, die er zu Hause nicht vorzeigen konnte. Die einzigen Mädels, die in seinen Augen die Mühe wert waren, das waren die, die es gewohnt waren, sich selber durchzubringen, eine Kellnerin oder eine Barfrau oder eine Maniküre oder eine Nutte, die keinem Zuhälter gehörte, eine, die auf sich aufpasste, damit man sich bei ihr nicht was holte. Das süßeste Mädel, das er je gehabt hatte, war eine Farbige, Delora mit Kupferhaut und langen tollen, tollen Beinen und einem Hintern, den sie nur über die Straße tragen musste, damit die Männer auf die Knie fielen. Aber ein farbiges Mädel zu haben brachte Zoff. Sie konnten fast nirgendwohin was essen oder trinken gehen, ohne dass er mit weißen Wichsern aneinandergeriet oder mit Farbigen, denen es stank, dass er sich mit ihren Frauen einließ, als ob jede Frau der gleichen Hautfarbe ihnen als Gruppe gehörte. Duvey hatte nichts gegen eine Keilerei, aber doch nicht jedes Mal, wenn sie aus dem Haus gingen.

Er war mit Farbigen in der Nachbarschaft aufgewachsen, und er verstand nie, warum die Weißen sich so anstellten. Ein russischer Jude und ein Schwede zum Beispiel, oder ein Schotte und ein Sizilianer, die waren genauso verschieden. Aber jedes Mal, wenn man mit einem reden wollte, der auf dem Gebiet eine Macke hatte, dann fing der an: Wäre es dir vielleicht recht, wenn ein Farbiger deine Schwester heiratet? Als ob alle Schwarzen nichts anderes im Sinn hatten, als jemandes schielende, lahmende Schwester zu heiraten. Klar waren sie neugierig, mit einer Weißen ins Bett zu steigen, genau wie er beim ersten Mal neugierig auf eine Farbige gewesen war, aber danach war es ein bestimmtes Lächeln oder ein Gang oder ein schlagfertiger Spruch, auf den er anbiss.

Detroit hatte viele farbige Einwohner, und es wurden immer noch mehr, weil die Farbigen aus ihrem Sackgassendasein im Süden hochkamen und Arbeit in den Fabriken suchten. Wie bei den Juden waren die Gescheitesten wahrscheinlich die, die es im schwarzen Gegenstück zum Schtetl nicht mehr aushielten und sich was suchten, wo sie vorankamen und anständig verdienten. Die Farbigen in Detroit, das waren oft gescheite, aufgeweckte, fixe Leute, mit dem Bauch voll Wut über die Scheiße, die sie fressen mussten.

Auf der Montauk waren sechs Schwarze, alle unten im Maschinenraum. Sie blieben meistens unter sich, und wenn er ihnen auch guten Tag sagte, falls sie ihm über den Weg liefen, hatte er doch nicht viel mit ihnen zu tun. Außer ihm war noch ein Jude an Bord, der Funker, aber der war Offizier. Wenn der gefragt wurde, ob er Jude war, gab er es zu, aber freiwillig sagte er das nie, nur, wenn er wusste, dass er mit einem Juden redete. Sobald du sagtest, du warst Jude, wollten sie dir ans Leder. Die hielten alle Juden für Matschbacken und Schlappschwänze, und du musstest ein doppelter Kerl sein.

Wenn ihn welche ausfragten, sagte er: »Ich bin aus Detroit, Jack, wo die Autos rassig sind und die Weiber noch rassiger. Wir werden auf Rädern geboren, und wir verlöten den Schnaps wie Benzin.« Dann hatten sie was zum Reinbeißen.

Duveys Spitzname war der steile Dave, wegen seines Erfolgs bei den Weibern im Hafen. Noch auf der Highschool hatte Duvey sich ausklamüsert, Frauen lohnten sich für ihn nur, wenn sie es genauso wollten wie er, und so brauchte man sich nur darüber zu einigen, ob man sich genug mochte und wann und wo, und das Ganze war keine Sache von Gebettel und Gerangel und Versprechungen, für die man sowieso nicht das nötige Kleingeld hatte, Pflaumenpfingsten.

Am 24. April formierte sich der Geleitzug. Sein Schiff war voll mit Weizen, in Montreal gebunkert. Sie waren den St. Lorenz-Strom runtergefahren, hatten dann vor Halifax gewartet, wo der Geleitzug zusammengestellt wurde. Konvoi HX-152 war beeindruckend, als er in der Fahrrinne vorandampfte: vierunddreißig Schiffe unter Geleit von einem alten Zerstörer und drei Korvetten, von denen die Matrosen sagten, sie würden selbst auf nassem Gras dahingleiten wie geschmiert. Der Geleitzug war ein großartiger Anblick, eine Schiffsparade hinaus auf den Atlantik bei leichtem Seegang und sanfter Sonne. US-PBY Catalina-Patrouillenflugzeuge hatten von oben ein Auge drauf. Da waren ein früheres Passagierschiff mit kanadischen Truppen, ein Tanker, ein Haufen alte Trampdampfer unterschiedlichster Registrierung und Nationalität und Seetüchtigkeit, ein schmucker norwegischer Frachter mit eigenen Bordkanonen und Frachterungetüme mit ragenden Ladebäumen.

Die Montauk selber war das neueste Schiff, auf dem er je gefahren war, ein Liberty-Schiff, das erst zweimal draußen gewesen war. Alle Liberty-Schiffe waren langsam, aber ganz in Ordnung, zuverlässig, außer sie wurden mittschiffs getroffen, dann brachen sie auf wie ein Laib Schnittbrot. Die Mannschaftsquartiere waren in den Decksaufbauten, vier Kojen pro Kajüte, für insgesamt vierundvierzig Mann mit den Offizieren. Die Libertys fuhren mit Dampfmaschinen, und die Maschinen waren gut. Es gab sogar gekachelte Duschen für die Mannschaften. Er war auf Schiffen gefahren, wo ein Eimer alles war, was man an Sauberkeit bekam.

Nebel wickelte sie am zweiten Tag ein, bis sie ihre Nachbarn um sich herum nicht mehr sehen konnten. Das Fahren in Geleitzügen fing in der Karibik und auf den Küstenrouten erst an, so dass es für Duvey neu war. Auf den Großen Seen sah man ein anderes Schiff im Detroit River oder in den Schleusen, aber draußen auf den Seen kam man nicht mal in Rufweite. Es war ihm unbehaglich, bei dichtem Nebel in solch einer Herde schwerfälliger Frachter zu dampfen, wo jedes Schiff näher an den anderen war, als er sicher fand. Sie hatten keinen Geleitschutz durch Flugzeuge, die nach U-Booten Ausschau hielten, aber der Tag verging ohne Angriff. Der Nebel schloss sich dick und klamm und dumpfig um sie, die Luft war wie gasförmiges Eis. Zwei der Schiffe entgingen nur knapp einem Zusammenstoß. Eine der Korvetten musste zurückhängen, um Nachzügler einzutreiben.

Ohne Sicherung aus der Luft setzten sie ihren Weg die nächsten vier Tage lang fort, bis Duvey mitten in der Nacht vom 29. auf den 30. April eine Detonation hörte. Sogar durch den Nebel konnte er die Feuersäule sehen, was hieß, dass ein Tanker getroffen war, wahrscheinlich die Fitzpatrick. Er hörte Geschützfeuer. Der Zerstörer belegte das U-Boot mit Wasserbomben, so klang es. Dichter Rauch trieb mit Nebel vermischt über das Wasser. Von dem Petroleumgestank wurde ihm leicht übel. Er hörte eine weitere schwere Detonation. Sein Körper stemmte sich gegen die Wucht der Druckwelle. Jede Minute konnte die Montauk die Nächste sein. Automatisch fasste er nach der zugeknöpften Tasche mit seinen Papieren und seinem Geld in einem zugeknoteten Präser. Wenn er die Torpedos überlebte, dann hatte er sie dabei; wenn nicht und wenn die Leiche an Land gespült wurde, dann konnte er identifiziert werden.

Der Zerstörer meldete ausströmendes Öl von einem getroffenen U-Boot, aber eine halbe Stunde später wurde die Belle Star torpediert. Wrackgeschossen trieb sie ruderlos. Die Montauk musste ihr ausweichen.

Ohne Mond, ohne Sterne, ohne Lichter von einem der Schiffe stampften sie in eine Finsternis aus Rauch von brennenden Schiffen und der verdammten Nebelsuppe. Alle Schiffe schwatzten miteinander, denn hätten sie Funkstille bewahrt, hätten sie einander unweigerlich gerammt. Das hieß, die U-Boote, die in einem der berüchtigten Wolfsrudel operierten, konnten sich auf die Signale einpeilen und ein Schiff nach dem anderen aufs Korn nehmen. Die Korvetten setzten in gischtender Fahrt den U-Booten nach wie Hunde auf Hasenjagd.

Nach kurzer Zeit kreuzte die Montauk durch Wrackteile, Trümmer von dem, was am Tag noch ein Schiff voll lebendiger Seeleute gewesen war. Steuerbord sahen sie verschwommen Feuerschein auf dem Wasser, das Meer selbst stand in Flammen. Männer schrien. Dann sahen sie kleine rote Lichter von Seeleuten im Wasser, die tanzenden Lämpchen an ihren Schwimmwesten. Während eines Angriffs durften sie keine Überlebenden aufnehmen, aber der Kapitän entschied, da sie nicht unter direktem Beschuss standen, holten sie, wen sie konnten.

Die ersten Männer, die sie auffischten, waren im Öl ertrunken, das Öl hatte ihnen die Lungen verklebt, als sie ins Wasser gesprungen waren. Aber dann erwischten sie drei, die noch am Leben waren, grässlich vom Öl verschmiert und geblendet. Einer war auf der einen Seite völlig verbrannt und roch wie ein Rostbraten, aber er lebte. Duvey half freiwillig, den armen Teufeln das Öl abzuschaben.

Auf Anweisung scherte der Kapitän nach backbord und nahm dann wieder Kurs voraus. Sie hörten Salven gedämpfter Unterwasserexplosionen. Wasserbomben. »Das ist der Wabowerfer, mein Junge«, sagte Bootsmann Hogan zu ihm. »Den feuern sie in Salven nach vorn ab. Das ist ihr neues Spielzeug und funktioniert ein ganzes Stück besser als die verdammten Batterien, die sie nach achtern abfeuern mussten.«

Dann sahen sie im düsteren Schein eines brennenden Schiffes ein U-Boot in einer schäumenden Öllache auftauchen. Eine der angreifenden Korvetten rammte es. Das Heck ragte steil aus dem Wasser wie ein kopfstehender Hai, dann verschwand es, und der Ölteppich schloss sich darüber.

Duvey war froh, dass er nicht in U-Booten Dienst tat, ganz egal, wie gefährlich die Handelsmarine war. Ihm war lieber, er starb auf Deck in einem Feuerstoß oder ertrank, als dass er in einer Konservendose wie eine Wanze zerquetscht wurde. Er spürte immer einen Stich Mitleid für die schwarze Truppe unten im Maschinenraum. Wenn das Schiff getroffen wurde, hatten die keine Chance. Die wurden auf der Stelle zerkocht. Oben auf Deck konnte er vielleicht noch springen, und wenn er ein Rettungsboot erwischte, umso besser. Sogar die armen gerösteten Teufel, die sie gerade aus dem Wasser geholt hatten, konnten’s noch schaffen, wenn ihre Verbrennungen nicht zu großflächig waren und wenn sie nicht zu viel Öl geschluckt oder eingeatmet hatten.

Er merkte, seit ungefähr einer Viertelstunde hatte er keine Detonation mehr gehört. Das wollte noch gar nichts heißen, nur, dass die Korvetten und der Zerstörer die U-Boote aus dem Visier verloren hatten und dass die Deutschen abliefen, um auf eine bessere Gelegenheit und bessere Sicht zu warten.

Er hatte gehasst in seinem Leben: meistens Kerle, die ihn fertiggemacht hatten, einen riesigen Polacken, der ihm das Leben auf seinem ersten Schiff zur Hölle gemacht hatte, einen Maat, der versucht hatte, ihn kleinzukriegen, Father Coughlin, der in Detroit aus allen Radios in den katholischen Nachbarhäusern seinen verbalen Dünnschiss gegen die Juden ergoss. Aber nie hatte er jemanden oder etwas mit der scharfen, stählernen Kraft gehasst, mit der er diese arroganten Nazi-Haie hasste, die U-Boote. Sie hatten den Seekrieg damit eröffnet, dass sie ein unbewaffnetes Passagierschiff, die Athenia, versenkten und dann behaupteten, die Engländer selber hätten es zu Propagandazwecken hochgehen lassen. Sie machten sich über unbewaffnete Handelsschiffe her, eine schöne Jagd und eine glückliche Zeit, leichte Beute für die Kommandanten ohne wen, der zurückschoss.

Am nächsten Tag waren sie in der Grönland-Luftlücke, dieser sechshundert Meilen langen Seestrecke, wo die auf Neufundland stationierten Flugzeuge sie nicht mehr erreichen konnten und sie noch nicht unter dem Schutzschild der auf Island stationierten Verbände waren. Außerdem, was nutzte ihnen die Luftsicherung, wenn der Nebel die Flugzeuge Tag für Tag am Boden festhielt?

Aber sie hatten zum ersten Mal Glück. Am Morgen kam schwere Dünung auf, Brecher krachten über die Decks. Der Wind stürmte aus Nord und brachte Schnee. Die Sicht wurde sogar etwas besser, und sie konnten steuerbord die San Martin ausmachen und backbord die Lone Star. Dann wurde der Seegang zu hoch, um irgendwas anderes zu sehen als die nächste Sturzsee. Die Dünung war auf dem Atlantik länger, als er es von den Großen Seen her gewohnt war, und die Wellen waren noch höher, aber schlussendlich trafen sie auch nicht härter. Das Wasser war genauso saukalt und genauso pissnass. Stürme brachen auf dem Michigan und dem Superior Erzkähne in zwei Hälften.

Sie bahnten sich ihren Weg durch eine Eisbergflottille, aber vor den U-Booten waren sie sicher, denn die konnten bei dem Wetter nicht zum Angriff auftauchen. So fuhren sie ihnen davon. Der Konvoi machte nicht viel Fahrt, aber die U-Boote schafften getaucht nur acht Knoten und wurden abgehängt. Vielleicht funkten sie ein anderes Wolfsrudel voraus an, sich auf die Lauer zu legen, aber bei schwerem Wetter war kein Angriff möglich. Obwohl sie von den Brechern tüchtige Prügel bezogen, war es Duvey lieber, in Stücke zerrüttelt zu werden, als unter Beschuss zu geraten, also her mit den Stürmen.

Das Packeis, durch das sie fuhren, war völlig anders, als er sich vorgestellt hatte. Zerklüftet, wild, ein Grand Canyon unheimlicher Eisgestalten, nicht weiß, eher blau und violett und grau und rostbraun. Er hatte auf den Großen Seen viel Eis gesehen, aber das hier sah viel merkwürdiger aus, ragende Klippen, schwimmende Eisschlösser, Albtraumwälder und Märchenstädte aus Eis. Als es schließlich aufklarte, hatten sie ein Schiff verloren, die Eleftheria, die mit Motorschaden hinterherzockelte. In Island war Zwischenstation, da holte sie den Konvoi bestimmt ein.

Vor der Weiterfahrt nach Southampton tankten sie in Island auf, und da hörten sie auch, dass die Eleftheria torpediert und mit allen Mann an Bord gesunken war. Duvey hatte eine gute Zeit, denn er zog sich eine sowjetische Freundin an Land, die das Überleben der Murmansk-Tour feierte. Die Russen hatten Frauen auf ihren Schiffen und wurden von allen darum beneidet. Es gab viele Besuche von Schiff zu Schiff, lange Nächte, Glücksspiel und Geschacher. Von Tommys auf einem Konvoi nach Westen tauschten sie Dosenfleisch und -obst gegen Rum, und so dampfte die Montauk in bester Stimmung nach England.

Louise 2
Der schwarze Ritter

Der Zug zurück aus Washington war unvorstellbar überfüllt. Louise hockte die ganze Fahrt über auf ihrem Koffer und wünschte, sie hätte den neuen Farbstift für die Beine benutzt, den Kay ihr gezeigt hatte, und nicht ihr letztes Paar Strümpfe ruiniert. Neben ihr war ein Matrose eingeklemmt, so dicht, dass sie das an seinen Schuhen klebende Erbrochene riechen konnte. Erschöpft schlief er im Stehen, lehnte sich anfangs an sie, dann an den Mann auf seiner anderen Seite. Es war heiß für Mitte Mai, in Washington bereits subtropisch, und der Zug war unangenehm verstunken, sogar in den Gepäcknetzen schliefen Militärangehörige.

Sie hatte einer Konferenz des Schriftstellerkriegsbeirates beigewohnt. Dieser war nicht Teil der offiziellen Regierungsbürokratie, auch wenn Redakteure und Verleger das oft annahmen, weil er eng mit dem Statistischen Bundesamt zusammenarbeitete, das wiederum laut Flüsterparole bald durch eine Behörde ersetzt werden sollte, die sich eher dafür eignete, Propaganda zu verbreiten.

Sie war angesprochen worden, beim Aufbau der Zeitschriftenabteilung mitzuhelfen. Sie hatte wenig mit dem Komitee für Boulevardblätter zu tun, doch sie arbeitete in der Gruppe mit, die Richtlinien für Frauenzeitschriften und Zeitschriften mit unbegrenztem Leserkreis erstellen half: ihren eigenen Märkten. Alle drei Monate gab der Beirat Kriegsrichtlinienergänzungen heraus mit Themenvorschlägen für die Kurzgeschichten und Beiträge in den Zeitschriften.

Sie erkannte Washington von ihrem ersten Besuch als Touristin mit Oscar und Kay kaum wieder. Auf gleichem Raum schienen fünfmal so viele Menschen zu leben. Was sie auch tat, ob sie am Taxistand wartete, an der Essensausgabe wartete, vor der Toilette wartete, überall standen lange Schlangen. Washington kam ihr vor wie eine Telefonzelle, in die sich zu viele Leute gezwängt hatten, um alle gleichzeitig in den Hörer zu schreien. Es blieb im Kern eine selbstzufriedene, rassengetrennte Südstaatenkleinstadt, deren bessere Restaurants und Hotels sich Schwarze verbaten und deren Schulen und sonstige Einrichtungen nach Schwarz und Weiß sortiert waren. Dennoch wimmelte es von faszinierenden Männern, jetzt vielleicht mehr denn je.

In New York war Pennsylvania Station überrannt von Menschen mit und ohne Uniform, die sich mit Inbrunst begrüßten oder verabschiedeten. Louise hatte ihr Kostüm arg verschwitzt und fühlte sich welk und matt. Sie schaute sich nach ihrer Tochter um. Sie hatte Kay gebeten, sie abzuholen, da sie nicht nur ihren Koffer, sondern auch eine Aktentasche und dazu noch einen Pappkarton voller Materialien mitschleppte. Sie konnte keinen Gepäckträger finden und zerrte ihre Last den Bahnsteig entlang zur Sperre, dann hielt sie nach Kay Ausschau. Verspätet, nahm sie an. Sie setzte sich wieder auf ihren Koffer, fühlte sich entschieden schmutzig, müde und unattraktiv. Wo zum Teufel blieb ihre verdammte Tochter? Sie wollte sich bei einem öffentlichen Fernsprecher anstellen, aber die Warteschlangen waren einfach viel zu lang.

Schließlich, nachdem eine halbe Stunde verstrichen war, requirierte sie einen der wenigen verbliebenen Gepäckträger und setzte sich in ein Taxi. New York war für halb fünf überraschend unverstopft. Noch vor sechs Monaten um diese Stunde in der Pennsylvania Station anzukommen und ein Taxi zu nehmen hätte bedeutet, im Schritttempo voranzuschmauchen. Schon waren deutlich weniger Autos auf den Straßen von Manhattan, und der Verkehr floss rasch. Was war nur mit Kay passiert?

Sinnliche Erleichterung durchflutete sie, als sie die Diele ihrer Wohnung betrat. Daheim. In Washington hatte sie sich im Mayflower ein winziges Zimmer, das offensichtlich bis zu diesem Jahr ein kleineres Einzelzimmer gewesen war, mit Dorothy McMichaels teilen müssen, die unter einer ganzen Phalanx von Pseudonymen pro Monat zwei bis vier Geschichten für die Boulevardblätter ausspie. Dorothy war konservativ, fromm und glaubte fest an sexuelle Sünde und Sühne. Mit ihren derben Knochen und ihrer lauten Stimme erinnerte sie Louise an die Sozialarbeiterinnen, die sie als Waisenkind in Cleveland zu diversen Pflegeeltern gesteckt hatten.

Louise dachte nicht gern an ihre Kindheit zurück, die hart, freudlos und wie ein Zeitsprung zurück in einen Roman von Dickens gewesen war. Wegen ihrer christlichen Frömmigkeit erinnerte Dorothy sie an ein ganz bestimmtes Pflegeelternpaar, das sie besser ernährte und kleidete, als sie gewohnt war, dafür aber weit mehr in Angst und Schrecken versetzte, denn der Vater versuchte ihr ins Höschen zu greifen, wann immer er sie allein erwischte. Ein Diakon der Methodistenkirche. Die Sozialarbeiterinnen hatten sich oft nicht darum gekümmert, dass Louise jüdisch war, denn – wie sie in ihrer Gegenwart laut zueinander sagten – man sah es ihr nicht an. Louise wusste es besser. Sie sah wie eine ungarische Jüdin aus, wie Fotos von ihrer Mutter, bevor Krankheit und stupide Schwerstarbeit ihre Schönheit weggefressen hatten. Darum gemahnte Dorothy sie stärker an ihr verängstigtes und machtloses früheres Selbst, als ihr lieb war. Louise ließ ihre Herkunft lieber in ihren politischen Überzeugungen als in ihren Gefühlen weiterleben. Außerdem liebte sie ein gewisses Maß an Abgeschiedenheit und Bequemlichkeit. Das Reisen hatte auf Kriegsdauer, wie man jetzt sagte, aufgehört, ein Genuss zu sein.

Sie sah rasch ihre Post durch, die sich in einer Ansammlung wackeliger, von Blanche sortierter Türme aufgehäuft hatte, bevor sie durch die Wohnung eilte und »Kay! Kay!« rief.

Ihre Tochter war nicht in ihrem Zimmer. Mrs. Shaunessy erklärte, Kay habe ihr gesagt, sie könne ihre Mutter nicht abholen. »Es wäre nett gewesen, wenn sie sich die Mühe gemacht hätte, mir das zu sagen! Ich habe eine halbe Stunde gewartet«, beklagte sich Louise.

Mrs. Shaunessy schüttelte müde den Kopf. Obwohl beide etwa im gleichen Alter waren – die Haushälterin, die zwei verheiratete Töchter hatte, war einundvierzig –, wirkte Mrs. Shaunessy mit ihrem straff zu einem Knoten zurückgekämmten graumelierten Haar auf Louise großmütterlich. »Wo wir schon dabei sind, ich hatte Streit mit Kay über ihr Kommen und Gehen. Ich muss schon sagen, sie ist mir reichlich pampig über den Mund gefahren. Das Kind hat sich geweigert, mir zu sagen, wo sie heute Nachmittag nach Schulschluss hingeht.«

»Was steckt bloß dahinter? Ich werde mit ihr über ihr ungehöriges Benehmen sprechen.«

»Es steht mir nicht zu, das zu sagen, aber wenn Sie mich fragen, die ist hinter den Jungens her. So fängt das alles an in dem Alter. Sie wissen ja.«

»Kay?« Sie dachte an ihr linkisches, schlaksiges Füllen. »Irgendwie habe ich meine Zweifel, aber ich werde sie mir sofort vorknöpfen.«

Bestrafte Kay sie, weil sie weggefahren war? Sie hätte ja erwogen, Kay mitzunehmen, aber dafür hätte Kay der Schule fernbleiben müssen, einer Elizabeth-Irwin-Schule, und im Washington der Kriegszeit waren Unterkünfte so knapp, dass sie nicht einfach ein Doppelzimmer verlangen und ihre Tochter hineinsetzen konnte. Sie hätte ja selbst alles für ein Einzelzimmer gegeben.

Sie ärgerte sich über ihre Ansprüche. Ein Zimmer mit einer lauten Schmachtfetzenschreiberin zu teilen war schließlich kaum mit den Gefahren vergleichbar, denen die europäische Zivilbevölkerung und die amerikanischen Militärangehörigen ausgesetzt waren. Manchmal war ihr unbehaglich, wie sehr sie sich an Komfort und Annehmlichkeiten gewöhnt hatte, an saubere frische Kleider, die modisch und gut gearbeitet waren, ein heißes Bad, wann immer sie Lust hatte, eine Haushälterin, die Kay und sie versorgte, eine Sekretärin, um ihre Korrespondenz zu erledigen und ihre Manuskripte zu tippen, saubere, helle, geräumige Zimmer, geschmackvoll eingerichtet und mit ein paar schönen Bildern geschmückt, Originalen, von Oscar oder ihr ausgesucht. Sie hatte sich an alle Annehmlichkeiten des gehobenen Bürgertums gewöhnt und Kay dazu erzogen, sie zu erwarten, einen sauberen, schönen, lichtdurchfluteten Ort zum Wohnen und Arbeiten, gutes und reichliches und abwechslungsreiches Essen, einen ständigen Strom von Anregungen in Form von Konzerten, Büchern – die neuesten, die ältesten, die besten – und immer intelligenten und engagierten Gesprächen.

Sie zog ihr Hauskleid und ihre Pantoffeln an und warf sich in den Sessel vor ihrem Walnussschreibtisch. Sie war für den Ausschuss ungeheuer nützlich, denn der Gedanke, das, was sie schrieb, als Propaganda zu sehen, war für sie weder neu noch schockierend. Sie zog die neue Linie der alten vor: Ihr lag viel näher, in arbeitenden Frauen liebevolle, verantwortungsbewusste, ja sogar aufregende Staatsbürgerinnen zu sehen, als die Linie, die propagiert worden war, seit sie zu veröffentlichen begann, dass nämlich die arbeitende Frau eigenmächtig sei, selbstsüchtig, eine Gefahr für ihre Familie und die Gesellschaft.

In ihrer Familie hatten die Frauen immer gearbeitet. In Ungarn hatte ihre Großmutter einen Geflügelhandel betrieben, hieß es. Ihre Mutter hatte in einer Konservenfabrik gearbeitet, bis TB sie von Louise fortriss in ein Sanatorium und schließlich in einen frühen Tod. Oscar hatte nie den Wunsch, dass sie untätig blieb oder die Arbeit im Haushalt zu ihrer ganzen Existenz machte. Doch wollte er selbstverständlich, dass sich die gesamte Aufmerksamkeit dieser intelligenten Frau auf ihn konzentrierte. Ihre Arbeit war gut und schön, solange sie alles fallen ließ, wenn er sie brauchte, um seine wissenschaftlichen Aufsätze zu tippen, zu lesen und zu begutachten und seinen Stil zu verbessern, ihm den Rücken zu massieren und sich seine Klagen über seine Kollegen anzuhören.

Das war der Grund, warum sie nur ein Kind hatten. Ihr war kurz nach Kays Geburt klar geworden, dass sie bei seinen Anforderungen an sie nur mit Mühe zurechtkommen würde. Sie musste ständig das, was Kay brauchte, mit dem austarieren, was Oscar verlangte. Sollte sie mit ihm über Kays Widerspenstigkeit reden? Sie mied Oscar dieser Tage. Beinahe mit ihm ins Bett gefallen zu sein hatte sie genügend aufgeschreckt, so dass sie es seitdem eingerichtet hatte, ihn nicht zu sehen, außer für die paar Augenblicke, wenn er Kay abholte oder wieder ablieferte.

