Kitabı oku: «Waldviertelblut»
Maria Publig
Waldviertelblut
Kriminalroman

Zum Buch
Tödlicher Stoff Walli Winzer kann es kaum fassen! Das Herz der modebewussten Wiener PR-Agentin schlägt höher, als sie einen neuen lukrativen Auftrag übernimmt: Walli wird die neue Wohntextil-Kollektion einer türkischen Stardesignerin vorstellen. Sie ist begeistert! Bald allerdings nicht mehr, so wie einige verstörte Waldviertler. Denn während der Präsentation rollt plötzlich ein Toter aus dem kostbaren Teppich und landet direkt vor ihren Füßen. Oh Schreck, sie kennt ihn! Für diesen Sonderfall ist jedoch die Wiener Polizei zuständig. Der Täter scheint schnell gefunden, doch Walli Winzer und Dorfpolizist Sepp Grubinger zweifeln. Nicht zuletzt wegen der auffälligen Charmeoffensive des attraktiven Textilwerkdirektors. Als auch noch ein alter Bekannter der beiden in die Sache verwickelt wird, steht ihr Entschluss fest – es wird parallel ermittelt.
Maria Publig wurde in Wien geboren und verbrachte mit ihrer Familie viele Sommer im südlichen Waldviertel. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Journalistin für Tages- und Wochenzeitungen. Später wechselte sie als Moderatorin und als Redakteurin in den ORF. Bevor sie sich dem Krimischreiben zuwandte, schrieb sie Kultursachbücher, die international ausgezeichnet wurden. Wovon sie überzeugt ist: Für gute Gedanken und Kreativität muss man sich Zeit nehmen. Die gönnt sie sich zwischendurch – ziemlich oft im Waldviertel.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Twitter: @GmeinerVerlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2021 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
info@gmeiner-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Sven Lang
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © fotofrank / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6810-0
Zitat
Gib das, was dir wichtig ist, nicht auf,
nur weil es nicht einfach ist.
Albert Einstein
1. Kapitel
»Das darf doch nicht wahr sein!«
Eine Frau mittleren Alters mit gepflegtem Äußeren ließ sich abrupt auf den Fahrersitz ihres geräumigen Autos fallen. Dabei hielt sie ihr linkes Bein weit von sich gestreckt, was für einen belustigenden Anblick sorgte.
»Was gibt’s da zu glotzen!«, schrie sie einer kleinen Gruppe von Teenies und einem älteren Paar unter einem Regenschirm entgegen. Sie hatten das Schritttempo verlangsamt, um dem unorthodoxen Treiben genauer zusehen zu können.
»Dieser verdammte Regen!«, fluchte Walli Winzer vor sich hin. »Da ziehe ich einmal flache Schuhe an und prompt lande ich in dieser Pfütze. Alles ist nass!«
Sie streifte den Schuh ab und leerte dessen Inhalt mit ausgestreckter Hand zurück in die vom Regenwasser aufgestaute Straßenkante.
Walli Winzer war in Eile, da sich ihre Fahrt aus dem Waldviertel über die Schnellstraße nach Wien durch den plötzlichen Regenguss verzögert hatte. Glücklicherweise fand sie sofort einen Parkplatz direkt vor dem Stadtbüro ihres neuen Klienten. Das war keineswegs selbstverständlich. Alles war in Wien dicht verbaut. Die Innenstadt der Autoflut überhaupt nicht mehr gewachsen. Weshalb man sie seit Kurzem auch sperrte. Doch Ausnahmen gab’s immer. Auch aktuell für Walli. Jetzt war aber keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Hauptsache, ein Parkplatz war da!
Walli Winzer holte schnell ein Papiertaschentuch aus ihrer neuen Mandarina-Duck-Umhängetasche und versuchte, das nasse Lederfutter ihres Halbschuhs, so gut es ging, zu trocknen. Ärgerlicherweise hatte sie sich heute Morgen für eine sandfarbige Valentino-Hose entschieden, zu der sie hellbraune, flache Lederpumps gewählt hatte. Da trug sie einmal nicht ihre geliebten High Heels, die sie sonst anhatte, und dann passierte gleich so etwas. Und das nur, weil sie ihrem Kunden entgegenkommen wollte.
Entgegenkommen. Dass sie nicht lachte!
Herbestellt hatte er sie. Regelrecht verfolgt hatte sie sich von seinen fast täglichen Anrufen gefühlt. Bis sie endlich zugesagt hatte. Und jetzt war sie da. In der Wiener Innenstadt. In der Singerstraße. Parkte vor einem alten, früheren Stadtpalais, in dem sich das Büro der Firma Bachwirken befand.
Walli Winzer hatte eigentlich vorgehabt, den Besuch bei dessen Geschäftsführer, Manfred Tuchner, erst mit anderen Wien-Terminen zu kombinieren, um die eineinhalbstündige Anreise aus Großlichten im Waldviertel effizienter zu gestalten. Aber dann war er eben so hartnäckig gewesen, dass sie in Absprache mit ihrer PR-Agentur beschloss, diesen Sondertermin einzulegen. Walli war neugierig auf das PR-Projekt, das Tuchner ihr am Telefon vage angedeutet hatte.
Doch shit! Das auch noch. Sie blickte genervt hoch.
Nein, heute war nicht ihr Tag.
Es reichte nicht, dass Walli Winzer mit ihrem triefenden, dunkelbraunen Halbschuh vor dem Lift stand und bereits merkte, dass sich ihre Zehen deutlich kühler anfühlten als jene im trockenen Nachbarschuh. Beide Exemplare sahen aus, als wäre sie morgens blind an ihren Schuhschrank gegangen und hätte wahllos nach einem linken und einem rechten Schuh gegriffen. Der eine beige und der andere dunkelbraun.
Nein! Jetzt funktionierte auch noch der Lift nicht. Walli stand vor dem Hinweisschild: Wegen Wartungsarbeiten ist der Lift derzeit außer Betrieb. Das Büro befand sich im ersten Stock, was für sie unter normalen Umständen keine Überforderung dargestellt hätte. Aber Walli Winzer wusste, dass sie jetzt de facto zwei Stockwerke vor sich hatte. Und die zogen sich durch jeweils drei gesondert gezogene Treppengänge, wie dies im 19. Jahrhundert üblich war. Das Mezzanin war nämlich eine Wiener Besonderheit. Die einstigen Erbauer erhielten durch diese Baudeklarierung ein Stockwerk an Höhe steuerfrei dazu.
Walli keuchte. Immerhin musste sie nicht in die dritte Etage. Dennoch wusste sie: Es war bloß ein schwacher Trost, den sie sich selbst für alles Bisherige spendete.
Manfred Tuchner war nicht besonders groß. Von der Statur her Walli Winzer ähnlich. Seinetwegen hatte sie sich extra für diese unsäglichen Pumps entschieden, deren linker Schuh inzwischen richtiggehend an ihrer Fußsohle klebte. Sie wollte Tuchner nicht überragen. Walli wusste aus einer gemeinsamen früheren Beziehung, dass ihn das verunsichern könnte. Auf Augenhöhe würde er mit Sicherheit zugänglicher bleiben. Weicher. Kooperationsbereiter.
Einst hatte ihre PR-Chefin und Mentorin, Mara Süßkind, sie zu ihm geschickt. Lange war das her. Sehr lange, erinnerte sich Walli, während sie auf ihn wartete.
Walli hatte inzwischen Platz auf einem Lederfauteuil genommen. Es war einer der schönsten Vorräume einer Chefetage, die sie bisher gesehen hatte: ein sonst nicht besonders heller Raum, der durch passendes Lichtdesign Struktur und Farbe der perfekt aufeinander abgestimmten Stofftapeten als Gesamtkunstwerk wirken ließ. Also, Geschmack hatte er, der Manfred. Das musste man ihm lassen.
Walli Winzer genoss es, ihren Blick an der jungen Sekretärin vorbei durch den Raum schweifen zu lassen, und fühlte, wie sie der Anblick der kostbaren Textilwände mehr und mehr beruhigte. Schönheit und Ästhetik ließen sie alle Hektik des Alltags vergessen. Auch die Anstrengung von zuvor war vergessen. Apropos Anstrengung: Sie nahm sich wieder einmal vor, etwas mehr Sport gegen die überschüssigen Kilos machen zu wollen. Musste aber gleich darauf über ihr Vorhaben schmunzeln. Denn wie oft hatte sie sich das schon vorgenommen, bis doch wieder etwas dazwischenkam, was ihr Vorhaben vereitelte.
Die Tür ging auf und Manfred Tuchner trat ein. Er freute sich, Walli zu sehen. Ging auf sie zu, umarmte sie und wies die Blondine am Schreibtisch an: »Frau Wiesinger, bitte stellen Sie jetzt für eine halbe Stunde keine Telefonate durch.«
Dann wies er Walli Winzer den Weg in ein geräumiges, modernes, ebenso mit Designerstofftapeten und darauf farblich abgestimmten Teppichen ausgestattetes Büro.
»Ihr habt eure Linie gegenüber früher ziemlich verändert, nicht schlecht!« Walli Winzer blickte sich im Arbeitszimmer genauer um. Das Lichtdesign brachte bestimmte Bereiche wie im Vorraum besonders eindrucksvoll zur Geltung.
»Auch wir mussten mit der Zeit gehen. Da war nicht nur strukturell manches unausweichlich, sondern eine inhaltliche Neuausrichtung notwendig. Auch ein gediegenes Traditionsunternehmen, wie wir eines sind, muss sich den globalen Anforderungen stellen.«
»Ich glaube, das hast du gut hinbekommen. Nachdem es eine Zeit lang ruhig um euch geworden war, seid ihr jetzt wieder gut im Rennen. Oder?«
»Wie gesagt, alles brauchte seine Zeit. Währenddessen liefen wir wirtschaftlich auf Sparflamme, bis die ersten Kollektionen sogar internationale Beachtung fanden.«
»Das glaube ich. Es kann sich wirklich sehen lassen und passt, obwohl abstrakt gehalten, trotzdem in historische Wiener Gebäude.«
Walli Winzer wollte ihr frisch erworbenes Kunstverständnis ein wenig zur Schau stellen. Nicht, dass sie sich als Expertin verstand. So viel Realitätssinn besaß sie, dass sie wusste, dass ihr da einiges an Fachwissen fehlte. Aber als ehemalige Schaufensterdekorateurin mit Sinn für Ästhetik, als solche sie Manfred vor vielen Jahren kennengelernt hatte, konnte sie in der Zwischenzeit ihr Verständnis um Etliches erweitern. Walli Winzer hatte auch ihr Interesse an zeitgenössischer Kunst entdeckt, das sie neuerdings durch Galeriebesuche wachhielt.
Was Manfred Tuchner hier auf die Beine gestellt hatte, faszinierte Walli. Das musste sie unumwunden zugeben. Ja, es nahm sie gefangen. Sehr sogar. So, wie er sie vor Jahren zu beeindrucken verstand. Es war nicht nur seine Sensibilität, mit der es verstand, sein Gegenüber einzunehmen. Es waren auch die Nuancen seiner Mimik, womit er rasch Beziehung herzustellen verstand und zugleich die letzten Geheimnisse seiner Persönlichkeit verbarg.
In gewisser Weise strahlte sogar sein Arbeitszimmer dieses Verbindlich-Unverbindliche aus. Aber natürlich war es in erster Linie repräsentativ angelegt. Zeigte, was die Firma zu bieten hatte.
Walli Winzer betrachtete ihn jetzt im Spiegel der Erinnerung. Manfred Tuchner freute sich sichtlich ebenso, Walli nach Langem wieder in seiner Nähe zu wissen. Einige Sekunden verstrichen, ohne dass ein Wort zwischen ihnen fiel. Walli fand als Erste die Sprache wieder: »Schön, dass wir uns wiedersehen. Aber, Manfred, erzähl mal. Was brauchst du von mir? Wie kann ich dir helfen?« Walli Winzer begann bewusst, das sinnliche Knistern, das zwischen ihnen lag, abzufangen und zum eigentlichen Grund des Treffens überzuleiten.
