Kitabı oku: «Partnerschaftliche Rollenteilung - ein Erfolgsmodell»

Margret Bürgisser
Partnerschaftliche Rollenteilung – ein Erfolgsmodell
ISBN Print: 978-3-0355-0725-6
ISBN E-Book: 978-3-0355-0894-9
Fotos: Reto Schlatter
Das Titelbild zeigt Hildegard und Adrian Kaufmann (unten), Nuria und Marko Ristin-Kaufmann mit Enkel Aljosha Ristin (o. l.) und Ilias Kaufmann mit Cecile Buffenoir (o. r.)
1. Auflage 2017
Alle Rechte vorbehalten
© 2017 hep verlag ag, Bern
www.hep-verlag.com
![]() | Zusatzmaterialien und -angebote zu diesem Buch: http://mehr.hep-verlag.com/partnerschaftliche-rollenteilung |
|---|
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort
Einleitung
TEIL I ZEHN PORTRÄTS VON ELTERNPAAREN MIT PARTNERSCHAFTLICHER ROLLENTEILUNG
Vorbemerkungen zu den Porträts
Caroline und Urs Mendelin
Rochelle Allebes und Ronnie Gundelfinger
Verena und Peter Voser
Susanne Sorg-Keller und Florian Sorg
Rita Scholl Born und Jürg Born
Jeannette Schwager und René Meier
Hildegard und Adrian Kaufmann
Eleonora Riz à Porta und Ueli Bürgi
Corinne Haffter und Dani Schaffner
Corina Elmer und Markus Brandenberg
TEIL II FORSCHUNGSSTAND ZUR EGALITÄREN ROLLENTEILUNG (Verena Witzig)
Die Ebene der Eltern
Egalitäre Rollenteilung in der Familie – Definition und Bewertung
Die demografische Verbreitung des egalitären Modells
Verbreitung von Teilzeitarbeit in der Schweiz
Mütter im Erwerbsleben
Väter und Teilzeitarbeit
Arbeitsteilung im Haushalt
Familienergänzende Kinderbetreuung in der Schweiz
Betreuung versus Bildung
Gemeinsam Eltern bleiben nach Trennung oder Scheidung
Die Ebene der Kinder
Zum Wandel der Elternrollen im Zeitverlauf
Befunde aus der Elternforschung
Berufswahl von Jungen und Mädchen
Junge Erwachsene und ihr Familienmodell
Institutionen, Politik und Arbeitgebende
Schweizer Familienpolitik: für die Familie oder eher für die Wirtschaft?
Familienrecht
Sozialstaatliche Rahmenbedingungen
Wirtschaft und Vereinbarkeit
Fazit
Literatur Teil II
TEIL III ERGEBNISSE DER ELTERNBEFRAGUNG
Erfahrungen mit der Rollenteilung im Zeitverlauf
Motive zur Wahl der partnerschaftlichen Rollenteilung
Bereitschaft zur Wiederwahl des egalitären Modells
Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Rollenmodells
Aufgaben(ver)teilung im Haushalt
Plädoyer für familienergänzende Kinderbetreuung
Vorbild- und Orientierungsfunktion für andere Paare
Was anders machen?
Entwicklung der Kinder aus Elternsicht
Allgemeine Informationen zu den Kindern
Bisherige Entwicklungen und Bildungsverläufe
Schwierige Entwicklungsverläufe
Unterschiedliche kindliche Charaktere und Interessen
Spezielle Kompetenzen und Fähigkeiten
Ablösungsmuster: Nesthocker versus Nestflüchter
Aktuelle Mitarbeit der Kinder im Haushalt
Eltern-Kind-Beziehung heute
Merkmale der heutigen Eltern-Kind-Beziehung
Vater und Mutter als unterschiedliche Bezugspersonen
Art der Kontakte zwischen Eltern und Kindern
Kinder und Rollenprägungen
Eltern als Vorbilder
Spezifische Rollenprägungen und -wünsche der Kinder
Sympathien für Teilzeitarbeit
Erwerbsarbeit und Existenzsicherung
Berufliche Merkmale der befragten Paare
Erwerbssituation egalitär organisierter Elternpaare
Kontinuität und Weiterentwicklung
Stagnation und Handlungsengpässe
Standortbestimmung und Leistungscheck
Auswirkungen des Strukturwandels
Berufliche Selbstständigkeit
Wünsche und Pläne für die Zukunft
Teilzeitarbeit, Weiterbildung und Karrierechancen
Erfahrungen mit Teilzeitarbeit früher und heute
Grenzen der Teilzeitarbeit
Vorgesetzte als Förderer und Verhinderer
Bildung als Schlüssel zum beruflichen Erfolg
Karrierechancen Teilzeit arbeitender Elternpaare
Zeitverwendung, Pensionierung und Zukunftsperspektiven
Zeitverwendung im Laufe der Zeit
Aufstockung des Arbeitspensums
Pensionierung vollzogen oder bevorstehend
Finanzielle Situation im Rentenalter
Neue Engagements nach der Pensionierung
Engagements für die eigenen Eltern und die Enkelkinder
Scheidungen und Trennungen
Jedes Paar ist ein Einzelfall
Wesens- und Verhaltensunterschiede als Trennungsgrund
Work-Life-Konflikte als Beziehungskiller
Rollenteilung nach der Trennung
Auswirkungen von Trennungen auf die Eltern-Kind-Beziehung
Finanzielle Aspekte rund um Trennung oder Scheidung
War die Rollenteilung für die Trennung (mit)verantwortlich?
Partnerschaftliche Rollenteilung im gesellschaftlichen Umfeld
Rahmenbedingungen für die Wahl des egalitären Modells
Den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden
Mehr familienergänzende Betreuungsangebote schaffen
Traditionalisierungstrend bei jungen Menschen
Stärken und Chancen des egalitären Modells
Schwächen und Nachteile des egalitären Modells
Voraussetzungen zur Wahl des egalitären Modells
Zukunftschancen des Modells
Zusammenfassung der Elternbefragung
Literatur Teil III
Teil IV Ergebnisse der Kinderbefragung
Einleitung
Erfahrungen und Beurteilungen
Wahrnehmung der elterlichen Rollenteilung
Weitere als bedeutsam erlebte Aspekte
Von den Eltern erfahrene spezifische Förderung
Nutzen des von den Eltern Gelernten
Egalitäre Rollenteilung – Chance oder Belastung?
Reaktionen vonseiten des sozialen Umfelds
Eltern-Kind-Beziehungen
Bedeutung der Beziehung zu Mutter und Vater
An den Eltern bewunderte Eigenschaften und Verhaltensweisen
Persönliche Ziele und Wünsche
Partnerschaft, Wohnsituation und Hausarbeitsteilung
Wichtige persönliche Ziele, Wünsche und Präferenzen
Beurteilung von Vor- und Nachteilen der Teilzeitarbeit
Gewünschte Formen künftiger Arbeitsteilung
Begründung der persönlich bevorzugten Rollenteilung
Vom Partner beziehungsweise der Partnerin bevorzugtes Rollenmodell
Gleichstellung in der Schweiz
Einschätzung des Gleichstellungsstandes in der Schweiz
Als notwendig erachtete Gleichstellungsmaßnahmen
Zusammenfassung der Kinderbefragung
Literatur Teil IV
SCHLUSSBETRACHTUNGEN
ANHANG
Verzeichnis der Grafiken und Tabellen
Hinweise zum methodischen Vorgehen
Dank
Vorwort
Vorwort
Margret Bürgisser beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Thematik rund um die partnerschaftliche Rollenteilung und hat dazu mehrere Publikationen verfasst. Schon für ihr Buch »Beruf und Familie vereinbaren – aber wie?«, das 2011 im hep verlag erschienen ist, habe ich das Vorwort geschrieben. Dies vor allem deshalb, weil ich selbst ein Pionier des egalitären Rollenmodells war und bin: Meine Frau und ich teilen uns Haus- und Familienarbeit.
Im vorliegenden Werk hat die Autorin nach 1994 und 2004 die gleichen egalitär organisierten Eltern nochmals befragt. Die Ergebnisse sind ermutigend und korrelieren mit meinen Erfahrungen. In meinem näheren Umfeld sieht das typische Modell junger Familien heute so aus: Die Frau arbeitet 60 bis 80 Prozent, der Mann 70 bis 80 Prozent, die Kinder gehen je nachdem zwei bis drei Tage in die Kita respektive Tagesschule. Und die Rückmeldungen zum egalitären Modell aus diesen Familien sind durchweg positiv. Es braucht aber den Willen beider Partner, diese Familienstruktur zu leben und daran zu arbeiten. Es gibt nämlich nichts schön zu reden: Wir leben nach wie vor in einer von Männern dominierten Welt, viel zu wenig Frauen sind in Kaderpositionen und Verwaltungsräten. Und viele Männer tun sich immer noch schwer mit der eignen »neuen« Rolle als Hausmann, Vater und Mitverantwortlicher im Haushalt, aber auch mit der »neuen« Rolle der Frau, die nicht mehr nur Hausfrau sein möchte. Sie verschanzen sich nach wie vor gerne hinter fadenscheinigen Argumenten. Dabei gibt es mittlerweile viele Beispiele, die belegen, dass Karriere und Teilzeitarbeit durchaus zu vereinbaren sind. Tatsache ist ebenfalls, dass rechtsbürgerliche und religiös-konservative Kreise weiterhin das traditionelle Frauen- und Familienbild propagieren und auf politischem Weg versuchen, Beiträge für externe Kinderbetreuung zu verhindern. Und genau das ist in der Schweiz ein Knackpunkt: Im Gegensatz zu vielen andern Ländern sind die Kosten für Kitas und Tagesschulen in der Schweiz zu hoch. Da ist bei vielen Politikerinnen und Politikern noch ein Umdenken nötig.
Als überzeugter Befürworter des egalitären Rollenmodells bin ich froh und stolz, auch dieses Werk von Margret Bürgisser im Programm haben zu dürfen. Es passt zum innovativen hep verlag, der genau solche Familienmodelle unterstützt.
Peter Egger
Verleger und Präsident des Verwaltungsrates
Einleitung
Einleitung
Befragt man junge Menschen zu ihrer Zukunft, so äußern viele den Wunsch nach einer Familie. Fragt man weiter, wie sie sich deren Organisation vorstellen, sagen Frauen – immer öfter aber auch Männer –, sie wünschten sich eine egalitäre[1] Rollenteilung. Damit ist die partnerschaftliche Aufteilung von Gelderwerb, Kinderbetreuung und Hausarbeit gemeint. Viele Paare möchten in diesen Bereichen die Verantwortung gemeinsam tragen und dadurch ihre Erfahrungsvielfalt vergrößern.
Diese Wünsche sind bei jungen Menschen seit Jahren hoch im Kurs. Doch nur wenige wagen es, mit der partnerschaftlichen Rollenteilung Ernst zu machen. Traditionelle Rollenprägungen und ungünstige gesellschaftliche Entwicklungen halten sie davon ab. Auch die Bedingungen am Arbeitsplatz erscheinen vielen unvorteilhaft. »Wir würden ja gerne, aber es geht einfach nicht«, meinen sie entmutigt. Aus Angst vor negativen Konsequenzen, zum Beispiel einem Karriereknick, entscheiden sie sich schließlich für eine konventionelle Rollenteilung. Der Mann arbeitet dann Vollzeit, die Frau Teilzeit. Oder sie bleibt ganz zu Hause bei den Kindern. Oft führen solche Konstellationen jedoch zu Unzufriedenheit. Die Mütter klagen, sie würden den Bezug zur Arbeitswelt verlieren. Und die Männer bedauern, zu wenig Zeit für ihre Kinder zu haben.
Das egalitäre Rollenmodell weist einen Ausweg aus diesem Dilemma. Es bietet Frauen wie Männern die Chance, Beruf und Familie zu vereinbaren. Gespräche mit Teilzeit arbeitenden Paaren, die das egalitäre Modell seit zwanzig, dreißig und noch mehr Jahren praktizieren, beweisen, dass es zur Zufriedenheit aller funktionieren kann. Es bietet Eltern die Möglichkeit, sowohl am Erwerbsleben als auch an der Entwicklung der Kinder teilzuhaben. Und es gewährleistet, dass die Hausarbeit – das ungeliebte Stiefkind – auf beide Partner aufgeteilt wird.
Im Rahmen der vorliegenden Langzeitstudie wurden 28 Elternpaare aus der deutschen Schweiz in Abständen von ca. zehn Jahren dreimal zu ihrer partnerschaftlichen Rollenteilung interviewt.[2] 2016 wurden ergänzend auch die inzwischen erwachsenen Kinder über ihre Erfahrungen und Rollenpräferenzen befragt. Die Ergebnisse der beiden Studien sind ermutigend: Nicht nur auf kurze Dauer, sondern auch im Zeitverlauf sind egalitär organisierte Paare mit ihrem Rollenmodell mehrheitlich zufrieden. Praktisch alle würden es wieder wählen.
Die Vorurteile, das partnerschaftliche Rollenmodell mindere Lebens- und Karrierechancen, werden aus Sicht der Befragten weitgehend widerlegt. In den Anfängen des Arrangements haben einige Väter und Mütter solche Nachteile zwar durchaus erlebt. Aus heutiger Sicht beurteilen die meisten Paare ihre familiäre Entwicklung aber als stimmig und bereichernd. Wie einige Beispiele in diesem Buch zeigen, ist eine Karriere – mit zeitlicher Verzögerung – auch für Teilzeit arbeitende Eltern möglich. Wenn die Verantwortung für die Erwerbsarbeit auf zwei Schulternpaaren ruht, verteilt sich zudem die Last der Existenzsicherung.
Dieses Buch vermittelt einen Überblick über die Erfahrungen und Beurteilungen der »Rollenteilungspioniere«, deren Kinder inzwischen herangewachsen sind. Es dokumentiert die Vielfalt an interessanten und berührenden Aussagen aus dem Paar- und Familienalltag. Weiter zeigt es auf, wie die inzwischen erwachsenen Kinder die im Elternhaus erlebte Rollenteilung beurteilen und wie sie sich ihre eigene Zukunft vorstellen. Es ist unverkennbar, dass die jungen Menschen von Vater und Mutter positiv geprägt wurden und mehrheitlich planen, auch die eigene Beziehung partnerschaftlich zu gestalten.
Das vorliegende Werk versteht sich als Mutmacher für junge Paare, die das egalitäre Experiment ebenfalls wagen wollen. Wenn beide Partner eine partnerschaftliche Rollenteilung befürworten und wenn gewisse Rahmenbedingungen gegeben sind, kann das Modell für Eltern wie Kinder sehr bereichernd sein. Das Buch ist aber nicht nur für junge Menschen gedacht, sondern auch für Fachleute, die diese beraten und begleiten: Vereinbarkeitsfachleute, Lehrpersonen, Dozierende, Fachleute in Berufs- und Laufbahnberatung, Gleichstellungsbeauftragte, therapeutisch Tätige, Sozialarbeitende und wissenschaftlich Forschende. Ihnen allen kann das Buch helfen, die Vorzüge der partnerschaftlichen Rollenteilung zu erkennen und bestehende Vorurteile zu korrigieren.
Luzern, April 2017
Margret Bürgisser
TEIL I ZEHN PORTRÄTS VON ELTERNPAAREN MIT PARTNERSCHAFTLICHER ROLLENTEILUNG

VORBEMERKUNGEN ZU DEN PORTRÄTS
»Seeing is believing«, meinte die Verhaltensökonomin Iris Bohnet in einer TV-Sendung:[3] Sehen heißt glauben. Was man sehen kann, entwickelt Überzeugungskraft. Das gilt auch für das Thema dieses Buchs. Die Skepsis gegenüber dem egalitären Rollenmodell ist nach wie vor groß. Junge Paare möchten es wählen, wagen es aber nicht aus Angst vor negativen Konsequenzen. Es braucht konkrete Vorbilder, die zeigen, dass das egalitäre Modell über einen längeren Zeitraum zur Zufriedenheit aller funktionieren kann.
Solche Vorbilder vermitteln die nachstehenden »Porträts«. Zehn Elternpaare berichten darin über ihren Alltag und halten Rückschau auf ihr Leben. Sie haben die egalitäre Rollenteilung über mehr als zwei Jahrzehnte praktiziert und wandelnden Bedürfnissen angepasst. Ihre Aussagen belegen den Erfolg des egalitären Modells, verschweigen aber auch dessen Schwächen und Schwierigkeiten nicht.
Die befragten Eltern haben sich bereit erklärt, im Buch mit Namen und Foto zu erscheinen. Sie haben die vorliegenden Texte zum Gegenlesen erhalten und für diese Publikation autorisiert. Der Zürcher Fotograf Reto Schlatter hat sie an ihrem Wohnort[4] – zusammen mit ihren Kindern und deren Partnerinnen und Partnern – im Bild festgehalten. Sie werden dadurch zu konkreten »role models«, an denen sich interessierte Paare orientieren können. Alle Altersangaben beziehen sich auf den Zeitpunkt des Interviews.
Ich stelle diese Porträts bewusst an den Anfang des Buchs. Sie sollen den Einstieg ins Thema erleichtern und zeigen, dass egalitäre Rollenteilung mehr ist als ein bloßes Forschungsthema. Sie ist gelebte Realität und – wie die vorgestellten Beispiele zeigen – langfristig eine Erfolgsgeschichte.
CAROLINE UND URS MENDELIN
»Im Haushalt hat sich einiges verändert, seit die Kinder groß sind«
Von der Haltestelle »Talwiesen« aus zu Fuß dem Höfliweg entlang. Links eine neuere Großüberbauung, rechts alte Reihenhäuser. Der Vorplatz von Haus Nr. 7 ist unspektakulär, die Briefkästen grau und alt. Beim Eintreten ein Gang mit Durchblick in den Keller, wo allerlei Geräte lagern. Oben die Wohnung der Mendelins. Sie wohnen nun schon über zwanzig Jahre hier und bilden mit anderen Wohnungsbesitzern eine Hausgemeinschaft.
Berufliche Entwicklung Beruflich haben sich gegenüber unserem letzten Gespräch vor zehn Jahren Änderungen ergeben. Caroline Mendelin (50) arbeitet nicht mehr im von ihr gegründeten Gestaltungsatelier mit, sondern hat eine Leitungsfunktion im Zürcher Lehrmittelverlag übernommen. »Das war ein Glücksfall«, erklärt sie. »Ich wusste, dass ich Karriere machen und in absehbarer Zeit eine Abteilung übernehmen kann.« Sie wollte diese Chance ergreifen und etwas Neues anpacken, auch im Hinblick auf die gemeinsame Perspektive. »Wir haben es als Versuch definiert«, erklärt Urs, »und wollten schauen, wie es funktioniert. Die Firma lief normal weiter, Caroline hätte auch wieder einsteigen können.«
Die neue Konstellation erhöhte die materielle Sicherheit – »es ist viel Existenzdruck von uns gewichen« –, zog aber auch Einschränkungen bezüglich Autonomie und Gestaltungsfreiheit nach sich. Urs Mendelin (53) ist nun allein in der Firma, lässt sich aber in gestalterischen Fragen weiterhin von seiner Frau beraten. Da ihm das Alleine-Arbeiten zu einsam wurde, suchte er Anschluss an eine Bürogemeinschaft. »Ich bin schon ein Einzelkämpfer«, begründet er, »aber das war zu viel. Jetzt habe ich ein gutes Umfeld.« Beide arbeiten nun in hohen Pensen. Für Caroline ist klar, dass sie beruflich Karriere gemacht hat. Für Urs war eine solche nie zentral. »Ich würde es als Entwicklung bezeichnen, nicht als Karriere.« Gleichwohl ist er mit seiner beruflichen Situation zufrieden. »Der Vorteil der Selbstständigkeit ist, dass ich meine Zeit selbst einteilen kann. Der Nachteil ist, dass ich – seit ich alleine bin – sehr schnell an meine Grenzen stoße. Wir haben ja viel miteinander gearbeitet und uns gegenseitig unterstützt. Jetzt muss ich alles selbst machen.«

