Kitabı oku: «Schulzeit – eine Zeit schöner Erlebnisse?!»
Margot Wilke
SCHULZEIT – EINE ZEIT
SCHÖNER ERLEBNISSE?!
Erinnerungen einer betagten Lehrerin und ihrer Schüler
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
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Vorwort
Wer liest oder hört sie nicht gern? Die Lausbubengeschichten. Aber selbst erlebt und ausgeheckt, bringen sie noch größere Freude. Und wo geschah es? Natürlich in der Schule.
Treffen sich ehemalige Schulfreunde, geht es los. „Weißt du noch?“
„Kennst du noch?“
„Erinnerst du dich?“
Und dann wird erzählt, gelacht und sich diebisch gefreut, was an Unfug und Dummheiten veranstaltet wurde, wie die Lehrer als beliebte Ziele hereingelegt wurden. Vergessen die manchmal mühselig, unangenehme Lernarbeit. Pauken, Büffeln, Lernen oder Flüche auf die Schule sind nicht mehr wie einst der Mittelpunkt. Streiche oder „wie man die Lehrer in die Pfanne gehauen hat“ lösen jetzt Lachsalven aus. In der Erinnerung wird die Schule ein Ort mit fröhlich pulsierendem Leben. So sollte es auch sein. Lernbegeisterung durch Freude und Fröhlichkeit.
Aber empfindet das auch ein Lehrer?
Das hängt von seinem Verhalten, seiner Begeisterung und seinem Lehrerdasein ab. Eines muss er sich sagen: Lehrer ist kein Beruf, sondern Berufung. Wenn er das erkennt, wird er viel Freude erleben und der Ausspruch „Lehrer werden ist nicht schwer, Lehrer sein dagegen sehr“ wird für ihn keinerlei Bedeutung haben.
Aber wenn ein Lehramtsanwärter diesen oben genannten Ausspruch liest, wird er wohl empört reagieren. Von wegen Lehrer werden ist nicht schwer. Er paukt, büffelt, lernt und schwitzt beim Studium.
Aber nach fünf Jahren, wenn er die Höhen und Tiefen des Lehrerdaseins erfahren hat, wird er zur Erkenntnis kommen, dass das Studium leichter und unbeschwerter war.
Jetzt aber steht er als Student zum ersten Mal vor der Klasse – für ihn eine Prüfungssituation. Zwanzig Augenpaare beobachten erbarmungslos jedes Wort, jede Bewegung und registrieren jede Unsicherheit. Seine Knie sind weich, die Hände schwitzen, im Kopf nur ein Gedanke: „Keinen Fehler machen!“ Der unangenehmste Begleiter ist die Angst.
Vor ihm liegt die Stundenvorbereitung. Sie soll ihm Hilfe sein, die Stunde Punkt für Punkt abzuarbeiten, im Grunde ein legaler Spickzettel.
Nach einer Zeit, wenn er länger im Dienst ist, wird diese Angststunde vergessen sein. Aber auch vergessen, wenn seine Schüler schwitzend über einer Arbeit sitzen und sich illegaler Spickzettel bedienen. Und wehe, wenn einer erwischt wird! Erbarmungslos folgt die Strafe. Vergessen, dass auch er Schüler war und auch er derartige Rettungsanker benutzte.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Spickzettel
Verzweiflungsausbrüche
Entschuldigungen
Der Mutsprung
Kein Anglerlatein
Neue Schule – neuer Schulweg.
Fußballfieber
Übung macht den Meister
Lieschen-Müller-Roman
Latschi
Niesmarathon
Schnecken und Käse
Johann Wolfgang von Goethe „Gefunden“
„Bedecke deinen Himmel Zeus“
„Faust“
1000 Wörter
Eine peinliche Frage
Wir sind blond
Singe, wem Gesang gegeben
Blau ist nicht nur der Himmel
Frühstückchen
Kaugummiepidemie
Man kann sich doch mal irren
Die Kirschtorte
Wer bringt denn nun das Baby?
Popelprobe
Eingegipst
„Wir waren in zusammengewürfeltes Sammelsurium“
Hunger tut weh
Das Rechtschreibe-Ass
Der Generalfeldmarschall
Die hat gesessen
Kettenreaktion
Christines Aufsatz
Karin, übernimm!
Mathe-Olympiade
Zelten vor 55 Jahren
Lagerfeuer
Ich will keine Eier aus der Steinzeit
Ein gewagtes Unterfangen
Der Taucher – nicht von Schiller
Der Gangster im Lager
Ungarn ist eine Reise wert
Eine ungewöhnliche Bahnfahrt
Höhlenkonzert
Eine besondere Halskette
Wanderung im Regen
Besitznahme des Türmchens
Messe der Meister von Morgen
April! April!
Wandernachthemden
Papa! Papa! Hilf mir!
Wie spät ist es?
Abschied nehmen
Das sind wir jetzt nach 30 Jahren
Das waren wir
„Nur wer die Sehsucht kennt, weiß was ich leide“
Ab nach dem Westen
Lachkrämpfe
Rostbrätel gegen Meistertitel
S 51
Erwischt
Wann klingelt es denn endlich?
Opfer eines Verzweiflungsausbruches
Die merkt das doch nicht
Ich schwöre, ich habe sie eingeschlossen!
Verpennt!
Himmelblau ist auch eine schöne Farbe
Wo seid ihr geblieben?
Der Stuhl
„Sag mir, wo die Blumen blühen“
Aufstieg zur Leuchtenburg
Suppe mit großen Brocken
Darf ich bitten!
Frau Wilke und ihre Zählkunststücke
Stellungnahme von Frau Wilke zum Leningrader Stadtbummel
So waren sie
Ina löst ein Problem
Kein Bock auf die erste Stunde
Deutsche Sprache – schwere Sprache
Tue dir was Gutes im Unterricht
Gewusst wie
Smogalarm
Der erste Kuss?
Vergraben, aber nicht vergessen
Discofieber
Fußbad
Der Schutt brennt
Ob Knoblauch hilft?
Hospitationen und Pünktlichkeit
Unterricht von einst
Rette sich, wer kann
Feiern muss man nicht erst lernen
Weiße Mäuse
Eingewickelt wie ein Paket
Schocktherapie
Ein verhasster Elternbesuch
Dümmer als die Polizei erlaubt
Westbesuch
Wollen muss nicht immer erfolgreich sein
Verflixtes Kopfkino
Mein Schrank
Spickzettel
Überlegt man, wie Spickzettel entstehen, muss man doch sagen, dass die Anfertigung gewisse Kenntnisse und Fähigkeiten erfordern. Im Wörterbuch weist „spicken“, im Synonymwörterbuch auf „bestechen“ hin und dort wiederum auf „eine Belastung bis zum Ende aushalten“. Belastung könnte auch als Schwerstarbeit ausgelegt werden. Da kann man schon ins Schwitzen kommen. Es wird aber auch auf „abschreiben oder unerlaubt von einem anderen übernehmen“ hingewiesen. Also muss doch der Spickzettelbenutzer so eine Art Mutprobe bestehen.
Ein Stichpunkt sollte so sein, dass er Gedankenfolgen auslöst. Das ist Lernarbeit und es erfordert gewisse Fertigkeiten, wie man nach Stichpunkten arbeitet. Man lernt und im Grunde genommen kann man den Lehrstoff, fühlt sich aber im Besitz der kleinen Zettel sicherer.
Es erfordert Phantasie und Nachdenken, wie der Helfer in der Not so angebracht wird, dass man nicht erwischt wird. Vielleicht löst beides, benutzen und verstecken, bei diesem oder jenem einen Adrenalinkick aus.
Und nebenbei gesagt, wenn ein leistungsschwacher Schüler dieses Hilfsmittel anwendet, warum soll ein Lehrer nicht einmal großzügig sein und diesem schwitzenden, angsterfüllten Prüfling ein Erfolgserlebnis gönnen?
Jetzt wird sich so manch ein Schüler die Hände reiben: „Oh, fein! Eine Anleitung für Spickzettel! Das probiere ich aus!“
Vorsicht! Auch ein Lehrer ist nicht ohne Möglichkeit. Wenn er hinter der Klasse steht und nur Schülerrücken sieht, wird es gefährlich. Dem kriminalistischen Lehrerauge entgehen nicht die kleinsten Bewegungen oder unauffälligsten Regungen, die nicht zur Kontrollarbeit gehören. Und Angst im Rücken macht unsicher. Der Erfolg für den Lehrer ist garantiert.
Heute würde ich es nicht riskieren und das Spicken unterlassen. Lieber eine ehrliche Fünf als einen bestrafte Sechs.
Diese beliebte Schülertätigkeit machte mich neugierig, auch deshalb, weil manch einer behauptet, er hätte nie Spickzettel angefertigt. Wer das glaubt?
