Kitabı oku: «Frauenfragen – Männer antworten»
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MARI LANG
FRAUENFRAGEN
MÄNNER ANTWORTEN

Für meine Eltern,
die den Grundstein gelegt haben.
Für alles.
INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT
ARMIN ASSINGER
CHRISTIAN KERN
ALI MAHLODJI
HERBERT PROHASKA
ANDREAS GOLDBERGER
DIRK STERMANN
RICHARD LUGNER
ROBERT KRATKY
MATTHIAS STROLZ
MANUEL RUBEY
THOMAS BREZINA
NACHWORT
WIE SAGT MAN?
KURZBIOGRAFIEN DER GESPRÄCHSPARTNER
QUELLEN UND ANMERKUNGEN
VORWORT
Die Corona-Krise hat viele Probleme verschärft, in meinem Leben und im Leben der meisten Frauen. „Jetzt hast du Zeit, dich um deine Kinder zu kümmern“, sagte mein Chef zu Beginn des ersten Lockdowns 2020 und schickte mich in Kurzarbeit. Nachdem ich seit Jahren ohnehin, typisch Frau, in Teilzeit bin, wollte ich gerne weiterhin zweimal pro Woche arbeiten gehen. Sollte ich aber nicht. Der Satz meines Vorgesetzten, der mit Sicherheit gut gemeint war – denn wir alle wissen, dass die Betreuung eines drei- und eines sechsjährigen Kindes zeitintensiv ist –, setzte Enttäuschung und Wut frei, die sich in den vergangenen Jahren in mir aufgestaut hatten.
Als ich vor sechs Jahren zum ersten Mal Mutter wurde, musste ich schmerzhaft feststellen, dass die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen noch längst nicht erreicht ist. Während ich Sätze wie „Was, du arbeitest schon wieder?“ oder „Wow, du hast aber einen tollen Mann“ hörte, weil ich ein paar Wochen nach der Geburt eine Veranstaltung moderierte, wurde mein Partner weiterhin als das gesehen, was er war: als berufstätiger Mann, der ganz gut verdiente und gerne arbeitete. Ach ja, und vor Kurzem hatte er auch noch ein Kind bekommen. Gratulation! Ich hingegen wurde auf meine Mutterrolle reduziert. Von der Gesellschaft und von mir selbst. Tief verankerte Rollenbilder und Geschlechterstereotype sprangen mich aus dem Hinterhalt an und brachten mich ins Wanken. Dass ich mein halbes Leben darauf hingearbeitet hatte, eine erfolgreiche Journalistin und Moderatorin zu werden, zählte offenbar nicht mehr. Wichtig war, dass ich stillte, mein Baby zum Durchschlafen bringen konnte und die Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen zeitgerecht absolvierte. Von alldem hing neuerdings mein Wert ab. Dass mich das überforderte, ist klar. Denn während ich für meinen Beruf ein Studium abgeschlossen und mehrere Kurse und Auslandspraktika absolviert hatte, fand ich mich jetzt plötzlich in einem Job wieder, für den ich überhaupt nicht ausgebildet war. Nicht einmal einen Crashkurs konnte ich vorweisen.
O.K. So geht es wahrscheinlich den meisten Frauen. Denn in so etwas wie die Mutterrolle wächst man schließlich hinein. Wie es genau funktioniert, sagt einem der weibliche Instinkt, und ein bisschen Überforderung gehört halt dazu. Was war und ist also mein Problem? Das werden sich einige jetzt vielleicht fragen. Und tatsächlich habe ich mir diese Frage auch oft gestellt und die Antworten erstmal bei mir selbst gesucht. Was, verdammt nochmal, war los mit mir? Warum erfüllte mich das Muttersein nicht? Warum war ich unzufrieden und wollte mehr vom Leben? Dass mein Problem kein individuelles, sondern ein gesamtgesellschaftliches war, wurde mir erst in vollem Ausmaß bewusst, als ich im Frühling 2020 zu einer Klischeehausfrau im Stil der 1950er-Jahre mutierte, während mein Mann zu Hause im Arbeitszimmer saß und weiterhin seinem Beruf nachging. Im Gegensatz zu mir wurde er nicht gefragt, ob er aufgrund fehlender Kinderbetreuung im Lockdown vielleicht weniger arbeiten möchte. Denn im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sind Kinder nach wie vor Frauensache. Es sind die Frauen, die vorrangig zu Hause geblieben sind – freiwillig oder gezwungenermaßen, weil sie aufgrund von Teilzeitarbeit ohnehin weniger verdienen und generell in schlechter bezahlten Jobs zu finden sind. Die Corona-Krise hat zu einem Backlash geführt und deutlich gemacht, wo es in Sachen Gleichberechtigung immer noch hakt. Sie hat gezeigt, warum es nach wie vor wichtig ist, lautstark für Feminismus einzutreten und echte Chancengleichheit zu fordern. Warum wir den Frauenbewegungen der vergangenen Jahrzehnte dankbar sein müssen, uns aber keineswegs auf deren Errungenschaften ausruhen dürfen. Warum Frauen immer noch genug Gründe haben, unangenehm und wütend zu sein.
Auch ich bin oft wütend, was auf den folgenden Seiten immer wieder deutlich wird. Aber mein Ärger ist nicht die Hauptmotivation für dieses Buch, das übrigens auf dem gleichnamigen Podcast basiert, den ich im Zuge meiner Kurzarbeit gestartet habe. Meine Wut ist vielmehr der Stein, der alles ins Rollen gebracht hat. Der dazu geführt hat, einen Dialog mit Männern zu suchen. Denn Männer sind Teil des Problems und genauso Teil der Lösung. Gleichberechtigung kann – und davon bin ich überzeugt wie von wenig anderem – nur gelingen, wenn die Mehrheit mitmacht. Es ist ein bisschen wie bei der Corona-Pandemie und dem Impfen: Durch eine möglichst schnelle und hohe Durchimpfungsrate wird das Problem zwar nicht vollständig behoben, die Situation jedoch entspannt. Ein Dialog kann also ein Anfang sein. Gespräche können uns weiterbringen.
Aber warum „Frauenfragen“, und was sind diese überhaupt? Nun, als Journalistin gehört es zu meinen Hauptaufgaben, Fragen zu stellen, und dabei ist mir ziemlich rasch klar geworden, dass Männer anders gefragt werden als Frauen. Start-up-Gründer werden zu ihren Visionen befragt, Schauspieler dazu, wie sie ihre Rolle angelegt haben, und Politiker, welche Pläne sie haben, um die Arbeitslosigkeit einzudämmen. Fragen zu ihrer Kleidung und ihrem Aussehen sowie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bekommen Männer eher selten gestellt. Und wenn, dann nur explizit im dazu passenden Kontext. Bei Frauen sind ihr Äußeres und familiäre Verpflichtungen automatisch Thema. Selbst vor indiskreten Fragen nach ihrer Intimbekleidung und dem Zeugungstag ihres Kindes bleiben sie nicht verschont. Beispiele dafür gibt es zahlreiche. Einige davon werde ich in diesem Buch anführen. Außerdem erzählen 33 bekannte österreichische Frauen aus den unterschiedlichsten Branchen und Generationen von ihren Erfahrungen mit „Frauenfragen“.
Natürlich könnten Politikerinnen, Schauspielerinnen und Unternehmerinnen sexistische Interviewfragen einfach ignorieren. Doch gerade für diejenigen, die erst am Anfang ihrer Karriere stehen, ist das nicht immer so einfach. Immerhin ist die mediale Berichterstattung Teil ihres Erfolges. Manchen werden diese geschlechtsspezifischen Unterschiede womöglich erst nach und nach bewusst. Andere wiederum denken, es sei „part of the game“. Aber nur weil etwas immer schon so war, heißt es nicht, dass es auch immer so bleiben muss. Als Journalistin sehe ich es als meine Verantwortung, zu positiven Veränderungen in der Welt beizutragen. Zu informieren, aufzuklären, zum Nachdenken anzuregen. Es zumindest zu versuchen. Dabei kann es helfen, neue Blickwinkel einzunehmen und sich in andere Lebensrealitäten hineinzufühlen. Und genau das mache ich mit meiner „Frauenfragen“-Gesprächsreihe, die ich zwischen Sommer 2020 und Frühling 2021 im Rahmen meines Podcasts geführt habe. Also, eigentlich nehme nicht (nur) ich eine andere Perspektive ein, sondern es tun dies vor allem die von mir befragten österreichischen Promi-Männer. Deren in den folgenden Texten angegebenes Alter ist übrigens jenes, das sie zum Zeitpunkt des Interviews hatten.
Elf dieser oftmals sehr persönlichen und unterhaltsamen Gespräche sind in diesem Buch zusammengefasst. Ich habe Männer aus den unterschiedlichsten Branchen und Generationen getroffen, die in der Gesellschaft kulturellen, politischen und finanziellen Einfluss haben. Die meisten haben Kinder, leben in einer Beziehung und alle sind in ihrem Beruf äußerst erfolgreich. Ich habe ihnen die Fragen gestellt, die normalerweise Frauen in Interviews zu hören bekommen. Es sind banale Fragen zu ihrer Kleidung, ihrem Aussehen und der Angst vor dem Alter. Und es sind gesellschaftspolitisch äußerst relevante Fragen zur Vereinbarkeit von Familie und Karriere, zu moderner Vaterschaft und Frauenquoten. Denn obwohl klassische „Frauenfragen“ immer wieder (zu Recht!) kritisiert werden, sind sie im Grunde Gesellschaftsfragen. Sie betreffen uns alle, nur werden sie Männern eben nicht gestellt. Doch es ist längst überfällig, dass auch sie darüber nachdenken, warum etwa Väter, die sich um ihre Babys kümmern, mancherorts als Weicheier gelten, und wie es sein kann, dass Frauen für gleiche Arbeit teilweise weniger bezahlt bekommen. Oder warum ein Tag vollgefüllt mit Meetings mehr wert ist als einer, den man mit der Betreuung der Kinder oder der Pflege von Angehörigen verbringt. Denn je mehr Männer über diese Themen in der Öffentlichkeit sprechen, desto mehr werden diese Themen auch mit ihnen verknüpft, und desto normaler wird es, dass auch Männer Väter mit Familienpflichten sein können. Und das könnte doch insgesamt einen positiven Effekt haben.
Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass viele Männer sich mit Feminismus immer noch schwertun, habe ich für meine Gespräche einen spielerischen Ansatz gewählt. Auch um dem Ganzen die Schwere zu nehmen und beim Diskutieren und gemeinsamen Denken ein bisschen Spaß zu haben. Es gehört sowieso viel mehr gelacht! Und um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, habe ich die Klischees auch gleich ausgereizt und die Männer in ein frauentypisches Setting eingeladen – mit Teelicht, Prosecco und „Frauenpower“-Tee. Für das Gespräch auf Augenhöhe gab es das amikale „Du“ und für den typisch männlichen Spieltrieb drei Joker: den Nein-Joker, mit dem eine Frage komplett verweigert werden konnte, den Richtungswechsel-Joker, mit dem ich die unliebsame Frage beantworten musste, und den klassischen Telefon-Joker. Kleiner Spoiler vorweg: Die Hilfsmittel wurden kaum eingesetzt. Wer alle Fragen ohne Einsatz eines Jokers beantworten konnte, bekam zum Schluss einen Preis – zum Beispiel Schokolade, ein Entspannungsbad oder eine Handcreme. Applaus, wie ihn zu Beginn der Corona-Pandemie die Pflegekräfte und andere in systemrelevanten Berufen Tätige – also vorrangig Frauen – bekommen haben, stand ebenfalls zur Auswahl.