Weiterbildungsbestrebungen Beide haben viel in Weiterbildung investiert und tun es heute noch. Caroline qualifizierte sich als »Multi Media Producer«, Urs als »Leiter Marketing / Kommunikation«. Um die Zukunft ihrer beruflichen Position zu sichern, absolviert Caroline eben eine Zusatzausbildung in Betriebswirtschaft. Urs bildet sich für die Herausforderungen im Internetbereich vor allem »on the job« weiter. »Der Wandel ist stetig, aber spannend. Wir haben nie etwas anderes gekannt. Darum ist es nichts, was mich überfordern würde.«
Rollenteilung und Hausarbeit Die Rollenteilung ist nach wie vor unbestritten, wurde aber an die neuen Gegebenheiten angepasst. Da Caroline ganztags auswärts arbeitet, ist Urs mehr im Haus präsent und auch stärker der Ansprechpartner für die Kinder und andere Angehörige. »Wenn ich im Geschäft bin«, betont Caroline, »kann ich mich nicht noch um Privates kümmern, das macht nun Urs.« Dieser präzisiert: »Im Haushalt hat sich einiges verändert, seit die Kinder groß sind und mithelfen. Das ist kein großer Aufwand mehr. Wir haben auch jemanden, der putzt; das ist eine große Entlastung.«
Rückblick auf die Anfänge der Rollenteilung Die Rückblende auf 25 Jahre partnerschaftlicher Rollenteilung spannt einen weiten Bogen: Urs ist in einer Familie mit traditioneller Rollenteilung aufgewachsen, Caroline als Tochter einer alleinerziehenden Mutter. »Meine Eltern sind geschieden und lebten in zwei Welten. Für mich war von Anfang an klar, dass ich nicht in ein solches Zweiweltenmodell hineinrutschen möchte.« Der Anstoß für die egalitäre Rollenteilung kam denn auch von Caroline. »Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich schwanger war und wir unsere Zukunft planten. Wir haben miteinander vereinbart, dass wir Beruf und Familie teilen. Das haben wir ganz bewusst zusammen entschieden, und das haben wir auch durchgezogen.«
Zum Zeitpunkt der Familiengründung arbeiteten die beiden im Jobsharing (je 60 Prozent) als Typografen in einem grafischen Atelier. Sie machten damals im eigentlichen Sinne »halbe-halbe«. Urs arbeitete von Montag bis Mittwochmittag, Caroline von Mittwochnachmittag bis Freitagabend. Wer zu Hause war, war für Haushalt und Kinder verantwortlich. Am Mittwochnachmittag übernahmen die Großmütter die Kinderbetreuung, damit die Arbeit im Geschäft reibungslos übergeben werden konnte. So war es möglich, ohne institutionelle Kinderbetreuung auszukommen.
Urs fand seine Situation als Teilzeit arbeitender Vater nicht immer einfach. Im Geschäft nahm man eher die Nachteile als die Vorteile der Teilzeitarbeit zur Kenntnis (organisatorischer Mehraufwand usw.). Es erstaunte ihn auch, wenn Kollegen zu ihm sagten: »Oh, morgen hast du ja frei!« Als ob Familienarbeit bloße Freizeit wäre. Auf dem Spielplatz war er oft der einzige Mann; damals war das noch außergewöhnlich.
Caroline hingegen war mit der Rollenteilung sehr zufrieden. Nach der Geburt des ersten Kindes hatte sie es belastend gefunden, ausschließlich zu Hause zu sein. Schließlich hatte sie noch eine Zusatzausbildung absolviert und war deshalb an der Fortsetzung der Erwerbsarbeit sehr interessiert. Sie erkannte auch, dass es unmöglich ist, das volle Verständnis für die Arbeit des Partners zu entwickeln, wenn man selbst nicht berufstätig ist.
Gemeinsam kreativ tätig sein Zu einem späteren Zeitpunkt gründete Caroline eine eigene Firma – die Mendelin Grafik. Auch Urs gab nach einiger Zeit seine Festanstellung auf und engagierte sich im gemeinsamen Unternehmen. Innert Kürze arbeiteten beide Partner 100 Prozent. Caroline nannte es 2003 »die nachteilige Seite dieser Geschichte, die sonst nur Vorteile hat«. Obwohl viele Leute vermuteten, die große räumliche Nähe und die berufliche Zusammenarbeit müssten zu Konflikten führen, erlebte das Paar die Situation als konstruktiv und bereichernd. Caroline lernte in dieser Zeit, die Kinder loszulassen und Urs mehr Raum zu geben. Die Kundenkontakte liefen anfänglich stärker über sie, und so hatte Urs viel Zeit, sich um die Kinder zu kümmern.
Kinderbetreuung im Haus Ergänzend wurde die Kinderbetreuung nun durch eine Kinderfrau wahrgenommen. Diese kam ins Haus und betreute vor Ort vier bis sechs Kinder – jeden Tag in einer anderen Wohnung. Die Mendelins nutzten diesen Betreuungsservice, bis die Kinder älter waren und ihn nicht mehr benötigten.
Diese damals entstandenen Freundschaften waren für die Eltern wie auch für die Kinder sehr wichtig und haben heute noch Bestand. Gleichwohl würde Caroline heute mehr Fremdbetreuung in Anspruch nehmen und – ergänzend zu den Großeltern – auf eine Krippe zurückgreifen. Dieses System bietet ihres Erachtens eine höhere Verlässlichkeit als private Lösungen, wo sich terminlich immer wieder etwas ändern kann. In der Anfangszeit der Selbstständigkeit fand sie das oft problematisch. Urs betont, er würde es nicht anders machen. »Das mit der Belastung stimmt zwar, aber das gehörte in einem gewissen Sinne einfach dazu. Man hatte ja noch gar nicht das Geld, um eine Fremdbetreuung zu bezahlen. Daher waren gewisse Rahmenbedingungen gegeben. Nein, ich würde nichts anders machen.«
Entwicklung der Kinder Caroline und Urs scheinen sich auch jetzt zu ergänzen, berichten von keinerlei ernsthaften Krisen und freuen sich, dass ihre Kinder sich gut entwickelt haben. Beide haben das Gymnasium absolviert und nachher ein Zwischenjahr eingelegt. Meret (22) studiert nun im dritten Jahr Germanistik, kombiniert mit Filmwissenschaften, und wird in einem Jahr abschließen. Sie sieht ihre Zukunft im Journalismus und möchte sich nach dem Master am MAZ[5] weiterbilden. In den Semesterferien arbeitet sie schon seit drei Jahren regelmäßig bei einer Zeitschrift.
Oliver (25) hat in Genf internationale Beziehungen studiert und sein Studium 2014 abgeschlossen. Nach einem Praktikum hat er sich für den Master beworben, sodass sich seine Ausbildung um weitere zwei Jahre verlängert. Er sieht seine Zukunft in der Diplomatie, zum Beispiel als Botschafter.
Bezüglich Hausarbeit ist es bei den Mendelins so, dass sich die Familie als Team versteht. Bereits früher wurden die Kinder – ohne festgelegten Aufgabenplan – bei allen Dingen einbezogen. Auch heute müssen sie sich an der Hausarbeit beteiligen, wenn sie bei den Eltern sind. Alle müssen ihren Teil beitragen, aber alle haben ja auch ein großes Arbeitspensum. Caroline betont, es gehe dann wie in einer Wohngemeinschaft zu und her.
Eltern-Kind-Beziehungen Die Beziehung zu ihren Kindern bezeichnen die Eltern als lebendig und offen. Urs betont: »Ich glaube, beide sind sehr selbstständig – waren es von Anfang an – und haben ihren Weg selbst gefunden. Sie wussten und haben gespürt, wo sie hinwollen. Beide haben eine gute Entwicklung gemacht.« Doch kaum brauchten die Kinder weniger Zuwendung, wurde diese von den eigenen Eltern gefordert. »Es gab eigentlich einen fließenden Übergang«, erzählt Caroline. »Als die Kinder weg waren, fing es mit der Betreuung der Eltern an. Diese war in den letzten Jahren sehr intensiv, es sind in dieser Zeit drei Elternteile gestorben. Das beanspruchte einen großen Anteil der Freizeit. Die Kinder hatten natürlich durch die Betreuung zu allen Großeltern ein sehr enges Verhältnis. Sie waren nicht sehr aktiv in der Betreuung der Großeltern, ihnen aber emotional schon sehr nah.«
Impulse für die Partnerschaft Die Mendelins haben auch als Paar von ihrer Rollenteilung und der gemeinsamen Arbeit profitiert. Urs betont: »Man hat mehr Verständnis füreinander, weil man nicht in zwei verschiedenen Welten lebt. Das Zusammenarbeiten und die Selbstständigkeit haben das noch verstärkt.« Caroline ergänzt: »Wir haben beide gesagt, wir ziehen am gleichen Strick und haben das gleiche Ziel vor Augen. Eigentlich haben wir das immer als sehr positiv erlebt. Wir haben gemeinsame Interessen – und sogar die neuen Freiheiten können wir zusammen genießen. Unsere Beziehung würde ich nach wie vor als gut, lebendig und aktiv beurteilen.«
Zukunftsperspektiven In Bezug auf die Zukunft sind die beiden flexibel. Die Arbeitszufriedenheit von Caroline lässt aktuell einige Wünsche offen. Es ist eine Überführung des Unternehmens in eine AG geplant. Je nachdem, wie sich das entwickelt, wird sie eventuell wieder in die Firma zurückkehren. Urs denkt, dass er bis zur Pensionierung so weitermachen wird wie bisher. Er hat keine Mühe, sich technologisch weiterzuentwickeln, doch ist er auch äußeren Einflüssen ausgesetzt. »Wir arbeiten relativ stark im Internetbereich«, erklärt er. »Man weiß deshalb nie, wie lange man mit den Jungen noch mithalten kann. Die Kunden werden auch alt, und dann kommen neue Leute an diese Stellen. Es wäre mein Wunschtraum, dass jemand Junges in die Firma kommt und Zugkraft übernimmt, wenn ich älter bin. Dann könnte ich mich etwas zurücknehmen.«
ROCHELLE ALLEBES UND RONNIE GUNDELFINGER
»Ich konnte es mir nur mit dieser Rollenteilung vorstellen, Kinder zu haben«
Mein Besuch führt mich nach Bäch am Zürichsee, wo Rochelle Allebes (64) und Ronnie Gundelfinger (61) ihre Sommerferien verbringen. Rochelle holt mich am Bahnhof ab und fährt mich zu dem kleinen Haus am See, das sie – zusammen mit ihrem Schwager – ganzjährig gemietet haben. Jetzt, zur heißesten Jahreszeit, ist es mit seinem lauschig-schattigen Garten und dem direkten Seeanstoß eine wahre Idylle. Im Gespräch mit den beiden erfahre ich, was sich in den letzten Jahren in ihrem Leben alles ereignet und verändert hat.
Entwicklung der beruflichen Situationen Rochelle hat noch eine Weile beim Elternnotruf gearbeitet, dann aber – nach 22 Jahren – gekündigt. »Seit 2006 habe ich eine Stelle im Team des Ausbildungsinstituts für systemische Therapie und Beratung in Meilen. Seither gebe ich dort Kurse und mache Supervisionen. Und in meiner Praxis arbeite ich mit Paaren und Familien.« Auf freiberuflicher Basis ist Rochelle in verschiedenen Projekten engagiert und arbeitet insgesamt etwa 70 Prozent. Sie wird die Tätigkeit in Meilen 2019 allerdings aufgeben. »Das Vorbereiten der Kurse ist eine stressige Arbeit. Ich finde auch, dass man irgendwann zu alt und zu weit weg ist von allen neuen Entwicklungen. Die Praxis würde ich langsam abbauen.« Nachher möchte sie vermehrt in Amsterdam weilen, wo sie ursprünglich herkommt und wo sie jetzt eine Wohnung gekauft hat.
Ronnie ist nach wie vor, seit annähernd dreißig Jahren, beim kinder- und jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich tätig. Als leitender Arzt ist er in diesem Umfeld quasi der »Silberrücken«, d. h. eine Person mit Erfahrung und Autorität. Sein Arbeitspensum hatte zwischenzeitlich ein fast unzumutbares Maß erreicht (bis 130 Prozent auf der Basis von 50 Wochenstunden). Jetzt hat es sich wieder bei etwa 100 Prozent eingependelt. Rund 60 Prozent seiner Arbeitszeit wendet Ronnie für das Thema Autismus auf, das zu seinen Spezialgebieten zählt. Daneben nimmt er diverse Leitungsfunktionen wahr.

Karriere trotz früherer Teilzeitarbeit Für Ronnie war die Beförderung zum leitenden Arzt ein Karriereschritt. »Es hatte auch damit zu tun, dass der Dienst gewachsen ist und dass zusätzliche Hierarchiestufen geschaffen wurden. Es gab neue leitende Stellen, und eine davon habe ich dann bekommen.« Er ist nun der Dienstälteste und hat zwei wesentlich jüngere Chefinnen. Die direkte Vorgesetzte, zehn Jahre jünger, bringt Ronnie sehr viel Wertschätzung entgegen. »Sie ist schon froh, dass sie mich hat. Ich kenne den Laden einfach gut und kann sie bei Bedarf in Sachen unterstützen, für die sie keine Zeit mehr hat.« Rochelle ist von der Frau begeistert, da sie sich für vernünftige Arbeitszeiten einsetzt und Teilzeitarbeit fördert. »Sie ist für mich ein Vorbild. Ich erwähne sie in Coachings immer als Beispiel dafür, wie man das offenbar auch machen kann.«
Beide Partner betrachten die jüngere Entwicklung als erfreuliche Karriereschritte. Rochelle betont: »Meilen ist für mich ein schöner abschließender Karriereschritt gewesen. Ich habe Erfahrung und Wissen an eine nächste Generation weitergegeben, und das ist ein sehr schöner Abschluss.«
Zukunftsperspektiven Was nach der Pensionierung kommt, ist noch ungewiss. Rochelle denkt daran, sich in einem innovativen Projekt zu engagieren. »Es gibt ein neues Modell in der Schweiz, Paare während der Scheidung zu begleiten. ›Collaborative Law and Practice‹ heißt das. Man denkt darüber nach, gemeinsam mit Anwälten und Coaches eine kleine Institution auf die Beine zu stellen. Ich könnte mir vorstellen, da für ein paar Jahre mitzumachen.«
Ronnie hat beruflich mehrere Optionen: vorzeitig aufhören, bis 65 weitermachen oder über den Pensionierungszeitpunkt hinaus weiterarbeiten. Kinderpsychiatrisches Know-how sei Mangelware, betont er, seine Arbeit deshalb nach wie vor geschätzt. Allerdings findet auch Ronnie die Option interessant, Zeit in Amsterdam zu verbringen. Dafür will er sich einen Freiraum schaffen. »Ich werde darauf achten, dass ich mich nicht zu sehr verpflichte. Ich werde vielleicht einige Tage arbeiten und dann wieder vier Wochen gar nicht. Diese Freiheit möchte ich dann schon haben.«
Zum Stellenwert der Teilzeitarbeit Im Bildungs- und Beratungsbereich, in dem Rochelle arbeitet, ist Teilzeitarbeit schon länger an der Tagesordnung. Auch Ronnie stellt einen wachsenden Anteil an Teilzeit Arbeitenden fest. Reduzierte Pensen sind heute in der Psychiatrie – selbst bei Oberärzten – akzeptiert, was mit der zunehmenden Zahl an Ärztinnen zusammenhängt. »Auf der Stufe, auf der ich damals als Oberarzt war, gibt es keinen mehr, der 100 Prozent arbeitet. Bei den Assistenzärzten ist das anders, weil sich die Ausbildungszeit verlängert, wenn man Teilzeit arbeitet. Da gibt es Leute, die noch keine Familie haben und das durchziehen möchten. Wir haben aber auch viele Assistenten und Assistentinnen, die schon Kinder haben und Teilzeit arbeiten. Es hat sich sehr geändert; wir haben ganz viele Teilzeitstellen.«
Hausarbeitsteilung Die Rollenteilung im Haushalt richtet sich nach den beiderseitigen Fähigkeiten und Vorlieben. Es steckt da nicht mehr viel Zündstoff für Konflikte drin. »Es ist heute sicherlich viel einfacher«, stellt Ronnie fest. »Es gibt weniger zu tun, es wird weniger gekocht und eingekauft. Wenn es nur Brot und Käse gibt, ist es auch gut. Die Wäsche mache immer noch ich.« Rochelle bestätigt: »Ich glaube auch, die Rollenteilung ist noch etwa gleich. Ich arbeite und koche, und Ronnie tut es auch. Auch wenn er 100 Prozent und mehr gearbeitet hat, hat sich Ronnie immer sehr aktiv am Haushalt beteiligt. Er ist extrem effizient.«
Rückblick auf die partnerschaftliche Rollenteilung Beide Partner finden das egalitäre Rollenmodell auch aus großer zeitlicher Distanz eine gute Lösung. »Wir konnten es sehr gut organisieren«, betont Rochelle. »Anfangs hatten wir an einem Tag die Woche eine Kinderfrau, dann Krippe, Tagesschule. Ich würde es nicht anders machen.« Ausschließlich Mutter und Hausfrau zu sein, wäre für Rochelle nie infrage gekommen. »Ich komme aus einer sehr traditionellen Familie. Meine Mutter war eine typische Fünfzigerjahre-Mutter, die sehr unzufrieden war. Für mich war sie ein Antivorbild. Ich konnte es mir nur mit dieser Rollenteilung vorstellen, Kinder zu haben. Sonst hätte ich auf Kinder verzichtet.«
Auch Ronnie ist in einer traditionellen Familie aufgewachsen. »Der Impuls zur Rollenteilung kam klar von Rochelle. Rückblickend ist das gut gewesen. Ich bin extrem froh, dass ich für meine Kinder Zeit hatte.« Rochelle bestätigt: »Ich verdanke Ronnie, dass wir überhaupt Kinder haben, und er verdankt mir, dass er zu ihnen auch eine Beziehung hat.«
Was ist aus den Söhnen geworden? Die Söhne Micha (27) und Jonah (24) wohnen schon länger nicht mehr zu Hause. Micha, der Arzt geworden ist und sich auf Innere Medizin spezialisiert, wird demnächst seine aus Südafrika stammende Freundin Amy heiraten. Auch sie ist Ärztin.
Micha hatte es nicht eilig, auszuziehen. »Ich habe eine Wohnung gefunden, da Freunde dort ausgezogen sind«, erzählt der Vater. »Dann habe ich Micha gesagt, er habe eine Woche Zeit, um zwei Leute für eine Wohngemeinschaft zu finden. Das hat er dann gemacht und fand es auch gut. Aber von sich aus hat es ihn nicht aus dem Haus getrieben.«
Jonah will Sekundarlehrer werden und legt an der Pädagogischen Hochschule demnächst die Bachelor-Prüfungen ab. Er ist gleich nach der Matura zu Hause ausgezogen und lebt nun in einer Wohngemeinschaft. Während der Ausbildung hat Jonah auch gearbeitet und Geld verdient. »Es war ein recht anspruchsvolles Studium«, berichtet der Vater, »und er hat jede Prüfung beim ersten Mal bestanden. Jetzt geht er für ein Jahr nach Amsterdam, um den Master anzufangen.« Jonah wird dabei in der Wohnung seiner Eltern wohnen.
Beziehungen zwischen Eltern und Kindern Rochelle und Ronnie bezeichnen die Beziehungen zu ihren Söhnen als anregend, offen und vertrauensvoll. »Grundsätzlich haben wir ein gutes Verhältnis«, berichtet der Vater. »Wir sind vor einem Jahr wieder einmal zu viert für eine Woche in die Ferien gefahren. Das fanden sie gut und sagten, dass wir das auch wiederholen könnten.« Rochelle betont, ihre Söhne seien recht unterschiedlich, entsprechend unterscheide sich auch der Kontakt zu ihnen. »Mit Micha machen wir viel zusammen, und man kann mit ihm über alles reden. Da werden wir sehr einbezogen; das war schon immer so. Jonah sehen wir weniger. Aber wenn man ihn sieht, ist er sehr präsent. Es ist klar, dass er uns sehr gern hat und wir ihn auch.«
Bedeutung der Rollenteilung für die Söhne Ob die Rollenteilung bei ihren Jungen Spuren hinterlassen hat, können Rochelle und Ronnie nicht mit Sicherheit sagen. Rochelle stellt jedoch fest, »dass ihre Freundinnen auf Augenhöhe sind. Es gehört zu ihren Kriterien, dass jemand interessant und spannend sein muss.« Sie ist überzeugt, dass ihre Söhne Frauen als gleichwertig respektieren. »Wie sie Frauen auswählen, wie sie mit ihnen umgehen, wie sie auf Sprüche über Frauen reagieren. Es passt ihnen nicht, wenn diese abschätzig sind.«
Die Rollenteilung der Eltern haben die Söhne bisher nicht groß kommentiert. »Einerseits hat es für sie etwas Selbstverständliches«, meint Ronnie,»weil es einfach so war. Gleichzeitig haben sie viele Familien um sich herum gesehen, die traditionell waren. Jonah äußert sich ziemlich kritisch über diese Paare und Familien.«
Kinderkosten Als die Kinder klein waren, beliefen sich die Kosten für familienergänzende Kinderbetreuung auf monatlich bis zu 2500 Franken. Auch später kosteten die Kinder viel Geld, wie der Vater berichtet. »Es war richtig teuer, als beide in der Privatschule waren; es gab damals noch kaum Tagesschulen. Da haben uns unsere Eltern unterstützt. Das fiel dann weg, als sie in die öffentliche Schule kamen. Das Studium ging eigentlich gut. Die Jungen haben ein wenig gearbeitet und etwas beigetragen. Größere Kosten wie Krankenkasse und Studiengebühren haben wir aber übernommen.«
Neue Betreuungspflichten Seit die Söhne erwachsen sind, fühlt sich das Paar sehr entlastet. Allerdings benötigt Ronnies Mutter nun vermehrt Betreuung. Sie lebt seit Kurzem in einem Altersheim, wo sie nur wenig Kontakt zu anderen Mitbewohnenden hat. Alle Familienmitglieder achten darauf, regelmäßig bei der alten Dame vorbeizugehen und sie, wenn nötig, zu unterstützen. Ronnie umschreibt das Engagement so: »Wir müssen sie nicht betreuen, weil sie gut versorgt wird, aber sie zu besuchen, ist sehr wichtig. Ich habe noch einen Bruder, der auch in Zürich wohnt. Er und ich gehen jeweils zweimal die Woche hin, Rochelle und die Jungs kommen auch vorbei. Im Prinzip bekommen wir es so hin, dass fast jeden Tag jemand vorbeischaut.«
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen Das Paar findet, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die partnerschaftliche Rollenteilung hätten sich insgesamt verbessert. Insbesondere seien die Väter mehr interessiert, sich an der Betreuung ihrer Kinder zu beteiligen. Ronnie findet auch, das Betreuungsangebot sei stark ausgebaut worden. »Es gibt mehr Krippenplätze, es gibt gute und weniger gute Krippen. Es gibt zweisprachige Krippen, Förderprogramme, private Krippen. Es wurde auch zum Business.« Als Facharzt für Kinderpsychiatrie beurteilt Ronnie diesen Trend eher skeptisch. »Ich glaube, dass das Kind davon profitiert, wenn es mit anderen Kindern zusammen ist, aber nicht im ersten Lebensjahr. Es muss auch eine Vertrautheit aus der Alltagsversorgung geben. Die hat man nicht, wenn das Kind fünf Tage die Woche von Krippenfrauen übernommen wird.« Rochelle teilt Ronnies Vorbehalte. »Ich habe von Frauen, die in Krippen arbeiten, schon gehört, dass Mütter die Kinder so früh wie möglich bringen und auf den Mutterschaftsurlaub verzichten möchten. Sie bringen sie so lang wie möglich in die Krippe. Solche Geschichten erschrecken mich.«
Karriere um jeden Preis? Auch den Trend, dass Frauen um jeden Preis Kinder und Karriere verbinden wollen, beurteilt Rochelle skeptisch. Sie bezweifelt, dass Beruf und Familie ohne Verzicht vereinbart werden können, sofern man das Wohl der Kinder ins Zentrum stellt. »Es gibt heute einen gesellschaftlichen Druck, dass man Karriere machen und zeigen muss, dass man das auch mit Kind unter einen Hut bekommt.« Sie findet das unrealistisch. »Karriere und Kind ist too much. Es geht einfach nicht, wenn man es für die Kinder gut genug machen will.« Partnerschaftliche Rollenteilung beinhaltet nach Rochelles Meinung, »dass beide wirklich Teilzeit arbeiten und auf eine steile Karriere verzichten. Ich denke, man kann dabei trotzdem eine interessante Arbeit machen.«
Ronnie weist auf jene Familien hin, die sich ein egalitäres Rollenmodell aus finanziellen Gründen nicht leisten können. »Es gibt am anderen Ende des Spektrums diejenigen, bei denen beide arbeiten müssen, weil es für sie eine finanzielle Notwendigkeit ist.« Rochelle pflichtet ihm bei. »Sie können sich die Krippenplätze kaum leisten. Es gibt zwar welche, aber sie sind für viele Leute noch zu teuer. Das ist überhaupt nicht gelöst.«
Großeltern als »Sandwichgeneration« Rochelle stellt neuerdings fest, dass »die ältere Generation unter Druck gesetzt wird, kostenlose Betreuungsarbeit zu leisten. Das ist auch ein volkswirtschaftlicher Faktor, wenn das der neue Trend wird. Wenn man mal nein sagt, ist man heutzutage sofort eine Rabengroßmutter!« Rochelle anerkennt, dass »der Faktor Sorge nicht vernachlässigt werden sollte. Das ist ein Wert. Aber das bedeutet nicht, dass man Leute unter Druck setzen darf, Gratisarbeit zu leisten.« Ronnie doppelt nach: »Du kannst das Gleiche auch über die Altenbetreuung sagen; das ist ein vergleichbares Thema. Rein demografisch verschiebt es sich massiv, weg von der Kinder- hin zur Altenbetreuung.« – »Wir sind die neue Sandwichgeneration«, vermutet Rochelle. »Frauen in unserem Alter müssen auf die Enkel aufpassen und gleichzeitig die Eltern unterstützen. Und das in einer Phase, wo sie gerade mit der Arbeit fertig sind!« Das findet sie für viele eine Überforderung.