Manfred Tuchner sammelte sich, erhob sich aus der Sitzgruppe und griff nach einer auf seinem Schreibtisch liegenden Mappe. Er schlug sie auf, blätterte darin, um sie ihr dann zu überlassen. »Das ist unsere neueste Kollektion. Die ist noch topsecret. Alle bei uns haben einen Maulkorb auferlegt bekommen, und es gibt eine Fotosperre. Das ist bei unseren Arbeiten immer so. Nur am Prozess Beteiligte erhalten Einsicht«, lächelte der erfolgreiche Geschäftsführer Walli an. Offensichtlich erwartete er ihre Reaktion als PR-Fachfrau.
Doch Walli Winzer hielt sich bedeckt. Sie sah sich jedes Foto genau an. Strich dabei mit dem Finger über die Stoffmuster auf dem Fotopapier. Einige waren, um eine bessere Betrachtungsmöglichkeit zu bieten, auch vergrößert abgebildet. Zuletzt blätterte sie das gesamte Album schnell durch, als wollte sie ihren Eindruck festigen. Ihre aufmerksame Mimik entspannte sich zusehends.
»Ich finde das großartig«, platzte es sichtlich bewegt aus ihr heraus. »Diese unglaubliche Leichtigkeit, mit der sich die Ornamentik spürbar im Abstrakten aufzulösen beginnt. Das befreit richtiggehend beim Hinsehen. Als würde man zugleich in völlig neue Dimensionen aufsteigen. Fremde Welten erklimmen.«
Tuchner strahlte. Er wusste bereits seit Langem, dass sich hinter Wallis mitunter recht unorthodoxer Direktheit eine sehr sensible Seite verbarg. Aber dass sie jetzt auch noch den künstlerischen Kern seiner Designerin aus Istanbul ohne Vorinformation ausmachen konnte, damit hatte er bestimmt nicht gerechnet. »Als ich die ersten Arbeiten von Lale Eser sah, war ich überwältigt. Als ich dann einige davon mit nach Wien nahm und in der Firma unseren Grafikerinnen und Grafikern zeigte, sprang der Funke der Begeisterung sofort auf sie über.« Er lehnte sich an seinem Schreibtisch an. »Es wird eine ungewöhnliche Kollektion, worin der Versuch gelingt, Tradition, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verbinden. Es ist eine mögliche Bestandsaufnahme und zugleich der Blick in völlig Unbekanntes, Neues, das jede und jeder für sich selbst entdecken muss.«
Walli Winzer war von Manfred Tuchners Ausführungen fasziniert. Wie immer, wenn er sprach. Sie liebte es, seine Begeisterung zu spüren, in sich aufzunehmen. Seiner angenehmen Stimme zu folgen, seiner ihm sehr eigenen Wortwahl. Sie ließ die Stimmung auf sich wirken, die ihn in solchen Momenten regelrecht über sich selbst hinauswachsen ließ, weshalb Walli sich auch einst in ihn verliebt hatte, vermutete sie zumindest heute. Das lag schon eine gefühlte Ewigkeit zurück, wie sie, versunken in der Erinnerung, feststellte.
Walli bemerkte, dass auch er von seiner Ausführung überwältigt zu sein schien. Manfred Tuchner rang nach Luft, schien sich zu winden und zeigte so die Emotionalität, die ihn überkam.
Als er Walli Winzer schließlich einlud, Pressetätigkeit und Marketing-Aktionen zu übernehmen, war sie derart bewegt, dass sie nur noch ein überzeugtes Ja hauchen konnte.
Die einstige Verbundenheit vor Augen erklärte sie sich bereit, einen Termin wahrzunehmen. Tuchner hatte ihn zuvor, ohne ihre Zusage abzuwarten, fix gebucht.
»Für die Presse und ein ausgewähltes Publikum planen wir eine Präsentation. Gemeinsam mit unseren Stoffen wollen wir Teppiche kombinieren. Die Firma Halim-Istanbul hat das für uns übernommen. Gestern ist die Lieferung aus der Türkei eingelangt. Ich habe sie schon gesehen und bin neugierig, was du dazu sagen wirst.«
Walli war erstaunt, dass er an ihrer Meinung interessiert schien.
»Schau’s dir bitte gleich heute Nachmittag an«, wiederholte er. »Und ruf mich danach an.«
Rätselhaft war dieser Mann auf jeden Fall. Immer gewesen. Und auch jetzt. Aber so kamen Walli zeitweise die meisten Männer vor.
2. Kapitel
Als Walli Winzer wieder den Vorraum bei Bachwirken betrat, tat die Sekretärin so, als würde sie kaum Notiz von ihr nehmen. Sie saß an ihrem Schreibtisch und starrte auf den Computerbildschirm. Ihre Hand hielt sie allerdings nicht korrekt über der Funkmaus. Mit Kennerinnenblick vermutete Walli Winzer, dass die Fähigkeiten der flotten Blondine offensichtlich nicht primär auf der Sekretariatsebene lagen. Denn ein gewisser Geruch und das verräterisch offen stehende Nagellackfläschchen überführten sie. Durch das plötzliche Öffnen der Arbeitszimmertür musste sie sich ertappt gefühlt und die Position gewechselt haben.
Es war leider schon immer so gewesen, dass sich Walli Winzers Wachsamkeit nichts entziehen konnte. Ein Gedächtnis für Nebensächlichkeiten hatte ihr auch Manfred einmal vorgehalten, als sie ihn eines parallelen Abenteuers überführt hatte. Für Walli war es daher eindeutig, dass diese Plastikbusenschönheit wegen anderer Vorzüge als ihrer administrativen Fähigkeiten auf diesem Posten saß. Dass sie in solcher Frage die obligate politische Korrektheit verließ, war ihr klar. Doch was Sache ist, musste auch Sache bleiben. Durfte nicht schöngeredet werden. Walli war selbst keine Kostverächterin, konnte attraktiven, charmanten Männern nicht widerstehen. Aber sie gab es wenigstens zu. Spielte nicht die Moralische. Das machte eben den Unterschied zu anderen, wie sie fand.
Wie um ihre These zu erhärten, schlich eine unscheinbare, von Statur her eher zarte, junge Frau zur Sekretariatstür herein. Da sie zuvor nicht angeklopft hatte und gezielt zum leer stehenden Schreibtisch gegenüber der Büroschönheit schlich, fühlte sich Walli Winzer wieder einmal in ihrer Beobachtung bestärkt. Ja, so war das Leben. Unerwartet und doch vorhersehbar. In manchem. Zumindest, wenn es Personen wie Manfred Tuchner betraf, der auf einen bestimmten Frauentypus abfuhr.
Dem hatte einst auch Walli Winzer entsprochen. Mit ihrem Faible für Markenkleidung. Es war eines ihrer Hobbys: sich ungewöhnlich und hochwertig zu kleiden. Nicht nur, dass sie sich manchmal im Spiegel selbst gerne betrachtete, sondern sie fühlte sich darin eben ungemein wohl. Es hielt ihr vor Augen, dass sie es geschafft hatte. Sie, das Mädchen aus der Wiener Vorstadt, war oben angekommen. Ganz oben. Sie konnte sich solche Markenkleidung leisten und gönnte sie sich hin und wieder. Und das mit Recht! Sie hatte es weit gebracht. Aus einem Gemeindebau. In einer einfachen Wohngegend in Floridsdorf. Zwischen Fabriken angesiedelt. Mit damals noch unasphaltierten Nebenstraßen in einem Arbeiterbezirk am Wiener Stadtrand.
Vornehme Männer wie Manfred Tuchner sah man dort nicht. Stattdessen zuhauf solche Arbeiter wie ihren Vater, die das Familiengeld im Wirtshaus versoffen. Nicht selten kamen sie am Wochenende erst spätabends nach Hause und ließen ihre Aggression, die sich die Woche über in ihnen aufgestaut hatte, hemmungslos an ihren Familien aus. Diese hatten deren Launen über sich ergehen zu lassen. Die Ehefrauen ohne Job, ohne Zukunft. Aus dem Schlaf gerissene Kinder. Lautes und ungehemmtes Schreien ungeachtet der Nachbarn. Bis zum Verprügeln der heulenden Kinder. Bis alles ruhig war. Vor Erschöpfung.
Walli war dieser sozialen Hölle entkommen. So, wie sie sich das einst geschworen hatte.
Nicht nur die Schulungen des zweiten Bildungswegs, sondern auch Männer wie Manfred Tuchner hatten ihr dabei geholfen. Wenn eben auch nicht uneigennützig. Aber der Charme und diese Sinnlichkeit. Da sagte Walli, wenn’s für sie passte, niemals Nein. Sie lächelte in sich hinein.
»Brauchen Sie noch etwas?«, fragte die blonde Schönheit und blickte erwartungsvoll in Wallis Richtung.
Die jüngere Farblose hatte inzwischen ihre Jacke ausgezogen und sie über den Kleiderständer neben der Tür gehängt. Aus ihrer Tasche holte sie eine angebrochene Mineralwasserflasche und stellte sie auf den Schreibtisch. In ein Glas, das offensichtlich bereits seit dem Vortag dastand, schenkte sie sich ein. Walli Winzer hatte inzwischen Fotos und Unterlagen, die sie erhalten hatte, verstaut und schloss ihre große Tasche.
»Danke, jetzt habe ich alles, was ich brauche«, sagte sie und schlüpfte in ihren Blazer. Walli hatte ihn zuvor ausgezogen, da sie dank ihrem verhandlungsstrategischen Geschick wusste, dass Männer – und vor allem solche wie Tuchner – Frauen in Blusen lieber gegenübersaßen. So ein Blazer schuf zwischenmenschliche Distanz, die Walli und Manfred nie gebraucht hatten, auch nicht wollten. Sie wusste, dass sich so auch die modernen Manager kleideten, sie ließen einfach das Sakko weg. Manfred Tuchner war noch vom Old-Fashioned-Männerschlag. Er trug eines. Aus bester Kaschmir-Qualität, wie Walli erkannt hatte.
Tuchner verlangte von Frauen, dass sie optisch Nähe zu ihm herstellten. Walli hatte bei diesem Rollenspiel durchaus Spaß. Sie setzte Strategie ein. Und es geschah danach immer, was sie wollte. Auch jetzt: Mit wenig Aufwand hatte sie einen top bezahlten Auftrag an Land gezogen! So what!
Walli Winzer verließ das Sekretariat und hielt abrupt am Gang inne. Sie bemerkte, dass sie ein gewisses Örtchen aufsuchen musste. Immerhin stand einiges an, das in Wien erledigt werden musste, bevor sie später in ihr altes Schulhaus nach Großlichten im Waldviertel zurückfahren wollte.
In Kürze würde sie sich mit ihrem Exmann treffen, der vorhatte, ihr über die Türkei zu erzählen, ihrem nächsten Reiseziel, wohin sie zu fliegen gedachte.
Als sie nach dem Gang zur Toilette den Weg zum Lift nahm, kam sie im Flur an einer halb geöffneten Tür vorbei. Walli stellte sich neugierig davor und lugte ins Zimmer. Niemand befand sich darin.
In einem dahinterliegenden Raum sah sie Manfred Tuchner neben einem Mann am Schreibtisch stehen. Ein weiterer stand mit dem Rücken zu Walli. Sie hatte den Eindruck, Tuchner musste sich vor beiden rechtfertigen. Walli achtete darauf, dass sie niemand sehen konnte.
Manfred Tuchner drohte. Er ballte seine Faust und erhob sie. Der Mann am Schreibtisch blieb ruhig. Der dritte hingegen war abwehrend und schüttelte verärgert den Kopf. Schließlich gab er Tuchner einen Brief, drehte sich grußlos um und ging übers benachbarte Zimmer auf den Gang.
Walli Winzer wartete inzwischen vor dem Lift und griff in ihre Handtasche. Gegen ihre Hüfte gedrückt hielt sie die sperrigen Unterlagen und wollte diese gerade anders anordnen.
Der aufgebrachte Mann ging wutschnaubend zu seinem Postwagen, der vor dem Eingang stand.
Das war doch allerhand gewesen! Was konnte er dafür, dass Briefe immer wieder verspätet von der Post hier in der Firma eintrafen. Schließlich konnte er nur das verteilen, was im Posteingang der Firma Bachwirken einlangte. Er war ja kein Zauberer und auch kein Hellseher. Also, wie sollte er dann etwas austragen können, was nicht da war? Er verstand ebenso nicht, warum man einen angeblich so wichtigen Brief nicht eingeschrieben aufgab. Was waren das für Geschäftspartner, die ein wichtiges Dokument ohne Sicherheitsvermerk verschickten? Dafür gab’s mittlerweile viele Möglichkeiten.