Herausgekommen sind sehr offene Gespräche, die die persönlichen Ansichten und individuellen Lebensrealitäten meiner Interviewpartner widerspiegeln. Und die verdeutlichen, in welch unterschiedlichen Welten Männer und Frauen heute immer noch leben. Nichts davon hat Anspruch auf Allgemeingültigkeit, liefert aber eine gute Grundlage für weitere Gespräche und Gedanken zum Thema. Nachdem ich die Befürchtung habe, dass der Feminismus auch in 100 Jahren noch Relevanz haben wird, kann es nicht schaden, sich möglichst viele Perspektiven anzuschauen, möglichst vorurteilsfrei zuzuhören, sich anzunähern und offen zu bleiben. Das habe ich mit „Frauenfragen“ versucht. Denn, wer weiß schon so genau, wo der Weg zur Lösung liegt? Vielleicht genau dort, wo man ihn nie vermutet hätte.
AM ROTEN TEPPICH
Armin Assinger trägt bei unserem Treffen ein
graues Shirt, eine graue Weste, eine grau-schwarz
karierte Hose, weiß-schwarz-grau gestreifte
Socken und braune Lederschuhe.
MODE
… ist mir nicht so wichtig.
Es macht aber schon Spaß, schön angezogen zu sein.
HAUTCREMEN
… verwende ich. Aber nichts Bestimmtes, weil eh überall das Gleiche drinnen ist.
SCHÖNHEITSOPERATIONEN
… sind für mich kein Thema. Aber einmal habe ich mir Botox spritzen lassen.
ANGST VOR DER JÜNGEREN KONKURRENZ
… habe ich nicht. Mit 56 Jahren habe ich ja auch noch ein bisschen Zeit, bevor sie mich abmontieren.
DIE VEREINBARKEIT VON KINDERN UND KARRIERE
… war für mich sehr einfach, weil ja meine Frau da war.
WENN ES 24 STUNDEN KEINE FRAUEN GÄBE
… würde ich meine Freunde anrufen und sagen: „Männer, was machen wir mit diesem Feiertag?“

ARMIN ASSINGER
Richtungswechsel-Joker, kein Preis
ARMIN ASSINGER
Ich bin nervös. Nicht weil ich gleich mit einem der beliebtesten Showmaster des Landes über klassische Frauenthemen sprechen werde, sondern weil ich ein Mischpult, zwei Mikrofone und einen Haufen Kabel vor mir liegen habe, die ich richtig zusammenstecken muss. Aus diesem Wirrwarr soll ein Aufnahmegerät werden, das meine und Armin Assingers Worte in den Computer hineinspielt. Ich habe mehr als zehn Jahre beim Radio gearbeitet, das heißt, ich bin es gewohnt, Interviews aufzunehmen. Doch damals saß immer ein Techniker ein paar Türen weiter und kam herbeigeeilt, wenn es in meinem Kopfhörer plötzlich zu rauschen begann. Das habe ich nun davon, dass ich mich nie so richtig für Technik interessiert habe, denke ich, während ich laut fluchend an den Reglern des Mischpults drehe. Irgendwann schaffe ich es, dass alles so angeschlossen ist, wie es gehört, und wir können loslegen.
„‚Frauenfragen‘ heißt das?“, fragt Armin Assinger, nachdem ich die Begrüßungsworte gesprochen habe. „O.K., das wird interessant.“ Man sagt immer, Frauen würden, wenn sie für Interviews oder als Expertinnen für Podiumsdiskussionen angefragt werden, zuerst einmal zögern. „Ich weiß nicht, ob ich die Richtige für das Thema bin“ und „Vielleicht gibt es ja noch jemanden, der besser geeignet ist“, sind gängige Antworten.
Männer hingegen sagen meist zu und fragen erst dann, worum es eigentlich geht. Genau wie Millionenshow-Moderator Armin Assinger, dem ich das Konzept meiner Gesprächsreihe im Vorfeld am Telefon erklärt habe. Gut, vielleicht hat er es auch einfach vergessen, vermute ich, während er mir einen Prosecco einschenkt. Meinen Hinweis, dass ich hier ja arbeiten muss, wischt er mit den Worten „Geh her. Is jo wurscht“ in seinem unverwechselbaren Kärntner Dialekt einfach weg. Und so nippe ich bereits am Vormittag an einem Glas Prosecco und fühle mich dabei wie früher, als mir ältere Typen in Bars Getränke spendiert haben, die ich gar nicht wollte. Ich lächle irritiert und bin froh, dass ich zumindest beim „Frauenfragen“-Gespräch den Fahrplan in der Hand habe und das Setting vorgeben kann.
Der ehemalige Skirennläufer und ich sitzen in einem schmucklosen Besprechungsraum einer IT-Firma im Zentrum von Wien, in der ich die meisten meiner Interviews aufzeichne. Sie gehört einem guten Freund, und ich habe mich auf Anhieb in dieses Büro verliebt. Klare Linien, keine Schnörkel. An der Wand hängt ein Whiteboard, auf dem Diagramme und eine Menge Pfeile aufgemalt sind. Auf dem Regal links neben der Glastür stehen ein paar verkümmerte Kakteen und daneben liegt eine Kiste mit Überresten von Weihnachtsschmuck. Es ist Sommer. Keine Bilder an der Wand, keine liebevoll drapierten Deko-Objekte, nichts, was auch nur im Entferntesten an eine typisch weibliche Wohlfühlatmosphäre erinnern könnte. Im Aufenthaltsraum gibt es außerdem einen riesigen Billardtisch. Genau diese testosterongetränkte Umgebung schmücke ich nun mit meinen „Frauenfragen“. Und der Kontrast könnte kaum größer sein. Auf dem Tisch stehen typische Frauengetränke auf kleinen gehäkelten Deckchen. Eine Kerze in der Mitte verströmt Vanilleduft.
Ich erkläre die Spielregeln, rolle meinen „roten Teppich“ aus und frage Armin Assinger nach seiner Kleidung, seiner Körperpflege und ob er Angst davor hat, demnächst von einem jüngeren Kollegen ersetzt zu werden. Ich wähle bewusst plakative Fragen, die die Lebensrealität von Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, widerspiegeln sollen. Ohne irritiert zu sein, spricht der 56-Jährige ausführlich über die banalsten Themen und freut sich, dass ich ihn als fit und gutaussehend bezeichne. „Normalerweise geht es nur um den Beruf – wie geht es mit der Millionenshow weiter, oder wo sehen Sie sich in zehn Jahren. Deine Fragen sind eine angenehme Abwechslung“, meint er gut gelaunt. „Außerdem waren ein paar schöne Komplimente dabei.“ Ich lerne: Wer es nicht gewohnt ist, ständig auf sein Äußeres reduziert zu werden, und sich seiner Leistungen sicher sein kann, empfindet Bemerkungen zum Aussehen als wohltuend und erfrischend. Also nicht das Sprechen über Mode, Make-Up-Routinen und Diäten per se ist das Problem, sondern die Tatsache, dass man darauf beschränkt wird. Und das passiert in der Regel halt nur Frauen. Ich erinnere mich daran, wie ich Armin Assinger kennengelernt habe. Es war 2012 bei der Pressekonferenz des ORF zur Präsentation einiger neuer Fernsehsendungen. Mein Reportageformat „Mein Leben“ wurde vorgestellt und Assingers Dokusoap „A-Team“, in der er gemeinsam mit Juristen, Bauprofis und anderen Fachleuten Menschen aus der Patsche helfen sollte. Ich weiß noch, dass ich die ganze Präsentation hindurch schwitzige Finger hatte und hoffte, auf meiner Bluse würden keine Schweißflecken entstehen. Eine rote Bluse und eine weiße Jacke. Das hatte ich an diesem Tag an. Ich stand inmitten von Journalist*innen und dem Publikumsliebling Assinger, und eine meiner größten Sorgen war, ob meine Kleidung eh O.K. aussah. Selbst als moderne, feministische Frau, als die ich mich sehe, ist das Kleinmachen und Reduzieren auf das Aussehen an der Tagesordnung. Es ist in mir einprogrammiert wie das zweite X-Chromosom. Als ich Assinger dann übrigens wieder traf – kurze Zeit später, zur Aufzeichnung der „Promi-Millionenshow“ in Köln –, unterhielten wir uns über Sport. Ein Thema, das mit Männern immer geht. Ich erinnere mich noch daran, dass er mir ausführlich schilderte, wie er sich auf seinen Dienstreisen fit hält. Durch Berglaufen im Stiegenhaus eines Hotels zum Beispiel. 50-mal rauf in den 15. Stock und wieder runter. Ich war beeindruckt. Was Assinger an dem Abend anhatte, weiß ich nicht mehr. Ist bei Männern im Grunde ja auch egal. Selbst am Red Carpet, wo Oberflächlichkeiten und der Kleidungsstil Programm sind, werden Männer zu ihrem Können befragt.

Nachdem ich die klassischen Rote-Teppich-Fragen mit Assinger also abgehandelt habe, bringe ich ein Thema aufs Tapet, das mir persönlich extrem wichtig ist: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ganz klar ein Frauenthema. Denn während erfolgreiche Frauen mit Kindern ständig dazu befragt werden, können erfolgreiche Männer zehn Kinder haben, ohne dass es irgendjemanden wundert. Erst unlängst wurde das im Wahlkampf zur deutschen Bundestagswahl 2021 deutlich. Die Kandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, die zwei kleine Kinder hat, wurde prompt gefragt, wie sich Kinder und das Kanzleramt denn vereinbaren lassen. Ihre Kontrahenten, Armin Laschet und Markus Söder, die ebenfalls, wenn auch bereits ältere, Kinder haben, wurden das nicht gefragt. Zumindest sind wir mittlerweile aber so weit, dass diese einseitige Fragestellung viele irritiert und auch Einzug in die mediale Berichterstattung gefunden hat. Denn müssten wir nicht vielmehr fragen, welche veralteten Strukturen wir verändern müssen, damit Mütter, wenn sie wollen, jeden Job der Welt machen können? Genauso wie die meisten Väter ja auch.
Armin Assinger jedenfalls hat mit seiner Ex-Frau Bettina, von der er seit 2014 geschieden ist, zwei Kinder. David ist mittlerweile 26 Jahre alt, Fiona 21. Genau in dem Jahr, als sein Sohn zur Welt kam, beendete der ehemalige Skirennläufer seine aktive Karriere. Man könnte meinen, der perfekte Zeitpunkt, um sich voll und ganz der Vaterrolle zu widmen. Doch Assinger, der damals noch bei der Gendarmerie war, konzentrierte sich lieber auf seine zweite Karriere als Kommentator von Skirennen im Fernsehen und den Wechsel in die Unterhaltungsbranche. Nur logisch also, dass seine Frau Bettina ihren Job in einer Bank aufgab. Sie kehrte auch nie wieder dorthin zurück. „Es war nicht notwendig, dass sie weiterarbeitet. Wir haben auch so ein schönes Leben gehabt.“ Klingt nachvollziehbar. Wer will schon, wenn er auch so ein schönes Leben haben kann, einem öden Brotjob nachgehen, denke ich, als Assinger von seinen ersten Jahren als Vater erzählt. Und irgendwo in mir drinnen spüre ich auch ein bisschen Neid. Also, sehr, sehr tief in mir drinnen, dort wo die kleine Prinzessin sitzt, die als Kind immer wieder gehört hat, dass „reich heiraten“ eine gute Option wäre und vor allem zu einem glücklichen Leben führt. Weil ich hier aber mitten in einem feministischen Gespräch bin, in dem ich Männer für Gleichberechtigung sensibilisieren und ihnen Paroli bieten will, ignoriere ich das kleine Mädchen schnell wieder und widme mich meinem Gesprächspartner, der dabei ist, das „schöne Leben“ näher zu beschreiben. „Wir haben bald die Assinger-Firma gegründet, in der meine Frau für die Administration zuständig war – die leidige Büroarbeit, Abrechnungen und Ähnliches. Und sie hat natürlich auch den Haushalt gemanagt.“ Siehst du, der Prinz ist doch keine Lösung, rufe ich der Prinzessin in mir noch schnell zu, bevor ich mir das Gesagte noch einmal auf der Zunge zergehen lasse. Kinder, Hausarbeit und leidige Bürotätigkeit. Die Karriere des Mannes pushen. Zu Hause alles managen. So schaut also ein schönes Leben aus. Ja, es mag Frauen geben, die damit kein Problem haben und die in der Rolle der Hausfrau und Mutter voll aufgehen. Denen ihre finanzielle Unabhängigkeit und ihr gesellschaftlicher Status nicht so wichtig sind. Die ihre Selbstentfaltung nicht im Job suchen. Aber warum ist das so? Weil sie, wie ich, als kleine Mädchen durch Stereotype gelernt haben, dass das ihre Bestimmung ist? Weil sie keine Alternativen sehen? Oder wie Assinger es formuliert: „Meine Ex-Frau ist aus einem eher konservativen Haus aus Tirol, und somit war das überhaupt kein Thema zu der Zeit.“ Aber das ist doch unfair, platzt es aus mir heraus. Dass man als Mann beides haben kann, Kinder und Karriere, und dass Frauen sich immer entscheiden müssen. Der Showmaster schaut mich mit einer Mischung aus ernstem und erstauntem Blick an. Ein Blick, den er manchmal auch aufsetzt, wenn Kandidat*innen in der Millionenshow eigenartige Herleitungen für Antworten finden. Gleichzeitig umspielt ein Lächeln seine Lippen. Er denkt kurz nach und sagt dann: „Mein Gott, nein, warum soll ich das unfair finden? Das war halt so. Wir waren da gleichgeschaltet, auch von der Einstellung her, und somit war das O.K.“ Ich merke, dass es rein auf der persönlichen Ebene wohl eher schwierig werden wird, Assinger zum Nachdenken zu bewegen.