VERENA UND PETER VOSER
»Die Flexibilität war für mich nie ein Opfer, sondern eine Abwechslung«
Hoch über dem Zugersee, am Ende einer verwinkelten Straße, findet sich das Mehrfamilienhaus, in dem Verena und Peter Voser wohnen. Ihr Leben ist seit jeher durch ein »doppeltes Halbe-Halbe« geprägt. Zur Hälfte gehen sie einer existenzsichernden Erwerbsarbeit nach, zur anderen Hälfte ihrer künstlerischen Tätigkeit. Verena hat ihr Atelier außer Haus, Peter in der Wohnung.
Ihre Tätigkeiten sind über einen langen Zeitraum annähernd gleich geblieben. Peter ist in einem Verlag als Korrektor/Lektor tätig, dies, obwohl er das Rentenalter bereits erreicht hat. Bei der Pensionierung machte man ihm das Angebot, 25 Prozent weiterzuarbeiten. Man bemühte sich sehr um ihn und bot ihm – zu gleichen Konditionen – einen Aushilfsvertrag an. Peter genießt es, in einem kleinen Pensum weiter beschäftigt zu sein und zu erfahren, dass seine Arbeit nach wie vor geschätzt wird.
Verena arbeitete früher als schulische Heilpädagogin an einer Oberstufe. Inzwischen hat sie eine Stelle als Fachperson für Heterogenität übernommen. Ihre Aufgabe beinhaltet vor allem die Begleitung von Lernenden und Lernbegleitern. Sie trägt dazu bei, der Unterschiedlichkeit der Schüler und Schülerinnen möglichst gut gerecht zu werden. Erwerbsarbeit ist für Verena primär eine Notwendigkeit: »Ich muss Geld verdienen«, betont sie, »sonst kann ich auf dieser Welt nicht bestehen. Wenn ich es aus dieser Perspektive betrachte, ist es eine interessante und gut bezahlte Arbeit. Mein Herzblut fließt aber nicht dafür.« Nun steht Verena kurz vor der Pensionierung und freut sich auf den Freiraum, den ihr diese eröffnen wird.
Wahl der partnerschaftlichen Rollenteilung Die beiden haben sich durch gleiche Interessen kennengelernt und früh auf eine egalitäre Rollenteilung geeinigt. Peter Voser stammt aus einfachen Verhältnissen. In seiner Kindheit erfuhr er, dass auch Frauen den Unterhalt einer Familie teilweise (oder ganz) übernehmen können. Peter arbeitete seit jeher Teilzeit. »Ich habe gewusst, dass ich nicht jeden Tag in eine Firma gehen und arbeiten möchte, nur damit ich mir einen BMW leisten kann. Der Auslöser war, dass ich Kunst machen wollte. Dafür habe ich Zeit gebraucht.« Als Peter Verena kennenlernte, sagte er ihr, dass er nicht der Haupternährer sein möchte, und sie hat das sofort akzeptiert. Verena erkannte die Chancen dieser ungewohnten Konstellation. Die egalitäre Rollenteilung eröffnete ihr einen Freiraum, »der es mir ermöglicht, meine Zeit in Kunst zu investieren oder auch mal nichts zu tun oder etwas Überraschendes, das ich nicht geplant habe«. Zudem konnte sie finanziell unabhängig bleiben, was ihr wichtig war. Seit sich das Paar kennt, führen die beiden getrennte Kassen und Konten.
Verena Vosers Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit wurzelt in ihrer Kindheit. Ihre Familie hatte häufig finanzielle Probleme, was Verena in ihrem Wunsch bestärkte, einmal anders zu leben. Die Mittelschul- und Lehrerinnenausbildung, die sie hart erkämpfen musste, ermöglichte ihr den Aufbau eines eigenständigen Lebens. Die Bedingungen im Bildungsbereich waren dafür gut; schon damals galten gleiche Löhne für Mann und Frau.
Als Tochter Céline geboren war, entwickelte Verena Voser mit einer Kollegin den Plan, eine Lehrerstelle im Jobsharing zu teilen. Es gelang ihnen, die Schulbehörden zu überzeugen, und so unterrichteten die beiden Frauen sechs Jahre lang dieselbe Klasse. Verena teilte mit der Kollegin jedoch auch die Kinderbetreuung, sodass Vosers Tochter mit deren Kindern wie mit Geschwistern aufwuchs. Alle vier Elternteile engagierten sich zu gleichen Teilen in der Betreuung der Kinder, je nachdem im einen oder anderen Haus. So war es möglich, dass Verena und Peter neben Erwerbsarbeit, Haushalt und Kinderbetreuung genügend Zeit für ihr künstlerisches Schaffen fanden. Die Zeit, die sie im Atelier verbrachten, belief sich auf fünfzehn bis zwanzig Stunden pro Woche. Diese Lebensform bewährte sich sehr, erforderte aber auch viel Energie und eine Reduktion der materiellen Ansprüche.
Peter ist als Kind in verschiedenen Familien aufgewachsen und betont, er habe davon sehr profitiert. »Ich würde deshalb empfehlen, dass man die Kinder in andere Familien, in Spielgruppen oder in einen Frühkindergarten geben sollte.« Dem ist auch Verena nicht abgeneigt. Sie findet Kitas gute, »professionelle Orte«, von denen Kinder profitieren können. »Die Kinderbetreuung ist heute besser – es gibt ein größeres Angebot. Wenn man aber wenig Geld verdient, braucht man eine subventionierte Krippe. Das war bereits früher ein Problem und ist es auch heute noch.«
Aufteilung der Hausarbeit Die Hausarbeit wird auch heute noch partnerschaftlich geteilt, jedoch eher »en passant« erledigt. »Wir haben konkrete Zuständigkeiten«, erklärt Verena. »Die haben sich durch Ausprobieren und durch Erfahrungen mit Dingen, die nicht funktioniert haben, nach und nach ergeben.« Verena putzt Bad und WC, Peter Küche und Wohnzimmer; dazu jeder sein eigenes Zimmer. Konflikte über die Aufteilung der Hausarbeit und unterschiedliche Sauberkeitsstandards haben im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren. Verena kann heute akzeptieren, dass Peter für manches Überwindung braucht. Sie hat auch gelernt, die beiderseitige Andersartigkeit und die unterschiedlichen Ansprüche zu akzeptieren.
Peter fragt sich, ob die Rollenteilung weiter funktionieren wird, wenn auch Verena pensioniert ist. »Ich kann dir garantieren, dass das nicht anders wird«, meint diese. »Ich erledige den Haushalt viel zu wenig gerne, als dass ich diese 50 Prozent aufstocken würde.« Peter versteht Verenas Standpunkt. »Ich hoffe, dass sie ihre Zeit nicht dafür einsetzen wird, Dinge zu erledigen, die ich vielleicht schon seit Längerem hätte machen sollen.«
Neue Engagements für die junge Generation Was wird die Zukunft an Neuem bringen, wenn beide pensioniert sind? Peter wünscht sich, dass beide weiterhin souverän bleiben und gewisse Aktivitäten auch getrennt unternehmen. Er betont zudem, er sei nicht wirklich pensioniert, denn er betreue neben seinem Aushilfsjob jede Woche zwei Tage seinen Enkel Amelio. Verena möchte durch die Pensionierung zeitlichen Freiraum gewinnen und damit »spielen«. Einen Tag pro Woche wird auch sie den Enkel betreuen. Zu einem weitergehenden Engagement ist sie nicht bereit. »Ich werde mir sicherlich Zeit für ihn nehmen – aber in einem beschränkten Rahmen.«
Weitere Betreuungsaufgaben haben Verena und Peter nicht. Ihre Eltern sind schon lange tot. Peter hatte aber vorübergehend Verpflichtungen gegenüber einer Tante. Und Verena übernahm – vor längerer Zeit – administrative Aufgaben, als ihre Mutter noch im Pflegeheim war. »Die ganze Administration und zu schauen, dass das Geld reinkommt, um die Pflegekosten zu decken – das war ein großer Aufwand.«
Beziehung zur Tochter Céline und ihrer Familie Tochter und Schwiegersohn sind ebenfalls künstlerisch tätig. Beide sind Musiker und haben eine kleine Agentur, die viel administrativen Aufwand verursacht. Die Jungen arbeiten zusammen etwa 160 Prozent; viel davon ist unbezahlte Arbeit (Arrangements schreiben, Üben usw.). Verena und Peter vermuten, dass sie ihrer Tochter durch ihre bescheidene Lebensführung ein Vorbild waren. Die Jungen haben sich für eine unsichere Existenz entschieden, darauf hoffend, dass es gut geht. Der Babysitterdienst der Eltern ermöglicht es der Tochter, als Musikerin weiterhin öffentlich aufzutreten. Für die junge Mutter keine Selbstverständlichkeit, wie Verena weiß. »Sie haben genügend Musiker in ihrem Freundeskreis und kennen die Thematik. Viele Musiker und Musikerinnen haben keine Kinder. Andere haben Kinder, aber die Musikerinnen bleiben dann zu Hause und schauen zu ihnen – folglich sind sie nicht mehr oft unterwegs.« Die Unterstützung der Großeltern geschieht auf Vertrauensbasis und unentgeltlich. Verena erzählt, wie es dazu kam: »Sie haben gewusst, dass sie jemanden brauchen werden, der ihnen bei der Kinderbetreuung hilft. Wir haben gesagt, dass wir das machen werden – ohne eine bestimmte Zeitspanne zu definieren. Dann ist sie sehr schnell schwanger geworden.«
Die Betreuung der Großeltern ist quasi ein Geschenk an ihren Enkel. Doch das Engagement verhilft Verena und Peter auch zu unerwarteten Erfahrungen. Als Céline beispielsweise mit ihrer Band nach Lettland reiste, war Verena mit dabei und betreute vor Ort den kleinen Amelio. Dasselbe tat Peter, als sie ein anderes Engagement nach New York führte. So lernen sie Orte kennen, die sie sonst kaum besuchen würden. Verena und Peter haben eine gute Beziehung zu ihrer Tochter, was ihr Engagement erleichtert. »Sie lässt mir viel Freiraum«, betont Verena. »Ich fühle mich von ihr akzeptiert – so, wie ich bin. Gerade mit dem Kind sagt sie nie, wie wir es machen sollen.« Peter bestätigt: »Ja, sie will eine gute Stimmung. Sie sucht den Kontakt und das Gespräch. Wir haben Glück, sie ist eine gute Person.«
Rollenverständnis der Tochter Der Tochter Céline (31) war ihre Unabhängigkeit wichtig. Frühere Beziehungen – auch mit Musikern – gingen auseinander, weil der Partner sich eine traditionelle Rollenteilung wünschte. Der Schwiegersohn hingegen legt selbstverständlich Hand an im Haushalt. Es war von Anfang an klar, dass die Hausarbeit geteilt wird. Wie Peter erzählt, hat das junge Paar im Freundeskreis bereits eine Art Vorbildfunktion. »Céline und Andi leben ihren Freunden das Modell vor und stecken sie damit an. Ich habe kürzlich gehört, dass andere Musiker sie aufgrund ihres Rollenmodells als Patentante und Patenonkel für ihr zukünftiges Kind gewählt haben.«
Verena findet, ihre Tochter sei weniger militant, als sie es gewesen sei. »Bei uns stand die Rollenteilung im Zentrum, bei ihnen ist es eher die Rollengemeinschaft. Sie erledigen den Haushalt zusammen und kümmern sich gemeinsam um den Erwerb. Der Gemeinschaftsgedanke steht mehr im Zentrum als der Teilungsgedanke.«
Geld ist unentbehrlich – und doch nicht so wichtig Ohne Geld keine Existenzsicherung, das gilt auch für die Vosers. Trotzdem betont Verena, Geld sei für sie nur »ein Randthema. Wenn es nach mir gehen würde, möchte ich am liebsten ohne Geld leben. Wenn das jemandem aber wichtig ist – Karriere, ein großer Lohn, der Erwerb von Eigentum usw. –, ist das nicht negativ. Es ist legitim, wenn man solche Wünsche hegt.«
Dass viele Teilzeit Arbeitende bezüglich ihrer Pensionskassenansprüche benachteiligt sind, kümmert Peter nicht groß. »Alles andere wäre für uns ein Nachteil oder ein Vorteil, aber das Geld nicht. Wir gehen auf dem Zugerberg spazieren und trinken einen Café Crème. Wir kommen anschließend nach Hause und sind total happy. Wir brauchen keine hohe Pension.« Verena doppelt nach: »Ich weiß von Freunden, dass das Geld ein großes Thema ist. Ich kenne es auch von jenen, die mit mir den Pensionierungskurs besucht und alles durchgerechnet haben. Mich hat das nicht interessiert.«
Erfahrungen mit der Teilzeitarbeit Der Wunsch, in einem reduzierten Pensum tätig zu sein, wurde in beiden Arbeitsbereichen recht wohlwollend aufgenommen. Peter Voser spürte anfänglich zwar Vorbehalte gegenüber Männern, die reduziert arbeiteten. »Teilzeitarbeit und gar keine Arbeit war damals fast dasselbe. Sie hatten den Eindruck, dass ich nur hobbymäßig arbeite. Das ist heute nicht mehr so. Das Verständnis ist größer geworden.« Das hat auch damit zu tun, dass sich Peter seinem Arbeitgeber gegenüber immer sehr flexibel zeigte. Seine Arbeitsleistung war deshalb gleichwohl geschätzt. Auch das soziale Umfeld reagierte mit Verständnis auf die Art, wie die Vosers lebten. Diese erklären sich das Wohlwollen vor allem damit, dass sie neben der Arbeit seit jeher auch künstlerisch tätig sind.
Ein zufriedener Blick zurück Zwei Wochen vor der Pensionierung ist Verena sehr zufrieden, »dass es mir über Jahrzehnte gelungen ist, in meiner künstlerischen Arbeit unbeirrt vorwärtszukommen. Gleichzeitig konnte ich mich unabhängig durchs Leben bringen und der Tochter eine gute Ausbildung ermöglichen.« Peter betont, das sei ihnen vor allem dank viel Flexibilität und günstigen Umständen – auch am Arbeitsplatz – gelungen. »Die Flexibilität war für mich aber nie ein Opfer, sondern eine Abwechslung.« Verena ist stolz darauf, »dass wir die richtige Balance gefunden haben. Es war eine Flexibilität innerhalb von gegebenen Strukturen. Es war uns über all die Jahre möglich, in diesen Strukturen beweglich zu bleiben, und ich habe das auch genutzt.«
Beide würden die Rollenteilung wieder wählen. »Es hat sich gelohnt, und ich bin froh, dass wir dieses Modell gewählt haben«, betont Verena. »Mit meinem heutigen Wissen würde ich aber etwas anderes ausprobieren, etwas, was ich noch nicht kenne.« Die beiden sind – wie sie sagen – »gesundheitlich fit und gut aufgestellt«. Möge es ihnen vergönnt sein, die kommenden Jahre noch lange zusammen zu genießen!
SUSANNE SORG-KELLER UND FLORIAN SORG
»Für uns war die Lösung mit der Rollenteilung super«
Wir treffen uns um siebzehn Uhr in Susanne Sorgs Büro im Verwaltungsgebäude am Neumühlequai 10. Anmeldung bei der Portiersfrau, die hinter dicken Scheiben sitzt. Sie gibt mir einen Batch, den ich oberhalb der Treppe in eine metallene Säule werfen muss. Nun erhalte ich freien Durchgang durch eine Drehtür und Zugang zum Lift. Im vierten Stock ist alles ruhig. Florian Sorg (62) trifft ein, ein sportlicher Mann mit grauen krausen Haaren. Ich hätte ihn nicht wiedererkannt. Susanne Sorg (61) kommt mir vertrauter vor: dasselbe offene Gesicht wie früher.
Erwerbsarbeit Das Paar erzählt vom letzten Lebensjahrzehnt. Wie es beiden vergönnt war, sich beruflich zu entwickeln – sie als Hauptabteilungsleiterin in der kantonalen Verwaltung, er als Redaktor bei der NZZ. Ihre Jobs machten ihnen Spaß, doch stellte sich im Laufe der Jahre der Wunsch ein, nochmals Neues anzupacken. Die Idee, wieder in den früheren Berufen Fuß zu fassen – Lehrer an der Landwirtschaftsschule bzw. Gymnasiallehrerin –, erwies sich aber als unrealistisch.
Als Susanne auf die Sechzig zuging, beschloss sie, sich im Herbst 2015 pensionieren zu lassen, »weil ich die Lust verspürte, noch etwas anderes zu machen. Ich könnte nicht zu Hause rumsitzen – das wäre nicht meine Art.« Als sie ein Angebot ihrer Wohngemeinde Lindau erhielt, für den Gemeinderat zu kandidieren, sagte sie zu. Im Frühjahr 2014 wurde sie gewählt. Aktuell überlappt dieses Mandat noch mit ihrer Berufsarbeit. »Teilweise muss ich nun meine Reserven mobilisieren. Insgesamt würde ich sagen, dass ich momentan 120 Prozent arbeite.« Neben dem erwähnten politischen Amt wird Susanne künftig auch als Präsidentin des Vereins Museum Schloss Kyburg tätig sein. Sie freut sich auch auf dieses Engagement.
Florian Sorg arbeitete seit 2000 bei der NZZ. Vor einigen Jahren reduzierte er dort sein Pensum im Rahmen einer Reorganisation von 100 auf 80 Prozent. Statt als Dienstredaktor arbeitete er wieder vermehrt im Journalismus mit Schwerpunkt auf der Berichterstattung aus Winterthur. Als er eine Anfrage des Kantonsspitals Winterthur erhielt, in der man ihm die Redaktion der neuen Hauszeitung anbot, griff er zu. »Seit Anfang März 2015 arbeite ich nun in einem 90-Prozent-Pensum dort und erstelle die Hauszeitung, die einmal im Monat erscheint.« Die neue Herausforderung macht Florian Freude und vermittelt neue Impulse. »Diese Woche konnte ich bei einer Herzoperation dabei sein. Das war super. Man kommt vielerorts an den Eintrittverbotsschildern vorbei und erhält Einblick in viele Bereiche.«

Haben die beiden Karriere gemacht? Susanne bezeichnet ihre berufliche Entwicklung nicht als geplante Karriere. »In der Staatskanzlei ist es nicht möglich, eine klassische Karriere zu machen. Ich habe aber erreicht, was ich maximal erreichen konnte.« Als einen Karriereschritt sieht sie ihre Engagements an diversen Hochschulen. »Ich habe regelmäßig an der ZHAW Winterthur und an der Uni Basel unterrichtet und konnte auch an der Uni Zürich als Gastdozentin einzelne Module übernehmen.« Für Florian war Karriere nie ein zentrales Ziel. »Ich denke, dass ich mit der NZZ weit gekommen bin. Dieser Job hat mir auch zugesagt und hatte ein gewisses Prestige. Die Umstellung auf den neuen Job war kein Karriereschritt – es ging weder rauf noch runter.«
Hausarbeit Florian leistet heute weniger Hausarbeit als seine Frau, was jedoch nicht zu Konflikten führt. »Ich mache jeden Tag irgendetwas wie Entsorgung, Altglas und darüber hinaus. Am Morgen räume ich jeweils auf, und am Abend ist halbe-halbe. Die vielen großen Sachen wie Wäsche waschen usw. erledigt Susanne. Umgekehrt repariere ich manchmal etwas oder ersetze einen Wasserhahn.« Susanne betont, mit der jetzigen Doppelaufgabe bleibe wenig Zeit übrig für den Haushalt. »Wir haben weniger Gäste als früher, aber für diese koche ich nach wie vor sehr gerne.« Seit Langem haben Susanne und Florian auch eine Putzfrau, und die Nachbarin bügelt für sie.
Betreuung der Großeltern Auch die Betreuung der eigenen Eltern, die in einer halben Stunde Distanz wohnen, absorbiert Zeit. Florians Vater ist letztes Jahr gestorben. »Wir hatten bereits damals und haben auch heute noch einen sehr intensiven Kontakt zu meiner Mutter. Ich gehe gerne hin – aber man benötigt einen halben Tag pro Woche, jeweils am Wochenende.« Susannes Eltern leben noch in ihrer Wohnung, benötigen jedoch ebenfalls Unterstützung. »Ich habe begonnen, mit ihnen zusammen Ferien zu verbringen. Ich bekoche sie, nehme sie in unser Ferienhaus mit und schaue, dass sie zurechtkommen.«
Entwicklung der Kinder Die Töchter von Susanne und Florian sind längst erwachsen. Beide fühlen sich in ihren Berufen im Element und reisen viel in der Welt umher. Annina (31) hat an der ETH ein Forstingenieurstudium absolviert. Nach dem Studienabschluss arbeitete sie drei Jahre im Forstamt des Kantons Bern und bereitete dort Rodungsbewilligungen vor. Anschließend verfasste sie ihre Doktorarbeit und weilte während dieser Zeit länger in Kirgistan und Kasachstan. Nun arbeitet sie in einem Ingenieurbüro, für das sie Baustellen für Lawinenverbauungen beurteilen und Bäume unterhalb von Hochspannungsleitungen kontrollieren muss. Es sei ein faszinierender Job, erzählen die Eltern, »sie ist mit Leib und Seele Forstingenieurin«.
Auch Loredana (29) hat einen naturverbundenen Beruf gewählt. Nach der Matura legte sie ein Zwischenjahr ein und verbrachte Zeit in Russland und in Kirgistan. Nach ihrem Agronomiestudium ist sie nun, wie die Mutter berichtet, als Mercator-Stipendiatin unterwegs: »Die ersten drei Monate verbrachte sie in Tansania bei einer Bio-Landwirtschaftsausbildungsstätte. Anschließend war sie für drei Monate bei der FAO in Rom, und momentan ist sie in die Ukraine verreist, wo sie im Bereich Bio-Landbau ihre drei letzten Monate absolviert.«
Eltern-Kind-Beziehung Nach dem Verhältnis zu ihren Kindern gefragt, meint Susanne: »Es ist sehr intensiv, freundschaftlich und offen.« Sie fährt mit ihren Töchtern auch in die Ferien und unternimmt mit ihnen Fahrradtouren. »Im Dezember haben Annina und ich Loredana in Tansania besucht. Wir sind zweieinhalb Wochen rumgereist, und Loredana hat uns das Land gezeigt. Das sind jeweils sehr intensive Phasen, in denen wir uns gut verstehen.« Susanne freut sich darüber, dass sie als ältere Frau von den jüngeren Frauen so gut integriert wird. Florian macht ähnliche Erfahrungen. »Ich empfinde es als angenehm, dass ich mich seitens unserer Töchter nie ausgeschlossen fühle. Das ist sehr wertvoll für mich. Wir gehen verschiedene Wege, haben aber ein sehr vertrautes Verhältnis.«
Bedeutung der elterlichen Rollenteilung Ob die Eltern-Kind-Beziehung durch die egalitäre Rollenteilung geprägt worden sei, beurteilen die Partner unterschiedlich. Susanne ist überzeugt »dass wir eine innigere Beziehung miteinander haben, als wenn wir ein anderes Modell gewählt hätten. Ich bin mir sicher, dass es eine andere Beziehung wäre, wenn ich Hausfrau gewesen wäre. Ich habe das Gefühl, dass ich für sie nicht jemand bin, der zu Hause nur eine Suppe zubereitet, sondern dass sie mit mir interessante Gespräche führen können.« Florian ist anderer Meinung. »Für uns war diese Lösung mit der Rollenteilung super. Ich bin jedoch der Ansicht, dass wir auch eine innige Beziehung hätten, wenn wir dieses Modell nicht gehabt hätten. Aber ich hätte etwas verpasst.«
Rückblick auf die Wahl der Rollenteilung Susanne erinnert sich: »Bei mir war es das Egalitäre. Ich wollte nicht benachteiligt sein, weil ich eine Frau bin. Ich wollte auch den beruflichen Teil des Lebens leben.« Es ging ihr auch um eine gleichberechtigte Partnerschaft. Sie war überzeugt, »dass es befriedigender ist, wenn man auf gleicher Augenhöhe miteinander spricht. Wenn man nicht in verschiedenen Welten lebt und das Gemeinsame erst suchen muss.« Florian wählte das Modell aus der Überlegung, nicht für den Rest seines Lebens gleichförmig leben zu wollen. »Andere Gründe waren mein Interesse an den Kindern und meine Experimentierfreude. Wir haben jedoch vor dem Entscheid überprüft, ob es wirklich beide möchten und keiner den Kürzeren zieht. Ansonsten hätten wir es nicht gemacht.«
Zufriedenheit mit der Rollenteilung Susanne wie Florian sind mit der egalitären Rollenteilung rückblickend sehr zufrieden. Sie würden dieses Modell wieder wählen, weil es Frauen nicht ans Haus bindet und den Männern die Möglichkeit gibt, einen Teil des Alltags mit den Kindern zu verbringen.
Florian erinnert sich aber auch an frühere Unsicherheiten: »Damals wusste ich nicht, dass es anschließend wieder vorwärtsgeht und man wieder einen Vollzeitjob finden kann. Ich habe mir aber gedacht, dass das schon klappen wird. Ich würde es wieder so machen, wenn es irgendwie aufgeht.«
Auch Susanne würde die Rollenteilung wieder wählen. »Wir waren beide von dieser Idee fasziniert. Es war ein Anspruch an uns, ob wir diese Herausforderung zusammen meistern können. Wenn wir beide das Bedürfnis nach einem 80-Prozent-Pensum gehabt hätten, hätten wir die Kinder in die Krippe geben müssen. Dann wäre eines der Ziele – dass wir viel Zeit mit den Kindern verbringen können – tangiert gewesen.«
Die beiden sind stolz auf das Erreichte. Selbstkritisch fügen sie an, das Aufstocken der Pensen auf 100 Prozent sei für die Töchter wohl etwas früh gekommen. Die beiden Jugendlichen waren damals nach der Schule oft auf sich selbst gestellt, was die Eltern aus heutiger Sicht als nicht ideal beurteilen. »Der Übergang war hart«, erzählt der Vater, »ich habe die Kinder plötzlich fast nicht mehr gesehen. Das ist für mich nicht gut gelaufen.« Susanne fragt sich, ob sie nicht dadurch, dass sie beide ihr Pensum erhöhten, »das System etwas überfordert« hätten.
Vorteile der partnerschaftlichen Rollenteilung Als wichtigsten Vorteil der partnerschaftlichen Rollenteilung nennt Susanne die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das beinhaltet für sie, »dass ich mich im Berufsleben wohlfühle. Deshalb habe ich es sehr geschätzt, dass ich nach meiner kurzen Pause wieder im Beruf einsteigen konnte.«
Auch Florian hat die Rollenkombination geschätzt. »Ich hatte eine sehr gute Zeit mit meinen Kindern, und das ist gut. Ich musste mich nicht mit Haut und Haaren an meinen Beruf verkaufen und hatte auch kein Burn-out.« Auch die Partnerschaft erhielt viele Impulse, wie Florian betont: »Wir hatten nebst allem anderen immer auch einen fachlichen Austausch. Es fließt in meine Lebensqualität ein, (zu ihr) dass du in einer spannenden Situation bist – obwohl dich dein Job nicht immer nur glücklich macht.« Einen weiteren Punkt erwähnt Florian noch: »Ich musste nicht alles Geld selbst verdienen. Ich muss nicht ›strampeln‹ wie jemand, der alleine für das Einkommen verantwortlich ist.«
Nachteile der partnerschaftlichen Rollenteilung Die Nachteile der partnerschaftlichen Rollenteilung sieht das Ehepaar Sorg vor allem bei den Werthaltungen, der beruflichen Entwicklung und den Finanzen. Die gesellschaftliche Akzeptanz des Rollenmodells sei durchzogen, meint Florian, sie verändere sich kaum. »Schlimm ist, wenn man nur als halber Mann betrachtet wird, weil man noch den Haushalt macht. In solchen Situationen bin ich extrem dünnhäutig.« Susanne findet es stoßend, »dass man mit Aussagen wie ›Ihr seid Exoten‹ oder ›Nein, das könnten wir nie machen‹ und ›Das möchten wir niemals‹ konfrontiert wird. Man hat manchmal das Gefühl, als ob man die anderen bedrohen würde.« Es komme allerdings auch vor, dass sie von gewissen Leuten als »Pionierin« bezeichnet werde. »Ich frage dann immer, warum nicht mehr Leute dieses Modell umsetzen. Ich treffe nur wenige junge Familien, die das versuchen.«
Einen weiteren Nachteil sieht Susanne darin, »dass man während der ersten Zeit viel weniger verdient. Wenn ich zurückdenke, hatten wir als Journalisten keinen hohen Lohn.« Gleichwohl sind sie dem Modell treu geblieben. »Es braucht die Zuversicht, dass es in dieser Lebensphase eigentlich keine Rolle spielt, wenn man etwas weniger Geld hat. Man kann die Arbeitspensen anschließend ja wieder aufstocken.«
Florian hat die Nachteile der Teilzeitarbeit erlebt. »Man hat über eine gewisse Zeit eine angezogene Handbremse. Man merkt, dass die Gleichaltrigen im Journalismus einen Schritt weiter sind. Es war mühsame Knochenarbeit, bis ich gleich viel erreicht hatte wie die anderen. Das war auch eine Folge des egalitären Rollenmodells.«
Blick in die Zukunft Susanne möchte ihre kulturpolitischen Engagements nach der Pensionierung noch eine Weile fortsetzen. »Anschließend möchte ich noch etwas machen, was mich geistig fit hält, eine Mischung aus Freizeit und sinnvollem Engagement.«
Florian hat im Sinn, bis 65 zu arbeiten. Nachher wünscht er sich mehr Zeit für seine Hobbys. Er spielt klassische Musik und arbeitet gerne im Garten. Das alleine wird ihn jedoch nicht ausfüllen. »Ich habe bereits mit Bauern vereinbart, dass – wenn sie jemanden zum Traktorfahren oder zum Zäunereparieren benötigen – ich das gerne für sie mache. Ich könnte mir auch vorstellen, zweimal in der Woche bei einem Fahrradmechaniker auszuhelfen.« Er habe in seinem Berufsleben genügend Papier gesehen, betont Florian. »Eines meiner Ziele wäre, dass ich mir morgens manchmal einen Arbeitskittel anziehen kann.«