Kay erschien kurz vor sieben, zum Abendessen. »Wo warst du?« Louise folgte ihrer Tochter in deren Zimmer. »Warum hast du mich nicht abgeholt? Ich habe in der Pennsylvania Station über eine halbe Stunde auf dich gewartet.«

»Mutter, ich habe gestern Abend bis halb zwölf versucht, dich anzurufen, aber du warst nicht auf deinem Zimmer. Schließlich hat diese schreckliche Frau gesagt, ich soll nicht mehr anrufen. Hat sie dir nichts ausgerichtet?«

Louise hatte unten in der Bar gesessen, bis geschlossen wurde. Sie war mit Claude Martel zusammen gewesen, einem Filmregisseur, den sie im Statistischen Bundesamt kennengelernt hatte. »Die schlief schon, als ich kam – wir hatten eine Konferenz bis spät in die Nacht, um neue Richtlinien auszuarbeiten. Warum warst du nicht am Bahnhof? Du wusstest, dass ich mich auf dich verlassen habe.«

»Ich hatte eine Verabredung, die ich nicht absagen konnte.«

»Du kannst sehr wohl eine Verabredung absagen, wenn deine Mutter dir aufträgt, sie vom Zug abzuholen! Ich hatte tonnenweise Gepäck.«

»Mutter, ich verstehe einfach nicht, warum du so ein Geschrei machst! Du hast es doch geschafft – du bist da. Wenn du in deinem Hotelzimmer gewesen wärst, hättest du gestern Abend meine Nachricht bekommen.«

Louise sah im Geiste Claude Martel an dem Tischchen vor sich. Sie hatte mit einem Dramatiker aus dem Mitarbeiterstab geflirtet, aber das erste ernsthafte Tête-à-Tête mit Martel hatte diese zerbrechliche Konstruktion zertrümmert. Claude war Sohn einer rumänischen Jüdin, die einen französischen Geschäftsmann geheiratet hatte; die späten dreißiger Jahre hatten Claude nach Hollywood gebracht, wo er sich als meisterhafter Tonfilmregisseur erwiesen hatte. Jetzt war er bei Universal. Sie schätzte sein Alter auf fünfundvierzig. Dynamisch, magnetisch, dunkelhaarig, helläugig, war er der erste Mann, der sie seit Oscar anzog. Gegenüber ihrer Tochter hatte sie ein etwas schlechtes Gewissen, so lange mit ihm zusammengesessen zu haben, über den Flirt hinaus in die Erkundung. Er hatte gesagt, er würde Mitte des Sommers in New York sein und sich dann mit ihr treffen. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sie war überzeugt, er begegnete einer Vielzahl von Frauen, die jünger waren und wesentlich aufsehenerregender aussahen als sie. Trotzdem war es beruhigend, ihre Anziehungskraft zu spüren, es nahm ihr die Furcht, grundsätzliche Treue zu Oscar könnte auf ewig ihr Los sein. Dieser Abend gab ihr ein Gefühl von Dichte und Schwere, sinnlicher als die paar Mal im Bett mit Dennis Winterhaven. Obwohl nichts weiter geschah als Reden und Händchenhalten, fühlte sie sich von Claude berührt wie von keinem anderen Mann seit Oscar. Deshalb befürchtete sie, dass ihre Tochter ihr diese Affäre vom Gesicht ablesen konnte, in deutlich geschriebenen Worten.

»Mrs. Shaunessy ruft uns, Mutter. Das Abendessen steht auf dem Tisch.«

»Ich möchte nicht, dass du ungezogen zu ihr bist, Kay. Du wirst dich mit ihr einigen, und du wirst freundlich zu ihr sein.«

»Sie ist nicht meine Mutter. Sie darf mich nicht herumkommandieren.«

»Sie ist mein Ersatz, wenn ich fort bin, und du wirst sie gut behandeln. Kay, du hast Mrs. Shaunessy immer lieb gehabt. Was soll diese verächtliche Haltung?«

»Du meinst die Zeit, als ich ein Kind war. Dabei ist sie nur eine Dienstbotin. Sie hat kein Recht, mit mir zu reden, wie sie es tut.«

»Sie ist eine Respektsperson, der Achtung gebührt, und sie kennt dich, seit du klein warst. Sie hat für dich gesorgt. Wo warst du heute Nachmittag?«

Kay warf sich schmollend auf einen Stuhl im Esszimmer. Oh Jugendzeit, oh Kinderkacke, dachte Louise. Ich hatte nie die Möglichkeit, solche Allüren zu haben und solche Anfälle zu kriegen. Vielleicht ist das ein Geschenk, das ich ihr mache, die Möglichkeit, emotional um sich zu schlagen, ohne dass es etwas kostet. Louise hasste Streit bei Tisch, so verschob sie die Auseinandersetzung, bis sie den Lammbraten genossen hatten, den Mrs. Shaunessy ergattert hatte. Gelbe Schwertlilien in einer blauen Vase. Louise war immer noch erleichtert, daheim zu sein, aber in ihr Glück mischte sich die Verärgerung über ihre Tochter.

Eine Haushälterin zu beschäftigen war eine heikle Angelegenheit für ihr Gewissen, aber sobald die Entscheidung einmal getroffen war, hatte sie sich rasch daran gewöhnt. Ohne Mrs. Shaunessy hätte sie nur halb so viel geschafft. Vor langer Zeit hatten sie ihren Umgang miteinander festgelegt. Sie siezten sich und plauschten nicht. Mrs. Shaunessy klatschte mit ihren Freundinnen, die in anderen Haushalten im gleichen großen Mietshaus arbeiteten. Mrs. Shaunessys Zimmer war für alle Übrigen tabu, und was sie ihnen kochte, aß sie in der Küche – wo auch Louise aß, wenn sie allein war, und wo Kay aß, wenn Louise nicht da war. Mrs. Shaunessy hatte mittwochnachmittags und sonntags frei, wo sie ausnahmslos den Zug in das Fünf-Städte-Gebiet auf Long Island nahm, um die eine oder die andere ihrer verheirateten Töchter zu besuchen.

Dennoch fasste Louise die Widersprüche ihres Lebens in einem Satz zusammen, den sie sich einmal hatte sagen hören: »Sag bitte Mrs. Shaunessy, sie soll den Daily Worker auf den Couchtisch legen.« Sie war eine Sympathisantin, die der Kommunistischen Partei nie beigetreten war, weil es für sie stets einen Teil der momentan gerade gültigen Parteilinie gab, mit dem sie nicht einverstanden war. Stets hatte sie Bedenken, Vorbehalte, Einwände. Es war ein langer Flirt gewesen, doch falls nicht entweder sie oder die Partei sich drastisch änderte, würde sie wohl nie schwören zu lieben, zu ehren und zu gehorchen. Der Hitler-Stalin-Pakt besiegelte und verplombte ihre Entscheidung wie einen endgültig zuplombierten Zahn.

Sie bereitete den Kaffee und trug ihn ins Wohnzimmer, wie sie es immer tat. Sie fand, mit dem Abwasch des Geschirrs vom Abendessen sollte Mrs. Shaunessys Arbeitstag beendet sein. Kay hatte in letzter Zeit begonnen, Kaffee zu trinken. »So, wo warst du heute Nachmittag, Kay?« Sie gab sich Mühe, forsch zu klingen, fest.

»Ich hatte ein Rendezvous.«

»Ein was?« Aber sie hatte Kay deutlich gehört. »Mit wem?«

Kay warf die Haare in den Nacken. Sie reckte das Kinn in die Höhe und hielt die Wimpern auf Halbmast, zweifellos imitierte sie irgendeinen Filmstar. »Er heißt Andy.« Als Louise ihren strengen Blick nicht abwandte, fügte sie hinzu: »Andy Bates.«

»Sprich weiter. Wo hast du ihn kennengelernt und wer ist er und warum hast du nicht vorher mit mir darüber geredet?« Louise hatte den sauren Gedanken, wenn sie ihre Kindheit in einem Roman von Dickens verbracht hatte, so schien die ihrer Tochter in Filmschnulzen zu baden.

»Ich bin sechzehn, Mutter, ich bin jetzt erwachsen, und es wird Zeit, dass du das zur Kenntnis nimmst. Mädchen werden in Kriegszeiten schneller erwachsen.« Kay lauschte mit einiger Zufriedenheit, wie sich das anhörte.

»Seit letzter Woche bist du erwachsen? Erstaunlich. Und wer ist dieser Andy Bates?«

»Er ist bei der Marine.«

»Oh nein! Ein Matrose? Wo zum Teufel lernst du Matrosen kennen?«

»Vor dem Rekrutierungsbüro. Wir sind zu jung, um hineinzugehen, aber wir treffen uns draußen mit ihnen. Deine Haltung ist unpatriotisch, Mutter. Ich schäme mich für dich.«

»Ich schäme mich für dich, du gabelst auf der Straße einen Matrosen auf und willst mir weismachen, das sei Teil der Kriegsanstrengungen. Was hast du mit ihm gemacht?«

»Wirklich, Mutter, du hörst dich an wie eine viktorianische Matrone, die mir gleich die Tür weisen wird. Ich bin zu einer Doppelverabredung mit ihm zum Zoo im Central Park und dann auf dem See rudern gegangen. Mit seiner Freiheit ist es vorbei. Ich habe versprochen, ihm zu schreiben, aber ich werde ihn erst in einigen Monaten wiedersehen, falls er nicht vorher in Stücke gerissen wird.«

»Kay, er mag ein netter junger Mann sein, aber du kannst nicht Männer auf der Straße aufgabeln und erwarten, dass sie sich anständig verhalten. Du hast überhaupt keine Ahnung, in was du da geraten kannst. Manche Männer sind durchaus bereit, Gewalt anzuwenden –«

»Wirklich, Mutter, heutzutage treffen sich alle zwanglos, und wenn du ehrlich glaubst, er wollte mich mitten im Zoo schänden –«

»Du weißt gar nicht, was das Wort bedeutet! Ich wünsche nicht, dass du dich vor dem Rekrutierungsbüro herumtreibst und dich in Schwierigkeiten bringst. Und wenn ich dich jeden Tag von der Schule abholen und nach Hause bringen muss, dann werde ich das tun.«

»Mutter! Willst du, dass ich vor Blamage sterbe? Ich höre mit der Schule auf, wenn du mich so behandelst.«

»Das bezweifle ich. Du würdest dich zu Hause ganz schön langweilen. Hör zu, Kay, wenn du meinst, du bist alt genug für Verabredungen, dann nur an Wochenenden, und ich möchte die jungen Männer kennenlernen.« Sie hörte sich an wie eine Tugendwächterin, und es war ihr egal. In Kays Alter hatte sie einen geschärften Sinn dafür gehabt, welche Männer gefährlich waren und welche nicht, ein Wissen, vor dessen Erwerb sie Kay immer beschützt hatte; auch wünschte sie Kay nicht, die Männer, denen sie begegnete, auf ihr Potenzial zu brutaler Gewalt abschätzen zu müssen.

Sollte sie nicht Oscar zu Rate ziehen? Vielleicht war er in der Lage, Kay wesentlich wirksamer ins Gewissen zu reden, als sie es konnte; womöglich gelang es ihm, sie so zu beschämen, dass sie sich weniger leichtsinnig verhielt. Louise hatte das Gefühl, ihn hineinziehen zu müssen, wollte sich aber nicht in die gefährlichen Ranken von Oscars Aufmerksamkeit verwickeln. Bestimmt konnte sie mit Kay alleine fertig werden, sich für immer von ihm freimachen.

Sie saß bei zugezogenen Verdunkelungsvorhängen in ihrem Bett und las Saint-Exupérys Flug nach Arras. Dennis hatte ihr den Roman an jenem Abend gegeben, als sie ihn nicht davon abhalten konnte, ihr einen Heiratsantrag zu machen und sich dann verletzt zurückzuziehen. Plötzlich klingelte das Telefon.

Sie runzelte die Stirn. Spät für einen Anruf. Es war ein Ferngespräch. Als sie die Stimme mit dem französischen Anklang hörte, verschwand ihre Verärgerung. »Claude! Wo bist du?«

»Ich bin immer noch in Washington. Aber ich habe meinen Terminplan geändert. Morgen nehme ich den Zug nach New York, wo ich auch den Abend verbringe, und wir treffen uns, einverstanden? Kannst du absagen, was du vorhast, und kommen? Denn am nächsten Vormittag muss ich zurück an die Westküste.«

»Morgen? Soll ich dich vom Zug abholen?«

»Nein, der wird überfüllt sein. Ich habe es so arrangiert, dass ich mich in New York mit unserem Geldmogul treffe. Irgendein Lakai wird mich abholen. Ich rufe dich am späten Nachmittag an und sage dir, wann wir essen gehen. Ist das gut?«

»Hört sich sehr gut an.«

»Ich konnte nicht bis zum Sommer warten, Louise, um unser Gespräch fortzusetzen. Ich halte es für dringend. Bist du dafür?«

»Ich bin dafür, dich morgen zu treffen, Claude. Und jetzt gute Nacht.« Sie hatte sich im Verdacht, Claude unweigerlich in die Arme zu fallen, wenn er sie nur heftig genug bedrängte. Offensichtlich hatte sie auf ihn Eindruck gemacht, wie er auch auf sie, aber würde das zweite Treffen neben dem ersten bestehen? Mach dir keine Gedanken, befahl sie sich und knobelte, wie sie in ihren bereits engen Zeitplan einen Friseurtermin einarbeiten konnte und mit welcher Ausrede sie darum herumkam, mit ihren Freunden, den Bauers, Katherine Cornell in Shaws Candida anzuschauen, nachdem es so schwer gewesen war, dafür Karten zu ergattern. Sie musste Kay an ihrer Stelle hinschicken und unerwartete Arbeit für den Ausschuss vorschützen. Die Bauers waren es gewohnt, dass ihre Freunde nach Washington gerufen wurden und bei Bundesdienststellen ehrenamtliche Posten übernahmen. Sie würden ihren Termindruck nicht hinterfragen. Ihr kam die Idee, sich morgen früh von Kay beim Sortieren der Unterlagen aus dem Karton helfen zu lassen, was Kay von der Wahrheit ihrer Geschichte zu überzeugen versprach. Der Weg war frei für Torheiten.

Ich bin Oscar nicht nur in der Ehe treu gewesen, sondern auch noch lange danach, selbst wenn ich mich gelegentlich wie ein Packen frisch gewaschener, unsortierter Wäsche in das Bett eines anderen Mannes fallen lasse. »Ich war dir treu, Cynara, auf meine Weise.« Louise lächelte bei dem Gedanken an dieses schwer atmende Gedicht ihrer Jugend, das unter den literarisch interessierteren und emanzipierteren Koedukationsschülerinnen herumgereicht wurde, weil sie es erotisierend fanden, bis sie Joyce und Hemingway entdeckten. Claude hatte Oscars Kaliber, und selbst ein kurzer Galopp mit ihm tat ihrem Sinn für sich selbst und ihre Möglichkeiten bestimmt gut. Louise seufzte und fragte sich, ob sie sich nicht lieber auf schwüle Romane hätte werfen sollen statt auf stromlinienförmige Kurzprosa, denn in keiner ihrer Geschichten durften ihre Heldinnen den Hochofen sexueller Lust durchleben, der da im Zentrum toste und mit seiner Energie ihr Leben speiste.

Louise war zu aufgeregt, um schlafen zu können, wollte aber anderntags blendend aussehen. Schließlich kramte sie in einer Schublade nach einer Schlaftablette. Sie hatte seit den Monaten nach Oscars Auszug keine mehr genommen. Sie konnte sich an ihren unglücklichen Zustand erinnern, aber heute Abend hatte sie eine Vogelperspektive auf diese Hölle, säuberlich wie Flickenteppichfelder weit unter ihr. Wenn sie heute Abend eine Einschlafhilfe brauchte, dann nicht, weil ihr Leben ihr entleert vorkam, sondern übervoll.

Als sie erwachte, erinnerte sie sich an zwei sexuelle Träume. Darin hatte sie nicht mit Oscar geschlafen, der ihr Traumleben immer noch zu dominieren schien, auch nicht mit gesichtsloser Jugend, jung Tausendlieb, der manchmal Oscar ersetzte. Sie hatte geträumt, Körper an Körper nackt mit Claude zu liegen, einmal und dann noch einmal, und als sie nun aufstand, um sich ihrem Tag zu stellen, ertappte sie sich dabei, dass sie an ihn bereits als ihren Liebhaber dachte, als einen Mann, der ihr schon zweimal Genuss bereitet hatte.

Naomi 2
Ab heute bist du eine Frau

Es passierte in der Schule, als Naomi in der Turnstunde draußen Baseball spielte. Sie war ans entfernteste Laufmal gestellt worden, weit weg vom Schläger, wo ihre einzige Angst war, der Ball könnte plötzlich auf sie zufliegen. Baseball war für sie ein fremdes Spiel. Sie holte nach dem Ball aus, wenn sie mit Schlagen dran war, und wenn sie ihn manchmal traf, so war das reine Glückssache. Sie hatte gelernt, dann ganz schnell zu rennen, und sie wusste, wo sie zuerst hinrennen musste und wohin dann.

Wenn dem Ball jedoch einfiel, direkt auf sie zuzukommen, dann wusste sie sich keinen Rat, was sie tun sollte. Dann stand sie mit hochgestreckten Armen da, und manchmal drehte der Ball unversehens ab und sprang an ihr vorbei, oder er schwebte über ihrem Kopf und plumpste auf sie herunter, oder er traf ihre ausgestreckten Arme, prallte gemein ab und hopste weg. Draußen im Gras des Außenfeldes betete sie, dass der Ball sich heute nicht sie als Zielscheibe suchte.

Den ganzen Frühling über hatte es geregnet, aber heute schien die Sonne und der Himmel war blau, verschmiert vom gelbbraunen Dunst aus den Fabriken. Löwenzahn blühte auf dem Außenfeld. Auf Französisch hieß er pissenlit, piss ins Bett, aber es war die gleiche Blume. In früheren, besseren Frühlingen hatten sie die Blätter gegessen. Die Mädchen rieben sich gegenseitig die Blüten unters Kinn und sagten, das sei Butter.

Am Laufmal rechts von ihr stand Clotilde. Für Naomis Ohren war das ein ganz normaler Name gewesen, bis sie gehört hatte, wie die anderen Kinder Clotilde hänselten, ein Pummelchen mit hellbrauner, fast grauer Haut und Haaren, so kraus wie Naomis, nur noch ein bisschen dunkler. Clotilde sprach nicht wie die anderen farbigen Mädchen. Ihre Mutter zog ihr Kinderschürzen an, und sie trug ein kleines goldenes Kreuz an einer Halskette. Sie war katholisch, ging aber nicht auf die Konfessionsschule, hatte sie Naomi erklärt, weil da Polen waren, und das verstand Naomi sofort, denn die polnischen Kinder verprügelten die farbigen Kinder ebenso oft wie die jüdischen Kinder, und weder Juden noch Farbige waren in Hamtramck willkommen, der polnischen Stadt innerhalb von Detroit mit eigener Verwaltung.

Jetzt fiel Naomi auf, dass Clotilde zu ihr herübergetrieben war, wie sacht vom Wind angeweht. Clotilde schaute nicht zu ihr, sondern unglücklich zum Schlagmal, und hoffte bestimmt so inständig wie Naomi, dass nichts von dort auf sie zukam. Clotilde wurde immer als letzte der farbigen Mädchen aufgestellt, denn sie hatte keine sportlichen Neigungen oder Fähigkeiten.

»Tu es de Paris, vraiment?«, fragte Clotilde aus dem Mundwinkel.

Einen Augenblick war Naomi nicht sicher, dass Clotilde Französisch sprach, denn es war ein Singsangfranzösisch, einige Silben verschluckt, andere Silben so ausgesprochen, wie Naomi es nur in der Provence gehört hatte. Dann begann Naomi, auf sie einzureden, ein heftiger Sturzbach. »Wie kommt es, dass du Französisch sprichst? Sprecht ihr das in deiner Familie? Wo bist du her?«

»Doucement, doucement«, warnte Clotilde. »Du weißt doch, wir dürfen hier nur Englisch sprechen. Wir müssen leise sein. Aber ich bin auf Martinique geboren, wo ich auch viel Familie habe, und es ist sehr schön da, ohne Winter, und die Weißen da sind nicht so gemein wie hier. Ich weiß, wie sich alle über einen lustig machen, wenn man zu Hause nicht Englisch spricht.«

»Es ist so schön, Französisch zu sprechen, Französisch zu hören, ich könnte weinen!«

Dummerweise warf die Innenfeldfängerin die nächste Schlägerin hinaus und beendete ihr Gespräch. Naomi hockte im Löwenzahn, suchte nach einem, der schon eine Pusteblume hatte, und schaute, wann sie mit Schlagen dran war, da merkte sie, dass sie zwischen den Beinen nass war.

Hatte sie sich in die Hose gemacht? Sie wartete, bis sie am Ende der Turnstunde vom Platz hereinkam und die Hose auszog, die sie für die Schule hatte kaufen müssen, eine lange Turnhose in hässlichem Marineblau. Ein großer roter Fleck, Blut, groß wie ein Halbdollarstück. Ihr fiel eine Geschichte im Radio ein von einem kleinen Mädchen, das an Blutarmut starb und das Blut in den Ohren rauschen hörte. Dann fiel ihr ein, wie Jacqueline einmal eine Binde im Badezimmer gelassen hatte. Maman hatte Jacqueline geohrfeigt und einen Schmutzfink geschimpft, aber dann erklärte Maman Rivka und ihr, wie kleine Mädchen zu Frauen wurden.

Dann fragten sie Jacqueline allein. Sie lag auf dem Bett ihrer Eltern und las Sturmhöhe, einen englischen Roman. Maman und Papa waren bei der Arbeit. Jacqueline tat sehr wichtig. Es war nichts, sagte sie, obwohl einige Mädchen ein Riesengeschrei darum machten und den ganzen Tag lang mit Wärmflaschen rumlagen und viele Aspirin schluckten. Sie selbst fand es nur lästig. Aber es bedeutete, dass du eine Frau geworden warst. Es war wie eine private bar mizwa und echter, denn es geschah, wann G-tt wollte. Dann merktest du, wie du mit dem Mond zu- und abnahmst und wie deine Zeit an einem bestimmten Punkt im Mondzyklus kam.

Naomi wusste, dass die Mädchen andauernd über Regeln redeten und über die Mollen und das Monatliche, aber sie nahm sich vor, kein Wort zu sagen. Sonst machten sie sich wieder über sie lustig, oder die gemeine Joyce erzählte es den Jungens, und dann schämte sie sich zu Tode. Sie stopfte sich Toilettenpapier in ihr Höschen und ging sehr vorsichtig zu ihrer nächsten Stunde.

Zu Hause schrie Tante Rose gerade Sharon an, dass die Babys sofort gewindelt werden mussten. Naomi trat von einem Fuß auf den andern und wartete, bis sie mit Tante Rose reden konnte, aber als Tante Rose von ihr Notiz nahm, war es nur, um sie loszuschicken, in der Bäckerei Pumpernickel und im Milchladen vier Liter Vollmilch zu holen.

Schließlich kam Ruthie für ein hastiges Abendbrot nach Hause und wechselte die weiße Bluse und den dunklen Rock, die sie zur Arbeit tragen musste, gegen andere Kleider. Ruthie hatte drei solche Blusen und zwei solche Röcke, die sie ständig wusch und bügelte. Sie bewahrte sie im Kleiderschrank, den sie sich teilten, ganz rechts auf, denn sie wurden nie zu anderer Gelegenheit getragen. Naomi ging achtsam damit um und passte auf, sie nicht zu verknittern, wenn sie etwas im Kleiderschrank suchte. Ruthie hatte eine knappe Stunde, bevor sie zum Abendkurs losmusste.

Naomi fing Ruthie in ihrem gemeinsamen Zimmer ab, sobald es ging. »Ruthie. Mir ist heute was passiert.«

»Was Gutes oder was Schlechtes?«

»Ich weiß nicht.« Naomi zuckte verlegen die Achseln. Die Frage verstörte sie. War das Blut eine Bestrafung oder ein Passierschein in die Freiheit der Erwachsenen?

»Wenn du es nicht weißt, wer dann?« Ruthie grub in den Tiefen des Kleiderschranks. »Es wird Zeit, wieder Baumwollsachen zu tragen. An so einem Tag muss ich nun in der Stube hocken!«

»In meinem Höschen ist Blut.« Naomi hockte unglücklich auf der äußersten Kante von Ruthies Bett. »Wie heißt das auf Englisch? Meine Regeln.«

»Deine Regel. Tatsächlich? Hat dir Mame eine Binde gegeben?«

»Ich hab’s ihr noch nicht gesagt.«

»Du brauchst einen Bindengürtel und eine Binde.« Ruthie kramte in ihrer Kommode. »Nimm erst mal meinen Gürtel. Morgen kaufe ich dir in der Stadt einen.« Ruthie strich ihr übers Haar und fragte besorgt: »Verstehst du, was das bedeutet?«

»Jetzt kann ich Babys kriegen.«

Ruthie lachte. »Nicht von allein. Nur, wenn du mit einem Jungen ins Bett gehst, und an so was sollst du noch hundert Jahre lang nicht denken.« Damit sie die Binde anlegen konnte, ließ Ruthie sie allein, hüpfte in die Küche und summte vor sich hin.

Naomi sah nicht ein, wieso das Blut in ihrem Höschen Ruthie so beschwingte. Vielleicht, weil Ruthie Babys haben wollte, nicht bald, aber sie wollte welche. Naomi selber eigentlich nicht. Das hätte sie gern Rivka erzählt, denn früher hatte Naomi Babys so süß gefunden, dass sie stehen blieb und schwärmte, sobald sie eine Mutter einen Kinderwagen schieben sah. Rivka fand das eklig und kitschig. Aber seit sie jeden Nachmittag, sobald sie aus der Schule kam, von Babys umgeben war, bis ihre Mütter sie abholten, war sie entzaubert. Pipi und A-a, brüllen und aus Stühlen fallen und Essen auf den Boden schmeißen, so sah das aus.

Naomi liebte den Klang des Wortes entzaubert. Sie stellte sich einen Schleier vor, der weggerissen wurde. »Ich bin entzaubert«, sagte sie laut vor sich hin. Innerlich war sie jetzt eine Frau. Sie nahm sich vor, nie wieder in der Nase zu bohren und die Popel unter den Stuhl zu kleben. Zu lernen, ordentlich mit der Gabel in der rechten Hand zu essen, wie es die Amerikaner taten. Aufzuhören, heimlich Murrays Briefe aus der Schublade mit Ruthies Unterwäsche zu holen und zu lesen. Jetzt, wo sie eine Frau war, durfte sie sich nicht mehr wie ein Kind benehmen. Alles, was sie tat, zählte jetzt, und sie musste anfangen, sich richtig und tapfer zu benehmen und bien rangée zu sein.

Sie saß auf Ruthies Bettkante und übte, wie eine reife Frau sitzt. Die Binde drückte zwischen den Beinen. Sie fragte sich, wie sie damit rennen sollte, ohne sich wundzuscheuern. Sie betrachtete ihr Gesicht in dem kleinen Spiegel über der Kommode, die sie mit Ruthie teilte. Sie versuchte sich an Schlafzimmerblicken, wie die Frauen in den Filmen sie den Männern zuwarfen. Es fiel ihr immer noch schwer, alles mitzubekommen, was sie sagten. Dann kniff sie das rechte Auge zu, machte ihr linkes groß und rund und fletschte die Zähne, aber nur auf einer Seite. Das war ihr bestes Hexengesicht. Rivka sagte manchmal, vielleicht wurden sie Hexen, wenn sie groß waren. Das hörte sich toll an.

Hatte Rivka schon ihre Regel? Sie schloss die Augen und versuchte, ihre Zwillingsschwester zu fühlen, aber es gelang ihr nicht. Sechs Uhr. Dann war es Mitternacht in Paris, und Rivka schlief schon. Es wäre so schön, wenn sie mit Rivka reden könnte: Dann wüsste sie, ob sie glücklich war oder unzufrieden. Wenn du eine Zwillingsschwester hast, bist du nie einsam, außer, ihr seid getrennt, und dann kann niemand je verstehen, was dir fehlt, nur du selbst.

Für einen Moment überkam sie trostloser Zorn auf ihre Eltern, die sie getrennt hatten. Es hatte eigentlich nicht für lange sein sollen. Papa hatte sich einen Ausweis besorgt, der ihm erlaubte, in die Vichy-Zone zu fahren, dazu die Papiere und die carte d’identité von einem Mann mit Namen Antoine Saligny, der im Süden geschäftlich zu tun hatte. Auf dem Ausweis war auch eine Tochter eingetragen, aber nur eine. Antoine Saligny war an einem Herzschlag gestorben, kaum dass sein Ausweis genehmigt war, und Papa hatte die Papiere gekauft. Ursprünglich wollte Papa Jacqueline mitnehmen, aber die lehnte ab, weil die Prüfungen für ihr baccalauréat bevorstanden. Dann hatte Papa Naomi gewählt als die Zweitälteste – sie war eine Viertelstunde vor Rivka zur Welt gekommen.

Papa plante, in der Vichy-Zone Arbeit zu finden und dann den Rest der Familie zu holen. Das war dann aber schwieriger, als sie alle gedacht hatten. Es gab keine Telefonverbindungen zwischen den beiden Frankreichs. Die einzige Post, die sie schicken konnten, waren Postkarten, auf denen sie nur vorgedruckte Sätze ankreuzen durften. Um hin- und herzureisen, brauchte man eine Genehmigung. Die Vichy-Franzosen erließen im Eiltempo antijüdische Gesetze, um es den Nazis gleichzutun. Als Papa eine Möglichkeit sah, sie in die Vereinigten Staaten zu schicken, beschloss er, sie in Sicherheit zu bringen.

Also war Papa in Südfrankreich geblieben, während sie ganz allein nach New York flog, wo sie von einer Frau vom Joint, dem American Jewish Joint Distribution Committee, abgeholt und in den Zug nach Detroit gesetzt wurde. Sie war noch nie in ihrem Leben so unglücklich gewesen wie in den fünf Tagen in dem Flugzeug, das von Flughafen zu Flughafen flog, nach Casablanca und dann nach Martinique und dann nach New York, in dem Flugzeug, dessen Dröhnen noch zwei Tage hinterher ihren Kopf füllte. Ihr Englisch war doch nicht so gut, wie sie immer gedacht hatte, und sehr oft begriff sie nicht, was man ihr für Anweisungen gab, was man von ihr wollte.

Manchmal fühlte sie sich von ihrer Familie verstoßen. Warum musste sie es sein, von der sie sich trennten? Seit Beginn des neuen Krieges hatte sie keine Briefe mehr von Rivka und Maman bekommen. Sie hatte nur jene Augenblicke, die sie nicht heraufbeschwören, sondern nur hinnehmen konnte, in denen sie ihre Zwillingsschwester deutlich in sich spürte.

