Kitabı oku: «Mails von Marge»

Yazı tipi:

Mails von Marge

Da läuft ganz schön was zusammen

Margrit Lange

Auch wir, also mein Mann und ich, machten uns auf den Weg. Schon klar – über den Jakobsweg. Beginnend ab 2011 trotteten wir im Paarlauf des Weges. Dabei wollte ich immer alleine gehen. Wieder im Alltagstrott gelandet, war mein Kopf gefüllt mit den Erinnerungen. Die Bilder im Kopf ließen mich nicht los. So schrieb ich fast jeden Tag eine Mail an unsere Kinder und Freunde über unsere Camino-Erfahrungen. Als wenn sich um meinen nackigen Körper eine Schnur geschlungen hatte, die mit jedem Satz, jeder Seite, von meinem Leib abgerollt wurde, mich in einen Brummkreisel verwandelte, bis ich völlig entblättert war.

Sobald man sich die Stiefel schnürt und sich über den recht steinigen Jakobsweg macht, verändert sich das Leben. Wo gibt es etwas zu trinken und zu essen. Wo kann ich mein Pusteblumenköpfchen für die Nacht auf das Kissen schmeißen. Das Span-nendste sind aber die unterschiedlichen Menschen die einem begegnen.

Sicher erzähle ich die Eindrücke, die ich hatte ein bisschen sarkastisch, quengelnd, lauffaul, wartend auf die mit kulinarischen Köstlichkeiten ausgestattete Sänfte. Die mich über den steinigen Camino »trägt». Woraus man mich am Ende der Etappe vorsichtig hebt und mich in die duftige Dammastbettwäsche zum Ruhen legt.

Ich bin kein liebes Mädchen, will ich auch nicht mehr werden. Punkt. Zu spät. Wen ich mag, den mag ich von Herzen. Wenn ich aber jemanden »gefressen« habe, dann schäumt die grüne Seife ganz schön über. Und unter den Pilgern gibt es nicht nur die mit dem strahlend gelben Ring um den Kopp – nö. Alle wurden so verarbeitet, wie ich sie beobachtet hatte. Wobei ich mit mir auch nicht immer nett umgegangen bin. Mit meinem persönlichen Schnarchgesellen auch nicht.

Mails von Marge

Da läuft ganz schön was zusammen

Margrit Lange

Impressum

Texte: © Copyright by Margrit Lange

Umschlaggestaltung: © Copyright by Margrit Lange

Foto: © Copyright by Wolfgang Lange

2011

Vorlauf

Es geht los. Meine ersten Schritte auf dem Laptop.

Ach ja, laufen äh oder ausgelaufen? Bin gar nicht mehr wech – sondern wieder hier. Blödes Revier. Die Kinder hatten uns mit ihrem neuen Auto vom Flughafen abgeholt. Wir überlegten noch, können wir mit unseren verdreckten Wanderstiefeln in dieses schnieke strahlend weiße Auto einsteigen. Gibt es vielleicht schon Filzpuschen dafür? Gutes Geburtstagsgeschenk, unbedingt merken.

Wollten wir nicht sechs Wochen laufen? Den Jakobsweg von Pamplona nach Santiago de Compostela? Sind wir gerast oder Kenianer. Nein, wir waren gelaufen - bis – bis Wolfgangs Sehnenentzündung keine Besserung erwarten ließ.

Hatte ich gerade begonnen auf meinem Laptop zu hacken, beginnt bei uns das Reihenhausleben. Fröhlich wird der Rasenmäher linksseitig über den gut gedüngten Rasen gelenkt. Rechtsseitig kämpft man mit zwei Kleinkindern und dem Handrasenmäher. Meine Lust zum Schreiben wurde abrupt beendet. Nachdem ich alles zusammengepackt hatte, war der Rasen auch gemäht.

Vielleicht sollte ich auch anstandshalber eine Runde im Garten werkeln, kommt immer gut an. Punkt. Gesagt getan.

Gestern mühsam den Laptop eingerichtet. Ich besitze ihn schon seit August vorigen Jahres. Nur leider war meine Lizenz für das Virenprogramm unter einem Monat gültig. Also warten. Über das Warten und der zwischenzeitigen Verlängerung hatte ich ihn schlicht missachtet. Vielleicht auch irritiert durch den Hinweis: eingeschränkte Garantie, lebensgefährliche Stromschläge wenn die Anschlüsse in falscher Reihenfolge angebracht werden. Toll!!

Nun gestern endlich dabei gegangen. Virenprogramm installieren, übliche rauf- und herunterfahren. Einmal – zweimal – dreimal. Dabei wurden die Updates von Windows installiert, erst waren es 43, dann waren es 50 Updates. Warten – warten. Ich bin ja so geduldig beim Warten. Was machen die eigentlich bei Microsoft? Wieso so viel Updates in einem Zeitraum von 9 Monaten. Gebären sie Fehlerentdeckungen?

Nun aber mal los, nicht so viel jammern.

Unsere Vorbereitungen liefen über Monate. Stiefel kaufen, einlaufen, umtauschen, die Nächsten einlaufen. Odlo Unterwäsche, Schlafsäcke, Inletts, Fleecejacken, Funktionsshirts, Wolfgang Suppa-Funktionsjacke – ich hatte ja schon meine Extremsportjacke – hallo! In Weiß!! – wie blöd kann man eigentlich sein? In Weiß! Gut das ich sie nicht gebraucht hatte – sie ist noch weiß. Bei Regen hätte ich bestimmt immer nur meine Fleecejacke getragen, nur um die Extremsportjacke zu schonen. Weiter in der “Vorbereitungs- und Einkaufsliste“: Taschenmesser, Rucksäcke, für viele albern – Schutzhüllen für Rucksäcke, Merinowolle Schlafshirt, Wandersocken, Funktionshosen, Regenbilligponcho, Regenhüllen für Rucksäcke, Notverpflegung, Sandalen, Plastikflaschen für Shampoo, Duschzeug, Sonnencreme, Sonnenhüte, Sicherheitsnadeln, Wäscheleine, extra leichte Badehandtücher, Pacsafe-Bauchtaschen, Pilgerausweise, Outdoor-Reiseführer, Moleskine Notizbücher (fast leer zurück – meins jedenfalls), Nähzeug (auch fürs Blasen aufstechen), Ohrstöpsel und das ganze Sortiment an Blasenpflaster, Hirschtalg, Magnesium, Globuli, Handdesinfektionsmittel, Pipi-Rinne für Mädels (auch alte Mädels) und eine Kackschaufel, viel was wir für den Weg geschenkt bekommen hatten. Man, was waren wir ausgerüstet.

Anreise

Am 14.05.2011 ging es endlich los. Ab zum Flughafen. Guten Mutes liefen wir zum Bahnhof. Ich hatte im Laufe der Woche ja schon Probepackungen vorgenommen. Alles klar 8.630 g mein Rucksack, Wolfgangs 9.400 g. Abflugtag meiner 9.800 g? Zum Fliegen hatten wir uns alte Sachen angezogen, die wir in Pamplona wegwerfen wollten. Na, kommt denn wohl so hin – dachte ich noch. Leicht war der Rucksack aber nicht wirklich.

Schleppt man nicht sein ganzes Leben Dinge mit sich, die man nie braucht? Aber immer dabei hat – es könnte ja sein, dass man sie doch benötigt?

Eine geniale Idee ist ja die E-Bordcard (für wen?? Ach ja, für Willi-Unwichtig) – man braucht ja nicht mehr einchecken! Doch musst du, wenn du Gepäck hast.

Lufthansaschlangen haben nichts mit Luftschlangen gemein. Denn sie sind wirklich sehr – sehr lang. Alle Lufthansafluggäste (für sämtliche Flüge) bitte in einer Schlange anstellen. Klasse Idee – Begeisterung – denn die Zeit auf der Uhr zeigt an, das könnte knapp werden. Trotz E-Bordcard – ha!

In der Schlange präparierten wir unsere Rucksäcke mit den Plastikhüllen, damit wir in Pamplona mit heilen, sauberen Rucksäcken landen können. Beim Verpacken rann mir schon mal ein büsschen Schweiß von der Stirn. Natürlich mussten wir mit unseren etwas seltsam verpackten Rucksäcken zum Schwerlastschalter. Aber dann hatten wir alles erledigt, ab durch die Personenkontrolle. Wir hatten ja kein Handgepäck, das Puckelgepäck war endlich weg. Pacsafe ab, Gürtel ab, alles aus den Taschen raus und? Na und? Ich war längst durch. Na wo ist denn der Wolfgang? Es piehipte. Er musste in eine Kammer und seine Schuhe ausziehen. Es dauert und dauert. Puh! Endlich hatten wir es bis in die Wartehalle des Gates geschafft. Puh!

Im Warteraum von Lufthansa, früher gab es hier mal Zeitungen, taxierte ich die Fluggäste der Maschine Hamburg-Düsseldorf. Was fällt mir auf? Zwei Frauen, eine in Khakibraungelb die andere in Türkis, Dreckigtürkis. Irgendwie glaubte ich, dass die Beiden die gleiche Reiseroute haben. Khaki isst erst mal ein Käsebrot.

In Düsseldorf angekommen, benötigen wir nur ein paar Schritte, um zum Abfluggate zu kommen.

Hallo, was ist denn hier los. Erschien eben ein Icon Windows-Update? Hallo, bin doch gar nicht am Netz. Fährt der Laptop doch einfach herunter. Wenn er so weiter macht, werden wir nicht wirklich dicke Freunde. Darf ich weiterschreiben? Danke.

Gate A 20 Düsseldorf – Bilbao. Ich hielt Umschau. Sah mehrere Wanderstiefel an den Füßen. Aha, es ist das richtige Gate. Na, wer ist auch da? Na klar, Khaki und Türkis. Ich mag diese Frauen nicht. Khaki isst erst mal das nächste mitgebrachte Käsebrot. Türkis muss die Arme ganz weit ausbreiten, um ihre herabfallenden Mundwinkel aufzufangen. Der erste Eindruck über die Frauen, vergiss sie.

Ein Wandersmann durchschreitet im Stechschritt die Halle. Gerade Körperhaltung, ausdrückend; ich bin ein sehr guter Läufer – stark, energisch, ha! Dabei ist sein Körpermaß ca. 160 cm. Die meisten Passagiere fliegen weiter nach Bilbao. Türkis grummelt immer noch. Zicke.

Vom Flughafen Bilbao soll ein Bus in die Stadt zum Busbahnhof fahren. Er war natürlich schon weg. Vor der Haltestelle stehen alle meine “Freunde“. Obwohl das Käsebrot ist jetzt wohl alle. Stechschritt fragte ob wir heute noch die erste Etappe laufen wollen. Es ist bereits 13.30 Uhr. Klapskalli.

Als der Bus kam (angegebene Fahrplanzeiten wollen wir mal schlicht vergessen) und wir einstiegen, konnte ich endlich mein vorzügliches Spanisch anbringen „Dos billete a Bilbao por favor“. Na ja, der Bus fuhr ja auch nur nach Bilbao.

An der zweiten Station stiegen die beiden Frauen aus. Ich war unruhig, wollte auch raus. Wolfgang fragte lieber nach, auf Englisch, sicherheitshalber auf Englisch. Bei meinem Spanisch! Wir blieben bis zur Endstation sitzen und die Weibsen waren wir auch los.

Es war gestern heiß – sehr heiß. Die Luft bestand nur aus durchsichtigen Marshmallows. Dann kam nach langer Trockenheit das Gewitter. Ein Instinkt schreit – los reiß dir die Klamotten vom Leib und tanze durch den prasselnden Regen. Eine Reinigung - nicht nur der Luft. Was hielt mich davon ab, mich zu entblättern? Das Gewitter oder die Nachbarn – beides. Schade eigentlich.

Nun wollen wir aber wieder auf den richtigen Weg kommen.

Busbahnhof Bilbao, mein zweiter Einsatz „Dos billete a Pamplona por favor“, hat geklappt. Hielt zwei Fahrkarten nach Pamplona, Abfahrt 15.15 Uhr, in der Hand. In der Wartezeit lernten wir zwei Pilger kennen. Einen Hamburger und einen Rheinländer. Der Rheinländer war sehr aufgeregt. Er möchte den Camino in Logroño beginnen, ist überhaupt nicht vorbereitet und möchte negative Dinge die sein Leben begleitet hatten weglaufen. Der Hamburger war ein Jahr zuvor ab Saint-Jean-Pied-de-Port gelaufen. Er wäre süchtig geworden und wird ab Burgos beginnen. Er hatte seinen Rucksack auch mit einem Plastiksack vor Verschmutzung gesichert. Er arbeitet bei der Lufthansa. Wir verabschiedeten uns mit einem ¡Buen camino! – sehr sympathisch.

Die Busfahrt nach Pamplona verlief sehr geruhsam, wir waren beide eingenickt. Pamplona ist größer, als ich erwartet hatte. Auf unserem Miniplan von Outdoor brauchten wir nur über den Rio Arga einer Brücke folgen, schon sind wir am Hotel. Theoretisch, praktisch liefen wir in die falsche Richtung. Klar, weil wir den Rio Arga gar nicht sehen konnten. Also fragen. Nun konnte ich schon mal feststellen, dass ich überhaupt kein Spanisch kann. Ich verstand mal nix, zum Glück gibt es ja noch Handzeichen. An der Stadtmauer angekommen sehen wir ganz – ganz weit unten den Rio Arga. Beim Hinuntertapern der Treppen graute mir schon vor dem Morgen. Überall wo man hinunter geht, muss man ja auch wieder hinauf. Gedankenächs.

Nach überqueren der Brücke beginnt ein neuerer Stadtteil. Oft hatten wir nach dem Hotel gefragt. Margie hatte wieder nichts verstanden – Dialekt? Lass ich jetzt mal so stehen. Nach gefühlt gelaufenen 5 km hatten wir endlich unser Hotel erreicht. Unsere erste Unterkunft war in Ordnung – vale. Sind noch wieder zurück in die Stadt gelaufen, wollten etwas essen. Gegenüber der Brücke standen viele Leute. Komisch, nachsehen, aha, mitten in der Stadtmauer fährt ein Seil-Lift in die Altstadt. Leckere Tapas gegessen und ab in Bett.

Wir waren schon schön eingeduselt, saßen plötzlich wie auf Kommando aufrecht im Bett. Es kruschelte an der Tür und sie wurde aufgeschlossen, geöffnet und wieder geschlossen. (Ich klau dem Schei… vom Bauhof gleich die nervige Säge) Wolfgang sprang auf und steckte den Schlüssel ins Schloss. Was war das denn. Fühlte mich gerade sehr – sehr sicher.

Pamplona – Puente la Reina

Es war Sonntag der 15.05.2011, nach dem Frühstück ohne mantequilla (Butter), die hatten sie vergessen, ging es los. Deckten uns noch mit Brötchen und Wasser ein. Pilgerten durch Pamplona. Ich wollte unbedingt noch einen Pilgerstab haben. An der Universität of Navarra, Universität päpstlichen Rechts, Opus Dei, trafen wir einen Geistlichen, Wolfgang unterhielt sich mit ihm auf Englisch.

Heute Morgen sah ich auf den Wecker, es war 10.30 Uhr, mensch, hab ich aber gut und lange geschlafen. Stimmt nicht, es war erst 6.50 Uhr. Während unserer Abwesenheit gab es einen Stromausfall und ich hatte den elektrischen Wecker noch nicht wieder richtig eingestellt. Fühle mich gleich unausgeschlafen. Reibe mir die Augen und weiter geht es.

Wir umkreisten, ich lief im würdigen Abstand von zwei Metern hinter den Männern, das gesamte Gelände der Universität. Der Geistliche sieht sehr gut aus, wieder ein Fall von Verschwendung, nix zu holen für Mädels. Seinen Gang kenn ich von meinem jungen Chef. Ja genau, dieses leichte Nachhüpfen mit der Ferse. Wolfgang teilte mir mit, dass sie zwar keine Pilgerstäbe hätten, aber wir könnten Stempel in unseren Pilgerpass bekommen. Ich wollte keinen Stempel, ich wollte einen Stab. Wir warteten vor einem vergitterten Fenster, nix tat sich. Wollten schon von dannen ziehen. Plötzlich ging das Fenster im Hochparterre auf. Ein Mann mit grimmigem Gesicht wedelte mit seinem behaarten Arm herum. Hätte Wolfgang nicht ganz schnell seinen Pilgerpass hingereicht, wäre das Fenster zugeknallt worden. Opus Dei eben.

Nun waren wir einen km extra gelaufen, Wolfgang hatte einen schönen Stempel von der Uni und ich immer noch keine Wanderhilfe. Es war ja Sonntag, alle Geschäfte, außer Panderien (Bäckereien) und Bars, waren natürlich geschlossen. Später, wenn wir in unsere Pässe geschaut hatten, ärgerte ich mich schon ein büsschen, dass ich ausgerechnet diesen besonders schönen Stempel nicht habe. Hatte mir aber vorgenommen nur in den Orten, wo ich meine Tagesetappen beende, meinen Pass abstempeln zu lassen.

Vorher liefen wir durch die Straßen von Pamplona, immer die Augen konzentriert auf die Muschel in den Fußwegplatten oder den gelben Pfeilen an den Hauswänden geheftet. Bloß nicht verlieren - den Weg. Auf der anderen Straßenseite lief ein anderes Pilgerpaar. Er schreitet gleichmäßig gehend, natürlich mit einem Pilgerstab ausgerüstet. Seine Frau wirkte lebendiger, quirliger, sie benutzte einen Stick. Also wir sind nicht alleine auf dem Camino. Wechselseitig schaute man hinüber.

Wir liefen locker durch die Stadt, dann durch die Vororte. Echt locker. Es ist Sonntag und was machen die Spanier? Es werden keine Stiere getrieben, sondern die Menschen folgen ihrem Bewegungstrieb. Es wird voller auf dem Camino. Fahrradfahrer, Jogger (Mädels immer mit Handtäschchen – immer!!!) Und ganz viele Sonntagspilger.

Es wurde voll. Vor uns läuft eine Gruppe Franzosen. Ohne schweres Gepäck, Luxuspilger, mit gebuchten Hotels, Transportservice. Alle mit Sticks. Grummel!! Eine Frau, in pinkem Shirt, von der Gruppe sabbelte die ganze Zeit. Immer wenn uns Fahrradfahrer, Jogger oder Pilger überholten, oder entgegenkamen, wurde uns ein freundliches ¡Hola! - ¡Buenos días! - ¡Buen camino! Zugerufen. Entsprechend wurde von uns geantwortet. Es sind viele an uns vorbeigezogen. In Cizur Menor gibt es zum Glück eine Bar und wir machten unsere erste Pause. Es ist wirklich Zeit für einen Cafe und na? Klar es ist Smokytime.

Auch ein anderes Paar steuerte die Bar an. In hightech Ausrüstung. Sie rotbackig, immer grinsend mit einer Bauchtasche, in der Größe eines zweiten Rucksackes. Klimatisierte Getränkeflaschen baumeln daneben, auf dem Kopf eine Kappe. Er hat ein Melonengesicht, ein GPS-Gerät hängt an seinem Hals. Seine Getränkeflaschen hängen auch vor seinem nicht unüppigem Bauch. Wahrscheinlich zieht er sie wie Pistolen aus dem Halfter. Hey – ich habe Durst – peng – peng. Und – und jeder hat zwei Sticks – zwei!!! Jeder!!! Ich hatte immer noch keinen Stab oder Stick. Hightech Holländer eben. Wir redeten ein büsschen und zogen dann weiter.

Im Outdoor Reiseführer stand für Radfahrer: Die Fahrt auf die Passhöhe des Puerto del Perdón ist sehr anstrengend, die daran anschließende Abfahrt dann wahrhaft halsbrecherisch. Ach ja, und was ist mit Pilgern, die zu Fuß gehen? Haben wir Flügel? Segeln wir eben mal auf den Pass und mit zwei Flügelschlägen sind wir auch schon wieder unten?

Nö, wir liefen nur bergauf, die sabbelnden Franzosen vor uns. Immer bergauf. Ich krallte meine Hände in die Trageriemen meines Rucksackes (wo sollte ich auch sonst mit ihnen hin – jammer – wo ist mein Stöckchen) zählte immer 10 Schritte – schnaufen – 20 Schritte – schnaufen. An der Wegstrecke standen alle Marlboro´s meines Lebens. Sie bogen sich vor Lachen, ätzend. Ich sah vor mir immer Wolfgangs Po-Bäckchen, sind gar nicht so groß – oder machte das die Entfernung?

Mit uns hüselten zwei Spanier eine Karre bergauf. Ständig fielen ihnen Stangen – Zeltstangen? - von der Karre. Endlich jemand der langsamer war als wir. Irgendwann nahm ich ihnen zwei Stangen ab. Zwar keine Sticks aber ich hatte etwas in den Händen. Ihnen trullerten immer wieder Gegenstände von der Karre.

Wir hatten den Puerto del Perdón Höhe 734 m erreicht. Auf dem Bergrücken ”wo der Weg der Winde mit dem Weg der Sterne zusammentrifft“ stehen 40 Windräder. Ich sah auch Sterne, die Luft war voller Tröpfchen, sie flogen auf mich zu. Oben auf dem Pass sich umdrehen, zurückblicken, feststellen, was für eine Strecke man gegangen war. Das kann man nicht erklären, nur fühlen. Holland war auch schon da. Ließen sich von Wolfgang fotografieren. Ob wir auch zusammen ein Foto haben möchten. Ich verneinte und stellte klar, dass ich gestelzte Fotos hasse. Hatte dann von Wolfgang zwei Stelzfotos gemacht.

Es ging bergab, meine Zeit war gekommen. Das Becken nach vorne gekippt, leicht in den Knien eingesunken, tippelte ich den Abhang hinunter. Grinsend drehte ich mich um. Hinter mir stakste Frau Holland mit ihren Sticks vorsichtig den Boden ab, um dann bedächtig einen Schritt vor den anderen zu setzen. Sie sah sehr kopflastig dabei aus. Pah! Diesmal war Wolfgang hinter mir. Der Abgang war auch sehr gerölllastig. Eigentlich wie alle Wege. Wer Sandwege erwartete, war hier falsch. Ja – ja, der Jakobsweg ist ein sehr steiniger Weg, in welcher Beziehung auch immer. Nachdem wir noch einen Iren kennengelernt hatten, die Orte Uterga – Eunate – Obanos durchquerten, landeten wir in Puente la Reina. Als wir Obanos durchliefen, fiel mir ein Hostal auf. Es wirkte so ruhig, beschaulich. Sind aber noch die restlichen 3,1 km gelaufen.

Nach sieben Stunden hatten wir Puente la Reina erreicht. Wir fragten beim Hotel Jakue nach: „Un habitacion doble con baño.“ Ich verstand nur, es gibt ein Vierbettzimmer ohne Bad und kostet 36,00 €. Mir war das zu teuer. Wir liefen weiter zum nächsten Hostal, hier kostete das Zimmer 50,00 €. War mir auch zu teuer. Wir liefen bis in die Altstadt. Entdeckten ein 3-Sterne Hotel. Fragten nach einem Zimmer. Sie hatten nur noch einen Single-Room, würden sie uns aber für einen Preisnachlass von 82,00 € statt der 87,50 € geben. Ich nickte nur noch müde. Wolfgang sagte lieber nichts, er war auch müde.

Das Zimmer ist wie ein übliches Einzelzimmer, alles auf engstem Raum. Aber nett eingerichtet, hat eine Dusche und ist blitzesauber. Wolfgang packte seinen Rucksack ganz aus. Verteilte seine Sachen im Zimmer, sortierte sozusagen. Ja, er ist diesmal für seinen Kram selber verantwortlich. Nachdem wir geduscht und unsere Höschen gewaschen hatten, streiften wir noch durch den Ort, um Sticks oder Wanderstäbe kaufen. Wir nahmen jeder einen Stick. Die Wanderstäbe waren mir einfach zu glatt.

Im Hotel gab es erst um 20.00 Uhr das Pilgermenu. Übrigens das Essen und das Frühstück waren im Preis enthalten. Wir trafen den Iren wieder, er wanderte zurzeit allein. Seine Frau kommt in Burgos nach und läuft dann mit ihm bis Leon. Er suchte dann eine Bar, eine richtige Bar auf. Ich glaube, Iren trinken ganz gern mal.

Es dauerte, bis es endlich 20.00 Uhr war, wir hatten tierischen Hunger. Übrigens die Franzosen, die Luxuspilger, waren in dem gleichen Hotel. Super angezogen, geschminkt, die Haare gedresst, saßen sie im Speiseraum und schnatterten. Das Pilgerpärchen, das wir zuerst in Pamplona gesehen hatten, saß auch an einem der Tische. Es gab ein leckeres Menue. Vorspeise, Hauptgericht, Dessert, Wasser und Wein von bester Qualität.

Ab in Bett. Es war 21.30 Uhr, nach den ca. 26,5 km (man muss ja die Extrakilometer innerhalb Pamplonas zurechnen)lag ich todmüde im Bett. Wolfgang schnorchelte schon selig. Und dann, und dann ging es los. Die Kirchenglocke erinnerte mich viertel-, halbstündlich und stündlich daran wie spät es schon ist. Viertelstündlich mit einem, halbstündlich mit drei Glockenschlägen (wieso eigentlich drei? Hatte gerade keinen zum Fragen)und stündlich gaben die Glocken dann alles. Zu meinem Trost wurden die Glockenschläge nach Mitternacht weniger.

Puente la Reina - Estella

Leider gab es erst um 8.00 Uhr Frühstück. Wir betraten den Raum, alle Tische waren besetzt, nur ein Tisch war nicht abgeräumt aber wohl frei. Abräumen war wohl nicht geplant. Wir schoben alles an die Seite und frühstückten. Ich holte mir noch einen Cafe con Leche, Wolfgang war auch nicht am Platz. Da räumte doch tatsächlich eine junge Frau alles von einem anderen Tisch, stellte das schmutzige Geschirr bei uns mit drauf, um mit ihrem Sohn zu frühstücken. Ich schaute sie mit offenem Mund an, man sah, dass der Tisch noch belebt war. Nun war er überbelebt. Tellerberge. Es war eine Deutsche, sie entschuldigte sich halbherzig, ließ aber die Tellerberge stehen.

Von Puente la Reina geht es natürlich steil bergauf. Was denn auch sonst. Wir liefen an den leuchtendgrünen Getreidefeldern vorbei. Hier wird noch Essbares angebaut, nicht nur Biogas und E 10 (Mais + Raps). In den Feldern blinkerte der knallrote Mohn - so als wolle er uns Mut machen. Die Kornblumen halten sich etwas zurück, Raps ist nur am Feldrand zu sehen. Wenn man hechelnd stehen bleibt, zurückblickt, möchte man sich in die Felder legen. Es soll bei dieser Etappe bis nach Estella (22,2 km) gehen – oder laufen. Es war 10º wärmer als am Vortag, das Laufen blieb mühsam.

In Cirauqui die erste Rast. Der Ire nahm auch einen Café con Leche und ich fragte mich, wie schaffte er es, dass sein Café größer war und irgendwie leckerer aussah, als meiner. Obwohl der Café bisher immer gut war. Ich kannte von früheren Urlauben auf den spanischen Inseln nur Plörre. Den machen die dort mit Absicht so. Holland stickerte auch um die Ecke. Er hatte ein schneeweißes T-Shirt an, hallo – schneeweiß – geht’s noch? Ja, sie hätten auch in Puente la Reina genächtigt, im Hotel Jakue für 36,00 € ein Vierbettzimmer für sich alleine, alles ganz – ganz toll. Wieso mag ich die nicht.

Wir liefen auf einer alten Römerstraße. Sie ist gebaut aus Steinen, die mit dem Buckel nach oben liegen, blöde Römer, wenn sie die Steine anders gelegt hätten, wäre die Piste vielleicht glatter gewesen. Man kennt das aus Büchern: Nach der langen Kutschfahrt schmerzten Madame alle Knochen im Leib. Jetzt verstehe ich Madame besser.

Holland stöckelte hinter uns. Wir müssten mal ein büsschen schneller laufen. Aber da musste Frau Holland auch schon wieder in die Büsche. Hätte mit unserer iPOOD-Schaufel wedeln können. Auf dem Wege neben der Römerstraße winkte uns ein Spanier im Blaumann. Ich dachte nur, na? Will er uns locken und dann überfallen? Er ruderte weiter mit den Armen, wir sollten ihm folgen. Wir sahen uns kurz an, verließen die Straße und folgten dem Spanier auf dem kleinen Weg. Und siehe da, der Zugang zur Römerbrücke war zerfallen.

Unter einer Brücke fließt der Salado, er ist flach und voller Steine. Eine Gruppe Koreaner amüsierte sich im und am Wasser. Wanderstiefel hatte keiner, dafür Badelatschen, dünne Turnschuhe und sonstiges Schuhzeug. Es ging weiter bergan, wir waren kurz vor Lorca. Eine junge Pilgerin stand am Weg, bat uns, durch den Weinberg zu laufen. Vor einer Stunde hatte ein Pilger einen Herzinfarkt erlitten, er lag noch zugedeckt auf der Straße. Später erfuhren wir, er war Däne und hätte noch vor vier Tagen seinen 76. Geburtstag gefeiert. Wir liefen betroffen und schweigend durch den Weinberg, bis wir wieder auf den Weg stießen. Wolfgangs Traurigkeit wird uns noch eine Weile begleiten. Es ist die Befürchtung auch so zu enden – einfach Schluss.

In Lorca gab es in einer wunderschönen Albergue, endlich einen Café und Bocadillo con jamón. Wolfgang füllte unsere fast leeren Getränkeflaschen am Brunnen auf. Herr Holland, inzwischen auch hier gelandet, stellte nur fest, sie würden das Brunnenwasser nicht nehmen. Seine Frau verträgt das Brunnenwasser nicht, es wäre zu stark gechlort. Hm -, wir zogen weiter.

Wir liefen von Lorca auf einem Weg neben der Landstraße entlang. Nachdem man schon mehrere Kilometer (13,2 km)hinter sich hat und eine längere Pause einlegte, fällt der Rest der Strecke besonders schwer. Meine Augen richteten sich ständig nach Lorca zurück. Ich wartete auf ein Fahrzeug, irgendeins, das war mir so egal, hätte mich davor geworfen, den Fahrer so gezwungen uns mitzunehmen. Es kam keins. Bei mir keimte der Verdacht auf, dass die Strecken nur nach Luftlinie berechnet wurden. Bei uns sind 4 km = 4 km, hier ist es anders. Auf dem Jakobsweg sind 4 km gefühlte oder tatsächliche 7 km.

In Villatuerta sah ich eine Bushaltestelle, versuchte aus dem Fahrplan schlau zu werden, seufzte, wechselte die Fahrbahn, wo Wolfgang etwas entfernt wartete. Ha! Da kam ein Bus. Woher nahm ich bloß diese Kraftreserven, im Sprint zurück zur Haltestelle. Fragte den Busfahrer, ob der Bus nach Estella fährt, er nickte mit mitleidigem Blick. Hoffend, Wolfgang begriff, dass es mit dem Bus weitergeht, ich hätte den Bus nicht wieder verlassen. Aber da kam er schon angezuckelt.

In Estella angekommen, hielt der Bus irgendwo in der Stadt. Die Stadt ist größer als erwartet. Wir suchten den Jakobsweg, über einige Brücken gelangten wir auf die alte Pilgerstraße, nach längerem Suchen natürlich. Neben der letzten Brücke stand, an ein Auto gelehnt, eine junge Frau und warb für eine Appartement-Anlage. Gab uns ein Prospektblatt und wollte uns auch gleich den Schlüssel mitgeben. Wir Doofi´s hatten ihn nicht genommen. Wir irrten durch die romanische Altstadt, kein Hostal, kein Hotel. Wieder über die Brücken zurück. Dort gesucht, nur komplette (volle) gefunden. Dem Hinweisschild Informatión del peregrino nachgegangen. Zurück über die Brücken, Stadtplan geholt und schon wieder ging es über die Brücken zurück.

Auf dem Stadtplan war auch die Appartement-Anlage gekennzeichnet. Hin, geklingelt, nix – aber auch gar nix tat sich. Tja, wenn man einen Schlüssel gehabt hätte!! Das nächste Hostal angesteuert. Davor zwei Deutsche, sie hatten hässlich blaue T-Shirts mit einer gelben Jakobsmuschel an. Meinten nur, wir sollten dort klingeln. Es war ein Mehrfamilienhaus. Unser Klingeln wurde nicht beachtet. Ein Paar schloss die Tür auf. Wir huschten einfach mit hinein. In der zweiten Etage endlich ein Schild Hostal Christina. Diesmal Reaktion auf die Klingel. Eine freundliche Frau öffnete, nickte zum Glück auf die Frage nach einem Doppelzimmer mit dem Kopf.

Yippie, wir hatten endlich eine Unterkunft. Wer glaubt, dass wir durch unsere Kurzbusfahrt weniger gelaufen waren, der irrt sich gewaltig. Schön geduscht, was kann ein am Körper klebender Duschvorhang doch so was von egal sein. Die Laufsachen ausgewaschen, den Minibalkon mit der Wäsche verziert, Pilgermenu und Eis gegessen, ab in Bett. Eis ist in Spanien sehr teuer 2,00 € eine Kugel, geschmeckt hatte es auch nicht.

Schlafen – nur schlafen. Köstlich!! Äh – bis sich das Paar (Ehepaar?) im Nebenzimmer in die Wolle kriegte. Gut, dass wir nicht versucht hatten mit dem Finger durch die Wände zu bohren, es wäre uns bestimmt gelungen. Papier? Er regte sich barsch über das Zimmer, den Preis und was einen überhaupt nicht interessierte auf, lange und immer wieder. Als er fertig war, konnte auch ich endlich schlafen.

Estella – Torres del Rio

Wolfgang hatte den Outdoor Reiseführer intensiv studiert. Die Strecke nach Villamayor de Monjardín ging 9 km immer bergauf und weiter nach Los Arcos 12,9 km ohne Wasserstelle, auf dieser Strecke würden die ersten fetten Blasen entstehen. Hieß natürlich auch ohne Bar - Käffchen für mich. Am Vortag hatten wir eine Bushaltestelle entdeckt und beschlossen einen Faul–, Bus-, Relax-, Fußschontag einzulegen. Pause – erst mal Pause – die ersten fetten Blasen wollten wir mal nicht.

Frühstückten in einer Bar. Leider gab es nur besonders süße Croissant, Wolfgang schüttelte sich, Jamòn (Schinken) schmeckte eben anders. Kauften Bustickets für unglaubliche 1,81 € pro Person. Der Bus fuhr erst um 10.45 Uhr. Gegenüber der Bushaltestelle gab es einen Park, wo wir uns auf eine Bank setzten und unsere Notizbücher (ich mit den ersten und letzten Zeilen) bearbeiteten. Die Sonne schien, eine gute Gelegenheit unsere noch nassen Bekleidungsstücke(außer den Höschen, die waren zum Glück trocken) auf der Bank auszubreiten, um sie vielleicht doch noch trocken zu bekommen. Der Weg kann ja so entspannend sein!

Zwei Bänke neben uns las eine ältere Frau ein Buch, durch Drehen in alle Richtungen bot sie Ihren Körper den Sonnenstrahlen zum Wärmen an. Man spürte den Genuss, den sie dabei empfand. Ihr Mann dachte bestimmt, sie ist nur einkaufen gegangen.

Es ist kaum möglich, hier in den falschen Bus einzusteigen. Jedes Ticket wird beim Einsteigen kontrolliert. Auf dem Ticket stehen der Zielort, die Busnummer, die Abfahrtszeit und auch eine Platznummer. Das hatten wir nach einer halben Stunde im Bus von Bilbao – Pamplona entdeckt. Wir wunderten uns, wieso schauten alle beim Einsteigen so intensiv erst auf ihr Ticket, betrachteten das Fenster und setzten sich erst dann? Na suppa, auf dem Ticket waren die Platznummern, die auch am Fenster angeschlagen waren. Ganz leise nahmen wir dann unsere richtigen Plätze ein.

In Los Arcos angekommen, klar, rein in die erste Bar. Wolfgang und ich aßen ein Bocadillo con jamón und tranken Café. Kauften uns noch Bananen und eine Orange auf dem kleinen Markt vor der Bar und mit frischem Mineralwasser naturell füllten wir unsere Getränkeflaschen. Wollten doch noch die 8 km nach Torres del Rio laufen. Es war ca. 12.00 Uhr, als zwei Pilger stöckelnd um die Ecke der Bar kamen. Holland. Sie hätten in der Albergue in Lorca geschlafen, seien am Morgen um 6.00 Uhr losgezogen und bereits 28 km gelaufen. Alles ganz – ganz toll. Sie waren überhaupt nicht verschwitzt und rechnen kann ich auch. Ich beschloss, kein Wort zu glauben, der Bus fuhr wohl stündlich.

Wir laufen gelassen bergauf an Sansol vorbei, beim Anblick des Dorfes war ich schon der irrigen Meinung, wir hätten unser Ziel erreicht. Nein, der Weg knickte ab und hatte noch einige kleine Wegspäßchen für uns in Petto. Extrem abschüssige Wege, wo ich noch dachte – für die nächsten Fahrradfahrer war´s das wohl – aber dann tauchten sie schon vor uns bei der nächsten Steigung wieder auf. Respekt.

Am Ortseingang prangt ein Werbeschild der Albergue Casa Mariela – es wurde auch Massage angeboten. Wir stiegen die Straßen des Dorfes Torres del Rio hinauf.

Unsere übliche Frage nach einem Doppelzimmer wurde verneint. Aber zwei Betten á 7,00 € wären noch frei. Mit ”Desayuno“ Frühstück? ja, 3,00 € pro Person, mit Menu? ja, 10,00 €. Also unsere Ernährung war schon mal abgesichert. Wanderschuhe ausziehen, ab nach oben. Uns wurden zwei Betten in einem 10-Bettzimmer (5 x 2 Etagenbetten)zugewiesen. In unserem Raum, er hatte eine Größe von ca. 18 qm, waren außer mir nur Männer, Spanier. Neben unserem Zimmer gab es noch einen 10-Bettraum. Das Stockwerk darüber war wohl identisch. Es gab eine Dusche, ein WC, davor zwei Waschbecken. Ich knotete zuerst unsere Wandersocken an die Wäscheleine vorm Fenster. Geduscht und Wäsche ausgewaschen. Upps, wo waren denn die Socken, die hingen vor dem anderen Raum, die Wäscheleine konnte man ziehen und war jetzt vollgehängt.

Wir sind durch den Ort gelaufen, denn es dauerte noch, bis es endlich 19.00 Uhr war und wir zum Essen gehen konnten. Fanden noch eine andere Albergue, sah viel netter aus. Mit Mini Pool, Terrasse und einer aus groben Steinen gebauten Bar. In der Bar, hinter der Theke stehend, erzählte uns eine junge Frau (Polin?) ihre Camino-Geschichte. Sie sei Studentin, wollte für ein Filmprojekt Material sammeln und hätte hier ihre Liebe gefunden. An der Wand über einer Tür hingen Wappen, ein Wappen wäre mit ihrem Ketten-Anhänger identisch, so war sie mit dem Besitzer der Bar ins Gespräch gekommen und wäre nicht weitergelaufen. Ich schaute ihn mir an, stellte fest, ich wäre weitergelaufen.

Auf dem Rückweg begegnet uns Paula, ooh, my name is Paula. Sie käme aus San Francisco. Paula ist sehr groß und schlank, hat blondes, gelocktes, halblanges Haar.

Ich schätzte sie auf ca. 45 Jahre. Sie hinterließ einen fröhlichen Eindruck bei uns, sie zog mit wehendem langen Rock weiter. Vor unserer Albergue kamen wir mit einer jungen Französin ins Gespräch. Nein, sie wohne nicht in der Albergue, sie würde hier nur ihre Wäsche waschen. Sie hätte kein Geld, würde nur draußen schlafen. Die ganze Wäsche auf dem Wäscheständer gehörte ihr. An Betracht der Masse, Schlafsack etc. kommen ja noch dazu, muss sie mit einem Handkarren durchs Land ziehen.

Oben im Raum pflegten die Spanier ihre von Blasen betroffenen Füße, es wurden Tape aufgeklebt, Blasen durchstochen, gecremt und natürlich gegenseitig massiert. Was die angebotene Massage auf dem Werbeplakat am Ortseingang betraf, war ernüchternd. Es handelte sich um einen ”Elektrischen Stuhl“ dabei wurden die Füße, nur die Füße, 10 Minuten in einer wabbelnden Plastik-Manschette hin und her bewegt. Paula tauchte auf, angelockt vom Massageangebot, das Wabbelgerät war bereits besetzt. Sie konnte in unser Zimmer sehen, schaute den Männern beim Durchwalken der Füße zu. Ooh yeah, das wolle sie auch. Zack, lag Paula auch schon auf einem der unteren Betten und hatte für jeden Fuß einen Spanier. Man sah, es war der pure Genuss.

Ab zum Restaurant Marie, setzten uns zu dem Schweizer aus unserer Albergue. Im März war er in der Schweiz losgegangen, laufe täglich 30 km und hatte so schon eine Strecke von 1.700 km hinter sich. Diese flachen Strecken mag er nicht so gerne. Suchte in meinem Gedächtnis, überlegte, welche flachen Wege meinte er eigentlich?

Na gut, ein Schweizer!! Seine Frau wollte auch etwas unternehmen und wäre für drei Monate zum Spanisch Kurs in Sevilla. Er meinte gegen Schlafstörungen helfe nur genügend Rotwein am Abend. Der sympathische Schweizer wird keine Probleme beim Einschlafen haben. Der Rotwein war alle. Von uns bekommt er noch ein ¡Buen camino! mit, wir wussten, dass wir ihn nicht wieder sehen.

Zurück in der Albergue nahmen wir unsere trockene Wäsche von der Leine. Ich kann sogar unsere Socken wieder an Land ziehen. Wolfgangs linkes Knie schmerzte, er bekam von mir Tanjas Wundermittel 5 Globuli Rhus toxicodendron verpasst. Schrieb noch schnell SMS an die Kinder, breitete meinen Schlafsack im oberen Bett aus, legte mein Seideninlett darauf, stopfte die Schachtel mit Ohrenstöpsel unter das Kopfkissen und hüselte mich über die ”Leiter“ in das obere Bett. Schlüpfte in das Inlett, gar nicht so einfach, schlafbereit. Es war 21.00 Uhr und wir waren todmüde.

Es begann die Pilgernacht. Ein Pilger nach dem anderen öffnete die Tür, holte etwas und ging wieder hinaus, kam wieder und legte sich ins Bett. Dies wiederholte sich 1/2–stündlich bis alle 10 Betten belegt waren. Der letzte Spanier machte etwas, was ich überhaupt nicht ab kann, er schloss die beiden Fenster. Einer schnarchte laut – sehr laut. Ich beugte mich zu Wolfgang hinunter: „Hey bist du das?“ Von unten kam nur: „Nein, ich bin das nicht!“ Es war der Spanier, der die Fenster geschlossen hatte. Na klasse, ich grabbelte nach meiner Packung Ohrenstöpsel, sie rutschte mir aus den Fingern und fiel hinab. Mist!! Oft hörte man, dass die Tür auf und zu ging. Pilger müssen auch in der Nacht auf die Toilette. Ich auch. Ich lag eingedrechselt in meinem Inlett und traute mich nicht, in dem stockdunklen Raum, das Bett über die Leiter zu verlassen. Irgendwann schlief auch ich ein.

Es war immer noch dunkel und es kam leise Leben in die Bude. Hier wurde gekruschelt, dort wurde gekruschelt. Ich pellte mich aus meinem Inlett, schnappte mir meinen bereitgelegten Wasch- und Zahnputzbeutel. Endlich auf die Toilette. Die Lichtquellen in der Dusche und dem WC gingen automatisch aus. Auf der Toilette musste man von dem Lichtschalter bis zur Toilettenschüssel 3 m gehen. Man war fast am WC, da ging das Licht aus. Dieses Spiel wiederholte man, bis man Toilettenpapier in der Hand hatte und sich gemerkt hatte, wo das WC stand. Oder natürlich feststellte, dass das Papier alle war. Es war keins da.

Ich war entnervt, unausgeschlafen raffte ich meinen Rucksack, Inlett und Schlafsack zusammen. Schmiss alles auf den Folterstuhl und packte ein. Wolfgang fragte mich, was den los wäre. Ich grummelte nur: „Fenster geschlossen, Schnarcher, Erstickungsanfall, ich will hier raus.“ Wolfgang sammelte seine Sachen auch ein, runter zum Frühstück.

Es gab ein halb volles Glas Orangensaft, einen plörrigen Kaffee, drei Zwieback und drei trockene Kekschen, Minibutter, Marmelade. Das machte mich auch nicht gelassener. Wolfgang trank nur Kaffee und Saft. Ich war immer noch auf 100+, schnallte mir den Rucksack auf. Wieso ist denn mein Gürtelfach offen? Fasste hinein, mein Handy ist weg. Na, das passte ja prima, nun hatte ich aber die 200+ erreicht.