RITA SCHOLL BORN UND JÜRG BORN
»Manchmal machen sie Witze darüber, dass bei uns alles ein wenig speziell war«
Rita Scholl Born (57) und Jürg Born (57) wohnen in einem Einfamilien- und Reihenhausquartier am Rande von Münsingen. Ihr Zuhause ist stilvoll eingerichtet, die Räume sind hell und großzügig. Im Garten zieht eine Holzskulptur meinen Blick auf sich – wie ich später erfahre, hat Jürg sie mit der Motorsäge gestaltet. Im Übrigen ist hier ein romantisches Paradies: Quer übers Gartenende zieht sich eine üppige Glyzinie, und neben der Balkontüre blüht, einem Schwarm Schmetterlinge gleich, eine riesige violett-bläuliche Clematis.
Berufliche Entwicklungen Rita hat nach wie vor ihre 50-Prozent-Stelle bei der Berner Gesundheit und arbeitet dort als Therapeutin im Bereich Sucht. Seit etwa zehn Jahren arbeitet sie – auf freiberuflicher Basis – auch in einer psychotherapeutischen Praxisgemeinschaft. Sie bietet dort Einzel- und Paartherapien an. Seit sieben Jahren leitet sie zudem Kurse und Fortbildungen im Bereich »Stressbewältigung durch Achtsamkeit«. »Es ist immer ein wenig schwierig, all diese Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen«, gesteht Rita. »Über das ganze Jahr verteilt arbeite ich zwischen 70 und 80 Prozent.«
Jürg arbeitet seit Längerem auf selbstständiger Basis. Auch sein Pensum beträgt, übers Jahr gesehen, 70 bis 80 Prozent. Zwei Drittel seiner Arbeitszeit entfallen auf die Bereiche Supervision, Coaching, Teamentwicklung. »Bei der Teamentwicklung reicht das Spektrum von Kita-Teams bis hin zum Strafmaßnahmenvollzug. Das restliche Drittel besteht aus der Erwachsenenbildung, wo ich an verschiedenen Instituten Ausbildner für Erwachsene ausbilde.«
Viel erreicht Beide sind sehr zufrieden mit dem im Beruf Erreichten. Mit einem 50-Prozent-Pensum sei man ausgeschlossen vom üblichen Karrieremachen, meint Jürg. »Wenn ich jedoch reflektiere, was ich alles machen konnte, finde ich es optimal. Ich arbeite weniger Stunden als der durchschnittliche Schweizer und verdiene mehr als der Durchschnitt. Insgesamt fühle mich privilegiert.«
Für Rita bedeutet Karriere nicht nur beruflichen Aufstieg und das Erlangen höherer Positionen. »Ich definiere Karriere dadurch, dass ich jenen Tätigkeiten nachgehen kann, die ich gern mache, in denen ich anständig bezahlt werde und in denen viel Selbstbestimmung liegt.«
Berufliche Zukunft Beide gehen auf die Sechzig zu – ein Anlass, das Rentenalter zu reflektieren. Jürg fixiert sich nicht darauf, mit 65 in Pension zu gehen. »Ab 65 kann ich mir gut vorstellen, weiterhin einzelne Mandate zu betreuen, sicher mit reduziertem Pensum.« Rita denkt daran, ihre Anstellung spätestens mit der Pensionierung aufzulösen. »Ich arbeite in diesem 50-Prozent-Pensum unter guten Bedingungen – es ist nicht so, dass ich leiden würde. Trotzdem möchte ich künftig mehr Zeit in meine anderen Aktivitäten investieren. Ich werde so lange selbstständig weiterarbeiten, wie ich Lust dazu habe und es mir Freude bereitet.«
Finanzielle Absicherung fürs Alter Die Kinder von Rita und Jürg sind in Ausbildung und generieren dadurch hohe Fixkosten. »Wir haben gemerkt«, sagt Rita, »dass mein 50-Prozent-Pensum die einzige fixe Stelle ist, die wir haben.« Darum ist dieses Einkommen nach wie vor wichtig, auch für die Alterssicherung. »Wir konnten etwas erwirtschaften«, berichtet Jürg, »aber im Vergleich zu heute werden wir im Alter gewisse Einsparungen vornehmen müssen – wir werden nicht im Luxus leben. Gerade wegen der Altersvorsorge habe ich das Gefühl, dass ich später noch Mandate betreuen werde.«
Hausarbeitsteilung »Seit die Kinder weg sind«, berichtet Rita, »kommt die Putzfrau nur noch einmal alle zwei Wochen. Es fällt in jedem Bereich deutlich weniger Arbeit an. Ich empfinde die Arbeitsteilung zwischen mir und Jürg nicht als konfliktreich.« Jürg ergänzt, die Hausarbeitsteilung habe sich im Zeitverlauf total eingependelt. »Es gibt Dinge, die ich regelmäßig mache, und Dinge, die Rita häufiger macht. Obwohl ich auch koche, bügle und einkaufe, ist für mich klar, dass Rita innerhalb des Hauses mehr leistet als ich.«
Rita putzt, wenn ihr danach zumute ist. »Wenn ich zu Hause bin, denke ich mir manchmal, dass ich den ganzen Tag mit dem Kopf gearbeitet habe und es für mich nicht stressig ist, noch kurz mit dem Staubsauger durchs Haus zu gehen.«
Entwicklung der Kinder Tochter Lea hat das Gymnasium absolviert und anschließend in Freiburg ihr Studium in Medien- und Kommunikationswissenschaft begonnen. Im letzten Jahr hat sie ihren Bachelor abgeschlossen und macht seit einem halben Jahr ein Praktikum bei der Event-Agentur Good News in Zürich. Zwischenzeitlich war sie längere Zeit im Ausland. Diese Aufenthalte dienten jeweils dem Erlernen von Sprachen. Lea wohnt in einer Wohngemeinschaft in Bern.
Tim hat ebenfalls das Gymnasium absolviert und studiert in Bern Sozialwissenschaften. Sein Plan ist es, im Sommer mit dem Bachelor abzuschließen. Die Prüfungen dazu hat er bereits absolviert, er muss aber noch eine Arbeit schreiben. Momentan ist Tim für einen Monat in Peru.
Wie der Vater berichtet, prüfen beide Kinder die Möglichkeit eines Master-Studiums. »Seit Kurzem ist es für beide eine Option. Tim muss zwischendurch noch seinen Zivildienst absolvieren. Es ist möglich, dass beide nächsten Sommer mit ihrem Master-Studium beginnen werden.« Die Mutter ergänzt: »Lea möchte Teilzeit studieren und nebenher arbeiten. Sie sagt, dass sie durch das Arbeiten merkt, weshalb sie studiert.«
Tim und Lea tragen beide dazu bei, ihr Studium zu finanzieren. »Beide wollten in eine Wohngemeinschaft«, erinnert sich Rita. »Wir haben zu ihnen gesagt, dass sie so viel Geld von uns erhalten, wie sie zu Hause kosten würden. Ich war der Ansicht, dass man von hier aus nach Bern pendeln könnte. Aber den Kindern war es wichtig, zu Hause auszuziehen, und sie wussten, dass sie dafür einen Job brauchten.« Solche Gelegenheiten haben sie auch gefunden. Dreimal in der Woche arbeitet Tim für den »Berner Landboten« und macht Kundendienst oder nimmt Inserate entgegen. Und Lea hat über Jahre hinweg im Service gearbeitet.
Beziehung zwischen Eltern und Kindern Die Beziehung zu den Kindern lebt nach Aussage der Mutter stark von spontanen Anlässen. »Es ist nicht so, dass wir fixe Treffen wie beispielsweise ein Abendessen jeden Sonntag oder ein fixes Telefonat in der Woche vereinbart hätten. Ich bin der Ansicht, dass die Kinder ihren Freiraum brauchen.« Dies ist kein Hindernis, zu beiden Kinder verbindliche, lebendige Beziehungen zu pflegen. »Es läuft sehr viel über den Austausch«, erklärt Rita, »über Anteilnahme an dem, was gerade aktuell ist.« Eltern und Kinder verbringen auch Skiferien zusammen oder unternehmen andere Aktivitäten. »Es gibt viele erlebnisorientierte Sachen wie einen Kinobesuch, Musicalbesuche oder ein Wochenende, verbunden mit Filmnächten, in Locarno.«
Auch Jürg erlebt die Beziehung zu seinen Kindern als tragfähig und bereichernd. »Vor zwei Jahren haben Tim und ich mit Golfspielen begonnen. Wir haben beide bei null angefangen und entwickeln uns nun zusammen weiter. Dadurch ergeben sich schöne Gelegenheiten, bei denen ich mit Tim über Gott und die Welt spreche.« Mit Lea hat Jürg weniger direkten, persönlichen Kontakt. »Seit sie in Zürich arbeitet, hat sie fast keine Zeit mehr. Wir telefonieren oder schreiben SMS, oder Lea schickt mir eine Mail, wenn sie ein administratives Problem lösen möchte.«
Kinder und Rollenteilung Die frühere Rollenteilung ist gemäß Rita kein großes Gesprächsthema zwischen Eltern und Kindern. »Manchmal machen sie Witze darüber, dass bei uns alles ein wenig speziell war. Sie witzeln zum Beispiel darüber, dass fast keine anderen Kinder mit diesem Rollenteilungsmodell aufgewachsen sind. Ich denke aber, dass sie es grundsätzlich gut finden, dass wir beide zu Hause gewesen und beide einer beruflichen Tätigkeit nachgegangen sind.«
Spezielle Prägungen als Folge ihres Rollenmodells erkennt Rita am ehesten im Bereich der Sozialkompetenzen: »Beide Kinder haben die Fähigkeit, mit sehr unterschiedlichen Personen umzugehen und zusammenzuleben. In der Wohngemeinschaft von Lea hat es viele Wechsel gegeben«, was ihr nach Aussage der Mutter keinerlei Mühe bereitete. Auch beim Sohn gab es Wechsel innerhalb der Wohngemeinschaft. »Das hat Tim überhaupt nicht gestresst. Er hat gesagt, dass er einen neuen Wohngemeinschaftsmitbewohner finden wird und dass er mit verschiedenen Leuten zusammenleben kann.«
Verwendung der freien Zeit Die Kinder sind ausgezogen, wodurch freie Zeit entstanden ist. Einen Teil davon hat Rita in ihre Arbeit investiert, den anderen Teil nutzt sie, »um Sport zu treiben oder spontan am Abend auszugehen und mich mit Freundinnen zu treffen. Ich genieße auch die ruhige Zeit zu Hause.« Jürg übte neben seinem Beruf viele Jahre auch amtliche Tätigkeiten aus. Diese Engagements hat er etwas abgebaut. »In der jetzigen Phase habe ich das Gefühl, dass ich mehr Zeit mit Rita verbringe. Wir unternehmen heute viel mehr zusammen – manchmal geplant und manchmal spontan. Ich nehme mir auch mehr Zeit für mich.«
Zufriedenheit mit der Rollenteilung Wie zufrieden ist das Paar mit der von ihm praktizierten Rollenteilung? »Über den ganzen Zeitraum hinweggesehen«, meint Rita, »bin ich sehr zufrieden. Es gab aber Phasen, in denen wir sehr viel leisten mussten und wenig Luft zum Atmen blieb. Trotzdem habe ich immer gewusst, dass das Traditionelle für mich nicht gut gewesen wäre.« Die Konsequenzen des traditionellen Modells kennt Rita aus ihrer Praxis. »Es begegnen mir viele Frauen, die im Alter, wenn die Kinder erwachsen und nicht mehr zu Hause sind, in eine massive Krise stürzen. Sie haben keinen Lebensinhalt mehr und wissen nichts mit sich selbst anzufangen.«
Auch Jürg findet die egalitäre Rollenteilung ein gutes Modell. »Ich würde es wieder gleich machen. Ich habe das Gefühl, dass ich durch dieses Modell eine andere Beziehung zu meinen Kindern aufbauen konnte, als ich es mit einem 120-Prozent-Job hätte machen können. Das weiß ich sehr zu schätzen.« Doch auch er erinnert sich an belastende Zeiten. »Durch das Aufstocken der Arbeitszeit – bei mir mit meiner Selbstständigkeit und bei Rita mit ihren Zusätzen – hatte ich phasenweise das Gefühl, dass alles sehr, sehr dicht wurde.«
Rita betont, sie würde das Modell wieder wählen, den Mutterschaftsurlaub aber erheblich verlängern. »Diese ganze Phase mit Stillen, wenig Schlaf und Nebenher-Arbeiten würde ich nicht nochmals wiederholen.« Jürg kann den Wunsch seiner Frau nachvollziehen, äußert aber auch Vorbehalte. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich den gleichen Zugang zu den Kindern hätte, wenn Rita nach den Geburten ein volles Jahr zu Hause verbracht hätte. Man muss aufpassen, dass der Mann den Zugang zu den Kindern nicht verliert und umgekehrt. Im ersten Jahr passiert diesbezüglich sehr viel.«
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen Haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Wahl des egalitären Rollenmodells im Zeitverlauf verbessert? Ja, denkt Rita Scholl Born, es seien zumindest mehr junge Männer mit kleinen Kindern unterwegs als früher. Gleichzeitig fällt ihr auf, dass sehr wenige Paare die partnerschaftliche Rollenteilung wählen. Im Beratungskontext begegnen ihr junge Frauen, »die vor ihrer Heirat aufgrund der Kinderfrage ›die Krise schieben‹. Sie haben von ihren Eltern nur die traditionelle Rollenteilung kennengelernt und kennen kein alternatives Modell. Das macht ihnen Angst.«
Jürg war phasenweise stark in der Väterszene tätig und in einem schweizerischen Gremium engagiert. Er bezweifelt, dass sich die gesellschaftlichen Umstände zum Vorteil des egalitären Modells gewandelt haben. »Ich bin mir nicht sicher, welche Berufsgruppen sich heute ein 50:50-Modell leisten können. Wenn man ein Eigentum besitzt, ein Auto und eine Krankenkasse hat und alle Bedürfnisse befriedigen will, die vorhanden sind, wird es eng.« Jürg bedauert, dass seitens der Unternehmen nur ein kleines Spektrum an Arbeitszeitmodellen angeboten wird. »Viele Männer möchten Teilzeit arbeiten. Untersuchungen zeigen aber, dass viele ihre Freizeit dazu nutzen möchten, um ihren Hobbys nachzugehen. Es gibt auch solche, die mehr Zeit mit den Kindern verbringen möchten, jedoch nicht zwingend in einem 50:50-Modell.«
Rita und Jürg haben ihre Kinder, als sie klein waren, weitgehend selbst betreut. Über familienergänzende Kinderbetreuung denken sie eher kritisch. »Ich habe jüngere Kolleginnen«, erzählt Rita, »die unter Kita-Stress leiden. Bevor sie morgens zur Arbeit kommen, müssen sie die Kinder zur Kita bringen, und am Abend müssen sie aus der Sitzung raus, um die Kinder rechtzeitig abzuholen. Entweder erledigt dies die Frau oder der Mann. Es braucht viel Aufwand, damit alles gut läuft.« Auch Jürg sieht durch seine berufliche Tätigkeit in viele Kitas hinein. »Es bräuchte noch mehr davon, und die Leute dort machen ihre Arbeit gut«, sagt er anerkennend, ergänzt dann aber: »Ich höre jedoch immer wieder vom Stress der Eltern. Das ist für die Kinder nicht förderlich.«
JEANNETTE SCHWAGER UND RENÉ MEIER
»Was ich an dieser Lösung immer geschätzt habe, ist die Abwechslung«
Fahrt mit dem Bus vom Bahnhof Luzern nach Littau. Hier typisch Agglomeration: Gewerbe, Industrie, alte Genossenschaftshäuser, neue Mehrfamilienhäuser. An der Haltestelle »Blattenmoos« steige ich aus und erkundige mich nach der »Zimmeregg«. Ganz einfach: quer übers Schulareal und dann nach oben. Hinter den großen Mehrfamilienhäusern, in Waldnähe, befindet sich die Reihenhaussiedlung, in der Jeannette Schwager und René Meier seit bald drei Jahrzehnten wohnen.
Erwerbsarbeit Jeannette Schwager (60) und René Meier (64) sind immer noch bei den gleichen Arbeitgebern tätig wie 2004 – sie in der Verwaltung des Kantons Luzern, er bei der SUVA. Sein Job als Organisator und Informatikspezialist ist nach wie vor derselbe. »Ich arbeite immer noch 60 Prozent bei der SUVA und habe dieses Jahr mein 35. Dienstjahr. Das wird sich auch nicht mehr ändern; in etwa einem Jahr werde ich ordentlich pensioniert.« Neben seinem Haupterwerb ist René noch in der Bildungskommission des Stadtparlaments Luzern engagiert. »Der Donnerstag ist jeweils der Parlamentstag, an dem Kommissions- und Parlamentssitzungen stattfinden. Mit den Sitzungsvorbereitungen zusammen bemisst sich mein Pensum auf rund 20 Prozent.«
Jeannette hat über die letzten Jahre ihr Arbeitspensum sukzessive aufgestockt, zuerst auf 80 Prozent, dann auf 90 Prozent und schließlich auf 100 Prozent. Sie hat zudem einen Wechsel vom Bildungs- ins Finanzdepartement vorgenommen. »Zwischenzeitlich habe ich Weiterbildungen absolviert und arbeite nun seit 2001 als Bereichsleiterin im Controllingdienst.«
Entwicklungen im Beruf René arbeitet bei der SUVA in einer Stabsstelle. In den letzten Jahren erlebte er einige Veränderungen aufgrund von Organisationsentwicklungen. Obwohl er nicht mehr in derselben Abteilung arbeitet wie früher, hat er rückblickend den Eindruck, »dass diese Arbeit für mich gut war. Ich hatte das Glück, dass ich trotz meinem Teilzeitpensum immer einen Job hatte, der für mich spannend war und mich gefordert hat. Ich wurde nicht auf ein Abstellgleis gestellt.«
Jeannette hat im Laufe der Zeit eine große berufliche Entwicklung durchlaufen. »Wenn ich mir anschaue, wie ich als junge Lehrerin begonnen habe und wo ich heute stehe, habe ich das Gefühl, dass ich jetzt einen sehr spannenden Beruf habe. Ich hatte oft die Chance, zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Leute zu treffen, die meine berufliche Entwicklung ermöglicht haben.« In den letzten Jahren haben sich beide ausschließlich »on the job« weitergebildet. Mit ihren Tätigkeiten sind sie aber nach wie vor zufrieden.