Nach Schulabschluss sagte ich zu einem Einser-Schüler: „Ich glaube, dass du deine Leistungen auch ohne solche Hilfsmittel erreicht hättest!“ Die Antwort: „Da wäre ich ja blöd gewesen. Sie glauben falsch, ich kenne alle Tricks!“
Wie war nun meine Spickzettelzeit? Wie die meiner Schüler? Vergleiche ich, so muss ich feststellen, dass sich die Anfertigung nicht geändert hat, aber sie waren phantasieloser, fast primitiv versteckt. Kleine Zettel in der Federtasche oder in den Unterlagen, auf die Bank geschrieben oder auf das Lineal, mit Sicherheitsnadeln in der Jacke befestigt, mehr nicht. Es kann natürlich auch sein, dass meine Lehrer solche Aktionen nicht kannten, denn wir wurden nie erwischt. Aber ich muss gestehen, Spickzettel waren bei den Arbeiten auch meine treuen Begleiter.
In meiner langjährigen Lehrertätigkeit konnte ich feststellen, dass sich Spickzettel der schulischen und technischen Entwicklung anpassen. Die altbewährten Methoden der Eltern werden zwar noch angewandt, aber neue waren auf dem Vormarsch, mussten aber erst ergründet werden. Und Vorsicht! Schüler sind erfinderisch!
Meine Schüler suchten während der Kontrollarbeiten sehr häufig die Toiletten auf und bewiesen beim Verstecken ihrer Nothelfer eine reiche Phantasie. Es ergaben sich drei Möglichkeiten der Hilfestellung:
Beim Gang zur Toilette wurde dem Hilfebedürftigen unauffällig ein vorbereiteter Zweitzettel zugesteckt.
Im Schulflur boten die zahlreichen Grünpflanzen und Blumentöpfe hinreichend Gelegenheit, diverse Lösungen unterzubringen.
In der Toilette wurden genügend Möglichkeiten des Versteckens gefunden, hinter dem Spiegel, am Spülkasten usw.
Auch boten die Etikettierungen der Trinkflaschen so ihre Möglichkeiten. Winzig klein geschrieben und ein Adlerauge halfen bei der Klassenarbeit. Spürte man die Nähe des Lehrers, wurde zur Flasche gegriffen und getrunken. So wurde das verdeckt, was der Lehrer nicht sehen sollte.
Als dann die Kugelschreiber aufkamen, wurden auch diese bei Kontrollen eingesetzt, aber nicht immer zum Schreiben.
Mit Argusaugen beobachtete ich meine Schüler. Da fiel mir auf, dass Kulis durch die Klasse flogen, mit der Begründung von den angeblich vergessenen Schreibmitteln. Ich half aus und kassierte einige dieser Corpus delicti ein. Während der Aufsicht spielte und drehte ich an einem der Stifte, ohne eine bestimmte Absicht zu verfolgen. Plötzlich hielt ich die Teile in der Hand: Zwei Hülsen, eine Feder, eine Mine und ... einen Spickzettel.
Eine weitere Möglichkeit war, den Spicker auf die Innenfläche der Hand zu schreiben. So auch eine Schülerin. Nur dachte sie nicht daran und gab mir die Hand zur Begrüßung. Ich ließ sie die Arbeit schreiben und kontrollierte dann die Hand, aber nicht auf Sauberkeit. Der Handspickzettel wies Fehler auf und somit auch die Arbeit. Erkenntnis: Auch die Anfertigung erfordert die nötigen Kenntnisse. Ein Spickzettel kann übrigens auch den Hunger stillen. Ein ehemaliger Schüler verriet mir nach Jahrzehnten, dass er vor lauter Angst den Spickzettel in den Mund steckte, kaute und verschluckte. In der Not isst man Spickzettel auch ohne Brot. Die elterliche Strafe war so einprägend, dass er, wie er mir versicherte, nie wieder eine derartige Schummelei beging.
Nach Abschluss einer zehnten Klasse sollten mir die Schüler doch einmal ihre Tricks verraten. Und das taten sie mit Freude, denn sie hatten ja mit dieser Möglichkeit die Lehrer hereingelegt. Übrigens, ihre Tricks waren mir alle bekannt, bis auf einen. Ganz einfach herzustellen und jedes Mal mit einem Erfolgserlebnis. Ein mit den wichtigsten Hinweisen beschriebener Bierdeckel wird mit einer Reißzwecke locker unter der Bank befestigt. Naht ein Lehrer, wird der Deckel mit dem Oberkörper wieder unter die Bank geschoben.
Es hat den Anschein, als würde es Spickzettelerfinder geben.
Eine Möglichkeit soll aber noch genannt werden, eine leere Heftseite.
Ein nicht gerade fleißiger, mittelmäßig begabter Schüler der 10. Klasse sollte seinen Hausaufsatz vorlesen. Flüssig, ohne zu stocken, las er vor. Ein toller Aufsatz! Zu gut! Das machte mich stutzig und rief Erinnerungen hervor. Ich wollte ihn sehen. „Nee, das ist geschmiert, das können sie nicht lesen.“ Ich bestand darauf und sah ihn an, denn ich hielt die leere Heftseite in der Hand. Er wiederum sah mich jetzt verdattert an: „Wie haben sie das denn so schnell rausbekommen?“
„Der Aufsatz war zu gut und außerdem, bin ich auch einmal in die Schule gegangen. Übrigens: Wenn dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis tanzen.“ Ich konnte ihm doch nicht sagen, dass ich bereits in der 7. Klasse mit dieser Art der Aufgabenbewältigung sowie mit diesem Sprichwort meine Erfahrungen gesammelt hatte.
Allerdings kam ich auch meinen Schülern entgegen und gestattete ihnen einen im Unterricht gelernten Satz mit dem Gebrauch von „das und dass und den sich daraus ergebenen Kommaregeln“ als Spickzettel zu benutzen. Diesen durften sie als ständigen Begleiter in der Federtasche haben und jederzeit, außer beim Diktat, beäugen. Der jahrelange Gebrauch festigte ihre Kenntnisse und die späteren Abschlussarbeiten (ohne Benutzung) bestätigten den Erfolg eines vom Lehrer gestatteten Spickzettel.
Nun wird so manch einer sich ärgerlich äußern, dies wäre eine Anleitung für den Gebrauch illegaler Hilfsmittel. Da kann ich beruhigt sagen, dass die Schüler mehr von diesen Hilfsmöglichkeiten kennen, als der Lehrer glaubt. Das erfahren sie schon von den Eltern und Großeltern, wenn diese aus ihrer Schulzeit erzählen.
Die altbewährten Methoden der Eltern werden zwar noch angewandt, wurden weiterentwickelt, aber noch raffiniertere Methoden sind auf dem Vormarsch, die auch der modernen Technik entsprechen.
Schüler sind erfinderisch und Lehrer, die in die heutige Zeit hineingewachsen sind, werden die neuen Spickzettelmöglichkeiten ergründen.
Diese und auch viele andere Probleme, die auf ihn zukommen, werden der Inhalt seiner Lehrertätigkeit sein. Ein Lehrer sollte aber nie vergessen, dass er selbst einmal Schüler war. Denn nur dann kann er sich in die Gedankenwelt und Handlungen seiner Zöglinge hineinversetzen und sie verstehen.
Im Schulalltag muss er sich bewähren und dieser sollte kontinuierlich und durch Regelmäßigkeit bestimmt sein.
Doch trotz dieser Regelmäßigkeit und Pflichtbewusstsein bieten viele kleine, heitere Momente eine Aufhellung des Schulalltags. Der Lehrer muss sie nur finden und nutzen.
Aber hier soll noch nicht von Unterrichtsstunden die Rede sein, sondern von Schülererinnerungen, die immer wieder zum Schmunzeln und Lachen verführen, nämlich die
Verzweiflungsausbrüche
ihrer Lehrer und wie sie es geschafft haben, diese zu skurrilen Aussagen zu verleiten.
Hier einige Bespiele:
- Lehrer mit der Stirn an die Tafel gelehnt und mit beiden Fäusten an diese trommelnd: „Bin ich blöd oder seid ihr es?“ Schülergedanken: Natürlich er!