Sein Privatleben wurde rund um seine außereheliche Affäre, die 2007 aufflog, ausgeschlachtet. Der Boulevard hat sich wie eine Hyäne auf seine Ehe und die darauffolgende Scheidung gestürzt. Warum also soll er mit mir in den Dialog gehen, wenn ich ihm vorwerfe, es sich als Ehemann und Vater zu leicht gemacht zu haben? Warum sollte überhaupt jemand zum Nachdenken angeregt werden, wenn ihm Vorwürfe um die Ohren geschmissen werden? Ich bin alt genug, um kapiert zu haben, dass das so nicht funktioniert. Also schwenke ich um auf die Strukturen, die es Frauen in dieser Welt schwer machen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ich sage, dass wir eine gesellschaftliche Verantwortung hätten, damit in Zukunft niemand mehr aufgrund seines Geschlechts benachteiligt wird, und dass es doch wünschenswert wäre, dass Männer mehr für ihre Kinder da sein können. Dass auch sie unter dem Patriarchat leiden und sich aufgrund von Rollenzuschreibungen gar nicht voll entfalten können.
Assinger sitzt mir in einem schwarzen Ledersessel gegenüber und hört gespannt zu. Zum ersten Mal in unserem Gespräch verlässt ihn der hemdsärmelige Schmäh, und er wird nachdenklich. Ich höre es in seinem Kopf rattern, als er nach Worten ringt: „Ja, da hast du wohl recht. Du öffnest gerade eine Seitentür in meinem Hirn. Über all diese Themen habe ich bisher noch nie so bewusst nachgedacht.“ Diese Offenheit überrascht mich und gleichzeitig macht sie mich fassungslos. Wie kann es sein, dass ein 56-Jähriger das Thema Gleichberechtigung noch nie auf dem Radar hatte? Wie kann es sein, dass es spurlos an ihm vorübergegangen ist, dass Frauen in vielen Belangen benachteiligt sind? Und warum hat er nicht versucht, mehr Zeit in Familie und Kinder zu investieren? Als könnte er meine Gedanken lesen, sagt Assinger rechtfertigend: „Es hätte sicher mehr sein können. Aber ich komme eben auch aus einer Sportart, wo du in gewisser Weise eine Egosau sein musst. Einzelsportler sind ja auch Egoisten, und wenn du dann aufhörst, kannst du den Schalter nicht komplett umlegen und sofort ein Teamplayer werden. Das muss man einem auch ein bisschen nachsehen.“

Muss man das wirklich? Vieles, das Armin Assinger sagt, kann ich ihm tatsächlich nachsehen. Von seiner Warte aus betrachtet, kann ich viele seiner Aussagen und Entscheidungen nachvollziehen. Aus einer privilegierten Sicht, und die hat man als Mann zweifellos, redet es sich aber auch leicht. Aus einer privilegierten Sicht nimmt man viele Ungerechtigkeiten gar nicht wahr. Oder vielleicht will man sie auch nicht wahrnehmen, um das angenehme Gefühl nicht zu trüben. Denn wie kann es einem als Vater gut gehen, wenn man weiß, dass die eigene Tochter sich ihre Lebensträume aufgrund ihres Geschlechts vielleicht nicht erfüllen wird können? Dass sie sich zwischen Kind und Karriere entscheiden wird müssen und dass sie eines Tages weniger verdienen wird als der eigene Sohn? Wie kann man das nicht höchstgradig ungerecht finden? Aber wahrscheinlich ist das wie mit vielen Dingen im Leben. Der dunkelhäutige Nachbar ist eh ganz nett, aber alle anderen Schwarzafrikaner sind Drogendealer. Der nette Obdachlose vor dem Supermarkt kann sicher nichts für sein Schicksal, aber alle anderen sind selbst schuld. Und die eigene Tochter wird es dann schon nicht so schwer haben, auch wenn Frauen generell benachteiligt sind. Wahrscheinlich ist das eine Art Selbstschutz, den wir Menschen eingebaut haben, um die vielen Ungerechtigkeiten in der Welt nicht spüren zu müssen. In Bezug auf die Gleichberechtigung ist dieser Schutzmechanismus aber fatal. Denn wie soll sich etwas ändern, wenn Gleichberechtigung immer nur als individuelles Problem gedacht wird? „Was bräuchte es denn, damit die Welt eine gleichberechtigtere wird?“, will ich von Assinger wissen. Weil er darauf keine Antwort hat oder weil ihm das Thema langsam auf die Nerven geht, greift er zu einem der drei Joker, die ich ihm am Anfang des Gesprächs ganz in Millionenshow-Manier präsentiert habe. Er legt die rosafarbene Richtungswechsel-Karte vor mich auf den Tisch und schaut mich herausfordernd an. Ich schaue auf die zwei Pfeile, die ich mit den Filzstiften meiner Kinder draufgemalt habe, und finde das plötzlich alles ziemlich absurd: Muss man im Jahr 2020 wirklich noch so über Gleichberechtigung diskutieren? Offensichtlich schon.
Wie es meine Spielregeln also vorgeben, beantworte ich jetzt die Frage. „Es gibt so vieles, das sich ändern müsste“, sage ich, und dass ich mit den „Frauenfragen“-Interviews einen kleinen Teil dazu beitragen möchte. Außerdem müssten Frauen endlich genauso viel verdienen wie Männer und in alle beruflichen Ebenen vordringen können. Wenn es sein muss, auch mit einer gesetzlich geregelten Quote. Das Wort Quote löst bei Assinger, wie übrigens bei vielen Menschen, große Emotionen aus. „Muss das wirklich mit Zwang sein, dass, wenn ein Mann und eine Frau sich bewerben, automatisch die Frau genommen wird? Dann sind doch wieder die Männer diskriminiert, und das wollen wir ja auch nicht“, sagt er, fügt dann aber noch hinzu, dass er Quoten prinzipiell schon ganz gut findet. Natürlich will ich nicht, dass Männer diskriminiert werden. Wer will das schon ernsthaft? Aber kann man nicht über eine faire Aufteilung sprechen, ohne dass gleich der Angstschweiß ausbricht? Ohne dass man gleich eine Notrufnummer für den diskriminierten Mann einrichten muss? Eine Studie des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2020 besagt übrigens, dass, wenn es in Sachen Gleichberechtigung in dem Tempo weitergeht, es noch 100 Jahre dauern wird, bis Frauen und Männer tatsächlich gleichgestellt sind. Die Rede ist von gleichgestellt, nicht bessergestellt. Also kein Grund zur Panik! Assinger bleibt trotzdem skeptisch. Auch als ich über den Gender-Pay-Gap spreche, also die Tatsache, dass Frauen nach wie vor weniger verdienen als Männer. „Dass Frauen so viel weniger verdienen als Männer, muss man schon differenziert sehen. Zum Beispiel im Staatsdienst, bei den Beamten. Da ist die Bezahlung ja schon angeglichen worden.“ Jetzt ist der ehemalige Skirennläufer so richtig in Fahrt. Gerade bei den Beamten sei es manchmal nicht fair, dass Frauen, die zum Beispiel weniger Dienstjahre vorweisen können, nur aufgrund ihres Geschlechts bevorzugt werden. Und dass man sich generell anschauen müsse, wie viele Menschen in Österreich überhaupt erwerbstätig sind und wie viele davon dann Beamte sind. Ich frage mich, ob er mir jetzt tatsächlich erklären will, dass es den Gender-Pay-Gap gar nicht gibt. Dass er vielleicht nur eine Erfindung von uns ach so aufgeklärten Feministinnen in der Stadt ist. Die Zahlen sagen jedenfalls etwas anderes: Im Jahresdurchschnitt 2019 gab es, laut Statistik Austria, 4.355.000 Erwerbstätige, ungefähr gleich viele Frauen wie Männer. Davon waren rund 200.000 Beamt*innen. Obwohl im öffentlichen Dienst gleichwertige Arbeit unabhängig vom Geschlecht gleich bezahlt wird, verdienen auch Beamtinnen im Schnitt weniger als ihre männlichen Kollegen. Das liegt u.a. daran, dass auch hier Frauen eher in Teilzeit arbeiten und weniger in Führungspositionen zu finden sind.1
In Sachen Gleichberechtigung gibt es also definitiv noch viel zu tun. Darauf einigen sich Assinger und ich nach gut eineinhalb Stunden, die wir bereits in diesem nüchternen Besprechungsraum sitzen, am Prosecco-Glas nippen und über „Frauenfragen“ diskutieren. Als wir thematisch bei der Frauenquote in der Unterhaltungsbranche ankommen, schlägt der Showmaster plötzlich die Hände zusammen und meint: „Do is a Gössn.“ Da ist eine Gelse. Ich kann keine sehen und mir beim besten Willen auch nicht vorstellen, wie ein Insekt in diesem klinisch sauberen Zimmer überleben könnte. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass Assinger mit dieser Nebensächlichkeit ablenken will. Dass es ihm unangenehm ist, über Themen zu sprechen, in denen ihm die Expertise fehlt. „Du hast mich heute wirklich am falschen Fuß erwischt, weil ich ja nicht gewusst habe, worüber wir reden werden. Deswegen kann man nicht jede Aussage von mir für bare Münze nehmen. Mir ist bewusst, dass das Thema ein sehr sensibles ist, und ich will ja auch niemanden vor den Kopf stoßen.“
Vor den Kopf gestoßen werden Frauen in der Unterhaltungsbranche aber immer wieder. Oder wie ist es zu erklären, dass die meisten großen Unterhaltungssendungen im Fernsehen von Männern präsentiert werden? Und wenn Frauen vorkommen, sie häufig nur als Co-Moderatorinnen fungieren dürfen, oder wie eine Schweizer Zeitung über Michelle Hunziker bei „Wetten, dass ..?“ geschrieben hat, als „schönster Sidekick der Fernsehgeschichte“2? Wie ist es zu erklären, dass der Programmdirektor der ARD 2020 in einem Interview meinte, er finde keine Frau für die Showunterhaltung, und dafür berechtigterweise heftige Kritik erntete? Und warum wurde auch die Rate-Sendung „Die Millionenshow“, die bereits in über 100 Ländern ausgestrahlt wurde, weltweit hauptsächlich von Männern moderiert? Als Barbara Stöckl im Jahr 2000 in Österreich die Moderation der Quizsendung übernahm, war sie weltweit die einzige Frau für dieses Format. Mittlerweile haben einige Fernsehstationen nachgezogen, doch immer noch sind Frauen als Quizshow-Moderatorinnen die Ausnahme. „Jemand in führender Position hat mal gesagt: Quiz ist Männersache“, ergänzt Assinger. In Bezug aufs Moderieren geben ihm die Fakten recht. Wenn man sich jedoch anschaut, wie viele Frauen in der Millionenshow bereits die Millionen-Frage geknackt haben, stimmt die Aussage nicht mehr. Denn seit Beginn der Ausstrahlung der Sendung im ORF sind bisher fünf Frauen und zwei Männer mit der Million nach Hause gegangen. Vielleicht könnte man daraus jetzt auch wieder etwas Schlaues ableiten, denke ich, verkneife mir dann aber, es laut auszusprechen. Anders als Armin Assinger, der geradeheraus sagt, was er sich denkt. Und so meint er gegen Ende unseres Gesprächs: „Jetzt fängt es langsam an, unbequem für mich zu werden, weil du auf diesem Thema so herumreitest, und ich merke, wie wenig Gedanken ich mir im Laufe der letzten Jahre dazu gemacht habe. Aber kommendes Wochenende bin ich allein, und da werde ich sicher darüber nachdenken.“ Kaum hat er den Satz beendet, muss er auch schon los zu seinem nächsten Termin. Denn wenn der Kärntner einmal in Wien ist, ist sein Zeitplan dicht gedrängt. Lässig wirft er sich seine Jacke über, nimmt seinen kleinen Rollkoffer und eilt zum Ausgang. Bevor die Tür zufällt, dreht sich Assinger noch einmal um, winkt freundlich und ruft: „Bis bald, Marilein.“ Und damit wird mir einmal mehr bewusst, wie viel in Sachen Gleichberechtigung tatsächlich noch zu tun ist.