Akzeptanz der Teilzeitarbeit Beide Partner stellen fest, dass die Akzeptanz von Teilzeitarbeit gestiegen ist. An Jeannettes Arbeitsplatz arbeiten viele Mitarbeitende Teilzeit. »Bei Frauen wie Männern geht es um die Kombination von Familie und Beruf. Bei den Männern stelle ich fest, dass das Teilzeitpensum meist 80 Prozent beträgt, das sind junge Väter. Frauen mit Familie arbeiten eher Teilzeit unter 60 Prozent, manchmal 50 Prozent. Das wird problemlos akzeptiert.« René ergänzt, auch die SUVA habe »über die letzten Jahre eine große Entwicklung gemacht. Heute ist sehr vieles möglich, was vor zwanzig Jahren noch exotisch gewesen wäre. Die Förderung von Vereinbarkeit ist bei der SUVA ein Teil der Personalstrategie.«
Die Flexibilität sei heute sehr groß, meint René, hänge aber von den einzelnen Führungspersonen ab. »Die Unternehmung an sich lässt vieles zu. Ob es die direkten Vorgesetzten zulassen, bedarf eines Aushandlungsprozesses.«
Teilzeitarbeit in Karrierepositionen? Auf die Frage, ob Teilzeitarbeit in Kaderpositionen nach wie vor schwierig sei, meint René: »Ob es so ist, weiß ich nicht, aber es wird so angeschaut, ja.« In Jeannettes Umfeld hingegen »ist es durchaus möglich, im Kader Teilzeit zu arbeiten«. Sie nennt vier Beispiele für Teilzeit Arbeitende in anspruchsvollen Tätigkeiten. Ganz ohne Einschränkungen geht auch das anscheinend nicht. »Wenn ich von Teilzeit spreche, fällt mir auf, dass es bei Teilzeitarbeit in einer Kaderposition vermutlich nicht tiefer als 80 Prozent geht.«
Perspektiven Der Berufsalltag bei Schwager-Meiers verläuft in geordneten Bahnen. Beide sind auf der Zielgeraden ins Rentenalter. Im letzten Interview, vor elf Jahren, äußerte René noch die Idee, über die Pensionierung hinaus weiterzuarbeiten. Davon will er nichts mehr wissen. »Heute passt es für mich, mit 65 Jahren pensioniert zu werden. Im Freiwilligenbereich gibt es noch viele unausgereifte Projekte; ich werde mich bestimmt wieder irgendwo engagieren.«
Nutzung der Freizeit René hat durch sein 60-Prozent-Pensum zwei Tage in der Woche einen organisatorischen Freiraum, den er auch nutzt. »Wenn ich an einem Donnerstag keine Parlamentssitzungen habe und es schönes Wetter ist, nehme ich mein Fahrrad und mache eine Tour. Man muss auch den Mut haben, sich zu sagen, dass man nur einmal lebt und seine Zeit nutzen will. Als die intensive Betreuungsphase vorbei war, habe ich mein Pensum deshalb auch nicht erhöht.«
Auch Jeannette leistet sich ab und zu etwas Besonderes. »Als ich fünfzig Jahre alt wurde, habe ich mir eine größere Reise geschenkt. Das war damals möglich, weil ich wusste, dass zu Hause alles rundläuft. Die beiden Männer können die Hausarbeit selbst erledigen, und ich kann das Haus für längere Zeit verlassen, ohne dass ich etwas organisieren muss.«
Rollenteilung Die Rollenteilung funktioniert nach wie vor zur beiderseitigen Zufriedenheit, obwohl René den Haushalt nun weitgehend alleine erledigt. Er betrachtet dies als Ausgleich für das höhere Arbeitspensum von Jeannette. »Ich mache sicher mehr – nicht alles gleich gerne. Was ich an dieser Lösung immer geschätzt habe, ist die Abwechslung. Nebst der Berufsarbeit erledigt man mit dem Haushalt eine ganz andere Arbeit. Für mich passt das so.« Jeannette engagiert sich in Bereichen, die ihr speziell am Herzen liegen. »Die Gartenarbeit«, erklärt sie, »hilft mir, mich zu erholen.« Sie ist René speziell dankbar dafür, dass er ihr die Pflege von sozialen Kontakten abnimmt, für die sie keine Zeit habe. »Das Besuchen von Bekannten in Pflegeheimen oder von Freundinnen, die krank sind. Das sind Sachen, die René macht und nicht ich.«
Wird sich der Haushalt nach Renés Pensionierung verändern? Jeannette rechnet nicht damit. »Beide kennen die Küche und den Haushalt. Ich mache mir keine Sorgen, dass wir uns nicht miteinander absprechen können und einander in die Quere kommen.« – »Es wird ein Aushandeln sein«, vermutet René, »eine Feinanpassung, wer was macht. Ich gehe davon aus, dass wir die Arbeit nach sinnvollen Kriterien, zum Beispiel Vorlieben, aufteilen werden.«
Was ist aus dem Sohn N. geworden? Sohn N., 25, hat in Genf politische Wissenschaften studiert und den Bachelor erworben. Jeannette hat hautnah erlebt, wie spannend diese Studienrichtung ist. »Während der Jahre des Studiums wie auch nachher hörte N. regelmäßig politische Sendungen auf Deutsch, Französisch oder Englisch. Er hat diese drei Jahre durchgezogen und weiß mehr über das politische Weltgeschehen als wir.« Während des Studiums wohnte N. in Wohngemeinschaften. Nun leistet er Zivildienst in einer gemeinnützigen Organisation und wohnt wieder zu Hause. Nachher wird er ein Master-Studium in den Bereichen Verwaltung, Ökonomie und Recht in Angriff nehmen. Fast scheint es, er möchte in die Fußstapfen seiner Eltern treten.
Die Eltern beschreiben die Beziehung zu ihrem Sohn als anregend und vertrauensvoll. »N. wollte früh eigenständig sein«, betont der Vater, »aber, wenn es ihm nicht gut geht oder wenn ihn etwas beschäftigt, sucht er das Gespräch. Wenn er sich über etwas ärgert oder ihn etwas beschäftigt, erzählt er das.« Die Mutter ergänzt: »Oder er ruft uns an, wenn eine Liebesbeziehung auseinandergebrochen ist.«
Das Elternpaar Schwager/Meier hat seinen Sohn früher maßgeblich selbst betreut. Beide waren anfänglich 60 Prozent erwerbstätig. Gleichzeitig vernetzte es sich mit anderen Eltern und organisierte einen Kindertausch. Jeannette freut sich, dass diese Beziehungen nach wie vor lebendig sind. »In den drei Familien, die sich damals vernetzt haben, bestehen die Freundschaften zwischen den Kindern nach wie vor. Es gibt immer wieder verschiedene Phasen der Begegnung und auch einen Austausch zwischen den Eltern.«
Hausarbeit und Rollenprägung des Sohnes N.s Beteiligung an der Hausarbeit ist nicht allzu intensiv und muss von den Eltern immer wieder eingefordert werden. »Zurzeit ist es so«, beschreibt Jeannette, »dass wir immer wieder miteinander absprechen, wer was erledigt. N. ist nicht jemand, der sich für das Erledigen der Hausarbeit anbietet, man muss ihn immer wieder auf seine Aufgaben hinweisen.« René ergänzt: »Das Einzige, was wir geschafft haben, ist, dass er seine eigene Wäsche wäscht. Wir haben einfach aufgehört, ihm die Wäsche zu waschen. Ansonsten erledigt er alles nur aufgrund von Vereinbarungen und wenn wir ihn pushen.« Offensichtlich prallen unterschiedliche Standards und Werte aufeinander. »N. sagt, dass wir bezüglich Ordnung, Reinlichkeit usw. viel zu hohe Ansprüche haben«, erzählt die Mutter. Grundsätzlich ist sie aber von N.s Haushaltstauglichkeit überzeugt. »Ich konnte beobachten, dass er in der Zweierwohngemeinschaft sowohl gekocht als auch geputzt hat.« Der Vater sieht das auch so. »N. könnte bestimmt gut alleine leben und einen Haushalt führen. Er kann kochen, putzen und Wäsche waschen, und er macht es auch, wenn es notwendig ist.«
Jeannette und René wissen nicht, wie N. ihre (frühere) Arbeitsteilung erlebt hat. Sie vermuten, er habe ihr Modell nicht groß reflektiert; es sei für ihn die Normalität gewesen. Auch im Moment scheint Rollenteilung für den Sohn kein Thema zu sein. Im Vordergrund stehen Bildungs- und Berufsfragen. Jeannette denkt aber, »dass N. durch seinen Wohngemeinschaftsmitbewohner festgestellt hat, dass er einen anderen Background bezüglich der Fähigkeiten und des Wissens hat, die wir ihm mitgegeben haben«.
Rückblick auf die Anfänge des Modells Der Entscheid zur partnerschaftlichen Rollenteilung beruhte stark auf Jeannettes Initiative. »Ich konnte mir zu jener Zeit nicht vorstellen, vollberuflich Hausfrau und Mutter zu sein. Mein Wunsch war, dass ich neben der Familie auch am Berufsleben teilnehmen konnte – das war mir immer sehr wichtig.«
René räumt ein, die egalitäre Rollenteilung sei nicht von Anfang an sein Modell gewesen. »Aber ich konnte mir vorstellen, dass ich an der Erziehungsaufgabe und allem Drum und Dran wie Hausarbeit usw. teilhabe. Bereits in den Anfängen habe ich dieses Modell mit dem Rollenwechsel interessant gefunden.«
Wiederwahl des Modells Sollte sich die Frage der Familiengründung erneut stellen, würde Jeannette »sicher wieder im Beruf bleiben. Ich sehe, dass es heute mit den Kinderkrippen und den schulergänzenden Betreuungsmöglichkeiten ganz andere Möglichkeiten gibt, als wir sie hatten. Bei uns hat es die noch nicht gegeben, und die Organisation war jeweils stressig. Ich musste mich immer rechtfertigen, wer sich um mein Kind kümmert, wenn ich an der Arbeit bin.« In der heutigen Zeit würde Jeannette »beruflich nicht mehr so stark reduzieren und mehr auf Fremdbetreuung setzen. Für mich wären 80 Prozent eine Lösung.« René betont, er würde nicht ganz auf Fremdbetreuung setzen. »Aus meiner persönlichen Erfahrung würde ich sagen, dass eine 40-prozentige Stellenprozentreduktion – auf ein 60-Prozent-Pensum – spannend ist. Diese Reduktion ist natürlich abhängig von der Realisierbarkeit und den beruflichen Möglichkeiten. Ich würde mindestens um 20 Prozent reduzieren, ansonsten fehlt Zeit für die Familienarbeit.«
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen Zur gesellschaftlichen Akzeptanz neuer Rollenmodelle meint René: »Für meine jüngeren Kollegen, die Kinder haben, ist es ein Thema, dass sie ihr Arbeitspensum reduzieren können. Für viele ist es selbstverständlich oder erstrebenswert, in der Haus- und Familienarbeit eine Rolle zu übernehmen. Es ist zumindest ein Thema – vor 25 Jahren war es das für die meisten noch nicht.« René vermutet, dass die Diskussion um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel noch an Bedeutung gewinnen wird.
In früheren Jahren war René auch Co-Präsident des Vereins Fachstelle UND, die sich genau für dieses Thema einsetzt. Wie denkt er über die Voraussetzungen der egalitären Rollenteilung? »Ich denke, dass die Lohnfrage eine wesentliche Rahmenbedingung ist. Wenn es große Lohndifferenzen zwischen dem einen und dem anderen Einkommen gibt, ist diese Rollenteilung viel schwieriger zu organisieren, als wenn die Unterschiede relativ gering sind.« Auch die beruflichen Ambitionen beeinflussen seines Erachtens die Realisierbarkeit. »Die Karrierechancen sind größer, wenn man 100 Prozent arbeitet. Aber es ist nicht unmöglich, auch sonst Karriere zu machen. Letztlich muss der oder die direkte Vorgesetzte davon überzeugt werden, dass man mit 60 oder 80 Prozent einen guten Job macht.«
René wünscht sich auch den Ausbau des familienergänzenden Kinderbetreuungsangebots – zu angemessenen Preisen. »Neben diesen Varianten gibt es immer noch die Möglichkeit, sich mit anderen Eltern und den Großeltern zu vernetzen. Wir hatten ein größeres Netzwerk, um so etwas zu organisieren.«

HILDEGARD UND ADRIAN KAUFMANN
»Beziehungspflege ist das Zentrale in unserem Leben«
Mein Gespräch mit den Kaufmanns findet nicht in ihrer Wohnung statt, sondern in der Praxis von Adrian Kaufmann, der beim Bahnhof Zug als Psychotherapeut tätig ist. Er und seine Frau Hildegard haben über Mittag zum Arbeitslunch geladen. Die beiden sind eben sechzig geworden, wirken aber viel jünger und außerordentlich vital. Sonnengebräunt auch, denn sie sind eben von einem Aufenthalt bei ihrem Sohn in Südfrankreich zurückgekommen.
Berufliche Entwicklungen Adrian hat in den letzten fünfzehn Jahren sukzessive seine Praxis auf- und ausgebaut. Er ist jetzt so gut ausgelastet, dass er keine neuen Patienten mehr annehmen kann. Seine Arbeit gefällt ihm nach wie vor, und er kann sich gut vorstellen, übers offizielle Rentenalter hinaus tätig zu bleiben. »Grundsätzlich sehe ich es als Option, bis siebzig weiterzuarbeiten.«
Hildegard ist in einem Pensum zwischen 62 und 70 Prozent als Sekundarlehrerin tätig, daneben auch als Supervisorin und Coach. Sie unterrichtet Sprachen und Lebenskunde. Seit Langem ist sie auch Klassenlehrerin, was sie immer mehr beansprucht. Selbst mit einem Teilzeitpensum stößt sie in dieser Funktion manchmal an ihre Belastungsgrenzen. Trotzdem hat sie nach wie vor das Bedürfnis, mitzuwirken. »Ich bin nicht jemand, der nur am Spielfeldrand steht und zuschaut. Mir ist es wichtig, die Arbeit mitzugestalten. Es ist aber der letzte Klassenzug, den ich als Klassenlehrerin betreuen werde. Ich bin kontinuierlich daran, mich von dieser Rolle zu verabschieden.« Andere Aufgaben wird sie aber beibehalten. »Ich könnte mir vorstellen, die Supervisions- und Beratungsarbeit bis siebzig weiterzuführen – wenn ich so fit bleibe, wie ich mich fühle, oder wenn es noch realisierbar bleibt.«
Weiterbildung als Grundlage beruflicher Entwicklung 2007 bis 2010 hat Hildegard Kaufmann noch die Ausbildung zur Supervisorin und Coachin absolviert. »Durch diese Ausbildung wurden mir meine Fähigkeiten, die ich in der Schule zu wenig ausleben kann, bestätigt.« Soweit dies neben ihrer Erwerbstätigkeit möglich ist, arbeitet nun auch sie in einer eigenen Praxis. Auch für Adrian ist Weiterbildung ein Thema. »Ich absolviere laufend Weiterbildungen, die das, was ich bereits an Grundlagen besitze, ergänzen.« Vieles lernt er auch »on the job«. »Meine Arbeit ist sehr vielseitig und in sich eine laufende Weiterbildung. Mit jedem persönlichen Kontakt, den ich aufbauen und begleiten kann, lerne ich weiter dazu. Das ist für mich das Schöne an dieser Arbeit.«
Karriere gemacht? Betrachten die beiden ihren beruflichen Werdegang als »Karriere«? Adrian hat diesbezüglich eine eigene Definition. »Wenn ich die Gemeinschaftspraxis als meinen Arbeitsbereich betrachte, kann ich Karriere so definieren, dass ich gefragt bin. Ich bin eigentlich immer ausgebucht. Mehr kann man sich in einem solchen Feld gar nicht wünschen.« Hildegard hingegen verneint, Karriere gemacht zu haben: »Das war für mich nie erstrebenswert.«
Vorgeschichte der partnerschaftlichen Rollenteilung Warum hat sich das Paar seinerzeit für die partnerschaftliche Rollenteilung entschieden? »Für mich stand die Beziehung im Zentrum«, erklärt Adrian. »Beziehungen erfüllen das Leben. Ich habe deshalb bewusst auf vieles verzichtet, was ich als weniger wichtig empfunden habe.« Im Zentrum von Hildegards Interesse »standen die Kinderbetreuung und das Leben mit den Kindern«. Sie war in einer Familie mit traditioneller Rollenteilung aufgewachsen. Selbst so zu leben, war für sie eine »Horrorvorstellung«: »Ich hatte lange gearbeitet und wollte das auch weiterhin tun. Ich wusste auch, dass Adrian diese Praxis aufbauen möchte und dass er das Talent dazu besaß, sich als Psychotherapeut durchzusetzen.«
Hausarbeitsteilung Seit die Kinder ausgeflogen sind, lebt das Paar wieder zu zweit. Da Adrian 100 Prozent arbeitet, kann er nicht mehr so viel wie früher zum Haushalt beitragen. »Aber ich erledige den Einkauf, mache die Wäsche, bügle und staubsauge. Ich bereite das Mittagessen zu – das sind meine Jobs. Die Zubereitung des Nachtessens haben wir etwa 50:50 aufgeteilt.« Hildegard anerkennt, dass ihr Mann sehr viel macht und dass sie sich im Haushalt gut ergänzen. »Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie wir die Sachen ohne viele Absprachen erledigen können. Er beginnt, und ich mache weiter, oder umgekehrt. Es ist ein Hand-in-Hand-Arbeiten.« Nach wie vor hat Hildegard einen Wunsch. »Ich hätte sehr gerne eine Putzfrau.«
Die Kinder stehen auf eigenen Beinen Die Kinder der Kaufmanns sind vor einigen Jahren zu Hause ausgezogen und längst selbstständig. Nuria (30) hat Psychologie studiert, den Master gemacht und auch doktoriert. Aktuell arbeitet sie in der psychiatrischen Klinik Kilchberg. Sie ist mit einem Informatiker verheiratet und wünscht sich bald eine Familie. Illias (28) hat dieselbe Berufswahl getroffen wie seine Schwester und ebenfalls einen Master erworben. Er arbeitet aktuell als Psychologe an einer Institution für Suchtkranke in Montpellier. »Bei Ilias habe ich nie damit gerechnet, dass er irgendwann im Ausland leben wird«, erzählt die Mutter. »Das war ein weiterer Schritt des Loslassens.« Ihr Sohn ist mit einer Französin liiert und hat mit ihr den PACS[6] vereinbart, eine Art Heirat, die aber weniger verbindlich ist als eine Ehe.
Was den Eltern an ihren Kindern besonders auffällt, ist deren hohe Sozialkompetenz. »Sie zeigen viel Fürsorglichkeit«, erzählt die Mutter. »Nuria ist wie eine Insel in Zürich. Alle übernachten immer wieder bei ihr. Ich weiß manchmal fast nicht, wie sie neben dem hohen Arbeitspensum und der Weiterbildung noch ihren Freundeskreis pflegen kann.« Auch die Kinder und ihre Partner haben im Übrigen eine partnerschaftliche Rollenauffassung. »Es ist bei den Jungen selbstverständlich, dass man die Aufgaben teilt. Das haben sie auch schon früher in ihren Wohngemeinschaften erlebt.«
Dass die Kinder sich entschieden haben, Psychologen zu werden, war ihr freier Entscheid. Vater Adrian hat seinen Kindern von dieser Berufswahl eher abgeraten. »Die Arbeitsbedingungen von Psychotherapeuten im Schweizer Gesundheitswesen sind alles andere als rosig«, hält er fest. »Sie können sich keine goldene Nase damit verdienen, sondern es ist immer noch ein idealistischer Job.« Doch letztlich bestätigte sich das Sprichwort: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Beziehung zwischen Eltern und Kindern Hildegard und Adrian pflegen zu ihren Kindern eine dynamische, vertrauensvolle Beziehung. »Beruflich höre ich von Eltern, die keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben, oder von Eltern, die sehr belastete Beziehungen haben«, erzählt Adrian. »Bei uns ist es jeweils eine Freude, wenn wir zusammenkommen. Es ist ein Geschenk.« Hildegard ergänzt: »Es interessiert sie auch, was wir machen, und sie lassen uns auch an ihrem Leben teilhaben. Das überrascht mich immer wieder.« Trotz dieser tiefen Zuneigung fordern die Kinder ihre Eltern auch heraus. »Sie halten uns den Spiegel vor und sind sehr streng mit uns. Wenn sie etwas ärgert, konfrontieren sie uns direkt und schonungslos damit.«
Zufriedenheit mit dem Rollenmodell Mit dem egalitären Familienmodell sind Hildegard und Adrian Kaufmann rückblickend sehr zufrieden. In früheren Jahren mussten sie sich finanziell ziemlich einschränken, doch durch die gute Entwicklung ihrer Kinder und die nach wie vor lebendige Paarbeziehung fühlen sie sich heute für diesen Verzicht rundum entlohnt. »Ich würde es nicht anders machen«, bilanziert Adrian. Hildegard ergänzt: »Wenn man gegenseitig an der Kinderbetreuung und der Arbeit des anderen teilnimmt, entsteht viel mehr Verständnis für das, was der andere macht. Beziehungspflege ist das Zentrale in unserem Leben.« – »Ja«, ergänzt Adrian, »und Beziehungen sind nicht einfach gegeben, sondern man muss auch immer daran arbeiten. Ich bin der Ansicht, dass wir unser Ziel erreicht haben. (Zu ihr) Ich freue mich, mit dir zusammen alt zu werden.« Hildegard schenkt ihm dafür ein strahlendes Lächeln.
Nutzung der Freizeit Hildegard und Adrian freuen sich, künftig mehr Zeit zu haben für ihre Beziehung, jene zu den Kindern, ihren großen Freundeskreis und ihre Hobbys. »Wir unternehmen im Alltag viel zusammen«, erzählt Adrian. »Wir haben den Gesang, und wir haben das Projekt, gemeinsam Spanisch zu lernen, gestartet. Ich fahre auch noch Motorrad.« Hildegard ergänzt. »Für zwei Jahre gingen wir abends Tango tanzen. Wir gehen auch öfter als früher ins Kino, ins Theater oder ins Konzert. Wir machen teurere Ferien und reisen weiter weg. Das hätten wir früher aus finanziellen Gründen nicht gemacht.«
Engagement für die (Groß-)Eltern In den letzten Jahren sind auch die eigenen Eltern in den Fokus gerückt. »Mein Vater ist 89 Jahre und meine Mutter 87 Jahre alt«, erzählt Hildegard. »Ich unternehme zusammen mit meiner Mutter Ausflüge – sogenannte Mutter-Tochter-Tage. Durch diese Ausflüge erhalte ich mehr Freiraum und lebe diesen auch sehr bewusst, weil das meine Mutter sehr genießt.« Adrian begleitet seine Mutter nun bereits seit sechzehn Jahren. »Seitdem mein Vater verstorben ist, besuche ich sie monatlich; und seit sie pflegebedürftig ist, habe ich alles Administrative für sie übernommen.«
Schwächen und Stärken des egalitären Modells Adrian sieht die Schwächen des egalitären Modells vor allem im finanziellen Bereich. »Man muss gut schauen, dass es längerfristig funktioniert. Im jugendlichen Idealismus gewichtet man das vielleicht etwas weniger, aber das Alter muss ja doch abgesichert werden.« Dass Adrian in der Anfangsphase seiner beruflichen Selbstständigkeit nicht viel in die Altersvorsorge investieren konnte, »hat jetzt zur Konsequenz, (zu ihr) dass du bis 65 arbeiten musst, weil wir damals mit unserem Modell Einbußen gehabt haben«.
»Auch unser Wohnungskauf«, fährt Adrian weiter, »war eine Gratwanderung, bis wir genügend Eigenkapital vorweisen konnten. Es entstanden dadurch Belastungen, die mich lange Zeit auch psychisch beschwerten. Das würde ich aus heutiger Sicht als Nachteil bezeichnen.«
Als Vorteil des partnerschaftlichen Rollenmodells erwähnt Adrian hingegen, »dass wir auch eine Vorbildfunktion für andere eingenommen haben. Freunde und Bekannte haben das mitbekommen und machen es uns nach – sie nehmen sogar Bezug auf unser Modell.«
Partnerschaftliche Rollenteilung und Kinderbetreuung Als die Kinder klein waren, wurden sie abwechselnd von ihren Eltern betreut, die damals je 50 bis 60 Prozent arbeiteten. Am Donnerstag übernahm eine Freundin das Hüten der Kinder. Das soziale Umfeld bot den Kindern zusätzliche Anregungen. »Wir haben eine Wohnsituation gesucht, in der die Kinder rausgehen und mit anderen Kindern zusammen sein konnten«, erklärt Adrian. Seine Frau denkt, dass sie die Kinder in der heutigen Zeit eventuell auch extern betreuen lassen würde. »Wir haben Morgen, Mittag und Abend als Familie verbracht. Diesbezüglich würde ich heute ein wenig loslassen. Ich denke, dass man sich auch Freiräume schaffen könnte.« – »Das ist die Meinung von Hildegard«, widerspricht Adrian. »Ich würde es nicht anders machen – ich würde es genau gleich machen. Eine Kinderkrippe würde ich nicht in Anspruch nehmen. Einen Mittagstisch könnte ich mir vorstellen.«
Teilzeitarbeit Hildegard war seinerzeit die einzige Frau und Mutter in ihrem Lehrerteam. »Ich war die einzige Frau, die schwanger wurde und weitergearbeitet hat.« Üblich war auf der Oberstufe, dass Frauen bei der Familiengründung ihren Beruf vorübergehend aufgaben. Inzwischen hat sich Teilzeitarbeit, wie Hildegard berichtet, auch in Sekundarschulen stark verbreitet. »Wir haben Mütter, die früher 100 Prozent gearbeitet und nun reduziert haben. Man schaut, dass man diese Frauen im Team behalten kann. Wenn die Frauen die Kapazität dazu haben, können sie ihr Pensum wieder erhöhen.«
Trotz Teilzeitpensum findet Hildegard ihre Arbeit sehr anspruchsvoll. »Der Aufwand hat sich vervielfacht, da man mit der Schulsozialarbeiterin und der Heilpädagogin Absprachen treffen muss. Das wird heute mit einer großen Selbstverständlichkeit über den Mittag abgehandelt.« Sie denkt, dass sie heute nicht mehr in der Lage wäre, mit kleinen Kindern die Funktion einer Klassenlehrerin auszuüben.
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Relevanz des Modells Adrian denkt, dass die Voraussetzungen für die Wahl des egalitären Rollenmodells heute besser seien als früher. Gleichzeitig findet er, man müsste die gesellschaftlichen Bedingungen für junge Eltern verbessern. Der Konkurrenz- und Erfolgsdruck sei so groß, dass viele dadurch überfordert seien. Die Schweizer Politik müsste erheblich familienfreundlicher werden. Junge Eltern müssten aber auch ihre materiellen Ansprüche hinterfragen und sich auf die ›basic needs‹, das heißt die elementaren Bedürfnisse von Kindern besinnen. Diese sieht er nicht im Bereich von Luxus und Konsum, sondern bei Werten wie Zuneigung, Zeit und Geborgenheit.
Hildegard teilt die Einschätzung ihres Mannes. Sie denkt, »dass Kinderhaben eigentlich gar nicht so schwierig wäre, wenn man den ›basics‹ genug Raum geben würde: füreinander Zeit haben, zueinander schauen und für eine gewisse Zeit auch auf anderes verzichten«.
Gesellschaftliche Perspektiven Adrian ist ein überzeugter Befürworter des egalitären Rollenmodells. »Ich finde es das Modell der Zukunft. Auch wenn es mit dem starken Franken wieder eine Arbeitszeiterhöhung gegeben hat, wird sich die gesellschaftliche Entwicklung in Richtung von mehr Freizeit und mehr Freiraum entwickeln. Dort wird dieses Modell auch wieder mehr Platz haben. Ich glaube, dass es ein erfolgreiches Modell ist, das sehr viel Lebensqualität zu bieten hat.« Hildegard bestätigt dies und bedauert, »dass das Modell nicht gefördert und dass nicht mehr Werbung dafür gemacht wird. Es wären so viele schmerzhafte Erfahrungen gar nicht notwendig.« Das sieht auch Adrian so. »Es müsste nicht sein, dass so viele Familien mit ihrem Modell scheitern.«
ELEONORA RIZ À PORTA UND UELI BÜRGI
»Es war uns wichtig, dass beide die Möglichkeit hatten, weiterzukommen«
Mit dem Tram in ein Außenquartier von Basel. Den telefonisch erhaltenen Anweisungen folgend, um ein paar Straßenecken hinein in die Lothringerstrasse. Dort wohnen Eleonora Riz à Porta (55) und Ueli Bürgi (58) in einem Haus, das sie vor längerer Zeit, zusammen mit Freunden, erworben haben. Kennzeichen ist der große Bananenbaum beim Eingang. Der Hauseingang ist breit und Lagerort für Velos und andere Geräte. Links ist die Eingangstür zur geräumigen Wohnung. Wir setzen uns in den lauschigen Garten, und bei Kaffee und Kuchen erzählen mir Eleonora und Ueli die Fortsetzung ihrer Familiengeschichte.
Berufliche Entwicklungen Als ich sie vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal besuchte, waren beide Partner in Pensen von 50 bis 60 Prozent als Erwachsenenbildner tätig. Neben der Erwerbsarbeit teilten sie sich die Betreuung ihres Sohnes Gian und den Haushalt. Nach vier Jahren kam Tochter Sina dazu, und Ueli Bürgi machte sich – neben seiner Festanstellung – sukzessive als Bildungsfachmann selbstständig.
Seit jenem ersten Gespräch haben beide qualifizierende Weiterbildungen absolviert und entsprechende Diplome und Zertifikate erworben. Nun arbeitet Eleonora Riz à Porta als HR-Leiterin im Universitätsspital Basel, wo sie für 1200 Mitarbeitende zuständig ist. Ihr Arbeitspensum beträgt seit rund sieben Jahren offiziell 100 Prozent, inoffiziell – wie bei Führungskräften oft der Fall – einiges mehr. Wie begründet Eleonora, dass sie ihr Pensum aufgestockt hat? »Die Kinder haben nicht mehr die komplette Betreuungszeit in Anspruch genommen, wodurch Freiräume entstanden sind. Es hat auch viel mit dem Ziel ›Verantwortung übernehmen‹ zu tun. Ich empfinde es als sehr befriedigend, wenn ich im Betrieb merke, dass ich Dinge erreichen kann und einen guten Bezug zu den Leuten habe.«
Ueli Bürgi hat seine selbstständige Tätigkeit 2006 wieder aufgegeben und ist jetzt – ebenfalls mit Vollzeitpensum – an der Akademie für Erwachsenenbildung (AEB) in Luzern tätig. »Nun arbeite ich zum ersten Mal in meinem Leben 100 Prozent. Zu 50 Prozent meines Pensums bin ich Angebotsleiter, und zu 50 Prozent mache ich Ausbildungen im Bereich ›Ausbildung von Ausbildenden‹. Die Mischung von Führung und eigener Praxis finde ich sehr interessant.«
Die Kinder reagierten auf die Erhöhung der Arbeitspensen unterschiedlich. »Gian fand damals, dass das für ihn in Ordnung sei«, berichtet die Mutter. »Sina hingegen hatte gar keine Freude daran. Sie hat das zu Beginn nicht akzeptiert. Später war sie der Ansicht, dass ich zu viel arbeite und dass das nicht gut sei.« – »Sie hat manchmal den Spruch ›die Rabeneltern‹ gebracht«, ergänzt Ueli. »Ein kleines bisschen Wahrheit steckt dahinter – es ist nicht nur ein Spruch.«

