Kitabı oku: «Gargoyles»

Yazı tipi:

1. Auflage

Copyright© 2022 Gargoyles- Zwischen Engeln und Teufeln by Maria Spotlight Bennet & Toby Bellwether/ Alle Rechte vorbehalten

Impressum: E-Book/Print On Demand Vertrieb durch feiyr.com

Name des Selbstverlages: Storm&Ashes

Autor: Maria Spotlight Bennet/Toby Bellwether

Anschrift: Eschau 43, 77716 Fischerbach

Email: mariaspotlightbennet@gmail.com

Ebook ID: 20029893

ISBN: 9783986774332

Covergestaltung von Franziska Buhl

Illustrationen von pixabay.com

Wir sind die verlorenen Lichter in der Dunkelheit.

Aber wenn man uns lässt, scheinen wir heller als die Sonne.


Kampf auf Londons Straßen

Ein Regen aus Asche fiel auf die Straßen Londons. Graue Schleier rieselten in rhythmischen Abständen vom Himmel herab und überdeckten die gesamte Kulisse, trübten den Geist der Einwohner. Londons Straßen waren verflucht. Etwas Gefährliches schlich in ihnen umher, etwas, das nicht gesehen werden konnte. Und der Regen war nur ein Vorbote, dass der Fluch erneut zuschlagen sollte.

Ash saß auf der obersten Spitze des wieder erbauten Shard Wolkenkratzers und blickte hinab auf die Straßen. Die Fassade des Gebäudes, erbaut aus Dutzenden Glasfronten, weshalb das Shard auch Splitter genannt wird, fing die Lichter der Umgebung auf und ließ sie auf seinen glatten Oberflächen tanzen. Ashs violette Adleraugen waren wachsam, er konnte Lichtquellen unterhalb seines Standpunktes ausmachen; manche von ihnen bewegten sich, wiederum andere erloschen, kaum dass sie angegangen waren. Verglichen mit früher waren es weitaus weniger Lichtquellen, die dort unten tanzten, betrachtete man die Umstände, dass eine Weltmetropole wie London bei Nacht ein wahres Lichtermeer hervorzaubern konnte.

„Komm schon, wo steckst du?“, zischte Ash zwischen seinen schneeweißen Zähnen hervor. Er hielt Ausschau nach Derek, dem fliegenden Tod. Man nannte Derek nicht umsonst so. Er war bekannt dafür, seine Opfer noch im Flug zu töten und ihre leblosen Kadaver wie Müll auf die Erde fallen zu lassen. Fahles Mondlicht ergoss sich in einem Silberschein auf Ashs schwarzer Lederjacke. Eigentlich sollte unter seiner Kleidung ein Brustpanzer liegen, aber Ash hasste diese Dinger. Sie engten ihn im Kampf ein. Heute würde er sich wünschen, tatsächlich mal einen umgeschnallt zu haben. Denn bereits im nächsten Moment, als Ash sich sicher gewesen war, seinen Verfolger abgeschüttelt zu haben, spürte er einen heftigen Tritt in seinem Rücken. Und weil er sich an der obersten Spitze des Dachs festgekrallt hatte, verlor er umgehend den Halt und stürzte in die Tiefe. Er schrie nicht, kein letzter verzweifelter Versuch, die Welt unterhalb wissen zu lassen, er stürze ab, verließ seinen Rachen. Stattdessen breiteten sich Ashs Flügel im Sturz wie ein Rettungsschirm aus. Sie fingen ihn auf, gaben ihm sofortigen Auftrieb und Ash war unmittelbar kampfbereit. Sein Angreifer war dicht hinter ihm, dessen Flügel ihm wie ein Segelgleiter dienten und dafür sorgten, dass er im Sturz mit rasender Geschwindigkeit näher an Ash herankam. Derek packte seinen Gegner am Kragen, schlug ihm mit seiner eisenbehandschuhten Faust ins Gesicht, sodass Ashs Augenbraue aufplatzte. Er steckte den Schlag weg, als Wächter war er so einiges gewohnt. Sein Kopf neigte sich nach hinten, nur um dann mit geballter Kraft nach vorne zu schnellen und dem Angreifer eine Kopfnuss zu verpassen. Derek verlor den Halt an Ash, dieser nutzte den Moment und machte eine Schraubdrehung, ehe er auf die Straße geknallt und vor ein fahrendes Auto gefallen wäre. Ashs Erfahrung im Kampf kam ihm noch jedes Mal zugute. Er rauschte in eine dunkle Gasse hinein, wo er seine Flügel einzog und sich kurz darauf unter die Menschenansammlung mischte. Verdammt, Londons Straßen waren auch schon mal belebter, dachte er bei sich. Diese verfluchten Sterblichen und ihre atomaren Waffen! Na ja, für jetzt sollte es ausreichen, um ihn zu tarnen. Er zog sich die Stoffkapuze an seiner Lederjacke über und hoffte, irgendwie in der Menge unterzugehen. Schnellen Schrittes rannte er über die Straße, der Ascheregen hatte indessen nachgelassen. Sein Wunsch, sich unbemerkt davonschleichen zu können, wurde zunichtegemacht, als er einen hämmernden Schmerz an seiner linken Schulter spürte. Dieser Bastard von Derek hatte ihm einen Wurfspeer in den Rücken geworfen und Ash konnte nicht anders, als zu schreien. Der Schmerz in seiner Schulter betäubte ihn fast, sodass Ash zu torkeln begann und einen Passanten anrempelte, der, mit seinen vielen Tüten beladen, zu Boden ging. Gemüse und Obst kullerten heraus und verteilten sich in alle Richtungen, eine Milchtüte platzte auf und ergoss weiße Flüssigkeit. Ash griff nach hinten und zog den Speer aus seiner Wunde. Er ließ die Waffe klirrend zu Boden fallen und eilte weiter davon. Sein Angreifer bahnte sich ebenfalls durch die Menge, Derek war dabei rücksichtslos und wo immer ihm jemand im Weg stand, schubste er denjenigen achtlos zur Seite. Ash musste fort von hier. Ihm war klar, er konnte es heute nicht mit dem fliegenden Tod aufnehmen. Er hatte nur eine Chance, er musste zurück zur Westminster Abbey Church. Der Wächter ließ die verblüffte Menge hinter sich, von denen keiner eine Ahnung hatte, was um sie herum geschah und die allesamt mit schreckgeweiteten Augen und perplexen Gesichtsausdrücken auf dem Straßenzug standen. Ash duckte sich und schlängelte sich hindurch. Eine Weile kroch er am Boden entlang wie ein Hund. Er nutzte den kleinen Pulk Menschen als Tarnung, als er die wie dumme Schafe dreinblickenden Idioten passiert hatte, sprang er auf die Beine und rannte los. Sein Weg führte ihn in eine dunkle Gasse, wo wenigstens keine menschlichen Augen mehr auf ihn gerichtet waren, sein Verfolger es aber leichter hatte. Dampf stieg aus den Abflussdeckeln empor und bot Ash zumindest zeitweise einen minimalen Schutz. Zwischen den Mülltonnen bahnte er sich seinen Weg hindurch, stieß dabei ungeschickt gegen eine, die ihren gesamten Inhalt auf den Boden erbrach. Der fliegende Tod war dicht hinter ihm, das hörte Ash an den schweren Stiefeln, die mit drohender Geschwindigkeit hinter ihm wie ein herannahendes Bataillon über den Grund stampften. Als Ash um die Ecke bog, konnte er sie sehen, die Umrisse seines letzten Rettungsankers. Dann spürte er erneut einen höllischen Schmerz in seiner Schulter. Derek hatte ihn erreicht, hatte ihm seine Finger in die Stelle gebohrt, wo er ihn zuvor mit dem Speer gezeichnet hatte. Als Nächstes machte Ash die Bekanntschaft mit der Wand hinter ihm, mit dem Gesicht voran. Seine andere Augenbraue platze auch noch auf und er spürte Blut hinabtropfen. Verflucht, Westminster Abbey war so nahe, das konnte nicht sein Ende sein. Er wich der Faust des Wächters aus, die er wie ein Katapult auf sich zurasen kommen sah; sie schlug in die Mauer hinter ihm, zerbrochene Backsteine bröckelten hinab. Ash versuchte nun etwas, was er während seines Trainings öfters geprobt und verfeinert hatte. Es war auch bekannt als der Bruce Lee Kick und er landete einen Treffer im Gesicht des anderen. Seinen kurzen Vorteil nutzend, rannte Ash die Straße weiter aufwärts. Er war verwundet, das ließ ihn weniger schnell vorankommen und sein Angreifer war wieder nur wenige Meter von ihm entfernt. Jetzt konnte er schon die Umzäunung der Kirche sehen, konnte buchstäblich das Metall der Gitterstäbe auf seiner Zunge schmecken. Derek streckte seine Hand aus, um Ash noch im letzten Moment zu packen und ihn kurz vor dem Ziel zu erwischen. Obwohl es ihm widerstrebte und er kaum mehr Energie hatte, breitete Ash seine Flügel aus, nicht ohne erneut einen schlimmen Schmerz zu verspüren. Er schlug dem anderen Wächter mit seinem rechten unverwundeten Flügel ins Gesicht, woraufhin dieser nach hinten taumelte. Ash stieß sich vom Boden ab, vollzog zwei Flügelschläge und landete strauchelnd auf der sicheren Seite der Umzäunung. Er war in Sicherheit. Hinter ihm hoben sich die Zwillingstürme des Vordereingangs der Kirche wie zwei göttliche Statuen in der Finsternis ab. Der Wächter war noch immer da, funkelte ihm durch die Gitterstäbe entgegen und ließ seinen Unmut über sein Versagen ein Zeuge auf seinem Gesicht werden.

„Für dieses Mal magst du entkommen sein, Bürschchen, aber das nächste Mal wirst du nicht mehr so viel Glück haben. Und dann wird es mir ein Vergnügen sein, dir deinen Schädel einzuschlagen“, zischte Derek düster.

Ash ließ ihn hinter sich, er humpelte auf die Kirche zu. Noch einmal drehte er sich um, sein Verfolger war nach wie vor da und beobachtete ihn wie ein Löwe seine Beute. Das Mondlicht fiel auf dessen aschblondes, schulterlanges Haar und in seine Augen; es ließ sie wie Katzenaugen aufleuchten. Ash war diesem Brutalo entkommen, doch vielleicht hatte Derek recht. Das nächste Mal würde Ash sein Glück vielleicht verlassen. Und während er über seinen miserablen nächtlichen Streifzug nachdachte, setzte erneut ein Regen aus Asche ein.


Ash

Das Licht der Neonröhren durchflutete das Badezimmer und verlieh dem Raum eine sterile Atmosphäre. Warme Wassertropfen prasselten auf Ashs Körper nieder. Die einzige Gelegenheit Wasser in einem normalen Niederschlag zu spüren, war tatsächlich unter der Dusche. Ash wollte nur noch vergessen, aber sein schmerzender Rücken ließ das nicht zu. Er öffnete die Türen der Dusche, der heiße Dampf entwich und heftete sich sofort an den Badezimmerspiegel. Mit seiner rechten Hand wischte er über die gläserne Oberfläche und machte so sein Spiegelbild wieder sichtbar. Sein Gesicht war vom Kampf gezeichnet. Allerdings begannen die Wunden bereits zu heilen. Dennoch sah er wie nach einem Boxkampf aus und genauso elend fühlte er sich auch. Wie lange ging schon dieses Katz-und Mausspiel zwischen ihm und Derek, dem Wächter des gegnerischen Klans der Gargoyles? Diese Frage konnte er nicht beantworten, denn er und Derek hatten sich schon so oft bis aufs Blut bekämpft, dass er es nicht mehr zählen konnte. Ash befreite seine Flügel auf dem Rücken. Das Bad war sehr geräumig, andernfalls hätte er mit seinen mächtigen Schwingen viele Dinge umgestoßen. Sein linker Flügel wies an der Oberkante eine tiefe Verletzung auf. Es würde noch ein bis zwei Tage dauern, bis die Verwundung vollständig kuriert wäre. Ash betrachtete seine Flügel und sich selbst im Spiegel. Er stand nackt davor und wirkte wie ein von Gott gesandter Engel. Nur dass seine Schwingen keineswegs denen eines göttlichen Wesens glichen, wohl eher denen eines Dämons. Sie waren ledern, an ihren oberen Spitzen ragten gebogene Knochen wie die Hörner eines Teufels heraus. Ash konnte sich über sein Aussehen eigentlich nicht beklagen, denn er war ein bildschöner Mann. Sein Körper hatte die Perfektion erreicht, indem er prächtige Muskeln aufwies, gekrönt von einer nahezu makellosen Haut. Die vielen Wunden, die er sich schon zugezogen hatte, sei es im Kampf oder während des Trainings gewesen, hatten keine Narben hinterlassen. Eine beschleunigte und exzellente Heilungskraft wohnte den Gargoyles inne. Allerdings gab es kein Heilmittel gegen gebrochene Herzen oder einen zertrümmerten Schädel. Nach seinem Aussehen hätte sich so manch einer die Finger geleckt. Viele seines Volkes bewunderten ihn, das weibliche Geschlecht innerhalb seiner Reihen vergötterte ihn und seinen Körper. Aber die Flügel ruinierten in seinen Augen immer wieder das Gesamtbild. Es war, als hätte ein Künstler, dem bereits ein perfektes Bild gelungen war, es durch einen bestimmten Farbverlauf zerrüttet. Schuld daran war der Fluch, der dem Volke der Gargoyles auferlegt worden war. Ashs Blick wanderte auf die Uhr. Verdammt, schon so spät, dachte er. Geschwind zog er seine Flügel wieder ein, schlüpfte in neue Kleidung, und machte sich auf den Weg, dem Rat von seinem nächtlichen Streifzug zu berichten.

Der Krieg und seine Folgen

Schon einmal waren die Supermächte Russland und Amerika sich in der Vergangenheit nicht grün gewesen. Wer sich in der Geschichte auskennt, weiß, dass diese Zeit auch als Kalter Krieg bezeichnet wird. 1989 erklärte man diese Ära für beendet, aber der Russe konnte und wollte den Amerikanern nach wie vor nicht trauen. Die Welt hatte seither noch einiges mehr an Schrecklichem erlebt. Das Schlimmste sollte am 30. November 2030 stattfinden.

General Stanislav war mit einer wichtigen Mission vom russischen Präsidenten beauftragt worden. Er zitterte, als er den Umschlag durch die dunklen Gänge der ehemaligen militärischen Anlage GO-42 trug. Er befand sich unterhalb der Moskauer U-Bahn, der Station Taganskaja. Seit dem Kalten Krieg war diese zu einem Museum verkommen. Was niemand wusste, ein Teil von ihr war nach wie vor aktiv und dorthin würde der General den Befehl des Präsidenten liefern. General Stanislav, gekleidet in eine kakigrüne Uniform, an der all seine Abzeichen des Militärs hingen, strich wieder und wieder nervös über die Krempe seiner Mütze, und folgte den beiden Soldaten, die vorausgingen und ihm die Tür zum unterirdischen Bunker öffneten. Drinnen vernahm er das typische Geräusch der vielen Monitoren, wie sie klackerten, piepsten und diese für Maschinen typischen Töne von sich gaben. Die vielen Schaltknöpfe leuchteten blau, rot, grün und weißlich. Ihr Lichtspiel legte sich auf das Gesicht des Generals, als er sich dem leitenden Befehlsinhaber des Bunkers, der vor dem größten Monitor saß, näherte.