Unglaublich, wie dilettantisch derzeit alles ablief. In der Administration und in den Postfilialen.
Deshalb hatte er ja auch vor einem halben Jahr seinen Dienst bei der Post quittiert. Das war keine leichte Entscheidung gewesen. Doch er war sich zunehmend überflüssig vorgekommen. Seine Ansprechpartner waren nur noch Maschinen gewesen, die im Postvertriebszentrum alle Briefe und Pakete elektronisch erfassten und auf die einzelnen Wiener Gemeindebezirke verteilten. Alles in einem Höllentempo.
Bei ihm landeten nur solche Fälle, bei denen Maschinen den Adressaten nicht genau erkennen konnten. Ja, im Gegensatz zu diesen Blechtrotteln und manch anderen Kollegen aus Fleisch und Blut konnte er wenigstens noch lesen und schreiben. Auch bei der Post war das nicht mehr überall selbstverständlich. Zumindest nicht in Wien. Daher setzte man bei kniffligen Fällen auf ihn, der dafür bekannt war, jede noch so unleserliche Handschrift entziffern zu können.
Irgendwann hatte es ihm schließlich gereicht. Nico Salmer hatte gekündigt. Dabei war er mit Leib und Seele Postler gewesen. Doch dann ging’s für ihn nicht mehr. Ohne Menschen, ohne Seele! Jetzt wickelte er die Post für die Firma Bachwirken ab. Manchmal mit Zoff wie heute.
Seinerzeit als zuständiger Postbediensteter in Großlichten im Waldviertel war alles so harmonisch abgelaufen. Alles und jeden hatte er gekannt. Manchmal war er von den älteren Bäuerinnen auf einen Vormittagskaffee eingeladen worden. Man hatte geredet, sich ausgetauscht. Er erfuhr dabei viel Neues. Im Wirtshaus dann steckte er das ein oder andere seinem Freund, dem Dorfpolizisten Sepp Grubinger. Der konnte sich seinen Reim darauf machen und präventive, also vorbeugende Maßnahmen ergreifen. Ein gutes Team waren sie schon gewesen.
Der Sepp! Der ging ihm ab. Die Gespräche mit ihm. Ruhig und unaufdringlich. Menschlich eben. Gewalt hatte es deshalb nie bei ihnen im Dorf gegeben.
Halt! Bis zu dem Zeitpunkt, wo die Wiener PR-Lady Walli Winzer aufgetaucht war. Vielleicht war’s ja auch ein Zufall, dass sie sich immer gerade dort aufhielt, wo etwas los war. Also genauer gesagt, wo ein Mord geschah. Kein Wunder, dass die Leute anfingen, langsam sauer auf sie zu werden und sie bald nirgends mehr gerne gesehen war.
Na ja, sauer waren die Großlichtenerinnen und Großlichtener schnell auf solche, die nicht aus dem Ort stammten. Das bekam sogar das Nachbardorf zu spüren. Und dann erst bei einer, die aus Wien hierhergezogen war.
Nur, er mochte sie. Er konnte sich zwar nicht erklären, warum. Aber vielleicht, weil sie eben nicht aus der kleinen Gemeinde stammte. Für ihn war sie eine aus der großen, weiten Welt gewesen. Wien, das er nur aus dem Fernsehen kannte.
Als Schüler war er mit der Klasse einmal in der Hauptstadt gewesen. Auf dem Stephansdom oben und beim Riesenrad im Prater. War schon toll. Das hatte ihm gefallen. Und die Menschenmassen, hinter denen man sich anonym verstecken konnte. Nicht gesehen wurde, obwohl man da war. Anders als im Dorf. In der Stadt erlebte man etwas, ohne dabei selbst etwas erleben zu müssen, stellte er entspannt fest.
Außerdem gefiel sie ihm, diese PR-Lady, mit all ihren Ecken und Kanten. Und mit ihrem großen Herz. Das sie versteckte, wenn ihr jemand zu nahe kam.
Unabsichtlich.
Das hatte er festgestellt. So für sich. Als er sie beobachtet hatte. Meist ohne dass sie es merkte. Heimlich. In ihrem Garten. Durch die Lücken in der Hecke. Gerne machte er sich so sein Bild von den Menschen. Unbeobachtet verhielten sie sich, wie sie eben waren. Sie verstellten sich nicht. Waren sie selbst. Wie diese Fremde in Großlichten es war. Mit ihrem frechen Kater Filou. Was er eben mochte. Etwas dafür übrig hatte. Fürs andere. Fürs Auffällige. Aus der Stadt, in die er deshalb selbst vor Kurzem gezogen war.
»Verdammt und zugenäht!«, polterte es vor der Lifttür. »Wann erwische ich dich endlich!« Walli Winzer riss fahrig an ihrer viel zu vollen Tasche und versuchte weiter, deren Innenleben einigermaßen in den Griff zu bekommen, was ihr unter größter Mühe noch nicht gelang.
Inzwischen hatte sich die Lifttür geöffnet und wieder geschlossen. Der Lift war ohne Fahrgast hinuntergefahren. Walli Winzer kramte weiter.
»Ah, endlich«, stieß sie einen Laut der Befreiung aus. Sie zog den Reißverschluss ihrer Handtasche zu und sah einer eleganten jungen Frau nach, die an ihr vorbeiging. Also, eigentlich war es weniger die Frau, der ihre Aufmerksamkeit galt, als vielmehr das Kleid, das sie trug. Es war schwarz mit einem weißen, spiralförmigen Muster, wirkte frisch und aufregend zugleich. Es hypnotisierte richtiggehend, stellte sie nach längerem Hinsehen fest.
Ihr Blick richtete sich wieder geradeaus auf den Lift, vor dessen geschlossener Tür sie weiterhin stand. Offensichtlich benutzten ihn jetzt auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um das Bürohaus in ihrer Mittagspause zu verlassen. Da hieß es sogar für die Chefetage: bitte warten.
Sie blickte inzwischen auf ihr ungleiches Paar Schuhe. Der linke Fuß war immer noch kühler als der andere. Klar, schließlich war der Schuh noch nicht getrocknet. Sonst führte sie immer ein Reservepaar in ihrem Auto mit. Doch gestern wollte sie das Modell wechseln und hatte das neue Paar im Waldviertler Haus gelassen.
Ihr Kater Filou hatte wieder einmal Unfug getrieben. Sie war sofort hinter ihm her gewesen, hatte die Schuhe ins Vorzimmer geworfen und vergessen, danach die Neuen ins Auto zu legen.
Walli Winzer seufzte und beschloss, das Treffen mit ihrem Ex, Thomas, auch gleich dahin gehend zu nutzen, eines ihrer Lieblingsschuhgeschäfte in der Wiener City aufzusuchen, um für Nachschub zu sorgen.
Ein Geräusch lenkte ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes. Es war das Hochklappen der Radfixierung am Postwagen gewesen. Der Mann, der zuvor im Zimmer mit dem Rücken zu ihr gestanden war, hatte sie an diesem gelöst und setzte sich mit seinem Rad langsam in Bewegung.
»Nico? Nico Salmer?«, fragte sie erstaunt. »Das gibt’s doch nicht!«
»Hallo, Frau Winzer«, freute sich dieser sichtlich über die unvorhergesehene Situation. Er verließ den Wagen und kam auf sie zu.
Walli Winzer streckte ihm die Hand entgegen. Sie freute sich in dem Moment tatsächlich, ein vertrautes Gesicht aus Großlichten zu sehen. Obwohl: Nico Salmer hätte sie hier nie vermutet.
»Es ist schon lange her, dass wir einander das letzte Mal gesehen haben.«
»Fast a Jahr wird des jetzt her sein«, behielt er den Überblick.
»Dass Sie so plötzlich aus dem Dorf weg sind, hat mich, ehrlich gesagt, überrascht. Aber nicht nur mich.«
Nico Salmer hielt kurz inne, bevor er fortfuhr: »Ma muass amoi aus der gewohnten Umgebung ausse. I wollt wissen, wie’s da in der Stadt is.«
»Und wie ist es?«, fragte Walli verschmitzt und genoss es, ihr Gegenüber durch ihre Anwesenheit ein bisschen verlegen zu sehen.
Eine Antwort blieb er ihr schuldig, denn die Lifttür öffnete sich. Walli Winzer ging darauf zu und stellte sich wenig damenhaft zwischen die Aufzugstüren. »Nico, wir sehen einander jetzt öfter. Ich werde nämlich die PR-Kampagne für die neue Produktlinie von Bachwirken betreuen und daher ab und zu vorbeikommen.«
An seiner Mimik konnte sie erkennen, dass er angenehm überrascht war. Er hätte sicher gerne etwas länger mit ihr geredet, aber der Augenblick schien wenig geeignet zu sein. Daher sagte er wie so oft – nichts.
Walli Winzer blieb noch kurz stehen. Sie wartete auf eine weitere Reaktion. Doch als sie merkte, dass er wie angewurzelt stehen blieb und keine Antwort von ihm kommen würde, stieg sie ohne abschließendes Wort ein. Mit ihren Gedanken war sie längst anderswo – bei Thomas, der schon auf sie wartete.
3. Kapitel
Was für eine Schnapsidee das von ihr war, mit dem Auto in Wien herumzufahren. Walli ärgerte sich. Bereits das dritte Mal war sie erfolglos um denselben Häuserblock im 18. Wiener Gemeindebezirk gekurvt. Kein Parkplatz weit und breit.
Nur ruhig bleiben. Irgendwo würde sich schon etwas finden, hoffte Walli Winzer. Auch, wenn ihre Geduld bereits an einem seidenen Faden hing.
Sie beobachtete bereits zum zweiten Mal, wie ein Mann versuchte, sein Motorrad zu starten, dessen Zündung offenbar streikte. Eine Frau, die einen Kinderwagen vor sich herschob und ein Kleinkind an der Hand hielt, war während ihrer Runden auch nicht viel weiter gekommen. Und ein alter Mann, der zuvor auf der einen Straßenseite gestanden war und versucht hatte, mit dem Feuerzeug seine Zigarette anzuzünden, hatte es aktuell nur auf die gegenüberliegende Seite geschafft.
Endlich! Walli Winzer war erleichtert, als schließlich jemand vor ihr aus einer Parklücke fuhr. Diese kleine Freude des Alltags hob gleich ihre Stimmung. Das war auch notwendig. Vor allem, wenn sie an die Moralpredigt von Thomas dachte, die demnächst auf sie niedergehen würde. Er wartete immerhin schon eine halbe Stunde auf sie. Und eines wusste Walli mit Sicherheit: dass er das ganz und gar nicht mochte.
Zu warten. Auf sie zu warten.
Wie er das früher, während ihrer Ehe, so oft getan hatte. Das von ihr hinnehmen musste, als sie noch verheiratet waren.
Walli hatte nach der Scheidung wieder ihren Mädchennamen angenommen und begonnen, ihre Agentur aufzubauen. Viel Unvorhersehbares trat natürlich in den ungeeignetsten Momenten ein. Eh klar! Walli musste darauf reagieren und hatte Berufliches immer vor ihre Ehe mit Thomas Drexler gestellt. Ja, und? Okay, das geht mit einem bürgerlichen Mann nicht. Auf Dauer hatte sich das gerächt. Ihre Ehe zerbrach. Sicher nicht nur daran.
Thomas war letztlich kein einfacher Charakter. Spröde und voll hoher Erwartungen an seine Umgebung. Natürlich war er das in gewisser Weise bis heute geblieben. Denn keiner konnte seine Persönlichkeit um 180 Grad ändern. Schließlich war bei jedem nur so viel da, wie eben da war. Auch wenn Mentaltrainer und Psychiater einem das mehr oder weniger anders verklickerten.
Zugegeben, Thomas war in den letzten Jahren etwas nachsichtiger geworden. Musste er wohl auch, denn welche Frau ließ sich heutzutage von einem moralisierenden Spießer auf Dauer gängeln und sich permanent sagen, wo’s langginge?
Walli Winzer nahm den Weg zum Café quer über den Platz.
Bemängelte Walli einst Schrulliges an Thomas, reagierte der jedes Mal eingeschnappt. Irgendwann wurde es ihr zu bunt. Nämlich dann, als sie bemerkte, dass sie im Beruf immer erfolgreicher wurde und sich die charmantesten Männer für sie zu interessieren begannen.