Tante Rose kam herein und gab ihr einen Kuss. »Ist gut, du bekommst von mir also keine Schläge, Ruthie verlangt von mir, dass ich modern und amerikanisch bin. Aber sei du jetzt ein gutes Mädchen.« Rose kniff ihr in die Wangen mit ihren schwieligen, vom Wasser verquollenen Händen, die nach Zwiebeln rochen. »Sei ein gutes Mädchen, uns zuliebe und deiner Mutter zuliebe, meiner lieben Schwester Chava, die immer an dich denkt, das weiß ich.«

Naomi nickte verlegen. Was sollte all das heftige Gewünsche, sie möge ein gutes Mädchen sein? Fing G-tt an zu zählen, wenn du deine erste Regel hattest? Vielleicht nahm G-tt dir ja alles, was du bis dahin getan hattest, nicht übel, aber von da an zählte es, jeder Gedanke und jede Tat und jede ausgeübte oder unterlassene mizwe. Sie empfand Bestürzung angesichts der Aussicht, wirklich gut sein zu müssen. Sie wechselte absichtlich das Thema. »Hat meine Mutter Chava im gleichen Alter angefangen wie ich?«

»Du bist zwölf, richtig? Ja, im gleichen Alter. Chava war da schon hübsch und ein helles Köpfchen. Ich war die Vernünftige, ich musste auf die Kleinen aufpassen. Deine Tante Batya war die Verdrehteste, am meisten hinter den Jungens her. Esther, die war noch ein kleines Kind, als ich fortging. Sie ist die, die sich gut verheiratet hat. Esther und Batya haben beide Balabans geheiratet, auch aus Kozienice, aber Batya hat den hübschen Jungen ohne Verstand geheiratet und Esther den mit der Mühle, und sie führt ihm die Bücher.«

Naomi liebte es, wenn Tante Rose von den Schwestern erzählte. Das machte die Familienbande lebendig, ließ Naomi spüren, dass sie immer noch in der gleichen Familie lebte, so verstreut über Europa und Amerika sie auch war.

Beim Abendessen, als sie sich an den Tisch setzte zu der Suppe aus Zwiebeln und Kartoffeln, zu der es das dunkle Brot gab, nach dem Tante Rose sie zum Bäcker geschickt hatte, schaute Onkel Morris sie mit solch einem Gesicht aus Wehmut und Sorge und verschmitztem Grienen an, dass sie sofort wusste, Tante Rose hatte es ihm gesagt. Am liebsten hätte sie den Löffel hingeworfen und wäre aus dem Zimmer gerannt. Was sie zurückhielt, war die Erinnerung an die vielen blöden Auftritte, die Jacqueline hingelegt hatte, wo sie meistens Maman, aber manchmal auch Papa vorwarf, gefühllos zu sein, sie nicht zu achten, sich über ihre Gedanken lustig zu machen. Rums ging der Löffel und racks ging der Stuhl, und Jacqueline rannte raus und schloss sich in die salle de bains ein. Was sie da drin trieb, blieb ihr Geheimnis. Man hörte nur heftig das Wasser laufen. Wenn sie rauskam, sah sie aus, als hätte sie eine geheime Botschaft empfangen; dann war sie sehr von sich angetan, sehr abweisend und von oben herab. Sie warf allen Blicke aus den Augenwinkeln zu, als wollte sie sagen: Ihr wisst gar nicht, wer ich bin, aber eines Tages, wenn ich Großes vollbracht habe, werdet ihr es erkennen!

Naomi beschloss, nicht so blöd zu werden wie Jacqueline. Ohne sich um die andern zu kümmern, aß sie ihre Suppe. Das Blut war nicht sonderlich beeindruckend. Sie hatte weit stärker aus der Nase geblutet, oder auch Rivka, als sie ihre Namen in eine Kastanie einritzten und das Messer abrutschte. Doch da alle ihr immer wieder verstohlene Blicke zuwarfen, sagte sie schließlich: »Ich möchte gern etwas wissen.«

»Was denn?«, fragte Ruthie im selben Moment, in dem Onkel Morris sagte: »Bist du sicher, dass du nicht bis nach dem Abendbrot warten und deine Tante fragen willst?«

»Warum finden es alle komisch oder falsch, wenn ich mit einem farbigen Mädchen befreundet sein will? Was geht das die andern an?«

Alle in ihrer neuen Familie sahen bestürzt aus, als hätte sie nach etwas noch Peinlicherem als der Regel gefragt. »Dein Onkel Morris wird es dir erklären«, sagte Tante Rose, während Arty und Sharon Gesichter zogen, als schmeckte die Suppe nicht gut. Naomi sah schon, sie würde es nie fertigbringen, wie eine Erwachsene zu sein, auch wenn sie jetzt blutete. Onkel Morris sagte, nach dem Abendbrot würde er mit ihr reden, als hätte sie etwas Unanständiges gefragt. Sie gab auf und aß ihre Suppe. Ihr fiel ein, wenn sie in letzter Zeit Rivka fühlte, dann hatte Rivka immer Hunger.

Daniel 2
Das große purpurne Kreuzworträtsel

Daniel war immer ein begeisterter Rater des Kreuzworträtsels der New York Times gewesen. Während seiner Jahre am City College hatte er genüsslich mit seinem Vetter Seymour gewetteifert, wer es schneller löste. Der, der es zuerst heraushatte, rief den anderen an und brüstete sich. Er hatte sich jedoch nie träumen lassen, dass er sich eines Tages unter enormem Druck und mit einem Gefühl drohenden, furchtbaren Versagens Tag und Nacht mit einem gigantischen Kreuzworträtsel abmühen würde.

Natürlich war die Kryptologie – in seinem Fall die Entschlüsselung japanischer Codes – nicht das Gleiche wie das Lösen eines Kreuzworträtsels, doch manchmal fühlte es sich so an, denn alles an dem Gebäude, das sie errichteten, stand zueinander in Beziehung; wenn sie ein Partikelchen entschlüsselten, änderten sich dadurch andere, schon erratene Bausteine und wurden zu Gewissheiten oder Fehlern.

Im Frühjahr, als einige aus seinem Japanischkurs nach Washington abkommandiert wurden, stellte sich Daniel die Frage, was man wohl mit ihm anfangen würde. Er malte sich aus, auf einem Tropeneiland Kriegsgefangene zu verhören. Ob man ihn direkt nach Übersee schickte? Er gehörte zum zweiten Trupp der Dienstverpflichteten. Am College hatte er befriedigende Noten gehabt und sich selten zu Höchstleistungen angestachelt gefühlt. Hier dagegen hatte er Lehrgangskameraden überflügelt, die seit Jahren Japanisch lernten. Er hatte sich nie für dumm gehalten, aber auch nicht für hochbegabt. Sein Vetter Seymour war der Intellektuelle und sein Bruder Haskel der Einser-Student. Nun begegnete er sich selbst mit neuem Respekt vor seiner Intelligenz.

Dann kam plötzlich aus heiterem Himmel der Marschbefehl zur Sektion 20-G, wo er eiligst und mit wütendem Druck von oben auf die Kryptologie angesetzt wurde. Das erinnerte ihn daran, wie Haskel ihm das Schwimmen beibringen wollte, indem er ihn im YMCA vom Rand des Beckens schubste. Er wurde in tiefes und kabbeliges Wasser geworfen, inmitten eines tosenden Sturms unbegreiflicher Direktiven. Doch irgendwie lernte er. Wochenlang begriff er den Zweck dieser fieberhaften Aktivitäten nicht, doch er versuchte, sich seinen Weg zu bahnen.

Anfangs fühlte sich Daniel bei Sektion 20-G in Washington fehl am Platz. Die Hälfte des Personals bestand aus Marinestabsoffizieren, den Annapolis-Absolventen, die als Teil ihrer Ausbildung einige Zeit in Japan verbracht hatten. Die andere Hälfte bestand aus Zivilisten, Männern und Frauen, deren Herkunft und Werdegang sie mit der japanischen Sprache und Kultur verband. Mehrere von ihnen waren Nisei, in den USA geborene Japaner, andere waren teilweise japanischer Abstammung oder hatten japanische Ehepartner. Daniel brachte ihnen nicht das Misstrauen gegen alles Japano-Amerikanische entgegen, das typisch für die meisten Amerikaner und sogar offizielle Regierungshaltung war. Nach der Verhaftung und Internierung von Japano-Amerikanern hatte die Marine ihre eigenen Nisei von der Westküste nach Colorado verlegen müssen, um sie zu schützen. Ohne sie wäre das Programm lahmgelegt gewesen.

Er zog in das erste Zimmer, das er in der überfüllten Stadt finden konnte, bei einer lautstarken Familie aus Kentucky, die ihm fürchterlich auf die Nerven ging. Schließlich fragte ihn ein Kollege aus seiner Abteilung, ob er sich eine winzige Wohnung draußen unweit Maryland, im dritten Straßenalphabet, mit ihm teilen wollte, weit vom Capitol und von ihrer Arbeitsstätte entfernt, aber eine Wohnung nur für ihn und Rodney. Er sagte zu, ohne sie gesehen zu haben. Das war auch gut so, denn sie war dunkel, eng und heiß, im zweiten Stock direkt unter dem Dach, ohne Fahrstuhl und mit einer Aussicht aufs nächste Dach, die reichliches Anschauungsmaterial zum Paarungsverhalten von Tauben lieferte.

Sie hatten nur zwei Zimmer und eine winzige Küche. Rodney, der die Wohnung aufgetrieben hatte, beanspruchte das Schlafzimmer. Daniel bekam das Schrankbett im Wohnzimmer. Er fühlte sich wie zu Hause, denn sein Bett in der Bronx war genauso eine Zumutung gewesen. Er beschloss, das Bett in seinem Schrank zu lassen und auf einer Matratze auf dem Fußboden zu schlafen. So bestand eine Ecke ihres Wohnzimmers aus seiner Matratze mit einem Haufen zusammengewürfelter Kissen, darunter auch seine Kopfstütze aus geflochtenem Bambus in Form eines Löwen, die er seit Schanghai immer auf seinem Bett gehabt hatte. Darüber hängte er die Schriftrolle, die er mit Hilfe eines Freundes in Soochow erhandelt hatte. »Wie eine Künstlerbude«, grummelte Rodney, aber da er das Schlafzimmer nicht abtreten mochte, blieb es bei diesem Patt. Rodney sprach kaum mit Daniel außer in betrunkenem Zustand, dann schwafelte er endlos über seine Probleme beim Verführen von Frauen.

Washington war kein gigantisches, kosmopolitisches Bienenhaus wie New York und Schanghai, kein Zentrum intellektuellen Lebens wie Boston. Es war eine wuchernde Südstaatenstadt, die sich im halben Tempo von New York bewegte. Viele der jüngeren Männer und Frauen gingen barhäuptig, wohingegen in New York alle Hüte trugen. Es gab in der ganzen Stadt nicht einen Wolkenkratzer. Alles war nach Rassen getrennt und für Farbige und Weiße gekennzeichnet. Ihm kam das nicht nur rüde, sondern töricht vor, dicht an hysterischem Verhalten. Die farbige Bevölkerung von Washington war groß und schien recht heterogen, obwohl nahezu durchgängig in elenden Wohnverhältnissen lebend, viele in sogenannten Hinterhofhäusern, die hinter den eigentlichen Häusern in wimmelnden Pferchen standen und ihn an die zwielichtigen Viertel von Schanghai erinnerten.

Jeden Tag fuhr er mit der Straßenbahn zum Marinegebäude an der Achtzehnten Straße Ecke Constitution Avenue, ging an den Marinewachen vorbei hinauf zum dritten Deck – als Erstes hatte er hier lernen müssen, Stockwerke Decks zu nennen, Wände Schotten und anderen Marineunsinn – und begab sich in die Abteilung für feindliche Funksprüche. Sektion 20-G war kein stiller Winkel intensiven Studiums, keine glückliche Familie, kein Ort, an dem man willkommen geheißen wurde und als fröhliches Rädchen im großen Getriebe seinen Platz angewiesen bekam. Es war ein Irrenhaus. Mitarbeiter, die schon vor dem Krieg dabei gewesen waren, schienen von dem Schuldbewusstsein geplagt, dass Pearl Harbour zum großen Teil eine Marinepanne und somit eine Panne der Marineabwehr gewesen sei. Sie arbeiteten wie besessen. Ihr Chef brüllte, tobte, trieb sie an und wachte ständig darüber, dass jedes Gespräch sich auf die Arbeit bezog und nur auf die Arbeit. In einer Ecke saß der frühere Sektionsleiter, und Pearl Harbour hing ihm am Hals wie der tote Albatros dem Alten Seemann. Niemand würdigte ihn eines Blickes, und er schien wenig zu tun zu haben außer einem endlosen Autopsiebericht.

Daniel hatte keine Ahnung, wie er dazu kam, Verbindungsmann, ein vornehmeres Wort für Botenjunge, zu William Friedman zu werden, aber die vorige Kontaktperson war zum Marinenachrichtendienst in Pearl Harbour versetzt worden, wo es eine weitere Kryptologieabteilung gab. Niemand erklärte ihm das. Und niemand erklärte ihm, woran sie arbeiteten, nämlich an japanischen Geheimcodes. Die Sektion schien nach den gleichen Grundsätzen zu arbeiten, nach denen in Boston Straßenschilder errichtet wurden: als Zeichen für die, die sich schon auskannten, und mit deutlichem Misstrauen Fremden gegenüber, mit der eingefleischten Überzeugung, wer nicht schon wusste, wo er war, hatte dort auch nichts zu suchen.

William Friedman stand dem Sicherheitsamt der Fernmeldetruppe vor, gleich nebenan auf der Mall in einem weiteren Labyrinth namens Zeughaus oben im dritten Stock – wo Stockwerke Stockwerke waren. Daniel ging gern hinüber. Friedman war eine Vaterfigur, nicht nur für ihn, sondern auch für seinen eigenen Stab. Er war kein gemütvoller Vater, sondern ein kühler, unnahbarer, allwissender Vater, der sorgfältig auf die Schulung seines Personals achtete. Sein Schreibtisch und sein Kopf schienen stets aufgeräumt. Daniel fand die Atmosphäre in seinem Amt erfrischend und beruhigend zugleich. Hier wurde genauso hart gearbeitet wie bei der Marine, aber die Atmosphäre war klar, vernünftig und freundlich.

Friedman war ein kleiner, gepflegter, adretter Mann, Träger von Gamaschen, eleganten dreiteiligen Maßanzügen, von Schuhen, die nicht blankpoliert blitzten, denn dafür war das Leder zu weich und zu fein, sondern von innen heraus warm schimmerten wie altes Geld. Doch Friedman war Jude. Er war in Kischinjow, nun Sowjetunion, geboren worden und als Kleinkind ausgewandert. Er sprach ohne Akzent bis auf eine bestimmte O-Färbung, die Daniel mit Pittsburgh verband. Friedman war ein Genie. Das Vokabular, in dem Daniels neuer Beruf sich ausdrückte, war von Friedman persönlich geprägt worden, bis hinunter zu der Bezeichnung, die seine Tätigkeit beschrieb: Kryptologe.

Friedman hatte eine Frau, Elizebeth, die in dem Metier, das diese beiden zu großen Teilen erfunden hatten, fast den gleichen Ruf genoss wie er. Beide waren seit den zwanziger Jahren in Washington und ersannen Codes für die meisten Regierungsinstitutionen, die welche benötigten, von der Armee bis zum Finanzministerium, von der Küstenwache bis zu Oberst Donovans verwegenem Geheimdienstunternehmen. Sie hatten auch Codes entschlüsselt und waren als Sachverständige in zahlreichen Prozessen aufgetreten. Es hieß, Friedman sei seiner Frau innig verbunden, regelrecht verrückt nach ihr. Kein Hauch von Skandal hatte je ihre Beziehung getrübt. Aber Friedman war vor Pearl Harbour aus der Armee entlassen worden und nun Zivilist. Es hieß, die Anstrengung, den diplomatischen Code der Japaner, genannt Purpur, zu knacken, habe bei ihm zu einem Nervenzusammenbruch geführt, und die Armee hätte diesen Augenblick gewählt, um ihn für seine Extravaganz zu bestrafen. Was es auch war, Friedman umwehte ein Hauch von Trauer, dachte Daniel, als hätte er zu viel gesehen – eine philosophische Traurigkeit unter der strengen und nie versiegenden Brillanz des Intellekts.

Friedman hatte ihn bei seinem ersten Botengang scharf gemustert, ein wissender Blick, der, wie Daniel vermutete, damit zu tun hatte, dass die Marine einen der wenigen verfügbaren Juden zu ihm geschickt hatte. Dann schien Friedman im Geiste mehrere Schritte rückwärts gemacht zu haben und Daniel bei den nächsten Begegnungen unvoreingenommen zu betrachten. Schließlich brachte er ihm Interesse entgegen: nicht unbedingt ein freundliches, obwohl schon in dieser Beachtung eine Art Freundlichkeit lag. Friedman war ein Mann, der Förmlichkeit als Waffe benutzte, da er sich in diesem militärischen Milieu oft schützen musste. Judenverhöhnung und Antisemitismus grassierten in Washington. Daniel fragte sich manchmal, ob nur die geringe Zahl der ortsansässigen Juden die Stadt davon abhielt, eine dritte Kategorie von Toiletten und Schulen einzurichten.

Es wurde Ende April, bis er zu verstehen begann, was sie da eigentlich taten, auch wenn ihm schon aufgefallen war, wie Washington sich um ihn herum veränderte, vor Uniformen starrte, das Gewusel auf den Straßen plötzlich um Jahre verjüngt. Niemand setzte ihn ins Bild; es schien zur Politik des Hauses zu gehören, ihn im Dunkeln tappen zu lassen. Er musste sich die Bedeutung seiner Arbeit ganz allein zusammenbuchstabieren, so wie er die Bedeutung der teilweise entzifferten Funksprüche vollständig entschlüsseln und übersetzen musste.

Die Japaner benutzten eine Maschine für ihre Codierung, eine Maschine mit vielen Läufern oder Rotoren. Niemand von ihnen hatte diese Maschine je gesehen. Die Arbeit der Feindnachrichtenabteilung bestand darin, Radiosignale aus dem Äther zu pflücken und niederzuschreiben. Friedmans Gruppe war es gelungen, Ende des Sommers 1940 eine funktionierende Nachbildung der Purpur-Maschine zu konstruieren und den Code teilweise zu entschlüsseln. Purpur war nur einer von vielen Codes. Japans Armee und Marine benutzten eine Vielzahl weiterer Codes, die ebenfalls entschlüsselt werden mussten. Purpur jedoch war der Code aller diplomatischen Vertretungen, eine Fundgrube an Informationen über Japans Ziele und Gedankengänge und Beobachtungen weltweit. Die Marine und die Armee hatten in täglichem Wechsel an der Purpurentzifferung gearbeitet und dann ihre Ergebnisse abgeglichen. Daniel verbrachte seine Arbeitstage damit, Buchstabenklumpen wie diese anzustarren:

XYBLG IRGUB NZZCU IRFLB USKLM

Er bedauerte es, als die Heeresleitung beschloss, der Marine die Entschlüsselung von Purpur zu entziehen und ganz der Armee zu überlassen, denn das hieß, dass er Friedman nicht mehr regelmäßig sah. Er hatte eine Schwäche für den adretten kleinen Mann mit den förmlichen Manieren und der Aura, nicht ganz dazuzugehören. Er war froh, Friedman etwas Gutes bringen zu können, das Neueste von Baron Oshima, dem japanischen Botschafter in Berlin. Oshimas Kabel nach Tokio waren eine ausgezeichnete Informationsquelle über die Deutschen, denn seit der Unterzeichnung des Dreimächtepakts zwischen Deutschland, Italien und Japan hatten die Nazis Oshima in ihre Vorbereitungen und Kriegspläne eingeweiht. Der Baron war der beste Agent, den die Amerikaner in Berlin hatten. Durch Oshima hatten sie im Voraus gewusst, dass Hitler den Angriff auf die Sowjetunion plante, erfuhr Daniel, aber amerikanische Versuche, die Sowjets zu warnen, waren an Stalins strikter Weigerung gescheitert, das zu glauben.

Friedman saß mit geschürzten Lippen an seinem Schreibtisch, und sein Blick verlor sich in innere Fernen, die kleinen, zerbrechlich wirkenden Hände spielten mit einem Bleistift. Als Friedman ihn schließlich bemerkte, schien ihm seine Geistesabwesenheit fast ein wenig peinlich zu sein, doch er hatte Daniel wie auch seinem eigenen Stab beigebracht, ihn nicht zu stören, wenn er ein Problem durchdachte. Daniel hätte eher den ganzen Tag dagestanden, als ihn unterbrochen.

»Wann findet Ihr Umzug statt?«, fragte Friedman und überflog rasch das Bündel Papiere. Die Marine zog in eine frühere Mädchenschule, Mount Vernon, so wie Friedmans Dienst in eine andere zog, Arlington Hall. Offenbar gab es um Washington herum ein Übermaß an ehemaligen Mädchenpensionaten, die höheren Töchtern den letzten Schliff verleihen sollten, sinnierte Daniel. Vielleicht waren ihnen die höheren Töchter ausgegangen.

»Wir hoffen, nächsten Monat umzuziehen, wenn hoffen das richtige Wort ist. Da draußen sind nicht mal Insektengitter an den Fenstern.«

»Dann werden Sie mehr Beschäftigte haben, als Sie bislang zählten, und neunundneunzig Prozent davon werden sechs Beine haben und stechen. Sie sollten sich einen guten Insektenführer besorgen und sich an der Vielfalt freuen.«

Daniel wusste nicht genau, ob Friedman im Scherz sprach, da sein Gesicht sachlich blieb und er immer noch den Abzug überflog. Er machte einige Randnotizen. »Ich dachte gerade«, sagte er, »dass Juden sich vielleicht so rasch Sprachen aneignen, weil sie unabhängig vom Geburtsort schon früh mehrere lernen.«

Daniel brachte das ein wenig aus der Fassung. Er hatte einen Kommentar zu dem Kabel des Barons erwartet, aber Friedmans Gedanken waren bei Daniels Japanisch, eine Sprache, so hatte ihm Friedman erzählt, die er zu seinem Bedauern aus Zeitmangel nicht hatte lernen können. Daniel schaltete um. »Ach, Sie meinen, weil wir Hebräisch lernen. Und Jiddisch oder Ladino oder was immer zu Hause gesprochen wird. Dann die Landessprache. Innerhalb meiner eigenen Familie müssen die vier Brüder meines Vaters und ihre Familien zehn Sprachen sprechen. Vielleicht mehr.« Er begann, sie im Geiste zu zählen.

Friedman beendete die Durchsicht. »Das hier kommt mir eher wie eine Wunschliste Hitlers vor als wie irgendetwas Reales, aber ich nehme an, es ist durch den Dienstweg gegangen?«

»Ja, Sir, selbstverständlich.«

»Sie haben seit Ihrer Ankunft an Purpur gearbeitet. Zu schade, dass wir Sie nicht einfach hierher versetzen können.«

»Das wäre mir sehr lieb«, sagte Daniel offen. »Lieber als alles andere. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Marine sagt: Klar, gehen Sie und arbeiten Sie für die Armee. Wir werden Sie morgen überstellen, denn das ist eine vernünftige Entscheidung.«

»Manchmal benimmt die Marine sich, als wären die anderen Heeresgattungen ihre schlimmsten Feinde.« Friedman seufzte. »Früher waren alle Gattungen arme Verwandte, gingen mit der Mütze in der Hand zum Kongress und baten um Futter für ihre Maulesel und um Farbe für ihre rostenden Kähne. Sie haben in erstaunlicher Weise Gefallen an der Macht gefunden.«

»Führt der Krieg nicht automatisch dazu? Alle Macht dem Militär?«

»Die Briten und die Sowjets haben die Entscheidungsgewalt nicht an das Militär abgetreten, sondern die Politiker haben das Sagen – ob zum Guten oder zum Schlechten. Als Einzige unter den Verbündeten überlassen wir politische Entscheidungen den Generälen.«

Nach beendeter Audienz ging Daniel zurück und war glücklich. Wenigstens würde Friedman ihn nehmen, wenn er die Möglichkeit hätte, und das war das größte Kompliment, das er je erhalten hatte. Später an dem Tag sah er Friedman mit einer Gruppe hoher Tiere der Armee vor dem Zeughaus stehen, mit Drei- und Viersternegenerälen, alles bullige, vierschrötige Männer, mit denen er offensichtlich gerade eine halb-historische Konferenz gehabt hatte. Friedman stand abseits und lächelte leicht gedankenverloren. Er wirkte, als wäre er durch einen unglücklichen Zufall unter die Generäle geraten, eine geschmeidige asiatische Katze, eine Siamkatze, die sich plötzlich in einer Herde schnaubender Bullen wiederfindet, vorsichtig deren Hufe meidet und nicht recht weiß, in welcher Sprache sie anzureden sind. Doch Daniel wusste, wenn Friedman den Militärs einen Lagebericht gab, dann hörten sie zu. Friedman wusste sehr wohl, wie er mit ihnen reden musste, damit sie ihn verstanden, denn er hatte seit Jahren ihre Offiziere ausgebildet. Er hatte ihr gesamtes Ausbildungssystem für Funkverschlüsselung und Geheimcodes aufgebaut.

Purpur loszuwerden verringerte keineswegs den Druck auf Sektion 20-G; die Spannung stieg, bis das Büro davon glühte. Es war, als jaulte eine hohe Stimme aus der Decke ständig: Los, los, los, los, los. Die japanischen Marinecodes mussten vorgestern entschlüsselt sein; die lebenswichtigen Funksprüche mussten entziffert und übersetzt sein. In Pearl Harbour war ein so großer Teil der amerikanischen Flotte vernichtet worden, dass es kein einziges Schlachtschiff mehr gab und nur noch vier Flugzeugträger. Die Admiräle Kind und Nimitz mussten wissen, was die Japaner taten, und zwar, bevor sie es taten, denn nur dann konnten sie ihre paar Figuren über die weite blaue Tafel an die richtige Stelle schieben. Selbst dann waren sie an Feuerkraft noch unterlegen, aber ohne dieses Vorauswissen hatten sie nicht die geringste Chance, weitere japanische Invasionen zu verhindern.

Deshalb arbeiteten sie unaufhörlich, unterbesetzt, bis weitere junge Offiziere aus den Sprachprogrammen in Boulder und Harvard entlassen wurden. Deshalb arbeiteten sie die Nächte durch. Deshalb arbeiteten sie an sieben Tagen in der Woche. Deshalb saß Daniel eines Samstagabends mit einer Speisekarte der Südstaatenküche vor der Nase in einem Restaurant und bemühte sich verzweifelt, sie zu entschlüsseln, konnte nicht glauben, dass sie meinte, was sie sagte, und wusste beim besten Willen nicht mehr, was diese Wörter, die sich in einzelne Buchstaben und dann in schwarze Chiffren aufzulösen schienen, bedeuten mochten.

Die Spannung setzte allen zu. Rodney, dem sonst nie ein lautes Wort entschlüpfte, schmiss sein Lexikon auf den Boden und fluchte, während die heißblütigeren Kryptologen sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf warfen. Eine der älteren Frauen, Sonia, weinte, und Ann verbarrikadierte sich hinter einer Wand aus Büchern, über die hinweg kein Blick mehr auf ihre geschmeidige asiatische Schönheit zu erhaschen war. Ann verlor nie die Beherrschung; sie zog sich nur immer weiter in sich selbst zurück angesichts der wie reife Eiterbeulen aufplatzenden Exzesse. Mehrere beantragten ihre Versetzung, und einige der Marineoffiziere erhielten sie und enteilten glücklich zum Einsatz auf ein Schiff.

Ein Seegefecht war im Gang, die wenigen amerikanischen Schiffe versuchten, der japanischen Invasionsflotte den Zugang zu Port Moresby an der Südküste Neuguineas zu verwehren, nur dreihundert Seemeilen von Australien entfernt. Sektion 20-G hatte genug vom japanischen Marinecode (mit Spitznamen Rot) entschlüsselt, um ungefähr zu wissen, was die Japaner vorhatten, und Admiral Nimitz Vorwarnung gegeben. Doch während der Schlacht, die in den Zeitungen »Die Schlacht im Korallenmeer« hieß, vermochten sie nur wenige der japanischen Funksprüche zu entziffern. Und noch als die Schlacht vorüber war, schien sie vielen in der Sektion ergebnislos verlaufen zu sein, zumal ihnen gleichzeitig klar wurde, dass die japanische Marine einen neuen und größeren Coup plante. Die Zeitungen bezeichneten die Schlacht als einen Sieg, doch Sektion 20-G wusste, wie verzweifelt die amerikanische Marine nach wie vor einen Sieg brauchte. Diesmal war es keiner, aber es war auch keine Niederlage. Die japanische Invasion war für diesmal abgewendet. Vielleicht mussten sie sich damit zufrieden geben, Nichtniederlagen zu feiern.