„У меня срочное сообщение от президента- Ich habe eine dringende Botschaft des Präsidenten“, sagte Stanislav kühl, fast schon zu abwesend für die eigentliche Angst, die er spürte. Er übergab den Umschlag an den obersten Leiter der militärischen Basis. Darin befand sich der Befehl zum Untergang der Welt. General Stanislav dachte an seine Familie, an seine Frau und seine Tochter. Er sah ihre lieblichen Gesichter vor sich, seine Tochter, wie sie Klavier spielte, seine Frau, die mit der blau-weißen Schürze in der Küche stand und Pelmeni kochte (das Rezept hatte sie von ihrer Großmutter, eine biestige Alte, die Stanislav nie hatte leiden können). Was sie wohl dazu sagen würden, könnten sie ihn jetzt sehen? Das spielte jetzt keine Rolle mehr, ebenso wenig, dass er nie wieder die köstlichen Gerichte seiner Frau essen könnte. Stanislav hatte seinem Präsidenten die Treue geschworen, auch wenn dies bedeutete, dass er soeben einen schwerwiegenden Fehler beging. Der Umschlag wurde geöffnet, die Botschaft vernommen. Neben der Schaltfläche mit den vielen Knöpfen war ein Kästchen, dessen Deckel nur mit einem Schlüssel aufgeschlossen werden konnte. Darunter befand sich ein großer roter Knopf. Der oberste Leiter zog einen Schlüsselbund von seiner Hose ab, öffnete den Deckel des Kästchens, tippte auf der Schaltfläche des Computers das Ziel ein und drückte dann den roten Knopf.

Die erste Bombe hatte Washington getroffen. Weitere Sprengkörper waren von beiden Seiten im Wechsel gestartet und hatten Großstädte wie New York, Kiew, Los Angeles, Moskau, Seattle und Berlin weitestgehend zerstört. Der Einsatz chemischer Waffen hatte einen Großteil der Erde unbewohnbar gemacht. Mitunter waren sechs Atombomben gezündet worden und ihre Strahlung hatte sich wie ein unsichtbarer Schleier auf den Globus gelegt. Um sich an Russland für den Beginn eines Krieges zu rächen, verfolgten die Amerikaner den General Stanislav und töteten ihn, seine Frau und seine Tochter. Aus dem einstigen Kalten Krieg war ein Superkrieg geworden, der mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung auslöschte. Die Überlebenden waren fortan die Bewohner einer in Trümmer liegenden Welt. Ein letztes Bündnis aus den Mächten Englands, Deutschlands und Frankreichs beendeten schließlich nach zwei Jahren den Krieg und riefen zum Waffenstillstand aus, bevor die Erde gänzlich zerstört worden wäre. Ein Friedensvertrag wurde aufgesetzt und man einigte sich darauf, nie wieder eine atomare Waffe oder eine ähnliche zu zünden. Doch wie sollte das Leben weiter gehen, jetzt, da atomare Strahlung auf der Erdoberfläche die Herrschaft übernommen hatte? Unterirdische Bunker waren die Antwort gewesen. Für sehr lange Zeit war die Menschheit gezwungen gewesen, in unterirdischen Siedlungen zu hausen, um ihrem unsichtbaren Gegner, der Strahlung, zu entkommen. Ganze fünf Dekaden lang hatten sie sich in ihren untertage Bunkern versteckt gehalten. Erst als die Strahlungswerte gesunken waren, kamen die Menschen wieder über Tage und fingen an, ihre kaputten Städte aufzubauen, was ein weiteres Zeitfenster von fünfzig Jahren kostete. Die Trümmermenschen, wie sie sich nannten, arbeiteten Hand in Hand, vergaßen den Schrecken von einst und versuchten, ihrer zerstörten Vergangenheit neues Leben einzuhauchen, sofern es denn möglich war. Vieles konnte nicht mehr repariert werden, was hauptsächlich die Natur betraf. Denn die Strahlung strafte die Sünder, indem sie sich wie ein Gift in ihre Atmosphäre setzte und ihnen einen Ascheregen brachte. Kaum jemand aus der Neuen Welt konnte sich daran erinnern, wann es zuletzt richtig geregnet hatte. Obwohl sich die Population erholt hatte, ein Leben wie zuvor würde es nie wieder geben. Der Mississippi trocknete durch den ausfallenden Niederschlag komplett aus. Der Amazonas minderte seine Länge um mehr als die Hälfte und Tiere wie Elefanten, Löwen, Tiger und Bären waren ausradiert worden. Der Fischbestand hatte sich drastisch verschmälert, ganze Bienenvölker verschwanden, woraufhin die Bestäubung der Pflanzen ausblieb. Das Leben der Menschheit hing am seidenen Faden und trotzdem hatten sie es geschafft, zu überleben. Ein Wille, der nur bei den Stärksten vorhanden ist. Für jedes Problem gab es eine Lösung, außer für den Ascheregen, denn er würde erst enden, wenn ein weiterer Fluch gebrochen wäre.

Die Grimm und die Pearce

Ash ging es nach seiner heißen Dusche deutlich besser. Seine schwarze Lederjacke mit der Stoffkapuze war ruiniert. Verdammt, das war seine Lieblingsjacke gewesen und dieser elende Derek hatte sie zerrissen. Beim nächsten Mal müsste er sich, genau wie dieser Drecksack Derek in eine komplette Rüstung schmeißen. Dem Wächter graute davor, vor den Rat treten und seine Niederlage kundtun zu müssen. Wie viele des Pearce Klan hatte er schon getötet? Sechsundvierzig? Ja, das kam hin. Aber Derek, der wollte einfach nicht verrecken. Bereits zweimal war es Ash gelungen, den Pearce Sprössling stark zu verwunden, dass er hätte sterben müssen. Aber dieser Gargoyle war aus zähem Holz geschnitzt und ihm jedes Mal um Haaresbreite entkommen. Sein erbitterter Kampf mit Derek war eine Ehrensache, denn dieser war der Sohn des Anführers der Pearce. Und Ash war … na ja, er war vieles. Und genau deshalb wurde auch vieles von ihm verlangt.

Er schritt durch den unterirdischen Tunnel, seine violetten Augen konnten wie die einer Katze perfekt bei Dunkelheit sehen. Hier unten roch es modrig. Wem einmal der Keller durch einen Sturm überflutet worden war, der kannte den Geruch. Er stieg einem sofort in die Nase, kitzelte einen, trieb dort sein widerwärtiges Spiel. Und doch war der Geruch leichter zu ertragen als der von Scheiße oder Erbrochenem. Ash steuerte auf die große Holztür zu. Sie war mit vielen Schnitzereien verziert. Von oben nach unten trug sie zwölf Symbole, jedes davon repräsentierte ein Mitglied des Rates. Am oberen Ende stand das Zeichen, welches Ash am meisten fürchtete. Es zeigte eine Schlange, die einen Adler fraß und es war das Symbol seines Vaters. Viktor war das Klanoberhaupt der Grimm. Seine Regeln und seine Bestimmungen waren das oberste Gebot für alle. Ash legte seine Hand um den Türgriff und drückte zaghaft die Klinke nach unten. Drinnen wurde er bereits ungeduldig erwartet. Er betrat den Raum, der in seiner Aufmachung stark an ein römisches Auditorium erinnerte. Vier mit goldenen Blättern verzierte Säulen trugen das kuppelförmige Dach, welches pechschwarz und mit güldenen Sternen bemalt war. Stand man darunter, hatte man stets das Gefühl, in den Nachthimmel zu blicken. Die halbrunden Sitzbänke bildeten den hinteren Teil des Raumes. Dort, nach Rang und Stand geordnet, saßen die zwölf Ältesten der Grimm und blickten mit kalten Augen auf Ash hinab. Ashs Vater Viktor saß seinem Rang entsprechend ganz oben. Der Wächter trat in die Mitte. Sein Kopf war nach unten gerichtet, und genau als Ash im Mittelpunkt stand, schlug er seine Augen wieder auf und sah es, das Bild, welches auf den Verhörkreis gemalt worden war und das er zutiefst hasste, denn die Szene darauf war einer der Gründe, weshalb er hier war. Das Gemälde porträtierte in einem verblüffend echt wirkenden Akt seinen Vater Viktor und Orgun, der Ranghöchste der Pearce, die sich bis aufs Blut bekämpften, während um sie herum Waffen flogen, Äxte Schädel spalteten, ein regelrechtes Blutbad stattfand, weil aus einstigen Freunden erbitterte Feinde geworden waren. Auslöser dieser Misere war der Tod von Ashs Mutter gewesen. Die Grimm und die Pearce hatten einst friedlich miteinander koexistiert. Beide Klans der Gargoyles hatten sich ihr riesiges Reich geteilt, doch dann wurde Orgun habgierig und verlangte von Viktor, ihm seine Schätze auszuhändigen. Als dieser sich weigerte, entführten die Pearce Viktors Frau Lavendia und töteten sie. Seither befanden sich die beiden Klans im erbitterten Krieg gegeneinander. Was einst als Racheakt begonnen hatte, wurde schnell zum Territorialkrieg, denn beide Seiten kämpften seitdem ums Überleben und um die Stadt London.

Ash blickte auf, als einer der zwölf Ratsmitglieder sich räusperte. Balthasar, er saß zwei Ränge unter Ashs Vater, richtete das Wort an ihn. Der Gargoyle mit dem Gesicht wie das eines Uhus, mochte auf viele eher unscheinbar wirken. Spätestens, wenn seine tiefe Stimme durch die Hallen dröhnte, wusste man, er war nicht dezent, er war einschüchternd.

„Nun, Ash, wie lautet dein Bericht? Hast du Derek dieses Mal schlagen können?“

Ashs Antwort ging ihm nicht leicht über die Lippen, er schämte sich für sein erneutes Versagen.

„Tut mir leid, euch enttäuschen zu müssen. Aber Derek ist entkommen.“

Ein Murmeln schlich durch die Menge wie eine hungrige Raubkatze. Unbehagen setzte sich auf Ashs Schultern. Seine Augen wanderten zu dem Mann hin, der wie immer das letzte Wort hatte. Viktors elektrisierende blaue Sehwerkzeuge waren mit einer eisigen Kälte auf seinen Sohn gerichtet. Sein inzwischen ergrautes Haar war mit einem feuchten Gel in straffen Zügen nach hinten an seinen Kopf geglättet worden. So hatte er es bereits in jungen Jahren getragen, nur, dass es damals noch schwarz gewesen war.

„Er ist dir nicht entkommen, du bist geflohen“, spuckte der Anführer verächtlich aus, „glaube nicht, ich wüsste nicht um deine Lügen Bescheid. Diese Kirche und alles was sich darunter verbirgt ist mein Zuhause. Es spricht mit mir und ich weiß, dass du wieder über die Umzäunung gesprungen bist, um deine Haut zu retten. Du bist geflohen wie ein Feigling!“

Der Wächter ließ die Rüge seines Vaters über sich ergehen, jedes seiner Worte strafte seine Erfolge aus der Vergangenheit, von denen Viktor offensichtlich alle vergessen hatte oder sie nicht mehr beherzigen wollte. Ashs Augen wanderten nun zu dem Rang unterhalb seines Vaters. Von dort blickte ein smaragdgrünes Augenpaar auf ihn herab. Nicht gar so wutbrodelnd wie die seines Vaters, aber er konnte in ihnen auch keinerlei Willen sehen, dem jüngeren Bruder zur Hilfe zu kommen. Dean war dem Gesetz nach Viktors Thronfolger. Er würde in ein paar Jahren die Herrschaft übernehmen und konnte es innerlich kaum noch abwarten, bis er dieses Amt endlich tragen konnte. Allerdings war Viktor nach wie vor aktiv und er dachte im Traum nicht daran, abzudanken und seinen Sohn das Steuer zu übergeben.

„Vater, mein Misserfolg heute Nacht soll sicherlich nicht als eine Ausrede dienen. Aber Derek ist ein Hüne, er hat mich hinterrücks mit seinem Speer verletzt. Seinetwegen ist mein linker Flügel ramponiert und ich bin mal wieder mit einem Menschen kollidiert.“

„Die Menschen können uns nicht sehen, wie du weißt“, sagte Dean, seine Stimme klang schulmeisterlich „alles, was wir zurücklassen, ist Verwunderung.“

„Und der Glaube, dass London verflucht sei“, hielt Ash entgegen, „fast jeden Tag steht in irgendeiner Zeitung ein Bericht über einen Angriff aus dem Nichts. Die Menschen mögen uns vielleicht nicht sehen können, aber dafür können sie uns spüren.“

„Weshalb es umso wichtiger ist, dass wir den Krieg mit den Pearce beenden, indem wir sie vollständig vernichten. Nur so erlangen wir unsere Macht zurück und London wird dann uns gehören“, schmetterte Dean Ash entgegen.

Sein Bruder hatte bei seinem Rang leicht Reden. Als Wächter oblag die Aufgabe, den Vorderrungen des Rates nachzukommen, natürlich bei Ash und all den anderen, die diese Position innehatten. Und wie viele hatte er bereits durch den gegnerischen Klan verloren? Wie vielen hatte er schon beim Sterben zusehen müssen? Nicht zuletzt Elaine … er sah plötzlich ihr mit Blut verschmiertes Gesicht vor seinem geistigen Auge. Sah, wie der letzte Lebenshauch sie verließ und sie in seinen Armen starb. Die Frau, die er so sehr geliebt hatte. Und als er den Kummer hinunterschluckte, spürte er stattdessen etwas anderes in sich, blanker Zorn.

„Der Rat hält sich wie immer aus allem fein heraus, was Dean! Ihr könnt nur Befehle erteilen. Ihr, die ihr dort oben sitzt und spöttisch auf uns Wächter herabblickt. Aber keiner von euch hat eine Ahnung, was es bedeutet, tagtäglich sein Leben außerhalb der Sicherheitszone geben zu müssen."

„DAS REICHT!“, donnerte Viktors Stimme und erzeugte ein Echo, das Gehorsamkeit aber keine Rebellion verlangte.