Der Albergue Vater suchte mit mir verzweifelt das Zimmer ab. Nix. Er ließ sich meine Rufnummer geben und rief an. Nix. Bemerkte nur, es wäre eh ausgeschaltet. Gut das ich die Prepaid-Guthaben noch nicht aufgeladen hatte.

Torres del Rio - Logroño

Wir stiefelten am 18.05.2011 in Richtung Logroño los, zu laufende 21 km. Wolfgangs Knie war wieder friedlich. Es ging durch Weinberge über die üblichen Schotterpisten, immer schön rauf und runter. Ein kleiner verwilderter Park an einer Kirche mit Sitzgruppen aus Stein lud uns regelrecht zur Pause ein. Etwas entfernt saßen – ich nenn sie jetzt mal meine Chevaliers, – zwei Franzosen. Der Größere hatte volles weißes Haar und einen weißen Seidenschal um. Sein Compañero (Gefährte)ist etwas pummelig und hatte kaum Haare. Sie hatten nicht nur ihr Frühstück, sondern auch ihre Füße ausgepackt. Beim Anblick der mit Pflaster und Watte bestückten Füße wedelte ich mit der Hand und schickte ein internationales – oh haua haua ha – hinüber. Sie lachten uns an und wirkten sehr zufrieden. Wir stärkten uns mit Energiestangen (Bananen) und Wasser. Ein Ort zum Innehalten. Mit gegenseitig zugerufenem ¡Buen camino! verabschiedeten wir uns.

Weiter ging es zum belebten Ort Viana, endlich einen Café con leche und Bocadillo. Wir trafen Paula wieder, sie hatte ihre Sticks verloren und kaufte sich neue Stöcker. Wolfgangs Rucksack stand vor mir, komisch, was hatte er denn da in der vorderen Tasche? Ich tippte vorsichtig mit dem Finger auf die Tasche – ich glaubte es ja nicht – öffnete die Tasche und? - da war mein Handy. Manchmal bin ich eine ganz schön blöde Else.

Wolfgang ging noch Wasser besorgen. Mich lockte die gegenüber der Bar stehende Kirche Santa Maria an. Ich wollte für unsere Kinder drei Kerzen anzünden. Diese Kirche war so, wie ich sie mag, bescheiden, nicht wie sonst üblich mit Gold überladen. Neben dem Altar stand eine ca. 80 cm kleine Marienfigur, sie war angestrahlt. Von irgendwoher erklang leise klassische Musik. Ich setzte mich, schaute die Marienfigur an und hatte das Gefühl sie sah mich auch an. Ich schämte mich für meine schlechten Gedanken (Diebstahl?) am Morgen. Tränen liefen mir über die Wangen. Blieb noch einige Zeit in der Kirche, wollte auch noch niemanden sehen.

Wir füllten unsere Flaschen auf, den Rest nahmen wir in den Gekauften mit. Holland kam, es war Zeit zum Gehen. Schnell wurde es wärmer, kaum schattenspendende Bäume oder Sträucher. Auf einmal knallte es an meinem rechten Ohr. Erschrocken schaute ich mich um, was war das denn? Da war keiner. Nahm meinen Rucksack ab – aha – von meiner Trinkflasche war das obere Teil abgeflogen. Suchte noch eine Weile im Gras nach dem Verschluss. Ursachenforschung, das besorgte Wasser entpuppte sich als Energie-Limonade. Die ”Energie“ hatte sich schon mal entladen, das Zeug schmeckte fürchterlich. Bei jedem Pausentrank schüttelten wir uns – bäh!

Unter einer Brücke machten wir einen Schüttelstopp, da das einer der wenigen schattigen Stellen war, lagerten dort vier Frauen. Es waren Amerikanerinnen, zwei Junge und zwei Ältere. Sie schmierten sich mit einem Spork (vorne Löffel, hinten Gabel, an der Seite Messer) Brötchen mit in Tomatensoße eingelegtem Fisch.

Komisch, nur der Anblick der Brötchen signalisierte dem Magen: Ich will das auch. Viel schlimmer war der Durst. Unser Getränk klebte den ganzen Rachen zu. In der Ferne war Logroño schon zu sehen. Liefen dann noch über lange Teerwege bis wir endlich Maria unter dem Feigenbaum erreichten. Bei ihr holten wir uns schön gekühltes Wasser und den besonderen Stempel. Wasser, Genuss pur. Beidseitig der Teerpiste vor Logroño waren Wiesen, die fast nur aus leuchtend rotem Mohn bestanden.

Gleich auf der Brücke über dem Rio Ebro war die Informatión del peregrino. Da auch wir lernfähig waren, holten wir uns einen Stadtplan. Ich suchte nach Hostal**, wir hatten tatsächlich gleich das Hostal gefunden. Es war das La Numantina und ein Doppelzimmer war auch noch frei. Man das war ja diesmal ganz einfach. In einem gemütlichen, großzügigen Raum standen zwei große Betten. Ich schaute mir das Bad an, die grünen Kacheln kannte ich doch. Ich hatte dieses Hostal bereits zu Hause im Internet angeschaut. Wir fühlten uns auf Anhieb wohl.

Wolfgang packte mal wieder seinen ganzen Rucksack aus und verteilte überall seine Tütchen und Bekleidungsstücke. Ich suchte immer nur die Dinge aus dem Rucksack, die ich benötigte und packte den Rest gleich wieder ein. Auf dem Stadtplan stand, dass es in der Straße eine Markthalle gibt. Frisch geduscht erkundeten wir die Stadt. Schauten uns die Öffnungszeiten der Markthalle an, prima, sie öffnete um 7.30 Uhr. Wir wollten uns am nächsten Tag etwas zum Frühstücken für unterwegs besorgen.

Der Hunger trieb uns durch die Straßen. In Spanien wird aber erst ab ca. 20.00 Uhr gegessen. Endlich in einer kleinen Gasse entdeckten wir ein Restaurant, vor dem einige Spanier saßen. Altes Gesetz im Ausland, suche dir ein Restaurant, wo Einheimische essen. Diese Spanier hatten aber nur getrunken, das merkten wir aber zu spät. Wir setzten uns und wollten das Pilgermenu essen. Der Camarero (Kellner) trug ein helles Hemd und eine schwarze Hose an seinem dürren Körper. Seine Kleidung hatte sehr lange kein Wasser außer dem Schwitzwasser seiner Poren gesehen. Halblange Haare konnten sein gelangweiltes Gesicht nicht umwehen, denn sie waren fettig. Wieso hatten wir uns nicht einfach ein Getränk bestellt und sind wieder gegangen? Wir fragten nach dem Pilgermenu. Unfreundlich antwortete er gequält - Schneidezähne hatte er auch nicht - es würde erst ab 19.00 Uhr Essen geben. Es war 18.30 Uhr und wir blieben ungerührt sitzen. Wieder hatten wir den Moment verpasst, um zu gehen. Wütend stapfte er ins Lokal, kam wieder – ja, wir könnten essen. Das perlte so an uns ab. Das Essen war wie der Camarero, schlecht! Schon wieder etwas gelernt, wenn Spanier nur trinken, sollte man auch nur trinken.

Zurück im Zimmer schlüpften wir frühzeitig ins Bett. Es war kuschelig und bequem. Auch hier war eine Kirche in der Nähe, aber die Glocken klangen eher sanft wie Klangschalen und lullten mich in einen seligen Schlaf. Bei geöffnetem Fenster natürlich. Was für eine schöne Nacht.

Logroño - Nájera

Am 19.05.2011 hatten wir uns eine Strecke von Logroño bis Ventosa 19,2 km vorgenommen. Es war Zeit, gleich sollte die Markthalle öffnen. Wolfgang packte alles wieder in den Rucksack. Wir stiefelten über die Straße zur Markthalle.

Was versteht man unter einer Markthalle? Lebensmittel aller Art: Wurst, Käse, Obst, Gemüse, Brot frisch und dekorativ ausgelegt. Bei uns sind die Großmarkthändler Frühaufsteher, hier war es anders, die schliefen wohl noch. Außer einem Fleisch- und Wurstwarenstand gab es nur Kräuter. Also wieder raus, umkreisten die Halle und fanden einen Laden in dem wir uns Brot, Schinken und Wasser kauften. Nur ganz Mutige treiben mich ohne Kaffee, etwas Essbarem und Smoke durch die Stadt. Wolfgang wollte heute sehr - sehr mutig sein. Nach einem Kilometer gab er entnervt auf.

Trotz der gekauften Brote kehrten wir in das nächstbeste Café ein. Nachdem meine Mindestbedürfnisse gestillt waren, konnte es von mir aus losgehen.

Was ist das denn? Von rechter Seite kommend scherten Spanier, ganz – ganz viele Spanier, in den Weg ein. Nach Logroño folgt eine 2,8 km lange Parkanlage, die zum Naherholungsgebiet der Logroňer gehört. Das ist auch den Spaniern bekannt. Urplötzlich waren wir von über 100 Menschen umgeben. Schnatternd belegten sie, Junge und Ältere, in Fünfer- oder Sechserreihen den Weg. Wir versuchten mit ständigem ¡Hola! - ¡Buen camino! - ¡Buenos dias! - uns einen Weg durch die Massen zu bahnen. Vergiss es, sie waren eindeutig in der Überzahl. Wir machten ein Päuschen.

Es wurde ruhiger und wir konnten in dem uns angewöhntem Gleichschritt laufen, es war schon fast wie ”Paarlauf“. Kamen an dem Stausee Pantano de la Grajera vorbei. Schon hatten wir einen Teil der Gruppe eingeholt. Inzwischen waren auch die Fahrradfahrer aufgewacht. Oder hatten sie sich auf der Tour de France verfahren? In kurzen Abständen rief immer einer der Fußgänger von hinten – Bici –, man ging einen Schritt nach rechts und schon flogen drei oder vier Fahrradfahrer mit einem fröhlichen ¡Hola! – ¡Buen camino! – an einem vorbei. Ich möchte hier aber nicht den Eindruck erwecken, dass die Bicis rücksichtslos waren, das stimmt definitiv nicht.

Am Ende des Naherholungsgebietes unter einem Unterstand sitzt Marcelino, er trägt langes Rauschegrauhaar und ebensolchen Bart, der Wanderstäbe, Früchte und Wasser verschenkt. Bei ihm holten wir uns den besonderen Stempel, nun zieren Teodoro (sein Esel), Moru (sein Hund) und Marcelino unseren Pilgerpass. Wir liefen weiter bergauf, der Weg führt jetzt an der Autobahn lang. Unter einer Straßenüberführung knieten vier Fahrradfahrer um ein Bici. Schwitzend versuchten sie achthändig das Gefährt wieder fahrbereit zu machen. Ist doch auch mal nett Bicis zu überholen.

Der grobe Maschendrahtzaun an der Autobahn ist bestückt mit Kreuzen aus Holz, Blumen, Ästen, Tauen und Bändern. Den Grund weiß keiner, könnte mir aber vorstellen, dass es ein Ausdruck von Abschied – loslassen ist. Wir machten kein Kreuz, sondern gingen weiter und erreichten Navarrete.

Im unweigerlich angesteuertem Café, die übliche Bestellung und wir lernten ein Osnabrücker Paar kennen. Sie trägt immer um den Kopf geschlungene Tücher und ist eine der wenigen Frauen, die im kurzen Rock laufen. 2004 begannen sie von ihrem Heimatort aus mit dem Jakobsweg. Jedes Jahr laufen sie zwei bis drei Wochen. Innerhalb Deutschlands war es sehr schwer, eine Pilgerunterkunft zu bekommen. Sie würden nur in Herbergen übernachten. Ich denke nur - ach nö – ich lieber nicht!

An der Bushaltestelle am Ortsausgang stand ein junger Mann. Er trug Flip-Flops an den mit Blasen verzierten großen Füßen, die Blasen waren sichtbar entzündet. Nicht nur seine Füße sind groß, er klingelt bestimmt an der Zweimetermarke. Um seiner Größe noch mehr Ausdruck zu verleihen, trug er einen ledernen Stetson. Bekleidet war er mit einem ärmellosen Heavy Metal Shirt. Vom Ansehen würde man ihn eher in der Prärie vermuten und nicht auf dem Jakobsweg. Der junge Mann kam aus Hamburg, man ”riecht“ es, wenn jemand aus dem Norden kommt. Nein, er könnte nicht mehr laufen und würde sich vorerst mit den Bussen fortbewegen (oder weiterreiten?). Ob er denn keine Wanderstiefel habe. Doch – doch, er zeigte auf seine am Rucksack hängenden Stiefel. Eingelaufen? Ja, so 60 km. Und die Socken auch eingelaufen? Nein. Wir erklärten ihm, er müsse die Strümpfe erst tragen – waschen - tragen – waschen und so weiter. Meine Güte, was sind wir bloß für Wanderklugscheißer geworden!!

In Richtung Ventosa geht es weiter. Wir schottern bergauf und beginnen Wanderlieder zu singen. Bei: „Froh zu sein, bedarf es wenig“, hörte Wolfgang auf zu singen. Auf meine Frage, wieso er nicht weiter singt, meinte er nur: „Mensch das ist doch ein Canon.“ Na ja, mit zwei Personen. Überlegte noch krampfhaft, wo hatte ich die kopierten Liedertexte hingesteckt. Ach ja, sie lagen in dem ebenfalls ungenutztem Sprachführer. Immer wenn ich mich auf Spanisch verständigen musste, hatte ich keine Lust erst noch das Buch rauszukramen.

Die Schotterpiste führte lange an der Autobahn entlang. Schließlich erreichen wir unser gedachtes Etappenziel. Wir gingen an den auf der Straße sitzen- und liegenden Pilgern vorbei. Die Albergue öffnete erst um 13.00 Uhr und wir wollten dort ja sowieso nicht nächtigen. Wir schauten links, wir schauten rechts, es gab nichts außer dieser einen Herberge. Wir zuckelten zurück, just in diesem Moment war es 13.00 Uhr und die Herberge öffnete. Bekamen mit, dass die 42 Betten der Albergue schnell belegt waren. Gingen in die einzige Bar. Schauten in unserem Oberschlauführer, wie weit der nächste Ort entfernt sei. 10,3 km! Meine Füße quakten – nicht mit mir – Streik – nicht ein Schottersteinchen kommt uns heute noch unter die Sohle – ich stimmte ihnen zu.

An einem der Tische saß ein Hamburger, der Zweite heute. Nein, das war nicht nur ein Hamburger, er war die Personifizierung eines Hanseaten. Gepflegtes Aussehen, unterstrichen, durch ein locker um den Hals geschlungenes Paisley Tuch, sehr gerade Haltung, fleckenloses Shirt. Gesprächsmäßig kamen wir auch auf das Gewicht unserer Rucksäcke, seiner wiege 13 kg, er möchte schließlich ordentlich aussehen. Ja, so kann man das mal stehen lassen. Wir hatten weniger Gepäck, Wolfgang wollte sich auf der Tour nicht rasieren. Um Mund und Kinn breitete sich ein grauer Igel aus. Auf meinem Shirt, genau ”da!!zwischen“ prangte ein trotz Mühen nicht zu entfernender Fettfleck. Wieso eigentlich bei mir? Sonst hat Wolfgang immer diese sogenannten Fressflecken. Seine T-Shirts waren immer noch ohne Makel – beide T-Shirts – meine nicht – beide.

Der ältere Hamburger wartete auf ein Taxi das ihn in den nächsten Ort, Nájera, bringt sollte. Kurzer Blickkontakt unter Ehepartnern, leichtes Nicken, wir boten ihm die Teilung der Kosten durch drei an. Glücklich über diese Lösung tranken wir unseren Café. Wobei, Wolfgang jetzt immer öfter Coca Cola trank seitdem er bei Herrn Holland die Cola-Flaschen in dem ”Patronengurt“ gesehen hatte. Schlechter Einfluss. Vor der Bar saßen noch viele Pilger, die keine Übernachtungsmöglichkeit bekommen hatten.

Mit dem Taxi ging es nach Nájera, 10 km für 20,00 €. Der Fahrer hielt direkt vor einem Hotel. Zum Hotel gehörten eine Bar und ein Restaurant. Zimmer waren noch zu haben und angesichts der Bar gab es hier auch Frühstück. Na, geht doch. Wir hatten ein Zimmer mit drei Betten. Wolfgang packte mal wieder alles aus, stellte dabei fest, dass sein ganzer Rucksack voller Krümelchen war. Ich kluge Frau hatte das Brot - wieso hatten wir das nicht gegessen - in seinen Rucksack gepackt. Diesmal musste er auspacken.

Geduscht ließen wir uns auf der Wiese am Rio Najerilla nieder, wir mussten nur eine Straße überqueren, um diese Parkanlage zu erreichen. So richtig schön langmachen am Wasser, herrlich. Man sollte immer hinschauen, wo man sich niederlegt. Es war Frühling und die Wiese mit Blütenkerzen übersät. Nun sahen wir aus wie gefedert.

Es wurde Zeit, sich um die Ernährung zu kümmern. Vor einer Brücke,die über den Fluss führte, trafen wir die vier Amerikanerinnen wieder, eine der Jüngeren kam gerade im lockeren Jogger Stil - mit Rucksack – angelaufen. Sie waren auf Quartiersuche, ein Vierbettzimmer sollte es sein. Wolfgang erzählte von unserem Dreibettzimmer und dem Preis. Schon lief das Mädel wieder los, als wäre sie noch keinen Schritt gewandert, um in einem anderen Hotel Nachverhandlungen zu führen. Staunend folgte ich ihr, aber nur mit den Augen – och – meinte eine der Mädels, sie wär immer so.

Wir gingen über eine Brücke in das Viertel, wo ein Lokal neben dem anderen lag. Natürlich nahm ich das Restaurant, das draußen bestuhlt war. Der adrette Hamburger war gerade am Gehen. Essen ginge so, meinte er zu uns. Wind kam auf, viel Wind kam auf. Von einem Nachbartisch wehten schon Gläser herunter. Der Camarero schaute schon leicht verstimmt. Ich blieb so was von ungerührt sitzen, schließlich möchte ich zu meinem Käffchen nachher eine schmöken. Ich schaute in den Himmel, Vogelschwärme ließen sich vom Wind treiben. Wir rätselten, um was für große Vögel es sich handelte, Reiher? Kraniche?. Wolfgang meinte Störche, ich war der Überzeugung, es könnten keine Störche sein, die haben viel längere Beine. Es waren Störche, beschließe das Thema mit: „Spanische Störche haben eben kürzere Beine.“ Ach, sieh mal einer an, unsere ersten Pilger aus Pamplona saßen im Innenraum des Restaurants.

Zurück im Hotel möchte ich noch einen Café, Wolfgang verschwand nach oben. Beim Schlendern durch das Hotel entdeckte ich Zeitschriften, mal sehen, ob etwas Lesenswertes vorhanden ist. Nö, schaute hoch, dort hing ein kräftig gebauter Mann im Sessel, die Beine ausgestreckt, fast so als würde er gleich von der Sitzfläche fallen.

Ich rief dem Mann ein fröhliches Hola zu, er antwortete mit – Hallo -. Aha, ein Deutscher. Wir plauderten. Nachdem mein Mann sich genug gewundert hatte, wo ich denn bliebe, kam er auch in die Halle zurück. Marcus kam aus Essen und war alleine unterwegs. Er gehörte der Fraktion der Bicis an, würde auch zu Hause fast täglich große Strecken mit dem Mountainbike fahren. Aber das hier, diese Anstiege gingen über seine Kräfte. Ständig hätte er das Empfinden, als wenn es immer nur steil bergauf gehe. Seine Beine brennen und der Po schmerze entsetzlich. Daher wohl die etwas unwürdige Sitzhaltung. Er würde auch fast nur noch Landstraße fahren, die Schotterpisten sind ihm zu gefährlich. Marcus wird wohl mal nicht an uns vorbei fliegen.

Ich musste unbedingt noch einmal ”vor die Tür“, traf dort auf den Hanseaten. Sein Hinweis, dass der Wein köstlich sei und nur 0,70 € koste animierte mich zur Überprüfung. Es war wie auf der Mönckebergstraße im Straßenkaffee. Diverse Pilger flanierten umher, die Beiden aus Estella, man sollte sie ja an den hässlich blauen T-Shirts mit der gelben Muschel wiedererkennen, auch. Es waren diesmal nicht zwei Männer, sondern zwei Ehepaare. Alle trugen als Gruppenzeichen dieses Shirt. Einer ist der Wortführer, sie würden jeden Tag 30 km laufen – ohne Probleme. Ganz weit hinten in meinem Kopf schrillte eine Glocke, die Stimme kenn ich doch! Ja aber sicher doch, es musste der Zimmernachbar aus Estella, der die halbe Nacht mit meckern verbrachte, sein. Der Hanseat und ich überprüfen noch einmal den Preis und die Qualität des Weins.

Ab in Bett. Wir schliefen sehr gut.

Nájera – Santo Domingo de la Calzada

Am Freitag den 20.05.2011 ging es nun von Nájera bis nach Santo Domingo de la Calzada 22,8 km. Ohne Frühstück geht aber erst mal nix. Wir nahmen das Angebot des Hotels an, Wolfgang wollte ein kontinentales und ich ein kleines Frühstück. Das Kleine entpuppte sich als Kaffee und Croissant, ein französisches Croissant, zum Eindippen. Ich mag sie lieber luftig leicht und natürlich frisch. Das Kontinentale beinhaltete einen großen Teller mit zwei Wurst-und zwei Käsescheiben. Der Teller war wirklich groß, man konnte sogar durch die Wurst und den Käse den großen Teller sehen. Als Blinder hätte man durchaus Schwierigkeiten, den Unterschied zwischen Teller und Belagscheiben zu ertasten.

Wolfgang liest viel im Outdoor und teilte mir abends schon gerne mit, was den Böses auf mich zukäme, es gehe steil bergauf. Am Morgen um 8.00 Uhr war es noch angenehm kühl. Wir liefen durch die Weinberge und ich hielt mich an den Tipp von einem Bayer. Schön langsam laufen, nicht stehen bleiben, um Atem zu holen, lieber noch langsamer gehen. Der Hanseat, er hat eine ballonartige, schneeweiße Mütze auf, rauschte an mir vorbei, war mir völlig schnuppe, ich blieb im Schleichkatzenniveau. Das war schon viel besser. Wenn ich auf dem Wege einen Käfer oder sonstiges Getier sah, setzte ich meine Schritte immer so, dass ich auf keinen Fall auf das Tier trat. Ist ja ihr Weg und ich bin nur der Gast.

Lange noch konnte ich die weiße Mütze des Hamburgers verfolgen, es war wie ein kurzes Aufblinken zwischen den saftig grünen Getreidefeldern und Weinbergen. Er wirkte so beschwingt, als schwebe er. Ich beneidete ihn – oder lag es an mehr Wein.

Wir erreichten Azofra und waren froh endlich in einer Bar frühstücken zu können. Die Bocadillos waren so groß, dass wir uns eins teilten und die andere Hälfte einpackten. In der Bar sah ich eine junge Frau, die mir schon öfter auffiel. Sie hatte eine grüne - hellgrüne - keine froschgrüne - Jacke an und eine passende Mütze zierte ihren Kopf. Sie wirkte immer so alleine, so schüchtern, also steuerte ich sie an. Die junge Frau kam aus der Schweiz, hätte Probleme mit dem Knie und könne einfach nicht mehr. Sie wollte versuchen, mit dem Bus etwas weiter zu kommen. Ich verpasste ihr noch die Wunderkügelchen, wir lächelten uns zu. Gut das ich mal nicht sooo schüchtern bin. Die Osnabrücker trafen wir auch wieder an, so konnte man immer ein büsschen rumflachsen. Gut gestärkt zogen wir weiter.

Die Sonne stieg, damit auch die Temperatur. Kurz vor Ciruena erreichten wir auf der Anhöhe einen hübschen Rastplatz. Neben gegossenen Betonliegen gab es auch Holzbänke und einen Brunnen. Holland sei Dank trank ich immer lieber das gekaufte Wasser. Unsere ”Erstpilger“ nickten uns lächelnd zu. Es wurde Zeit für den Energiestangenschub, die unumgängliche Banane und die Köstlichkeit eines halben Apfels folgte. Auf diesem Rastplatz tummelten sich auch meine Chevaliers, froh gelaunt wie immer. Ein älteres Ehepaar, was heißt älter – hö – hö, wahrscheinlich steckte man sie mit uns in einen ”Sack“, machten sich zum Aufbruch bereit. Er, ein Hüne von Mann, stakte mit den Sticks weit nach vorne ausholend los. Sie, war sehr schlank und mindestens 30 cm kleiner als er, trippelte nebenher. Beide hatten nur Tagesrucksäcke dabei. Ich fand seine Art zu laufen ungerecht. Für mich war klar, das können nur Deutsche sein.

Wir wanderten hinunter – mag ich auch lieber – nach Ciruena. Die gelben Pfeile verwirrten mich, hier zeigte Einer nach rechts, darüber ein Barschild. Mein Kopf klingelte – Café con leche – Café con leche – aber Wolfgang wollte es wohl nicht hören. Er musste unbedingt dort langlaufen wo auch unsere ”Erstpilger“ zu sehen waren. Ach man! War aber richtig.

Wir kamen durch eine Neubausiedlung, aber so was von neu. Alle Häuser wirkten so kalt, jeder Vorgarten sah gleich aus, was heißt Vorgarten - alles. Wie aus einem Science-Fiction Film, menschenleer, ich glaube, hier gab es auch keinen Vogel oder eine aufmüpfige Ameise oder irgendein Lebewesen – nix. Dafür einen großen Spielplatz und ein Schwimmbad. Leer, bei an die 30º, keine spielenden Kinder, kein Gejauchze, kein Planschen – nix. Hatte man sich das in der Hamburger HafenCity abgeschaut? Gruselig.

Von Weitem können wir endlich Santo Domingo de la Calzada sehen, aber nur von Weitem. Die letzten Kilometer der Strecke zogen sich wieder wie Brei, die Sonne hatte ihre unbarmherzigste Hitze ausgepackt. Im Ortseingang schwächelte vor uns eine Koreanerin, setzte sich in einen Hauseingang, stand wieder auf, lief einige gequälte Schritte, setzte sich wieder hin. Auch wir waren am Ende mit unseren Kräften. Nun ging es wieder auf Unterkunftssuche. Hatte mal wieder von Wolfgang ein: „Es wird schwer, hier etwas zu bekommen, gehört“. Innerlich fing ich dann immer an zu brodeln – kochen - oder bis zum fast Überkochen. Auch Organisatoren sind mal müde!

Um seinem Fragezeichenblick zu entkommen, ging ich gleich in das erste ***Hotel, um nach einem Doppelzimmer zu fragen. Komplete! Das Fragezeichengesicht änderte sich auf, ich habe es geahnt. Ab zur Informatión del peregrino. Alle Gedanken sind dann nur noch auf die Suche gerichtet. Suche mir wieder ein **Hostal aus. Auf dem Weg dorthin laufen wir direkt auf das *Hostal Peedro zu. Bei dem Anblick bekam ich das Grausen, alles hing schief und krumm am Haus und in den Fenstern, verlottert eben. Ach nö, dann doch eventuell lieber eine Albergue.

Wir landeten im Hospederia Cistersiense. Man spürte dieses himmlische Willkommen, diese Herzenswärme, als wäre es wirklich das Haus des Herrn und die Engelchen könnten gleich ihre lieblichen Stimmen erklingen lassen. Vergiss es, wir sind hier auf der Erde. Die Kargheit eines Klosters war übernommen worden. In einem Glaskasten – Pförtnerloge bzw. ”Empfang“ - saß eine dickliche Nonne. Mit schnarrender Stimme – für den grimmigen Blick sollte sie am Abend ordentlich den Rosenkranz schwingen – wurde uns auf die Frage nach einem Habitatión doble ein sí mit dem Preis entgegen gebellt. Unsere Pilgerpässe bekamen ihre Stempel, wobei ich nur dachte – hey, die brauchen wir noch. So hatte ich mir die ”himmlische Betreuung“ nicht vorgestellt.

Das Zimmer war im sechziger Jahre Stil gehalten. Hauptsache eigene Dusche mit WC, zwei Einzelbetten, das war in Ordnung. Wolfgang packte mal wieder alles aus – oh, wir hatten ja immer noch unsere Einkäufe, die Brote und den Schinken, von vorgestern. Nach dem Reinigen von Körper und Klamotten zogen wir wieder los.

Auf einer mit Bäumen umsäumten Rasenfläche, vor einer Albergue, hatte es sich eine Gruppe junger Leute, ein Hund gehörte dazu, gemütlich gemacht. Der Hamburger Stetsonträger war auch dabei. Sie würden mit dem Hund keine Unterkunft bekommen und wüssten noch nicht, wo sie schlafen könnten. Es ist allgemein bekannt, dass Hunde in den Alberguen verboten sind. Wir eroberten uns eine der Steinbänke und verzehrten die selbst gemachten Bocadillo con jamón. Dafür, dass die Esswaren zwei Tage in der Sonne mit uns unterwegs waren, schmeckten sie nicht schlecht.

Kathedralen sind eine Einladung zum Kerzen anzünden, wurde auch wieder Zeit. Die Kathedrale von Domingo de la Calzada ist voller goldener Altarbilder, Sarkophage und sonstiger Kunstwerke. Ich suchte Kerzen, es gab aber nur Kästen mit elektrischen Kerzen. Man steckte Geld in den Schlitz und es leuchteten dann zwei Birnen auf. Hm – da kann ich ja auch zum Lichtschalter gehen, dreimal an- und ausschalten – fertig. Ich fand es blöd. Neben uns tauchte das Osnabrücker Paar auf. Wow – sie hatte ein schwarz-weiß gemustertes, eng anliegendes Kleid an, dazu ein passendes Tuch um die Haare drapiert. Es sah richtig gut aus, aber für mich wär das noch lange nix, eng anliegend – noch nicht, kam mir aber sehr schäbig vor.

In der Kathedrale in einem erhöhten Käfig werden ein weißer Hahn und weiße Hennen gehalten. Die längere Legende dazu schenke ich mir. Es heißt aber, wenn der Hahn einen Laut gibt, kommt man in Santiago an. Hätte ich das zu diesem Zeitpunkt gewusst, wär mein Aufenthalt in der Kirche länger ausgefallen. Bei uns machte der Hahn noch nicht mal piep.

Hatten uns noch den Museumsteil der Kathedrale angesehen und trafen am Ausgang die Osnabrücker wieder. Wir Mädels stellten übereinstimmend fest, dass wir diese pompöse Art der Kirchen nicht mögen, lieber klein und schlicht. Auch ein christliches Leben hat doch nichts mehr mit der Kirche gemein. Kinderquälende Kirchenmänner empfinden wir als Schande der Menschlichkeit.

In einem Café treffen wir erstaunlicherweise den Marcus wieder. Er war mit dem Fahrrad 10 Kilometer in die falsche Richtung gefahren und nun auch in diesem Ort gelandet. Manchmal kommen Bicis auch nicht schneller voran. Nach der Klönrunde wollten wir noch Wasser und Bananen besorgen. Mit einer großen Tüte beladen begegnete uns schon wieder der Osnabrücker. In der vorigen Herberge hätte einer Frikadellen gebraten und nicht eine Einzige abgegeben, das hatte ihn sehr geärgert. Nun wollte er selber Frikadellen machen. Ich spürte, wie mein Mann unter erhöhtem Speichelfluss litt. Für Frikadellen würde er in jeglicher Albergue nächtigen. Ich zog dann mit meinem sabbernden Mann zum Einkaufen weiter. Vor unserem Hostal treffen wir auf zwei Frauen, die im Kloster übernachten wollten, wir merkten nur an, das sehe zwar so aus wie ein Kloster, wäre aber keins.

Es wurde Zeit, die Ernährungskette mit dem Pilgermenu zu schließen. An Hand des Stadtplans musste es noch einige Restaurants geben. Schlenderten durch die Straßen und fanden einen großen belebten Platz mit mehreren Bars. Vor dem Restaurant, wo wir uns auf der Terrasse niederließen, saßen schon zwei jüngere dunkelhaarige deutsche Frauen. Seit dem schlechten Essen in Logroño schaute ich doch lieber, was den so auf den Tellern lag. Sie meinten, dass das Essen gut wäre. Neben dem Ständer mit der Auswahl der Pilgermenus (es gab immer je vier Vorspeisen und Hauptspeisen) konnte man in das Fenster sehen. Na, wer saß da, klar unsere ”Erstpilger“ aus Pamplona. Die Nebentische waren mit spanischen Frauen bevölkert. Sie diskutierten intensiv, rauchten und tranken. Es wurden immer mehr. Dann so um 21.00 Uhr sammelten sie aus allen Ecken Ihre Kinder ein und gingen nach Hause. Jetzt weiß ich warum es in Spanien erst so spät Essen gibt. Sie haben vorher keine Zeit zum Kochen und sie wirkten nicht so, als wären sie in Eile.

Wolfgang hatte sich als Vorspeise eine Suppa de regíon bestellt, es kam eine Kartoffelsuppe mit Wurststückchen, neugierig probierte ich natürlich. So was von gut gewürzt, einfach lecker, mit neidischem Blick verspeiste ich meine Spaghetti. An den Tisch mit den zwei Deutschen kamen immer mehr Leute, erst zwei blonde junge Frauen, dann ein älterer Mann, dann ein Ehepaar. Sie rückten Tische zusammen, fragten uns, ob wir auch dazu kommen möchten. Wir waren mit dem Essen noch nicht fertig und mit dem vollgestellten Tisch wollte ich nicht rumrücken. Erst als wir unsere Nachspeise gegessen hatten, wollte ich umziehen, da wollte Wolfgang aber nicht mehr – schade. Auf dem Rückweg zum Hostal kamen wir an der Rasenfläche vor der Albergue vorbei, sie war leer, die jungen Leute hatten wohl doch noch eine Schlafmöglichkeit mit Hund gefunden. Alles wird gut. Nachdem wir für den nächsten Morgen doch noch Frühstück in unserer Unterkunft geordert und auch gleich bezahlt hatten, ging es ab in unsere Doppelzelle. Freute mich schon auf Zwieback.

Santo Domingo de la Calzada - Belorado

Am nächsten Morgen waren aber Brötchen gebacken – kleine Brötchen – oder besser ganz kleine Brötchen. Verdammt, ich war auf Zwieback eingestellt. Am Nebentisch saßen bereits zwei ältere Paare. Der Hüne und seine kleine Tippie, keine Deutschen, sondern Belgier, mit ihren deutschen Freunden. Das andere Paar ist vor Jahren schon den Camino gegangen, fuhr jetzt mit dem Auto die Strecke, um sich alle Sehenswürdigkeiten anzusehen. Es stimmt schon, wenn man läuft, ist man nicht auf Besichtigungstouren aus. Sie würden die Koffer transportieren und immer die Unterkünfte für alle Vier buchen. Ohne Gepäck lässt es sich eben strammer stickeln.

Bei der Schlüsselabgabe hatten wir wieder die Nonne vom Vortag, nein sie hatte nicht nur gestern einen schlechten Tag. Nach kurzer Diskussion – ob Frühstück schon bezahlt – sie sagte nein, wir bleiben bei: Hatten wir bereits gezahlt, zogen wir los.

Dieser Wandertag sollte in Belorado nach 23,6 km enden. Locker - oder noch locker – erreichten wir nach 7,3 km den Ort Graňón. In Sichtweite gab es einen Pilgerauflauf. Die Päuschenmacher sammelten sich vor der Bar. Die Osnabrücker auch, natürlich musste er in Wuschis fast offene Wunde pieken. Die Frikadellen waren in der Herberge dankend abgenommen worden. Er war darüber verwundert, wie viel doch eine junge Frau essen konnte. Er packte noch drei Bier aus seinem Rucksack, nun wollte er die übriggebliebenen Flaschen nicht weiter mitschleppen. Dass er die bis hierher geschleppt hatte, alle Achtung.

Diesmal war Wolfgang mit der Bestellung beauftragt und die beiden Frauen, die das Kloster zum Übernachten suchten, setzten sich zu mir. Ihre Männer waren sehr früh, mit 54 und 55 Jahren, verstorben. Sie lernten sich auf einem Trauerseminar kennen. Da kam Wolfgang, die Frauen standen auf, legten sich jeweils ein Frotteetuch um, in rot und orange, schnallten sich die Rucksäcke um und gingen mit Buen camino. Ich hatte den Eindruck, sie wollten mir noch etwas mitteilen.

Weiter ging es nach Redecilla del Camino. Kein Baum – kein Strauch, man betrat den Ort und war auch schon wieder am Ende. Ständig an der Autobahn ging es weiter nach Castildelgado, wo ich der irrigen Annahme war, es wäre schon der Ort Viloria. Dachte noch: Was sind wir doch schnell heute! Pustekuchen, der Ort war im Reiseführer nicht als Kilometerpoint aufgeführt.

Ein Pfeil führte uns links in Feldwege, weg von der Autobahn, ging es wie üblich hinauf und hinunter. Nach längerem Laufen, rechts ab – links ab – rechts ab, landeten wir wieder an der Autobahn. Von der Seite kam ein Pilger, er kannte sich wohl aus und war geradeaus gepilgert, damit gefühlte 2 km gespart. Dann kam Viloria, lud dieser Ort zum Verweilen ein? Bot er die Möglichkeit eines kühlen Getränkes? Forderte auf Platz zu nehmen im lauschigen Schatten? Nö – hier gab es so was von nix. Im schmalen Schatten der Mauer eines Gebäudes, hingen die erschöpften vier Amerikanerinnen. Der Tag wäre einfach zu heiß. Doch einen Brunnen gab es, mit einem großen X, also trinken darf man auch nicht. Es war Mittagszeit. Man brauchte nicht auf die Uhr sehen, der Sonnenstand sagte alles.

Haute mich neben einen jungen Mann auf den Kantstein im Minimalschatten. Er zog gerade seine einfachen Turnschuhe aus, die völlig durchgesifften Frotteesocken, ehemals weiß vielleicht, folgten. Wunderte mich keineswegs, dass farben-frohe Blasen zum Vorschein kamen. Für Mitleid war ich aber zu erschöpft. Quakte noch einen Autofahrer an, wo denn hier der Bus abfährt. Mit den Worten, er wäre auch fremd hier, kurbelte er das Autofenster schnell hoch und haute ab. Feigling.

Weiter nach Villamayor sind es ja nur noch lächerliche 3,2 km, erst an der Landstraße und später wieder an der Autobahn lang. Freute mich, als endlich die Ortschaft näher rückte. Auf der anderen Seite der Landstraße sah ich eine Bar, Wolfgangs Übliches: Lass uns doch noch weiter oben gucken, lenkte uns daran vorbei. Im Reiseführer stand: Verwechseln Sie die Herberge nicht mit dem ebenfalls, nicht weit von hier befindlichen Club Siroco. Es handelt sich um ein Bordell. Suchte er das? Foto machen oder was.

Schon waren wir durch Villamayor hindurch, kein Café con leche oder so. Wer mich kennt, weiß, dass man das nicht mit mir macht. Nonnengrimmig eilte ich im Hünenstickschritt vorwärts, denn eins macht man nie, zurückgehen!!! Irgendwann gab es einige Bäume am Weg. Ich blieb stehen und meinte, hör mal wie die Vögel singen. War eine ganz laue Anmache von mir, um die Wogen wieder zu glätten. Er konnte ja nicht wirklich was dafür, dass es kein Café mehr gab.

Es wurde immer schwüler, wir waren müde und die Füße schon lange in ”Endzeitstimmung“. Wir pilgerten neben der Nationalstraße. Die aufmunternd hupenden Lastwagenfahrer lachte ich nicht mehr freundlich an, sondern grummelte erschöpft. Aber das sahen sie zum Glück nicht. Der Weg wollte nicht enden. Auch bei diesen letzten angeblichen 5,4 km müssen die sich verrechnet haben.

In der Ferne tauchte dann am Ortseingang von Belorado die private Herberge, mit Doppelzimmer hoffentlich, a Santiago auf. Bis dahin und keinen Schritt weiter, sagte mein Kopf und wehe die sind belegt. 16,2 km ohne längere Pause das geht ja mal gar nicht. Vielleicht ist es auch anders, wenn man vorher darauf gefasst ist, dass keine Möglichkeiten der Unterwegserfrischungen kommen.

Es war noch ein Doppelzimmer frei, gerne haben wir es genommen. Auf der Theke prangte frisch gebackener Kastenkuchen, der unverzüglich mit Kaffee geordert und Genuss verspeist wurde. Als wenn ein Schalter in meinem Kopf umgelegt wurde, ging es mir viel besser. Wir wurden durch die Albergue zum Zimmer geleitet. Aha, Waschmaschinen gab es auch. Nach dem Duschen raffte ich alle nicht am Körper befindlichen Kleidungsstücke zusammen und trottete zu den Waschmaschinen und Trocknern. Stopfte alles in eine Maschine, Farbe war mir wurst, schmiss die Geldstücke in den Zähler und drehte am Knopf. Der Zähler an der Wand tickte herunter, aber die Waschmaschine selber erzählte mir keine Trommelgeschichten. Hatte ich den falschen Zähler? Nö. Da musste ich doch hilfesuchend nach vorne laufen. In Begleitung ging es wieder zurück. Die junge Frau drehte den Knopf einen Millimeter in die andere Richtung und die Maschine lief. Ja ja, was hatte ich doch für einen Supertag.

Die 700 m in den Ort waren uns zu weit, man muss ja auch immer zurücklaufen, im Ergebnis 1,4 km zusätzlich. Folglich beschlossen wir in der Albergue ein Pilgermenu einzunehmen. Nach unserer Bestellung wurde Paella an einen etwas weiter weg stehenden Tisch ausgegeben. Es gibt ja appetitlichen Fischgeruch und den anderen Geruch, hier war es definitiv der andere. Wären wir doch bloß noch gelaufen – oder weggelaufen. Die Strafe für uns faule Bande folgte. Es gab Rotwein, eisgekühlt (man singt das doch nur über Bommerlunder), eventuell damit die ”Qualität“ nicht so durch kommt. Die Vorspeisen, Spaghetti und Knoblauchsuppa, gingen ja noch, dann folgte mein Pollo umrahmt von Matschpommes. Das Öl in dem das Hähnchenbein, man hatte vergessen dem Bein die Gummistützstrümpfe abzunehmen, gebraten wurde, muss man sehr geliebt haben und konnte sich seit Längerem nicht von ihm trennen. Nach zweimaligem Anpicken war ich satt. Obwohl Wuschi nur gut mit dem Öl getränkte Spiegeleier mit Schinken gegessen hatte, verweigerte er auch el Pollo.

Vor der Herberge auf der Terrasse saßen die Rasencamper mit Hund, der Stetsonträger war auch wieder dabei. Er wolle den nächsten Tag am Pool verbringen, es gab hier ein etwas größeres Planschbecken. Der kommende Tag wäre ja ein Sonntag, da würden keine Busse fahren. Ach – Mist – wir wollten auch mit dem Bus fahren. Völlig abgekämpft gingen die vier Amerikanerinnen winkend an der Albergue vorbei. Schade, es war das letzte Mal, dass wir sie trafen. Die jungen Leute kochten sich ihr Essen selber, der eigene Wein schien ihnen bestens zu schmecken. Ich erkundigte mich danach, wem denn der Hund gehöre. Sein Herrchen wäre ein Schweizer. Wir brachen auf, um schnell unsere auf der Spinne hängenden Wäschestücke vor dem nahenden Gewitter zu retten. Da kam der Schweizer beladen mit einer dampfenden Pfanne an mir vorbei. Vor Jahren wäre Bob Dylan auf seine Haartracht neidisch gewesen und jung war er auch nicht. Trotz Windböen hing sein Siffaroma einige Zeit nach, der erste Pilger mit Körpergeruch.

Nun war unsere Wäsche frisch und trocken, sauber bis auf meine Fettflecken. Sie wollten wohl noch weiter mitlaufen und saßen immer noch dort, wo sie nicht hingehörten. Der kräftige Regen spülte die drückende Luft fort und wir sanken müde um 20.30 Uhr ins Bett.

Belorado - Atapuerca

Am nächsten Morgen pieselte es. Irgendwie wussten wir noch nicht wie wir weiter vorankommen. Wolfgang packte mal wieder alles ein, muss ein Spiel sein, komme noch dahinter. Beim Frühstück beobachteten wir die Pilger, die sich ihre Regenjacken anzogen oder in widerspenstige Regencapes pellten. Der Rucksack wurde mit der Regenhülle bedacht und mürrisch verließen sie die Herberge. Nur ein älterer Herr ging nicht. Es war Josef, er sei so kaputt von der gestrigen Strecke, schlug die Hände vors Gesicht und meinte, er könne heute einfach nicht laufen. Er hätte ein Taxi bestellt. Taxi? – Taxi?, bei diesem Wort funkte mein Gehirn: Mitfahren!! Wir boten Josef gern eine Dreierteilung des Fahrpreises an. Nach einiger Wartezeit kam ein Wagen und wir verstauten glücklich unsere Rucksäcke. Nun sollte es von Belorado bis San Juan de Ortega 24,8 km mit dem Auto vorwärtsgehen.