Alma Zadić
JUSTIZMINISTERIN
Ich werde als junge Mutter immer wieder gefragt, wie ich Job und Kind unter einen Hut bekomme und ob es meinen Mann nicht stört, dass er jetzt zu Hause bleibt und sich um das Baby kümmert. Ich habe noch nie gehört, dass man Männer in vergleichbaren Positionen fragt, wie sie Job und Kind unter einen Hut bekommen und ob es deren Frauen stört, die Kinder zu betreuen. Es kann nicht nur die Aufgabe der Frau sein, sich um die Erziehung und den gemeinsamen Haushalt zu kümmern. Es ist die Aufgabe beider Partner und die Frage ist daher an beide Elternteile zu richten.
Raphaela Scharf
MODERATORIN, JOURNALISTIN
Ich wurde einmal gefragt, ob ich auch noch andere Qualifikationen hätte, außer schön zu sein. Vor allem im Fernsehjournalismus werden Frauen häufig auf das Aussehen reduziert, und auch die Vereinbarkeitsfrage ist immer wieder Thema. „Teilzeitjob erwünscht? Kaum machbar.“ Von männlichen Kollegen habe ich noch nie gehört, dass sie so etwas gefragt wurden.
Mirjam Weichselbraun
MODERATORIN
Sätze wie: „Wo sind denn deine Kinder, wenn du arbeitest?“, „Mausi, mach dir darüber keinen Kopf“ oder „Du bist aber schon sehr ehrgeizig“, habe ich persönlich schon oft gehört. Vor allem von den sogenannten alten, weißen Männern, aber immer wieder auch von Frauen. Es wäre schön, wenn wir uns da etwas kritischer hinterfragen würden. Denn im Grunde wollen wir doch alle selbstbestimmt und gleichberechtigt leben, und mit mehr Frauensolidarität kämen wir bestimmt schneller ans Ziel.
AM ROTEN TEPPICH
Christian Kern trägt bei unserem Treffen ein
weißes Hemd und darüber ein khakifarbenes
Sakko, klassische Bluejeans sowie blaue Socken
und braune Lederschuhe.
MEIN BEAUTY-GEHEIMNIS
… ist, dass ich die Gene meiner Mutter habe.
SMARTPHONE ODER HAUTCREME? AUF EINE EINSAME INSEL NEHME ICH
… mein Telefon mit. Das ist schon nützlich. Wobei, ich besitze natürlich auch eine Hautcreme.
UNGESTYLT BIN ICH
… wenn ich mit meinem Hund in der Früh die erste Runde mache.
MASSANZÜGE
… habe ich keine. Dafür bin ich viel zu ungeduldig.
ANGST, DURCH JÜNGERE FRAUEN ERSETZT ZU WERDEN
… habe ich nicht. Im Gegenteil, ich habe zeit meines Berufslebens, Frauen gefördert.

CHRISTIAN KERN
Kein Joker, Preis: Schokolade
CHRISTIAN KERN
Ich habe es zwei Mal probiert, aber richtig gut fand ich es nie, das Schwanger-Sein. Ich hatte fürchterliche Stimmungsschwankungen, nach kürzester Zeit Sodbrennen, und den berühmten Glow habe ich beim Blick in den Spiegel auch nie gefunden. Ein Kind zu kriegen, hatte ich mir definitiv besser vorgestellt. Schließlich wird einem überall vermittelt, dass die Schwangerschaft „die schönste Zeit im Leben einer Frau ist“. Vielleicht empfinden es manche tatsächlich als schön, ständig Kommentare zur Größe des Bauches zu bekommen, mehrmals am Tag gefragt zu werden, wann das Baby denn kommt und ob es ein Bub oder ein Mädchen wird. Mich hat das meistens genervt. Ich frage Menschen, die zugenommen haben, ja auch nicht, ob da ein Sixpack Bier oder eine Schwarzwälder Kirschtorte drin ist. Für schwangere Frauen gilt aber offenbar ein anderer Maßstab, wenn es um die Überschreitung persönlicher Grenzen geht. Oder ist es allgemein üblich, dass Kolleg*innen einem ungefragt den Bauch küssen und Fremde beim Wandern einfach so – „Oh, wie schön! Darf ich mal?“ – draufgreifen? Als Schwangere wird man plötzlich zu einer Art Allgemeingut und nicht mehr als Frau, sondern vor allem als schwanger gesehen. Besonders im beruflichen Kontext empfand ich das als äußerst unangenehm. Und so war ich bei meiner letzten offiziellen Begegnung mit Christian Kern im Jahr 2016 fast froh, dass er nicht meine Schwangerschaft, sondern mein Outfit thematisiert hat.
Der heute 54-Jährige war damals noch Bundeskanzler und sprach bei einer Podiumsdiskussion mit führenden Europapolitikern über die Zukunft der Europäischen Union. Ich war zu dem Zeitpunkt hochschwanger und führte als Moderatorin etwas atemlos durch das Gespräch. Denn das Baby im Bauch boxte an dem Tag besonders stark gegen mein Zwerchfell, und das lange Sitzen machte mir zu schaffen. Als wir fertig waren, schüttelte Kern mir die Hand und meinte: „Cooles Outfit.“ Ich trug ein graues Shirt, eine dunkelblaue Stoffhose, blau-weinrot karierte Socken und dazu weinrote Schnürschuhe. Ich weiß es noch so genau, weil mich die Aussage einerseits gefreut, andererseits aber auch irritiert hat. Hätte er das auch zu mir gesagt, wenn ich ein Mann gewesen wäre? Hätte er in dem Fall nicht vielmehr meine fachlichen Qualitäten beurteilt? War das ein klassischer Fall von: Frauen werden ständig auf ihr Äußeres reduziert? Oder können sich Frauen und Männer nicht auch einfach über Mode unterhalten, ohne dass gleich irgendeine Form von Sexismus dahintersteckt? „Jetzt darf man Frauen nicht einmal mehr ein Kompliment machen“, werden einige vielleicht sagen. Natürlich darf man das. Sehr gerne sogar. Aber ebenso darf man sich bewusst machen, dass Frauen und Männer, vor allem in beruflichen Kontexten, mit unterschiedlichem Maß gemessen werden. Dass Männer vorrangig nach ihrer Kompetenz und Frauen nach ihrem Äußeren beurteilt werden. Das darf man durchaus hinterfragen und darüber diskutieren. Und genau deshalb habe ich Christian Kern, vier Jahre nach unserem Zusammentreffen im Haus der Europäischen Union, zu einem „Frauenfragen“-Gespräch eingeladen.
Wir sitzen also wieder nebeneinander und ich habe, natürlich absichtlich, fast das Gleiche an wie damals. Während sich Kerns Labradorhündin Samy unter den Tisch verkriecht, frage ich ihn, ob ihm mein Outfit immer noch gefällt. „Auf jeden Fall. Das ist sehr gelungen. Aber das war damals gar nicht so gemeint, wie es jetzt vielleicht bei dir rüberkommt“, erklärt der ehemalige Bundeskanzler. „Das war wirklich ein sachliches, interessiertes Kompliment bzw. mehr eine Einschätzung. Ich habe auch überhaupt kein Problem damit, das zu einem Mann zu sagen. Nur ist bei Männern oft das Bewusstsein für Mode nicht so vorhanden.“
Das Bewusstsein für Mode ist bei Christian Kern, der 2018 aus der Politik ausgeschieden ist und heute wieder in der Privatwirtschaft arbeitet, auf jeden Fall vorhanden. Bei unserem Treffen trägt er ein legeres Business-Outfit: Bluejeans, weißes Hemd und khakifarbenes Sakko, und auch sonst ist er stets gut gekleidet. Während seiner Zeit in der Politik fiel er optisch durch seine engen, gut sitzenden Anzüge auf, die ihm die Bezeichnung „Slim-Fit-Kanzler“ einbrachten. Die satirische Onlinezeitung „Die Tagespresse“ widmete Kerns körperbetontem Kleidungsstil sogar einen ganzen Artikel. „Das war knapp! Bundeskanzler Christian Kern musste heute Früh von einem Notarzt aus einem zu engen Designer-Anzug geschnitten werden“, war da etwa zu lesen.3 Kein österreichischer Politiker wurde je so auf sein Äußeres reduziert wie Kern. Altkanzler Wolfgang Schüssel fiel zwar auch mit seinen bunten Mascherln auf, doch der Einheitsbrei aus dunklen Anzügen und Krawatten war damals in den Medien nie wirklich Thema. Erst seit einigen Jahren werden Anzüge, Uhren und Socken von Politikern kommentiert und bewertet. Christian Kern hat sicher seinen Teil dazu beigetragen. „Ich muss gestehen, ein bisschen habe ich es schon nervig gefunden. Denn nur weil du nicht bei jedem Schweinsbraten am Wegesrand schwach wirst, heißt das ja noch lange nicht, dass du nur noch darauf zurückgeführt werden musst“, sagt der gebürtige Wiener, als ich ihn frage, wie er den Fokus auf sein Äußeres empfunden hat.