Das Beste an der Schlacht war, dass sich bei so viel abgefangenen Funksprüchen genug Vergleichsmaterial angehäuft hatte, um im Laufe des nächsten Monats die Aufschlüsselung vieler Codegruppen zu ermöglichen. Im Büro herrschte eine Atmosphäre mühsam bezähmter hysterischer Lachlust, denn zum einen wussten sie nun genau, worauf sie hinarbeiteten, und zum anderen hatten sie der Admiralität, die ihrer Arbeit eher misstrauisch gegenüberstand, bewiesen, dass sie nicht nur nützlich, sondern notwendig waren. Das verringerte nicht den Druck, denn ihre Frist hatte ihnen Yamamoto persönlich gesetzt, der große japanische Seelord, der den Überfall auf Pearl Harbour geplant und geleitet hatte.

Yamamoto befand sich auf dem Flaggschiff Yamato, und von diesem ultramodernen Schlachtschiff aus versammelte er zweihundert weitere Schiffe für einen bevorstehenden Angriff, der die amerikanische Flotte endgültig auslöschen sollte. Bis Mitte Mai konnten sie – Washington und der Marinenachrichtendienst in Pearl Harbour – neunzig Prozent aller wichtigen Funksprüche mitlesen. Bisher hatte Daniel fünf Flugzeugträger, elf Schlachtschiffe, sechzehn Kreuzer und neunundvierzig Zerstörer ausgemacht. Die Amerikaner hatten drei Flugzeugträger, null Schlachtschiffe, acht Kreuzer und vierzehn Zerstörer. Auf der großen Karte markierten bunte Stecknadeln die neuesten bekannten Positionen der zusammenströmenden japanischen Streitmacht. Der Marinenachrichtendienst erfand eine Kriegslist, die bewies, dass die Japaner im Begriff standen, Midway anzugreifen.

Nach und nach wurden die Codes durchlässig, und nach und nach erschloss sich Daniel der Sinn seiner Arbeit. Einsatzbefehle wurden über Funk durchgegeben. Konnten die Amerikaner erst einmal die japanischen Funksprüche mitlesen, dann wussten sie zur gleichen Zeit wie die japanischen Offiziere, was die Japaner vorhatten. Endlich zahlte sich der ungeheure Berg an Arbeit rund um die Uhr in dieser missgelaunten Hektik aus, denn die meisten der seltsamen Klumpen aus fünf Buchstaben bedeuteten nun etwas Konkretes.

Am dritten Juni begann die Schlacht, wie Sektion 20-G und der Marinenachrichtendienst es Nimitz vorausgesagt hatten, und Daniel wartete mit den anderen in dem grauen, mit IBM-Ausdrucken überhäuften Raum. Sie hatten so viele der Gefechtcodes, die in der Schlacht im Korallenmeer benutzt worden waren, entschlüsselt, dass sie die Kampfhandlungen anhand der japanischen Funksprüche verfolgen konnten. Nach stundenlangen, enttäuschenden Entschlüsselungen wäre Daniel lieber gewesen, sie hätten es nicht gekonnt. Nichts als Berichte von wirkungslosen Angriffen, die ohne weiteres abgewehrt wurden. Ein Angriff nach dem anderen, aber keine einzige Verlustmeldung, überhaupt keine Verluste abgesehen von japanischen Berichten über abgeschossene amerikanische Flugzeuge. B-17-Bomber griffen von der Insel Midway aus die japanischen Schiffe an, ohne irgendwelchen Schaden anzurichten. Amerikanische Jagdflugzeuge, die versuchten, die japanischen Bomber zu vertreiben, wurden von den überlegenen Zeros dezimiert. B-26-Bomber stiegen donnernd von Midway auf und verfehlten ihre Angriffsziele. Avengers und Devastators von den beiden amerikanischen Flugzeugträgern erreichten die japanischen Schiffe, warfen ihre Bomben, verfehlten und wurden abgeschossen. Eine Kampfformation von Vindicators aus Midway ereilte das gleiche Schicksal. Daniel nahm das Hühnchensandwich, das ihm ein Maat mitgebracht hatte, legte es unangebissen hin und dachte, wir werden diesen Krieg verlieren. Ich werde nie nach Asien zurückgehen. Asien wird uns eine Generation lang verschlossen bleiben. Wir verlieren. Wir haben zu spät mit zu wenig angefangen.

Daniel konnte die japanischen Funksprüche mitlesen und den Amerikanern sagen, was Yamamoto plante, aber Sektion 20-G konnte keine versagenden amerikanischen Torpedos zur Explosion bringen; konnte keine Flugzeuge besser machen, als sie waren; konnte keine Kriegsschiffe hervorzaubern oder Piloten, die so erfahren waren wie die japanischen. Und nach der totalen Vernichtung der ersten Torpedostaffeln sah es auch nicht so aus, als würden amerikanische Piloten mit ihren wirkungslos verpuffenden Torpedos und ihren weniger wendigen Flugzeugen, den schwerfälligen Devastators, lange genug überleben, um so viel Erfahrung zu sammeln.

Dann kam eine Nachricht vom Kapitän der Akagi, einem der japanischen Flugzeugträger: Sein Schiff war schwer getroffen und stand in Flammen. »Wir haben eins«, schrie Daniel, und alle jubelten, als übertrüge das Radio ein Baseballspiel und die Senators schlügen endlich einmal die Yankees. Die Dauntless-Sturzbomber von den amerikanischen Flugzeugträgern waren eingetroffen.

Sie sprachen immer noch über den Treffer, als ihm ein Maat eine weitere Meldung aushändigte. Er überflog sie rasch. »Die habe ich schon gesehen, Maat.«

»Sir … das ist nicht dieselbe.« Der Maat schluckte.

Daniel schaute noch einmal. Eine Gruppe war anders. Diesmal war die Kaga getroffen. Etwas Erstaunliches geschah auf der anderen Seite der Welt, etwas, was sie mit ihren Listen von Vier- und Fünfbuchstabengruppen und mit ihrem ständigen Wühlen in japanischen Lexika und Spezialwörterbüchern für japanische Marineausdrücke wundersamerweise vorbereitet hatten. Die Amerikaner hatten die Überraschung auf ihrer Seite und schienen ausnahmsweise einmal zu gewinnen. Daniel merkte an seinem benommenen Schock, dass er ein gutes Ende nicht mehr erwartet hatte; vielleicht hatten sie sich alle schon zu sehr an Niederlagen gewöhnt. Sie sahen einander offener und freier an als bisher, bevor sie sich wieder in ihr übliches hektisches Treiben stürzten.

Ann, seit Monaten hinter Büchern verschanzt, entfernte einen Teil der Barrikade. Als er ihr zulächelte, zwinkerte sie rasch und schenkte ihm das winzige Aufblitzen eines Lächelns, bevor sie den Blick senkte. Wie zart sie war, wie erlesen und zerbrechlich. Inmitten des Schlachtgetümmels hielt Daniel inne und überlegte, wie er diesen Schutzwall durchbrechen konnte. Sie erschien ihm wie eine edle Prinzessin aus der Geschichte vom Prinzen Genji.

Die Atmosphäre mühsam unterdrückten Schuldbewusstseins, die über dem Büro gehangen hatte, löste sich auf, und die feuchtwarme Juniluft Washingtons ließ sich leichter atmen. Alle redeten einander plötzlich mit Namen an und blickten einander in die Augen. Sonia bot ihm die Hälfte von ihrem Roastbeefsandwich an, Rodney griente ihm zu. Irgendwann in der halben Stunde zwischen der Nachricht, dass die Soryu getroffen war, und der Nachricht, dass sie sinkend aufgegeben werden musste, begannen die Menschen in dem langen Raum, sich weniger wie verdammte Seelen in der Hölle zu fühlen, dachte Daniel, und mehr wie eine Gemeinschaft. Sie begannen, auf ihre Arbeit und aufeinander stolz zu sein. Diese Schlacht war auch ihr Sieg.

Jeff 2
Das Kriechtier aus dem Sumpf von Alabama

Jeff hatte mit vierzehn schießen gelernt. Der Professor hatte es ihm nicht beigebracht; sein Vater billigte so etwas nicht. Jeff war einsam, hatte aber keine Lust, sich immer mit den anderen Lehrerskindern herumzudrücken. Nach dem Tod seiner Mutter fing er an, die Umgebung zu durchstreifen, manchmal auf seinem Fahrrad, manchmal als Mitfahrer auf dem Trittbrett eines klapprigen Ford T über Schotterstraßen, manchmal auf der Ladefläche eines bäuerlichen Kastenwagens. Er suchte das Entrinnen, und die Herumtreiberei mit den Kindern auf den Farmen in den Bergen verschaffte ihm einen Fahrschein aus seinem Jammer. Dort war er nicht mehr schüchtern, weil sie ihn nicht als schüchternen Bücherwurm kannten. Dort war er frei, sich als Abenteurer auszugeben. Er war etwas Besonderes, der mit den vielen Einfällen, ein Anführer, der sich in einer den anderen Jungen nur allzu vertrauten Umgebung neue Abenteuer ausdachte.

Er lernte jedes Seitensträßchen und jeden Fußpfad in den Bergen kennen, die alle Entrinnen, Abenteuer, Kameradschaft bedeuteten und die er nach und nach zu lieben begann, anfangs mit dem Bleistift, dann mit Wasserfarben, schließlich mit Ölfarben. Vielleicht hatte ihn sein Bedürfnis, diese Landschaft zu besitzen und zu preisen, zum Maler gemacht.

Er hatte schießen gelernt, und obwohl es für ihn immer schwierig geblieben war, Vögel und andere Tiere zu töten, tat er es, weil es erwartet wurde und weil die Ablehnung durch seine Freunde den Ausschluss aus seinem selbsterkorenen Abenteuer zum Preis gehabt hätte. Rotwild mochte er nicht jagen, aber er ging mit seinen Freunden auf Enten- und Gänsejagd und schoss Kaninchen und Eichhörnchen. Er zog das Tontaubenschießen vor, mit dem er im College anfing. Zach war ein recht guter Schütze, aber Jeff war besser. Da er sich über die Jahre so viele Gewehre und Schrotflinten von anderen geliehen hatte, erfasste er rasch die Eigenarten einer jeden Waffe und stellte sich darauf ein. Als er auf der Ferienranch arbeitete, ließ Quinlan ihn mit einem 44er Colt zum Ergötzen der Gäste ein Schauschießen veranstalten und hin und wieder Unterricht im Scheibenschießen geben.

Es blieb der Armee vorbehalten, seinen langen Flirt mit Feuerwaffen zu bestrafen, denn er saß in Alabama fest, gelangweilt bis hinunter zum intellektuellen Niveau der Schimmelpilze, die ihm zwischen den Zehen und hinter den Ohren wuchsen, er trank viel zu viel und fieberte etwas von einer leichten Infektion, einem Rückfallfieber, das ihn schwächte, aber nie fest aufs Krankenbett warf. Er war Ausbilder am M-1-Gewehr. Seine Klassen kamen und gingen, aber ihm wuchs Moos auf dem Rücken.

Das Einzige, was ihn damit aussöhnte, war gerade nach Übersee verschifft worden, seine Krankenschwester Betty Jo, die einen vollen Dienstgrad höher stand als er. Sie war ein Rotschopf aus Tennessee und konnte ihn unter den Tisch trinken, die derbmäulige, braunäugige Tochter eines Bergmanns. Aus zusammengekniffenen Augen und mit aufeinandergepressten Lippen starrte Betty Jo auf die Welt, bis sie die Schuhe auszog, dann kam eine deftig liebevolle Person zum Vorschein, ebenso überraschend wie ihr weicher Körper unter der Uniform. Er hatte Betty Jo kennengelernt, als einer seiner Schüler ihm in den Arm schoss. Der Soldat konnte nicht verstehen, warum Jeff ihn nach dem Unfall nicht schurigelte.

Sie war auch einsam. Jeff kam dahinter, warum die Armee alle Krankenschwestern zu Offizieren ernannte. Sie konnte mit keinem der Mannschaftsränge ausgehen, denn die Dienstvorschriften verboten solche Mischung. Und so war die Verleihung des Offiziersranges ein Weg, die Krankenschwestern für alle außer männlichen Offizieren sexuell zu verbotenem Terrain zu erklären. Manchmal waren die Wege der Armee unergründlich, dann wieder waren ihre Absichten erbarmungslos deutlich.

Nun war sie fort und ließ Jeff deprimiert zurück. Sein Leben glich einer Reihe von stehenden Lagunen, die durch kaum fließende Stichkanäle verbunden waren. Als er sich zum Militär gemeldet hatte, dachte er anfangs oft an einen gewaltsamen Tod, aber jetzt dachte er, dass er an Langeweile und Trägheit zugrunde gehen würde, durchfaulen wie ein im Moorwasser versunkener Baumstumpf. Der Sommer war nie seine Lieblingsjahreszeit gewesen, und der Sommer kam hier im April. Schwüle war Dauerzustand.

Er musste säuerlich lächeln bei dem Gedanken, dass er Brachvogel erzählt hatte, es ziehe ihn in eine grünendere, südlichere Landschaft. Anfangs hatte er hier zu malen versucht, aber Papier wie Leinwand verwelkten und vermoderten. Sein Kommandeur machte ihm das Leben schwer und rief ihn immer mit ›Hey, Rembrandt‹. Schließlich übermannte ihn die Trägheit, und er dachte nicht mehr an Licht und Farbe. Morgens erwachte er nicht mehr mit jenem Gefühl des Besessenseins, von Formen, die in seinem Kopf Gestalt annahmen, von Farben, die immer lebendiger wurden. Er sah keine Bilder mehr, und er malte nicht mehr. Er war ein Tier, nicht mal ein Hund oder ein Waschbär, sondern etwas Niederes und Schläfriges wie ein Salamander in verrottendem Laub.

Er ersuchte um Versetzung, aber nichts geschah. Die Armee sprang mit kleinen Leutnants so um, wie er mit benutzten Rasierklingen verfuhr. So war er erstaunt, als ihn ein Brief von einem unbekannten Hauptmann Cunningham erreichte, der anfragte, ob er zum Amt für Strategische Dienste, dem Office of Strategic Services, wechseln wollte, und die übliche Menge an Armeebewerbungsformularen beifügte. Er füllte sie aus und schickte sie ab und fragte sich, worum es sich drehen mochte. Im Armeechinesisch konnten strategische Dienste auch das Ausliefern der Post oder das Organisieren von Freizeitvergnügungen für die höheren Chargen sein. Nichts würde herauskommen bei seinem neuerlichen Versuch, dieser Wasserschlangenfalle zu entrinnen.

Zehn Tage später zitierte ihn sein Kommandeur zu sich. »Sie haben sich rausgewieselt, Rembrandt. Ich weiß nicht, wen Sie da kennen, aber es klingt nach einem gemütlichen Schreibtischpöstchen in Washington.«

Sein Befehl lautete schlicht, sich am kommenden Montag beim OSS in Washington einzufinden. In der verbleibenden Zeit übertrug ihm der Alte die schmutzigsten Sonderkommandos, die er sich ausdenken konnte, und er musste mit den Männern in die Sümpfe marschieren und einen Tag lang Dschungelkrieg üben und eine Nacht lang im Freien kampieren, worin Jeff lediglich eine Methode sah, die Moskitos zu füttern. Sein Fieber stieg, bis ihm in der Hitze, die so greifbar war wie eine erstickende, nasse Wolldecke, die Zähne klapperten.

Am Montag erfuhr er in Washington wenig mehr, als dass OSS genauso viel Papierkram produzierte wie andere Armeeabteilungen und von den Mitarbeitern nur OSS genannt wurde, niemals der, die oder das OSS. Er gab auf fünf verschiedenen Formularen seinen Bildungsweg an und seine nächsten Verwandten auf sechs. Ein Major Cod hielt ihm eine strenge Begrüßungsansprache und betonte, die ihm bevorstehenden Aufgaben schlössen das Sammeln von nachrichtendienstlichen Informationen hinter den feindlichen Linien ein und seien vertraulicher und höchst gefährlicher Natur, und die OSSAusbildung sei sowohl anstrengend als auch riskant und erfordere geistige Widerstandskraft und körperliches Durchhaltevermögen. Der Major sprach gerne in Bandwurmsätzen. Jeff schloss aus dem Vortrag, dass OSS eine Art Kommandoeinheit war, und fragte sich, wie man auf ihn gekommen war.

Er wurde auf ein Gelände gefahren, das aussah wie ein ehemaliger Country Club. Auf immer noch deutlich erkennbaren Tennisplätzen waren Zelte errichtet. Der Hauptausbilder, ein Hauptmann Spinnaker mit vorzeitiger Glatze, obwohl kaum dreißig, sagte ihm, er würde den Sonderoperationen zugeteilt und habe bis dahin seine Fähigkeiten im Guerillakrieg und im Sammeln geheimdienstlicher Meldungen zu schulen.

Dann übergab ihm Hauptmann Spinnaker einen versiegelten Umschlag. In diesem steckte ein weiterer, ebenfalls versiegelter Umschlag. Jeff rechnete schon damit, dass darin wieder ein versiegelter Umschlag steckte und dann noch einer und noch einer, bis schließlich im Innersten eine kleine Pille mit der Anweisung ISS MICH zum Vorschein kam und ihn in einen Schmetterling verwandelte.

Doch in dem zweiten Umschlag steckte ein kurzer Brief, hastig in einer sehr vertrauten Handschrift hingeworfen.

Alter Jeff,

höre, du hattest was mit einem Alligator zu laufen, den du bei einem Ringkampf kennengelernt hast. Tut mir leid, dass ich mich einmische, aber Mutter braucht dich, und Alligatoren sind berüchtigt für ihre Wankelmütigkeit.

Dieser Verein müsste dir geistig und gesellschaftlich ein bisschen mehr liegen. Bring die Ausbildung hinter dich. Traue niemandem und halte deinen Mund fest geschlossen, außer um Getränke zu dir zu nehmen. Geh davon aus, dass du nicht die Freiheit hast, Blödsinn anzustellen, bis du mit der Ausbildung fertig bist, ab welchem Zeitpunkt du es wie wir Übrigen ungestraft und unablässig tun kannst.

Z

Das große Z stand nicht für Zorro. Also Zach steckte hinter der plötzlichen Anfrage von Hauptmann Cunningham und seiner Versetzung. Jeff fragte sich, in was Zach ihn diesmal hineingezogen hatte; aber aus was Zach ihn herausgezogen hatte, stand ihm deutlich vor Augen, und er segnete seinen Freund, wo immer er gerade sein mochte.

Dieser neue Einsatz, auch wenn er mindestens so geheimnisumwittert war wie frühere Jungensspiele, schien die erste vernünftige Entscheidung, die die Armee über ihn gefällt hatte. Jeder in seiner Gruppe beherrschte zumindest eine europäische Sprache. Er sprach ausgezeichnet Französisch und konnte sich auf Spanisch, Italienisch, Deutsch und Griechisch verständigen. Seine OSS-Ausbilder waren sich offenbar im Unklaren, ob sie ihn zum Spion schulten oder zum Guerillakämpfer, doch beide Tätigkeiten schienen ihm angetan, sein Gehirn in Gang und seinen Körper wach zu halten. In Alabama hatte er im Sterben gelegen.

Das Rückfallfieber verschwand in der gesünderen Luft von Washington. Sie hatten tagsüber Unterricht und nachts Übungen, stolperten durch die Wälder, um sich an Wachposten anzuschleichen, die auf sie warteten, sie versuchten, ein Nebengebäude zu erobern, das eine feindliche Befehlsstelle darstellte, oder mit Übungssprengladungen einen Schuppen in die Luft zu jagen, der ein Munitionslager darstellte. Sie überfielen aus dem Hinterhalt Fahrzeuge, die auf der nahe gelegenen Straße hin- und herfuhren, und hetzten einander durch die Wälder und über den Golfplatz, auf dem das Gras inzwischen kniehoch wuchs. Sie übten Minenlegen an den Wänden des Schwimmbeckens.

Es war nicht unbedingt eine interessante Landschaft, die mit weißen Schindeln verkleidete Offiziersmesse, die Garagen und die in aller Eile errichteten Nissenhütten, die neuer Nutzung zugeführten Nebengebäude, aber er ertappte sich dabei, wie er die Eichen vor der Veranda skizzierte, das Glitzern des Sonnenlichts auf den langen Lanzen des Magnolienlaubs. Niemand hier nannte ihn eine Schwuchtel, wenn er zeichnete.

Von den Männern seiner Gruppe zog er zwei den anderen vor. Carey war ein in kleinen Zeitschriften veröffentlichter Dichter gewesen, Aaron Graveur. Beide sprachen fließend Französisch, und der Graveur Aaron konnte Holländisch, denn er war Holländer gewesen, ein jüdischer Emigrant, für den Verwandte in den Vereinigten Staaten gebürgt hatten, nachdem ihm die Flucht nach Schweden gelungen war. Ein Jahr lang hatte er nun in Sicherheit gelebt. Er war eins fünfundsechzig groß, kräftig gebaut, mit karottenroten Haaren, die Jeff an seine Krankenschwester Betty Jo erinnerten, und katzenartigen Topasaugen. Er war ein auffällig aussehender Bursche, aber hielt nichts von Palaver. Selbst bei den Übungen im Töten war er effizient, aber phlegmatisch.

Carey redete genug für alle drei. Er hatte an einer Mädchenschule Englisch unterrichtet, im nördlichen Teil des Staates New York, was für ihn dem Nordpol gleichkam. Er stammte aus dem Shenandoahtal in Virginia, obwohl seine Mutter, so erzählte er ihnen bei jeder Gelegenheit, eine Culter aus Roanoke war. Er war mit seiner zweiten Kusine dritten Grades verlobt gewesen und häufig mit ihr ausgeritten, doch sie hatte ihm den Laufpass gegeben und einen Marineflieger vorgezogen. Er war ganz entzückt, wieder in der Zivilisation zu sein, die in Maryland begann und hinter North Carolina aufhörte, mit Ausnahme von Savannah, das er kultiviert fand, und vielleicht noch Charleston, obwohl er dort entsetzliche Verwandte hatte, ausgesprochen kläffige Leute, wie Hunde.

Jeff dachte, wahrscheinlich war Carey das, was Zach ihn schwul zu nennen gelehrt hatte, aber von ihm wollte Carey nur brüderliche Zuwendung. Jeff hatte gelegentlich Sex mit Männern gehabt, angefangen beim gegenseitigen Masturbieren mit dreizehn in einem Heuschober. Nur ein einziges Mal hatte er mit einem Mann den Liebesakt vollzogen, und das war mit Zach. Er fand im Geschlechtsverkehr mit einem Mann keine sinnliche Befriedigung, und er hatte den Verdacht, dass Zach ihn keineswegs überwältigend attraktiv fand. Zach mochte sie roh und rau. Er meinte, dass Zach ihn verführt hatte, um so seine Vorlieben darzutun und um eine Art droit de seigneur auszuüben. Jeff liebte Zach auf eigene Art, und dieser kurze Anfall sexueller Bindung im Alter von zwanzig war Teil seiner Erziehung gewesen. Von Zeit zu Zeit, in einer seiner Landstreicherphasen, hatte er Geschlechtsverkehr mit einem Mann als Mittel, für eine Mitfahrt oder ein Nachtquartier zu bezahlen. Mit Männern geschlafen zu haben war Teil seiner Bildung, ein Code, den er gelernt hatte und der Dingen einen Sinn gab, die sonst an ihm vorbeigegangen wären.

So hatte er nun fast ohne sein Zutun zwei Freunde. Viele der Männer, die mit ihm in der Ausbildung waren, sah er als Mitglieder künftiger Altherrenriegen: Sie gehörten der gleichen Verbindung an. Dieser ehemalige Country Club bot eine andere Atmosphäre als die Brutalität und das Plattwalzen auf den niedrigsten gemeinsamen Nenner seiner ersten Militärerfahrungen oder das kleinliche und rücksichtslos wetteifernde Durchschlängeln in den Offizierslehrgängen. Hier dagegen war Grips nicht etwas, was einem unbedingt ausgeprügelt werden musste. Vielleicht war dies hier die Truppe der schwarzen Schafe, dachte er oft, und dann fielen ihm die durchreisenden Wirtschaftsjuristen auf und die jüngeren Söhne von Bankiers.

Er lernte, Waffen zu benutzen, die nicht zur Grundausbildung gehörten, lernte, lautlos zu töten, mit einem Messer, mit den Fingern und sogar mit einer zusammengefalteten Zeitung, die als Behelfsdolch in den Bauch oder direkt unter dem Kinn in den Hals gestoßen wurde. Er lernte, Funkgeräte zu bedienen, mit Codes umzugehen, Karten zu lesen, zu beobachten. Wo waren die Arsenale? Die Depots für Waffen und Munition und Öl? Die Treibstofflager? Welche Eisenbahnlinien waren in Betrieb und was wurde wann darauf transportiert? Die Flugabwehrstellungen? Jeff war ein schlechter Funker, seine Funksprüche langsam und voller Fehler. Er hasste den Morsecode.

Er tat sich jedoch in einem Test hervor, bei dem ihnen auf einer Leinwand zwanzig Sekunden lang Personenfotos gezeigt wurden, unter deren Gesicht Name, Alter, Beruf und Adresse eingeblendet waren. Dann wurden ihnen die Fotos noch einmal dreißig Sekunden lang ohne den Text und in willkürlicher Reihenfolge gezeigt, und sie mussten alles aufschreiben, was sie sich von dieser Person noch ins Gedächtnis rufen konnten. Jeff brachte die Gesichter nicht durcheinander. »Ihr schaut hin, aber ihr seht nichts!«, schimpfte der Ausbilder, aber zu Jeff sagte er das nicht.

Er begann, mit Aquarellfarben zu malen, eine Zwischenstation. Er malte an den Ufern des Potomac. Er wanderte durch die Landschaft Virginias und merkte, wie er wieder in Ölfarben zu denken begann, den Farbtönen, der Struktur.

Allmählich bekam Jeff einen Eindruck von der OSS-Struktur. OSS hatte als völlig andere Dienststelle begonnen, als COI – Coordinator of the Office of Information, Koordinator des Informationsdienstes –, aber weil Robert Sherwood und Wild Bill Donovan nicht miteinander ausgekommen waren, gab es jetzt ein Office of War Information, ein Amt für Kriegsinformation, zuständig für Propaganda, und den Dienst, dessen langer Arm ihn aus dem Sumpf gezogen hatte, OSS.

OSS hatte eine Abteilung SI – Secret Intelligence –, den Geheimdienst, der Spione führte. Jeffs Abteilung war Special Operations – Sonderoperationen –, und er ging davon aus, dass er bald genug herausfinden würde, was genau die tat und mit wem und wo. R & A war die Abteilung für Recherche und Analyse und voller Akademiker. MO – Moraloperationen – erzeugte sogenannte schwarze Propaganda, die die Kampfmoral des Feindes unterminieren sollte. X-2 war die Spionageabwehr. Eine weitere Abteilung arbeitete an Geheimwaffen, unsichtbaren Tinten, Agentenschnickschnack.

Seine zwei Ausbildungsmonate vergingen rasch. Dann erhielt er achtundvierzig Stunden Urlaub, bevor er sich nach England einzuschiffen hatte. In New York musste er umsteigen, und als er von der Pennsylvania Station zur Grand Central hastete, überlegte er, ob es nicht Blödsinn war. Vielleicht sollte er sein letztes Wochenende lieber mit einer Frau verbringen, wie er sie in New York bestimmt fand. Doch nein, er wollte Brachvogel sehen, und er wollte sogar seinen Vater sehen.

Die Temperatur pendelte um achtunddreißig Grad; Schweiß durchweichte seine Uniform. Er musste den größten Teil der Fahrt nach Boston stehen, aber im Bus nach Bentham bekam er endlich einen Sitzplatz. OSS war lockerer als die übrige Armee, und er hatte schon früher aufbrechen können, mit einem Vorsprung auf sein Wochenende.

Er hatte nach Hause telegrafiert. Der Professor und Bernice warteten beide am Busbahnhof. Er fühlte sich schmuddelig und halb gekocht, aber Bernice reichte ihm seine Badehose und warf sein Zeug auf die Ladefläche des geliehenen Kastenwagens. »Was ist mit dem Austin?«

»Der ist auf Kriegsdauer aufgeblockt. Bernice hat diese absurde idée fixe, dass du sofort im Teich baden möchtest«, sagte der Professor.

»Das ist das Einzige, was mich wiederbeleben kann. Wessen Wagen ist das?«

Bernice, die am Steuer saß, antwortete. Sie war braungebrannt und grinste. »Er gehört einem Freund vom Flugplatz. Du ahnst gar nicht, wie vorteilhaft es für ihn ist, uns das Ding mit Benzin und allem zu borgen. Dafür werde ich die Tragfläche seines Flugzeugs reparieren, an der die Bespannung beschädigt ist.«

»Bernice fliegt an drei Tagen in der Woche für die Regierung«, sagte der Professor so griesgrämig, wie er nur konnte. Sie schuckelten dahin, auf der Sitzbank der Fahrerkabine zusammengezwängt.