Als Thomas allerdings anfing, eine Reptiliensammlung anzulegen, und diverse Schlangen und Leguane zeitweise ihren Käfig verließen, um über ihre Bettdecke zu huschen, wurde es Walli Winzer zu viel. Sie musste raus. Raus aus diesen sie einengenden Verhältnissen. Raus aus der kleinbürgerlichen Lehreridylle. Und raus aus diesem Unverständnis gegenüber ihrer Gesamtsituation.
Überall hieß es: Frauen ran an die Schaltstellen der Macht! Kam frau dem nach, gab es nicht nur diesen einen Thomas, der einen daran hinderte, obwohl man ihn sogar liebte.
Viele machten es wie er. Als Lehrer erzogen sie die nächsten Generationen, manchmal noch nach längst überholten Gesellschaftsmustern. Auch Konzernbosse tickten nicht anders – außer man zog sie ganz schnell mit weiblicher Strategie ins Vertrauen – dazu gehörte auch Sex.
Selbst dieser fehlte Walli irgendwann in ihrer Beziehung. Doch wie hieß es später so oft: Alles war mittlerweile Geschichte, und Walli Winzer war eine der mächtigsten PR-Ladys in Österreich geworden.
»Hallo, Thomas!« Walli sah ihn, gebeugt über seinem Handy mit einer Tageszeitung neben sich. Er blickte auf und sein Gesicht verriet bereits eine gewisse Angespanntheit.
»Sorry! Aber du weißt, der Verkehr in Wien, vor allem seit Corona …« Walli ersparte sich weiterzusprechen. Thomas würde ihr sowieso kein Wort glauben.
Er sagte auch nichts, stand hingegen auf, küsste sie auf die Wangen und wies ihr den Platz.
»Komm setz dich!« Vorher nahm er seine Jacke vom gegenüberliegenden Stuhl und wartete darauf, dass Walli ihr Cape auszog. Damit machte er sich auf den Weg zum Kleiderständer, der sich neben der Eingangstür befand.
Walli sah ihm nach. Sie konnte es nicht glauben. Wo war seine Moralpredigt? Gut, über seine Belehrungen war sie altersmäßig hinausgewachsen. Aber wo blieben seine Vorwürfe? Gift hätte sie darauf genommen, dass er seinen Ärger nicht für sich behielt. War das wirklich Thomas? Ihr Thomas, den sie seit nunmehr 30 Jahren kannte?
Irgendetwas war da im Busch, dessen war sie sich sicher. Irgendetwas, worüber sie nicht informiert war. Sie spürte es förmlich. Was war es nur?
Die Spannung stieg. Augenblicklich würde sie es erfahren. Erfahren wollen! Was überlegte sie da überhaupt noch. Thomas würde damit sowieso nicht hinter dem Berg halten. So gut kannte sie ihn. Gleich würde er es ihr sagen, es sozusagen aus ihm heraussprudeln.
Thomas Drexler kam an den Tisch zurück. Walli schaute ihn vielsagend an. Er erwiderte ihren erwartungsvollen Blick und sagte: »Erholt schaust du aus! Das Waldviertel tut dir wirklich gut. Die Ruhe, die Stille.« Er musterte sie weiter.
Walli sagte nichts und wartete ab, was noch kommen würde. Das konnte doch nicht alles gewesen sein. Etwas hatte er noch in petto, da war sie sich sicher.
Aber was?
Es kam nichts. Auch weiterhin.
Stattdessen verhielt sich Thomas wohlwollend und friedlich. Schenkte ihr Beachtung. Er lächelte sie sogar an. Und das, obwohl sie zu spät gekommen war.
Die Situation war Walli nicht geheuer.
Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Eine Idee. Eine Eingebung. Ja, langsam wurde sie sich dessen immer sicherer. Nur das konnte es sein. Er wirkte so ausgeglichen, so in sich ruhend. Yoga machte er bestimmt nicht. Das konnte sich Walli nicht vorstellen. Also blieb nur eins: Thomas war einer Sekte beigetreten.
Ohne ihn weiter anzusehen, griff sie sich mit Zeige- und Mittelfinger an die Schläfen und begann dort einen Punkt zu massieren. Nicht zu fest und nur langsam. Walli schloss dabei die Augen. So hatte ihr Erna Reisinger, Hebamme und Kräuterexpertin in Großlichten, es gezeigt. Die Spannungen würden sich dadurch lösen, die Sauerstoffzufuhr im Gehirn angekurbelt und die Atmung langsamer werden.
Tatsächlich.
»Geht es dir nicht gut?«, fragte Thomas besorgt. Er griff nach ihrer Schulter und wartete auf eine Reaktion.
Walli Winzer verharrte in ihrer Position und änderte diese nur langsam. Sie richtete sich auf und blickte in Thomas’ erwartungsvolles Gesicht. Gleich darauf starrte sie auf das kleine Blumenarrangement neben der Getränkekarte auf dem Kaffeehaustisch. Sie atmete tief ein, ohne die Luft hörbar wieder abzugeben. Walli war sich nicht sicher, wie und ob sie Thomas in seiner Lebenskrise würde beistehen können. Denn nur so etwas konnte es sein, wenn er bereit sein würde – obwohl katholisch –, sich jetzt für eine Sekte zu interessieren.
Nun ja, verklemmt war Thomas allemal. Auch wenn man es ihm auf den ersten Blick nicht gleich ansah. Aber seine Liebe zu strikter Regelmäßigkeit, zu Ritualen und seine Starrheit waren schon Hinweise darauf, dass er in einer immer komplexeren und unvorhersehbareren Welt nach Ankern suchte. Und das besonders in einer Chaoswelt, wie sie es mancherorts an Wiens Schulen war.
Orientierung verkündeten die neuen Heilsbringer aus den Sekten. Zufriedenheit und Gemeinschaft versprachen sie. Gaben esoterische Ziele vor. Emotionalisierten. Stimulierten unter ihrem Einfluss mehr Lebenszufriedenheit, um danach ihre jeweilige Ideologie besser durchsetzen zu können.
Walli wusste nicht, mit welchen Personen ihr Ex gerade abhing, wer Teil seines Freundeskreises war. Oder dirigierte ihn jetzt Alma, seine Frau, die bisher allerdings als eher aufgeschlossen gegolten hatte? Vielleicht war sie es, die Thomas so weit gebracht hatte? Na ja, nicht dass Walli Alma ablehnend gegenüberstand. Im Gegenteil! Sie war einst froh gewesen, dass Thomas eine Neue gefunden hatte. Und das, obwohl er zuletzt besonders anstrengend gewesen war.
Walli mochte ihren Ex ja nach wie vor. Aber anders eben. Auf Distanz. Na, war das schlecht, fragte sie sich, wenn man Jahre später einem vertrauten Menschen auf einer neuen Ebene begegnen konnte? Dabei auch all seine positiven Eigenschaften kannte und schätzte, die einem ja immerhin einmal etwas wert gewesen waren? Gewissermaßen in einem anderen Leben, aber eben doch. Zumindest einen Lebensabschnitt lang.
Thomas schaute Walli an. Er kannte ihren verhaltenen Blick. Irgendetwas schien sie zu beschäftigen. So, wie sie jetzt vor sich hin schaute und ihn dabei aus den Augenwinkeln heraus beobachtete, wusste er, dass sie sich eindeutig über etwas Gedanken machte. Nur worüber? Er erinnerte sich, dass sie das auch früher gerne gemacht hatte. Manchmal. Ihn heimlich beobachten. Das war aber schon lange her. Damals waren sie beide noch sehr jung gewesen.
Er erinnerte sich an den Sommer vor vielen, vielen Jahren, als er mit einer Gruppe von Freunden abhing. Lustig und frei ging’s damals unter ihnen zu. Sie besuchten den Prater. Genauer gesagt: den Wurschtlprater, den Wiener Vergnügungspark.
Ausgelassen waren sie gewesen.
Damals.
Ihr spärliches Taschengeld hatten sie zusammengekratzt und wollten unbedingt etwas erleben. Hoch hinaus! All die Träume, Hoffnungen, Wünsche! Die ganze Welt schien ihnen offenzustehen. Würde ihnen noch offenstehen.
Welches Hochgefühl! Mutprobe im Wurschtlprater war damals wie heute die Hochschaubahn. Diese riesige Achterbahn mit den vielen Kurven. Erst hoch – dann tief und steil nach unten.
Gut, dass sie alle vom Leben noch nichts gewusst hatten. Wie es sein konnte. Kommen würde. Kommen konnte. Nicht eben nur Sonnenschein, den sie damals erlebten, sondern auch trübere Tage. Solche, die sie noch nicht kannten. Worüber sie nie nachdachten, weil sie wohlbehütet aufgewachsen waren. Ihre Eltern Sorgen vor ihnen fernhielten. Sie innerhalb der Gruppe voller Übermut ihre Kräfte maßen. In Freundschaft natürlich. Meistens jedenfalls.
Thomas mochte es, an seine Jugendzeit zurückzudenken. Unbeschwert. Auch wenn er dabei einige unangenehme Lümmel aus seiner Klasse ausblendete. Doch all das hatte ihn ermutigt, ein Lehramtsstudium zu beginnen. Er liebte seinen Beruf. Auch heute noch. Viel hatte er für Kinder übrig. Obwohl sie tatsächlich anders als früher waren: anstrengender, fordernder, individueller, kurz gesagt: nerviger.
Aber an diesem Punkt konnte er sich schon während seiner Ehe mit Walli abarbeiten. Dieser Unsteten, Wechselhaften und nur in einem Punkt Beständigen: in ihrem Anstrengend-Sein!
Sei’s drum. Trotzdem war’s das alles wert gewesen. Sie beide – ein Team. Wie Walli damals schreiend und lachend in der Gondel der Hochschaubahn gesessen hatte, die Arme voller Begeisterung in die Höhe gerissen und danach schwankend, aber glücklich zum Ausgang getorkelt war. Dies alles hatte Thomas plötzlich wieder deutlich vor Augen. Wie er sie dabei beobachtet hatte.
Damals. Sie ihn aber nicht wahrgenommen hatte. Nicht bemerkte.
Vorerst.
Er sie schon. Denn sie gefiel ihm. War sexy, schlank, sinnlich.
Sie war auch lustig. Er hatte sie angesehen und sich in ihren Anblick vertieft. Die junge Frau berührte sein Herz. Sehr. Damals. Just in diesem Moment hatte sie seinerzeit zu ihm herübergeblickt. Eine Welt war für ihn aufgegangen.
In diesem Augenblick spürte er – nur sie.
Walli wurde langsam unrund. Sie bereitete sich darauf vor, Thomas sein Geheimnis zu entlocken. So behutsam sie konnte. Dabei sah sie ihn freundlich an. Überlegte vorerst aber, was sie beim Ober bestellen sollte. Es fiel wenig originell aus. Sie bestellte: »Einen Caffè Latte, bitte!«
»Auf dich ist eben Verlass, zumindest dabei«, witzelte Thomas gut gelaunt.
Walli war erstaunt. Er zeigte Humor. Auch wenn der gerade auf ihre Kosten ging. Aber immerhin. Ein neuer Zug an ihm. Thomas bestellte eine Melange. Das war ein Espresso mit doppelt so viel Wasser und Milchschaum. Sie wusste, er liebte diese klassische österreichische Kaffeespezialität.
»Du bist ja so gut drauf. Gibt es da etwas?«, fragte Walli Winzer vorsichtig.
Thomas sah sie offen an und schüttelte bedächtig seinen Kopf. »Ich freu mich, dass wir einander wiedersehen. Das ist alles. Ist ja schon eine Ewigkeit her.«
»Ja, ich weiß gar nicht, wann’s das letzte Mal war?«
»Ein halbes Jahr ist das mindestens her«, war sich Thomas Drexler sicher.
Walli begann erst gar nicht nachzurechnen. Viel zu sehr war sie damit beschäftigt, die für sie ungewöhnliche Situation unter Kontrolle zu halten. Sie sah daher ihren Ex mild und verständnisvoll an.
Da Thomas die gedankliche Abwesenheit Wallis nicht erklären konnte, beschloss er, ihr von seiner letzten Reise zu erzählen: »Eine beeindruckende Reise und ein unglaublicher Gegensatz, diese Türkei, damals zu heute …«
4. Kapitel
»Pass doch auf!«
Ein Mann fortgeschrittenen Alters wandte sich behänd einem jüngeren zu und stöhnte. Das Silbertablett, das mit Schwarztee gefüllten Gläsern beladen war, kippte seitlich. Den langen Weg durch den Schauraum hatte der Kellner unbeschadet gemeistert, und jetzt dieses Malheur! Die braune Lure auf dem Tablett drohte, auf Walli Winzers Blazer zu tröpfeln. Im letzten Moment konnte der erfahrenere Mann das Schlimmste verhindern.