Für Frauen ist das, was Kern in seiner knapp zweijährigen Polit-Karriere widerfahren ist, Alltag. Während sich Politiker vor allem gegen ihre Konkurrenten durchsetzen müssen, sind Politikerinnen zusätzlich noch mit abwertenden Zuschreibungen und Objektivierungen konfrontiert – im Parlament genauso wie auf Social Media und in klassischen Medien. So wurde zum Beispiel die Europaabgeordnete der Neos Claudia Gamon als „Miss Neos“4 und „Schöne Claudia“ bezeichnet, die erste österreichische Außenministerin Benita Ferrero-Waldner wurde abfällig „Chanel-Pupperl“5genannt, und als Brigitte Bierlein 2019 Übergangskanzlerin wurde, dauerte es keine 24 Stunden, bis Zeitungen ihre Kleidungswahl kommentierten. „Das ist wahrscheinlich wirklich so ein Geschlechterstereotyp“, meint Kern dazu. „Wenn mir meine Ehefrau ein Kompliment macht, bin ich glücklich darüber, aber sonst tue ich mir schwer, damit umzugehen. Als Mann bist du es einfach nicht so gewohnt, in dieser Kategorie gemessen zu werden.“ Gut, als Mann ist man vieles nicht so gewohnt. Zum Beispiel auch nicht, dass man aufgrund seines guten Aussehens im Berufsleben als weniger kompetent wahrgenommen wird. Kern hat das in seiner bisherigen Karriere jedenfalls noch nicht erlebt, wie er sagt – weder in der Politik noch in der Wirtschaft, wo er zuerst im Vorstand der Verbund AG6 und danach als Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Bundesbahnen tätig war. „Ich denke aber, es ist im Gegenteil schon hilfreich, gut auszusehen. Attraktive Menschen werden, so unfair das ist, a prima vista als sympathischer wahrgenommen“, meint er. Bereits 1972 prägten amerikanische Wissenschaftler den Satz „What is beautiful is good“, der bis heute zu gelten scheint. Auch aktuellere Studien belegen, dass schönen Menschen positive Charaktereigenschaften zugeschrieben werden. Allerdings trifft das nicht auf alle Lebensbereiche und auch nicht auf beide Geschlechter gleichermaßen zu. Erst kürzlich hat mir mein Mann, der in der IT-Branche tätig ist, einen Erfahrungsbericht geliefert, der das bestätigt. Seine Kollegin, eine große, schlanke, blonde und sehr kompetente Technikerin, hat, wie er sagt, immer wieder Probleme, von den größtenteils männlichen Kunden ernst genommen zu werden. Blöde und anzügliche Bemerkungen stünden regelmäßig auf der Tagesordnung. Das Vorurteil, eine Frau könne nicht gleichzeitig schön und intelligent sein, geistert also noch immer durch diverse Großraumbüros, auch in der prinzipiell aufgeschlossenen und, was Geschlechtergerechtigkeit betrifft, recht fortschrittlichen IT-Welt.
„Also, bei mir ist das sicherlich nicht so“, sagt Kern, fast so, als hätte ich ihm mit meiner Anekdote etwas unterstellen wollen. „Ich mache mir bei meinen Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen keine Gedanken darüber, ob sie gut ausschauen oder nicht.“ Mag sein. Die Mehrheit der Personalchef*innen tut das jedoch schon, vor allem, wenn es um die Besetzung von Spitzenpositionen geht. Das haben Wissenschaftler der Yale University bereits Ende der 1970er-Jahre nachgewiesen, und auch eine Studie aus dem Jahr 2019 kommt zu dem Ergebnis, dass Schönheit für Geschäftsfrauen eher ein Nachteil ist.7 Offenbar liegt das daran, dass Führungspositionen eher mit „männlichen“ Eigenschaften assoziiert werden und attraktive, also besonders weibliche Frauen, für diese Jobs deshalb unpassender erscheinen. Die Konsequenz? Frauen, die Karriere machen wollen, sollten sich so unattraktiv und maskulin wie möglich geben, meinen die Wissenschaftler. Auch wenn diese Empfehlung auf den ersten Blick plausibel erscheint, ist sie meiner Meinung nach viel zu kurz gedacht. Denn warum müssen sich Frauen an die Gegebenheiten eines männlich dominierten Wirtschaftssystems anpassen? Warum denken wir nicht stattdessen darüber nach, wie wir die Vorurteile, Codes und Verhaltensvorschriften, die in der Geschäftswelt vorherrschen, aufbrechen und verändern könnten? Ich bin mir sicher, dass auch Männer davon profitieren würden. „Ein gutes Mittel gegen all diese Ungerechtigkeiten sind Quoten“, meint Kern. „Aber neben Frauenquoten in allen Lebensbereichen wäre es genauso wichtig, ein anderes Männerbild zu entwickeln. Denn oft hängt es von den Chefs ab, ob sie Frauen fördern oder nicht, und das sind zu einem Großteil einfach noch Männer.“ Plötzlich ist ein lautes Gähnen zu hören, und ich bin irritiert, weil ich fast vergessen habe, dass Kerns Hund ja auch noch im Raum ist. Demonstratives Gähnen deute ich immer als Hinweis für Langeweile, und so frage ich mich, während Samy aufsteht und sich genüsslich streckt, ob unser Gespräch bisher vielleicht etwas fad war. Als ob ein Labrador das beurteilen könnte! „Hast du Samy, die ja ein Weibchen ist, eigentlich bewusst zu einem Gespräch über ‚Frauenfragen‘ mitgebracht?“, will ich von Kern wissen, um die ernsthafte Stimmung ein bisschen aufzulockern. „Nein, sie ist meine ständige Begleiterin. Sie ist unglaublich anhänglich, was ich großartig finde. Ich nehme sie auch immer mit ins Büro, wo sie dann zu meinen Füßen liegt.“ Nach einer kurzen Pause fügt er noch hinzu: „Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass mir jemand zu Füßen liegt.“ Höflich beantwortet Kern jede Frage, schweift dabei jedoch nie aus und sagt stets nur so viel, wie notwendig erscheint. In dem Buch „Christian Kern: Ein politisches Porträt“8 wird der Ex-Kanzler als „fleißig, belesen und gescheit“ beschrieben. Außerdem als „distanziert und kontrolliert“, und diesen Eindruck habe ich bisher auch von ihm.

„Inwiefern hast du dich denn in die Familienarbeit eingebracht?“, will ich von Kern wissen und mache damit das große Thema Vereinbarkeit von Familie und Karriere auf. Zu lange über das Aussehen zu reden, ist ja wirklich langweilig. Als er Vorstandsvorsitzender der ÖBB wurde, war seine Tochter aus zweiter Ehe gerade mal drei Jahre alt. „In diesen Managementberufen muss man zwar am Wochenende auch immer arbeiten, Unterlagen lesen und da und dort einen Termin absolvieren, aber im Wesentlichen habe ich schon versucht, mir diese Tage freizuhalten. Unter der Woche ist das aber oft schwierig gewesen und vieles ist an meiner Frau hängen geblieben“, erzählt der 54-Jährige, der seit 2009 mit der Unternehmerin Eveline Steinberger-Kern verheiratet ist. Die beiden haben sich beim Verbundkonzern kennengelernt, wo Steinberger-Kern knapp zehn Jahre beschäftigt war. „Ich bin in der Holding in den Vorstand gekommen und sie war damals Geschäftsführerin im Vertrieb. Da gab es dann natürlich eine Vereinbarkeitsthematik, und deshalb haben wir uns dazu entschieden, dass sie geht und etwas anderes macht. Im Nachhinein glaube ich, dass es für ihren weiteren Weg gut war, aber das hat man natürlich nicht wissen können.“ Ich runzle die Stirn. Im Nachhinein kann man sich wirklich alles schönreden. Weil Kern meine kritischen Gedanken möglicherweise spürt, fügt er erklärend hinzu: „Eveline ist etwas jünger als ich, und wenn man will, war ich in meinem Karriereverlauf durch die Lebensjahre schon etwas weiter. Deshalb war es in dem Fall recht klassisch, dass sie verzichtet hat. Als ich jedoch aus der Politik ausgeschieden bin, war es genau umgekehrt. Da sind wir gemeinsam zu der Entscheidung gekommen, dass jetzt genug ist. Vermutlich wäre ich ohne den Klartext meiner Frau noch länger in der Politik geblieben.“ Gleichberechtigung wird in der Familie Steinberger-Kern offenbar sehr großgeschrieben, und so ist es nicht nur dem Ex-Kanzler möglich, Karriere zu machen, sondern auch seiner Frau. Zwei Jahre nach der Geburt der gemeinsamen Tochter machte sie sich in der Energiebranche selbständig. 2014 gründete Eveline Steinberger-Kern ein Unternehmen in Israel und ist neben Managementtätigkeiten dort derzeit auch noch Mitglied im Aufsichtsrat zweier großer Konzerne.
Wenn Kern über seine Frau spricht, schwingt in seinen Worten viel Respekt und eine Beziehung auf Augenhöhe mit. „Ich habe eine selbstbewusste, erfolgreiche, kluge Frau und bin selber selbstbewusst genug, um das als großes Glück zu sehen.“ Und deshalb war es für ihn nur logisch, nach dem Ausstieg aus der Politik auch beruflich gemeinsame Sache zu machen. „Viele glauben ja, dass du, wenn du Bundeskanzler oder Politiker bist, nur Vorteile hast. Für meine Frau war mein Politiker-Dasein aber mit Sicherheit ein beruflicher Nachteil, weil viele Dinge aufgrund von Vereinbarkeitsproblemen nicht gegangen sind. Sie hat in dieser Situation auch manchmal den Kürzeren gezogen, aber das mit Langmut und größter Liebe und Solidarität.“ Ein schöner Satz, den ich gerne genau so einmal aus dem Mund einer Frau hören würde: „Mein Mann hat beruflich auch manchmal den Kürzeren gezogen, aber das mit Langmut und größter Liebe und Solidarität.“ Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Obwohl wir im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts angekommen sind, wird das Verzichten auf eine Karriere immer noch eher Frauen zugeordnet, genauso wie die Eigenschaften Langmut, Demut oder Sanftmut, die allesamt weibliche Artikel haben. Wörter wie Hochmut, Übermut und Wagemut hingegen, die nach Energie und Schaffenskraft klingen und den nach außen gerichteten Mut beschreiben, sind männlich.9 Ist Mut jetzt also per se männlich? Diese Frage beschäftigt Sprachexpert*innen genauso wie Macher*innen von Talkshows im Fernsehen10 und lässt sich mit Sicherheit nicht in ein, zwei Sätzen beantworten. Vielleicht lässt sie sich auch gar nicht beantworten, da Mut doch generell sehr subjektiv ist.
Für mich jedenfalls war Mutter zu werden eine der mutigsten Entscheidungen in meinem Leben. Denn nichts zuvor hat sich so sehr nach einem Sprung ins kalte Wasser angefühlt, nichts war so sehr an positive Erwartungen gekoppelt und nichts hat mich so heftig aus der Bahn geworfen. Während ich zwischen einem stundenlang durchschreienden Baby, nie enden wollenden Wäschebergen und der Hoffnung, mich selbst dabei nicht zu verlieren, oft verzweifelt bin, habe ich mir immer wieder vorgestellt, wie es wohl sein muss, alleinerziehend zu sein. Vor jedem Menschen in dieser Situation habe ich den allergrößten Respekt, und trotzdem ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich vor alleinerziehenden Frauen mehr Respekt habe als vor Männern. Denn bei allem Bestreben, eine moderne Feministin zu sein, traue ich ihnen diese Aufgabe insgeheim nicht zu 100 Prozent zu. Habe ich das jetzt wirklich geschrieben? Ja, und zwar, weil ich mir vorgenommen habe, in diesem Buch so offen wie möglich zu sein, mich mit meinen eigenen tief sitzenden Geschlechterklischees und Vorurteilen zu konfrontieren und sie zu hinterfragen. Denn nur so ist es möglich, sie zu verändern. Und nachdem Christian Kern, als er mit 22 Jahren zum ersten Mal Vater wurde, eine Zeit lang alleinerziehend war, habe ich jetzt die perfekte Gelegenheit dazu. „Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass du plötzlich Solo-Papa warst?“, will ich wissen. Das ist ja schon eher ungewöhnlich. Denn immer noch sind laut Statistik Austria nur 11,7 Prozent11 der Alleinerziehenden Männer, und vor rund 30 Jahren waren es sogar noch weniger. „Mit meiner ersten Frau war das lange so eine Hop-On-Hop-Off-Sache. Als wir uns zum ersten Mal getrennt haben, wollte sie das Leben durchaus mehr genießen, ich meine das nicht böse. Das ist halt so eine Entscheidung. Aber für mich war immer klar, dass ich mich da nicht aus der Verantwortung stehlen kann. Ich werde jedenfalls nie vergessen, wie es war, wenn mein Sohn in der Früh in mein Bett gekommen ist, auf allen Vieren über meinen Brustkorb gekrabbelt und dann seufzend wieder neben mir eingeschlafen ist. So lange das her ist, fast 30 Jahre mittlerweile, das wirst du im Positiven nicht mehr los“, erinnert sich Kern. Ich höre ihm aufmerksam zu und frage mich, ob ich auch einmal so verklärt über diese erste Zeit mit Baby sprechen werde oder ob Kern und ich, was das Gefühl über ein Leben mit Kindern betrifft, einfach aus anderem Holz geschnitzt sind. Ich tippe eher auf Zweiteres. „Ich bin so ein Kinderfreund“, sagt Kern. „Ich habe auch mein Studium, bevor mein Ältester geboren wurde, als Babysitter finanziert. Wenn du mir ein Baby hinhältst, bin ich hin und weg.“ Das kann ich von mir definitiv nicht behaupten. Ich liebe zwar den Geruch von Babys und ihre zerknautschten Gesichter, ich liebe ihre unbändige Neugier auf die Welt und ihre Kuscheligkeit, aber es gibt mindestens genauso viele Aspekte, die ich an Babys nicht mag. Schon gar nicht an fremden.