„Hüte deine Zunge, mein Junge. Ein jeder hier im Rat hat schon mal als Wächter gedient. Wir wissen, was für Aufgaben wir euch aufbürden und wir wissen ebenso, welche Verluste wir dabei in Kauf nehmen müssen. Es ist eine Ehre, als Wächter dienen zu dürfen. Wenn du eines Tages hier oben sitzen willst, dann solltest du härter trainieren und endlich deiner Pflicht nachkommen.“ Viktor lehnte sich zurück, seine kaltherzigen Augen waren weiterhin auf seinen Sohn gerichtet. „Bring uns Dereks Kopf, und wenn du es vermagst, dann bringst du Orguns Kopf gleich mit.“

Viktor schlug auf das Pult vor ihm, die Sitzung war beendet. Alle anwesenden Gargoyles enthüllten ihre Flügel und rauschten von ihren Sitzen hoch. Ash hörte das Schlagen ihrer Flügel, das wie ein Schwarm von Fledermäusen in einer untergehenden Sonne klang. Viktor hatte gesprochen und ihr blinder Gehorsam war das Fundament auf dem der Thron des Anführers stand. Noch nie hatte jemand gewagt, Viktors Befehle infrage zu stellen, Bedenken zu äußern oder gar zu rebellieren. In Ashs Augen waren diese Ratsmitglieder allesamt dekadente Säcke, die sich nur an ihren Reichtümern laben konnten und hofften, dass die Ratssitzungen nicht allzu lange dauerten. Die geflügelten Bestien flogen einer nach dem anderen an Ash vorbei und verließen den Saal. Im letzten Rauschen, das der Wächter an sich vorbeiziehen spürte, streifte ihn seines Vaters Verachtung und die Gleichgültigkeit seines Bruders. Ash blieb alleine zurück. Sein Blick war auf den Boden gerichtet, auf das Gemälde in der Mitte. Das hätte er nicht sagen dürfen, verdammt, wieso konnte er sein vorlautes Mundwerk nicht halten? Sein Vater hatte so vieles für die Grimm getan. Aber auch ihm war es nie gelungen, Orgun zu vernichten. Er hatte ihm im Kampf ein Auge ausgeschlagen, aber seinen Kopf hatte Viktor nie als Trophäe mit nach Hause bringen können. Wieso also verlangte er es jetzt von Ash, wenn er wusste, mit welchen Waffen Orgun zu kämpfen pflegte? Der Wächter ließ den Ratsaal hinter sich. Er ging in die Bibliothek, wohin er sich gerne flüchtete, wenn er alleine sein wollte, denn in diesen Teil ihres unterirdischen Reiches kamen nur die wenigsten und jene, die überhaupt antanzten, schenkten ihm keine Beachtung, worauf er abzielte. Zwischen zwei Meter hohen dunklen Eichenschränken, die außer etlichen Schriftstücken der Zeit noch zentimeterdicken Staub beinhalteten, verkroch er sich; er fühlte sich bei dem schummrigen Licht an den Wänden wohl und dem Geruch des in Leder gebundenen Papiers. Ein Schriftstück hatte es Ash schon in seiner Kindheit angetan. Die Geschichte der Gargoyles. Der Legende nach waren die Gargoyles verflucht worden, niemals von einem Menschen gesehen werden zu können. Stellenweise war Ash dankbar dafür, immerhin war er so was wie ein Engel, nur mit den Flügeln eines Teufels. Auch das war ein Teil ihres Fluchs. Ash ging zu dem Buch, welches er immerzu aufschlug, wenn er nach hier unten kam. Es lag ordentlich wie immer aber geschlossen auf dem kleinen Altar in der Mitte des Raumes und bildete quasi eine Art Heiligtum, das die Augen beim Hereingehen auf sich lenkte, während die anderen Bücher aus Frust, nicht beachtet zu werden, vor sich hinseufzten. Seine Finger blätterten zu der Seite, an der die Geschichte der Grimm und der Pearce aufgeschrieben worden war. Wie hatte es nur so weit kommen können? Immerhin waren sie vom selben Schlag. Warum also Krieg führen? Wegen Habsucht? Hätte Viktor lieber seine Schätze hergegeben, dann würde Ashs Mutter Lavendia noch leben und keiner müsste leiden. Wieder spürte der Gargoyle Zorn in seiner Brust. Nur ein einziges Mal möchte er von seinem Vater gelobt werden. Möchte anerkannt werden für seine Taten. Er opferte viel, um den Klan der Grimm vor feindlichen Angriffen zu schützen. Ja, und sogar Derek, er kannte diesen Bastard seit seiner Kindheit, hatte viele Stunden mit ihm verbracht. Derek war älter als Ash, er hatte ihm vieles beigebracht, weshalb es den beiden wohl schwer viel, sich gegenseitig zu töten. Und Orgun, er hatte mit Viktor gelacht, hatte Brot und Wein mit ihm geteilt. Doch dann waren aus Freunden plötzlich Feinde geworden. Was als gemeinsames Schicksal begonnen hatte, war durch das Streben nach mehr Reichtum geopfert worden wie ein Lamm in einem heidnischen Ritual. Mehr als zweihundert Jahre waren seit der Ermordung seiner Mutter vergangen und Ash konnte nur auf ein Leben in Dunkelheit zurückblicken. Krieg und Zerstörung begleiteten ihn seither wie zwei Wachhunde und würden ihn immer daran erinnern, welchen Rang er innerhalb des Klans hatte. Er und Derek waren in ihrer Jugend beide zu Wächtern ausgebildet worden. Der einstige Grundgedanke hinter diesem Posten war simpel gewesen. Als Wächter hatte man dafür zu sorgen, dass die Menschen den Gebieten der Gargoyles nicht zu nahe kamen. Die erste Legion an Wächtern hatte goldene Rüstungen getragen, die von dunkelblauen Ornamenten gekrönt waren. Ihre Helme mit den schmalen Sehschlitzen boten schon damals optimalen Schutz für den sensiblen Kopfbereich. Diese Rüstungen verrotteten inzwischen in den Kellergewölben des Grimmklans. Ihre Kampftechniken hatten sich ebenfalls weiterentwickelt. Zumeist bewaffnet bis an die Zähne, kämpften die Wächter inzwischen nicht mehr dafür, von den Menschen in Ruhe gelassen zu werden, sondern sorgten dafür, dass die Zahl des gegnerischen Klans immer weiter schrumpfte. Es war eine Blutfehde, deren Schrecken nicht enden wollte und die indessen viele Gesichter angenommen hatte. Ashs sowie Dereks Aufgabe lag demnach darin, Ausschau nach dem Feind zu halten, ihn kalt zu machen und weitere Gebiete Londons zurückzufordern. Denn nach Lavendias Tod hatten die beiden Klans sich innerhalb der Stadt in alle Richtungen verteilt. Manche Verstecke waren bekannt, wiederum andere galt es noch zu entdecken. Das war der Punkt, an dem die Wächter ins Spiel kamen, denn der Krieg zwischen den Grimm und den Pearce war auch ein Territorialkrieg. Erst letzten Monat hatten Ash und sein Team einen kleinen, stillgelegten U-Bahn Schacht von den Pearce befreien können. Doch vier Wochen zuvor hatten sie ihren Außenposten unterhalb des Museums of Art verloren. Und vor neun Jahren da war es geschehen. Ash spürte wieder die Kälte in seinem Herzen aufkommen, den Kummer, der ihn drohte zu zerbrechen. Elaine. Jeder Buchstabe in ihrem Namen schmerzte ihn so sehr. Er hatte sie geliebt, doch dann war sie in seinen Armen gestorben. Der Trupp der Wächter hatte den Pearce eine Falle gestellt, die sich gegen sie gewandt hatte. Und wieder sah Ash ihren sterbenden Körper vor seinem geistigen Auge. Er blätterte schnell weiter, um sich abzulenken und kam zu den beiden fehlenden Seiten. Jemand klappte ihm das Buch vor der Nase zu; es war Dean.

„Was machst du hier?“, keifte ihn sein Bruder wie ein tollwütiger Hund an.

„Ich lese“, antwortete Ash ihm ruhig. Er wusste, dass Dean manchmal hitzköpfig war. Als sie noch Kinder waren, hatte Ash seinen Bruder in fast jedem Kampf geschlagen. Dean hasste ihn dafür, dass er, als sein ältester Bruder, von Ash übertroffen worden war. Aber Deans Fähigkeiten beliefen sich auf etwas anderes. Daher war er in noch jungen Jahren als oberster Schriftführer in den Rat berufen worden. Normalerweise oblag dieser Posten nur den Ältesten. Aber Viktor hatte es so gewollt.

„Was willst du, Dean?“

„Vater schickt mich, dich zu holen. Du weißt es ist Essenszeit.“

Unter den Kathedralen der Westminster Abbey Church hatten sie ihr Zuhause. Dort unten hatte sich das Volk der Grimm eine wahre Stadt erbaut. In der großen Halle saßen sie am Abend zusammen und teilten die Speisen miteinander. Ash folgte Dean den Flur entlang, der zum Saal führte. Fackeln tanzten an den Wänden, ihr warmes Licht brach sich an den Stellen, wo sie keine Chance gegen die Finsternis hatten. Ganz vorne saß Viktor als Klanoberhaupt und trank Wein aus einem verzinkten Becher. Er unterhielt sich mit Vlad, einem der Ältesten. Vlad sah furchteinflößend aus, mit seinem kreisrunden Gesicht wie das eines Kürbis, in dem kreisrunde, aber hohle Augen lagen. Sie waren immerzu rot umrandet, es lag vermutlich an seinem zu hohen Weinkonsum. Ash verglich ihn gerne mit einem aufgedunsenen Zombie, der zu lange im Wasser gelegen hatte. Der Wächter lief durch die Reihen, als er plötzlich festgehalten wurde.

„Hi Ash“, piepste Jessica ihm zu und berührte ungeniert seine Hand.

„Hallo Jessica“, seufzte Ash leicht genervt. Er hatte nichts gegen sie, eigentlich mochte er sie, auch wenn sie ihm zuweilen zu sehr auf den Leim rückte. Sie war seine Nervensäge und ja, Jessicas Aussehen war nicht von schlechten Eltern. Ihr platinblondes, langes Haar fiel ihr in glatten Strähnen vom Kopf. Sie hatte eine liebliche Art, konnte aber schlagartig zum Biest werden, wenn man sie reizte. Und, das musste Ash zugeben, ihre Brüste hingen wie süße, reife Äpfel von ihrem Körper und sie gewährte durch das Tragen von körperbetonten Shirts gerne einen Blick darauf. Aber heute war dem Wächter nicht zum Flirten zumute. Erstens lag ihm die Rüge seines Vaters noch bitter auf, zweitens hatte er ein schlechtes Gewissen Elaine gegenüber, denn sein Herz wollte sie nicht vergessen. Und drittens war ihm unwohl bei dem Gedanken, dass Jessica sich nur seinetwegen zur Ausbildung als Wächterin gemeldet hatte.

„Na, wo hast du dich heute rumgetrieben?“, fragte sie ihn und holte ihn damit aus seiner Gedankenspule.

„Ich …“, setzte er an zu antworten, wurde aber schon im nächsten Augenblick von Dean gepackt und weiter nach vorne geschliffen.

„Wir reden später, okay?“, rief er Jessica noch rüber, aber er sah nicht mehr, wie sie ihren Daumen zum Zeichen ihres Einverständnisses hob.

Viktor stellte seinen Becher ab und entließ Vlad mit einer Handbewegung aus ihrem Gespräch. Dieser stand auf und verschwand.

„Setzt euch“, wies Viktor seine Söhne an.

Ash nahm an seinem rechtmäßigen Sitz Platz, während Dean sich direkt neben seinen Vater gesellte. Zwischen Viktor und Ash war ein Sitzplatz frei.

„Wo ist eure Schwester?“, zischte das Klanoberhaupt ungehalten hervor.

Zwischen all der Aufregung hatte Ash nicht bemerkt, dass seine ältere Schwester Freya nicht anwesend war.

„Du kennst doch Freya, Vater, in ihr lebt eben der Geist unserer Mutter“, versuchte Dean seinen Vater zu beruhigen, der seinerseits die Frage weniger an seinen ältesten Sohn, sondern vielmehr an Ash gerichtet hatte. Wieder war der Wächtergargoyle den anmaßenden Blicken seines Erzeugers ausgeliefert.

„Ich habe keine Ahnung, wo sie sein könnte“, gab Ash ermüdet zur Antwort.

„Na, dann such sie gefälligst! Es ist schon spät, sie sollte längst zurück sein. Bestimmt ist sie bei einer unserer sicheren Plätze. Am besten fliegst du rüber zur St. Paul’s Cathedral und siehst nach, ob sie sich dort aufhält.“

Ash war wütend. Er hatte nicht einmal die Chance bekommen, sich ordentlich hinzusetzen und nach einem harten Tag etwas zwischen die Zähne zu kriegen. Jetzt musste er auch noch nach seiner abenteuerlustigen Schwester suchen gehen. Er stand auf, sein Stuhl quietschte mit dem missgünstigen Ton, den er beabsichtigt hatte zu erzeugen, über den Boden. Viktors Haltung hatte ihm zu verstehen gegeben, wo sein Platz war und was verdammt noch eins seine Aufgabe war. Erneut den Babysitter für seine Schwester zu spielen.


Der Fluch der Hexe

Tabitha und Abigail Lane waren zwei Schwestern, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Sie lebten gemeinsam im Haus ihrer verstorbenen Mutter in einem Ort, den man Salem nannte. Salem, im schönen amerikanischen Staate Massachusetts, sollte später in die Geschichtsbücher als der Platz eingehen, wo die meisten Hexenprozesse stattfanden und man zahlreiche Frauen der Hexerei bezichtigte, sie verurteilte und sie schließlich bei lebendigem Leib auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Salem würde später zum Geburtsort der Hexenverfolgung ernannt werden. Was im Jahre 1602 in dem Örtchen noch keiner ahnte, es gab tatsächlich zwei Hexen unter der Bevölkerung. Abigail stand für das Gute, sie war eine Augenweide für jeden Mann, hatte goldblondes Haar und strahlend blaue Augen und jede der einheimischen Frauen beneidete sie. Tabitha stand ihrer Schwester in Sachen Schönheit in nichts nach. Ihr Kopf war von rabenschwarzem Haar bedeckt und und in ihren Augenhöhlen funkelten tiefgrüne Smaragde, aber in ihrem Herzen herrschte eine arktische Kälte. Mit ihrer düsteren Aura konnte sie Menschen schon fast töten. Abigail liebte lange Spaziergänge an der freien Natur, ihre Schwester ging oft nur nach draußen, wenn es blitzte und donnerte, dass man meinen konnte, die Hölle hätte sich aufgetan. Ja, sie hatten nichts gemeinsam, bis auf eine Kleinigkeit. Sie waren beides Hexen. Abigail diente dem Guten, sie benutzte ausschließlich weiße Magie. Trotz dass viele sie um ihr blendendes Aussehen beneideten, schenkte sie den Menschen immer ein fröhliches Lächeln. Sie pflanzte Hoffnung in die Herzen, deren Böden schon erkaltet waren. Tabitha wurde gemieden wie die Pest, die Dorfbewohner verachteten sie, und die Geschichten, die man sich über sie erzählte, flößten Kindern das nackte Grauen ein. Wie der Zufall es so wollte, hatten sie beide ein Auge auf denselben Mann geworfen. George Steam war als Künstler in Salem bekannt. Ein eher hagerer, unscheinbarer Mann, dessen Gesicht von einer Sehhilfe geziert war. Er war Bildhauer und hatte den Leidensweg Christi für die lokale Kirche in Stein gemeißelt. George war ein Freigeist. Er hatte nicht viel übrig für die Welt außerhalb seiner Werkstatt. Doch Abigails unüberwindbarer Charme ließ selbst ihn dahinschmelzen. Wäre da nicht ein kleiner Teufel namens Tabitha gewesen. George wusste, dass es falsch war, Gefühle für zwei Frauen zu hegen und so suchte er Trost in weiterer Arbeit. Er werkelte Tag und Nacht an großen Steinblöcken, bearbeitete sie mit Hammer und Meißel. Trotz der schweißtreibenden Arbeit ließen ihm seine Gedanken um die beiden Frauen keine Ruhe. So floss der Schmerz, den er über seine missliche Lage empfand, in seine Kunst mit ein. Bewaffnet mit seinem Werkzeug formte er massive Skulpturen aus dem Gestein. Sie hatten Flügel, die zunächst wie die eines Engels aussahen, und liebliche Gesichter dazu und er nannte sie Gargoyles. An einem Juninachmittag lud George Abigail in seine Werkstatt ein. Die gute Hexe hatte ihre Gefühle für den Bildhauer vor ihrer eifersüchtigen Schwester geheim gehalten. Sie ahnte aber nicht, dass Tabitha sich bereits mehrere Male mit George getroffen und er ihr heimlich den Hof gemacht hatte. In der Blase ihrer Illusion gefangen, führte George seine Angebetete an diesem Nachmittag zu seinem Schaffensort und präsentierte ihr stolz sein neuestes Werk. Zwölf Steinfiguren, so hoch und breit wie Menschen selbst, reihten sich vor Abigails Augen auf und ließen sie in einen Status des Staunens verfallen.

„Und wie gefallen sie dir?“, fragte George seine heimliche Liebe.

Abigail lief an den Skulpturen vorbei. Ihre zarten Hände berührten das Material, schlagartig spürte sie die hingebungsvolle Liebe und die Leidenschaft, mit der sie gefertigt worden waren.

„Oh George, sie sind einfach wunderschön. Ich kann mich nicht daran entsinnen, je etwas so Prächtiges erblickt zu haben.“

Jede der Figuren war in ihrer Machart anders und somit einzigartig. Ein Detail verband sie jedoch, ihre engelsgleichen Flügel auf ihren Rücken. Ein Merkmal, das hervorstach, das sie von anderen Skulpturen anderer Künstler massiv unterschied und sie zu etwas Besonderem machte. Ihre Gesichter waren von George mit perfekter Präzision bearbeitet worden, man bekam in ihrer Nähe das Gefühl, als stünde man vor einem Gott, der von purem Licht umgeben war.