Bevor wir losfuhren, tauchte noch ein Frankfurter Ehepaar, auch so um und bei sechzig, auf. Das Paar und Josef hatten in Domingo de la Calzada mit den jungen Frauen an dem Nebentisch gesessen. Sie hatte kurze dunkelrot gefärbte Haare und ungefähr meine ”Figur“. Er trug Schnurrbart und hatte kein Gramm Fett zu viel auf den Rippen, der wusste überhaupt nicht, was Speckröllchen sind, na doch - vom Anschauen. Die Frankfurterin beklagte sich darüber, dass er nie vor 8.30 Uhr aus dem Bett findet. So kämen sie immer viel zu spät los und würden dann immer über die Mittagszeit hinaus laufen. Sie war den Camino schon einmal alleine gelaufen und wollte jetzt mit ihrem Mann gehen. So richtig Lust hatte er aber sowieso nicht, auch täten ihm die Schultern vom Rucksack weh. Er schnallte sich frustriert sein Gepäck um. Jetzt sah man auch, warum sein Körper jammerte. Er zog die Bauchriegel nicht richtig fest, so trug er das Gewicht nicht auf den Hüften, sondern die Belastung lag auf den armen mageren Schultern. Na ja, Hüften hatte er ja auch nicht. Josef und wir machen ihn darauf aufmerksam, dass er die Gurte festziehen muss. Wir schickten sie mit dem üblichen Buen camino auf den nassen Weg.

Nun aber zurück zum Taxi. Es ging mit dem Auto hinauf und hinunter, hier eine kurvige Straße, dort ein büsschen Serpentinen und wir fuhren lange – längere – noch längere Zeit. Im Kopf zählte ich schon mal das Geld, was wir noch übrig hatten. Na, ob das reichte? Für eine 10 Minutenfahrt hatten wir ja 20,-- € gezahlt. Beschließe ein gelassenes Gesicht aufzulegen und die Aussicht zu genießen. Wir landeten an der Kirche San Juan de Ortega. Der Taxifahrer nennt den Preis, ich fragte sicherheitshalber noch einmal nach – 35,00 €? Durch die Fahrt hatten wir uns nicht nur die 24,8 km, sondern auch einen Anstieg von 770 m auf 1.160 m erspart.

Die kleine Kirche lud mich zum Eintreten ein, gerne nahm ich die Gelegenheit für unsere drei Kinder je eine Kerze anzuzünden wahr. Endlich wieder warmes flackerndes Licht. Draußen war es aber noch recht kühl, der Regen hatte sich verzogen. Josef meinte, er würde noch eine kleine Strecke laufen. Das taten wir auch. Es ging erst über Waldwege und später durch eine Weidelandschaft mit vielen Bäumen. Hatte mir oft auf dem Weg Bäume als Schattenspender gewünscht, die Sonne schien aber nicht und man brauchte keinen Schatten. Dafür waren die Bäume heute mal da.

Wir pilgerten locker die 3,7 km nach Agés und weitere 2,6 km bis Atapuerca. Auf diesem Stück schoss Wolfgang ein heftiger Schmerz in das linke Bein. Bei jedem Abwärtslaufen fragte ich ihn, ob es noch ginge. Er erwiderte nur – ja, es geht. Gut, dass wir den Tag nur so wenig gelaufen waren.

In Atapuerca angekommen liefen wir an einem Restaurant vorbei, dass ungewohnt nobel aussieht und stießen dann auf die Albergue El Peregrino (natürlich nicht nobel). Es warteten schon mehrere Pilger auf die Öffnung der Herberge, es ist erst 11.30 Uhr und sie würden um 14.00 Uhr öffnen. Habitatión doble war auch im Angebot. Josef kam um die Ecke, er möchte auch ein Zimmer für sich und nicht in ein Sechserzimmer. Josef und ich beschlossen den Ort nach anderen Unterkünften, Hostals oder Hotels, zu durchstreifen. Wolfgang blieb dort als ”Platzhalter“ an der Albergue sitzen.

Versteckt hinter der Kirche entdeckten wir das Papasol, ein Hotel mit Restaurant. Drückten unsere Nasen an den Butzenscheiben platt, sah nett aus. Im Inneren wuselte eine Frau herum, auf dem Schild war die Öffnungszeit 13.30 Uhr angegeben, ich ließ meinen Rucksack bei Josef vor dem Hotel liegen um Wolfgang zu holen. Gemeinsam trabten wir zum Hotel, da saß Josef am Spielplatz vor der Kirche. Ihm war es oben zu kalt geworden. Die Sonne hatte immer noch ihre Auszeit und es wehte ein kalter Wind.

Wolfgang gesellte seinen Rucksack zu Josefs und meinem Gepäck vor dem Eingang. Auf einer Holzbank ließen wir uns nieder, ich schaute zur Seite. Dort gab es einen Bretterverschlag mit dem Hinweis Albergue, da möchte ich nicht hinein. Nach längerer Zeit kam ein Auto vorgefahren und lud Gepäckstücke aus. Das war bestimmt das Gepäck der französischen Luxuspilger. Ich nutzte die Gelegenheit, um nach freien Zimmern zu fragen. Die Frau, die uns bereits vor einer Stunde gesehen hatte meinte nur ”Komplete“, aber Albergue wäre noch frei. Och – nö.

Wir liefen mit Josefs Rucksack bewaffnet zurück, sammelten ihn auf dem Weg ein und stellten fest, dass die Frau uns das ja gleich hätte mitteilen können, als sie uns kommen sah. Wieder an der Herberge angelangt, quakte gerade eine Frau: Wer ist denn hier der Letzte, aber man muss doch sagen können, wer der Letzte war. Das ginge hier schließlich nach Reihenfolge. Inzwischen sind die beiden Blondies (nenn sie ab jetzt so, habe vergessen woher sie kamen und ich habe nur einen Namen gehört, innerlich waren sie nicht ”blond“) die in S.D.d.l.Calzada mit Josef am Tisch saßen, auch hier gelandet. Sie wären in einen Bus gestiegen (also fuhr doch ein Bus), mitten in der Pampa mussten sie aussteigen, warum wussten sie auch nicht. Hatten telefonisch ein Taxi geordert und mussten nur für die Anfahrt des Taxis schon 17,00 € bezahlen.

Mit der Öffnungszeit der Albergue schob auch die Sonne ihre Wolkengardinen beiseite und holte nach, was sie bisher verschlafen hatte. Mit dem Schlüsselrasseln sprangen alle auf, um ja einen Schlafplatz zu bekommen. Geduldig warteten Josef und ich bis wir als Letzte dran sind. Wir bekamen unser Doppelzimmer, Josef nutzte die Kunst des Überredens und erhielt auch alleine ein Doppelzimmer. Wir kamen in ein Extrahaus, wo es nicht nur fünf Doppelzimmer, sondern auch eine Küche und ein Esszimmer gab. Das Zimmer von uns war groß genug zum ”Auspacken“, leider gab es in der Albergue weder Essen noch Trinken.

Schnell waren die üblichen Ankommrituale, duschen – waschen, erledigt und wir durchstreiften den Ort. In einer Bar, gemeinsam mit den Blondies, erfrischten wir uns auch innerlich. Zurück im Garten der Albergue, in der Zwischenzeit ausgebucht, waren die Sitzmöglichkeiten knapp. Setzte mich in den Schatten hinter dem Haus zu Josef auf die Holzbank. Er trug die üblichen Pilgersandalen und meinte, nun täten ihm nicht nur die Beine weh, nein, er hatte auch an der Spitze des mittleren Zehs eine fiese Blase. Er hätte den Fehler gemacht und war vorm Pilgern bei der Fußpflegerin gewesen. Das sah man, seine Zehennägel waren tief im Nagelbett abgefräst. Die dicke Blase scheuerte bestimmt bei jedem Schritt.

Ich erzählte ihm, dass ich bei einer Pilgersendung im Fernsehen gesehen hätte, wie eine Blase mit einer Nadel und Faden durchstochen worden war. Ich fragte Josef, ob ich das bei seinem Fuß machen soll. Seine sanften Augen unter dem gewellten Silberhaar schauten mich bittend an: „Ja tu es.“ Yippie, ich hatte ein Opfer. Geschwind holte ich mein Peregrino-Besteck. Desinfizierte Nadel und Faden und bat Josef mich in den Arm zu kneifen, wenn ich jetzt sage. Das lenke den Schmerz ab, hätte bei meinen Kindern auch immer geklappt. ”Jetzt“, ich durchstach den Zeh, schnitt den Faden ab und wir beobachteten mit zwischen den Beinen herunterhängenden Köpfen, wie der Suppsch am Faden aus der Blase tropfte. Josef sah mich zufrieden an und meinte, er hätte nichts gespürt.

Da wir uns nun schon mal im Krankenlager befanden, erzählte Wolfgang, dass seine Wade ab und an schmerzen würde. Nun war Josef dran, er habe von seinem Arzt extra dafür Pillen mitbekommen, denn seine Beine würden auch immer wehtun. Er holte für Wolfgang eine dunkelrote Kapsel, die er dann schluckte. Ein junger Kölner mit kurzen gekringelten Löckchen berichtete, er hätte auch Probleme mit seinem einen Bein. Er hätte seine Mutter, die Ärztin sei, angerufen und sie habe ihm gesagt er solle sich Diclofinac besorgen. Genau das hatte Josef Wolfgang gegeben. Ich schrieb mir den Namen des Medikaments auf, damit wir es am nächsten Tag besorgen könnten.

Da die Herberge ein sogenanntes Trockendock war, beschlossen die Blondies, Josef und wir, noch in das Lokal am Anfang des Ortes zu gehen. Die Blondies trugen immer einheitliche T-Shirts, hatten längere, ”natürlich“ blonde Haare und waren so ca. 35 Jahre jung. Die schlankere Blondie hatte ein stark geschwollenes, bandagiertes Knie. Sie meinte, ihr Meniskus mache ihr schwer zu schaffen. Wir zogen zu dem Nobellokal, um dort unseren Flüssigkeitshaushalt aufzufüllen. Auf der Terrasse bediente El Camarero freundlichst eine italienische Familie am Nebentisch, sie hatten zuvor im Innenraum gesessen und gegessen. Wir hatten nicht gegessen, wollten nur trinken und wurden unfreundlichst eher nicht bedient. Unsere Störung, wir wollten bezahlen, empfand er wohl als Dreistigkeit. Nach uns knallte er die Glastür zu und schloss ab. Hatte er Angst, wir würden in der Albergue von dem Lokal erzählen und es kämen noch mehr Pilger? Da konnte er völlig sorgenfrei den Abend erwarten, denn in diesem Lokal würden wir bestimmt nicht essen wollen.

In der Albergue waren auch die ”Brünetties“, vom Nebentisch in S.D.d.l.Calzada, gelandet, fehlten nur noch die Frankfurter, aber die kamen nicht. Wir wollten gemeinsam ein Pilgermenu einnehmen. Beim Verlassen der Herberge meinte die schlanke Blondie irgendetwas von föhnen. Mein Unterkiefer ruckte tiefer: Du schleppst einen Föhn mit? Ja, im letzten Jahr wären sie auch einen Teil des Jakobsweges gelaufen, es war immer kalt und hätte ständig geregnet. Das verstand ich schon, aber ich hatte sogar auf Haarfestiger verzichtet, was man meiner Pusteblume schon ansah.

Josef, die Blondies, die Brünetties und wir landeten vor einem nett aussehenden, rustikalen Lokal, eine einzelne Frau schloss sich uns an. Es war 18.50 Uhr, das Lokal sollte um 19.00 Uhr öffnen. Wir, ich hatte endlich Smoke-Gefährtinnen, rauchten eine.

Plötzlich kam ein Pilger, er nächtigte auch in der Albergue, aus dem Restaurant gestürmt und regte sich darüber auf, dass er zehn Minuten gewartet hatte und keiner ihn bediente. Er zog wütend ab und wir um 19.00 Uhr in das Lokal. Tja, wer lesen kann, ist im Vorteil. Es war klein und gemütlich, aus großen Steinen gemauert und mit viel Nippes dekoriert. Schauten uns im Gastraum um, es standen zwei Vierertische und ein größerer Tisch im vorderen Raum. Der Größere war mit Coca-Cola Flaschen und Gläser, Brot und Brotkrümel belegt. Artig warteten wir, bis uns eine Sitzgelegenheit zugewiesen wurde. In Sekundenschnelle hatte der junge - äh, gut aussehende Camarero – eine sogenannte Rarität – den großen Tisch abgeräumt, mit neuer Tischdecke, Gläsern, Tellern und Besteck eingedeckt. Sie hatten ihren eigenen Tisch für uns geräumt.

Mit acht Personen nahmen wir Platz, nett, wenn nur dieses wie überall übliche Riesen-LED-TV-Gerät nicht so laut plärren würde. Als außer uns keiner im Raum war, bog ich meinen Oberkörper zur Seite um an die Fernbedienung zu kommen und das Gerät etwas leiser zu stellen. Schade, leider kam doch einer, guckte mich in meiner schiefen Haltung und dann die Fernbedienung an. Nahm sie und stellte den Fernseher aus. So konnten wir uns doch unterhalten.

Der gut beleibte Besitzer kam, um die Bestellungen aufzunehmen, er erklärte den Pollo mit Hahnenkamm und Pogewackel, den Stier mit den Metal-Hörnern und schwamm eine Runde für den Fisch, bei dem letzten zur Auswahl stehenden Essen war er ratlos. Fast alle entschieden sich für die Suppe als Vorspeise. Wir erfuhren, dass der Josef 71 Jahre alt ist und aus München kommt und verheiratet ist. Er war in Saint-Pied-de-Port gestartet und möchte den ganzen Weg gehen. Die Blondies, hatten jetzt beide ein Glitzer-Shirt an, wollten bis León gehen. Die Brünetties sind verheiratet und liefen immer 14 Tage, mehr würden die Familien nicht zulassen.

Ich warf in den Raum, was sie denn dazu bringen würde zu laufen, mich hätte dieser Zwang noch nicht wirklich erreicht. Oh – da hatte ich ja was gesagt, es ging ein Ruck durch die Körper und sechs Augenpaare starrten mich an. Nur Wolfgang betrachtete seinen Teller. Josef begann, wenn er morgens startet, ist sein Körper voller Freude und will los. Die Brünetties gingen immer getrennt und fühlen sich während des Pilgerns völlig frei. Die Blondies gingen zusammen und fühlten wie Energie in sie ströme. Die Frau, die sich uns angeschlossen hatte, ca. Mitte der Vierzig, meinte, sie wäre im vorigen Jahr mit Ihrem Mann den Weg gegangen, hätte viel abgenommen und ginge jetzt alleine. Sie war so voller Traurigkeit, keiner fragte weiter nach.

Es wurde uns eine kräftige Bohnensuppe serviert. Der Wirt zeigte uns gestenreich, dass wir für den nächsten Tag nun eine Portion Extra-Speed hätten. Die schlanke Frau meinte nur, das könne sie nicht essen und löffelte nur die Brühe. Wir anderen hauten rein, schöpften pure Energie. Das nicht mit dem Körper erklärbare Hauptgericht entpuppte sich als Cordon bleu. Das Gespräch ging weiter übers Wandern, alle stellten fest, dass sie entweder morgens oder abends Magnesium zu sich nahmen. Ach nee, nun war ja alles klar, sie pfiffen sich täglich die Drogen rein und ich nahm nämlich nix. Da hatten wir den feinen Unterschied der Motivation auch geklärt.

Die allein reisende Frau, war schon frühzeitig zur Albergue gegangen. Wir zahlten, es wurde eine Klingel herausgesucht und damit geläutet, denn Trinkgeld ist hier nicht üblich. Josef, die Blondies und wir wollten noch einen Absacker in einer Bar zu uns nehmen. Die Brünetties gingen lieber schon schlafen. In der Bar hatte sich der ganze Ort mit Kind und Kegel versammelt. Der übliche Fernseher war hier nicht ausgeschaltet und trug zur Geräuschkulisse bei. Wir bestellten uns fünf Pacharan und erhielten in rasantem Tempo die gut gefüllten Gläser. Eine Frau schob ihren Kinderwagen hinter der Theke in einen Raum, gefiel ihr wohl nicht so, kam mit dem Wagen wieder heraus und versuchte es auf der anderen Seite. Vielleicht sollte ich noch anmerken, dass es in der Bar ziemlich eng war.

Der Wirt bediente alleine, er hatte die üblichen – ich arbeite viel und oft die Nacht durch Triefaugen – er litt an ausgedehnten Geheimratsecken, als Ausgleich trug er einen spitteligen Zopf. Fröhlich tanzte er mit den Gläsern und Flaschen hinter der Theke, wischte sich kurz die Schweißperlen von der Stirn und wedelte mit den Händen nach dem Motto – hey, will hier keiner mehr etwas zu trinken? Lachte witzelte dabei fortwährend mit seinen Gästen. Die pure Lebenslust quirlte nur so durch den vollen Raum. Da wir ja am nächsten Tag wieder ein Date mit unseren Wanderschuhen hatten, bezahlten wir unsere Longdrinks. Oh man, nun hüpfte der Wirt aber erst richtig und haute kräftig gegen die Glocke über der Theke. Er hatte 50 Cent Trinkgeld bekommen. Nun aber ab in Bett. War es der Wein oder der Pacharan, ich schlief sehr gut.

Atapuerca – Burgos

Am Morgen des 23.05.2011 sollte es von Atapuerca bis nach Burgos 20,8 km gehen. Bevor wir uns auf den Weg machten, wurden jetzt nicht nur die Füße mit Hirschtalg getätschelt, wie üblich wieder der Rucksack eingepackt, sondern auch noch ein Tütchen Magnesium gezogen. Die Bäckerei, Panaderia las Cuevas, hatten wir schon am Vortag besucht, hier könne man gut Frühstücken. Stimmte. Nachdem man sich durch den Dschungel der Rucksäcke vor der Eingangstür gezwängt hatte, betrat man einen Ort der köstlichen Gerüche. Zwei nette junge Frauen in weißen Schürzen bedienten die hungrigen Pilger. Wir bestellen, ach schon wieder, Bocadillo con jamón und erhielten nicht wirklich belegte Brötchen, es waren zwei ca. 30 cm lange und 8 cm hohe dick mit Schinken belegte Brote. Fein, so war auch gleich die Zwischenmahlzeit geklärt.

Es war angenehm kühl und der Hochnebel hielt die Sonne in Zaum. Die erste Strecke zur Matagrande Hochebene, ich möchte damit andeuten, dass es 2,1 km bergauf ging, liefen wir durch Wald und der Boden bestand aus grasbewachsenen größeren Steinen. Wolfgangs Bein erzählte keine Krankengeschichten, alles war gut. Fast oben angekommen liefen wir an einer mit Stacheldraht eingezäunten Schafweide vorbei. Überall lag Fell herum, vor mir auf dem Weg liegt ein kleines schwarz-weiß geflecktes Bein, an der Seite vor dem Zaun liegt ein heller Hund, alle Viere von sich gestreckt. Ich war geschockt, überlegte, was kann es hier nur für große bösartige Tiere geben, die hier so ein Massaker veranstaltet hatten. Kann sich ein Hund nicht besser wehren als ein Mensch. Hoffentlich sehen es die anderen nicht, sie haben alle Hunde.

Kurz vor der Hochebene rasten Millionen winzige Tröpfchen auf mich zu, ich muss unbedingt später nachsehen, was auf den Magnesiumtütchen steht. Liegt es an den Drops? Oder dass man heute nicht über Schottergestein walzte, ohne größere Anstrengungen erreichten wir die Matagrande Hochebene. Hier oben gab es über uns keine Wolken mehr. Wär auch ein blödes Foto für den Japaner, der sich von Wolfgang am mit Steinen umlegten Gipfelkreuz knipsen ließ. Der Dunst lag jetzt über dem Tal, in weiter Entfernung sah man nur die Flügel von Windkrafträdern, als wenn sie Watte durchmischen würden.

Mache am Kreuz von Wuschi das zweite Stelzfoto, der Fotograf brauchte ja auch Beweise, dass er gelaufen war. Der Japaner hatte sich aus einem Hackenporsche und seinem Rucksack eine Konstruktion gebaut. Bei Bedarf konnte er sein Gepäck auch ziehen. Wer in Dänemark mit Kleinkind und Schirmbuggy (mit auch so hübschen kleinen Rädern) Urlaub gemacht hatte, weiß, das kann nicht wirklich funktionieren, es sei denn, man ist wild darauf eine Tonne Kies oder Schotter vor oder hinter sich herzuschieben.

Es ging nun steil bergab, der Nebel zog sich mehr und mehr zurück und gab den Blick auf den nächsten Ort Cardeňuela de Ríopico frei. Die Steine wurden wieder zu Schotter, die Wege hatten meist eine Breite von 1,5 bis 2 m. Oft war eine Spur von ca. 30 cm (eine Bocadillobreite) steinfrei gelaufen, die man natürlich auch nutzte. Meine Befürchtung war zwar, dass über Nacht neue Steinchen auf den Wegen verteilt wurden. Es war ja schließlich ein Pilgerweg und kein Spazierweg.

Zügig erreichten wir den Ort für unser ausgedehntes Päuschen. Da auch die Blondies hier Station machten, wurden gleich zwei Zigaretten geraucht, schlechter Einfluss. Bei der schlankeren Blondie quetschte sich eine riesige Beule, war wohl das Knie, aus ihrer Beinbandage. Mit Buen camino zogen wir weiter Richtung Burgos.

Wir pilgerten ziemlich entspannt weiter bis wir unter einer Brücke hindurch, über eine Brücke und damit die Autobahn überquerten. Man konnte schon mal einen Blick nach Burgos werfen. Die ganze Zeit waren Pilger vor oder hinter uns. Es sollte um den Flughafen herum gehen. Alle Läufer bogen links ab, wir nicht, der Pfeil zeigte die Richtung geradeaus. Wir wanderten an der Landstraße um den Flughafen herum. Weit und breit keine Menschenseele, sonst hatte man ja selten die Möglichkeit alleine zu pilgern, aber diesmal gab es so ein – hä? - Gefühl. Hier stimmte doch irgendetwas nicht, das Flughafengelände nahm kein Ende.

Am Horizont tauchte nicht nur eine Brücke, sondern auch etwas Helles und Rotes auf ihr auf. Ich beobachtete, wo die Punkte sich hinbewegten, sie hoben sich dann gut von den dunkelgrünen Wiesen durch die sie liefen ab. Wir legten dann einen Schlag zu, um zu verfolgen, wo sie abblieben. Wir hatten den Vorort Villafria und das Pilgerpärchen, die sich gerade bei einem Spanier nach dem Bus der nach Burgos hineinfährt erkundigten, erreicht. Mit einem verschmitzten Lächeln und Handzeichen, forderte uns der kleine ältere Pilger auf, ihnen zu folgen.

Wir landeten an der Busstation vor einer Kirche. Bis zur Abfahrt dauerte es noch 20 Minuten. Wir suchten ein Schattenplätzchen immer mit Blick auf die Bushaltestelle, denn durch das Industriegebiet von Burgos wollten wir nicht laufen. Die Kirche, ich durfte nur einen Blick durch die geschlossenen Gitterstäbe werfen, war mit einem Storchennest an der Spitze belegt. Vielleicht bauen sie ja ihre Nester nicht wegen der guten Aussicht, sondern weil das vibrierende Gefühl im Bauch, wenn die Glocken – sie hatte Fünf davon - bimmeln, so eierfördernd ist.

Da kamen auch die Blondies, das Knie sah noch schlimmer aus, angelaufen und auch der Bus. Es war ein Linienbus, der alle 100 Meter hielt. Wenn ich wissen wollte, ob wir schon aussteigen mussten, brauchte ich mich nur zu dem älteren Pilgerpärchen, es waren Franzosen, umdrehen. Er machte mir durch absenken der Handflächen vor dem Bauch klar, dass wir noch nicht aussteigen sollten. Wir fuhren an vielen Pilgern vorbei. Na und.

Fuhren bis zur Endstation und landete im Centrum von Burgos, überquerten die Brücke über den Río Arlanzón. Dort bot sich uns gleich ein **Hostal das Hotel Espana an, die Blondies stiefelten hinein und wir hinterher. Die Frage nach freien Zimmern und dem Preis wurde mit ja und Kostenpunkt 50,-- € geklärt. Das ging aber mal schnell. Die Zimmer seien aber noch nicht fertig. Machte nix, den wir hatten einen größeren Einkaufszettel.

Diclofinac, eine Bandage für Wolfgangs Bein und Briefmarken für den ersten Postkartenschwung mussten unbedingt besorgt werden. Mein Koffein Haushalt war auf die Grenze des Erträglichen abgesunken. Gegenüber des Hotels ist das Teatro Principal mit Café im weitläufigen Paseo (Park) del Espanóla. Bei der Bestellung im Café, sah innen sehr schnieke aus, schaute ich vor der Theke nach unten. Auf dem Fußboden lagen überall leere Zuckertütchen, muss ein Ritual sein, das ich noch nicht kannte. Nach dem Genuss von Cerveza (Bier) und Latte konnte unsere Shoppingtour beginnen.

Ein grünleuchtendes Kreuz bedeutet hier Apotheke. Erste Apotheke. Ich ziehe meinen Zettel mit dem notierten Namen – Diclofinac – heraus. Der Apotheker kommt mit einer Pillenpackung. Ich öffne Sie, es sind keine Kapseln, sondern kleine beige Pillen. Ich schüttelte den Kopf, das wäre nicht richtig, es müssten dunkelrote Kapseln sein, deutete mit den Fingern 1,5 cm an, außerdem hießen die Pillen Diclofenaco. Nein, die wollte ich nicht, lass mir hier doch nicht irgendein Medikament andrehen. Wolfgang bestellte nun eine Bandage, packte sie aus, zog sie einmal in die Breite, probierte sie an und meinte: Passt. Ich kenn ja seine ”strammen“ Waden, würde eher sagen, passt nicht.

Inzwischen war es bereits 14.00 Uhr und das Zimmer war wohl fertig. Zurück im Hostal schnappten wir uns den Schlüssel, warfen uns die Rucksäcke über und zwängten uns in den schlank gebauten Fahrstuhl. Die Fliege blieb draußen, sie hatte im Fahrstuhl keinen Platz mehr gehabt. Wir liefen den langen Flur zu unserem Zimmer.

Das Hotel muss früher – viel früher – sehr exquisite gewesen sein. Als es noch Etagenbadezimmer gab. Man hatte aus dem begehbaren Schrank ein Badezimmer gefertigt. Irgendwo musste die Feuchtigkeit des Duschdunstes bleiben, hier versammelte sie sich an der Decke und gedachte nicht diesen Platz zu verlassen, es war eher die Jahreshauptversammlung der Deutsche Bank Aktionäre, eine schwarze Sippe. Die Wäsche trocken zu bekommen wird ein ”kleines“ Problem. Die Fenster bildeten einen Halbkreis, hatten davor eine balkonähnliche Eisenverzierung, nur leider fehlte der Balkon dazu. Wir hätten uns im Theater erkundigen können, ob sie zurzeit ein modernes Stück aufführen. Dann hätten wir ja unsere Höschen zur Schau stellen können. Ziehen sich ja in den meisten Stücken sowieso aus. Statt der Theaterplakate unsere Wäsche, wenn`s an die Wäsche geht.

Das Zimmer hatte eine großzügige Fläche, breite Betten, ein Sessel, ein Sekretär mit Stuhl und ein Schrank überfüllten nicht den Raum. Suppa, genug Platz zum ”Auspacken“. Nach dem Duschen drapierten wir unsere nassen Kleidungsstücke an diversen von der Wand abstehenden Badezimmergegenständen, sodass sie so wenig ”Feindberührung“ wie möglich hatten. Die Fenster sahen von außen ja nett aus, bei näherer Betrachtung musste man erkennen, dass Eisenfensterrahmen nicht so eisern durchhalten. Der Rost wechselte sich mit grünen Stellen ab, könnte ehemals Farbe gewesen sein oder ich hoffte, dass es alte Farbe war. Nein, ich prüfte es lieber nicht nach. Der verranzte Teppichboden passte zum Rest.

Unser Einkaufszettel musste noch verkürzt werden und wir verließen unser ”Nest“. Die Post lag auf der anderen Seite des Flusses. Wir landeten in einem riesigen Saal mit ca. 20 nummerierten Schaltern. Über den Schaltern leuchteten Hinweise, wir waren irritiert, holländisches Hightech, überall Blinkerblinker. Eine Anzeige wechselte die Zahl, aha, die musste etwas bedeuten. Ganz klar, Nummernvergabe, hier musste irgendwo ein Apparat stehen. Hatte ich erwähnt, dass wir nur popelige Briefmarken holen wollten? Wir fanden im Entree einen Automaten, ich drückte das Feld, von dem man annehmen könnte, dass es sich um Postwertzeichen handelte. Mit einer empfangenen Nummer in der Hand gingen wir zurück in den saalartigen Raum. Zügig wurde unsere Nummer mit der Angabe des Schalters angezeigt. Ich hatte eine Postkarte mit, zeigte auf das Briefmarkenfeld und sagte once (11). Sie nahm mir die Postkarte aus der Hand, holt umständlich eine Mappe aus einer Schublade, schaute sich interessiert die zur Auswahl stehenden Marken an, vielleicht kannte sie die noch nicht und klebte nach dem sie sich entschieden hatte, eine Schmetterlingsmarke auf die Karte und nannte den Preis. Stur wiederholte ich noch mal once por favor. Sie rückte dann doch noch zehn weitere Briefmarken aus der Mappe. Ob Postmitarbeiter überall gleich sind?

Wir benötigten auch noch Bares und neben der Post gab es auch die Deutsche Bank, wie sinnig, mit einem Automaten, der von der Straße nicht beobachtet werden konnte. Als wir in einem anderen Ort uns Geld gezogen hatten, durften wir nicht mehr als 300,-- € abheben. Die Deutsche Bank war großzügiger, wir bekamen sogar 600,00 €. Die folgenden Tage ging es durch kleinere Orte und die einzige Bank die sie haben wird eine Sitzbank sein.

Zurück im Centrum beäugten wir, welche Apotheke denn nun kompetent sein könnte. Es gab ja auch welche mit rotem Kreuz, hinein ins Vergnügen. Der nächste Apotheker sah in seinem Computer nach dem Medikament, nein, das würde es nicht geben. Er wollte mir partout auch solche kleinen beigen Pillen andrehen. Sind wir hier auf dem Basar? Ab in die Nächste. Nun hatten wir eine Frau Apothekerin, ich beschreibe zu dem Namen Diclofinac auch die Größe und Farbe. Sie kommt mit einer Packung, ich öffnete sie, siehste, es waren dunkelrote Kapseln. Ach und Magnesium brauchte ich auch noch, sie schaute mich verwirrt an, holte dann noch eine dunkelgrüne Röhre mit Tabletten, Magnogene. Wir zahlten für die Pillen sage und schreibe 2,85 € und zogen ab.

Auf der Plaza Mayor, in jeder Stadt und auch im kleinsten Ort wurde der Name für einen Platz vergeben, hatten sich junge Leute versammelt und Plakate ausgehängt. Wir mussten nur noch zweimal um die Ecke und landeten vor der Kathedrale von Burgos. Bevor wir austrockneten wollten wir doch lieber Getränke zu uns nehmen. Mein allerbester Mann brachte nicht nur Cerveza, sondern auch eine Schale Tapas mit. Eingelegter Pulpo mit in Rauten geschnittenen Paprika. Eine kleine Gaumenfreude zwischendurch. Ich holte die Pillenpackungen aus der Tüte und überprüfte unseren Einkauf. Das Röllchen Magnogene, klar und deutlich stand da Magnésico. OK, meine gewünschten dunkelroten Kapseln, Notosil cásulas, was stand denn auf dieser Packung – oh – Metamizol Magnésico. Fein, nun hatten wir für den Rest des Caminos genügend Magnesium aber nix für schmerzendes Bein.

Wir freuten uns, als Josef zu uns stieß, sich auch für die gleichen Tapas entschied und ein Bierchen mit uns trank. Er verstand nicht, dass wir Diclofinac nicht bekamen. Josef und ich sahen mitleidig auf Wolfgangs Bein. Ich erzählte Josef, dass ich im Vorbeigehen auf einem Stellplakat einer Bar Ossobuco gelesen hätte. So schön in Rotwein geschmort, oh ja, meinte Josef, mit Zwiebeln, ich fügte noch rote Paprika hinzu. Dabei schauten wir unentwegt auf Wolfgangs stramme Wade. Ungehalten meinte Wuschi, wir sollten doch den Förster holen. Josef und ich sahen uns an und wir brachen in einen exzessiven Lachkrampf aus, bis die Tränen kullerten. Zum Verständnis, eine Magersüchtige würde Wolfgangs Wadenumfang bei ihrer Taille nicht dulden.

Die beiden Witwen, die wir zuvor getroffen hatten, setzten sich auch zu uns an den Tisch. Tief in den letzten Gehirnwindungen fällt mir ein, dass die mit den halblangen Haaren Marianne und die andere mit den dunkelroten Haaren Carola heißt. Sie kamen noch mit den Rucksäcken beladen und suchten noch eine Unterkunft. Die beiden fröhlichen Frauen kommen aus Aachen. Eine hatte halblanges mittelblondes Haar und einen ausgeprägte breiten Mund, der sich auch gerne bewegte, zwischendurch fuhr beim Sprechen des Öfteren die Zunge über die kräftigen Lippen. Burgos sei ihre letzte Station, den nächsten Tag wollten sie irgendwie durch Spanien nach Frankreich, um von dort aus mit ihrem Auto zurück nach Hause zu fahren. Wir erzählten ihnen, ein Bus würde bis nach Bilbao fahren, von dort fuhr die Bahn bis nach Frankreich. Die Idee gefällt ihnen. Die Aachenerin mit den kürzeren rötlichen Haaren blieb mit dem Gepäck bei uns sitzen. Die Zweite wollte eine Übernachtungsmöglichkeit suchen. Sie bevorzugten Refugien im Kloster oder in der einfachsten Herberge.

Eine Holländerin kam an den Tisch, das üppige Gesäß steckte in einer beigen Shorts, eine Krickelbluse im Delfterkachelmuster flatterte darüber, sie erkundigte sich, ob die Aachenerinnen schon die Seiten kopiert hätten. Die Frau mit den rötlichen Haaren klärte uns auf. Die Holländerin hatte ihren Reiseführer verloren und sie versprachen ihr, dass sie den von den beiden bekommen würde. Nur benötigten sie noch einige Seiten aus dem Reiseführer für ihre Heimreise. Wollten die entsprechenden Seiten aus dem Outdoor reißen, das gefiel aber der Krickelbluse nicht.

Marianne kam gut gelaunt zurück an den Tisch, sie hatte ein Zimmer in einer privaten Herberge ergattert. Am späten Nachmittag noch etwas Günstiges zu finden wäre pures Glück. Wir beschlossen uns um 19.00 Uhr wieder auf der Playa de Santa Maria, vor der Kathedrale mit Josef und den Aachenerinnen zu treffen. Als Carola ihren Rucksack schultern wollte, war sie entsetzt, ihre Jakobsmuschel hing in zwei Teile zerbrochen am Band. Sie war sehr traurig, es wäre eine besondere Muschel, stimmt, statt des üblichen Weiß schimmerte diese Muschel perlmuttartig violett. Sie hatte diese Jakobsmuschel geschenkt bekommen und man sollte auch nur mit einer Geschenkten laufen. Bedröppelt zogen die Zwei zur Unterkunft.

Die Brünetties kamen um die Ecke, sie wollten eine Stadtrundfahrt machen und fragten, ob Josef und wir nicht mit wollen. Durch unsere Medikamenten- und Posttortur kannten wir ja schon die Stadt und Josef wollte seine Augen noch ausruhen, die Fahrt hätte auch bis nach 19.00 Uhr gedauert. Schade, die Brünetties waren auch angenehme Begleiter ¡Buen camino! Mädels, auch sie reisten den nächsten Tag ab.

Es war sehr stickig in der Stadt und wir trollten uns in die Kathedrale, ein Muss in Burgos, ein Ort wo es nicht nur kühl war, sondern man sich auch prima verlaufen konnte. Hier ein Raum, dort ein Winkelchen. Schnell war die Orientierung verloren. Meine Augen suchten Kerzen, sie haben keine gefunden, nur diese blöden Elektrokästchen. Nö, die wollte ich nicht füttern. Ich schaute mir Orgeln ja gerne an, solange sie nicht gequält werden, die in der Kathedrale von Burgos hat nicht nur hoch gebaute Pfeifen, sondern wie Posaunen aussehende ”Querflöten“. Es fehlten nur die Engel dahinter und für mich waren sie auch zu hoch angebracht.

Nach dem Besuch der Kathedrale schnell noch ins Hotel, um unsere Einkäufe in unserem ”Salon“ abzulegen. Zweimal gingen wir über la Plaza Mayor, es strömten immer mehr junge Leute zusammen, sie demonstrierten gegen die Jugendarbeitslosigkeit und für gerechtere Bezahlung. Der Ausgang der Wahl in der Region Burgos hatte sie auf die Straße getrieben. Wir trafen die Aachenerinnen auf dem Platz, sie wirkten sehr abgehetzt und waren auf der Suche nach einem Laden, wo sie die benötigten Seiten aus dem Führer kopieren könnten. Wir schlenderten zur Kathedrale und suchten uns einen Platz auf der Mauer im durch Bäume gespendeten Schatten. Während wir auf die anderen warteten, sah ich in einiger Entfernung die Delfter Kachel hin und her huschen. Es war wohl der Tag des Suchens, die einen suchten einen Copy-Shop, die andere suchte die, die den Copy-Shop suchten.

Josef kam und setzte sich zu uns, wir suchten nicht, wir warteten. Dann kamen die beiden Aachenerinnen. Duschen hätten sie sich schenken können, sie landeten völlig genervt bei uns an. Kein einziger Laden würde Fotokopien anfertigen, nun müssten sie eben alles abschreiben, was sie noch als Hinweise für die Rückfahrt benötigten. Gesagt, getan. Sie schrieben das Wichtige aus dem Führer ab. In der Ferne tauchte die Holländerin auf, Marianne schon halb auf dem Weg zu ihr, um ihr den Outdoor zu bringen, bemerkte noch, sie werde die Kachelbluse fragen, ob sie mit zum Essen kommen möchte. Drei Köpfe schütteln sich energisch, man konnte es auch als – ach nö - ansehen, Marianne sah es leider nicht. Sie flitzte zur Holländerin und auch wieder zurück, nein, sie kommt nicht mit. Hörbares Ausatmen der Erleichterung von uns.

Wenn man sich in einer größeren Stadt aufhält, ist der Ort der Pilgerspeisung schwieriger. In den Dörfern kein Problem, eine Bar, ein Pilgermenu fertig, keine weitere Diskussion. Wir streiften hungrig durch die Gassen. Mit den Worten: „Ich frag mal“, entschwand Marianne wieder. Carola meinte, sie würde jetzt einen Apotheker fragen. Das wäre mein allerletzter Einfall, ausgerechnet einen Apotheker. Es dauerte und dauerte, sie kam nicht zurück. „Na, vielleicht hat sie sich ja wieder in den Apotheker verliebt, denn könnte es noch ein Weilchen dauern“, bemerkte Carola. Sie kam mit einem Zettel in der Hand zurück, nannte das Restaurant. Auf die Frage wo das Lokal den wäre konnte sie aber leider nicht antworten.

Wir schauten uns weiter um, meinten bei einer Bar, mit eingedeckter Terrasse im Schatten, das sieht doch gut aus und nahmen Platz. Einige Tische entfernt saß auch unser ”Erstpilgerpärchen“, hatte sie schon vermisst. Schnell hatten wir uns über das – wer und was – entschieden. Die Mädels warfen sich gegenseitig die Erzählbälle zu. Nachdem sie sich bei dem Trauerseminar kennengelernt hatten beschlossen sie gemeinsam über den Jakobsweg zu pilgern. Angefangen hatten sie 2006 und sind durch Frankreich gelaufen. Oft wäre ihnen stundenlang kein Mensch begegnet. Marianne meinte sie würde aber immer von ihrem Mann begleitet, öffnete ihre Tasche und zog ein im Silberrahmen gefasstes Kleinformatfoto heraus. Auf dem Bild lachte fröhlich ein bebarteter grauhaariger Mann. Er war Maler und musste seine Heimat Persien nach dem Umsturz verlassen. Sie hatten früher immer viele ausländische Künstler zu Gast in ihrer Wohnung. Sie warf noch einen zärtlichen Blick auf das Bild und steckte es wieder ein.

Josef erzählte dann seine Geschichte und war untröstlich. Ich möchte sein Erlebtes hier nicht erzählen. Ich glaube, er möchte es nicht. Für mich ist Josef von Beginn an ein ganz besonders liebenswerter Mensch, aus ihm strahlt so viel menschliche Wärme und ich möchte ihn nicht verletzen. Vielleicht waren auch die mitgeteilten Schicksalsschläge der anderen ein Wink an uns, mit dem eigenen kostbaren Leben sorgsamer umzugehen. Man sollte öfter innehalten und begreifen, was das wirkliche Glück ist.

Jeder an unserem Tisch schien sich einige Minuten seinen Gedanken zu überlassen. Der Wein und das Wasser wurden gebracht. Der Wein lockte uns aus der Reserve und lockerte die Zunge. Mit ihr fuhr Marianne dann auch wieder fleißig über die breiten Lippen.

Carola und Marianne pilgerten seit 2006 immer jeweils 14 Tage im Frühjahr und Herbst. Als sie durch Frankreich liefen, hörten sie neben dem Weg ein zartes Maunzen. Sie sahen im hohen Gras nach, was denn dieses Geräusch verursachte. Dort hätte ein nur ein paar Tage altes Kätzchen gesessen. Eine kleine weiße Miezekatze mit schwarzem Schwanz, die Ohren hatten auch schwarze Spitzen. Carola hätte dann aus ihrem umgebundenen Frotteehandtuch eine Tasche geformt und das Kätzchen so getragen. Im nächsten Ort wurde dann Aptamil (geht auch für menschliche Säuglinge)und eine Puppennuckelflasche mit Liebesperlen gekauft. Die Liebesperlen wurden mit der Babynahrung ausgetauscht und die Mieze gefüttert.

Die Beiden versuchten bei den am Weg liegenden Bauernhöfen das Kätzchen unterzubringen. Keiner wollte Mieze, sie gaben aber die Empfehlung es beim Tierheim zu versuchen. Ja – ja, das kannten sie, hatte die Miezekatze erst eine Pfote im Tierheim, dann war´s das auch mit der Katze, das wollten sie auf keinen Fall. Was nun, in Herbergen sind mitgebrachte Tiere nicht erlaubt. Sie kauften eine Bauchtasche, legten die Tasche mit ”Tinas-Ladys“ aus. Fütterten die Mieze, bevor sie zum Übernachten in die Albergue gingen und hofften, dass das Kätzchen die Nacht über hübsch ruhig ist.

Sie sind tagelang unentdeckt zu dritt durch Frankreich gewandert. Somit war das Kätzchen eigentlich die jüngste Pilgerin. Jetzt ist die Katze 1 ½ Jahre und lebt bei Carola. Sie kramte ihre Kamera hervor und zeigte uns Bilder von der Samtpfote, auch die Bilder von der Zeit, als sie noch in Frankreich ein Kätzchen war, konnten wir auf dem Display betrachten. Wir kamen auf leidende Tiere zu sprechen, aufgeregt fällt mir dazu der Hund bei der Schafherde vor der Matagrande Hochebene ein. Carola und Marianne sagten aber, sie wären zu dem Hund gegangen und er hätte schläfrig geblinzelt. Na ja, selbst der beste Hütehund kann wohl nicht bei jedem der zahlreichen Pilger anschlagen – oder er war vom Bellen müde, weil dauernd jemand vorbeilatschte. Da sie auch Hundebesitzer sind, will ich mal glauben, dass dem Hund nichts passiert war.

Josef erzählte, er hätte heute eine junge Frau wiedergetroffen. Sie war Deutsche, lebte schon seit Jahren in England und war mit Ihrem Sohn auf dem Camino. Sie lief nicht, sondern sie rannte eher. Ich beschreibe die Frau und ihren ca. 10 Jahre alten Sohn. Genau, die meinte er, sagte Josef. Genau, es war die junge Frau, die so ”nett“ unseren Frühstückstisch in Puente la Reina umdekoriert hatte. Auch an uns war die Frau, ihren Sohn hinter sich her zerrend, in einem Affenzahn vorbeigehastet. Josef berichtete, die junge Frau erzählte ihm, dass sie nur wenige Tage Zeit hätte, aber nun mit Schmerzen zum Arzt gegangen sei. Der stellte fest, dass eine Ader in ihrer Kniekehle gerissen ist und hat sie zu drei Tagen Pausen verdonnert. Tja, der Camino ist eben doch keine Rennpiste. Pah, nun war sie auch nicht schneller als wir.