Ich erzähle Kern, dass es bei uns im Kindergarten einen alleinerziehenden Vater gibt, und dass der immer sehr viel Verständnis für seine Situation erfährt. „Wie war das denn bei dir?“, will ich wissen. „Genauso. Bis zum Abwinken wirst du als alleinerziehender Mann bewundert und giltst als Sensation“, meint der 54-Jährige. „Da haben es Frauen wirklich schwerer, das ist überhaupt keine Frage.“ Und dann spricht er mit Begeisterung vom Roman „About a boy“12, in dem sich ein Mann als Alleinerziehender ausgibt, um an attraktive Single-Mütter ranzukommen. „Das ist eine großartige Geschichte, an die ich mich manchmal erinnert gefühlt habe. Also nicht wegen dem Aufreißen, aber wie du da bei Frauen im Mittelpunkt stehst und auch ganz anders gesehen wirst. Das ist völlig unangemessen und fast skurril.“ Negative Reaktionen hat Kern als alleinerziehender Vater jedenfalls nie erlebt. Eigentlich seltsam, denn genauso oft wie Solo-Väter beklatscht werden, erleben sie Ablehnung und Skepsis – siehe meine eigenen Vorurteile. Wissenschaftlich abgesicherte Informationen zu alleinerziehenden Vätern gibt es noch relativ wenige. Erfahrungsberichte zeigen jedoch, dass sie es ähnlich schwer haben wie Frauen, nur eben auf anderer Ebene. Während Alleinerzieherinnen nämlich vor allem finanzielle Sorgen quälen und sie ihren Beruf rechtfertigen müssen, um nicht als Rabenmütter zu gelten, kämpfen Männer mit dem Fehlen eines klaren Rollenbildes. Sie werden oft nicht ernst genommen, müssen sich mehr erklären und tun sich schwerer, Gleichgesinnte zu finden.13 Eine neuere Untersuchung besagt außerdem, dass alleinerziehende Väter eine dreimal höhere Sterberate als Single-Mütter oder Frauen und Männer haben, die in Beziehungen leben. Dass sie weniger Obst und Gemüse essen und mehr Alkohol trinken, also einen ungesünderen Lebensstil pflegen.14 Ich wage zu behaupten, dass das vielleicht damit zu tun hat, dass Männer aufgrund der klassischen Rollenzuschreibungen im Patriarchat nicht lernen, sich gut um sich selbst zu kümmern. Ein Mann, der regelmäßig zum Arzt geht, seine Emotionen zulässt und ernst nimmt und nicht immer bis zur maximalen Belastungsgrenze arbeitet, gilt ja vielerorts immer noch als Weichei. Also: Smash the patriarchy! Männer hätten auch etwas davon.

Kerns Hund, der mir gegenüber bisher brav die Corona-Abstandsregeln eingehalten hat, kommt plötzlich ein bisschen näher und schnuppert an meinen Schuhen. Dabei wedelt er eifrig mit dem Schwanz, was bei Hunden ja so eine Art Begrüßung darstellt. Vielleicht ist es aber auch als Verabschiedung gemeint, denke ich und schaue auf die Uhr, die anzeigt, dass wir schon über eine Stunde hier sitzen und über klassische Frauenthemen sprechen. Die Zeit ist jedenfalls wie im Flug vergangen. Zum Abschluss möchte ich noch kurz über Kerns Rolle als Vater sprechen, in der er ja besonders aufzugehen scheint. Mit insgesamt vier Kindern15 kann der bekennende Kinderfreund darin auch einen großen Erfahrungsschatz vorweisen. „Hattest du in Bezug auf dein Vatersein eigentlich ein Vorbild?“, will ich wissen. „Nein. In so etwas wächst du rein, so etwas entwickelt sich. Bei mir im Elternhaus war das unglaublich liebevoll, wobei es da eine ganz klassische Geschlechter-Rollentrennung gab. Meine Mutter hat sich um mich und meine Schwester gekümmert, unglaublich viel Zeit investiert und auf vieles verzichtet. Aber mein Vater war auch voller Liebe. Das war wahrscheinlich das, was mich in meinem Vatersein am meisten geprägt hat.“ „Und wie würdest du dich als Vater beschreiben?“, frage ich weiter, und erstmals zögert Kern ein bisschen bei der Antwort. „Ich glaube, ich bin … Jetzt wirst du wahrscheinlich lachen und meine Tochter wird vielleicht aufjaulen, aber, ich glaube, ich bin wirklich ein cooler Vater, mit dem man tolle Dinge machen kann.“ Interessant, dass ihm das Adjektiv cool zu seinem Vatersein als Erstes einfällt, finde ich, und überlege, ob ich ihm im Anschluss an unser Gespräch anonym eines dieser peinlichen T-Shirts mit Aufschriften wie „So sieht ein echt cooler Papa aus“ schicken soll. „Ist es dir als Vater denn besonders wichtig, cool zu sein?“, frage ich nach. „Nein, das habe ich natürlich scherzhaft gemeint“, rudert Kern zurück und fügt lachend hinzu: „Wenn jemand ernsthaft von sich behauptet, er ist cool, dann ist er vermutlich ein Idiot.“
Cool ist wahrscheinlich der letzte Begriff, der mir einfallen würde, wenn ich über meine Rolle als Mutter nachdenke. Und das tue ich sehr oft. Lange Zeit war mein Muttersein vom Adjektiv „perfekt“ geprägt bzw. von dem ungesunden Wunsch danach. Jetzt habe ich mein Bestreben zumindest auf „gut“ gedownsized: Ein schneller Toast zum Frühstück statt frisch gekochtem Porridge und eine Runde Fernsehen statt pädagogisch wertvoller Basteleien. Meine Kinder, die ohnehin viel genügsamer sind als ich, finden das jedenfalls gut, und mein Leben ist so auch weniger anstrengend. Was ich aber immer noch recht schwierig finde, ist, die Balance zu finden, um genügend Zeit und Energie für meine Kinder und meinen Beruf zu haben. Das schlechte Gewissen ist allgegenwärtig. Auch Kern meint: „Die Frage, ob man ein guter Vater war und sich genug gekümmert hat, ist in Wahrheit nicht angenehm zu beantworten. Ich habe die Fähigkeit, das Glas so gut wie immer halbvoll zu sehen. Aber wenn du ein bisschen reflektierst, lebst du ja schon im Bewusstsein deiner eigenen Schwächen, und wer breitet diese schon gerne in der Öffentlichkeit aus.“ Vielleicht wäre aber genau das notwendig: dass wir alle ein bisschen mehr über unsere Schwächen und Ängste sprechen. Darüber, dass wir Fehler machen und nicht vollkommen sind. Darüber, dass wir oft mit uns selbst hadern und immer wieder auch scheitern. Egal wie erfolgreich wir nach außen scheinen. Passend dazu legt mir Kern zum Abschied noch ein Zitat von Winston Churchill auf den Tisch: „Erfolg ist nicht endgültig, Misserfolg ist nicht fatal. Was zählt, ist der Mut, weiterzumachen.“
In Bezug auf mein eigenes Elternsein stimmen mich diese großen Worte sehr versöhnlich, und ich werde definitiv noch ein bisschen darüber nachdenken. Übrigens genauso wie über Kerns Angebot, mir in Zukunft als Kinderbetreuer zur Verfügung zu stehen. „Wenn du mal einen Babysitter brauchst, ruf mich an, ich bin da sehr kreativ“, sagt er mit einem Augenzwinkern, das ich bewusst übersehe. Denn was liegt, das pickt! Und so werde ich heute nicht nur mit einer guten Unterhaltung und interessanten Erkenntnissen beschenkt, sondern mit der Gewissheit, in Zukunft wohl auch kein Betreuungsproblem mehr zu haben. Einzig die Frage bleibt offen, ob ich mir Christian Kern als Babysitter überhaupt leisten kann.
Lou Lorenz-Dittlbacher
MODERATORIN, JOURNALISTIN
Frauen werden nicht nur anders und anderes gefragt. Meine Erfahrung zeigt auch: Sie sollen Politiker*innen anders befragen. Das beginnt beim Gesichtsausdruck, den man sich bei Frauen fröhlicher und freundlicher wünscht als bei männlichen Interviewern, geht über die Tonlage, die auch dann nicht erhoben werden sollte, wenn man sich das Wort zurückholen will, und endet beim Inhalt, der weniger angriffig und scharf sein soll. Das zeigt sehr deutlich, dass Frauen und Männer noch immer mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen werden. Was Männern als Stärke ausgelegt wird, interpretieren manche bei Frauen als Schwäche, Biestigkeit oder Hysterie.
Gertraud Klemm
SCHRIFTSTELLERIN
Als feministische Autorin habe ich ein Warnschild umhängen: Vorsicht, Kastrationsgefahr! Das hilft halt auch nur bedingt gegen die „Wie schaffen Sie das nur neben den Kindern?“-Fragen. Ich weiß schon: Die Frage wird aus wertschätzendem Interesse gestellt. Trotzdem würde ich lieber über meine Bücher reden und als Autorin wahrgenommen werden anstatt als Mutti.
Ina Regen
MUSIKERIN
Kurz vor einem Auftritt am Donauinselfest wurde ich einmal von einem Journalisten gefragt, wie es sich für mich anfühlt, die Frauenquote des Line-ups auf der Hauptbühne zu verkörpern. Dass ich mir diesen Weg jahrelang genauso hart erarbeitet habe wie meine männlichen Kollegen, schien dem Interviewenden für seine Story zu wenig spannend zu sein. Das hat mir sehr deutlich gezeigt, dass eine Frau entweder erfolgreich ist, weil sie eine Frau ist oder obwohl sie eine Frau ist, nicht aber einfach, weil sie gut ist in dem, was sie tut.
AM ROTEN TEPPICH
Ali Mahlodji trägt bei unserem Treffen ein
weißes Leinenhemd, schwarze Shorts und
weiße Sneakers.
WEISSE SNEAKERS
… erinnern mich an meine Kindheit. Es waren die ersten Schuhe, die ich neu bekommen habe.
IMPOTENZ UND PROSTATABESCHWERDEN
… machen mir keine Angst. Wenn Dinge kommen, dann kommen sie.