- „Manche schlafen in der Schule morgens die ersten sechs Stunden.“
- Lehrer vor dem Lehrertisch stehend und in die Hände klatschend: „Würdet ihr ein bisschen mitarbeiten? Bitte, bitte, bitte! Nur ein bisschen!“
- Zum Schüler: „Ich glaube, dein Fassungsvermögen ist 0 hoch 0.“
- „Manche von euch haben so ein geringes Fassungsvermögen, dass sie gar nichts mitbekommen.“
- „Manche schlafen in der Schule und erwachen erst, wenn sie nach Hause gehen.“
- Zwei Verliebte geben sich während der Stunde einen Kuss. Lehrer fragt: „Was macht ihr da?“ (Es war wohl eine dumme Frage!) Ein Schüler antwortet: „Die bereiten sich auf Gruppensex vor!“
- Lehrer trägt eine längere Zeit einen Unterrichtsstoff vor. Die Schüler reagieren nicht. Er: „Ich habe keine Lust, allein weiter zu schwatzen!“
- Ein Schüler hat eine Brille ohne Gläser auf. Lehrerin: „Du setzt sofort die Brille ab!“ Antwort: „Nee, sie haben ja auch eine auf!“
- „Bei euch ist es mir heute zu affig!“
- „Ich bin noch nicht fertig, ich will noch etwas sagen, habe ich gesagt!“
„Mensch, könnt ihr euch nicht einmal ein paar Minuten benehmen, jedes Mal erst laut werden, wie ein paar Rindviecher!“
„Fritz, du fauler Strunk!“
„Bringt mir eine Palme, ich brauch sofort ´ne Palme, damit ich daran hochklettern kann!“
Draußen ist es eisig kalt, im Klassenzimmer aber miefige Luft. „Dürfen wir das Fenster aufmachen?“
„Erfroren sind schon viele, aber erstunken ist noch keiner. Das Fenster bleibt zu!“
Ein Schüler erzählt: „Wir wollten Hausaufgaben kontrollieren und sie wollten mich drannehmen, haben es dann aber gelassen mit der Bemerkung „Du hast die Hausaufgaben eh von Ina abgeschrieben!“ Glück gehabt, ich hatte gar keine.“
„Ihr habt euch wieder einmal benommen, wie ein Gartenschlauch: hohl, krumm, nass und dreckig!“
Zu einem Schüler, der eine Lügengeschichte glaubhaft zu erzählen versucht: „Denkst du, ich ziehe die Hose mit der Kneifzange an!“
Zu einem großmäuligen Schüler: „Großen Rand, kein Zahn im Maul und La Paloma pfeifen.“
Zu einem Schüler, der hingebungsvoll mit dem Zeigefinger in der Nase bohrt: „Lass dich nicht stören, aber befolge meinen Rat. Nimm den Daumen! Wenn der abbricht, bekommst du mehr Rente!“
Ein Lehrer sollte Humor haben und schlagfertig reagieren. So sind manche unliebsamen Situationen zu überwinden und er erreicht mehr als starre Belehrungen.
Halfen aber ernsthafte oder humorvolle Ermahnungen oder Belehrungen nicht, griff der Lehrer zum Hausaufgabenheft oder zum Klassenbuch.
Durch das Hausaufgabenheft wurden die Eltern über die negativen Aktivitäten ihrer Sprösslinge, wie zum Beispiel vergessene Hausaufgaben, intensives Schwatzen oder Störversuche im Unterricht informiert, aber auch über lobenswertes Verhalten. Doch diese Möglichkeit wurde viel zu wenig genutzt.
Der Eintrag in diesem Heft ergab Ärger, denn die Eltern mussten diese Informationen unterschreiben. Bei negativen Einträgen war somit Ärger vorprogrammiert. Während aber diese Angelegenheit im Familienkreis blieb, waren Mitteilungen im Klassenbuch noch unangenehmer, ja sogar peinlich. Alle Schüler erfuhren es und die nachfolgenden Lehrer waren gewarnt. Wie sahen nun diese Einträge aus? Neben Lob für einzelne Schüler oder Klassen hier die interessantesten Bemerkungen einer Klasse vom 6. bis 10. Schuljahr, von einer Kollegin gesammelt:
Tadel für äußerst undiszipliniertes Verhalten – Tadel, denn trotz Verwarnung weiteres Werfen mit Steinen auf das Dach – Nahm unerlaubt das Experimentiergerät – Fehlt unentschuldigt im Werkunterricht – Stören den Unterricht – Zieht während des Unterrichts das Brett aus der Schulbank – Spritzen mit der Wasserpistole während des Unterrichtes – Stört und blättert in anderen Büchern – Provoziert den Lehrer – Erschienen nicht zum Physikunterricht – Auf der Suche nach den Hausschuhen verschwanden sie – Zerstört den Zeigestock – Weigern sich, nach dem Sitzplan ihren Platz einzunehmen – Erledigt Geografieaufgaben im Mathe-Unterricht.
Als diese Einträge bei einem Klassentreffen vorgelesen wurden, gab es Lachsalven über Lachsalven. Denn auch ohne Namen zu nennen, wusste jeder, wer gemeint war. Unbeteiligte würden es aber nicht erahnen, dass heute diese Männer einmal die Rabauken der Klasse waren. Ein Lehrer sollte durch diese schülerüblichen Vergehen nicht voreilig urteilen, denn erst nach Schulabschluss entwickelt sich die Persönlichkeit.
Zugegeben, manche Einträge waren wohl kleinlich und unnötig. So sahen das auch die Schüler bei einem Schulkameraden, der wegen jeder Kleinigkeit einen Eintrag bekam. Sie nahmen ihm das Hausaufgabenheft weg und trugen nun ihre Einträge ein, wie: Peter bemalt im Klo die Fliesen, watet durch den Schlamm, spielt mit seinem Popel, spielt mit Papierschiffchen in der Pfütze, klettert am Blitzableiter der Turnhalle hoch, lässt sein Ventil immer offen oder schubst eine alte Oma in die Pfütze, um nur einige zu nennen. Dieses Heft machte natürlich die Runde, aber es zeigte auch, dass sich die Schüler auf diese Art von Kleinigkeiten belustigten und allzu schnelle und unnötige Eintragungen lächerlich machten.
Entschuldigungen
Besonders beliebt waren Einträge über die ewigen Zuspätkommer und bei diesen kamen Ausreden und Ausflüchte schnell über die Lippen.
Aber es ist schon frustrierend, wenn Schüler morgens zu spät zum Unterricht erscheinen und verschlafen muffelnd die Entschuldigung zwischen den Zähnen herausquetschen: „Entschuldigen sie, ich habe verschlafen“ oder „Meine Mutter hat mich nicht geweckt.“ Was sollte es denn auch sonst sein? Und das jahraus und jahrein!
Da fällt mir ein Schüler vergangener Jahre ein, der ständig morgens zu spät kam, aber jedes Mal eine andere Entschuldigung hatte. Fehlte er zu Unterrichtsbeginn, war die gesamte Klasse auf seine Ausreden gespannt. So auch eines Morgens. Der Ordnungsschüler meldete, dass er fehle und ergänzte, da er ihn immer abhole, dass niemand gehört und er einige Male geklingelt hätte.
Der Unterricht begann. Nach längerer Zeit wurde langsam und leise die Tür geöffnet und er schob sich langsam mit dem Kopf zuerst, dann schrittchenweise herein. Die Spannung erhöhte sich, was kommt jetzt? „Entschuldigen sie mein zu spätes Kommen, aber ich bin am Fernseher eingeschlafen.“ Unterdrücktes Kichern in der Klasse. „Wieso sitzt du am frühen Morgen schon am Fernsehgerät? Ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Eltern das erlauben?“
„Ich, ich, ich habe die Olympischen Spiele geguckt und die werden doch bis morgens früh gesendet. Meine Mutter hatte mich geweckt, aber danach bin ich doch noch einmal vor dem Fernseher eingeschlafen!“
Was sollte ich dazu noch sagen?
Diese Episode vergangener Tage regte mich zu Folgendem an: Die nächste Schlafmütze gab mir die Gelegenheit. „Tschuldigense, hab verschlafen!“
„Wenn euch nichts Besseres einfällt als abgedroschene Entschuldigungen zu stammeln, trage ich euch in Zukunft in das Klassenbuch ein. Ich akzeptiere nur noch solche Ausreden, die etwas aussagen und vom Sinn her möglich sein könnten.“ Hier nun einige Beispiele von einfallsreichen Schülerphantasien:
„Entschuldigen sie meine Verspätung,
- als ich die Haustür aufschloss, brach der Schlüssel ab.
- ich kam nicht raus, meine Mutter hatte den Schlüssel zur Arbeit mitgenommen.
- ich musste meinen Opa ins Krankenhaus bringen, er war vom Fahrrad gefallen.
- meine Mutter hat aus Versehen meine Schultasche mit zur Arbeit genommen.
- bei uns war ein Rohrbruch und ich kam nicht aus der Haustür heraus.
- meine Mutter hat mich eingeschlossen.
- ich habe meine Lehrbücher nicht gefunden (er brauchte keine, denn es waren Klassensätze vorhanden).
- bei meinem Fahrrad ist der Rahmen durchgebrochen.“
„Deine Mutter hat doch auch eins!“
„Da war der Rahmen auch gebrochen!“
- ein Auto hat mich angefahren und ich musste erst medizinisch versorgt werden.
- unserer Nachbarin ist der kleine Junge aus dem Kinderwagen gefallen. Ich habe ihr erst geholfen.
- bei der Kaufhalle hat ein Lieferwagen die Kohlköpfe verloren. Da kam ich nicht vorbei und musste einen Umweg gehen.
- ich habe keine Unterrichtsbücher mit dabei, ich wusste nicht, dass ich noch am Unterricht teilnehme werde.“ (Die Schülerin hatte einen Arztbesuch und kam zur 6. Stunde)
Ich habe hier nur einige Beispiele genannt.
Mit Beginn des Schulweges mussten die Langschläfer nachdenken und somit war ihre Müdigkeit vergessen. Originell und glaubhaft wollte ich die Entschuldigung haben.