„Ich habe ihnen sogar Namen gegeben“, sagte George und lief auf die beiden vordersten Figuren zu, die offenkundig männlichen Geschlechtes waren, „diese beiden hier heißen Viktor und Orgun“, meinte er stolz und seine Brust hob sich dabei.

„Und diese beiden Schönheiten“, führte er fort und deutete auf die weiblichen Figuren, die hinter Viktor und Orgun standen, „habe ich Lavendia und Augustine getauft.“

Abby ließ den Moment auf sich wirken.

„George, deine Kunst ist so inspirierend, doch ich fürchte, in Salem wird niemand von ihnen Notiz nehmen. Schlimmer noch, vielleicht werden die Leute dich für einen Ketzer halten und dich töten“, in Abigails Stimme lag Furcht. Sie wollte George um keinen Preis verlieren, ebenso wenig wie er sie.

„Was schlägst du also vor?“, fragte der Künstler.

„Wir müssen sie aus Salem herausschaffen. Hier ist nicht der richtige Ort für deine Kunst. Glaub es mir oder nicht, ich habe das Gefühl, dass es in Salem schon bald zu Unruhen kommen wird. London ist eine große Stadt mit vielen gebildeten Leuten. Ich kenne dort jemanden, der eventuell Interesse an deinen Skulpturen haben könnte. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass sie die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.“

„Oh Abigail“, jauchzte George, ging zu ihr rüber und legte seine rauen Handwerkerhände um ihre zarten Elfenfinger, „du bist so gut zu mir, wie habe ich das nur verdient? Dein Plan klingt durchaus gut, aber er würde eine Unsumme an Geld verschlingen, das ich leider nicht habe.“

„Überlass das nur mir, Liebster“, fügte sie schlussendlich hinzu, ehe die beiden einander küssten und Abschied nahmen. Abigail wies George an, niemandem sonst von seinen Gargoyles zu berichten. Mithilfe von loyalen Freunden schaffte Abigail die Skulpturen über Nacht aus Georges Werkstatt und buchte ein Schiff nach London zur Überfahrt. Die Gargoyles als Fracht verladen, setzten George und Abigail am Morgen des 26. Junis im Jahre 1602 Segel nach London. Niemand der Besatzung ahnte, dass sie einen blinden Passagier bei sich hatten, der dem liebenden Paar ihr Glück rauben und an die Krähen verfüttern würde.

Drei Tage dauerte die Überfahrt. Eine Zeit, in der George und Abigail von wohligem Glück begleitet waren. Nicht zuletzt, weil die gute Hexe ein kleines Geheimnis unter ihrem Herzen trug, welches sie dem Künstler nach ihrer Ankunft in der Stadt mitteilen wollte. Londons Hafen stank nach Fisch, der salzigen Seeluft und dem fauligen Atem der Menschen. Als Abigail und George ihre Kajüte verließen, drang wildes, ungehobeltes Pöbeln der Seemannsleute an ihre Ohren. Die Möwen zogen hoch oben in der Luft ihre Kreise, erfüllten sie mit ihrem Kreischen, das wie ein Sägeblatt über Stein geschliffen klang. Sie tummelten sich auf den Balken der vielen Anlagebrücken und spekulierten darauf, dass ein unvorsichtiger Seemann irgendwo einen Fisch fallen ließ. Die raue Anlegestelle lag schon bald hinter George und Abigail, die sich in Richtung Stadt aufmachten. Die gute Hexe hatte dem Direktor des Museums of Art geschrieben und ihn um ein Treffen gebeten. Sie hatte Georges Kunst in den höchsten Tönen gelobt. Ihm selbst erschien seine Situation noch zu surreal, etwas, das nicht von Menschenhand, sondern von Magie gelenkt wurde. Am erwählten Treffpunkt luden die Arbeiter Georges Skulpturen von den Wägen und trugen sie ins Innere des Gebäudes. Es ging für die Gargoyles tief hinab in das Kellergewölbe. Versteckt unter Linondecken stellten die Arbeiter, die beim Verladen ziemlich ins Schwitzen gekommen waren, die Figuren schließlich eine nach der anderen ab. Der Direktor war schon vor Ort. Georges Augenblick war gekommen, er enthüllte seine Kunstwerke. Der Direktor, ein dickbäuchiger Mann namens Andrew Powell, der ein Monokel trug und eine Vorliebe für Spitzbärte hatte, betrachtete die Gargoyles mit hochgezogenen Brauen. Das Kellergewölbe war gut beleuchtet, sodass er die Darbietung problemlos sehen und beurteilen konnte. Georges Herz schlug ihm bis zum Hals. Er wusste nicht, wie er Mister Powells Gesichtsausdruck und sein gelegentliches Grunzen zu interpretieren hatte. Hoffentlich war die Fahrt nicht vergebens gewesen.

„Nun, Mister Steam“, begann der Direktor und schürzte seine Lippen, „ich wünschte, wir hätten uns früher kennengelernt. Ihre Skulpturen sind außergewöhnlich und ihre Machart deutet auf Brillanz hin. Ich darf Ihnen also gratulieren, George. Mit meiner Hilfe werden Sie bald zu einem der bekanntesten Künstler in ganz London aufsteigen. Ihre, wie nennen Sie sie noch gleich, Gargoyles, diese Figuren werden schon bald sämtliche Kirchen der Stadt zieren, oh was rede ich da, der ganzen Welt.“

Georges Knie wurden weich. „Danke, Mister Powell, das bedeutet mir sehr viel.“

Der Direktor schüttelte George kräftig die Hand. „George, laufen Sie mir ja nicht weg, mein lieber Junge. Ich sehe Sie dann morgen früh wieder und werde dann alles Weitere mit Ihnen besprechen. Ich möchte nicht zu voreilig sein, George, aber bei Ihrem Talent würde es mich nicht wundern, wenn das Königshaus Sie schon bald engagiert.“

Dem Schein der vielen Fackeln folgend, verließ Mister Powell George und Abigail. Seit ihrem Aufbruch aus dem Hafen hatten die beiden endlich wieder einen Moment für sich.

„Meine liebste Abby“, schwärmte George“, nur dir habe ich das zu verdanken.“

„Doch nur dir gebührt der Ruhm. Der Direktor hat recht, du hast so viel Talent, George, du darfst es nicht an einem so kümmerlichen Ort wie Salem lassen.“

Sie trat näher an ihn heran. „Mein Liebster, da gibt es etwas, dass ich dir noch sagen möchte. Ich trage dein Kind unter meinem Herzen.“

George wusste zunächst nicht, wie er auf Abbys Geständnis reagieren sollte. Er fühlte so vieles durch seine Brust rauschen wie einen Sturzbach. Vor allem aber erfuhr er Glückseligkeit, die ihn für einen kurzen Moment sprachlos machte.

„Abby … das … ist… einfach nur WUNDERBAR!“

Er hob seine Angebetete auf seine Arme und drehte sich mit ihr im Kreis.

„Ich liebe dich, Abigail. Ich habe dich schon immer geliebt. Du bist die Eine, die ich an meiner Seite haben möchte, für jetzt und …“

„… für immer und in aller Ewigkeit, Amen“, sagte eine kaltherzige Stimme, die plötzlich aus dem Nichts drang.

Ihre bitterböse Aura ging ihr wie ein Schatten voran, als Tabitha sich zu erkennen gab. Sie war wie stets in schwarze Kleidung gehüllt, man hätte meinen können, sie ginge auf eine Beerdigung.

„Ich wusste es, dass ihr beiden hinter meinem Rücken miteinander anbandelt“, spuckte die böse Hexe wütend aus. Ihre grünen katzengleichen Augen funkelten, als wäre ein Vulkan explodiert.

„Tabitha, lass mich dir das erklären“, versuchte George sie zu beruhigen.

„Du elender Verräter, wage es ja nicht, dich herauszureden! Ich habe dir mein Herz geschenkt und das ist dein Dank dafür? Dass du dich für meine langweilige Schwester entscheidest?“

„Lass ihn in Ruhe, Tabitha, das geht nur dich und mich etwas an.“

Abigail stellte sich schützend vor George. Tabitha schlich wie ein räuberisches Biest vor ihr hin und her. Das Messer, des an ihr begangenen Verrates, stach ihr tief ins Herz, sodass die schwarze Hexe vergaß, was sie für George je empfunden hatte. Sie griff die beiden an. Grüne Blitze zuckten aus ihren Händen und richteten sich wie fliegende Speere gegen ihre Schwester. Abigail wurde nach hinten geschleudert. George verlor dadurch seine Deckung und wurde Opfer von Tabithas entfesselter Macht. Ein Blitz traf ihn an seiner Schläfe und er viel bewusstlos nieder. Abigail hatte sich vom Angriff ihrer Schwester wieder aufgerappelt. Obgleich sie Trägerin des Guten war, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich ihrer boshaften Blutsverwandten zu stellen. Sie konterte Tabithas Angriff mit einem bläulichen Strahl, der die grünen Blitze zerbrechen ließ wie ein herunterfallender Porzellanteller. George kam wieder zu Bewusstsein. Er glaubte zunächst, einem üblen Traum aufzusitzen, als er die beiden Frauen kämpfen sah. War es denn möglich? Abigail und Tabitha waren Hexen? Unter dem vielen Schmerz fühlte er seine moralische Welt allmählich einstürzen wie ein schlecht gezimmertes Haus. Die Schwestern lieferten sich einen erbitterten Kampf, Gut versuchte Böse zu besiegen, Böse konterte mit weiteren Blitzen und gedachte, das Gute zu unterjochen. Aber die dunkle Seite in Tabitha hatte zu viel Macht und so brach sie Abigails Schutzschild. Die gute Hexe strauchelte nach hinten, Tabithas grüne Blitze schlugen in ihre Schulter ein, machten sie kampfunfähig. In seiner hilflosen Lage musste George mit ansehen, wie seine schwangere Geliebte keuchend am Boden lag. Ihr Brustkorb ging zunächst in hechelnden Abständen schnell auf und ab, ehe er sich abgeflacht und arrhythmisch bewegte. Triumphierend lächeln stellte Tabitha sich wie ein bedrohlicher Schatten über George.

„Wenn du denkst, meine Rache wäre damit vollendet, dann irrst du. Nicht nur Abigail ist dir wichtig, sondern auch deine Kunst.“

Sie blickte zu den Gargoyles, ein diabolisches Lachen krönte ihre Lippen.

„Hört mir genau zu, ich verfluche dich hiermit, George Steam, mögen deine Figuren durch das Antlitz des Teufels geschändet werden. Niemals soll ein sterbliches Wesen sie sehen können. Sie sind verflucht ein Leben in der Finsternis und Einsamkeit zu leben.“

Giftgrüne Schwaden umhüllten Georges Kunstwerke. Die Gesteinsmasse, aus der sie gefertigt worden waren, splitterte von ihnen ab wie die Schuppen von einer Echse. Die Gargoyles waren zum Leben erwacht. Ihre Engelsflügel verwandelten sich in scheußliche Drachenflügel, die ledern von ihren Rücken hinabhingen und sie als Kinder des Bösen brandmarkten, während ihre Gesichter vom Fluch der Hexe verschont blieben. Wie aufgescheuchte Raben und mit einem Schrei, der wie der Angriff einer Harpyie klang, flogen George Steams einstige prachtvolle Skulpturen in alle Richtungen und erzeugten über ihren Köpfen einen höllischen Lärm. Die Gargoyles ergriffen einer nach dem anderen die Flucht und Tabitha blickte mit irrem Blick ihrer Schändung nach. Sie war abgelenkt und sah nicht kommen, wie Abigail sich hinter ihrem Rücken wieder aufrappelte, ein Messer aus ihrer Tasche zog und es ihrer teuflischen Schwester ins Herz rammte. Blut quoll schwallartig aus Tabithas Mund, die mit letzter Kraft Abby bei den Schultern packte und ihr zuflüsterte „das ändert nichts. Mein Fluch besteht fort. Von jetzt an bis in alle Ewigkeit.“

Sie krachte zu Boden. Ihr Lebenssaft verteilte sich kreisförmig um sie herum und ließ es so wirken, als würde eine fremde Aura hinter ihr erscheinen. Abby rannte zu George, dessen Leben ebenfalls am seidenen Faden hing.

„Bleib bei mir, Liebster“, flehte sie ihn an und konnte kaum ihre Tränen zurückhalten.

„Es ist zu spät, Abigail. Mein Vermächtnis ist vernichtet. Du hast es gesehen, du hast gesehen, wie die Gargoyles geflohen sind, und nie wird ein Mensch sie erblicken können.“ Das Reden fiel ihm schwer, wie ein brodelnder Kessel ging sein Atem von seiner Brust, ein klackerndes, fast schon metallisches Geräusch. „Sie mögen mit dunkler Magie beschmutzt worden sein, aber das haben sie nicht verdient. Ich bin so weit gekommen und am Ende habe ich alles verloren.“

Ein letzter Atemzug, ein letzter Blick in Abbys wunderschöne Augen. George Steam starb noch an Ort und Stelle. Abigail schaffte seinen Leichnam aus dem Kellergewölbe weg und begrub ihn heimlich auf einem Friedhof. Sie hatte keine Ahnung, wohin Georges Skulpturen geflohen waren. London war groß, die Gargoyles konnten überall sein. Innerlich betete sie, sie mögen einander finden und sich gegenseitig Trost spenden. Als Abby das letzte bisschen Erde über Georges Grab geschaufelt hatte, kniete sie nieder.

„Mein Geliebter, Tabithas Fluch ist zu mächtig, als dass ich ihn rückgängig machen könnte. Aber ich möchte nicht, dass du dich fortan im Grabe herumdrehst, daher werde ich mein Bestes versuchen und deinen Skulpturen, deinen Gargoyles, wenigstens einen kleinen Hoffnungsschimmer schenken.“

Sie verließ Georges Begräbnisstätte und lief zu einem Baum der, verborgen hinter Sträuchern und anderem Gestrüpp, noch auf dem Friedhof stand. Abigail berührte den Stamm, ein Knacken spaltete von unten nach oben zunächst die Rinde und fuhr dann tiefer bis ins Holz hinein. Es war vergleichbar mit Moses, der das Meer teilt. Ihr Zauber riss den Baum entzwei und ließ einen zickzackförmigen Spalt in der Erde entstehen. In dieser Schneise säumten weiße Steine den Weg, wo Abigail mit ihren Füßen auftrat. Am Ende des Pfades ließ Abigail mithilfe ihrer Zauberkraft einen Schrein entstehen, einen Altar. Er war sehr schlicht gehalten, eigentlich war es auch nur ein Becken, das sich mit Wasser füllte bis an den oberen Rand.