Bernice hatte ihm alles über ihre Flüge geschrieben. »Ich kriege meine Verkehrspilotenlizenz, Jeff, ja, wirklich. Aber ich habe nicht genug Flugstunden für WAF, Women in the Air Force. Sie nehmen nur die besten Pilotinnen, Frauen mit Hunderten von Stunden mehr als ich. Aber diesen Herbst kriege ich meine Verkehrspilotenlizenz.«

Als er auf dem Rücken im Round Pond lag und die Schreie der Kinder wie eine Schar bunter Sittiche im seichten Wasser hörte, strömten die Erinnerungen auf ihn ein. Er war an diesen Teich gewöhnt, und dieses Bad war eines einer endlosen Reihe, bildete mit Hunderten anderer über die Jahre hin eine Kontinuität. Er war der siebenjährige Jeff und planschte mit Mutter und Schwester. Er war der dreizehnjährige Jeff und tauchte vom Pier und schnitt sich an einer zerbrochenen Flasche die Hand klaffend auf. Er war der sechzehnjährige Jeff und lag mit Zach und zwei Mädchen vom Smith College auf einem Floß und trank seine ersten Martinis, von Zach gemixt. Er war der einundzwanzigjährige Jeff und bumste am vierten Juli, dem Nationalfeiertag, Harriet Hacker unterm Viertelmond, während über dem Wasser das Feuerwerk verpuffte. Er war der fünfundzwanzigjährige Jeff und erholte sich zu Hause von einem Tripper und einer Prügelei.

Werde ich sterben?, fragte er und antwortete sich dann: Aber ja. Jeder stirbt. Er versuchte sich seinen Tod vorzustellen, und ihm wollte nur ein Gefühl einfallen, in tiefes Wasser zu sinken, einzuschlafen und dabei wach zu bleiben.

Er dachte wieder kurz daran, mit einer Frau zu schlafen, und hatte schon begonnen, eine Liste möglicher Kandidatinnen in der Stadt durchzugehen, da drehte er sich um und kraulte zielstrebig auf das Floß zu, auf dem Bernice sich sonnte. Der Professor saß am Ufer an einem Campingtisch und las. Die Gesellschaft von Brachvogel war es, die er brauchte, aber hier konnte er nicht richtig mit ihr reden. Er wusste noch, wie Stimmen über das Wasser trugen, und erinnerte sich, wie er aus dem Wasser kam und die kleine Rothaarige draußen auf dem Floß zu Zach sagen hörte, sie habe Angst, sie sei schwanger.

»Lass uns nach Hause gehen«, sagte er. »Ich habe Hunger. Du musst mich aufpäppeln.« Er wollte sich mit ihr in die Küche zurückziehen, damit er ihr davon erzählen konnte, wie er in Alabama fast gestorben war, wie ihn hirnlose Trägheit verschluckt hatte. Wie demoralisierend es gewesen war, seine Energie, seine Vision, sich selbst zu verlieren. Wie er erst mit dem Malen aufgehört hatte, dann mit dem Zeichnen und zuletzt sogar damit, wie ein Maler zu denken. Wem sonst durfte er gestehen, dass er drauf und dran gewesen war, alles zu verlieren, was er in sich wertschätzte, dass er sich schließlich als ein zerbrechliches Gefüge über einem Sumpf belangloser Triebe und äußerst belangloser Bedürfnisse und Ärgernisse gesehen hatte?

Wenn er mit dem Malen aufhörte, verlor er seine Vergangenheit, die dann nicht mehr die Wanderschaft eines verkannten und zurzeit nicht gefragten Malers war, sondern einfach das leere Umherirren eines Tippelbruders. Wenn er mit dem Malen aufhörte, verlor er seine Zukunft, denn wer wollte sich schon ein Leben aus Gelegenheitsarbeiten in elenden Nestern vorstellen? Er hatte nie geglaubt, dass er je mit dem Malen aufhören könnte, doch er hatte es getan. Das machte ihm Angst.

Er überlegte, ob er seine französische Staffelei mit aufs Schiff nehmen sollte. OSS war großzügig beim Schiffsgepäck der Offiziere. Wahrscheinlich zu sperrig. Er wollte lieber die teureren Farben mitnehmen. Wenn er mit ihr redete und ihr klarer Kopf sein Leben umfing, wahrhaft sah, dann gelang ihm sicher, es zu verstehen. Und anzunehmen. Und weiterzuleben. Dann fühlte er sich zweifellos wieder als ein Kind des Schicksals, der günstigen Fügung, und das Glück, das ihn aus dem Morast der Trägheit und dem Sumpf der Verzweiflung gezogen hatte, das Glück, das im Augenblick den Namen Zach trug, würde irgendwann andere Gestalt annehmen und ihn voranwinken.

Jacqueline 3
Ein schmerzförmiger Stern

31 mai 1942

Sie haben uns befohlen, von nun an ständig einen gelben Stern zu tragen. Wir müssen unsere kostbaren Textilcoupons für die Sterne hergeben, als wollten wir so etwas haben oder wären bereit, Kälte zu erdulden und in Lumpen zu gehen, um uns solch einen Stern leisten zu können. JUIF steht darauf in großen, schwarzen, hässlichen Buchstaben, für den Fall, dass jemand zu begriffsstutzig ist, um den Sinn dieser Spitze zu erfassen – dieser sechsfachen, sechszackigen Spitze. Der Gelbton ist besonders grell – und ich trage nie Gelb. Alle von uns, die älter als sechs Jahre sind, müssen ihn auf der Straße und überall tragen.

Ich habe vermieden, mehr als unbedingt nötig nach draußen zu gehen, aber heute bin ich fest entschlossen, mein sogenanntes normales Leben wiederaufzunehmen. Wir sind von den Lehrveranstaltungen der Sorbonne ausgeschlossen, also ist es aus mit meinem Studium. Ein Brief kam. Die Regierung Frankreichs hat im Interesse rassischer Reinheit und so weiter. Ich schreibe das am Frühstückstisch vor einem großen Becher mit Gebräu aus irgendeinem Unkraut, an das wir ein bisschen Magermilch getan haben. Es schmeckt wie die Grassuppe, die die Zwillinge in den Sommerferien immer für ihre Puppen gemacht haben. Gleichgültig, wie mich die Leute auf der Straße anstarren, ich werde tun, was ich tun muss und was ich für richtig halte.

Am gleichen Tag: Ich fühlte mich entsetzlich auffällig, als trüge ich ein Schild: LEPRA, und so verhalten sich auch die Leute. Ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass so viele Menschen von mir wegschauen, so tun, als sähen sie mich nicht. Das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste waren die, die auf mich losgingen und mich entweder beschimpften oder bedrohten oder in einem Falle – ein widerlicher Kerl von einem Mann – vom Bürgersteig stießen. Wenn der Lastwagen, der entgegenkam, nicht ausgewichen wäre, er hätte mich überfahren, denn ich stürzte direkt vor die Räder.

5 juin 1942

Zeiten wie diese lehren einen die Freunde schätzen. Gerade wenn ich mir Vorwürfe machen will, dass ich mich mit meinen zazou-Freunden herumtreibe, nur weil ich mich nicht ins Ghetto verbannen lassen will und sie als Einzige tolerant genug sind, sich mit einer Jüdin abzugeben, dann tun sie etwas, das mir zeigt, wie echt die Freundschaft zumindest von Céleste und Henri ist. Sie erschienen gestern im Café Le Jazz Hot und trugen große sechszackige gelbe Sterne mit GOJ darauf. Dann wurden sie auf dem Heimweg von einer Rotte dieser faschistischen PPF-Jugend überfallen. Sie haben Céleste die Kleider zerrissen, sie auf die Straße geworfen, getreten und ihr zwei Rippen gebrochen. Henri haben sie mitgeschleppt und kahlgeschoren und zusammengeschlagen, dass er nur noch ein Haufen blauer Flecke ist.

Sie verprügeln die zazous sowieso ständig. Viele junge Leute kleiden sich wie meine Freunde, Sonnenbrille, weites Jackett und enge Hosen, das Haar lang und voller Pomade, um die Faschisten auf die Palme zu bringen. Die behaupten, die zazous sind der Gipfel der Entartung und der Grund für Frankreichs Niederlage im Krieg, weil wir alle degeneriert und korrupt sind und der Jazz unseren Geist zerstört hat.

Heute Morgen stand ich von fünf bis acht nach Brot an. Ich bin völlig fertig und habe beschlossen, mich nach meiner Philosophiestunde ein bisschen hinzulegen. Ein paar von uns, die wir von der Universität relegiert worden sind, treffen sich dreimal in der Woche. Eine Studentin im sechsten Semester unterrichtet uns aus ihren Vorlesungsnotizen, und Daniela Rubin organisiert weitere Dozenten. Professor Moussat, der gerade als Jude denunziert und aus der École des Études Orientales entfernt worden ist, wird über die Ideenwelt des Buddhismus lesen. Ich bin nicht so fasziniert, wie ich es vielleicht noch vor einem Jahr gewesen wäre, aber zumindest ist es eine Ausbildung in etwas anderem als dem Ergattern von etwas Essbarem. Daniela und ich sind die treibende Kraft hinter diesem Bemühen, eine kleine Lehranstalt zu errichten, vermittels deren wir den Versuch zu durchkreuzen hoffen, uns in Unwissenheit zu halten! Sie ist ein Jahr älter als ich und wollte Ärztin werden. Ach, Daniela hat mir erzählt, was dem jüdischen Pfadfinder geschehen ist, der uns die neuen Ausweise verschaffen wollte: erschossen. Er war Teil eines Netzes, das Juden aus Frankreich heraus in Sicherheit schmuggelt. Jetzt tut es mir leid, dass wir nicht netter zu ihm waren, aber wir waren misstrauisch.

Nach meinen Stunden werde ich Henri besuchen gehen, obwohl es mir sehr seltsam vorkommt, den Hügel hinauf an der Sorbonne vorbeizugehen, von der ich vertrieben worden bin. Unsere »Kom«-militonen reagierten nach dem Motto: Ach, ich wusste gar nicht, dass du Jüdin bist. Sie hätten die Universität stilllegen können, wenn sie sich die Mühe gemacht hätten, wegen unseres Ausschlusses zu streiken. Ich würde Henri so gern ein Geschenk mitbringen, aber wir haben die Leckerbissen von Naomi längst aufgegessen.

Gestern auf der Straße kam mir plötzlich der Gedanke, in welchem Maße man jetzt den Menschen ihre politische Gesinnung am Gesicht ablesen kann. Das heißt, die, die mit den Deutschen kollaborieren, sehen alle wohlgenährt und blühend aus. Sie bekommen etwas Richtiges zu essen – Butter, Eier, Hühnchen, manchmal sogar Fleisch –, und sie haben Seife, um sich damit zu waschen, und manche sogar Heißwasser. Wir Übrigen werden immer dünner und ausgemergelter und schmutziger. Wir Juden sind die Dünnsten und Schäbigsten von allen. Es ginge uns noch viel schlimmer, wenn ich nicht durch Henri und Céleste meine Schwarzmarktbeziehungen hätte.

6 juin 1942

Wenn ich auch nur etwas weniger Vertrauen zu Maman hätte, würde ich nicht wagen, heute etwas einzutragen. Aber sie ist noch nie in die Privatsphäre meines Tagebuchs eingedrungen, und ich glaube auch nicht, dass sie es je tun würde. Trotzdem halte ich es für eine gute Idee, es nach dieser Eintragung immer mitzunehmen, für alle Fälle.

Ich war bei Henri in der Rue Royer Collard. Er saß im Bett mit einem großen Verband um den Kopf, sein Auge war blau und schwarz und scheußlich geschwollen, und seine Backe war auch geschwollen, wo ihm die Schläger von der PPF einen Zahn ausgebrochen haben.

Diese Faschistenspiele, in Rudeln Leute auf der Straße zu verprügeln, sind für manche wie eine Droge. Es ist eine Genehmigung, ungestraft Schmerz zuzufügen. Henri sagt, es ist eine Form von amoklaufendem Infantilismus, aber ich halte es für etwas Böseres. Henri besteht darauf, es gäbe nichts Böseres als bewaffnete Kleinkinder in Horden, die wollen, was sie wollen und wann sie es wollen, und es sich nehmen. Er sagt, dass viele Leute auf der Straße vorbeigingen und niemand eingriff, und dass ein flic vorbeikam, aber als er sah, wer da prügelte und wer da verprügelt wurde, wandte er sich ab und schlenderte unauffällig davon.

Albert war heute Nachmittag weg, um auf dem Schwarzmarkt Eier zu besorgen. Henri und Albert teilen sich ein Zimmer, das zum größten Teil von Henris Vater bezahlt wird. Sein Vater, der einen Nachtclub besitzt und Henris Mutter nie geheiratet hat, gibt ihm Geld. Henri sagt, der Nachtclub ist voller Deutscher, nicht nur die hier stationierten Wehrmachtsoldaten, sondern Soldaten, die auf Fronturlaub aus ganz Europa hierher kommen, um zu erleben, was sie »Paris bei Nacht« nennen. Die Nazis haben die Namen vom Théâtre Sarah Bernhardt und von jeder Straße in Paris geändert, die nach einem Juden benannt ist, und jeden Verleger in Paris (mit Leichtigkeit) überredet, keine jüdischen Schriftsteller mehr zu veröffentlichen und die Kataloge zu bereinigen, und da sitzen sie nun im Club von Henris Vater und fünfzig anderen und schlürfen Champagner und stopfen sich voll, während immer wieder Offenbachs Cancan gespielt wird und sie die feschen Tänzerinnen beglotzen. Sie können Cancan nicht ohne die Musik von einem Juden kriegen, also tun sie, als wüssten sie von nichts. Henri und ich haben eine Vorliebe für diese Art billiger Ironie, das ist wie eine Schwäche für zu süße, aber unwiderstehliche Bonbons.

Dann nahm er meine Hand und sah mir in die Augen, wie er es immer tut, und sagte, er hätte den Stern für mich getragen. Er sagte, dass er es nicht mehr ertragen kann, und wenn ich jetzt, wo sein Kopf kahlrasiert und er entstellt ist, nicht mit ihm schlafen will, dann kann er ebenso gut aufgeben und nach Deutschland gehen wie Albert, der zur Arbeit zwangsverpflichtet worden ist, aber er wird sich dann freiwillig melden und wenigstens etwas Geld verdienen.

»Du versuchst mich zu erpressen«, sagte ich.

»So weit ist es gekommen«, sagte er. »Sag mir, was ich tun soll, und ich tue es. Ich würde dich sogar heiraten, nur ist das leider verboten.«

»Wenn es erlaubt wäre, würdest du mir den Antrag nicht machen, Henri, aber davon abgesehen finde ich die Ehe ungefähr so attraktiv wie das Dasein einer Prostituierten, und ich lasse mir meine Gunst nicht gerne bezahlen.«

»Dein Hang zur Romantik und zur Sentimentalität macht mich noch wahnsinnig«, sagte er.

»Wie kannst du an Beischlaf denken?«, fragte ich ihn und benutzte absichtlich das vulgäre Wort. »Du kannst dich kaum aufsetzen, du schaffst nicht einmal, die Treppe hinunter auf die Straße zu gehen, und du bist wild darauf, mich zu deflorieren!«

»Das könnte ich noch, wenn mir die Beine amputiert wären. Gib mir eine Chance.« Er zerrte weiter an mir.

Mir wurde klar, was ich schon seit einiger Zeit weiß, dass ich entweder aufhören muss, mich mit Henri zu treffen, oder mit ihm ins Bett gehen muss. Ich habe ihn über ein Jahr lang hingehalten, aber er wird immer zudringlicher. Ich bin nicht in ihn (oder sonst jemand) verliebt, aber ich mag ihn. Ich fürchte, ich bin im Grunde eine kalte Person, was romantische Liebe und romantisierten Sex angeht. Ich halte beides für Selbsthypnose. Ich schaue zu, wie Frauen um mich herum sich in Lebewesen verlieben, die ebenso gut große verspielte oder kleine rauflustige Hunde sein könnten, und bin verblüfft, wie das Gehirn sich einfach abschaltet, wenn die Hormone durch den Körper gepumpt werden.

Marie Charlotte, die früher meine beste Freundin war und einmal irrtümlich für eine Jüdin gehalten wurde, weil sie immer mit mir herumlief, ist jetzt in einen deutschen Leutnant verliebt. Da er zu den herrschenden Eroberern gehört und Offizier ist, gestattet ihre Familie ihm, ihr den Hof zu machen. Sie sagen, das ist ehrenwert. Ich weiß das alles, weil Marie Charlotte immer noch auf mich wartet und mir Zeichen gibt, ihr an unsere alte Schwatzstelle im kleinen Park Georges Cain gleich bei unserem alten lycée zu folgen. Da sitzen wir dann zwischen den zerbrochenen Statuen oder unter dem alten Feigenbaum, wie wir es früher taten. Ich nehme mir immer wieder vor, sie links liegen zu lassen, aber wenn ich sie sehe, erinnere ich mich, wie nah wir uns waren, und kann nicht mit ihr brechen.

Ich schiebe vor mir her aufzuschreiben, was ich getan habe. Ich wand mich aus Henris ziemlich enger Umarmung, bemüht, ihm nicht wehzutun. Dann setzte ich mich von ihm weg auf einen Stuhl. Ich versuchte mir darüber klar zu werden, ob ich ihn verlassen und nie wiedersehen soll, aber ich mag Henri sehr, und ohne ihn und meine anderen Freunde müssten wir noch viel mehr hungern. Rivka ist so dünn, dass es mir Sorge macht. In ihrem Alter hat bei mir die Menstruation angefangen, und so war es auch bei Maman, aber bei Rivka hat sie noch nicht angefangen, und ihre Brüste sind so winzig wie Erdbeeren. Sie braucht das zusätzliche Essen, das ich nach Hause bringe. Was macht es schließlich schon? Wir können alle fortgeschafft werden in unbekannte Gefahren. Ich mag Henri mehr als jeden anderen Mann, den ich kennengelernt habe, also warum nicht er? Sonst werde ich mich immer fragen, wie das wohl ist, und es nie erfahren.

Ich saß also auf dem Stuhl und sagte geradeheraus: »Gut, Henri, hör zu. Ich werde mit dir schlafen. Aber nicht heute. Erhol dich erst von deiner Schlägerei.«

»Ich habe mich schon genug erholt, ich schwöre es, dafür habe ich mich genug erholt.«

»Aber ich schwöre, für mich wäre es kein Genuss, mit einem Mann zu schlafen, wenn ich jeden Augenblick Angst haben müsste, ihm mehr wehzutun als das Faschistengesindel. Willst du, dass ich es genieße, oder ist dir das egal?« Ein billiges Argument, aber eines, dessen Wirkung ich nicht bezweifelte.

Er versicherte mir, ihm läge nichts mehr am Herzen als mein Genuss, und er sei fest entschlossen, mich in einen Taumel der Lust zu versetzen, sobald ich mich in sein Bett begäbe. Ich erinnerte ihn daran, dass Albert erst am Monatsende zum Arbeitseinsatz eingezogen wird. Ich möchte ungern Albert zum Zeugen haben. Die Intimsphäre ist mir wichtig.

»Du willst mich nur abwimmeln.«

»Henri, habe ich dir je versprochen, mit dir zu schlafen?«

Er gab zu, dass ich das immer abgelehnt hatte.

»Jetzt verspreche ich es. Wenn Albert nach Deutschland abgereist ist. Bis dahin wirst du wieder heile Haut und Haare haben –«

»Du liebst mich nicht ohne Haare.«

»Im Moment siehst du aus wie eine Zwiebel. Aber dann werde ich tun, was du verlangst.«

»Das ist nicht mal mehr einen Monat hin.«

Ich wusste, ich hatte ihn überredet. Ich fand auch, ich hatte Gott eine Chance gegeben, mich zu retten, wenn er es will, und dem Schicksal, wenn es mir geneigt ist. Und so, mein Tagebuch, habe ich mein Versprechen gegeben. Nicht, dass ein simples, recht lästig platziertes Häutchen mir irgendetwas bedeutet. Es geht mir eher darum, dass ich für mein Empfinden eine gewisse Klarheit besitze, die mir bei den meisten Frauen nicht begegnet. Ständig tun oder lassen sie etwas oder glauben oder bezweifeln etwas oder kommen oder gehen, weil der Mann, an dem sie hängen geblieben sind, es so will. Wenn ich nun in Zukunft mit Henri schlafen muss, so will ich versuchen, gelassen zu bleiben und einen klaren Kopf zu bewahren und nie zu glauben, nur weil wir unsere Körper zusammentun, mache ihn das intelligenter, als er ist, oder zu einer Art Genie.

6 juillet 1942

Heute habe ich mein Versprechen eingelöst. Am Tag, als Albert abreiste und wir ihn zum Zug brachten, bekam ich meine Regel. Ich sehe das als den letzten Versuch meines Körpers, das Unvermeidliche abzuwenden. Heute hatte ich keine Ausrede mehr. Wie es schließlich auch Scheherazade ergangen sein muss, mir fiel nichts mehr ein, und mein Moment der Wahrheit kam, doch mein König Henri zeigte keine Gnade.

Ich war zu ängstlich, um viel zu spüren außer Unbehagen und etwas Schmerz, aber ich denke, ich werde mich an den Geschlechtsakt gewöhnen und ihn genießen lernen. Es wäre dumm von mir, es nicht zu tun, da ich genötigt bin, ihn zu vollziehen; ich kann mir ebenso gut einige Techniken und ein wenig Hingabe aneignen. Ich habe viele Fragen, die ich Henri stellen möchte, aber mir ist aufgefallen, dass intelligente Fragen oder auch nur der Wunsch, Beobachtungen während des Aktes zur Sprache zu bringen, ihn schrumpfen lassen, also werde ich warten, bis er sich mir gegenüber selbstsicherer fühlt.

Ich wollte besonders seinen Penis sorgfältig untersuchen, doch er wollte zwar, dass ich ihn in die Hand nahm, schien aber nicht angenehm berührt von meinem Wunsch, ihn als unbekannten Gegenstand zu erkunden. Ich denke, es wird die Zeit kommen, um auch diese Neugier zu befriedigen.

Ich empfand keine Verzückung, und der eigentliche Verkehr war eher schmerzhaft. Ich blute stark, als hätte meine Regel wieder eingesetzt, was genau das war, was ich Maman gesagt habe. Unsere Körper sind in dieser Zeit so sonderbar, bei der Ernährung oder vielmehr dem Mangel daran, dass uns keine ungewöhnlichen Wehwehchen oder Schmerzen oder Unregelmäßigkeiten überraschen.

Ich freue mich, dass ich in mir keine Veränderung meiner Gefühle für Henri ausmachen kann. Ich fühle mich nicht von Liebe heimgesucht wie von einem herabgestiegenen Engel, ich träume nachts nicht von ihm (ich habe neulich von Papa und ständig vom Essen geträumt, und gestern Nacht träumte ich, ich nähme ganz allein ein riesiges, heißes Schaumbad), und ich habe nicht mehr Verlangen danach, ihn zu sehen, als sonst auch. Ich bin so gern mit ihm zusammen wie vorher. Vielleicht erweisen sich meine schlimmsten Ängste als unbegründet.

Ich habe ihn gezwungen, ein Kondom zu benutzen, obwohl er protestierte, es reiche aus, wenn er sich zurückzöge, bevor er käme, und er sei darin geübt, diesen Zeitpunkt abzuschätzen. Ich erinnere mich an all die Geschichten in der Schule über Mädchen, die schwanger wurden, weil ihre Freunde einen Coitus interruptus praktizieren wollten, aber nicht schnell genug unterbrachen. Ich werde in diesem Punkt nicht mit mir reden lassen.

14 juillet 1942

Ich hatte gerade mit Maman den schlimmsten Streit meines Lebens. Henri hat mir seit letzter Woche alle möglichen Geschenke gegeben, sechs Eier, zwei Kilo Kartoffeln und eine ganze Einkaufstasche voll frischem Gemüse vom Bauernhof seines Onkels und schließlich ein Huhn. Ich dachte, Maman und Rivka würden sich riesig freuen. Das taten sie bestimmt auch, aber dann fing Maman gestern davon an, wieso uns plötzlich solche Großzügigkeit zuteil wird. Ich wehrte sie mit einem Witz ab und zog mich in meine Studien zurück.

Dann stand sie heute Morgen vor mir, die Hände in die Hüften gestemmt, und sagte: »Yakova, lüg mich nicht an. Schläfst du mit diesem Henri?«

»Mutter«, sagte ich, »erstens ist mein Name Jacqueline. Das ist mein gesetzlicher Name, das ist der Name, den ich benutze, und das ist der einzige Name, auf den ich höre. Mich Yakova zu nennen ist nur ein Trick, damit ich mir wie ein Kind vorkomme. Zweitens lüge ich dich nie an. Ich habe zu viel Achtung vor beiden von uns. Wenn du mich in der Vergangenheit gefragt hast, habe ich dir immer wahrheitsgemäß geantwortet. Es wäre mir lieber, du würdest mich zu diesem Thema nicht befragen, da das meine eigene, private Entscheidung ist.«

»Schläfst du mit ihm?«, wiederholte sie.

»Jawohl«, sagte ich.

Sie ohrfeigte mich und nannte mich eine Hure! Sie sagte, sie wolle solches Essen nicht, und ging so weit, Kartoffeln auf den Fußboden zu werfen. Sie sagte mir, ich hätte ab sofort Hausarrest und dürfe Henri und keinen dieser zwielichtigen Freunde je wiedersehen. Ich sagte, das sei völliger Unsinn und ich hätte eine Verabredung mit ihm, die ich auch einzuhalten gedächte. Er sei mein Freund, der wegen seiner Solidarität zu mir zusammengeschlagen worden sei, und wir könnten alle Freunde brauchen, die wir nur hätten. Ich sagte ihr nicht, dass Céleste und Henri und ich heute Exemplare einer neuen Untergrundzeitung abholen wollen, als Beitrag zu den ungesetzlichen Feiern zum Tag der Bastille.

Sie ohrfeigte mich wieder, mehrmals, und verlor, glaube ich, völlig die Beherrschung. Wir begannen beide, uns anzukreischen wie die Straßenhuren. Schließlich habe ich mich eine halbe Stunde lang ins Badezimmer eingeschlossen, bis ich meine Beherrschung wiedergefunden hatte, und die ganze Zeit über hämmerte sie an die Tür, so dass alle Nachbarn es gehört haben müssen. Dann habe ich ein paar Sachen in meinen alten Rucksack gepackt und bin in die Rue Royer Collard gekommen, wo ich ab jetzt bleibe.

Ich bin wütend auf sie. Sie hat überhaupt keinen Versuch unternommen, meinen Standpunkt zu verstehen, und so einen völligen Mangel an Achtung vor meinem Urteilsvermögen und meinem Charakter gezeigt. Ihre Schimpfkanonade war hässlich und gefühllos. Die simple Wahrheit ist, wenn ich nicht die Sorge um Rivka und Maman am Hals gehabt hätte, hätte ich mich wahrscheinlich nie mit Henri eingelassen. Dabei fällt mir ein, ich muss verhindern, dass Henri dieses Tagebuch liest, da ich ihn in solchen Dingen nicht für so gewissenhaft halte, wie ich es von Maman immer angenommen habe. Jetzt bin ich mir offen gestanden nicht mehr so sicher.

Ab morgen haben sich diese Ungeheuer übrigens etwas Neues ausgedacht, wie sie uns peinigen können. Es ist uns verboten, in Restaurants, Cafés, Bibliotheken und Museen zu gehen oder öffentliche Fernsprecher zu benutzen, und wir dürfen nur im letzten Wagen der Metro fahren. Viele Läden sind uns gänzlich untersagt, und wir dürfen nur zwischen vier und fünf einkaufen, wenn sowieso alles ausverkauft ist, und nur an bestimmten Tagen. Solange ich bei Henri bleibe, habe ich meinen gelben Stern abgelegt, da unser Zusammenleben natürlich verboten ist, und ich werde nicht eher nach Hause zurückkehren, als bis Maman sich für die rohen Schimpfwörter entschuldigt hat und dafür, wie sie mich geohrfeigt hat (mehrmals). Darin bleibe ich fest. Ich habe nichts Schändliches getan, und ich schäme mich nicht – außer dafür, wie sie mich behandelt!

Eine gute Lösung ist das nicht, denn wenn ich bei Henri bleibe, muss ich den gelben Stern entfernen, aber mein Ausweis – den wir zwanzigmal am Tag vorzeigen müssen – trägt in großen roten Buchstaben den Stempel JUIVE.

Ich habe mich etwas mehr daran gewöhnt, mit Henri zu schlafen. Er fragt mich immer, ob ich gekommen bin, und ich sage wahrheitsgemäß, dass ich das bezweifle, aber dass ich gar nicht weiß, was das für ein Gefühl ist. Ich fange jedoch an, das Vorspiel zu genießen. Küssen und Streicheln müssen nicht notwendig als sentimentaler Zeitvertreib angesehen werden, sondern haben aufgrund ihres sinnlichen Gehalts durchaus ihre Berechtigung, finde ich.

Mit Henri zusammenzuleben ist jedoch nicht sonderlich gemütlich. Mit Maman und Rivka habe ich meine gewohnten Regeln. Es ist einfacher, zu Hause für mein Studium zu lernen, und ich habe nur mitgenommen, was ich auf dem Rücken tragen konnte. Ich vermisse meine Bücher, meinen Sessel, meine café au lait-Tasse mit den Möwen drauf, die Papas copain Georges aus Dänemark mitgebracht hat. Henri hat keinerlei hausfrauliche Talente, und das WC auf dem Flur ist widerwärtig. Das Haus besteht aus winzigen Ein- und Zweizimmerwohnungen, wovon mehrere an Prostituierte vermietet sind, deren Kunden die ganze Nacht lang die Treppe hinunterpoltern. Ich werde Maman ein oder zwei Tage geben, um sich abzuregen, und dann werde ich erscheinen, wieder ganz die Alte, und sehen, ob wir Frieden schließen können.