»Puh, das war jetzt knapp.« Walli Winzer war rechtzeitig in Deckung gegangen und geschickt ausgewichen. Dabei war sie vom Stuhl aufgesprungen und hatte sich ungewollt einem der Umstehenden angenähert. Sie lächelte entschuldigend, was dieser mit besonderer Höflichkeit erwiderte. Er verneigte sich mit sanft abwehrender Geste vor ihr, die wohl Gleiches verdeutlichen sollte.
»Ömer, du musst schauen, wo du hinsteigst!«, rief ihm dessen Vorgesetzter wenig freundlich zu, dann wandte er sich an Walli: »Entschuldigen Sie. Ist Ihnen auch wirklich nichts passiert?« Er musterte Wallis Blazer.
Walli merkte, dass er stoppte, um ihr nicht zu nahe zu treten, und dass er seine Augen von ihr abwandte. Er winkte eine junge Kollegin herbei, die in der Nähe einer Besuchergruppe stand. Sie sollte seinen Gast auf der Suche nach vermeintlichen Teespritzern auf der Kleidung unterstützen.
Walli neigte sich ein wenig und musterte ihren Blazer, konnte aber nichts erkennen. »Lassen Sie’s. Es passt schon«, entgegnete sie in Richtung der jungen Frau. Diese ließ sich nicht aufhalten und ging um Walli Winzer herum, die jetzt in der Mitte des Verkaufslokals stand. Es war geräumig und voller handgeknüpfter Teppiche. Einige lagen gestapelt im Seitenbereich. An den Wänden hingen in Muster und Farbe aufeinander abgestimmte Kostbarkeiten.
»Da, sehen Sie! Sie haben doch etwas Tee auf der Hose. Seitlich vom Bug. Schauen Sie mal.«
Walli Winzer winkelte ihr Bein ab und stand plötzlich mehr oder weniger nach Balance suchend da. Sie bot eine unfreiwillig komische Pose. Sie wusste nicht, ob es das oder doch eher die Gesamtsituation war, die die Blicke der anderen auf sie zog. Die junge Frau kicherte, als sie Walli Winzer auf einem Bein hin und her hüpfen sah. Walli musste ebenfalls darüber lachen. Sie fuhr sich mit der Hand über den Fleck.
Eine ältere Frau kam auf sie zu und zischte: »Adile, draußen sind noch einige Häppchen hereinzuholen.« Sie machte eine beschleunigende Geste in Richtung der Nebenräume.
Die junge Frau tat, wie ihr geheißen. Ihrem heiteren Gesichtsausdruck tat dies dennoch keinen Abbruch.
»Natürlich ersetzen wir Ihnen die Reinigung. Wir haben eine Putzerei, die das für Sie erledigen wird. Adile Gül wird morgen bei Ihnen vorbeikommen und das Ensemble abholen.«
»Nicht der Rede wert.«
»Doch. Es ist uns sehr peinlich. Aber Ömer ist erst seit vergangener Woche als Praktikant bei uns.«
Walli Winzer lachte: »Da hat er aber tatsächlich noch einiges zu lernen. Vor so vielen Leuten quer durch den Saal zu laufen, ist sicher nicht leicht. Angestarrt zu werden und nicht nervös zu werden, das muss man erst lernen. Beim nächsten Mal kann er es schon.«
Walli wunderte sich über ihre Nachsicht. Vor zwei Jahren, also vor ihrem Waldviertel-Trip, wäre sie in so einer Situation vor Zorn explodiert. Aber jetzt? Keep cool. Alles war ersetzbar.
Sogar ein Hosenanzug von Valentino. Sündhaft teuer zwar, aber ersetzbar.
Repräsentieren war diesmal nicht so wichtig. Denn das Geschäft zwischen Manfred Tuchner und Halim-Istanbul war bereits abgeschlossen. Er hatte bloß darauf bestanden, dass auch Walli sich die Teppiche der Kollektion ansehen sollte.
Die Männer des Teppichgeschäfts Halim-Istanbul hatten sich inzwischen einander zugewandt und besprachen letzte Details zur Vorführung der Stardesignerin Lale Eser. Sie war ein neuer Stern am Firmament des internationalen Kunstmarktes, lebte im Westen, bezog aber ihre Impulse weiterhin stark aus der türkischen-orientalischen Ornamentik. Wiens prominentester Teppichhandel mit exklusiven Kontakten zu ausgewählten anatolischen Teppichwerkstätten hatte von Bachwirken und der Designerin genaue Anweisung erhalten, geeignete Objekte passend zur Stoff- und Tapetenkollektion zu finden.
Junge Männer brachten unter hektischer Anweisung edle Stücke unterschiedlicher Größe in den Schauraum. Einige davon waren offenbar so schwer, dass nur mehrere zugleich die großen Rollen hereintragen konnten.
Beim größten und schwersten Teppich mussten zwei Männer ran. Nachdem sie ihn griffbereit platziert hatten, wurden noch einige oberhalb positioniert. Ein junger Mitarbeiter zog ruckartig an einem der unteren, worauf sich ein höher liegender löste, herabfiel und entrollte.
Der Verantwortliche, Bülent Yüksel, schnaubte vor Wut über die Ungeschicklichkeit, weshalb er kurzerhand auf seinen Mitarbeiter zuging und ihm vor allen einen Klaps auf den Hinterkopf verabreichte. Erschrocken mehr der Schmach als des Schlags wegen zog der Beschämte seinen Kopf ein und machte sich gleich daran, den Schaden zu beheben. Einige Kollegen halfen ihm dabei.
»Ja, bei uns geht’s manchmal ohne viele Worte.« Adile Gül lächelte verlegen. Sie hatte Walli Winzers verwunderten Blick gesehen. »Chef der Mannschaft ist Bülent, ein Verwandter von mir. Manchmal wird er sehr zornig, er meint es aber nicht so.«
»Aha«, sagte Walli überrascht. »Na ja, ich müsste lügen, wenn ich sage, dass ich so etwas nicht selbst kenne. Die g’sunde Watschn, wie man eine Ohrfeige nennt, war bis vor Kurzem in Österreich gang und gäbe. Jetzt sieht man’s zumindest halt in der Öffentlichkeit weniger.« Walli drehte sich von der Szene weg.
Adile gab sich erstaunt: »Mag sein. In meiner Genossenschaftswohnung in Donaustadt schreit oberhalb von mir manchmal ein Zehnjähriger furchtbar laut. Die Mutter schlägt ihn regelmäßig. Alle hören das. Sie sperrt ihn in seinem Zimmer ein. Dort jammert er oft stundenlang. Sie tut nach außen immer sehr freundlich. Niemand macht etwas dagegen.«
»Und Sie?«
»Ich? Denken Sie, dass mir beim Jugendamt jemand glaubt? Als junger Türkin? Gegen eine Österreicherin? Eine Lehrerin noch dazu? Damit ich im Haus alle gegen mich aufbringe?«
Die junge Frau wandte sich ebenfalls ab. »Ich habe Ihnen ein feuchtes Tuch mit ein bisschen Fleckenreiniger darauf geholt. Damit trocknet der Tee nicht zur Gänze ein.«
Walli nahm Adile Gül das Schwammtuch aus der Hand. Tatsächlich hellten die Flecken bereits nach Kurzem auf.
Inzwischen kam auch der Geschäftsführer, Eraydin Turan, aus einem der Nebenräume zielstrebig auf Walli Winzer zu. Von all dem, was sich in den letzten Minuten abgespielt hatte, hatte er nichts mitbekommen. Er stellte sich daher gleich neben sie und gab ihr Unterlagen, die er vor der Schau für sie vorbereitet hatte.
»Ah, ich sehe, die Teppiche sind schon griffbereit gestapelt.«
Die Belegschaft hatte sich ebenso versammelt und blickte erwartungsvoll zu Turan.
»Ich fasse für Sie kurz zusammen, was einen türkischen Teppich, in unserem Fall einen anatolischen, ausmacht: Dass die türkische Knüpfkunst sehr alt ist, wissen Sie. Sie geht bis ins zwölfte Jahrhundert zurück. Und ihre Einflüsse sind global. Über die Jahrtausende hinweg! Die Muster wären nicht so charakteristisch, wenn es keinen regelmäßigen Austausch mit anderen textilknüpfenden Nationen gegeben hätte. Das sind nicht nur Persien, Indien, Armenien, China, sondern auch Pakistan, Syrien, Griechenland und die Kurden. Sprich: jedes Land, das in der Welt des Teppichs je Bedeutung erlangt hat. Wir werden das gleich sehen. Eine Erlebniswelt vom Feinsten. Eine Reise durch die Jahrtausende.«
Walli Winzer hielt alle Ausdrucke in ihren Händen, war aber nicht interessiert, darin zu blättern, weil sie den Ausführungen Turans lauschen wollte. Sie überlegte bereits, wie sie ihn im Pressegespräch einsetzen könnte. Eine kleine exotische Note wäre in der globalen Kollektionsausrichtung sicher willkommen. Und wer, wenn nicht er, wäre dazu besonders geeignet?
Eraydin Turan erzählte weiter von der turkmenischen und der kaukasischen Tradition. Von der höfischen, feineren Webkunst in Istanbul sowie den hochwertigen Gebrauchsteppichen Anatoliens, Richtung Osten der Türkei.
»Und die Leute lebten tatsächlich für und mit ihren Teppichen?«, fragte Walli zwischendurch erstaunt.
»Ja, der Teppich ist heute noch in unserer Kultur ein wichtiger Bestandteil der Wohnung. Seine Muster erzählen Geschichten. Tiere und Menschen werden selten abgebildet. So wie Bilder an Wänden kaum üblich sind.«
Turan gab Bülent Yüksel den erwarteten Wink. Daraufhin zogen zwei junge Männer einen der Teppiche vom Stoß und rollten ihn nach kurzem Anheben und einem kräftigen Ruck in der Mitte des Schauraums aus.
»Sehen Sie: Türkische Teppiche können unterschiedlich aussehen. Dieser hier wird den höfischen Teppichen zugeordnet und ist in seiner floralen Ornamentik stärker an Persien orientiert. Allein aufgrund der Größe der Türkei gab und gibt es bis heute große regionale Unterschiede, die sich auch in der Webkunst wiederfinden: der Teppich als Ausdruck künstlerischer Eingebung und kultureller Vielfalt.«
Eraydin Turan winkte nach dem nächsten Teppich. Wie zuvor wussten seine Angestellten genau, welche der riesigen Kostbarkeiten sie zu wählen hatten.
Der Experte fuhr fort: »Nomaden hingegen konnten aufgrund ihrer mobilen Verhältnisse keine großen Webstühle aufbauen. Sie spezialisierten sich daher auf kleinere Fertigungen. Charakteristisch sind geometrische Muster, die sich konzentrisch zu verkleinernden Rautenformen verdichten.«
Walli Winzer staunte nicht schlecht.
Turan fuhr fort: »Die Istanbuler Stardesignerin Lale Eser interessiert aber mehr das 21. Jahrhundert, in dem sie die Weiterentwicklung und Gegenüberstellung geometrischer Muster aus dem Narrativ des anatolischen Formenkanons heraus verortet, den sie in ihren neuen Mustern der Pluralität des digitalen Binärcodes im Kontext des stilistischen Formenkanons des Jugendstils künstlerisch gegenüberstellt. Ihre neue Stoff- und Tapetenkollektion für Bachwirken befindet sich in Ihrer Mappe.«
Uff! Das war Walli Winzer nun doch zu hoch. Gedanklich begann sie sich jetzt auszuklinken. Was war denn ein Formenkanon? Sie kannte Kanon nur von der Musikstunde. Das war, was sie in der Schule mehrstimmig miteinander gesungen hatten. Ja, das hatte ihr immer gut gefallen. Aber ein Kanon mit Teppichen? Was sollte das sein?
Sie versuchte dennoch weiterhin gute Miene zur Ausführung zu machen. Auch wenn diese sie langsam zu ermüden begann. Zugegeben, der Totaleinsatz und die Begeisterungsfähigkeit dieses gut aussehenden morgenländischen Prinzen gefielen ihr. Also versuchte Walli Winzer bei der Sache zu bleiben.