Und das Ergebnis? Wenn einer zu spät kam, wurde die Klasse munter und erwartungsvoll. Durch diese skurrilen Ausreden kam frischer Wind in die mufflige Morgenstimmung und der Unterricht konnte heiter beginnen.
Ich aber konnte nur hoffen, dass das Erfinden der verrückten Ausreden nicht zu Verspätungen animierte.
Es bringt auch Vorteile, wenn sich der Lehrer bei bestimmten Situationen den Schülern einmal anpasst.
Der Schulalltag beginnt mit dem Schulweg. Dieser war für Schüler und Lehrer sehr lang.
Bis 1976 war unsere Schule auf drei Ortsteile aufgeteilt. Der mittlere Ortsteil, zentral gelegen, war für die erste bis vierte Klasse vorbehalten. Die fünfte und sechste Klasse besuchte den 2,5 Kilometer entfernten Ortsteil und die siebente bis zehnte Klasse den 2,5 km entfernten anderen Ortsteil. So legten die Schüler ab fünfter Klasse täglich einen Schulweg von fünf Kilometer zurück, also täglich zehn Kilometer. Dies bei Wind und Wetter, bei Hitze und Kälte, bei Sturm und Regen – jahrein und jahraus. Wen wundert es, wenn zu Schulbeginn in der begehrten Zuckertüte auch eine Regenbekleidung zu finden war. Abgehärtet durch Wind und Wetter waren unsere Kinder immer gesund. Stellten andere Schulen ihren Lehrbetrieb wegen Grippeerkrankungen ein, wir nicht. Allerdings wiederum zum Ärger unserer Kinder, die dadurch nicht in den Genuss zusätzlicher Ferientage kamen. Aber auch die Lehrer, die Fachunterricht erteilten, gingen diesen Weg, allerdings in den Pausen. In zwanzig Minuten mussten sie diesen Weg nicht gehen, sondern hetzen.
Dieser Schulweg war kein gewöhnlicher Schulweg. Er führte zum größten Teil durch eine reizvolle Landschaft. Nicht nur der jahreszeitliche Wechsel war zu erleben und die Pflanzen- und Tierwelt kennen zu lernen. Nein, der kleine Bach, der sich durch die Wiesen schlängelte, bot viele Möglichkeiten für wagehalsige Unternehmen und ließ den Schulstress schnell vergessen.
Meine Gedanken wandern noch einmal diesen Weg. Erinnerungen werden wach.
Nach kurzer Wegstrecke führte der Weg über die Werrabrücke. Das Ufer an den äußeren Brückenpfeilern war damals von einem dichten Erlengebüsch überwuchert. Manch ein Passant wird sich über die zartblauen Nebel gewundert haben, die aus dem Erlengestrüpp aufstiegen. Ein Naturphänomen?
Doch nach kurzer Zeit krochen einige Bengel mit fahlem Gesicht und Bauchschmerzen hervor. Andere kamen nicht so weit. Ihr Mageninhalt war schneller und etliche Büsche wurden wohl gedüngt. Ihre ersten Zigaretten hatten ungeahnte Wirkungen zur Folge.
Von der Brücke biegt ein Weg ab und eine unendlich schöne Landschaft breitet sich aus – die endlosen Wiesen des Werratals und am Horizont der Thüringer Wald.
Jeder Tag ein anderer eindrucksvoller Anblick. Aber blühende Wiesen und die dort lebenden Tiere kümmerten wohl kaum. Eine Baustelle reizte viel mehr. Das versprach Abenteuer pur. Große Geräte und tiefe Löcher lockten mehr als Blumen und Vögel.
Der Mutsprung
Am Wasserwerk wurde gebaggert. Einsam und verlassen stand der Bagger am Wegrand. Niemand in Sicht, Verbotsschilder interessierten nicht, die Absperrung war kein Hindernis.
Die jungen Techniker besichtigten ihn eingehend, kletterten auf das schwere Gerät, begutachteten und fachsimpelten. Jeder wusste mehr und prahlte mit seinem Wissen. Die Neugier war befriedigt. Doch dann entdeckten sie die tief ausgebaggerten Löcher, voll mit gelblich-trüben, lehmigen Wasser. Jetzt erwachte der sportliche Instinkt. Diese Löcher überspringen. Das war es! Die Technik des Anlaufs war aus dem Sportunterricht bekannt. Die Weite wurde abgeschätzt und für möglich befunden. Die gelb-braune Brühe war kein Hindernis. Der Sportlehrer hätte bei diesen Weitsprungversuchen seine wahre Freude gehabt. Einer nach dem anderen schaffte es und die Sprünge wurden immer wagehalsiger. Nur einer stand abseits - der Kleinste der Gruppe. Mit dem Ranzen auf dem Rücken stand er und staunte, wie alle ihre Sprünge bewältigten. Dann bemerkten ihn die anderen. Sie forderten ihn zum Sprung auf. Aber er traute sich nicht und Hänseln war die Folge. Jetzt war er der Mittelpunkt. „Los!“
„Spring doch!“
„Traust dich wohl nicht?“
„Du schaffst es!“
„Memme!“
„Feigling!“ Pausenlos drangen diese Aussagen an sein Ohr. Feigling? Nein, das wollte er nicht sein.
Immer noch den Ranzen auf dem Rücken, nahm er Anlauf. Zögerte! Noch einmal Anlauf! Und wieder ein Zögern, diesmal den Spott im Rücken. Noch einmal Anlauf! Ein Sprung! Er war im Loch verschwunden. Er war komplett verschwunden. Er war weg! Nichts mehr zu sehen! Erstarrt standen die anderen vor Schreck. Dann handelten sie. Mit Mühen, Anstrengungen, Stangen und Brettern gelang es ihnen, den Unglücksraben aus dem Loch zu ziehen. Gemeinsam brachten sie den Lehm-Schlamm-Freund nach Hause. Bevor dieser die Wohnung betrat, wurde er auf dem Hof mit dem Schlauch abgespritzt.
Bereits auf diesem Schulweg konnten also die Schüler ihre technischen und sportlichen Interessen wahrnehmen, wenn möglich auch unter Beweis stellen.
Doch der Weg bot noch weitaus mehr Abenteuer.
Kein Anglerlatein
Eine kurze Wegstrecke floss ein Graben nebenher. Er plätscherte ruhig unter Gestrüpp und wurde kaum beachtet. Dieser Graben floss weit in die Werrawiesen bis er schließlich im Erlensee, heute versumpft, mündete. Er war der Anziehungspunkt für junge Angler. So auch für zwei Bengel, die auf dem Heimweg waren. Sie verließen den Schulweg und pirschten an diesem Graben entlang, bis weit in die Wiesen. Es war ein heißer, trockener Sommertag. Mit einer Schnur, die damals jeder Junge in der Hosentasche hatte, und einem Stock versuchten sie nahe am Erlensee Fische zu angeln. Fachgerecht wurde dieses Provisorium ausgelegt und nun warteten beide. Warteten und warteten! Kein Fisch biss an! Für Profiangler ist warten kein Problem, aber für diese beiden wurde es langweilig. Also auf, zur weiteren Exkursion rund um den Erlensee. Eine tiefgrüne, üppige, undurchdringliche Pflanzenwelt umrahmte das kleine Gewässer und lockte zum langsamen Weitergehen. Die Neugier war so groß, dass sie den immer weicher werdenden, schwankenden Wiesenboden nicht beachteten. Plötzlich stand der Freund bis zu den Hüften im Sumpf, sank langsam tiefer, bis unter die Arme. Beide allein auf weiter Flur. Mühselig zog und zog der andere den langsam Versinkenden. Angst verlieh ihm Riesenkräfte und Schweißtropfen liefen, denn die Sonne brannte unbarmherzig. Mit ungeheurer Kraftanstrengung gelang es ihm, den nicht gerade Leichtgewichtigen aus dem Sumpf herauszuziehen. Ermattet und kraftlos lagen sie auf dem festen Wiesengrund. Angel und Fische waren vergessen. Die Mittagssonne trocknete beide. Aber sie trocknete so kräftig, dass die Schlammschicht zu einer festen Kruste wurde. So mussten sie durchs Dorf. Der eine verdreckt und der andere bis unter die Arme schlammverkrustet. Zu Hause wurde der Schlammige in der Zinkwanne eingeweicht, in der Wanne mühselig ausgezogen. Erst nach dem Abspritzen mit dem Schlauch war die natürliche Hautfarbe wieder zu erkennen. Mit dem Wasser aus der Wanne konnte der Garten gewässert und gedüngt werden.
Kein langweiliger Schulweg, denn Forscher und Naturinteressierte kamen ebenfalls auf ihre Kosten.
Nach Verlassen des Ortes und Überqueren der Straße lag der letzte Teil des Weges vor den Schülern. Rechts lockte eine große Obstplantage den Vitaminbedarf zu befriedigen. Zur Erntezeit waren die Bäume am Wegrand in Kinderarmhöhe wie leergefegt. Hier wurde sich bedient, hier gab es Obst gratis. Die Besitzer ertrugen es mit Nachsicht und Humor.