MEIN FRISUREN-VORBILD
… ist Bruce Willis. Weil er mit 39 Jahren und einer Glatze viel besser ausschaut als mit 20.
AUF MÄNNER WIRKE ICH
… oft irritierend.
FRAUEN FÜHLEN SICH IN MEINER GEGENWART
… oft sicher, weil sie wissen, dass ich einen anderen Zugang zu vielen Themen habe als die meisten Männer.

ALI MAHLODJI
Kein Joker, Preis: Applaus und Schokolade
ALI MAHLODJI
„Heute treffe ich Ali Mahlodji“, erzähle ich einer Freundin am Telefon. Ali wer? Sie ist nicht die Erste, die mit dem Namen nichts anfangen kann. Als ich ihr dann aber ein Foto des gebürtigen Iraners schicke, der vor ein paar Jahren in Lederhosen Werbung für die von ihm gegründete Berufsorientierungsplattform „whatchado“ gemacht hat, schreibt sie: „Sag doch gleich, dass das der ist. Ja, der ist cool.“ Mahlodji kennt man nicht aufgrund seines Namens, sondern aufgrund seines Wirkens. Seit er sich aus dem Management von „whatchado“16 zurückgezogen hat, schreibt der Shootingstar der heimischen Start-up-Szene Bücher über Empowerment, betreibt einen Podcast17 und denkt darüber nach, wie man die Welt zu einer besseren machen könnte. Veranstalter, die etwas auf sich halten, laden den 39-Jährigen zu einer Keynote ein. Denn Mahlodji ist eloquent und sympathisch. Und sehr direkt. Schon beim Ankommen in meinem Podcast-Büro macht er eine Bemerkung über die sterile Atmosphäre und kurbelt damit meine innere Unsicherheits-Maschine an. Seit Tagen quälen mich Selbstzweifel: Was, wenn meine Idee, Männer einem Realitätenwechsel zu unterziehen, total blöd ist? Was, wenn sich niemand dafür interessiert? Und was, wenn mir vorgeworfen wird, erst recht wieder nur denen eine Bühne zu geben, die ohnehin immer auf einer stehen? Als Ali Mahlodji und ich uns zum Tisch setzen, auf dem meine Notizzettel und Mikrofonkabel in wildem Durcheinander liegen, dreht sich meine Gedankenspirale weiter abwärts. Ich geniere mich. Er hat ja recht, ich hätte mehr Sinn für Ästhetik beweisen können. So wie Mahlodji selbst, dessen Podcast man sich auf YouTube auch anschauen kann und zu dem man sich allein schon wegen des stilvollen Settings gerne einladen lässt. Die Mikrofone hängen in Halterungen, die wahrscheinlich aus irgendeiner Design-Schmiede in Skandinavien stammen, die Regale sind voll mit Bildbänden und Turnschuhen, und manchmal flackert auf einem Monitor ein Kaminfeuer. Auf dem Tisch stehen trendige Getränke. Gut, die gibt es bei mir auch. Während ich den 39-Jährigen also frage, ob er einen Tee möchte, der Glück verspricht, oder doch lieber einen Prosecco aus dem Bio-Laden, wundere ich mich über mich selbst. Gerade heute, wo ich einem Mann gegenübersitze, der alles verkörpert, was dem Ideal des vielzitierten neuen Mannes entspricht, bin ich verunsichert. Und vor allem skeptisch. Denn Mahlodji trägt oft T-Shirts, auf denen „Female Future Force“18 steht. Reiht er sich damit in die Riege derer ein, die ihren Körper mit feministischen Sprüchen schmücken, weil es gerade en vogue ist, oder steckt tatsächlich feministischer Kampfgeist dahinter? „Wer in der heutigen Welt nicht Feminist ist, hat die Augen verschlossen“, sagt Mahlodji ruhig. „Wir Männer sind privilegiert, und ich denke, dass wir uns bewusst hinstellen und das zum Thema machen müssen. Ich bin Perser, habe einen Bart und Glatze – auf den ersten Blick würdest du wahrscheinlich nicht denken, dass mir das Frauenthema wichtig ist. Aber immer, wenn ich das T-Shirt anhabe, werde ich sofort darauf angesprochen. Denn Irritation macht neugierig und führt im besten Fall zu Veränderung.“ Mahlodji nutzt die Einstiegsfrage für ein Kurzreferat über die Kernbotschaften des Feminismus, und mir wird schnell klar, dass er nicht das erste Mal über diese Themen spricht. Noch bevor ich überhaupt meine Hörer*innen begrüßen kann, haben wir schon die Privilegien von Männern in der Berufswelt, das Reduzieren von Frauen auf die Mutterrolle, die nicht vorhandene finanzielle Wertschätzung von Hausarbeit und Ähnliches gestreift. Ich habe kurz das Gefühl, dass wir, wenn wir in der Geschwindigkeit weitermachen, das Problem mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in den nächsten Stunden lösen könnten. Aber wie gut kennt der Unternehmer eigentlich die andere Seite? Weiß er, wie es ist, wenn das eigene Geschlecht die Gesprächsthemen vorgibt und man auf banale Fragen reduziert wird? Wenn man über nichts anderes reden darf als über die Lieblings-Wimperntusche und das Kleid, das man anhat? Das Sinnbild für solche klischeehaften Interviewsituationen ist der „rote Teppich“, und dorthin entführe ich Mahlodji, indem ich ihn frage, ob er einen Schuhtick hat, ob er sich von Frauen eingeschüchtert fühlt und welche Beauty-Produkte in seinem Badezimmer stehen. Bei der Frage nach der Körperpflege wird er richtig euphorisch. Er berichtet von seinem Lieblingsduschgel, das er in fünffacher Ausführung daheim hat, von einem mikroplastikfreien Deo und einem Rasierschaum, den er sich nach dem ersten Lockdown gekauft hat, als Shopping für ihn zu einer Art Offenbarung wurde. Es fällt mir schwer, seinen Enthusiasmus für Pflegeprodukte zu teilen. Also sage ich: „Das ist ja eigentlich auch eine total blöde Frage.“ „Nein, überhaupt nicht“, erwidert Mahlodji zu meiner Überraschung. „Während meiner Jugend waren mir Äußerlichkeiten sehr wichtig. Dann hatte ich eine Phase, in der es mir völlig egal war, wie ich aussehe, und seit Corona hat es wieder einen größeren Stellenwert.“ Und dann erzählt er von einem Freund, der vier verschiedene Sorten Haar-Wax zu Hause hat, und ich fühle mich, als wäre ich zwischen den Beauty-Seiten einer Frauenzeitschrift gefangen. Weil ich Angst habe, Mahlodji könnte gar nicht mehr aufhören, über Kosmetikartikel zu reden, unterbreche ich ihn und stelle die Frage, die mir in Bezug auf die Gleichberechtigung am wichtigsten erscheint – die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Zum Zeitpunkt unseres Interviews ist Mahlodjis Tochter 15 Monate alt, seine Frau, Anna Mahlodji, ist Mitbegründerin und COO eines Kochstudios namens „feinkoch“. Für Selbständige hat sich die Situation durch die Corona-Pandemie ja nicht unbedingt verbessert. Weder finanziell noch was die berufliche Sicherheit betrifft. Wie also schafft es Mahlodji, sein Arbeits- und Privatleben miteinander in Einklang zu bringen? „Mithilfe von Psychologen habe ich herausgefunden, dass es im Leben gar keine Work-Life-Balance gibt. Dass das Leben aus Wellen besteht und dass es manchmal rauf und dann wieder runter geht. Wenn ich versuche, die Dinge zu trennen, habe ich ja immer ein schlechtes Gewissen, und irgendjemand zahlt drauf. Also habe ich beschlossen, alles zu einem zu machen.“ Ich schaue Mahlodji mit großen Augen an. Einerseits, weil ich nicht ganz verstehe, was er damit sagen will, und andererseits, weil ich mir manche seiner Sätze am liebsten einrahmen und an die Wand hängen möchte, wie etwa: „Vatersein ist die Weiterentwicklung meiner Karriere.“ Mahlodji, der aufgrund seiner Erfahrungen als Flüchtlingskind wahrscheinlich gelernt hat, in Gesichtern zu lesen, erklärt, was er damit meint: „Letzte Woche hatte ich zum Beispiel ein Interview. Und weil ich an dem Tag für meine Tochter verantwortlich war, habe ich sie einfach mitgenommen. Mein Bruder war sicherheitshalber auch dabei, für den Fall, dass die Kleine quengelt. Aber es war alles überhaupt kein Problem.“

Ich beneide Mahlodji gerade sehr um seine Lockerheit, denn Tatsache ist: Kinderbetreuung in Österreich ist weitestgehend Frauensache.19 Die Arbeitssituation von Männern wird durch Nachkommen kaum beeinflusst, und wenn doch mal alle Stricke reißen und der Papa die Kleinen zur Arbeit mitnimmt, bekommt er dafür Lob und Anerkennung.20 Frauen hingegen wird dann schlechte Organisation unterstellt. Und je tiefer die soziale Schicht, desto schwieriger wird es. Denn eine Verkäuferin oder Putzfrau braucht nicht einmal darüber nachzudenken, ob es jemand gut finden könnte, dass sie ihr Kind zur Arbeit mitnimmt. Es ist schlichtweg unmöglich. Zwischen meinen Augenbrauen bildet sich eine dicke Zornesfalte. Ich spüre, wie sich Sätze wie „In deiner Situation lässt es sich halt leicht reden“ und „Du bist ja voll privilegiert“ in mir bilden, und presse erschrocken meine Lippen aufeinander, damit sie nicht herauspurzeln. Denn ich kenne Mahlodjis Geschichte und weiß, dass er es in seinem Leben alles andere als leicht hatte. Privilegien jeglicher Art hat er sich hart erarbeitet. „Für diese Freiheiten muss ich aber auch einen Preis bezahlen“, sagt er ohne jeglichen Hauch von Selbstmitleid. „Denn als Selbständiger kriegst du ja eher kein Arbeitslosengeld oder Ähnliches. Als zu Beginn der Corona-Pandemie 70 Prozent meines Jahreseinkommens gecancelt worden sind, war das erstmal ein Schock. Aber zum Glück bin ich aufgrund meiner Biografie so gestrickt, dass ich immer Reserven und Erspartes habe.“
Dass Mahlodji ein guter Redner ist, wusste ich schon vor unserer Begegnung. Immerhin steht es in seinem Lebenslauf. Dass er aber in seiner ganzen Art, die zwischen professioneller Ernsthaftigkeit und kindlicher Begeisterung wechselt, so einnehmend ist, beeindruckt mich. Gebannt höre ich zu, wie er von der Flucht seiner Familie aus dem Iran erzählt. Seine Eltern, erfolgreiche Manager, mussten in Österreich wieder ganz von vorne anfangen. Entbehrungen, Armut und Kleiderspenden von karitativen Organisationen prägten den Alltag. Von weißen Sneakers, die heute sein Markenzeichen sind, konnte Mahlodji damals nur träumen. „Ich habe relativ früh erlebt, wie das ist, wenn man alles, was man hat, verliert. Das hat mich sehr geprägt und selbstsicher gemacht. Das heißt, ich bin mir sicher, dass die Dinge, die ich tue, die richtigen sind.“ Ich kenne kaum einen Mann, der sein Selbstbewusstsein so vor sich herträgt und gleichzeitig so weit davon entfernt ist, ein Macho zu sein. Wie kommt das? Geboren wurde Mahlodji so jedenfalls nicht. „Vor zehn Jahren habe ich noch geglaubt, dass man als Mann ein dickes Auto haben und Millionen verwalten muss. Und dass man am besten immer grimmig dreinschaut, so wie die Typen, die am Cover diverser Magazine als ‚Mann des Jahres‘ präsentiert werden.“ Diesem „Mann des Jahres“-Image wollte Mahlodji in jungen Jahren unbedingt entsprechen. Vielleicht auch, weil konkrete Vorbilder fehlten. Sein Vater, der durch die Flucht traumatisiert wurde, litt an Schizophrenie. Als Mahlodji zwölf war, ließen sich die Eltern scheiden, er und sein Bruder wuchsen bei der Mutter auf. Also mussten der „Marlboro-Mann“ und andere männliche Stereotype als Rolemodels herhalten. Mahlodji brach die Schule ab, putzte bei McDonald’s und schuftete am Bau, holte dann aber die Matura nach und schloss in Rekordzeit ein wirtschaftswissenschaftliches Studium ab. Schließlich wurde er erfolgreicher IT-Berater und Projektleiter bei einer Werbeagentur. „Nach außen hin hatte ich alles geschafft. Ich habe schwarze Anzüge getragen, eine rote Krawatte und hatte die Haare aufgestellt. Ich habe 15 Jahre älter ausgesehen als jetzt.“