Die Szene verfolgt mich mit ihrer Eruption von Unvernunft, der in uns beiden entfesselten Gewalt – wie sie mich schlägt und die Kartoffeln hinwirft – und der Heftigkeit unserer Gefühle. Ich weiß nicht, warum ich nicht so ruhig bleiben konnte, wie ich es mir vorgenommen hatte, aber je mehr sie außer sich geriet, desto mehr wiederum geriet ich außer mich vor Zorn, ein böser Kreislauf. Jedes Mal, wenn ich an diese hässliche Szene denke, bin ich entsetzt, wie wir uns benommen haben, wie wir unsere Würde verloren haben und wie wir aneinander vorbeigeredet haben. Ich bin entschlossen, wieder in Frieden mit ihr zu leben, aber zu vernünftigen Bedingungen.

16 juillet 1942

Ich kann fast nicht schreiben. Ich habe so lange geweint, dass meine Augen geschwollen sind und brennen und meine Nebenhöhlen völlig verstopft sind.

Maman und Rivka sind von der Polizei in einem Bus abgeholt worden – nicht allein, sondern mit abertausend anderen. Die Polizei hat gestern fünf Arrondissements abgeriegelt und macht heute weiter, die französische Polizei – annähernd tausend Polizisten, soweit ich erfahren konnte – hat zahllose Juden verhaftet, Männer, Frauen, Kinder, alte Leute, kleine Babys, schwangere Frauen, einfach alle. Die Polizei zwang die Menschen mitzukommen, nur mit dem, was sie gerade tragen konnten, und verlud sie in alte grüne Busse. Eine Zeitung schreibt, zehntausend Juden wurden verhaftet, eine andere Zeitung schreibt achtzehntausend, wieder eine andere schreibt achtundzwanzigtausend. Aber alle Zeitungen finden es eine wunderbare Idee und sind voll des Lobes, dass das Neue Europa von solchen Läusen wie uns befreit wird.

Mir ist übel, und ich fühle mich zu elend, um noch etwas zu schreiben.

18 juillet 1942

Ich habe all meine Kraft darauf verwandt herauszufinden, wo Maman und Rivka festgehalten werden und was mit ihnen geschehen wird. Mir will nicht in den Kopf, wie sie Rivka etwas anhaben können, schließlich ist sie hier geboren, eine französische Jüdin von Geburt an. Und Maman ist vor zwanzig Jahren naturalisiert worden. Es erweist sich als sehr gefährlich, nach Maman und Rivka zu forschen, denn natürlich steht auch mein Name auf der Liste, die sie benutzen, um Leute abzuholen, und ich bin nur durch den Streit entkommen. Wäre ich doch bloß bei ihnen, dann könnte ich meinen kühlen Kopf einsetzen und mir die beste Strategie überlegen.

Es ist unglaublich heiß diese Woche, la canicule. Paris ist nicht geschaffen für derartige Sommerhitze. Henris Zimmer ist einfach zu heiß, um darin zu schlafen. Wir sind sehr früh aufgestanden und hinausgegangen, hinunter an den Fluss, wo es ein bisschen kühler ist. Es ist nicht ungefährlich, auf der Straße zu sein, wenn so wenige unterwegs sind. Henri hat begonnen, seine Schwarzmarktbeziehungen anzuzapfen, um mir einen neuen Ausweis zu besorgen – einen arischen, wie es jetzt heißt.

Aber neue Ausweise kosten sehr viel, und ich habe überhaupt kein Geld. Ich entdecke, dass ich äußerst ungern von Henri abhängig bin, und Henri ist ebenfalls überrascht davon, wie schnell sich die Situation zugespitzt hat. Ich habe das Gefühl, er möchte nicht, dass ich bei ihm wohne, obwohl er nichts gesagt hat. Anfangs fand er es toll, aber jetzt beginnen ihm die Folgen der Situation aufzugehen. Nun hat er mich am Hals, eine Jüdin, die sich verstecken muss, keinerlei Einkünfte hat, von der Universität geflogen ist und ständig weint.

19 juillet 1942

Ich habe herausbekommen, wo Maman und Rivka eingesperrt sind. Sie haben alle mit Kindern ins Vel d’Hiv gebracht, eine glasüberdachte Rennbahn mit großen Tribünen, wo im Winter Fahrradrennen stattfinden. Ich habe erfahren, dass tausende dort festgehalten werden. Vielleicht überprüfen sie ja bei allen die Ausweise. Rivka ist hier geboren, und Maman wurde mit achtzehn naturalisiert und hat obendrein einen hier geborenen französischen Juden geheiratet. Ich rechne damit, dass sie auf freien Fuß gesetzt werden, aber bisher scheint noch niemand entlassen worden zu sein. Ich kann nicht in Erfahrung bringen, weswegen sie festgehalten werden.

20 juillet 1942

Ich bin zufällig Daniela begegnet, sie ist auch entkommen. Sie sagte, sie sei durch das Netz gewarnt worden, unmittelbar bevor es passierte, so dass sie und ihre Eltern um drei Uhr früh mit nichts aus der Wohnung flohen. Sie sind gerade noch durchgeschlüpft, bevor der Polizeikordon sich geschlossen hat. Sie sagt, mit guten Papieren könnte ich durchkommen und sie wüsste, wo welche zu kriegen sind. Aber dafür brauche ich unbedingt Geld. Sobald ich nicht-jüdische Ausweispapiere habe, kann sie mir Arbeit in einem Krankenhaus besorgen, schlecht bezahlt, aber genug für den Lebensunterhalt. Ich muss mir das Geld für die Papiere besorgen, und zwar schnell.

Ich ging nach Hause und bat Henri, seinem Vater zu sagen, er habe ein junges Mädchen geschwängert und brauche Geld für eine Abtreibung. Denn ich denke, sein Vater wird es ihm geben, zusammen mit einer Moralpredigt, von der beide kein Wort glauben werden. Henri bekam es mit der Angst, war aber einverstanden. Das wächst ihm alles über den Kopf. Er wollte nicht einmal mit mir schlafen. Nach meiner Einschätzung ist das keine stabile Situation.

Daniela ist meiner Meinung, dass wir herausbekommen müssen, was mit unserem Volk im Vel d’Hiv geschieht. Wir haben unsere Privatuni in aller Form aufgelöst. Wir glauben beide, sichtbare jüdische Organisationen ins Leben zu rufen bedeutet nur, sich in Reih und Glied zum Abschuss aufzustellen. Daniela sagt, dass wir Widerstand leisten müssen, aber bis jetzt hat sie noch nicht gesagt, wie. In meinen Augen ist das nichts als heiße Luft, als sagte ein machtloses, zorniges Kind zu jemandem, der ihm wehgetan hat: Dich kriege ich. Dir werd ich’s zeigen.

21 juillet 1942

Das wenige, was ich in Erfahrung bringen konnte, ist erschreckend. Man erzählt sich, dass mindestens einhundertdreißig Tote dort hinausgetragen worden sind, darunter zwei schwangere Frauen, die offenbar in den Wehen gestorben sind. Wir hören, dass dort mindestens fünfzehntausend Menschen, darunter fünftausend Kinder, ohne Wasser oder Nahrung eingesperrt sind. Ich kann das nicht glauben, ich kann nicht glauben, dass die französische Polizei meiner Mutter und meiner Schwester das antut, und doch muss ich es glauben. Ich kann nicht essen oder schlafen. Ich halte Nachtwache.

Henri wird heute mit seinem Vater reden. In diesem Moment ist es mir gleichgültig, ob ich lebe oder sterbe. Hätte ich doch nur nicht Henri nachgegeben, hätte ich mich doch nur nicht mit Maman gestritten und wäre jetzt bei ihr! Ich fühle mich so schuldig wie die Nazis, ich fühle mich, als hätte irgendwie ich Maman das angetan. Ich habe nur noch den Wunsch, ein großer Lastwagen würde mich auf der Straße überfahren.

Maman hat recht. Ich bin nichts als eine Hure, die für ein paar Kartoffeln und Eier fickt, und für ein paar freundliche Worte inmitten einer Stadt, die vor Hass überkocht. Von all den Menschen, die auf den Straßen waren und sahen, wie ganze Familien von der Polizei weggeschleppt wurden, versuchte niemand zu helfen, versuchte niemand, die Polizei aufzuhalten. Ich habe gehört, dass einige Nachbarn die Polizisten angefeuert haben, darunter auch die Laroques, deren Hund wir immer gefüttert haben, wenn sie verreist waren.

Sechs Tage ohne Wasser und ohne einen Bissen zu essen, wie können sie das überleben? Maman ist stark, aber sie ist neununddreißig und auch nur aus Fleisch und Blut. Rivka ist zäh, aber noch ein Kind und jetzt schon unterernährt.

Wenn ich ihnen mein Blut zu trinken geben könnte, ich würde es ohne ein Wort tun.

Abra 3
Welch geräumige Kammer

Wollen wir einen Spaziergang machen?«, sagte Oscar Kahan, als wäre das ein ganz normaler Vorschlag. »Es ist so ein schöner Tag. Sozusagen«, setzte er lächelnd hinzu, denn es war heiß und feucht, die Sorte Tag, die Abra voll Heimweh an die Sommer in Maine denken ließ. In der Hitze von New York zu bleiben mutete manchmal wie Masochismus an.

Sie folgte ihm und sah sich selbst als Figur in einem Comicstrip, eine Daisy Mae mit einem riesigen Fragezeichen, das in einer Blase über ihrem Kopf schwebte. Noch nie hatte Oscar Kahan sie zu einem Spaziergang aufgefordert. Sie hatte sich in letzter Zeit bei erotischen Träumereien über ihn ertappt und mit dem Gedanken gespielt, von ihrem Grundsatz abzugehen, sich niemals mit jemandem von der Arbeit sexuell einzulassen. Schließlich beruhte dieser Grundsatz nur auf Vorsicht und nicht auf Moral. Aber was hatte es für einen Sinn, ihren eigenen Kodex umzuwerfen, wenn Oscar Kahan sie lediglich mit der gleichen unerschöpflichen, ja nahezu allumfassenden Wärme behandelte, mit der er alle seine Studenten bedachte? Sie merkte, dass sie sich neuerdings angewöhnt hatte, Posen einzunehmen, die die Rundung ihrer Waden betonen sollten, ihr Profil, ihren Busen, aber wenn Oscar Kahan es wahrnahm, so ließ er seinen Beobachtungen keine Taten folgen. Bis jetzt.

Sie verließen sein Büro und wandten sich nach Westen, zum Fluss. Während sie dahinschlenderten, erkundigte er sich nach den letzten Befragungen und gab Kommentare zu anderen ab. Wieder einmal beeindruckte sie, wie er beides erfasste, die großen Muster und die kleinen Einzelheiten. Vielleicht wollte er einfach an die frische Luft, obwohl sie bezweifelte, dass näher als Connecticut welche zu haben war. Vielleicht machte ihn das warme Wetter ruhelos. Vielleicht hatte seine Kindheit in Pittsburgh ihn an den Smog gewöhnt, und er fand die stinkende Luft von Manhattan im Sommer tatsächlich erfrischend.

Im Riverside Park nahm er eine Bank, die etwas abseits stand, mit Blick auf den Fluss und ein Paar, das sich im Gras umarmte. Er schaute sich um und nahm die Szenerie in sich auf, dann musterte er sie mit durchdringendem, prüfendem Blick. »Ich werde im Herbst nicht unterrichten.«

Und meine Stelle ist futsch, dachte sie. »Wo gehen Sie hin, wenn ich fragen darf?«

»Haben Sie je in Betracht gezogen, sich stärker an den Kriegsanstrengungen zu beteiligen?«

Ich wette, er hat es geschafft, einberufen zu werden. »Ich dachte an die WAVES, an die Reservemarinehelferinnen – die Marine ist die Militärgattung meiner Familie –, aber ich sehe mich nicht salutierend herummarschieren. Ich bin zu verwöhnt für militärische Disziplin.«

»Dennoch führen Sie Befehle aus.«

»Das ist nicht das Gleiche, das wissen Sie.«

Er starrte gebannt auf einen Schlepper, der ein ungefüges graues Frachtschiff flussaufwärts bugsierte. »Ich habe vor, Sie anzuwerben. Aber nicht für die WAVES.«

Sie sah ihn scharf an. Er lächelte. »Sehen Sie nicht so schockiert drein. Das steht Ihnen nicht. Sie wissen sehr gut, dass Sie mit Geheimdienstarbeit befasst sind. Das haben Sie sich längst zusammengereimt. Jetzt trete ich offiziell OSS bei – dem Amt für Strategische Dienste. Und ich würde Sie gern mitnehmen.«

Endlich war es auf dem Tisch. »Was ist OSS?«

»Ein bisschen von allem. Propaganda, Geheimdienst, Spionage. Ich kenne hauptsächlich Leute von der Abteilung Recherche & Analyse.«

»Wo würden wir hingehen?«

»Für den Augenblick nirgendwohin außer in ein anderes Büro. Später, wer weiß? Ich möchte nicht über Einzelheiten sprechen, bevor Sie sich nicht entschieden haben. Ich werde ein kleines Projekt leiten, und ich habe carte blanche, so viele von meinen Mitarbeitern mitzubringen, wie ich will.«

»Aber klar!«, sagte Abra. »Klar mache ich es.«

»Sie wissen doch gar nicht, worauf Sie sich einlassen.«

»Ach, es wird sicher interessant. Ich habe Vertrauen zu Ihnen.«

»Sind Sie nun eigentlich mit Ihrer Doktorprüfung fertig?«

»Nicht ganz. Ich habe alle Seminare abgeschlossen und meine mündliche Prüfung bestanden, aber meine Dissertation schreibe ich immer noch gemäß Professor Blumenthals kritischen Einwänden um.«

»Sie werden das auf Kriegsdauer zurückstellen müssen.«

»Ich bin sowieso nicht begeistert, sie zum vierten Mal umzuschreiben. Spielt es eine Rolle, dass ich meinen Doktortitel nicht habe?«

»Das bezweifle ich.« Er stand auf. »Das Missliche ist, dass ich Ihnen so wenig sagen kann, bevor ich Sie dort vorstelle, und doch müssen Sie sich zuvor entscheiden. Ich hoffe, Sie machen sich keine romantischen Vorstellungen.«

Hatte er sie im Verdacht, für ihn zu schwärmen? Vielleicht war ihre Beinschau doch ein wenig zu durchsichtig gewesen. »In welcher Hinsicht?«

»Das ist keine Angelegenheit von Mantel-und-Degen-Intrigen, feschen Spionen und schneidigen Helden, sondern nichts als akademische Analyse. Wir werden versuchen, Sinn in die ungeheuren Informationsmengen zu bringen, und die Arbeit wird oft eher statistisch als stimulierend sein.«

»Ich verlasse mich auf Ihr Urteil, dass sie wichtig ist. Ich denke, Sie haben Ihre politischen Prioritäten klar gesetzt, und ich hoffe, ich auch.«

»Wir müssen einen kleinen Ausflug zu einem Büro im Rockefeller Plaza machen, der Sie ansonsten nicht weiter zu kümmern braucht. Ihre Dienstverpflichtung, die Prozedur in Gang bringen.« Er bot ihr mit seltener Ritterlichkeit den Arm, um ihr von der Bank aufzuhelfen. »Es wurde Zeit, dass man mich stärker einbindet. Die langwierigen Eintrittsformalitäten haben mich verrückt gemacht«, sagte er mit einem Aufblitzen unterdrückten Zorns. »Jetzt legen wir los.«

Im Juli erschien Ready nach monatelanger Abwesenheit. Er war gerade zum Korvettenkapitän befördert worden und erwartete, einem Flugzeugträger zugeteilt zu werden. Am nächsten Morgen sollte er mit dem Zug nach Hause fahren.

Ihr Lieblingsbruder sah älter aus, dachte sie, seine Haut ledrig und zerfurcht, Netze neuer Falten um die dunkelblauen Augen, sein Haar noch blonder als das ihre. Er war guter, übermütiger Stimmung. Als sie verschiedene Freundinnen vorschlug, wollte er sie alle. Nach italienischem Essen, auf das Ready immer versessen war, in einem nahe gelegenen Lokal im Village, das Abra bevorzugte, weil dort auch vor dem Krieg nie Bilder von Mussolini gehangen hatten, trafen sie sich mit Djika, Karen Sue und Karen Sues neuer Mitbewohnerin Eveline, einer Kusine zweiten Grades mütterlicherseits aus Beaufort, North Carolina, die mit einem auf einem Begleitzerstörer stationierten Fähnrich zur See verheiratet war. Karen Sue betrachtete das Teilen ihrer Wohnung als ihr äußerstes Opfer für die Kriegsanstrengungen.

Nachdem sie sich durch ein paar Bars im Village getrunken hatten, fuhren sie hinauf zum Onyx Club und dann zum Famous Door, lauschten dem Swing und tanzten bis zwei Uhr morgens. »Sweet Georgia Brown«, sang Abra und tanzte Lindy mit ihrem Bruder. Als sie Karen Sue und Ready in dem rauchigen, schummrigen Raum auf dem überfüllten Tanzboden zu »That Old Black Magic« Wange an Wange tanzen sah, stellte sie sich plötzlich vor, wie es sich anfühlte, in jemanden verliebt zu sein und ihn in den Krieg zu verabschieden. Sich zu verlieben war etwas, das anderen Frauen passierte, niemals ihr selbst, und während sie ihre Fähigkeit, Männer zu genießen, bisher darauf zurückgeführt hatte, dass sie nicht von ihnen individuell besessen war, fragte sie sich nun, ob sie unfähig dazu war und stets vermeiden würde, was andere so leidenschaftlich zu suchen schienen.

Eveline tanzte mit einem Leutnant, den Ready an ihren Tisch gebeten hatte. Karen Sue und Ready legten einen geschmeidigen, koketten Lindy hin. »In the Mood« war laut, die Blechbläser waren aufgestanden, um ihre Hymne zu schmettern, doch Djikas leise, schneidende Stimme neben ihr drang deutlich an ihr Ohr.

»Wenn man dich mit diesem Bruder sieht, versteht man allmählich, worauf sich deine Abneigung gegen Männer deines Aussehens und deiner Herkunft gründet.«

»Aber Ready ist mein Lieblingsbruder. Wir haben uns immer nahe gestanden.«

»Eben.« Djika nickte, als hätte sie gesagt: matt in zwei Zügen. »Ihr seht euch sogar ungewöhnlich ähnlich. Als Jugendliche fandest du ihn natürlich attraktiv, deshalb suchst du dir aus Furcht vor dem lauernden Inzest Männer aus, die auf gar keinen Fall zu deiner Familie gehören könnten.«

»Ah, die zweifelhaften Freuden von Freud«, witzelte Abra. »Beweise, dass du mit vier in deinen Vater verliebt warst, und was bringt dir das? Immer noch das gleiche Bündel gegenwärtiger Probleme. Ich hoffe sehr, dass ich den guten Geschmack hatte, Ready zu begehren und nicht meinen schauderhaft langweiligen Bruder Roger oder Vater.«

Djika belehrte sie zum dreißigsten Mal, Freud zu missachten sei naiv, doch Abra war überzeugt, dass ihr Männergeschmack sich weit mehr aus Neugier speiste, aus Leidenschaft, aus Lebenslust, aus Erfahrungshunger denn aus dem Inzesttabu, das Djika postulierte. Zurzeit waren derlei Überlegungen ohnehin reine Theorie, da sie für mehr als eine gelegentliche Nacht mit einem alten Verehrer zu viel zu tun hatte und ihre Neugier auf Oscar Kahan nach wie vor ungesättigt blieb.

Bei diesem Tanz war ein Funke übergesprungen, denn als Ready zum Tisch zurückkam, murmelte er Abra zu, dass er den Rest der Nacht mit Karen Sue verbringen würde. Am nächsten Tag erzählte er ihr, Karen Sue habe darauf bestanden, dass er so tat, als schliefe er auf dem Sofa, bis Eveline ins Bett gegangen war. Er hielt das für die Südstaatenart, erklärte Karen Sue ansonsten aber zu einem Rasseweib. Dann setzte Abra ihn in den Zug nach Maine.

An jenem Mittwoch saßen Djika, Karen Sue, Eveline und Abra zusammen und teilten sich ein von Karen Sues Haushälterin zubereitetes Hühnerfrikassee, eine Bowle und eine Honigmelone. Sie hatten die Schuhe ausgezogen, die Fenster ganz hochgeschoben und zwei Ventilatoren angestellt. Stanley Beaupere war mit Frau und Kindern an den Strand von Jersey in Urlaub gefahren und ließ Djika in der Stadt schmoren.

Die Sonne ging über New Jersey unter, und die grauen Schiffe versammelten sich auf dem Fluss. »Jeden Abend kommen sie hier zusammen«, sagte Karen Sue träumerisch. »Am Morgen sind sie alle fort. Das ist doch bestimmt irgendein Sinnbild, Schiffe, die in der Nacht verschwinden.«

»Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie verheerend es draußen auf Kap Hatteras aussieht«, sagte Eveline und schüttelte ihre Locken. »Der Strand ist übersät mit Wrackteilen und ölverschmierten Leichen.«

»Ich habe gehört, Blumenthal hat dir ab Herbst eine Assistentenstelle angeboten, und du hast sie abgelehnt, Abra.« Djika maß sie mit strengem Blick. »Was ist denn mit dir los? Wenn wir nicht Krieg hätten, müsstest du vierzig Jahre auf solch eine Chance warten.«

»Ich habe eine Ganztagsstellung bei einem Informationsdienst der Regierung.«

»Was machst du da?«

»Ach, Nachforschungen anstellen und Broschüren schreiben.«

»Was für Broschüren?«, fragte Djika.

Abra holte aus ihrer Schultertasche eine Broschüre mit dem Titel Kartoffeln fürs Vaterland. Sie reichte sie Djika und wusste nur zu gut, was ihre Freundin lesen würde:

Durch den Verzehr von Kartoffeln anstelle von Weizen können die Bürger der Vereinigten Staaten den Krieg gewinnen helfen. Wir haben nicht genug Weizen für unsere Verbündeten und uns selbst. Kartoffeln dagegen haben wir in Hülle und Fülle. Weizenmehl ist ein konzentriertes Nahrungsmittel und daher zur Verschiffung geeignet; Kartoffeln sind sperrig und demgemäß ungeeignet für die begrenzten Frachtkapazitäten …

Der Einleitung folgten seitenweise einfache Rezepte. Nach gekochten, gedämpften, geschnetzelten, gestampften, gebackenen, gefüllten Kartoffeln, Kartoffeln in Puffern oder Knödeln oder Aufläufen oder Salaten oder Kabeljauklößchen kamen die verzweifelteren Angebote: Kartoffelbrot mit gemahlenen Erdnüssen und eingeweckten Tomaten. Quetschkartoffeln als Ersatz für aufgeweichte Semmeln in falschem Hasen aus Kochfisch oder Hackfleisch. Fischkartoffelbraten. Fischhaschee mit kaltem Kartoffelpüree. Kartoffelnudeln. Kartoffeln im Schlafrock. Kartoffelwecken. Kartoffelplätzchen. Kartoffelkrapfen. Und dann das Finale: Kartoffeltorte.

Abras Erfahrung war, dass keine Neugier auf ihre neue Stellung überlebte, wenn sie der Kartoffelbroschüre ausgesetzt wurde. Schmunzelnd hatte Oscar einen Vermerk über ihre Pfiffigkeit weitergeleitet. Alle Frauen prüften nacheinander die Broschüre und sahen sie dann mit einer Mischung aus Mitleid und Bestürzung an. Das Thema wurde augenblicklich gewechselt.

Abgesehen von Djika, die immer noch in zerfleischter Treue im Schatten von Stanley Beauperes offenbar solide gebauter Ehe verweilte, entbehrten sie alle die Gesellschaft von Männern. Ihre männlichen Kollegen verschwanden nach und nach vom Campus. An der Columbia verwandelte sich das Gelände zwischen den Gebäuden und unter den Bäumen, das immer gesellschaftlicher Treffpunkt gewesen war, in Exerzierplätze für Marinekadetten, die unter militärischer Disziplin standen und viel zu jung für sie waren. Das normale Muster ihres gesellschaftlichen Lebens sah jetzt so aus, dass sie die meisten Abende, die nicht von Arbeit oder freiwilligen Diensten in Anspruch genommen waren, mit ihren Freundinnen verbrachten. Wenn dann ein früherer Freund oder Bekannter Urlaub bekam, ließen die Frauen alles fallen, blieben bis zum Morgengrauen aus und holten sich ihren Schlaf nach dem hektischen Wochenende.

»Abra, komm mal ein Minütchen her«, bat Karen Sue. »Ich habe etwas, da möchte ich mal sehen, ob es dir passt, Kind.«

Was Karen Sue ihr anpassen wollte, war das Versprechen, Ready nichts davon zu sagen, dass sie schon einmal verheiratet war. »Schließlich war es gar keine richtige Ehe. Ich meine, es ist fast nichts passiert, und eine annullierte Ehe ist eine, die eigentlich gar nicht stattgefunden hat.«

Abra stöhnte. »Aber, Karen Sue, Ready denkt doch nicht, dass du Jungfrau warst, oder?«

»Was er in der Hinsicht denkt, braucht uns im Moment nicht zu beschäftigen, Abra, und so wahr du meine Freundin bist, möchte ich nicht, dass du über Dinge aus meinem vergangenen Leben sprichst, über die du sowieso nicht die ganze Wahrheit weißt, und deswegen schafft solches Gerede nur Verdruss. Ein loser Mund setzt Schiffe auf Grund.«

Abra ging grantig nach Hause. Sie wurde nicht gern vor die Wahl gestellt, Ready eine Wahrheit zu verschweigen, die ihn interessieren mochte oder auch nicht, oder aber Karen Sue zu verärgern, die sie wirklich mochte. Verflixte Karen Sue, hatte sie vielleicht die Absicht, Abras Schwägerin zu werden? Sie konnte sich das Bild nicht recht vorstellen, aber vielleicht konnte es Karen Sue, in einem goldenen Rahmen.

Wenn sie ihren Freundinnen genau erzählt hätte, was sie tat, hätte ihnen das ebenso sehr Rätsel aufgegeben, wie die Kartoffelbroschüre sie langweilte. Im Moment schienen Oscar und sie im Altkleiderhandel tätig zu sein. Nach wie vor sammelten sie mündliche Geschichten von neu angekommenen Emigranten, insbesondere von solchen, deren vormalige Adressen oder Geburtsorte von militärischer oder industrieller Bedeutung waren. Außerdem sammelten sie Armbanduhren, Füllfederhalter, Rasierapparate, Brieftaschen, Koffer, Unterwäsche, Mäntel, Hemden. Sie bezahlten für alles und hatten eine entfernt plausible Erklärung: Sie ermittelten den Zustand der deutschen Wirtschaft, und die Verarbeitung und die Metalle einer Uhr oder die Stoffqualität eines Anzugs konnten nützliche Informationen liefern. Alles wurde in ein Lagerhaus in Washington verfrachtet, wo dieses zusammengeraffte Material Agenten ausstattete, die hinter den feindlichen Linien abgesetzt werden sollten.

Die Informationen, die sie sammelten, die Erinnerungen, gingen ebenfalls nach Washington. Der Agent, der vor ihnen diese Sammlung von Informationen und Flohmarktfutter durchgeführt hatte, war nach London versetzt worden, wo er wahrscheinlich an etwas arbeitete, das mehr nach Oscars Geschmack war. So nahm nun Oscar jede Woche den Zug nach Washington, nicht nur, um die verknautschten Beutestücke der Woche auszuliefern, sondern auch, um sich in die eigentliche Recherche- und Analyse-Arbeit hineinzutricksen und hineinzuintrigieren. Die R & A-Abteilung von OSS in Washington, knurrte Oscar, wimmele von brillanten Köpfen. Sie mussten es schaffen, nach Washington abkommandiert zu werden.

Oscar verzehrte sich vor unterdrücktem Groll. Sie arbeiteten bis spät in die Nacht, versuchten, ihr Bestes zu geben, an sechs, oft sieben Tagen in der Woche, doch Oscar trat auf der Stelle. Er hatte die Columbia nicht verlassen, um alte Kleider zu sammeln, und er gab akademischen Rivalitäten die Schuld an dem, was er als sinnlose Vergeudung seiner Talente sah. Mit wachsender Frustration geschah es, dass er sie bat, ihn Oscar zu nennen, und in der Tat begann er, sich vertraulich bei ihr zu beklagen wie bei einer Ehefrau oder Geliebten. Abra, die die Berichte der Flüchtlinge immer noch faszinierend fand, litt weniger an Ungeduld. New York war ihr Zuhause, genau wie Oscars. Obwohl sie sich mit einem möglichen Umzug nach Washington abgefunden hatte, brannte sie nicht darauf, dorthin zu kommen.