Links breiteten sich Wiesen aus, durch die sich ein kleiner Bach, die Pfitz, schlängelte. Ein Wiesenbach mit großen und kleinen Steinen, der einmal flach, tief, schmal oder breit war. Hier gab es viele Möglichkeiten von wagehalsigen Mutproben oder Spiele im Bach, die sich von der 1. bis zur 6. Klasse steigerten. Durchwaten, überspringen oder von Stein zu Stein hüpfen, kleine Wehre bauen, sich auf der Wiese austoben. Besonders beliebt waren die im Unterricht heimlich aus Papier gefalteten Schiffchen, die dann in dem kleinen Bach mit einem Stöckchen Richtung Heimat gelenkt wurden. Bei diesem Manöver musste man allerdings von Stein zu Stein hüpfen. Nasse Hosen im Sommer oder steifgefrorene im Winter waren alltäglich. Aber das Meistern derartiger Situationen ergaben keine Probleme. In der Schule angekommen, wurden die nassen Schuhe ausgezogen und an den Ofen gestellt, die Strümpfe über die Blechwand gehängt, mitgebrachte Socken angezogen und der Unterricht konnte beginnen.
Da die fünfte und sechste Klasse von Fachlehrern unterrichtet wurde, mussten sie also ebenfalls diesen Weg gehen und so geschah es, dass durch den Wechsel der Lehrer die beiden Klassen manchmal in der Pause allein waren. Undenkbar? Nein! Eine Schülerin jetzt Großmutter, erinnert sich: „Wir haben gar keinen Lehrer zur Aufsicht gebraucht. Die Jungen spielten Fußball und wir Mädchen hatten Sprungseile, Bälle oder spielten Gummizwist. Beim Schippern oder Hüpfkästchen waren alle dabei. Diese Spiele gehören heute der Vergangenheit an und nur noch wir Großeltern wissen, was diese für Spaß bereiteten. Wenn dann der Lehrer kam und es geklingelt wurde, gingen wir ruhig in unsere Klassen.“ Das wäre heute undenkbar.
Eine kleine Episode, an die ich mich heute noch schmunzelnd erinnere, erlebte ich am ersten Schultag nach den großen Ferien mit einem Kleinen der 1. Klasse. Ich erkundigte mich, ob ihm der erste Schultag gefallen habe. Das Ergebnis habe ich immer noch vor Augen. Ein kleiner Kerl mit einem großen Schulranzen auf dem Rücken, blonden Löckchen und einer Brille. Mit groß aufgerissenen Augen streckte er mir die Zunge heraus. Ich musste hell auflachen. Als er in der 10. Klasse war, erzählte ich ihm diese Begebenheit und die empörte Antwort: „Ich habe ihnen doch nie die Zunge herausgestreckt.“
Diese beschauliche Zeit und somit auch der Schulweg gehörten der Vergangenheit an, als 1976 eine neue Schule gebaut wurde, in der dann die Klassen 1 bis 10 unterrichtet werden konnten.
Neue Schule – neuer Schulweg
Durch das Entstehen eines Neubaugebietes war eine neue Schule notwendig geworden und diese wurde nach einjähriger Bauzeit am 1.9.1976 übergeben. Noch am letzten Ferientag erfolgte ein Großeinsatz von Eltern, Lehrern und Kollegen des Schulamtes, um die Reste der Bauarbeiten zu beseitigen, die Fußböden zu reinigen und die Fenster zu putzen. Provisorisch pflasterte eine Baufirma einen kleinen Teil des Schulhofes.
Der erste Schultag konnte beginnen und dieser mit einem Appell. Die Schülerzahl von 200 auf rund 1000 ergaben neue Situationen und neue Probleme.
Gedanken einer Schülerin der 6. Klasse zum Eröffnungsappell: „Der Bürgermeister sprach über den Wert der Schule. Als ich hörte, wie viel dieses Gebäude gekostet hatte, war ich mächtig erstaunt.
Diese Schule kostete drei Millionen Mark. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und wollte es nicht glauben. Was wird wohl in dieser modernen Schule anders sein als in unserer alten?“
Das sollte sie bald erfahren.
Eine Schule – kribbelbunt. Flure und Klassen waren verschiedenfarbig tapeziert. Unbeschreibliche Tapeten im gesamten Schulgebäude. Futuristische Phantasiemuster in futuristischen Farben und dazu entsprechende Gardinen Der Innenarchitekt musste wohl von einem anderen Stern gekommen sein. Aber das war noch nicht alles. Es war eine Glasfasertapete. Wenn die Schüler mit ihr in Berührung kamen oder sich an die Wand lehnten, begann das große Jucken. Es dürfte wohl jedem klar sein, dass es in den ersten Schulwochen auch dadurch eine kribblige und unruhige Atmosphäre war.
Aber das war damals noch das kleinste Problem. Ein weit größeres waren die letzten Meter des Schulweges.
Die Schule war auf Ackerland gebaut, aber der Schulhof war noch nicht begehbar, also noch Ackerland. Dieses war von schweren Baufahrzeugen tief durchwühlt und total schlammig.
Die neue Schule war eine Insel im Schlamm. Durch diesen mussten sich nun alle durchkämpfen. Dementsprechend sahen Gänge und Klassen nach wenigen Minuten aus. Für die Schüler kein Problem, für die Reinigungskräfte Schwerstarbeit. Da die Schule sowieso verschlammt war, kam es auf mehr oder weniger nicht mehr an. Also, rein in den Schlamm.
Wer bringt den meisten Dreck in die Schule? Wer kommt am schnellsten durch? Wer kann am besten waten?
Stundenlange Beratungen der Lehrer brachten keine Erfolge.
Dann kam die erste Idee: Große Steine sollten den Weg markieren. So geschah es auch. Ein neuer Spaß und Schüler sind erfinderisch. Die Steine wurden als Sprunginseln benutzt. Von Stein zu Stein springen oder von Stein zu Stein springen und schubsen. Wer hält die Balance? Beliebt war auch daneben springen. Das war doch mal ein interessanter Schulweg: Vergnügen und Gaudi, jedoch für das Schulpersonal ein Problem.
Wieder und immer wieder Beratungen, aber es änderte sich nichts.
Dann kam die zweite Idee: Bretter auf die Steine, also einen Steg anlegen. Das brachte neues Vergnügen. Es änderte sich aber nichts. Wer den Steg nicht benutzen wollte, zog über das Schuhwerk Einkaufstüten und band sie mit Bindfaden unterhalb der Knie fest. Der Schulweg blieb ein Schlammweg. Die meisten versuchten mit dieser Situation fertig zu werden. Nur einer nicht, Peter. Peter war der Sohn einflussreicher Eltern. Deshalb verlangten einige Lehrer, dass er so wie seine Eltern sein müsste, also Vorbild. Und das wollte Peter nun wieder nicht. Er wollte Schüler sein, wie die anderen. Deshalb ging er demonstrativ neben dem Steg. Nein, er ging nicht, er stapfte mühselig durch den zähen Schlamm. Es war nicht leicht, bei jedem Schritt die Füße aus dem Schlamm zu ziehen. Verschwitzt erreichte er die Schule. Ermahnungen und Strafandrohungen erfolgten. Das brachte ihm zwar zu Hause Ärger ein, aber bei seinen Schulkameraden war er für sein Elternhaus rehabilitiert und erreichte, dass er nun ein Schüler wie jeder anderer war und seine Dummheiten nicht ungestraft blieben.
Und dann kam die grandiose Idee, ein tolles Ergebnis der Beratungen. Wenn es bei Klassentreffen zu diesem Thema kommt, wird darüber gelacht und erzählt. Anscheinend gehört es mit zu den schönsten Erinnerungen, als die Anweisung kam: „Die Schüler bringen ihre Hausschuhe mit.“
Über das Wie folgten Stunden über Stunden von Vorschlägen, bis ein Ergebnis umgesetzt werden konnte. In den Gängen wurden schmale Spinde montiert und klassenweise mit den dazugehörigen Schlüssel auf die Klassen aufgeteilt. Der Wechsel der Fußbekleidung erfolgte 30 Minuten vor Unterrichtsbeginn. Diese halbe Stunde war für den Hausmeister nicht nur eine harte Geduldsprobe, sondern auch Schwerstarbeit. In den Gängen wimmelte es von Hunderten von Schülern und Schuhen. Streitigkeiten mussten geschlichtet werden. Hier und dort fehlte ein Hausschuh, an anderer Stelle war wieder einer zu viel. In den Schultaschen wurden nach Schlüssel gekramt. Bei vergessenen oder fehlenden musste der Hausmeister öffnen.
Es war eine halbe Stunde Chaos. Punkt 7.30 Uhr war der Spuk vorbei. Zurück blieben verschmutzte Gänge und vereinzelte Schuhe oder Hausschuhe.