Bei der Erinnerung an sein früheres Ich lacht Mahlodji und fährt mit der Hand reflexartig über seine Glatze. Fast so, als wollte er sichergehen, dass er mit dem Bild von einst nichts mehr zu tun hat. Die Ärmel seines weißen Leinenhemdes sind hochgekrempelt, auf seinem linken Arm steht tätowiert: „Smile, you are born to Love [sic!] what you do.“ Zu diesem Leitspruch ist der Unternehmer erst gekommen, als ihn ein Burnout auf seinem klassisch männlichen Erfolgsweg gestoppt hat. „Dieses Männerbild, das wir haben – der Mann ist der Macher, immer stark und durch nichts aus der Ruhe zu bringen –, ist Schwachsinn.“ Als Mahlodjis Vater völlig überraschend starb, fiel das Leben des erfolgreichen Geschäftsmannes wie ein Kartenhaus zusammen. „Ich bin im Krankenhaus gestanden und konnte es nicht fassen. Mein Vater war 53 Jahre alt. Meine ganze Sichtweise auf die Welt, auf Erfolg und das Mannsein, hat von einem auf den anderen Tag keinen Sinn mehr ergeben. Plötzlich habe ich einen Druck auf meiner Brust gespürt und alles war nur noch Stress.“ Über psychische Probleme zu reden, bereitet Mahlodji, der unzählige Therapiestunden hinter sich hat, aber keinen Stress mehr.21 Obwohl psychische Erkrankungen mittlerweile in der Mainstream-Berichterstattung angekommen sind und Männer genauso davon betroffen sind wie Frauen, tun sich die meisten immer noch schwer, darüber zu sprechen. Neutrale Begriffe wie Coaching und Burnout werden oft vorgeschoben, anstatt die Dinge beim Namen zu nennen. Fast so, als könnte man sein Ansehen und seine Männlichkeit verlieren, wenn man mal Schwäche zeigt. „Meine Kollegen haben damals, als ich schon über einen Monat im Krankenstand war, zu mir gesagt: ‚Reiß dich zusammen, Ali. Flenn’ hier nicht rum!‘ Männer schlucken lieber Tabletten, damit sie weiter funktionieren. Aber ich wollte das nicht und bin eigentlich dankbar, dass ich meinen Burnout schon so früh hatte. Denn so habe ich zu meiner Verletzlichkeit gefunden, die heute meine größte Stärke ist.“22

Verletzlichkeit ist ein Begriff, den die wenigsten Männer freiwillig mit sich selbst in Verbindung bringen. Denn Männer sind stark, immer patent und höchstens mal durch einen Fausthieb in die Knie zu zwingen. Mahlodji hingegen hat für sich erkannt, dass ihn das gängige Männerbild krank gemacht hat. Darüber spricht er auch in seinem Buch „Entdecke dein Wofür“ und auf seinen Social-Media-Kanälen. Außerdem nutzt er diese Plattformen, um seine Rolle als Vater zu thematisieren. Er postet Fotos, auf denen er mit seiner kleinen Tochter Türme aus Bauklötzen baut, sie im Kinderwagen spazieren führt und mit ihr kuschelt. Und er weist in seiner automatischen E-Mail-Abwesenheitsnotiz, die auch ich nach meiner Interviewanfrage zunächst bekommen habe, darauf hin. „Liebe Wegbegleiter, liebe Freunde. Meine Frau und ich haben beschlossen, dass unsere Tochter in einem Haushalt aufwachsen soll, in dem sowohl Vater als auch Mutter sich um das Kind kümmern, […] Heute bin ich dran, und da ich ganz für meine Tochter da sein will, werde ich keine E-Mails beantworten.“ Als ich das gelesen habe, war ich erstmal gehörig irritiert. Warum muss ein Mann sein Vatersein so in die Auslage stellen? Tut er, indem er explizit darauf hinweist, dass auch er sich um sein Kind kümmert, nicht erst recht so, als wäre es etwas Besonderes? „Solange es nicht normal ist, dass Väter sich um ihre Kinder kümmern, muss man darüber reden – nicht für sich selbst, sondern für die jungen Burschen, die irgendwann auch Väter werden und dadurch sehen, dass es auch anders geht. Ich bin überzeugt davon, dass man einen gesellschaftlichen Change nur durch Vorbildwirkung erreicht.“ Mahlodji erzählt, dass er mit einigen Bekannten eine WhatsApp-Gruppe mit dem Titel „Superdads“ hat, in der sich Väter über ihren Alltag austauschen. Noch bevor ich nachfragen kann, warum es diese Überhöhung braucht, sagt er entschuldigend: „Ich weiß, das ist wieder typisch Mann. Aber alles geht halt nicht von heute auf morgen.“ Zum Glück verlangt das auch niemand, und das Bewusstsein für Stereotype ist Anfang genug. Der nach engen Ganzkörperanzügen und schillernden Umhängen klingende Begriff tut außerdem niemandem weh. Was machen Superdads eigentlich so im Alltag, will ich von Mahlodji wissen. Wie sieht das mit der Gleichberechtigung konkret aus? „Meine Frau und ich wollen wirklich 50:50 machen. D.h. es gibt Aufgaben zu erledigen, und wer gerade da ist, erledigt sie. Wir teilen das nicht nach Geschlechterrollen auf. Ich räume genauso den Geschirrspüler ein und meine Frau repariert die Dusche, wenn sie kaputt ist. Aber damit das klappt, müssen wir alle paar Tage vor dem Kalender sitzen und Termine rumschieben und organisieren. Das ist richtig viel Arbeit.“ Wie bei einer guten Hip-Hop-Nummer nicke ich mehrmals hintereinander mit dem Kopf. Denn was Mahlodji da beschreibt, kenne ich aus eigener Erfahrung. 50:50 klingt in der Theorie wunderbar, gestaltet sich aber nicht immer so einfach – selbst dann nicht, wenn Männer davon überzeugt sind, dass sie einen gleichberechtigten Beitrag in der Haus- und Betreuungsarbeit leisten sollten. Hübsch gelayoutete Putzplan-Apps und schlaue Ratgeber über „Mental Load“ helfen da meistens auch nichts. Gleichberechtigung im Privaten ist ein ständiges Abwägen und Verhandeln, und es ist verdammt anstrengend. Vielleicht ist es auch deshalb so anstrengend, weil wir erwarten, dass in einer modernen Beziehung jeder für alles gleichermaßen zuständig ist. Die Frage ist nur, ob das wirklich immer möglich ist, und ob ein krampfhaftes Durchboxen von 50:50 immer sinnvoll ist.

„Welche automatische E-Mail-Antwort hat eigentlich deine Frau?“, will ich von Mahlodji wissen, weil es mich interessiert, ob Anna Mahlodji ihre Mutterschaft im beruflichen Umfeld auch so offen vor sich herträgt wie er. Zum ersten Mal in unserem Gespräch gerät der Unternehmer jetzt ins Stocken und schenkt sich erstmal einen Tee ein. Während er schon zigfach gefragt wurde, was einmal auf seinem Grabstein stehen soll oder welche Welt er erschaffen würde, wenn er einen Zauberstab hätte, scheint diese Frage für ihn komplett neu zu sein. Er denkt kurz nach und weicht dann ein wenig aus, indem er über das angenehme Arbeitsklima in der Firma seiner Frau spricht. „Ich glaube, meine Frau hat gar keine automatische Abwesenheitsnotiz. Sie arbeitet in einem kleinen Start-up, wo alle mehr oder weniger an einem Tisch sitzen. Wenn sie nicht da ist, leitet sie ihre Mails einfach an ihr Team weiter, denke ich.“ Dass Mahlodji mit seiner Frau noch nie über dieses Thema gesprochen hat, verwundert mich. Und deshalb bin ich es jetzt, deren Gedanken ins Stocken geraten, sodass ich völlig vergesse nachzuhaken. Es wäre interessant gewesen herauszufinden, warum er seine Frau nicht gefragt hat, welche E-Mail-Abwesenheitsnachricht sie eingestellt hat, und warum er sie nicht sogar dazu ermutigt hat, es ihm gleichzutun. Vermutlich liegt es daran, dass eine Frau, die im beruflichen Kontext ihre Kinder erwähnt, eher kritische Blicke statt Applaus erntet. Und vielleicht liegt es auch an Mahlodjis generellem Zugang zu Gleichberechtigung. In seiner Welt brauchen Frauen nämlich keine Hilfe im paternalistischen Sinn, und deshalb will er ihnen auch nicht sagen, was sie tun sollen. Er setzt konkret bei den Männern an und versucht Dinge in seiner eigenen Lebensrealität zu verändern.
„Warum engagieren sich nicht viel mehr Männer in der Familienarbeit und fordern auch vonseiten der Politik mehr Möglichkeiten, ihre Rolle als Vater besser leben zu können?“, will ich zum Schluss noch wissen. „Die Antwort wird vielen nicht gefallen, aber Männer sind oft sehr bequem. Wenn du dir bei deinem Kind die schönsten Seiten herausholen kannst, das Kuscheln und Spielen, ist das doch herrlich. Du kannst allen zeigen, was für ein toller Papa du bist, aber wenn es anstrengend wird – beim Abstillen in der Nacht, beim Windelnwechseln und Breikochen –, übergibst du wieder an deine Frau.“ Mag sein, dass diese Antwort vielen nicht gefällt. Ich finde sie großartig und bin der Meinung, dass Männer sich gegenseitig in Bezug auf die Haus- und Care-Arbeit viel mehr kritisieren und fordern müssten. Denn bei der Kritik von Frauen verdrehen die meisten leider nur die Augen. Es wird Zeit, dass Männer ehrlicher zu sich selbst sind und genau hinschauen, warum das System Familie bei ihnen so gut funktioniert. Vielleicht weil es eine Frau gibt, die sich zu Hause um alles kümmert und alles schupft? Selbst dann, wenn sie voll berufstätig ist? Was heißt faire Aufgabenverteilung eigentlich, und wie kann man sich in einer Partnerschaft am besten unterstützen? Darüber sollte man viel mehr diskutieren. In den eigenen vier Wänden und gerne auch öffentlich – aber bitte nicht wieder nur in Frauenzeitschriften.

Solange Ali Mahlodji weiterhin so deutlich aufzeigt, dass gleichberechtigte Elternschaft wichtig und möglich ist und damit anderen Männern ein Vorbild ist, kann er sich gerne weiterhin auf diversen Bühnen breitmachen und über Feminismus sprechen. Damit macht er Frauen nämlich nicht den Platz streitig, sondern macht sie zu seinen Verbündeten. Und genau solche Männer braucht es, damit das Patriarchat zerschlagen werden kann und Gleichberechtigung in Zukunft ein Normalzustand ist. Denn ich kann es nur immer und immer wieder sagen: Eine gleichberechtigte Welt kann nur funktionieren, wenn beide Geschlechter sich dafür einsetzen und verstehen, dass sie in jedem Fall davon profitieren.
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