Sie beobachtete amüsiert, wie sich unter dem Druck, den er erzeugte, die Förmlichkeit zwischen ihnen nach und nach abschliff. Sie war Abra, er war Oscar. Mittags aßen sie zusammen im Deli unten auf der Madison Avenue, oder sie ging ein paar Sandwiches holen. An dem Tag, an dem Oscar einen Kommunisten befragte, der bei der Handelsmarine gewesen war und daher voller Einzelheiten über den deutschen Schiffsbestand steckte, so dass ein ganzes Dossier über ihn zu OSS nach Washington gehen konnte, an dem Tag führte er sie in ein spanisches Restaurant in der Vierzehnten Straße zum Essen aus. Dort schien der Kellner ihn zu kennen, und der Geschäftsführer kam und brachte eine Platte mit kleinen Leckereien als Geschenk des Hauses, die sie zu ihrem Amontillado knabberten.

Von dem Essen und dem Wein blühte Oscar auf. Nicht, dass er auch nur im Leisesten beschwipst wurde, er entspannte sich einfach, und Entspannen hieß bei ihm, sie mit Beschlag zu belegen, zu bezaubern, sich für Privates zu öffnen, wie er es in den neun Monaten ihrer Arbeitsbeziehung bisher vermieden hatte.

»Wir waren vier«, sagte er. »Ich bin der Älteste. Als Nächster kam mein Bruder Ben, er ist immer noch in Pittsburgh und hat eine chemische Reinigung. Dann die beiden Mädchen, Bessie, die mit einem Zahnarzt verheiratet ist und so dick wie wir beide zusammen, eine wundervolle, warmherzige Mutter von fünf Kindern. Dann meine jüngste Schwester Gloria.« Er schaute finster auf seinen Teller mit Meeresfrüchten.

»Was macht sie?«

»Wenn ich das wüsste. Sie ist in Paris.«

»Immer noch? Warum ist sie nicht weggegangen, bevor der Krieg ausbrach?«

»Der Krieg hat dort zwei Jahre früher als hier angefangen, müssen Sie bedenken. Sie hat einen Franzosen aus dem niederen Adel geheiratet, und sie ist Modejournalistin. Ihr Metier, das sind die neuesten Kreationen der französischen Couturiers. Ich glaube, sie kam gar nicht auf den Gedanken, dass der Krieg Auswirkungen auf ihr Leben haben könnte. Und ich weiß nicht, ob er es tatsächlich hat.« Er rieb sich die Nase, als müsste er sie blankpolieren, und runzelte leicht die Stirn.

»Hat sie Kinder?«

»Nein, vereinbarungsgemäß nicht. Er ist ein ganzes Stück älter und hat Kinder aus einer früheren Ehe, die erbberechtigt sind.«

»Wenn er reich und adelig ist, muss er doch in der Lage sein, sie zu schützen, meinen Sie nicht?«

»Das hoffe ich. Es ist hart, nichts zu hören. Wir haben immer alle miteinander in Verbindung gestanden. Ich werde im September für die Hohen Feiertage nach Pittsburgh fahren, zu meiner Mutter. Gloria ist immer alle zwei Jahre herübergekommen, und ich habe sie in Paris besucht.« Er neigte den Kopf und schenkte von dem herben Rotwein nach. »Wie ist Ihre Familie? Stehen Sie sich nahe?«

Im Laufe der Mahlzeit bekam sie das Gefühl, dass Oscar schon andere Frauen hierher gebracht hatte und dass ein Teil des persönlicheren Tons dieses Abends nicht Berechnung oder Absicht von seiner Seite war, sondern einfach die Beibehaltung eines bereits bestehenden und angenehmen Musters. Sie musste innerlich schmunzeln. Genau wie sie war er es wahrscheinlich gewohnt, am Tisch irgendwelchen Liebsten gegenüberzusitzen, so dass beide die gewohnte Innigkeit auch an diesen Tisch mitbrachten. Dennoch wurde ihr die Zeit nicht lang wie so oft, wenn Männer über sich selbst redeten, denn ihre Neugier war von den Monaten unpersönlicher, aber tatkräftiger Zusammenarbeit gewetzt worden.

Sie erzählte ihm gerne von Ready, von Roger, von ihrem Hintergrund, der für ihn so exotisch war wie der seine für sie. Er kam aus einer Familie, die offenbar mit wenig Geld hatte auskommen müssen, in der aber seine Ausbildung an erster Stelle gestanden hatte. Vielleicht waren die mittleren Kinder ein wenig geopfert worden, oder vielleicht hatte ihnen einfach seine Begabung oder sein Ehrgeiz gefehlt. Dann, bei Gloria, waren die Zeiten einfacher gewesen und die anderen untergebracht, so dass alles nur Mögliche für sie erübrigt wurde und sie, die Schönheit, sich aufmachte, um die Welt zu erobern.

Doch die Verbindung aller untereinander, Zahnarztfrau, Reinigungsbesitzer, Akademiker und Dame von Welt, schien zu halten, unter lebhafter gegenseitiger Anteilnahme. Sie fing aus dieser Familie den würzigen Duft heftiger Gefühle auf, von verwickelten Hasslieben und Gebrüll und tränenreichen nächtlichen Telefonaten. Dennoch schien sich Oscar seiner Rangstellung ganz sicher zu sein, der Älteste, der Liebste, der ferne Mittelpunkt. Seine Mutter lebte noch und spielte eine Rolle in seinem Leben. Sein Vater war vor drei Jahren an einem Herzanfall gestorben. Seine Mutter, die offenbar die Familienschönheit besaß, erwog, wieder zu heiraten, und alle Geschwister bis auf die abgeschnittene Gloria intrigierten leidenschaftlich, um die Heirat mit einem Witwer zu fördern oder zu verhindern.

Er sprach gerade von seiner geschiedenen Frau, aber anders, als es Männer gewöhnlich taten. »Louise ist sehr stark, sehr intelligent, sehr begabt. Man sollte sie nicht nach diesen abstrusen Geschichten beurteilen, die sie am laufenden Band produziert. Sie hat einen blitzgescheiten Kopf und keinerlei Hemmungen, ihn zu benutzen. Sie ist sehr politisch und denkt sehr progressiv.«

Wenn sie weniger Wein getrunken und sich ihm gegenüber nicht immer noch im Ungleichgewicht gefühlt hätte, wenn sie weniger unter der immer noch wirksamen und daher unbedingt zu bekämpfenden Professor-und-Studentin-, Chef-und-Assistentin-Dynamik gestanden hätte, vielleicht wäre sie dann weniger spitz in ihren Fragen gewesen. »Wenn Sie Ihre geschiedene Frau so bewundern, wie Sie sagen, warum sind Sie dann nicht mehr verheiratet?«

»Schwer zu sagen. Die Scheidung war nicht meine Idee.« Oscar rieb sich wieder die Nase. »Ja, ich habe eine Zeitlang mit einer anderen gelebt, aber das war nichts, um deswegen solch einen Aufstand zu machen.«

Abra lachte. »Ich bezweifle, dass das die Sichtweise Ihrer Frau war.«

»War es auch nicht.« Oscar seufzte. »Ich verstehe nicht, warum Frauen unbedeutende Abenteuer so furchtbar schwer nehmen. Ich hatte die feste Absicht zurückzukehren.«

Abra hätte jetzt gern beteuert, dass sie keine Treue erwartete, doch schließlich war noch gar nichts zwischen ihnen vorgefallen. So behalf sie sich damit zu sagen: »Ich glaube, die Ehe und das Heim sind für viele Frauen wesentlich wichtiger als für mich zum Beispiel. Viele jüngere Frauen haben eine unabhängigere Haltung und weniger starre Erwartungen.«

»Ich hätte erkennen müssen, wie wichtig Louise das war. Sie ist ohne solche Sicherheit aufgewachsen, und als die bedroht war, wollte sie mich einfach abtrennen.« Oscar schüttelte den Kopf. »Ich muss meine Tochter Kay öfter sehen. Ich habe mich völlig von Arbeit zudecken lassen. Falls wir bald nach Washington gehen, besteht umso mehr Grund, mir Zeit für sie zu nehmen.«

Während sie ihren Kuchen aßen und einen spanischen Weinbrand tranken, behielt Abra deutlich das Gefühl, dass sie auf dem Wege waren, persönlicher zu werden. Liebende oder Freunde? Abra vermochte nicht einmal einzuschätzen, ob auf dem wimmelnden Feld seines Lebens Raum für eine Affäre mit ihr war. Sie wäre bequem einzufügen, zumindest das sprach dafür. Sie überlegte, ob sie es war, die den ersten Schritt tun musste.

Immer stärker beschlich sie das Gefühl, sich in ein Geschwader, einen Pulk, einen Schwarm von Beziehungen zu zwängen. Anders als die meisten Männer ihrer Bekanntschaft, bei denen Familien nur als Hintergrund oder als Quelle möglicher Einmischung vorkamen, schien Oscar eine ganze Heerschar von Menschen im Schlepptau zu haben, mit denen er immer noch ständige Beziehungen unterhielt; und sie hatte das beklemmende Gefühl, noch nicht einmal die Hälfte seines Lebens zu überblicken. Ihn zum Liebhaber zu nehmen mutete an, als ließe sie sich nicht auf ihr übliches diskretes zweisames Treiben ein, sondern auf eine ganze Sippe. Seine Arbeit mochte geheim sein, aber seine Beziehungen schienen ganz offen dazuliegen, im vollen Sonnenlicht gegenseitiger Beachtung und allgemeinen Gerangels. Seine Frau, seine Tochter, seine Mutter, seine Schwestern und sein Bruder, seine früheren Geliebten, seine Freunde, alle schienen Abra anzuschauen und auf die nächsten Entwicklungen zu lauern. Vielleicht war sie betrunken, aber sie spürte fast körperlich den heißen Blick vieler dunkler Augen auf dem Gespräch ruhen.

Naomi 3
Der Rachen schließt sich

Leib ging Naomi nicht aus dem Sinn, und sie hatte deswegen ein nicht ganz reines Gewissen. Da sie ihn viel toller fand als Murray, konnte sie sich nicht vorstellen, warum Ruthie Murray vorzog. In ihrer Phantasie kam Trudi ganz plötzlich um, ohne Schmerzen, und Leib ging mit ihr auf und davon. Naomi war nicht an den Jungen in ihrer Klasse interessiert, die manchmal auf ihr herumhackten und sie hänselten und Lieder sangen, dass französische Mädchen Schlüpfer aus Seidenpapier trugen und anderen unanständigen Quatsch. Sie war jetzt das drittgrößte Mädchen in der Klasse, das größte weiße Mädchen.

Den Schulweg ging sie mit Sandy Rosenthal, aber ihre eigentliche, geheime Freundin war Clotilde. Schwarze und weiße Mädchen durften nicht befreundet sein, deshalb verbargen sie ihr Geheimnis vor Lehrern und Kindern gleichermaßen. Beide achteten darauf, Momente zu erwischen, wo sie miteinander Französisch sprechen konnten, wo sie teilen konnten, wie fremdartig sie das Leben hier fanden, die Schule, die Stadt, das Essen, das Wetter. In ihren Augen war Clotilde schön, mit der Haut wie Holz und Asche zugleich, den großen, strahlenden graubraunen Augen, den gleichmäßigen, leuchtend weißen Zähnen, dem krauslockigen Haar, das wie Rot und Schwarz zusammen war. Clotilde war zu sanftmütig für Detroit, für die gleichgültigen Grobheiten der Schule mit den Rüpeleien, den Herausforderungen, den Prügeleien auf dem Schulhof, der Subkultur aus schweinischen Witzen und Bandenkriegen und Horrorcomics. Ihr Vater war in einem U-Boot im Pazifik, was sich für beide ziemlich furchterregend anhörte. Da musste er eine Art Diener abgeben, aber nachts auf dem Turm Wache stehen, weil, erklärte Clotilde verächtlich, die Marine meinte, Neger könnten im Dunkeln besser sehen als Weiße.

Manchmal hatte Naomi das Gefühl, in Detroit in einen heftigen, seit Generationen andauernden Familienkrach zwischen den Farbigen und den Weißen geraten zu sein, nur dass die streitenden Parteien einander nicht einmal deutlich wahrnahmen und dass die Weißen alle Macht hatten, wie die Nazis in Frankreich. Sie hatten die Polizei, die Verwaltung, die Schulen, die Krankenhäuser, einfach alles. Naomi konnte sich ausrechnen, wer den Kürzeren zog, ohne ihre Beobachtungsgabe anzustrengen.

Als die Sommerferien kamen, freute sie sich mehr darauf als je zuvor, denn die Schule war eine Prüfung, die nie aufhörte. Aber dann merkte sie nur allzu rasch, dass ihre Ferien keine waren, denn die Tagesstätte ging sommers weiter wie winters. Außerdem versorgten jetzt Tante Rose und Sharon auf gleichem Raum mehr Kinder als vorher. Naomi wurde einkaufen geschickt, ein schwieriges Unterfangen durch die roten Marken und die blauen Marken und welche Marken diese Woche gültig waren und welche benutzt werden mussten, bevor sie verfielen.

Sharon sagte, was für ein Glück Naomi hatte, so früh alles über Babys zu lernen, denn sie selbst hatte vorn nicht von hinten unterscheiden können, als sie Marilyn bekam. Nun konnte Naomi bald einem Mann eine gute Frau werden, denn sie wusste bereits, wie sie ihre eigenen Babys nähren, baden, halten und anziehen musste. Sharon sagte, das war viel wichtiger als alles, was Naomi auf der Schule lernte, und hier bekam sie die richtige Erziehung.

Naomi widersprach nicht laut, aber sie fühlte sich nicht beglückt. Sie fühlte sich eingeklemmt. An den Spätnachmittagen entfloh sie, um an einer der Ecken Völkerball oder Brennball zu spielen. Jungen und Mädchen spielten bis Einbruch der Dunkelheit. Eines Abends versuchte Brillen-Rosovsky, sie zu küssen, als sie alle auf den Verandastufen des Hauses saßen, in dem Brille wohnte, und sie trat ihn vors Schienbein. Hinterher tat es ihr leid, dass sie mit dem Tritt nicht bis nach dem Kuss gewartet hatte, um herauszufinden, wie das war, aber sehr leid tat es ihr nicht.

Naomis Haar war so kraus wie eh und je. Sie überredete Ruthie, es ihr für den Sommer kurz zu schneiden. Tante Rose bekam einen Anfall, als sie sah, was Ruthie getan hatte, aber Naomi gefiel ihr neuer Haarschnitt. Tante Rose sagte, sie sähe aus wie ein Pudel. Naomi sagte, Pudel seien französisch und das sei sie auch. Tante Rose sagte, sie werde so frech und vorlaut wie amerikanische Mädchen, und wo sei das liebe kleine Mädchen geblieben, das zu ihnen gekommen war?

Naomis Brüste wuchsen. Die Brustwarzen juckten. Sie fühlte sich reizbar, und ihr war langweilig und heiß. Sandy wollte ein taubenblaues Kostüm und ein Taftkleid, wenn der Krieg vorbei war. Sharon wollte einen elektrischen Kühlschrank. Naomi wollte einundzwanzig, mit der Schule fertig und woanders sein. Wenn sie daran dachte, wie lange es noch dauerte, bis sie groß genug war, um irgendwas auf eigene Faust zu tun, fühlte sie sich im Voraus erschöpft. Es dauerte einfach zu lange, groß zu werden, es lohnte kaum das Warten. Am meisten freute sie sich auf die Tage, wenn der Eismann mit seinem Pferdekarren kam und sie sich ein Stück Eis zum Lutschen erbetteln konnte. Es war so heiß, dass Boston Blackie den ganzen Tag nur unter der blauen Hortensie im Hof schlafen wollte.

Vielleicht wurde sie mal Sekretärin wie Ruthie. Ruthie arbeitete nicht mehr in dem Kaufhaus, sondern sie hatte eine Stellung beim Wohnungsamt von Detroit. Für kürzere Arbeitszeit bekam sie mehr Geld. Rose sagte, Sekretärin sei genauso gut wie Sozialarbeiterin, aber Ruthie war nicht der Meinung und fuhr immer noch vier Abende die Woche zur Wayne.

Ruthie erklärte, dass sie nicht als richtige Sekretärin arbeitete, sondern im Schreibsaal für die Stenotypistinnen. Als Jüdin hatte sie Glück, solch eine Stellung zu finden, in einem Büro, aber es war nicht das, was sie wirklich wollte, und sie hatte nicht vor, auf Dauer dabeizubleiben, vertraute sie Naomi an. Ihrer Mutter erzählte sie das nur ein einziges Mal, denn Rose ging an die Decke, wenn sie so was hörte. Rose bekam es mit der Angst, wenn sie meinte, eins ihrer Kinder wollte etwas, was es nicht haben konnte, aber Ruthie sagte, dass Rose sich mit zu wenig zufrieden gab, weil sie nicht begriff, wie die Welt sich veränderte. »Für Leute wie uns kann alles nur noch schlechter werden oder besser.«

In letzter Zeit dachte Naomi viel über Geld nach. Als kleines Mädchen war es für sie selbstverständlich, dass ihre Eltern arbeiteten. Sie waren nicht reich, sie waren Arbeiter wie alle im Viertel, aber sie aßen gutes Essen, das Maman nach der Arbeit kochte, und alle Mädchen halfen, und sonntags fuhren sie aufs Land oder sie gingen ins Kino oder in den Jardin des Plantes oder das Musée de l’Homme. Jedes Jahr machten sie im August richtige Ferien und verließen für vierzehn Tage Paris.

Als Papa in den Krieg musste, war ihre Familie ärmer geworden. Seitdem hier der Krieg angefangen hatte, ging es ihnen besser. Tante Rose und Sharon verdienten Geld, Ruthie hatte eine bessere Stellung, Arty stand am Fließband im Fisher-Karosseriewerk, und Onkel Morris machte viele Überstunden. Das Auto war endlich abbezahlt. Die Miete war zweimal erhöht worden, aber jetzt mit der Mietpreisbindung blieb sie stabil.

Sie sparten und steckten das Geld in Kriegsanleihen. Ruthie gab Naomi jede Woche einen Vierteldollar, damit sie dafür in der Schule Verteidigungsmarken kaufen konnte, aber Naomi tat es oft nicht. Sie wusste, wie das Papiergeld, das die Regierung ausgab, sich über Nacht in simples Papier verwandelte, und sie brachte es nicht fertig, ihre Vierteldollarmünzen auf diese Marken zu verschwenden, mit denen man nicht mal einen Brief frankieren konnte. Ihrem Gefühl nach begriffen die amerikanischen Verwandten einfach nicht, dass man an Münzgeld festhalten musste. Sie hatte ein Versteck unter einer morschen Diele in dem Zimmer, das sie mit Ruthie teilte. Dort versteckte sie ihre Vierteldollars, zumindest bis feststand, ob die Regierung stürzen würde. Regierungen taten das oft.

Wenn sie Leute sagen hörte, wie schlimm Hamsterer waren, lastete ihr Hamsterschatz aus Ruthies Vierteldollars auf ihrem Gewissen. Aber wenn all das Geld, das Tante Rose und Onkel Morris in Papieranleihen verwandelten, futsch war, dann konnte sie alle retten. Silber und Gold waren echt. Tante Batya hatte Polen mit ein wenig im Mantelsaum eingenähtem Gold verlassen, und davon hatten die Balabans nach Frankreich kommen und von vorn anfangen können.

Wenigstens hatte Ruthie jetzt mehr Zeit für sie, denn Ruthie hatte aufgehört, mit Männern auszugehen. Manchmal ging Naomi mit Trudi ins Kino und manchmal mit ihrer ganzen Familie oder mit Sharon (Arty hatte Spätschicht und konnte nicht mit) und manchmal mit Ruthie allein. Kleine Restaurants und Geschäfte machten zu, aber die Kinos waren rund um die Uhr geöffnet und immer voll. Sie sahen Alan Ladd in Die Narbenhand, Greer Garson in Mrs. Miniver und Bob Hope in Geliebte Spionin. Sie saßen Abenteuer in Panama, Saboteure und Der Dollarregen aus, alle paar Tage zwei oder drei Spielfilme hintereinander.

Jeden Abend hörten sie Radio und lasen Zeitung, sogar Naomi, deren Englisch sich so weit verbessert hatte, dass sie die Zeitungen ebenso gut las wie Onkel Morris. Ihr Lieblingsfach war Geografie, was Teil von Gesellschaftskunde war. Sie liebte es, die Namen aus dem Radio und den Zeitungen auf Karten im Atlas zu finden und die Bewegungen der Armeen in Ägypten, Neuguinea und der Sowjetunion nachzuvollziehen, obwohl es stets darauf hinauslief, dass die Achsenmächte vorrückten. Immer mehr musste auf den Karten schwarz schraffiert werden.

Tante Rose hielt sie dazu an, im Haus und auf dem Hof den Sommer über barfuß zu laufen, denn Schuhe waren rationiert. Ihre Fußsohlen wurden so hart, dass sie vor Brille und Sandy prahlte, sie könne über Glasscherben gehen, ohne sich zu schneiden, also zertrümmerten die eine Limoflasche. Naomi wollte eigentlich nicht, aber sie setzte den Fuß auf die Scherben und humpelte darüber, und sie hatte recht, der Fuß blutete nicht. Sie gewann ein Zehncentstück von Sandy und eins von Brille, aber dann musste sie ihnen für die Hälfte des Geldes Eistüten kaufen.

Alvin drehte einen Hydranten auf, und alle rannten durchs Wasser und spritzten im Rinnstein, bis die Polizei kam. Trudi sagte, sie könnten zu ihrem Haus kommen und unterm Gartenschlauch durchlaufen. Trudis Eltern wohnten im Erdgeschoss eines Zweifamilienhauses, und ihr Vater sprengte gern den Rasen. Naomi bekam von Ruthie einen neuen Badeanzug, leuchtend grün mit rückenfreiem Oberteil und einem süßen Röckchen. Sie versuchte sich einig zu werden, ob sie darin sexy aussah. Sandy redete andauernd davon, was sexy war und was nicht. Ihr anderes Wort war ›traumhaft‹. Sandy redete zu viel von Jungens, aber weil sie so nah wohnte, konnte Naomi sogar mit ihr spielen, wenn sie auf die Tagesstättenbälger aufpassen musste.

Sandy hatte honigblondes Haar, ungewöhnlich unter den Juden ihres Viertels. Im Gesicht wirkte sie knochig, die Nase habichtartig, der Kiefer ein wenig vorspringend, aber Sandy bildete sich etwas auf ihr Haar ein und tat, als wäre sie hübsch, und alle andern machten das mit. Sandy musste auf ihren rotznasigen kleinen Bruder Roy aufpassen, noch ein Band zwischen ihnen.

Sandy redete sich ein, der Hof zwischen den beiden Häusern sei was Besonderes. Ihr Paps hatte eine große Kabeltrommel aus Holz mitgebracht, die sie als Tisch benutzten, mit Holzkisten vom Kaufmann als Stühlen. Manchmal hatten Sandy oder sie Geld für eine Limo, aber meistens nicht. Da bei beiden Familien Zucker stets knapp war, behalfen sie sich mit kaltem Wasser und einer Scheibe Zitrone und spielten, das seien Cocktails, während Sandy ihr die Texte von »Chattanooga Choo Choo«, »Praise the Lord and Pass the Ammunition«, »Blues in the Night« und »Jingle Jangle Jingle« beibrachte. Teenager – so nannte Sandy das – Teenager zu sein schien eine Menge Arbeit. Man erwartete von ihr, dass sie über die Red Wings Bescheid wusste, die Hockey spielten, und über die Tigers, die Baseball spielten, und dass sie die Namen der Spieler kannte, sogar derjenigen Spieler, die schon eingezogen worden waren, und das, obwohl sie noch nie ein Baseball- oder ein Hockeyspiel gesehen hatte.

Am Abend saßen sie, nachdem es zum Spielen zu dunkel geworden war, auf den Verandastufen des Eckhauses, und Alvin ließ eine Zigarette rumgehen. Er mopste immer Chesterfields aus der Handtasche seiner Mutter. Naomi konnte schon daran ziehen, ohne zu husten. Ihr wurde schwindlig, aber das ließ sie sich nicht anmerken. Der Sommer war auch deshalb besser als der Winter, weil nach der Schule die Kinder sie eher in ihren Kreis aufnahmen, den Kreis der jüdischen Kinder ihres Alters aus den umliegenden vier Blocks. Es war, als zählte im Sommer alles nicht so stark, und alles wurde leichter genommen. Außerdem lernte sie auch. Wenn sie ihr eine Fluppe reichten oder schweinische Witze erzählten, dann reagierte sie nicht mehr mit Empörung, dann sagte sie nicht mehr, dass Tante Rose ihr so was verboten hatte. Sie machte einfach mit und hielt den Mund.

»Das wird unser Abschlussjahr«, sagte Sandy im gleichen Ton, in dem sie sonst sagte, Jungs seien traumhaft.

»Na und?«, sagte Naomi.

»Dann machen wir eine Abschlussfahrt nach Bob Lo. Es gibt ein Fest, und wir schreiben uns gegenseitig in unsere Autogrammbücher. Es gibt auch Tanz.«

Brille lachte. »Und die Mädchen müssen sich ihre eigenen Festkleider nähen, ha-ha, mein lieber Mann, wirst du blöd aussehen.«

»Bäh«, sagte Naomi. »Wenn ihr eure Anzüge nähen müsstet, was würdet ihr erst mal doof aussehen! Wisst ihr was, ich ziehe eine Einkaufstüte an. Die male ich rot an.«

»Frenchy, in einer Einkaufstüte siehst du bestimmt schnafte aus«, sagte Alvin.

»Die Laffen hier schmeißen neuerdings mit Sprüchen um sich«, sagte Sandy mit saurer Grimasse. »Die meinen, die sind richtige Casanovas.«

Aber schon fünf Minuten später jagten sie einander mit geschlossenen Augen um die große Ulme und spielten Blindekuh. Es machte Spaß, im Dunkeln herumzustolpern, aber Brille kniff sie hart in den Po. Als sie aufschrie, tat er, als wüsste er nicht, was war. »Ich hatte die Augen zu«, sagte er grinsend. »Woher soll ich wissen, was ich da gemacht habe?« Ihre Pobacke tat immer noch weh, und sie fand es unanständig, dass er sie da berührt hatte.

Am nächsten Tag gingen Alvin und Brille mit fünf anderen Jungen auf dem Weg zum Ballspielen vorbei und sagten nicht mal hallo. Sie taten, als sähen sie Sandy und Naomi nicht. Ich weiß nicht genau, ob es wirklich einen G-tt gibt, dachte Naomi, und obwohl es Sünde ist, das zu denken, und obwohl jetzt, wo ich eine Frau bin, alles zählt, denke ich trotzdem, das Leben könnte besser eingerichtet sein, ganz zu schweigen von Kriegen und Nazis. Wenn ich zu bestimmen hätte, dann müssten Kinder nicht dieses ganze Großwerden durchmachen. Bei mir würden alle Menschen groß geboren werden und das alles überspringen, dieses Warten und diese ganzen Umstände und dass man immer das Falsche tut und sagt.

Sie überlegte, ob es auch so schwer wäre, wenn sie zu Hause bei ihrer Familie wäre. Hier war sie in der Fremde und ohne ihre Zwillingsschwester. Sie würde nicht so schmollen und bocken und nach Sachen treten, wenn sie Rivka immer bei sich hätte, die wusste, was sie wusste, und sah, was sie sah, und sie ergänzte. Sie wäre nicht so unglücklich, wenn sie mit Rivka zusammen wäre, wie es eigentlich sein sollte.

Die Nacht war heiß und stickig. Detroit war wie ein weiter, niedriger, schlecht belüfteter Schrank voller Maschinen. Sie hatte eine Prüsche auf dem Po. Wie konnte er so was Gemeines machen, und warum? Jungs waren rätselhaft und doof, aber Mädchen gaben sich nun mal mit ihnen ab, also musste sie es auch.

Immer, wenn sie Ruthie was über Jungs fragte, redete die von Liebe, Liebe, Liebe. Sie liebte Ruthie, sie liebte Rivka und Maman und Papa. Sie liebte sogar Jacqueline. Aber die Vorstellung, Brille oder Alvin zu lieben, war ein unkomischer Witz, wie sich in einen Lastwagen zu verknallen. Mädchen redeten davon, in Tyrone Power verliebt zu sein oder in Alan Ladd. Sandy konnte sich nicht zwischen Harry James und Frank Sinatra entscheiden. So geschwärmt hatte Jacqueline wenigstens nicht. Vielleicht hatte sie ihre ältere Schwester nicht genug zu schätzen gewusst. Auf die unmittelbar vor ihr liegenden Jahre, wenn sie, wie Sandy immer sagte, in die Highschool kamen und richtig mit Jungs gingen, blickte sie angesichts solcher Aussichten mit argwöhnischem Abscheu.

Schließlich schlief sie ein, in ihrem von der Hitze und vom Schweiß verkrunkelten Bett. Obwohl die Wachen das Gebäude Vélodrome d’Hiver nannten, war es nicht Winter, sondern Sommer und heiß. Sie verbrannte vor Durst. Ihre Kehle war ausgetrocknet, ihre Zunge voller Blasen. Sie wunderte sich, wie die schreienden Babys das aushielten. Heute Morgen war eins gestorben, das kleine Mädchen mit den großen grauen Augen. Die junge Mutter hielt das Baby immer noch, wie eine schmutzige, schlaffe Lumpenpuppe, der Kopf baumelte.