Die Mädels meinten, dass sie im Juni noch nach Hamburg reisen wollten. Natürlich gaben Wolfgang und ich noch Tipps mit auf den Weg. Nachdem uns viel einfiel, notierte ich auf einem Minizettel die wichtigsten Punkte, Fähre 62, aussteigen Dockland, rechts um die Ecke lecker Fisch essen – bloß nicht linksseitig, dort ist das teure Fischereihafen-Restaurant – wieder auf die Fähre 62, Oevelgönne - Finkenwerder.

Gut, dass es zum Essen Wein und Wasser gab, so konnten wir unsere Gaumen mit dem Wein betäuben. Gemeinsam stellten wir fest, dass wir lange nicht so schlecht gegessen hatten. Wir gaben Carola noch eine Jakobsmuschel, die wir besorgt hatten. Sie sollte im Herbst nicht ohne geschenkter Muschel ihren Weg fortsetzen. Es wurde bereits dunkel und wir beschlossen aufzubrechen. Nach herzlichen Umarmungen trennten sich unsere Wege.

Wir gingen wieder über den Plaza Mayor, dort war die Zahl der Demonstranten erheblich angewachsen, sie riefen ihren Unmut, durch Sprechchöre unterstützt, über den Platz. Vier Polizisten, ich wiederhole, vier Polizisten standen gelangweilt daneben. Nicht wie bei uns, wo 200 Demonstranten gegenüber von 200 Polizisten stehen und jeder nur auf den Knüppel oder den geworfenen Stein wartet. Die Polizisten trugen auch nur ganz normale Uniformhemden und –hosen. Könnte es sein, dass es hier noch so etwas wie gegenseitigen Respekt gibt?

Am Hotel angelangt, taperten wir die Treppen in den 3. Stock hinauf. Wir gingen auch am Restaurant im 1. Stock vorbei, hier fand eine Feier statt. Der Lärmpegel der beteiligten Kinder schlug uns entgegen. Dachte noch, gut, dass unser Zimmer weiter oben ist. Sah mir gerade die Internetseiten des Hotels an: An Ihren angenehmen und gemütlichen Aufenthalt denkend, renovieren wir ständig die Atmosphäre der verschiedenen Räume. Vielleicht sollten sie nicht die Atmosphäre, sondern die Zimmer renovieren. Das Hotel wurde 1937 eröffnet. Alles klar! Weiter im Internet über den Saal: (Originaltext)Am Anfang, der Saal bot den Touristen und Gästen sehr schöne und lange Abendveranstaltungen als das Fernsehen noch nicht existierte. Heutzutage gibt es nicht mehr, aber der Saal bleibt ein ruhiges Zimmer für nette Unterhaltungen sowie eine leutselige Ecke, um ruhig zu bleiben.

Es war für uns schon ungewöhliche 22.30 Uhr, als wir endlich im Bett lagen. Die Entfernung vom 1. zum 3. Stock ist nicht wirklich weit. Der Schall wabberte durch unsere persönliche ”Atmosphäre“, sooft ich versuchte meine Augenlider in Schlafposition zu bringen, riss der Lärm sie wieder in die Höhe, die blöden Ohren schalteten auch nicht ab. Mensch, es war Montag, gibt es hier keine Schule? Müssen die Kinder nicht langsam mal ins Bett? Doch - oh yeah – oder nein, sie gingen nicht ins Bett – sie trampelten krakeelend in den 3. Stock – hallo, da waren wir doch schon – rannten über den Flur, rissen Türen auf, knallten sie wieder zu, trampelten kreischend zurück, gackerten und das Spiel fing von vorne an. Vor Ärger flatterten nun meine Augenlider, ja hätte ich das von dem Saal vorher gelesen, vielleicht hätte ich ja auch die Ecke um ruhig zu bleiben gefunden. Später klappten irgendwann meine erschöpften Augenlider zu.

Burgos - Hornillos del Camino

Mit ”eingepacktem“ Rucksack stiefelten wir vor 7.00 Uhr, man könnte sagen noch leicht müde, die Treppen hinunter. Der Fahrstuhl war sogar einem alten Ehepaar wie uns zu eng. An der Rezeption legte ich die abgesprochenen 50,00 € auf den Tresen und wir wendeten uns Richtung Tür. Da meinte der Schnösel doch, er bekäme 54,00 €. Nun war der Bock aber so was von Fett, ohne Frühstück sich mit mir anlegen, ganz - ganz schlechtes Timing. Hatte das Gefühl, als wenn mein Kopf vor Wut abfliegt.

Kramte meinen Zettel, den wir bei der Anmeldung erhielten, heraus. Da stand definitiv 50,00 € drauf. Der Portier zeigte mit seinem manikürten Fingerchen auf das ganz klein gedruckte + I.V.A. daneben und grinste. Ich zückte die restlichen 4,00 € und wir zogen stinkig ab. Wenn man sonst in einem Hotel oder Hostal eincheckte, gab man seine Pilgerpässe hin, legte einen Ausweis dazu und zahlte sofort. Am Vortag wollten sie noch kein Geld haben, nannten nur den Nettopreis und legten dann am Abreisetag die Mehrwertsteuer oben drauf. Es ging nicht um die 4,00 € Épw, sondern um die Art und Weise.

So, bevor ich durch diese Stadt lief, brauchte ich unbedingt etwas zwischen meine Zähne und noch dringender Café con leche. Zum Glück hatte eine mickrige Bar schon auf, meine Erstanforderungen an den Tag konnten gestillt werden. Um einen der gelben Hinweise, die Muschel, die Sonne oder einen Pfeil zu finden, musste man immer nur Richtung Kirche bzw. Kathedrale laufen. Wir fanden den in den großen Städten spärlich gekennzeichneten Camino. Nun konnten wir mit unserer Etappe von Burgos nach Hornillos del Camino 21,4 km starten.

Ich erschrak, was stöckelte denn da vor uns her? Och nö, die Hightech Holländer. Zischelte zu Wolfgang: „Langsamer gehen.“ Obwohl, so langsam konnte man gar nicht gehen. Wir besuchten noch eine Bar, um uns für den Weg ein Bocadillo zu besorgen. Die ”Sicht“ war wieder frei und wir konnten uns auf den Weg machen. Vor uns liefen zwei junge Spanier, die wir von unserer ”Lieblingsalbergue“ kannten. Der eine junge Mann bewegte sich ”unrund“ schwer auf seinen Pilgerstab gestützt vorwärts. Wir zogen mit einem ¡Buen camino! an ihnen vorbei und überquerten eine Straße, immer schön nach links über den Zebrastreifen – nach rechts über den beampelten Zebrastreifen und das Gleiche noch einmal. Geradeaus wäre ja auch zu einfach gewesen.

Endlich hatten wir die Stadt verlassen. Wir liefen über einen mit Bäumen und Büschen gesäumten Weg. Vor mir blinkerte etwas Weißes auf, es war das T-Shirt des Holländers, der am Weg stand. Wir grüßten ihn im Vorbeigehen, da sah ich Frau Holland neben einem Busch in gehockter Stellung sitzen. Holland in Not.

Im flotten Paarlauf ging es über Autobahnen und an den Autobahnen entlang. Danach freuten wir uns über Wege, die teilweise im Schatten lagen und einige Zeit an einem Fluss, später an Feldern entlang führten, für Flachländler angenehm zu laufen. Wir erreichten den Ort Tardajos, Pause war fällig. Die für Pilger angesagte Bar wurde angesteuert. Die dazugehörige mit riesigem Pavillon überdachte gekieselte Fläche war durch die Straße von der Bar getrennt. Dankbar nahmen wir im Schatten Platz.

An einem anderen Tisch saßen unsere immer freundlichen französischen Pilger vom Burgos-Bus. Wir begrüßten uns gegenseitig mit einem Zulächeln. Wir verstanden uns auch ohne Worte. Und dann kamen sie, Deutsche oder zu viele Deutsche in einer Gruppe von ca. 10 Personen. Eine kreischte: „Marianne setz dich schon mal hier hin.“

Marianne schnaufte, war auch schon älter, tat, was ihr befohlen wurde.

Rücksichtslos, konnte noch rechtzeitig einen Stuhl für meinen Mann festhalten, wurden Stühle von den umstehenden Sitzgruppen über die Kiesel geschleift. Endlich unter krrrrrr - krrrrrr – krrrrrr hatten sie genug zusammen und sie setzten sich hin. Unsere französische Busmitpilgerin aus Burgos sah irritiert auf diese Gruppe und lief mit den mit Spiegeleiern und Schinken gefüllten Tellern an ihnen vorbei zu ihrem Tisch. Unser Augenkontakt signalisierte, dass wir uns schon wieder wortlos verstanden.

Es gab viele neue Pilger auf dem Weg und auch diese Gruppe muss in Burgos gestartet sein. Alle Gruppenmitglieder trugen orangene Tücher am Hals, an der Hose, um den Arm gebunden oder am Rucksack befestigt. Sie entwickelten sich von orange zu ”roten Tüchern“. Eine aus der Meute blies einen gelben Luftballon auf und befestigte ihn an einem Pfeiler des Pavillons. Mariannes Platzanweiserin meinte, genau so müsste es sein, jeder sollte wissen, dass sie hier gewesen waren. Da hing er nun dieser lächerliche Ballon.

Ich tippte insgeheim auf Sportverein bzw. – wir treffen uns einmal im Monat zum Wandern – Vereinigung. Der Letzte ihrer Sorte kam angeschnauft, er lief in Turnschuhen und trug das schwerste Gepäck in Form von Körperspeck mit sich. Da die anderen Mitglieder ihn mit so einem süffisanten Grinsen begrüßten tat er mir leid. Also Sportverein stimmte schon mal nicht und für eine Wandervereinigung hätte er besser ausgerüstet sein müssen, der arme Kerl. Was ich aber auch immer zu wissen glaube.

Der exzellente Sitz der Frisuren von den Frauen bekräftigte mich bei meiner Meinung, dass sie in Burgos gestartet waren und ihr Schminktäschchen hatten sie auch nicht vergessen. Ein pummeliges Blondchen mit halblangem Pagenschnitt zog sich erst ihre knallroten Lippen nach und dann die Stiefel aus. Zum Wechseln der Strümpfe legte sie die getragenen Strümpfe auf den Tisch und zog sich ein neues Paar Socken an. Tja, pilgern hat schon was mit Einfachheit zu tun.

Wir hatten uns gestärkt und machten uns wieder auf den Weg. Wenn ich meinen Rucksack geschultert hatte, fuhr oft meine linke Hand Richtung des über dem Gurt befindlichen ”Rettungsrings“, mit den Spitzen von Zeigefinger und Daumen prüfte ich die Breite. Hm, sehr zufriedenstellend. Seh ich mir die Bilder jetzt an, frage ich mich, was ich denn da nun wieder gefühlt hatte.

Nachdem wir durch Rabé de las Cazadas gelaufen waren, begann die Meseta. Der Camino führt wieder durch eine baum- und strauchlose Landschaft an Wiesen und Felder entlang. Die einzige Möglichkeit im Schatten einen Schluck erfrischendes Wasser zu trinken, war, nach rechts zum Brunnen Parotorre abzubiegen, an dem nicht nur Bäume, sondern auch Holzbänke und -tische stehen und es einen Grill gibt. Wir hatten aber leider kein Grillfleisch mit. Holland kam, wir gingen lieber weiter.

Es war warm und wir stiefelten bergauf. Neben mir tauchte unser Erstpilger alleine auf, erschrocken fragte ich ihn: „Oh, wo ist Madame?“ Er schmunzelte mich an und wies mit der Hand hinter sich. Da kam Madame, ich klopfte mit meiner Hand auf mein Herz und atmete dazu erleichtert aus. Sie lachte mich an und ich freute mich, alles war gut.

Die Wetterverhältnisse waren grandios – äh – für einen Strandurlaub. Zwischendurch schnell ins Wasser springen, wenn einem zu warm ist und zurück unter den Sonnenschirm lesen oder einfach nichts tun. Tz – tz – tz, Wasser gab es nur ohne Meersalz aus der Flasche, der Sonnenschutz war ein Hut, wobei der Rest des Körpers in der sengenden Sonne brutzelte. Oben auf der Hochebene angekommen konnten wir schon mal einen Blick auf den im Tal liegenden Ort Hornillos del Camino werfen.

Die letzten Kilometer bergab zogen sich. Meine Füße meinten auch, dass es für diesen Tag genug ist. Ich müsste vielleicht meine Füße überprüfen, ob eine Tageslaufleistung eingestanzt ist. Da es für Füße auch keine Bedienungsanleitung in Papierform gibt und ich leider keinen Internetzugang mit hatte, konnte ich derartiges leider nicht nachsehen. Wir schotterten bis zum Ortseingang. Dort gab es einen Dorfladen und gegenüber ein Hostal. Leider hatte dieses Hostal einen Zettel ”komplete“ an den Butzenscheiben hängen. Die dunklen Scheiben ließen einen noch nicht mal einen Blick hinein werfen.

Mein Mann holte uns Getränkedosen. Ich hatte nicht nur keine Lust auf Wasser, sondern auf nix mehr – fertig – einfach völlig fertig. Setzte mich auf die kleine im Schatten stehende Bank vor den Laden. Um meinen gesamten Körper vor der Sonne zu schützen, hätte ich mich tief in die Sitzfläche gedrückt hinlegen müssen. Ich maulte, mach ich immer wenn ich kaputt bin. Wolfgang sollte alleine im Ort nach einer Übernachtungsmöglichkeit suchen. Mein Körper, besonders meine Füße streikten und ich unterstützte sie. Einigkeit soll ja starkmachen – hm – hier doch eher schwach.

Meine Chevaliers huschten an mir vorbei, öffneten die Tür des Hostals und verschwanden darin. So eine Oberfrechheit, sie hatten wohl reserviert. Meine Laune sank noch ein Stück tiefer. Da saß ich nun im kaum noch vorhandenen Schatten und suchte krampfhaft nach jemanden, den ich ordentlich ärgern konnte. Leider kam weder Wolfgang zurück, noch sonst ein Pilger vorbei. Er hatte seinen Rucksack bei mir gelassen, somit nahm ich nicht an, dass er sich von mir, seinem knurrigen Eheweib abgesetzt hatte.

Endlich erschien er zurück, er hätte weiter im Ort eine Herberge gefunden und dort mit einer Englisch sprechenden Mitarbeiterin gesprochen. Es gäbe 6 km weiter ein Hotel und wir würden vor der Albergue abgeholt werden. Mensch, hätte uns auch vor dem Laden abholen können. Der Rucksack wurde wieder geschultert und ab zur Albergue. Wir trafen dort auch Josef an, er hatte in der Herberge schon seine Sachen untergebracht. Begeistert war er von der Herberge nicht. Und auch diese Albergue war schon belegt. Die orangenen Tücher flatterten an uns vorbei, die Platzanweiserin rief noch ein: „Vielen Dank für den Tipp”, er sei ihr Retter gewesen zu Josef. In meinem Kopf spuckte es: Josef wie kannst du nur. Wie kamen die überhaupt hierher, überholt hatten sie uns nicht. Sie wurden zu einem Matratzenmeer in einer Sporthalle geführt. Wenn sie einen Spiegel dort fanden, konnten sie ihn ja fragen: Spieglein, Spieglein an der Wand wer sind die am dollsten geschminkten Pilgerinnen auf dem Camino in diesem Land?

Wer weiß, vielleicht hätte er geantwortet: Ihr seht ja toll aus, so schön zurechtgemacht. Bei mir käme bestimmt: Nimm mal schön dein Wellblechpalastgesicht weg. Und die Haare sind auch nicht geföhnt. Kann ich noch einmal bitte die mit den orangenen Tüchern sehen? Hallo, ich bin auf dem Pilgerweg und Marathonläufer sehen im Ziel auch nicht gut aus. Wenn der Spiegel dann bemerken würde, ich wäre ja auch noch nicht am Ziel, müsste ich ihm leider recht geben. Zum Glück halten alle Spiegel den Mund.

Wir saßen auf dem ungastlichen Platz vor der Albergue, ein Tisch, zwei Stühle, ein kleiner Sonnenschirm und an der Wand hing ein roter Bushaltestellen-Mülleimer. Ich fragte mich, wo sich die ganzen Pilger (32) aufhalten sollten. Als ein Auto angefahren kam, sprang ich auf, nur um mich wieder hinzusetzen. Es fuhr vorbei, denn eben nicht. Beim nächsten Auto blieb ich sitzen, es war aber für uns angefahren gekommen.

Schnell die Rucksäcke, Stick´s und wir hinein, ab ging die Fahrt. Aus dem Seitenfenster hinausschauend sah man das Schild des nächsten Ortes. Ich glaubte es nicht, da stand doch tatsächlich – Isar-. Somit landeten wir in Bayern, vor dem Hotel Rural. Ich zückte mein Geldtäschchen, um das Taxi zu bezahlen. Der Fahrer sah mich verwirrt an. Wolfgang meinte: „Das ist doch der Besitzer vom Hotel, der möchte kein Geld für die Fahrt.” Auch gut.

Die Bar ist auch die Rezeption, klein aber gemütlich, hier hielten sich auch einige Spanier an Biergläsern fest. Oder sie kamen um sich die barbusige, schielende Figur anzusehen, die auf dem Tresen stand. Wir wurden gefragt, ob wir etwas trinken möchten. Ach, endlich einen Café con leche, Wuschi nimmt lieber ein Bier. Smoky ging natürlich mit dem Café vor die Tür und suchte dort an der linken Hausseite Schatten. Das Angebot für Schattenplätze war aber den Tag so was von gering. Es fehlten hier Sonnenschirm und Stühle. Nach dem Getränkegenuss führte uns der Besitzer nach oben zu unserem Zimmer. Obwohl das hätten wir auch selber gefunden, es gab nur fünf Zimmer. Die Zimmer hatten keine Nummern, sondern Namen, die Namen habe ich aber vergessen. Ich kann mir ja nur Zahlen merken.

Wir schlossen auf und fielen fast vor Staunen in Ohnmacht. Wir Luxuspilger, wir Glückspilze. Uns empfing ein in warmen Farben gehaltenes großes Zimmer, das Bett lud zum Sofortschlaf ein. Wir widerstanden. Das Zimmer musste ja noch mit dem Rucksackinhalt umdekoriert werden. Ich betrat das Baño, oh my good, eine Badewanne, wer jetzt noch am Luxus zweifelte. Ich ging plätschern, nach der Reinigung von Körper und Wanderkleidung hatte meine Erschöpfung die Müdigkeit an die Hand genommen und war verschwunden. Wir gingen sauber und bestens gelaunt hinunter. Auf unsere Frage, wo wir unsere Sachen trocknen könnten, meinte der Hotelier: im Garten auf dem Trockenständer. Den Ständer hatte ich oben im Flur gesehen. Aber welchen Garten meinte er? Gingen diesmal rechtsseitig um das kleine Hotel. Da gab es eine kleine von einer Hecke umrahmte Grasfläche, ohne Sonnenschirm zwar, aber mit Tisch und 2 Stühlen. Wie wohl die Notunterkunft mit Matrazenmeer aussah? Tz,tz.

Hatte ich mir auf dem Camino kühleres Wetter gewünscht? Dieser Wunsch wird verspätet erfüllt. Es ist Juli, theoretisch Sommer, kalendermäßig, aktuelle Temperatur 12ºC. Es schifft, mit kurzen Unterbrechungen, seit drei Tagen. Ein sogenannter Deutscher “Supersommer“. Schlafanzugsonntag. Da Philips sich, seit einer Woche, mit dem von Allitsches (Alice) HD-Rekorder angerichteten Schaden beschäftigt, können wir Fernsehtage schlicht vergessen. Allitsche, meine neue “Freundin“, das Blondchen, das immer so schön mit ihrem braunen Kleid um die schlanken Beine wedelt. Wie konnte ich als Frau nur darauf hereinfallen. War es Neid auf diese Figur, dachte ich, da färbt vielleicht etwas ab. Einen vernünftigen Grund kann ich einfach nicht mehr erkennen. Zurück auf den richtigen Weg.

Wir setzten uns in den Garten und bewachten, abwechselnd mit Cafe, Cerveza oder Clara (Alsterwasser) bewaffnet, unsere auf dem Trockenständer hängende Wäsche. Beschrieben den ersten Schwung Postkarten. 28º C warm war es bestimmt. Wir rückten die Stühle so dicht an die Hecke, dass wir ein Stückchen im Schatten relaxen konnten. In dem Hotel waren auch ein Franzose und eine Deutsche untergekommen. Die Kommunikation mit dem Franzosen beschränkte sich aufs freundliche Zunicken. Die Deutsche kam in “unseren“ Garten. Sie war klein, fast dürr und trug ihr graues Haar pusteblumenmäßig. Ich tippte auf Lehrerin, weil sie ein so strenges, keinen Widerspruch duldendes Gesicht hatte. Sie beklagte sich darüber, dass die Herberge belegt war und sie nun hier in diesem Hotel übernachten musste. Warf noch einen begehrlichen Blick auf unsere Heckenplätze und unter der Bemerkung, hier wäre ja auch kein Schatten, zitterte sie wieder ab.

Getränke machten nicht satt, der große Hunger rüttelte an unseren Magenwänden. Ich ging ins Hotel und fragte, wann wir comidos (essen) könnten. Der Besitzer sah zur Uhr und meinte, in einer ½ Stunde, um 17.15 Uhr, könnten wir essen. Was für ein Luxus, nicht bis zum Abend warten zu müssen. Das wurde hier ja immer schöner. Nachdem wir unsere trockene Wäsche in unser Zimmer gebracht und so noch rumgetrödelt hatten, war es Zeit zum Speisen.

Neben der Bar gab es den Speiseraum. Der Hotelier, außer kochen machte er alles, führte uns zu einem, in der hintersten Ecke stehenden, eingedeckten Tisch. Fast wie in einem Separee. Wein und Brot standen schon bereit. Es wurden uns als Vorspeise gebratenes Gemüse, als Hauptgang Schweinefilet mit Salat und leckerer Soße und zum Dessert Eis gebracht. Dazu genossen wir den vorzüglichen Rotwein. Das Schlaraffenland hatte seine Pforte nun aber ganz weit aufgerissen.

Wir beschlossen noch eine Runde durchs Dorf zu drehen. Die Pusteblume kommt uns mit einer Tüte in der Hand entgegen. Meinte, falls wir noch einkaufen wollten, könnte sie uns sagen, wo sich das Geschäft befindet. Nö, wollten wir nicht. Unser Energiedepot (Bananen) war noch gefüllt und Wasser holten wir uns im Hotel. Wir liefen zur nahegelegenen Kirche hinauf. Das ganze Gelände um sie sah ungepflegt aus. Neben der Kirchenuhr tummelten sich Wespen oder Bienen um eine Lücke in der Kirchenmauer. Außer den Insekten ging wohl keiner in diese Kirche. Von dem höhergelegenen Platz vor der Kirche konnten wir weit ins Land sehen. Das Land, das wir schon “abgelaufen“ waren. Zufrieden mit uns und der Welt gingen wir zum Hotel.

Als wir durch das mittelalterlich anmutende Dorf zurückgingen, stellten wir fest, dass der Ort wie ausgestorben war. Kein Mensch begegnete uns. Man hörte auch kein Kinderlachen, keine meckernden Mütter, keinen Rasenmäher, keinen Handwerker bohren und hämmern, sah keine Katze, es bellte kein Hund. Nix. Da musste der Hotelbetreiber sich ja über unsere Anwesenheit freuen.

Als wir im Hotel ankamen, handelten die beiden anderen Gäste, die Deutsche in perfektem Französisch und spanisch, gerade die Uhrzeit für Frühstück und Abfahrt aus. Wir fanden eine Frühstückszeit um 7.15 Uhr in Ordnung, den anderen Pilgern ist das zu spät. Damit der Hotelier nicht überstrapaziert wurde, schlossen wir uns den Beiden an. Nun sollte es um 6.15 Frühstück geben und die Abfahrt um 6.45 Uhr erfolgen. Ich war fasziniert von den Sprachkenntnissen der Frau und fragte sie, ob sie Lehrerin war. Nein, sie wäre Übersetzerin gewesen, ihr Hörvermögen ließ nach und sie musste den Beruf aufgeben. Gut, dass ich in ihrer Anwesenheit kein spanisch gesprochen hatte. Mit ¡Buenas noches! gingen wir hinauf in unser “Gemach“.

Wolfgang schrieb noch in sein Notizbuch und ich stellte noch die Weckzeit im Handy ein. Ich schrieb nicht ein Wort, dafür hatte ich aber auch zwei Moleskine Notizbücher mit, man weiß ja nie. An der frischen Bettwäsche schnüffelnd schwebte die Prinzessin, auf der Erbse ohne Erbse, beim zweiten sanften Klang der Kirchenglocken vom Schlemmerland ins Schlummerland. Auch der Schnarchbär konnte sie nicht aufhalten.

Hornillos del Camino - Castrojeriz

Das Handy brummte zur richtigen Zeit. Es erfolgte das “bärige“ Packritual, den blasenfreien Füßen wurde mit Hirschtalg gehuldigt. Die Magnesiumdrops wurden eingeworfen, nun kam noch das Abwürgen des Ossobuco mit dem Gummistrumpf dazu. Wir waren bereit zum Frühstück. Na wo waren denn unsere Frühstartpilger? Im Restaurant zum Frühstück waren sie jedenfalls nicht. Wir bekamen zum Abschied auch noch ein reichhaltiges Frühstück serviert. Verspätet trotteten die Beiden an, prima so konnten wir in Ruhe ohne Eile ausgiebig essen.

Im Dunkeln wurden unsere Habseligkeiten und wir vier Pilger in das Auto unseres Gastgebers geladen und ab ging es zurück nach Hornillos del Camino. Wir wurden an der Albergue ausgeladen und mit einem ¡Buen camino! verabschiedet. Nicht nur der Bushaltestellenpapierkorb quoll über, nein, der ganze Platz vor der Herberge sah versifft aus. Die Prinzessin vermisste die Erbse nicht.

Endlich konnten wir unsere Kuschelfleecejacken wieder tragen, unsere Rucksäcke schultern und ab ging die Post von Hornillos del Camino nach Castrojeriz 20,8 km. Die Spitzen der ersten Sonnenstrahlen lugten hinter den Hügeln hervor. Da wir in die westliche Richtung gingen, sahen unsere Schatten wie Stelzenfiguren aus. Wir fielen in unseren üblichen Paarlauf und genossen die Kühle des frühen Morgens. Es waren schon viele Pilger unterwegs, leider auch welche mit orangenen Tüchern. Munter brabbelnd liefen sie hinter uns. Vor der Abzweigung zur Quelle San Bol dachte ich, abbiegen, los biegen, Mensch, biegt doch endlich ab. Was für eine Kraft doch Gedanken haben konnten, die Truppe bog zur Quelle ab.

27.07.2011 Allitsche meine Neuspanierin, zu dumm, um E-Mails zu lesen, zu reagieren, einen Retourantrag an uns zu senden. Ich fürchte, ich muss mich noch intensiver mit ihr auseinandersetzen. Ich werde jetzt ein Unternehmen gründen, mache ganz viel Werbung, setze unerfahrene Mitarbeiter an einen E-Mail Server. Im Programm gibt es vorgefertigte Antworten und wenn keine passt, reagiert man eben nicht. Ob sich der Kunde ärgert, interessiert mich nicht. Dann rufen sie eben weiter an oder mailen. Ich kaufe dann weitere Unternehmen dazu, sodass ich noch mehr Menschen mit Unfähigkeit beglücken kann. Später wenn ich noch ärgerlicher bin, ruf ich bei Alice an. Zurück zum Camino.

Vor uns auf der Schotterpiste hatte sich ein Schwarm kleiner strahlend blauer Schmetterlinge niedergelassen. Sie flogen auf und davon, als wir vorbeirauschten. Fangen mochte ich sie bestimmt nicht, denn sie waren von einem Kothaufen gestartet. So wunderschön anzusehen, aber leider eine verschissene Ernährungskette. Wir überholten, nur um es nachhaltiger anzumerken, wir überholten zwei junge Koreanerinnen, sie waren sehr schlank und gingen schwerfällig. Als wir mit ¡Buen camino! an ihnen vorbeizogen, strahlten uns zwei Augenpaare bei der Antwort an. Die eine Koreanerin trug eine graue Jogginghose und rosa Leinenturnschuhe von Puma. Sie musste sehr stark abgenommen haben. Das Stück der Hose, das sonst ihren Po zieren sollte, schlabberte um die Oberschenkel, die aber auch nicht ausgeprägt waren. Sie schlich gepäcklos voran, ihre Freundin trug zwei Rucksäcke, einen auf dem Rücken und den anderen vor den Bauch geschnallt. Das nenn ich Freundschaft. Ich war ja nur verheiratet, da trägt man seinen Rucksack selber. Die Koreaner waren in den Herbergen nicht so beliebt. Ihre Kochkünste erzeugten intensivste fremdländische Gerüche, die auch die Nacht in der Albergue verbrachten. Und die anderen Pilger rümpften ihre Nasen, obwohl Frikadellen Gerüche mag auch nicht jeder.

Der Ire, den wir in Puente la Reina kennengelernt hatten, wurde ab Burgos von seiner Frau begleitet. Eine fröhliche, hellhäutige Rothaarige, sie hatte auch allen Grund, heiter über den Camino zu laufen. Von Lasten befreit tippelte sie neben ihm her, sie trug keinen Stab keine Stick´s und ihr Handtäschchen war auch daheim geblieben. Er ertrug alles, hüpfelte aber nicht mehr so mit seinem Pilgerstab die Anstiege hinauf. Ihn plagte die Ehelast. Gepäckmäßig freute er sich bestimmt auf León, dann würde seine Frau wieder abreisen.

Die ersten Kilometer wurden immer locker abgestiefelt, so konnten meine Augen rumtrödeln und die Gedanken abschweifen. Auch auf Pilgerreise gehen. Hier faszinierte mich eine Frau besonders. Sie trug einen hellen Hut und dazu einen türkisen Anzug aus weichem Stoff. Meine Augen folgten ihren Körperbewegungen. Ihr Kopf und die Beine hatten einen anderen Rhythmus als der üppige Körper. Pendelte der Körper nach links bewegte sich der Kopf mit den Beinen nach rechts. Mir tat mein Hals nur vom Hinsehen weh. Aber auch sie lachte zufrieden, als wir grüßend an ihr vorbeiliefen. Vor uns pilgerte ein Paar, das überwiegend getrennt lief. Sie wanderte ein Stück voraus, setzte sich und machte eine Pause. Er schien bei jedem Schritt nachzudenken, ob und wie er ihn setzten sollte. Er lief ruhig, gelassen im immer gleichen Tempo. So schritt er an seiner Frau vorbei und beachtete sie nicht, er ging einfach weiter. Ob er ihr Gepäck nicht tragen wollte?

29.07.2011 Neues von Allitsche, nach einem Telefonat, in dem ich Home TV, also die Fernseh-Flatrate gekündigt hatte, erhielt ich eine E-Mail mit Anhang (vom 28.07.2011). Wunschgemäß werden wir den Zugang zu den privaten Free-TV Kanälen für ihre Fernseh-Flatrate am 27.07.2011 wieder deaktivieren.

Die Fernseh-Flatrate können Sie über den Receiver auch weiterhin nutzen. Kann ich nihicht!!! Der Receiver ist doch kapuhutt. Und zusätzliche Sender hatte ich auch nicht bestellt!! Dafür habe ich immer noch keinen Rücksendeschein für den defekten Receiver. Die Werbeaussage von Alice im Internet: Alle reden von Service. Wir handeln. Versprochen. Überzeugen Sie sich! Lach - ist vielleicht auch dort ein Fehler unterlaufen, müsste es nicht heißen: Wir handeln nicht. Zurück nach Spanien.

Nach 11 km pausierten wir in dem in einer Senke liegenden Ort Hontanas. Schon lange zierten unsere Jacken die Rucksäcke. Kein Wölkchen ließ sich blicken und die Sonne hatte wieder sämtliche Heizstäbe angeschaltet. Die üblichen Rastrituale, Café con leche, Bocadillo, wurden im Schatten einer Bar vollzogen. Wuschi trank durch den schlechten holländischen Einfluss immer noch Coca-Cola. Leider dauerte der Aufenthalt der orangenen Tücher in San Bol nicht lange, auch sie besuchten dieses Café. So sehr sie sich auch bemühten, hier war nichts mit Stühle rücken. Wir liefen lieber gestärkt weiter.

Am Ende des Ortes Hontanas stand ein Reisebus. Er war in eine fischig stinkende Urinadewolke eingehüllt. Damit die Fahrgäste während der Weiterfahrt für die Benutzung des WC abgestraft wurden, standen die Türen weit auf. Auch der restliche Businhalt war hier ausgekippt worden. Vor uns gingen zwei Frauen und einige Meter voraus zwei Männer. Die blonde Frau trug heute blassblau mit Glitzerglitzersteinchen und leichtes Schuhwerk an den Füßen. Die Dunkelhaarige trug nicht nur ein orangenes T-Shirt, sondern auch ihr Handy am Ohr. Aha, Österreicher oder wohl eher Wiener. Es wurde ins Handy gebrüllt, fast so als würde sie mit der S-Bahn durch Hamburg fahren. Bittgoarschee, Schorschi, mei der Max, mei woan der Max vor Tür ansitzt, ja eh, Schorschi. Schorschi mir laufe oan Stückl auf dem Jakobsweg. Bla-bla-bla, wir ziehen vorbei und hatten schnell die beiden Männer erreicht.

Der mit einem orangenen Achselshirt Bekleidete, aus dem spargelige Arme heraushingen, trug eine weiße schlabberige Badeshorts und eine silbern glänzende Badetasche über der Schulter. Seine Säbelbeine steckten in weißen Billigkunststoffschuhen und rundeten das Bild ab. Sein Begleiter trug auch ein orangenes T-Shirt, war aber sonst nicht augenauffällig. Wir Paarläufer gingen an ihnen vorbei. Die Wiener hängten sich an unser Tempo und quatschten. So als wenn wir sie an der Leine führten, folgten sie uns in einem sieben Meter Abstand. Der Weg verlief eben, man könnte zur Ruhe kommen und die Gegend genießen. Wenn, wenn man nicht von zwei Labertaschen verfolgt würde. Wiener Schmäh? Ich mag diesen Dialekt nicht. Prinzessin trat auf Erbse, oder auf zwei Erbsen, orangene Erbsen. Nach einer halben Stunde fühlte ich, wie mein ganzer Körper sich in eine Pershing Rakete verwandelte. Ich pustete an der glimmenden Zündschnur. Zwecklos, ich wurde gezündet und ging ab. Ich drehte mich wutentbrannt um und grölte: „Einfach mal die Fresse halten. Man, wir sind hier auf dem Jakobsweg, da kann man auch mal ruhig sein und sich auf die Natur einlassen.” Badetasche meinte nur: „Geht doch schneller.”

Die Wiener Würstchen lassen sich ein Stück zurückfallen und wisperten nur noch. Schon während der Explosion tat mir mein Ausbruch leid, da war es aber schon zu spät. Später im Bus werden die Beiden erzählt haben, dass pilgern wohl doch nichts mit Gelassenheit und Friedlichkeit zu tun hat. Pah!

Wir stiefelten an einer ca. 30-jährigen Frau vorbei, sie lief schwer atmend nach vorne gebeugt. Ich fragte, ob sie Hilfe brauche. Mit leidendem Blick antwortete sie, nein, alles wäre in Ordnung. Jeder presste hier auf dem Camino seine allerletzten Reserven aus dem Körper, sogenannte Grenzerfahrungen. Die Erbsenprinzessin hatte es nur mit den Ohren, die hörten zu gut. Ein Vogel saß auf dem Weg. Seine gelben Bauchfedern und seine grünen Flügel waren gesprenkelt. Einer erzählte später es wäre ein Bienenfresser gewesen, das stimmte aber nicht. Im Internet versuchte ich den Vogel zu finden. Es könnte eventuelle ein Girlitz gewesen sein. So plötzlich, wie er dort saß, war er auch schon wieder entflogen. Schade, dass Wolfgang den Fotoapparat nicht zur Hand hatte, er hatte den Vogel noch nicht mal gesehen. Oder hatte nur ich einen Vogel?

Auf dem Camino hatte ich schon meine Irritationen. Während ich lief, hörte ich aus dem Randstreifen des Feldes, ein glucksendes Piepen. Es blieb in der gleichen Lautstärke und begleitete mich. Blieb ich stehen, hörte es auf, ging ich weiter, begann auch wieder die Feldrandmelodie. Nein – nein, es waren nicht die Würstchen, das war während einer anderen Etappe. Ich weiß aber nicht mehr, wo das war.

Auf der rechten Seite des Weges war das Korn schon sehr hoch gewachsen. Ein leichter Wind bewegte das Getreide. Wie von einer Hand gestreichelt, bog sich das Korn leicht zur Seite und wurde zu silbrigen Wellen, die über ein grünes Meer rollten. Nun mussten wir leider diesen bezaubernden Weg verlassen. Es ging nun 1,7 km auf einer Landstraße entlang. Kurz nachdem wir auf die Allee gelangten, trafen wir die Pusteblume aus Isar wieder. Sie hatte hier auf einer Plastikplane, direkt an der stark befahrenen Straße, ihre Pilgerrast verbracht. Verstanden wir nicht, vielleicht brauchte sie das Brummen der vorbeidonnernden Motoren. Denn rücksichtsvoll fuhr hier keiner.

Wir schnackten mit der Frau noch ein paar Sätze, da kamen die Wiener vorbei. Die Badetasche entschuldigte sich bei mir. Hm – hätte ich mich nicht entschuldigen müssen? Aber sie stiegen ja gleich in ihren Miefbus und wir würden sie nicht mehr treffen. Die französische Pilgerin (Burgosbus) konnte ich von Weitem erkennen. Sie trug einen Stick, an den ausgestreckten Armen haltend hinter dem Körper und die helle um die Hüften geschlungene Jacke tanzte dazu von links nach rechts. Wir machten uns auf dem Seitenstreifen so schlank wie möglich, damit wir nicht eine unfreiwillige Autofahrt unter den entgegenkommenden Autos mitmachen mussten.

Wir hatten die Ruine des Klosters San Antón erreicht. Ein Teil der Ruine war ein ca. 30 Meter hohes Halbrund. In einer Vertiefung dieser Mauer stand eine vierzig cm kleine Jakobuspilgerfigur. Eine Steinplatte, auf einem Sockel liegend, wurde durch eine große Kerze und Öllämpchen verziert. Davor stand ein Ghettoblaster und spielte klassische Musik. Seltsamerweise wirkte die Szenerie, trotzt Ghettoblaster, auf mich sinnlich.

Die Ruinen des Klosters San Antón bestanden aus mehreren Teilen, sodass sie einen großen Platz einrahmten. Es gab Bänke, zwei Tische mit Plastikstühlen und der Boden war mit Heu und Kiesel abgestreut. Oh man, wer saß denn dort, unsere Chevalier´s. Sie machten uns mit Handzeichen klar, dass wir uns zu Ihnen an den Tisch setzen sollten. Der Weißhaarige hatte wie immer ein blütenweißes Halstuch umgelegt. Sie hatten ihre Leckereien ausgebreitet, Bananen, Käse, Nüsse und Brot. Ihre Füße hatten sie nicht von den Stiefeln befreit. Vielleicht war das Thema Blasen mittlerweile für sie erledigt. Dann holte der Weißhaarige Becher aus dem Rucksack und eine Wasserflasche. Im Gegensatz zu unserem durchsichtigen und klaren Wasser, war ihr Wasser in einer grünen Flasche und dunkel. Nun kannte ich auch das Geheimnis ihrer guten Laune. Man tausche Wasser mit Wein. Die französische Lust zu leben. Sie boten uns Wein an, aber wir lehnten lachend ab. Mensch, dann wäre ich ja gleich betüddelt gewesen. Wir blieben lieber bei Bananen und Wasser.

Französisch empfinde ich als klangvolle Sprache, höre ich gerne, aber verstehen tu ich nix. Wolfgang versucht es mit englisch, aber da sind die beiden halt echte Franzosen, da geht mal gar nix. Ein büsschen französisch bin ich auch, kann auch nur eine Sprache. Wieso macht das bei Franzosen nichts aus, aber bei mir? Ungerecht. Ich mag die beiden Fröhlichen, es ist bestimmt nicht nur der Wein. Dann versuchten wir uns noch mit Gebärden zu verständigen. Die Chevalier´s wollten auch bis Santiago de Compostela laufen. Der Weingeist, aus der grünen Flasche, wird sie als “höhere“ Instanz begleiten. Mit dem üblichen Pilgerspruch verließen wir die Beiden und machten uns auf, die gedehnten Restkilometer abzustiefeln.

Unterwegs trafen wir den Lockenkopf, mit der mütterlichen Ärztin, aus Atapuerca. Ich erzähle ihm von unserem Desaster, dass es in Burgos kein Diclofinac gab. Er sagte, die heißen doch Diclofenac und zog dabei eine Pillenpackung mit kleinen, beigen Pillen aus der Hosentasche. Hm – Apotheker – hm – haben aber auch immer Recht. Das nächste Mal werde ich einen Apotheker fragen, wo man denn gut essen könnte.

Es ging weiter auf der Landstraße, bis wir endlich abbogen und in Castrojeriz einzogen. Am Ortsanfang sahen wir Sonnenschirme und Stühle. Aha, eine Albergue mit Bar. Wir wanderten vorbei. Lasen noch im Pilgerführer nach, dass Gästezimmer in der improvisierten Touristeninfo im Rathaus erfragt werden könnten. Leider stand dort auch der Hinweis “unsicher“. Nun waren wir verunsichert. Vor uns befand sich der Campingplatz und der hatte sein Tor weit geöffnet.

Wir nahmen die Einladung an. Innerhalb des riesigen Areals verlief ein Sandweg hinab zu den Campingplätzen. An den unter Bäumen stehenden Wohnmobilen und sonstigen Campinganhängern vorbei, an einer Halle in denen sich die Pilgergemeinschaftsunterkünfte befanden entlang, gingen wir zu einem größeren Gebäude. Hier war die Anmeldung, eine Bar, ein Minisupermarkt und Restaurant. Wir fragten nach Zimmern (eigentlich eine witzige Frage nicht?), sie hätten noch einen Bungalow frei. Wir nickten artig mit dem Kopf, als er uns fragt, ob wir den nehmen wollen. Es würde uns gleich jemand hinbringen. Ein Mitarbeiter fuhr uns mit dem Auto zu dem Bungalow. Es war genau der Weg, den wir zu Fuß hinab gelaufen waren.

Oben angekommen schaute ich mich suchend um, nach Bungalows. Hier nennen sich Bauwagen Bungalow, wusste ich auch noch nicht. Auf einer großen Wiese standen vier Bungalows. Stühle und Tische waren auch vor den Unterkünften vorhanden. Wir stiegen, mit dem Schlüssel bewaffnet, die drei Stufen hinauf und öffneten die Tür. Es gab nicht nur eine Küche mit Wohn- und Essecke, ein WC, ein Bad, sondern auch zwei Schlafräume. Es war alles vorhanden, trotzdem strahlte diese Zweckmäßigkeit eine gewisse Kälte aus. Aber genug Raum, um überall die Utensilien zu verteilen. Damit wir auf dem Weg nicht versifften, folgte wie üblich der Körperreinigung auch das Wäschewaschen. Schaute aus dem Fenster und entdeckte am Ende der Wiese Leinen zum Aufhängen. Leider war das Gras auch um die Wäscheleinen wadenhoch. Ich machte Ballettübungen, auf Zehenspitzen fummelte ich die Wäsche mit Sicherheitsnadeln an die Leine. Warum im Spitzentanz? Ganz einfach, ich hasse Zecken wie die Pest.

Nun wollten wir noch im Haupthaus etwas trinken. Wir gingen den Abhang wieder hinunter und an den Wohnmobilen vorbei. Davor und daneben saßen die Camper. Missbilligende Blicke folgten uns den Weg entlang. Wir störten ihre Ruhe, wobei viele von ihnen bald mehr Ruhe haben werden, als sie möchten. Und zum Vorbeischweben fehlte uns der Flugschein, den hatten wir wegen Übergewichts nicht erhalten. Meine Augen inspizierten das Haupthaus mit Restaurant. Die Erinnerung an die Albergue von Belorado, besonders an die Hähnchenkeule, beschäftigte meine Gedanken. Nö, essen möchte ich hier nicht. Wir setzten uns mit den Getränken auf die Terrasse. Ich bekam als Strafe für meine Hühnergedanken Plörrkaffee. Meine Blase drückte urplötzlich auf: Müssen. So blieb mir nichts anderes übrig, als das kleine Häuschen mit WC-Schild, das neben der Terrasse stand, aufzusuchen. Ein luftiges Gebäude, für die Luftzirkulation gab es zwischen Mauer und Dach gewerkefreien Raum. Also offen. Luftzirkulation hatte nichts mit geruchsfrei zu tun, so fanden die Insekten blind ihren Camino. Es waren viele auf der Insektenpilgerautobahn unterwegs und hatten hier ihr Etappenziel erreicht.