Karriereziele erreicht Beide Partner sind der Meinung, Karriere gemacht zu haben. »Es war uns wichtig, dass beide die Möglichkeit hatten, weiterzukommen«, berichtet Eleonora. »Alles andere wäre nicht gut gewesen. Ich habe vor zwanzig Jahren gesagt, dass ich unglücklich wäre und alle verrückt machen würde, wenn ich nur zu Hause wäre.« Auch Ueli wünschte sich Verantwortung. »Dies war unter anderem der Grund, weshalb ich eine Anstellung eingegangen bin. Ich bin heute stellvertretender Geschäftsleiter und in der Leitung der AEB im engsten Führungskreis.«
Teilzeitarbeit als Voraussetzung egalitärer Rollenteilung Im Arbeitsfeld von Ueli arbeiten sehr viele Leute Teilzeit. »Es gibt jene, die andernorts noch Aufträge und Jobs haben, und es gibt auch jene, die Kinder haben – sowohl Männer wie Frauen. Wir versuchen, Teilzeit zu ermöglichen. Auch wenn man ein relativ kleines Pensum arbeitet, kommt man bei uns in die Pensionskasse rein.«
Eleonora bezeichnet Spitäler als »Paradebeispiele von Teilzeitarbeit«. Sie ist überzeugt, dass diese ohne Teilzeitpensen gar nicht mehr funktionieren könnten. »Die Arbeit ist für die Menschen teilweise so belastend, dass sie es nur bewältigen können, wenn sie Teilzeit arbeiten.« Die Akzeptanz von Teilzeitarbeit scheint je nach Fachrichtung und Person zu variieren. Eleonoras Erfahrung zeigt, dass sie »sehr von der Haltung der jeweiligen Chefärztin oder des jeweiligen Chefarztes abhängt. Ich erlebe es immer öfter, dass Assistenzärztinnen und -ärzte – aber auch Oberärzte – kommen und sagen, dass sie nicht mehr achtzig Stunden in der Woche arbeiten möchten.« Diskussionen um die Einhaltung der vereinbarten Arbeitszeiten seien immer häufiger, und sie versuche jeweils, eine pragmatische Haltung einzunehmen. »Wenn Diskussionen um die Höhe der Pensen aufkommen, versuchen wir, die betriebliche Seite und die Seite der Einzelperson wahrzunehmen und es zu ermöglichen.« Schon länger gefördert werden jegliche Formen des unbezahlten Urlaubs oder des Mutterschaftsurlaubs. »Es ist selbstverständlich, dass man nicht zwei Monate nach der Geburt bereits wieder da sein muss – zumindest in meinem Bereich nicht. Die Frauen können den Urlaub auch wirklich in Anspruch nehmen. Doch die Arbeitgeber stehen auch in der Pflicht, Entlastung in der Kinderbetreuung zu bieten. Wir haben im Universitätsspital ein Angebot an Kinderbetreuung, das über die letzten Jahre stark ausgebaut wurde. Es ist für mich das A und O, dass man in einem Betrieb ein solches Angebot hat und dass man es flexibel handhabt.«
Weitere berufliche Perspektiven Beide Partner arbeiten gerne und genießen es, neue Erfahrungen zu machen. Eleonora Riz à Porta hofft, in den verbleibenden zehn Jahren ihre Arbeitsbelastung einschränken und damit ihren Energiehaushalt besser im Gleichgewicht halten zu können. »Ich merke, dass ich älter werde und länger brauche, um mich zu erholen. Die Freude am Arbeiten habe ich – aber es braucht meine Kräfte. Ich bin heute 55 Jahre alt. Wenn ich mir vorstelle, dass es in fünf Jahren immer noch so intensiv läuft, denke ich, dass es ›too much‹ wäre.«
Ueli Bürgi sieht den kommenden Jahren zuversichtlich entgegen. »Ich werde mich aber nicht vor 65 Jahren pensionieren lassen können. Ich hatte als Selbstständigerwerbender stellenweise keine Pensionskasse, nur eine Lebensversicherung. Vielleicht werde ich ab 65 in einem kleineren Pensum weiterarbeiten, bevor ich schließlich ganz aufhöre.«
Hausarbeitsteilung Wie Eleonora erzählt, hat sich die Hausarbeitsteilung so verändert, »dass Ueli unter der Woche mehr kocht, weil ich häufig erst sehr spät nach Hause komme. Einkaufen gehe ich heute noch am Wochenende, auch das Bügeln übernehme ich. Aber gekocht habe ich früher deutlich mehr.« Ueli betont, Eleonora störe sich schneller daran, wenn nicht aufgeräumt sei. (Zu ihr) »Wenn Zeugs rumliegt, räumst du schneller auf. Ich mache es auch irgendwann, aber für mich ist es jeweils nicht so dringend.« Eine Putzfrau sorgt alle zwei Wochen für Entlastung. Eleonora betont, es gebe im Haushalt heute »weniger Konflikte, die täglich anfallen«. – »Das heißt nicht, dass wir nicht mehr streiten«, relativiert Ueli. »Aber wir wissen, worum es geht, und können es wieder auflösen.«
Geteilte Kinderbetreuung – auch mit Nachbarn Mit der seit über zwei Jahrzehnten praktizierten partnerschaftlichen Rollenteilung ist das Paar sehr zufrieden. Dank dem Kindertausch mit Nachbarn und ergänzender Kinderbetreuung im Tagesheim haben sie es geschafft, Familie und Beruf gut unter einen Hut zu bringen. Ueli betont: »Wir waren auch darauf angewiesen, mit Freunden und Freundinnen Lösungen zu finden, weil unsere Eltern zu weit weg wohnten und auch nicht mehr in der Lage waren, die Kinder zu betreuen. Wir brauchten folglich diese Ergänzung, damit wir die Kinder nicht nur in einen Kindergarten oder eine Kinderkrippe geben mussten.« Das Elternpaar teilte die Kinderbetreuung mit anderen im Haus wohnenden Eltern. Eleonora äußert sich darüber sehr zufrieden. »Die Form der gemeinsamen Betreuung mit Freunden hat für mich die schöne Konsequenz, dass die Kinder heute wie Geschwister sind.«
Beurteilung der eigenen Rollenteilung Wie zufrieden ist das Paar mit der von ihm praktizierten Rollenteilung? Für Ueli ist klar: »Ich würde es wieder machen. Es war unser Wunsch, dass wir sowohl ein Berufsleben als auch ein Leben mit den Kindern haben. Ich kann heute sagen, dass ich diesbezüglich reich bin. Ich spüre es durch die Beziehungen, die ich zu meinen Kindern habe. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass ich im Berufsleben nur verzichtet hätte und keine Karriere machen konnte. Es hat vielleicht ein wenig länger gedauert – aber es ging gut.«
Auch Eleonora betont, sie würde die egalitäre Rollenteilung wieder wählen. »Doch das Modell – mit dem ständigen Absprechen, dem kontinuierlichen Rücksichtnehmen und dem Aufeinanderschauen – war auch anstrengend. Ich habe immer wieder gemerkt, wie ich an den Rand meiner Geduld gestoßen bin.« Trotzdem findet auch Eleonora, es habe sich gelohnt. Das Modell habe mitgeholfen, eine gute Beziehung zu den Kindern aufzubauen, und es habe auch die Beziehung zwischen den Partnern gestärkt. Ueli bestätigt: »Durch die beruflichen Felder gab es viele Austauschmöglichkeiten und interessante Begegnungen.« Er weist allerdings auch auf eine Schwierigkeit hin: »In diesem Modell besteht die Gefahr – und die haben wir auch real gespürt –, dass man zu schnell zu viel arbeitet und dadurch in der Familie nicht mehr so präsent ist.«
Was ist aus den Kindern geworden? Die Kinder Gian und Sina sind erwachsen. Gian (24) hat sein Jus-Studium in Basel mit dem Bachelor abgeschlossen und macht nun noch den Master. Er ist vor drei Jahren zu Hause ausgezogen und wohnt nun im selben Quartier in einer Männerwohngemeinschaft. Sina (20) hat nach der Matura ein Zwischenjahr eingelegt. Sie weilt aktuell in Peru und will nachher ein Architekturstudium an der ETH in Angriff nehmen. Die Mutter geht davon aus, »dass sie sich eine Wohnung in Zürich suchen wird. Weil sie jedoch immer am Reisen ist, kann sie sich gar keine Wohnung suchen.«[7]
Die Eltern sind glücklich, dass sich die Beziehungen zu ihren Kindern trotz pubertärer Turbulenzen gut entwickelt haben. Ueli bezeichnet dies als »Riesengeschenk« und ergänzt: »Sie sind sehr offen. Wir sind erstaunt darüber, was sie uns alles erzählen. Sie erzählen uns auch von ihren Beziehungen und so weiter. Das ist sehr eindrücklich.« Die Mutter hat den Eindruck, »dass sie sowohl persönliche als auch fachliche und inhaltliche Dinge mit uns besprechen und dass sie wissen, dass sie mit uns zwei Ansprechpersonen haben. Sie scheinen genau zu wissen, dass es in bestimmten Momenten besser ist, mit der einen statt der anderen Person über etwas zu sprechen.« Der Vater ergänzt: »Sie nehmen auch immer wieder unsere Hilfe in Anspruch.«
Rollenprägung der Kinder Die Eltern vermuten bei ihren Kindern ein eher partnerschaftliches Rollenverständnis. »Wir hatten keine großen Gespräche darüber, wie sie zu unserem Modell stehen, aber man kann es trotzdem rausspüren«, erzählt der Vater. »Beide haben immer wieder gesagt, dass wir Exoten und anders als alle anderen seien. Sie haben uns keine Vorwürfe gemacht, sondern im Gegenteil gesagt, dass die anderen es nicht ›gecheckt‹ hätten. Sie haben einen gewissen Stolz diesbezüglich.«
Wie die Kinder die Rollenteilung schließlich handhaben werden, steht in den Sternen. Der Vater ist vor allem bei Gian gespannt, »wie er Karriere und Kinder unter einen Hut bringen möchte. Das geht für mich noch nicht ganz auf. Ich könnte mir aber vorstellen, dass er eine Lösung finden wird.« Die Mutter stellt fest, dass ihr Sohn vermehrt Bereitschaft zeigt, im Haushalt zu helfen. »Gian hat mich jeweils abends um neunzehn Uhr im Büro angerufen und gesagt, dass er heute Abend kochen möchte. Seit er ausgezogen ist, merkt man bei ihm, dass das Thema ›man macht etwas‹ präsenter ist als früher.« Ihre Tochter nimmt Eleonora ganz anders wahr. »Sina kocht und haushaltet nicht gerne. Sie sagt beispielsweise ganz klar, dass sie niemals nur zu Hause bleiben möchte.« – »Manchmal«, ergänzt der Vater, »sagt sie im Witz, dass sie sich jemanden holen wird, der für sie den Haushalt macht.«
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen Eleonora und Ueli würden das partnerschaftliche Modell auch heutigen jungen Paaren empfehlen, stellen aktuell allerdings einen Traditionalisierungstrend fest. Ihres Erachtens liebäugeln junge Frauen wieder vermehrt mit dem Hausfrauenmodell. Sie geben bei der Heirat zudem ihren Namen auf, was für Frauen älterer Generationen undenkbar gewesen wäre. Eleonora ist auch der Ansicht, die Diskussion um die Teilzeitarbeit habe sich nicht wahnsinnig weiterentwickelt. »Auch bei der Thematik des Wiedereinstiegs – wenn jemand für ein halbes Jahr oder ein ganzes Jahr nicht berufstätig war – fehlt es in vielen Betrieben an Verständnis.« – »Was sich langsam verbessert hat«, betont Ueli, »ist die Tatsache, dass die jungen Männer Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen. Diesbezüglich hat sich schon etwas verändert. Letztlich ist es aber so, dass der Hauptteil der Betreuung immer noch bei den Frauen liegt.« Ueli findet auch, Kinderkrippen seien zu teuer. »Wir haben irgendwann aufgehört, sie zu nutzen, weil das – mit unseren Einkommen – einfach zu teuer geworden ist. Ich bin der Ansicht, dass die Kinderkrippen grundsätzlich günstiger sein müssten, damit Eltern sie vermehrt nutzen könnten.«

CORINNE HAFFTER UND DANI SCHAFFNER
»Wir haben uns für dieses Modell entschieden und alle damit gewonnen«
Corinne Haffter holt mich am Bahnhof Winterthur ab. Sie wartet in der Unterführung, und wir erkennen uns auf den ersten Blick wieder. Beim Velostand packt Corinne ihr mit Plastikblumen dekoriertes Fahrrad und macht sich – es neben sich her stoßend – mit mir auf den Heimweg. Irgendwann biegen wir in eine Seitenstraße ein. Und dann sehe ich sie, die wunderschöne an die hundert Jahre alte Backsteinsiedlung, in der Corinne Haffter (60) und Dani Schaffner (62) mit Nachbarn und als Wohngenossenschaft ein denkmalgeschütztes Haus bewohnen. In der Wiese vor dem Hintereingang steht ein runder Tisch, der schon zum Essen gedeckt ist. Links und rechts auf der Treppe Töpfe mit bunten Frühlingsblumen. Bunt geht es auch im Inneren weiter. Zahlreiche Sachen verweisen hier auf lebensfrohe kreative Menschen. Eine hohe Glasvitrine ist gefüllt mit Dingen, welche die drei Kinder früher modelliert und bemalt haben: Tiere, Figuren, Objekte. Die Zeit ist begrenzt. Corinne muss um dreizehn Uhr wieder zur Arbeit. Darum direkt an den Küchentisch und rein ins Interview.
Berufliche Entwicklungen Wie hat sich die berufliche Situation des Paares entwickelt? Corinne hat ihr Ziel erreicht, als Psychotherapeutin beruflich selbstständig zu werden. 2005 hat sie ihren Job als Psychologin am kinder- und jugendpsychiatrischen Dienst Winterthur aufgegeben und die private Praxis, die sie schon zu 20 Prozent betrieb, weiter ausgebaut. Da sie schon lange in Winterthur arbeitete und gut vernetzt war, hatte sie keine Mühe, Klientinnen und Klienten zu finden. Die Institutionen, mit denen sie zusammenarbeitet, kannten sie ebenfalls schon lange. Corinne arbeitet heute 80 Prozent. Da sie ihre Klientinnen und Klienten auch am Abend empfängt, kommt sie nie vor neunzehn Uhr nach Hause. Es hat sich darum eingespielt, dass abends vor allem ihr Mann kocht. Corinne besorgt dafür am Freitagvormittag den wöchentlichen Gemüse- und Früchteeinkauf und erledigt am Nachmittag Hausarbeiten.
Dani arbeitet noch immer am Naturmuseum, wo er für technische Belange zuständig ist. Er hat einen kreativen Wirkungsbereich, in dem er sehr selbstständig arbeiten kann: technische Aufgaben, interaktive Projekte, Fotografie. Dani betrachtet es »als ein gewisses Privileg, diese Stelle und diese Möglichkeit zu haben. Es ist nicht selbstverständlich, dass man so eine spannende Stelle bekommt.« Seine Arbeit ist im Zeitverlauf allerdings komplexer und anforderungsreicher geworden. Deshalb ist er froh, mehr Zeit zur Verfügung zu haben als früher. Nach einigen Jahren hat er von 50 auf 60 Prozent aufgestockt; inzwischen ist sein Pensum ebenfalls auf 80 Prozent angewachsen. Dani ist jetzt Dienstag- und Mittwochmorgen zu Hause, erledigt Hausarbeiten und nutzt die Zeit für Schlagzeugproben.
Bedeutung der beruflichen Tätigkeit Dani ist mit seiner Arbeit grundsätzlich sehr zufrieden. Das Schöne an seinem Job sei, dass er als Einziger für seine Arbeit zuständig sei. Er fühlt sich am Arbeitsplatz als Teilzeitangestellter aber zu wenig ernst genommen, was er schon in früheren Gesprächen bemängelt hat. Man akzeptiere die Teilzeitarbeit von Frauen voll und ganz, jene von Männern nur bedingt. Dies hänge stark von der Einstellung des/der jeweiligen Vorgesetzten ab. Manche hätten Verständnis für die Bedürfnisse Teilzeit arbeitender Väter, andere leider nicht.
Dass Corinne und Dani ihre Pensen nach und nach aufgestockt haben, hatte auch mit dem Älterwerden der Kinder zu tun. Diese brauchten zunehmend weniger Betreuung, sodass ihnen die Eltern längere Abwesenheiten zumuten konnten. Mehr Arbeit bedeutete zudem mehr Lohn. Dieser war hochwillkommen, kosteten die Ausbildungen und die Hobbys der Kinder doch eine Stange Geld. Die Eltern standen jedoch voll hinter dieser Situation. Sie rieten ihren Kindern, einen Beruf (bzw. ein Studium) zu wählen, das ihnen wirklich Freude machte. Die bisherige Entwicklung zeigt, wie richtig das war.
Entwicklung der Kinder Die Kinder – Florian, Bigna und Laurin – sind alle erwachsen, haben eine Erstausbildung abgeschlossen und absolvieren nun ergänzende Studien. Sie stehen mit beiden Beinen im Leben und beteiligen sich neben dem Studium noch an kreativen Projekten. Die jungen Erwachsenen leben nicht mehr im Elternhaus, sondern mit Wohnpartnern, bei denen sie ihre Sozial- und Haushaltskompetenzen unter Beweis stellen können. Einer der Söhne hat von seiner Mutter den Brauch übernommen, für den Sonntagmorgen einen Zopf zu backen, was seine Mitbewohnenden sehr schätzen.
Florian (30) hat in Genf internationale Beziehungen studiert, den Bachelor gemacht und eine Journalistenausbildung absolviert. Nach einem Master in Volkswirtschaft und einem Studienaufenthalt in China arbeitet er nun als Assistent an der Uni Zürich und schreibt seine Doktorarbeit. Er lebt mit seiner Partnerin zusammen.
Bigna (28) hat sich zur Primarlehrerin ausbilden lassen und anschließend zwei Jahre in London in verschiedenen Schulen und Einrichtungen gearbeitet. Ab Herbst 2015 macht sie berufsbegleitend eine Textilfachausbildung in Zürich und plant zu zweit ein Textilatelier. Sie lebt als Jüngste in einer Genossenschaftswohngemeinschaft in Zürich.
Laurin (25) hat eine Lehre als Möbelschreiner gemacht und danach als Zivildienstleistender dreizehn Monate lang in einer Kita gearbeitet.[8] Anschließend hat er den Vorkurs für die Zürcher Hochschule der Künste absolviert und studiert nun Industriedesign. Auch er lebt in Zürich in einer Wohngemeinschaft.
Eltern-Kind-Beziehung Obwohl selbstständig, pflegen die Kinder einen herzlichen Kontakt zu ihren Eltern. Sie haben diese beispielsweise zum Besuch der Weltausstellung in Mailand eingeladen. Die ganze Familie hat dort ein Wochenende verbracht. Doch auch untereinander haben die Kinder viel Austausch und Unterstützung. Die Eltern freuen sich darüber, zumal das nicht selbstverständlich ist. Der Vater stellt eine große gegenseitige Vertrautheit fest und auch Dankbarkeit der Kinder in Zusammenhang mit den Ausbildungen. »Dass sie das machen können«, berichtet er, »betrachten sie nicht als selbstverständlich, auch wenn sie vergleichen mit Kindern, denen es – vom Elternhaus her – nicht so gut geht.«
Prägungen durch die Eltern Die Kinder haben – wie Corinne betont – auch praktische Fähigkeiten von ihren Eltern erlernt. »Diese Selbstverständlichkeit, wie sie sich in Wohngemeinschaften einbringen und sich organisieren und austauschen, da haben sie sicherlich vieles von uns und von der Art, wie sie aufgewachsen sind, mitbekommen.« Sie wurden in früheren Jahren regelmäßig und selbstverantwortlich zur Hausarbeit herangezogen. Es gab einen Aufgabenplan, mit dem ihre Mitarbeit eingefordert wurde. Wer mehrfach dagegen verstieß, musste einen Kuchen backen, woran letztlich alle ihre Freude hatten.
Bezüglich handwerklicher Fähigkeiten wurden die Kinder vor allem von Dani gefördert. Bigna hat von ihm gelernt, ein Velo zu reparieren. Und als Florian nach Genf zog, schickte er Dani eine Anfrage per SMS: »Papa, wie muss ich meine Lederjacke behandeln, damit sie schön bleibt?»
Zufriedenheit mit der partnerschaftlichen Rollenteilung Die Frage, ob sie die egalitäre Rollenteilung wieder wählen würden, auch in der heutigen Zeit, wird von Corinne und Dani mit einem überzeugten Ja beantwortet. Sie hatten sich bei der Familiengründung gewünscht, viel Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Darum starteten sie mit einem Halbe-Halbe-Modell, d. h. zwei 50-Prozent-Pensen, und teilten die Kinderbetreuung auf. Das stand im Gegensatz zu ihren Herkunftsfamilien, wo traditionelle Rollenvorstellungen dominierten. Corinne und Dani setzten ihren Plan, die Rollen zu teilen, konsequent um. Dank Kooperationen mit Freunden und Nachbarn (Kindertausch, Mittagstisch usw.) waren sie recht flexibel und hatten auch die Möglichkeit, eigene Beziehungen und Hobbys zu pflegen. Dani spielt ab und zu an Konzerten Schlagzeug und organisiert(e) in einem Kleintheater auch Jazzkonzerte. Corinne spielt Querflöte, singt in einem Chor mit, ist in verschiedenen Vereinen aktiv und engagiert(e) sich auch an diversen Quartieraktivitäten.
Kinderbetreuung Familienergänzende Kinderbetreuung war für Corinne und Dani früher keine Option, obwohl sie gut fanden, dass es sie gab. Im heutigen Umfeld würden sie sich allerdings überlegen, die Kinder zeitweise in eine Kita zu geben. Das Angebot habe sich – auch in den Schulen – so gut entwickelt, dass dies eine prüfenswerte Option wäre. Corinne begrüßt es, »dass es heute gute außerfamiliäre Betreuungen gibt. Aber es ist schade, wenn die Zeit dabei verloren geht, in der die Eltern mit den Kindern den Alltag leben können. Ich finde, dass die Entwicklung mehr in die Richtung gehen sollte, dass Eltern mehr Ferien und Freiräume haben, um Zeit mit Kindern zu gestalten.« Auch Dani äußert sich skeptisch gegenüber Paaren, die 80 und 100 Prozent arbeiten und die Kinder fast vollständig fremdbetreuen lassen. Diese kommen ihm jeweils wie »Anhängsel« vor.
Akzeptanz der Teilzeitväter Dani hat als junger Vater oft erlebt, dass er auf dem Spielplatz der einzige Mann unter vielen Frauen war – keine einfache Erfahrung. Corinne wurde von Kolleginnen und Nachbarinnen um ihren Mann beneidet. Im Familienkreis gab man ihr hingegen lange zu verstehen, eigentlich wäre doch sie für die Kinder verantwortlich. Doch die Zeit hat zu ihren Gunsten gearbeitet – heute ist ihr Modell auf privater Ebene weitgehend akzeptiert. Im gesellschaftlichen Bereich würden sich Corinne und Dani noch familienfreundlichere Strukturen wünschen. Dani findet, die Firmen sollten mehr Teilzeitstellen anbieten. Corinne denkt, »die Männer sollten mehr Unterstützung bekommen, damit sie als Väter wirklich zu Hause engagiert sein können. Heutzutage hat der Beruf wieder einen so hohen Stellenwert. Der Stress ist gestiegen, und es ist darum für viele schwierig.«
Ausblick und Rückblick Corinne und Dani haben mit partnerschaftlicher Rollenteilung gute Erfahrungen gemacht und das Modell immer wieder an wechselnde Bedürfnisse anpassen können. Bis zur Pensionierung darf es gerne so weitergehen. Dani hätte die Möglichkeit, mit 63 in Pension zu gehen, möchte aber lieber bis 65 weiterarbeiten. Er begründet es damit, dass er lange 50 Prozent gearbeitet und entsprechend wenig in die Pensionskasse einbezahlt habe. Zudem arbeite er auch gerne im Museum. Für Corinne, als Selbstständigerwerbende, stellt sich die Frage der Pensionierung noch nicht konkret – sie kann den Zeitpunkt ja selbst festlegen.
Die Bilanz bezüglich Partnerschaft und Rollenteilung fällt rundum positiv aus. Corinne stellt bei ihnen als Paar, aber auch als Familie eine große Zufriedenheit fest. »Wir haben uns für dieses Modell entschieden und alle damit gewonnen. Ich würde es wieder so machen, eindeutig.« Auch Dani teilt ihre Meinung. So stoße ich mit den beiden bei Spargeln, Schinken und Salat auf das Erreichte und ihre weitere Zukunft an. Sie haben Mutiges gewagt und, wie mir scheint, auf der ganzen Linie Erfolg gehabt.