Rivka spürte immer wieder Brechreiz, weil alle so stanken. Sogar die Erwachsenen rochen wie Babys, die sich vollgemacht hatten. Zu tausenden und abertausenden waren sie zusammengepfercht, in der Arena, auf den Tribünen oder auf der Rennbahn unter der blauen Glasdecke wie eine Verhöhnung des Himmels, die die Hitze und den Gestank hinunterdrückte. Die Wachen, Franzosen wie sie, aber plötzlich tückisch, brüllten sie andauernd an. Es war wie in einer Schule, wo grausame Schulmeister sie bestraften, aber die Erwachsenen wurden genauso bestraft wie die Kinder.

Sie hatten Hunger und Durst und lagen in ihrem eigenen Schmutz, so zusammengezwängt, dass alle aneinanderlehnten. Es war so laut und so überfüllt, dass sie es wie einen einzigen, in allen gemeinsam bohrenden Kopfschmerz empfand. Ein kleiner Junge, dessen Mutter vor zwei Nächten gestorben war, schloss sich an sie und Maman an. Er weinte jetzt nicht mehr viel. Er fühlte sich unter ihren Fingerspitzen feuerheiß an. Seine Wimpern hatten seine Augen zugeklebt, und er lag auf ihren Füßen mit dem Kopf in Mamans Schoß. Sein Name war Jules. Seinen Zunamen wusste er nicht. Er wusste auch nicht, wie alt er war, aber Maman hatte, als sie noch sprechen konnte, gesagt, er war wohl zwischen drei und vier. Sie selbst war Naomi-Rivka, beide zugleich, auch ihre Kehle brannte zu sehr vor Durst, um zu sprechen, zu weinen oder Maman zu fragen, wann es aufhören würde. Die Luft selbst war nur noch Schmutz, und sie spürte ihren Körper zerfallen wie verschimmelnden Käse …

Sie erwachte in ihrem dunklen, heißen Zimmer und hörte Ruthie im Bett unter ihr im Schlaf seufzen. Boston Blackie lag auf ihren Füßen und schnarchte leise. Sie fühlte sich von Angst zerschunden. Sie fühlte sich, als blutete sie Angst ins Bettzeug. Es war nur ein Albtraum. Aber das glaubte sie nicht. Das glaubte sie ganz und gar nicht.

Louise 3
Nachmittagssonne

Der Sand versengte Louise die Fußsohlen, als sie mit Claude zwischen Zwergblaubeeren und Hartgras über eine niedrige Düne zum Strand ging, wo Badende sich schon einen Pfad durch den Stacheldraht gebahnt hatten. Die Wellen bäumten sich auf, um schneidig anzurollen, obwohl der Wind nur noch eine sanfte Brise war. Ein Sturm war unlängst aufs Meer hinausgezogen, hinter den fernen Horizont wie der Krieg, hatte Seetang angespült, vereinzelte verbogene Metallstücke, Geschosshülsen und in der Nacht zuvor eine Leiche, so hatte Louise im Dorf gehört, als sie zum Einkaufen hingeradelt waren. Louise hatte seit Jahren auf keinem Fahrrad mehr gesessen, aber nach einer schlimmen Nacht mit schmerzenden Waden, über die sie sich nicht beklagte, hatten ihre spannkräftigen Muskeln sich erinnert und wieder darauf eingestellt.

Claudes drahtiger Körper in gestreiften Badehosen war für sie eine Neuheit, immer noch ein wenig erschreckend. Er war dünner als Oscar, leichter gebaut, und bewegte sich mit einer nervösen Behändigkeit und Schnelligkeit. Sie ertappte sich dabei, wie sie ihn wieder einmal mit Oscar verglich, und verzog angewidert das Gesicht. Hörte sie denn nie damit auf? Seit sie mit ihm in diese Ferienwoche gefahren war, überfiel sie immer wieder das Befremdende an dieser Nähe zu einem Mann, der nicht ihr geschiedener Mann war. Hundert kleine Gewohnheiten und Gebräuche waren ihr neu und überraschend, dass er einen Schlafanzug trug, dass er in Französisch sang, wenn er etwas Handwerkliches tat wie den Blaufisch ausnehmen. Sie hatten ihn von einem Fischer bekommen, mit dem sie beim Betrachten der Boote im Hafen ins Gespräch gekommen waren.

Als sie nach dem Baden Seite an Seite lagen und das Salzwasser auf der Haut trocknen ließen, schwiegen beide. Sie lag auf dem Bauch und hatte sich gegen die Sonne den Strohhut in den Nacken geschoben. Sie war dankbar, eine Woche außerhalb von New York zuzubringen. Kay war fort und arbeitete als Betreuerin in einem fortschrittlichen Ferienlager. Normalerweise wäre Kay ein Jahr zu jung dafür gewesen, aber dem Lager fehlten Betreuer, da die Jungen an die Wehrpflicht verloren waren. Louise empfand mehr Erleichterung als Schmerz, zwei Monate von Kay getrennt zu sein. Sie hatten sich ziemlich oft gestritten. Kay gabelte nach wie vor Soldaten auf und behauptete, alle ihre Freundinnen täten das. Louise hatte ihr das Taschengeld gestrichen, ihr Szenen gemacht, ihr gut zugeredet, Familienfreunde eingeschaltet, darauf bestanden, sie von der Schule abzuholen, sie eine ganze Woche lang nicht aus dem Haus gelassen, aber Kay war genauso dickköpfig wie sie. Louise hatte Kay den Einsatz als Betreuerin besorgt, um sie vor Schwierigkeiten zu bewahren.

Sie sog den salzigen, fast rauchigen Moschusduft ihres Arms ein. Er roch wie eine essbare Köstlichkeit. Sie musste an Kays Haar denken, wenn sie in der Sonne gespielt hatte, als sie schließlich genug Geld hatten, um gelegentlich Urlaub zu machen. Sie erinnerte sich an Ferien in Montauk Point, wo es billige Fischerhütten gab. Der Salzgeschmack des Ozeans war etwas, das als Erster Oscar ihr geschenkt hatte. Sie trödelten immer zu dritt den Strand entlang und suchten nach Strandgut, hoben Muscheln und Steine auf, zerknallten die prallen Kapseln von Blasentang. Sie hatte es genossen, Brooklyn zu entkommen. In einem klümpigen Doppelbett zu liegen und die Wellen hereinrauschen zu hören war erotisch und anheimelnd zugleich gewesen.

Claude regte sich und seufzte. Er lag auf dem Rücken und schirmte mit einer Hand seine blassblauen Aquamarinaugen ab. Plötzlich drehte er sich um. »Ich weiß nicht, warum, aber ich dachte gerade an St. Malo. C’est en Bretagne. Warst du je dort?«

»Ich bin leider noch nie in der Bretagne gewesen.«

»Ich verbrachte oft den August in einem kleinen Steinhaus am Strand. Da gibt es Sand und Marschland wie hier, aber auch Granit. Die Knochen des Landes.«

Obwohl er ich sagte, spürte sie deutlich, dass seine Gedanken auch bei seiner Familie in Frankreich waren, bei der Frau und den zwei Kindern. Mehr wusste sie darüber nicht, nur, dass seine Frau nicht bei ihm war und dass er sich selbst als alleinstehend beschrieb.

Er setzte sich auf. Er schien entschlossen, an der Gegenwart festzuhalten, und fuhr ihr mit der Hand zärtlich über den Rücken. »Du sagtest aber doch, du warst in Frankreich? In Paris, ja?«

»Viermal. Die Schwester meines geschiedenen Mannes lebt dort. Vielleicht kennst du sie?«

»Paris ist eine große Stadt, kein Dorf, Lulu.«

Warum gaben Männer ihr immer Kosenamen? Sie hatte Oscar nie Schatzi oder Scheißerle oder Ossie genannt. Sie redete Claude mit Claude an. Aber jeder Mann, mit dem sie sich je eingelassen hatte, erfand einen Namen für sie, als brächte sie das in seinen Besitz. »Eure Wege hätten sich ja zufällig kreuzen können.«

»Wie heißt sie?«, fragte er ohne Interesse und schlug nach einem Sandfloh.

»Sie schreibt unter dem Namen Gloria Ivoire, aber das ist nur ihr Pseudonym für Modeartikel. Sie berichtet für Harper’s Bazaar und McCall’s über die Pariser Modeschöpfer. Sie lebt unter dem Namen ihres Mannes als die Baronne de Montseurrat, Gloria Barthoise.«

Er lachte, ein scharfes Geräusch überraschter Freude. »Ich habe sogar mit ihr diniert. Weitaus schöner als die Mannequins, über die sie schreibt, aber verheiratet mit einem Mann von lähmender Langeweile. Er hält sich Rennpferde – und sieht ihnen ähnlich.« Claude lächelte, wach, ganz anders fasziniert, als er sich sonst zeigte, obgleich er wie Oscar ein Mann war, den – zumindest kurz – fast alles interessieren konnte. »Ich staune, dass du Gloria kennst. Ich kannte sie schon ein halbes Jahr, als ich erfuhr, dass sie Amerikanerin ist. Sie spricht fast akzentfrei. Eine Frau von beneidenswertem Stil und vielleicht noch beneidenswerterem Verstand. Aber du sagtest, dein geschiedener Mann kommt aus Pittsburgh?«

»Gloria auch«, sagte Louise und setzte sich auf.

»Gloria Neige Noire, so nannten wir sie. Also so etwas.« Er lächelte wieder, aalte sich im Sand und im Klatsch der Hautevolee. Es war, als häutete er sich aus seinen amerikanischen Jahren und als ermöglichte sie ihm, über die Menschen zu reden, die ihm im wirklichen Leben etwas bedeutet hatten. »Sie hatte einen leicht skandalösen Ruf, der ihr bis zu ihrer Heirat anhaftete. Eine Abenteurerin mit entsprechenden Liebhabern. Aber dann – nichts mehr. Die Rechtschaffenheit in Person. Die Langeweile der Treue. Eine plötzliche Kälte.«

Louise lächelte höflich, dachte aber auch über die Formulierung nach, die Langeweile der Treue. Sie hatte Treue nie langweilig gefunden. Sie hatte sie Oscar uneingeschränkt entgegengebracht und vergeblich zurückerwartet. Wenn Oscar die Formulierung gebraucht hätte, hätte sie sofort Streit begonnen, aber hier kam das für sie offenbar nicht in Frage. Sie musste noch viel über Claude lernen.

»Wie hast du sie überhaupt kennengelernt?«

»Wir begegneten uns im Haus eines Produzenten, als ich Geldgeber für La Tête du Bonhomme suchte. Außerdem gehe ich gern zu den Rennen in Longchamp. Die Menschenmengen beobachte ich noch lieber als die Pferde. Kleine Wetten machen und leidenschaftlich Anteil nehmen, wenn ein Klepper gewinnt oder verliert, Champagner trinken und die schönsten und elegantesten Frauen von Paris beobachten. Hier gibt es nichts Vergleichbares. Gar nichts.« Er sah müde aus.

Sie hatte für einen Augenblick das Gefühl, sie seien ein seltsam ungleiches Paar. Louise konnte sich nicht für die Rennen in Longchamp erwärmen, und was fing jemand, der die schönsten und elegantesten Frauen von Paris verehrte, mit ihr an?

Er sah stirnrunzelnd auf. »Aber Gloria Ivoire ist doch bestimmt nicht jüdisch?«

»Aber ja. Ihr Mann natürlich nicht. Sie steht in engem Kontakt mit ihrer Familie. Beziehungsweise tat sie es bis Dezember einundvierzig. Seither haben wir nichts mehr von ihr gehört. Ich weiß, Oscar macht sich große Sorgen.«

»Ich denke, sie ist einigermaßen sicher. Die Nazis und die französische Rechte sind zwar hinter den Juden her, aber sie ist gut geschützt, verheiratet mit diesem Nichts aus untadeliger Familie. Wir konnten ihm übrigens nie Geld entlocken.«

»Ich vermute auch, sie ist sicher, aber es wäre beruhigend, es zu wissen. Ich habe keine Ahnung, wie Gloria darauf reagiert, in einem besetzten Land zu leben. Sie hat einen eisernen Willen und verabscheut es, irgendetwas auf Befehl zu tun.«

»Ich könnte es für dich herausfinden«, sagte er beiläufig. »Wenn du es wirklich wissen möchtest.«

»Doch, ja.« Sie nahm das Angebot nicht ernst. Er gab sicher an, ging davon aus, dass sie es vergessen würde.

Am Abend fand er einen Grill in dem Schuppen neben dem Haus und beschloss, den geschenkten Blaufisch zu grillen. Das war seine Vorstellung vom einfachen Leben: im wohlausgestatteten Haus eines Freundes mit Haushaltshilfen im Hintergrund zu Gast sein und einen Fisch über offenem Feuer grillen. Eine frische Brise peitschte herüber vom marschigen Meeresarm am Fuße des Hügels, auf dem das Haus stand, ein graues, verwittertes Doppelhaus im Cape-Cod-Stil mit vielen kleinen Zimmern im Obergeschoss, die alle ineinander übergingen. Rund um den Rasen aus Fingergras, auf dem Claude seine Feuerstelle errichtet hatte, blühten in Rosa und Kirschrot Rosa rugosa, die wilden Strandrosen mit den übergroßen Hagebutten.

Das Haus gehörte einem Schauspieler, der es nur im August benutzte, ein Mann, der für gewöhnlich barsche Landärzte spielte oder verrückte alte Wissenschaftler und abgeklärte alte Anwälte. Das Haus war schön gelegen und solide gebaut, mit breitdieligen Fußböden aus dem achtzehnten Jahrhundert und einem Rundkamin, aber die Zimmer waren klein, und es gab keinen verbindenden Korridor. Badezimmer waren nachträglich eingeflickt worden, unter anderem in einer alten Gebärkammer. Um eins davon aufzusuchen, musste sie durch andere Schlafzimmer gehen, erträglich, solange sie nur zu zweit waren, aber unvorstellbar für sie, wenn das Haus mit Kindern und Erwachsenen voll belegt war.

Zum Haus gehörte ein ortsansässiger Schreiner, der das Wasser und den Strom anstellte, wann immer ein entsprechendes Telegramm kam, der Feuerholz stapelte und Kaputtgegangenes reparierte, ferner eine Witwe, die kochte. Heute war ihr freier Abend. Für Louise war das eine neue Lebensweise, aber eine, an die sie sich leicht gewöhnen konnte. Claude, der noch nie da gewesen war, steckte voller Anekdoten über das Haus, das Städtchen und jetzt den Fisch, den er bereitete.

»Blaufische sind Tiger«, verkündete er. »Sie geraten in einen Fresstaumel, wo sie ihre Beute bis an Land treiben. Sie beißen sogar einem Schwimmer einen gehörigen Happen aus.«

Ich lerne etwas über mich und über ihn, dachte Louise. Sie entdeckte Ähnlichkeiten zwischen Oscar und Claude, ebenso wie Unterschiede. Sie schien heftig von Männern angezogen, die sich bemüßigt fühlten, alle, die ihnen über den Weg liefen, mit ihrem Charme zu bestricken, wohingegen sie eine Person war, die eher zurückhaltend auftrat. Weder im Bus noch auf dem Postamt fing sie Gespräche an. Doch Oscar tat das. Und Claude ebenfalls. Beide gabelten Wildfremde auf und krempelten sie um wie Taschen voll seltsamem Krimskrams. Wenn sie ins Restaurant gingen, war es beiden ein Anliegen, dass der Kellner oder die Kellnerin sie mochte. Louise war es ein Anliegen, dass ihr Kellner oder ihre Kellnerin anständig bezahlt wurde, gut bediente und außerhalb des Restaurants ein glückliches und erfülltes Leben führte, aber es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, sich zu fragen, ob dieser Mensch sie mochte oder nicht, oder ihn gewogen zu stimmen.

In vieler Hinsicht waren die beiden verschieden, ermahnte sie sich rasch, denn gelegentlich überkam sie die Angst, dass sie versuchte, etwas zu wiederholen, was unwiederholbar war. Oscar war ein Intellektueller. Er träumte in Ideen. Für einen Intellektuellen war er ein ungewöhnlich körperlicher und sinnlicher Mann, aber er liebte es zu argumentieren, zu erkunden, seine Ideen an Fakten und anderen Theorien zu messen, um festzustellen, wie sie unter Herausforderung klangen.

Claude nahm das Licht auf dem verwitterten Holz wahr, die Schräge der Deckenbalken über den breiten Fußbodenbrettern, die Art, wie der Schreiner, der sich um das Haus kümmerte, vornehmlich sein rechtes Bein belastete, wenn er bergauf oder bergab ging. Claude liebte Klatsch und Histörchen und Spekulationen, warum jemand etwas getan oder nicht getan hatte. Wenn ihm etwas fremd war oder er sich ein Verhalten nicht erklären konnte, wie zum Beispiel das der Schwalben, die auf sie zuschossen, wenn sie hinten um den alten Schuppen gingen, und die durch die dämmerige Abendluft flitzten, dann erfand er Geschichten darüber. Die Schwalben, sagte er, waren die Geister von Menschen, die zu beschäftigt gewesen waren, um das Leben zu genießen, die sich inmitten tausender zu erledigender Dinge nie eine Woche freigenommen hatten und mit einer oder einem schönen Geliebten durchgebrannt waren, und so hatte Venus sie im nächsten Leben damit bestraft, ziellos und immer in schrecklicher Eile hin und her fliegen zu müssen. Oscar dagegen hätte ein Buch über Schwalben gelesen und dann ihr Verhalten genau studiert.

»Eigentlich fangen sie, glaube ich, Insekten.« Louise saß auf der Bank und verfolgte seine Bemühungen. Sie tranken Weißwein, den er mitgebracht hatte. Mitten im Krieg hatte Claude immer Wein.

»Genau. Kann es eine größere Strafe geben, als das nächste Leben damit zuzubringen, Moskitos, Fliegen und Mücken zu essen? Würde dir das gefallen? Nein? Dann musst du immer bereit sein, dein Leben zu unterbrechen, wenn Venus dich ruft. Sonst rächt sie sich.«

Louise hatte starke Zweifel, dass Claude der erfolgreiche Regisseur geworden war, weil er andauernd seine Projekte hingeworfen hatte und mit einer Geliebten durchgebrannt war, aber sie hatte auch Zweifel, dass er für solche Unterbrechungen je weiter gehen musste als in ein günstig gelegenes, ja benachbartes Schlafzimmer. Die Hitzewelle verlangsamte alles in New York, er hatte ein wenig Zeit, und er hatte die letzte Woche in New York verbracht und musste die nächste in Washington verbringen. Sie bezweifelte nicht, dass er sie sehen wollte, aber sie erkannte auch, dass der Zeitpunkt nicht von Leidenschaft diktiert war, sondern von günstiger Gelegenheit. Sie musste einen kühlen Kopf bewahren. Nicht mehr wollen, als er von sich aus anbot, genießen, was möglich war, und sich im selben Moment abwenden, wenn er es tat, oder, im günstigsten Fall, kurz vor ihm loslassen.

Mit jeder Begegnung fand sie ihn attraktiver, seine Augen aus Aquamarin wie die Ohrringe, die sie einmal geschenkt bekommen hatte, weil Aquamarin ihr Monatsstein war, seinen agilen, drahtigen Körper, den Tennis und sein eigener Energiepegel in Form hielten trotz der Mengen von gutem Essen und Wein. Eine weitere Ähnlichkeit, warnte sie sich: beide gute Esser, voll Appetit und Abenteuerlust, knurrig, wenn sie nicht genügend und prompt gefüttert wurden. Wenn er die Gefahr sah, eine Mahlzeit zu versäumen, konnte Oscar einen Koller bekommen, den andere Männer sich für Untreue aufhoben.

Claudes Brauen verliefen völlig gerade ohne jede Wölbung, nicht buschig auf den Brauenwülsten, sondern dünne braune Striche wie mit einem eiligen Bleistift gezogen. Sein Mund war voll, die Oberlippe beherrschte die untere. Er rasierte sich täglich, doch sein Körper war wenig behaart, ein paar feine Kupferdrähte unter den Armen und kraus um den Ansatz seines kurzen, stämmigen Penis. Seine Haut bräunte zu einem dunklen Goldton. In der Sonne funkelten Messingglanzlichter in seinem dunkelbraunen Haar. Sie hatte begonnen, jenes Schmelzen zwischen den Hüftknochen zu spüren, wenn sie ihn ansah. Ihr Körper hatte Lust, ihm schweifwedelnd hinterherzutrotten und ihm die feuchte Nase in die Hand zu legen. Ihr Körper war wohlig zufrieden und ließ es an Würde vermissen.

Er schlief gern morgens mit ihr und dann wieder, wenn sie vom Strand zurückkamen. Er redete dabei, bis zu dem Punkt, wenn er in sie eindrang, was einiger Gewöhnung bedurfte. Er pries ihre Brüste und Hüften, gab ihr Kosenamen, sagte ihr, was er gleich mit ihr tun würde, sagte ihr, was sie gleich mit ihm tun würde. Er sprach Französisch und Englisch und gelegentlich eine Sprache, nach der sie ihn schließlich fragte, Rumänisch. Er redete nicht mit ihr, sondern mit sich selbst, entschied sie, er erregte sich damit, bewies sich, was er tat, machte es mit seinem fortlaufenden Kommentar intensiver.

»Voici, le petit bouton rose, comme il se gonfle. Jetzt wirst du mich gleich um meinen Mann anflehen, und er wird hart zwischen deine kleinen Lippen stoßen.«

Sie schlief gerne mit ihm, blendete meistens einfach aus, was er sagte, als sei es eine Geräuschkulisse oder musikalische Untermalung. Sie konnte sich nicht plötzlich in eine Frau verwandeln, die über den Beischlaf redete, während sie ihn vollzog. Ihre paar Versuche, es ihm gleichzutun, hatten sie nur in Verlegenheit gebracht. Sie sah keinen Grund, warum sie nicht schweigen und ihm überlassen sollte, sie beide in einen Tümpel sexueller und halbsexueller Worte zu tauchen. Er mochte es nicht, wenn sie ihn bestieg, sondern zog die Missionarsstellung vor oder das Eindringen von hinten. Er knurrte, er stöhnte, er biss in ihre Schultern. Er hatte mehrere verschiedene Rhythmen. Ihr Körper öffnete sich weit für ihn und nahm ihn tief in sich auf, verflüssigte sich, wurde sorglos und glühend reif.

Im Bett redete Oscar nicht viel, also hatte vielleicht er ihre Schweigsamkeit verursacht, oder vielleicht war sie ihr angeboren. Nie hatte Oscar ihr im Bett den Namen einer anderen Frau gegeben. Doch eine der Frühwarnungen, dass er etwas mit einer anderen hatte, war, wenn er anfing, kleine neue Dinge zu tun. Plötzlich fuhr er ihr mit der Zunge in den Mundwinkel, rieb ihr mit kreisenden Bewegungen den Bauch. Diese neuen Finessen waren durchaus genussreich, aber sie jagten ihr auch kalte Schauder über den Rücken, denn sie lernte sich zu fragen: Wo hat er sich das abgeguckt? Es war großzügig von ihm, jeden Genuss, der ihm widerfuhr, zu ihr heimzutragen, aber ihr wäre lieber gewesen, er hätte stattdessen ein Handbuch über sexuelle Praktiken oder einen Pornoschmöker gelesen.

Wann würde sie aufhören zu erinnern, zu vergleichen, Geste um Geste? Doch sie merkte, dass auch Claude regelmäßig in seine Gedanken und seine Vergangenheit entschwand. Schließlich, dachte sie, sind wir nicht mehr unschuldig, nicht mehr zwanzig. Uns beide hat ein erfülltes und arbeitsreiches und liebevolles Leben geformt, warum also überrascht sein, dass wir diese Vergangenheit beide nicht völlig abgeschüttelt haben?

In schweigender Übereinkunft vermieden sie, über den Krieg zu reden. Nach dem Abendessen hörten sie sich aus innerem Zwang die Nachrichten an. Dann ging Claude allein spazieren und Louise räumte das Haus auf, während die Witwe abwusch. Die Engländer hielten El Alamein gegen Rommel, aber wie lange noch? Deutsche Streitkräfte ergossen sich über Russland in Richtung der Ölfelder im Süden. Die Japaner hatten Britisch-Neuguinea überfallen und erobert. Alle möglichen scheußlichen Gerüchte schwirrten umher über das, was die Deutschen im besetzten Polen taten, wo sie Berichten zufolge Millionen Juden einsperrten, zusammen mit Zigeunern, der katholischen Linken, Kommunisten, Sozialisten, Homosexuellen und Widerständlern. Millionen Menschen entwurzelt und fortgeschafft, nur mit dem, was sie tragen konnten, wahrscheinlich in die primitiven Zustände von Arbeitslagern, wo Krankheiten und Unterernährung herrschten. Dennoch, die schlimmsten Gerüchte hörten sich an wie die Gräuelpropaganda über deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg, die angeblich Babys mit dem Bajonett aufgespießt hatten. Alle standen den Horrorgeschichten skeptisch gegenüber, niemand wollte sich zum Narren halten lassen wie die Öffentlichkeit in jenem Krieg, der allen Kriegen ein Ende hatte machen sollen.

Erst im Zug nach New York sprachen sie über den Krieg. »Wenn die Sowjetunion sie nicht aufhält, dann niemand«, sagte Claude. »Die Amerikaner sind völlig unvorbereitet, und die Engländer scheinen verlernt zu haben, wie man zu Lande siegt. Wenn Hitler erst mal die kaukasischen Ölfelder eingenommen hat, wird er doppelt so stark sein.« Während sie durch Connecticut fuhren, fragte er: »Was macht dein geschiedener Mann jetzt? Ist er beim Militär oder unterrichtet er noch?«

»Er ist bei Donovans neu eingerichtetem Amt OSS. Das ist –« Claude setzte sich auf, alle Nerven hellwach wie neulich, als sie ihm Gloria beschrieben hatte. »Welche Abteilung?«

»Ich weiß nur, dass er Nachforschungen anstellt. Unter deutschen Emigranten.«

»R & A wahrscheinlich.« Er griff nach der Times, sein Interesse war verflogen.

Louise spürte einen kleinen Nerv in ihrem Hals ein Signal zucken. Sie schaute ihn von der Seite an, stellte aber keine Fragen. Nicht, dass sie ihn auch nur für einen Moment verdächtigte, denn Claude war Jude und würde sich deshalb nicht plötzlich als Nazispion entpuppen, aber sie spürte die gleiche Undurchsichtigkeit wie neulich bei Oscar in dem spanischen Restaurant. Irgendwo in diesem leichten Erschauern des Nervensystems stak eine Geschichte, dachte Louise: die gute Ehefrau, die weit mehr weiß, als sie sollte, und weit mehr sieht und sich alles zusammenreimt wie ein erstklassiger Detektiv, aber – in der Sprachregelung der Frauenzeitschriften – so klug ist, dass ihr eigener Mann weiterhin glaubt, sie sei naiv und akzeptiere seine Tarngeschichten. Sie machte sich ein paar Notizen auf dem Rand ihrer Zeitschrift.

Als sie in ihre New Yorker Wohnung kam – stickig, reichlich staubig, groß und leer, Kay fort im Lager und Mrs. Shaunessy auf Urlaub bei einer ihrer verheirateten Töchter –, durchlitt Louise mehrere Augenblicke überwältigender Traurigkeit, eine endlose Prärie der Einsamkeit, von der vergangenen Woche nur noch verstärkt. Ihr Körper war erwacht und heulte jetzt schon in der leeren Wohnung wie ein angebundener und verlassener Hund. Sie wollte Claude wiederhaben. Sie wollte ihn bei sich haben. Sie hatte gerade begonnen, ihn kennenzulernen. Sie fühlte sich, als habe sie sich die ganze Woche lang vergeblich angestrengt, sich gegen das zu schützen, was unvermeidlich war. Sie war im Begriff, sich zu verlieben, in seine kraftvolle, nervöse Anmut, sein schrulliges Liebesspiel, seine anekdotische Denkweise, die ein wenig wie ihre eigene war, und sie fürchtete sich vor der möglichen Erkenntnis, dass für ihn die Affäre nichts war als ein Histörchen.

Sie konnte sich nicht einmal überwinden, sich auf ihre Post zu stürzen, von Blanche in Türme sortiert, Türme, die hundert Ansuchen darstellten, zweihundert Pflichten und null Liebe, null Freude. Auf dem einen lagen zuoberst die Vorgaben, an denen sie mit ihrer Gruppe in der Zeitschriftenabteilung des OWI, des Amtes für Kriegsinformation gearbeitet hatte, die Kriegsrichtlinien für Prosaschriftsteller. Sie legten die Propagandaziele fest und auch die Themen, die die Regierung betont wissen wollte, und sollten alle drei Monate aktualisiert werden. Sie gingen an die Chefredakteure von mehreren hundert Zeitschriften und an über tausend freie Schriftsteller. Louise hatte zwar die Hoffnung, dass all diese Propaganda etwas Gutes ausrichtete, doch im Augenblick lag ihr das alles recht fern. Sie nahm ein Bad, wusch sich die Haare, kochte sich eine Kanne Kaffee und setzte sich daran, eine Geschichte zu schreiben, die das Geld für die Miete bringen würde, eine Geschichte über die kluge Ehefrau, die den Mund hielt. Draußen waren die Straßen der Stadt so düster wie ihre Stimmung, alle Neonreklamen abgeschaltet, die Straßenbeleuchtung nur auf Viertelleistung. Also warum nicht arbeiten?

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
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ISBN:
9783867548724
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