„George, ich weiß, ich kann es nicht mehr gut machen, dass ich dich über mein wahres Wesen belogen habe“, sprach Abigail zum Himmel gewandt, „doch diese Quelle soll fortan als Heilungschance für deine Gargoyles dienen. Vom heutigen Tage an, soll sie als die Quelle von Samhain bekannt sein. Ihr Wasser kann den nahenden Tod vertreiben oder menschliches Leben schenken.“

Um neugierige Augen von der Quelle fernzuhalten, legte Abigail einen Schutzzauber um den Ort. Sie vollendete ihr Werk damit, dass sie die Quelle für eine sehr lange Zeit versiegelte. Die Gargoyles hatten sich auf und davon gemacht. Weder der Wind noch die Vögel sahen sie und Abby blieb über ihren Verbleib im Dunkeln. Im nächsten Jahr gebar sie ihren und Georges Sohn. Als alleinerziehende Witwe reiste sie mit Christopher in den Süden Englands, wo sie sich auf einer Farm niederließ und ihren Sohn standesgemäß großzog. Christopher ahnte, dass seine Mutter etwas Besonderes war, fand aber nie den Mut, sie nach ihrer wahren Herkunft zu fragen. Als er zum Mann herangereift und alt genug für eine eigene Familie war, erkrankte Abigail. Am Abend vor ihrem Tod setzte sie sich vor den Kamin und die Flammen übermittelten ihr eine Vision. Sie sah die Gargoyles und dass es zwischen ihnen zum Krieg kommen würde. Mit letzter Kraft schrieb sie eine Prophezeiung nieder.


sie machte eine kurze Pause, steckte die Feder zurück in das Tintenglas und starrte geradeaus. Wieder sah sie Bildfetzen vor ihrem geistigen Auge. Mehrere Figuren in der fernen Zukunft offenbarten sich ihr in dieser Vision. Ihre Hand verkrampfte sich um die Schreibfeder, so heftig, dass sie das Ende mit der Feder abbrach. Die Bilder vor ihrem geistigen Auge wurden schwächer, die Vision war abgeklungen. Die Hexe schürte nochmals ihre verbliebenen Kräfte, nahm die kaputte Schreibfeder und führte ihre Prophezeiung zu Ende. Dann legte sie sich in ihr Bett. Die Flammen hatten ihr nicht verraten, wo die Gargoyles sich befanden. Ohnehin war Abigail zu krank, um sich auf eine erneute Abenteuerreise zu begeben. Und die Zeit der Gargoyles war noch nicht gekommen. Ebenso hatte sie ein weiteres wichtiges Detail über die Zukunft erfahren, was ihre und Georges Blutlinie betraf. Es beruhigte ihr Gewissen. Am Abend des 23. Julis 1622 machte Abigail Lane noch zwei Atemzüge und starb in ihrem Bett. Christopher fand ein an ihn adressierten Brief eine Woche nach dem Tod seiner Mutter, der den Schlüssel zur Erlösung der Gargoyles enthielt.

Freya

Die Luft war stickig am Abend des 04. Augusts. Sie fühlte sich wie ein dicker Brei an, der so zäh in seiner Konsistenz war, dass man ihn nur mit sehr viel Flüssigkeit und durch Würgen die Kehle hinab bekam und dabei hoffte, nicht zu ersticken. Freya, Viktors und Lavendias Zweitgeborene, kümmerte das nicht. Wie immer zog sie über der St. Paul’s Cathedral ihre Kreise. Der Klan der Grimm hatte die Kirche zu einem ihrer sicheren Zufluchtsorte gemacht. Unter der Kathedrale hatten die Grimm sich einen Stützpunkt errichtet, einer von vielen. Die Grimm konnten zwar mehr Standorte verzeichnen als ihre Feinde, aber es fehlte ihnen an Besatzung. Vieler dieser Gargoyles waren im Kampf gegen die Pearce gefallen, denn sie hatten die besseren Krieger. Freya war weder eine Wächterin noch diente sie im Rat. Ihr Herz war frei, ebenso ihr Geist und sie kannte keine Furcht. Freya wusste um die Risiken ihrer nächtlichen Streifzüge und dass sie jederzeit einem Feind in die Arme laufen konnte. Doch aus einem unbestimmten Grund schien sie für die Wächter der Pearce unsichtbar zu sein. Sie hatte es in der Vergangenheit immer wieder geschafft, von Punkt zu Punkt zu fliegen, ohne dabei von Beobachtern gesehen zu werden oder gar in eine Falle zu tappen. Entweder war es stets nur unverschämtes Glück gewesen oder sie hatte tatsächlich einen qualifizierten Schutzengel an ihrer Seite. Heute Nacht schwebte die dunkelhaarige Schönheit über einem ihrer liebsten Orte. Sie mochte die St. Paul’s Cathedral mehr als Westminster Abbey. Wenn es nach ihr ginge, würde sie fortan lieber dort hausen. Einesteils, weil ihr die Machart des Gebäudes mehr zusagte, anderseits wäre sie dann endlich frei von dem nervigen Schutz ihres Vaters. Viktor sah es nicht gerne, wenn Freya sich herausschlich und auf eigene Faust die Stadt erkundete. Er fand ihr Verhalten grob fahrlässig und hatte sie schon Dutzende Male für ihre Vergehen bestraft. Aber keine Strafe dieser Welt konnte Freya von ihrem Drang nach Freiheit abhalten. Dass andere sich unnötig für sie in Gefahr brachten, war ihr nie in den Sinn gekommen. Als jüngstes von drei Kindern und somit dem untersten Rang entsprechend, musste Ash regelmäßig ausfliegen, um seine Schwester zurück an die Leine zu nehmen wie ein entflohener Hund. Das letzte Mal war er einem gegnerischen Wächter begegnet und es war zum Kampf gekommen. Ash hatte zwar gesiegt, aber der andere muss wohl erst mit seinem Training begonnen haben und war seinem Kontrahenten nicht gewachsen gewesen. Ash hatte bedauert, den Jungen getötet zu haben und seine Leiche zwischen den Mülltonnen in einer engen Seitengasse liegen gelassen zu haben. Er hatte Freya, die er bei der All Hollows by the Tower Kirche gefunden hatte, angebrüllt, ihr seine blutigen Hände gezeigt und sie gefragt, ob es das wert sei? Dass man sich ihretwegen in Gefahr begeben musste, nur weil ihr der Arsch nach Abenteuer in Londons Straßen juckte? Sie hatte verstohlen gelächelt, war zwei Wochen unterhalb Westminster Abbey geblieben, ehe sie erneut das Weite gesucht hatte.

Jetzt tanzte sie einen letzten Reigen über den Dächern der St. Paul’s Cathedral, während über ihr die blassblauen Sterne zu ihr hinabblickten wie Glitzersteine an einem Samtvorhang. Anmutig drehte sie sich hoch oben in der Luft wie eine graziöse Tänzerin in einer Ballettaufführung. Ihre schwarzen Locken folgten den sanften Bewegungen ihrer Kreise. Sie trug ihr perlweißes Spitzenkleid, das an den Hüften glockenförmig auseinanderging und kurz unterhalb ihrer Knie aufhörte. Freya genoss die kühle Nachtluft auf ihrer Porzellanhaut. Sie fror nicht, allgemein tat ihre Spezies das nicht. Viktors Tochter liebte es, wie ihre Flügel die Luft beiseite drängten, sie sich fallen lassen konnte und im letzten Moment ihren Rettungsschirm aufspannte, der sie wie eine Feder im Wind gleiten ließ. Freyas Flügel waren ebenso missgestaltet wie die der anderen Gargoyles. Ledern, an den Ecken zerfressen, als hätte ein Nagetier daran gekaut und zwischen drin spannte sich ein scharlachrotes Netzwerk aus kleinen Äderchen auf. Es ruinierte jedes Mal das Gesamtbild. Und wäre sie nicht mit makelloser Schönheit gesegnet gewesen, hätte man sie in der Tat für einen von Gott gesandten Engel gehalten. Anders als Ash empfand Freya beim Anblick ihrer dämonengleichen Flügel keine Abstoßung. Sie war, wie sie war, daran konnte sie nichts ändern. Auch eine lächerliche Prophezeiung konnte daran nichts ändern. Und Freya hatte keine Zeit, einer sinnlosen Legende hinterherzujagen oder sich über ihren größten Makel zu sorgen. Sie ignorierte die Zeichnung durch des Teufels Hand, die auf ihrem Rücken mit ihr verbunden war wie siamesische Zwillinge. Stattdessen suchte sie die Freiheit, die ihr Vater ihr verwehren wollte. Regelmäßig widersetzte sie sich Viktor. Bei der St. Paul’s Cathedral war sie ebenso sicher wie bei Westminster Abbey. Viktor zog es allerdings vor, sie in seiner Nähe zu wissen. Freya erkannte es nicht als väterliche Fürsorge an, sondern als eine Art Kontrollzwang. Nicht sie war schuld an der Misere, aber Viktor und er wiederum ließ Ash dafür bezahlen. Etwas an Westminster störte sie. Sie wusste nicht, ob es der Geruch war, die Menschen, die dort vorbeikamen und die sie manchmal schon beobachtet hatte. Oder die vielen Gräber von berühmten Persönlichkeiten wie Heinrich dem Dritten, Charles Dickens, Georg Friedrich Händel und nicht zu vergessen dem Denkmal für William Shakespeare. Bei dem Anblick der Begräbnisstätten und selbst dem Gedanken daran bekam sie das Fürchten. Also war einer ihrer liebsten Zufluchtsorte seit jeher derselbe. Freya zog ihre Flügel ein und ließ sich wie ein Adler im Sturzflug nach unten fallen. Wie ein Segelschirm öffneten sich ihre ledernen Flügel, die wie die eines Drachen aussahen, rot und schwarz gefärbt waren und fingen sie in letzter Sekunde auf. Sie landete auf dem kuppelförmigen Dach der Kathedrale, faltete ihren Rettungsschirm ein und stieg die Treppen hinab in die Kirche.

Alex

Alex Lane saß in seiner viel zu kleinen Studentenwohnung. Hier hatte er nicht einmal genügend Platz für einen Fernseher, geschweige denn für ein Bücherregal. Das Zimmer bestand nur aus einem Bett, einem Schreibtisch mit einem Stuhl und einem Fenster, das auf eine Hausmauer zeigte. Als er vor zwei Jahren von Salem nach London gezogen war, um Kunst und Kunsthistorie zu studieren, hatten seine Ersparnisse nicht für mehr ausgereicht. Alex Mutter Judith war im Alter von vierzig zur Witwe geworden, als er achtzehn und sein Bruder Hamilton sechzehn gewesen waren. Jetzt war er zweiundzwanzig, sein Vater seit vier Jahren unter der Erde und sein Bruder immer noch ein Nichtsnutz. Judith hatte Alex zum Abschied 100 Dollar zugesteckt, für ihre Verhältnisse sehr viel. Das Geld war im Nu aufgebraucht. Alex war zwar kein Prolet, der mit Asche um sich warf und alle seine Freunde in der Bar auf eine Runde einlud. Aber das Leben war teuer und Judith hatte ihrem Sohn auch keine weitere finanzielle Unterstützung zukommen lassen. Sie hätte es können, wenn sie einen guten Job gehabt hätte. Aber sie arbeitete in McFry’s Frittenbude an der 45. Eine fiese Absteige, die bekannt dafür war, ihr Frittierfett nicht allzu oft zu wechseln und es auch sonst nicht mit der Hygiene hatten. Wo schmierige Typen auf einen mittelmäßigen Burger, zu Tode frittierte Pommes frites, einem geschmacklosen Milchshake und lauwarmen Kaffee vorbeikamen, sich auf die ramponierten Barhocker am Tresen setzten und ihnen der Arsch aus der Hose hing. Und wenn die Tür dieser Spelunke aufflog, stieß einem immer der Geruch aus altem Bratfett und Zigarettenrauch ins Gesicht. Der Betreiber, genannt Jon Hugh, war ein widerliches Arschloch, ein fetter Kerl, dessen von Burgern und Speck geschwängerter Ranzen über die zu eng zugezogene Hose baumelte wie ein zwanzig Kilo schwerer Sack Kartoffeln. Er zahlte nicht annähernd so viel, wie er eigentlich hätte sollen. Aber Judith und ihre Kolleginnen waren froh, überhaupt einen Job zu haben bei ihren Qualifikationen. Nachdem Paul, Alex und Hamiltons Vater, von ihnen gegangen war, hatte die Frau plötzlich für die Familie sorgen müssen. Sie hatte keinen Schulabschluss, hatte mit vierzehn die Schule geschmissen und sich durchs Leben geboxt. Dann war sie Paul begegnet und er hatte sie gezähmt. Hatte sie von ihrem Trip heruntergeholt. Er hatte sie auf Händen getragen und ihr versprochen, für immer und ewig für sie zu sorgen. Ein Versprechen bedeutet nichts, wenn sich der Allmächtige dazu entschließt, einen rechtschaffenen Bürger zu sich zu holen. Judith hätte wieder arbeiten gehen können, nachdem ihre beiden Jungs groß genug gewesen waren. Aber sie war faul, sie war faul und Pauls Einkommen war immer genug gewesen. Alex Bruder Hamilton war ganz nach seiner Mutter gekommen, während er in die Fußstapfen seines Vaters getreten war. Schlau, zielstrebig, mit Stolz hatte Judith den Werdegang ihres ältesten Sohnes verfolgt, wie er seinen Collegeabschluss mit Bestnoten gemacht und vor zwei Jahren die Zusage für die Aufnahme an der Uni bekommen hatte. Sie war besorgt gewesen, Alex hatte zwar ein Stipendium erhalten, aber es deckte nicht sämtliche Kosten. Ihr Sohn hatte sich durch Ferienjobs und andere Tätigkeiten in der Nachbarschaft ein kleines finanzielles Polster geschaffen. Tja, die Realität hatte ihn hart getroffen wie ein Schläger einen Baseball. Von Luxus konnte er nur träumen. Und Kunst? Warum musste es ausgerechnet Kunst sein, hatte Judy sich gedacht. Warum konnte er nicht ein Studium beginnen, von dem er später gut leben konnte, wie beispielsweise ein Medizinstudium? Sein Bruder hatte ihn damit aufgezogen, was für eine Schwuchtel er doch sei, etwas wie Kunst zu studieren.

„Das ist was für Schwanzlutscher, hälst du dich für was Besseres?“

Was Karriere und Zukunftspläne betraf, war Hamilton ebenso ein Versager wie seine Mutter, nur das diese wenigstens einen Job hatte, wenn auch gezwungenermaßen. Alex Bruder war von der Schule aufgrund schlechten Benehmens, den andauernden Verwarnungen und ständigen Raufereien mit seinen Mitschülern geflogen. Des Öfteren war er mit der Polizei in Berührung gekommen, hatte die eine oder andere Nacht in der Ausnüchterungszelle verbracht. Er war der Schandfleck und der Dorn in Pauls Auge, der es aufgegeben hatte, sich mit ihm abzumühen und sich stattdessen auf Alex konzentrierte. Er nahm ihn zu sich, wenn er in seiner kleinen Werkstatt hinter dem Haus werkelte, hämmerte und zimmerte. Es war sein Zufluchtsort vor der Realität, dort konnte Paul seiner künstlerischen Ader freien Lauf lassen. Alex hatte nie verstanden, was sein Dad an seiner Mom fand und sie geheiratet hatte, immerhin konnten sie nicht unterschiedlicher sein. Bis er herausfand, dass er der Grund gewesen war. Judith war ungeplant von Paul schwanger geworden und hatte ihm so gehörig die Suppe versalzen. Pauls Ehre bedeutete ihm allerdings zu viel, deshalb war er bei ihr geblieben und hatte sie geehelicht. Als Hamilton dann zur Welt kam wurde alles nur noch schlimmer, bis Paul vor Kummer erkrankte und starb. Nach dem Tod ihres Mannes musste Judith die Zügel in die Hand nehmen und ihr jüngstes Kind war ihr dabei keine Hilfe gewesen. Im Gegenteil, manchmal stahl er seiner Mutter das letzte bisschen Geld und versoff es. Wenn Arbeiten am Haus entstanden, sie mal wieder pleite war, fand Judith eine andere Lösung, ihre Schulden zu begleichen, indem sie ihre Beine breitmachte. Schon bald hieß es in Salem, im Hause Lane würde eine Hure hausen und sie würden ihr die rote Laterne vor die Tür hängen. Ein weiterer Grund für Alex, aus Salem abzuhauen. London war anders als seine Heimat. Die Stadt gefiel ihm richtig gut, nicht zuletzt, weil es dort so vieles an Kunst und Kultur zu entdecken gab. Auch wenn er in dieser mickrigen Pissbude hauste, immerhin hatte er es geschafft und er hatte ein Dach über dem Kopf. Es war hier so vieles besser, er würde fast sagen, er hatte sich in die Metropole verliebt. Und wenn seine Mutter zuweilen anrief oder er sie, was selten vorkam, dann spürte er kein Heimweh.