Fußballfieber
Und gerade ein Hausschuh flog durch eines der großen Fenster. Der Täter war schnell ermittelt. Und es kam zu einem Schulleiter-Schüler-Gespräch:
„Was hast du dir dabei gedacht?“
„Der Hausschuh lag da und ich wollte ihn zur Seite stoßen. Da packte mich das Fußballfieber. Ich fühlte mich auf dem Platz und sah das Tor. Ich konnte nicht anders, schoss mit Wucht – da krachte er auch schon durchs Fenster.“ Der Schulleiter, der eine Fußballmannschaft trainierte und von diesem Virus selbst infiziert war, nickte bedächtig und verständnisvoll. „Hm, was nun?“
„Eine neue Scheibe!“
„Du hast recht, aber nimm dich das nächste Mal zusammen, die Schule ist kein Fußballplatz.“ Ohne Probleme wurde eine neue Scheibe eingesetzt.
Diese Hausschuhaktion war nach Fertigstellung des Schulhofes beendet.
Heute ähnelt dieser mit seinem üppigen Grün und Bänken einem kleinen Park.
Das Wichtigste ist die Schule als Lehranstalt. Die Lehrer lehren und die Schüler lernen.
Nun gibt es humorvolle, schülerverstehende, cholerische oder gleichgültige Lehrer, aber auch bei den Schülern alle möglichen Temperamente und Einstellungen.
Zu meiner Zeit gab es keine Hauptschul- oder Förderklassen. Kein einfaches Unterfangen, denn in den Klassen waren alle Schüler, ob leistungsstarke, leistungsschwache oder hyperaktive vereint und die musste ein Lehrer unter einen Hut bringen.
Damit auch die leistungsschwachen Schüler das Klassenziel erreichen, wurden Lerngemeinschaften gebildet. Leistungsstarke Schüler halfen diesen, den Unterrichtsstoff zu verstehen. Nennen wir einmal einen Peter. Er begreift den Unterrichtsstoff nicht. Er ist nicht dumm, denn dumme Schüler gibt es nicht, nur leistungsschwache. Und das kann verschiedene Ursachen haben. Er ist schwerfällig im Denken, hat Angst und verkrampft sich. Oder er hat Angst, sich zu blamieren, keine Sympathie für die Schule (heute sagt man dazu „keinen Bock haben“) oder häusliche Probleme. Zu seinem Mitschüler hat er Vertrauen, ist offener, vielleicht beneidet er ihn auch.
Dieser erklärte es nun aus seiner Sicht mit seinen einfachen Worten. Peter begreift. Im Unterricht trotzdem schweigsam, aber das Thema ist erkannt und er kann dem weiteren Unterricht folgen. Bei schriftlichen Arbeiten hat er vielleicht mehr Erfolg.
So wurde manchem geholfen, das Klassenziel zu erreichen.
Diese Vielfalt von Schülerpersönlichkeiten erfordern vom Lehrer Einfühlungsvermögen, Verständnis, Fingerspitzengefühl und Liebe zu seinem Beruf, speziell für seine Schüler.
Ein enges Lehrer-Schüler-Verhältnis kann wesentlich zur Lernfreude beitragen und leistungsschwache Schüler zu besseren Ergebnissen motivieren. Findet er engen Kontakt auch zu diesen, wird ihm sein Beruf viel Freude bereiten.
Entscheidend für das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist die erste Stunde des Zusammentreffens. Die Schüler können sofort eine Lehrerpersönlichkeit einschätzen und das Verhältnis zu dieser bestimmen. Der erste Eindruck ist entscheidend.
Übung macht den Meister
So auch bei einem mir bekannten Kollegen. Ihm wurde mitgeteilt, er bekäme eine 7. Klasse, die schon manchen Kollegen zur Verzweiflung gebracht hätte. Er grübelte und grübelte, bis ihm der rettende Gedanke kam. Vierzehn Tage vor Schulbeginn ging er jeden Tag in den ihm zugewiesenen Klassenraum und warf von der Tür aus die Tasche auf den Lehrertisch, eine Entfernung von ungefähr zwei bis drei Meter. Die ersten Tage blieben ohne Erfolg. Doch nach und nach gelang es ihm, die Tasche so zu werfen, dass sie auf dem Tisch liegen blieb.
Der erste Schultag kam. Er stand vor der Tür und hörte die tobenden Schüler. Das Klingelzeichen ertönte. Kurzes Luftholen. Er riss zackig die Tür auf, brüllte „Ruhe!“ und warf die Tasche von der Tür aus lässig auf den Tisch. Die Schüler standen überrumpelt auf ihren Plätzen, verblüfft staunend. Er hatte durch sein lockeres, aber bestimmtes Auftreten gewonnen. Sein Training hatte sich gelohnt. Nicht auszudenken, wenn die Tasche auf dem Fußboden gelandet wäre.
Durch diese, für ihn riskante Aktion, erlangte er Achtung und Respekt.
Meine Gedanken verlassen die große, moderne Schule mit fast tausend Kindern aus allen Teilen Thüringens, den ungewohnten Situationen und Problemen und wandern noch einmal zurück in die kleine dörfliche Schule.
Die Schülerzahl war überschaubar und schwerwiegende Probleme gab es nicht. Aus heutiger Sicht war es eine gemütliche, ausgeglichene Atmosphäre. Es gab keine psychisch kranken Lehrer und Burn out war ein unbekannter Begriff. Der Unterricht verlief ohne Störungen. Kleine Verfehlungen, schlechte Noten oder vergessene Hausaufgaben brauchte man nicht einzutragen, denn traf man einen Elternteil, wurde diesem mitgeteilt, dass das Kind Probleme hatte. Dieses vertraute Verhältnis war durch das dörfliche Zusammenleben entstanden und die Eltern selbst waren Schüler unserer Schule.
Die Kinder waren, wie Kinder eben sind, mal ausgelassen und wild, aber konzentriert im Unterricht. Hyperaktive Kinder gab es nicht. Nach Schulschluss gingen sie ihren Interessen nach, spielten und stromerten durch Wald und Flur. Es gab keine Ablenkung durch Fernseher, Computer oder Handys. Ihre Freizeit bestand aus Spiel und Sport im Freien. Freilich gab es auch Raufereien. Aber diese trugen die Schüler unter sich aus.
Auf die blutigen Knie wurde ein Pflaster geklebt, sich vertragen und alles war erledigt. Der Begriff „aggressiv“ war ebenfalls unbekannt.
Streiche gab es kaum. Der Respekt vor Eltern und Lehrern war wohl zu groß.
Als sich einmal ein Schüler für eine Stunde im Schrank versteckte, war die Aufregung seitens des Kollegen, der gerade unterrichtete, groß und die Bestrafung konnte nicht streng genug ausfallen. Aber nur bei diesem Lehrer. Die Schüler hatten ihren Spaß und die anderen Kollegen schmunzelten darüber.
Im Winter war nur Lernatmosphäre, aber im Frühjahr mit den ersten Sonnenstrahlen wurden die Gemüter lebendig. Und das war verständlich. Das Dorf liegt am Fuße eine Berges. Und der lockte, da gab es kein Halten.
Wurden Schüler dieser Jahrgänge nach Streichen befragt, kommt nur eine Antwort: „Die haben wir gar nicht gemacht, aber wir sind manchmal abgehauen und haben uns auf dem Frankenstein versteckt.“
Wenn an der Tafel stand: „Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön, Herr Lehrer, wir wollen spazieren geh’n!“, waren die Kollegen auf eine leere Klasse vorbereitet. Das schrieben wohl auch schon die Eltern und Großeltern an die Tafel. Was lag da nahe, dass der Lehrer seine Stunde auf den Berg verlegte und wohl auch jedem Stundenthema gerecht werden konnte, wenn es Biologie, Geographie, Deutsch oder Geschichte betraf.
Aber was trieb unsere Kinder dorthin. Streiche? Abenteuerlust? Oder auch Bewegungsdrang nach der langen Winterzeit?
Die Erinnerungen von heute Siebzigjährigen begannen immer gleich. „Einmal sind wir abgehauen und hoch auf den Frankenstein. Oben hatte jemand einen Garten. In diesem standen Kirschbäume und an denen hingen die schmackhaftesten Kirschen vom Ort. Die haben wir geklaut.“
„Einmal ... abgehauen und haben oben auf dem Frankeinstein Räuber und Gendarm gespielt.“
Ein beliebtes Spiel von Eltern und Großeltern übernommen.