»Und jetzt zeigen wir Ihnen noch unseren größten und kostbarsten Teppich aus Ostanatolien. Jahrelang arbeiteten viele Menschen an ihm. Er war für einen mächtigen Sultan bestimmt, der sein Reich einen wollte, und überlebte viele Jahrhunderte. Weshalb und wie er nahezu unbeschädigt so lange Zeit überstehen konnte, ist eines der Geheimnisse, die ihn bis zum heutigen Tag umgeben. Auch die Symbolik der Muster gibt Experten seit jeher Rätsel auf. Sein Mythos ist noch nicht erforscht.«
Walli Winzer war bewegt, als sie das hörte. Ein Mythos barg Faszinierendes. Etwas, das man Presse und dem Publikum gut weitervermitteln konnte. Das für Aufsehen sorgen würde – neben der Künstlerin natürlich.
Diesmal stellte sich eine ganze Riege von Männern in Position, um den Teppich in die richtige Position zu bringen. Dann reihten sie sich im Abstand von einem Meter nebeneinander auf. Der mittlere machte ein Zeichen, worauf alle den Teppich mit einem kräftigen Ruck nach vorne schüttelten. Schwungvoll rollte er auf der weiten Fläche des Schaubodens aus, aber das tat er anders als seine Artverwandten zuvor. Als er sich bis kurz vor Walli komplett entrollt hatte, war da noch etwas anderes, das die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich lenkte.
Das Teppichmuster anzusehen, interessierte augenblicklich niemanden mehr. Der Schrei einer jungen Frau durchfuhr den Raum. Es war Adile Gül. Schockstarre erfasste sie.
Vor ihr lag ein Mann. Nicht nur Walli Winzer erkannte ihn. Alle hier taten das.
Es war Manfred Tuchner.
5. Kapitel
»Schnell! Ein nasses Tuch. Habt ihr nicht gehört: Wir brauchen ein nasses Tuch und ein Glas Wasser. Sofort!«
»Sie bewegt sich nicht, aber sie atmet.«
Adile Gül lag am Boden. Ihren Kopf hatte man sanft auf eine Teppichrolle abgelegt. Der Anblick des toten Mannes hatte ihr so zugesetzt, dass sie plötzlich in sich zusammengesunken war. Walli Winzer hatte neben ihr gestanden und sie noch rechtzeitig auffangen können. Den unsanften Aufprall mit dem Kopf auf dem harten Parkettboden konnte sie dadurch gerade noch so verhindern.
Geschäftsführer Eraydin Turan kniete hilflos neben der jungen Frau und starrte sie unentwegt an. Als müsste er sich auf das Schlimmste gefasst machen. Ob die umstehenden Männer tatsächlich auf seinen vorherigen Zuruf reagierten, darauf achtete er nicht. Der Anblick der leblosen Adile setzte ihm dermaßen zu, dass er damit rang, nicht selbst das Bewusstsein zu verlieren.
»Jetzt machen Sie mal und fangen sich wieder. Das geht so doch nicht. Eine Leiche und eine Ohnmächtige reichen mir für heute.« Walli Winzer, die Adile Güls Kopf streichelte, klopfte plötzlich dem Teppichhändler auf die Schulter, um ihn bei Bewusstsein zu halten. Der schwankte daraufhin ein wenig, fand aber sein Gleichgewicht wieder. Im selben Moment blickte er zur Seite auf den Toten.
Keiner der umstehenden Männer war unterwegs, um ein Tuch zu besorgen. Nur eine junge Frau kam damit angelaufen und reichte es Walli Winzer. Diese legte es Adile auf die Stirn und tätschelte ihre Wange. Langsam kam sie wieder zu sich. Noch benommen wollte sie sich aufrichten, aber es gelang ihr nicht. Vom Schock zuvor war sie noch zu geschwächt.
Im Nebenraum breitete sich Tumult aus. Es klang fast wie ein Handgemenge. Die im Raum verbliebenen Männer eilten hinaus, nur um wieder zurückgedrängt zu werden. Konfus stießen sie einander an und wichen vor Bülent Yüksel zurück, der einen großen hageren Mann mit groben Hieben vor sich hertrieb. »Ich habe ihn im Lager erwischt, als er gerade hinauslaufen wollte.«
Yüksel versetzte ihm einen kräftigen Stoß, der den Mann Halt suchen ließ. Mit seinen Armen konnte er gerade noch sein Gleichgewicht wiederfinden und landete vor Walli Winzer.
»Nico! Was machen Sie denn da?«
Die mittlerweile fast überforderte PR-Expertin erhob sich, fühlte sich aber selbst nach all der Aufregung einem Schwächeanfall nahe. Und jetzt auch noch die Überraschung mit dem Waldviertler. »Was soll das?«, stöhnte sie genervt.
Nico Salmer sah sie mit großen, ausdruckslosen Augen an, wirkte hochgradig nervös und brachte keine Silbe heraus. Stattdessen hob Bülent Yüksel zu einem wahren Orkan der Worte an.
»Er wollte flüchten, als er mich sah. Außerdem habe ich vorher gesehen, dass er in einer Kiste nach Unterlagen geschnüffelt hat. Dann habe ich ihn gepackt. Er wollte entwischen …«
Walli Winzer stoppte den aufgeregten Wortschwall, indem sie laut dazwischenfuhr: »Ja, das haben wir schon gehört! Was war das für eine Kiste?«
»Also, so eine kleine war das. Mit Lieferscheinen und anderem. Sonst hab ich keine Ahnung.«
Walli Winzer sah zu Nico Salmer, der sich immer noch nicht zu den Vorwürfen äußerte. Sie raufte nervös ihre blonde Haarpracht. Im selben Moment entsann Walli sich, dass sie dadurch die Wirkung des Tafts, den sie morgendlich sanft über ihre Frisur hatte gleiten lassen, zerstörte. Schnell richtete sie mit ein paar Handgriffen die widerspenstigen Strähnen und bemühte sich, den vorherigen Zustand wiederherzustellen. Den Umstehenden hingegen war es völlig egal, wie die flotte Geschäftspartnerin aktuell aussah. Keiner der Männer nahm Notiz von ihr. Alle starrten auf Nico Salmer und ließen ihn keine Sekunde aus den Augen, oder sie hefteten ihre Blicke aufgeregt Richtung Fenster. Denn obwohl es draußen noch hell war, flutete jetzt das Blaulicht der Einsatzwagen den Schauraum.
Abgefahrene Situation, dachte Walli Winzer und schloss vor der neuen Situation kurz die Augen.
Es war keine Viertelstunde her, dass Adile Gül ohnmächtig geworden war und bezüglich Nico nicht einmal die gröbsten Umrisse seiner überraschenden Anwesenheit geklärt waren. Weshalb war er wirklich ins Teppichgeschäft gekommen? Und wieso war Manfred Tuchner zurückgekommen? Wer hatte ihn getötet? Warum?
Einen Augenaufschlag nach Wallis Überlegung kämpfte sich ein Polizeibeamter in zivil durch die Menge. Sein Blick blieb sofort am toten Tuchner hängen: »Da liegt er. Holt’s die Silvia rein. Die soll sich das gleich genauer anschauen und dann zu mir kommen. Ich will ihre ersten Eindrücke hören. Dann bestellt’s die Spurensicherung. Und du, Martin, komm sofort her!«
Ein schlanker junger Mann hörte auf diesen Namen. Sein Gesicht war auffällig blass. Sonne schien es schon länger nicht abgekommen zu haben. Er stellte sich neben den leitenden Ermittlungsbeamten: »Martin, schau, dass keiner von denen da das Geschäft hier verlässt.« Er zeigte auf die Männer. »Verstanden? Wir vernehmen sie hier an Ort und Stelle, einen nach dem anderen. Das Protokoll schreibst du nachher aber nicht selbst, sondern lass es unseren Kleinen von der Polizeischule am Laptop abtippen. Das geht schneller.«
Der junge Mann verzog unwirsch sein Gesicht und bestätigte mit »Jawohl, Major Kuntner«. Er war wie sein Chef in Zivil und versammelte eine Gruppe uniformierter Beamter um sich. Die Polizisten begleiteten die Mitarbeiter des Geschäfts in einen Nebenraum.
Bülent Yüksel schien davon wenig begeistert zu sein. Er wehrte sich. »Was? Sind wir jetzt alle verdächtig?«, richtete er dem Polizeimajor seinen Protest im Vorübergehen aus.
»Na, so wie’s ausschaut, wollen wir wissen, was ihr vorher g’macht habt. Alle. Ohne Ausnahme. Der Reihe nach.«
Widerwillig ließ sich Yüksel zu den anderen begleiten. Nur noch wenige Beamte blieben im Schauraum zurück. Mit einem Mal war es ziemlich ruhig geworden.
Major Kuntner stellte sich neben die Leiche. Er starrte sie wortlos an, dann beugte er sich über sie. Die Augen des Toten standen noch offen. Kuntner schien das nicht zu stören. Vielmehr vermittelte er auch hierbei den Eindruck von abgebrühter Routine. Nach kurzer Zeit ging er in die Hocke, um den Körper näher zu betrachten. Was er vor sich hinmurmelte, hätte Walli Winzer in diesem Moment interessiert. Sie stand jedoch entfernt und konnte die Situation daher nur aus dem Augenwinkel wahrnehmen.
Einige Polizisten hatten Nico Salmer in eine Ecke des Zimmers gedrängt. Er stand lammfromm da und wartete geduldig, was mit ihm nun weiter geschehen würde. Walli Winzer ging auf ihn zu. Sie spürte seine Erleichterung. Trotzdem sah sie die Verzweiflung in seinem Blick. »Nico, was ist denn passiert? Warum sind Sie hier?«
Er blickte ins Leere und schloss dann die Augen. Noch bevor er antworten konnte, gab Major Kuntner eine laute Anweisung an zwei seiner Mitarbeiter: »Nowak, Wastracil! Wo ist die Dr. Eichinger? Ich hab doch nach ihr rufen lassen. Wie lang soll ich noch warten, bis die endlich da ist?«
»Wir haben sie angerufen, und die Frau Dr. Eichinger hat gesagt, dass sie gleich da sein wird.«
»Dann ruafts es glei noch amoi an: Sie soll sich beeilen.«
Dieser Zeitgenosse der Polizei war definitiv keiner von der angenehmen Sorte, stand es für Walli eindeutig fest. Ob das überhaupt jemand jemals in solch einem Beruf würde sein können? Sie hatte ihre Zweifel.
Walli Winzer beschloss, sicherheitshalber in Nico Salmers Nähe zu bleiben. Auch wenn er in einem Alter war, in dem ein Mann für sich selbst einstehen konnte. Doch Nico schien da eine Ausnahme, das hatte sie im Gefühl.
Warum er prinzipiell verstummte, wenn sie in seine Nähe kam, konnte Walli sich sowieso nicht erklären. Dabei hatte sie ihn einmal mit dem Sepp Grubinger im Wirtshaus vom Hannes Lechner in Großlichten erlebt. Da war der Nico ganz und gar nicht schüchtern gewesen. Vielmehr war er lustig. Aber das war vielleicht wegen des Grubingers. Weil der die Dorfleute mit seiner speziellen Art nahm, so wie sie waren. Und mit ihnen beinahe konspirativ die Köpfe zusammensteckte. Auch mit dem Nico. Dadurch viel von ihnen erfuhr und aus ihnen herausholen konnte. Für die im Waldviertel meist gewählte Knappheit der Worte war das offenbar etwas Besonderes. Den Inhalt verstand nur der engere Kreis der Alteingesessenen. Zumindest konnte man das leicht glauben. Denn Fremden gegenüber verhielten sie sich anders. Bei genauerer Analyse dieser Kommunikationstechnik stand Walli Winzer vor einem Rätsel. Bestand sie doch weniger aus zusammenhängenden Sätzen, als aus lose aneinandergereihten Worten, die mit Kopfnicken und Anheben und Absenken der Schultern bestätigt oder infrage gestellt wurden.
Manchmal überkam Walli der Eindruck, dass die regionale Kommunikation überwiegend aus Pausen bestand, in denen man einander ansah und abwartete. Jedenfalls hielten jene, die so redeten, mehr Stille miteinander aus, als Walli Winzer sich das für sich vorstellen konnte. Dabei fand sie, dass es ihr nach ihrem Sabbatical im Waldviertel mittlerweile besser gelang als zuvor.