Hi, wie geht es dir, Alex? Läuft alles gut?

Ja, Mom, ich kann mich nicht beschweren. Wie geht es dir? (Kein Wort über Hamilton)

Mir geht es auch gut.

Lange Stille…

Okay, wir hören voneinander.

Das Geräusch eines Telefonhörers, der aufgelegt wird.

Als Alex nach London gezogen war, hatte er die letzten Reste seines Vaters mitgenommen und Judith war in ihrem Trott geblieben. Morgens aufstehen, Kaffee kochen, kurz nachsehen, ob Hamilton noch lebte oder ob er mal wieder in einer Ausnüchterungszelle saß. Zur Arbeit fahren, den Leuten minderwertiges Essen servieren, am Abend heimkommen und nach Fritteuse stinken. Alex war sich sicher, inzwischen musste ihr Haus wie eine Müllhalde aussehen und sie und Hamilton waren die Waschbären, die darin hausten. Er begann mehr und mehr, seine Wurzeln zu vergessen. Jetzt saß er hier, auf seinem Klappbett, hatte die Beine zu einem Schneidersitz geformt und ein Buch auf seinem Schoß aufgefaltet. Seine Finger berührten den Anhänger, der an einer vergoldeten Kette um seinen Hals hing. Es war ein rechteckig geschliffenes Medaillon, mit einem Verschluss an der Seite. Bizarrerweise ließ er sich nicht mehr öffnen, das Schmuckstück war so gut verschlossen, als hätte es jemand von innen heraus zugeschweißt. Es war ein Erbstück seines Großvaters und seit vielen Jahrhunderten im Besitz der Familie Lane, war immer an den nächsten weitergegeben worden. Als ältestem Nachkommen hatte Adam Lane, Alex Großvater, den Anhänger zunächst Paul gegeben und der hatte ihn Alex vermacht, mit den Worten, das Schmuckstück würde ein großes Geheimnis enthalten. Als die Rechnungen sich wieder gestapelt hatten, spielte Judith mit dem Gedanken, das schmucke Teil zu versetzen, immerhin sah es wertvoll aus. Aber sie konnte es nicht und schämte sich zutiefst, überhaupt daran gedacht zu haben.

Du blöde Kuh weißt doch, was er deinem Sohn bedeutet, was er deinem Mann bedeutet hat.

Alex hatte sie weinend am Küchentisch gefunden und ihr von seinem Ersparten gegeben, damit sie zumindest die Rechnungen bezahlen konnte, bei denen sie bereits die zweite Mahnung erhalten hatte. Dafür hatte er von Hamilton aufs Maul bekommen.

Du Arschloch lässt mich dastehen, als wäre ich der schlimme Bruder.

Du Penner, das bist du ja auch, hatte Alex sich gedacht, es aber nicht laut ausgesprochen.

Der junge Mann ließ von dem Medaillon ab. Er richtete seine graublauen Augen auf die nächste Seite in seinem Buch, welches ihm die großen Geheimnisse der Kunsthistorie offenbarte und ihn vergangenes Semester ein kleines Vermögen gekostet hatte. Eine Strähne seines weizenblonden Haares fiel ihm ins Gesicht und er streifte sie mit zwei Fingern beiseite. Ihm war langweilig, seine Augen wurden vom Lesen immer schwerer und er hatte erst die Hälfte durch. Was sollte er als Nächstes tun? Ihm war nicht danach, sich auf einem der zahlreichen Streamingdienste auf seinem Computer einen Film oder einen kostenlosen Porno anzusehen und dazu zu onanieren. Er blickte durch das Fenster, es war bereits Nacht. Diese scheiß Mauer, dachte er bei sich, stand vom Bett auf, schnappte sich seine Schlüssel aus dem Kästchen neben der Tür und ging hinaus. Auf dem Flur sah er Terry aus dem Gemeinschaftsbadezimmer kommen. Er hatte nur ein Handtuch um seinen Lendenbereich gewickelt, der Rest von ihm war nackt. Feine Wasserperlen glitzerten im Schein der Neonröhren auf Terrys stählernem Körper.

„Hi Alter“, grüßte er Alex kurz, schloss die Tür zum Badezimmer, die mit dem vielen Dampf wie das Innenleben einer Wahrsagerkugel aussah. Alex grüßte ihn zurück. Terry war ebenfalls Student, aber aus einer anderen Fachrichtung. Der Junge mit den rotblonden, lockigen Haaren, dessen Körper wie der von Channing Tatum zu Bestzeiten aussah, war ein Weiberheld. Die Studentinnen gingen bei ihm ein und aus wie räudige Katzen. Alex dachte sich oft, bis Terry mit seinem Studium fertig wäre, hätte er sie alle flachgelegt. Die Hübschen, die Hässlichen, die Schlanken, die Korpulenten, ja sogar die Professorinnen. Das Studium selbst war für den Rotschopf nur Nebensache. Alex lief das Treppenhaus hinab, gefolgt von dem sterilen Licht der Neonröhren an den Decken, die ihm immer das Gefühl gaben, in einen dieser Underground Horrorfilme geraten zu sein. Er musste raus aus dem Wohnheim, wollte rein in das nächtliche London, auch wenn dieses nicht mehr dasselbe war, seitdem die Menschheit sich fast selbst ausgelöscht hatte. Ihm ging es um die Kunst und Kulturstätten, etwas, das nie aussterben würde, dachte er bei sich. An diesen Orten fand er noch jedes Mal Frieden und Ruhe. Alex entschied sich für einen Abstecher in den Hyde Park, der inzwischen vor Kunst aus allen Nähten platze und sein Herz einen Gang beschleunigen ließ. Er lief die Straße hinab, wollte die U-Bahn nehmen, da es zu Fuß zu weit war. Er tastete nach seinem Geldbeutel in seiner Jackentasche, um zu kontrollieren, ob er sein Studententicket für die U-Bahn auch dabei hatte, als ein Regen aus Asche einsetzte. Kleine graue Flocke landete auf seiner Hand. Im Sekundentakt kamen sie jetzt vom Himmelszelt herab und legten sich wie ein Mantel aus Staubmäusen auf seine Kleidung und sein Haar. Ein Wetterleuchten gesellte sich hinzu und ein tiefes Grollen wie das eines hungrigen Wolfes verriet Alex, dass er sich mitten in einem herannahenden Gewitter befand. Zum nächsten U-Bahn Schacht war es noch zu weit, zum Hyde Park auch. Als er nach rechts blickte, gab das gabelförmige Zucken eines Blitzes die Sicht frei auf ein kuppelförmiges Dach, das ihn zugleich an die hügelförmigen Wackelpuddings erinnerte, die seine Großmutter für ihn und Hamilton immerzu gekocht hatte. Der Schrei des Donners fuhr ihm in die Knochen und er warf seinen ursprünglichen Plan über Bord. Heute Nacht gäbe es für ihn keinen Spaziergang durch den Hyde Park. Ersatzweise wollte er sich mit der Innenarchitektur der St. Paul’s Cathedral etwas mehr vertraut machen. Er lief auf den Westeingang zu und in dem sterbenden Grollen des Donners war ihm, als höre er in der Luft das Rauschen von Flügelschlägen.


Diese verdammte eigensinnige Göre, raste es mit wütender Kraft durch Ashs Gedanken. Warum musste er für Freyas Sünden büßen? Nur weil er der Jüngste von drei Kindern war? Und warum zum Teufel konnte Freya sich nicht fügen? Vielmehr noch, warum konnte Vater sie nicht endlich in Ruhe lassen und akzeptieren, dass sie Westminster nicht mochte? Das alles rauschte durch seinen Kopf wie ein Formel 1 Pilot über die Rennstrecke. Die St. Paul’s Cathedral gehörte zu ihren Schlupflöchern, zu ihren sicheren Unterkünften. Unterhalb dieser Mauern war sie sicher. Freya war kein kleines Kind mehr, sie konnte gut auf sich selbst aufpassen. Ash hatte ihr sogar ein paar Tricks im Kampf gezeigt, natürlich nur für den Notfall und der war bisher noch nie eingetreten. Wenn sie also innerhalb der Sicherheitszone blieb, konnte ihr nichts passieren. Anders als bei ihm. Er hatte Westminster auf Befehl seines Vaters verlassen müssen und befand sich außerhalb der Schutzlinie. Der Weg zwischen St. Paul und Westminster war nicht allzu weit, für ein geflügeltes Wesen nur ein Katzensprung. Trotzdem konnte er dem Feind begegnen. Er wusste nicht, ob die Pearce Wächter ausgesandt hatten oder nicht. Niemand wusste das, es war ein Katz und Maus Spiel. Es ging darum, den Feind zu dezimieren und das gegnerische Terrain zu fordern. Wo und wann Vergeltungsschläge eintrafen, konnte keiner der Klans voraussehen. Zwar hatten die Grimm und die Pearce unterhalb vieler berühmter Denkmäler ihr unterirdisches Reich erschaffen, aber den Weg von einem Stützpunkt zum Nächsten mussten sie über Tage zurücklegen. Ihre einzelnen Posten waren über Funksysteme, Satelliten und zahlreichen Monitoren miteinander verbunden. Überwachungskameras an den wichtigsten Stellen halfen den Klans dabei, den Feind im richtigen Moment kommen zu sehen. Leider gelang ihnen das nicht immer. Es gab Momente, da waren die Schwachstellen der Techniken vom Gegner ausgenutzt worden. So wie damals, in der einen Nacht, an der Seven Sisters Underground Station, als …

Nein! Ash verdrängte diesen finsteren Gedanken rasch. Er sperrte ihn zu den anderen Monstern in die Kiste. Nicht genug, dass die Grimm und die Pearce sich seit mehr als zweihundert Jahren bekämpften und ihre Gefechte hauptsächlich auf den Straßen Londons austrugen, was der Stadt dazu verholfen hatte, als verflucht zu gelten, denn in regelmäßigen Abständen wurde jemand aus dem Nichts heraus umgestoßen wie ein Kegel auf der Bowlingbahn, verfing sich in einem der Flügel eines Gargoyles und wurde mitgezerrt, oder ihm fiel ein herabfallender Backstein auf den Kopf, weil die Kämpfenden wieder Eigentum beschädigt hatten. Ash hatte immer noch das Problem mit seiner Schwester an der Backe und es würde eines bleiben, wenn Freya nicht endlich lernte, zu gehorchen oder sein Vater seine Haltung überdachte. In dem Fall konnte Ash warten, bis er schwarz wurde. Geplagt von seinen Gedanken legte der Wächter einen Zahn zu und betete, von keinem feindlichen Späher entdeckt zu werden. Er könnte es unbemerkt schaffen, denn er war schon fast da.

Alex hatte sich vor dem aufkommenden Gewitter in die St. Paul’s Cathedral geflüchtet. Kurz zuvor hatte auch Freya ihren nächtlichen Flug oberhalb der Kuppel beendet und sich ins Innere begeben. Sie saß auf der Brüstung, der die große Hauptorgel einschloss und ließ ihre Füße nach unten baumeln. Das fahle Licht der gedimmten Leuchten zu den Wänden verwandelte das gesamte Interieur in eine kuschelige Atmosphäre. Freyas Augen waren nach unten auf das mittlere Schiff der Kirche gerichtet, wo sich lange Holzbänke in akkurat bemessenen Abständen hintereinander aufreihten. Dann wandte sich ihr Blick nach oben, zur Deckenmalerei hin. Sie hätte dieses Gemälde die ganze Nacht lang angucken können, wäre sie nicht vom Geräusch einer sich öffnenden Tür abgelenkt worden. Die Angeln des Vordereingangs gingen mit ihrem typischen Knarzen auf. Ein Geräusch, das sie nur zu gut kannte. Allerdings war es später Abend und sie hatte nicht damit gerechnet, dass noch jemand vorbeikommen würde. Warum schloss man die Türen denn nachts nie ab? Weil es eine Kirche ist, du blöde Kuh, und Gott immer für die Menschen erreichbar sein muss, dachte sie bei sich. Es erinnerte sie an diesen Flyer für die Servicehotline eines Internetkonzerns. Wir sind täglich 24h für Sie erreichbar. Es brachte sie zum Schmunzeln, denn sie stellte sich Gott wie einen Telefonisten vor, der sich die Sorgen der Menschen anhörte und dementsprechende Maßnahmen einleitete. Oder auch nicht, wenn es nicht nötig war und man einfach nur ein freundliches Vielen Dank für Ihren Anruf zurückbekam. Als Freya dann die Schritte vernahm, die sich nach vorne in ihre Richtung bewegten, kletterte sie von der Brüstung runter. Sie war im Begriff, das Orgelpodium zu verlassen, aber ihre Augen erhaschten aus den Winkeln heraus einen jungen Mann. Freya hatte schon so viele Menschen kommen und gehen sehen. Manchmal tat sie nichts anderes, als stundenlang an einem sicheren Ort in der Kathedrale zu verweilen und die Sterblichen zu beobachten. Sie scheute weder ihre Nähe, noch hatte sie Angst, mit ihnen in Berührung zu kommen. Ihre Augen hatten schon alles gesehen, Menschen, die schlank waren, die korpulent waren. Menschen, die alt und gebrechlich waren oder eben noch sehr rüstig und sportlich wirkten. Sie nahm sie zur Kenntnis und manchmal spann sie sich ihre eigenen Gedanken zu ihnen. Aber noch nie hatte ihr Herz dabei einen solchen Tanz aufgeführt wie gerade eben. Der Mann, der dort unten durch den mittleren Gang lief und sich akribisch umblickte, als suche er etwas Bestimmtes, war von einer unvergleichlichen Magie umgeben, wie Freya sie nie gesehen hatte. Sie konnte nicht aufhören, ihn anzustarren und bemerkte nicht, dass sich ihre Flügel wieder öffneten, als wollten sie sie zu dem geheimnisvollen Fremden tragen. Der junge Mann stand jetzt ganz nah unterhalb der Orgel. Noch war sein Blick auf den unteren Teil der Kirche gerichtet, was Freya die Chance einräumte, ihn genauer zu beobachten. Er hatte weizenblondes Haar, das ihm bis zur Hälfte seines Nackens reichte, was ihr sehr gefiel. Und sein Gesicht, es war von einer immensen Stärke gezeichnet. Einer Willenskraft, die es vermochte, Mauern einzureißen. Freya war gepackt von diesem Mann. Sie ließ es zu, sich völlig in seiner Aura zu verlieren, denn diese hatte sich ungeahnt in ihrer Gegenwart weit geöffnet. Sie spürte die Narben auf seinem Herzen und dass das Leben nicht immer gut zu ihm war. Sie fühlte … herrje, konnte das denn möglich sein? Nach so vielen Jahren, in denen sie nun schon die Menschen beobachtete, dass sie zu diesem einen eine besondere Verbindung hatte? Eine Bindung, welche sie selbst nicht verstand, die sie aber neugierig machte. Ihre Trance wurde jäh unterbrochen, als die Seitentür mit einem durch die Gänge hallenden Krachen aufflog und nicht nur sie, sondern auch den jungen Mann aufschrecken ließ.

„Wusste ich doch, dass du hier bist.“ Ash hatte Freya gefunden. Seine violetten Augen glühten bedrohlich, seine Flügel zitterten vor Wut. Er stapfte auf sie zu und packte sie grob am Handgelenk.

„Du kommst jetzt augenblicklich mit mir, Freya. Und ich schwöre dir, wenn …“

„HEY“, schrie es von unten herauf zu ihnen.

Alex hatte den Mut gefunden, sich bemerkbar zu machen. Er sah hinauf zu den Gargoyles. Sein Blick küsste den von Freya. In diesem Moment stand die Welt der Gargoyles kopf. Seit Anbeginn ihrer Zeit hatten sie mit ihrem Fluch, nie gesehen werden zu können, lernen müssen umzugehen und ihn zu akzeptieren. Sie waren einst als große Kunst erschaffen worden, um von den Menschen bewundert zu werden. Und jetzt gab es einen, der sie sehen konnte. Alex sah die Engel mit den Teufelsflügeln.