CORINA ELMER UND MARKUS BRANDENBERG
»Sie finden es toll, dass ich die Zeit hatte, um mit ihnen zu spielen«
Seit über zwanzig Jahren praktizieren Corina Elmer (55) und Markus Brandenberg (59) eine partnerschaftliche Rollenteilung. Diese hat im Zeitverlauf allerdings gewisse Änderungen erfahren.
Rollenteilung und Hausarbeit Seit die Söhne nicht mehr zu Hause leben, hat sich der Aufwand für Hausarbeiten massiv reduziert. Was es im Haushalt zu tun gibt – beide lieben das Haushalten nicht besonders –, teilen Corina und Markus partnerschaftlich auf. Nach wie vor werden sie auch von einer Putzfrau entlastet. »Wenn wir die jetzige Situation betrachten«, erklärt Markus, »ist das Haushaltsmanagement ein kleiner Teil. Es ist waschen, putzen und das Wichtigste einkaufen. Ich finde, dass wir mit einem Minimum auskommen.« Corina ergänzt: »Man schaut, ob genügend Lebensmittel zu Hause sind, und überlegt sich, ob der andere auch etwas zu essen hat, wenn er nach Hause kommt. (Zu ihm) Du hast dich über die letzten Jahre zu einem veritablen Meisterkoch entwickelt, und ich profitiere sehr davon.«
Die früheren Konflikte – unterschiedliche Ansichten bezüglich Haushalts- und Erziehungsstandards – haben stark abgenommen. »Es war phasenweise eine Herausforderung«, erzählt Corina. (Zu ihm) »Du bist ein Mann, der sehr dezidierte und klare Vorstellungen davon hat, wie die Erziehung vor sich geht und wie die Familie aufgestellt ist.« Sie hatte oft Mühe, das zu akzeptieren. »Bezüglich der Erziehungsfragen haben wir uns immer gestritten. Das hatte mit unseren Persönlichkeiten zu tun.«
Zufriedenheit mit dem egalitären Rollenmodell Die Frage, ob sie das egalitäre Modell wieder wählen würden, beantworten beide mit einem überzeugten Ja. »Ich finde es immer noch sehr gut und bin stolz darauf, dass wir es geschafft haben«, bilanziert Corina. Markus teilt ihre Meinung. »Ich finde das Modell super und würde alles wieder genauso machen. Es war eine direkte Folge des Modells, dass mich unsere Kinder erlebt haben und ich viel mit ihnen unternehmen konnte.«
Das Paar würde sich erneut für das egalitäre Modell entscheiden, dabei aber mehr familienergänzende Kinderbetreuung in Anspruch nehmen. Corina bedauert, »dass wir die Kinder nicht zwei Tage in die Krippe gebracht haben. Dadurch hätten wir mehr Luft gehabt. Und den Kindern tut das gut. Sie sind mit anderen Kindern zusammen und lernen, sich in eine Gruppe zu integrieren. Es gibt super Kitas, die professionell geführt werden und qualitativ gut sind.«
Erwerbsarbeit und berufliche Zufriedenheit Markus arbeitet seit Längerem als Co-Leiter des Bereichs Vorschule an einer pädagogischen Hochschule. Sein Job gefällt ihm gut, weil die PH ein dynamisches Arbeitsfeld ist, das ihn durch diverse Umstrukturierungen immer wieder herausgefordert hat. »Ich empfinde meine Aufgabe als reichhaltig und spannend. Sie bringt mich mit interessanten Leuten in Kontakt.« Gleichzeitig kritisiert Brandenberg die zunehmende Ökonomisierung der Bildungslandschaft. »Im Bildungswesen wird ein zunehmender Einfluss von Finanzleuten, Controllern und nicht bildungsnahen Managern spürbar. Ich habe Mühe, das zu akzeptieren.« Brandenberg arbeitet aktuell 80 Prozent und will dies bis zu seiner Pensionierung beibehalten »Ich möchte die nächsten fünfeinhalb Jahre, bis zu meiner Pensionierung, auch noch hierbleiben. Es kann jedoch sein, dass ich meine Leitungsaufgabe irgendwann abgeben und wieder mehr fachlich arbeiten werde.«
Corina Elmer hat bis 2013 als Co-Leiterin der Fachstelle Limita gearbeitet, die sich für die Prävention von sexueller Ausbeutung einsetzt. Seit zwei Jahren ist sie Leiterin eines Kita-Verbunds der Stiftung GFZ und arbeitet 70 Prozent.[9] »Es ist ein klassischer Frauenjob in der Betreuung von Kleinkindern. Wir haben relativ viele Teilzeitmitarbeitende. Ich selbst habe eine Leitungsaufgabe und bin nicht direkt in der Betreuung tätig.« Zum ersten Mal hat Corina eine Vorgesetzte, woran sie sich erst gewöhnen musste. »Bisher habe ich immer in einem selbstverwalteten Betrieb gearbeitet, der basisdemokratisch organisiert war. Jetzt bin ich zum ersten Mal ein Rad in einer Gesamtorganisation.« Corina ist sich bewusst, dass jede Arbeit Vor- und Nachteile hat. »Auch bei uns sind die betriebswirtschaftlichen Argumente sehr dominant. Als Erstes geht es um die Kosten-Nutzen-Bilanz – erst dann kommen andere Argumente.« Auch die Ansprüche an die Mitarbeitenden sind ihres Erachtens gestiegen. Heute müssen alle, die in einer Leitungsfunktion sind, über eine Managementausbildung verfügen. Corina wie Markus haben deshalb in mehrere CAS-Ausbildungen investiert, um für die Herausforderungen ihrer Führungsfunktionen fit zu sein.
Akzeptanz von Teilzeitarbeit Markus Brandenberg sieht in seinem Erwerbsbereich die Zeichen wieder vermehrt auf Leistung, Präsenz und traditionelle Arbeitszeitformen ausgerichtet. Vermehrt hört er den Spruch »Führung ist unteilbar«. Seine eigenen Erfahrungen widerlegen dieses Vorurteil. »Wir sind das beste Beispiel dafür, dass Co-Leitungen perfekt funktionieren. Alle anderen Abteilungen sind auch doppelt besetzt.« Doch nun sollen die Co-Leitungen auf Abteilungsebene an der Pädagogischen Hochschule wieder abgeschafft und das Rad zurückgedreht werden. Bei einem Großteil des Personals ist Teilzeitarbeit allerdings fest verankert. »Bei den Dozierenden, dem wissenschaftlichen Personal oder auch dem administrativ-technischen-Personal haben wir vor allem Teilzeitmitarbeitende.«
Auch Corina stellt in ihrem Kita-Verbund fest, dass Teilzeitarbeit beim Kader eher rückläufig ist. »Auch bei uns heißt es ›Führung ist unteilbar‹«, betont sie. »Wir versuchen aber, bei den Kita-Leitungen Teilzeitmodelle einzuführen, die bereits im Betrieb arbeiten und gerne eine Familie gründen möchten.«
Unterschiedlich hohe Löhne Corina ist sich bewusst, dass Markus, der Karriere gemacht hat, dafür einen hohen Einsatz leisten musste. Sie selbst wäre nicht dazu bereit gewesen. Ihre Zurückhaltung hat auch mit einer früheren Erkrankung zu tun, derentwegen sie auf ihre Gesundheit achten muss. »Ich wollte keinen Job, bei dem ich so viel Stress habe. Markus war teilweise sehr gefordert und hat nun auch ein entsprechendes Salär. Ich finde es interessant, dass ich 70 Prozent arbeite und er 80 Prozent, aber er verdient zwei Drittel und ich ein Drittel unseres Gesamteinkommens. Das hat auch damit zu tun, dass ich einen klassischen Frauenjob habe.«
Die Söhne sind zu Männern geworden Die beiden Söhne, Elias (24) und Marius (21), sind erwachsen. Elias hat sich zum Informatiker ausgebildet und dann bei einer Großbank ein Praktikum absolviert. Im Rahmen dieser Erfahrung erkannte er, dass seine Interessen auf einem anderen Gebiet liegen. Er begann ein Studium der Sozialarbeit, das ihm sehr gefällt, und denkt nun sogar daran, den Master zu machen. Marius hat das Gymnasium und ein Austauschjahr in den USA absolviert. Nach der Matura ging er auf Reisen, und demnächst wird er ein Studium der Psychologie anfangen. Beide Söhne haben ihren Zivildienst in einer Kita geleistet. Schon als Jugendliche zeigten sie Freude an kleinen Kindern. Im Zivildienst konnten sie ihre Sozialkompetenz unter Beweis stellen. »Beide haben es sehr toll gefunden, in einer Kita zu arbeiten«, betont die Mutter.
Beziehung der Eltern zu den Söhnen Die Beziehung zu den erwachsenen Kindern bezeichnen die Eltern als herzlich. »Vorletzte Woche ging ich mit Elias für einen Tag wandern«, erzählt Markus. »Wir sind ins Appenzell gefahren, und er hat mir von seiner Arbeit und seinem Studium erzählt und davon, was er später machen möchte.« Der Vater freut sich, dass die Söhne sich, wenn sie irgendein Problem mit Versicherungen, Mahnungen usw. haben, gleich bei ihnen melden. »Wir sind dann jeweils eine Beratungsstelle.« Corina schätzt diese Kontakte sehr. »Ich finde es schön, wenn man persönliche Gespräche miteinander führen kann.«
Die Eltern haben die Söhne von klein auf gemeinsam betreut und erzogen. Den Söhnen schien es im Elternhaus wohl gewesen zu sein, sodass man den Älteren fast ein wenig »aus dem Nest schupfen« musste. Der Jüngere wird während des Studiums wieder zu Hause wohnen, was gewisse Diskussionen ums Zusammenleben mit sich bringen dürfte. »Wir waren sehr umsorgend«, meint Markus selbstkritisch. »Aus heutiger Sicht haben wir ihre Frustrationstoleranz zu wenig gefördert.« Corina relativiert: »Das ist eine Frage des Erziehungsstils und hat weniger mit dem Modell zu tun.«
In einem früheren Gespräch sagten Elmer und Brandenberg, ihre Söhne sollten mit Erreichen des achtzehnten Altersjahrs den ganzen Haushalt alleine schmeißen können. Ob das so eingetroffen sei, will ich wissen. »Effektiv«, bestätigt der Vater. »Sie sind fähig, einen Haushalt zu führen.« – »Sie können es«, ergänzt Corina »sie können waschen, kochen, einkaufen, putzen – alles.«
Die Eltern vermuten, dass ihre Söhne sich später auch für die egalitäre Rollenteilung entscheiden werden. »Elias hat in seiner Biografie explizit festgehalten, wie wichtig dieses Rollenmodell für ihn war«, berichtet der Vater. »Er hat geschrieben, wie unterschiedlich wir beide waren und dass das gut für ihn war. Sie haben das Gefühl, dass ich – explizit ich – ein gutes Leben und eine super Zeit hatte. Sie finden es toll, dass ich die Zeit hatte, um mit ihnen zu spielen.«
Zukunftsperspektiven Corina und Markus gehen auf die Sechzig zu und spüren dies auch. »Wir sind nicht mehr gleich leistungsfähig wie mit vierzig«, betont Corina. »Ich komme von der Arbeit nach Hause, bin müde und kann nicht mehr viel erledigen.« Wenn Markus in vier Jahren pensioniert wird, möchte er mehr freie Zeit für sich und seine Hobbys haben. »Es war für mich immer klar – als wir die Kinder hatten –, dass ich auf eigene Bedürfnisse verzichte und diese zugunsten der Familie hintanstelle. Nun genieße ich es, mehr für mich tun zu können. Ich spiele heute viel mehr Klavier, ich koche, ich reise, und ich gehe wandern.« Corina hingegen wünscht sich mehr Zeit, die sie mit ihrem Mann verbringen könnte. Sie hat manchmal den Eindruck, (zu ihm) »dass du ein wenig sehr selbstbezogen geworden bist. Ich empfinde es manchmal so, dass ich stärker – nicht ausschließlich – auf uns beide achte. Wir müssen uns nun neu definieren.«
Verpflichtungen gegenüber den (Groß-)Eltern Betreuungspflichten gegenüber eigenen Eltern gibt es (noch) keine. Markus Brandenbergs Mutter lebt im Altersheim und ist dort gut aufgehoben. »Es heißt für mich jedoch, dass ich sie – wenn möglich alle zwei Wochen, manchmal wird es ein Monat – im Altersheim Zug besuche. Das nimmt einen halben Tag in Anspruch.«
Corinas Eltern sind noch selbstständig und bei guter Gesundheit. Sie ist sich aber bewusst, dass mit zunehmendem Alter ein gewisser Betreuungsbedarf entstehen kann. »Mein Vater wird 87, und meine Mutter ist 77 Jahre alt. Ich rechne damit – es ist jedoch noch nicht der Fall –, dass sie irgendwann viel mehr Unterstützung benötigen werden.«
Vor- und Nachteile des egalitären Rollenmodells Corina Elmer und Markus Brandenberg erkennen am egalitären Rollenmodell Vor- und Nachteile. »In diesem Modell gibt es ein labiles Verhältnis zwischen zwei Leuten mit je unterschiedlichen Vorstellungen«, stellt Markus fest. »Wir mussten viel daran arbeiten, und es ist aufwendig, dass es funktioniert. Es braucht Ausdauer, damit man dranbleibt.« Corina betont, definierte Rollen könnten auch hilfreich sein, »indem sie die Dinge vereinfachen. Wenn nicht klar ist, wer der Außenminister und wer der Innenminister ist, muss man sich vermehrt einigen.« Einen Vorteil des Modells sieht sie darin, »dass beide Partner in beide Bereiche hineinsehen. Man weiß, was es heißt, einen Tag lang mit quengelnden Kleinkindern zu Hause zu sein. Und man weiß, was es heißt, einen Tag lang an Sitzungen teilzunehmen, arbeiten zu müssen und am Abend nach Hause zu den Kindern zu kommen.« Corina ist überzeugt davon, »dass das partnerschaftliche Modell den Kindern extrem guttut. Aus Sicht der Gewaltprävention finde ich es zudem wichtig, dass die Jungen – die eher dazu neigen, ihre Aggressionen nach außen zu tragen – durch das Erleben ihrer Väter gestärkt und in ihrer Identität gefestigt werden.«
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen Corina wünscht sich »ein Betreuungsmodell, das den Eltern erlaubt, das zu wählen, was für sie stimmt. Man müsste vermehrt familienverträgliche Arbeits- und Betreuungsstrukturen schaffen und diese öffentlich unterstützen. Ich bin der Ansicht, dass diesbezüglich der Wille der Öffentlichkeit gering ist und dass die Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern extrem schlecht abschneidet. Auch die Arbeitgeber und die Wirtschaft müssten sich dafür einsetzen. Sie könnten von familienverträglicheren Modellen nur profitieren.«
Beide Partner haben in ihrem beruflichen Umfeld die Beobachtung gemacht, dass junge Menschen zum Teil wieder traditioneller denken. Brandenberg sieht bei seinen weiblichen Studierenden oft »die Einstellung, dass sie zu Hause bleiben möchten, um eine gute Mutter zu sein. Das höre ich heute viel öfter als vor zwanzig Jahren.« Corina bestätigt: »Viele Frauen, die es sich leisten können – die mittelständischen –, ziehen sich, wenn sie Kinder bekommen, aus dem Arbeitsprozess zurück.« Das Paar findet diese Entwicklung bedenklich – und unbegründet. Sie haben ihr Rollenmodell als anspruchsvoll, aber bereichernd erlebt und sehen viele gute Gründe, es weiterzuempfehlen. Sie wünschen sich deshalb geeignete Maßnahmen, die darauf abzielen, die egalitäre Rollenteilung bei jungen Leuten bekannt(er) zu machen.
TEIL II FORSCHUNGSSTAND ZUR EGALITÄREN ROLLENTEILUNG
(Verena Witzig)

DIE EBENE DER ELTERN
Egalitäre Rollenteilung in der Familie – Definition und Bewertung
Dieses Kapitel beschäftigt sich mit den staatlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen Familien heute leben, und insbesondere mit dem Wandel, der im Zeitraum von 1994 bis 2014 stattgefunden hat. Das Augenmerk liegt dabei vor allem darauf, ob die gesellschaftlichen Verhältnisse für die egalitäre Rollenteilung förderlich sind oder nicht.
Die Beschreibung des egalitären Rollenmodells erfolgt auf Basis der früheren Forschungen der Autorin (siehe Bürgisser, 1995, 1996, 1998, 2006, 2011). Sie definierte egalitäre Rollenteilung als »eine Form familiärer Organisation, bei der zwei Elternteile mit Kind(ern) zusammenleben, wobei beide in annähernd gleichen Teilzeitpensen erwerbstätig sind und sich daneben Hausarbeit und Kinderbetreuung nach eigenem Ermessen zeitgleich und gleichverantwortlich teilen« (Bürgisser, 1998, S. 26 f.). Auf diese Definition werden wir uns im Folgenden beziehen.
An dieser Stelle soll eine Zusammenfassung der beiden 1994 und 2004 durchgeführten Studien der Autorin zur egalitären Rollenteilung erfolgen. Ziel der 1994 durchgeführten Studie (Bürgisser, 1995) war es, die Situation von Elternpaaren zu erforschen, bei denen sich die Partner Gelderwerb, Hausarbeit und Kinderbetreuung teilen. In persönlichen Gesprächen wurden 28 Deutschschweizer Elternpaare über die von ihnen praktizierte Rollenteilung und deren gesellschaftliche Rahmenbedingungen befragt. Dabei fand einerseits die persönliche Perspektive (biografische Determinanten, soziokultureller Hintergrund, Motive für die Wahl des Modells usw.) Beachtung. Andererseits wurde untersucht, wie die betreffenden Paare den beruflichen und familiären Alltag organisierten, ihre Rollenteilung gestalteten und das egalitäre Rollenmodell als Ganzes bewerteten.
Die Analyse zeigte, dass die Befragten die Verbindung der verschiedenen Lebensbereiche als große Bereicherung sahen. Die Frauen schätzten es, die Verantwortung für die Kinderbetreuung mit dem Partner zu teilen. Zudem erlebten sie es als Chance, trotz Mutterschaft eine kontinuierliche Berufstätigkeit zu pflegen. Die Männer betonten primär die Möglichkeit, die Vaterrolle aktiv auszuüben und an der Entwicklung ihrer Kinder teilnehmen zu können. Einige bewerteten es auch positiv, durch die Partnerin in der Existenzsicherung entlastet zu werden. Die Männer gewichteten die mit der Teilzeitarbeit verbundenen Nachteile stärker als die Frauen. Manche wurden am Arbeitsplatz bezüglich Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten benachteiligt. Andere hatten das Problem, sich wegen ihres reduzierten Pensums gegenüber Mitarbeitenden rechtfertigen oder abgrenzen zu müssen. Trotz der erwähnten Schwierigkeiten dominierten bei beiden Geschlechtern die positiven Stellungnahmen. Die meisten Paare beabsichtigten, die egalitäre Rollenteilung weiterhin beizubehalten.
2004 wurden dieselben Elternpaare erneut befragt (Bürgisser, 2006). Drei Paare hatten sich getrennt, 25 übten die egalitäre Rollenteilung nach wie vor aus. Die meisten Paare wohnten noch am selben Ort, oft sogar im selben Haus. Die paarspezifischen Entwicklungen erschienen in manchen Fällen als eine Kette von wechselseitig aufeinander abgestimmten Veränderungen. Entwicklungsverläufe, die einen Partner einseitig begünstigten, erwiesen sich als konfliktträchtig, desgleichen unterschiedliche Praktiken bezüglich Kinderbetreuung und Haushaltsführung. Durch das Heranwachsen der Kinder eröffneten sich den Eltern neue Freiräume, welche die meisten zur Erhöhung der Erwerbsarbeitspensen nutzten.
Als vorteilhaft erwiesen sich in der zweiten Studie vor allem Aspekte der partnerschaftlichen Arbeitsteilung, der Work-Life-Balance, der Rollenvielfalt, des vorteilhaften Ressourcenhaushalts und der Risikominimierung. Auch Vorteile für Unternehmen und Gesellschaft wurden erwähnt. Weniger stark als in den Interviews von 1994 wurden die Vorteile der geteilten Elternschaft betont. Das ist dadurch erklärbar, dass manche Kinder bei der zweiten Befragung bereits erwachsen oder zumindest in der Ablösungsphase waren. Die Beanspruchung durch die Kinderbetreuung war entsprechend gesunken.
1994 wurden Klagen über den hohen Organisations- und Kommunikationsaufwand, über Wesensunterschiede zwischen den Partnern, über Probleme bei der Suche nach adäquaten Teilzeitstellen und über Unverständnis vonseiten des sozialen Umfelds geäußert. 2004 waren solche Klagen seltener. Das egalitäre Rollenmodell hatte bei den Angehörigen, im sozialen Umfeld und am Arbeitsplatz im Zeitverlauf an Akzeptanz gewonnen.
Insgesamt zeigte die zweite Befragung, dass das egalitäre Modell die Erwartungen der Befragten weitgehend erfüllte. Die geäußerte Kritik bezog sich auf ausgewählte Belastungsmomente, nicht auf das Arrangement an sich. Selbst geschiedene Partner beurteilten das Modell rückblickend mehrheitlich positiv. Die große Mehrheit der Befragten war mit der praktizierten Rollenteilung zufrieden und beabsichtigte, sie auch in Zukunft beizubehalten.
Die demografische Verbreitung des egalitären Modells
Grundsätzlich arbeiten Mütter und Väter in der Schweiz etwa gleich viel, wenn wir das Total von Erwerbs- und Familienarbeit betrachten. 2010 arbeiteten die Mütter in Paarhaushalten mit Kindern unter sieben Jahren durchschnittlich 67,4 Stunden pro Woche, Väter 69,5 Stunden. Eltern mit Kindern zwischen sieben und vierzehn Jahren arbeiten wöchentlich etwa fünf Stunden weniger, beide Partner ebenfalls nahezu gleich viel (BFS, 2013, S. 9). Der Unterschied liegt also nicht in der Gesamtarbeitszeit, sondern darin, wer welche Arbeiten verrichtet.
Grafik 1: Durchschnittlicher Zeitaufwand für Haus-, Familien- und Erwerbsarbeit[10], 2010

Im Zeitverlauf hat sich die Aufteilung von Erwerbs-, Haus- und Familienarbeit zwischen den Geschlechtern tendenziell angeglichen, ohne jedoch einer egalitären Aufteilung nahezukommen. Nach wie vor erledigen Mütter mehr Haus- und Kinderbetreuungsarbeit, während Väter mehr Erwerbsarbeit leisten.
Das Erwerbsmodell, bei dem Mann und Frau Teilzeit erwerbtätig sind, ist gegenüber anderen Modellen wie dem traditionellen (Mann Vollzeit, Frau nicht erwerbstätig) und dem modernisiert-traditionellen Erwerbsmodell (Mann Vollzeit, Frau Teilzeit erwerbstätig) nach wie vor schwach vertreten, doch es gewinnt an Bedeutung. Laut repräsentativen Befragungen lebten 1992 1,7 Prozent der Paarhaushalte mit mindestens einem Kind unter vierzehn Jahren ein egalitäres Teilzeit-Teilzeit-Modell; der Wert stieg über die Jahre kontinuierlich an. 2014 waren es 6,5 Prozent, verglichen mit 23 Prozent, die das traditionelle Familienmodell, und über der Hälfte, die das modernisierte traditionelle Modell lebten (BFS, 2015b).
Grafik 2: Erwerbsmodelle bei Paaren mit und ohne Kind(er) im Haushalt, 2014