„Einmal ... abgehauen. Das merkte der Lehrer sehr schnell. Da er jung und sportlich war, ist er hinter uns her. Wir haben ihn, da wir ja den Frankenstein kannten, immer in die Irre geführt. Er ist uns trotzdem auf den Fersen geblieben. Wir lockten ihn bis hoch, versteckten uns in dem Turm und er folgte uns immer noch. Wir kletterten von außen am Turm hinunter, schlossen ihn ein und liefen weg. Wir wissen aber bis heute noch nicht, wie er wieder herausgekommen ist. Wahrscheinlich ist er aus einem Fenster geklettert.“
„Einmal ... abgehauen, da hatten wir gestreikt. Wir sollten eine Arbeit schreiben, hatten aber am Tage zuvor schon eine große Klassenarbeit geschrieben. Da sind wir alle aufgestanden und gemeinsam aus der Klasse marschiert und dann auf den Frankenstein geflitzt.“
Aber es war nicht immer der Frankenstein, der reizte. Eine Klasse hatte ihren Klassenraum in einem Nebengebäude. Dieses war einst eine Gastwirtschaft mit Saal (auf dem wurde der Sportunterricht erteilt). Ein Gebäude, welches Anfang 1800 gebaut wurde. Über dem Saal war ein Boden und dieser war schon jahrzehntelang nicht betreten worden. In der 6. Klasse fiel der Unterricht aus. Banges Warten, hoffentlich merken sie drüben nichts. Und dem war auch so. Das war die Gelegenheit für den Besuch des Bodens. Leise und langsam wie Diebe schlich die Klasse die morschen Treppen hoch bis zum ersehnten Ziel. Was bot sich außer Schmutz und Gerümpel? Alte Kulissen aus der Vorkriegszeit, alte Tische, kaputte Stühle, uralte Gläser und Flaschen. Sogar ein uralter Rollstuhl war vorhanden. Jeder Gegenstand wurde bestaunt oder bejubelt. Vergessen die Belehrungen über Einsturzgefahr und fast vergessen, die nächste Stunde. Verdreckt und verschwitzt, wie sie waren, wurde ihr Ausflug bald bekannt. Aber diesmal gab es eine Strafe: „Wir mussten einen Aufsatz schreiben, warum wir das nicht durften!“ Der Kollege, der diese Aufgabe stellte, war ganz bestimmt früher ein artiger und gewissenhafter Junge und wusste nicht, wie abenteuerlich Kramen auf einem alten Boden sein konnte.
Diese Art von Streiche hatte aber ansonsten keine Folgen. Sie wurden heiter und verständnisvoll zur Kenntnis genommen. Man war ja selbst einmal Schüler und hatte an Aktionen dieser Art selbst teilgenommen.
So dörflich-heiter wie die Schule war, so waren eben auch die Streiche.
Diese Zeit war 1976 vorbei.
Mehr Schüler – mehr abwechslungsreiche Streiche – mehr raffiniertere Streiche. Die Mentalität des Lehrers war entscheidend, wie er mit diesen Lausbübereien umgehen konnte.
Die heiteren Momente und Episoden, die sich ergaben, werden heute von Schülern und auch von Lehrern belächelt.
Im Vergleich zu den filmischen Streichen, die unwirklich sind, über die aber trotzdem gelacht wird, entstanden die unserer Schüler meistens aus Situationen oder Begebenheiten. Auch ihnen ging es darum, ihre Lehrer auszutesten, ihren Spaß zu haben, sie „reinzulegen“ oder „eins auszuwischen“. Sie entsprachen allerdings der Wirklichkeit und waren in den seltensten Fällen bösartig. Dabei spielte aber auch ihr Verhältnis zum Lehrer eine entscheidende Rolle. Auf jeden Fall zeigten sie sich phantasievoll, kreativ, erfinderisch und humorvoll.
Bei derartigen „vorbereiteten Zufälligkeiten“ sollte der Lehrer schlagfertig und humorvoll auf die Schüler eingehen, um den Unterricht weiter gestalten zu können. Egal wie, er sollte jede Gelegenheit zum Lachen nicht ungenutzt lassen. Lachen ist gesund und es sollte sowieso jeden Tag einmal gelacht werden. Außerdem lockert es den Unterricht und auch das Verhältnis zum Lehrer.
Die Lausbübereien, ob bewusst oder unbewusst, sind noch heute für einen bestimmten Personenkreis unterhaltsam.
Wenn auch die Namen bei den nachfolgenden Episoden und Begebenheiten geändert wurden, wird sich dieser oder jener wieder erkennen. Wie bereits gesagt, das Wichtigste ist die Schule als Lehranstalt. Die Lehrer lehren und die Schüler lernen. Aber nicht alle Schüler sind lernbegierig oder fügen sich dem Unterricht. Unter ihnen sind auch die sogenannten Rabauken. Sie sind nicht mit Rowdys gleichzusetzen. Es sind Schüler, die kess, lebhaft und unbeherrscht sind. Sie fallen durch außergewöhnliche Handlungen auf und schießen manchmal über das Ziel hinaus, obwohl sie Normen und Grenzen kennen. Letztendlich aber siegt die Einsicht. Baut der Lehrer mit Geduld oder Humor ein gutes Verhältnis zu diesen Rabauken auf und gewinnt ihre Sympathie, wird es keine Probleme geben.
Wenn er aber glaubt, seine Schüler zu kennen, soll er immer bedenken, dass ihn seine Schüler besser kennen, als er denkt.
Soweit das Vorwort zu diesem Thema.
Der erste Schultag in einer 1. Klasse verlief wie eben der erste Schultag in üblicher Weise verläuft. Mitten im Unterricht stand ein kleiner Knirps auf, packte seinen Ranzen und mit den Worten: „Ich gehe nach Hause, hier gefällt es mir nicht!“, setzte er seinen Ranzen auf und verschwand.
Es ist durchaus möglich, dass dieser in späteren Jahren an nachfolgenden Schüleraktionen beteiligt war.
Episoden und Begebenheiten aus dem Schulalltag, die für die Schüler erinnerungswert sind und für mich als Lehrer an schöne Stunden, aber auch an kritische Situationen, die oftmals vom Normalen abwichen, erinnern.
Lieschen-Müller-Roman
Deutsch in der 10. Klasse.
„Ich möchte in der nächsten Stunde ein Romanheft behandeln. Bringt mir bitte ein bis zwei von diesen Heften mit!“ In der nächsten Stunde lagen nicht drei Hefte auf dem Tisch, sondern zwei Stöße, vom Arzt- bis zum Heimatroman. Ich fischte wahllos ein Heft heraus, schlug irgendeine Seite auf und las mit viel Herz, Schmerz und Schmalz einen Abschnitt vor. Gelächter der Jungen und zwischendurch empörte Mädchenstimmen: „Sie wollen uns nur die Romane vermiesen!“
„Stimmt!“ Nach Behandlung dieser Art von Literatur machte ich den Vorschlag, selbst einen schnulzigen Roman zu schreiben. Damit traf ich den Nerv der Mädchen. Das war etwas für sie. „Zu welchem Thema?“
„Einen Arztroman!“ Die Mädchen übertönten die Jungen. Es sollte ein Liebesroman werden mit verbotener Liebe, Eifersuchtsszenen, rührende Liebeschwüre, gebrochene Herzen, weiblicher Kampf zwischen arm und reich um einen jungen, erfolgreichen, bildschönen Arzt und der Schluss „Mit einem langen innigen Kuss schloss er ihren Mund.“ 25 Schüler ergaben 25 Kapitel. Für jedes Kapitel eine Überschrift und zwei bis drei Wortgruppen als roter Faden. Nach zweiwöchiger Zeit erfolgte die Auswertung. Bei dem, was da heraus kam, konnte keiner ernst bleiben und ich konnte mich bei diesem waschechten Lieschen-Müller-Roman ebenfalls nicht beherrschen. Lautes Gelächter, Trampeln, Klatschen war das Ergebnis. Wir bogen uns vor Lachen. Die Klasse tobte und ich mit. Im Schulgebäude unüberhörbar. Daneben war der Computerraum. Dort lachten die Schüler mit, ohne den Grund zu kennen. Der Schulleiter riss die Klassentür auf. Bei ihren Lachanfällen bemerkten ihn die Schüler nicht, mich sah er vorn am Tisch laut lachend und gekrümmt. Er winkte mit der Hand ab und schloss wieder die Tür. Sein Abwinken bedeutete so viel wie „hoffnungslos.“ Es wird mir wohl keiner glauben, aber die Kapitel der Jungen trieften vor Herz, Schmerz und Schmalz. Wollten sie die Mädchen, ohne zu wollen, verspotten? Das Wichtigste aber war wohl, dass die Mädchen erkannten, dass diese Literatur nicht lesenswert ist.
Auf jeden Fall konnten sich alle, ob Jungen oder Mädchen, einmal so richtig mit Lust und Freude am Ausdruck austoben.
Leider habe ich es versäumt, diesen neuen Roman einzusammeln. Er hätte mir bestimmt manch trübselige Stunde vertrieben.