Viktor

Da war dieses grüne Licht gewesen, das ihn umhüllte wie eine toxische Wolke. Und ein unbekanntes Gefühl floss so plötzlich durch sein Inneres, als hätte man ein Feuer entfacht und Öl hineingegossen. Ein rhythmisches Hämmern wummerte in seinem Inneren, BA-DUM, BA-DUM. Er, den der Künstler George Steam Viktor genannt hatte, spürte Leben in seiner Brust. Er wurde befreit von seiner steinernen Hülle, die sich abpellte wie die Haut eines Basilisken. Viktor war orientierungslos, alles, was er sah, war dieses grüne Licht. Instinktiv öffneten sich seine Flügel und hoben ihn in die Luft. Seine Augen suchten nach einem Fluchtpunkt und fanden ihn. Purpurnes Licht traf seine Netzhaut und blendete ihn. Er war von einem grünen Inferno in ein rotes Meer geflogen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis seine Augen sich auch an diese Farbe gewöhnten und seine Sicht zurückkehrte. Er erblickte seltsame Gebilde, die dicht aneinandergereiht die Kulisse zierten. Und zwischendrin sah er Gewächse aus dem Erdreich ragen wie grüne Finger. Figuren aus Fleisch und Blut, deren Münder auf und zu gingen und dadurch eine hohe Geräuschkulisse erzeugten, tummelten sich unter seinen Füßen. Sie wirkten wie ein Strom aus Ameisen. Wie betäubt durch die vielen Eindrücke, die mit eiserner Wucht auf ihn einschlugen, bemerkte der Gargoyle nicht, dass er Gesellschaft bekommen hatte. Jemand berührte seine Hand, er drehte sich hoch oben in der Luft um und blickte in die gütigsten Augen, die er je zu Gesicht bekäme. Lavendia war ihm gefolgt und hatte ihn gefunden. Sie wirkte hilflos, verängstigt, obwohl sie wusste, dass Viktor wie sie war. Viktors Finger vergruben sich in ihre. Wie Todesengel folgten sie dem Sonnenaufgang, der sie mit seinem Lichtspiel aus roten, goldenen und violetten Strahlen weg von dem Tumult der Stadt führte. Ihr Weg brachte sie auf eine weite Wiese, wo erst kürzlich jemand das Gras mit einer Sense geschnitten hatte, denn die Luft war noch erfüllt vom Geruch der abgetrennten Grashalme. Für Lavendia hatte es nie einen schöneren Duft gegeben, doch er würde aus ihrem Gedächtnis verschwinden, da die Gargoyles zu der Zeit noch keine Ahnung hatten, welches düstere Zeitalter ihres werden würde. Viktor blickte nochmals in Lavendias Augen, in denen er sich komplett verlor. Sie waren von einem mystischen Violett, umrandet von einem tiefschwarzen Kreis. Nicht einmal der Himmel brachte mit seiner Tag und Nachtgleiche einen solchen Farbton zustande. Das Pochen in seiner Brust wurde stärker, aber es fiel ihm schwer, das Gefühl zu deuten. Prinzipiell gesehen waren sie beide nach ihrer Erweckung durch den Fluch der Hexe wie neugeborene Säuglinge, betrachtete man die Umstände, dass sie die Welt mit ihren Gebräuchen, Formen und Farben, ihrem Wissen, ihren Gerüchen und alledem erst kennen und verstehen lernen mussten. Desto erleichtert waren beide, dass sie einander hatten. Sie waren keine einsamen Löwen in der Prärie, sie waren zwei ausgeklügelte Wölfe. Ein Herdentier, dessen Stärke das Rudel ist. Und wie auch der Wolf seine Kameraden selbst in der finstersten Nacht findet, bemerkten die beiden Gargoyles ein ihnen bekanntes Geräusch; es war das Auf und Abschlagen von Flügeln, das sich über ihren Köpfen bildete. Zwei weitere ihrer Gattung hatten in ihren Kreis gefunden und gesellten sich hinzu. Es waren Orgun und Augustine. Von ihren tristen, steinernen Hüllen befreit, gaben Orgun und seine Gefährtin Augustine ein ebenso prächtiges Gemälde ab wie die beiden anderen Gargoyles. Orguns tiefseeblaue Augen waren mit einer kalten Strenge auf Viktor gerichtet. Er musterte ihn, seine Körperhaltung blieb indes gelassen. Seine schmalen Lippen verzogen sich hernach zu einem beruhigten Lächeln.

„Wir sind gleich“, bemerkte er.

„Sind wir eben nicht“, höhnte Viktor in einem schon fast verächtlichen Tonfall. Er streckte seine Hand aus und deutete mit dem Zeigefinger auf Orguns Flügel.

„Deine Flügel haben andere Merkmale als die unseren.“

Es stimmte, Orguns und Augustines Flugwerk wies ein paar Unterschiede zu den der beiden anderen auf. So war der Knochen, der am obersten Punkt der Flügel herausragte bei Viktor und seiner Begleiterin nach hinten gekrümmt, während die von Orgun und seiner Partnerin jeweils zu den Seiten rechts oder links zeigten. Zudem waren diese nicht mottenzerfressen und von einem weit kleineren Adernetzwerk geprägt.

„Trotz allem teilen wir ein gemeinsames Schicksal“, merkte Orgun etwas gekränkt an, „wir sollten uns nicht an Kleinigkeiten festmachen. Ich würde vorschlagen, wir suchen uns fürs Erste ein sicheres Versteck.“

Sie einigten sich darauf, gen Westen zu fliegen. Schon bald hatten sie andere ihresgleichen gefunden und der ursprüngliche Kreis der Gargoyles war wieder vereint. Sie erkannten die Unterschiede in ihrer Spezies und teilten sich fortan in zwei Gruppen auf, die Grimm und die Pearce. Da Orgun und Viktor solch schillernde Persönlichkeiten waren, überließ man ihnen die Rädelsführung. So formten die beiden Anführer ihre Klans nach ihren Wünschen. Sie hielten sich abseits der Menschenwelt, noch. Denn die glitzernden Lichter, die prächtigen Farben und die vielen Gerüche hatten ihren unsichtbaren Zauber auf die Welt der geflügelten Wesen geworfen und ihre Existenz unter ihnen schon bald zurückgefordert. Ein schwerer Fehler.

Das Spiel möge beginnen

„Was zum Teufel war das gerade eben?“

Ash brüllte seinen Unmut seiner Schwester hinterher, die vor Aufregung zitternd in ihr Zimmer stürmte und sich in beruhigenden Kreisbewegungen die Schläfen massierte. Ihr Bruder hatte sie grob bei ihren Flügeln gepackt, sie aus St. Paul’s herausgezerrt, seine Hand wie eine Handschelle um ihre geschnallt und war im Eilflug nach Westminster ohne Zwischenvorfall zurückgekehrt. Sie hatte keinen Widerstand geleistet, ohnehin zog Ash eine geistlose Hülle hinter sich her, denn Freyas Gedanken hingen noch bei dem jungen Mann aus der Kirche, der die Gargoyles gesehen hatte. In der Realität angekommen, schnellte ihr Geist wie ein Geschoss zurück in ihren Körper und war mit der Tatsache völlig überfordert. Ihr Kopf schmerzte, ihr Puls raste wie ein Schnellzug durch einen Tunnel und ihre Schläfen pochten mit diesem dumpfen, unangenehmen Hämmern.

„FREYA“, schrie Ash, seine Stimme war eine Mischung aus schriller Angst und tobender Wut. Er knallte die Tür hinter sich zu, es kümmerte ihn nicht, ob es Aufsehen erregte, dafür war sein Nervenkostüm zu angeschlagen. Durch sein Brüllen holte er Freya ins Diesseits zurück.

„Ich habe dich gefragt, was da eben passiert ist?“

„Woher soll ich das wissen?“, verteidigte sie sich, aber ihre Stimme klang kleinlaut.

„Dieser Mensch hat uns gesehen, das ist dir hoffentlich bewusst. Und wir hatten beide unsere Flügel ausgebreitet. Das ist doch nicht möglich, das ist nicht möglich“, sagte er mehr zu sich selbst und donnerte mit seiner Faust auf das Tischchen vor ihm.

„Ash beruhige dich, es bringt überhaupt nichts, wenn du so aus der Haut fährst. Wenn wir die Sache klären wollen, sollten wir einen kühlen und vor allem pragmatischen Kopf behalten.“

„Du klärst hier überhaupt nichts, Fräulein, nur deinetwegen sind wir überhaupt in dieses Schlamassel geraten.“

„Wie hab ich das wieder zu verstehen?“, Freya verzog ihr Gesicht zu einer gereizten Maske.

„Das heißt, liebe Schwester, dass du von nun an Hausarrest hast“, Ash schritt näher auf Freya zu. Der seidene Faden, an dem sein letztes bisschen Geduld für seine Schwester gehangen hatte, war gerissen und war in einen tiefen Abgrund aus Wut, Enttäuschung und Verärgerung gefallen.

„Für wen hältst du dich, dass du mir so etwas aufbürdest?“

„Ich bin dein Bruder, Herr Gott, und ich bin für dich verantwortlich.“

„NEIN!“

„Nein?“, wiederholte er stutzig. Ein gefährliches Flimmern huschte über seine Augen.

„Ash, denkst du, ich wüsste nicht Bescheid, dass Vater dich zu meinem Aufpasser degradiert hat? Was in St. Paul’s passiert ist war ein Zeichen. Vermutlich hat es was mit der Prophezeiung zu tun.“

„Eine unvollständige Legende, Freya“, redete Ash Freyas Gedanken klein. „Höchstwahrscheinlich etwas, das nicht existiert. Es wurden Seiten aus dem Buch gerissen, Schwester, und Jahrhunderte lang haben beide Klans versucht, die fehlenden Stücke zu finden und sind gescheitert. Und dann kam der atomare Krieg, vermutlich sind die restlichen Teile dadurch vernichtet worden.“

„Und was, wenn nicht?“, warf Freya auffordernd ein. Die Frau mit den Teufelsflügeln auf ihrem Rücken hatte in jenem Moment, in dem sie Alex Lane sah, eine tiefe Verbindung zu ihm gespürt. Sie war von ihm angezogen worden wie die Motte vom Licht und sie empfand, dass es damit mehr auf sich haben musste, als ihr Bruder ihr weiszumachen versuchte. Ash ging erneut auf seine Schwester zu, sein Unmut war etwas abgeklungen, brodelte aber noch unter seiner Schale. Er legte mit leichtem Nachdruck seine Hände um ihre Schultern.

„Freya, unsere Spezies wird die Quelle von Samhain nie finden. Das müssen wir akzeptieren. Es sind schon zu viele Jahrhunderte vergangen, in denen sich diesbezüglich nichts getan hat. Diese Legende ist wertlos und setzt nur Staub im Bücherregal an. Was deine nächtlichen Wanderungen betrifft, ich werde dich nicht maßregeln und an die Leine nehmen wie unser Vater es gerne hätte. Aber ich appelliere an deine Vernunft. Dort draußen tobt ein Krieg, bitte werde nicht auch noch du eines seiner Opfer. Bleib hier, in Sicherheit und beuge dich den Wünschen unseres Vaters. Ich bitte dich als dein Bruder, denn an meinen Händen klebt schon zu viel Blut.“

Ash drückte Freya einen sanften Kuss auf die Stirn. Er überragte seine Schwester um einige Zentimeter, obwohl er jünger als sie war. Er ließ sie in ihrem riesigen Zimmer zurück. Ein Außenstehender hätte nicht verstehen können, weshalb Freya von hier flüchtete. Sie hatte alles, was man sich wünschen konnte. Ein großes Bett, schicke Kleidung, die ordentlich sortiert im begehbaren Schrank hingen, eine Kommode mit mehreren Spiegeln, in denen sie ihr perfektes Äußeres pflegen konnte, Luxus ohne Ende. Aber in ihrem Herzen war Freya nicht glücklich. Das Materielle sollte nur einen trügerischen Schein wahren. Ashs Worte rasten durch ihren Kopf, blieben an den sensiblen Bereichen in puncto Hinweise und Wahrheitsfindung hängen und legten dort einen Schalter um. Ein fehlendes Stück, eine Prophezeiung, die bis jetzt ins Leere geführt hat. Sie wies auf einen Schlüssel hin. Was, wenn dieser Mann der Schlüssel war oder ihn gar besaß? Freya hatte ihrem Bruder zwar tief in die Augen geblickt, als dieser sie zur Vernunft hatte treiben wollen, aber ihr Inneres hatte sich in dem Moment in zwei Hälften geteilt. Die eine Seite, die dem fürsorgenden Bruder eine verständnisvolle Mimik vorgaukelte, und die andere, welche schon einen Plan ausheckte, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Und Freya wollte Antworten.


Alex kam schwitzend und keuchend auf seinem Zimmer an. Er hechelte wie ein Hund, dessen Herr ihn unbarmherzig getrieben hatte. Spielte sein Verstand ihm einen üblen Streich? Oder war es real, was er zuvor in der St. Paul’s Cathedral erlebt hatte? Oder doch nur einer von diesen beängstigend real wirkenden Tagträumen? Aber er tagträumte nie, war mit seinem Herz und seinem Verstand immer im Hier und Jetzt. Was könnte dann Schuld an diesem Albtraum gewesen sein? Ihm kam ein schlimmer Gedanke. Konnten es die Auswirkungen seiner letzten Ausschweife auf der Studentenparty gewesen sein? Aber er hatte den Joint doch abgelehnt, und das, obwohl Terry den verführerisch rauchenden Glimmstängel immer wieder unter Alex Nase gehalten hatte und ihm sagte „Alter, nur einen Zug und du wirst dich fühlen wie ein König.“