Betrachtete sie allerdings den groben Wiener Polizeikommandanten, war ihr inneres Gleichgewicht – so sie dies überhaupt zustande brachte – gleich dahin.
Adile Gül erhob sich langsam von ihrem Stuhl und ging, begleitet von ihrem Chef Eraydin Turan und dem ungeschickten Praktikanten, in Richtung Vernehmungszimmer.
Sie drängten sich an einigen neu eintreffenden Polizisten vorbei, die den Schauraum betraten. Eine junge Frau in weißem Arztkittel und einige Rettungseinsatzkräfte kreuzten ebenso ihre Wege. Diese ließ sich, ohne genauer in die Runde zu blicken, neben Kuntner nieder, ignorierte ihn trotz kurzen Grußes und betrachtete das Mordopfer. Sie holte Untersuchungsinstrumente aus ihrer großen Arzttasche und begann sofort mit einer ersten Einschätzung.
Kuntner blieb neben ihr und schaute eine Weile zu. Die Ärztin leuchtete dem Toten mit einer Taschenlampe in die Augen. Hob dessen Lider mit einer Pinzette, bewegte die Leiche aber keinen Millimeter.
»Hast du schon die Spurensicherung verständigt?«, fragte sie schließlich den Polizisten.
»Ja, schon vor einer halben Stunde.«
Die Ärztin spürte unweigerlich den vorwurfsvollen Unterton in Kuntners Stimme und fühlte sich bemüßigt, darauf zu antworten: »Also, ob man jetzt fünf Minuten früher oder später bei einem Toten ankommt, is a scho wurscht – bei dem Autoverkehr. Denn, der da is eindeutig tot. Wie du unschwer erkennen kannst, wurde er erdrosselt. Die roten Abriebe an seinem Hals bestätigen das. Da, schau!« Sie reichte Kuntner mit einer neuen Pinzette ein buntes indisches Halstuch, das sie dem Opfer abgenommen hatte. Der wich überrascht zurück. »Da!«, wiederholte sie mit Nachdruck: »Die Tatwaffe gibt’s schon.«
»Martin!«, rief der Polizeimajor so laut, dass sogar Dr. Silvia Eichinger zusammenzuckte. Seine Hände beließ er in den Hosentaschen.
»Ja, was gibt’s?« Der Kriminalbeamte war sofort zur Stelle.
»Geh, gib des Tüchl in eines von unseren Plastiksackerl und dann gleich an die Spurensicherung weiter.« Gesagt – getan.
Kurz darauf übergab der Polizist seinem Vorgesetzten das sorgsam in Plastik verpackte Tatwerkzeug. Der leitende Ermittler hielt die Tüte von sich weg, sah sich aber das Halstuch genauer an. Polizeibeamter Martin machte sich unaufgefordert wieder in Richtung des Vernehmungstrupps auf.
»Sag, Klaus, was ist dir über die Leber gelaufen, dass du in letzter Zeit so unwirsch bist?«, fragte Frau Dr. Eichinger, während sie ihre Arzttasche einräumte.
Der Polizeimajor kam nicht mehr dazu, darauf zu antworten. Die kurze private Unterredung wurde unterbrochen. Die Spurensicherung war eingetroffen, und die ersten von ihnen begannen, sich ihre weißen, keimfreien Overalls überzuziehen.
Klaus Kuntner schien das nur recht zu sein, nicht mehr auf die zuvor gestellte Frage antworten zu müssen. Stattdessen ließ er die Ärztin wortlos stehen und ging auf den Ranghöchsten zu. Offenbar kannten sie einander, das ließ der sehr akzentuierte, feste Männerhandschlag vermuten. Ein nachfolgender freundlicher Gruß bestätigte das. Die Spurenermittler gruppierten sich ohne Anweisung um die Leiche und begannen mit deren Vermessung. Ein Fotograf hielt zusätzlich die Position der Leiche fest. Auch der Teppich wurde ins Bild gesetzt.
Nach kurzer Absprache mit den Kollegen von der Spurensicherung, ordnete Kuntner an, Männer zu rufen, die mit Plastikhandschuhen beim Einrollen des riesigen Stücks helfen sollten. Es boten sich gleich mehrere an. Offensichtlich hofften sie, dadurch schneller beim Verhör dranzukommen. Sie drängten zur Tür herein, was wieder für Unruhe sorgte.
Auch Nico Salmer wurde langsam unrund. »Ich hab damit nix zum tuan und möcht endlich ham gehen.« Er wollte sich an Walli Winzer und den nebenstehenden Polizeibeamten vorbeischlängeln, was diese mit sicherem Griff zu verhindern wussten.
»Sie mochn jetzt amoi goar nix und bleiben da. Punktum!«, befahl Klaus Kuntner barsch.
Nico rüttelte an der offenbar zu groben Fixierung seiner Arme.
»Also, was soll das? Sie können doch niemanden auf Verdacht festhalten. Was können Sie Herrn Salmer konkret vorwerfen?«, schaltete sich Walli Winzer ein.
»Ganz einfach: Er wurde in einer eindeutigen Situation beim Schnüffeln entdeckt und wollte fliehen. Ein Mitarbeiter stellte ihn. Der Flüchtende reagierte zuvor nicht auf Zurufe. Eine Erklärung gibt er bis jetzt nicht ab.«
»Sie hobn mei Halstuch in der Hand! Was mochn Sie damit?« Nico starrte auf die textile Tatwaffe.
»Nein, das gibt’s ja net!«, war Klaus Kuntner nun fassungslos. »Das ist Ihres?«
Walli Winzer wurde in diesem Moment kreidebleich. Auch ihr neues Make-up konnte nichts daran ändern. Ihr fiel wieder ein, Nico Salmer am Gang vor Tuchners Büro mit diesem auffälligen Halstuch gesehen zu haben. Ach Gott! Die Situation schien im Augenblick verfahren.
Nico sah sie verzweifelt an. Kuntner gab den Befehl, ihn sofort ins Polizeirevier mitzunehmen. »Frau Winzer! Bitte, ich hoffe, Sie glauben mir. Ich war’s nicht. Bitte helfen Sie mir und sagen S’ das auch dem Sepp Grubinger!«
»Schluss jetzt. Wir sind fertig. Raus mit Ihnen!« Ein unsanfter Ruck versetzte Nico Salmer in Bewegung. Kuntner wies die Umstehenden an, ihre Berichte so schnell wie möglich fertigzustellen und an ihn zu schicken. »Fall geklärt!«, rief er ihnen triumphierend zu. Dann murmelte er hörbar und amüsiert vor sich hin: »So blöd muass ja amoi einer sein, dass er net nur davonrennt, sondern freiwillig zugibt, dass die Mordwaffe a no sein Tüchl is!«
Zugegeben, auch Walli Winzer stand jetzt betroppezt da und war ratlos. Doch sie glaubte Nicos Worten. Zumindest – wollte sie es.
6. Kapitel
Noch war sie allein. Sie hatte sich inzwischen einen Drink bestellt. Nach dem ersten Schluck ihres Gin-Lillet-Cocktails stieß sie in regelmäßigen Abständen gedankenverloren die Limettenspirale darin mit einem pinken Plastikgäbelchen an. Ausweichend wippte das Geschmacksaccessoire neben einem Eiswürfel hin und her. Ihren linken Ellbogen stützte Walli Winzer auf den Tresen der Bar und hielt mit der Hand ihren Kopf. Starr hatte sie ihren Blick auf das kleine optische Schauspiel vor sich gerichtet.
Was war das nur wieder für ein Tag gewesen, fragte sie sich. Dabei war sie selbst glimpflich davongekommen. Ihre Einvernahme in der Polizeistation würde erst morgen stattfinden. Da konnte sie noch genauer nachdenken, was tatsächlich abgelaufen war oder was sie bemerkt hatte. Leider war das eben nicht viel. Schließlich hatte sie sich während der Vorbereitungen zur Teppichschau im Vorgespräch mit dem Geschäftsführer befunden, was interessant gewesen war. Walli Winzer hatte daher nicht darauf geachtet, was sich um sie herum abgespielt hatte. Sie erinnerte sich nur, dass viele Menschen im Schauraum gewesen waren.
Sie nahm einen Schluck.
Den dazu gereichten Snack allerdings nichts.
Noch ein Schluck.
Nichts. Rein gar nichts fiel ihr ein.
Walli behielt das Cocktailglas in der Hand und schwenkte es. Das Bild der tanzenden Limette beruhigte sie.
Langsam sah sie hoch und ließ ihren Blick durch die dämmrige Bar in der Wiener Innenstadt gleiten. Diese befand sich über den Dächern der Altstadt. Aus der Ferne sah sie die beleuchteten Türme des Wiener Stephansdoms.
Postkartenidylle.
Walli Winzer kauerte auf dem Barhocker. Trotz des malerischen Ausblicks, dessentwegen viele Touristen hierherkamen, schloss sie die Augen. Sie wollte bei sich sein. Durchatmen. Bevor die anderen da sein würden. Kurz noch.
Solche Momente schob sie jetzt öfter in ihren Alltag ein. Abschalten. Zwischendurch regenerieren. Nichts beachten. Nicht einmal sich selbst.
Das hatte sie im Waldviertel gelernt. Auf ihren Spaziergängen. Den vielen. Durch die Wälder oder auf den Wanderwegen durch die Felder.
Es waren Orte der Stille. Kraftorte gewissermaßen. Um aufzutanken.
Wie laut war für sie daher das Getöse, das sie in Wien erwartete. Die vielen Menschen. »Mittlerweile zu viele«, murmelte sie bereits entspannter vor sich hin. Vor allem hier im Zentrum, um den Stephansplatz herum. Menschenmassen schoben einen tagtäglich wie in Venedig vor sich her. Ein Zielort war bei ihnen nicht auszumachen. Und betrachten oder fotografieren konnte man bei diesem Gedränge und Geschiebe auch nichts. Also, warum das alles?
Jetzt lehnte sie hier. Nur weil Lena unbedingt hierher wollte. Walli hatte schließlich zugestimmt. Ihre beste Freundin Lena Breitenecker hatte die Bar neu entdeckt und vorgeschlagen. Mit einigen Geschäftspartnern und ihrem Ehemann Hans ließ sie hier häufig erfolgreiche Verhandlungen ausklingen.
Es war noch sehr früh. Walli war vorzeitig gekommen, da sie nach den unerwarteten Ereignissen nicht mehr bei ihrer Wohnung vorbeifahren wollte. Es war zu spät geworden, um sich umzuziehen. Gut, da die Kleidungsvorschriften überall bereits salopper gehandhabt wurden, würde ihr Tageshosenanzug am Abend auch nicht weiter auffallen. Und wen das tatsächlich störte, der konnte auch wegschauen. Spießer! Solche konnte sie sowieso nie ausstehen.
Da Walli sonst nichts zu tun hatte und der Keeper gerade mit dem Eiscrusher beschäftigt war und daher für Small Talk nicht zur Verfügung stand, blickte sie in die Runde. Wen würde sie in der topmodernen und chillig designten Bar sympathisch finden? Hm. Auf den ersten Blick fiel das schwer. Heute waren außerdem Haltungen und Einstellungen nicht mehr so eindeutig wie früher mit Kleidung verbunden. Das hatte sich grundlegend verändert. Wer heute Geld und Einfluss besaß, kleidete sich oft im Sinne des Understatements, also mit Zurückhaltung. Fast könnte man sagen: verlottert.
Wallis Ding war so etwas allerdings nicht. Na ja, sie war ja auch nicht so vermögend wie etwa Bill Gates. Der konnte daher im ewigen Studentenlook herumlaufen. Er war und würde immer Bill Gates sein und bleiben. Da konnte eine Walli Winzer, auch wenn ihr das Glück bisher im Leben – mit Ausnahme einiger Ausreißer – hold geblieben war, eindeutig nicht mithalten. Und bei Frauen war das sowieso ganz anders als bei Männern.
Frauen waren einander die größten Kritikerinnen. Passende Kleidung putzte selbst graue Mäuse heraus. Da konnten einige reden, was sie wollten. Auch die wussten, dass es noch eine Zeit lang so bleiben würde. Die jahrhundertelang antrainierte Stutenbissigkeit würde nicht so schnell abgelegt werden können. Und die meisten Männer hatten sicher nichts dagegen, eine gepflegte, gut gekleidete Frau vor sich zu haben.