So weit die Situation auf der Erwerbsseite. Es folgt die Betrachtung der Arbeitsteilung innerhalb des Haushalts. Nach wie vor leisten Mütter rund doppelt so viel Haus- und Kinderbetreuungsarbeit wie Väter. Lediglich 18 Prozent der Paare, deren jüngstes Kind unter sieben Jahre alt ist, geben an, die Verantwortung für Haushalt und Kinderbetreuung zu gleichen Teilen auf Vater und Mutter zu verteilen (BFS, 2014b, S. 6). Eine hohe Berufstätigkeit der Partnerin fördert die Beteiligung der Väter an der Hausarbeit, ebenso Teilzeitarbeit der Väter (BFS, 2013, S. 11 ff.).
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es in der Schweiz vergleichsweise wenig egalitär teilende Paare gibt, dass sich ihre Zahl von 1992 bis 2014 jedoch mehr als verdreifacht hat. Auf die Themen Teilzeitarbeit und die Arbeitsteilung im Haushalt wird im Folgenden vertieft eingegangen.
Verbreitung von Teilzeitarbeit in der Schweiz
Wie erwähnt, sind egalitär teilende Paare auf ein ausreichendes Angebot an Teilzeitstellen angewiesen. Allerdings bedeutet Teilzeitarbeit für Mütter und Väter nicht dasselbe.
Allgemein hat die Verbreitung der Teilzeitarbeit in der Schweiz zwischen 1992 und 2015 stark zugenommen, sowohl bei den erwerbstätigen Frauen als auch bei den Männern. Nach wie vor sind wesentlich mehr Frauen als Männer Teilzeit erwerbstätig. Arbeiteten 1991 rund die Hälfte der Frauen Teilzeit, so waren es 2015 annähernd 60 Prozent. Bei den Männern stieg der Anteil der Teilzeit Arbeitenden im selben Zeitraum von 7,7 auf 16,4 Prozent. Jeder sechste Mann arbeitet somit heute Teilzeit.
Mutterschaft ist ein wichtiger Grund, um das Arbeitspensum zu reduzieren. Die Geburt des ersten Kindes führt zu einer Reduktion der mütterlichen Erwerbszeit von durchschnittlich einem Arbeitstag pro Woche. Väter hingegen arbeiten nach der Familiengründung, statistisch gesehen, nicht weniger als vorher (BFS, 2016, S. 1).
Grafik 3: Beschäftigungsgrad nach Geschlecht 1991 und 2015

Mütter im Erwerbsleben
Die Erwerbsquote der Mütter mit mindestens einem Kind zwischen null und vierzehn Jahren ist in den letzten 25 Jahren erheblich gestiegen (1991: 59,6 Prozent, 2015: 78,8 Prozent). Im internationalen Vergleich liegt der Anteil der erwerbstätigen Schweizer Mütter über dem EU-Durchschnitt, jedoch deutlich unter dem Anteil erwerbstätiger Schweizer Frauen ohne Kinder, die die höchste Erwerbsbeteiligungsquote in Europa haben (BFS, 2016, S. 9 ff.).
Nach wie vor arbeiten die meisten Mütter Teilzeit, aktuell 80,6 Prozent (BFS, 2016). 52,9 Prozent der Teilzeit erwerbstätigen Frauen geben an, aus familiären Gründen auf eine Vollzeiterwerbstätigkeit zu verzichten (verglichen mit 15,7 Prozent der Männer) (BFS, 2014d, S. 1). Mütter schränken ihre Erwerbstätigkeit ein, um den gestiegenen Aufwand für Hausarbeit und Kinderbetreuung bewältigen zu können. Gleichzeitig würden manche Mütter gerne mehr arbeiten, als es ihnen die Umstände erlauben. 23 Prozent der Frauen mit Kinderbetreuung im eigenen Haushalt bekunden, ihr Arbeitspensum erhöhen zu wollen, wenn die Betreuungsfrage gelöst wäre (BFS, 2014c, S. 3). Die weibliche Erwerbsbiografie ist von starken Wechseln geprägt. Die temporäre Einschränkung oder Aufgabe der Erwerbsarbeit ist verbreitet. Nicht selten erhöhen Mütter ihr Arbeitspensum wieder, wenn die Kinder aus der Kleinkindphase heraus sind. Bei Vätern gibt es keine vergleichbaren Wechsel der Erwerbsverhältnisse (Levy, 2016, S. 6 ff.)
Teilzeitarbeit bietet also – insbesondere für Mütter – die Möglichkeit, die familiären Pflichten mit der Erwerbstätigkeit zu vereinbaren. Sie ist jedoch auch mit Nachteilen verbunden, die Frauen häufiger betreffen als Männer: unsichere Arbeitsverhältnisse, schlechtere Sozialleistungen (insbesondere in der Pensionskasse) sowie mangelnde berufliche Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten.
Väter und Teilzeitarbeit
Wie bereits erwähnt, arbeiten Männer heute öfter Teilzeit als vor 25 Jahren. Allerdings sind noch immer 83,6 Prozent der Männer in der Schweiz Vollzeit erwerbstätig. Bemerkenswert ist außerdem, dass die Vaterschaft keinen negativen Effekt auf die männliche Erwerbstätigkeit hat. Väter arbeiten sogar öfter Vollzeit als Männer ohne Kinder (88,6 Prozent der Väter arbeiten Vollzeit, verglichen mit 86,6 Prozent der Männer ohne Kinder) (BFS, 2016, S. 3). Der Grund dafür ist, dass die Ernährerrolle in den meisten Haushalten nach wie vor beim Mann liegt. Da die Mütter nach der Geburt eines Kindes ihre Arbeitszeit zugunsten der Familie reduzieren, müssen die Väter im Gegenzug mehr verdienen, um das Familienbudget zu stabilisieren. Sie stehen nicht nur unter dem Druck, Vollzeit zu arbeiten, sondern auch sich beruflich weiterzuentwickeln, um den wachsenden finanziellen Bedürfnissen ihrer Familie gerecht zu werden. Die Berufstätigkeit der Mutter – und damit ihr Einkommen – ist verhandelbar, das berufliche Engagement des Vaters nicht (vgl. Lengersdorf/Meuser, 2016; König, 2012).
Die gesellschaftliche Akzeptanz der Teilzeitarbeit unterscheidet sich je nach Geschlecht. Ein Mann, der Teilzeit arbeitet, steht im Verdacht, seinen Beruf nicht ernst genug zu nehmen, und riskiert, bei Beförderungen übergangen zu werden (Wiler/Zemp, 2014, S. 29). Zudem ist in vielen klassischen Männerbranchen wie Industrie und Gewerbe Vollzeitarbeit nach wie vor die Regel, während im Dienstleistungssektor, wo viele Frauen arbeiten, Teilzeitarbeit stärker verbreitet ist (Strub, 2003, S. XI). Die meisten Kaderpositionen sind zudem nach wie vor Vollzeitstellen (ebd.). Wer sein Pensum reduziert, gefährdet womöglich den beruflichen Aufstieg.
Es ist also ungewöhnlich für Männer, Teilzeit zu arbeiten. Noch ungewöhnlicher ist es, dies aus familiären Gründen zu tun. Männer mit Familie sehen sich im Dilemma, ein guter Versorger und ein guter Vater zu sein. Dies spiegelt sich darin, dass nur einer von sechs Männern Teilzeit arbeitet, jedoch in Umfragen neun von zehn Männern angeben, ihr Arbeitspensum reduzieren zu wollen (Pro Familia, 2011, S. 8).
Ein Mann, der ein egalitäres Rollenmodell leben möchte, steht also vor der Herausforderung, eine passende Anstellung zu finden. Zudem muss er sich damit auseinandersetzen, dass seine Gründe für den Teilzeiterwerb von der Gesellschaft und möglicherweise auch von seinem Arbeitgeber nicht als triftig betrachtet werden (Bürgisser, 1996, 2006).
Arbeitsteilung im Haushalt
Auch Care ist Arbeit Nicht nur Erwerbstätigkeit, sondern auch Hausarbeit und Betreuung sind gesellschaftlich relevante Arbeiten. Häufig bezeichnet man Erwerbsarbeit als produktive Arbeit und unbezahlte, für die Familie notwendige Tätigkeiten wie Hausarbeit und Kinderbetreuung als reproduktive Arbeit (Knobloch, 2009, S. 27).
Eine besondere Art der reproduktiven Arbeit ist die Sorgearbeit, auch als Care bezeichnet. Care bedeutet, dass innerhalb einer »Dienstleistung« die Beziehung im Vordergrund steht.[11] Es geht nicht nur darum, die Kinder zu waschen oder mit ihnen die Hausaufgaben zu erledigen. Ebenso wichtig ist es, auf die Kinder einzugehen, ihnen zuzuhören und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Typischerweise sind Care-Aufgaben prozesshafter Natur, das heißt, sie müssen periodisch wiederholt werden (Madörin, 2010, S. 87 ff.). Die produktive Erwerbsarbeit und die reproduktive Haus- und Care-Arbeit stehen in einem eng verflochtenen Wechselspiel und sind aufeinander angewiesen. Während es bei der Hausarbeit keine große Rolle spielt, wer sie erledigt – den Boden kümmert es nicht, wer saugt –, ist es bei Care-Aufgaben sehr relevant, wer sie tut, da der Beziehungsaspekt im Vordergrund steht.
Dem herrschenden Leitbild zufolge sind nach wie vor primär die Frauen für Care-Aufgaben zuständig (König, 2012; Meuser, 2012). Ob und welche Veränderungen in der innerfamiliären Arbeitsteilung stattgefunden haben, wird in den folgenden Abschnitten diskutiert.
Mütter im Haushalt Die Anzahl der Stunden, die Mütter mit Kindern unter vierzehn Jahren in Haus- und Familienarbeit investieren, hat sich zwischen 1997 und 2013 praktisch nicht verändert (51,6 vs. 51,3 Stunden pro Woche) (BSF, 2014a). Zudem sind nach wie vor meistens die Mütter hauptverantwortlich für Haushalt- und Sorgeaufgaben. Dieser Effekt ist in Familien mit Kindern deutlich ausgeprägter als bei kinderlosen Paaren, wie unten stehende Grafik zeigt.
Grafik 4: Hauptverantwortung für die Hausarbeit in Paarhaushalten, 2013

In rund drei Vierteln der Paarhaushalte mit Kindern unter fünfzehn Jahren ist die Mutter hauptverantwortlich für die Hausarbeit (BFS, 2013, S. 7). Das Standardmodell ist somit, dass die Mutter den Haushalt organisiert und für das Gros der anfallenden Aufgaben verantwortlich ist, während der Vater sie im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstützt. Der limitierende Faktor dabei ist die Berufstätigkeit des Vaters, die in diesem Zusammenhang »nicht verhandelbar« ist (Meuser, 2012). Der Trend geht zwar dahin, dass – in Stunden ausgedrückt – Väter mehr Zeit in Haushalt und Kinder investieren und Mütter mehr Erwerbsarbeit leisten. Die Hauptverantwortung für die Familienarbeit liegt jedoch gleichwohl bei den Müttern.
Die Hauptverantwortung für den Haushalt bedeutet auch, dass Sorgeverpflichtungen Vorrang haben, wenn die Ansprüche von Erwerbstätigkeit und Haushalt in Konflikt geraten. In vier Fünfteln der Haushalte bleiben die Mütter zu Hause, wenn die Kinder krank sind, unabhängig von der Arbeitsteilung innerhalb des Paarhaushalts (BFS, 2015a, S. 12).
In dieser Konstellation – die Mutter übernimmt Hausarbeit und Kinderbetreuung, der Vater hilft – entsteht nicht nur eine Diskrepanz in der Zeit, die die Elternteile in den Haushalt investieren. Es entsteht auch ein Machtgefälle, da die Mutter letztlich den Haushalt und den Alltag der Kinder organisiert und diesbezüglich alle Fäden in der Hand hält. Die Väter übernehmen in diesem Gefüge – wie wir noch sehen werden – ausgewählte Aufgaben, die eigentliche Verantwortung verbleibt jedoch bei den Müttern (Meuser, 2012; König, 2012).
Väter im Haushalt Väter übernehmen heute mehr Haus- und Familienarbeit als noch vor zwanzig Jahren. 1997 gaben Väter mit Kindern unter fünfzehn Jahren an, 21,8 Stunden pro Woche in Haushalt und Familie zu investieren. Der Wert stieg seither kontinuierlich an. 2013 betrug der väterliche Beitrag 27,6 Stunden; dies entspricht einem Zuwachs von knapp fünf Stunden pro Woche (BFS, 2014a). Nach wie vor teilen aber nur wenige Väter die Hausarbeit mit ihrer Partnerin, und noch seltener trägt der Vater die Hauptverantwortung (siehe Grafik 4).
Väter leisten nicht nur weniger Haus- und Familienarbeit als Mütter, sie engagieren sich auch nicht in allen Aufgabengebieten gleichermaßen. Generell investieren Väter mehr Zeit in Kinderbetreuung als in Haushaltsaufgaben (BFS, 2013, S. 8). Kinderbetreuung bedeutet für Väter vor allem, mit den Kindern Hausaufgaben zu machen, über ihre Probleme zu sprechen oder mit ihnen zu spielen. Väter beteiligen sich jedoch weniger daran, die Kinder anzuziehen, sie zu waschen oder bei Krankheit zu pflegen (BFS, 2013, S. 8; BFS 2015a, S. 12). Väter setzen sich also vergleichsweise stark mit ihren Kindern auseinander, beteiligen sich aber in geringerem Maße an ihrer Betreuung und Pflege.
Bei der Hausarbeit im engeren Sinne fällt auf, dass Väter vergleichsweise wenig putzen, waschen und kochen. Stärker ausgeprägt ist ihr Engagement in den Bereichen Einkaufen, Gartenarbeit und administrative Arbeiten. Handwerkliche Tätigkeiten werden öfter von Vätern als von Müttern erledigt (BFS, 2013, S. 8). Die klassischen Haushaltsaufgaben verbleiben im Aufgabenbereich der Mütter.
Wenn Väter zupacken sollen, müssen Mütter loslassen Ob Väter Aufgaben innerhalb des Familienalltags übernehmen, hängt auch davon ab, ob die Mütter bereit sind, Zuständigkeiten und Verantwortung abzugeben. Meuser (2012) beschreibt den Mechanismus des »maternal gatekeeping«[12] als »eine Ansammlung von Überzeugungen und Verhaltensweisen, die eine Kooperation von Frauen und Männern in der Familienarbeit erschweren, indem die Gelegenheiten der Männer, durch Beteiligung an der Familienarbeit zu lernen, begrenzt werden«. Meuser betont, »gatekeeping« sei kein bewusstes Handeln, sondern eine unbewusste Strategie, um das geschlechtliche Selbst zu bestätigen (ebd., S. 74). Da unter den herrschenden Bedingungen die Mütter hauptverantwortlich sind für Haushalt und Kinderbetreuung, bleibt es nach Meusers Ansicht nicht aus, dass sie einen Teil ihres Selbstbilds und Selbstbewusstseins aus diesen Aufgaben beziehen. Wenn sich nun die Väter gleichverantwortlich am Haushalt beteiligen wollen, kann dies für das Selbstbild der »guten Mutter« eine Bedrohung darstellen.
Frauen sind nicht grundsätzlich gegen ein männliches Engagement im Haushalt, sie beanspruchen jedoch, die Standards des Haushalts und der Care-Aufgaben zu definieren. So gerät der Vater leicht in die Position des mütterlichen »Assistenten«. Er darf zwar helfen, aber nur unter Anleitung und Kontrolle. Eine weitere subtile Strategie liegt darin, die von Männern geleistete Fürsorgearbeit als etwas Besonderes herauszustreichen. Wenn eine Mutter sich liebevoll um ihre Kinder kümmert, ist es nicht weiter erwähnenswert; tut ein Mann dasselbe, erhält es einen Ausnahmestatus (Meuser, 2012, S. 75 ff.).
Familienergänzende Kinderbetreuung in der Schweiz
Die familienergänzende Kinderbetreuung stellt eine zentrale Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf dar (Stern et al., 2013, S. 72; OECD, 2013). Sie gewinnt in der Schweiz zunehmend an Bedeutung. 1991 nutzten lediglich 14 Prozent aller Paarhaushalte mit Kindern unter sieben Jahren bezahlte oder unbezahlte außerfamiliäre Kinderbetreuung, im Jahr 2007 waren es bereits 55 Prozent. Im Jahr 2014 nahmen bereits 59,7 Prozent aller Haushalte mit Kindern im Alter zwischen null und zwölf Jahren ein familienergänzendes Kinderbetreuungsangebot in Anspruch (siehe Grafik 5).
Grafik 5: Inanspruchnahme von verschiedenen Arten der Kinderbetreuung, 2014

Oben stehende Grafik zeigt, dass Eltern hauptsächlich familienergänzende Kinderbetreuung auf privater Basis in Anspruch nehmen. Der größte Teil dieser nichtinstitutionellen Kinderbetreuung wird von Verwandten geleistet, insbesondere von den Großeltern (Lanfranchi, 2010, S. 5).
Die Versorgung mit institutioneller Kinderbetreuung ist in der Schweiz vergleichsweise kompliziert organisiert[13] und schwach ausgeprägt. Durchschnittlich steht für 11 Prozent der Kinder im Vorschulalter und für 8 Prozent der Kinder im Schulalter ein Vollzeitbetreuungsplatz zur Verfügung[14] (Stern et al., 2013). Die Nachfrage nach institutioneller familienergänzender Kinderbetreuung lässt sich nur schätzen. Iten et al. (2005) gehen davon aus, dass bei freier Wahl fast die Hälfte aller Haushalte mit Kindern unter vier Jahren institutionelle Kinderbetreuung in Anspruch nehmen würden. Wenn man dies mit der Zahl der tatsächlich vorhandenen Plätze vergleicht, ist nicht einmal die Hälfte der angenommenen Nachfrage gedeckt[15] (EKFF, 2008). Die Verfügbarkeit von Krippenplätzen hat in den letzten Jahren jedoch deutlich zugenommen, vor allem unter dem Einfluss des 2003 in Kraft getretenen Bundesgesetzes über Finanzhilfen für familienergänzende Kinderbetreuung. Es handelt sich um ein Impulsprogramm zur Schaffung von Betreuungsplätzen; antragsberechtigt sind Institutionen, die solche Plätze anbieten. Das Bundesamt für Sozialversicherungen schätzt, dass in der Laufzeit des Programms 50 600 neue Betreuungsplätze geschaffen wurden, was einer Verdoppelung des Angebots entspricht (BSV, 2016a). Das Impulsprogramm wurde bis 2019 verlängert.
Regional gibt es markante Unterschiede in der Verfügbarkeit von institutioneller Kinderbetreuung. Am meisten Betreuungsplätze pro Kind stehen in der Romandie, in Basel-Stadt und in den Regionen Zürich und Zug zur Verfügung. Am schwächsten ausgebaut ist das Angebot in den ländlichen Regionen der Zentral- und Ostschweiz (Stern et al., 2013). Der Kanton Tessin ist insofern bemerkenswert, als er eine flächendeckende Vorschule mit Tagesstruktur für Kinder ab drei Jahren anbietet, die »scuola dell’infanzia« (EKFF, 2008, S. 13).
In den Großstädten[16] nehmen Familien zudem deutlich häufiger institutionelle Kinderbetreuung in Anspruch als Familien in städtischen und ländlichen Gebieten, unter anderem deshalb, weil das Erwerbspensum der Mütter durchschnittlich höher ist und oft keine private Kinderbetreuung möglich ist (BFS, 2015a, S. 19). Schmid/Kriesi/Buchmann (2011) zufolge ist jedoch der Hauptgrund, dass in Städten das institutionelle Angebot besser ausgebaut ist. In ihrer Studie stellen sie fest, dass ein verbessertes Angebot institutioneller Kinderbetreuung mit einer höheren Nutzung einhergeht, während die privat organisierte Betreuung zurückgeht (ebd., S. 27). Institutionelle Kinderbetreuung wird zudem deutlich häufiger von Familien der oberen Einkommensschichten genutzt, während Familien der mittleren und unteren Schichten entweder keine Kinderbetreuung in Anspruch nehmen oder auf Verwandte zurückgreifen. Erst ab einem Haushaltseinkommen von über 100 000 Franken scheint sich institutionelle Kinderbetreuung für einen Paarhaushalt zu lohnen (ebd., S. 28).
Laut Schlanser (2011) beeinflusst auch die Nationalität der Eltern die Nutzung von institutioneller Kinderbetreuung. Sind die Eltern zum Beispiel Eingewanderte aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, liegt die Wahrscheinlichkeit, eine Krippe zu nutzen, 70 Prozent tiefer als bei Schweizer Familien[17] (ebd., S. 141). Zudem werden Krippen häufiger von Eltern mit einem hohen Bildungsniveau genutzt. Besonders ins Gewicht fällt ein Abschluss der Mutter auf Tertiärstufe (ebd., S. 141). Die Autorin konstatiert, dass somit Kinder aus sozial benachteiligten Milieus oder mit Migrationshintergrund, die am meisten von institutioneller Kinderbetreuung profitieren könnten, die Angebote am wenigsten nutzen (ebd., S. 139).
Betreuung versus Bildung
Die Perspektive, dass Kleinkinder von institutioneller Betreuung profitieren könnten oder sogar einen Anspruch auf frühkindliche Förderung haben, wird in der Schweiz selten vertreten. Betreuungseinrichtungen, besonders für Kleinkinder, hängt noch immer der negative Ruf aus ihrer Gründerzeit Anfang des 19. Jahrhunderts an, als sie unbetreute Kinder von sozial Bedürftigen zu versorgen hatten (Lanfranchi, 2009, S. 4). Nach wie vor hält sich die Vorstellung, dass eine »zu frühe« Einbindung der Kinder ins institutionelle Lernen ihnen schaden könnte. Gewisse Autoren sehen hier die Erziehungsfunktion der Familie und insbesondere der Mutter in Gefahr (Stamm, 2009, 2011).
Die Vermittlung von Bildung steht in Betreuungseinrichtungen für Kinder unter vier Jahren – zumindest in der Deutschschweiz – nicht im Vordergrund. Dies lässt sich auf die unterschiedlichen Paradigmen der frühkindlichen Erziehung in den Sprachregionen zurückführen: In der Deutschschweiz stand unter Berufung auf Fröbel und Pestalozzi die »Sozialorientierung« und ganzheitliche Betrachtung des Kindes im Vordergrund, während in der Romandie und im Tessin, angelehnt an Piaget beziehungsweise Montessori, eine kognitiv orientierte, schulvorbereitende frühkindliche Förderung dominierte (Stamm, 2009, S. 34).
Gemeinsam Eltern bleiben nach Trennung oder Scheidung
Nach einer Trennung oder Scheidung zeigen sich exemplarisch die Fallstricke der »komplementären« Erwerbsmodelle. In der Regel sind weder Frau noch Mann darauf vorbereitet, eine voneinander unabhängige Existenz zu führen. Wie erwähnt, tragen die Mütter die Hauptverantwortung für Haushalt und Kinderbetreuung, verdienen jedoch nur ein Nebeneinkommen. Die Väter verdienen den Hauptanteil des Haushaltseinkommens, sind jedoch mit Hausarbeit und Kinderbetreuung wenig vertraut. Die Konsequenz ist zumeist, dass die Kinder nach einer Trennung in der Obhut der Mutter bleiben. Diese trägt in der Folge eine ausgeprägte Doppelbelastung und lebt nicht selten unter materiell eingeschränkten Verhältnissen. Die Väter hingegen sind faktisch vom täglichen Leben der Familie ausgeschlossen und sehen ihre Kinder nur noch zu Besuchszeiten (Bürgisser, 2014, S. 151 ff.).
Auf gesetzlicher Ebene ist eine Tendenz zu mehr Egalität auszumachen: 2014 wurde die geteilte Sorge als Regelfall eingeführt. Vor der Gesetzesrevision war eine geteilte Sorge nur möglich, wenn die Eltern diese gemeinsam beantragten. Ansonsten musste das Sorgerecht zwingend einem Elternteil allein zugesprochen werden. Theoretisch konnte dies der Vater oder die Mutter sein. Doch in der gerichtlichen Praxis wurden die Kinder in der Mehrheit der Fälle der Mutter zugesprochen, welche die Kinder während der Ehe bereits hauptsächlich betreute (Botschaft ZGB Elterliche Sorge, 2011, S. 9088).
Das revidierte Gesetz ist insofern ein Fortschritt, als es klar bekundet, dass die Betreuung und Erziehung der Kinder auch nach der Scheidung Sache beider Elternteile ist. Allerdings muss festgehalten werden, dass gemeinsame Sorge nicht automatisch geteilte Betreuung bedeutet. Auch getrennte Eltern mit gemeinsamer Sorge praktizieren überwiegend eine traditionelle Arbeitsteilung (Büchler/Simoni, 2009).
Die egalitäre Rollenteilung bietet nach einer Trennung gewisse Vorteile, da die bisher praktizierte Arbeitsteilung theoretisch weitergeführt werden kann. Wenn beide Elternteile die geteilte Betreuung der Kinder beibehalten wollen, bieten sich dazu geeignete Modelle an, wie zum Beispiel die geteilte Obhut oder das Nestmodell. Mutter wie Vater können erwerbstätig bleiben und ihre Erwerbstätigkeit, wenn nötig, sogar ausbauen. Vor allem aber bleiben beide Elternteile für die Kinder im Alltag präsent, was für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern einen erheblichen Vorteil darstellt (vgl. Bürgisser, 2014).
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