Durch die leckere Rast unserer Chevaliers animiert, wollten wir noch Vorräte einkaufen und verließen den Campingplatz durch das untere Tor. In der stickigen Mittagshitze durchliefen wir den Ort. In und vor den Häusern rührte sich nichts. Das gab den Tag nochmal ordentlich extra Kilometer, denn dieser Ort war extrem langgezogen. Auch hier war ein Plaza Mayor (ein großer Platz) vorhanden. Bestückt mit Marktständen, hier trafen auch einige nicht Siesta haltende Frauen zusammen. Wir erkundigten uns noch nach einem Supermarkt, das Obst wollten wir später besorgen. Natürlich mussten wir noch weiter gehen, aber ohne Unterstützung hätten wir den Einkaufsladen nie gefunden. Suppa, denn vor dem Supermarkt gab es noch eine Apotheke. Überließ Wolfgang die Diclofenaco-Verhandlung mit dem Apotheker. Ich hielt lieber meinen Mund und blieb vor der Tür stehen. Er kam schnell mit seinen beigen Pillen wieder. Pah!! Nun aber Tempo, denn der Einkaufsladen schloss in wenigen Minuten. Ratzfatz sammelten wir Käse, Schinken, Nüsse, Wasser und Brot ein. Nur beim Nescafé war ich verunsichert, stehe, suche und gucke dumm herum. Schmiss dann schnell Nescafé-Tütchen in den Korb, denn ich spürte das Kratzen der Fingernägel der Verkäuferin auf der Kasse. Ab zum Bezahlen und hinaus – puh – geschafft.

Wir gingen zurück zum Dorfplatz, um auf dem Markt Früchte einzukaufen. Die meisten Markthändler hatten bereits ihre Stände abgebaut. Nur ein Obst- und Gemüsestand bot noch seine Waren an. Vor mir standen noch zwei Frauen an. Die Erste in der Schlange war schnell abgefertigt und ging. Es war Mittagszeit und die Hitze stand nicht nur am Marktstand mit an. Dem Händler unter dem Sonnenschirm machte sie nichts aus. Aber mir, im prallen Sonnenschein wartete ich. Die kleine pummelige Frau vor mir verlangte nach Paprika, Tomaten, Gurken, Kartoffeln, Aprikosen, Apfelsinen. Sie fasste die Waren an, ließ Gemüse wieder zurücklegen. Beäugte, was sie noch brauchte. Ich schmorte hinter ihr in der sengenden Sonne. Sie war aber noch längst nicht fertig. Sie brauchte auch noch Bananen und Äpfel. Nein, diese Äpfel nicht, die anderen Früchte wollte sie lieber haben. Gleich fall ich um, ging mir durch meinen ungestylten Kopf. Endlich zückte sie ihr Geldtäschchen, bezahlte und verließ schwer bepackt den Marktstand und ich konnte Bananen, zwei Apfelsinen und zwei Äpfel ordern.

Ab dem Dorfplatz war kein Mensch mehr zu sehen, auch kein Pilger. Wir liefen durch die unbelebten Straßen zurück zum Campingplatz. Wollten durch das obere Tor, denn dort standen die Bungalows. Toll, das Tor war geschlossen. So mussten wir den großen Platz umkreisen. Vor dem Haupthaus war die Einfahrt für die Mobile und Campingfahrzeuge. Vor dem dort geschlossenen Tor wartete noch ein Wohnmobil. Zum Glück gab es noch eine kleine Tür, durch die wir auf das Gelände kamen. Ich ging noch in das Haupthaus, um nach Butter und Dosenmilch in Miniportionen zu suchen. Statt der gesuchten Lebensmittel lagen hier Puppen, Bierkrüge und viele Dinge, die wir nicht benötigten. Nun mussten wir wieder an den ruhebedürftigen Campern vorbei zum Bungalow. Was erlaubten wir uns bloß, in der Mittagszeit schweigend an den Campern vorbeizulaufen, wie dreist von uns. Vielleicht raschelten die Einkaufstüten zu laut. Wir sollten den Campern mal eine “Runde Wiener Würstchen“ vorbei schicken, dann hätten sie auch einen Grund, ihr Campernäschen zu rümpfen.

Nach Bewältigung des steilen Weges, stellten wir fest, dass vor einem Bungalow ein Geländewagen stand. Der Gärtner bewohnte den vorderen Bauwagen-Bungalow. Er hatte nicht nur sein Fahrzeug, sondern auch den Rasensprenger am Weg abgestellt. Hätte nichts dagegen gehabt, wenn er die Wiese hier gemäht hätte. Aber nun wurde der Weg, der zu den Butzen führte, mit dem Rasensprenger schön matschig gewässert. Wehe ihm, sollte er den Sprenger weiter zu unserer Wäsche tragen. Unter einem Baum, vor unserer Unterkunft, genossen wir die erstandenen Apfelsinen. Unsere Blicke verfolgten, wie das Sonnenlicht, durch Schleierwolken hervorgerufen, die Farbe des Mohns auf einem weiter entfernten Feld veränderte. Ein Augenschmaus.

Apfelsinen hin oder her, unweigerlich meldete sich, trotz der Hitze, bei uns der Hunger nach nahrhafter Ergänzung. Im Haus am Campingplatz wollten wir nicht essen. Abermals an den Ruhebedürftigen vorbei, denn das obere Tor war immer noch verschlossen, verließen wir das Gelände. Und nahmen die Bar, die wir am Ortsanfang gesichtet hatten, in der Hoffnung, dass der Weg kürzer wäre, ins Visier. Leider ist es eine Albergue, wo man maximal Getränke ordern konnte. Taten wir auch und liefen den ganzen Weg zurück, nachdem wir uns Cafe und Cerveza einverleibt hatten.

Wieder den Abhang hinauf, führte uns der Weg, am Campingplatz-Areal vorbei, in das Dorf hinein. Ich will überhaupt nicht mehr laufen, ich möchte essen und dann in Bett. Leider rückte der Zeiger der Uhr nur träge vorwärts und der Gong der spanischen Essenszeit hatte noch lange nicht zugeschlagen. Wir möchten aber zuhauen, und zwar mit Messer und Gabel in Essbares. Vor einem Lokal ist ein großer bestuhlter Platz. Wolfgang geht in das Restaurant, erfragte die Essenszeit und rief mir zu, dass in einer halben Stunde die Küche angeheizt wird. Er verschwand wieder im Lokal.

Ich bekam noch ein Bier auf dem Platz vor der Bar serviert und der Wirt setzte sich zu mir. Er sprach mit mir spanisch, klar sind ja auch in Spanien. Viel von dem, was er mir erzählte, verstand ich auch. Ja – ja, Hape Kerkeling wäre ja auch in seinem Restaurant gewesen, hätte sich sogar in sein Gästebuch eingetragen. Dann hätte Hape ja auch ein Buch geschrieben und 2006 begann der Run auf den Pilgerweg. Viele – viele Menschen würden den Weg jetzt laufen. Aber den Anwohnern hier hätte das nichts gebracht. Ganz im Gegenteil, er war sehr wütend auf Hape. Millionen würden das Buch lesen, 200.000 Menschen wären im Jahr 2010 den Camino gelaufen. Und, ich sollte mich umschauen, wo sind denn die vielen Leute? Hier in seiner Bar? Nein, er merke überhaupt nix von den ganzen Pilgern. Stimmt, wir sind hier weit und breit die einzigen Gäste. Es läuft auch keiner an dem Lokal vorbei, es ist wie ausgestorben. Die meisten Pilger wollen weder für Unterkunft noch für Verpflegung viel Geld ausgeben. Für eine Spende lagern und essen sie dann in den Refugien. Der Trendsport von einigen Pilgern könnte auch heißen, ich bezahl nach Möglichkeit nix, was leider in Gesprächen vor den Alberguen bestätigt wurde. Ich merkte noch an, dass die Filmrechte an dem Buch verkauft wurden und bestimmt bald Filmaufnahmen auf dem Weg stattfinden würden. No - no, dass will er weder glauben noch hören. Entsetzen spiegelte sich in seinem Gesicht.

Wolfgang hatte die Innenräume ausgiebig inspiziert und mit der Kamera abgelichtet. Winkend zeigte er mir an, ich sollte hinein kommen. Noch irritiert von der Unterhaltung folgte ich seinem Handzeichen und betrat das Restaurant. Im vorderen Raum standen Tische aus Marmor mit Eisengestellen und passenden schwarzen Stühlen. Die Decke war mit in Folie verpackten Geldscheinen aus aller Welt verziert. Wir wurden in einen weiter hinten liegenden Raum, in dem Holz Vorrang hatte und die Tische schon eingedeckt waren, gebeten. Außer uns befand sich nur ein großer Hund, ich glaube er hieß Dali, in dem Gastraum. Gelangweilt strich er durch den Raum. Man konnte von unserem Platz in die halboffene Küche sehen und ein verführerischer Gewürzduft versprach, hier schmeckt nicht nur der Wein. So war es auch, unsere Gaumen jubelten über das geschmackvolle Essen. Verwöhnte Bande. Was wir denn als Dessert haben möchten, fragte die Wirtin, Eis oder Obstsalat. Och, Obstsalat hört sich gut an. Sie klaubte aus der im Raum stehenden Obstschale Früchte und ging wieder in die Küche. Nach dem leckeren Obstsalat noch einen Cafe. Liebend gern zahlten wir 10,00 € für dieses reichhaltige Pilgermenue, wir möchten auch nicht umsonst oder fast umsonst essen, sondern lieber gut.

Satt und zufrieden verließen wir das Lokal. Vor dem Restaurant treffen wir einen nach Nahrung suchenden Josef. Wir drei fallen uns vor lauter Freude in die Arme. Josef konnte unserem schwärmerischen Bericht über das Essen in dem Restaurant nicht widerstehen. Zack, saßen wir auch schon wieder im Lokal, das wir eine Minute zuvor verlassen hatten. Der Wirt dachte bei unserem abermaligen Erscheinen bestimmt an den Film “Und täglich grüßt das Murmeltier“. Er guckte uns jedenfalls so an.

Wir hatten eine Menge zu schnattern. Wir waren gemein und erzählten Josef von unserem Aufenthalt in dem netten Hotel in Isar, während er in der Albergue die Nacht nicht so gut verbracht hatte. Für heute hatte er in der Herberge am Ortseingang sein Lager aufgeschlagen und wäre schon einige Zeit auf der Suche nach einer Bar, die Pilgermenus anbot oder überhaupt eine Örtlichkeit zum Essen und Trinken. Bei dem Thema Schmerzen und Wehwehchen linsten Josef und ich grinsend in Richtung Wolfgangs Wade. Leider trafen ja unsere Wortspiele für die Ossobuco-Vorbereitungen bei Wolfgang auf wenig Gegenliebe. Er meinte aber mit der Bandage, die, die sein Bein so was von einschnürte, und den jetzt ergatterten richtigen Tabletten würde es wohl gehen.

Josef verdrehte genüsslich die Augen, während er das Menu zu sich nahm. Unglaublich, meinte er, als ihm der Obstsalat mit obenauf liegenden Kirschen serviert wurde und seine Augen kullerten wieder eine Runde beim Essen. Weil wir so ausgelassen waren, orderten wir auch noch drei Pacharan zur Abrundung des Abends. Noch seliger als zuvor verließen wir endgültig das Restaurant und machten uns auf den Rückweg.

Upps, es war sehr dunkel geworden, nicht weil es schon so spät war, mitnichten. Dunkle Wolken nahmen das Tageslicht. Sehr dunkle Wolken und es sah so aus, als wenn gleich der Reißverschluss geöffnet werden würde. Trotz der müden Wanderbeine zogen wir die flottere Sohle an. Liefen an dem natürlich geschlossenen Tor vorbei und konnten so Josef unsere Nachtstätte zeigen, von weitem, klar. So ging es wieder den Abhang hinunter, wo wir uns am Ende des Camping-Areals von Josef verabschiedeten und sich unsere Wege trennten. Umrundeten noch den Rest des Platzes um endlich zum einzigen, geöffneten Tor zu gelangen. Als wir das Gelände betraten, fielen die ersten dicken Tropfen vom Himmel. Diesmal gab es keine bösen “Ruhe“-Blicke, denn die Camper machten selber viel mehr Lärm. Sie mussten ihre Habseligkeiten vor dem inzwischen kräftiger wehendem Wind und dem nahenden Gewitter in Sicherheit bringen. Neben den Campern, in der ersten “Blickreihe“, hatte ein Bici seine Nachtstätte aufgeschlagen. Er hatte ein ca. 2,5 Meter langes und 0,70 Meter breites Zelt. Neben dem Zelt, in dem sein Fahrrad schon verstaut war, hatte er sich mit Luftmatratze und Schlafsack zurechtgelegt. Nun war er dabei, alles ins schmale Zelt zu wröngeln. Ja, Camping soll ja was mit Freiheit zu tun haben.

Nun platschten schon ganz fette Tropfen auf uns herab. Hechelnd rannten wir den Abhang hinauf - Hilfe – die Wäsche. Endlich waren wir oben angelangt. Der Wassersprenger nässte immer noch den Weg, wie schlau. Die Zecken waren mir nun so was von egal. Hin zur Leine, ich verfluchte den Trick mit den Sicherheitsnadeln, statt Wäscheklammern. Gefühlt sehr lange, zerrten wir an den Nadeln und der Wäsche, bis die Leine leer war und flitzten zu unserem Bungalöchen. Aufschließen und - puh – geschafft. Da trommelte nicht nur der Donnergott vom Blitzewerfen unterstützt, sondern auch der Regen auf das Dach unserer Behausung.

07.08.2011 Der Garten ruft, hack mich, denn es hatte gestern ordentlich geregnet. Ich lass ihn rufen, vor zwei Tagen hatte ich mir im Vorgarten eine Staublunge geholt. Wühle mich lieber durch das Land, wenn die Erde ausgetrocknet ist. Ach ja, auf dem Camino hatte es ja auch geregnet. Immer schön auf dem Weg bleiben, ab zurück.

Nun bezog jeder sein eigenes “Gemach“, Wuschi ließ selbstverständlich die Tür zu seinem Raum offen. Ich sollte wenigstens aus der Entfernung einen Teil, des hervorragenden Schnarchorchesters genießen können. Andere haben ja Wachhunde, die im Notfall bellen, wir brauchen keine, bei uns gibt der “Herr der Hütte“ Laut. Trotz Wein, Pacharan und rhythmisch klopfender Regentropfen, brauchte ich einige Zeit um mich dem Überfall des Schlafes zu ergeben. Bis es so weit war, zählte ich keine Schafe, sondern Kilometer, messe in Gedanken die extra Kilometer und komme auf 5 km zusätzlich.

Akribisch rechnete ich zu Hause, an Hand der Internetkarte, nach und komme auf lockere 12 km. Obwohl ich die Umrundungen des Campingplatzes und die Laufwege innerhalb des Geländes vernachlässigte. Vielleicht kommen die anderen Pilger so ja an ihre 30 km täglich?

Castrojeriz - Boadilla del Camino

Ich wachte auf, komisch, alles noch stockdunkel. Schaute auf die Uhr – hm – es war erst 4.30 Uhr. Zog das Rollo so weit hoch, dass ich nach draußen linsen konnte. Unglaublich – unfassbar, war es ein Traum? Blinker – blinker, sah ich ein tänzelndes Glühwürmchen, nein, eher einen Glühwurm, der sich auf dem Weg bewegte. Vielleicht war ich nur aufgewacht, um diesen Anblick nicht zu verpassen. Es handelte sich um einen mit einer Stirnlampe ausgestatteten Pilger, der so seinen Weg suchte. Ich muss schon zugeben, sich um diese Uhrzeit auf den Weg zu machen hat enorme Vorteile. Man pilgerte alleine, Würstchen schliefen noch, und die Temperaturen waren angenehm kühl. Der Nachteil, um die Camino-Kennzeichnungen zu finden, musste man mit der Stirnlampe dicht an den Häuserwänden entlang gehen oder mit der Nase auf dem Erdboden langschürfen. Nicht meine Zeit, ich ließ nicht nur das Rollo, sondern auch meine Augenlider wieder zufallen.

Als ich die Augen wieder öffnete, war der Uhrzeiger auf 6.00 Uhr vorgerückt. Das war in Ordnung, zwar war es immer noch dunkel und nass – egal. Nun mussten wir uns unser Frühstück bereiten. Wolfgang setzte sich lieber hin, um mir nicht im Wege zu stehen. Wenn noch kein Stück Brot und Kaffee durch meine Kehle gelangt sind und Rauchsignale der “Friedenszigarette“ den Tag eingeläutet hatten, ich eventuell auch ein Messer in der Hand schwinge, verhält “Mann“ sich nach Möglichkeit unauffällig. Ungeduldig fuchtelte ich mit dem Feuerzeug am Gasherd herum. Das machte dem Herd gar nix, bestimmt musste irgendwo das Gas aufgedreht werden, keine Ahnung wo. Grummel. Drehte das Wasser auf, bis es einigermaßen heiß war. Wieder abgedreht Tasse darunter gehalten, Wasser wieder an und es kam nur Piewarmes. Noch mehr Grummel. Brote ohne Butter mit Schinken belegt, sozusagen Trockenware, kann ich auch nicht leiden. Prinzessin erbste das Trockenfutter hinunter, trank zwei Schlückchen lauwarme Nescafebrühe, Wolfgang hatte ihn eh verweigert, der Rest wurde entsorgt. Was für ein Pilgerfrühstück. Im Dunkeln schlossen wir das Kapitel Bungalow mit der Tür ab, das obere Tor war immer noch zu. Immerhin muss der Gärtner im Laufe der Nacht gemerkt haben, dass wassersprengen bei Regen blöd ist.

Schweigend gingen wir den Abhang hinab. Der Bici-Fahrer, mit dem Langzelt, hatte wahrscheinlich schon in der Nacht seinen feuchten Standort verlassen. Sein Platz war schon geräumt. Wir warfen den Schlüssel, wie verabredet, in den Kasten vor dem Haupthaus und begaben uns wieder auf den Camino. Nachdem wir diese Strecke schon so oft abgestiefelt waren, brauchten wir nicht auf den Weg achten.

Wir verließen den Ort Castrojeriz, nun sollte es 20,1 km weiter nach Boadilla del Camino gehen. Es war nun leicht diesig, denn es hatte aufgehört zu regnen. Schön ruhig pilgerten wir, im Vorbeigehen grüßend, an anderen Pilgern vorbei. War Prinzessinnenland, platt wie eine Scholle. Ich lief auch an einem älteren Deutschen, der sich langsam hinkend und schwerfällig auf einen Stock gestützt vorwärts bewegte, vorbei. Er wurde begleitet von einer jungen Frau. Wir mutmaßten, dass es seine Tochter war. Ich zeigte auf sein hinkendes Bein, bedauerte ihn und lief weiter.

Nach 2,4 km änderten sich aber die Verhältnisse. Der Tafelberg kam in Sicht. Netterweise war auch mit 12 % über 1.050 Meter, die Steigung angegeben. Schaute nach oben und dachte, ach, so schlimm ist es ja gar nicht, denn ich sah oben schon einen anderen Pilger stehen. Der Weg folgte einer steilen Zick-Zack-Linie. Witzig, hatte ich meiner Meinung nach, ganz oben einen Pilger gesehen? Ein paar Meter vor dem Entdeckten, bog der Weg in die andere Richtung und man hatte die gleiche Strecke anzusteigen. Das Spiel wiederholte sich – ah – oben, nö, immer noch nicht oben. Nach einigen Kurven fand die Prinzessin dieses Spiel ganz schön blöd. Da half auch kein langsamer gehen. Die Luft wurde immer dicker, für mich jedenfalls. Ich schnappte nach ihr, aber sie wollte einfach nicht in meine Lunge. Ich hechelte, vielleicht könnte ich sie so überlisten. Da flog der, von mir bedauerte, Pilger in einem Affenzahn an mir vorbei. Da blieb mir die Luft ja nun ganz weg, staunend blickte ich ihm und seiner Begleitung nach. Nicht nur staunend, sondern mit den bösen Gedanken, du kleiner arroganter (H…). Es waren nicht die Einzigen, die mich überholten. Pah, machte mir gar nix.

Irgendwann, hatte auch ich den Gipfel des Alto de Mostelares erreicht. Knallte mich gleich auf eine der oben stehenden Bänke und schnaufte geschafft. Die schöne Aussicht war mir völlig wurscht. Es erstaunt mich immer wieder, wie schnell man sich aber von solchen Anstrengungen erholt. Hallo, es ging nun wieder 18 % bergab. Yippie, ich war wieder “obenauf“. Da keine Pilger mehr in unserer Nähe waren, traute ich mich, das Handy zu benutzen, um unsere liebe Freundin Gabriele in München anzurufen. Denn es war der 26. Mai und sie hatte Geburtstag. Leider konnte ich nicht viel mehr sagen, als das wir ihr gratulieren. Denn mein altes Handy ist immer nach einem Telefonat leer. Diesmal schon während des Gesprächs. Aber ich hoffte, dass der Wille zählte.

Wir pilgerten die 18 % Abwärtsstrecke auf einer ekeligen Wellenbetonpiste. Man muss sich den Belag wie den der Autobahn A1 vorstellen. Vielleicht ist es im Winter auch die Strecke für Buckelpisten-Rennen. Bei Wolfgang meldet sich das Ossobuco und er ging sehr vorsichtig hinab. Bevor sich der Weg wieder etwas ebener dahin schlängelte, hörten wir hinter uns Sturmklingeln und gekreischte “Vorsicht“ Rufe.

Bergab bretterten vier “Bici-Biester“ ungebremst an uns und den anderen friedlichen Pilgern vorbei. Sehr unhöflich, die hatten ja noch nicht mal gegrüßt. Nach dem Warnruf – Vorsicht – mussten wir leider davon ausgehen, dass es sich bei den jungen Frauen um Deutsche handelte. Außer ihnen waren auf der Etappe keine Bicis zu sehen, man hat ja nur ein Leben und man sollte sorgsam damit umgehen.

Weiter auf dem Wege stand unser französischer Burgosbusbegleiter. Als wir, natürlich grüßend, an ihm vorbei stiefelten, wedelte er mit den Händen vor seinem Oberkörper und deutete so an, dass er zu Atem kommen müsste. Seine Frau lief wie immer einige 100 Meter vor ihm, ich konnte sie aber nicht einholen, um ihr zu sagen, dass ihr Mann schwächelnd stehen geblieben war. Na, ich hätte es ihr auch nicht sagen, sondern nur andeuten können.

Unterwegs gab es noch einen Rastplatz, an dem ein Spanier Coca-Cola, Bananen und Café gegen Spenden abgab. Wenn alle für ihre Getränke so viel spendeten wie wir, wird der Spanier immer zufrieden nach Hause gehen. Wolfgang entschied sich wieder für ein “holländisches“ Getränk und ich mich für einen Cafe, der etwas besser als der Nescafé vom Morgen war, etwas besser. Der Platz bot dort unter Bäumen Steinbänke und Tische zum Ausruhen an, an denen wir uns niederließen. Wir verspeisten unsere mitgebrachten Trockenbrote. Auch die Koreanerinnen rasteten hier. Sie mussten beim Aufstehen leider feststellen, dass die Steinbank, auf der sie gesessen hatten, einen grünlichen, feuchten Belag an ihre Kleidung und den Rucksäcken abgegeben hatte. Ich sah noch aus dem Augenwinkel orangene Tücher. Sie erkannten aber schnell, hier konnte man keine Stühle rücken und zogen vorbei.

Auch der Ire, jetzt mit seiner Frau unterwegs, kam angelaufen. Von seiner Fröhlichkeit war nicht viel übrig geblieben, ächzend stellte er seinen Rucksack ab und grummelte. Hatte er auch noch keinen ordentlichen Café gehabt? Seine Frau dagegen lächelte und schaute freundlich um sich. Sie trug weiterhin weder Hut noch Gepäck. Pilgern kann ja so leicht sein. Plötzlich klickte es in meinem Kopf, das war die Erklärung. Deshalb packte Wolfgang immer seinen Rucksack gänzlich aus und am nächsten Morgen wieder ein. Das waren Vorsichtsmaßnahmen, er befürchtete wohl, dass ich schwerere Sachen einfach in seinen Rucksack packte. Na ja, den Käse hatte ich oben in seinem Gepäck verstaut. Ich wusste doch nicht, ob der bei der Wärme anfängt zu stinken.

Schon lange hatte sich das letzte Wattewölkchen verzogen und die Sonne ihre schweißtreibenden Heizstrahler angeknipst. Wir pilgerten auf ebeneren Wegen, auch an einem Fluss entlang, bis wir Itero de la Vega erreichten. Nun aber wirklich einen ordentlichen Café bitte, waren meine ersten Gedanken. Am Ortseingang gab es eine Albergue mit Bar. Ein überdachter Umlauf, mit Stühlen und Tischen rahmte eine sonnige Terrasse, auch bestuhlt, ein. Fanden ein Schattenplätzchen im Umlauf und ich besorgte Getränke. Unsere Mägen waren ja noch mit dem Brot verstopft, also nur Flüssigkeiten. Ich hätte mich nicht so auf den Kaffee freuen sollen, es war eine labberige Brühe. War aber ein feiner Platz um andere zu beobachten. Ach nee, es näherte sich eine kleinere Pilgergruppe, sie trugen an sich befestigte orange Tücher.

12.08.2011 Neues aus dem Alice “ich bin so was von verwundert Land“. Gestern trudelte ein Brief, geschrieben am 07.08.2011, von der albtraumhaften Allitsche ein. Es ist eine Antwort auf mein Schreiben vom 22.07.2011. Ach, doch schon. Ich hatte dem Schreiben die ganzen E-Mails angehängt. Passus aus meinem Schreiben: Ist es zu viel verlangt, dass ich zufriedenstellende Antworten erhalte? Oder einen Ansprechpartner, an den ich mich wenden kann.

Antwort:

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns zu schreiben.Bitte entschuldigen sie die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten. Wir verstehen Ihre Enttäuschung und Verärgerung. Wir versichern Ihnen, dass wir auch zukünftig alles daran setzen werden, Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Selbstverständlich betreuen wir nach Möglichkeit alle Themen in Schriftform. In diesem Fall ist eine schriftliche Beratung jedoch leider nicht möglich. Bitte beachten sie, dass es insbesondere bei komplexen Fragestellungen eine Vielzahl von Lösungsschritte gibt, die gegebenenfalls individuell angepasst werden müssen. Daher bitten wir Sie, setzen Sie sich bitte telefonisch mit uns in Verbindung. Sie erreichen unseren 24h Alice Comfort Kundenservice unter der kostenlosen Rufnummer 0800 1 44 14 11. Wir beraten Sie gerne.

Ganz, ganz mutig wählte ich nun diese Nummer, hängte noch die geforderte 2 für Vertragsberatung an. Ich landete tatsächlich bei einer kompetenten jungen Frau, die in null Komma nix, alle Home TV Komponenten und den HD-Rekorder aus dem Vertrag genommen hat. Ich bin nicht nur überrascht, sondern schwer begeistert. Es gibt sie doch, die nette, kluge Alice. Auch der Hinweis, dass entweder die Hausratversicherung oder Alice für den Schaden am Fernseher aufkommt, kommt von ihr.

Natürlich war ich schon längst, um Gnade winselnd, auf allen Vieren zum inzwischen reparierten Fernseher gerutscht und hatte das Kabel von Kabel Deutschland eingestöpselt, teuer, aber man sieht auch was. Thema ist erledigt. Nun aber mal schnell wieder weg, vom Dauerregen hin zur spanischen Sonne.

Die Platzanweiserin grölte von der Straße aus, einem Pilger am Nebentisch zuwinkend zu: „Hey du kennst uns doch, wir sind die mit den Tüchern. Wenn noch welche von uns kommen, sag ihnen Bescheid, dass wir weiter gegangen sind.” Während sie das sagte, zuppelte sie an ihrem Halstuch. Der Pilger nickte. Als noch drei Orangenhälse auftauchten, sagte er ihnen auch artig, dass die anderen weiter gegangen waren. Er machte sich auch auf, um seinem Weg zu folgen. Später kamen noch weitere Orangeträger und setzten sich erschöpft neben der Bar in den Schatten. Mein Mann und ich, wir schauten uns an, sagten aber nix. Ich muss zu unserer Entschuldigung anmerken, dass auch alle anderen anwesenden Pilger sich still verhielten. Man muss auch mal schweigen dürfen.

Auch wir stiefelten weiter über den ständig leicht ansteigenden Camino. Grüßend liefen wir an zwei deutschen Frauen vorbei. Wir steckten unsere Nasen in den Outdoor-Führer und ließen die Beine dem Weg folgen. Plötzlich hörten wir ein – hey - hey. Was ist denn nu los? Aus einiger Entfernung fuchtelte die eine Deutsche mit der Hand. Beine können eben nicht sehen. Wir waren munter dem falschen Weg gefolgt und liefen wieder zurück. Man wird sich ja auch mal verlaufen dürfen – oder?

Die Füße, oder meine Füße, erreichten mal wieder ihr Tageslimit. Die Temperatur stieg und auch von meinen an der Erde befindlichen Körperenden stieg das übliche Gequake auf. Trotz der endlich erworbenen Pillen vermeldete auch Wolfgangs Bein Schmerzen. Der Abstieg vom Tafelberg war wohl zu heftig. Endlich erreichten wir Boadilla del Camino. Hier wusste ich genau, wo ich hin wollte. In eine private Verwöhn-Herberge. Ob man noch ganz durch den Ort laufen musste oder nicht, war mir schnurz. Die ersten Bars wurden links liegengelassen, bis ich einen Schriftzug, En el Camino, an einer Mauer entdeckte. Ja, genau, da wollte ich hin.

Die Außenmauer schloss das ganze Gelände ein. Durch ein großes Tor aus Holz gelangten wir hinein. Unglaublich, das war eine Albergue in Spanien. Nicht vielleicht doch das Areal einer Gartenschau. Ein gepflasterter Weg führte durch Rasenflächen, in der sich auch ein Pool befand, zum Hauptgebäude. Rasen – englischer Rasen – wenn ich mich auf ihn geworfen hätte, um nach Moos, Löwenzahn, Klee oder Sonstigem zu suchen, keine Chance, hier gab es nur saftige, leuchtend grüne Grashalme. Es war auch kein Schild aufgestellt “Rasenfläche bitte nicht betreten“, sondern er war mit sich ausruhenden Pilgern bedeckt. Auf der Rasenfläche standen auf dem Kopf stehende abgesägte Baumkronen, auch Skulpturen aus Stein und Metall. Überall befanden sich bepflanzte Steinquader, Blumen- und sogar zwei Rosenbeete. Als wenn man in eine andere Welt tauchte.

Wir betraten das Haupthaus oder eher die Diele des Hauses. Ein großer, runder Tisch mit vielen Stühlen, nahm den vorderen Teil ein. Ein verglaster Bauernschrank war bestückt mit Geldscheinen, Bändern, Postkarten, Bildern und diversen anderen Erinnerungsstücken. Ihm gegenüber stand ein Schreibtisch mit Computer und Telefon. Davor stand ein junger Mann, der gerade mit anderen Pilgern sprach. Er wand sich uns zu und fragte: „Deutsche?” Uns blieb nichts anderes übrig, als zu nicken. Wir fragten wie üblich nach einem Doppelzimmer. Er taxierte uns lange mit seinen braunen Augen und schien zu überlegen, wo er uns denn nun unterbringen sollte. Nein, Doppelzimmer wären schon belegt, er hätte aber noch zwei Betten in einem 6er-Zimmer frei. Hatte die Prinzessin leicht geknurrt? Ja, aber die 6,1 km weiter nach Formista wollte sie ja auch nicht laufen – die Garzeit für das Ossobuco sollte auch nicht ausgeweitet werden.

Innerlich jaulend stimmte ich dem Angebot zu. Zückte wie üblich den Pilgerpass, meinen Ausweis und wollte auch gleich den Betrag von 14,00 € zahlen. Der junge Mann meinte nur: „Bezahlen später”, kassierte aber die Ausweise ein. Dann führte er uns die Holztreppe hinauf zu den Räumen. Ließ uns auch noch einen Blick in zwei Duschräume mit WC werfen und führte uns in das Zimmer. Natürlich erhielten wir das übliche Doppel-Stockbett. Klar, ich oben und Wolfgang unter mir. Das untere Bett, des parallel stehenden Stockbettes neben unserem, war belegt. Der Pilger stellte sich mit Gerhard vor, die Sprache kannte ich schon, er ist Wiener. Aber ein netter Wiener. Gegenüber unserer Fußenden stand noch ein Stockbett, wo sich anhand der Utensilien erkennen ließ, dass auch dieses bereits vergeben war. Eine Leiter gab es nicht, dafür stand in der Mitte zwischen den Betten ein Stuhl. Wie ein Hürdenläufer übte ich in Gedanken den Weg, man steigt auf den Stuhl und mit einem Sprung ab in Bett.

Viel Platz zum Auspacken gab es nicht. So wurde die schmale Heizung mit den Beuteln der Waschutensilien und dem Pillenbeutel dekoriert. Diesmal blieb der Rest im Rucksack, auch der Käse. In dem Raum gab es noch eine Boxensäule für die Wertsachen. Hüstel – zum Beispiel das Handy? Uns gefällt aber der Gesamteindruck der Herberge und wir beschlossen Wolfgangs Bein einen Tag Ruhe zu gönnen.

Wir gingen wieder hinunter, meine Kehle verlangte nach koffeinhaltiger Flüssigkeit. Der junge Mann trug immer eine schwarze Wollmütze, an Hand der Beule nahm ich an, dass er Rasta-Locken darunter versteckte, fragte mich: „Café?” Woher wusste er so genau, was ich brauchte. Überrascht nickte ich nur, Wolfgang nahm lieber ein Cerveza. Nach dem Genuss meines Aufputschmittels ging ich durch den Garten, um mir die Albergue genauer anzusehen. Ein Mann hatte gerade die Umrandung des Pools mit einem Kantenschneider fertiggemäht. Der Pool sah für mich wie ein 20 cm flaches Planschbecken aus. Wasser war auch nicht drin, nur das abgemähte Gras. An dem Pool saßen zwei junge Deutsche und ich setzte mich zu ihnen ins Gras. Eine junge Frau, Anfang dreißig, mit kurzem, schwarzen Haarschopf, erzählte, dass sie hier einen Tag Ruhepause eingelegt hatte. Der junge Mann, hieß Christian und kam aus Hamburg. Habe den Namen mal nicht vergessen. Er war 36 Jahre jung und hatte null Haare auf dem Kopf, dafür aber viele “Muckis“, die aus seinem Achselshirt drangen. Seine sanfte Stimme passte nicht zum “Gesamtbild“. Auch er hatte einen Ruhetag hier verbracht. Nein, die Zwei waren nicht zusammen unterwegs, hatten sich hier nur getroffen. Der Kantenschneider forderte uns mit Gesten auf, ihm behilflich zu sein. Christian und ich zogen mit ihm die swimmingpoolfarbene Plane ab. Aha, doch Wasser blitzesauber und auch tief.

Wolfgang hatte sich in der Zwischenzeit bei dem Mützenträger erkundigt, ob wir auch zwei Nächte hierbleiben könnten und ob eventuelle für die nächste Nacht ein Doppelzimmer frei wäre. Zwei Nächte wären kein Problem, ob aber ein Doppelzimmer frei sei, das musste er erst noch nachsehen. Na gut, ab zum Duschen. Ich kam, gefühlt frisch duftend, in unser Zimmer, als der Mützenmann einer jungen Frau das letzte freie Bett im Zimmer zuwies. Sie war vielleicht 155 cm groß, sie schnüffelte höchstens an der Höhe der Matratze des oberen Bettes. Zickend zerrte sie den, vorher mittig stehenden, Stuhl an das Hochbett heran, schmiss ihren Rucksack darauf und meckerte, dass sie nicht oben schlafen könne. Der Wiener Gerhard zuckte nur mit den Schultern und nuschelte, wer zu spät kommt. Wenn sie so weiter macht, bekommt sie von uns noch ein Halstuch um – ein orangenes Halstuch. Der Mann mit der Mütze hatte sich bereits verdrückt. Ich ging lieber die Handtücher aufhängen.

Zurück im Zimmer, sah ich, dass die junge Pilgerin oben im Bett saß. Immerhin sie war hinauf gekommen. Der Wiener stand neben dem Hochbett, hatte nun ein mitleidiges Gesicht aufgelegt und berichtete. Sie ist Amerikanerin, sei heute gestartet und gleich 40 km gelaufen, natürlich taten ihr die Füße weh. Bei dem Gehörten zuckten meine Zehen. Dabei würde sie einen Rucksack, der ein Gewicht von ca. 20 kg hatte, mit sich schleppen. Nun sei Gerhard dabei, mit ihr den Inhalt ihres Rucksacks zu überprüfen. Heulend strich sie gerade Creme aus einem – hä? – Glastöpfchen in eine kleine Tube. Diese Gesichtscreme brauchte sie unbedingt. Aha, eine andere Prinzessin.

Wir Mädels kennen doch alle diese schicken Glastöpfchen, mit mindestens 1,5 cm dicken, fettem Glasboden und bei der Mengenangabe von 50 ml überlegt man, könnte die Luft mit abgemessen worden sein? Denn für mehr außer Glas ist fast kein Platz. Die Amerikanerin hatte höchstens noch 15 ml Crememenge darin und das Töpfchen wog alleine bestimmt 150g. Na gut, mein Glastöpfchen mit dem Tigerbalm wiegt auch 63 g – das ist das Gewicht von 1 ½ Unterhosen -, mit dem Inhalt von 19,4 g und ich hatte lange überlegt, ob ich den Stinkekram umfüllen sollte. Das hätte aber kein Platikdöschen ausgehalten und ich wäre nicht nur von meinem Mann begleitet worden, sondern auch von einem penetranten Geruch nach Campher und Menthol. Und hätte dann sozusagen Mentholzigaretten geraucht.

Christian kam mit seinem gewaschenen und auf der Wiese getrockneten Schlafsack herein. Na prima, so kannten wir fast alle Mitbewohner des Raumes. Er sah auch überrascht auf die schniefende Pilgerin. Mir fällt jetzt auf, dass ich den Wiener nur in dem Zimmer gesehen hatte, nicht auf der Terrasse, nicht beim Essen und im Garten auch nicht – hm – verwunderlich. Neben dem Holztor am Eingang gab es noch einen alten Kornspeicher mit neuem Nebenraum wo wohl noch mindestens 36 Pilger unterkommen konnten. Also wir wollen mal schön zufrieden mit der Nachtstatt sein.

Wir überließen dem Wiener die psychologische und aufklärende Betreuung der jungen Frau und gingen hinunter um Speis und Trank zu uns zu nehmen. Unsere “Erstpilger“ aus Pamplona waren auch hier gelandet. Es sind Spanier aus Barcelona. Sie wäre überglücklich sich endlich englisch unterhalten zu können. Ihr Mann könnte kein englisch – hallo – ich auch nicht. Ihr spanischer Mann sagte kein Wort, seine Körperhaltung strahlte eine Art Stolz aus, fast möchte ich behaupten, eine gewisse Eleganz. Die Spanierin erzählte Wolfgang eine Menge. Ich hatte nur verstanden, dass sie den Tag noch weiter nach Frómista wollten. Zu Hause wollte ich von Wolfgang wissen, was sie ihm denn so alles berichtet hätte. Er weiß es nicht mehr meint er, ich glaube ihm kein Wort. Na, denn soll er das doch für sich behalten. Ich hätte auch zu gerne gewusst, wieso sie immer so wenig Gepäck bei sich trugen. Vielleicht hätte ich sie gefragt: Ach, wir treffen uns so oft, könnt ihr unser Gepäck auch mitnehmen lassen?

Die Frankfurter, dünner Mann und dunkelrothaarige Frau, sind auch in der Albergue eingetrudelt. Sie meinte, sie wären wieder in der Mittagshitze und bis in den Nachmittag hinein gelaufen, weil er immer noch nicht vor 8.30 Uhr aufstehen würde. Sie würde zu gerne früher starten. Es hatte sich nichts geändert. Der Frankfurter meinte noch, dass seine Frau so gerne am Zielort einen Kaba trinken würde. Nirgends wäre ein Kaba zu bekommen. Kein Spanier würde begreifen, was damit gemeint ist. Alle würden ihn nur komisch ansehen, wenn er einen Kaba bestellte. Ich dachte so bei mir, Mensch, bestell doch einfach eine Schokolade, chocolate wird doch fast genauso ausgesprochen. Er sprach weiter, schließlich wären sie doch in dem Gebiet, wo die Firma Freixenet ihren Cava herstellt. Da strich ich mir mit der Hand die imaginären Schweißperlen ab. Cava, er meinte die ganze Zeit Sehekt! Und nicht Kaba, Kakao. Insgeheim freute ich mich, dass ich einmal im richtigen Moment, mein vorlautes Mundwerk verschlossen hielt. Cava wird wie Kaba ausgesprochen – sogar ich hatte etwas im Spanisch-Kurs gelernt. Jaha!!

17.08.2011 Gestern hatten wir Hochzeitstag. Nachdem ich endlich von der Arbeit zu Hause eingetrudelt war, wollten wir zusammen nett essen gehen. Beschlossen in einem Nachbarort ein angesagtes Restaurant zu besuchen. Für einen Dienstag war es rappeldicke voll. Auch diesmal entschied ich mich für ein Rumpsteak mit Kräuterbutter und Pfifferlingen. Das von mir mit Kräuterbutter beschmierte Stück Fleisch schmeckte seltsam. Die Bedienung kam gerade, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung ist. Ich wiegte, so als Zeichen – och, ich weiß nicht -, meinen Oberkörper. Also, wenn etwas nicht ok wäre, sollte ich das jetzt sagen und nicht später, diese Worte kommen nicht gerade leise aus ihrem Mund. Wolfgangs Geschmacksknospen melden beim Probieren, keine besonderen Vorkommnisse. Aber die sind auch nicht so – eingebildet oder ausgebildet – wie meine. Sagte zur Kellnerin, alles ist gut. Esse weiter, schnupper dies, schnupper das. Die Kräuterbutter hat einen tranigen Nachgeschmack, lasse sie weg und endlich schmeckt das Essen gut. Daheim, zwei Stunden später, spürte ich ein Trommeln im Innenraum meines Körpers. Den Rest des Abends verbrachte ich in holländischer Sitzhaltung. Zurück zum Camino.

An der rechten Mauerseite stand auch ein Tisch mit Stühlen. Dort saß eine ältere Frau. Ich nahm an, dass es sich um die Großmutter des jungen Herbergsvaters handelte. Sie konnte sehr schlecht laufen und wurde liebevoll von dem jungen Mann umsorgt, wenn er nicht gerade dabei war, die immer noch ankommenden Pilger zum Kornspeicher zu führen. Dieser Speicher hatte eine besonders große “Aufnahmekapazität“, denn kein Pilger wurde abgewiesen. Jeder müde Wanderer wurde dorthin begleitet.

Mein Mann hatte zum wiederholten Male sich die folgenden Strecken durchgelesen. Es käme bald die Etappe, die 18 km durch die Meseta von Carrión de los Condes bis nach Calzadilla de la Cueza geht, eine besonders schlimme Etappe. Er sah immer vom Buch auf das Bein, vom Bein auf das Buch. Es gäbe dort nix, keine Bar, keine Unterkunft, einfach nix. Sehr lang – er meinte zu lang. Manchmal dachte ich so, müsste man den Outdoor einfach wegwerfen und alles auf sich zukommen lassen.

Die Pilgerin, die uns wieder auf den richtigen Weg brachte, war auch mit ihrer Mitpilgerin in der Herberge untergekommen. Das Ihre Mitläuferin blind war, hatten wir auf dem Weg nicht mitbekommen. Aber hier in der Albergue, benutzte sie auch ihren Stock, einen weißen Stock. Ein gut gerundeter junger Mann gehörte zu ihnen. Er konnte nicht mehr laufen, seine blasenlastigen Füße machen nicht mit. Er wolle versuchen bis 100 km vor Santiago de Compostela mit dem Bus weiterzufahren. Aber die letzte 100 km will er dann wieder pilgern, ganz langsam, um anzukommen und so sein Ziel zu erreichen.