Auch wenn, wie bei Walli Winzer, die Kleidung in Gegenwart attraktiver Männer rasch wenig Bedeutung für beide hatte. Einfach deshalb, weil bald keiner mehr welche trug. Sie schmunzelte. Gut, das war wieder ein bisschen aus ihrem Nähkästchen geplaudert.
Also, wie tickte das Publikum hier, in dieser Wiener Nobelmeile? Walli Winzer fielen zwei smarte Männer auf. Beide elegant gekleidet mit perfektem Messerhaarschnitt. Sie redeten angeregt miteinander. Das Gespräch blieb vorerst ernst, um dann … aha, Walli grinste … ins Flirten umzuschlagen.
Lionel Richie tönte dazu mit seinem 1980er-Hit »All Night Long« aus der unsichtbaren Konserve. Ob das nun ein Geschäftsabschluss der beiden oder ein Date in der Bar war, die Grenzen verschwammen eben. Walli war sich nicht sicher. Durch ihren Mitarbeiter Tobias Stieglitz und seinen Lebensgefährten stand sie in engem Kontakt mit deren Freundes- und Bekanntenkreis. In der PR-Branche war das keineswegs ungewöhnlich, eher nützlich. Denn Männer tauschten regelmäßig Informationen miteinander aus. Auch aus ihrem Tätigkeitsbereich. Sie waren also meist auf dem neuesten Stand.
Was konnte einem daher Besseres passieren, als davon zu profitieren? Walli mochte die Jungs, und diese mochten Walli. Schließlich konnte sie durch ihre Umtriebigkeit auch die einen oder anderen News beisteuern. Denn Walli hielt ihre Ohren immer und überall offen. So ging’s!
Sie setzte sich auf dem Barhocker ein wenig seitlich und erblickte ein unauffälliges Paar mittleren Alters. Hierbei handelte es sich offenbar um ein Date. Beide saßen einander angespannt gegenüber und wussten nicht recht, was sie einander erzählen sollten. Wallis Einschätzung stand nach wenigen Minuten fest: Höchstwahrscheinlich würde es das letzte Date der beiden bleiben.
Allerdings sprach, statistisch erwiesen, auch ein Ehepaar nicht mehr als fünf Minuten am Tag miteinander. Dann befanden sich die beiden vielleicht doch schon am Beginn einer gemeinsamen Zukunft? Viele wollten letztlich nicht alleine bleiben. Aber ob sich so ein wortkarges Wesen besser machte als ein Haustier? So was war doch schrecklich, so ganz ohne die Liebe. Nur mit dem Kopf geplant, seufzte Walli. Aber gut, dass alle Menschen verschieden waren.
Sympathisch hingegen wirkte auf sie ein junges Paar. Walli Winzer vermutete, dass sie sich wohl auf einen Aperitif getroffen hatten, um danach noch etwas zu unternehmen. Sie wirkten aneinander interessiert und lachten immer wieder herzhaft. Glücklich nahm er zwischendurch ihre Hand und hielt sie sanft in der seinen.
Der Anblick erfreute Walli.
Plötzlich fiel ihr wieder Nico Salmer ein. Der hatte mit Sicherheit gerade keinen Grund zur Freude. Er würde in einer Verwahrungszelle des Grauen Hauses, der Justizanstalt Josefstadt, sitzen und darauf warten, was weiter mit ihm geschehen sollte.
Walli Winzer erinnerte sich an seinen flehenden Blick. Er hatte sich von ihr gewünscht, dass sie Sepp Grubinger über seine Unschuld informierte. Als könnte ihm der Polizist aus dem kleinen Kaff Großlichten im Waldviertel helfen! Bei der legendär grantigen Wiener Polizei. Die sich für das Maß aller Dinge hielt. Walli stellte sich Grubinger als Einsatzkommandant vor und musste lachen.
Allerdings war dieser Wiener Polizeimajor tatsächlich ein Kapitel für sich. Mit seiner Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit. Und wie er den Nico abgekanzelt hatte. Als wäre ohne echte Ermittlungen schon alles geklärt. Das hatte er ja auch laut hinausposaunt.
Walli holte tief Luft.
Ach, dieser Nico. Er war schon eine Nummer für sich. Eine ziemlich schräge. Mehr wollte sie jetzt nicht denken.
Um das Ende des Tages endlich auch für sich einzuläuten, stach sie mit der kleinen Plastikgabel zielsicher in die Limettenspirale und führte sie zum Mund. Sie spülte mit einem weiteren Schluck Lillet-Cocktail nach. Dann starrte sie reglos in ihr Glas. Dass ihr der Barkeeper inzwischen unaufgefordert nachschenkte, entging ihr.
Erst als jemand sanft ihre Schulter berührte, zuckte sie zusammen. Sie krallte sich am Tresen fest und verhinderte so, dass sie seitwärts vom Hocker kippte.
»Ah du, Lena!«, stieß sie daher vorerst wenig erfreut hervor.
»Klar, wen hast du sonst erwartet?«, grinste die Freundin sie erwartungsvoll an.
»Ach, ich dachte eben noch ein wenig über die Unterredung mit Thomas vor einer Stunde nach.«
»Ihr habt euch getroffen? Davon hast du mir nichts erzählt«, war Lena Breitenecker verwundert. Meist war sie über Gebühr über die privaten Aktivitäten ihrer Freundin informiert. Einschließlich sämtlicher intimer Details, auch wenn sie diese nicht interessierten. Wobei sie doch feststellen musste, das hatte sie Walli einmal erzählt, dass sie dadurch einiges zur Freude ihres Ehemanns Hans dazugelernt hatte. Vielleicht halfen Wallis detailreiche Erlebnis-Schilderung indirekt mit, ihre Ehe nach Jahrzehnten noch erotisch am Kribbeln zu halten. Vielleicht erfanden sich Lena und Hans immer wieder neu durch ihre Erzählungen von Erfolg und Niederlage in den obersten Etagen der internationalen PR-Branche, inklusive anziehender Männer. Das bot sicher viel Raum für die eigene Fantasie und erweiterte die Breitenecker’sche kleine Biobauernhof-Welt in Großlichten. Dabei wusste Walli, dass Lena manchmal ganz kräftig an den Gewohnheiten ihres Mannes rüttelte, damit der aus seinem Alltagstrott und der vielen Arbeit ausstieg, die wohl auf einem Bauernhof nie enden wollte.
»Ja, gleich bei ihm ums Eck. Du weißt schon, im 18. Bezirk im Kaffeehaus.«
»Und wie war’s?«
»Na ja, erstaunlicherweise ganz nett.«
»Ist doch erfreulich. Warum bist du trotzdem nachdenklich? Er entwickelt sich weiter. Ist doch gut. Das wolltest du doch immer.«
»Hm?«
»Was soll das heißen?«
»Verstehe mich nicht falsch: Klar fände ich es gut, wenn er etwas flexibler und großzügiger in seinen Standpunkten würde. Aber er ist so … also… er hat sich ganz anders verhalten. Als hätte man ihm … beinahe möchte ich sagen, einen Chip ins Gehirn gesetzt.«
»Geh, Walli! Nichts passt dir. Ist er so, hast du etwas zu meckern, ist er anders, ist es dir auch nicht recht. Du bist in letzter Zeit schon ein bisschen schrullig g’worden. Dir würde eine dauerhafte Beziehung auch mal wieder guttun.«
»Jetzt hör auf!«, entgegnete Walli Winzer grob. »Die hab ich mit Thomas gehabt. Deshalb weiß ich ja, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmt. Nicht stimmen kann. Der ist sonst nicht so drauf!«
»Vielleicht bist du doch ein wenig eifersüchtig auf seine Frau? Dass sie deinen Platz eingenommen hat? Eine anhaltende Zweisamkeit ist nämlich schon etwas Schönes«, sagte Lena.
»Ach, lass mich!«, tat Walli Winzer gereizt, aber grinsend die ihr lästigen Worte mit einer Handbewegung ab. »Bestell dir lieber etwas zu trinken!«
Lena amüsierte sich wohl, weil sie es einmal geschafft hatte, ihrer eloquenten Freundin den Schneid abzukaufen. Als der Barkeeper ihr ein Campari-Soda hinstellte, nahm sie es und drehte sich um. Sie lehnte jetzt mit dem Rücken an der Theke. Währenddessen blieb ihr Blick an zwei jüngeren Frauen hängen, die eben zur Tür hereinkamen.
»Walli! Silvia und Anna sind da«, freute sich Lena.
Jetzt drehte sich auch Walli Winzer um und sah vorerst nur ins Dunkel der Bar, aus der schließlich die beiden attraktiven Frauen auf sie zukamen. Sie gingen ihnen auf halbem Weg entgegen und umarmten einander herzlich.
»Schön, dass ihr gekommen seid! Ist ja mal was anderes, sich nicht nur privat, sondern auch in einer Bar zu treffen.«
Silvia lachte und sah sich um. »Ja, sieht nicht schlecht aus. War noch nie hier … und dieser Blick auf den Stephansdom! Den findet man anderswo nicht.«
Anna stellte ihre Tasche auf einen der Barhocker und zog ihr läutendes Handy heraus. »Entschuldigt. Ah! Sybille, meine Tante, ruft gerade an.« Sie nahm das Gespräch entgegen und ging einige Schritte zur Seite.
Walli Winzer verdrehte die Augen. Wenn sie den Namen ihrer Nachbarin in Großlichten nur hörte, musste sie schon seufzen. Nie zuvor hatte sie eine derart neugierige und aufdringliche Person kennengelernt wie Sybille Karner. Zugegeben: Trotz ihrer nervigen Art hatte sie schon auch Gutes bewirkt. Etwa Wallis Kater Filou aus einer misslichen Situation gerettet. Diese Episode ließ bei ihr gleich mehr Milde für die spröden Charaktereigenschaften der Nachbarin aufkommen. Und immerhin war sie auch die Tante von Anna, die Walli Winzer nun wirklich sehr mochte. Eben hatte sie diese als Fast-Schwiegertochter umarmt. So ein Glück! Wie freute sie sich für ihre einstige Mentee und jetzige Miteigentümerin der PR-Agentur Silvia. Sie und Anna waren seit Kurzem ein Paar.
Wie sehr hatte Walli sich das für die beiden gewünscht. Und jetzt war es so weit. Endlich! Lang hatte es gedauert. Aber dadurch indirekt mit Sybille Karner verwandt zu sein, bereitete ihr einiges Unbehagen. Aber that’s it! Life is life! Und Anna war großartig, wie sie sich seinerzeit gegenüber dem Toten und diesem Karpfenteichbesitzer verhalten hatte.
Walli war überhaupt davon überzeugt, dass man Menschen nur in Ausnahmesituationen richtig kennenlernen konnte. Wie sie sich darin verhielten, ließ Rückschlüsse auf deren Grundwesen zu. Die soziale Maske fiel. Der wahre Charakter kam zum Vorschein. Wie bei Anna. Daher ein Glücksfall für Silvia. Durch dieses Zeitlassen war jede der anderen auf besondere Weise vertraut geworden. Sie verstanden einander immer besser. Die Liebe konnte wachsen. Und das war gut so!
Silvia bestellte ihren Cocktail an der Bar und wandte sich Walli und Lena zu.
»Was? Du bestellst einen Ananas- und einen Gemüsecocktail? Bist du noch zu retten? Ich wusste gar nicht, dass es hier so etwas überhaupt gibt«, entrüstete sich Walli, nachdem sie die Bestellung gehört hatte.
»Warum nicht? Zwischendurch ein bisschen Abstinenz schadet nicht.«
Walli Winzer ließ das nicht gelten: »Ja, dafür gehe ich doch nicht in eine Bar.«
»Lass mal, Walli! Das ist doch ihre Angelegenheit. Was mischt du dich schon wieder ein?«, versuchte Lena Breitenecker die Situation zu beruhigen.
Walli hatte verstanden und ließ die eindrucksvollen Fruchtcocktails, die der Barkeeper brachte, unkommentiert.
Silvia nutzte Annas Abwesenheit, um Walli schnell noch Infos über ihr aktuelles Projekt zuzutragen. Auch Walli informierte ihre Co-Geschäftsführerin über den Stand in der Angelegenheit des Bachwirken-Projekts, samt der tragischen News über den Tod des Auftraggebers Manfred Tuchner.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.