Latschi
Sein eigentlicher Name lautete Udo. Die Mitschüler konnten ihn trotz seiner Schwächen gut leiden. Er war lustig, kein Spielverderber und hatte immer ein heiteres Gemüt. An Dummheiten beteiligte er sich kaum. Nur in seiner Kleidung war er nachlässig. Einmal kam er mit Latschen in die Schule, deshalb der Name Latschi. Es konnte auch schon einmal geschehen, dass er mit verschieden farbigen Strümpfen zum Unterricht erschien. Im Unterricht selbst war er unauffällig und deshalb fiel sein Mitteilungsbedürfnis in dieser Stunde besonders auf. Keine Ermahnungen halfen, Latschi war nicht zu bremsen. Bis es mir zu viel wurde. Ich unterbrach den Unterricht und forderte ihn auf, nach vorn zu kommen, drückte ihm die Kreide in die Hand und gebot ihm, als Lehrer den Unterricht fortzusetzen. Ich setzte mich auf seinen Platz. Während er verdattert vor den Schülern stand, unterhielt ich mich lautstark, ohne die Klasse zu beachten, mit seinem Nachbarn. Jetzt begriff Latschi. Setzte sich auf meinen Platz und führte so den Unterricht weiter, als wäre nichts gewesen. Schrieb an die Tafel, verlangte Antwort auf Fragen und diktierte Sätze. Die Klasse spielte mit, denn so einen Spaß erlebte man nicht alle Tage. Er hatte ohne Zweifel schauspielerisches Talent, denn so ganz nebenbei imitierte er mich auch noch.
Für die Klasse war es ein Gaudi, für mich übrigens auch.
Niesmarathon
Das Schlimmste war, wenn ich während des Unterrichts zu niesen begann. Und wenn, dann konnte ich nicht so schnell aufhören. Unter Gelächter zählten die Schüler mit.
Zur mündlichen Abschlussprüfung der 10. Klasse musste ich als Klassenleiter teilnehmen. Unter anderem wurden auch Schüler vom Gymnasium geprüft. So zog eine Schülerin vom Gymnasium die Aufgabe, Formen der Täler im Gebirge zu zeichnen und zu erklären. Sie zeichnete ein Engtal an die Tafel. In diesem Moment musste ich niesen. Sie unterbrach, sah mich an und wollte weiter zeichnen. Da kam von mir der nächste Nieser. Leicht irritiert unterbrach sie abermals ihre Zeichnung, sah mich an und wollte weiter zeichnen. Dieser Vorgang wiederholte sich bis zu fünfmal. Sichtlich nervös beendet sie dann ihre Aufgabe. Der Zufall wollte es. Diese Frage zog ebenfalls ein Schüler meiner Klasse. An der gleichen Stelle, beim Zeichnen des Engtals, begann ich mit Niesen. Er wusste, was kam. Unterbrach mitten in der Zeichnung, legte die Kreide auf den Tisch, setzte sich auf seinen Stuhl und wartete geduldig, ohne eine Miene zu verziehen, auf das Ende meiner Nieserei. Dann nahm er die Kreide und beendete ruhig diese Zeichnung. Auch das Gelächter der Prüfungskommission brachte ihn nicht aus der Fassung. Ihm waren ja derartige Situationen bestens bekannt.
Schnecken und Käse
Um sich vor unliebsamen Stunden zu drücken, sind die Schüler einfallsreich und wenn sie noch die Reaktion des Lehrers einbeziehen, ist der Erfolg garantiert. Mathe-Unterricht! Der Kollege hatte keine Beziehung zur Natur und manch ein unschuldiges Tierchen versetzte ihn in Panik. Das wurde genutzt. Mit unwahrscheinlichem Eifer sammelte die Klasse Schnecken, aber nicht wie üblicherweise für den Feinschmecker, sondern zur Freude (wessen auch?) für die nächste Stunde. In einem passenden Moment wurden diese samt ihrer Behausung vorsichtig in die Lehrertasche geschmuggelt. Der Kollege erklärte, den Rücken der Klasse zugewandt, eine Aufgabe an der Tafel. Er wunderte sich zwar über die konzentrierte Aufmerksamkeit, die allerdings nicht ihm galt, sondern seiner Tasche. Endlich begann die Wanderung. Langsam und bedächtig schleimten sie heraus, mit oder ohne Haus. Sie krochen rechts, sie krochen links, auf die Tasche, unter die Tasche. Er merkte an der Tafel stehend nichts. Die Stille der Klasse brachte ihn in Schwung. Inzwischen bedeckte eine Schneckeninvasion mit einer ekligen Schleimschicht den Lehrertisch. Eigentlich hätte ihn die Stille in der Klasse, die sonst mehr als lebendig war, warnen sollen. Aber er merkte noch immer nichts. Die Schnecken hatten inzwischen die Tasche verlassen und nahmen den ganzen Lehrertisch ein. Die Schüler verfolgten die Wege, gaben den Schnecken Namen, legten ihnen Stifte in den Weg und amüsierten sich königlich. Plötzlich drehte er sich um, erstarrte, wurde bleich wie ein Leichentuch, kein Wort kam über seine Lippen. Die Kreide fiel ihm aus der Hand, jetzt knallrot im Gesicht, voller Angst und Ekel und mit „Hiiilfe“ rannte er überstürzt aus dem Klassenraum. Verlängerte Pause somit garantiert.
Doch nicht jeder Lehrer fällt auf derartige Aktionen herein und reagiert so hilflos.
Englisch- Unterricht gehalten von einer ruhigen und gelassenen Kollegin. So waren auch ihre Stunden. Wenn die Schüler aber keinen Bock auf bestimmte Stunden haben, sabotieren sie diese erbarmungslos. Es wurde Stinkerkäse auf den hintersten Heizungskörper gelegt. Die Stunde begann und nach kurzer Zeit rochen ihn die in der hinteren Bankreihe sitzenden Schüler. „Es stinkt.“ Keinerlei Reaktion der Kollegin. Ein emsiger Toilettengang begann. Der Gestank kroch langsam in die vorderen Reihen. Die Kollegin reagierte nicht, aber es durfte niemand mehr die Klasse verlassen. Der Gestank wurde stärker, die Kollegin blieb gelassen, aber scheinheilig mit der freundlichen Bemerkung: „Da konnte sich wohl jemand nicht beherrschen, das Fenster bleibt trotzdem zu!“ Sie mussten, ob sie wollten oder nicht, ihren eigenen Gestank aushalten. Der Unterricht wurde fortgesetzt und pünktlich mit dem Klingelzeichen beendet. Aktion misslungen. Sie hatten sich blamiert. Es folgte eine intensive Schülerberatung: „Der Gestank war nicht stark genug. Sie fällt nicht darauf rein, deshalb lohnt es sich bei ihr nicht. Denkt mal an die letzte Klassenarbeit, als Mark auf den leeren Zettel schrieb „Gott weiß alles, ich weiß nichts!“ Und wie hat sie reagiert? „Gott bekommt eine Eins und du eine Fünf!“ Mit dem freundlichsten Lächeln hat sie ihm seine Arbeit hingelegt und ruhig erklärt: „Ich erwarte eine Unterschrift deiner Eltern! Der nächste Versuch in Bio, da gelingt es bestimmt.“ Und so geschah es.
Die Stunde begann und nach kurzer Zeit breitete sich ein bestialischer Gestank aus. Die ersten Schüler verließen mit entsprechender Begründung die Klasse. Der Gestank wurde stärker. So stark konnte doch ein Käse nicht stinken. Es war auch keiner. Frank hatte eine Stinkbombe deponiert. Der Gestank nahm zu, die Klasse leerte sich. Plötzlich sah sich die Kollegin allein im Raum. Sie hatten ihr Ziel erreicht, der Unterricht fiel aus.
Johann Wolfgang von Goethe „Gefunden“
In jeder Klassenstufe wurden Dichtungen von Goethe behandelt. So auch in der 6. Klasse „Gefunden“. Es bot sich an, denn es war Frühling und zu dieser Zeit blühten die Buschwindröschen. Wie üblich las ich das Gedicht vor. Doch seltsamer Weise war die Klasse unruhig und unkonzentriert. Ermahnungen nützten nichts. Was mache ich bloß falsch? Der Kleinste und Pfiffigste der Klasse meldete sich. Und wenn er sich meldete, da schrillten bei mir die Alarmglocken, dann hatte ich eine schwierige Frage zu erwarten. Doch diesmal nicht. Er hatte Mut gefasst und das geäußert, was die Ursache war. „Wie sollen wir das verstehen? Bei uns im Neubaugebiet wächst doch nichts Grünes, wir sehen nur hohe Häuser.“ Diese Äußerung gab mir zu denken. Er hatte recht, das Thema wurde abgebrochen. Ich grübelte und grübelte. Dann kam mir der entscheidende Gedanke. Am nächsten Tag hatte ich eine Doppelstunde. „Wir machen eine Wanderung auf den Frankenstein!“ Mein Ziel war, das Gedicht zu erleben. Während wir durch den frühlingsgrünen Laubwald wanderten, vertrat ich Goethe und erzählte das Gedicht „Ich ging im Walde so für mich hin“ bis wir zu dem sich wie ein weißer ausgebreiteten Teppich von Anemonen kamen. „Im Garten sah ich ein Blümlein steh’n.“ Nun stand das Buschwindröschen im Mittelpunkt, so, wie es Goethe erlebt haben könnte. „Das war eine schöne Stunde“, ein Lob, wie es der Lehrer gerne hört. Auch Jahre später erinnerten sich noch einige Schüler an diesen Spaziergang.
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