Ein Brite, so wie man sich einen Briten während der Kolonialzeit vorstellt, in Khakihemd und -hose, rauchte seine Pfeife und blickte gemütlich aus seinem runden, geröteten Gesicht auf das Treiben vor dem Haupthaus. Schon vor 19.00 Uhr flitzten viele Pilger hungrig in die Herberge, um ja einen Platz für das Essen zu ergattern. Fast wie in einem Urlaubshotel, wenn die Rentnerband sich eine halbe Stunde vor Essenszeit vorm Speisesaal versammelt, damit sie ja nix verpassen. Man muss einfach Erster sein. Wir nicht. Na ja, diesmal warten wir geduldig, bis die rechte Zeit gekommen ist. Dafür wurde für uns das Zimmer mit dem Hinweis – Privado – geöffnet, das ist doch nett.

19.08.2011 Hatte ich am Freitag den 12., es war wirklich nicht der 13., geschrieben Allitsche, Thema ist erledigt. Kurz nachdem ich Mittwoch meine Tagesseite abgeschlossen hatte, stand ich nichts ahnend in der Küche. Unser Nachbar Reinhard winkte mir vom Weg aus zu. Er hörte nicht auf zu winken, also wollte er etwas anderes, als nur grüßen. Ich öffnete die Haustür, um zu erfahren, was denn nun los sei. Reinhard hätte ein Paket für uns. Während ich ihm auffällig folgte, dachte ich nur – oh nein – bitte nicht – bitte nicht Allitsche.

Doch! Ein Paket von TelefónicaAlice. Betrübt öffnete ich auch noch den Briefkasten, zur Krönung lag dort ein Brief von Alice. Der Inhalt: Wir freuen uns, dass Sie sich für die Option Alice TV entschieden haben. Die Freischaltung der Option Alice TV wird am 12.08. erfolgen. Die benötigten technischen Geräte senden wir Ihnen rechtzeitig zu. Unterschrieben war der Brief mit Alexander Groß. Der hatte auch die anderen Briefe unterschrieben. Ich glaube der Computer heißt Alexander Groß oder das ist der Hausmeister. Ohne das Paket zu öffnen, bin ich zur Post, natürlich bevor ihre Schalterzeiten begannen. So hatte ich mehr von dem Paket, mehr Freude, denn ich durfte mehrere Male das Paket durch die Straßen von Bargteheide tragen. Da geh ich doch lieber wieder auf den Weg zurück, obwohl, Telefónica ist eine spanische Gesellschaft. Zurück nach Spanien.

Schnell waren viele Plätze in diesem Raum von Pilgern eingenommen. Mir gegenüber saßen ein Schwede, die junge Frau mit den schwarzen, kurzen Haaren und Christian. Der Brite ließ seine Pfeife abkühlen und nahm neben Christian Platz. Meine Nachbarin war eine zierliche junge Deutsche. Sie berichtete, dass sie ihren Arbeitsplatz, als Ärztin im Krankenhaus, gewechselt hatte und sich so eine Auszeit zwischen den Beschäftigungen nahm. Sie ist so zart und klein, dass ich überlegte, ob der Rucksack besser sie trägt, als umgekehrt. Wolfgangs Gegenüber ist Australier. Ich hatte ihn schon im Garten auf einer Steinbank im Yoga-Sitz meditieren gesehen. Er muss der Sonne oft ohne Schutz ausgesetzt gewesen sein. Seine nicht vom ausgeblichenen Fischerhemd bedeckte Haut, ist zerknitterter als meine. Fettdepots besaß er keine, die Schrubbelhaut lag direkt auf den Knochen. Sein Alter konnte ich nicht einschätzen. Er fragte uns, ok eher Wolfgang, aus, woher – wohin – wieso und bewunderte Wolfgangs ausgezeichnetes Englisch. Pah! Angeber.

Mit der Schwarzhaarigen und Christian diskutierte ich über die unruhigen Nächte in den Herbergen. Die Beiden und die Ärztin würden sich mit Musik aus dem iPod in den Schlaf lullen lassen und so nichts hören. Ach, ihr Glücklichen. Mit Christian schloss ich einen Deal. Er wurde von mir zum Wächter des offenen Fensters erkoren. Sozusagen die Frischluft mit seinem Leben, seine Muckis reichen auch, verteidigen. Auf unserer Seite des langen Tisches, wurde geschnattert und gelacht. Am anderen Ende nahmen Franzosen vis-a-vis dem Briten Platz. Da hätte er auch die Pfeife im Mund behalten können. Denn sonst “bewegte“ sich dort wenig. Eine lila Fleecejacken-Französin trug ihren Kopf ziemlich hoch, na ja, war ja auch Lippenstift aufgetragen, da ist man schon etwas “Besseres“. Dem Wein wurde schon einige Zeit zugesprochen, da kam das Essen in getöpferten Schüsseln, passend zu den Tellern und Weinbechern auf den Tisch. Der Australier folgte dem Schweizer Schlafrezept, viel Wein guter Schlaf. Die lila Französin konnte auch sprechen, sie sagte bei jedem Teller: non – non – non. Sie hatte sich wohl ein anderes Gericht bestellt. Dann eben non.

20.08.2011 Meine kleine Allitsche sendete, nach einem nochmaligen Telefonat, eine E-Mail: Wunschgemäß werden wir Alice TV für Ihren Anschluss am 18.08.2011 wieder deaktivieren. Ach, unterschrieben hatte wieder der Hausmeister, Alexander Groß, den es ja gar nicht gibt. Bin schon gespannt auf das nächste Paket und Schreiben: vielen Dank für Ihren Auftrag……………..bla – bla – bla. Zurück zum anderen spanischen Thema.

Zwei Suppen wurden aufgetragen, selbstverständlich vom Mann mit der Mütze. Bei der einen Suppe wurde gesagt, dass es eine Spezialität der Region ist. Es schwimmen so glibbelige Streifen darin, denke dabei an Hirn oder so. Bei einem perfekten Dinner würde ich äußern, das war nicht so mein Ding. Der Rest des Essens wurde genussvoll verschlemmt. Dem Fisch, der angeboten wurde, wehte keine “ungut“ Wolke voraus. In der Diele war ja auch kein Gedanke – ah – bzw. äh – heute gibt es Fisch aufgekommen. In Hamburg geborene Prinzessinnennasen sind diesbezüglich sehr “erbsig“.

Nachdem die wachen Augen des Australiers flink über den Tisch gehuscht waren und keinen weiteren Wein entdecken konnten, löste sich unsere gemütliche Runde auf. Auf der Terrasse saß der Mann mit der Mütze, verteilte die Pilgerpässe mit den Ausweisen und kassierte für die Übernachtung und Essen. Zog dann mit seinem Kästchen weiter zum Kornspeicher. Am großen Tisch in der Diele hielten sich einige Pilger an Cogñac-Schwenkern gefüllt mit einer goldgelben Flüssigkeit fest. Auch die Frankfurter und der Brite holten sich ihr Schlafmittel hier ab. Man kann ja auch nicht immer Kakao trinken. Wir zuckelten ab, in unser Zimmer.

Volle Belegung. Aha, die junge Ärztin war auch in unserem Zimmer. Sie lag auf Christian, der sich von ihr massieren ließ. Wuschi und ich hätten uns auch gern unter ihre zarten Hände begeben, man kann nicht alles haben. Die Amerikanerin schlief schon, eingemummelt in der Wolldecke. Stundenlang hatte sie ihre Füße im Pool gebadet. Die waren nun gut durchgeweicht, damit sie auf jeden Fall, beim Weiterlaufen, schöne bunte Blasen bekommt. Den Stuhl hatte sie ganz zu ihrem Bett gerückt. Gerhard lag auch schon schlafbereit. Leise warf ich meinen Schlafsack, gefolgt von dem Seideninlett, auf meine Bettstatt. Rückte den Stuhl wieder etwas mittiger und sprang in mein Hochbett. Pellte mich ins Inlett und legte mich auf den offenen Schlafsack. Das Bett war sehr schmal, hatte eine Breite von ca. 70 cm, gefühlte 60 cm. Dachte noch so, nun wollen wir aber mal schön so liegen bleiben, sonst mach ich einen unsauberen Abgang.

Dank des Fensterwächters war das Fenster offen. Hm – Richtung Garten und Terrasse. Die goldgelbe Flüssigkeit muss nachgeschenkt worden sein. Ich hörte nicht nur den Briten, er hatte einen tiefen Bariton, ausgelassen reden und lachen. Mit vor 8.30 Uhr aufstehen wird es wohl wieder nix bei dem Frankfurter. Ich wartete nur darauf, dass von meinen Mitbewohnern einer aufsteht und das Fenster zu macht. Einige Zeit später wurde wohl kein Schnaps mehr ausgeschenkt. Draußen wurde es ruhig. Christian und die Ärztin hatten ihre iPod-Kopfhörer auf und schienen auch zu schlafen. Nun schlief auch der Wiener, was er schnarchend mitteilte. Die Prinzessin lag vom Inlett eingewickelt in ihrem Bett. Unter sich eine Erbse. Eine große Erbse, sie hatte eine Größe von 185 cm und ein Gewicht von etwa 104 kg. Die Prinzessin überwand ihre Angst herunter zu fallen und rüttelte am Bett. Die große Erbse schnarchte laut weiter.

21.08.2011 Gestern folgte ich, nachdem ich meine Seite beendet hatte, dem Ruf der Gartenwerkzeuge und nahm sie fleißig ins “Gebeet“. Plötzlich Aufregung im Hause, ich solle sofort hereinkommen. Wasn los? Der Paketbote stand vor unserer Haustür. Wolfgang meinte nur: Da! Der Paketbote trippelte unruhig von einem Fuß auf den anderen. Ich nahm das Paket, 20 x 13 cm klein, in die Hand und schaute auf den Absender. Lach! Es kam von TelefónicaAlice. Ich schüttelte es, aber es fühlte sich leer an. Wir öffneten es nicht, sondern ließen es einfach zurückgehen. Es war wohl nur die TV-Sim-Karte drin. Ich bin stolz auf meinen Mann, dass er so gut aufgepasst hatte. Zurück zur anderen Seite von Spanien.

Auch meine Gedanken und Augen machten irgendwann die Denk- und Lidklappen zu. Da wir einen Beinruhetag einlegen wollten, warteten wir am Morgen, bis sich die anderen Pilger aus unserem Zimmer geduscht hatten und bepackt den Raum verließen. In aller Ruhe trödelten wir rum und machten uns dann für den Tag bereit. Beeilen brauchten wir uns nicht, denn es goss wie aus Kübeln. Ich sprang über die Pfützen auf der Terrasse unter einen Sonnen- bzw. momentan Regenschirm. Dort stand auch der Brite, der sich an seiner Pfeife festhielt. Es entstand wieder unsere übliche “Unterhaltung“, grinsten uns an, während wir Dampfwolken ausstießen, das war´s.

Ab zum Frühstück. Wir gingen wieder in den Privadoraum, der andere Speiseraum war noch voll besetzt. Ich steuerte bewusst den hintersten Tisch an, so konnten wir den ganzen Raum übersehen. Uns wurden Riesentassen, auch sie waren getöpfert und mit dem Schriftzug “En el Camino“ versehen, für den Café hingestellt. Es gab frisch geröstetes Weißbrot. Die ältere Frau kam mit dem Mann mit der Mütze herein und wurde von ihm an den Tisch neben uns geleitet. Sie bevorzugte auch die Möglichkeit des “Überblicks“. Viele Pilger nahmen das Angebot war, hier einen Zwischen-Stopp zu machen. Die ältere Frau sprach den Mann mit der Mütze mit Eduardo an, prima, ab jetzt hatte er nicht nur die Mütze an, sondern auch für uns einen Namen. Die ältere Frau war aus Deutschland, also nicht Eduardos Großmutter.

Es kamen drei “Bicis“ herein. Gut erkennbar durch ihre “Tour de France“ Bekleidung. Es waren Brasilianer. Der eine von ihnen hatte den Tag Geburtstag. Ein Mitfahrer zündete eine Kerze an, die auf einem Minitörtchen stand. Das “Geburtstagkind“ ca. 40 Jahre, freute sich auch über das Ständchen, dass ihm zugeträllert wurde. Er stand mit dem Rücken zu uns gewandt. Er trug ein grellgelbes Trikot mit einer leuchtend roten Bici-Hose. Die Bekleidung war bestimmt schon länger in seinem Besitz. Nur seine Körpermaße hatten sich wohl im Laufe der Jahre stark verändert. Als er sich vorbückte, gab die Hose nach und den Blick auf nahtlos braune Bäckchenansätze mit geschlitzter Mitte frei. Die ältere Frau und ich lachten uns zu und sie meinte nur: „Manchmal sieht man eben Dinge, die man gar nicht sehen möchte.”

Die Bici´s gönnten sich ein üppiges Frühstück. Da betrat eine strahlende Paula, jetzt begleitet von einem jungen Mann, den Raum. Wir freuten uns Paula zu sehen. Schnell kam sie mit den Brasilianern ins Gespräch. „My name is Paula, I came from Australia.” Nun war ich aber platt, gibt es in Australien eine Stadt namens San Francisco? Nö! Wie schnell einen doch der Camino verändert. Sogar das Land, aus dem man kommt, verändert sich innerhalb einer Woche.

Der Brasilianer, der Geburtstag hatte, zog eine rote Bandrolle aus seinem Gepäck. Das wäre ein Glücksband aus seiner Heimatstadt Bahia. Er erklärte Paula, er würde nun mit zwei Knoten ein Stück Band an ihrem Handgelenk befestigen. Bei jedem Knoten sollte sie sich etwas wünschen. Auch wir erhalten jeder ein Stück Band und verknoteten, langsam, sodass wir Zeit für die Wünsche hatten, das Band am Handgelenk des anderen. Paula wanderte, nun von guten Wünschen begleitet, mit ihrem Begleiter, der nicht ein Wort gesagt hatte, ab. In der Diele wartete der Junge, der nur die letzten 100 km laufen wollte, darauf, dass ihn jemand mit dem Auto zur Busstation fuhr. Ich ging dann weiter zum Dampfen in den Garten. Auch die brasilianischen Bici´s sattelten ihre Fahrräder. Natürlich hatte das Geburtstagskind das Frühstück ausgegeben. Seine Brieftasche lugte in Hüfthöhe aus der eh schon überquellenden roten Bicihose. Ich überlegte, ob er bewusst das Geldtäschchen so mitnahm. Sprach ihn dann doch lieber an und zeigte auf das fast herausfallende Portemonnaie. Erschrocken sprang er wieder vom Bici, verstaute seine Habe doch lieber in der Gepäcktasche, die an dem Rad befestigt war. Wir lachten noch zusammen eine Runde. Glücklich folgte er, mit einem ¡Buen camino! verabschiedet, seinen Compañeros.

Eduardo hatte vom Vortag noch einen Pilgerpass mit Ausweis übrig und fragte uns, ob wir den Pilger kennen würden. Ja, gesehen hatte ich ihn. Wenn der Pass noch hier war, bedeutete es, dass der Pilger seine Unterkunft und das Essen nicht bezahlt hatte. Ohne Pass und Ausweis wird er keine Unterkunft bekommen, aber vielleicht hatte er auch mehrere Ausweise. Der Wanderer kam nicht zurück, um sich seine Papiere zu holen.

Kühl war es an diesem Morgen, der Regen hatte sich aber verzogen. Ich suchte mir ein Plätzchen an der Mauer auf einer Steinbank aus, das bereits von der Sonne erobert worden war. An den Seiten der Bank rankte Wein an der Wand. Er war sauber beschnitten, kräftige Reben hingen daran. Die Trauben sahen aus wie große Liebesperlen - äh – oder Erbsen. Die ältere Frau, Eduardo nannte sie Heike, kam zu mir. Sie meinte, das wäre doch ein nettes Plätzchen und sie wollte ihr Frühstück hier weiter essen. Wolfgang und ich holten ihr noch einen Tisch und Eduardo deckte hier ihr noch nicht beendetes Frühstück auf. Wieder ein feiner Ort, um die Pilger und das Treiben der Herberge zu beobachten.

Jede Handbewegung von Heike wirkte verzögert, so benötigte sie auch viel Zeit, um sich ein Brot zu schmieren. Sie hatte graue, kräftige, halblange, glatte Haare und ihr Körper war fast spitteldürr. Heike begann zu erzählen. Sieben Mal sei sie den Camino gelaufen. Dann hatte sie erst einen schweren Unfall und danach einen Schlaganfall. Nun würde sie seit Jahren, inzwischen ist sie 71 Jahre, hier immer 5 Wochen Urlaub verbringen. Ihr Mann bliebe lieber daheim in Frankfurt, für ihn ist das nichts. Sie reise immer alleine mit dem Bus an und würde dann von der Busstation abgeholt werden. Sie mag diesen Ort und die Menschen hier. Eduardo würde immer vorausahnen, wenn sie seine Hilfe benötigte. Urplötzlich stehe er im Kornspeicher, wenn sie sich am Morgen zurechtgemacht hatte und würde sie dort abholen.

Wir hatten zwischenzeitlich unser Doppelzimmer – zum Auspacken – bezogen. Unsere gesamte Wäsche, außer der Kleidung die wir trugen, gesammelt. Eduardos Mutter, heldenhafte Wächterin über die Waschmaschinen, zum Waschen gegeben. Die Pilger durften die Waschmaschinen nicht bedienen. Sie hatten aber die Möglichkeit, ihre Sachen an Waschbecken auszuwaschen. Es ist ja auch egal, ob man 3,00 € in einen Zähler der Waschmaschine wirft, die dann nicht anspringt oder jemand dafür bezahlt bekommt und die Tätigkeit erledigt. Prima ich hatte ja einen freien Tag.

Wir setzten uns wieder zu Heike. Sie schläft gerne im Kornspeicher unter den Pilgern. Ihre klugen, dunklen Augen wanderten mit jedem Pilger zum Eingang des Haupthauses. Sie ist Psychoanalytikerin, dass merkte man auch. Ihr heller Kopf widersprach ihrer körperlichen Unbeweglichkeit. Trotz ihrer Eingeschränktheit duldete sie nur Hilfe, wenn sie sie einforderte und einen von uns bat, einen Tisch zu verstellen oder ihren kleinen Rucksack zu tragen.

Die Sonne hatte den Kampf gegen die Wolken eindeutig gewonnen, nicht ein klitzekleiner Himmelswattebausch ließ sich mehr blicken. So wanderten wir vom Sonnenplatz in den Halbschatten eines Apfelbaumes. Der Baum war wie ein Weinstock beschnitten. Hatte einen kräftigen Stamm und dicke Äste. Zweige konnte man an ihm nicht finden. So hingen die noch kleinen Äpfelchen in Vierer- oder Dreierbünden an den großen Ästen. Apfelmus wird man von den Früchten nicht herstellen können. Denn die Äpfel wuchsen so dicht, dass wenn sie größer wurden, keiner mehr Platz am Ast hatte und wohl herunterfielen.

Letztes Jahr war Eduardo vier Wochen bei Heike in Frankfurt und hätte dort Deutsch-Unterricht an einer Sprachenschule genommen. Das erklärte seine deutschen Sprachkenntnisse. Er versuchte jeden Pilger mit seiner Heimatsprache anzusprechen. Er hätte auch einige Wochen in Brasilien verbracht und von dort diese, wie Heike fand, unmöglichen Holzpapageien, die im Garten verteilt waren, mitgebracht. Ich erzählte lieber nichts von meinen Spanischversuchen. Klar, ich hatte mir das rechte Handgelenk gebrochen und war dann nicht mehr zum Kurs gegangen. Aber mein Kopf war in Ordnung – na ja – ein büsschen oder eben nicht für Sprachen gemacht. Und manchmal bin ich auch völlig sprachlos. Heike sagte barsch, sie verbiete mir, sie Heike zu nennen, und durchlöcherte mich dabei strafend mit ihren Augen. Mein Unterkiefer klappte Richtung Boden nach unten. Sie hatte uns doch von Beginn an geduzt, ich war mir keiner Schuld bewusst. Da kehrte Milde in ihre Augen zurück und sie erklärte uns, dass sie Heinke heißen würde und sehr stolz darauf sei. Puh!

Außer Eduardo und seiner Mutter, gab es noch mehrere helfende Hände. Der Vater war für den Garten zuständig. Eine Köchin, so richtig im Dress, karierte Hose und Kochjacke, schwang die Töpfe in der Küche. Alle grüßten strahlend, wenn sie an den Pilgern vorbeigingen. Es war keine aufgesetzte Freundlichkeit, wie bei einem Bankangestellten, der erfahren hatte, dass man Millionär ist, sondern irgendwie – echt -. Als eine junge Frau zum wiederholten Male mit Pilgern Richtung Kornspeicher ging, fragte ich Heinke, ob es die Frau von Eduardo wäre. Nein, meinte Heinke, Mariella – hoffentlich habe ich den Namen richtig behalten – sei Italienerin, im richtigen Alter, leider aber schon mit einem jungen Mann aus Barcelona liiert. Das fand Heinke sehr schade, ich auch. Wirklich schade, wir sahen uns an und lachten dabei.

29.08.2011 Hatte ich 3 Tage Kopfschmerzen, Grippe oder sonstige Unpässlichkeiten? Na ja – fast. Wir waren in Schweden. Ich hatte überhaupt keine Lust, aber Wolfgang wollte nicht alleine fahren. Da er mich längere Zeit begleitet hatte, wollte ich denn auch mal guten Willen zeigen. So hatten wir uns einer Gruppe Hamburg-Freezers-Fans angeschlossen und rasten durch Dänemark nach Schweden. Bis auf die Gurkerei im Schweigebus, 9-Sitzer belegt mit 5 Piepel, war die Tour besonders beim letzten Spiel erfrischend ausgelassen. Ich machte in dem Kleinbus den Hinterbänkler und überließ den Platz neben Wolfgang, er war der Chauffeur, für einen männlichen Beifahrer. Auf längeren Strecken ist ein unterstützend unterhaltsamer Beifahrer viel Wert. Von diesem Beifahrer kam nix – drei Tage nix – überhaupt nix. Tz-tz-tz und für so was hatte ich den Spitzenplatz freigegeben – unglaublich. Ich begebe mich lieber auf den südlichen Weg.

Gerne beobachtete ich die schlanke, junge Frau. Mit einem warmen Lächeln begleitete sie leichtfüßig, Ruhe ausstrahlend, die erschöpften Pilger durch den Garten zum Speicher. Von unserem Platz, unter dem ausgelichteten Apfelbaum, sah man den Kirchturm. Auf der Turmspitze sind drei Storchennester, aus denen sich die halbstarken Jungstörche reckten und den ein oder anderen Flügel ausbreiteten, danach sich wieder zurücksetzten. Gezanke gab es aber nicht, sah nach friedlicher WG aus.

Es kamen immer mehr Übernachtungspilger. Junge Leute nutzten den Pool aus. Ein junger Mann hatte viel Spaß daran, mit einer ”Ar…bombenlandung” in den Pool zu platschen. Er war leider der Einzige, der das witzig fand. Die von oben bis unten nass gespritzten, amüsierten sich nicht so gut. Heinke hob ihre Hand, als Eduardo zu uns sah. Eduardo wird im Winter wieder einige Zeit bei ihr im Hause wohnen und weiter an seinen Sprachkenntnissen arbeiten. Aber nur vier Wochen, länger würde Heinkes Mann keine Gäste ertragen. Eduardo hat den Wink mit der Hand verstanden. Prompt erschien er mit einer halb vollen Flasche Weißwein. Sie meinte, es wäre jetzt die richtige Zeit um ein Glas zu trinken. Ich fragte ihn, ob den der Pilgerpass, der vom Vortag noch über war, abgeholt worden ist. Nein, der Mann hatte sich immer noch nicht gemeldet. Komisch.

Drei Amerikaner, eine Frau, ein Mann und ein jüngerer Mann tauchten auf. Ich glaube nicht, dass es eine Familie war. Sie trug eine rosa Fleeceweste und ihre Hose war bordeauxfarbend. Etwas abgelegen, an einem Tisch, machten Mariella und die Köchin gelegentlich ein Päuschen – Smoktime. Einige Meter davor aß ein Pilgerpaar eine Zwischenmahlzeit und hatte auch gefüllte Gläser mit Getränken vor sich auf dem Tisch stehen. Das Pilgerpaar verließ kurz seinen Platz und ging hinein. Die rosa Weste ging zielstrebig zum Pausentisch, nahm den Aschenbecher, entfernte im Gehen ein Stück Papier aus dem Ascher und schmiss es auf den Teller von dem Pilger, der gerade aufgestanden war. Sie setzte sich dann auf die andere Seite des Gartens, mit dem Aschenbecher. Zwei Augenpaare hatten sie die ganze Zeit verfolgt. Diese gehörten Heinke und mir. Übereinstimmend stellen wir fest, dass das doch an Dreistigkeit nicht zu übertreffen sei. Gelangweilt strich sich die rosa Westenträgerin ihr braunes, schulterlanges, sowieso schon glattes Haar zurück und rauchte. Sie und ihre Begleitung passten nicht hier her. Dass sie dumm war, hatte sie ja schon bewiesen. Bei den Amerikanern fehlt die Mimik im Gesicht. Es war an ihnen weder Freude, Freundlichkeit, Erschöpfung, Interesse oder ein Hauch von Intelligenz erkennbar. Dummies?

31.08.2011 Eine Gutschrift von Allitsche für den HD-Rekorder erhalten. Bin sehr misstrauisch, der Hausmeister Alexander der ”Große” hat nicht unterschrieben. Wenn das man gut geht. Zurück zur Erinnerung.

Nicht nur die Albergue wurde voller, auch die Wäscheleinen, die hier an zwei Seiten gespannt waren. Sie wiesen kaum noch Lücken auf. Viele Handtücher flatterten an den Leinen. Sie unterschieden sich nur in der Farbe. Diese extra dünnen Microfaser-Handtücher gab es nur in hell- oder dunkelblau. Leider waren die meisten in Hellblau, natürlich wie unsere. Hatte ab und an einen Blick auf unsere Wäsche geworfen, um mich von der Vollzähligkeit zu überzeugen. Endlich war alles trocken und ich trug die Wäsche gespannt nach oben. Die Spannung ließ schnell nach und wich einer Enttäuschung. Diese blöden Fettflecken waren immer noch vorhanden, nur etwas blasser. Auch eine Art von Begleitung.

In meinem Körper machte sich Unruhe breit. Ständig sitzen, dabei essen und trinken reichte ihm wohl nicht mehr. Sollte ich mich wirklich ans Pilgern gewöhnt haben? Mein Mann erzählte abermals, dass ja nun die Meseta kommt, diese 18 km ohne Baum und Strauch. Wieso käme jetzt die Meseta, wir liefen doch schon längst da durch. Er meinte, dass schaffe er mit seinem Bein nicht und wollte Eduardo fragen, ob uns jemand am nächsten Tag mit dem Auto zum Bus bringen könnte.

Wo doch diese Strecke besonders gut für Flachlandbewohner ist. Keine Hügel, keine Hochebene einfach nur platt. Ich hätte diese Etappen geliebt, wäre nur so durch die Meseta geschwebt – leichtfüßig voran gepilgert – theoretisch –. Oder ich hätte danach auch so hübsche violette, blutdurchtränkte Blasen an meinen fünfzehigen Quaktaschen. Wer weiß – vielleicht hätte ich dann in die Klagelieder der Männer mit einstimmen können – wer weiß. Wie unnett von mir.

Unter den angekommenen Wanderern waren viele Deutsche. Auf der Steinbank, zwischen den Weinranken, hatte eine deutsche Frau ihre in einer dunkelgrünen Fleecejacke steckende leicht gerundete Figur niedergelassen. Sie rauchte eine Etappenankomm-Zigarette und blinzelte in die Sonne. Spontane Sympathie flog ihr von meiner Seite zu. Nicht weil sie rauchte, sondern ihre gemütliche, warme Ausstrahlung gefiel mir. Es gibt auch Raucherinnen, die kann ich überhaupt nicht leiden – Amerikanerinnen? – genau. Die ”Dummiene” in rosa Weste lief den ganzen Nachmittag durch den Garten. Immer mit Zigarette und wenn der Glimmstängel abgeraucht war, wurde er einfach fallengelassen, ausgetreten und liegengelassen. Auf diesem englischen Rasen – unglaublich. Schade, dass ich sie nie hechelnd einen Anstieg hab nehmen sehen. Dann hätte ich, natürlich während ich an ihr vorbeilief, meine Packung herausgeholt, damit gewedelt und nä–nä–nä-nä-nä gemacht. Aber wahrscheinlich liefen diese Amerikaner auch nur bis zu ihrem Auto, das sie um die Ecke geparkt hatten.

Eine andere Deutsche, Brillenträgerin in Streifenbluse mit halblangen Stangenlocken, setzte sich zur Frau mit der dunkelgrünen Fleecejacke und sabbelte los. Sie wäre am Somportpass gestartet und hätte den aragonesischen Weg bis Obanos genommen. Ihre Art zu sprechen erinnerte mich ganz stark an die orange betuchte Platzanweiserin. Bla-bla-bla-bla- ohne Pause verzückte die Frau in Grün nicht wirklich. Dann war die Streifenbluse fertig, stand auf und meckerte zu der Grünträgerin: In der halben Stunde hat sie zwei Zigaretten geraucht, das ist ja wohl zu viel oder? Da sprang auch Grün fassungslos auf. Man spürte den ”Wutrauch” wabbern.

Die Frau in der dunkelgrünen Fleecejacke war einfach sprachlos, lief ein paar Schritte nach links, dann ein paar Schritte nach rechts, bis sie sich endlich beruhigt hatte. Die Streifenbluse hatte sich längst Richtung Kornspeicher entfernt.

Am Morgen hatte es noch fürchterlich gegossen und ich mich zum ersten Mal nicht eingecremt. Kostenloses Botox hatte sich nicht unter die Haut begeben, sondern darauf. Die Spannung meiner Gesichtshaut war exzellent gelungen, ich hatte nun eine Glühbirne. Die sich inzwischen beruhigte Frau in der Fleecejacke berichtete, sie sei schon bis Frómista, 6 km weiter, gelaufen. Hätte dort auf ihre Freundin gewartet, aber die wäre nicht gekommen. Verärgert hatte sie ein Taxi genommen und war hierher zurückgefahren. Und sie denke im Traum nicht daran, diese zusätzlichen Kilometer nochmals zu laufen.

Meine Augen huschten unruhig durch den Garten. Es liefen vier große Hunde durch das Areal. Sie sahen wie Schäferhunde aus, nur diese waren tiefschwarze Schäferhunde. Mein Verhältnis zu Schäferhunden ist seit meiner Kindheit gestört. Der Chef meines Vaters besaß einen, Prinz hieß das Tier. Ich war noch in einem Alter, wo ich die gleiche – gefühlte – Körpergröße wie der Hund hatte. Der Prinz hatte die kleine Prinzessin immer böse angeknurrt, dass mochte die Prinzessin überhaupt nicht. Heinke bemerkte, dass das Eduardos Hunde sind. Er hat sechs Hunde. Na toll, hoffentlich ließ er wenigstens die restlichen Hunde nicht auch noch in den Garten. Heinke kannte auch die Namen der Hunde. Mutig streichelte ich zwei der Hunde, damit sie meinen Geruch aufnahmen, aber nicht meinen Schiss in de Büx merkten.

Was während des Pilgermenus los war, weiß ich einfach nicht mehr – wohl nix. Keine Erinnerung. Wir gingen frühzeitig schlafen. Ich möchte auch gerne weiter, Ruhetage machen mich eher unruhig.

Boadilla del Camino - León

Einigermaßen gut geschlafen, es war in der Nacht nur ein einzelner Brummbär im Zimmer, frisch geduscht und die Sachen wieder verpackt, machten wir uns auf zum Frühstück. Diesmal ging es nicht in den Privado. An den in U-Form gestellten Tischen des anderen Raumes, waren fast alle Plätze besetzt. Wir setzten uns auf die letzten freien Stühle am Ende des U`s. Na das konnte ich am Morgen besonders gut ab. Genau in meiner Blickrichtung, am gegenüberliegenden U-Ende, saß doch die Streifenbluse. Neben der Frau im grünen Fleece sitzend, legte sie lautstark, damit auch ja alle es hören konnten, los. Das war ja was letzte Nacht. Die alte Frau wäre völlig besoffen auf eine im Bett liegende Pilgerin gefallen und konnte nicht mehr aufstehen. Die Pilgerin unter ihr hätte sich erschreckt und zappelnd fürchterlich geschrien. Natürlich wussten wir, um wen es sich handelte. Bestimmt ist keiner auf die Idee gekommen, ihr einfach aufzuhelfen. Und am Morgen hatten die ersten Pilger schon um 4.00 Uhr im Speicher rumrumort, so früh muss das ja nun nicht sein. Sie fand, um 5.30 Uhr müssten aber alle ausgeschlafen haben und endlich aufstehen, schließlich gingen ja alle frühzeitig ins Bett. In Gedanken binde ich ihr ein orangenes Halstuch um und ziehe ganz fest zu. Stattdessen sage ich laut, dass es sie überhaupt nichts angeht, wann, wie, wo und warum jemand aufsteht. Das gehe sie einen feuchten Kehricht an. Nur leider hörte sie nur sich selber zu. Ich war seeehr wütend. Blöde Kuh.

Was hatten wir bisher für ein Glück mit den Pilgern. Nun war ich froh, dass wir mit dem Auto und Bus weiterfuhren. So werden wir diese Frau wohl weit hinter uns lassen – hoffentlich - . Wolfgang klärte noch mit Eduardo ab, wann wir mit dem Auto gefahren werden. Es sollte um 10.30 Uhr losgehen. Auf der Terrasse zeterte lautstark die Frau in Grün mit ihrer Freundin. Sie denke nicht daran bis Frómista zu laufen, die Strecke hatte sie schon hinter sich. Ihre Freundin sollte wohl das Taxi dorthin bezahlen und weigerte sich. Irgendwann hatten sie sich geeinigt und pilgerten wie die meisten Gäste davon. Ein früher neuer Gast kam, sprach mit Eduardo und setzte sich mit seinem Gepäck vor die Herberge. Er saß dort lange, sogar sehr – sehr lange. Er schaute immer zur Uhr, aber es kümmerte sich niemand um ihn. Lag es vielleicht daran, dass er neben dem Rucksack unter den Armen noch einen Schlafsack und weiteres Gepäck dabei hatte. Auf dem Camino sah man niemanden, der noch zusätzliches Gepäck unter den Armen trug – läuft sich auch ein büsschen schlecht – so bepackt.

Die Albergue leerte sich. Übrig blieben außer uns, eine Schweizerin in kanarienvogel Gelb und eine junge Französin mit blonden Zöpfen. Also eine Wagenladung. Die Französin setzte sich zu mir auf die weinumrankte Steinbank. Sie stand wieder auf, um Dehnübungen zu vollführen. Stretchte ihren Oberkörper ganz weit vor, bis die Hände den Boden berührten – kann ich auch. Sie setzte ein Bein seitwärts raus, senkte den Körper ab, bis ihr Po in einer Linie mit dem einen Bein den Boden berührte – kann ich nicht - so tief. Dachte nur: Yeah – Baby, zeig mir alles. Sollte ich ihr vielleicht ein büsschen Taiji vorführen? Die Schwertform vielleicht? Mir fiel dann ein, dass ich leider mein Schwert nicht mit eingepackt hatte. Tut auch nicht not, ich blieb lieber sitzen. Wieso lief sie eigentlich nicht, wo sie doch so geschmeidig war. Hm – hatte ich auf einmal eine Streifenbluse übergezogen – tz –tz –tz.

Später wanderte ich im Garten umher. Dabei musste mich Heinke entdeckt haben. Sie rief mir, sehen konnte ich sie durch das Fliegengitter vorm Fenster nicht, aus dem Duschraum zu, dass sie gleich fertig sei und kommen würde. Kurze Zeit später kam sie, sich liebevoll bei Eduardo einhakend, langsam durch den Garten gehend zur Terrasse. Freute sich uns noch zu sehen und berichtete von ihrer Nacht im Speicher. Ihr Kreislauf hatte ihr einen Streich gespielt und sie hatte das Gleichgewicht verloren. War auf eine im Bett liegende Pilgerin gefallen und konnte sich nicht alleine aufhelfen. Die unter ihr liegende Pilgerin hatte schrecklich geschrien und ihr war das nur peinlich. Eduardo musste wohl gespürt haben, dass sie Hilfe brauchte. Denn er stand unerwartet vor dem Bett und hat sie dann zu ihrer Schlafstatt getragen. Eduardo flachste mit ihr darüber und deutete an, wie er sie wie eine Feder getragen hatte. Eduardo dürfe das, er ist schließlich ihr Retter. Heinke fragte mich, wie viele denn mit dem Auto fahren und ob ein Plätzchen für sie frei sei. Zu gerne möchte sie etwas anderes sehen, die Albergue einfach mal verlassen. Bedauernd zählte ich die Mitfahrer auf. Es war leider kein Platz für Heinke mehr frei.

Endlich sollte es weiter gehen. Wir verabschiedeten uns herzlich von Heinke, wünschte ihr noch viele Jahre, in denen sie Urlaub bei Eduardo machen kann. Wir stiegen in einen PKW, den sich Eduardo geliehen hatte. Heinke hatte zuvor gemunkelt, dass Eduardo wohl nicht fahren dürfte. Er hatte wohl öfter die Fahrzeit reduziert.

Der Vater von Eduardo sollte den Wagen fahren. Schon ohne die Rucksäcke sah das Heck von dem älteren Fahrzeug tiefergelegt aus. Ab ins Auto und los ging die Fahrt 25,8 km nach Carrión de los Condes. In dem Ort angekommen, brachte uns der Vater zu einer Bar. Ob er sprechen konnte, weiß ich nicht. Ich habe auch auf der Fahrt kein Wörtchen von ihm gehört. In der Bar stolperte ich über Gerhard, den schnarchenden Wiener aus unserem Sechserzimmer. Er war jetzt in Begleitung seiner Frau. Sie sah nicht pilgermäßig aus. Na ja, die Füße schon. Die steckten in Flip-Flops und hatten einige Blasen in blutrot-bunter Färbung und standen im Kontrast zum Lack der Zehennägel. Ihre Anmerkung, dass sie für ihre 65 Jahre einfach Klasse aussehe, stimmte schon. Ihre Haare wirkten frisch gestylt und in ihrem Rucksack befand sich sicher auch ein Schminktäschchen. In der Albergue hatte ich sie nicht gesehen. Vielleicht schlief sie auch nicht mit ihrem Mann in einem Zimmer. Hö-hö, war er ihr in der Nacht zu laut?

Die Bar war zugleich Billete-Ausgabestelle für die Busfahrten. Gut das wir bis zur Abfahrt noch 1 ¼ Stunden Zeit hatten. Der Mann in der Bar benötigte davon schon einige Minuten, Eingabe in den PC, in einen anderen Raum laufen, nochmal Eingabe in den PC, wieder in den anderen Raum und zurück. Dann hielt ich endlich unsere Tickets in der Hand.

Wolfgang hatte eine Anzeigetafel zu einer Krankenstation für Pilger entdeckt und vertrieb sich die Zeit mit einem Arztbesuch. Ich blieb mit unseren Rucksäcken vor Ort und setzte mich mit meinem Café zu einer jungen Frau vor die Bar. Erst entstand ein Blickkontakt des gegenseitigen Abschätzens. Leise begann sie zu sprechen und erklärte, dass sie immer so tut, als wäre sie keine Deutsche und nichts verstehe. Einige Pilger, dabei deutete sie mit einer Kopfbewegung zum Nebentisch, seien ihr unangenehm. Statt eines Outdoor-Führers richtete sie sich nach minimalen Angaben auf DIN A4 Seiten. Übernachtungsmöglichkeiten mit Telefonnummern, Orte mit den Entfernungen und Höhenunterschiede. Kein: Und jetzt kommt eine ganz üble schwere 18 km lange ”Durststrecke” usw. Vor drei Tagen hatte sie sich in einer Herberge den Magen verdorben. Der anhaltende Durchfall hatte sie so geschwächt, dass sie nicht mehr laufen konnte. Mein auch nicht mehr so gut laufender Mann kam vom Arztbesuch zurück. Er hatte eine amtlich bestätigte Sehnenentzündung. Sollte nicht mehr so viel laufen, das Bein nach Möglichkeit ruhig halten. Na, tragen werde ich ihn nicht. Der Arzt hatte ihn untersucht, das Ergebnis unter Google ins Deutsche übersetzen lassen und Wolfgang am Bildschirm gezeigt. Neue Tabletten wurden ihm auch verschrieben. Wenn sein Rucksack am Flughafen untersucht wird, halten die ihn für einen Dealer oder verhaften ihn gleich wegen Drogenmissbrauchs.

Was hier wieder alles eintrudelte. Um die Ecke geschlichen kam der dünne Langschläfer aus Frankfurt mit seiner Frau. Die Beiden setzten sich zu uns. Er hatte wohl wieder nicht ausgeschlafen, grummelte vor sich hin: Blöde Strecke am Kanal entlang, gefiel ihm überhaupt nicht – brumm – brumm – langweilig – brumm - brumm. Weit waren sie in den zwei Etappentagen nicht gekommen. Nun wollten sie bis Sahagún mit dem Bus fahren. Sie übernachteten meistens in Mehrbettzimmern, aber in Sahagún habe er in einem schönen Hotel ein Zimmer reserviert. Die junge Frau an unserem Tisch, hatte sich wieder ”zurückgezogen” und nicht mehr gesprochen. Der Bus kam pünktlich und sehr viele Pilger nutzten diese Gelegenheit der Fortbewegung.

Wir nahmen unsere reservierten Plätze im Bus ein. Getrennt, Wolfgang saß auf der gegenüber liegenden Seite zwei Reihen vor mir. Ich nahm meinen Platz direkt hinter Gerhard und seiner Frau ein. Die Uhr zeigte 12.50 Uhr, pünktlich war der Bus abreisebereit. Da wuschten zwei ganz in (hä?) Weiß gekleidete Pilger am Bus und an der Bar vorbei, auf der Suche nach der Ticketstation. Der Busfahrer wartete. Das Paar kam wieder zurück, flitzte in die Bar. Der Busfahrer wartete immer noch. Mit den Tickets wedelnd, wieso ging das bei denen so schnell? Außer Atem liefen sie zu unserem Bus, der natürlich immer noch auf sie wartete. Hier sind auch die Busfahrer freundlich und geduldig.

Das Pilgerehepaar nahm in der Reihe hinter mir ihre Plätze ein. Nun ging es fast 100 km, 1 Stunde und 50 Minuten mit dem Bus nach León. Bei jedem Wanderer, der auf der Strecke zu sehen war, reckte ich meinen Hals, um ihn mit meinen Augen ein Stück zu begleiten. Der junge Spanier, der am Fenster neben mir saß, sagte nix. Prima. In Bus, Bahn oder Auto lass ich gerne meine Gedanken durch die Gegend kullern, während meine Augen die Außenwelt betrachten. Das ging in dem Bus mal gar nicht. Vor mir warfen sich Gerhard und seine Frau ununterbrochen ihre Wiener Schmalzgebäckwortsalvensätze zu. Die Pilger in ”noch” Weiß waren Spanier und suchten mit ihrem Handy – düüt – düüt – düüt – hablar – hablar – hablar – düüt – düüt – düüt – nach den Hotels, inklusive Preis, für die nächsten gefühlten 20 Etappen. Ich wünschte mir, dass der Busfahrer von der DB kommt und sich unnett verhalten hätte. Der Platz neben Wolfgang war inzwischen leer, er deutete an, dass ich mich zu ihm setzen sollte. Nö, dass wollte ich auch nicht. Ich zog die Bestrafung für die Busfahrt voll durch – ich saß sie ab.

Völlig español gedüütet plus Schmääääähhhh, durfte ich nach einer gefühlten Tagesreise den Bus in León verlassen. Puh! Mädels ”müssen” immer, ich auch - bin Mädel. Ich besuchte die ”Örtlichkeiten” des Busbahnhofs. Ging zurück vor die Tür, nein, ich hatte mich nicht geirrt. Es hing vor der Tür eindeutige die Kennung für Damentoilette. Versifft, ist ein Ausdruck, der für diese Toiletten zu sauber klingt. Von zehn Toiletten waren fünf verdrahtet, zuschließen ging wohl nicht mehr. Die Türen waren wohl aus den Verankerungen getreten worden. Benutzte die einzige Möglichkeit. Nur nichts anfassen. In Zukunft werde ich mit Freuden 70 Cent für die Nutzung von Toiletten bezahlen. Nie gab es auf dem Camino solche Ekelstätten. In den kleinsten, abgelegensten Bars waren die Sanitäreinrichtungen nicht nur heil, sondern auch sauber.