„Nein, Mann, echt nicht!“

„Dein Pech. Du verpasst was, nicht ich.“

Scheiße! Aber der Rauch war ihm passiv in die Nase gestiegen und davon war ihm schon fast schlecht geworden. Alex gehörte nicht zu denen, die während ihrer Schulzeit und auch noch danach mit Drogen experimentierten. Er hatte den Tod in Form einer winzigen Pille niemals angerührt, weder auf der Highschool noch auf dem College und schon recht nicht auf der Uni. Vor Jahren hatte er bei einer Feier über die Stränge geschlagen und es war ihm eine Lehre gewesen. Nach Dutzenden Drinks hatte das Mädchen, welches er eigentlich nicht leiden mochte, verdammt sexy ausgesehen und Alex war mit ihr im Bett gelandet. Als er am nächsten Morgen neben der Bratze aufgewacht war, hätte er sich am liebsten seinen Arm, auf dem sie ihren fettigen und nach Qualm stinkenden Schädel abgelegt hatte, abgebissen. Seitdem hatte er sich geschworen, die Finger von allem Bewusstseinsverändernden zu lassen. Und nun war er in diese äußerst seltsame Begegnung mit diesen, nennen wir sie mal Wesen verwickelt. Er hatte nicht geträumt, so etwas konnte man nicht träumen. Seine Augen hatten bei vollen Bewusstsein und klarem Verstand ihre Flügel gesehen. Er versuchte sich einzureden, es wäre nur ein Streich. Irgendwelche Kids, die einen auf Cosplay machten. Nur, dass zurzeit keine Kostümfestivals stattfanden und, was noch viel wichtiger war, die Flügel der beiden Kreaturen hatten verdammt echt ausgesehen. Alex Stirn war mit kaltem Schweiß bedeckt, sein Haaransatz war feucht, als hätte er ihn nach dem Duschen lediglich kurz durchgeföhnt. Nachdem die beiden Wesen verschwunden waren, hatte auch er seine Beine in die Hand genommen und war den gesamten Weg zu seiner Wohnung zurück gehechtet. In seinem Nacken hatte die blanke Furcht gesessen und ihn angetrieben. Im Wohnheim angekommen, hatte er hektisch seinen Schlüssel hervorgezogen und war förmlich mit der Tür in sein Zimmer gefallen; hatte keine Zeit gehabt, den Lichtschalter anzumachen. Und so war sein Zimmer nun dunkel, die Schwärze lag auf den Wänden, dem Boden, der Decke und nagte zusätzlich an seiner Seele. Er fühlte sich wie ein verängstigtes Kind, das seine erste Begegnung mit etwas Paranormalem hatte. Ihm fiel ein Sprichwort seines Großvaters ein, je größer die Dunkelheit, umso heller das Licht. Dunkelheit wird von Licht geschlagen, Furcht lässt sich damit zurückdrängen. Alex tastete nach dem Kabel der Tischlampe, seine Finger zogen sich hinauf bis zum Schalter und legten den Knopf um. Ein sanfter, kleiner Lichtschein erglänzte in der Dunkelheit und vertrieb zumindest stückweit die Angst, seine Panik und die Dämonen in seinem Kopf. Aber Dämonen sind hinterhältige Wesen, die sich nicht so leicht durch ein mickriges Leuchten verjagen lassen. Deshalb stürzte Alex‘ Gedankenwelt schon bald darauf wieder ins Chaos. Zum ersten Mal wünschte er sich zurück in seine Heimat, wünschte sich zurück in das Drecknest seiner Mutter. Herr Gott, er hätte momentan sogar seinen kriminellen Bruder vorgezogen als die Scheiße, in die er geraten war. Alex ließ sich auf sein Bett fallen und ringelte sich ein wie ein Igel, der Besuch von einem Raubtier bekommen hat. Das Medaillon um seinen Hals, das Schmuckstück, welches er sein Erbe nannte, rutschte zur Seite hinweg und er griff danach. Während seine Finger manisch über die Oberfläche glitten (er hatte in diesem Moment etwas von Gollum, der den einen Ring immerzu streichelt und ihm zuflüstert), plagten ihn düstere Gedanken. Bis zwischen all die Pein plötzlich und unerwartet die Erlösung eintrat. Sein Unterbewusstsein rief ihm die seemannsblauen Augen ins Gedächtnis, hinter denen so viel Anmut verborgen lag. Der Schrecken hatte auch etwas Schönes mit sich gebracht, denn nicht nur Freya war von Alex‘ Erscheinung wie betäubt gewesen. Wer sie wohl sein mochte? Dieser wunderschöne Engel mit den Dämonenflügeln. Und obwohl er bis dato noch nie taggeträumt hatte, flüchtete er sich nun in eine andere Welt. Und in dieser Eingebung legte diese furchteinflößende und doch so anziehende Persönlichkeit, die er dort oben auf der Brüstung hatte stehen sehen, ihre Flügel um seinen Leib und wog ihn darin wie einen Säugling. Er vernahm eine Stimme, sie klang zu fern, um ihre Botschaft genau zu deuten. Am Ende hörte er das Wort Herz heraus. Und die Dämonen verwandelten sich in harmlose Schatten.

Ashs Schwachpunkt

Nachdem Ash seiner Schwester eine Standpredigt in puncto Gehorsamkeit verpasst hatte, war er, ohne Rechenschaft bei seinem Vater abgelegt zu haben, auf sein Zimmer gegangen. Zum einen war er sich sicher, dass Viktor längst über die Rückkehr seiner geliebten Tochter im Bilde war, zum anderen hatte er keinen Nerv übrig, Viktors Strenge zu begegnen. Nicht nach allem, was er heute Abend erlebt hat. Darum ließ er sich gestresst auf sein Bett fallen, er atmete seinen Frust in einer langen Salve aus und schloss die Augen. Anders als Alex, der nichts von Tagträumen hielt und für den es ganz und gar ein Zeichen psychischer Unbeherrschtheit war, konnte Ash dem nicht entkommen. Seine Fantasie war sein Feind geworden, die Kraft, welche ihn einesteils von der Realität forttrug, wenn er sie mal wieder nicht ertrug. Zum anderen war sie zu seinem Foltermeister mutiert, einem Gespenst, das zunächst harmlos wirkte und später immer grauenhaftere Züge annahm. Denn als er erneut seine Augen aufschlug und zur Seite blickte, sah er ihr kaltes, totes Antlitz. Ein gequältes Lächeln zwang er sich ab. Ash wusste, es ging wieder los, er hatte die Grenze der Realität überschritten und sie hatte ihn kurz danach abgeholt.

„Was bedrückt dich, mein Liebster?“, sagte die dünne Stimme, an der nur der Tod haftete.

In Ashs Kehle bildete sich ein Kloß, er blieb unfähig, der Erscheinung auf seinem Bett neben ihm eine Antwort zu geben. Er starrte Elaines Geist an und fühlte einen betäubenden Schmerz, seine Augen füllten sich mit Flüssigkeit. Wie gerne hätt er sie berührt, hätte ihr gesagt, wie sehr er sie liebte, hätte noch einmal den süßen Nektar ihrer Lippen gekostet. Aber sie konnten einander nicht mehr fühlen, sie war nur ein Geist, gefangen im Reich des Todes. Elaine war zu einem Hirngespinst verkommen, welches, aus seiner Furcht vor dem Versagen, seinen Schatten der Vergangenheit und seiner zerbrochenen Liebe, sich hatte zu einem gefährlichen Tumor entwickeln können.

„Wieso tust du das?“, wagte Ash schließlich zu fragen, „wieso quälst du mich so?“, seine Frage drang würgend aus ihm heraus, denn er drohte an seinen unterdrückten Tränen zu ersticken. Er wollte sie nicht frei lassen, obwohl er es hätte können. Hier war er alleine, hier störte ihn niemand. In seinem Zimmer konnte er brüllen, toben, schreien, weinen, es würde niemanden kümmern.

„Das tue ich nicht. Du weißt selbst, ich existiere nur in deinem Kopf. Wenn überhaupt quälst du dich selbst.“

„Elaine, sag mir, wie ich das nicht könnte? Dein Blut klebt an meinen Händen. Du hättest an dem Tag vor neun Jahren, als es passierte, gar nicht dabei sein dürfen. Es war meine Schuld.“

Jetzt konnte er es nicht länger zurückhalten. Seine Trauer übermannte ihn und die Tränen kullerten seine Wangen wie ein Sturzbach hinab. Ein Jahr nach Elaines tödlichem Verunglücken hatte Ash begonnen, über sie zu halluzinieren. Er hatte niemandem davon erzählt, weshalb sollte er auch? Zum einen gab es niemanden, der ihm ein offenes Ohr geschenkt hätte, und selbst Freya, zu der er eigentlich eine gute Beziehung hatte, vorausgesetzt sie benahm sich standardgemäß, wollte er damit nicht belasten. Es war sein Kryptonit, damit musste er alleine fertig werden.

„Ich habe Angst, Elaine. Acht Jahre besucht mich nun dein Geist, acht Jahre, in denen ich nicht vergessen konnte, was damals geschah.“

„Und dennoch erscheine ich nur, wenn du Kummer leidest, Liebster. So wie jetzt. Also frage ich dich erneut, was bedrückt dich?“

Ash wurde hellhörig. Es stimmte, Elaines Geist war ihm oft in seinen dunkelsten Stunden erschienen. Aber nie war sie lange genug geblieben, um ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Irgendetwas hatte sich geändert und Ash befürchtete, es könnte mit der Begegnung mit dem Menschen zusammenhängen. Also tat er etwas, was er zuvor in Elaines Beisein noch nie getan hatte. Er öffnete sich ihr.

„Es hat mit Freya zu tun. Sie ist der Auffassung, einen möglichen Hinweis zur Legende von Samhain gefunden zu haben.“

„Und das würde bedeuten, du könntest frei sein. Ihr alle könntet frei und von eurem Fluch befreit sein.“

Ash drehte seinen Kopf in Elaines Blickrichtung. Sie sah noch exakt so aus, wie er sie in Erinnerung behalten hatte. Ihr kastanienbraunes Haar mit den rötlichen Schattierungen dazwischen, das immer in glanzvollen Wellen von ihrem Scheitel hing. Und ihre moosgrünen Augen, in die er sich vor so vielen Jahren unsterblich verliebt hatte. Er streckte seine Hand aus und sie folgte seiner Geste. Ihre Fingerspitzen kamen sich näher, während ihre Blicke aufeinander ruhten. Elaines Hand glitt durch Ashs hindurch, sie hinterließ nur einen dünnen Luftzug auf seiner Haut.

„Lass sie mich noch einmal spüren“, bat Ash.

„Du weißt, das kannst du nicht.“

„Trotzdem bitte ich dich, mich zu küssen. Mich zumindest für jetzt von diesem Schmerz zu befreien.“

Elaines Lippen bewegten sich auf seine zu. Er schloss seine Augen und gab sich dem Moment hin. Leere. Da war nur Leere, und dann spürte er plötzlich Wärme, und vernahm ein Kichern. Ash schlug blitzartig seine Augen auf und schreckte hoch.

„JESSICA!“, schrie er empört.

Das junge Gargoyle Mädchen beugte sich, gestützt auf ihren Knien und ihren ausgestreckten Armen über Ash. Ihre Stellung hatte etwas Laszives, denn sie streckte ihren Po weit nach hinten.

„Wie zum Teufel bist du hier hereingekommen?“, fluchte Ash und zog sich auf seinem Bett weiter Richtung Rückenlehne, um von ihr wegzukommen.

„Du hast die Tür nicht abgeschlossen“, antwortete sie ihm unschuldig.

„Und das gibt dir das Recht, einfach so hereinzustiefeln?“

„Ich hab mir Sorgen gemacht. Du bist beim Abendessen einfach abgehauen und nicht mehr wieder gekommen.“

„Ich hatte etwas zu erledigen“, wich er aus.

Ash war unterdessen von seinem Bett aufgesprungen und zur Kommode herübergelaufen. Er hatte Jessica den Rücken zugewandt, als ob er versuchte, sich so vor ihr abzuschirmen. Sie hingegen ließ nicht locker und sah seine Haltung nur als Ansporn dazu, sich mehr ins Zeug zu legen, um in seiner Gunst zu wachsen.

„Hör zu, Ash, ich bin eigentlich wegen etwas Bestimmten hier. Ich wollte dich bitten, dass du meine Ausbildung zur Wächterin künftig übernimmst.“

Ash drehte sich herum. Ihm war bewusst, er hatte eine harte Nuss vor sich, dass sie allerdings zu solchen Methoden griff. Normalerweise oblag es einem Ausbilder nicht, sich seine Schüler auszusuchen. Die Gruppen wurden nach dem Zufallsprinzip zusammengestellt und Jessica hatte bei ihrer Einschreibung nicht Ash zum Mentor bekommen sondern Rick.

„Wieso? Was stimmt denn mit Rick nicht?“

„Er ist toll. Ich habe schon einiges von ihm gelernt. Aber ich glaube nicht, dass ich mit ihm an meiner Seite die Wächterin werden kann, die ich sein möchte.“

Rick, Ash, Darwin, Blake und Garry waren die Ausbilder der Wächtereinheit der Grimm. Sie gaben ihr Wissen weiter, lehrten ihre Rekruten verschiedene Kampftechniken, machten sie vertraut mit Waffen und den elektronischen Überwachungssystemen. Nach nur drei Monaten Lehre werden die Jünglinge das erste Mal in die Nacht herausgeschickt und sind dann auf sich alleine gestellt. Nicht selten kehren viele von ihnen nicht mehr zurück oder sind stark verwundet. Einem jeden Gargoyle ist das bewusst, wenn er sich für diesen Posten bewirbt. Jessica hingegen spielte leichtsinnig mit ihrer Entscheidung.

„Jess“, begann Ash und faltete seine Hände vor seinem Mund. Er war nicht dumm, konnte gut zwischen den Zeilen lesen und ahnte, weshalb seine Verehrerin das alles tat, „ich weiß, du erhoffst dir mehr von alledem. Dass ich mein Herz für dich öffne. Das ist auch der Grund, weshalb du dich zur Wächterin ausbilden lässt.“

„Wenn du doch die Antwort kennst, wieso tust du dann so überrascht und lässt es nicht einfach zu?“ Ihre Augen funkelten herausfordernd und brannten leidenschaftlich, so als wolle sie hier und gleich von ihm genommen werden.

„Du bist ein nettes Mädchen, und wärst sicherlich für jeden eine gute Partnerin. Ich mag dich, aber … ich kann nicht.“

Er drehte sich wieder weg. In seinem Herzen rührte sich viel Kummer. Überhaupt hatte er ein schlechtes Gewissen, dass er mit Jessica über solche Themen sprach.

„Es ist Elaine, hab ich recht?“, fragte sie ihn unverhohlen. Jessica hatte ihre Geschichte gehört, jeder hatte das.

„Du bist immer noch nicht über ihren Tod hinweg, obwohl es schon einige Jahre zurückliegt, quälst du dich nach wie vor damit.“

Der Wächter-Gargoyle blickte in den viereckigen Spiegel über seiner Kommode. Das Licht in seinem Zimmer, das aus simplen Neonröhren floss, wirkte fluoreszierend. Ash betrachtete einen Moment sein Spiegelbild. Was er sah, gefiel ihm ganz und gar nicht. Er erblickte ein abgekämpftes, müdes und wehleidiges Wrack. Sein Kopf wandte sich wieder Jessica zu. Eigentlich sah sie nicht schlecht aus, sie wirkte für ihr noch sehr junges Alter trotz allem reif. Ihre Lackleggings legten sich perfekt um ihre schlanken Beine, dazu ihr Spitzentop, zu dessen Ansatz wieder ihre festen Brüste herauslugten. Ash sah ihre Oberweite zu ihrem stetigen Atmen auf und ab hüpfen und ihm wurde heiß. Bevor er mit Elaine angebandelt hatte, war er durch viele Betten gerutscht, hatte viele der Gargoyle Frauen glücklich gemacht. Aber nur in seiner Elaine hatte er wahre Liebe gefunden. Er spürte ein kleines Teufelchen in seinem Nacken sitzen, das ihm zuflüsterte, die Jahre vor seiner toten Freundin wären ebenso spitze gewesen. Sollte er der Versuchung nachgeben? Jessica als Trostfick betrachten, um endlich von seinem Schmerz wegzukommen? Immerhin war sie hier, er wusste, was sie für ihn empfand und dass es ihr sicherlich auch nur um das eine ging. Ash trat näher an seine Verehrerin heran, ihre Blicke trafen sich. Jessicas Atmen wurde schneller, sie standen nun Brust an Brust.

„Jessica, ich werde sehen, ob ich mit Rick darüber verhandeln kann, was dein Training anbelangt. Und wenn ich zukünftig nicht mehr zum Essen erscheine, dann hat das seine Gründe, verstanden?“

Sie tat einen Schritt nach hinten, überlegte, ob sie noch etwas sagen sollte. Aber der Zug war abgefahren. Nicht das Teufelchen auf Ashs Schulter hatte gesiegt, sondern der Engel.

„Natürlich. Ich wäre dir trotzdem sehr verbunden, wenn du es so hinbiegen könntest, dass ich in deine Trainingseinheit komme.“

Sie gab ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange und er spürte ihre Haare seine Haut streifen, roch den süßen Geruch ihres Parfüms, das sie wohl nur für ihren Besuch bei ihm aufgelegt hatte. Als Jessica aus Ashs Zimmer war, schwoll auch die leichte Beule in seiner Hose wieder ab. Kryptonit ist eine Waffe und sie ist besonders schlimm, wenn sie weiblichen Geschlechtes ist, denn dann hat sie viele Gesichter.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
08 temmuz 2025
Hacim:
299 s. 33 illüstrasyon
ISBN:
9783985103010
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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