In der Busbahnhofshalle trafen wir den pummeligen Jungen, der die letzten 100 km laufen wollte, wieder. Weit ist er aber auch noch nicht gekommen. Wir verlassen das Gebäude und benutzen die Fußgängerbrücke über den Rio Bernesga. Wir fragten uns zur Kathedrale durch. Es scheint mehrere Wege dorthin zu geben. Mal links, mal rechts. Dann tauchten aber Hinweisschilder auf, denen wir folgen konnten. Kamen an einem 3-Sterne Hotel vorbei. Meine Bemerkung ein Hotel, schmetterte Wolfgang mit: „Ist doch viel zu teuer”, ab. Endlich erreichten wir die Kathedrale. Gegenüber befand sich die Información de Turistica. Dort holten wir uns das Wichtigste, einen Stadtplan. Man sollte die größeren Städte an den Wochenenden meiden. Mist, es war Sábado.

Samstag also. Wolfgang blickte auf den Plan, auf dem ganz viele hübsche blaue H´s in der ganzen Stadt verteilt sind. Sein Gesicht verwandelte sich wieder in das von mir über alles geliebte Fragezeichen. Wohin? Für die Hotel- oder Hostalsuche war es schon ziemlich spät. Wir umkurvten die Kathedrale, gingen an der Mauer entlang zum von mir ausgesuchten Hostal. Klar – komplete. Auf dem Rückweg stoßen wir auf ein Wellness- und Spa-Hotel. Es war warm und spät, jetzt sollte man nicht so wählerisch sein. Wir betraten den Wellnesstempel durch die große Glastür. Sie hatten nur noch einen Singleroom frei, das Bett hätte nur eine Breite von 1,20 m. 75,00 € würde die Übernachtung kosten. Bei der Mitteilung der Bettbreite sah uns die freundliche, junge Schöne etwas zweifelnd an. Hey Mädel, das ist nur der Rucksack, der uns so mollig wirken lässt. Na ja, nicht nur. Außerdem fand ich das Bett auch zu schmal für den Preis.

Immer mehr Menschen bevölkerten die Straßen von León. Schlug vor, außerhalb der Altstadt nach einer netten – vielleicht noch nicht entdeckten – Bleibe zu suchen. Vergiss es, wo kein H ist, gab es auch keine Unterkunft. Nun wurde ich aber ganz verwegen, ein P auf dem Plan wie Appartemento, las ich. Prima es war ein Parkhaus. Kein Appartementhaus, sondern da stand Aparcamiento. Es war wirklich sehr, sehr kleingeschrieben – Schriftgröße 4 vielleicht – fast nicht vorhanden. Um eine weitere Ecke gab es wirklich ein Schild Pensión und wir klingelten an der Haustür des mehrstöckigen Hauses. Verschiedene Essensgerüche schlugen mir in meine Nase. Sie wohnten hier wohl schon länger und luden täglich neue Geruchsfreunde dazu ein. Es war dunkel in dem Treppenhaus. Wir hatten schon zwei Stockwerke erklommen. Ich witterte noch andere Gerüche – Schimmel? – muffiger schwarzer Schimmel? – mir wurde schlecht und ich wisperte zu meinem Mann: „Ich geh hier keinen Schritt weiter.” Wir schlichen die Treppen hinunter und verließen dieses Etablissement.

Zurück in der Altstadt steuern wir das nächste H an. Ein Hotel mit la Confiteria, aber so was von Zuckerbäckerei, direkt mit Blick auf die Kathedrale. Im Vorbeigehen blieben meine Augen wie hypnotisiert an den Verkaufsvitrinen kleben. Hier will ich wohnen, schlemmen und mich wohlfühlen. Wir wohnten dort nicht und fühlten uns auch nicht wohl, klar, es war ausgebucht. Nun war es egal was, wie oder wo, alles außer P war in Ordnung. Wir gingen die Ancha hinunter und fragten im La Posada Regia ***Hotel nach. Freude, es gab noch ein Zimmer, weniger Freude, für lächerliche 97,20 €. Egal, wir waren von der Wärme und Suche so weichgeklopft, dass wir noch mehr gezahlt hätten.

Wir würden in einem Nebengebäude in einer Nebenstraße ein Zimmer haben. Na, da wird sich doch kein P verstecken? Nö, wir betraten ein mit wenig Antiquitäten, fast nobel aussehendes Untergeschoss. Der Fahrstuhl beförderte uns ins Obergeschoss. Ein gemütliches, sauberes, geräumiges Zimmer, auch gut zum ”Ausräumen” des Gepäcks, wartete auf uns. Endlich konnten wir unsere Rucksäcke loswerden. Fast möchte ich behaupten, dass die Pilgertage weniger anstrengten, als die sogenannten Ruhetage. Nach kurzem Durchschnaufer machten wir uns auf, um endlich unsere Getränkehaushalte aufzubessern und die Stadt zu erkunden. Natürlich schleppte ich meinen armen Mann zurück zur Confiteria, dorthin wo meine Augen noch klebten.

Wir fanden ein Plätzchen im Schatten vor dem Lecker-Café, mit Blick auf die Kathedrale. Ich ging in das Café, kratzte meine gierigen Augen von der Vitrine herunter und bestellte uns Café und zwei Kuchenstücke. Für mich war die Welt wieder in bester Ordnung. Ein Dach über dem Kopf für die Nacht, guten Café mit einer Nascherei und ”Kino” für die Augen. Der Vorhang ging auf. Ach nee, was sich hier alles in León in der Ancha tummelte. Die Ancha ist die Hauptstraße – eher Flanierstrecke – eines großen fast völlig für den Fahrzeugverkehr gesperrten Gebiets. Die Frau, aus dem abgelegenen Hotel in Isar, ging vorbei. Die Delfterkachelbluse sah ich um eine Ecke wehen. Auch die junge Frau, die den Mann begleitete, der beim Aufstieg auf den Alto de Mostelares an mir vorbei gehastet war, lief hier – alleine – durch die Gassen. Na wo war er denn, na wo war er denn – der kleine Angeber – hatte er Aua?

Wie erkennt man Pilger in einer größeren Stadt? Den ersten Blick lenke man auf die Schuhe. Als Beweis sieht man Sandalen, bestätigt wird die Annahme, dass es sich um Pilger handelt, wenn die Beine in Shorts oder Trekkinghosen stecken. Viele Ankömmlinge studierten noch mit irrigem Gesichtsausdruck den Stadtplan, auf der Suche nach einer Unterkunft - so wie es uns auch erging. Es war Samstag, Wochenende, ein Tag der Kommunion und Hochzeit. Festlich gekleidete Gesellschaften flanierten durch die Gassen. Die Mädchen, die wohl ihre Erstkommunion hatten, waren raus geputzt in Minibrautkleidern und trippelten vor ihren Gästen daher. Man zeigte sich der Stadt, denn sie querten die Straßen immer wieder. Wie die weiblichen Verwandten den Tag überstanden, möchte ich nicht wissen. Kopfsteinpflaster erschwerten das Gestöckel in den eleganten Pumps.

Nach unserer Erfrischung wollten wir die inzwischen geöffnete Kathedrale ansehen. Ich suchte vor der Kathedrale und in dem Eingang nach einer Kasse für den Eintritt. Nix, gab es nicht, kein Geld für die Besichtigung. Ungewöhnlich. Nicht nur das, hier konnte ich endlich wieder Kerzen für unsere drei Kinder anzünden und an sie denken. Richtige Kerzen. Mir gefiel diese nicht überladene im gotischen Stil erbaute Kathedrale sehr. Das einzige was mich hier störte, war ein Mann, der in einem Gang lauthals in sein Handy rief. Achtung und Anstand stecken immer seltener in Anzügen.

Wieder vor der Kathedrale setzten wir uns in den Schatten auf der Plaza Regla. Einige festlich Gekleidete standen auf dem Platz. Immer mehr Menschen in Abendgarderobe liefen hier zusammen. Richtig elegante Roben – geschmackvolle – nicht nur einfach Hauptsache lang oder so. Auch ich war neugierig geworden und dachte nicht daran mich zu entfernen – ich Spanner. Dann kam sie, die Braut, in einem rot-beigen Jaguar (Baujahr 1950-1957) angefahren. Beim Verlassen des Oldtimers lächelte sie freundlich den Menschen zu. Genau so muss eine Braut aussehen. Strahlend schön, in einem zarten Traum von Kleid schritt sie zur Kathedrale. Viele der Hochzeitsgesellschaft kamen verspätet an und hasteten zur Kirche. Bestimmt umkurvten sie stundenlang die Altstadt, auf der Suche nach einem Parkplatz. Als letzte ”Gäste?” betraten zwei Männer, mit großen Sonnenbrillen, grimmigem Gesicht, - lach – in lila und pinkigem Jackett die Kathedrale. Atmen durften sie wohl nicht, denn dann hätten ihre sich abzeichnenden Muckis die Jacken gesprengt. Mafiosi? Oder gefielen ihnen die Jacketts nicht? Beides? Ich weiß nicht.

Wir verließen den Platz und kabbelten uns derweil, was für eine Marke der Oldtimer hatte. Ich sagte Jaguar, sah man ja an dem Jaguar auf dem Kühler. Mein Mann behauptete, es sei ein Bentley gewesen. Er ist halt kein Autofreak und außerdem kann ich lesen. Wenn auf dem Heck Jaguar steht, wird es ja wohl auch einer sein - oder?

Es begegneten uns immer noch Schlafplatzsucher. Darunter auch viele Paare, mit und ohne Bici´s. Gut, dass keine Messer offen herumlagen, die Gesichter drückten den Bedarf einer Nutzung aus. Ob wir auf unserer Suche auch so aussahen? Ja, ja pilgern entspannt ja so – macht gelassen – zufrieden – auf die eine oder andere Weise glücklich! Zu unserem Glück fehlte ein gutes Essen. Wir wollten diesmal kein Pilgermenu einnehmen, nur ganz normal essen. In einer Gasse spielte eine Brass Band. Wir folgten der spaßigen Gruppe. Heute sollte das Endspiel der Champions League, zwischen FC Barcelona gegen Manchester United stattfinden. Die Brass Band hatte sich dafür verkleidet. Ein als Torwart Verkleideter ließ sich einen Filzball zuspielen und schmiss sich auf die Erde, um ihn zu fangen. Griff sich danach den Minipokal und die Band spielte tanzend weiter durch die Gasse, in der sich Bar an Bar reihte.

Wir betraten eine gemütlich aussende Pinte. Nur leider konnte man dort nicht speisen. Nein, in der ganzen Straße gab es nur Bar´s, die unserem Verständnis nach auch nur Bar´s waren und Getränke verabreichten. Ließen die Gasse und die Brass Band hinter uns und gelangten an einen Platz, an dem die Restaurants ihren Sitz hatten. Steuerten dann eines an, dass mit Spaniern bevölkert war. Ließ meine Augen über ihre Teller kreisen, hm – ja, sah gut aus und wir setzten uns. Der Camarero musste den Tag wohl noch lange arbeiten. Er schonte sich für die späteren Stunden und ließ uns lange warten. Wir waren aber wie immer zäh und blieben sitzen, bekamen dann doch die Karte zum Bestellen. Was ich essen wollte, war schnell klar, Pulpo und für Wolfgang sollte es die Spezialität des Hauses geben. Da tanzte auch schon die Brass Band an. Wenn sonst eine Truppe in Fußgängerzonen spielt, geht sie einem nach fünf Minuten auf den Keks. Diese Gruppe war aber so gut, dass man ihnen gerne weiter zuhörte und bei ihren Witzchen mit den flanierenden Menschen zusah.

Die Kommunionsgesellschaften stolzierten immer noch die Stadt ab. Auch ein Brautpaar, mit Anhang, bereicherte den Platz. Es musste nach dem prompt von der Band gespielten Hochzeitslied eine Tanzeinlage bieten, bevor sie weitergehen durften. Auch ein Junge in einem Matrosenanzug, wurde von seinen Kommunionsgästen begleitet. Nie und nimmer hätte ich meinen Sohn in diesen Anzug bekommen. Er hätte seine Fingernägel in einen Türrahmen festgerammt, um ja nicht auch nur ein Bein in so einen Anzug stecken zu müssen.

Weiter erfreute die Brass Band auch die Gäste der Restaurants. Gedankt wurde ihnen durch die Wirte, die ihnen Getränke und gebackene Rollen brachten, nicht damit sie aufhörten und weiterzogen, sondern blieben. Was mich wunderte, das Fußballspiel hatte doch schon begonnen, wieso sahen sie sich das nicht an? Lag es vielleicht daran, dass die Katalanen nicht so mit denen aus Kastilien können? Hui – unser Essen kam. Ein berauschender Duft nach Gewürzen und Knoblauch betäubte meine Nase und kurz darauf meinen Gaumen. Gut gewählt. Der arme Wuschi saß vor einem Teller mit in vier Quadraten aufgeteilter Mitschematsche. Traurig blickte er auf den Teller – schlecht gewählt? Hm - ja.

Ich glaube, ein Pilgermenu hätte ihm besser gefallen. Trotz der lustigen Stimmung verließen wir den Platz, um uns die zweite Halbzeit des Fußballspiels anzuschauen. Nach längerem Umsehen entdeckten wir einige Lokale, vor denen Fernseher aufgebaut waren. Setzten uns in eins, wo man noch einen Blick auf den Bildschirm erhaschen konnte. Was wollten wir denn hier, es war ein Irish Pub. Um uns herum saßen gelangweilte Jugendliche, aha, die gab es auch in Spanien. Es machte auch nix, dass der Schönling, der vor mir saß, sich ständig in den Kopf seiner Freundin verbiss oder an seinem Haar herumzuppelte. Wunderschönes Haar, schwarz, dicht gewachsen und so geschnitten, dass eine Turmfrisur entstanden war. Dieses Türmchen wackelte immer vor dem Bildschirm. Machte auch nicht wirklich etwas aus, denn das Spiel war so was von schlecht. Vor dem Ende, als klar war, dass die Brass Band nicht umsonst gespielt hatte und die Spanier gewinnen würden, gingen wir lieber in das Hotel.

Wolfgangs Bein erzählte noch keine, es geht mir wieder gut, Geschichten und so wollten wir auch noch den Sonntag in León verbringen. Ein weiterer ”Ruhetag”. Aus unserem Hotelfenster blickte man nur auf marode Dächer, keine Straße, also auch kein Lärm. Wieder zufrieden an der frischen Bettwäsche schnüffelnd, in der Ferne hörte man nur einige Böller knallen, schlief ich in dem prinzessinnengerechten, erbsenlosen Bett ein.

Gut ausgeschlafen wollte ich am nächsten Morgen auch den Luxus des Hotels in Anspruch nehmen. Den Föhn. Dazu meine Hair Conditioner – Sheets -, die meine Tochter mir für die Reise geschenkt hatte. Bisher hatte ich ab und an mal ein Blättchen über meine Haare gestrichen, war nicht so wirklich wirksam. Wir waren in einer Stadt und ich wollte ordentlicher aussehen. Sonntag war auch noch. Also ein fiseliges Blättchen versucht in der Hand aufzulösen und den Sabsch in die gewaschenen Haare geschmiert. Ich schaltete den Föhn an, er war heiß – sehr heiß. Leider zu heiß, denn ich hatte nicht nur eine Knallbirne, sondern auch einen Sonnenbrand auf der Kopfhaut. Nun hätte ich auch Grund zum Jammern gehabt, nicht nur weil die Haut brannte, auch weil die Spülung Erfolg hatte. Meine Frisur saß – eher nicht – die Haare hingen schlaff herunter. Denn eben keine positive Veränderung. Pah – Pilgerin.

Wir genossen ein ungewohnt gutes Frühstück. Packten danach unsere Bündel und wollten das Hotel wechseln. Wenn wir noch vier Wochen unterwegs sein wollten, kann man nicht immer so üppig wohnen. Suchten uns auf dem Plan das Boccalino **Hostal aus. War uns aber mit 67,50 € (ohne Frühstück und wahrscheinlich IVA) zu teuer. Für die geringe Einsparung hätten wir das Hotel nicht wechseln müssen. Landeten in einem *Hostal, konnte man ja auch mal probieren. 50,00 € ist in Ordnung. Na gut, es war karg, aber für eine Nacht. Wolfgang meint ja immer, er braucht keinen Luxus. Er konnte zufrieden sein, denn den gab es hier auch nicht. Egal.

Sehr träge verging dieser Tag. Sonne war am Morgen aus, viel laufen wollten wir auch nicht. Sonst kam dieses Bein ja nie zur Ruhe. So hüdelten wir von einem Café zu einer Bar in der Ancha. Es begann zu regnen. Die Polizei zeigte immer wieder ihre Präsenz in der Fußgängerzone. Manchmal rasten sie auch mit Ton und blinkendem Blaulicht durch die Gassen. Dann hüpften die sonntagsfein Gemachten schnell in einen Eingang.

Der Regen hatte aufgehört und wir machten uns auf die Suche nach ein büsschen Grün, der Parkanlage Jardines El Cid. Es war wirklich nur wenig Grün, dazu noch eingepfercht von einem Bauzaun. Toll, der Teil, der nicht eingegattert war, lud auch nicht zum Verweilen ein. Vor dem ”Park” trafen wir auf einen Rheinländer, der in dem gleichen Bus nach León gefahren war und setzten uns zum Schnacken auf eine Mauer. Er hatte das gleiche Leiden wie Wolfgang, trifft wohl nur die zartesten Männerbeine. Der Rheinländer will seinen Camino abbrechen und am nächsten Tag mit dem Zug bis Frankfurt fahren. 36 Stunden wird er unterwegs sein. Ich schielte auf Wolfgangs Bein, setzte dann den bösen Blick ein, unterstützt von dem Gedanken: Trau dich bloß nicht. Die Aussicht auf eine solange Bahntortur deprimierte mich. Wir verabschiedeten uns ohne ¡Buen camino!

Mir war langweilig, was unternimmt man dagegen? Man gönnt der Seele etwas Schönes, damit sie Ruhe gibt, füttert man sie. Schlenderten zurück zur Confiteria und bestellten uns dort die Leckerei meines Lebens. Ein ca. 8 cm langes, 5 cm hohes und breites ”Teilchen” aus Eiweißcreme. Diese Zuckerbäckerei hatte den idealen Standort, mit Sicht auf die Kathedrale. In Deutschland reicht die gute Lage, da muss man nicht auch noch gut schmeckende Ware anbieten. Anders in diesem Café, meine Geschmacksknospen plapperten zufrieden, besser geht einfach nicht. Wir orderten ständig Getränke nach, nur um an diesem Ort weiter verweilen zu können. Ließen nur die Augen umherwandern.

Auffällig viele Kinderwagen und –karren wurden durch die Stadt geschoben. Kaum eine Familie hielt sich nicht an einem Gestänge fest. Der Hightech Anhänger machte bestimmt Freudensprünge, wenn er diese bis ins kleine Detail durchdachten Transportmöglichkeiten sah. Überrascht hatte uns die Vielzahl von Spielwarengeschäften, da lagen auch mal zwei Geschäfte direkt nebeneinander. Und Süßwarenläden, die wurden auch mit Begeisterung besucht. Die dort gekauften Riesenchips wurden in große, durchsichtige Beutel verteilt und auf der Straße verzehrt. Man stellt ja Chips essen mit dick sein gleich. Stimmte hier aber nicht. Vielleicht weil das Sofa zum Drauflegen fehlte?

Die Frankfurter kamen um die Ecke spaziert und setzten sich zu uns. Der dünne Mann war von dem Hotel in Sahagún, das sie extra vorgebucht hatten, nicht begeistert. Ach, das Personal war nix, der Ort war nix, die nächste Etappe war auch nix und überhaupt war alles nix. So sind sie gleich am nächsten Tag wieder in den Bus gestiegen, um auch bis León durchzufahren. Ich verkniff mir die Frage, ob denn ausschlafen auch nix war. Sie waren nun im Boccalino untergekommen.

Die Beiden hatten Hunger und fragten uns, ob wir gemeinsam irgendwo essen gehen wollen. Ich war noch eiweißpappensatt und die Uhr an der Kathedrale zeigte erst 18.00 Uhr an. Wir stimmten aber zu und einigten uns darüber, das Pilgermenu den Tag mal nicht sein musste. Oberschlau erzählten wir, dass wir wüsten, wo sich die ganzen kleinen Restaurants befanden. Latschten gemeinsam durch die Gassen, bis wir den Platz, den wir am Vorabend besucht hatten, erreichten. Was war denn hier los? Nicht ein Stuhl oder Tisch stand dort. Wie leer gefegt war der Platz – Stille - das totale Nix!

Hm – war es zu früh – hm – ja. Der Frankfurter meinte, zu ihrem Hostel Boccalino gehöre auch ein italienisches Restaurant, das nur um die Ecke läge. So zuckelten wir in die andere Richtung zurück. Blickten auf dem Weg noch nach links und rechts. Alles noch geschlossen. Als wir an dem Lokal ankamen fing es an zu tröpfeln. Auf der Terrasse gemütlich sitzen war nun auch nix. Die Frankfurterin entdeckte einen anderen Pilger und meinte: Oh hoffentlich will er nicht auch hier essen, es würde schon reichen, dass er in dem gleichen Hostal seine Unterkunft hatte. Er würde sie immer dumm und dusselig reden, dazu hätte sie keine Lust. Vom Sehen kannten wir ihn auch. Er trug immer eine Kombination in Khaki, kurze Hose – kurzärmliges Hemd, dazu ein Tarnfarbenkäppi und einen passenden Bundeswehrrucksack. Zur Perfektion hatte er eine Deutschlandfahne an seinem Rucksack baumeln.

Wir betraten das Restaurant, wo schon einige Spanier ihre Getränke süffelten und setzten uns an einen im hinteren Teil stehenden Tisch. Die Bedienung erklärte, dass wir noch kein Essen bekommen könnten, es wäre schließlich noch nicht 19.00 Uhr. Diese Zeiten halten die ja so was von ein – es war nämlich 10 vor Sieben. So bestellten wir Getränke, die Männer Bier und wir Mädels Rotwein. Natürlich setzte sich der Lieblingspilger der Frankfurterin an den Nebentisch, er hielt aber die ganze Zeit den Mund. Vielleicht wollte er auch nur unseren Gesprächen lauschen.

Die Getränke wurden aufgetischt. Für uns Frauen gab es sehr schöne große Rotweingläser, in denen sich das Aroma voll entfalten konnte, denn das rote Pfützchen am Boden nahm nicht besonders viel Platz weg. Ach, eine Flasche, so wie bisher, hätte es auch getan. Der innere Gong des Lokals schlug zur vollen Stunde und wir bekamen auch die Speisekarten. Schnell hatten Wolfgang und ich gewählt. Klar, Pulpo als Vorspeise zum Teilen mit Wolfgang und danach nahm ich die Tagliatelle mit Käse-Walnuss-Soße. Der Frankfurter entschied sich für Pulpo als Hauptspeise. Vier Brötchen landeten in einem Korb auf dem Tisch für die Vorspeisen. Bevor das Essen kam, hatten wir unsere Gläser geleert und nachgeordert. Zwei Pfützchen mussten schon sein, damit man den Wein überhaupt schmecken konnte. Mit den Vorspeisen waren alle zufrieden, auch der Frankfurter. Vor meinem Mann und mir stand ein großer Teller mit sehr leckerem Pulposalat – schlemm.

Beide Frankfurter arbeiteten nicht mehr, mein Mann ja auch momentan nicht wirklich. Der Betrieb, in dem der Frankfurter tätig war, wurde geschlossen und so sein Arbeitsplatz vernichtet. Und dann kam die Frage an mich oder die Bemerkung zu mir, die mich den ganzen Camino schon so was von geärgert hatte. Ich würde ja wohl auch nicht mehr arbeiten. Doch – doch, ich arbeitete noch. Musste ganz schön die Hacken in den Teer hauen, um die sechs Wochen Urlaub herauszuholen. Mit Urlaubsverzicht im Vorjahr bis hin zu immensen Vorarbeiten. Außerdem machten mich diese Randbemerkungen alt – noch älter – pah.

Die Hauptspeisen landeten an. Meine Tagliatelle lagen in der Soße fast wie einzementiert. Schmeckte zwar, wurde aber der Vorspeise nicht gerecht. Mein Magen wunderte sich den Tag bestimmt über diese Überfütterung in Weiß. Beim Anblick seines Tellers rümpfte der Frankfurter sein Näschen. Piekte mit der Gabel hinein und stellte fest, es schmeckte ihm nicht. Der Pulpo sei nicht richtig zubereitet, noch gummiartig, also das war mal wieder nix.

Die Bedienung räumte nicht nur die Teller, sondern auch gleich mein Rotweinglas mit dem Arm ab. Nun erkundete das rote Pfützchen die Tischdecke. Ich hatte aber eine neue Glasbodenbedeckung bekommen, die ich mir mit der Frankfurterin teilte. Die zwei Brötchen im Korb, die Wolfgang und ich nicht angerührt hatten, verschwanden auch. Wir orderten mit der Rechnung noch Espresso oder Kaffee. Es kam die Rechnung. Ich warf einen ersten Blick auf den Preis – Donnerwetter – das war wahrlich kein Pilgermenu. Sah mich noch kurz in dem Lokal um, nö, edel war hier nix – außer der Rechnung. Ganz gewöhnliche Kneipeneinrichtung. Normal wäre ja fifty-fifty, aber so gut kannten wir uns nicht. Ich zückte meinen Stift und rechnete unsere Werte zusammen. Auch zwei Brötchen rechnete ich dazu. Sie standen mit 1,20 € pro Stück x 4 auf dem Zettel. Schaute mir den Endbetrag an, irgendetwas stimmte hier nicht. Der Frankfurter griff zu dem Beleg und rechnete die Speisen und Getränke zusammen, die er und seine Frau konsumiert hatten. Summierten die errechneten Beträge – es stimmte nicht. Wiederholung war angesagt – wir hatten uns nicht verrechnet. Ich schaute mir die Rechnung genauer an. Ganz klein stand da mein Freund IVA, die Umsatzsteuer.

Italiener, alles Mafiosi, da hatten sie auf der Speisekarte die Nettobeträge aufgeführt. Diese Entdeckung forderte eine Smoketime, eine Pause um den inneren Grummel ab zu lassen. Der dünne Mann und ich gingen vor die Tür. Nein ich ging nicht erst in die Küche, um wenigstens einmal meine Zähne in das Brötchen zu hauen. Der Khakimann tarnte unseren Weg, er folgte uns auffällig. Vor dem Restaurant fragte ich den dünnen Frankfurter, was er denn von Beruf ist. Ich hatte es schon geahnt, er war Bilanzbuchhalter. Man erschnuppert Berufsähnliche. Der dünne Mann war ein trauriger Mann, da saß er nun mit hängendem Oberkörper und fand alles blöd. Der Khakimann wollte auch mitmischen und stellte fest, die Leute haben selber Schuld, wenn ihre Beine wehtun, man dürfte die Stiefel eben nicht zu stramm binden, sondern die letzte Öse frei lassen. Und er fährt lieber Bus, als dass er ohne Urkunde nach Hause kommt. Was sollen denn seine Kameraden von ihm denken. War ja klar, dass er unsere Gespräche belauscht hatte – der Klugscheißer.

Zurück im Restaurant schlürften wir den jetzt lauwarmen Espresso, zahlten die überhöhte Zeche und mit der Einsicht, nie wieder Italiener in Spanien zu besuchen, zogen wir ab. Verabschiedeten uns und huschten durch den wieder pieselnden Regen zum Hostel.

Ruckzuck waren wir im Zimmer und bettfertig – schlaffertig. Einer von uns, hörbar. Saß vielleicht jemand auf dem Bauch und drückte darauf, wie bei einem Teddybären. Nur war es kein zartes, kinderbegeisterndes Brummen. Aus dem Nebenbett erschwoll ein tiefes, gefährlich klingendes ”Sägen”. Der Prinz wollte die Prinzessin nur verteidigen.

Neben meinem Bett war das Fenster, ein nicht feststellbares Schiebefenster. Das Fenster führte zu einem Laubengang. Jeder, der das Nebenhaus betrat, konnte über diesen Gang einsteigen, bei mir direkt in mein Bett. Das machte mich nicht schläfrig. Das um die Wolldecke geschlagene Laken war dünn. Die Prinzessin spürte die Erbsen, nur fühlte es sich an, als wenn die Erbsen klitzekleine, kratzepikse Krabbelbeine hatten. Die Geräuschkulisse wurde kräftiger ”geschoben”. Entnervt stand ich auf, pulte mein Seideninlett aus dem Rucksack heraus und wröngelte mich darin ein. Aber die Prinzessin schlief einfach nicht ein.

León - Abmarsch

Von einem gefühlten Nichtschlaf war ich am nächsten Morgen aufgewacht. Gereizt blickte ich umher und erkundigte mich nach dem Bein. Noch keinen Deut besser. Alle Gereiztstoffe versammelten sich in meinem Hirn und brüllen in meinem Kopf: Es gibt keinen weiteren Ruhetag – Ruhetage machen mich ”unruhig”. Sprang aus dem Kratzebett und entblößte zornig das Bein. Das Ossobuco schlug zurück. Eine am Knöchel befindliche straußeneigroße Beule leuchtete mir entgegen. Das ganze Bein und der Fuß waren aufgequollen, trotz Pillen.

Meine in diesem Moment nicht mehr denkfähigen Kopfimpulse rasten auf der falschen Seite der Autobahn. Ungebremst tobte ich zu meinem Rucksack, riss mein Notizbuch heraus, griff mir die gefüllten Seiten, zerfetzte sie mittig und schmiss sie in den Mülleimer. Schluss – aus, sagte ich, wir fahren nach Hause. Da saß er nun, mein unglücklicher Mann. Sehr – sehr traurig meinte er, er hätte mir alles verdorben. Nun hätte er begriffen, warum ich alleine gehen wollte. Ich hätte es ihm eindringlicher sagen sollen, dass ich alleine laufen möchte. So anstrengend hatte er sich den Camino nie vorgestellt. Ich könnte doch alleine weitergehen. Oder wir könnten ja so ungefähr 6 km laufen und dann wieder mit dem Bus weiterfahren. Das war für mich aber kein Pilgern, das funktioniert einfach nicht. Wir heulten uns gemeinsam aus.

Der nüchterne Verstand in mir meldete – hey – die Rucksäcke sind so gepackt, dass wenn einer von uns nicht mehr kann, der andere seinen Weg weiterläuft. Wie oft hattest du ihm bei den Vorbereitungen gesagt, du willst alleine laufen, er hat einfach nicht zugehört. Lauf weiter. Das Herz mischte sich ein – hast du nicht ein beneidenswertes Leben? Geht ihr nicht seit vielen Jahren gemeinsame Wege? War nicht immer der eine für den anderen da? Was ist wichtig? Hättest du all diese Erlebnisse gehabt, wenn du alleine gepilgert wärst? Erinnere dich an das wundervolle gemeinsame Schweigen auf dem Weg, den Gleichklang der Schritte und Gedanken. Wolltest du auf dem Camino nicht das Wichtige von dem Unwichtigen trennen? Kann man auch anders ankommen? Der Verstand nickte nur bei den Fragen – genau – genauso ist es.

Friedlich schweigend packten wir unsere ”Päckchen”. Frühstückten erst in einer Bar und machten uns auf, Richtung Busbahnhof. An einer Bushaltestelle für Linienbusse, trafen wir die junge Stretching-Französin, sie wollte die nächste Strecke weiter mit dem Bus. Also Stretching macht auch nicht fitter. Sie meinte, wir müssten uns unbedingt noch das *****Paradorhotel, dass in einem Teil des Klosters San Marcos ist, ansehen. Wir liefen die Gran Via de San Marcos hinunter. Sicher, die Straße führte zum Kloster San Marcos. Sie erinnerte aber eher an Imelda Marcos, hier gab es fast nur Schuhläden. Oder hatten sie sich alle hier niedergelassen, weil Imelda so gerne in ”ihrer Straße” die Schuhe kaufte?

Wir wollten aber zuerst am Busbahnhof wissen, wann denn ein Bus nach Bilbao fährt. Landeten am Plaza de la Inmaculada, ein Kreisverkehr. Von diesem Kreis zweigten viele kleine Straßen ab. Wir überquerten die Straßen an diesem Rund. Noch eine Ampel, die nächste Querstraße und weiter ging es. Ich stutzte – komisch. Die Leute, die in einem Café saßen, kannte ich schon. Vom Sehen oder Vorbeigehen.

So hatten wir auch unseren ”Kreisverkehr” erledigt. Das Erkennen von Straßennamen war in Spanien nicht so einfach. Manchmal war ein Keramikschild am Haus an der Straßenecke angebracht oder auch nicht. Um es lesen zu können, musste man direkt davor stehen, dann seine Augen in 3 Meter Höhe beamen, um den Namen zu erkennen. Wir sahen aber dann am Ende der Avenida de Roma die Fontäne des Springbrunnens, der von Blumenbeeten umrankt, den nächsten Kreisel schmückt. Taperten auch durch diesen Kreisverkehr und weiter über die Brücke des Rio Bernesga zum Busbahnhof.

Um 8.30 Uhr lösten wir unsere Billete nach Bilbao für 24.33 € pro Person. Ich staunte immer wieder über die günstigen Fahrpreise. Hm – der Bus fuhr erst um 15.15 Uhr. Da blieb uns noch eine Menge Zeit zum Vertrödeln. In dem Bahnhof gab es auch Schließfächer. Stopften unsere Rucksäcke hinein und versuchten den Nutzungs-Anweisungen zu folgen. Na ja, soweit wir sie verstanden. Ach man - wir hatten sie nicht verstanden und konnten das Gepäck wieder herauszerren. Dinge die man nicht mehr braucht können ganz schön lästig werden.

Nichts erinnerte mehr an den nächtlichen Regen und die angenehme Kühle des Morgens. Die Sonne brutzelte die Temperaturen wieder schön hoch. Liefen zurück über die Brücke um uns vor einer Bar am Springbrunnen-Kreisel einen Café zu gönnen. Na und? Wer lief dort ohne Gepäck über die Brücke? Der Khakimann. Wir beschlossen am Fluss entlang zum Parador bzw. Kloster San Marcos zu laufen. In dem Fluss sind kleine Stufen angebracht, bestimmt um das Wasser in Bewegung zu halten. Nach einigen Metern war die Luft aber wieder raus und das Wasser dümpelte nur noch. Viel Unrat blieb vor der nächsten Stufe gefangen.

An der Plaza San Marcos vor dem Parador angekommen, will ich aber nicht hinein. Ich habe keine Lust, mir den Luxus von innen anzusehen. Denn ich hatte noch eine neue Begleitung – von den Mafiosi – einen noch dickeren Fettfleck – genau dazwischen. Der Platz San Marcos ist riesig und so was von adrett. Die Büsche in Kastenform geschnitten, die Blumen in Reih und Glied, elegante Pflasterung mit eingelegten Minispringbrunnen. Das steht alles vor diesen wunderschönen Klostergemäuern und hat für mich eine HafenCity-Ausstrahlung. Also keine - außer Kälte - nix. Die Uhr bewegte sich nur schleppend vorwärts, wir uns auch, wieder zurück zur Bar an den Kreisverkehr. Wir hatten keine Lust mehr durch die Stadt zu laufen.

Kaum hatten wir bestellt, erkannten wir jemanden, der über die Brücke lief. Na klar, der Khakimann. Er zeigte wieder Flagge, denn die Deutschlandfahne wehte von seinem Rucksack. Sein Bus fuhr wohl eher – es ging ja auch in die andere Richtung. Wir hatten noch so viel Zeit. Hier beobachtete ich etwas, was mich schon oft in León irritiert hatte. Sehr viele Frauen rauchten im Gehen auf der Straße, auch die Elegantesten, so als wollten sie mitteilen: Wir lassen uns hier nichts verbieten.

An den Ampeln wurde immer angezeigt, wie lange die Fußgänger warten mussten und auch, wie lange sie laufen konnten. Darunter ein Ampelmännchen. Bei 60 Sekunden trabte das grüne Männchen ganz - ganz gemütlich und wurde dann immer schneller. Während der letzten 20 Sekunden rannte es richtig. Mit Rollator ging dann aber nix mehr.

Die Kinderkarren wurden an diesem Montag teilweise leer transportiert. Eine, war vorne gebaut wie ein Dreirad, in hellblau, wurde so schnell geschoben, dass mir vom Betrachten der sich drehenden Pedalen fast schummerig wurde. Spinning für Kleinkinder. Ach, wenn die Uhr sich doch auch so schnell drehte, aber sie schlich nur um das Ziffernblatt. Und wir schlichen zum Fluss, wo es recht wenig Plätzchen gibt. Nur vor einem interessant angelegten Spielplatz gab es Bänke in der Nähe des Wassers. Ein zartes, junges Mädchen trainierte Basketball, geschmeidig umrundete sie sich selbst und brillierte mit gelungen Korbwürfen. Ihr Minioberteil ließ den Blick frei, auf die durchtrainierte Bauchmuskulatur. Ein ca. vierjähriger Junge ließ sein großes Auto mit Rückziehmotor über eine Mauer flitzen, dann versuchte er es am Mauerende aufzufangen. Meistens war das Auto aber schneller und fiel hinunter. Beide spielten ihr Spiel, fast wie selbstvergessen. Dann drehte sich der kleine Junge zur Basketballspielerin um und rief Mama ……… (den Rest hatte ich natürlich nicht verstanden)sie antwortete und beide setzten ihr Spiel fort. Donnerwetter – Mama!

Wir spazierten weiter, über eine Fußgängerbrücke, die über den Fluss direkt zum Busbahnhof führt. Dort angekommen, musste ich schon wieder und dachte, dass es bei Restaurants vielleicht ja bessere Toiletten gibt. Ein schwerer Irrtum, leider genauso versifft wie die auf der anderen Seite. Hin zum Abfahrtsgate, der Bus kam endlich und ich fragte den Busfahrer, wie lange wir denn nach Bilbao fahren. Oh – och nee – unglaubliche sechs Stunden.

Wir hatten Plätze an der rechten Seite, super, ich mag das. Nahm natürlich den Fensterplatz ein. Pünktlich startete der gut gefüllte Bus. Wir waren wohl die einzigen Pilger. Es war ja auch die falsche Richtung. Kein Gesabbel – eine herrliche Stille. Auf der Fahrt konnte man nur ganz wenige Pilger noch ihren Camino ziehen sehen. Klar, es war ja schon Nachmittag. Immer wenn einer in Sicht kam, ruckte ich hoch, um ihm so lange wie möglich mit den Augen zu folgen. In Carrión de los Condes, wo wir vor zwei Tagen in den Bus eingestiegen waren, machte der Busfahrer 5 Minuten Pause. Ich nutzte die Gelegenheit, um auch den Bus zu verlassen – Smoketime – das brachte mir einen bösen Blick des Busfahrers ein – pah – war mir wurscht.

Nun begann die Strecke, die wir gepilgert waren. Ich betrachtete im Vorbeifahren Wege, Orte, Besonderheiten, die wir zu Fuß abgestiefelt waren. Es machte mich auf der einen Seite stolz, aber auch traurig. Meine linke Hand wurde gegriffen und zart gestreichelt, es ging mir nicht alleine so. Auch darüber mussten wir nicht reden.

In Burgos legte der Busfahrer eine 30-minütige Pause ein und alle mussten – hüstel oder durften – den Bus verlassen. Schoben uns dort in einem Café ein mäßiges Bocadillo zwischen die Zähne und warteten. Blasen sind nicht gut, habe zwar keine an den Füßen, aber eine andere. Suchte wieder ein WC. Hatte ich erzählt, dass die sanitären Einrichtungen in León unter aller Würde sind? Bis dahin hatte ich in Burgos in dem Busbahnhof noch keines betreten. Es gab in dem Bahnhof nur ein WC. Oh my Good, schlimmer geht immer. Es gibt sonst in jeder Einrichtung ein kleines Eimerchen für die weiblichen ”Hinterlassenschaften”. Hier nicht, sie wurden einfach in die Ecke geschmissen und nicht nur eine – brech!! Wo ist meine Pippirinne und ein Wald?

Wolfgang erzählte von dem Besuch des Herren-WC´s auch nichts Nettes. Endlich konnten wir wieder in den Bus steigen und ab ging die Post Richtung Bilbao. Kurz hinter Burgos verließen wir die Strecke des Caminos – schade. Es war immer noch entspannend ruhig im Bus. Wir machten ein kleines Nickerchen. Als ich vom Dösen aufwachte, beobachtete ich in dem Rückspiegel den Busfahrer. Auch er war müde, gähnte, schaute auf die Uhr, blickte zu Boden und sah dann wieder auf die Straße. Da sein Hinuntersehen auch verwechselt werden konnte, mit kurzem Einschlafen – war ich spontan so was von hellwach. Mit der Dämmerung setzte Regen ein, an den Bergen hingen tiefschwarze Wolken, die noch größere Wassermassen ankündigten.

Zum Glück hielt der Busfahrer durch und befuhr sicher die Straßen von Bilbao. Auf dem Weg zum Busbahnhof versuchte ich Hotels zu entdecken. Meinte dort – dort ist eines. Na ja, ob wir das wieder finden. Wir landeten um kurz vor 21.00 Uhr in Bilbao. Ergatterten an dem Bahnhof noch einen Stadtplan. Diskutierten noch nicht einmal darüber, ob wir um diese Uhrzeit noch eine Unterkunft bekommen. Das war auch neu! Verließen den Bahnhof. Wir mussten nur einen Zebrastreifen überqueren und standen genau vor dem Hotel, dass ich aus dem Busfenster gesehen hatte. Prima.

Es winkte uns mit der schön anzusehenden Glasfassade zu. Sie gab auch den Blick in die dazugehörige Bar frei. Entspannt fragten wir nach einem Zimmer, noch besser, wir bekamen ein Doppelzimmer und liefen mit dem Schlüssel in die obere Etage. Hm - *** für dieses Hotel? Für die Eingangsfassade vielleicht? Seit 1960 war wohl an diesem Zimmer nichts verändert worden. Egal, morgen sind wir hier weg. Ab in Bett. Stopp – sprang locker zu meinem Rucksack und pulte meine Ohrstöpsel aus den Utensilien. Stopfte sie tief in meine Ohren und schlummerte ganz schnell ein. Man, was war ich die ganze Zeit dusselig gewesen, dass ich die völlig vergessen hatte.

Am nächsten Morgen, ich hatte sehr gut geschlafen, sammelten wir wieder alles ein und wollten in dem Hotel frühstücken. Ja, wir sollten in die Bar gehen. Auf dem Tresen stand eine durchsichtige Tortenhaube, unter der sich zwei Bocadillo mit Jamón befanden. Es war unser Frühstück. Sie wurden uns auf einer Untertasse, mit einem Café serviert. Diese Brötchen mit Schinken, waren so klitzeklitzeklein, dass noch fünf ”Geschwister” auf dem Teller Platz gehabt hätten. Aber dafür steckte noch ein Zahnstocher in ihnen, vielleicht, damit Fehlsichtige sie besser ertasten konnten. Außer uns als Gäste, schien dieses Hotel unbewohnt zu sein. Als Krönung durften wir für dieses ”sättigende Frühstück” auch noch 9,60 € extra bezahlen. Dieses Hotel Estadio werden wir wohl nicht noch einmal besuchen und wenn, bestimmt ohne Frühstück.

Ein trüber Regentag begrüßte uns, als wir das Hotel verließen. Für den kurzen Weg zum Busbahnhof wurde ich lieber nass, als dass ich ausgerechnet am letzten Tag, meine weiße super Extremsportjacke opferte. So huschten wir über den Zebrastreifen zum Busbahnhof. Schnell hatte ich in perfektem Spanisch die Billete bestellt. Der Bus zum Flughafen fuhr kurze Zeit später mit uns zum Airport. Im Flughafen rauschten wir sofort zum Lufthansa-Schalter und legten unsere Tickets auf den Tresen, um sie stornieren zu lassen und uns neue Tickets Bilbao – Hamburg zu kaufen. Die Dame am Schalter tippte auf der Tastatur und schaute auf den Monitor, tippte und tippte.

Während sie die Tastatur intensiv beschäftigte, scherzte sie mit ihren Kolleginnen. Leider konnten wir nicht sehen, was auf dem Monitor so lustig war. Dann wurde sie ernst und erzählte uns eine Menge. Wir verstanden nix. Eine Lufthansa-Mitarbeiterin, die ein büsschen Deutsch sprach, erklärte uns, dass wir den Flug nicht umbuchen könnten. Nur in Santiago de Compostela hätten wir umbuchen können. War uns schon klar, wir wollten nur diese Rückflüge freigeben und neue Flüge nach Hamburg buchen. Nach langem Gewese hielten wir unsere Tickets, mit Start um 13.30 Uhr, in den Händen. Bei der Gepäckaufgabe mussten wir unsere Stick´s wieder aus den Seitentaschen nehmen. So was lässt man nicht zurück. Jeder bekam einen Gepäckanhänger, meine Bemerkung: Wenn das man gut geht, wurde mit einem Lächeln und der Erwiderung: „Bei der Lufthansa geht nichts verloren”, beantwortet. Da lagen unsere “Camino-Stützen“, einsam und jeder für sich alleine, auf dem Rollband und folgten den Rucksäcken.

Mein Freund ”Warten” schlich mit uns um die Uhr, schon fast ein treuer Begleiter. Der Flughafen von Bilbao liegt sehr abseits und auch in dem Gebäude, das zurzeit umgebaut wird, gab es nichts Sehenswertes – noch nicht einmal einen Schuhladen oder so. So blieb nur das Abfluggate und da waren sie, die Geschäftsreisenden. Nicht ein Fluggast hatte unser legeres Outfit. Überwiegend waren sie in der Dressman-Version, bis in die blankgewienerten Edelschuhspitzen – eben Willi-Wichtig. Dieser Hinweis: Sie können nur ein Handgepäckstück mitnehmen, prallte an ihnen ab. Jeder schleppte einen Trolley und eine übergroße Laptop-Tasche mit sich. Wir brauchten nur unsere, in den Wanderklamotten steckenden Körper, in das Flugzeug bugsieren.

Es wurde Zeit, ab in den Flieger. Gar nicht sooo einfach. Da standen sie nun, schwitzend, bei den Versuchen ihr ”Handgepäck” in den Fächern unterzubringen. Die Stewardess schüttelte ihr hübsches Köpfchen, nein, mehr passe nicht hinein. Einige Schuhe konnten ihre Ledergerüche mit den zwischen ihnen stehenden Trolleys während des Fluges vermischen. Start mit 15 Minuten Verspätung. Der Steward meldet sich über das Bordmikro. Leider wäre in Frankfurt ein Fehler bei der Bestückung der Snacks entstanden. Sie hätten für 120 Gäste nur 80 Snacks. Er bat darum, dass diejenigen, die ein gutes Geschäftsessen oder so eingenommen hatten, doch bitte auf den Snack zu verzichten. Sie würden vorne mit der Austeilung beginnen und wenn die Snacks alle sind – dann sind sie eben alle. Basta. Trotz unseres üppigen Frühstücks verzichteten wir. Der Amerikaner neben uns, der sich eine DVD auf einem Player ansah, auch. Die Fluggäste auf der anderen Gangseite nicht. Einer packte den Snack aus, sah ihn sich an und legte ihn auf das Tablett, ließ ihn liegen. Hey – für Leute wie dich, hatten wir verzichtet.

Zwischen der Landung in Frankfurt und dem Weiterflug nach Hamburg, hatten wir nur 25 Minuten – laut Ticket. Durch die Verspätung in Bilbao schrumpfte die Zeit auf 15 Minuten bei der Landung. Ich konnte das Gate A 20 erkennen, na, das schaffen wir noch, mussten wir doch zum Gate A24, kann doch nicht so weit sein. Die Busse kamen und luden uns ein. Wir wollten weiterfliegen und keine Flughafenbesichtigungstour machen. Das wusste der Busfahrer aber nicht. Wir durften am Gate C 160 den Bus verlassen und rannten wie die Besengten durch diesen Riesenflughafen.

Wir jagten durch Gänge und über Laufbänder, auf ”Beinweh” wurde keine Rücksicht genommen, später vielleicht, werde ich mein Bedauern aussprechen – oder auch nicht. Abgehetzt landeten wir am Gate A 24. Bei unserem Tempo konnten die Trolley-Besitzer nicht folgen, sie werden wohl den Flieger verpassen, falls sie nach Hamburg weiterfliegen wollten. Harndrang. Vor dem Gate, einsteigebereit, stehen nur noch vier Personen. Ich überlegte rechts zum WC oder ab zum Einsteigen. Mit dem Gedanken, ach wir fliegen ja gleich, lasse ich die Toilette rechts liegen und wir stiegen in das Flugzeug ein.

Bei der Begrüßung der Stewardess bekommen wir noch einen Minischokoriegel in die Hand gedrückt. Angeschnallt und nun aber ab. Da erklang über das Bordmikro, die wie üblich, leicht näselnde Stimme des Stewards: „Meine Damen und Herren, da der Luftraum über Deutschland überfüllt ist, werden wir mit einer Stunde Verspätung starten”. Wie blöd war das denn, dann hätten sie uns ja nicht schon festschnallen müssen. Man hätte in Ruhe die Örtlichkeiten besuchen, sich etwas zum Essen holen können und so saßen wir sinnlos herum. Toll. Ein Passagier stand auf und ging zur Toilette. Ich beneidete ihn. Ich möchte auch, traute mich nicht und verzehrte den Schokoriegel. Mein Magen meldete den Eingang des Nahrungsersatzes nicht. Schleppend bewegte sich der Zeiger der Uhr vorwärts. Nach einer halben Stunde waren meine Blase und ich so fertig, dass ich aufstand und zum WC ging. Als ich wieder heraus kam, schauten mich viele Passagiere wütend an. Mit dem ”Rückblick”, Leute ihr seid mir so was von wurscht, setzte ich mich erleichtert wieder auf meinen Platz.

Nach dieser sehr langen Stunde hoben wir ab. Landeten in einer gefühlt kürzeren Stunde in Hamburg. Raus aus dem Flieger, hin zum Gepäckband. Unsere Rucksäcke kamen schnell und natürlich verdreckt an. Wer meint Schutzsäcke für den Flug seien unnütz der irrt sich. Haben die Flughäfen vielleicht extra einen Raum, wo das Gepäck durch eine mit Schmiere gefüllte Pfütze geschleift wird? Ein Stick kommt an. Wir warten, wir warten lange. Wollten auch nicht einfach gehen, nachher vermutete man, bei einem einsamen Stick, einen terroristischen Hintergrund. Außer uns und einigen einsamen Koffern, rührte sich hier nix mehr. Wir trollten uns zum Lufthansa-Schalter, um unseren ”Verlust” zu melden. Von wegen bei Lufthansa geht nix verloren. Ha!

Endlich konnten wir in der Ankunftshalle in die Arme unserer lange wartenden Kinder fliegen. Ins saubere Auto steigen und wieder ”landen”, in unserem Wohnort – in diesem ”Hüstel-Revier”. Jaul!!!

Anmerkungen

Bici-Marcus (den wir in Nájera getroffen hatten) hatte sich telefonisch gemeldet. Er konnte die Euphorie nicht beschreiben, die ihn in Santiago de Compostela ergriffen hatte. Was mich ganz besonders freute, auch der Josef hat es bis Santiago de Compostela geschafft. Bei ihm stellte sich das Glücksgefühl nicht so spontan ein. Er sei zuerst völlig fertig gewesen. Seine Fuß-, Bein- und Hüft/Wirbelsäulenprobleme überwogen. Er brauchte wohl einige Zeit um ”anzukommen”. Ach ja, oft hatte ich einen: Du wirst den Camino schaffen, Gedanken an ihn gesandt.

Nun bin ich den Camino, bzw. den Teil des Caminos, zwei Mal ”abgepilgert”. Erst in den Stiefeln und nun mit meinen Erinnerungen, die durch meine Fingerspitzen flossen. Jede Person existiert, jeder Gedanke so gedacht. Kein Blümchenkaffee, wo man sich das Aroma zusammenfantasiert. Selbst meine manchmal unnetten Gedanken habe ich nicht ”verschönert”. Ich hatte zwar meine Aufzeichnungen zerrissen, die paar Blättchen aber wieder aus dem sonst leeren Mülleimer gefischt und zusammen geklebt. Stand nicht wirklich viel darauf. Hallo, meine letzte längere Eintragung war in Estella verfasst worden. So habe ich meinen Kopf ”pilgern” lassen.

Meine inneren Augen sehen immer noch den Mohn, das Getreide, die Wiesen, auch die Schotterpisten, werfe entsetzte Blicke den Anstieg hinauf, rieche den Morgenduft, spüre die Hitze der Sonne, höre Gesabbel und das Klingeln der Bici´s, schmecke den Jamón auf dem Bocadillo, auch die Würze des Weins auf der Zunge spüre ich. Unvergessen, die Köstlichkeit von frischem kühlen Wasser. Sehe die Störche und höre die Vögel, besonders das Tschirpen der Schwalben. Die Gesichter und Stimmen der Menschen, der unterschiedliche Rhythmus der klickernden Stick´s, sogar an ihrem Gang würde ich die Pilger erkennen. Nichts hat seine Präsenz verloren.

Ich wollte auf dem Camino Wichtiges von Unwichtigem trennen. Muss man nicht erst wissen, was für einen wichtig ist? Ist das ganze Leben nicht ein Camino, laufen wir nicht unsere Lebensstrecke ab. Kommen wir nicht oft an einem ”Lebens-Ziel” an und stellen fest, dass wir uns verlaufen haben. Wieder einmal verrannt haben?

Auf dem Camino ist mir das Wichtigste begegnet. Die Begegnung mit der Natur und den Menschen. Ob mit den sehr reizenden jungen oder älteren Pilgern (natürlich waren für mich auch sehr ”aufreizende” dabei) – völlig gleich. Mir ist viel Wärme, Freude und auch seelisches und körperliches Leid begegnet. Einfach das Leben.

Das waren die intensivsten 18 Tage meines Lebens. So bleibt mir nur noch Danke zu sagen, allen, die mir begegnet sind und wenn es auch nur ein kurzes zugerufenes ¡Buen camino! war. Jeder war und bleibt für mich sehr – sehr wichtig!

Einkaufszettel: Neue Regenjacke (kein weiß), bequeme Sandalen, Trinkschlauch.

Natürlich möchte ich Euch, die diese Zeilen lesen mussten, auch ein dickes fettes Danke schicken – für Eure Geduld. Ich umarme Euch – wieso heul ich jetzt?

2012

Neustart und wie man dazu kommt

Es war Mitte April und ich hatte das dringende Bedürfnis, meinen derzeitigen Wohnort – auch Lebensmittelpunkt genannt – jaul - mal eine Weile nicht zu sehen. Fast ein Jahr ist es her, dass Bargteheide meine Hacken betrachten durfte. Dauernd fragte ich meinen Mann: Was wollen wir denn im Mai machen? Als Antwort erhielt ich: Weißnich. Wo, wer oder was ist bloß “Weißnich“? Ist es ein Land, ein Ort oder ein Mensch? Nein, es war das von mir überaus Geliebte: Ich weiß es nicht. Die Standardantwort auf jegliche Fragen des Lebens, sie quält mich seit Jahrzehnten.

Damit wir nicht im “Weißnich“ landeten und lange herumlamentierten, zog ich den Joker und bemerkte: Jeder schreibt fünf Urlaubswünsche auf ein Blatt Papier. Diese Blätter wurden geschnitten und die Streifen zusammengefaltet, ohne dass der andere die Wünsche des Partners erfuhr. Dieser Joker hatte vor Jahren auch schon gestochen. Gesagt – getan. Mit den in einer Mütze versteckten Zetteln liefen wir über den Rasen zu unseren Nachbarn Gisela und Gerhard. Die Beiden waren im Garten mit dem Bau ihres neuen Hauses beschäftigt. Gerhard schwitzte über dem Gestänge und den Schräubchen des Glashauses und Gisela wuselte hin und her. Ihre Augenpaare signalisierten: Hehey, wir haben keine Zeit! Wir erklärten ihnen, dass wir für die Auswahl unseres Urlaubs einen neutralen Schiedsrichter benötigten.

Nun war auch bei unseren Nachbarn Interesse geweckt. Gisela machte die Glücksfee und zog einen Zettel aus der Mütze. Vier neugierige Köpfe ruckten über dem gezogenen Schnipsel. Ach mahan – toll, schon wieder verloren! Ich erkannte sofort Wolfgangs Schrift. Natürlich forderte ich ihn immer auf, auch mal Ideen zu haben und unserem Leben ein büsschen pepp zu geben. Heißt ja noch lange nicht, dass das dann auch gemacht werden muss. Hatte ich selber Schuld? – na ja – wenn man das so betrachtet – mh – ja!

Gewonnen hatte: Radtour Rhein/Mosel/Main. Suppa, das hatte ich auch aufgeschrieben. Damit kann man leben. Der Klopfer aber war, dass wir so viele Übereinstimmungen hatten. Unsere Urlaubswünsche:

Wolfgang Marge

Radtour Radtour

Rhein/Mosel/Main Mosel/Main

Sylt oder Nordsee Sylt

Jakobsweg zu Ende Laufen Jakobsweg Spanien.

Bergwandern Laufen von zu Hause.

Toskana Faulurlaub Amara Beach/Türkei

Bergwandern – Bergwandern, das geht ja mal gar nicht. Aber sonst – erstaunlich – sehr, sehr erstaunlich.

Nun konnte ich planen. Ich mache gerne Pläne, oft nur im Kopf ohne Realisierung. Also mein Tagträumwünschichwillwegandersleben-Trauma, erregt oft Kopfschütteln.

Irgendwo in unserem Haus musste der Radtouren-Katalog sein. Ich fand ihn ganz hinten in der Wohnzimmertischschublade, er ist von 2011, aber das machte nix. Schlug die Seiten Main und Mosel auf. Suchte mir die Strecke von Bamberg nach Aschaffenburg in zehn Tagen aus. Begann zu rechnen und war entsetzt. Ohne Bahnfahrt und Verpflegung kam ich auf stolze 1.898,00 €, für zehn Tage.

Ich ging zu Wolfgang in sein Arbeitszimmer. Platzierte mich so auf seinem Schreibtisch, dass er seine PC-Tastatur nicht benutzen konnte. Mach ich immer so, wenn ich was will. Beschwerte mich über die Preise und meinte, dann fahren wir einfach mit der Bahn, leihen uns dort vor Ort wochenweise Fahrräder und suchen uns selbst Unterkünfte, fertig. Er schaute mich lange – sehr lange - durchdringend an. Meinte dann zu mir: „Du möchtest doch etwas ganz anderes machen nicht? Du möchtest doch den Jakobsweg zu Ende laufen”. Meine Gegenfrage lautete: „Und du? Möchtest du es nicht auch?” „Ja schon”, antwortete er „aber ich weiß nicht ob mein Bein diese Anstrengungen mitmacht. Geh doch alleine”. Nein, ich möchte nicht alleine gehen. Wir waren zusammen losgezogen und sollten gemeinsam ankommen.

Als wenn ich eine Spritze mit dem Serum "Camino laufen“ bekommen hätte, sprudelte es aus mir heraus. „Wenn wir am 16.05., einen Tag vor Himmelfahrt, abfliegen würden und ich danach drei Wochen Urlaub bekommen würde, wäre genug Zeit um den Camino bis Santiago de Compostela zu laufen. Flüge gibt es von Air Berlin nach Asturias-Oviedo, von dort fährt ein Bus nach Oviedo und weiter ab dem Busbahnhof geht alle zwei Stunden ein Bus nach León”. Ach – wieso wusste ich das alles? Ich plane nun mal gerne.

Wir einigten uns darauf, dass die Chefetage im Büro entscheidet, was wir im Urlaub machen. Durch die Absegnung von drei Urlaubswochen hatte meine Chefin uns unbewusst den Wanderstab in die Hand gedrückt. „Wo wollt ihr denn hin?”, fragte sie mich. Ich antwortete: „Wir machen eine Fahrradtour an der Mosel von Bamberg nach Aschaffenburg”. Sie sah mich verwirrt an und fragte: „Kommt ihr nicht auch an Koblenz vorbei?” Hätte ich vielleicht einen genaueren Blick auf die Fahrradrouten werfen sollen, bevor ich nun jedem erzählte, ich fahr an die Mosel, von Bamberg bis Aschaffenburg. Ständig wollte unser Nachbar Claus die Route wissen. Dann sah ich doch nochmal in dem Katalog nach. Mist - was bin ich denn für ein Löffel. Die Orte liegen am Main!!

Wir blieben offiziell bei der Fahrradtour-Version. Jeder der uns fragte, bekam sie als Antwort. Natürlich berichtigte ich ab Anfang Mai meine Aussage von Mosel auf Main. Im Vorjahr waren wir so voller Aufregung, dass der Camino ständig in unseren Hirnen spukte. Wir überall ausplauderten, was wir vorhatten. Diese Jahr nix, kein Wort. Wir hielten so was von dicht. Stimmt nicht ganz, da fällt mir mein Frauenarzt ein. Sein Wartezimmer war wie üblich rappeldicke voll. Er fragte mich vor der Untersuchung, ob ich denn auch mal in Urlaub fahre. Ihm erzählte ich von unserem Vorhaben und beschrieb ihm unsere Vorjahreserfahrungen. Fasziniert hörte er mir zu. Das wurde der längste Arztbesuch in den 27 Jahren, seit ich seine Patientin bin.

Neuanfang

Womit? Na, Vorbereitungen was sonst.

Der Start für den Camino war freigegeben, so konnte ich die Flüge für den 16.05.2012 nach Asturias/Oviedo und eine Hotelübernachtung für die erste Nacht in León buchen. Ich nahm das Hotel Q!H, es befindet sich hinter der Kathedrale. Es war die Unterkunft, die uns im Vorjahr ein Zimmer mit einem 120-Bett für 75,00 € angeboten hatte, was mir zu teuer war. Wo wir dann, nach gefühlten Suchstunden, im La Posada Regia abgestiegen waren. Teurer natürlich. Aber der Betrag für 66,00 € für Übernachtung und Frühstück war in Ordnung. Und wir wussten, wo sich das Hotel befindet. Suppa – ging ganz schnell.

Wir Globetrottel überfielen den Outdoor-Laden in Hamburg mit unserem Besuch, um unsere Ausrüstung zu verfeinern. Neue Sandalen, für mich eine neue Regenjacke und Trinkschläuche mussten es sein. Bei jeder Sandale, die der Verkäufer anschleppte, fragte ich ihn, wie schwer sie sei. Mit dieser Frage wurde ich nicht zu seiner Lieblingskundin. So holte ich dann meine Kofferwaage aus der Tasche und zog piepend durch das Geschäft. Bei jedem Teil, dass wir kaufen wollten, hörte man: piep on – piep 0 – piep Gewicht. An der Kasse war ich doch überrascht, dass wir fast eine halbe Fahrradtour ausgegeben hatten. Ich glaubte bei mir piepts.

Zu Hause wurden die Englischbücher und CDs, leider bereits leicht staubig, vom Schreibtisch entfernt. Spanisch war wieder angesagt. Ein büsschen in dem Lehrbuch geblättert. Donnerwetter, die ersten drei Seiten beherrschte ich ja noch perfekt. Sonnte mich in meinem “Wissen“ und packte eine der CDs in mein Laufwerk des PCs. Super Sprach-Kurs. Mit Spracherkennung. Nur mir ging es zu langatmig. Meine Stimme – Aussprache – wurde nicht, entsprechend der von mir gesagten Worte, gewürdigt. Ich hörte dann zum 10. Mal das Gleiche, wurde immer gereizter, bis ich in das Mikrofon brüllte: …… Nein das kann ich hier mal nicht so schreiben, das gehört sich nicht.

Blickte dann lächelnd von meinem PC zum Laptop – nach dem Motto: Dir werd ich´s aber jetzt mal zeigen – wieder bei besserer Laune schob ich die CD in meinen Laptop. Die exe Datei gespeichert, Soundprogramm befummelt bis das Mikrofon endlich reagierte und zwischendurch auch noch ein Schüsselchen Chips organisiert, als Belohnung für die gute Aussprache. Nun aber mal los.

Fand ich meinen acht Jahre alten PC zu schneckig, sollte nicht alles besser und schneller funktionieren? Das wollen wir aber mal ganz – ganz schnell vergessen. Die Aufnahme meiner Wiedergabe ging noch verzögerter ab. Hörte das Wort, sprach es nach – nix – schob mir Chips in den Mund. Siehe da, das Chruschen der Chips wurde aufgenommen und der Regler der Scala schoss auf 80 % - alles korrekt. Hm – sollte ich auch eine Tüte Chips mitnehmen, vielleicht werde ich dann in Spanien besser verstanden? Reumütig stöpselte ich alles wieder an meinem lieben alten PC an. Nun hatte ich auch begriffen, dass es völlig egal war, was ich in das Mikrofon sagte. Es musste nur eine bestimmte Tonlage und ungefähr die Länge haben, schon ging es weiter. Aha!

Es blieb auch keine Zeit mehr zum Lernen. Ich war mit anderen Dingen, die unbedingt noch erledigt werden mussten, beschäftigt. Alles eine Frage der Organisation. Erkundigte mich bei meinem Mann, ob er denn schon mit seinem, am oberen Schnürteil eingebeulten, Wanderschuh bei unserem Schuster war. Na gut denn eben nicht. Freitagnachmittag vor unserem Abflug brachten wir den besagten Stiefel endlich zum Schuster. Auf die Frage der Frau in der Annahme: „Ja wann brauchen sie den denn?” Und die Antwort: „Montag”, runzelte sie missbilligend die Stirn. Aber Wolfgang bekam Montag seinen Stiefel, dazu Einlagepads, die seine Hacke im Schuh erhöhten. Hatte da jemand die Hoffnung nicht laufen zu müssen? Pech gehabt – er musste mit.

Mit einem Aufschrei der Entzückung, wieso drehten sich die Leute alle um – man wird sich doch noch freuen dürfen, hatte ich in einem Drogeriemarkt Minidosen Tigerbalm mit 4g Inhalt entdeckt. Später saß ich bewaffnet mit der Kofferwaage zwischen all den einzupackenden Sachen und kratzte mit einem Picknickmesser den weißen Tigerbalm aus zwei Döschen und befüllte sie mit dem höher dosierten Roten aus dem Glastopf. Der Raum stank hinterher wie "Iltis“. Glücklich legte ich für die ersparten 130 Gramm ein T-Shirt mehr auf meinen Stapel. Schnitt noch aus dem alten Outdoor-Führer die "abgelaufenen“ Seiten heraus. Den neuen Rother ordnete ich Wolfgang zu, er war halt schwerer. Nicht nur der Reiseführer.

Alles war bereit. Am Vorabend des Abflugs kamen wir überein, dass wir lieber doch unsere Kinder und unsere Nachbarn Gisela und Gerhard informieren. An ihren positiven Reaktionen, merkten wir, dass wir richtig gehandelt hatten. Sie freuten sich mit uns. Natürlich trafen wir auch noch Claus, er fragte witzelnd nach unserer Mosel-Rad-Tour: Wo fahrt ihr nochmal hin? Ihm erzählten wir es nicht.

Was für ein Anflug

Am 16.05.2012 schnallten wir uns unsere Rucksäcke um und liefen, mit reichlich eingeplanter Zeit, zum Bahnhof. Ungewohntes Gewicht lastete auf meinen Schultern. Hatte ich vergessen, wie schwer 9 kg sind – ja – hatte ich und war froh mein Gepäck in der Bahn abzulegen. Dass der Zug pünktlich war, hätte mich misstrauisch machen sollen. Auch später im Flughafen lief alles wie geschmiert. Bei Wolfgang piepte bei der Personenkontrolle nix, wir hatten genug Zeit, um unseren Rucksäcken die Schutzhüllen anzulegen. Die Sticks legten wir mit hinein und keiner meckerte: Das geht so nicht.

Am Gate waren wir die Einzigen in Wanderstiefeln. Wir hatten einen Gabelflug über Mallorca. So sehen auch die meisten Fluggäste im Warteraum C 04 aus. Nach Malle. Die Fußball-Saison war beendet, die für die Reise gedruckten T-Shirts übergezogen und ab nach Malle. Dazu kommen die Gegerbten. Piz-Buin-Öl-Verbraucher, die Immerbraunen. Ein älterer Mann im Blockstreifen-Polo und den unvermeidlichen beigen Schuhen paradierte das Gate ab. Eine kleine Bauchkugel beulte das Shirt nach vorne aus. Er war bestimmt kein Pilger, sondern übte für seine Strandspaziergänge – hin – her – hin – her. Schaute an mir herunter. Na klar ich sah mit den Wanderstiefeln auch nicht besser aus. Aber den Zeitpunkt wo man sich diese beigen Schuhe kauft, den möchte ich mein Leben lang verpassen.

Nach dem Aufruf des Fluges dauerte es wie üblich, bis endlich alle ihr kofferartiges ”Handgepäck” verstaut und sich platziert hatten. Ich sah auf meine Uhr und stellte fest, dass unsere Abflugzeit bereits verstrichen war. Während sich das Flugzeug Richtung Startbahn in Bewegung setzte, blätterte ich in den Angeboten von Air Berlin. Man, das dauerte aber heute. Sah aus dem Fenster, den Ausblick kannte ich schon. Das Flugzeug stand wieder vor dem Flughafengebäude, nur etwas entfernter. Der Pilot meldete sich zu Wort: „Leider hätten sie einen Systemabsturz und so verzögere sich der Start”. Ob man dieses Wort Absturz in einem Flugzeug erwähnen sollte? Wie feinfühlig.

Es regnete. Von meinem Fensterplatz aus beobachtete ich, wie Fahrzeuge über den Platz huschten. Eines wurde an das Flugzeug gefahren, ein Mann stieg aus, er stellte rot-weiße Hütchen auf. Markierte so den Umriss der Maschine. Stieg wieder ein, fuhr mit dem Wagen 50 Meter weiter und blieb dort stehen. Es passierte nix. Es regnete weiter, der Hütchenmann wartete – wir natürlich auch. Auf Mallorca hatten wir 50 Minuten zum Umsteigen, die waren leider schon abgelaufen. Der Pilot meldete sich wieder, der Techniker hätte den Schaden behoben und wir könnten nun losfliegen. Hey – das stehen doch noch die Hütchen, eines genau vor einem Rad. Ganz langsam fährt der Hütchenmann zum Flugzeug und sammelte seine Markierungen ein. Schnecke.

Donnerwetter es ging mit über einer Stunde Verspätung los. Ich blätterte gelangweilt in den Air Berlin Prospekten. Dabei gab es auch eine Speisekarte der Sansibar. Mir fällt die Curry-Wurst ins Auge, mein Magen meldete, die will ich. Das Flugzeug hatte seine Flughöhe erreicht. Die Stewardessen begannen mit einem Bestellzettel die Essenswünsche zu notieren. Sie erreichten schleppend die Reihe 9, dort saßen wir. Ich äußerte meinen Wunsch und erhielt die Antwort: Leider ging die letzte Curry-Wurst an jemanden in der Reihe 8. Degradierung zu Saftschubsen - fertig.

Sie waren fertig mit der Bestellaufnahme, holten ihren Getränkewagen und begannen Getränke und die üblichen Pappbrötchen auszuteilen. Wenn ein Gast ein Essen bestellt hatte, liefen sie zurück um das in der Mikrowelle Erhitzte zu holen. Von den Reihen vor uns stieg ein widerlich leckerriechender Duft nach Curry-Wurst auf. Dreist. In Reihe 8 kommen die Saftschubsen ins Stocken. Es gab Probleme mit dem Essen. Es wurde sich gefühlte 1000. Mal entschuldigt. Bla-bla-bla und so weiter.

Sie gelangten zur Reihe 9. Ein Ehepaar, die die Innensitze besetzten, flogen wohl oft nach Mallorca. Ihre Haut hatte bereits im Mai den Piz-Buin-Öl-Ton – tiefbraun. Sie hätten bereits online zwei Sansibar-Essen bestellt. Nun kam aber wieder Bewegung in den Hühnerhaufen. Es wurde nach vorne gerannt, zurück, berichtet was denn noch da sei, wieder zurück, Essen in die Mikrowelle, wieder zurück, es dauere leider noch mit dem Essen und Entschuldigung – Entschuldigung. Schenkten ihnen Rotwein und Wasser in die Becher ein. Und trotteten mit ihrem Getränke- und Gummibrötchen-Wägelchen weiter zur Reihe 10. Wir – wir die nicht Curry-Wurst-Bekommer bekamen nix. Sie hatten uns schlichtweg übersehen - vergessen.

Von mir kam ein brassiges – ey Hallo!! Unwillig zerrten sie den Wagen zurück und ich bestellte Kaffee und Tomatensaft sowie die Gummipappe. Wolfgang will nun nix, meinte, er würde gleich in Palma essen und trinken. Die Show war beendet und ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit auf die Anzeige des Monitors. Na da kam Freude auf. Das Flugzeug hatte eine Stunde aufgeholt und sollte um 14.54 Uhr in Palma landen. Die Maschine nach Asturias/Oviedo sollte um 14.45 Uhr starten. Eine Frau in der Sitzreihe vor uns(keine Curry-Wurst Esserin), erkundigte sich, ob ihr Weiterflug gesichert ist. Das befragte Uniformmädel nickte mit ihrem gutfrisiertem Köpfchen. Ja, unsere Verspätung wurde weitergegeben, es würde auf die Transfergäste gewartet. Palma ist das Drehkreuz für Air Berlin, man kenne das schon.

Beim Anflug wurde vom Piloten darauf hingewiesen, dass erst die Transfergäste aussteigen dürfen. Ich pulte die Tickets für Asturias heraus und war nach der Landung zum Flitzen bereit. Ausgerollt, die Fluggastbrücke wurde angedockt. Der Pilot meldete sich wieder: „Leider dauere es noch, die Tür geht nicht auf”. Nach einigen Minuten öffnete sich endlich die Tür und wir sprinteten aus dem Flugzeug. Rannten durch die vielen Gänge des Flughafens. Wurden von einer Air Berlin Mitarbeiterin abgefangen. Flug nach Asturias? Bitte kommen sie mit. Vier Frauen, die nach Santiago de Compostela wollten, standen bei einer anderen Frau. Ich fragte Eine im Vorbeigehen: Wie geht es bei euch weiter? In dem Moment sprinteten alle los. Sie drehte sich im Laufen um und meinte – nach Madrid.

Mit uns wurde ein Mann, ca. Ende dreißig abgefangen. Die nette Air-Berlin Mitarbeiterin teilte uns mit, dass wir erst den nächsten Tag weiterfliegen könnten, da unsere Zielorte nur einmal am Tag angeflogen wurden. Aber uns wurde im Flugzeug gesagt, dass die Weiterflüge warten würden. Sie lachte, ja damit wäre das Kabinenpersonal fein raus. Wenn alle Flugzeuge warten würden, dann ginge hier gar nichts mehr. Es war eben 20 Minuten zu spät. Dadurch wurde uns ein Lauftag geklaut und das gebuchte Hotel in León konnten wir auch mal vergessen.

Die Mitarbeiterin geleitete uns zum Schalter der Fluggesellschaft. Die Flüge mussten umgebucht werden. Air Berlin werde uns mit einem Taxi in ein für uns gebuchtes Hotel bringen und die Kosten übernehmen. Mit unserem Begleitschutz liefen wir weiter durch die nicht enden wollenden Gänge, sammelten unsere Müllsäcke am Gepäckband ein. Natürlich waren sie eingesaut – wie immer. Auch wenn die Schutzsäcke albern aussehen, nützlich sind sie schon. Kann man nicht mal die Gepäckräume der Flugzeuge säubern? – oder schmeißen sie extra Schmiere hinein.

Die Air Berlin Lady wartete zusammen mit uns und dem jungen Mann vor dem Flughafen auf das Taxi. Der Mann aus Celle war groß, schlank und jaaah, man könnte gut aussehend durchgehen lassen. Ruhig und gelassen versuchte er telefonisch weiterzugeben, dass er erst den nächsten Tag in Alicante ankäme. Toi-toi-toi. Es war schwülwarm, auch in meinen Wanderstiefeln stieg die Temperatur. Taxis müssen auf Mallorca sehr selten sein. Wir warteten fast eine Stunde. Da kam unser ”Taxi” ein 50-Personen Bus. Na toll!! Nun durften wir bestimmt noch auf andere Reisende warten.

Da setzte sich unser ”Taxi” in Bewegung und fuhr uns Drei nach Palma. Mühsam quälte sich der Bus durch die engen Straßen von Palma. Blieb stehen. Ein Hotel war nicht zu sehen. Aha – wir durften, mit unseren immer noch eingepackten Säcken unter dem Arm, zwei Straßen weiter den Abhang hinunter laufen. Für so ein großes Taxi waren die Straßen eben zu eng.

Wir Gestrandeten landeten im ****Hotel Majorica. Grün war hier mal aus, es ist ein Stadthotel – also ohne Strand und Garten. Wir standen an der Rezeption an und ich suchte die ”Vier Sterne”. Augenscheinlich waren sie nicht da. Ein ca. 65-jähriger Mann stand zum Einchecken vor uns. Der Hotelmitarbeiter fragte den sächselnden Deutschen auf gemischtem Deutsch-Spanisch nach dem Namen usw. Der Gast hatte volles, graues Haar, es wippte auf dem Kopf, wenn er sprach. Einen Mors hatte er nicht in der Hose – er ist ein dünner Mann. Er wollte sein gebuchtes Zimmer ändern, statt im vierten Stockwerk möchte er ein Zimmer in der obersten Etage, dem siebten Stock. Das verstand der Spanier am Empfang nicht, schließlich könnte man auch von dem Vierten alles sehen. Entnervt, sein Grauhaarschopf wippte dabei intensiver, meinte der Hotelgast: „Ich will jemanden, der deutsch spricht”. Der nun angespannte Körper des Spaniers drohte seinen gut sitzenden Anzug zu sprengen. Unter seinem gegeelten, leicht gewellten, schwarzen Haaren leuchtete ein wutrotes Gesicht auf, aus dem zwei schwarze Augen Blitze abfeuerten. Er meinte zornig: „Sie sind hier in Spanien und in Spanien wird immer noch spanisch gesprochen”. Man pinkelt einem stolzen Spanier eben nicht ans Bein.

Der Deutsche wurde dann von einer anderen Mitarbeiterin abgefertigt. Und uns übernahm der angefressene Spanier. Ohne viel Gezeter erhielten wir die Schlüssel für unsere Zimmer. Der andere Gast stand immer noch dort und buchte noch dieses und jenes. In unserem Zimmer suchte ich wieder die ”Vier Sterne”, komisch hatten sie die bei der Einrichtung in den Siebzigern versteckt? Wollten sie die bei einer Umdekorierung nicht wiederfinden? Dafür gab es einen geräumigen Balkon. Als ich mich weit über die Brüstung lehnte, hatte ich sogar Meerblick – oder auch mehr Blick auf den Hafen. Auch nett!!

Nachdem ich unsere Säcke, leider brauchten wir sie noch, vorsichtig entknotet hatte und das Nötigste herausnahm, mussten wir unbedingt Flüssigkeiten zu uns nehmen. Suchten die riesige Hotelterrasse auf. *****Ausblick auf den Hafen von Palma. In der Ferne gegenüber sah man die Kathedrale von Palma. Wir setzten uns zu dem sympathischen Mann aus Celle. Direkt an der Balustrade konnten wir ein Stockwerk tiefer auf die Gäste am Pool sehen. Die Liegen waren in exakten Reihen aufgestellt. Das da mal keiner aus der Reihe tanzt – diese Sonnenhungrigen. Mein Wunschurlaub wäre es nicht, in einem Stadthotel mein Fell zu verbrennen.

Wir Drei saßen alleine auf der großen Terrasse in der mehr als molligen Spätnachmittagssonne. Mit Blick auf zwei Costa Kreuzfahrtschiffe und schmucke Yachten. Es dauerte lange, bis die Getränke gebracht wurden. Ich hatte meine Cappuccino-Tasse noch nicht an die Lippen geführt, da waren die Biere in den Schlünden versiegt.

Fehlt ein ”Tagespensum”? Ja, leider hatte ich gestern verschlafen. Ich kann nur morgens schreiben. Am Abend kommen die Gedanken nicht bis zu den tippenden Fingerspitzen durch. Nun wollen wir mal wieder zu dem noch nicht begonnenen Weg kommen.

Die durstigen Männer orderten weitere Biere, ich schloss mich ihnen an. Der junge Mann, aus Celle, hatte zwei Tage für seine Reise geplant. Er wollte seinen Onkel zurück nach Deutschland holen. Der 81-Jährige lebte in einem Altenheim, das ca. eine Stunde von Alicante entfernt lag. Nun hatte er aber einen Oberschenkelhalsbruch und sollte in ein Altenheim in Deutschland verlegt werden. Vor zehn Jahren hatte sich sein Onkel in Spanien in eine Engländerin verliebt und war dorthin gezogen. Die Britin sei aber auch schon siebzig und nun funktionierte das Leben hier nicht mehr so wie gewünscht. Meine Augen wanderten zum Hafen. Ein Kreuzfahrtschiff hatte, von mir unbemerkt, abgelegt. Dabei funkte mein Kopf Bilder eines älteren Paares, das zehn unerwartet schöne Jahre verlebte. Liebe hat eben nichts mit dem Alter zu tun, man muss sie nur erkennen und zulassen.

Ich fragte den Mann aus Celle, ob er verheiratet ist. Ja, ist er. Fragte auch, ob sie Kinder haben. Ja, sie haben zwei Jungs. Der Große ist vier Jahre alt und der Kleine ist zwei. Er holte tief Luft und sein Gesicht nahm eine schmerzliche Traurigkeit an. Er sagte, dass der kleine Junge schwerstbehindert ist. Ich fragte ihn: Saugglocke oder Zange. Er antwortete: Alles. Bei der Geburt hatte der Kleine zwanzig Minuten keinen Sauerstoff erhalten. Irgendwie ging die Geburt nicht voran. Komplikationen waren erkennbar. Die Hebamme und Schwestern hätten auf dem Bauch der Mutter gelegen und wie wild gedrückt. Er hätte hilflos dabei gestanden und gedacht, die wissen schon, was sie tun. Dann riefen sie endlich nach dem Arzt, der sieben Minuten später vor Ort war. Zu spät. Und das Kind hatten sie da schon aus dem Mutterleib gezerrt gehabt. Warum der Arzt nicht früher gerufen wurde, verstand er immer noch nicht.

Mit einem Schlag war das Leben der Familie anders. Das Kind muss fast rund um die Uhr betreut werden, das wird auch so bleiben. Der Kleine kann nicht richtig schlucken und wird über eine Bauchsonde ernährt. Er wird nicht laufen, sprechen oder etwas anfassen können. Dazu kämen die ständigen Auseinandersetzungen mit der Krankenkasse. Für jedes benötigte Hilfsmittel entstünden Papierberge und erfolgten diverse Telefonate. Vielleicht erwarteten die Krankenkassenmitarbeiter, dass man aufgibt. Der lange rechtliche Prozess, mit dem Krankenhaus, steht auch weiterhin noch an. Zu allen Sorgen kam die finanzielle Belastung. Viele Aufwendungen, die durch die Behinderung entstanden, wurden nicht ersetzt.

Mit jedem Satz des Mannes wuchs ein Kloß in meinem Hals. Ich spürte, dass es meinem Mann genauso erging. Angst um das Kind, dabei stehen und diese schmerzliche Hilflosigkeit. Nach Bangen und Hoffen auf Besserung, hatten wir das Glück, unser Kind wurde wieder gesund. Ich sandte ein Stoßgebet nach ”oben”, bitte um Gesundheit für unsere Kinder. Wollte ich auf dem Weg nicht Wichtiges von Unwichtigem trennen? Ich war noch keinen Schritt gelaufen und wurde mit der Nase drauf gestippt. Gesundheit ist das Wertvollste im Leben.

Ich vergaß, meine Stornierungsversuche des gebuchten Hotels in León, zu erwähnen. 1. Versuch; in der Rezeption des Hotels. Ob sie für uns in León anrufen würden. Wir möchten die Buchung auf den nächsten Tag verlegen lassen. Die Dame hinter dem Tresen telefonierte mit dem Hotel. Teilte uns mit, eine Änderung ginge nur über booking.com. Fragte nach Internet: „Ja, dort hinten”. Suppa. Nein nicht wirklich suppa. 2. Versuch; Internet. Im hinteren Teil des Empfangs stand ein Tower – ein sehr veralteter Tower. Mit noch älterem Röhrenmonitor. Ich steckte einen Euro in den Schlitz des Towers und hatte 30 Minuten Zeit ergattert. Dafür erhielt ich eine schwammige Bildschirmanzeige. Für jeden Seitenwechsel benötigte der PC eine Minute. Leicht grummelig stand ich wieder auf. Einfach zwecklos.

3.-100. Versuch; auf dem Buchungsformular standen zwei Rufnummern. Diese wählte ich ständig mit 0049 vorweg, ohne Vorwahl, ich bekam nicht eine einzige Verbindung. Die Mühe hätte ich mir auch sparen können. Hier zu Hause entdeckte ich auf der Buchung, dass wir nur bis zum 13.05. die Buchung stornieren konnten. Tja, leider war aber schon der 16.05.

Wir drei Gestrandeten beschlossen uns unten im Hafen ein nettes Lokal zu suchen, um gemeinsam zu essen. Das Hotel lag oberhalb des Hafens, mit einem schräg hinabfahrenden Fahrstuhl glitten wir hinunter zur Straße. Der junge Mann ist Architekt und war von dem Bau der Anlage begeistert – gute Idee – sehr, sehr gute Idee. So einen Fahrstuhl hatte er noch nie gesehen. Wir schon, in Pamplona, nur länger. Spazierten durch den Hafen von Mallorca und fanden ein nettes Restaurant. Wir nahmen Plätze im Außenbereich ein. Schnell wurde es dunkel und die Kathedrale erstrahlte in der Ferne. Ruhelose Malle Urlauber hasteten an uns vorbei, da kamen sie auch schon wieder zurück. Vielleicht versuchten sie dadurch ihre ”Bränding-Haut” zu kühlen. Schnell hatten wir uns Speisen und ein Fläschchen Rotwein geordert.

Immer wieder entschuldigte sich unser Begleiter, wenn sein Handy klingelte. Wir signalisierten ihm mit dem Kopf und den Augen, dass wir völlig unwichtig seien. Er erklärte uns, die Rückreise, gemeinsam mit dem Onkel, wollte er vor Ort organisieren. Durch die Verspätung um einen Tag hatte er die Möglichkeit nicht mehr. Nun musste die Britin diese Regelungen vornehmen. Was sich durch die schlechte Sprachverständigung schwierig gestaltete. Er könne sich durchaus in englischer Sprache unterhalten. Nur ihre Aussprache, dass muss irgendein Slang sein – Liverpooler oder so – er versteht sie einfach nicht. Und ob sie nun ein Fahrzeug, das den Onkel mit dem Rollstuhl zum Flughafen bringen würde, gefunden hatte, war noch nicht endgültig geklärt.

Der Camarero brachte die Rechnung. Über eine Drittelung waren wir uns einig. Nur der Kellner verstand nicht, wieso wir eine getrennte Rechnung brauchten. Entnervt brachte er beim dritten Anlauf drei Belege, Cena (Essen) 22,13 €, mit. Ich glaube nicht, dass Air Berlin die Rechnungen übernimmt, aber schauen wir mal. Zurück am Hotel nehmen wir Abschied von dem eher abfliegenden jungen Mann. Ich unterdrückte den mütterlichen Wunsch, diesen liebevollen Menschen in die Arme zu nehmen. Gab ihm die Hand und wünschte ihm Kraft. Er lächelte mich an und meinte, ja, das brauche er. Kann es sein, dass wir ihm begegnen sollten?

Am nächsten Tag sollten wir erst um 12:00 abgeholt werden. Mit einem geseufzten – ah - noch einmal schön ausschlafen und in Ruhe Frühstücken – gingen wir zu Bett. Genauso passierte es. Zogen morgens wieder unsere alten T-Shirts über, knüpfelten unsere Schutzsäcke zu. Und gingen in einem durch riesige Fenster erhellten, freundlich eingerichteten Raum genüsslich frühstücken. Lecker frühstücken, hier passte alles. Warteten nach dem Ausschecken geduldig auf unser Taxi. Andere Urlauber wurden direkt vor dem Hotel mit einem Auto abgeholt. Ein Mann betrat den Empfang, sagte nur: „Air Berlin?” Wir schnappten uns unser Gepäck und trotteten hinter ihm her. Natürlich wieder zwei Straßen weiter, denn da stand unser ”Taxi”. Diesmal hatten wir zu zweit den ganzen 50-Personenbus für uns alleine. Wie unschlau.

Am Flughafen angekommen fragte ich bei dem Air Berlin Schalter nach, ob sie uns für die Nacht in León ein Hotelzimmer besorgen könnten. Sie konnten nicht. Vor dem Eincheckbereich stehe ein Terminal fürs Internet, dort könnte ich buchen. Nach dem wir endlich diesen Internetbereich gefunden hatten und ich meinen Obolus im Schlitz des Terminals versenkt hatte, suchte ich mit flinken Fingern nach einer Unterkunft in León. Ach - nee, na das ist ja toll. Das La Posada Regia, dort waren wir doch im vorigen Jahr und nun auch noch 30,00 € billiger. Zack – hatte ich die Übernachtung gebucht. Drucken? Drucken! beantwortete ich mit ok. Nur leider war dieser PC wohl nicht an den Drucker angeschlossen. Na denn eben nicht. So schrieb ich mir schnell den Buchungscode auf. Wird schon schief gehen.

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